Martin Walker: «Schwarze Diamanten»

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Spannend und unterhaltsam, doch thematisch zu viel des Guten

Isabelle Klein

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Im beschaulichen Saint Denis ist im Dezember jede Menge zu tun für Bruno, den Chef de police: Das lokale Sägewerk schließt, Menschen verlieren ihre Jobs, nicht zuletzt wegen des Sohnes des Besitzers Guillaume Pons, der sich an die Spitze der Écolos gestellt hat. Vater und Sohn sind zutiefst verfeindet. Guillaume ist kürzlich, nach vielen Jahren Auslandsaufenthalt in Asien, wo er scheinbar äußerst erfolgreich war, in seine Heimat zurückgekehrt. Er eröffnet die Auberge des Verts und will Bürgermeister werden – sehr zum Verdruss Brunos…
Doch nicht genug: Bruno, geschäftstüchtiger Trüffelzüchter, verkauft zu Saisonbeginn die «schwarzen Diamanten» auf dem Markt in Sainte Alvère, als ihn sein Freund Hercule auf Ungereimtheiten hinweist: die teuren Trüffeln wurden anscheinend mit minderwertigen Chinatrüffeln gestreckt und überteuert an Pariser Hotels verkauft. Bruno nimmt sich der Sache an…
Schließlich kommt es auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt, den der Chef de police in seiner Funktion als Weihnachtsmann beehrt, auch noch zu einem Überfall auf den allseits geschätzten vietnamesischen Restaurant- und Weihnachtsmarktstand-Besitzer Nimh. Bruno ermittelt und sticht in ein Wespennest aus Intrigen. Und als Bruno und der Baron sich auf die Schnepfenjagd begeben, finden sie Hercule brutal ermordet…

Martin Walker

Martin Walker nimmt sich in diesem seinem dritten «Bruno»-Fall einiges vor: Bandenkrieg der Vietnamesen und Chinesen, Organisiertes Verbrechen, verbunden mit dem Kolonialkrieg in Vietnam und dem Algerienkrieg, jede Menge Stoff also – meines Erachtens etwas zu viel, denn durch die Trüffelthematik, gewürzt mit oben genannten Bezügen, ist dieser Krimi thematisch überfrachtet. Dadurch, dass letztlich alle Ereignisse zusammenhängen, wirkt dieser Fall zu konstruiert, es geht zulasten der Stringenz und der Spannung: Der Mord an Hercule geschieht «so nebenbei» und geht angesichts aller anderen «Probleme» unter, wird am Ende auch mit wagen Vermutungen abgespeist.
Statt den Fall glaubhaft und durchdacht in den Mittelpunkt zu stellen, wird zu sehr auf anders abgezielt: auf das «Multitalent», den «Allrounder» Bruno. Alle seine unzähligen Vorzüge zu nennen ist unmöglich: Bruno ist nicht nur Polizist, Koch, Selbstversorger, Tennis- und Rugbylehrer, sondern auch ambitionierter Trüffelzüchter, Jäger, Kinderretter, Feuerwehr- und Weihnachtsmann. Und er ist immer und überall zur Stelle: Er besorgt Jobs, rettet mal so nebenbei ein Kind aus der Jauchegrube, wird mal schnell zum Feuerwehrmann, rettet dabei weitere Kinder. Bruno ist zum Gutmenschen hochstilisiert, ist positiv völlig überzeichnet, wirkt dadurch unglaubhaft. Überhaupt ist mir die Schwarz-Weiß-Malerei, die der Autor hier betreibt, zu flach: Böse sind nur böse und Gute nur gut. Wo bleiben Einblicke in das Seelenleben und die Entwicklung/Hintergründe/Motive, die die Bösen so böse werden lassen? Den Charakteren fehlt es insgesamt an Tiefe – sie bleiben alle sehr oberflächlich beschrieben. Dafür erhalten wir jede Menge Einblick in Brunos Seelen- bzw Liebesleben: Isabelle, Pamela, eine alleinerziehende Mutter…

Bei aller Kritik an Martin Walkers neuem Krimi «Schwarze Diamanten» mit seiner thematischen Überfrachtung und seiner psychologischen Schwarz-Weiss-Malerei: Das Buch unterhält durchaus bestens, ist prima geeignet beispielsweise als Strandlektüre - ein echter Wohlfühlkrimi!

Bei aller Kritik ist aber doch zu sagen: das Buch unterhält durchaus bestens, ist prima geeignet beispielsweise als Strandlektüre – ein echter Wohlfühlkrimi. Er enthält viel stimmige Darstellung der Atmosphäre mittels dichtem Beschreibungsstil; man bekommt regelrecht Lust, dem Departement Dordogne, dem Périgord einen Besuch abzustatten, dabei gut zu essen – natürlich mit Trüffeln und Wein… Und wenn der Folgeband die angesprochenen Fehler vermeidet: Konstruiert-gesuchte Handlung, überfrachtete Themata, Oberflächliche Figuren-Entwicklungen, teils psychologische Unglaubwürdigkeit, dann darf man sicher erwartungsvoll dem vierten «Fall» des Walkerschen Polizeichefs Bruno entgegensehen. Ich jedenfalls werde ihn bestimmt lesen. ■

Martin Walker, Schwarze Diamanten (Black Diamond), Kriminalroman, 348 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3257067828

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Vergessene Bücher (1): «Liebe Mutter…» von Margaret Millar

Der kalte Blick auf die Welt

Bernd Giehl

«Sieh mal, Edith, unser Kopf ist doch wie ein Dschungel, ein dunkler, dichter Dschungel mit Millionen kleinen Pfaden, zu denen das Licht nie dringt. Man ahnt nichts von diesen Pfaden, bis auf einem von ihnen plötzlich etwas auftaucht. Und dann, Edith, versucht man, dieses Etwas zurückzuverfolgen, man verfolgt die Spuren und Fährten, man geht weit, sehr weit, und stellt am Ende doch wieder fest, daß der Pfad zu verschlungen ist, zu lichtlos, lautlos, zeitlos…» (Margaret Millar in «Das eiserne Tor», 1983, S. 67f.)

Originalausgabe erschienen 1955 unter dem Titel «Beast in View», deutsche Ausgabe erstmals 1967 bei Diogenes

Stellen Sie sich den Autor dieses Beitrags ruhig als alten Mann vor. Mit Baskenmütze auf dem Kopf und in abgewetzter Cordhose, die schon vor zehn Jahren unmodern war. Dazu vielleicht ein Jackett in Hahnentrittmuster. Und einer Krawatte natürlich, Krawatte muss sein. Und jetzt stellen Sie sich diesen Autor vor, wie er durch eines dieser modernen Buchkaufhäuser geht und an dem Tisch stehenbleibt, auf dem die Ratgeberliteratur inklusive der Kochbücher liegen und sich vorstellt, worüber er sein nächstes Buch schreiben wird («Durch indisches Kochen zum besseren Selbst»), wie er dann am Tisch mit den Bestsellerautoren vorbeigeht, schließlich am Belletristik-Regal stehenbleibt und nach dem einen oder anderen Buch Ausschau hält, das leider noch nicht in seinem Bücherregal steht. Nach den Werken von Margaret Millar zum Beispiel. Kein Buch von ihr zu finden. Er tritt an die «Information» und fragt nach ihr. Die Buchhändlerin sieht im Netz nach und bedauert: kein Buch dieser Autorin lieferbar. «Vielleicht versuchen Sie es mal im Modernen Antiquariat», sagt sie zum Abschied. Dort kauft er dann ein Diogenes Bändchen dieser Autorin für 2 Euro. Ziemlich vergilbt, etwas zerfleddert, aber es erfüllt seinen Zweck.

Ob sich in 20 Jahren wohl noch irgend jemand an Margaret Millar erinnern kann? Das war doch… Ja, ganz richtig. 14 Romane und zwei Bände mit Erzählungen dieser Autorin stehen auf einer Liste im Anhang des Bandes «Ein Fremder liegt in meinem Grab» (Diogenes Verlag 1997). Selbst bei «Amazon» sind derzeit nur noch zwei Exemplare dieses Buches gebraucht zu bekommen.
Nun ist Margaret Millar beileibe nicht die Einzige, der dieses Schicksal widerfährt. Weil die Buchproduktion heute so rasend schnell ist, und weil jedes Jahr Hunderttausende neuer Bücher herauskommen (genaue Zahlen siehe beim Börsenverein des deutschen Buchhandels), werden die Bücher älterer Autoren auch schnell zu Altpapier verwandelt. Wer es nicht bis in den Olymp der Klassiker geschafft hat (und wer schafft das schon?), der ist bald nicht mehr dabei. Der wird aussortiert, gestrichen, verramscht. Selbst Autoren, die einmal sehr bekannt waren, trifft dieses Schicksal. Oder kennt jemand noch Hanns Henny Jahnns Riesenroman «Fluss ohne Ufer»? Oder gar seinen «Perrudja»?

Margaret Millar (1915-1994)

Nun ist es sicher sehr viel schwieriger zu erklären, warum Hanns Henny Jahnn es nicht bis auf den Olymp geschafft hat. Für Margaret Millar ist die Erklärung einfacher. Millars Romane erzählen von einer tief verstörenden Welt, aber das hat sich nicht bis in die Form ihrer Bücher durchgefressen. Und genau das werden die Snobs des deutschen Literaturbetriebs ihr vorwerfen. Falls sie sich überhaupt so viel Mühe machen und nicht vielmehr sich mit der Erklärung begnügen, Krimiautoren schrieben nun einmal Bücher, die man nicht ernst nehmen müsse. Thomas Pynchon springt in «Gegen den Tag» von einer Geschichte zur nächsten, und wer nicht ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis hat, der wird sich irgendwann verzweifelt fragen, wer Merle Rideout oder Lew Basnight doch noch war, oder wie all diese Geschichten eigentlich zusammengehören. Roberto Bolanos Roman «2666» erzählt ebenfalls Geschichten, von denen man sich irgendwann verzweifelt fragt, was sie eigentlich zusammenhält. Im Mittelpunkt steht eine Mordserie an Hunderten von Prostituierten (und der Autor schildert sie Fall für Fall ab, als wäre er Mitglied der Sonderkommission zur Aufklärung dieser Morde). Stumpf, den Leser ermüdend und ohne jede innere Beteiligung. Mit den fast immer gleichen Worten. Vermutlich wollte er mit «2666» beweisen, dass die Welt sinnlos ist. Diese Sinnlosigkeit ist bis in die Form hinein zu spüren.
Das ist bei Millar deutlich anders. Nicht etwa, dass ihre Kriminalromane nicht auch so etwas wie einen experimentellen Charakter hätten, aber der steht nicht so im Vordergrund wie bei den genannten Autoren der Postmoderne. Man muss ihre Romane nicht einmal selbst zusammenbauen wie bei Italo Calvinos «Wenn ein Reisender in einer Winternacht…»
Erstaunlicherweise haben die hochexperimentellen Romane von Pynchon oder Bolano gerade Konjunktur. Womöglich möchte sich der intellektuelle Bohemien von den genannten Autoren ja bestätigen lassen, dass die Welt, so wie wir sie gerade erleben, sinnlos ist. Und wer nach dem Lesen von Bolanos «2666» immer noch nicht genug hat, wer also immer noch einen Funken Hoffnung oder gar Lebensfreude in sich spürt, der kann ja noch David Foster Wallace «Infinite Jest» lesen, zu Juli Zehs «Spieltrieb» greifen oder zu Helene Hegemann, diesem altklugen Kind, das mit 16 glaubt, schon mehr erlebt zu haben als andere mit 50 Jahren.

Originaltitel von Millars «Beast in View» in der TV-Serie «The Alfred Hitchcock Hour»

Die Romane von Margaret Millar funktionieren anders. Sie sind zwar tief verstörend, aber am Ende kann sich zumindest ein Gefühl von «Sinn» einstellen. So paranoid das eine oder andere ihrer Bücher auch sein mag, so gibt die Autorin doch zumindest eine Erklärung für das, was geschehen ist. Sie verweigert sich nicht wie Pynchon und sie lässt den Leser auch nicht mit seinen Fragen allein wie Bolano. Wer mag, kann das altmodisch finden und meinen, es passe nicht mehr in die Zeit. Dennoch ziehe ich persönlich ihre Romane der obengenannten Literatur vor. Vielleicht hat das ja auch damit zu tun, dass ich mir nicht die allerletzte Hoffnung rauben lassen möchte.
Parallelen? Ich denke, einige Romane von Patricia Highsmith oder Paul Auster haben eine ähnliche Thematik und arbeiten mit ähnlichen Mitteln. Alle drei experimentieren mit dem Unbewussten, dem Zufall und dem Schrecken, der aus all dem entstehen kann. Nur dass Margaret Millar (1915-1994) lange nicht so bekannt ist wie Patricia Highsmith, die im gleichen Zeitraum lebte (1921-1995), und obwohl beide doch ganz ähnliche Themen behandeln, auch ihr Stil Ähnlichkeiten aufweist. Ganz zu schweigen von Alfred Hitchcock, der zwar keine Bücher schrieb, dafür aber Filme drehte, die mit filmischen Mitteln eine ganz ähnliche Welt zeigen. Übrigens hat Hitchcock auch Romane der Highsmith verfilmt (z.B. «Zwei Fremde im Zug»), Margaret Millar dagegen ist dieses Glück nur ausnahmsweise zuteil geworden. Wer weiß, ob sie andernfalls nicht viel präsenter im kulturellen Gedächtnis wäre.

Margaret Millar war verheiratet mit Kenneth Millar, besser bekannt unter dem Pseudonym Ross Macdonald, dem Verfasser einiger «hartgesottener Kriminalromane» mit dem Privatdetektiv Lew Archer. Übrigens legte sich ihr Ehemann seinerzeit den Künstlernamen zu, weil seine Frau damals sehr viel erfolgreicher war als er selbst. Nicht immer wollen Männer im Schatten ihrer Frau stehen. Heute dagegen steht Margaret Millar in seinem Schatten.  Manchmal ist das Leben ungerecht.
Aber natürlich hat unsere Autorin das gewusst. Womöglich hätte sie sich sogar darüber amüsiert. Sie kannte die Menschen. Wahrscheinlich besser, als die meisten sich selbst kennen. Margaret Millar hatte den kalten Blick auf die Welt, den nicht gar so viele Autoren besitzen. Ich glaube nicht, dass sie die Menschen liebte. Dafür sind ihre Romane zu boshaft geschrieben. Es wäre reizvoll, eine Biographie über sie zu lesen, aber wenn es eine gibt, dann kenne ich sie nicht.

Prominente Konkurrentin und Millar-Zeitgenossin: Die 21-jährige Patricia Highsmith

Auf jeden Fall wäre es reizvoll zu wissen, welchen Unterschied es gibt zwischen ihrem Leben und ihren literarischen Ideen.
Denn die haben es in sich. Gleich mit den ersten Sätzen erzeugt sie eine Spannung, die bis zur letzten Seite anhält. «Die Stimme war sanft, beinahe lächelnd: ‚Ist dort Miss Clarvoe?‘
‚Ja.‘
‚Wissen Sie, wer da spricht?‘
‚Nein.‘
‚Eine Freundin.‘
‚Ich habe unzählige Freundinnen‘, log Miss Clarvoe…
‚Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen‘, sagte die Stimme. ‚Trotzdem habe ich Sie immer irgendwie im Auge behalten. Ich habe nämlich eine Kristallkugel.‘»
Mit diesen Worten beginnt der Roman «Liebe Mutter, es geht mir gut…»
Helen Clarvoe kennt die Anruferin nicht, und gerade das beunruhigt sie. Allerdings kann man bei ihrer Aussage, sie kenne Evelyn Merrick nicht, zweifeln, denn gleich auf der ersten Seite charakterisiert die (allwissende) Erzählerin Miss Clarvoe als professionelle Lügnerin.
Eine alte Jungfer von 30 Jahren als Heldin eines Romans, noch dazu eine, die schon ganz am Anfang als kalt, verschlossen und vom Leben enttäuscht geschildert wird; wem könnte das sonst noch einfallen? Unsympathischer als Helen Clarvoe kann man eigentlich nicht mehr sein. Mit wenigen Sätzen kann Millar ihre «Heldin» charakterisieren. Nicht einmal Patricia Highsmith hat so eine Person in den Mittelpunkt ihrer Romane gestellt. (Aber die hatte natürlich auch ihre Gründe.) Nachdem sie sich bei der Telefonistin, die die Anrufe im Apartmenthaus, in dem sie wohnt, nach der Anruferin erkundigt hat, wird Miss C. mit folgenden Worten beschrieben: «Miss Clarvoe hängte ab. Sie wußte, wie man mit June und ihresgleichen umzugehen hatte. Man hängte ab. Man unterbrach die Verbindung. Was Miss Clarvoe sich nicht klarmachte, war, daß sie in ihrem Leben bereits zu viele Verbindungen unterbrochen hatte. Sie hatte zu oft, zu schnell und schon bei zu vielen Menschen abgehängt. Jetzt, mit Dreißig, war sie allein.» (S. 10) Nicht nur Evelyn Merrick besitzt eine Kristallkugel, in der sie die Clarvoe beobachtet.
Wer aber nun glaubt, dass Helen Clarvoe die einzige ist, die von ihrer Schöpferin mit jenem eiskaltem Blick beobachtet wird, der täuscht sich. June, die Telefonistin, ist beschwipst, als sie zu Miss Clarvoe geht, weil die sie darum gebeten hat. Und den Sherry, den ihre Gastgeberin ihr anbietet, schlägt sie natürlich auch nicht aus. Womöglich ist das Leben nur noch betrunken zu ertragen, selbst wenn man keine Drohanrufe von einer angeblichen Freundin erhält. Mr. Blackshear, ihr Vermögensverwalter, den die Clarvoe um Hilfe angeht, ist 50 Jahre alt, und für ihn hat «der Winter der Leere eingesetzt, und dort, wo einmal etwas in seinem Inneren zerbrochen war, hatte sich Frost gebildet.» (S. 20) Eigentlich, so denkt man, kann nichts mehr passieren, was diese Herrschaften aus ihrer Erstarrung herausholen könnte.  Dass es aber dennoch passiert ist, nicht die geringste aller Künste, die Margaret Millar beherrscht.

Im Gegensatz zur Ehefrau weltberühmt geworden: Krimi-Autor Kenneth Millar alias Ross MacDonald

Doch dazu bedarf es nun eines Raums, den die Autorin schafft. Und dieser Raum, man kann es nicht anders sagen, ist klaustrophobisch. Man bekommt Luftnot, wenn man sich zu lang in ihm aufhält. Vermutlich kann man diesen Raum nicht unbedingt «realistisch» nennen, aber Autoren – Autorinnen sind selbstverständlich immer mit gemeint – schaffen nun einmal ihr eigenes Universum. Selbst wenn man sich verbarrikadiert, wie Helen Clarvoe es spätestens nach dem Anruf von Evelyn Merrick tut, gibt es immer noch das Telefon, das einen mit der Außenwelt verbindet. Oder die inneren Stimmen, die einen nicht in Ruhe lassen.
Aber selbst wenn auch die schweigen, gibt es da ja noch Evelyn Merrick, die mit ihren Anrufen und Andeutungen, die leider oft genug auf Wahrheit beruhen, einen Menschen jagen und schließlich sogar in den Tod treiben kann. Es ist nicht nur Helen Clarvoe, auf die sie es abgesehen hat. Ihr Hass reicht tiefer. Sie macht ein paar gehässige Bemerkungen über Douglas, Helens jüngeren Bruder, gegenüber Mrs. Clarvoe; enthüllt dabei der Mutter Douglas‘ Homosexualität, die er bis dahin erfolgreich verbergen konnte, und treibt den jungen Mann damit in den Tod. Was im Jahr 2011, wo zumindest in Deutschland viele sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen, ziemlich unwahrscheinlich klingt, ist im prüden Amerika der fünfziger oder sechziger Jahre durchaus vorstellbar. Nur ein einziges Mal greift Miss Merrick selbst zur Waffe; in den anderen Fällen treibt sie ihre Opfer allein durch ihre Worte in den Tod. Und am Ende passiert das, was passieren muss: Evelyn Merrick und Helen Clarvoe verschmelzen zu einer einzigen Person, und das ist dann auch das Ende.

Es ist eine abgeschlossene Welt, in der alles seinen gnadenlosen Gang geht. Und die Hauptfiguren sind entweder hysterisch wie Helen Clarvoe oder paranoid. Das ist übrigens auch ein Kennzeichen der anderen Romane von Margaret Millar, jedenfalls, soweit ich sie kenne. Es sind nicht die normalen Menschen, an denen die Millar interessiert war. Eher schon die, die aus der Norm herausfallen. Menschen, die sich verfolgt fühlen oder die die Realität verdrängen und sich in eine Scheinwelt flüchten. Menschen also, die eher schwach sind.
Interessant ist schließlich auch, dass ihre Hauptfiguren alle weiblich sind. Jedenfalls trifft das für die Romane zu, die ich gelesen habe, also «Liebe Mutter, es geht mir gut», «Ein Fremder liegt in meinem Grab», «Von hier an wird’s gefährlich», «Die Feindin» und «Das eiserne Tor». Die Männer, denen man in ihren Romanen begegnet, sind dagegen eher sympathisch gezeichnet. Sie sind hilfsbereit wie Mr. Blackshear, der Freund von Miss Clarvoe oder wie Ralph MacPherson, der Anwalt, der Mrs. Oakley, eine der Hauptfiguren aus «Die Feindin» immer wieder in die Realität zurückholt. Sie mögen schwach sein, wie Charlie Gowen, (ebenfalls eine wichtige Figur in der «Feindin»), aber selbst ihre Weltfremdheit hat etwas seltsam Sympathisches.  Ob Margaret Millar eine Weiberhasserin war? Aus ihren Romanen könnte man es zumindest herauslesen.

Original-Cover der amerikanischen Bantam-Ausgabe von Millars «Beast in View» (1955/56)

Dennoch ist der Kosmos, den sie mit ihren Worten erschafft, anders als jene von beispielsweise Kafka, immer noch die Welt, die wir kennen. Er ist angesiedelt in der amerikanischen Mittelschicht der fünfziger und sechziger Jahre, und die Details sind liebevoll beschrieben und damit wiedererkennbar. Hin und wieder entsteht gerade aus der Schwäche der Hauptfiguren die Bedrohung. Es sind nicht die Starken, die die Welt bedrohlich machen, sondern die Schwachen. Das gilt vielleicht weniger für Helen Clarvoe, die nur noch flieht, wohl aber für Mrs. Oakley, die Hysterikerin aus «Die Feindin», und ebenso auch für Charlie Gower, der ebenfalls eine wichtige Rolle in der «Feindin» spielt.
Wer sehen möchte, mit welch unterschiedlichen Mitteln Margaret Millar eine Welt der Angst aufbauen kann, der lese nacheinander «Liebe Mutter, mir geht es gut» und «Die Feindin». In «Liebe Mutter» gibt es nur Helen Clarvoe als Fokus, und der Aufbau der Bedrohung passiert schnell. In der «Feindin» wechselt der Fokus immer wieder von Kate Oakley, die sich vor ihrem (getrennt von ihr lebenden) Mann fürchtet und deren Angst geradezu hysterisch ist, zu Jessie Brant und Mary Martha Oakley, zwei neunjährigen Kindern, die befreundet sind, zu Charlie Gower, der eine Schwäche für Kinder hat, dann zu Virginia und Howard Arlington, einem Ehepaar im beginnenden Kriegszustand, der wiederum durch Virginias Liebe zu Jessie ausgelöst wird. Die Spannung ist subtiler, und lange fragt der Leser sich, welche der Personen denn nun die Katastrophe auslösen wird, die bei Margaret Millar unweigerlich am Ende stehen wird. Und natürlich ist es wieder anders, als man es sich gedacht hat. Aber das kennt man ja aus fast jedem Krimi.
Eine solche Welt, bedrohlich, tückisch und doch zumindest halbwegs realistisch, kenne ich eigentlich nur noch aus einigen Romanen der Highsmith, aus den Krimis von Barbara Vine oder aus Paul Austers «Leviathan».

… ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Magazin wöchentlich Werke vorstellt, die vom kultur-medialen Mainstream links liegengelassen oder überhaupt von der «offiziellen» Literaturgeschichte ignoriert werden, aber nichtsdestoweniger von literarischer Bedeutung sind über alle modische Aktualität hinaus. Die Autoren der Reihe pflegen einen betont subjektiven Zugang zu ihrem jeweiligen Gegenstand und wollen weniger belehren als vielmehr erinnern und interessieren.

Kürzlich las ich in der «Zeit» eine Reportage über eine Reise zu den Foltergefängnissen der Roten Khmer, die von 1975-1979 Kambodscha regierten und zugrunde richteten. Der Artikel ist aus Anlass des ersten Prozesses eines internationalen Gerichtshofs über ein Mitglied der Roten Khmer geschrieben. Auch wer sich nicht mehr an diese Zeit erinnert, vielleicht weil er zu jung ist, wird aus dem Artikel von Susanne Mayer «Spuren des Schmerzes» («Die Zeit», Nr. 29 vom 15. Juli 2010, S. 46/47) das Grauen lernen können. Auf einer Tafel in einem Foltergefängnis, das Susanne Mayer besucht hat, steht der Satz: «Während der Elektroschocks ist es verboten zu schreien.»
Mag sein, dass es irgendwann einen Roman über die Herrschaft der Khmer Rouge in Kambodscha geben wird. Womöglich wird er ja ins Deutsche übersetzt. Zwar hat Adorno seinerzeit behauptet, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben sei unmöglich, aber es gab nicht nur Gedichte nach Auschwitz; es gab sogar welche über das Unsagbare. Paul Celan hat sie geschrieben. Und Primo Levi hat einen Roman über die Vernichtungslager geschrieben; Elie Wiesel oder Wieslaw Kielar haben aus ihrer eigenen Erfahrung über die Vernichtungslager geschrieben. Womöglich gibt es kein Grauen, das nicht irgendwann einmal literarisch verarbeitet wird. Einzig die Zeit, die vergehen muss, bis ein solches Geschehen seinen Weg in die Welt des Romans findet, spielt eine gewisse Rolle. Es dauert eben, bis man die nötige Distanz hat, das Entsetzen in Worte zu fassen. Aber falls je ein Roman über die Herrschaft der Khmer Rouge erscheinen wird, glaube ich nicht, dass ich ihn lesen werde. Es gibt ein Leid, das ich mir gern ersparen möchte. Obwohl ich andererseits auch verstehe, wenn ein Betroffener dieses Leid durch das Schreiben eines Romans «verarbeiten» will.

Dennoch sind mir offensichtlich fiktive Werke wie die Romane von Margaret Millar lieber. Sie spielen mit meinen Ängsten, aber sie überschreiten die Grenze nicht. Sie respektieren den Schutzraum, den das Individuum braucht, um zu überleben.
Näher möchte ich eigentlich nicht mehr heran. Das ist der Unterschied zwischen Margaret Millar und – pars pro toto – Roberto Bolano. Womöglich kann man mit ebensolchem Recht sagen: Die Welt ist nun einmal grausam, und wir sind so abgestumpft, dass nur noch neue Formen uns aus unserer Lethargie reißen können. Außerdem entspricht das Abbild, das Bolano, Pynchon und tutti quanti von der Welt liefern, viel eher der modernen Erfahrung des Ausgeliefert-Seins an anonyme Mächte, die wir kaum noch erkennen, geschweige denn beschreiben können, als die Romane von Margaret Millar, wo die Bedrohung von einem Individuum ausgeht, dessen Namen man kennt, und dessen Motive nach und nach sichtbar werden. Und selbst wenn es die Bewohner der Kleinstadt sind, die einen wie Charlie Gowen aus der «Feindin» immer mehr einkreisen, so «kennt» man doch als Leser die Namen und Gesichter.
Man kann also sagen: die Romane von Bolano, Pynchon, Zeh oder der anderen Shooting Stars der Postmoderne entsprechen viel eher der heutigen Lebenserfahrung. Sie bilden die Wirklichkeit von heute viel besser ab als eine Margaret Millar. Ich würde dieser These nicht einmal widersprechen wollen. Dennoch ziehe ich Margaret Millar vor und verweise auf den Anfang dieses Essays:. Ein bisschen Distanz halte ich für angebracht. Selbst wenn das altmodisch klingen sollte.

Noch ein Wort zur Übersetzung: «Liebe Mutter, es geht mir gut» ist 1955 in New York auf Englisch erschienen und 1967 von Elizabeth Gilbert übersetzt worden. Die Sprache erscheint oft gestelzt. «Miss Hudsons Büro war kunstvoll der Werbung neuer Schülerinnen angepaßt.» (S. 47) Eine Telefonistin gibt keinen Anruf durch; sie stellt ihn durch. Ich wüsste auch niemanden, der «abhängt», wenn er ein Telefonat beendet; die meisten legen auf. Letzteres liefert einen Hinweis auf die Muttersprache der Übersetzerin, falls das der Vorname nicht schon getan hat. »She hung up» heißt es im Englischen, wenn eine Frau das Telefon auflegt. Elizabeth Gilberts Muttersprache ist vermutlich Englisch, aber zumindest hätte ein Lektor oder eine Lektorin noch einmal über den Text schauen können. Auch in anderen Romanen von Margaret Millar, die sie übersetzt hat, habe ich ungewöhnliche Redewendungen und Stilblüten gefunden. Falls also Margaret Millars Romane noch einmal aufgelegt werden, was ich sehr hoffe, dann sollten sie möglichst auch gleich neu übersetzt werden. ●

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Bernd Giehl

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

Das Zitat der Woche

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Über die Bücherliebe

Henry Slesar

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Sie hatte eben ihren Kaffee ausgetrunken, als sie merkte, daß sich ein Mann zu ihr an den Tisch gesetzt hatte. Ihre Finger umklammerten das Buch. Sie machte sich klar, daß er sie schon eine Weile angestarrt hatte und sie womöglich jede Sekunde anreden würde. Entschlossen, ihn zu ignorieren, wendete sie die Seite um und tat, als ob sie läse.
»Mein Lieblingsbuch«, sagte er schließlich.
Sie hob hastig den Kopf, und ihre Augen erblickten ein junges, schmales Gesicht mit ernsten braunen Augen und einem etwas spöttisch verzogenen Mund.
»Sie schreibt wunderbar, nicht wahr?« fragte er. »Ich meine Mary Webb.«
Helens Herz begann zu pochen, doch nicht von Mary Webbs Prosa. Die einzigen jungen Männer ihrer Bekanntschaft waren Helden, die blondschöpfig und mutig über Romanseiten wanderten. Die echten jungen Männer, die Jünglinge, die vielsagend hinter Frauen hergrinsten und auf der Straße laut lachten – diese Männer waren ihr fremd.
»Ich will mich nicht aufdrängen oder so«, sagte er. »Aber Sie wissen sicher, wie das ist, wenn man jemanden ein Buch lesen sieht, das einem gefällt. Ich meine, wenn Sie überhaupt Bücher mögen. Tun Sie das?«
»Bücher mögen? Ja«, sagte Helen.
»Ich auch. Ich finde, es gibt auf der Welt nichts Schöneres. Obwohl das irgendwie seltsam klingt.«
»Ganz und gar nicht.« Sie räusperte sich. »Jedenfalls finde ich es nicht seltsam. Ich lese ständig. Ich bin überzeugt, die Welt läßt sich in Büchern wiederfinden, alles, was Menschen je widerfahren ist…«
»Richtig! Sie wissen ja wirklich Bescheid! Das ist nämlich auch meine Meinung, nur ist es schwer, sie anderen begreiflich zu machen.«
Er sprach mit einer solchen jungenhaften Begeisterung, daß Helen gar nicht anders konnte, als lebhaft darauf zu reagieren.

Henry Slesar (1927-2002)

Sie setzten das Gespräch fort. Sie sprachen von Mary Webb und Charles Dickens. Sie unterhielten sich über Hemingway und Milton und Shakespeare und Faulkner. Sie entdeckten einen Autor nach dem anderen, den beide bewunderten. Nach fast zwei Stunden Unterhaltung und Kaffeetrinken sagte er: »Ich heiße Bill. Bill Mallory.«
»Helen«, antwortete sie und senkte die Augen.
»Einer meiner Lieblingsnamen. Sie kennen doch den Vers: >Dies ist das Gesicht, das tausend Schiffe in den Kampf geschickt und das die breiten Türme Iliums in Brand gesteckt! Süße Helena, mach mich unsterblich mit…«<
Helens rotes Gesicht brachte ihn zur Besinnung. Sie war es nicht gewöhnt, daß junge Männer so zu ihr sprachen. Der Gedanke, daß er sich vielleicht über sie lustig machte, überfiel sie wie eine kalte Dusche. Sie stand auf und griff nach Buch und Tasche.
»Moment«, sagte Bill und legte ihr die Hand auf den Arm. »Hören Sie, wenn Sie nichts weiter vorhaben…«
»Das habe ich aber…«
»Können Sie das nicht absagen?«
»Tut mit leid.«
»Bitte.« Seine Hand drückte ihren Arm; die Berührung erfüllte sie mit einem ganz eigenartigen Gefühl und ließ sie erschaudern. »Sie dürfen hier nicht einfach verschwinden! Wir könnten uns einen Film ansehen. Oder spazierengehen…«
Sie sah ihn offen an. Sein Blick war noch immer ernst, doch um seinen hübschen Mund lag ein seltsamer Zug, der sich nicht deuten ließ.
»Na schön«, sagte Helen Samish mit einer Stimme, die ihr selbst fremd war.
Eine Stunde lang wanderten sie durch die Straßen der Stadt, während Helen mit der erregenden Mischung aus Mißtrauen und Freude rang, die der junge Mann in ihr auslöste. Schließlich gingen sie in ihre Wohnung, wo er zu ihrer Erleichterung von ihr abließ und seine Aufmerksamkeit sofort den gefüllten Bücherregalen zuwandte.
»Großartig!« begeisterte er sich, und seine Hände verschwanden aufgeregt zwischen den Bänden. »Müssen ja an die tausend Bücher sein…!«
»Über tausend. Gerade neulich habe ich bei einer Auktion gut sechshundert dazugekauft. Deshalb ist alles so durcheinander.«
Grinsend sah er sich im Zimmer um. Überall Bücher, an der Wand gehäuft, mit Schnur gebündelt, Kisten voller Bücher, über- und nebeneinander, jeder Zentimeter Regal mit Bänden gefüllt. Eifrig ging er sie durch, öffnete Buchdeckel, blätterte Seiten um.
»Hier Ordnung zu schaffen wird sehr mühsam sein. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«
»Es ist schon spät…«
»Wie war’s morgen abend? Es sei denn, Sie haben etwas anderes…«
»O nein«, sagte Helen hastig.
»Dann also abgemacht«, sagte er grinsend.
Als Bill Mallory ging, lehnte Helen flach atmend an der Wohnungstür; sie konnte das Wunder, das in ihr Leben getreten war, noch gar nicht fassen. ■

Aus Henry Slesar, Bücherliebe, in: Lesen Sie auch nie? – Diogenes-Tintenfass Nr. 26, Diogenes Verlag 2002

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Das Zitat der Woche

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Die treffenden Aussprüche des Aristoteles

Diogenes Laertios

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Es werden folgende besonders treffende Aussprüche auf Aristoteles zurückgeführt.
Auf die Frage, was die Lügner für einen Gewinn von ihren Lügen haben, antwortete er: »Daß man ihnen nicht glaubt, auch wenn sie die Wahrheit sagen.« Als man ihm vorwarf, daß er einem Taugenichts ein Almosen gegeben, sagte er: »Mein Mitleid galt nicht seinem Verhalten, sondern dem Menschen.« Oft pflegte er zu seinen Freunden und Schülern, wo auch immer im Tageslicht er verweilte, zu sagen: »Das Gesicht empfängt sein Licht von der umgebenden Luft, die Seele aber das ihre von dem Unterricht.« Oft auch sagte er mit starker Betonung: »Die Athener hätten den Getreidebau und die Gesetze erfunden; allein das Getreide zwar wußten sie zu verwerten, nicht aber die Gesetze.« »Die Wurzeln der Bildung«, sagte er, »sind bitter, ihre Früchte aber sind süß.« Auf die Frage, was schnell veralte, sagte er: »Der Dank.« Gefragt, was die Hoffnung sei, sagte er: »Der Traum eines Wachenden.« Als ihm Diogenes eine getrocknete Feige reichte, sagte er sich, daß, wenn er sie nicht annähme, jener ein beißendes Wort gegen ihn in Bereitschaft hätte, er nahm sie also an mit den Worten, Diogenes sei nicht nur um seine Feige, sondern auch um sein Witzwort gekommen. Und als er ihm wieder eine reichte, nahm er sie, hob sie nach Knabenart hoch in die Luft und gab sie mit den Worten »O großer Himmelssohn« zurück.
Dreierlei, pflegte er zu sagen, ist nötig für die Erziehung und Geistesbildung: Naturanlage, Belehrung, Übung. Als er von einem Verleumder hörte, der ihn verunglimpfte, sagte er: »Wenn ich abwesend bin, mag er mir auch Geißelhiebe verabreichen.« Die Schönheit, pflegte er zu sagen, sei eine bessere Empfehlung als jeder Brief. Andere schreiben das Wort in dieser Fassung dem Diogenes zu, während er selbst die Wohlgestalt für ein Geschenk Gottes erklärt hätte. Sokrates erklärte sie angeblich für eine Gewaltherrschaft (Tyrannis) von kurzer Dauer, Piaton für ein Vorrecht der Natur, Theophrast für einen schweigenden Betrug, Theokrit für einen elfenbeinernen Schaden, Karneades für ein Königtum ohne Leibwächter.

Aus dem «De clarorum philosophorum vitis» von Diogenes Laertios

Auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Gebildeten und Ungebildeten antwortete er: »Er ist so groß wie der zwischen Lebenden und Toten.« Die Bildung, sagte er, sei in glücklichen Zeiten eine Zierde, im Unglück eine Zuflucht. Diejenigen Eltern, die ihren Kindern eine gute Bildung gegeben hätten, seien weit achtungswerter als die, welche sie bloß zeugten: denn die letzteren schenkten ihnen nur das Leben, die ersteren aber den Vorzug, tadellos zu leben.
Zu einem, der sich seiner Abkunft aus einer großen Stadt rühmte, sagte er: »Nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß man eines großen Vaterlandes auch würdig sei.« Die Frage, was ist ein Freund?, beantwortete er mit der Erklärung: »Eine Seele, die in zwei Leibern wohnt.« Die Menschen, sagte er, seien teils so karg, als ob sie ewig leben, teils so verschwenderisch, als ob sie im nächsten Augenblick sterben würden. Als einer ihm die Frage vorlegte: »Wie kommt es, daß wir mit schönen Leuten uns gern recht lange unterhalten?«, entgegnete er: »So kann nur ein Blinder fragen.«
Als ihm einer mit der Frage kam, welcher Gewinn ihm aus der Philosophie erwachsen wäre, sagte er: »Daß ich ohne Befehl tue, was andere nur aus Furcht vor den Gesetzen tun.« Auf die Frage, wie die Schüler sich am besten in ihrem Fortschreiten förderten, antwortete er: »Wenn sie denen, die einen Vorsprung hätten, nacheilten, ohne auf die Rückständigen zu warten.« Einen Schwätzer, der ihn mit seinem Gewäsch überschüttet hatte und fragte: »Ich bin dir doch nicht zur Last gefallen?«, fertigte er mit den Worten ab: »Nicht im mindesten, denn ich habe gar nicht auf dich geachtet.« Auf den Vorwurf, den man ihm machte, daß er einem Unwürdigen eine Unterstützung habe zuteil werden lassen – denn auch in dieser Form tritt die Sache auf -, antwortete er: »Nicht dem Menschen galt meine Gabe, sondern der Menschlichkeit.« Auf die Frage, wie wir uns gegen unsere Freunde zu verhalten haben, erwiderte er: »Gerade so, wie wir wünschen, daß sie sich gegen uns verhalten.« Die Gerechtigkeit erklärte er für diejenige Seelentugend, die einem jeden zuweist, was ihm gebührt.
Als schönste Mitgabe für das Alter erklärte er die Bildung. Favorin berichtet im zweiten Buch seiner Denkwürdigkeiten, er habe immer wieder gesagt: »Viele Freunde, kein Freund«, ein Ausspruch, der sich auch im siebenten Buche der Ethik findet.
Das sind die Denksprüche, die ihm beigelegt werden. ■

Aus Diogenes Laertios: Über Aristoteles; in: Ein Panorama europäischen Denkens – Texte aus drei Jahrtausenden (Hrg. L. Marcuse), Diogenes Verlag 1977

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Das Zitat der Woche

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Von der Sprache des einfachen Mannes

Dashiell Hammett

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Die Sprache des Mannes auf der Straße ist meistens weder klar noch einfach. Wenn Sie meinen, ich übertreibe, lassen Sie Ihre Stenografin mal ein bißchen mit Notizblock und Bleistift horchen. Sie werden diese von Gestik und Gesichtsausdruck losgelöste Sprache nicht nur überaus kompliziert und stumpfsinnig, sondern in ihrem Mangel an logischem Zusammenhang nahezu sinnlos finden. Vielleicht ist die geschriebene Sprache des einfachen Mannes ein wenig besser. Wenn Sie erfahren wollen, wie wenig, so wählen Sie aufs Geratewohl ein halbes Dutzend Männer aus, Männer, die in ihrer täglichen Arbeit nicht mit Worten zu tun haben, und lassen Sie sie ein Schriftstück verfassen. Das Ergebnis wird interessant und lehrreich sein. Es wird weder klar noch einfach sein. Die Lieblingsworte des einfachen Mannes sind die, die es ihm ermöglichen zu reden, ohne zu denken…

Dashiell Hammett (1894-1961)

Man kann tonnenweise Bücher und Zeitschriften lesen, ohne, selbst im erfundenen Dialog, auf einen Versuch zu stoßen, die Alltagssprache getreu zu reproduzieren. Es gibt zwar Schriftsteller, die es versuchen, aber sie sehen sich selten gedruckt.
Einfachheit und Klarheit sind vom Mann auf der Straße nicht zu kriegen. Sie sind die am schwersten faßbaren und am schwierigsten zu erreichenden literarischen Leistungen, und jeder Schriftsteller, der sie erreichen will, braucht ein hohes Maß an Geschick. Sie sind die wichtigsten Qualitäten, wenn man die maximale gewünschte Wirkung auf den Leser erzielen will. Diese maximale gewünschte Wirkung zu erzielen, ist das Hauptziel der Literatur. ■

Aus Dashiell Hammett, Über Stil, in: Tintenfass Nr. 26, Diogenes Verlag 2002

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Das Zitat der Woche

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Vom Schreiben für die Schublade

Patricia Highsmith

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Gespräch mit meinen Agenten. Es ist August, drei Uhr nachmittags, und New York ist heiß und scheint im Halbschlaf zu liegen. Der eine ist in Hemdsärmeln, sein Kragen steht offen, die Haut glänzt von Schweiß, und er ist auf eine träge Weise nervös und aufmerksam, wie nach einem Kater. Der andere ist nur insofern nicht ganz korrekt gekleidet, als er das Jackett abgelegt hat. Beide haben schlanke, glänzende, gepflegte Hände, und wenn sie die Finger krümmen, zeichnen sich die winzigen Knöchel ab.

»Wenn Sie der Geschichte ein Happy-End geben würden, Miss Highsmith, könnten wir sie wohl verkaufen.«
Er erzählt mir die Geschichte von George Sovenich, der ein Angebot über 2’000 Dollar von >Good Housekeeping< abgelehnt hat. Sie wollten eine 24’000-Wörter-Geschichte auf 12’000 Wörter gekürzt haben und sie dann in zwei Teilen drucken. »Er war dumm«, sagt mein Agent. »Er ist Journalist und verdient nur 4’000 Dollar pro Jahr.«
Später: »Denken Sie darüber nach, Miss Highsmith. Nur die Andeutung eines Happy-Ends. Dieses kleine Zugeständnis an die Verwertbarkeit kann doch keinen Schaden anrichten. Nur ein Hauch von Happy-End.«
»So als wäre man ein kleines bißchen schwanger«, sagt der andere.
Höfliches Lachen. Was soll man dazu schon sagen?
»Schade, daß Sie so schreiben, Miss Highsmith. Es ist schade, wenn man etwas schreibt, das nicht veröffentlicht wird.« Es ist überhaupt nicht schade, etwas zu schreiben, das nicht veröffentlicht wird, aber wie soll ich ihnen das begreiflich machen? Ich versuche es nicht einmal. Ich sitze nur da und versuche abwechselnd zu lächeln und die Worte, die sich in mir überschlagen, für mich zu behalten. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache, denke ich, als ich hinaustrete in den Sonnenschein. (21. August 1945) ■

Aus Patricia Highsmith, Notebooks, in: Tintenfass – Das Magazin für den überforderten Intellektuellen Nr. 26, Diogenes Verlag 2002

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Das Zitat der Woche

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Über die moderne Literaturkritik

Hartmut Lange

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Glücklicher Goethe! Er warnt vor der aufkommenden Literaturkritik noch aus der Sicherheit eines intakten, die eigenen Zusammenhänge begreifenden Kulturbewußtseins. Heute ist das Kulturbewußtsein längst eine Sache des Amüsierbetriebs. Der Großkritiker hat die Medien erobert, und der Schriftsteller kann froh sein, wenn seine Bücher im Fernsehen als Gelegenheit zur Unterhaltung präsentiert werden. Die einflußreiche Literaturkritik ist längst zum Entertainment verkommen, und dem Entertainer sind alle kritischen Maßstäbe lediglich ein Mittel zur Selbstdarstellung.
Kulturkontinuität hieße hier: Der Großkritiker amüsiert sich und seine Zuschauer auf Kosten des aktuellen Literaturangebots, ansonsten bringt er nichts Neues ein. Und da sein öffentliches und mit Stargagen abgegoltenes Amüsement Selektion bedeutet, steuert er den Käufer, der das Amüsierbegehren des Kritikers zur Konsumtion erhebt.

Hartmut Lange

Als Schriftsteller sollte man den Rat Goethes beherzigen und sich unumwunden eingestehen: Eine Literatur von Rang kann heute nur schreiben, wer sich vom Einfluß eines solchen Literaturbetriebs radikal freimacht. Die Kriterien für Literatur findet der Schriftsteller nicht im literaturkritischen Amüsierbetrieb. Und selbstverständlich gibt es Kritiker, die sich dem Zwang zum Entertainment entziehen. Sie werden gebraucht.

Aus Hartmut Lange, Irrtum und Erkenntnis – Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller, Diogenes Verlag, Zürich 2002

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