Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus (Bildband)

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Gleiches Recht für alle

von Sigrid Grün

Der Feminismus, die weltweite Frauenbewegung hat einen weiten Weg zurückgelegt – der noch lange nicht zu Ende ist. Weltweit herrschen immer noch Verhältnisse, die Frauen systematisch benachteiligen. In Saudi-Arabien haben Frauen bis heute kein Recht auf freie Meinungsäusserung, sie dürfen nicht zusammen mit Männern studieren, und viele Dinge sind ohne Einwilligung eines männlichen Vormundes verboten. Weltweit hat sich in den vergangenen 150 Jahren viel getan, aber selbst in Europa verdienen Frauen immer noch deutlich weniger als Männer. Die auf US-amerikanische Geschichte spezialisierte Historikerin Jane Gerhard hat gemeinsam mit Dan Tucker dieses Coffee Table Book zur Geschichte des Feminismus herausgebracht.

„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann.“ (Margaret Mead)

Warum ein Bildband? Bilder vermitteln die Dynamik und die emotionalen Botschaften sehr viel intensiver, als ein Text dies könnte. Und es geht auch darum, dass Bilder „die Besonderheiten einer Kultur, einer bestimmten Aufmachung, eines Auftritts und anderer Details, die einer Geschichte erst die Würze verleihen, besonders gut zu transportieren vermögen.“ (Seite 6)

Breit gestreute Themenfelder

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus - Die illustrierte Geschichte der weltweiten FrauenbewegungDie Bilder (Fotos, Plakate, Gemälde) vermögen tatsächlich, einen sehr lebendigen Eindruck zu vermitteln. Sie zeigen hervorragend auf, wie Frauen aus vergangenen Zeiten und fremden Kulturen alle für eine Sache gekämpft haben: Gleichberechtigung.
Das Buch ist nach unterschiedlichen Themenfeldern gegliedert. Zunächst geht es um politische Mitbestimmung, insbesondere um das Recht zu wählen („Eine Stimme haben“). Hier wird die Situation in den USA sehr stark ins Zentrum gerückt. Dies ist natürlich vor allem dem Umstand geschuldet, dass das Buch eine Übersetzung ist und von US-AmerikanerInnen herausgegeben wurde. Beginnend bei der Seneca Falls Convention, die am 19. und 20. Juli 1848 in Seneca Falls (New York) abgehalten wurde und die „Declaration of Sentiments“ hervorbrachte, wird die Geschichte der Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten sehr gut in Wort und Bild vermittelt.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch die oftmals enge Verbindung zwischen der Frauenbewegung und der Abstinenzbewegung, weil Frauen extrem unter dem Alkoholmissbrauch ihrer Männer litten. Die grösste Abstinenzbewegung war die Woman’s Christian Temperance Union (WTCU). Auch die Situation in anderen Ländern (Grossbritannien, Deutschland, China, Saudi-Arabien…) wird aufgegriffen, aber in weitaus geringerem Umfang als diejenige in den USA.

Die weibliche Selbstbestimmung

New Yorker Zeitungs-Illustration 1870 - Frauenärztin Elisabeth Blackwell bei einer Anatomie-Lektion - Glarean Magazin
New Yorker Zeitungs-Illustration aus dem Jahre 1870, die Amerikas erste und einflussreichste Frauenärztin Elisabeth Blackwell bei einer ihrer Anatomie-Lektionen zeigt

Im zweiten Kapitel, „Das Recht auf Selbstbestimmung“, geht es um Bürgerrechte und ganz zentral um das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen. Es werden beeindruckende Persönlichkeiten wie Elizabeth Blackwell vorgestellt, die als erste Ärztin der Vereinigten Staaten gilt und mehrere medizinische Hochschulen für Frauen gründete. Im Zusammenhang mit den Protesten von AbtreibungsbefürworterInnen fällt eine Person auf, die einen erstaunlichen Sinneswandel durchgemacht hat: Die ehemalige Aktivistin Norma McCorvey (Pseudonym Jane Roe), die noch 1989 für das Recht von Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen demonstrierte, konvertierte 1994 zum Katholizismus und wurde zur Abtreibungsgegnerin, die ihre Rolle in der Frauenbewegung plötzlich bedauerte.

Das weitverbreitete Abtreibungsverbot

In vielen Ländern ist Abtreibung – selbst nach einer Vergewaltigung oder einer Gefährdung der Mutter – immer noch strikt verboten. In Irland hat das u.a. dazu geführt, dass ein 13-jähriges Vergewaltigungsopfer nicht nach England ausreisen durfte, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen – und zum Tod einer Frau, bei der eine bereits beginnende Fehlgeburt festgestellt worden war, und die trotzdem nicht abtreiben durfte und schliesslich infolge einer Blutvergiftung starb. Seit 1984 gibt es in den USA (immer wieder durch einzelne Präsidenten gelockert), den Global Gag Rule (Globale Knebelvorschrift), die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Gesundheitswesen eine Aufklärung bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen verbietet – andernfalls droht eine vollständige Streichung der finanziellen Unterstützung durch die US-Regierung.

Die Gleichstellung der Ehepartner

Müssen Frauen gleichberechtigt sein - Strassen-Statements in den 1950er Jahren - Glarean Magazin
Müssen Frauen gleichberechtigt sein – Strassen-Statements in den 1950er Jahren – Glarean Magazin

In „Raus aus dem Puppenhaus“ geht es um die Ehe und die wirtschaftlichen Rechte von Frauen. Die Gleichstellung der Ehepartner vor dem Gesetz ist dabei ebenso Thema wie die Kinderehe.
„We can do it“ widmet sich der Frau in der Arbeitswelt. Heute noch müssen vor allem Frauen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten, die sie oft das Leben kosten. Die Brände in Textilfabriken haben insbesondere die Leben weiblicher Arbeiterinnen gefordert. Frauen verdienen immer noch weniger als Männer und müssen in vielen Fällen Haushalt und Pflege von Kindern und Alten zusätzlich zur Erwerbstätigkeit erledigen.

Sexismus und Rassismus

Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung
„Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung“

Im fünften Kapitel, „Im Auge des Betrachters“, rücken Frauenbilder in den Mittelpunkt. Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung. Feministische Künstlerinnen setzten dieser Tradition etwas entgegen und ermöglichten auf diese Weise eine Neuidentifikation mit dem weiblichen Äusseren.
Das letzte Kapitel schliesslich, „Gleiches Recht für alle“, widmet sich schliesslich der Gleichberechtigung aller Menschen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht. Während sich die frühe Suffragettenbewegung weitgehend aus der Oberschicht rekrutierte, setzte sich im Lauf des vergangenen Jahrhunderts (u.a. in der zweiten Feminismuswelle in den 1970er Jahren) zusehends die Einsicht durch, dass es um Gleichberechtigung für alle Menschen gehen muss. Und so wird im im letzten Abschnitt die Überwindung von Rassismus sowie der Sexismus und die LGBTQIA-Bewegung untersucht.

Fokus auf dem Anglo-Amerikanischen

Den ungewöhnlichen, bis anhin kaum gesehenen Ansatz, einen Bildband über Feminismus zu veröffentlichen, finde ich grossartig. Die Umsetzung ist auch sehr gelungen. Ich empfehle, zunächst jeweils den Bildteil und anschliessend den Textteil (oder umgekehrt) durchzulesen, weil der Lesefluss sonst ständig durch den Bildteil (mit umfangreichen Bildunterschriften) unterbrochen wird.

Der Fokus liegt hier ganz klar auf dem anglo-amerikanischen Kulturraum, was ich anfangs etwas irritierend fand. Letztendlich wird aber auch die Entwicklung der weltweiten Frauenbewegung sehr gut umrissen. Ein schöner und gut lesbarer Bildband, den ich allen, die am Thema Feminismus interessiert sind, empfehlen kann. ♦

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus – Die illustrierte Geschichte der weltweiten Frauenbewegung, 256 Seiten, Prestel Verlag, ISBN 978-3-791-38529-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Feminismus und Sexismus auch über Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

… sowie zum Thema Frauenbewegung über Traditionsbrüche und Erinnerungsarbeit – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

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Traditionsbrüche und Erinnerungsarbeit

von Sigrid Grün

Geschichtsschreibung ist niemals völlig neutral, sondern stets ideologisch und subjektiv gefärbt. Die Frauengeschichte, die sowohl Teil der Geschichtswissenschaft als auch der Geschlechterforschung ist, entwickelte sich als Fachgebiet im Rahmen der Frauenbewegung der 1970er Jahre. Damals verstand sich die erstarkende Frauenbewegung als etwas grundlegend Neues. Vorläufer, die es bereits im 19. Jahrhundert gegeben hatte, wurden weitgehend ignoriert. Es zeigt sich also: Die Geschichte der Frauenbewegung ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Der neue Band von Campus: „Erinnern, vergessen, umdeuten?“ arbeitet das Thema auf.

Vom Hexen-Narrativ bis zur Weimarer Republik

Erinnen vergessen umdeuten Frauenbewegungen - Cover Campus Verlag - Rezension Glarean MagazinDie Anthologie „Erinnern, vergessen, umdeuten? – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert“ geht auf eine Tagung im Frühling 2018 zurück. Die Teilnehmerinnen bearbeiteten zahlreiche Fragen – die Ergebnisse liegen nun in gedruckter Form vor. In den 15 Beiträgen geht es u.a. um Louise Otto Peters, eine der Mitbegründerinnen der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und um die Frauenrechtlerin Lily Braun, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Bild der Frau in der Antike, insbesondere mit griechischen Hetären, auseinandersetzte und den hohen Bildungsstand der Prostituierten des Altertums betonte. Es geht aber auch um die „Wirkmacht des Hexen-Narrativs in den europäischen Frauenbewegungen“, um die „Frage nach (fragmentarischen) Traditionsbildungen als Strategie der Mobilisierung eines radikalen Feminismus“ (116) und um Erinnerungskultur nach 1945 und Erinnerungsarbeit im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

Gedächtnisformen und Medienlogiken

FAZIT: Die Themen Erinnerungsarbeit, Traditionsstiftung und Traditionsbrüche werden in dem Band „Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert“ des Herausgeber-Trios Angelika Schaser, Sylvia Schraut und Petra Steymans-Kurz auf vielfältige Weise aufgearbeitet. Selbst HistorikerInnen werden hier sehr viel Neues und Interessantes erfahren, denn die Geschichte der Frauenbewegungen ist immer noch ein stiefmütterlich behandelter Bereich. Der Tagungsband wird definitiv so gut wie ausschliesslich ein Fachpublikum aus der Geschichtswissenschaft und Geschlechterforschung sowie der Kulturwissenschaft ansprechen.

Den Frauenrechtlerinnen Helene Lange und Getrud Bäumer ist ebenso ein Text gewidmet wie den konfessionellen und regionalen Brüchen in der Traditionsstiftung der deutschen Frauenbewegung. Hervorzuheben ist, dass sich in dem Band nicht nur Beiträge zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland finden, sondern auch Galizien (polnische, jüdische und ukrainische Autorinnen), Italien, Finnland und Schweden betrachtet werden. Sehr aufschlussreich ist Susanne Kinnebrocks Beitrag „Warum Frauenbewegungen erinnert werden oder auch nicht – Zum Zusammenspiel von Gedächtnisformen und Medienlogiken“, in dem es um die Gedächtnisse (kommunikatives, kulturelle, kollektives) von Gesellschaften geht.
Drei der 15 Beiträge sind in englischer Sprache verfasst.

Traditionsverluste durch Diktaturen

Besonders interessant an der Geschichte der Frauenbewegungen sind die zahlreichen Brüche. Die frühe, bürgerliche Frauenbewegung, die in puncto Frauenrechte eine Menge bewegte, u.a. das Frauenwahlrecht erwirkte, lief später häufig Gefahr, entweder völlig ignoriert oder gründlich missverstanden zu werden.

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So bezeichnete die Autorin Renate Wiggershaus die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer in einem ihrer Bücher etwa als „aktive Nationalsozialistin“, obwohl Bäumer 1933 von den Nationalsozialisten all ihrer politischen Ämter enthoben wurde. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts sind in erheblichem Masse mit verantwortlich für die Traditionsverluste innerhalb der Frauenbewegung.
Es ist überaus erhellend, etwas darüber zu erfahren, welches Bild sich eine Bewegung von der eigenen Geschichte macht und wie sehr Vorläufer in Vergessenheit geraten oder sogar gänzlich umgedeutet werden können. ♦

Angelika Schaser, Sylvia Schraut, Petra Steymans-Kurz (Hrsg.): Erinnern, vergessen, umdeuten? – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, 406 Seiten, Campus Verlag, ISBN 9783593510330

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Frauenbewegung auch über das Handbuch von Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

… sowie über die Frauen-Biographie von K. Decker: Lou Andreas-Salomé – Der bittersüsse Funke Ich

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Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip (Roman)

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Feministisches Erweckungserlebnis

von Günter Nawe

Wer glaubt, nach der Lektüre dieses Buches zu wissen, was „das weibliche Prinzip“ sei: Fehlanzeige. Vielleicht gilt das aber nur für Männer, die den neuen Roman von Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip gelesen haben. Frauen wissen darüber sicher mehr.

Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip - Roman - Rezension im Glarean MagazinMeg Wolitzer weiss darüber auf jeden Fall eine ganze Menge. Als die berühmte amerikanische Autorin – sie hat unter anderem den grossartigen Roman Die Interessanten geschrieben, für den sie als „one of America’s most ingenious and important writers“ bezeichnet wurde – einmal gefragt wurde, worüber sie schreibe, lautete die Antwort: „von Ehe, Familien, Sex, Begehren, Eltern und Kindern“. Und über den Feminismus. Er ist die Blaupause für die Geschichte, besser: die Geschichten, die Meg Wolitzer in Das weibliche Prinzip erzählt.
Wolitzer erzählt also die Geschichte des Feminismus – allerdings in Form einer Rückblende, was darauf schliessen lässt, dass trotz augenblicklicher #MeToo-Debatten und des Trump’schen Machismo der Feminismus – der Roman endet im Jahre 2019 – erst einmal Geschichte zu sein scheint. Wie Feminismus allerdings geht, besser: wie er ging – Meg Wolitzer versucht es in ihrem dickleibigen Roman ausführlich zu beschreiben.

Klassische weibliche Entwicklungsgeschichte

Es ist ein fast klassische Entwicklungsgeschichte, die die junge Greer Kadetzky durchmacht. Als blausträhnige Studentin wird Greer von einem Kommilitonen blöd angemacht, indem er sie unerwartet an die Brust fast und sie auch noch, als sie sich dagegen wehrt, beschimpft: „Hier fickt dich keiner ausser mir, Blausträhnchen. Und wenn, nur aus Mitleid.“ Ein feministisches Erweckungserlebnis, das ihren weiteren Lebensweg massgeblich bestimmen wird.
Greer wird zur Feministin, zur Aktivistin unter Anleitung der älteren Faith Frank, einer Ikone des Feminismus, deren Buch Das weibliche Prinzip als eine Art Manifest gilt. Sie bringt sich in eine von Faith Frank gegründete Organisation ein, die sich ganz der Sache der Frauen widmet – in Form von Events, Vorträgen und Diskussionsrunden und von Fall zu Fall auch direkter Hilfe. Schnell wird Greer sozusagen zur rechten Hand der grossen Faith.

Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY) - Glarean Magazin
Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY)

Zu diesem engagierten Leben, das sich als eine Art Selbsterfahrungsprozess darstellt, zu diesem „Kampf“ für die Rechte der Frauen gehört auch das Leben mit ihrem Freund, mit dem sie partnerschaftlich-befriedigenden Sex hat; eine gute Freundin, die ihre Freundin trotz einer grossen Enttäuschung bleiben wird; zu diesem Leben gehört die Mutter, mit der sich irgendwann aussöhnen wird. Und natürlich ihre Mentorin, der sie treu ergeben ist. Soweit, so gut!
Faith Frank ist auf dem Höhepunkt ihrer feministischen Karriere. Ihr Buch hat Furore gemacht. Mit einer gross angelegten Stiftung will sie ihrer Arbeit die Krone aufsetzen. Dass sie sich dazu des Einflusses und des Geldes eines schwerreichen Mannes, mit dem sie einst einen One-Night-Stand hatte, bedient, macht sie allerdings angreifbar und korrumpierbar.

Wie Feminismus (nicht) geht

FAZIT: Die renommierte amerikanische Autorin Meg Wolitzer schwimmt mit ihrem Roman Das weibliche Prinzip etwas auf der Welle von #Me Too – und erzählt in einem gross angelegten Gesellschaftsplot die Geschichte des Feminismus. Mit den beiden Protagonistinnen Greer und Faith hat sie zwei eindringlichen Figuren geschaffen, die doch sehr unterschiedliche Facetten des Feminismus vertreten. Am Ende bleibt allerdings offen, was das weibliche Prinzip ist. Vor allem, wenn sich herausstellt dass Feminismus wie Machotum nach den gleichen Spielregeln geschieht – auf der Suche nach Macht und Erfolg. Männer und Frauen werden den Roman aus unterschiedlicher Perspektive lesen. Und das ist es, was diesen Roman so spannend und interessant macht.

Meg Wolitzer erzählt die beiden sehr unterschiedlichen Lebensentwürfe in einer Art und Weise, die wir es aus vielen amerikanischen Romanen grosser Autoren kennen, sozusagen als Great America Novel. Und sie macht es brillant, auch wenn sie oft weitschweifig wird, Umwege geht. Es gibt Szenen, die sich nur schwer in das Gesamtgefüge des Narrativen einordnen lassen, und Figuren, die plötzlich verschwinden, ohne dass ihre Bedeutung für die Geschichte erkennbar wird.
Schaut man hinter die Kulisse des zugegebenermassen süffig zu lesenden Romans, stellt man fest: Das weibliche Prinzip ist – wie jedes männliche Prinzip – Macht. Die Art und Weisen, wie zur Macht zu kommen, sind sich mehr als ähnlich. Dabei ist es absolut irrelevant, ob Frauen auf andere Weise Macht zu erreichen versuchen als Männer. Das gilt auch für die Sucht nach Erfolg. Feminismus bedeutet also, dass Frauen „ein faires und gutes Leben“ (Meg Wolitzer) wollen – wie immer es letztlich auch aussehen mag.
Und weil dem so ist, können wir herauslesen, dass Feminismus eigentlich nicht geht. Vielleicht ist das nur der männliche Blick, und Frauen mögen das anders sehen. Aber genau das ist das Schöne an diesem Roman. – diese verschiedenen Sichtweisen, die er zulässt. Und vielleicht ist das Ende des hier beschriebenen Feminismus der Beginn einer neuen Welle. ♦

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip – Roman, 495 Seiten, DuMont Verlag, ISBN 978-3-8321-9898-5

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den neuen Roman von Donat Blum: Opoe

… sowie über die Novelle von Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena

Ausserdem im Glarean Magazin zum Thema Feminismus über den Roman von Stuart Hood: Das Buch Judith

Piper : Liebesbriefe berühmter Frauen (Anthologie)

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„Benjamin, Sie haben mein Leben verzehrt!“

von Karin Afshar

Mein Lieber,
es trifft sich gut, dass du weit fort bist. Nein, versteh mich nicht falsch! – Ich vermisse dich und deine Gegenwart, deine brummigen Macken, unser Geschimpfe über die Politik, deine Fürsorglichkeit. Ich vermisse uns.
Aber es trifft sich gut, dass du fort bist, denn nach langer Zeit habe ich wieder ein Buch in die Hand genommen. Du hast dir immer gewünscht, ich möge mich in die Leseecke setzen, jetzt sitze ich hier. Wenn ich dir den Titel sage, wirst du aufstöhnen. Er lautet „Liebesbriefe berühmter Frauen“. Es ist ein echtes Frauenbuch.
Es trifft sich gut, dass du fort bist, denn es hat mich nun dazu gebracht, dir nach langer Zeit wieder einen Brief zu schreiben. Weisst du noch, all die Briefe? Liegen sie noch unten im Schrank?
In diesem Buch hier sind 50 Liebesbriefe abgedruckt, Namen bekommst du weiter unten. Zu den Briefen haben die Herausgeber jeweils klare und menschliche Texte geschrieben, damit die Leserin ermessen kann, welchen Stellenwert der Brief und der Adressierte im weiteren Verlauf ihres Lebens hatte. Denn nicht alle Beziehungen, von denen hier geschrieben wird, blieben glücklich. Manche endeten sehr bald, andere beendete der Tod.

Frauen und Männer lieben unterschiedlich

Liebesbriefe berühmter Frauen

Aus nicht wenigen Briefen ist Verliebtheit und fast schon Besessenheit zu erlesen, in anderen die Vorahnung, dass die Liebe gefährdet ist, in noch anderen ist aus Verliebtheit die tiefe Gewissheit der Liebe geworden – und Marie Curie hat ihre Briefe an ihren tödlich verunglückten Mann geschrieben, um seinen Tod zu begreifen. Da können einem Schauer über den Rücken laufen.  – Lach nicht. Ich darf so schreiben, ich bin eine Frau.
Was mich auch gefesselt hat, war die Entdeckung, dass Frauen aus vorhergehenden Jahrhunderten ihre Empfindungen und Sehnsüchte ebenso gut, vielleicht sogar besser zu äussern wussten als manch eine der Emanzen heute. Clara Wieck findet mit 19 Jahren sehr bestimmende Worte; das hat mich beeindruckt. Christiane Vulpius, die an Goethe schreibt, schreibt so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Ganz nebenbei entdecken die Briefe natürlich auch den Angesprochenen!
Im vergangenen Jahrhundert leide ich mit Edith Piaf und Camille Claudel. Du hast mich doch erst vor einigen Tagen auf den wohl berühmtesten Romananfang der Literatur verwiesen: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ – So kann man es wohl auch für die Liebe sagen.
Ich werde der Frage, ob Frauen und Männer unterschiedlich lieben, noch einmal nachgehen müssen, und dann werden wir darüber streiten! Ich meine nämlich unbedingt ja!

Liebevoll aufgearbeitetes Buch

Liebesbriefe berühmter Frauen: Clara Wieck, Edith Piaf, Marie Curie, Marilyne Monroe
Liebesbriefe berühmter Frauen: Clara Wieck, Edith Piaf, Marie Curie, Marilyne Monroe

Zu diesem Buch gab es bereits einen Vorgänger, die „Liebesbriefe grosser Männer“. Wie das ausfiel, weiss ich natürlich nicht, aber dieses Buch hier haben Petra Müller und Rainer Wieland sehr liebevoll aufgearbeitet. Ich bekomme Lust, mich einmal mehr mit Simone de Beauvoir und Carson McCullers zu beschäftigen. Frida Kahlo, die du nicht so magst, ist dabei und Paula Modersohn-Becker, deren Bilder dir wiederum sehr gefallen. Ich erzähle dir bei Gelegenheit von ihren Briefen. Von Marylin Monroe ist ein sehr kurzer Brief nur abgedruckt, aber der zeigt meiner Einschätzung nach sehr gut ihr Dilemma. Den Schluss macht die Liebesgeschichte des letzten Jahrhunderts, als ein König auf den Thron vezichtete. Wallis Simpson schreibt an Edward, ob es nicht besser sei, „sie mache sich aus dem Staub“. Du weisst, mir gefällt dergleichen.

Vermisst: Die Frauenbilder

Die
Die „Carry&Mr.Big-Gucker“ als Leserzielgruppe? (Szene aus „Sex and the City“)

Man kann den Herausgebern gratulieren, ein gelungenes Buch. Wenn bloss  – und jetzt wirst du wieder sagen, ich hätte ja eh immer etwas zu meckern – der Einband nicht so kitschig wäre. Da haben sie doch aus Sex-and-the-City (die Serie, die ich mir übrigens nie angeschaut habe – ehrlich!) Carry und ihren Mr. Big abgedruckt und das auch noch mit pinkfarbener Rückseite. Also, das ist ein bisschen sehr dick aufgetragen und ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Zielgruppe.
Dabei hätte es dem Buch gut gestanden, wenn die Frauen, die im Innern zu Wort kommen, auch gezeigt werden. Hilde Knef war eine schöne Frau, Ingrid Bergmann, Sarah Bernard und Virginia Woolf waren bekannt genug, um zum Hingucker zu werden.
Ich werde das Buch noch das eine oder andere Mal in die Hand nehmen, bis du wiederkommst. Und das ist hoffentlich bald, denn ich möchte keinen Tag ohne dich aufwachen und einschlafen. Schön, dass es dich gibt… ♦

P.Müller und R.Wieland (Hg.), Liebesbriefe berühmter Frauen, Piper Verlag, 216 Seiten, ISBN 978-3492257961

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Briefe berühmter Persönlichkeiten“ auch über Jörg Schuster: Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Liebe & Besessenheit auch über Ernst Halter: Mermaid (Roman)