Christine Drews: Sonntags fehlst du am meisten (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Von der Verdrängung der Alten zur Leere der Jungen

von Christian Busch

Der Prolog des neuen Romans von Christine Drews „Sonntags fehlst du am meisten“ beginnt mit dem Crash der Hauptfigur. Carolin Winter, alkoholabhängige und alleinerziehende Mittvierzigerin, erleidet, nachdem ihr Leben seit langem den Bach hinuntergegangen ist, den totalen Schiffbruch. Und landet mit ihrem Auto auf dem Friedhof. Damit zerstört sie – nicht nur sinnbildlich – den Grabstein ihrer namensgleichen Grossmutter und zugleich das ohnehin schon beschädigte Verhältnis zu ihrem Vater, dessen Lieblingstochter und „Prinzessin“ sie war. Wie konnte es so weit kommen?

Rückblenden in die Nachkriegszeit

Christine Drews - Sonntags fehlst du am meisten - Roman - Ullstein Verlag - Cover1944. Ein siebenjähriger Junge stolpert bei der morgendlichen Suche nach etwas Essbarem über eine Soldatenleiche und bringt seiner Mutter ein Maiglöckchen mit. 72 Jahre später wagt Caroline einen Neuanfang in ihrem Leben. Auch sie pflanzt Maiglöckchen.
In mehreren Rückblenden, die ständig zwischen jüngerer und tiefer Vergangenheit, die bis in die Nachkriegszeit reicht, pendeln, erzählt der Roman in der Folge die Familiengeschichte um Caro, ihre zwei Brüder Stefan und Mark, ihre Mutter Helga und ihren Vater Karl, der sich aus den Trümmern der deutschen Nachkriegsgeschichte zu einem erfolgreichen Baufirmenchef hochgearbeitet und dabei stets versucht hat seine geliebte Tochter vor den Hürden und Unwägbarkeiten des Lebens fernzuhalten.

Grundmotiv: Verdrängung der Familienprobleme

Christine Drews - Bestseller-Autorin - Glarean Magazin
Bestseller-Autorin Christine Drews

In dem in sich schlüssigen Plot der stimmig und realistisch dargelegten Familienproblematik fungiert die Verdrängung mit fatalen Folgen als Grundmotiv. Wenn Caro nach Überwindung ihrer nachdrücklich geschilderten Alkoholsucht wieder Fuss fassen will, muss sie zwangsläufig die weit in der deutschen Nachkriegsgeschichte liegenden Ereignisse und traumatischen Erlebnisse aufspüren und bewältigen. Dabei wird deutlich, dass der Konflikt zwischen Caro und ihrem Vater kein singulärer Vater-Tochter-Zwist ist, keine komplexe Beziehungskiste, sondern geradezu paradigmatisch ein repräsentativer Generationskonflikt zwischen den Eltern, deren scheinbares Erfolgsrezept auf Verdrängung und Leistungsethos aufgebaut ist, und den vermeintlich verwöhnten Kindern, die gerade an der hohlen und verlogenen Künstlichkeit dieser so gar nicht heilen Welt scheitern und eben wie Caro keine Leistung bringen. Darin liegt sicherlich die Stärke des in dieser Hinsicht äusserst gelungenen Romans von Christine Drews, die im Nachwort gesteht, dass ihr der Roman eine „Herzensangelegenheit“ war.

Keine Sprengkraft, aber wichtige Denkanstösse

Wer mit Christine Drews' "Sonntags fehlst du am meisten" eine literarische Sensation erwartet hat, wird also enttäuscht sein, dennoch ist Drews‘ Werk ein interessanter, gut zu lesender und nachdenklich stimmender, weil wichtige Denkanstösse gebender Vater-Tochter-Roman, der zum Verständnis und zum Dialog zwischen den Generationen beitragen kann.
Wer mit Christine Drews‘ „Sonntags fehlst du am meisten“ eine literarische Sensation erwartet hat, wird enttäuscht sein. Dennoch ist Drews‘ Werk ein interessanter, gut zu lesender und nachdenklich stimmender, weil wichtige Denkanstösse gebender Vater-Tochter-Roman, der zum Verständnis und zum Dialog zwischen den Generationen beitragen kann.

Dennoch macht Drews‘ Roman nicht rundum glücklich. Zum einen bewegt er sich sprachlich und figurentechnisch in eher seichten und klischeehaften Gewässern – kaum einmal hat die Sprache Verweisungscharakter, dichterische Sprengkraft oder gar rätselhafte Vieldeutigkeit. Ebenso entlässt der Roman seine zweifellos sympathische, mit sich selbst schonungslos ins Gericht gehende Heldin nur allzu leicht, ja fast traumwandlerisch wieder aus der Krise, indem er ihr mit dem neuen Lebensgefährten Jakob und der alten Frau Schneiders zwei passgenau geschneiderte Figuren an die Hand gibt, die man in der Wirklichkeit niemals findet, wenn man sie braucht, weil man sich selbst im Weg steht.

Fehlendes ausgestaltetes Finish

Nicht zuletzt dürfte der Schluss den Leser enttäuscht zurücklassen, fehlt doch ein wirkliches ausgestaltetes Finish, dass das Thema nötig und der Roman verdient gehabt hätten. Bleibt Caros Erscheinen auf der Goldenen Hochzeit ihrer Eltern als Chance für eine Fernsehverfilmung?

Fazit: Wer mit Christine Drews‘ „Sonntags fehlst du am meisten“ eine literarische Sensation erwartet hat, wird also enttäuscht sein, dennoch ist Drews‘ Werk ein interessanter, gut zu lesender und nachdenklich stimmender, weil wichtige Denkanstösse gebender Vater-Tochter-Roman, der zum Verständnis und zum Dialog zwischen den Generationen beitragen kann. ♦

Christine Drews: Sonntags fehlst du am meisten, Roman, 288 Seiten, Ullstein Verlag, ISBN 978-3-548-29020-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Motiv „Vater-Tochter“ auch über den Roman von Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo
… sowie zum Thema Beziehungen von Charlotte Ueckert über den Roman von Anke Gebert: Die Summe der Stunden

Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Ein Plädoyer für die Romantik

von Christian Busch

Wenn es dunkelt, die Sonne im Waldesschatten versinkt und der Himmel in sternklarer Nacht im Blütenstaub still die Erde küsst, spannt in dämmrigen Felsenklüften die Seele weit ihre Flügel, als flöge sie nach Haus, und lüftet ihr innerstes Geheimnis: die Liebe. „Durch alle Töne tönet / im bunten Erdentraum / Ein leiser Ton / Für den der heimlich lauscht“ (Friedrich Schlegel)

Severin von Eckardstein plays Robert SchumannWie in Joseph von Eichendorffs Landschaften formte die Romantik wie keine andere Epoche die Sprache und Welt der Seele, welche sich in Abgeschiedenheit und privater Intimität ungeachtet gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischer Zensur zu Wort bzw. zum Tone meldet. Schon der grosse Idealist Beethoven hatte sich in seinem 1816 komponierten Liedzyklus „An die ferne Geliebte“ zur romantischen Tonsprache der Innerlichkeit bekannt, welche seinen romantischen Nachfolgern den Weg ebnete. Robert Schumann, der als schweigsam, introvertiert, hochgebildet und als Inbegriff der deutschen Hochromantik gilt, fand sein Element zwischen mildem Eusebius und wildem Florestan im Phantastischen, in der musikalischen „Fantasie“ des Klaviers, dem Instrument der Seele.

Balance zwischen Florestan und Eusebius

Severin von Eckardstein - Konzertpianist - Glarean Magazin
Severin von Eckardstein

Der 1978 in Düsseldorf geborene Pianist Severin von Eckardstein hat sich nun in seiner neuen CD neben den drei Fantasiestücken op. 111 und den Fantasiestücken op. 12 auch Robert Schumanns einzigartiger Fantasie in C-Dur op. 17 angenommen. Bei der 1838 vollendeten Fantasie, die zugleich Ausdruck von Schumanns leidenschaftlicher, aber problematischer Beziehung zu Clara Wieck  („das Passionierteste, was ich je geschrieben habe“) als auch eine Hommage an Beethoven (man höre nur die Triolen aus der Mondscheinsonate im dritten Satz) war, kommt es zweifellos immer wieder neu darauf an, die Balance zwischen sanguinischem Florestan und dem jede extrovertierte Effekthascherei fremd anmutenden Eusebius in Schumanns Temperament zu finden. Jegliches Zuviel an jugendlicher Überschwänglichkeit oder distanziert abgeklärtem, vermeintlich reifen Musizieren sind hier eher abträglich.

Brodelndes Temperament neben harmonischer Liebes-Sehnsucht

Umso verblüffender das Ergebnis, das Schumanns „Ach, zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“ mit grosser Natürlichkeit und Klarheit vereint. Die grossen Sprünge und Gegensätze in der Komposition, hier brodelndes Temperament, ausbrechender Stolz und rauschhafte Getriebenheit einerseits, träumerischer Schwebezustand, friedvoll-harmonische Sehnsucht nach Liebe andererseits sind auf wundersame und doch scheinbar selbstverständliche Weise – und doch ohne Glättungen – verbunden; phantastisch!  Und wenn man die CD in seine Sammlung einreiht, hat man das Gefühl, dass auf den älteren, durchaus leidenschaftlicheren Aufnahmen (Arrau, Kissin, Le Sage) ein wenig Staub liegt.
Die ebenfalls äusserst gelungenen Darbietung der Fantasiestücke op. 111 und op. 12, welche in ihrer zwar virtuosen, aber immer romantisches Ethos verkörpernden Episoden faszinieren, runden die CD, die ausserdem mit einem fachkundig-emphatischen Kommentar des Künstlers im Booklet versehen ist, ab.
Ein Plädoyer unserer Zeit für die Romantik. ♦

Severin von Eckardstein (Klavier): Severin von Eckardstein plays Robert Schumann, Cavi-Music (Harmonia Mundi)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klavier-Romantik auch über
Egon Wellesz: Klavierkonzert (CD)

Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder! (Klassik)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Die Rettung der Klassik

von Christian Busch

„Expect the Unextpected“

Die Klänge der Eröffnungskonzerte der neuen Pariser Philharmonie via ARTE noch im Ohr, weiss man in der Welt der Klassischen Musik schon lange, welche Töne angeschlagen werden müssen. Längst ist die Zeit der eitlen und sich um sich selbst und die Gründung immer neuer Plattenfirmen und Vermarktungs-Strategien drehenden Stardirigenten vorbei. Boomte die Klassik in den 80er und 90er Jahren noch dank der neuen digitalen CD-Scheiben mit ihrem viel transparenteren und hörfreundlichen Klangbild, gehen die Nachfahren von Beethoven & Co. an vielen Orten längst am Stock.

Kent Nagano - Erwarten Sie Wunder - Cover - Berlin VerlagIn den Zeiten knapper Kassen und allgegenwärtigem Multimedia-Rausch müssen die Liebhaber komplexer filigraner Orchesterkultur mitunter gesucht werden wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Das Durchschnittsalter in den Konzertsälen steigt bedrohlich und degeneriert zur exklusiven Matinée für Betagte und Betuchte. Da wird ein fast 400 Millionen schweres Projekt wie das der Pariser Philharmonie, welches das städtische Orchester von seiner angestammten – nahe dem Arc de Triomphe gelegenen – Salle Pleyel vertreibt, auch schon mal in die suburbane Zone des Parc de la Villette verlagert, in die schon fast prekär zu nennende soziale Randzone, wo jüngst die Attentäter von „Charlie Hebdo“ ihr Fluchtauto wechselten. Und statt der VIP-Zone legt man jetzt Wert auf ein Lernzentrum „Abteilung Education“, in der kulturelle Brücken zu Schulen und bildungsfernen Schichten geschlagen werden sollen. Ist die Lage wirklich so ernst?

Wirtschafts- und Sinnkrise

In dem jüngst erschienenen Buch „Expect the unexpected!“ („Erwarten Sie Wunder“) behandelt der amerikanische Dirigent Kent Nagano, unterstützt von der Koautorin Inge Kloepfer, mit soziologischen Sachverstand genau dieses Problem der schwindenden Stellung der klassischen Musik im Kulturleben. Aus unmittelbarer Nähe berichtet er am Beispiel von Detroit vom Niedergang der nordamerikanischen Orchesterlandschaft und den fatalen Folgen für die kulturelle Entwicklung in den Städten. Er empört sich gegen die schonungslose Ausbreitung von Materialismus, Konsumismus und reinem Utilitarismus in der westlichen Zivilisation, welche in der PISA-Studie ihren deutlichsten bildungspolitischen Niederschlag findet: Was zählt, sind Fähigkeiten, die den Menschen auf ihren funktionalen Nutzen reduzieren. Fächer wie Kunst und Musik, welche Kreativität, Vorstellungsvermögen und Inspiration fördern, kommen dort nicht vor. Dabei steht schon im Matthäus-Evangelium: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Rückbesinnung auf die Klassik

Er zeigt an vielen Beispielen seiner langjährigen, intensiven und fruchtbaren Auseinander-setzung mit den unsterblichen Werken auf, dass die schönen Künste vor dem Hintergrund eines generellen Wertewandels in den westlichen Industrieländern eine Antwort auf die Sinnkrise darstellen: „Sie […] machen den Alltag mehr als nur erträglich. Sie inspirieren uns, öffnen den Geist. Sie helfen uns, Unbegreifliches und Unerträgliches anzunehmen und als Teil unseres Lebens zu akzeptieren, daraus Kraft zu schöpfen und nicht daran zu verzweifeln.“ Dabei erweist er sich als energischer und nimmermüder Verfechter der Quellen menschlicher Inspiration., der längst begriffen hat, dass heute die wichtigste Aufgabe der Dirigenten und Intendanten nicht in der Selbstverwirklichung egoistischer Eitelkeiten besteht, sondern in der Vermittlung zwischen Kunstwerk und Publikum: „Nennen Sie mich jetzt einen Träumer, einen Utopisten, wenn ich mir wünsche, dass ein jeder in seinem Leben unabhängig von Bildungsstand und Herkunft die sinnstiftende Kraft der Kunst erfahren können soll.“

Kindheit ohne neue Medien

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Zweifellos ist Kent Naganos Klassik-Plädoyer „Erwarten Sie Wunder“ das richtige Buch zur rechten Zeit – in seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung weitreichend, in seinen Zielsetzungen ehrgeizig. Den Autoren gebühren Dank und Beachtung!

So beginnt Nagano seine Ausführungen in seiner Kindheit an und erzählt von den Anfängen in Morro Bay, einem in den 50er Jahren multikulturell besiedelten Fischerdorf an der kalifornischen Pazifikküste, und von seinem ersten musikalischen Erzieher, dem Professor Korisheli. Im Vordergrund stehen dabei von Beginn an nie persönliche Erfolge, öffentliche Anerkennungen oder gar Preisverleihungen, sondern stets die ungetrübte Freude am gemeinschaftlichen Musizieren, am Gemeinsinn stiftenden Konzert- oder Probenerlebnis, bei dem Konflikte und Unterschiede an Bedeutung verloren: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“. Welche Zeit hätte dessen nicht bedurft, so könnte man fragen – liefert Nagano hier doch einen entschiedenen Gegenentwurf zu den stets von manipulativer Sprache der Medien und leicht konsumierbarer Unterhaltungselektronik geprägten aktuellen Kultur-Landschaft.

Strauss‘ „Heldenleben“ in der Eishockey-Arena

Hier und da blitzen die Erfahrungen aus seinen vielen Stationen (Lyon, Manchester, Los Angeles, Berlin, München, Montreal, Hamburg) auf, offenbart er den Lesern in eingestreuten Intermezzi seinen eigenen Zugang zu den grossen Komponisten, von Bach, Beethoven und Bruckner bis zu Schönberg, Messiaen, Ives und Bernstein. Wenn er über das Rätselhafte in Beethovens achter Symphonie spricht, enthüllt sich nebenbei: Der Weg ist das Ziel, das auch ungewöhnliche Wege rechtfertigt, indem Nagano mit seinem OSM (Orchestre symphonique de Montreal) volksnah in der Eishockey-Arena Richard Strauss’ „Heldenleben“ präsentiert. Abgerundet wird sein Aufruf durch die Gespräche mit Zeitgenossen wie Helmut Schmidt (Politik), Kardinal R. Marx (Kirche), Yann Matei (Literatur), Julie Payette (Wissenschaft) und William Friedkin (Film). Was letzterer über Beethovens Symphonien sagt, gilt für die ganze Klassik: „Wer einmal […] die Tiefe der Musik erahnen konnte, wird sich ein Leben lang nach dieser Erfahrung sehnen. Es wird ihn immer wieder dorthin zurückziehen.“
Zweifellos ist Kent Naganos Klassik-Plädoyer „Erwarten Sie Wunder“ das richtige Buch zur rechten Zeit – in seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung weitreichend, in seinen Zielsetzungen ehrgeizig. Den Autoren gebühren Dank und Beachtung! ♦

Kent Nagano (Inge Kloepfer): Erwarten Sie Wunder – Expect the Unexpected, Berlin Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3827012333

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Klassik“ auch über Ingo Harden: Klassische Musik

Außerdem zum Thema Klassiker über das Beethoven-Album des Pianisten See Siang Wong: „Fantasia“

W. A. Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Mozart im Zwiegespräch

von Christian Busch

Das vierhändige Klavierspiel, die vielleicht intimste Form der Kammermusik, gehört zu den technisch heikelsten und interpretatorisch anspruchvollsten Herausforderungen, welche die Musik an die Ausführenden stellt. Zwei vermeintlich gleichberechtigte Partner treten auf engstem Raum – eine vollkommene Synthese suchend – in einen wirklichen Dialog. Ein Terrain für Geschwister, Paare und freundschaftlich verbundene Seelen – weniger für titanische Tastenlöwen mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung.

Mozart als Wegbereiter der Gattung

Schon von seinem geltungssüchtigen Vater Leopold etwas plakativ als „Erfinder der vierhändigen Klaviersonate“ präsentiert, zählt Mozart unbestritten zu den Wegbereitern dieser Gattung der hohen Kunst mit überschaubarem Repertoire.
Was für den kleinen Wolferl auf dem Schosse eines Johann Christian Bach beginnt und sich in frühen Kompositionen für das geschwisterliche, durchaus auch publikumswirksame Zusammenspiel fortsetzt, findet in der F-Dur-Sonate KV 497 seine Krönung und Vollendung. Gerne als „Krone der Gattung“ (Einstein) und „gewaltige Seelenlandschaft“ bezeichnet, steht sie zeitlich und thematisch der „Prager“ Symphonie (KV 504), aber auch dem „Don Giovanni“ nahe. Als Mozart sie im August 1786 schreibt, verleiht er der subtilen Bespiegelung in Dur und Moll daher auch symphonische Dimensionen.

Einer Professoren-Tochter gewidmet

Aline Zylberajch und Martin Gester
Aline Zylberajch und Martin Gester

Die Franziska von Jacquin, Tochter des befreundeten Wiener Botanikprofessors, gewidmete C-Dur-Sonate KV 521 übersendet er Ende Mai 1787 – am Todestag seines Vaters – an Gottfried von Jacquin mit den mahnenden Worten: „Die Sonate haben Sie die Güte ihrer frl: Schwester nebst meiner Empfehlung zu geben; – sie möchte sich aber gleich darüber machen, denn sie seye etwas schwer.“ Das virtuose Werk, das den späten Wiener Klavierkonzerten verwandt ist, trumpft gleichfalls mit orchestralem Klang auf, ohne den dank der Solopassagen aller vier Hände – kammermusikalischen Rahmen zu verlassen. Ob er es mit ihr, einer seiner besten Schülerinnen, auf Schloss Waldenburg gespielt hat? Mit Sicherheit.

Präzise Abstimmung und orchestrale Pracht

Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt.
Das Spiel des Pianisten-Ehepaares Aline Zylberajch & Martin Gester lässt bei Mozarts KV 479 & KV 511 keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt.

Das Strassburger Musikerehepaar Aline Zylberajch & Martin Gester (Bild) hat sich nun in ihrer zweiten auf CD veröffentlichen Gemeinschaftsproduktion dieser beiden viel zu selten zu hörenden Sonaten Mozarts angenommen – zusammen mit dem Rondo in a-moll KV 511 (Martin Gester) und dem Andante und Variationen in G-Dur KV 501 (Label K 617).
Ihr Spiel lässt dabei keine Wünsche offen, ist geprägt von präziser Abstimmung, das den weiten Bogen von orchestraler Pracht symphonischen Ausmasses bis zur privaten Intimität mühelos spannt. Das kraftvoll drängende Allegro, die galant singende Melodie, der leise, klagend-resignative Ton, all das spiegelt sich stimmig im blendend hellen Mozart-Sound. Da mag einer sagen, dies komme ihm bekannt vor, jedoch nicht in der Form des auf Salon-Frivolitäten verzichtenden, vertrauten Zwiegesprächs – im ständig wiederkehrenden Suchen und Finden – zweier ebenbürtiger Partner. Damit bietet die CD mit Werken aus der grossen Schaffensperiode (zwischen „Figaro“ und „Don Giovanni“) einen weiteren Höhepunkt Mozart’schen Schaffens – für so manchen sicher eine Entdeckung. ♦

Wolfgang Amadeus Mozart: Grandes Oeuvres à quatre mains (KV 497 & KV 501), Martin Gester and Aline Zylberajch, CD-Label K617 (Harmonia Mundi)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klassische Klaviermusik auch über Leopold Koželuch: Klavier-Sonaten (Band 1)
… sowie zum Thema Kammermusik die Ausschreibungen zu den Kompositionswettbewerben des Alvarez Chamber Orchestra und der Musik-Abteilung der Universität Illinois

Guy Wagner: Die Heimkehr (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Leben als Schlüssel zum Werk

von Christian Busch

Über dem Saal liegt eine atemlose Spannung. In die Stille hinein lauschen Menschen den verklingenden Streichertönen, hie und da schluchzen die Celli, seufzt ein Fagott, die Stille durchbrechend. Erschütterung macht sich breit. In düstersten Klangfarben voll Trauer und Resignation vollzieht sich im letzten Aufbäumen der schmerzvolle Todeskampf bis zum unausweichlichen Ende, der Auflösung im Adagissimo und Pianissimo. Wehmütiger Abschied von der Erde, der geliebten Natur. Am Schluss steigt Gnade auf: eine Vision himmlischen Lebens, der Blick ins Jenseits, die Erlösung? Das Ende von Gustav Mahlers Neunter, der letzten vollendeten Symphonie, erst nach seinem Tod 1912 von Bruno Walter („…der Schluss gleicht dem Verfliessen der Wolke in das Blau des Himmelsraumes“) uraufgeführt, lässt die Zuhörerschaft in höchster Betroffenheit zurück: ein magischer Moment der Wahrhaftigkeit und Entrückung. Das muss man erlebt haben.

Mahler-Musik rührt an innerste Sehnsüchte

Guy Wagner: Die Heimkehr - Vom Sterben und Leben des Gustav Mahler - Rombach Verlag100 Jahre nach seinem Tod haben die Werke von Gustav Mahler nichts von ihrer Aktualität und Wirkung auf den modernen Menschen eingebüsst, scheinen mehr als zuvor unsere innersten Ängste und Sehnsüchte zu berühren. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Warum ist das Leben so leidvoll? Wie schwer ist meine Krankheit? Wofür lebe ich? Wie gehe ich mit meiner Angst vor dem Tod um? Wo finde ich Trost, Gnade oder gar Erlösung? Gründe genug, den tönenden Kosmos des letzten grossen Symphonikers in Worte zu fassen und sich mit seinem Leben und Werk auseinander zu setzen, wie dies Guy Wagner in seinem Roman „Die Heimkehr“ getan hat.

Guy Wagner - Glarean Magazin
Guy Wagner

Am 8. April 1911 bricht der schwerkranke Gustav Mahler zu seiner letzten grossen Reise von New York über Paris/Neuilly nach Wien auf. Die – tagebuchartig protokollierten – letzten 40 Tage schildern (immer wieder unterbrochen durch Rückblenden, Briefe, Aussagen von Zeitzeugen und Verweise auf sein Werk) seine Heimkehr nach Wien, wo der Todkranke seine letzte Zufluchtstätte sucht. „Da ziehen die blassen Gestalten meines Lebens wie der Schatten längst vergangenen Glücks an mir vorüber, und in meinen Ohren erklingt das Lied der Sehnsucht wieder.“ Wie ein Film zieht sein Leben noch einmal in seinen Höhen und Tiefen an ihm vorüber, bis er am 18. Mai im Alter von 50 Jahren an einer unheilbaren bakteriellen Herzerkrankung in Wien stirbt, Endstation eines von vielen Zweifeln, Anfeindungen, Schicksalsschlägen und einigen wenigen Triumphen und Stunden des Glücks geprägten Lebens.

Krankheits- und Lebensgeschichte kontrastierend dargestellt

Musikgewordenes Schicksal: Gustav Mahler (Totenmaske)
Musikgewordenes Schicksal: Gustav Mahler (Totenmaske)

Nicht erst die tiefenpsychologische Analyse von Siegmund Freud hatte die Frage aufgeworfen: War die problematische Verbindung mit Alma („Ach Almschili!“) richtig? Jene fast 20 Jahre jüngere, höchst attraktive Tochter eines Wiener Malers, deren Lebensfreude ihn, den Hofoperndirektor auf dem Gipfel seiner Karriere, beseelte und der er mit dem Adagietto aus der Fünften eine Liebeserklärung machte; die er sich – in seiner körperlichen Defizienz und im Hinblick auf seine Kunst und Aufgaben – zu bändigen gezwungen sah. Sogar das Komponieren verbot er ihr. Darf es ihn da wundern und schmerzen, wenn sie sich – und nicht zum ersten Mal – zu einem jüngeren (Walter Gropius) hingezogen fühlt?

Was bedeuten die Hammerschläge in der Sechsten?

Erinnerungen werden wach an die Uraufführungen seiner Werke, in denen Mahler gelebt hat wie kein zweiter („Erfahrenes und Erlittenes… Wahrheit und Dichtung in Tönen“), besonders an die triumphale Aufführung der Achten Symphonie in München (1’000 Mitwirkende), wo er vor illustrem und zahlreichem Publikum einen strahlenden Erfolg erlebt – warum gab es von diesem Momenten so wenige? Was bleibt von der Liebe zur Erde und den Menschen in all diesen Machtkämpfen, politischen Intrigen und antisemitischen Hetzkampagnen – vor allem in der feinen Wiener Hofgesellschaft – übrig? Was bedeuten die Hammerschläge in seiner Sechsten Symphonie, die Schicksalsschläge, die ihn ereilen? Seine Herzschwäche, das Fremdgehen von Alma, der grausame Tod seines Kindes Putzi (Kindertotenlieder), „warum?“.
In Guy Wagners konsequent Krankheits- und Lebensgeschichte symmetrisch kontrastierender Darstellung gelingt weit mehr als nur ein biographischer Roman: eine sorgfältiger Spiegel der Jahrhundertwende. Der Stand der Medizin, Dualismus, Jugendstil, Neoromantik, Expressionismus, Psychoanalyse, absolute Musik und Antisemitismus finden ihren Niederschlag in der Sprache der zu Wort kommenden Personen, nicht zuletzt der Sprache der häufig zitierten Werke Mahlers. Parallel dazu werden die Frauenbeziehungen, die Stationen seiner Karriere bis zu den Wurzeln seiner familiären Herkunft (die leidende Mutter, der brutale Vater, die sterbenden Geschwister) sichtbar.

Mahlers Leben als Schlüssel zum Verständnis des Werks

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Mahlers Leben als Schlüssel zum Verständnis seines umfangreichen Oeuvres in seinen wesentlichen Etappen und Stationen, Erfolgen und Tragödien zum Leben zu erwecken, dies hat Guy Wagner in seinem jüngst erschienenen, 350 Seiten umfassenden Roman „Die Heimkehr“ mit Dokumenten-Collage auf originelle, sehr dichte und umfassende Weise geschafft.

Mahlers Leben als Schlüssel zum Verständnis seines umfangreichen Oeuvres in seinen wesentlichen Etappen und Stationen, Erfolgen und Tragödien zum Leben zu erwecken, dies hat Guy Wagner in seinem jüngst erschienenen, 350 Seiten umfassenden Roman mit Dokumenten-Collage auf originelle, sehr dichte und umfassende Weise geschafft. Wagner zeichnet Mahler dabei nicht als den Prototyp einer dekadenten Künstlerexistenz, wie sie durch Thomas Manns berühmte Novelle „Der Tod in Venedig“ (1911) und auch später durch Luchino Viscontis kongeniale Verfilmung derselben – untermalt durch Mahlers Dritte und Fünfte – genährt wurde, sondern als den eigenständigen, sich radikal zu seiner Individualität bekennenden Künstler. Es bleibt mehr als eine Ahnung von dem, „in welche Hände die geniale Veranlagung eines jungen Menschen gelegt war, und was im Laufe dieses Lebens das Genie noch werde erleiden müssen.“ (Nathalie Bauer-Lechner) ♦

Guy Wagner, Die Heimkehr – Vom Sterben und Leben des Gustav Mahler, Rombach Verlag, 350 Seiten, ISBN 978-3-7930-9665-8

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über Alexander Joels Interpretation von Mahlers 1. Symphonie (Der Titan): „Luftig-luzider Orchesterklang“

R. Wedler: Unter der Hitze des Ziegeldachs (Gedichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

„Die Wörter befreien sich und tanzen frech“

von Christian Busch

In einer Tonne, einem Weinfass oder auch mit Tieren soll Diogenes im 4. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Um seiner Rolle als Bürgerschreck und Unterhalter gerecht zu werden. Im 21. Jahrhundert lässt sich „Unter der Hitze des Ziegeldachs“ so mancherlei Erhellendes finden und denken, wie Rainer Wedlers gleichnamiger, beim Pop-Verlag erschienener Gedichtband beweist. In diesem erweist sich der bereits mit zahlreichen literarischen Preisen und Ehrungen ausgezeichnete Autor einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen.

Schmucklos-lakonische Texte in vier Zyklen

Rainer Wedler: Unter der Hitze des ZiegeldachsDie kurzen, schmucklos-lakonischen Texte beleuchten in vier Zyklen anhand von scheinbar beiläufig ausgewählten Realien und Motiven die ‚conditio humana’ aus überraschendem Blickwinkel. Zunächst vorsichtig: hinter vorgehaltener Maske, dann mutiger: Was man sich so alles wünscht, schliesslich real: es gibt dies. Im letzten Kapitel „Eigenwillig“ hat es sich konstituiert, das lyrische Ich, in immer klarer werdenden, respektive autobiographischen Konturen. Dabei weist jedes Gedicht über sich hinaus, indem es sich der Begrenztheit von Sprache bewusst ist und sich ihrer doch bedient. So wie jemand, der lebt, weiss, dass sein eigenes Leben nur begrenzt ist und die Möglichkeit unendlich vieler Leben ungenutzt in sich trägt.

Todes-Visionen und die Suche nach dem Sinn

Im ersten Zyklus sind es zunächst Todes-Visionen („nicht zu heilende Krankheit“; „der Tod hat sich bei mir eingehakt“), die als Auslöser für die Suche nach dem Sinn und einem Weg figurieren. Da helfen die verstaubten Bücher nur wenig. Unwillkürlich fällt einem da ein berühmtes Studierzimmer ein, in dem jemand verzweifelte. Beklagt werden die bei Tageslicht bis zur Unkenntlichkeit gebleichten Nachtgedanken und das Joch der Zivilisation („Nachgeborener“). Misantrophisch („zuweilen“; „Attrappen“) schwingt er nicht nur mit Blick auf die Medienwelt die gesellschaftskritische Keule („…zappen wir mit dem nervösen Daumen /Und geben dieses Zucken für Leben aus“) im Angesicht der existentiellen Einsamkeit des Menschen („Die grosse Einsamkeit“), die an der Weltordnung rüttelt. Von der Sehnsucht nach einem erfüllteren, wahrhaftigeren Leben, nach Selbsterkenntnis und Identität, nach einem festen Punkt im ewigen Fortschreiten der Zeit. Kurz: vom Menschen. Gekonnt spielt er mit der Schiffs-Metaphorik, in der er den Ausdruck für das rastlose und nimmermüde Herumirren und -treiben des Menschen findet („das Meer ist eine Frau“). Spricht hier noch der Schiffsjunge Wedler, der nach der Schule nach Afrika fuhr?

Zeugend von aufrichtiger Ernsthaftigkeit

Rainer Wedler erweist sich in seinem Lyrik-Band
Rainer Wedler erweist sich in seinem Lyrik-Band „Unter der Hitze des Ziegeldachs“ einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen. Seine Gedichte dokumentieren eine unbändige poetische Experimentierlust und die philosophische Lust auf das Leben.

So weit und noch weiter gehen diese heiter-spielerischen und doch meist von aufrichtiger Ernsthaftigkeit zeugenden Gedichte, Ergebnis unbändiger poetischer Experimentierlust und der philosophischen Lust auf das Leben. Egal, ob es die Ameise, der Liebesakt oder das Abendmahl ist: Immer spiegeln sie das Leben in seinen mannigfaltigen Wirklichkeiten wider, variieren verschiedene Identitäten, die des Schiffsjungen, des Begehrenden, Abschied nehmenden, des Ehepartners oder auch liebenden Vaters. Da erschrecken die Liebenden vor der „gefährlichen Schlucht in ihren Augen“. Doch immer gilt: „die Wörter befreien sich / und tanzen frech / mit den Gedanken / die ausgebrochen sind / aus ihrem Zuchtgehäuse.“
Rainer Wedler erweist sich hier einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen. Die spielerisch-heiteren und doch meist von aufrichtiger Ernsthaftigkeit zeugenden Gedichte dokumentieren eine unbändige poetische Experimentierlust und die philosophische Lust auf das Leben. ▀

Rainer Wedler, Unter der Hitze des Ziegeldachs – Lyrik, 136 Seiten, Pop-Verlag, ISBN 978-3-86356-010-2

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über
Rainer Wedler: Einen Fremden grüsst man nicht (Gedichte)

Ingo Harden: Klassische Musik

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Crashkurs in Sachen Klassik

von Christian Busch

In seiner Reihe „Kurze Geschichte in 5 Kapiteln“ veröffentlicht das Verlagshaus Jacoby&Stuart verschiedene Bände mit kompakt angeordnetem und anschaulich illustriertem Wissen, jeweils 5 Kapitel zu einem wichtigen geschichtlichem Thema. Die Reihe wendet sich an ein jüngeres Publikum und hat sich zum Ziel gesetzt, mehr als ein – im Zeitalter des Internet längst obsolet gewordenes – Lexikon zu bieten: Orientierung in der Fülle der Informationen, Einordnung in grössere Zusammenhänge, aber auch zugespitzt formulierte Thesen zu Streitfragen in der modernen Forschung. Bildung aus einem Guss sozusagen.

Anschaulich und lesefreundlich

Ingo Harden - Klassische Musik - Kurze Geschichte in 5 Kapiteln (Verlag Jacoby Stuart)Für den Band „Klassische Musik“ zeichnet kein Geringerer als Ingo Harden verantwortlich – längst eine Legende unter den Rezensenten und Kritikern klassischer Musik. Ob er der Geeignete ist für einen solchen Crashkurs, mag man sich fragen, denn tatsächlich beschränkt sich das Bändchen auf nur knapp 200 Seiten Text, wenngleich sehr anschaulich und lesefreundlich präsentiert, durch viele Illustrationen, Zeitleisten, Literaturangaben sowie ein Personen- und Sachregister ergänzt.
Dass die Gliederung des historisch ambitionierten Bandes in manchen Punkten geradezu a-historisch ist, mag zunächst verwundern, doch anders wäre eine Einteilung in die – für die Reihe offensichtlich vorgegebenen – fünf Kapitel nicht realisierbar:

1. „Die Entdeckung des Individuums – Musik der Barockzeit (Monteverdi bis Bach/Händel)
2. Musik als Spiegel der Seele – Der Anbruch der klassisch-romantischen Ära (Von Haydn bis Beethoven/Schubert)
3. „…die romantischste aller Künste“ – Ein Stil gewinnt Weltgeltung (Von den Frühromantikern bis Mahler)
4. Das klingende Welttheater – Ohne Oper geht es nicht.(Von Monteverdi bis zu Wagner und dem Verismo)
5. Revolution und Evolution – Musik nach der dritten grossen Stilwende (Neue Musik bis zum „Alles ist möglich“ – Musik zwischen Serialität und Aleatorik)

Überblick auf die musikgeschichtlichen Strömungen

Natürlich könnte es von unterschiedlichen Seiten her Einspruch gegen diese Einteilung geben, doch wer z.B. die knapp sieben Seiten über Beethoven liest, wird dort in äusserst konzentrierter Form die wesentlichen Pfeiler seiner Existenz, seines Denkens, seiner Musik, seiner Wirkung auf Zeitgenossen und Nachwelt und nicht zuletzt seiner kompositorischen Sprengkraft finden. Ein Kosmos in Miniaturformat, dessen tiefe Wurzeln bei Bach und dessen weitreichende Bedeutung bis Bruckner und noch weiter sichtbar werden.

Der musikgeschichtliche Abriss
Der musikgeschichtliche Abriss „Klassische Musik“ von Ingo Harden liefert einen kompakten und sehr kompetenten Überblick über Entwicklungen und Strömungen, über grosse und bedeutende Komponisten, über epochale und Meilensteine der Musikhistorie.

In Anbetracht des sich selbst gesetzten, sehr realistischen Zieles prallt jegliche Kritik an der Ausgabe ab, weshalb sie auch uneingeschränkt zu empfehlen ist. Der Band liefert einen überschaubaren Überblick über musikgeschichtliche Entwicklungen und Strömungen, über grosse und bedeutende Komponisten, über epochale und Meilensteine der Musikhistorie. So wenig erschöpfend er konzipiert ist, so wenig „erschöpft“ er auch den Leser, indem er zu weiterer Beschäftigung Anreize gibt: Ein Baustein zur Geschichte der Menschheit und der menschlichen Kultur – zu einem erschwinglichen Preis. „Dem Fertigen ist nichts recht zu machen / Der Werdende wird immer dankbar sein“… (Goethe, Faust I). ♦

Ingo Harden: Klassische Musik (in: Kurze Geschichte in 5 Kapiteln), 220 Seiten, Jacoby & Stuart Berlin, ISBN 978-3-941087-96-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musikgeschichte auch über
Bärenreiter: Lexikon Musik und Gender (Musikgeschichte im Fokus des Weiblichen)

… und lesen Sie zum Thema Komposition auch über den
Kompositionswettbewerb Uuno-Klami 2019

Torsten Wohlleben: Ausgerockt (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Unsanfte Landung in der Wirklichkeit

von Christian Busch

Es gibt Menschen, die nach einem zerplatzten Traum keine  Kraft für einen zweiten haben. Denen das Mittelmass nicht zum Selbstbewusstsein reicht. Für die es keine Wege zu geben scheint, noch nicht einmal falsche. Die nicht einmal im Internet wissen, was sie suchen könnten. Die, wenn ihnen das Schicksal ein Sprungbrett hinhält, auf dem Schlauch stehen. Die es nicht schaffen, das Mädchen, das sie gerade kennen gelernt haben, nach ihrer Telefonnummer oder ihrem Namen zu fragen. Deren Anblick weder zum Lachen noch zum Weinen reicht, und denen das Nichts ein vertrauter, ständiger Begleiter in Form von ein paar Flaschen Bier und einer Pizza ist. Es gibt sie. Und gerade in Torsten Wohllebens neuem Roman „Ausgerockt“.

Single, 32, Flaschensortierer

Torsten Wohlleben - Ausgerockt - Roman - Schünemann VerlagVon einem solchen handelt Torsten Wohllebens dritter, in Bremen spielender, bemerkenswerter Roman „Ausgerockt“. Natürlich hat die Literatur-Szene, auch die aktuelle, schon schillerndere Gestalten gesehen als Linus Keller. Linus ist 32, Single, Vertreter der Thirtysomething-Generation, verkannter Rockmusiker (moderne Variante der Bremer Stadtmusikanten?) und Gelegenheits-Flaschensortierer. Was macht ein Autor mit so einem zwar sympathischen, liebenswürdigen, aber doch eben etwas weltfremden Schluffi, wenn er ihn zum Protagonisten seines immerhin 250 Seiten füllenden Roman bestimmt hat?  Und: Wie schafft er es, ihm eine positive Entwicklung anzudichten?
Da ist zunächst Kumpel Holger, immer da, wenn Linus ihn nicht braucht – ein würdiger Vertreter der SMS-Generation, ehemaliges Bandmitglied und nervig-spleeniges Faktotum, das Linus mit seinen skurrilen Protest-Aktionen gegen die von MTV und DSMS vereinnahmte Medienwelt aus seiner Lethargie – und dann beinahe in den Abgrund – mitreisst. Und der es am Ende fast noch schafft, Linus als medialen Giganten zu etablieren.

Eine wunderschöne Liebesgeschichte

Torsten Wohllebens Roman ist eine grundehrliche, ernsthafte, sehr bodenständige und doch sympathisierende Auseinandersetzung mit der sog. Thirtysomething-Generation.
Torsten Wohllebens Roman ist eine grundehrliche, ernsthafte, sehr bodenständige und doch sympathisierende Auseinandersetzung mit der sog. Thirtysomething-Generation.

Aber vor allem ist da eine wunderschöne Liebesgeschichte: Jana heisst sie. „Beim Internet muss man schon was anklicken. Das geht nicht von allein weiter“, sagt sie ihm bei ihrer ersten zufälligen Begegnung im Internet-Café. Und es ist tatsächlich ein kunstvoll geglückter Balance-Akt nötig, um Wohllebens passiven Helden und die schöne Jana zusammenzubringen; ein paar Zufälle und ein starker Kaffee allein reichen da nicht, bis er sie – endlich – küsst. Friedlich findet sie ihn, als sie ihn beim Schlafen beobachtet. So kehrt etwas Neues, bisher Unbekanntes in Linus’ Leben ein: das Glück. Das Glück, das ihm eine Träne entlockt. Die Träne, die er beim Tod seiner Stieftochter Hanna, nicht vergiessen konnte – im Gegensatz zu seinem in die USA ausgewanderten Halbbruder Mark. Jana schafft es sogar, dass Linus schliesslich – mit der Hilfe einiger Freunde – sein eigenes Café eröffnet. Doch auch die Liebe macht aus Linus kein Alpha-Männchen. Linus wäre nicht Linus, wäre der Rückfall nicht schon vorprogrammiert. Es kommt, was kommen musste: Linus stürzt erneut ab – unsanfte Landung in der Wirklichkeit. Doch Übung macht den Meister, das hofft auch Linus. Fortsetzung folgt?

Torsten Wohllebens Roman ist eine grundehrliche, ernsthafte, sehr bodenständige und doch sympathisierende Auseinandersetzung mit der bereits erwähnten Thirtysomething-Generation. Dem Autor gelingt die schmale Gratwanderung zwischen unterhaltsamer und realistischer Prosa; vor allem die mal atemlos Nähe herstellende, mal augenzwinkernd menschliche Schwächen berührende Liebesgeschichte ist ihm gelungen. ♦

Torsten Wohlleben, Ausgerockt, Roman, 280 Seiten, Carl Schünemann Verlag Bremen, ISBN 978-3-7961-1970-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „SMS-Generation“ auch über den neuen Duden: Wörterbuch der Szenesprachen

… sowie über den neuen Roman von Isabelle Stamm: Schonzeit

Jessica Riemer: Rilkes Frühwerk in der Musik

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod

von Christian Busch

Rainer Maria Rilke gehört zu den deutschen Dichtern, deren Werke bis heute nichts von ihrer Wirkung und Präsenz eingebüsst haben. Seine Gedichte erscheinen moderner und zeitloser denn je, von hellsichtiger Klarheit und unerschöpflichem Reichtum, so dass selbst die analytische Literaturwissenschaft sie noch nicht endgültig fassen und „erledigen“ konnte. Und spielt Rilkes vielleicht berühmtestes Gedicht „Herbsttag“ (aus dem „Buch der Bilder“) nicht auf die Verfassung des modernen Menschen an? Auf die Zeit der Einsamkeit, des „Wachens“ und „Lange-Briefe-Schreibens“, in der man unruhig in den „Alleen zwischen treibenden Blättern“ hin und her „wandert“? Auf die Suche nach Antworten auf Fragen, die sich aus der Konfrontation mit Tod und Vergänglichkeit unweigerlich stellen, doch in der schrillen Medienwelt tabu sind?

Jessica Riemer: Rilkes Frühwerk in der Musik - Rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen zur Todesthematik, Universitätsverlag WinterUm sich Rilke und seinem Werk weiter zu nähern, bedarf es daher vieler und vielfältiger Wege. Jessica Riemer geht in ihrer umfangreichen, sehr fundierten und beziehungsreichen Arbeit den Weg über die Rezeptionsgeschichte und die Rezeptionsästhetik mit dem Schwerpunkt auf dem Frühwerk und der Todesthematik. Eine besondere Berücksichtigung erhalten die zahlreichen musikalischen Vertonungen, denen Rilkes Texte als Inspiration, Thema oder Deutung zu Grunde liegen. Sie alle dokumentieren die Modernität, Aktualität und Zeitlosigkeit von Rilkes Texten.

Rilkes ambivalenter Todesbegriff

Rilke-Grab auf dem Bergfriedhof Raron (Schweiz)
Rilke-Grab auf dem Bergfriedhof Raron (Schweiz)

Von massgeblicher Bedeutung ist zunächst Rilkes eigener ambivalenter Todesbegriff, der „eigne“ und der „kleine“ Tod, der in der nur wenig beachteten Erzählung „Das Christkind“ (1893) thematisiert wird. Vor dem Hintergrund seiner grossen Affinität zum Tod unterscheidet er den „eignen“ oder vollkommenen Tod, der als Teil des Lebens akzeptiert wird („Der Tod wächst aus dem Leben nämlich heraus wie eine Frucht aus einem Baum“) vom „kleinen“ Tod, dem Sterben in anonymisierter, den Tod leugnender Form.
Die enge Verbindung von Tod und Leben setzt sich fort in der an Sigmund Freud orientierten Dialektik von Lebens- (Eros) und Todestrieb (Thanatos). Der Tod in der Schlacht von Cornet, dem Titelhelden der Prosadichtung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph“, erscheint als letzte Steigerung des Lebensgefühls, unmittelbar nach der Liebesnacht mit der Gräfin.

Musikalische Rezeption nach dem Krieg

Nach einem Verweis auf die unsägliche Rezeption im Nationalsozialismus, aber auch schon im 1. Weltkrieg, beschäftigt sich Jessica Riemer in der Folge ihrer nun deutlich interdisziplinär angelegten Arbeit mit der äusserst umfangreichen musikalischen Rezeption nach 1945, von denen hier nur einige genannt werden können.
Rilkes Gedicht „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod“ aus dem Stundenbuch wird in Karl Schiskes 1946 komponiertem Oratorium „Vom Tode“ zum Leitmotiv und roten Faden, das im Epilog die höchste Steigerung in der Schlussfuge erfährt. Im „eignen“ Tod erfährt das lyrische Ich die Erlösung, die Schiskes im Krieg verstorbenen Bruder (der „kleine“ Tod) versagt blieb.

Dmitri Schostakowitsch (Hörbeispiel auf Youtube:
Dmitri Schostakowitsch (Hörbeispiel auf Youtube: „Der Tod des Dichters“ / 14. Sinfonie)

Ein weiteres Beispiel – auch für die enge Verwandtschaft von Musik und Literatur – erläutert die Autorin in der 1969 uraufgeführten „Symphonie vom Tode“ (Nr. 14 op. 135) von Dimitri Schostakowitsch, in welcher der Komponist die Unterdrückung des Künstlers in der sozialistischen Gesellschaft anprangert. Krankheit, Unterdrückung und Todesangst prägen Schostakowitsch in dieser Zeit, und auch sein Werk, seine Todesauffassung – entgegen der von Rilke – bleibt rein pessimistisch. Die Interferenz entsteht dann auch durch Rilkes Gedicht „Der Tod des Dichters“ aus den Neuen Gedichten.

Der Tod als höhere Stufe des Lebens

Die Analyse der 2005 uraufgeführten Symphonie Nr. 8, im Untertitel „Lieder der Vergänglichkeit“ genannt, von Krzysztof Penderecki bringt wieder eine stärkere und engere Identifikation mit Rilkes Botschaften zum Vorschein. Auch hier fungieren in der Thematik von Herbst, Vergänglichkeit und Tod seine Gedichte „Ende des Herbstes“ und der berühmte „Herbsttag“ als roter Faden. Penderecki teilt Rilkes Auffassung vom Tod als höhere Stufe des Lebens, die sich in seiner Symphonie wie ein persönliches, religiöses Glaubensbekenntnis widerspiegelt.
Auch die Liederzyklen von Rilkes Freund Ernst Krenek und Alois Bröder stellen den Prozess von Werden und Vergehen als einen Kreislauf dar und betonen somit Rilkes ambivalentes Todesverständnis, welche musikalisch durch Dur- und Moll-Wechsel und das Gegenüberstellen von dynamischen Kontrasten umgesetzt sind.
Im letzten Kapitel ihrer Arbeit geht Riemer auf die 20(!), jeweils höchst unterschiedliche Rilke-Rezeptionen offenbarende Vertonungen von Rilkes Cornet ein. Unter diesen nimmt das den Tod als Erlösung interpretierende Konzertmelodram des in Theresienstadt inhaftierten Victor Ullmann – nicht nur auf Grund der Umstände – eine Sonderstellung ein.

Jessica Riemers Untersuchung von Rilkes Frühwerk in der Musik ist ein Zeugnis jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Dichter, seinen Texten und Rezipienten.
Jessica Riemers Untersuchung von Rilkes Frühwerk in der Musik ist ein Zeugnis jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Dichter, seinen Texten und Rezipienten.

Jessica Riemers nahezu enzyklopädische Arbeit über Rilke und dessen Rezeption stellt nicht nur wegen der interdisziplinär geführten Darstellung einen Meilenstein in der Rilke-Forschung dar. Sie ist Zeugnis einer jahrelangen, intensiven und kompetenten Auseinandersetzung mit dem Dichter, seinen Texten und Rezipienten, wobei der Prozess der sukzessiven Erhellung den Leser aus dem Staunen nicht herauskommen lässt. Eindrucksvoller lässt sich die Aktualität, Modernität und Zeitlosigkeit von Rilkes polyvalente Deutungsoptionen bietenden Texten nicht untermauern. ♦

Jessica Riemer: Rilkes Frühwerk in der Musik, Rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen zur Todesthematik, Universitätsverlag Winter, 552 Seiten, ISBN 978-3-8253-5698-9


Christian Busch - Glarean MagazinChristian Busch

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Tod in Literatur und Musik“ auch über den Krimi von Roland Stark: Tod in zwei Tonarten

Ausserdem im Glarean Magazin zum Thema Musik und Literatur über Mauricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett