Thomas O. H. Kaiser: Klaus Mann (Biographie)

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Gute Recherche, in schlechte Form gegossen

von Bernd Giehl

Sagen wir es mal so: Das Buch von Thomas O. H. Kaiser: Klaus Mann hätte was werden können. Ein richtig gutes Buch hätte es werden können. Eines, das auch Interesse bei einem Leser weckt, der Klaus Mann nur als den berühmten Sohn eines noch berühmteren Vaters kennt. Vermutlich hätte der Autor dazu nur dem Vorbild von Marcel Reich-Ranicki folgen müssen, der einen Aufsatz über Klaus Mann mit folgenden Sätzen einleitet: „Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn von Thomas Mann. Also war er dreifach geschlagen.“ So erweckt man Aufmerksamkeit und zwingt den Leser förmlich dazu weiterzulesen.

Thomas O. H. Kaiser: Klaus Mann - Ein Schriftsteller in den Fluten der Zeit - Bestandesaufnahme und kritische Würdigung von Leben und WerkDass Klaus Manns Leben es wert ist, nacherzählt zu werden, zeigt Autor Dr. Thomas O.H. Kaiser auf fast jeder Seite. Geboren als ältester Sohn des berühmten Schriftstellers Thomas Mann – nur seine Schwester Erika war ein Jahr älter – wächst Klaus Mann in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Der Vater darf nicht gestört werden – er ist schließlich ein wichtiger Mann, der ein „Werk“ schafft –; die Mutter ist oft leidend und einmal für mehrere Monate in einem Lungensanatorium in der Schweiz.

Von Dienstmädchen großgezogen

Und so wachsen Klaus Mann und seine fünf Geschwister in der Obhut von allerlei Dienstmädchen auf. Seine Distanz zum Vater ist entsprechend groß; wo Thomas Mann durch und durch bürgerlich ist, gibt Klaus Mann den Bohemien. Wo der Vater versucht, seine Homosexualität zu verbergen, lebt der Sohn sie offen aus. Er wird Schriftsteller wie sein Vater und tritt so in offene Konkurrenz zu einem, der sich selbst in der Nachfolge Goethes sieht und schon mit 54 Jahren den Nobelpreis bekommt. Er will alles vom Leben und legt sich dabei – anders als der Vater – keine Zügel an. In vielem, auch in seiner Drogensucht ist er maßlos. Grenzen existieren nicht für ihn. Das hat er spätestens in dem halben Jahr an der Odenwaldschule ausgetestet, wo er – vom Unterricht freigestellt – tun und lassen konnte, was er wollte (1922/23). Und dann kommen, als Klaus Mann gerade mal 27 Jahre alt ist, die Nazis an die Macht und die haben für einen bekennenden Schwulen und eher links orientierten Schriftsteller, der in seinen Werken tabuisierte Themen wie Homosexualität und Inzest behandelte, natürlich keine besonderen Sympathien, so dass Klaus Mann, ebenso wie sein Vater Thomas und sein Onkel Heinrich Mann – auch dieser ein berühmter Schriftsteller – im Frühjahr 1933 ins Exil geht.

Kein tragendes Prinzip der Biographie gefunden

Originär, schwul, genial: Klaus Mann (1906-1949)
Originär, schwul, genial: Klaus Mann (1906-1949)

Es ist ein spannendes Leben, das Kaiser sich zum Thema genommen hat. Wie schon gesagt: Es hätte etwas werden können. Nur hätte Thomas Kaiser in dem Fall seinem Hang zur Ausschweifung Zügel anlegen müssen. Natürlich kann man im Vorwort das Interesse an seinem Forschungsgegenstand begründen, nur sollte man dann nicht bei der Suche nach den verschwiegenen Außenstellen der Konzentrationslager in Südniedersachsen, der Heimat des Autors beginnen. Von dort ist es ein weiter Weg bis zum Schriftsteller Klaus Mann. Womöglich wäre das ja nicht der Erwähnung wert, wenn es nicht symptomatisch wäre für dieses Buch. Der Autor findet kein tragendes Prinzip, um seinen Stoff zu gliedern. 800 Fußnoten auf 380 Seiten Text – das ist zumindest ein Indiz, dass hier etwas nicht in Ordnung sein kann. Und wenn man dann noch sieht, dass die Fußnoten um ein Mehrfaches länger sind als der Text, sollte man sich vielleicht doch einmal überlegen, ob hier das Verhältnis noch stimmt.

Gute Inhalte, schlechte Verpackung

Es ist schade um den Stoff, den sich Klaus-Mann-Biograph Thomas O.H. Kaiser vorgenommen hat. Denn Autor Kaiser hat offensichtlich genau recherchiert und viel Mühe aufgewandt, um den Spuren seines Helden quer durch Europa zu folgen. Es steckt eine Menge Arbeit in diesem Buch. Leider hat der Autor aber nicht die Form gefunden, das Leben von Klaus Mann so zu präsentieren, dass man bis zum Ende durchhält.
Es ist schade um den Stoff, den sich Klaus-Mann-Biograph Thomas O.H. Kaiser vorgenommen hat. Denn Autor Kaiser hat offensichtlich genau recherchiert und viel Mühe aufgewandt, um den Spuren seines Helden quer durch Europa zu folgen. Es steckt eine Menge Arbeit in diesem Buch. Leider hat der Autor aber nicht die Form gefunden, das Leben von Klaus Mann so zu präsentieren, dass man bis zum Ende durchhält.

Diese Fußnoten haben etwas Eigenartiges. Manchmal sind es Nebengedanken, die dem Autor ebenfalls noch wichtig sind (wie das auch sonst bei Fußnoten oft der Fall ist), oft jedoch fächern sie einen Gedanken des Haupttextes noch einmal auf. Man fragt sich dann, warum der Autor ihren Inhalt nicht einfach in den Haupttext übernommen hat. Manches hätte er sich auch einfach sparen können, so z.B. die ausführlichen Informationen zu den verschiedenen Nazis, die er erwähnt, die aber keine besondere Rolle im Leben von Klaus Mann spielen, anderes dagegen ist für das Verständnis der Hauptpersonen wichtig. Und so macht er es dem Leser schwer, der keine allzu große Lust hat, einen halben Satz des Haupttextes zu lesen, dann zur Fußnote zu springen, dann wieder einen Halbsatz zu lesen, ehe er sich mit der nächsten Fußnote auseinandersetzen muss. Auf diese Weise vergrault man auch gutwillige Leser.
Es ist schade um diesen Stoff. Thomas O. H. Kaiser hat offensichtlich genau recherchiert und viel Mühe aufgewandt, um den Spuren seines Helden quer durch Europa zu folgen. Es steckt eine Menge Arbeit in diesem Buch. Leider hat der Autor aber nicht die Form gefunden, das Leben von Klaus Mann so zu präsentieren, dass man bis zum Ende durchhält. ■

Thomas O. H. Kaiser: Klaus Mann – Ein Schriftsteller in den Fluten der Zeit, 500 Seiten, Books on Demand, ISBN 978-3738611410

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Biographie auch über Christian Linder:
Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils – Heinrich Böll

… und außerdem zum Thema Autobiographie auch über
Eric Baumann: Einen Sommer noch

Bernd Giehl: Die Zeitungsente (Parabel)

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Die Zeitungsente

Bernd Giehl

Dr. Conrad von Mayr saß gerade mit seiner Geliebten, der Baronin von Scharfenstein-Ohlenhorst, beim Frühstück, als es an der Tür klingelte und eine halbe Minute später ein Zeitungsjunge, halb ohnmächtig vor Aufregung durch die Tür zum Esszimmer witschte. „Der Herr Doktor wünscht beim Frühstück…“ konnte der Diener, der hinter ihm hergelaufen und ihn gerade noch am Ärmel seines Jacketts zu fassen bekommen hatte, noch hervorbringen, aber der Junge in der kurzen Hose, die Ballonmütze immer noch auf dem Kopf, war schon ins Zimmer gestürzt, wo der Doktor und die Baronin beim Frühstück saßen. „Herr Doktor, verzeihens bitte, der Herr Chefredakteur…“ – „…ich bin der Chefredakteur“ fiel ihm Mayr ins Wort –  „…der Herr Generaldirektor…“ – „den gibt es bei uns nicht…“ Der arme Kerl war jetzt so sehr den Tränen nahe, dass Mayr nicht anders konnte als aufzustehen und dem Diener ein Zeichen zu geben, er solle ihn loslassen, was der auch tat, woraufhin er selbst den Bengel am Arm nahm und auf einen Stuhl setzte, den er vom Tisch weggezogen hatte. „Magst a Semmel?“ fragte er den verdutzen Jungen, dem schon verdächtige Spuren im Gesicht schimmerten. Mit einer Handbewegung wies er den Diener an, noch ein Gedeck aufzulegen. Der Junge – er mochte vielleicht vierzehn Jahre alt sein – holte sein Taschentuch heraus und wischte sich die Tränen vom Gesicht.
Dann nahm er einen neuen Anlauf. „Der Herr Dr. Moellendorff schickt mich, weil der Erzherzog ist tot, steht in der Zeitung und keiner hat’s gewusst.“ Im nächsten Moment zog er die reichlich zerknitterte „Illustrierte Kronen Zeitung“ aus der Tasche seiner Jacke und reichte sie dem verdatterten Mayr. Ein Blick auf die Titelseite genügte. In großen Lettern stand dort: „Thronfolger in Sarajewo durch Bombenattentat ermordet.“ Darunter ein Foto der Limousine, in der Erzherzog Franz-Ferdinand und seine Gemahlin Sophie durch eine Hauptstraße Sarajewos fuhren. Sowohl der Wagen als auch seine vier Insassen sahen noch unversehrt aus. „Warum weiß ich nichts davon?“ donnerte der Chefredakteur. Alle drei, die Baronin, der Zeitungsjunge und der Diener fuhren zusammen; so heftig donnerte Mayrs Faust auf den Tisch. Dem Jungen standen schon wieder die Tränen im Gesicht. „Am Nachmittag des 27. Juni“, las er mit lauter Stimme vor, „wurde der österreichische Thronfolger und seine Gattin Sophie von Hohenberg durch den zwanzigjährigen Bosnier Gabriel Prinz – kein Bosnier heißt Gabriel Prinz – ermordet. Der Thronfolger und seine Gemahlin fuhren im offenen Wagen, als Prinz, der am Straßenrand stand, unter seinen Mantel griff und eine selbstgebaute Bombe in den Fonds des Wagens schleuderte, in dem Seine Kaiserliche Hoheit und Prinzessin Sophie …“ Im nächsten Augenblick versagte Mayr die Stimme. Die Baronin saß wie versteinert auf ihrem Stuhl, der Diener bückte sich nach den Scherben des Gedecks, das er fallen gelassen hatte, aber auch er erstarrte in der Bewegung, nur der Zeitungsjunge schluchzte hemmungslos. „Sie sind tot.“ „Eine Droschke“, brüllte Mayr den Diener an, der sich langsam wieder aufrichtete; „eine Droschke zur Redaktion. Aber subito. – Verzeihen Sie, meine Liebe,“, wandte er sich dann an die Baronin. „Aber ich bitte dich“, erwiderte die und fügte hinzu: „Seit wann siezen wir uns?“ Im nächsten Moment lief sie feuerrot an. „Aber natürlich. Nehmen Sie auf mich keine Rücksicht. Tun Sie so, als wäre ich gar nicht da.“

*

Hochrot im Gesicht, als ob er kurz vor einem Schlaganfall stünde, stürzte Chefredakteur Conrad von Mayr durch die Redaktionsräume der „Illustrierten Kronen Zeitung“. Die Redakteure und Sekretärinnen bückten sich tief über ihre Schreibmaschinen und Formulare. „Wo ist der Schuft? Wer hat das verbrochen? Wo ist Moellendorff?“ Im nächsten Augenblick wurde eine Tür aufgerissen und die untersetzte Gestalt des stellvertretenden Chefredakteurs Konstantin Moellendorff wurde sichtbar. „Hier bin ich, Herr Geheimrat“. „Warum haben Sie mich nicht…“ – und dann brach Mayr ab, als sei ihm jetzt erst bewusst geworden, dass die ganze Redaktion seinen Ausbruch mitbekam. „Kommen Sie mit in mein Büro“.
„Warum weiß ich nichts davon?“ fuhr er seinen Stellvertreter an, als sie im Zimmer des Chefredakteurs standen und Moellendorff die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er hielt seinem Stellvertreter die Zeitung, die der Bote ihm gebracht hatte, so dicht unter die Nase, dass dieser zurückwich, als ob der andere ihm die Zeitung ins Gesicht geschlagen hätte. „Herr Geheimrat hatten ausdrückliche Anweisung gegeben, an diesem Abend nicht gestört zu werden.“ „… außer im Fall, dass der Krieg ausbricht“, hatte der Herr Geheimrat noch hinzugefügt, und sie hatten beide gelacht. Es musste schließlich niemand von seinem Techtelmechtel mit Baronin Carla erfahren, deren Mann für ein paar Tage zum Manöver in Baden weilte. Der Zeitungsjunge, er musste unbedingt noch einmal mit dem Zeitungsjungen sprechen. Ein paar Kronen würden die Sache wahrscheinlich regeln. Falls er die Dame überhaupt kannte. So eine Duellforderung konnte unangenehm werden. Später.
„In so einem Fall möchte ich unverzüglich informiert werden.“ Seine Stimme klang jetzt fast schon wieder amtlich. „Ich hoffe zumindest, dass Sie Ihres Amtes gewaltet haben.“
„Was meinen Herr Geheimrat mit ‚meines Amtes gewaltet‘?“ Mayr registrierte, dass Moellendorffs Stimme gepresst klang. „Ich meine damit, dass Sie sich unverzüglich mit unserem Korrespondenten in Sarajevo und dem Hof hier in Wien in Verbindung gesetzt haben. Schließlich kann so eine Meldung auch eine plumpe Fälschung sein. Von interessierten Kreisen in die Welt gesetzt.“
Moellendorffs Schweigen sagte alles.
„Dann werden Sie das jetzt unverzüglich tun. Über die Konsequenzen für Ihr unverzeihliches Verhalten reden wir später.“ Hauptsache, das alles hatte keine Konsequenzen für ihn.

*

Die Telegrafen in der Redaktion ratterten auf Hochtouren. Eine halbe Stunde später war die Verwirrung vollkommen. Der Korrespondent in Sarajevo hatte bestätigt, dass er das Attentat zwar nicht mit eigenen Augen gesehen hatte; er hatte etwa 500 Meter von dem Ort, an dem es passiert war, gestanden, dass er aber die Aufregung und die Panik der Menge bemerkt und versucht hatte, sich durchzudrängen. Das Durcheinander sei unbeschreiblich gewesen. Zunächst habe es für ihn und den Fotografen kein Durchkommen gegeben, und als sie schließlich am Ort des Geschehens angekommen seien, hätten sie das schwer beschädigte Automobil, in dem der Erzherzog und seine Gemahlin gesessen hatten, mit eigenen Augen gesehen. Die beiden Toten seien allerdings zu diesem Zeitpunkt schon abtransportiert worden.
Anders dagegen der kaiserliche Hof. Kronprinz Franz-Ferdinand und seine Gemahlin, die Gräfin von Hohenburg befänden sich tatsächlich in Sarajevo, aber die Truppenparade der Armee seiner Kaiserlichen Majestät, die Seine kaiserliche Hoheit abnehmen werde, finde erst am heutigen Tag, dem 28. Juni statt und von einem Attentat sei dem Hof nichts bekannt. Man werde sich jedoch unverzüglich mit der Dienststelle der k.u..k. Polizei in Sarajevo in Verbindung setzen und empfehle der Redaktion der „Illustrierten Kronenzeitung“ das ebenfalls zu tun. Mit vorzüglicher Hochachtung. Gez. v. Meyrink, Erster Sekretär.

*

Die komfortable Gräf-&Stift-Limousine mit dem Kronprinzenpaar im offenen Fonds rollt den Äppelkai von Sarajevo entlang. Gräfin Sophie beugt sich zu ihrem Gatten. „Es gibt Gerüchte von einem Attentat, das gestern auf uns verübt worden sei. Glaubst du, wir sind wirklich sicher?“ Der Erzherzog legt beruhigend die Hand auf ihren Arm. „Ach, Sophie, du musst nicht immer allen Dummschwätzern und Zeitungsschreibern glauben. Du kannst ganz beruhigt sein; die Polizei wird schon für unsere Sicherheit sorgen.“
In diesem Moment biegt die Wagenkolonne auf die Lateinerbrücke ein. ♦


Bernd Giehl

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, verschiedene literarische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

Lesen Sie im GLARAN MAGAZIN auch Kurzprosa von

Bernd Giehl: Museumsreif (Satire)

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Museumsreif

Bernd Giehl

August 2013
Neulich habe ich mir so ein Dings… so ein tragbares Telefon… na Sie wissen schon, was ich meine… angeschafft. So ein kleines Teil, das man in die Jackentasche stecken und mitnehmen kann. Notfalls auch auf die Kanzel. Falls der liebe Gott gerade anruft. Der spricht nämlich nicht so gern auf Anrufbeantworter.
Aber es muss ja nicht gleich der liebe Gott sein. Der ruft eher selten an. Kann ja auch die Pietät sein, die sich beschwert, dass sie mich schon wieder nicht erreichen kann. Wo ich denn gewesen sei. ‚In Gedanken‘, konnte ich ja schlecht sagen, auch ‚beim Waldspaziergang‘ hört sich nicht gut an, also behauptete ich, ich hätte einen Krankenbesuch gemacht. Ich solle mir endlich mal einen Anrufbeantworter anschaffen, forderte der unverschämte Kerl.  Dann könne er mir wenigstens eine Nachricht darauf hinterlassen. Ich sehe mir mein altes schwarzes Telefon an, bei dem ich den Hörer tatsächlich noch auf die Gabel legen kann, und denke: Ob das funktioniert? Na, jedenfalls drehe ich lieber die Wählscheibe, als irgendwelche Tasten zu drücken.
Leider bin ich kein Held.  Meine Hartnäckigkeit beim „Nein“ sagen hält sich in Grenzen.  Als drei Tage später auch noch der Dekan anrief und mir sagte, die Pietät habe sich beschwert, ich sei nie zu erreichen, wusste ich, was die Stunde geschlagen hat. Aber ein wenig Selbstachtung brauche auch ich. Wir einigten uns schließlich darauf, dass ich künftig per E-Mail zu erreichen sei. Also kaufte ich mir  einen Computer („PC“ sagen die Kollegen dazu) ließ mir von einem Bekannten Internet und E-Mail einrichten und meldete mich beim Kurs  „Windows for silverheads“ an. Ob ich das als Arbeitszeit verbuchen und dafür weniger Religionsunterricht geben könne, fragte ich den Chef. Der lächelte nur müde. Als ich die erste E-Mail empfing (sie kam vom Dekan, der mir gratulierte), war ich stolz.
Auf dem nächsten Treffen der Pfarrerschaft fragte er mich, wie ich denn mit meinen neuen Computer (er sagte natürlich auch „PC“) zurechtkäme. Ich erzählte ihm von meinen Fortschritten. Mittlerweile wagte ich mich nämlich auch schon ins Internet (auch das hatte ich bei meiner Fortbildung gelernt) und schrieb die ersten Texte mit dem Gerät. Aber irgendwie schien er mit den Gedanken schon beim nächsten Punkt der Tagesordnung zu sein; jedenfalls unterbrach er mich mit der Bemerkung, wenn ich schon technisch so weit sei, könne ich mir ja endlich einen Anrufbeantworter oder gar ein neues Telefon kaufen.
Ich wollte ihm schon erwidern, die Kirche sei jahrtausendelang ohne Telefon und Anrufbeantworter ausgekommen; sie werde es auch überleben, wenn einer ihrer Hirten auch weiterhin keine Aufzeichnungsmaschine besitze, aber dann biss ich mir gerade noch rechtzeitig auf die Zunge. Brachte doch alles nichts. Bereit sein ist alles. Auch in der Kirche. Besonders in der Kirche.
An dem Tag war ich wütend.  Ein paar Tage später stach mich der Hafer. Wenn schon ein neues Telefon, dachte ich, dann doch am besten gleich so ein superschickes Teil. Mit dem man Fotos schießen, ins Internet gehen und E-Mails abrufen kann. So etwas hatte ich schon bei meinen Konfirmanden gesehen. Die konnten ihr Spielzeug ja kaum aus der Hand legen. Also ging ich in einen nahegelegenen T-Punkt und kaufte mir so ein Telefon mit einem angebissenen Apfel auf der Rückseite. Würde ich den nächsten Urlaub eben in den Bayerischen Alpen verbringen statt in der Türkei.

Vier Wochen später (Montag)
Habe geübt. Alte Entwürfe für den Konfirmandenunterricht genommen. Religionsunterricht aus dem Ärmel geschüttelt. Besuche auf das Nötigste beschränkt. Predigten aus den letzten Jahren genommen. Merkt ja sowieso keiner. Nur Frau F. hat mich so merkwürdig angeschaut. Tut die aber öfter. Dafür jede freie Minute am Rechner verbracht. Gott und der Welt E-Mails geschrieben. Und mit dem Dings, dem Smartphone gesimst. Unterkringelt mir das Programm doch glatt das Wort „gesimst“. Sagt aber heute doch jeder.
Morgen werde ich mir WLAN einrichten lassen. WLAN ist die Zukunft. Sagen alle.
Also, auf in die Zukunft.

Dienstag
Schweren Herzens habe ich mein altes Telefon ins Heimatmuseum gebracht. So ein schönes Gerät habe ihm noch gefehlt, sagt Günter Hopp, der das Museum leitet.

Donnerstag
G. ist gekommen um die Installation vorzunehmen. Fragt mich nach meinem „Rou …“ irgendwas.  Ich spreche nicht chinesisch, sage ich. Er lacht und wiederholt das Wort langsam. „ROUTER-PASSWORT.“ Als ich immer noch nicht verstehe, zeigt er auf das silbergraue Teil, das an der Wand hängt und grün leuchtet.
„Ich kenne das Passwort nicht. Du hast mir das Internet eingerichtet.“
Er kratzt sich am Kopf, denkt nach, streicht sich über die Wange, denkt noch einmal nach, sagt schließlich:
„Aber ich habe dir doch den Vertrag gegeben. Da müsste es drinstehen.“
„Hast du nicht“, sage ich.
„Habe ich doch.“
Also Durchsicht von ungefähr 20 Aktenordnern. Kein Vertrag mit der Telekom. Nirgends. Schließlich Anruf beim „Provider“. (Auch das ein Wort, das ich mittlerweile in meinen Wortschatz aufgenommen habe.)  G. erklärt sein Anliegen, hört zu, sagt:
„Aber das müssen Sie doch haben“, hört erneut zu, sagt schließlich:
„In Gottes Namen“ und legt auf.
„Was soll jetzt in Gottes Namen passieren?“
„Sie schicken uns ein neues Passwort zu.“
Plötzlich schreit er auf, fasst sich an den Kopf, sagt:
„Die Idioten. Ich fasse es nicht.“
„Wen meinst du mit ‚die Idioten‘?“ frage ich zurück. G. deutet auf das silbergraue Teil an der Wand, das jetzt mit vier Punkten blinkt. Ich verstehe immer noch nicht.
„Das wirst du gleich selbst sehen können“, sagt er. „Starte mal den Rechner.“
Nach zwei Minuten ist er hochgefahren.
„Und jetzt versuch mal, ins Internet zu kommen.“
Ich gehe auf das Symbol, es kreist und kreist, länger als das Universum.  Schließlich erscheint die Meldung auf dem Bildschirm: „Verbindung nicht möglich.“
„Was bedeutet das?“ frage ich, den Kopf voll mit bösen Vorahnungen.
„Das bedeutet, dass sie dich abgehängt haben.“ Er zieht sein Handy aus der Tasche, schlägt im Telefonbuch nach und wählt die Nummer der Telekom. Ich kann den merkwürdigen Klingelton hören, dann ertönt erst einmal Musik. Zwischendurch eine Automatenstimme: „Bitte haben Sie noch etwas Geduld.“
Zwanzig Minuten später hat er einen Berater erreicht. Einen wirklichen Menschen. Ich kann das Gespräch mithören, da er das Telefon auf „Laut“ gestellt hat. Allerdings könnte er genauso gut serbokroatisch oder Hindi reden, dann würde ich nur unbedeutend weniger verstehen. Es geht um eine bestimmte Seite auf die er gehen soll, dann könne er eine Mail von T-Online abrufen. Aber genau das gehe doch gar nicht, weil wir ja nicht ins Internet kämen. Nein, ein Smartphone habe er auch nicht.
„Ich habe doch eins“, rufe ich dazwischen, aber er bedeutet mir mit einer Geste, ich solle den Mund halten. Dann legt er auf, versucht, mir die Sache zu erklären. Es gebe da ein E-Mail Passwort. Ob ich das hätte. Stolz wie Oskar sage ich, damit hole ich immer meine Mails ab.
Zehn Minuten später sitzen wir bei ihm zuhause am Computer, rufen die T-Online Seite auf, geben meine E-Mail Adresse ein, danach das Passwort; es erscheint eine Fehlermeldung. Erneuter Versuch. Ob ich mir das Passwort auch richtig gemerkt hätte, fragt G.
Mühsam unterdrücke ich meinen Stolz und sage, Zahlen seien eine meiner vielen Stärken. Schließlich erneuter Anruf bei der Telekom. Ja, natürlich hätten sie auch das E-Mail Passwort geändert. Das sei so üblich. Nein, er könne ihm das Passwort nicht auf seinen Rechner schicken. Schließlich sei er ja nicht der Besitzer des Anschlusses, um den es gehe. Es tue ihm furchtbar leid, aber ein Techniker könne auch nicht kommen. Sie könnten zwar einen schicken, aber der kenne das Passwort nicht. Das könnten sie dem Besitzer des Anschlusses nur persönlich…
Was G. danach gesagt hat, möchte ich lieber nicht wiederholen.

Samstag
Immer noch kein Internet und keine E-Mail. Dabei hat G. wirklich sein Bestes getan.
Habe mich zusammenreißen müssen, damit ich nicht bei der geringsten Kleinigkeit das HB-Männchen spiele.

Dienstag
Das Router Passwort ist per Post gekommen. G. hat mir den Anschluss neu eingerichtet. Ich habe das Gefühl, dass er wütend auf mich ist. „Du solltest dir endlich mal ein E-Mail Konto auf deinem i-phone einrichten lassen. Dann passieren solche Dinge auch nicht mehr.“
Ich hätte ihn am liebsten gefragt, ob ich schuld sei. Die Frage habe ich runtergeschluckt. Stattdessen habe ich ihm eine Flasche Armagnac geschenkt.
Ein wenig schien ihn das wieder zu versöhnen.

Oktober
Habe das Handbuch fürs i-phone von vorne bis hinten gelesen und dann versucht, ein E-Mail Konto einzurichten. Weiß nicht wie viele Versuche ich unternommen habe. War in drei T-Punkten, aber beim Kennwort kam immer dieselbe Fehlermeldung.

Drei Tage später
Ich habe G. mein i-phone geschenkt. Er hat sogar Danke gesagt.

Gestern
In der  Nacht, als ich nicht schlafen konnte, überfiel mich Wehmut. Mein altes schwarzes Telefon fiel mir ein, das mir über so viele Jahre gute Dienste geleistet hat. Morgens wusste ich, was ich tun musste. Also ging ich als erstes, noch vor der Dienstbesprechung ins Heimatmuseum. Natürlich hatte es noch nicht offen. Glücklicherweise wohnt Herr Hopp in der Wohnung über dem Museum. Er war sogar noch zuhause. Ich musste 50 Euro als Spende geben, sonst hätte ich es nicht wiederbekommen. Es täte ihm in der Seele weh, sagte Herr Hopp.
Zuhause steckte ich den Stecker in die Dose und hob den Hörer ab. Ein Summen ertönte. Dann legte ich den Hörer behutsam wieder auf die Gabel.
Man muss zu seinen Irrtümern stehen. ■


Bernd Giehl

Geb. 1951 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, verschiedene literarische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die
Parabel von Bernd Giehl: Die Zeitungsente

…sowie die Satire von
Rainer Wedler: Ein Mann muss…

Nico Bleutge: Verdecktes Gelände (Gedichte)

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Moderne Lyrik – mit Voraussetzungen

von Bernd Giehl.

Wer schreibt heute eigentlich noch Naturgedichte? Ich muss gestehen: Ich bin nicht auf dem Laufenden. Jedes Jahr erscheinen so viele Lyrikbände, da kann man schon mal den Überblick verlieren. Sarah Kirsch fällt mir ein oder Wulf Kirsten, aber sonst? Gibt es auch noch jüngere Autoren, die die Natur zu ihrem Gegenstand wählen? Ich habe ein wenig im 25. Jahrbuch der Lyrik (S. Fischer 2007) geblättert. Ein paar habe ich im Teil von 1998 gefunden (Jürgen Becker, Friederike Mayröcker). Sonst: nicht viel. Naturlyrik scheint gerade nicht „in“ zu sein. Dabei vereint dieser Band doch die Gedichte unterschiedlichster Autoren aus den Jahren 1979-2006.

Keine idyllische, sondern unterworfene Natur

Nico Bleutge: Verdecktes Gelände - Gedichte - C. H. Beck VerlagViele Gedichte Nico Bleutges handeln vom Erleben der Natur. Aber es ist keine idyllische Natur, sondern eine eher fremdartige, vom Menschen unter seine Herrschaft gezwungene, die Bleutge beschreibt:
„am ufer ankommen, wach/ unter dem schwelgeruch der flure, ruß-/ wasser, wandernder austritt, der sog/ lief langsam in sich zurück. keller / die nachhallten, gänge, einfach überwölbt, / von feuchte durchzogen, sie zeigte sich vorne, / bewegte sich im hintergrund, kaltluft drang nach, / infiltrierte die stufen, moos, die rohe verflechtung/ löste sich aus dem raum, löste sich auf im gehen/das schon innen war, wände verschwammen, zellen/ wuchsen in die gänge ein, porig, vertraut/ mit den fugen, ließen sie, ringsum verlängert / pflanzen austreiben, wuchernde blattformen/ führten tiefer ins ufer hinab.“

Lyrische Collagen

Die Gedichte Nico Bleutges handeln vom Erleben der Natur. Aber es ist keine idyllische Natur, sondern eine eher fremdartige, vom Menschen unter seine Herrschaft gezwungene, die Bleutge beschreibt. Komplexe Sprachgebilde, die gewisse Kenntnisse der modernen Literatur voraussetzen.
Die Gedichte von Nico Bleutge in „Verdecktes Gelände“ handeln vom Erleben der Natur. Aber es ist keine idyllische Natur, sondern eine eher fremdartige, vom Menschen unter seine Herrschaft gezwungene, die da beschrieben. Komplexe Sprachgebilde, die gewisse Kenntnisse der modernen Literatur voraussetzen.

Bleutges Technik ist die der Überblendung. Bilder schieben sich ineinander. Da ist zum einen das Bild eines Bach- oder Seeufers und zum anderen das Bild eines alten bemoosten Kellergewölbes oder Kellergangs, und beide werden bis zur Ununterscheidbarkeit vermischt. An anderen Stellen beschreibt Bleutge nur Natur, aber er geht so nah heran, dass das Bild verschwimmt:
„wasser im sinn haben, steine, / das rundumlaufende licht/ auf den schichten des piers// meeresbeweglichkeit, kurzes/ sprühen, austausch von wärme/ und gewicht, denken an//
Witterung, kiemen, brüchiges/, holz, das sich ablöst, gleich/ wieder angesaugt wird//
von den pfosten am pier./ fischsilber, mölekulares/ glänzen, rohglas, zersplittert//
und doch aufgenommen, vermischt/ mit der entfernung zum hafen/ die masse durchdringt sich,  wasser//
in wasser, ein drängen so eins/ in sich, so unterschieden/ wie die steine, die gleiten, leicht//
ihre schuppen verlieren, sinken/ versenken zinkweiße strömung/ aus spannung und klang//
die nicht nachläßt/ sich formt/ im gedanken an flutwechsel, / dämmerungsdichte am hafen.“

Gedichte als Pointillismus

Nico Bleutge - Lyriker Schriftsteller - Glarean Magazin
Nico Bleutge (Geb. 1972)

Natur wie fotografiert vom Makroobjektiv. Der Pointillismus fällt mir ein, eine Strömung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Impressionismus entwickelte, und dessen Bilder man nur erkennen kann, wenn man Abstand nimmt.
Aber keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt auch andere Gedichte, die fast schon verständlich sind beim ersten Lesen. Gedichte, von denen man den Eindruck hat, man könne ihren Inhalt in eigenen Worten wiedergeben.(„die augen meiner Mutter waren hinter glas“, S.36, „und manchmal nachts da geht der atem leise, S.40) Das sind dann keine Gedichte über die Natur, sondern über das eigene Bewusstsein.

Lektüre nicht ohne Voraussetzungen

Gedichte, so habe ich es schon mehrfach behauptet, sagen nicht unmittelbar, was sie meinen, sondern sie sprechen in Bildern, und manchmal stellen sie ihre Leser auch vor Rätsel. So betrachtet sind diese Gedichte durchaus lesenswert. Allerdings sollte man schon eine Ahnung von moderner Lyrik haben, ehe man sich mit ihnen befasst… ▀

Nico Bleutge: Verdecktes Gelände, Gedichte, C.H. Beck Verlag, 68 Seiten, ISBN 978-3406646782

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den neuen Lyrik-Band von Nico Bleutge: Nachts leuchten die Schiffe (Gedichte)

… sowie originale Neue Lyrik von Steffen M. Diebold: Vier Jahreszeiten-Gedichte

Vergessene Bücher (1): „Liebe Mutter…“ (M. Millar)

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Der kalte Blick auf die Welt

von Bernd Giehl

Sieh mal, Edith, unser Kopf ist doch wie ein Dschungel, ein dunkler, dichter Dschungel mit Millionen kleinen Pfaden, zu denen das Licht nie dringt. Man ahnt nichts von diesen Pfaden, bis auf einem von ihnen plötzlich etwas auftaucht. Und dann, Edith, versucht man, dieses Etwas zurückzuverfolgen, man verfolgt die Spuren und Fährten, man geht weit, sehr weit, und stellt am Ende doch wieder fest, daß der Pfad zu verschlungen ist, zu lichtlos, lautlos, zeitlos…“ (Margaret Millar in „Das eiserne Tor“, 1983, S. 67f.)

Margaret Millar - Liebe Mutter es geht mir gut - Roman Diogenes - Cover Glarean MagazinStellen Sie sich den Autor dieses Beitrags ruhig als alten Mann vor. Mit Baskenmütze auf dem Kopf und in abgewetzter Cordhose, die schon vor zehn Jahren unmodern war. Dazu vielleicht ein Jackett in Hahnentrittmuster. Und einer Krawatte natürlich, Krawatte muss sein. Und jetzt stellen Sie sich diesen Autor vor, wie er durch eines dieser modernen Buchkaufhäuser geht und an dem Tisch stehenbleibt, auf dem die Ratgeberliteratur inklusive der Kochbücher liegen und sich vorstellt, worüber er sein nächstes Buch schreiben wird („Durch indisches Kochen zum besseren Selbst“), wie er dann am Tisch mit den Bestsellerautoren vorbeigeht, schließlich am Belletristik-Regal stehenbleibt und nach dem einen oder anderen Buch Ausschau hält, das leider noch nicht in seinem Bücherregal steht. Nach den Werken von Margaret Millar zum Beispiel. Kein Buch von ihr zu finden. Er tritt an die „Information“ und fragt nach ihr. Die Buchhändlerin sieht im Netz nach und bedauert: kein Buch dieser Autorin lieferbar. „Vielleicht versuchen Sie es mal im Modernen Antiquariat“, sagt sie zum Abschied. Dort kauft er dann ein Diogenes Bändchen dieser Autorin für 2 Euro. Ziemlich vergilbt, etwas zerfleddert, aber es erfüllt seinen Zweck.

Sinnlosigkeit bis in die Form hinein

Ob sich in 20 Jahren wohl noch irgend jemand an Margaret Millar erinnern kann? Das war doch… Ja, ganz richtig. 14 Romane und zwei Bände mit Erzählungen dieser Autorin stehen auf einer Liste im Anhang des Bandes „Ein Fremder liegt in meinem Grab“ (Diogenes Verlag 1997). Selbst bei „Amazon“ sind derzeit nur noch zwei Exemplare dieses Buches gebraucht zu bekommen.
Nun ist Margaret Millar beileibe nicht die Einzige, der dieses Schicksal widerfährt. Weil die Buchproduktion heute so rasend schnell ist, und weil jedes Jahr Hunderttausende neuer Bücher herauskommen (genaue Zahlen siehe beim Börsenverein des deutschen Buchhandels), werden die Bücher älterer Autoren auch schnell zu Altpapier verwandelt. Wer es nicht bis in den Olymp der Klassiker geschafft hat (und wer schafft das schon?), der ist bald nicht mehr dabei. Der wird aussortiert, gestrichen, verramscht. Selbst Autoren, die einmal sehr bekannt waren, trifft dieses Schicksal. Oder kennt jemand noch Hanns Henny Jahnns Riesenroman „Fluss ohne Ufer“? Oder gar seinen „Perrudja“?

Margaret Millar (1915-1994) - Liebe Mutter es geht mir gut - Roman Diogenes - Cover Glarean Magazin
Margaret Millar (1915-1994)

Nun ist es sicher sehr viel schwieriger zu erklären, warum Hanns Henny Jahnn es nicht bis auf den Olymp geschafft hat. Für Margaret Millar ist die Erklärung einfacher. Millars Romane erzählen von einer tief verstörenden Welt, aber das hat sich nicht bis in die Form ihrer Bücher durchgefressen. Und genau das werden die Snobs des deutschen Literaturbetriebs ihr vorwerfen. Falls sie sich überhaupt so viel Mühe machen und nicht vielmehr sich mit der Erklärung begnügen, Krimiautoren schrieben nun einmal Bücher, die man nicht ernst nehmen müsse. Thomas Pynchon springt in „Gegen den Tag“ von einer Geschichte zur nächsten, und wer nicht ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis hat, der wird sich irgendwann verzweifelt fragen, wer Merle Rideout oder Lew Basnight doch noch war, oder wie all diese Geschichten eigentlich zusammengehören. Roberto Bolanos Roman „2666“ erzählt ebenfalls Geschichten, von denen man sich irgendwann verzweifelt fragt, was sie eigentlich zusammenhält. Im Mittelpunkt steht eine Mordserie an Hunderten von Prostituierten (und der Autor schildert sie Fall für Fall ab, als wäre er Mitglied der Sonderkommission zur Aufklärung dieser Morde). Stumpf, den Leser ermüdend und ohne jede innere Beteiligung. Mit den fast immer gleichen Worten. Vermutlich wollte er mit „2666“ beweisen, dass die Welt sinnlos ist. Diese Sinnlosigkeit ist bis in die Form hinein zu spüren.

Keine stilistischen Experimente

Das ist bei Millar deutlich anders. Nicht etwa, dass ihre Kriminalromane nicht auch so etwas wie einen experimentellen Charakter hätten, aber der steht nicht so im Vordergrund wie bei den genannten Autoren der Postmoderne. Man muss ihre Romane nicht einmal selbst zusammenbauen wie bei Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht…“
Erstaunlicherweise haben die hochexperimentellen Romane von Pynchon oder Bolano gerade Konjunktur. Womöglich möchte sich der intellektuelle Bohemien von den genannten Autoren ja bestätigen lassen, dass die Welt, so wie wir sie gerade erleben, sinnlos ist. Und wer nach dem Lesen von Bolanos „2666“ immer noch nicht genug hat, wer also immer noch einen Funken Hoffnung oder gar Lebensfreude in sich spürt, der kann ja noch David Foster Wallace „Infinite Jest“ lesen, zu Juli Zehs „Spieltrieb“ greifen oder zu Helene Hegemann, diesem altklugen Kind, das mit 16 glaubt, schon mehr erlebt zu haben als andere mit 50 Jahren.

Originaltitel von Millars „Beast in View“ in der TV-Serie „The Alfred Hitchcock Hour“

Die Romane von Margaret Millar funktionieren anders. Sie sind zwar tief verstörend, aber am Ende kann sich zumindest ein Gefühl von „Sinn“ einstellen. So paranoid das eine oder andere ihrer Bücher auch sein mag, so gibt die Autorin doch zumindest eine Erklärung für das, was geschehen ist. Sie verweigert sich nicht wie Pynchon und sie lässt den Leser auch nicht mit seinen Fragen allein wie Bolano. Wer mag, kann das altmodisch finden und meinen, es passe nicht mehr in die Zeit. Dennoch ziehe ich persönlich ihre Romane der obengenannten Literatur vor. Vielleicht hat das ja auch damit zu tun, dass ich mir nicht die allerletzte Hoffnung rauben lassen möchte.

Kaum Verfilmungen von Millar-Romanen

Parallelen? Ich denke, einige Romane von Patricia Highsmith oder Paul Auster haben eine ähnliche Thematik und arbeiten mit ähnlichen Mitteln. Alle drei experimentieren mit dem Unbewussten, dem Zufall und dem Schrecken, der aus all dem entstehen kann. Nur dass Margaret Millar (1915-1994) lange nicht so bekannt ist wie Patricia Highsmith, die im gleichen Zeitraum lebte (1921-1995), und obwohl beide doch ganz ähnliche Themen behandeln, auch ihr Stil Ähnlichkeiten aufweist. Ganz zu schweigen von Alfred Hitchcock, der zwar keine Bücher schrieb, dafür aber Filme drehte, die mit filmischen Mitteln eine ganz ähnliche Welt zeigen. Übrigens hat Hitchcock auch Romane der Highsmith verfilmt (z.B. „Zwei Fremde im Zug“), Margaret Millar dagegen ist dieses Glück nur ausnahmsweise zuteil geworden. Wer weiß, ob sie andernfalls nicht viel präsenter im kulturellen Gedächtnis wäre.

Margaret Millar war verheiratet mit Kenneth Millar, besser bekannt unter dem Pseudonym Ross Macdonald, dem Verfasser einiger „hartgesottener Kriminalromane“ mit dem Privatdetektiv Lew Archer. Übrigens legte sich ihr Ehemann seinerzeit den Künstlernamen zu, weil seine Frau damals sehr viel erfolgreicher war als er selbst. Nicht immer wollen Männer im Schatten ihrer Frau stehen. Heute dagegen steht Margaret Millar in seinem Schatten.  Manchmal ist das Leben ungerecht.
Aber natürlich hat unsere Autorin das gewusst. Womöglich hätte sie sich sogar darüber amüsiert. Sie kannte die Menschen. Wahrscheinlich besser, als die meisten sich selbst kennen. Margaret Millar hatte den kalten Blick auf die Welt, den nicht gar so viele Autoren besitzen. Ich glaube nicht, dass sie die Menschen liebte. Dafür sind ihre Romane zu boshaft geschrieben. Es wäre reizvoll, eine Biographie über sie zu lesen, aber wenn es eine gibt, dann kenne ich sie nicht.

Patricia Highsmith - Autorin - Glarean Magazin
Prominente Konkurrentin und Millar-Zeitgenossin: Patricia Highsmith

Auf jeden Fall wäre es reizvoll zu wissen, welchen Unterschied es gibt zwischen ihrem Leben und ihren literarischen Ideen.
Denn die haben es in sich. Gleich mit den ersten Sätzen erzeugt sie eine Spannung, die bis zur letzten Seite anhält. „Die Stimme war sanft, beinahe lächelnd: ‚Ist dort Miss Clarvoe?‘
‚Ja.‘
‚Wissen Sie, wer da spricht?‘
‚Nein.‘
‚Eine Freundin.‘
‚Ich habe unzählige Freundinnen‘, log Miss Clarvoe…
‚Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen‘, sagte die Stimme. ‚Trotzdem habe ich Sie immer irgendwie im Auge behalten. Ich habe nämlich eine Kristallkugel.‘“
Mit diesen Worten beginnt der Roman „Liebe Mutter, es geht mir gut…
Helen Clarvoe kennt die Anruferin nicht, und gerade das beunruhigt sie. Allerdings kann man bei ihrer Aussage, sie kenne Evelyn Merrick nicht, zweifeln, denn gleich auf der ersten Seite charakterisiert die (allwissende) Erzählerin Miss Clarvoe als professionelle Lügnerin.

Alte Jungfer von 30 Jahren als Roman-Heldin…

Eine alte Jungfer von 30 Jahren als Heldin eines Romans, noch dazu eine, die schon ganz am Anfang als kalt, verschlossen und vom Leben enttäuscht geschildert wird; wem könnte das sonst noch einfallen? Unsympathischer als Helen Clarvoe kann man eigentlich nicht mehr sein. Mit wenigen Sätzen kann Millar ihre „Heldin“ charakterisieren. Nicht einmal Patricia Highsmith hat so eine Person in den Mittelpunkt ihrer Romane gestellt. (Aber die hatte natürlich auch ihre Gründe.) Nachdem sie sich bei der Telefonistin, die die Anrufe im Apartmenthaus, in dem sie wohnt, nach der Anruferin erkundigt hat, wird Miss C. mit folgenden Worten beschrieben: „Miss Clarvoe hängte ab. Sie wußte, wie man mit June und ihresgleichen umzugehen hatte. Man hängte ab. Man unterbrach die Verbindung. Was Miss Clarvoe sich nicht klarmachte, war, daß sie in ihrem Leben bereits zu viele Verbindungen unterbrochen hatte. Sie hatte zu oft, zu schnell und schon bei zu vielen Menschen abgehängt. Jetzt, mit Dreißig, war sie allein.“ (S. 10) Nicht nur Evelyn Merrick besitzt eine Kristallkugel, in der sie die Clarvoe beobachtet.
Wer aber nun glaubt, dass Helen Clarvoe die einzige ist, die von ihrer Schöpferin mit jenem eiskaltem Blick beobachtet wird, der täuscht sich. June, die Telefonistin, ist beschwipst, als sie zu Miss Clarvoe geht, weil die sie darum gebeten hat. Und den Sherry, den ihre Gastgeberin ihr anbietet, schlägt sie natürlich auch nicht aus. Womöglich ist das Leben nur noch betrunken zu ertragen, selbst wenn man keine Drohanrufe von einer angeblichen Freundin erhält. Mr. Blackshear, ihr Vermögensverwalter, den die Clarvoe um Hilfe angeht, ist 50 Jahre alt, und für ihn hat „der Winter der Leere eingesetzt, und dort, wo einmal etwas in seinem Inneren zerbrochen war, hatte sich Frost gebildet.“ (S. 20) Eigentlich, so denkt man, kann nichts mehr passieren, was diese Herrschaften aus ihrer Erstarrung herausholen könnte.  Dass es aber dennoch passiert ist, nicht die geringste aller Künste, die Margaret Millar beherrscht.

Klaustrophobischer Handlungs-Raum

Im Gegensatz zur Ehefrau weltberühmt geworden: Krimi-Autor Kenneth Millar alias Ross MacDonald
Im Gegensatz zur Ehefrau weltberühmt geworden: Krimi-Autor Kenneth Millar alias Ross MacDonald

Doch dazu bedarf es nun eines Raums, den die Autorin schafft. Und dieser Raum, man kann es nicht anders sagen, ist klaustrophobisch. Man bekommt Luftnot, wenn man sich zu lang in ihm aufhält. Vermutlich kann man diesen Raum nicht unbedingt „realistisch“ nennen, aber Autoren – Autorinnen sind selbstverständlich immer mit gemeint – schaffen nun einmal ihr eigenes Universum. Selbst wenn man sich verbarrikadiert, wie Helen Clarvoe es spätestens nach dem Anruf von Evelyn Merrick tut, gibt es immer noch das Telefon, das einen mit der Außenwelt verbindet. Oder die inneren Stimmen, die einen nicht in Ruhe lassen.
Aber selbst wenn auch die schweigen, gibt es da ja noch Evelyn Merrick, die mit ihren Anrufen und Andeutungen, die leider oft genug auf Wahrheit beruhen, einen Menschen jagen und schließlich sogar in den Tod treiben kann. Es ist nicht nur Helen Clarvoe, auf die sie es abgesehen hat. Ihr Hass reicht tiefer. Sie macht ein paar gehässige Bemerkungen über Douglas, Helens jüngeren Bruder, gegenüber Mrs. Clarvoe; enthüllt dabei der Mutter Douglas‘ Homosexualität, die er bis dahin erfolgreich verbergen konnte, und treibt den jungen Mann damit in den Tod. Was im Jahr 2011, wo zumindest in Deutschland viele sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen, ziemlich unwahrscheinlich klingt, ist im prüden Amerika der fünfziger oder sechziger Jahre durchaus vorstellbar. Nur ein einziges Mal greift Miss Merrick selbst zur Waffe; in den anderen Fällen treibt sie ihre Opfer allein durch ihre Worte in den Tod. Und am Ende passiert das, was passieren muss: Evelyn Merrick und Helen Clarvoe verschmelzen zu einer einzigen Person, und das ist dann auch das Ende.

Es ist eine abgeschlossene Welt, in der alles seinen gnadenlosen Gang geht. Und die Hauptfiguren sind entweder hysterisch wie Helen Clarvoe oder paranoid. Das ist übrigens auch ein Kennzeichen der anderen Romane von Margaret Millar, jedenfalls, soweit ich sie kenne. Es sind nicht die normalen Menschen, an denen die Millar interessiert war. Eher schon die, die aus der Norm herausfallen. Menschen, die sich verfolgt fühlen oder die die Realität verdrängen und sich in eine Scheinwelt flüchten. Menschen also, die eher schwach sind.
Interessant ist schließlich auch, dass ihre Hauptfiguren alle weiblich sind. Jedenfalls trifft das für die Romane zu, die ich gelesen habe, also „Liebe Mutter, es geht mir gut“, „Ein Fremder liegt in meinem Grab“, „Von hier an wird’s gefährlich“, „Die Feindin“ und „Das eiserne Tor“. Die Männer, denen man in ihren Romanen begegnet, sind dagegen eher sympathisch gezeichnet. Sie sind hilfsbereit wie Mr. Blackshear, der Freund von Miss Clarvoe oder wie Ralph MacPherson, der Anwalt, der Mrs. Oakley, eine der Hauptfiguren aus „Die Feindin“ immer wieder in die Realität zurückholt. Sie mögen schwach sein, wie Charlie Gowen, (ebenfalls eine wichtige Figur in der „Feindin“), aber selbst ihre Weltfremdheit hat etwas seltsam Sympathisches.  Ob Margaret Millar eine Weiberhasserin war? Aus ihren Romanen könnte man es zumindest herauslesen.

Angesiedelt in der amerikanischen 60er-Mittelschicht

Original-Cover der amerikanischen Bantam-Ausgabe von Millars „Beast in View“ (1955/56)

Dennoch ist der Kosmos, den sie mit ihren Worten erschafft, anders als jene von beispielsweise Kafka, immer noch die Welt, die wir kennen. Er ist angesiedelt in der amerikanischen Mittelschicht der fünfziger und sechziger Jahre, und die Details sind liebevoll beschrieben und damit wiedererkennbar. Hin und wieder entsteht gerade aus der Schwäche der Hauptfiguren die Bedrohung. Es sind nicht die Starken, die die Welt bedrohlich machen, sondern die Schwachen. Das gilt vielleicht weniger für Helen Clarvoe, die nur noch flieht, wohl aber für Mrs. Oakley, die Hysterikerin aus „Die Feindin“, und ebenso auch für Charlie Gower, der ebenfalls eine wichtige Rolle in der „Feindin“ spielt.
Wer sehen möchte, mit welch unterschiedlichen Mitteln Margaret Millar eine Welt der Angst aufbauen kann, der lese nacheinander „Liebe Mutter, mir geht es gut“ und „Die Feindin“. In „Liebe Mutter“ gibt es nur Helen Clarvoe als Fokus, und der Aufbau der Bedrohung passiert schnell. In der „Feindin“ wechselt der Fokus immer wieder von Kate Oakley, die sich vor ihrem (getrennt von ihr lebenden) Mann fürchtet und deren Angst geradezu hysterisch ist, zu Jessie Brant und Mary Martha Oakley, zwei neunjährigen Kindern, die befreundet sind, zu Charlie Gower, der eine Schwäche für Kinder hat, dann zu Virginia und Howard Arlington, einem Ehepaar im beginnenden Kriegszustand, der wiederum durch Virginias Liebe zu Jessie ausgelöst wird. Die Spannung ist subtiler, und lange fragt der Leser sich, welche der Personen denn nun die Katastrophe auslösen wird, die bei Margaret Millar unweigerlich am Ende stehen wird. Und natürlich ist es wieder anders, als man es sich gedacht hat. Aber das kennt man ja aus fast jedem Krimi.
Eine solche Welt, bedrohlich, tückisch und doch zumindest halbwegs realistisch, kenne ich eigentlich nur noch aus einigen Romanen der Highsmith, aus den Krimis von Barbara Vine oder aus Paul Austers „Leviathan“.

Subtile Beschreibungen von Ängsten und Schmerzen

Kürzlich las ich in der „Zeit“ eine Reportage über eine Reise zu den Foltergefängnissen der Roten Khmer, die von 1975-1979 Kambodscha regierten und zugrunde richteten. Der Artikel ist aus Anlass des ersten Prozesses eines internationalen Gerichtshofs über ein Mitglied der Roten Khmer geschrieben. Auch wer sich nicht mehr an diese Zeit erinnert, vielleicht weil er zu jung ist, wird aus dem Artikel von Susanne Mayer „Spuren des Schmerzes“ („Die Zeit“, Nr. 29 vom 15. Juli 2010, S. 46/47) das Grauen lernen können. Auf einer Tafel in einem Foltergefängnis, das Susanne Mayer besucht hat, steht der Satz: „Während der Elektroschocks ist es verboten zu schreien.“
Mag sein, dass es irgendwann einen Roman über die Herrschaft der Khmer Rouge in Kambodscha geben wird. Womöglich wird er ja ins Deutsche übersetzt. Zwar hat Adorno seinerzeit behauptet, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben sei unmöglich, aber es gab nicht nur Gedichte nach Auschwitz; es gab sogar welche über das Unsagbare. Paul Celan hat sie geschrieben. Und Primo Levi hat einen Roman über die Vernichtungslager geschrieben; Elie Wiesel oder Wieslaw Kielar haben aus ihrer eigenen Erfahrung über die Vernichtungslager geschrieben. Womöglich gibt es kein Grauen, das nicht irgendwann einmal literarisch verarbeitet wird. Einzig die Zeit, die vergehen muss, bis ein solches Geschehen seinen Weg in die Welt des Romans findet, spielt eine gewisse Rolle. Es dauert eben, bis man die nötige Distanz hat, das Entsetzen in Worte zu fassen. Aber falls je ein Roman über die Herrschaft der Khmer Rouge erscheinen wird, glaube ich nicht, dass ich ihn lesen werde. Es gibt ein Leid, das ich mir gern ersparen möchte. Obwohl ich andererseits auch verstehe, wenn ein Betroffener dieses Leid durch das Schreiben eines Romans „verarbeiten“ will.

… ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Magazin wöchentlich Werke vorstellt, die vom kultur-medialen Mainstream links liegengelassen oder überhaupt von der „offiziellen“ Literaturgeschichte ignoriert werden, aber nichtsdestoweniger von literarischer Bedeutung sind über alle modische Aktualität hinaus. Die Autoren der Reihe pflegen einen betont subjektiven Zugang zu ihrem jeweiligen Gegenstand und wollen weniger belehren als vielmehr erinnern und interessieren.

Dennoch sind mir offensichtlich fiktive Werke wie die Romane von Margaret Millar lieber. Sie spielen mit meinen Ängsten, aber sie überschreiten die Grenze nicht. Sie respektieren den Schutzraum, den das Individuum braucht, um zu überleben.
Näher möchte ich eigentlich nicht mehr heran. Das ist der Unterschied zwischen Margaret Millar und – pars pro toto – Roberto Bolano. Womöglich kann man mit ebensolchem Recht sagen: Die Welt ist nun einmal grausam, und wir sind so abgestumpft, dass nur noch neue Formen uns aus unserer Lethargie reißen können. Außerdem entspricht das Abbild, das Bolano, Pynchon und tutti quanti von der Welt liefern, viel eher der modernen Erfahrung des Ausgeliefert-Seins an anonyme Mächte, die wir kaum noch erkennen, geschweige denn beschreiben können, als die Romane von Margaret Millar, wo die Bedrohung von einem Individuum ausgeht, dessen Namen man kennt, und dessen Motive nach und nach sichtbar werden. Und selbst wenn es die Bewohner der Kleinstadt sind, die einen wie Charlie Gowen aus der „Feindin“ immer mehr einkreisen, so „kennt“ man doch als Leser die Namen und Gesichter.
Man kann also sagen: die Romane von Bolano, Pynchon, Zeh oder der anderen Shooting Stars der Postmoderne entsprechen viel eher der heutigen Lebenserfahrung. Sie bilden die Wirklichkeit von heute viel besser ab als eine Margaret Millar. Ich würde dieser These nicht einmal widersprechen wollen. Dennoch ziehe ich Margaret Millar vor und verweise auf den Anfang dieses Essays:. Ein bisschen Distanz halte ich für angebracht. Selbst wenn das altmodisch klingen sollte.

Unfreiwille Stilblüten aufgrund mangelhafter Übersetzung

Noch ein Wort zur Übersetzung: „Liebe Mutter, es geht mir gut“ ist 1955 in New York auf Englisch erschienen und 1967 von Elizabeth Gilbert übersetzt worden. Die Sprache erscheint oft gestelzt. „Miss Hudsons Büro war kunstvoll der Werbung neuer Schülerinnen angepaßt.“ (S. 47) Eine Telefonistin gibt keinen Anruf durch; sie stellt ihn durch. Ich wüsste auch niemanden, der „abhängt“, wenn er ein Telefonat beendet; die meisten legen auf. Letzteres liefert einen Hinweis auf die Muttersprache der Übersetzerin, falls das der Vorname nicht schon getan hat. „She hung up“ heißt es im Englischen, wenn eine Frau das Telefon auflegt. Elizabeth Gilberts Muttersprache ist vermutlich Englisch, aber zumindest hätte ein Lektor oder eine Lektorin noch einmal über den Text schauen können. Auch in anderen Romanen von Margaret Millar, die sie übersetzt hat, habe ich ungewöhnliche Redewendungen und Stilblüten gefunden. Falls also Margaret Millars Romane noch einmal aufgelegt werden, was ich sehr hoffe, dann sollten sie möglichst auch gleich neu übersetzt werden. ●


Bernd Giehl - Glarean MagazinBernd Giehl

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

Lesen Sie im Glarean Magazin aus der Reihe „Vergessene Bücher“ auch von
Marianne Figl: Die Offizierin (Nadeshda Durowa)

Armin Mueller-Stahl: Die Jahre werden schneller (Lyrik)

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Vom Nonsens bis zur Altersweisheit

von Bernd Giehl

Man könnte richtig neidisch werden. Da bekommt man das neue Buch von Armin Mueller-Stahl in die Hand, das man erst einmal nicht so ganz ernst nimmt, weil man ja schließlich weiß, der Mann ist Schauspieler, und jeder Schauspieler, der etwas auf sich hält, schreibt ab und an auch ein Buch – muss man ja, weil schließlich nur der bleibt, der schreibt, und schließlich ist der Mann ja gerade achtzig geworden, da muss man ja was tun für den Nachruhm und die Nachrufe, aber dann blättert man in diesem Buch, liest sich fest und denkt, nanu, der kann ja noch mehr als nur den Kommissar Brockmöller in alten „Tatort“-Filmen spielen oder meinetwegen den alten Konsul in den „Buddenbrooks“ – der kann ja tatsächlich Gedichte schreiben.

Vom Kommissar Brockmüller zum Reim-Dichter

Armin Mueller-Stahl: Die Jahre werden schneller - Lieder und Gedichte - Aufbau VerlagDoch ja, das kann er. Wobei die Gedichte manchmal ein bisschen altmodisch wirken mit ihrer (sicherlich gekonnten) Reimstruktur. Nun könnte man ja sagen, seit ein paar Jahren ist Reimen wieder in, aber wie man an den Jahreszahlen sieht, die unter den Gedichten stehen, reimt Mueller-Stahl schon seit mehr als vierzig Jahren. Womöglich tut er das, weil er auch noch Musiker ist und vermutlich viele dieser Gedichte auch noch vertont hat.
Aber gut; Was an Tiefsinn fehlt, macht Mueller-Stahl mit Frechheit und Humor wett. Wunderschön, wie er die paffende Franziska entsorgt, indem er sie nachts, als sie schläft, in einen Umschlag steckt und in den Briefkasten wirft. Und wenn ihn doch einmal der Weltschmerz überfällt, weil eine Geliebte ihn verlassen hat, dann fällt ihm garantiert irgend etwas Ironisches ein.
Und die Themen? „Herzenssachen“ heißen sie, und „Auf und ab“, „Krieg“ auch, und schließlich noch – wie könnte es anders sein bei einem Mann, der gerade die Achtzig vollendet hat – „Letzte Dinge“. Am ehesten wird man Mueller-Stahl wohl einen Moralisten nennen können. Was – bitte mich nicht misszuverstehen – zuallerletzt „Moralapostel“ bedeuten soll. Das ist er nicht.

Mit Gedichten die Welt verbessern

Als Lyriker Moralist: Schauspieler Armin Mueller-Stahl (Geb. 1930)

Seine Gedichte haben, so scheint mir, weniger den Anspruch, vollendete Sprachkunstwerke zu sein, sondern sie wollen die Welt verbessern. Vielleicht nur ein klein wenig. Durch Einsicht in die Begrenztheit der Welt, der Menschen und nicht zuletzt des eigenen Ich. Oder manchmal – so wie im Kapitel „Letzte Dinge“ – wollen sie auch nur helfen, die Welt ein bisschen besser zu ertragen. Was ihm, wie er mit einem Augenzwinkern zugibt, nicht immer gelingt. Viele Gedichte stehen in der Tradition von La Fontaines, lesen sich wie Fabeln, nur dass La Fontaine seine Fabeln nicht gereimt hat. Diesen Anspruch mag man naiv nennen oder weise; ich vermute, dass das den Autor nicht kümmert. Er will auf seine Weise zu sagen versuchen, was nicht gelungen ist.

Über den Krieg, über die Liebe, über die DDR

Der große deutsche Weltstar (Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller...) Armin Mueller-Stahl legt mit seinem neuen Band ein weites Lyrik-Panorama vom Nonsens bis zur Altersweisheit vor. Eindrücklich.
Der große deutsche Weltstar (Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller…) Armin Mueller-Stahl legt mit seinem neuen Band ein weites Lyrik-Panorama vom Nonsens bis zur Altersweisheit vor. Eindrücklich.

Und so schreibt er über den Krieg, die Liebe, die ja auch nicht immer gelingt, und auch seine Erfahrungen mit Freunden, die ihn, den gelernten DDR-Bürger an die Stasi verraten haben, spart er nicht aus. Da gelingt ihm dann nicht mehr, was er sonst so meisterhaft beherrscht: im leichten Ton das Schwere sagen, vermutlich weil das eine der schlimmsten Enttäuschungen eines langen Lebens ist. Aber als weiser alter Mann, der er ja ist, hat er das selbst gewusst und die Gedichte trotzdem in diesen Band aufgenommen. Ich persönlich finde, dass ihn das ehrt. Auch Nonsens-Gedichte wie das von der blauen Kuh, die ihre eigene Milch trinkt, oder jenes vom Apfelbaum, der ganz oben auf der Spitze eine Pflaume trägt, oder eben dies von Franziska, die per Eilbrief „entsorgt“ wird, sind dabei.
Aber was mir persönlich am besten an diesem Buch gefällt, sind die Collagen. Manchmal ist die Grundlage ein eigener oder fremder Text, den er dann mit Farben und Formen übermalt. Manchmal nehmen sie das Thema eines Gedichts noch einmal auf; ein anders Mal sind es abstrakte Gemälde.
Armin Mueller-Stahl: Schauspieler, Musiker, Maler, Schriftsteller, Multitalent. Ob das wohl alles auf eine Visitenkarte passt? Bei so vielen Begabungen könnte man schon einmal neidisch werden… ■

Armin Müller-Stahl, Die Jahre werden schneller – Lieder und Gedichte, 220 Seiten, Aufbau-Verlag, ISBN-13 978-3351033163

Lesen Sie im Glarean Magazin von Bernd Giehl auch
Anmerkungen zum Schreiben von Gedichten

B. Giehl: Anmerkungen zum Schreiben von Gedichten

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Nachdenken über Luxus

Einige Anmerkungen zum Schreiben von Gedichten

von Bernd Giehl

Das kleine Gesicht im Wintermantel:
Trauermund, Warteaugen, Schrittklein
in den Hof, den Stall, die Viehspuren
im Straßenschmutz schon lang verwischt.
Waldmeisteressenz und Brunnenwasser
gegen den großen Durst.
Neben der Wasserbank eine Schöpfkelle.

Sigfrid Gauch: „Morgentod“

1.

32 Worte. So viel wie wir Normalsterblichen sonst für drei Sätze benötigen. 32 Worte nur, aber ein Text, an dem das Auge hängenbleibt, den man wieder und wieder liest, fast wie eine Offenbarung, den man wahrscheinlich nie mehr vergisst.
32 Worte. Gefunden in einer Spalte namens „ZEITmosaik“ in der „ZEIT“ vom 28. Juni 97. Eine Spalte, über die ich sonst schnell hinweglese; den Namen des Verfassers, Sigfrid Gauch, habe ich vorher noch nie gehört. Aber dieses Gedicht rührt mich an, wie nur weniges sonst. Fast möchte ich behaupten: es ist „vollkommen“. Vollkommen wie eine Arie aus der „Matthäuspassion“ von Bach. Oder wie ein Bild von Manet.

Über Schönheit nachdenken, wenn Hässlichkeit angesagt ist?

Und jetzt höre ich auch schon wieder das Wetzen der Messer. Darf man das, über „Schönheit“ nachdenken, wenn doch allgemein eher „Hässlichkeit“ angesagt ist? Seit Baudelaire seine „Fleurs du mal“ schrieb, seit Rimbaud eine „Zeit in der Hölle“ verbrachte, seit dem Beginn der „Moderne“ also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lebt die Kunst – Malerei, Literatur, Musik – doch eher von der Dissonanz, der Beschreibung des Hässlichen und Abstoßenden. Die Kunst reagierte damals auf die zunehmende Hässlichkeit, hervorgerufen vor allem durch die Industrialisierung. Dass es seither aufwärts gegangen wäre mit der Welt, kann man eigentlich nicht behaupten.
Wäre also nicht statt des Nachdenkens über Gedichte ein flammender Protest gegen den Afghanistan-Krieg oder die ewigen Streitereien der schwarzgelben Regierung angesagt? Das alles sind sicher wichtige Themen. Und doch will ich hier nur eins tun: über Gedichte nachdenken. Über das, was mich und sicher auch andere an ihnen fasziniert.
Vermutlich sind Gedichte unnötig. Wahrscheinlich brauchen wir viel eher Arbeitsplätze als Gedichte. Aber wer Brot hat, möchte womöglich irgendwann auch Butter dazu. Das ist unverschämt; ich weiß. Gut möglich, dass eines Tages der Genuss verboten wird, weil er unmoralisch ist; in Amerika sind sie ja schon so weit. Solange der Genuss jedoch noch nicht verboten ist, (solang man sogar noch in der Öffentlichkeit rauchen darf), solange kann man einstweilen noch über Gedichte nachdenken. Und was es eigentlich ist, das sie (oder jedenfalls manche von ihnen) über die Banalität all dessen erhebt, was täglich geredet und geschrieben wird.

2.

Die Schönheit von Gedichten also. Und zwar nicht von Goethe- oder Eichendorff-Gedichten, sondern von moderner Lyrik. Auch ein Gedicht wie Goethes „Über allen Wipfeln ist Ruh“ ist „schön“, aber wer heute noch so schreiben würde, wäre ein hoffnungsloser Fall. Bilder von erhabenen Gipfeln, von rauschenden Bächen, das geht nicht mehr; an ihre Stelle muss anderes treten. Auch die Formen sind andere geworden; Hexameter und Jambus, das war einmal, obwohl es mittlerweile auch wieder Gedichte mit Endreim gibt. Überhaupt ist es schwieriger geworden, von „Form“ zu sprechen, wo so viele Formen sich aufgelöst haben und neue Formen zwar entstanden, jedoch nur schwer abzugrenzen sind. Zwischen einem Rilke-Gedicht und einem Gedicht von Erich Fried stehen Welten, und wer das nicht glaubt, lege einmal Frieds „Maßnahmen“ neben die „Duineser Elegien“.

Spannung in wenigen Zeilen

Und dennoch gibt es etwas, was Lyrik abgrenzt von Prosa, was sie erkennbar macht. Wo eine Geschichte oder ein Roman Zeit braucht, um sich zu entwickeln, Spannung zu erzeugen oder was immer auch den Leser daran hindert, zur Fernbedienung zu greifen, da muss das Gedicht in wenigen Zeilen das Gleiche leisten. Und das kann es nur durch seine besondere Sprache, die so schwer zu benennen ist: „leuchtend“ vielleicht, oder „verdichtet“. Dabei spielt der Rhythmus immer noch eine große Rolle, und auch die Bilder, die ein Gedicht verwendet, sind wichtig. Oft sind es ungewohnte, vielfach nur angedeutete Bilder, wie man an Gauchs Gedicht sehen kann. Dieses Gedicht besticht mit seiner Sprache. Ungeheuer konzentriert ist sie, fast möchte ich sagen: „sinnlich“. Verkürzt gesagt: ein Roman kann notfalls auch mit einer schwächeren Form auskommen; für ein Gedicht ist das tödlich.

Was ist die Besonderheit der lyrischen Sprache?

Fragen wir also ruhig einmal nach der Besonderheit der lyrischen Sprache. Und nehmen wir – pars pro toto – Gauchs Gedicht „Morgentod“ dazu. Was wahrscheinlich als erstes bei diesem Gedicht ins Auge springt, sind die ungewöhnlichen Substantive in der zweiten Zeile: „Trauermund“ – doch ja, das könnte man schon einmal gelesen haben; „Warteaugen“ – schon schwieriger; aber „Schrittklein“ – das sieht nun doch schon sehr nach Neuschöpfung der Sprache aus;. Was ja in der Lyrik nichts Ungewöhnliches ist, auch wenn das Überraschungsmoment sonst eher in der Zusammenstellung der Bilder liegt (unübertrefflich, auch hier, Paul Celan, z.B. in „Spät und Tief“: „Boshaft wie goldene Rede beginnt diese Nacht/ wir essen die Äpfel der Stummen …“)
Nun bringt der Vergleich mit Celan nicht allzu viel ein, denn dieses Gedicht ist eigentlich nicht „dunkel“, auch wenn es sich gewiss nicht dem ersten flüchtigen Lesen erschließt. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass hier die Verben fehlen. Ein paar Adjektive und Präpositionen; ansonsten nur Substantive. Die Person, die hier „handelt“ ist absichtlich im Unklaren gelassen. Beschrieben wird eigentlich nur ihr Gesicht: „Das kleine Gesicht im Wintermantel:/ Trauermund, Warteaugen, Schrittklein“; möglich dass es sich um ein Kind handelt, aber vielleicht ist es auch ein Erwachsener, der an einen Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Dieser Ort ist ein Bauernhof. Der Brunnen, der hier (wiederum indirekt) erwähnt wird, läßt Vergangenes erahnen; möglich, dass dieser Hof schon lange nicht mehr bewirtschaftet wird. Allenfalls als Wohnung dient er noch, und doch ist er ein wichtiger Ort für den Sprecher, das „lyrische Ich“. Durch das Gedicht bekommt dieser Ort eine Bedeutung, die der reale Hof nie gehabt hat. Die gewollte Unschärfe der Beschreibung – alles wird nur angedeutet – setzt die Phantasie des Lesers in Gang. Er ist es, der den Zwischenraum zwischen den Worten füllen muss mit eigenen Assoziationen. Seine Erinnerung wird gebraucht. Und das ist es wahrscheinlich, was den Leser schließlich in seinen Bann zieht.

3.

Die Sprache ist es also, die ein Gedicht ausmacht. Eine Sprache, die eher andeutet als benennt, die Zwischenräume schafft, die es nötig macht, dass man zwischen den Zeilen liest. Sie kann feierlich sein, ungewohnt, sie kann mit ungewöhnlich zusammengesetzten Bildern arbeiten, aber sie muss es nicht. Es gibt auch (scheinbar) lakonische Gedichte; dafür ein Beispiel aus dem „Jahrbuch der Lyrik 97/98“, (in dem ich später auch Gauchs Gedicht gefunden habe):

Seit ich hier bin

Seit ich hier bin trage ich Taschen
voller Papiere, fahre ich Fahrstuhl
telefoniere, trinke Kaffee wie ein Mann
mit Terminen , liege ich schlaflos,
interpretiere, huste und reime, traurige
Tiere, spende dem Geiger in der Passage
einen Gedanken, was ist das Leben,
wenn nicht ein Geigen in den Passagen,
was kann er tun und was soll ich sagen:
Pflege Kontakte und streue Asche auf
deine Akte. So ist das hier.

Hans Ulrich Treischel

Auch hier werden, wie in „Morgentod“, Orte benannt. Aber im Gegensatz zu dem eingangs besprochenen Gedicht sind es Orte, die nicht viel bedeuten: ein Büro, der Fahrstuhl, eine Passage. Der Tonfall ist locker, ironisch. So ganz ernst scheint das „Ich“ in diesem Gedicht sich nicht zu nehmen. Der, der hier spricht, ein Angestellter offensichtlich, schaut sich selbst über die Schulter. Natürlich muss er so tun, als ob er arbeite, aber er nimmt das alles nicht so eng; womöglich schreibt er sogar Gedichte in seiner Arbeitszeit.

Das Leben: Ein Geigen in den Passagen?

Doch wenn man genauer hinschaut, ist die Lakonie, die einem förmlich entgegenspringt, nichts als eine Maske. Eine schwer greifbare Trauer spricht aus diesem Gedicht, eine Trauer über das mit Akten und Terminen vertane Leben. Das Leben ist ein „Geigen in den Passagen“; offensichtlich wird der Straßenmusikant zu einem Bild für das geschäftige Leben, das den armen Straßenmusikanten dort stehenlässt, wo er steht. Es gibt wohl kaum einen ungeeigneteren Ort für einen Musiker als die Straße. Leute bleiben kurz stehen und hören zu, aber sie haben keine Zeit, das ganze Stück anzuhören, also werfen sie eine Mark in den Geigenkasten und gehen weiter. Lieber als hier zu stehen würde man an der Met spielen oder bei den Wiener Philharmonikern, aber was will man machen, es gibt einfach zu viele Musiker, Künstler, Dichter, Menschen…
Es ist die Kunst dieses Gedichts, diese – doch eher schweren – Gedanken hinter der (scheinbaren) Leichtigkeit des Tons zu verbergen. Kunstvoll ist auch der Reim, der sich durchzieht, aber nicht als Endreim, sondern an den Zeilenanfängen, wo man ihn nicht beim ersten Lesen bemerkt. Überhaupt muss man auch dieses Gedicht mehrmals lesen, bis es sich einem erschließt. Aber davon sprachen wir schon.

4.

Und da kommt mir nun ein Begriff in den Sinn, der für mein Verständnis von Literatur eine große Rolle spielt, den man aber auch auf Lyrik im Besonderen anwenden kann. Es ist der Begriff des Spiels. Gedichte – so denke ich – „spielen“ mit ihrem Gegenstand. Woraus auch immer sie entstehen – und das ursprüngliche Material kann so banal sein wie es will -, sie verwandeln dieses Material.
Gedichte spielen mit Bildern, Rhythmen, Reimen, mit Assoziationen, Klängen, Bedeutungen, mit allem, was ihnen zwischen die Buchstaben gerät. Es ist ein Spiel, dessen Regeln sich nicht von vornherein festlegen lassen; aber natürlich gibt es Regeln, weil sonst das Spiel aufhörte, Spiel zu sein. Gedichte schreiben ist ein hoch artifizielles Spiel; man kann es erlernen, wie man das Jonglieren erlernen kann; man braucht dazu Begabung und einiges an Übung.
Vor vielen Jahren hat der Literaturwissenschaftler Mario Andreotti in der Schweizer Literaturzeitschrift „Scriptum“ die assoziative Verknüpfung ansonsten disparater Wortgruppen, das Weglassen von Verben und die Verknappung als Zeichen eines guten Gedichts genannt.  („Was ist heute ein gutes Gedicht? Über einige Kriterien zeitgenössischer Lyrik“, in: „Scriptum“ 21/95) Dies können Kriterien für ein gutes Gedicht sein; sie haben aber keinen Ausschließlichkeitscharakter, wie man an dem Gedicht von Treischel, aber auch an vielen Gedichten von Brecht z.B. deutlich erkennen kann.

Sind Gedichte Luxus?

Sind Gedichte also Luxus? Für die Verleger ganz bestimmt; an einem Gedichtband verdienen sie nur in den wenigsten Fällen. Für die Leser wahrscheinlich auch: sie informieren weder über den Börsenkurs noch geben sie Hinweise, wie die politische Situation zu verändern sei. Womöglich sind sie nicht einmal unterhaltsam oder belehrend, wie ein Roman das sein kann.
Mag sein, dass sie einfach nur spielen: mit dem Klang, den Worten, den Bedeutungen, mit der Sprache. Dem „l’art pour l’art“ stehen sie meist näher als ein Roman oder eine Geschichte. Romane müssen, Gedichte können Inhalte transportieren. Womöglich ist so manches Gedicht mehr dem schönen Klang geschuldet, als dass es wichtige Gedanken zu transportieren gehabt hätte, auch wenn ich natürlich nicht verrate, an welche Gedichte oder welchen Dichter ich denke. Auf die Klanggedichte z.B. eines Franz Mon, die allen Wert auf „Form“ legen, denen die Worte nur Material sind und keine Botschaften transportieren, sei hier nur am Rande hingewiesen.

Soll ein Gedicht einfach nur „Schönheit“ vermitteln?

Aber warum soll ein Gedicht nicht einfach nur „Schönheit“ vermitteln? Oder das Spiel mit der Sprache ins Extreme treiben, wie es die schon erwähnten Poeten tun? Sprache ist eben Bedeutung und Klang, und genau das ist es, was Gedichte sich zunutze machen. Oder andersherum: ohne diese Tatsache würden Gedichte gar nicht geschrieben werden können.
Doch ja, Gedichte sind Luxus. Und der Forderung nach Hässlichkeit kommen sie auch eher in seltenen Fällen nach. Man muss Luxus nicht mögen. Man kann durchaus auch auf ihn verzichten. Manchmal sprechen Gedichte – wie das eingangs zitierte von Gauch – von Dingen und Orten, die es (so) nicht mehr gibt.
Wer will, kann das für „reaktionär“ halten. Ich für meinen Fall würde auf manches andere lieber verzichten wollen als auf Gedichte. ■


Bernd Giehl

Geb. 1951 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, verschiedene literarische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

Lesen Sie im Glarean Magazin auch den Literatur-Essay von
Mario Andreotti: Ist Dichten lernbar?

Roland Stark: Tod in zwei Tonarten (Krimi)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

„Kreisleriana-Mord“ im Rheingau

von Bernd Giehl

Besser, ich geb’s gleich zu: Jawohl, Freunde, ich bin befangen. Seit ich vor fast dreißig Jahren mein Vikariat – also die praktische Ausbildung zum Pfarrer – in rheingauischen Walluf gemacht habe, bin ich ein Fan dieser Gegend. Und selbst auf die Gefahr hin, als Snob zu gelten, behaupte ich: Es gibt keine schönere Landschaft. Jedenfalls nicht in Deutschland. Es soll Leute geben, die die Toskana für noch schöner halten, aber von denen reden wir jetzt nicht.

Roland Stark - Tod in zwei Toarten - Rheingau Krimi - Emons VerlagMich selbst hat das Leben mittlerweile ins hessische Ried verschlagen, aber an vielen Sonntagen pilgere ich immer noch durch die Weinberge zwischen Walluf und Rüdesheim. So, das war’s jetzt aber auch mit den Bekenntnissen. Ob ich trotzdem…? Ich denke schon. Dass ich diese Landschaft liebe, heißt ja nicht, dass ich all meine kritischen Fähigkeiten in der Schublade lasse, wenn ich einen Rheingau Krimi bespreche.

Die Leiche im Schloss-Teich

Der Anfang von Roland Starks „Tod in zwei Tonarten“ ist eher konventionell. Während eines Konzerts des Rheingauer Musikfestivals taucht ein Toter auf. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Plötzlich treibt die Leiche eines Jugendlichen, Patrick Schönhell, im Teich vor dem Wasserturm des Schlosses. Genau neben der Seebühne, auf der eben noch die „Last and Lost Blues Survivors“ gesungen haben. Die Leiche ist schnell identifiziert: Es handelt sich um einen Jugendlichen aus dem Weinort Walluf. Kommissar Mayfeld von der Wiesbadener Kriminalpolizei, der im Nachbarort Eltville und dadurch mit den Örtlichkeiten bestens vertraut ist, leitet die Ermittlungen. Schnell findet er heraus, dass Patrick Schönhell, zusammen mit anderen Jugendlichen aus dem Rheingau im normalerweise für die Öffentlichkeit unzugänglichen Wasserturm von Schloss Vollrads eine Fete gefeiert hat. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Teilnehmer dieser Fete und besonders auf Johannes Flieder, der sich aber so gut wie gar nicht an die Nacht erinnern kann, in der Schönhell ums Leben kam, weil er an diesem Tag dem Alkohol zu sehr zugesprochen hatte.

Interessante formale Handlungsgestaltung

Roland Stark - Glarean Magazin
Roland Stark

So weit, so einfach. Aber dann kommt Bewegung in die Sache, als Clara Flieder, die Mutter des Hauptverdächtigen, ihren Mann, einen reichen Unternehmensberater als vermisst meldet. Und auch formal gewinnt der Roman, indem Passagen in die Handlung eingefügt werden, in denen Clara Flieder, sowie ihre Halbschwester, Manuela, genannt Ele, zu Wort kommen. Clara ist eine eher konventionelle Frau, die alles dafür tun möchte, dass ihre heile Welt mit Ehemann, Sohn, Villa und Porsche Cayenne vor den Widrigkeiten des Lebens bewahrt bleiben. Ele dagegen hat ein Verhältnis mit ihrem Schwager, Claras Mann, ebenso wie mit ihrem Halbbruder Eduard. Sowohl Eduard als auch Manuela wohnen auf dem Grundstück der Flieders, und so ist natürlich zumindest Manuela verdächtig, mit dem Mord an Patrick Schönhell und dem Verschwinden von Phillip Flieder etwas zu tun zu haben.

Indizien-Lieferantin im Rheingau-Mordfall: Robert Schumanns Klavier-Phantasie op. 16 „Kreisleriana“ (1. Takt)

Überhaupt drängt sich, je weiter man liest, desto stärker der Verdacht auf, dass mit dieser Familie etwas ganz und gar nicht stimmt, und dass der Mörder ganz bestimmt nicht der Gärtner war, den es hier allerdings auch nicht gibt. Nur nach außen ist Phillip Flieder der korrekte Unternehmensberater und verlässliche Familienmensch, der seine Radiergummis in Reih und Glied legt und seine Hüte katalogisiert. Bei näherem Einblick, den wir über Kommissar Mayfeld bekommen, stellt sich heraus, dass Phillip Flieder ein Freund sadomasochistischer Spiele ist und ganz nebenbei auch noch einen Winzer durch falsche Beratung in den Ruin getrieben hat. Genug Gründe also, den Mann mit den zwei Gesichtern verschwinden zu lassen.
Aber was hat das wiederum mit dem Tod von Patrick Schönhell zu tun? Der Kommissar verfolgt eine Menge Spuren, die sich aber am Ende allesamt als falsch erweisen. Die Lösung ist überraschend und ziemlich unkonventionell.

Handlungsort voll alten Adels und neuen Reichtums

Roland Stark arbeitet in seinem „richtigen Leben“ als Psychotherapeut im Rheingau und versteht somit eine Menge von der menschlichen (oder vielleicht sage ich besser: von der bürgerlichen) Psyche, die natürlich im wohlhabenden Rheingau, wo es immer noch eine Menge alten Adels und neuen Reichtums gibt, eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Auch die Landschaft mit ihren Orten kann er gut beschreiben, und als Liebhaber des Rheingaus ertappt man sich immer wieder bei der Frage, welches Vorbild er zum Beispiel für die Villa Gruber, das Wohnhaus der Familie Flieder, wohl genommen haben könnte. (Für Insider: entweder das Hotel „Zum Schwanen“ oder eine der einzelnen Villen zwischen Walluf und Eltville).

Roland Stark ist mit "Tod in zwei Tonarten" ein schöner und interessanter Kriminalroman gelungen, in dem viele Themen gekonnt miteinander verknüpft werden. Man muss nicht unbedingt ein Fan des Rheingaus sein, um dieses Buch mit Genuss zu lesen.
Roland Stark ist mit „Tod in zwei Tonarten“ ein schöner und interessanter Kriminalroman gelungen, in dem viele Themen gekonnt miteinander verknüpft werden. Man muss nicht unbedingt ein Fan des Rheingaus sein, um dieses Buch mit Genuss zu lesen.

Aber Stark versteht auch etwas von Musik, und die spielt eine wichtige Rolle in diesem Roman. Vor allem die „Kreisleriana“ von Robert Schumann, ein schwieriges Klavierstück, das man – laut Stark – nur als exzellenter Pianist spielen kann, taucht im Roman immer wieder auf und spielt am Ende auch eine überraschende Rolle bei der Lösung des verzwickten Falls. Nun höre ich zwar selbst gern klassische Musik, (auch Robert Schumann), aber dieses Stück habe ich erst durch den Autor kennengelernt.
Roland Stark ist ein schöner und interessanter Kriminalroman gelungen, in dem viele Themen gekonnt miteinander verknüpft werden. Man muss nicht unbedingt ein Fan des Rheingaus sein, um dieses Buch mit Genuss zu lesen. ■

Roland Stark: Tod in zwei Tonarten, Rheingau Krimi, 300 Seiten, Emons Verlag, ISBN 978-3897057272

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den
Krimi von Martin Walker: Schwarze Diamanten

… sowie über den Polit-Krimi von
Thomas Brändle: Das Geheimnis von Montreux

Rolf Bauerdick: Wie die Madonna (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Interessante Bewältigung eines komplizierten Stoffes

von Bernd Giehl

Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, studierte Literaturwissenschaft und Theologie, bevor er sich dem Journalismus zuwandte. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen – nun legt er mit „Wie die Madonna auf den Mond kam“ seinen ersten Roman vor.
Von Mal zu Mal wird die Theorie atemberaubender, die die beiden Helden des Buches, Ilja Botev und sein Freund, der Zigeuner Dimitru Gabor da zusammenspinnen. Das Buch beginnt mit dem Flug des ersten, noch unbemannten Weltraumfahrzeugs, des „Sputnik 1“ der großen heldenhaften Sowjetunion am 5. November 1957. Und schon an diesem Tag wird die Verschrobenheit der beiden Freunde deutlich, die mit einem Trichter in den Weltraum horchen, um die Signale des Sputniks aufzufangen. In was für einen Wahn sich diese beiden liebenswerten Männer allerdings noch hineinsteigern werden, ahnt der Leser zu Beginn des Buches noch nicht.

Verflochtene Erzählstränge

Rolf Bauerdick: Wie die Madonna auf den Mond kam - Roman - Deutsche Verlags-AnstaltDenn erst einmal geht es um einen anderen Erzählfaden, nämlich das Verschwinden der versoffenen und eigentlich gar nicht so beliebten Lehrerin an der einklassigen Volksschule in Baia Luna, Angela Barbulescu, von allen nur „die Barbu“ genannt. Finstere Mächte scheinen ihre Finger im Spiel zu haben, denn der Ich-Erzähler, Pavel Botev, der Enkel Iljas, hat nicht nur ein Foto gesehen, auf dem die junge, hübsche Barbu in einer Orgie mit dem (späteren) Parteibonzen Dr. Stefan Stefanescu zu sehen ist, sondern er hat auch ihr Tagebuch gefunden, das sie vor ihrem Verschwinden im Pfarrhaus des Dorfes versteckt hat. Und dann wird auch noch dem im Dorf beliebten Priester Johannes Baptiste der Hals durchgeschnitten. Später, als die Barbu auf dem Mondberg tot an einem Baum hängend gefunden wird, glaubt das Dorf, die Lehrerin habe den Pfarrer ermordet. Nur Pavel ist davon überzeugt, dass die kommunistische Partei hinter den mysteriösen Todesfällen steckt, und er beschließt, den Auftrag, den ihm die Barbu kurz vor ihrem Verschwinden gegeben hat, nämlich Stefanescu zu vernichten, in die Tat umzusetzen.

Die Jungfrau Maria auf der Sichel

Rolf Bauerdick
Rolf Bauerdick

Das ist der eine Strang des Romans. Der andere ergibt sich aus der Theorie, die Dimitru in die Welt setzt, und der der Großvater Ilja mehr und mehr verfällt. Dimitru und Ilja glauben nämlich, dass die Sowjetunion mit ihrem Schritt in den Weltraum nicht nur beweisen wolle, dass sie den Amerikanern überlegen sind, sondern dass sie vielmehr Amerika und dessen Währung, den Dollar, vernichten wollen. Das würde den Sowjets dann gelingen, wenn sie beweisen könnten, dass Gott nicht existiert. Schließlich steht ja auf jedem Dollarschein „In God we trust.“ Der Plan, den die Russen ausgeheckt haben, ist äußerst raffiniert. Die Russen wollen nämlich auf dem Mond landen und damit der Jungfrau Maria an den Kragen. Klar ist nämlich, dass die Jungfrau Maria sich – nach ihrer leiblichen Himmelfahrt – nur auf dem Mond befinden kann. Beweis: Die Madonnen-Statue, die viele Jahre in der Kirche von Baia Luna stand, und die nun verschwunden ist, stand auf einer Sichel. Und diese Sichel kann nur der Mond sein. Also tauschen die beiden, angestachelt von Pavel, den Fernseher, den Dimitru vor Jahren dem Großvater zu seinem 55. Geburtstag geschenkt hat, in einem Geschäft der Provinzhauptstadt gegen ein Himmelsfernrohr und die Ausrüstung eines Fotolabors. Dass Pavel, der vor allem an dem Fotolabor interessiert ist, dabei seine ganz eigenen Absichten hat, verrät der natürlich nicht. Das Fotolabor braucht Pavel für seine eigenen Pläne mit Stefanescu, den er mit einem alten Foto vernichten will, was ihm aber nicht gelingt. Stattdessen bringt er seine eigenen Leute in höchste Gefahr. Dann landen die Amerikaner 1969 auf dem Mond, aber leider im falschen Krater, im „Mare Tranquilitatis“ statt im „Mare Serenitatis“, wo Maria ihr letztes Domizil aufgeschlagen hat, wie Dimitru es bei seinen theologischen Studien herausgefunden hat.

Der Papst als Mitglied einer weltweiten Verschwörung

Kurzum: die ganze Welt hat sich gegen die beiden Freunde verschworen. Sogar der Papst ist Mitglied dieser weltweiten Verschwörung, weil er im Zweiten Vatikanischen Konzil verkündet hat, das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel sei nicht wörtlich zu nehmen. Wie das Unglück es will, wird in dieser Zeit ein neuer Pfarrer in Baia Luna eingeführt, und der erzählt den Leuten in seiner ersten Predigt davon, was Ilja Botev derart auf die Palme bringt, dass er einen Eklat in der Kirche veranstaltet. Es bleibt ihm nur noch die Möglichkeit, Präsident Richard Nixon, der gerade im Begriff ist, die Hauptstadt „Transmontaniens“ („Hinter den Bergen“) zu besuchen, mit einem persönlichen Brief vor den Folgen zu warnen…

Sehr schön und ziemlich schräg

Rolf Bauerdick ist ein sehr schöner und auch ziemlich schräger Roman gelungen. Natürlich soll hier nicht verraten werden, wie das Buch ausgeht. Nur so viel sei noch dazu gesagt: Es ist spannend und komisch; manchmal habe ich Tränen gelacht und andere Male das Buch nicht aus der Hand legen können, bis ich wusste, wie Pavel und die anderen sich aus der Gefahr retten konnten. Es hat auch seine Widersprüchlichkeiten – vor allem in der Person Dimitrus, der einerseits auf eine fast rührend naive Weise an die Religion glaubt und der andererseits, ohne mit der Wimper zu zucken, Reliquien wie die Muttermilch aus den Brüsten der Heiligen Jungfrau herstellen kann, die er dann gegen bares Geld an orthodoxe Klöster verkauft, um zum Beispiel seinem Freund Ilja einen Fernseher zum Geburtstag schenken zu können. Es ist ein Buch, das in einem fiktiven Land, nämlich „Transmontanien“ spielt und das doch auf fast jeder Seite das reale Vorbild, Rumänien, durchscheinen lässt. Wer seine (westliche) Überlegenheit ausspielen will, der wird behaupten, dass die Menschen in diesem Buch ja wirklich „hinter den sieben Bergen wohnen“, dass sie Hinterweltler sind.

Religiöse Menschen mit einem großen weiten Herzen

Aber offensichtlich hat Bauerdick begriffen, dass religiöse Menschen nicht per se Heuchler sein müssen. Hier zumindest ist es der christliche Glaube, der seine Helden formt, so biblizistisch und abergläubisch er im übrigen auch ausgestaltet sein mag. Zumindest die wichtigsten Personen des Buchs, Pavel, sein Großvater Ilja und Dimitru, aber auch der Priester Johannes Baptiste sind Menschen mit einem großen, weiten Herzen; daran ändert alle Verschrobenheit nichts.
Mir gefällt, wie Bauerdick Leitmotive schafft, die sich durch das ganze Buch durchziehen. Die Madonna ist so ein Leitmotiv; die Freiheitsstatue in New York ein anderes. An der Sprache hätte, unter Mitwirkung eines umsichtigeren Lektorats, noch gefeilt werden können. Aber Bauerdick hat es geschafft, einen ziemlich komplizierten Stoff so darzubieten, dass das Buch nirgendwo angestrengt wirkt. ■

Rolf Bauerdick, Wie die Madonna auf den Mond kam, Roman, 516 Seiten, Deutsche Verlagsanstalt, ISBN 978-3-421-04446-4

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Novelle von Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena