Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (08)

In der Top-Etage des Fernschachs (08)

von Walter Eigenmann

Selten sind grosse Fernschach-Künstler auch zugleich am realen Brett („On-the-board“) begnadete Turnierspieler. Eine der Ausnahmen war das legendäre Schach-Genie Paul Keres (1916-1975). Das achte Exemplar unserer Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM sei diesem estnischen Multitalent gewidmet.

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. In unserem Falle: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren. Es ist – wissenschaftlich gesehen – nun die absolute Domäne der Maschine, menschliche Intuition und Kreativität scheinen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Schachcomputer - Computerschach - Schachstrategie - Fernschach - Schachanalysen - Kasparov-Tischcomputer - Glarean Magazin (Brilliant Correspondence Chess Moves)
Im Fernschach gehen Computer und menschliches Gespür eine einzigartige Symbiose ein.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des computergesteuerten Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Stockfish & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Meister allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Multitalent mit genialem Gespür: Paul Keres

Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.
Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.

Der Palmarès des estnischen Weltklasse-Schachspielers Paul Keres ist schlicht beeindruckend. Obwohl er den Griff nach der höchsten Schachkrone, dem Weltmeister-Titel, stets um Haaresbreite verpasste – man nannte Keres auch den „ewigen Zweiten“ -, liest sich die lange Liste seiner internationalen Turniererfolge wahrlich fulminant. An nicht weniger als vier Kandidatenturnieren belegte er jeweils den zweiten Rang – seine unzähligen Siege an Open- und Goldmedaillen bei Olympia-Turnieren noch gar nicht erwähnt.

In jedem Schach-Segment Weltklasse

Insbesondere am Anfang seiner internationalen Turnier-Karriere war Paul Keres auch ein erfolgreicher Fernschachspieler. Und ein fleissiger obendrein: Nach eigener Aussage spielte er bis zu 150 Partien gleichzeitig. In dieser Phase bereicherte er die Eröffnungstheorie um zahlreiche, noch heute angewandte Varianten. Gleichzeitig war er – mit über 200 Studien – der wohl produktivste Problemschach-Komponist unter seinen damaligen Grossmeister-Kollegen. Und als ob das noch nicht genug wäre, stammen aus seiner Feder ca. 40 teils umfangreiche Schachbücher. Zugespitzt zusammengefasst: Paul Keres war nicht einfach ein Meisterspieler, er war Schach!

Intuition und Berechnung

… sind gerade im Fernschach die unverzichtbaren Basics des erfolgreichen Schachspiels. Gewiss spielt hier die Präzision des Variantenberechnens – bzw. der geübte Umgang mit den enormen taktischen Möglichkeiten der neuesten Schachsoftware! – eine viel grössere Rolle als im On-the-board-Spiel direkt am Turnierschachbrett. Gleichzeitig wäre aber der FS-Spieler aufgeschmissen, wenn er sich ausschliesslich auf die Maschine mit deren begrenzendem Horizonteffekt und nicht auch auf sein Stellungsgefühl verliesse.

Paul Keres - Schach-Grossmeister - Glarean Magazin
Geniales Schach-Multitalent: Paul Keres

Paul Keres war auf beiden Gebieten meisterhaft unterwegs, wie er auch an der Fernschach-Meisterschaft 1935 seines Heimatlandes Estland bewies. Hier kam es in seiner Partie gegen Paul Rinne (1889–1946) zur untenstehenden Stellung, wo dem berühmteren der beiden Pauls ein unwiderstehlicher Durchbruch am Königsflügel gelang. Voraussetzung des Angriffs war die Abriegelung auf der anderen Seite des Brettes – eine Stellungssituation, die erst das Augenmerk auf den wahren Schauplatz des Geschehens lenkte, um dort die konkreten Operationen einzuleiten.

Auch hier sind es also einmal mehr grundsätzliche Überlegungen, indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 08

FEN-String: r3rnk1/pp3pbp/3p1np1/q1pPp3/2P1PPb1/1PN3P1/PB1QN1BP/R4RK1 w – – 0 14

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden.
Um die Aufgabe selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist ihr der zugehörige FEN-String vorangestellt.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach und Computer auch über KI-Forschung: Ist das Schach im Jahre 2035 gelöst?

Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst

Schach im Zentrum des Ästhetischen

von Walter Eigenmann

Die beiden geistesgeschichtlichen Ausprägungen Schach und Kunst ideell miteinander in Beziehung zu setzen ist heutzutage trivial. Denn diese zwei Kulturphänomene haben, nach beiderseits vielhundertjährig dokumentierter Historie, derart viel an sozial wirksamer Ästhetik angehäuft, und der Fundus an Kunstwerken, den die Maler, Bildhauer, Musiker, Literaten und Filmemacher zum Thema Schach generiert haben, ist derart beeindruckend, dass es längst selbstverständlich geworden ist, Schach und Kunst in einer Linie zu denken. Auch die spezifische Legierung „Fernschach und Kunst“ reiht sich vielfältig in diese Tradition ein.

Manfred Herbold - Fernschach und Kunst - Cover - Glarean MagazinBeschränkt man die beiden Begriffe Schach und Kunst erst mal auf jene 64 Felder, deren Brett für wahre Schach-Adepten die Welt bedeutet, könnte einerseits über Schach-Kunst, andererseits über Kunst-Schach geredet werden. Beides manifestierte sich in legendären Partien und in berühmten Studien. Wer im Netz entsprechend recherchiert, gerät an hunderte eindrückliche Protagonisten bzw. Urheber dieser beiden „Richtungen“.

Aufregende symbiotische Beziehung

PC-aufgepeppter Springer mit Widder-Horn: Bild von Rosmarie Pfortner zu ihrem ersten Zug Sg1-f3
PC-aufgepeppter Springer mit Widder-Horn: Bild von Rosmarie Pfortner zu ihrem ersten Zug Sg1-f3

Doch hier soll die Rede sein von einer dritten, oben bereits erwähnten Beziehung der kulturgeschichtlichen Manifestationen Schach und Kunst zueinander, nämlich vom Schach als Gegenstand von Kunst. Denn das ist just das Thema eines neuen Bildbandes namens „Fernschach und Kunst“, der unterm Motto „Symbiose aus Kunst – Schach – Literatur“ von Manfred Herbold herausgegeben wurde. Das Buch ist quasi die Abschlussarbeit zu einer Fernschach-Partie zwischen den zwei Bildenden Künstlern Rosemarie J. Pfortner und Helmut Toischer, wobei die beiden Kontrahenten jeden ihrer Schachzüge mit eigenen Kunstwerken buchstäblich untermalten.

Idee und Initiative zu einem solchen bildnerisch drapierten Korrespondenz-Schach-Projekt gehen auf Uwe Bekemann vom Deutschen Fernschachbund zurück. Bekemann selber in seinem Vorwort zum Buch: „Wenn zwei Künstler Fernschach spielen und ihre Züge um begleitend geschaffene Kunstwerke bereichern, entsteht ein neues, sehr eigenständiges Kunstwerk. Die Bilder können Gefühle ausdrücken, Brettsituationen künstlerisch interpretieren, das Tagesgeschehen kommentieren und mehr. So entsteht eine Symbiose aus Fernschach und Kunst“.

96 mal Schach und Kunst

"Der Boden hat sich geöffnet": Bild von Helmut Toischer zu seinem letzten Zug Kb8-a8
„Der Boden hat sich geöffnet“: Bild von Helmut Toischer zu seinem letzten Zug Kb8-a8

Der erste Zug wurde im Dezember 2013 von Pfortner mit Weiß gespielt, und im Internet erhielt die Partie sogleich eine eigene, von der interessierten Leserschaft emsig frequentierte Webpräsenz – Zug um Zug abwechselnd versehen mit Zeichnungen, Collagen und Grafiken. Toischer gab schließlich im Dezember 2017 das Game im 48. Zug auf: „Der Boden hat sich geöffnet, der Sturz in die Tiefe konnte nicht mehr verhindert werden…“ Wen die ganze, schachlich wechselhafte, aber durchaus amüsante Partie interessiert, kann sie hier nachspielen und als kommentiertes PGN-File downloaden.

Maler, Grafiker, Schachspieler: Helmut Toischer
Maler, Grafiker, Schachspieler: Helmut Toischer

Der neue Hochglanz-Band „Fernschach und Kunst“ dokumentiert alle 96 Kunstwerke und erweitert den künstlerischen Aspekt noch um das Literarische. Denn ein eigens zur Partie ausgeschriebener Literaturwettbewerb zeitigte diverse Kurzprosa-Texte zu einzelnen Schachzügen, u.a. von Jan Rottmann, Marina Vieth, Sylvia Bauer-Pendl, Wolfgang Breitkopf und Michaela Lang.

Malerin, Porträtistin, Schachspielerin: Rosemarie J. Pfortner - Glarean Magazin
Malerin, Porträtistin, Schachspielerin: Rosemarie J. Pfortner

Das Buch ist drucktechnisch und layouterisch sehr ansprechend gestaltet und liest sich anregend. Die Vielfalt der künstlerischen Motive ist verblüffend, wobei die beiden Künstler phantasievoll und kontrastreich, aber nie experimentell unterwegs sind. Pfortners stilistischer Fokus lag dabei offensichtlich bei der grafischen Collage und beim Portraitieren berühmter Schachgrößen, während sich Toischer v.a. zeichnerisch dem Gegenstand Schach näherte und dabei betont Partie-situativ vorging.

Würdiger Abschluss eines originellen Projektes

FAZIT: Von 2013 bis 2017 spielten die beiden Bildenden Künstler Rosemarie J. Pfortner und Helmut Toischer in aller Öffentlichkeit eine Fernschach-Partie – und garnierten dabei jeden ihrer Züge mit einer eigenen Zeichnung, Malerei oder Grafik. Abschluss und Höhepunkt dieser „Weltneuheit“, wie diese vierjährige, reich bebilderte Partie von Initiant Uwe Bekemann (vom Deutschen Fernschachbund) genannt wurde, ist nun ein schön konzipierter, kontrastreicher Bildband, der alle 96 Schachzüge der beiden Schach-Künstler und ihre ebenso vielen Bilder kollektierte. Herausgeber Manfred Herbold ist ein anregend gestaltetes, auch noch mit Schach-Literarischem ergänztes Buch gelungen.

„Fernschach und Kunst“, von Herausgeber Manfred Herbold sorgfältig betreut und in den Medien präsentiert, ist zweifellos ein würdiger Abschluss eines FS-Projektes, das damals etwas vollmundig, aber durchaus korrekt als „Weltneuheit, die es zuvor auf der Erde in dieser Form noch nicht gegeben hat“ angekündigt wurde. Der Band fügt dem schon bestehenden riesigen Fundus an historischem Bild-Material zum Thema Schach eine weitere interessante Facette hinzu. Wer als Schach- oder als Kunst-Freund über den Rand des Brettes bzw. der Staffelei hinausblicken möchte, wird es also mit Gewinn in sein Regal stellen. ♦

Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst – Symbiose aus Kunst-Schach-Literatur, Partie und Bilder von Rosemarie J. Pfortner & Helmut Toischer; Vorworte von S. Busemann (BdF), U. Bekemann, M. Stenzel (Saarländische Schachkultur); 144 Seiten Hochglanz, ISBN 978-3-947648-12-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zur Kulturgeschichte des Schachs auch über die
Schachzeitschrift Caissa: Magazin für die schachhistorische Forschung

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (07)

In der Top-Etage des Fernschachs (07)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Schachcomputer - Computerschach - Schachstrategie - Fernschach - Schachanalysen - Kasparov-Tischcomputer - Glarean Magazin
Die Drucksensoren des uralten „Kasparov“-Tischrechners kämpfen mit einer Stellung Fischer-Petrosjan (7. Match-Game 1971)

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.
Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Unser siebtes BCCM-Exemplar – siehe unten – ist ein Damenendspiel, sein Fokus liegt aber auf dem materiellen Ungleichgewicht „Turm gegen Läufer“. Eine extrem schwierige Stellung, die vom Menschen präzise Intuition (was nur scheinbar ein Widerspruch ist) und von der Maschine sehr breites und tiefstes Rechnen erfordert. Auf den ersten Blick scheint Schwarz komplett chancenlos zu sein. Und legt man diese Stellung den führenden Computerschach-Programmen vor, bestätigen sie diesen Eindruck und wähnen den Nachziehenden im hoffnungslosen Aus, mit Negativ-Bewertungen zwischen 3 bis 5 Pawn-Points. Mehr noch: je länger man die Engines an der Aufgabe knabbern lässt, desto höher werten sie die Gewinnaussichten des Weißen.
Als Beleg sei der Analyse-Output der Assembler-Engine „AsmFish“ aufgeführt, des zurzeit schnellsten Derivats des führenden Progammes „Stockfish-9“:

Analyse AsmFish 2018-04-08:
[...]
23/44 00:02 27'059k 13'389k +2.59 Db5 Te1 Ld4 Dd2 Da4 Td1 Le5 De2 Df4 Tg1 Kg8 [...]
[...]
31/52 00:26 376'407k 14'435k +3.18 Db5 Te1 Ld4 Dd2 Lf6 De2 Db6 Tb1 Db4 Tg1 Ld4 [...]
[...]
42/54 04:17 3'324'992k 12'914k +3.67 Db5 Te1 Kg8 Dc2 Lf6 De2 Db7 Tb1 Dc6 Dxg4 Dc2 [...]
[...]
48/58 07:20 5'494'019k 12'462k +3.74 Db5 Te1 Kg8 Dc2 Lf6 De2 Db7 Tb1 Dc6 Dxg4 Dc2 [...]
[...]
49/65+ 18:04 13'475'747k 12'430k +4.00 Db5 Te1 [...]
Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Während also hier der Computer auch nach viertelstündigem Rechnen (auf einem Intel7-3.6Ghz mit 8 CPU’s)  versagt, sucht die findige Kreativität des (Fernschach-)Menschen nach jenem einen Strohhalm, der die Stellung wie durch ein Wunder doch noch ins Remis zu retten vermag. So der russische Großmeister Gregory Sanakoev, der als Schwarzer in dem Post-Jubiläumsturnier CAPA 1999 gegen seinen argentinischen GM-Kollegen Roberto Alvarez die einzige Chance entdeckt, nämlich die Option „Ewiges Schach“. Der weiße König wird mittels Läuferopfer aus seinem Bau geholt und mit Nonstop-Schachgeboten übers ganze Brett hin unter Dauerfeuer genommen, bis ihm schließlich „die Puste ausgeht“; auf offenem Feld hat der Hase keine Chance gegen seinen Jäger.

Auch hier sind es also einmal mehr grundsätzliche Überlegungen, indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 07

FEN-String: 7k/6p1/p5p1/4b3/6p1/8/PP2q1QP/K5R1 b

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden.
Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach auch die neue Biographie von Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (06)

In der Top-Etage des Fernschachs (06)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Internationale Fernschach Karte Glarean-Magazin
Seit dem Web-2.0 und seinen Online-Mail-Turnieren deutlich weniger im Einsatz, doch noch immer verwendet in Randregionen: Die Internationale Fernschach Karte

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – allerdings nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Die kommerzielle Engine Houdini des belgischen Programmieres Robert Houdart in ihrer aktuellen Version 6.03 zählt zu den stärksten Schachprogrammen der Welt und wird von den FS-Spitzenspielern auf der ganzen Welt bei Intensiv-Analysen häufig hinzugezogen.
Die kommerzielle Engine Houdini des belgischen Programmieres Robert Houdart in ihrer aktuellen Version 6.03 gehört zu den taktisch stärksten Schachprogrammen überhaupt und wird von den FS-Spitzenspielern auf der ganzen Welt bei Intensiv-Analysen häufig hinzugezogen.

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Die untenstehende Stellung entstammt der E-Mail-Fernschach-Europameisterschaft vor fünf Jahren und wurde zwischen dem estnischen Meisterspieler Tönu Talpak und dem noch um 100 Elo-Punkte stärkeren Russen Enver Efendiyev generiert.
Setzt man die Position den modernen Schachprogrammen vor, hegen die meisten von ihnen keinerlei Argwohn gegenüber der weißen Stellung. Praktische alle Engines meinen eine ausgeglichene Position vor sich zu haben und bewerten minutenlang mit mehr oder weniger „0.00“.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Doch findige CC-Köpfe wie Efendiyev interagieren mit der Tiefenberechnung des Computers so lange, bis die Stellung nach und nach ihre Geheimnisse preisgibt – und dann entweder wirklich „totgerechnet“ ist oder aber die versteckte Ressource preisgeben musst. Hier hat Weiß keinen spektakulären Winner in petto, aber mit dem von den meisten Programmen lange übersehenen1), nach 15 oder 30 Minuten dann doch präferierten Bauernzug 22… b3 sichert er sich eine nachhaltige Initiative. (Frühere Buch-Kommentatoren redeten in solchen Fällen von „minim besser“). Die Stellung ist für Schwarz nicht nachweislich gewonnen, aber der Bauernvorstoß ist die stärkste Option, die Alternativen bereiten Weiß keine Sorgen).
1)Gibt man den Programmen genügend Zeit für eine Daueranalyse (z.B. 60 Minuten auf durchschnittlicher Hardware), dann bevorzugen und halten sie schliesslich doch den Partie-Zug einigermaßen eindeutig (aber einer Tiefe von ca. 40 Halbzügen). Als Beispiel hier das Analyse-Ergebnis der Engine „AsmFish“ (ein Assembler-Derivat der zurzeit unbestritten stärksten Schach-Engine „Stockfish“):
1. =/+ (-0.34): 22…b3 23.Dc1 Sh5 24.Lxe5 Lxe5 25.Sxc4 Lxg3 26.De3 Lf4 27.Dxb3 De7 28.Sb6  […]
2. = (0.00): 22…Sh5 23.Lxe5 Lxe5 24.Sxc4 Lxg3 25.hxg3 Sxg3+ 26.Kh2 Sxf1+ 27.Lxf1 De5+ 28.Kh1  […]
3. = (0.00): 22…c3 23.bxc3 Sh5 24.Lxe5 Lxe5 25.Sc4 Lxg3 26.hxg3 Sxg3+ 27.Kh2 Sxf1+ 28.Lxf1  […]

Auch hier sind es also oft grundsätzliche Überlegungen (= „Einschnüren des Gegners“), indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 06

FEN-String: 2r1qrk1/3b1pb1/p2p1np1/3Pn3/Ppp1PB2/5PPp/1PQNB2P/R2N1R1K b

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch:
Die besten Engines der Welt

… und zum Thema Schachprogrammierung:
Interview mit dem Rybka-Programmierer Vasik Rajlich

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (05)

In der Top-Etage des Fernschachs (05)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

IBM - Superrechner - Deep Blue vs Kasparow - Glarean Magazin
Mit dem legendären Match von WM Garry Kasparow gegen den IBM-Superrechner Deep Blue im Jahre 1996 in Philadelphia – das der Weltmeister spektakulär verlor – begann eine neue Ära des Computerschachs.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.
Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Die untenstehende Stellung ist dem (bereits bei dem BCCM Nr. 5 zu Ehren gekommenen, stark besetzten) Zinser Memorial 2014 (Email-Turnier des ICCF) entnommen und entstand zwischen dem Deutschen Fernschachmeister 2009-2014 Adrian Schilcher und dem polnischen Fernschach-Großmeister Zbigniew Szczepanski.
Setzt man die Position den modernen Schachprogrammen vor, hegen die meisten von ihnen keinerlei Argwohn gegenüber der schwarzen Stellung. Praktische alle Engines meinen eine ausgeglichene Position vor sich zu haben und bewerten minutenlang mit mehr oder weniger „0.00“.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Doch findige Köpfe wie der deutsche Spitzenspieler Schilcher interagieren mit der Tiefenberechnung des Computers so lange, bis die Stellung nach und nach ihre Geheimnisse preisgibt – und dann entweder wirklich „totgerechnet“ ist oder aber die versteckte Ressource preisgeben musst. Hier hat Weiß der Verführung des verflachenden Läuferschlagens zu widerstehen und stattdessen den Sperr-Zwischenzug Le4 zu entdecken, um genügend Zeit zu finden für seine tödlichen Operationen auf der h-Linie, in Verbindung mit späteren Abzug-Angriffen eben dieses Sperr-Läufers.

Meist sind es grundsätzliche Überlegungen, indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 05

FEN-String: r3r1k1/1b3qp1/p2p2p1/1pp3B1/n2b4/2PB1P2/PPP3Q1/1K2R2R w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch:
Die besten Engines der Welt

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (04)

In der Top-Etage des Fernschachs (04)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.
Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini
Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Während das erste Beispiel der neuen BCCM-Serie von Testaufgaben noch verhältnismäßig „human“ war (wenngleich nicht im wörtlichen Sinne…), sind die nachfolgenden Puzzles von ganz anderem Kaliber.
Die untenstehende Stellung ist dem Zinser Memorial 2014 (Email-Turnier des ICCF) entnommen und wurde von den beiden CC-Spitzenspielern Valentin Iotov (Bulgarien) und Liviu Neagu (Rumänien) generiert.
Setzt man die Position den modernen Schachprogrammen vor, hegen die meisten von ihnen keinerlei Argwohn gegenüber der schwarzen Stellung; Stockfish & Co. attestieren hier sonnigste Ausgeglichenheit und deklarieren den Remis-Ausgang.

Der 29 Jahre junge Bulgare Valentin Iotov ist nicht nur Fernschach-, sondern auch FIDE-Großmeister (hier an einem Turnier 2007).
Der 29 Jahre junge Bulgare Valentin Iotov ist nicht nur Fernschach-, sondern auch FIDE-Großmeister (hier an einem Turnier 2007).

Doch des FS-Großmeisters Gespür für verborgene Optionen schlug hier Alarm: Ein für den Königsangriff komplett gerüstetes und optimal positioniertes Figuren-Arsenal des Weißen wartet nur darauf, die völlig passive und nur notdürftig verteidigte Königs-Festung des Schwarzen in Trümmer zu legen. Erschwerend für den Nachziehenden kommen eine weit entlegene, vom Geschehen isolierte schwarze Dame und die weißfeldrigen Rochade-Schwächen hinzu, während der Angreifer seine gesamte schwerste Artillerie aufgefahren hat. Es „riecht“ geradezu in solchen Konstellationen nach Explosion – und dafür hat der Mensch „eine Nase“, im Gegensatz zur Maschine. Also sucht er weiter, länger, tiefer – und wird fast immer fündig…

Dies alles sind grundsätzliche Überlegungen, deren (meist gut verborgenen) Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus von der Maschine. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen also, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 04

FEN-String: 4nr1k/pp1r2p1/5p1p/2p1PR2/P1B3RQ/3P4/2P3KP/q7 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch:
KI-Forschung: Ist das Schach im Jahre 2035 gelöst?
… und lesen Sie zum Thema Schach das
Interview mit dem Schachlehrer Alexander Frenkel

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (03)

In der Top-Etage des Fernschachs (03)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.
Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini
Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Während das erste Beispiel der neuen BCCM-Serie von Testaufgaben noch verhältnismäßig „human“ war (wenngleich nicht im wörtlichen Sinne…), war das zweite und ist nun auch das dritte BCCM-Puzzle von einem anderen Kaliber. Die Stellung ist der ICCF-Fernschach-Olympiade 2012 entnommen und wurde von den beiden Spitzenspielern Daniel Fleetwood (USA) und Yoav Dothan (Israel) generiert.

Noch scheint in der untenstehenden Stellung „alles im Lot“. Der Anziehende hat, wie schon der erste Blick zeigt, allerdings die größere Mobilität und die bessere Königsstellung. Aber wie geht es weiter, wo ist die verborgene Ressource? Der Weiße fällt nun eine weitreichende Entscheidung, die nicht von (noch so tiefer kalkulierter) Taktik, sondern von strategischer Zielsetzung geprägt ist: Mit einem Bauernopfer – die Materialbilanz des Weißen ist eh schon zu seinen Ungunsten – sollen am Königsflügel alle Schleusen für die lauernden Schwerfiguren geöffnet werden. Es ist aber Eile geboten, sonst konsolidiert sich Schwarz und führt weiteres Verteidigungsmaterial heran.
Dies alles sind planerische Überlegungen, deren gut verborgenen Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus von der Maschine.
Die weitsichtige Planung des Menschen also, dieses detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 03

FEN-String: 2rq1bk1/pb6/n1p1pp2/1p4rp/3PP2R/PNN2PP1/2Q1B3/3R1K2 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema BCCM auch
Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (04)

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (02)

In der Top-Etage des Fernschachs (02)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Einer der Urväter des modernen Computerschachs: Der IBM-Großrechner Deep Blue von 1996 (Match-Sieger 1997 gegen Weltmeister Garry Kasparow) - Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM
Einer der Urväter des modernen Computerschachs: Der IBM-Großrechner Deep Blue von 1996 (Match-Sieger 1997 gegen Weltmeister Garry Kasparow)

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

20 Jahre nach Deep Blue: Das mächtige Open-Source-Projekt Stockfish (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
20 Jahre nach Deep Blue: Das mächtige Open-Source-Projekt Stockfish

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Das Forschungslabor „Fernschach“

Während das erste Beispiel der neuen BCCM-Serie von Testaufgaben noch verhältnismäßig „human“ war (wenngleich nicht im wörtlichen Sinne…), ist das zweite BCCM-Puzzle von einem anderen Kaliber. Die Stellung ist einer ICCF-Fernschach-Partie des E-Mail-Turniers „Sevecek Memorial“  entnommen, die zwischen dem spanischen CC-Großmeister Ángel-Jerónimo Manso-Gil und dem finnischen CC-GM Auno Siikaluoma ausgetragen wurde.

In der Nahschach-Turnierszene ergab sich die untenstehende Stellung (aus der Tschigorin-Variante des „Spaniers“) schon öfters, wie entspr. Recherchen zeigten, wobei der Weiße praktisch immer auf g4 schlug und das Spiel damit oft verflachte. Den starken Springer-Zwischenzug nach h2 führten Fernschach-Großmeister in die Praxis ein – Manso-Gil war dabei nicht der erste Spieler, der ihn anwandte; in meiner Datenbank fand ich noch eine ICCF-Partie Sizov-Krivtsov aus dem Jahre 2009 mit 19.Sh2 – wohl das Vorbild von Manso…)
Jedenfalls ist diese BCCM-Stellung ein schönes Beispiel dafür, wie das Forschungslabor „Fernschach“ die Eröffnungstheorie nachhaltig weiterführen kann. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 02

FEN-String: r2qrbk1/1b1n2p1/p2p3p/1ppP4/Pn2P1p1/R4N1P/1P1N1P2/1BBQR1K1 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Correspondence Chess auch das
Interview mit Fernschach-Großmeister Arno Nickel

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (01)

In der Top-Etage des Fernschachs (01)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Einer der Urväter des modernen Computerschachs: Der IBM-Großrechner Deep Blue von 1996 (Match-Sieger 1997 gegen Weltmeister Garry Kasparow)
Einer der Urväter des modernen Computerschachs: Der IBM-Großrechner Deep Blue von 1996 (Match-Sieger 1997 gegen Weltmeister Garry Kasparow)

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby-Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

20 Jahre nach Deep Blue: Der amtierende Computerschach-Weltmeister Komodo
20 Jahre nach Deep Blue: Der amtierende Computerschach-Weltmeister Komodo

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden.
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers… ♦

Das erste Exemplar der BCCM-Serie ist einem weitsichtigen Bauernopfer gewidmet, das in einer ICCF-Email-Partie 2004 zwischen Jose Barrios und Arild Haugen geschah. Barrios entdeckte den Damenzug also vor 13 Jahren – in einer Zeit, da die Schach-Engines zwar schon beachtliche Stärke hatten, aber noch längst nicht als die heutigen Überflieger dastanden, die inzwischen (fast) jede Schachaufgabe in Sekundenschnelle knacken…

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 01

FEN-String: 2r2rk1/pp1qnn1p/4p1pP/3pPp2/3P3Q/P2PBN2/5PP1/2R2RK1 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Correspondence Chess auch das Interview mit Fernschach-Großmeister Arno Nickel

 

Interview mit Fernschach-Großmeister Arno Nickel

Der Fernschachmeister als Forscher

von Walter Eigenmann

Neueste Schach-Datenbanken wie die hier kürzlich besprochene „Corr Database 2011„, aber weit mehr noch die modernen Schach-Rechenprogramme, beispielsweise die verbreiteten PC-Engines „Rybka“, „Stockfish“, „Shredder“ oder „Fritz“ u.v.a. mit ihrer mittlerweile extremen Spielstärke, die keinen internationalen Großmeister mehr fürchtet, lassen immer wieder neu und immer heftiger die Diskussion aufflammen, ob das Fernschach nicht inzwischen tot ist. Und nicht wenige der früher glühenden Verehrer des altehrwürdigen Korrespondenzschachs (Correspondence Chess) haben sich inzwischen enttäuscht davon zurückgezogen: „Ich will nicht gegen Maschinen spielen!“
Wie präsentiert sich das Correspondence Chess aktuell in der allgemeinen Schachszene? Antworten hier in einem Interview mit Fernschach-Großmeister Arno Nickel.

Je länger desto mehr kann im Fernschach das Phänomen beobachten werden: Man rechnet nicht mehr, man lässt rechnen. Stunden-, ja tagelang „brütet“ jetzt nicht mehr der FS-Spieler über den Partien, sondern Rybka&Co. wird mit den Stellungen gefüttert, wonach meist ein taktisch einwandfreier, ja oft sogar brillanter Zug resultiert – was aber in den Turnier-Resultaten nicht als Plagiat deklariert wird, sondern als persönlich-menschliche Eigenleistung auftaucht…

Arno Nickel (Geb. 1952)
Arno Nickel (Geb. 1952)

Über die Zukunft des internationalen Fernschachs, die Chancen und Gefahren der neuen Software-Generationen für das Fernschach, die spezifischen Anforderungen, die der Einbezug von Schachprogrammen für den ambitionierten FS-Spieler mit sich bringt, befragte das Glarean Magazin den internationalen Fernschach-Großmeister Arno Nickel (aktuell die Nummer 25 der Weltrangliste).
Der auch im Nahschach erfahrene Turnierspieler Nickel ist seit Jahrzehnten eine in der internationalen Correspondence-Chess-Szene sehr aktive und bekannte Persönlichkeit. Darüber hinaus gilt der 58-jährige Berliner Schach-Journalist, -Organisator, -Autor und -Verleger als versierter Kenner auch auf dem Gebiete der neuen Schach-Software. Für seine engagierte und pointierte Stellungnahme hier zum ganzen Themenkomplex „Modernes Fernschach“ besten Dank! –

Alle Ressourcen nutzen – auch Schachprogramme

Glarean Magazin: Hand aufs Herz, nutzt der Top-25-Spieler Arno Nickel nicht auch wie viele andere Fernschach-Meister exzessiv die modernen Schach-Engines, als da sind: Rybka, Shredder, Fritz, Hiarcs u.a., oder auch die zahllosen starken Freeware-Programme wie beispielsweise Stockfish, Critter oder Houdini?

Arno Nickel: Eine nette Einstiegsfrage. Wenn nun noch definiert würde, was unter „exzessiv“ (das Maß überschreitend, ausschweifend) zu verstehen ist, dann könnte ich darauf vielleicht besser antworten, aber ich versuche es gern auch so: Fernschach ist per se exzessiv, wenn wir mal von den Zeitbedingungen und den theoretisch unbegrenzten Hilfsmitteln ausgehen – oder auch von der idealistischen Zielvorstellung, eine perfekte Schachpartie zu spielen. Wäre man da nicht ein lausiger Fernschachspieler, wenn man nicht alle seine Ressourcen nutzte, um zum Erfolg zu kommen?
Andererseits gilt: Masse macht noch keine Klasse, das rein quantitative Maß der Engine-Nutzung sagt für sich genommen nicht viel aus. Es geht um das Wie der Nutzung und um das Wozu.

Auf einmal mustergültige Partien…

GM: Inwiefern hat der verbreitete Gebrauch von Schach-Software das Durchschnittsniveau des Fernschachs verändert?

AN: Die Veränderungen auf dem Durchschnittsniveau sind natürlich dramatisch, vermutlich noch gravierender als an der Fernschachspitze. Spieler, die früher – ohne Computer – einfache taktische Zusammenhänge nicht verstanden oder anfingen merkwürdig zu spielen, wenn ihr Buchwissen erschöpft war, spielen auf einmal mustergültige Partien, die auch ein Anand über weite Strecken kaum besser behandeln könnte. Ihr Pech ist nur, dass viele solcher – ich nenne sie mal: virtuellen – Schachpartien remis ausgehen, weil der Gegner den gleichen Sekundantenstab nutzt. Das kann auf die Dauer natürlich nicht befriedigen, weshalb auch „Durchschnittsspieler“ früher oder später die Lust am Risiko wiederentdecken und eigene Wege suchen, vielleicht nicht in jeder Partie, aber doch hier und da, weil sie tief im Innern wissen, dass nur die eigene Leistung wirklich befriedigen kann.

Nivellierung des Niveaus infolge elektronischer Sekundanten

In gewisser Weise hat die Nivellierung des allgemeinen Leistungsniveaus infolge elektronischer Sekundanten, die stärker sind als ihre menschlichen Arbeitgeber, zu einer Leistungsverzerrung geführt, da die natürlichen Unterschiede zwischen den Spielern nicht mehr ungefiltert zur Geltung kommen. Der stärkere Spieler muss sich zunehmend Gedanken machen, wie er vermeiden kann, dass der schwächere entscheidend von Engine-Leistungen profitieren kann – keine leichte, sondern eine höchst delikate Aufgabe. Welche Eröffnungen, welche Strategien soll man wählen, um einen nominell oder potentiell schwächeren Schachspieler zu überspielen? Das ist insbesondere für den Schwarz-Spieler eine ziemlich heikle Sache. Man kann nicht einfach wie im Nahschach die Stellung komplizieren, den Gegner in Zeitnot bringen und dergleichen, man muss tatsächlich schon eine strategische Auseinandersetzung anpeilen und darf den Gegner auf keinen Fall unterschätzen.
In der Tat enden wohl auch viel mehr Fernschachduelle zwischen zum Beispiel 2400ern und 2600ern remis als im Nahschach. Man kann versuchen, mittels Datenbanken ein Dossier seines Gegners zu erstellen, um seine Stärken und Schwächen auszuloten, aber wird dieses auch wirklich aktuell sein und zutreffen? Der Fernschachgegner ist schon aufgrund seiner unbekannten Ressourcen an Hilfsmitteln viel mehr eine „black box“ als jeder Nahschachgegner. Das macht aber andererseits auch einen gewissen Reiz aus. Man wird gezwungen, die Messlatte höher zu legen und damit auch die Anforderungen an sich selbst zu erhöhen.

Kann man auch ohne Schach-Software noch FS-Großmeister werden?

GM: Ist eigentlich für einen ambitionierten FS-Spieler der Gedanke noch realistisch, im internationalen CC-Wettbewerb auch ohne Software Großmeister-Niveau erreichen zu können?

AN: Nein. Da sich das „Großmeister-Niveau“ durch Software-Einfluss erheblich gesteigert hat, ist dies auf eine größere Partienzahl bezogen undenkbar. Auch im Fernschach ist niemand in der Lage, ohne Engines auf einem Elo-Durchschnittsniveau von 3000 oder mehr zu spielen. Das aber wäre etwa die geschätzte Leistungssteigerung, die man erhielte, wenn man 10 Fernschach-GMs ohne Engines gegen 10 Fernschach-GMs mit Engines spielen ließe. Nahezu überflüssig, zu erwähnen, dass auch Nahschach-Supergroßmeister ohne Engines, wenn sie es denn versuchten, im Fernschach chancenlos wären. Inzwischen werden ja sogar schon Nahschach-Profis gefragt, ob sie sich eröffnungsmäßig noch ausreichend ohne Computerhilfe vorbereiten können, ob sie sich gar trauen, „Neuerungen“ aufs Brett zu bringen, die sie nicht zuvor „gefritzt“ haben… Das heißt, der Einfluss der Schach-Software nimmt auch im Nahschach spürbar zu.

Die Stärken und Schwächen der Engines

GM: Wo haben denn Rybka&Co. ihre grundsätzlichen bzw. strukturellen Schwächen? Im strategischen Bereich? Im Endspiel?

AN: Wenn man in Bezug auf Computer von strukturellen Schwächen oder strategischen Defiziten spricht, muss man sich über zwei Dinge im klaren sein:

1. Schachprogramme verfolgen keine „Strategien“, sondern sie bewerten aus einer gegebenen Stellung zig Millionen von möglichen Folgestellungen, evaluieren sozusagen, wie das Spiel sich auf diese und jene Züge hin entwickeln und verzweigen könnte. Die Auswahl der am höchsten bewerteten Varianten mag als Simulation von „Strategie“ erscheinen, was aber im Grunde eine optische Täuschung ist, denn diese „best move“-Evaluationen ergeben sich rein per Ausschlussverfahren gemessen an den Stellungen, die eben schlechter bewertet werden. Nicht das Programm verfolgt eine „Strategie“, sondern der Mensch interpretiert die Programmvorschläge und ordnet sie mit seinem Schachwissen und -verständnis strategischen Kategorien zu, die mehr oder weniger zutreffend sein können.

Verzweigungen bestimmen die Fernschacharbeit

Häufig ergeben Engine-Evaluationen in fast oder scheinbar gleichstehenden Stellungen ein etwas merkwürdiges Bild. Die Engine zeigt zum Beispiel im 5-Varianten-Modus fünf ziemlich gleich bewertete Varianten an, die aber völlig unterschiedlichen „Strategien“ zu folgen scheinen (mal mit Damentausch, mal ohne, mal geschlossen, mal offen, mal agressiv, mal ruhig). Der Laie neigt in solchen Situationen zu dem ergötzlichen Kommentar: „Der weiß ja nicht, was er will!“ Und die Pointe ist – der Laie hat Recht, aber er weiß nicht warum und kann daraus keinen Nutzen für sich ziehen! Korrekt wäre als erstes eine Interpretation etwa dergestalt: Das Programm sieht in der gegebenen Rechentiefe (und unter Berücksichtigung diverser Parameter) in den nächsten Zügen keine signifikante Veränderung des Stellungsgleichgewichts. Und nun ist eigentlich erstmal der Mensch gefragt, diesen Befund unter Berücksichtigung seiner eigenen Zugkandidaten zu analysieren. Stimmt der Befund auch dann noch bzw. bleibt es dabei, wenn man tiefer in die Varianten hineingeht? Oft entsteht hier das Problem einer weitläufigen Verzweigung, und da beginnt die eigentliche Fernschacharbeit…

Entscheidungs-Engine Mensch

2. Schachprogramme sind in ihren Berechnungen aber auch ohne „Strategie“ meistens so genau, dass sie die Versuche von Menschen, strategische Ziele zu verfolgen und diese taktisch durchzusetzen, erstmal durchkreuzen bzw. deutlichen Widerspruch anmelden. Sie finden immer das berühmte „Haar in der Suppe“. Menschen stehen daher, sofern sie das selbständige Denken nicht völlig aufgeben wollen, vor einem Bündel komlizierter Fragen, die es durch gründliche Erforschung der Stellung zu beantworten gilt, zum Beispiel:
a) Ist meine „Strategie“ wirklich stellungsgemäß oder muss ich sie ändern? Muss ich sie grundlegend ändern oder nur modifizieren?
b) Treffen die Stellungsbewertungen der Engine(s) zu? Welche Aussagekraft haben sie? Sind Bewertungsunterschiede zwischen einzelnen Varianten relevant oder nicht?
c) Ist mein taktisches Vorgehen richtig?
d) Wie gut „versteht“ das Schachprogramm die Stellung – wie gut verstehe ich selbst sie?

Dialog mit dem Computer, gesteuert durch den Anwender

Das Analysieren mit Computer geschieht in Form eines Dialogverfahrens, gesteuert durch den Anwender, und die Qualität der Ergebnisse hängt sehr stark von der Qualität des Frage- und Antwortspiels ab. Der Mensch muss erkennen, welches sinnvolle und lohnenswerte Fragen sind, und dann die Antworten kritisch bewerten. Dabei ist ein hohes Maß an Objektivität gefordert. Vorurteile und Oberflächlichkeit schlagen letztlich gegen ihn selbst zurück. Die Ergebnisse werden um so besser sein, je gründlicher der Analytiker zunächst einmal versucht, die Stellung zu verstehen, anstatt sich vorschnell auf einen „besten Zug“ zu orientieren.

Geheimnisvolles Schach – trotz Computer

Um nun auf die Frage nach „strukturellen“ oder „strategischen“ Schwächen von Engines zurückzukommen – das wäre ein großes Thema für sich. Für Programme ist es naturgemäß schwierig, die Bedeutung langfristiger Faktoren angemessen zu bewerten, also zum Beispiel die Auswirkungen einer Bauernstruktur im frühen Mittelspiel für ein Endspiel, das noch in weiter Ferne ist; ähnliches gilt für den Wert der Figuren für einen späeteren Übergang vom Mittelspiel zum Endspiel. Ein anderer Aspekt sind spezielle Stellungs- bzw. Endspieltypen. Man muss sich allerdings vor Verallgemeinerungen hüten. Wenn es auch vielleicht zutrifft, dass zum Beispiel Rybka 4 immer noch gewisse Defizite in der Einschätzung und Behandlung von Turmendspielen oder ungleichen Läuferendspielen aufweist, so heißt dies nicht, dass dies in jeder konkreten Stellung zu Buche schlägt, wie umgekehrt ein anderes Programm, nehmen wir zum Beispiel Shredder 12, das von vielen unter anderem wegen seiner Endspieltechnik geschätzt wird, in bestimmten Fällen auch mal gehörig danebenliegen kann.
In der Fernschachanalyse stößt man oft auf komplexe oder tiefliegende Zusammenhänge, die sich auch mit Engines und trotz großen Zeitaufwandes einer klaren und eindeutigen Durchdringung entziehen – sprich: das Schachspiel bleibt auch mit größtem Computereinsatz in vieler Hinsicht geheimnisvoll.

Die Programme als elektronische Sekundaten

GM: Worin besteht die Herausforderung an den Turnier-FS-Spieler hinsichtlich des effizienten Umgangs mit moderner Schach-Software?

AN: Bei „Schachsoftware“ muss man natürlich unterscheiden zwischen den Engines, der Benutzeroberfläche, den Datenbanken und menschlichen Kommentierungen aller Art, die in die „Software“ eingegangen sind. Auch die Hardware bestimmt das praktische Leistungspotential der Software. Generell versucht wohl jeder auf seine Weise, sein technisches Arsenal im Sinne eines Partieerfolges auszuschöpfen, was in Anbetracht der hohen Leistungsdichte eine zunehmend schwierige Aufgabe ist. Es bedarf eines vielfältigen ständigen Experimentierens, um herauszufinden, was „effizient“ ist, denn dafür gibt es keinerlei Patentrezept, und die Herausforderung stellt sich mit jeder neuen Partie im Grunde genommen immer wieder neu und immer wieder etwas anders.
Als besonders gelungen erscheinen mir geglückte Versuche, menschliche Ideen mit Hilfe oder auch gegen den zeitweiligen Widerstand von Engines zu verwirklichen. Nehmen wir an, ein Spieler hat eine Opferidee, die ihn nicht loslässt, aber das Schachprogramm zeigt ihm erstmal nur die kalte Schulter. Nach langen Versuchen und Umstellungen findet der Spieler einen Weg, das Opfer doch zu rechtfertigen und die Engine zu „überzeugen“, dass dies der einzige aussichtsreiche Gewinnversuch ist – ist das nicht ein äußerst reizvolles Szenario? Lehrreich und wertvoll sind aber auch Beispiele, wo der Mensch seine Stellungs- oder Partieeinschätzung als Ergebnis des Dialoges mit der Engine (seinem elektronischen Sekundanten!) grundlegend revidieren muss – das kann bis hin zu einer Widerlegung von Varianten bzw. Spielplänen gehen, die in der „Theorie“ bislang als gesichert galten.

Der schachlichen Wahrheit verpflichtet

Der Fernschachspieler ist im Unterschied zum Nahschachspieler in viel stärkerem Maße beim Einsatz von Software (insb. Engines) der Wahrheit verpflichtet. Ein Eröffnungsbuch-Autor, der für den Nahschachspieler schreibt, was ja der Regelfall ist, lotet seine Varianten nicht in der Tiefe aus wie ein Fernschachspieler, der dies auf begrenztem Raum sehr wohl tut, wenn er auch nur einen kleinen Ausschnitt des Großen und Ganzen sieht, um das sich der Eröffnungsbuch-Autor kümmern muss. Was der Experte fürs Nahschach empfiehlt oder nicht, muss für den Fernschachbereich, wo bei jedem Zug in die Tiefe analysiert wird, nicht immer gelten und kann sich sogar als ziemlich fragwürdig erweisen, egal welch große Namen hinter den Empfehlungen stehen.

Hoher menschlicher Arbeitsaufwand trotz Schach-Software

GM: Ist das moderne Fernschach zur reinen Materialschlacht verkommen, oder gibt es technisch-organisatorische Möglichkeiten, es wieder als kreativ-menschliche Leistung zu etablieren?

AN: Das Wort „Materialschlacht“ weckt Assoziationen an den Ersten Weltkrieg, wo diese Bezeichnung zum erstenmal als gängiger Begriff aufgetaucht ist. Scheinbar verschwindet der Mensch völlig hinter den von ihm geführten Maschinen bis hin zu der Extremvorstellung, dass es die Maschinen bzw. heute eben die Computer selbst sind, die die Auseinandersetzung führen und entscheiden. Bezogen auf das Schach „hinkt“ die Parallele aber in verschiedener Hinsicht: beim Schach wird abwechselnd gezogen und man kann zur Zeit immer nur einen Zug machen. Wenn der Zug erzwungen ist, spielt es keine Rolle, wie schwach oder stark die Maschinerie ist. Wenn der Spieler die Stellung nicht versteht und sich vollkommen der Maschinerie anvertraut, wird er gegen bessere Spieler regelmäßig scheitern, auch wenn diese nur über eine schwächere Ausstattung verfügen. Man kann heute allerdings davon ausgehen, dass zumindest auf Meisterniveau ein einigermaßen ausgeglichenes Niveau an Software- und Computerausstattung besteht, weshalb wirklich der intelligente Umgang mit beidem viel entscheidender geworden ist als die Ausstattung selbst. Die Ungleichgewichte in der Ausstattung, vor allem international gesehen, sind in den letzten Jahren immer geringer und jedenfalls unbedeutender geworden.
Nun mag es wohl Fernschachspieler geben, die ihre Rechner und ihre Software nicht effizient und vor allem nicht selbstkritisch genug einsetzen und dies so wahrnehmen, als hätten sie eine „Materialschlacht“ verloren. Doch im Grunde ist dies eine bequeme Ausrede, sie geben die Verantwortung für ihre Züge an die Engines ab, statt gründlicher zu analysieren.

Kein Erfolg allein mit Rechnern

Man muss sich über einige weitere Dinge im klaren sein:
1.) Der Einsatz von Software, insb. von Engines, bedeutet absolut gesehen nicht eine Verringerung des menschlichen Zeit- und Arbeitsaufwandes, sondern dieser ist im Vergleich zu früher eher gleich geblieben. Er ist vermutlich etwas rationeller geworden, was für beide Seiten in einer Fernschachpartie gilt. Wer statt dessen Rechner einsetzt, um schnell und mit möglichst wenig eigenem Einsatz zum Erfolg zu gelangen, wird auf die Dauer nicht allzu weit kommen.
2.) Das moderne Fernschach ist durch einen wissenschaftlich-kreativen Stil geprägt. Diese Kombination ist kennzeichnender denn je. Man mag es bedauern, dass der kühne Gambit- oder Angriffsspieler heute vielleicht weniger auf seine Kosten kommt als früher, aber die Zeit lässt sich nun mal nicht zurückdrehen, so wenig wie sich ein Schachspieler der aufgeklärten Steinitz-Ära ins romantische Zeitalter zurückbeamen konnte.

Kritisches Hinterfragen der Nahschach-Partien

3.) Um im Fernschach heutzutage zum Erfolg zu kommen, muss man Leistungen und Vorgaben („Eröffnungstheorie“) aus dem Nahschachbereich kritischer denn je analysieren. Viele Erfolgsrezepte und -konzepte aus dem Nahschach überzeugen im Fernschach nicht, weil der strenge elektronische Sekundantenstab sich zu Recht unbeeindruckt von ihnen zeigt, nicht zuletzt auch weil Nahschachspieler insgeheim immer ein wenig auf die menschlichen Schwächen ihrer Gegner spekulieren, was aber im Fernschach selten funktioniert.
Wer im Fernschach gegen gute Gegner gewinnen will, muss sich heute meines Erachtens schon in der Eröffnung mehr eigene Gedanken denn je machen, denn der Erkenntnisfortschritt in den Hauptvarianten (das können auch Modevarianten sein, die dabei sind, alte Hauptvarianten zu verdrängen) hat grundsätzlich eine starke Remistendenz. Gute Fernschachspieler folgen nicht einfach blind irgendwelchen aktuellen Eröffnungszügen von Anand, Kramnik oder Carlsen, nur weil diese gewonnen oder remis gehalten haben, sondern loten durchaus viele kritische Stellungen von Vorgängervarianten bis zu einer gewissen Tiefe aus.

Ohne Kreativität kein Fernschach-Erfolg

Kreativität ist also durchaus sehr gefragt im modernen Fernschach. Ergänzend sei darauf verwiesen, dass Fernschachspieler, die ihr Hobby ohne Engine-Einfluss genießen wollen, also möglichst traditionell, sich in enginefreien Turnieren zusammenfinden können (und dies ja auch tun), wo man also unter Gleichgesinnten gemäß einem Ehrenkodex spielt. So etwas gibt es unter anderem beim BdF, dem Deutschen Fernschachbund; wie erfolgreich, das entzieht sich meiner Kenntnis. Eine andere Idee, ist die Popularisierung des Fischer-Schachs bzw. Chess960 im Fernschachbereich, die quasi dem „Overkill“ im Eröffnungsbereich entgegenwirkt, allerdings die Engines nicht außen vor lässt.

Vermisst: Hochkarätige Turniere und FS-Sponsoring

GM: Gibt es bei dieser positiven Sicht des modernen Fernschachs denn überhaupt Probleme, die jetzt und in Zukunft eine gewichtige Rolle spielen bzw. spielen könnten? Wie sehen die Wachstumszahlen im Mitgliederbereich aus?

AN: Letzteres vermag ich nicht genau zu sagen, es hat schon einen gewissen Mitgliederschwund im organisierten Fernschach als Folge der „Computerisierung“ gegeben; das hat aber viel mit der Altersstruktur zu tun. Früher gab es viele Ältere im Fernschach, die einfach über mehr Zeit verfügten als Berufstätige oder Schüler/Studenten. Das geht bis hin zum Briefmarken- oder Postkartensammler, der einen ganz anderen Zugang zu seinem Fernschach-Hobby hatte als der ehrgeizige Turnierspieler. Interessanterweise gibt es heute viel mehr Fernschachspieler außerhalb der etablierten Verbände, weil nämlich das Internet unglaublich viele und attraktive Angebote bereithält, die auch genutzt werden. Wenn man die Fernschachserver bzw. -websites, auf denen gespielt wird, mitzählt, könnte man also vielleicht feststellen, dass heute allgemein mehr Fernschach gespielt wird als früher. Es wäre eine verdienstvolle Aufgabe, dies näher statistisch zu untersuchen. Nebenbei bemerkt, gehören ja auch alle diese Freizeit-Fernschachspieler zum Markt für Schachsoftware.

Die neuen alternativen Spielangebote im Internet kommen oft moderner daher als die traditionellen Verbände, die diese Spieler, darunter sicherlich viele junge, gar nicht erst erreichen.
Im Grunde interessiert mich das aber nur am Rande. Wesentlich mehr beschäftigen mich die Probleme im Spitzenfernschach, die ich wie folgt sehe:

1.) Es gibt zu wenig hochkarätige Turniere, wozu ich Turniere ab Kategorie 15 (Eloschnitt über 2600) zähle. Insbesondere sind die Fernschachweltmeisterschaften seit einigen Jahren wegen eines unattraktiven Qualifikationsmodus, der elo-stärkere Spieler von einer Beteiligung abhält, tendenziell unterklassig. Es handelt sich durchschnittlich um Kategorie 13-Turniere (Eloschnitt 2550-2575).

2.) Es gibt zu wenig Sponsoring im Fernschach. Dies ließe sich mit einem aktiveren Erscheinungsbild, insbesondere durch mehr hochkarätige Ereignisse, vermutlich etwas verbessern. Das Fernschach müsste meiner Ansicht nach auch bereiter sein, Quereinsteigern aus dem Nahschachbereich, also zum Beispiel Nahschach-Großmeistern, entsprechende Anreize zu bieten. Deren Bekanntheitsgrad könnte oft werbewirksam fürs Fernschach genutzt werden.

Diskrepanz der Elo-Leistungen im Nah- und Fernschach

3.) Die Normenanforderungen für Fernschach-Titel waren bis vor kurzem allgemein zu niedrig angesichts der vermehrten Angebote, Normen erreichen zu können. Das hat in den letzten 10 Jahren zu einer Titelinflation geführt. Man ist dabei, dies nun wieder etwas zurückzufahren, aber mit welchem Erfolg muss sich noch zeigen. Rückwirkend geht das natürlich überhaupt nicht. Der Fernschachbund hat leider etwas zu starke Signale mit den Titeln als „Lockmittel“ gegeben, – mit dem Ergebnis, dass er nun peinlicherweise hier und da öffentlich gefragt wird, wie es möglich ist, dass Spieler mit einem Nahschach-Niveau von deutlich unter 2000 (teilweise sogar um 1600) reihenweise internationale Titelträger werden, darunter sogar immer mehr Großmeister.

Der moderne Fernschachmeister ist Forscher

4.) Womit das Fernschach aber tatsächlich beeindrucken kann und muss, sind Partien, also schachliche Leistungen und deren angemessene Aufbereitung in Publikationen. Wie heißt es doch so schön? „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“ So wäre es beispielsweise wünschenswert, dass die besten und interessantesten Partien von Fernschachspielern, ganz gleich, ob es sich um Titelträger handelt oder nicht, in Gestalt eines Fernschach-Informators regelmäßig vorgestellt würden. Frühere Versuche dieser Art sind als Printmedien nach einigen Jahren leider gescheitert. Es scheint nun an der Zeit, in diese Richtung neue – professionelle – Schritte zu unternehmen und dabei auch die Möglichkeiten des Internets bzw. der Computertechnologie zu nutzen. Ein besonderer Leckerbissen könnte in solchen Veröffentlichungen die Diskussion von konkreten Engine-Ergebnissen und -Anteilen sein, denn die Zeiten, in denen Fernschachspieler verschämt oder aus falscher Eitelkeit solche Aspekte in ihren Analysen und Kommentaren verschwiegen, sollten nun endgültig der Vergangenheit angehören. Der moderne Fernschachmeister hat mehr denn je Anteil an der Erforschung des Schachspiels – das gilt es zu erkennen, anzustreben und zu vermitteln..

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch die große
Umfrage zu den beliebtesten Verwendungszwecken von Schachprogrammen

Chessbase: Die neue Corr Database 2011 (DVD)

Qualitätsvolles Kompendium des Fernschachs

von Walter Eigenmann

Die etwas älteren Semester unter den Freunden des internationalen Wettkampf-Fernschachs erinnern sich noch an Zeiten, da hatte das Correspondence Chess ein gänzlich anderes, einige meinen: ein sympathischeres Gesicht als heute. Es war die Zeit der persönlichen Partien-Karteien und der schönen Briefmarken, auch die Zeit der dicken Variantenkoffer und der unleserlichen Handschriften, die Zeit der monatelangen Zugübermittlung und des freundschaftlichen Briefwechsels, die Zeit des stundenlangen Ausprobierens von vielversprechenden Opferkombinationen mit mehreren Schachbrettern gleichzeitig auf dem heimischen Stubentisch…

Von der Postkarte zum Digital-Archiv

Die Corr Database 2011 mit 834'000 Fernschach-PartienDoch das sind schon seit langem Tempi passati, bestenfalls schöne Nostalgie. Denn erfolgreiches Fernschach, und spiele es sich auch nur national ab, sieht heutzutage gänzlich verändert aus. Es kommt längst daher in Gestalt des modernen PC: An die Stelle der Postkarte sind zahlreiche Schach-Mail-Server getreten, die (auch Online-)Partienverwaltung übernehmen spezielle Archivierungsprogramme, und sogar durch das immer wieder frisch wuchernde Taktik-Gestrüpp hilft dem Spieler mittlerweile extrem starke Schach-Software, die imstande ist, jedem Großmeister Paroli zu bieten.
Und schließlich die unverzichtbare Eröffnungs- bzw. Partien-Sammlung, die man früher mühsam mittels themenverwandten Zeitschriften, Loseblatt-Kompendien und natürlich umfangreichen Schachbibliotheken zusammenzustoppeln pflegte? Sie ist schon seit Jahren ersetzt durch systematisch gepflegte, hinsichtlich Spieler- wie Turnier-Namen vereinheitlichte Datenbanken – beispielsweise die „Corr Database“ des deutschen Schachsoftware-Herstellers Chessbase.

Screenshot der über 834’000 Games umfassenden „Corr“-Partienliste mit ihren vielfältigen Sortier- und Such-Optionen

Die neue „Corr Database 2011“-DVD aus der Hamburger Softwareschmiede knüpft hinsichtlich Konzeption und Handling nahtlos an ihre Vorgängerinnen an, umfasst aber inzwischen mehr als 834’000 Fernschach-Partien. Der Zeitraum aller archivierten Partien erstreckt sich dabei über 206 Jahre; das erste (unvollständige, mit Sicherheit via Post oder Telegraphie ausgetragene) Game (eines Friedrich Von Mauvillon gegen einen N.N.) datiert aus dem Jahre 1804, die jüngste Partie stammt vom April dieses Jahres (eine auf dem ICCF-Server via E-Mail gespielte Begegnung zwischen den beiden Franzosen Dejonckheere und Jacon).
Die Sammlung beinhaltet nun Partien von nicht weniger als 79’000 Spielern aus über 50’000 Turnieren, wobei praktisch alle relevanten Wettkämpfe und Matches enthalten sind, von den historischen Weltmeisterschaften bis zu den modernen ICCF-Thematurnieren, von den weltweiten FS-Olympiaden bis runter zu nationalen Mannschaftskämpfen.

Einfaches Setup und beschleunigtes Handling

Auf Partien-Daten-Suche mit dem kostenlos mitgelieferten „Chessbase Reader 9.0“

Die Installation der insgesamt 531 Megabyte schweren DVD gestaltet sich einfach und voraussetzungslos: Nach „setup.exe“, „Sprache wählen“ und einem Computer-Neustart hat man den kostenlos mitgelieferten „Chessbase Reader 9.0“ auf dem Desktop, womit dann in der „Corr Database 2011“ direkt ab DVD (oder nach entspr. Dateien-Kopieren auf der Harddisk) gesurft werden kann. Dabei liest der CB-Reader nicht nur das hauseigene CBH/CBF-, sondern auch das international verbreitete PGN-Format. Mit verschiedenen Such-Masken lässt sich dann komfortabel recherchieren und filtern, etwa spezifische Kommentare, Stellungen und Materialverhältnisse, oder sogar nach detaillierten Figuren-Manövern suchen. Wen’s nach noch weitergehenden Datenbank-Techniken (z.B. Doubletten-Suche, Varianten-Statistik u.a.) gelüstet, der kann sich im Netz auch leistungsstarke Freeware-Programme wie z.B. „Scid“ runterladen oder dann zu (nicht gerade billiger) Software wie beispielsweise „Chess Assistant“ oder „ChessBase“ greifen, die bezüglich Partien-Handling keine professionellen Wünsche mehr offen lassen; mit ihnen lassen sich dann Partiensammlungen wie die „Corr Database 2011“ archivieren, systematisieren, katalogisieren, sortieren, selektieren, online recherchieren und aktualisieren.

Konkurrenz erwuchs der Hamburger „Corr“ schon seit ihrer Erstauflage im Jahre 1997 – damals „Corr Nr. 1“ genannt – immer mal wieder von zwei weiteren kommerziellen Fernschach-Datenbanken, nämlich der bis vor einigen Jahren von ChessMail (Tim Harding) vertriebenen „Mega Corr“ sowie der seinerzeit ebenfalls recht verbreiteten „Ultra Corr“ aus dem gleichen Haus. Interessant ist ein direkter Vergleich einiger wichtiger „Features“ dieser drei Bases bzw. ihrer zurzeit aktuellen Versionen:

Verschiedene Fernschach-Datenbanken im Zahlen-Vergleich
Verschiedene Fernschach-Datenbanken im Zahlen-Vergleich

Etwas unschön springt hier der relativ hohe Anteil von sog. „Bye“-Partien in der „Corr Database“ ins Auge – doch das hat durchaus nachvollziehbare Methode: Die Hamburger Sammlung legt besonderen Wert auf chronologische Vollständigkeit, wodurch der Leser gerade aufgrund dieser Null-Züge- bzw. Forfait-Partien die betroffenen Turniere und Begegnungen schachhistorisch lückenlos rekonstruieren kann. (Im Hinblick aufs Eröffnungsstudium sind sie allerdings nur lästige Datenleichen…)

Einigermaßen aktuell – mit der Option Aktualisierung

Ein Blick auf die Aktualität weist die Chessbase-Sammlung als die weitaus modernste aus (auch wenn man über die Namensgebung angesichts der jüngsten Partie, die aus dem Frühjahr 2010 stammt, geteilter Meinung sein kann…). Wer hinsichtlich neuesten Partien- bzw. Eröffnungsmaterials wöchentlich auf dem Laufenden sein will, kommt ohnehin bei keiner der drei genannten Sammlungen darum herum, sich im Internet die entsprechenden Free-Downloads zu besorgen; zwei seit Jahren erste Adressen sind diesbezüglich TWIC (Nahschach) und  das ICCF-Game-Archiv (Fernschach). Eine riesige Fülle von Schachpartien jeder Art und Qualität findet sich außerdem bei dem bekannten Online-Sammler Lars Balzer.

Differenzierte Möglichkeiten der Recherche via Material, Stellung, Zugmanöver oder Kommentierungen
Differenzierte Möglichkeiten der Recherche via Material, Stellung, Zugmanöver oder Kommentierungen

Die „Corr Database 2011“ setzt die gepflegte Tradition des Hauses Chessbase in Sachen Datenbanken fort; auch diese DVD weist Sorg- und Vielfalt in der Partien-Zusammenstellung, Schnelligkeit der Software, hoher Grad der Vereinheitlichung von Spieler- und Turniernamen, differenzierte Filter-Optionen, einen beachtlichen Anteil von hochstehenden Kommenta(to)ren sowie das typische aufgeräumte Erscheinungsbild aller CB-Bases von „Fritz“ übers „CB-Magazin“ bis hin zur 4-Millionen-„Megabase“ auf. Hinzu kommt als Sahnehäubchen ein spezielles „Fernschach-Lexikon“, das ca. 71’000 Spieler umfasst.
Als bescheidene technische Voraussetzungen für ein flottes Arbeiten mit der Datenbank nennt Chessbase einen Pentium PC mit Windows XP, 32 MB Hauptspeicher, 350 MB Harddisk-Bedarf sowie den bereits erwähnten, gratis mitgelieferten CB-Reader 9.

Beispiel einer „Corr“-Turniertabelle (hier das ICCF-Mare-Nostrum-Thematurnier B01 vor zwei Jahren)

Bliebe noch die Frage, ob der verhältnismäßig hohe Verkaufspreis dieser DVD von 80 Euro gerechtfertigt ist.  Denn wer als nur gelegentlicher „Hobby-Korrespondenzler“ nach neuen FS-Partien sucht, der wird heutzutage problem- und kostenlos fündig auch im Internet mit seinem Überangebot an Open-Source-Lösungen und Freeware-Materialien.

Corr 2011 als momentane Referenz-Datenbank

Wer als seriöser Wettkampf-FS-Spieler auf internationalem Niveau erstens den eröffnungshistorisch kompletten Überblick sucht, zweitens auf statistisch verlässliches Material hinsichtlich prozentualer Auswertungen der Systeme und Varianten angewiesen ist und drittens ein sorgfältig aufbereitetes, in den Details vereinheitlichtes Partien-Kompendium sucht, der wird gerade in dem Nischenmarkt Fernschach-Software um diese über Jahre hinweg sorgfältig begleitete „Corr Database 2011“ schwerlich herumkommen; Sie ist sicher die zurzeit beste käufliche Datenbank in dieser Kontinuität, Systematik und Qualität des Handlings.

Wer hingegen als seriöser Wettkampf-FS-Spieler auf internationalem Niveau erstens den eröffnungshistorisch kompletten Überblick sucht und dabei zweitens auf statistisch verlässliches Material betreffend prozentualer Auswertungen der Systeme und Varianten angewiesen ist, der wird gerade in dem Nischenmarkt Fernschach-Software um die hervorragend aufbereitete, über Jahre hinweg sorgfältig begleitete und in den Daten-Details wohltuend vereinheitlichte „Corr Database 2011“ schwerlich herumkommen; Sie ist sicher die zurzeit beste käufliche Datenbank in dieser Kontinuität, Systematik und Qualität des Handlings.
Für die Hamburger Software-Köche scheint die „Corr“ jedenfalls nicht auf den Massenmarkt des schachlichen Fast-Food zu zielen; dafür ist das ganze Mahl wohl zu teuer angerichtet. Angesprochen ist vielmehr der FS-Gourmet, der sich dies exquisite Partien-Menü auch was kosten lässt… ■

Corr Database 2011, 834’000 Fernschach-Partien, DVD-ROM, 531 MB, Chessbase Hamburg

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Fernschach“ auch den
Report: Die besten Online-Schach-Portale

… und lesen Sie über die die neue Serie mit schwierigen Fernschach-Stellungen:
Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (01)