Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle (Roman)

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Reise nach innen

von Alexandra Lavizzari

Peter Stamm setzt mit dem neuen Roman „Das Archiv der Gefühle“ seine Reise nach innen fort und zeigt uns unterwegs auf seine einmalig luzide Art, wie dünn und brüchig die Trennwand zwischen Wirklickkeit, Sehnsucht und Erinnerung sein kann. Stamm lässt seinen Icherzähler, einen eigenbrötlerischen Archivar, immer wieder zwischen diesen Ebenen oszillieren und reiht dabei dessen Wunschdenken nahtlos an Fakten und die erinnerten, oft idyllischen Ereignisse der Vergangenheit an eine gegenwärtige, minutiös protokollierte Vereinsamung zu Zeiten eines bloß angedeuteten Lockdowns.

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle - Roman - S. Fischer VerlagSie heißt Frankziska, die große Jugendliebe des erzählenden Archivars, und sie hat sich, lange nachdem sie einander aus den Augen verloren haben, über die Jahre so tief in seine Gedanken und Gefühle eingenistet, dass er sie überall mit sich herumträgt, wo immer und mit wem er gerade ist. Meist aber ist er allein und führt, seit ihm gekündigt wurde, spazierend und im geerbten Elternhaus weiter vor sich hin archivierend ein freudloses und eintöniges Dasein.

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Aus Franziska ist inzwischen Fabienne der Chanson-Star geworden, und als solche tingelt sie durch die Schweiz und füllt die Klatschspalten der Boulevardpresse mit ihren Konzerten und Liebschaften. Der Ich-Erzähler verfolgt von seiner Klause aus ihre Karriere und quält sich dabei mit der Frage, warum das Leben sie hat auseinanderdriften lassen. Liebte sie ihn denn nicht? Haben sie einfach aus Unachtsamkeit aneinander vorbeigeliebt? Oder hatte es an ihm gelegen? „Vielleicht war ich deshalb so überwältigt gewesen von meinen Gefühlen für Franziska, die aus dem Körper zu kommen schienen, nicht aus dem Kopf. Weil ich sie nicht verstand… Das mag der Grund gewesen sein, weshalb ich alles tat, um nicht zum Opfer dieser Gefühle zu werden.“

Ein verpasstes Leben

Peter Stamm (2) - Glarean Magazin
„Ein leiser, aber literarisch wuchtiger Text“: Peter Stamm (*1963)

Über Jahre lebt der Einzelgänger einigermaßen zufrieden zwischen Fantasievorstellungen von der Geliebten und dem Lesen, Schnippeln, Kleben und Codieren von Zeitungsartikeln. Auch über Franziska/Fabienne führt er eine Akte, und somit weiß er zu jeder Zeit über ihr Leben Bescheid. Aber die gegenwärtige Fabienne interessiert ihn weniger als seine Jugendliebe Franziska, und entsprechend sind die schönsten Passagen dieser Beziehung, die keine ist, letztlich jene, in denen ihn die Franziska von damals in fast märchenhaft gezeichneten Szenen ins Wasser lockt und dann, kaum hat er sie berührt, wie eine unfassbare Nymphe entschlüpft.

Solange Franziska in seinem Kopf wohnt, kann der Archivar mit seinen Gefühlen umgehen und auch dem obsessiven Ordnen von Fakten einen Sinn abgewinnen. Als die Umstände plötzlich ein Wiedersehen ermöglichen und er Franziska nach einem Telefongespräch schließlich in ihrer Luxusvilla mit Pool und allem Drum und Dran besuchen kann, regen sich in ihm jedoch Zweifel: „Mein ganzes Leben kommt mir plötzlich elend vor, es scheint mir, als hätte ich gar nie wirklich gelebt, als hätte ich immer nur anderen beim Leben zugeschaut und gewartet, dass etwas geschieht. Und nichts geschah.“

Das Archiv

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Das Gerüst dieses eindrücklichen und tiefgründigen Textes bildet indessen nicht die Liebesgeschichte, sondern das Archiv. Zu Beginn ist sich der Ich-Erzähler noch über dessen Zweck sicher: Das Archiv ist ein Abbild der Welt und dazu da, um in ihr Ordnung zu schaffen. Das beruhigt ihn, wenn es ihm auch in Momenten der Verweiflung wie ein Verlies vorkommt, in das er sich selbst gesperrt hat.
Allmählich kommt er sich jedoch selbst auf die Schliche und erkennt, dass das Archiv eigentlich nur ein Abbild seiner eigenen Welt ist, die er selbst gestalten und nach Gutdünken verändern kann. Sodann beginnt er es zu vernachlässigen, und es entstehen Lücken, in denen er nach dem ersten Schrecken eine Art Befreiung wittert.

Am Schluss ist er soweit, den ganzen Papierberg zu entsorgen und aus der entstandenen Leere einen Neuanfang mit Franziska zu wagen. Eine ungewisse Zukunft erwartet das Paar, doch sie sind bereit, zusammen anzupacken, was vom Leben übrig bleibt. Auf den letzten Seiten des Romans betrachten sie die Schweizer Alpen im Morgengrauen, Franziska zählt die Gipfel auf: Den Tödi, das Schärhorn, der kleine Mythen – und beendet die Geschichte mit einem atemberaubend schönen Satz, für den allein es sich lohnt, sich diesen leisen und doch wuchtigen literarischen Text zu Gemüte zu führen. ♦

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle, Roman, 188 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3103974027

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Roman-Literatur auch über Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit

… sowie über die neuen Erzählungen von Tomas Gonzales: Die stachelige Schönheit der Welt

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit (Roman)

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Simenon und Glauser im Roman vereinigt

von Alexandra Lavizzari

In ihrem zweiten, ebenfalls im Limmat Verlag erschienenen Roman „Die schiere Wahrheit“ gewährt die Schaffhauser Autorin Ursula Hasler Einblick in die Schreibwerkstatt zweier grosser Krimischriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Charakter und Lebensläufe unterschiedlicher nicht hätten sein können: Des Belgiers Georges Simenon, dessen mit leichter Feder hingeworfene Maigret-Romane ihm schon früh eine finanziell gut gepolsterte Existenz ermöglichte, und des glück- und ruhelosen Schweizers Friedrich Glauser, der sich, von Morphiumssucht geplagt, seine Studer-Romane unter schwersten psychologischen Bedingungen abringen musste.

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit - Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman - Limmat VerlagSie hätten einander im wahren Leben begegnen können, Georges Simenon und Friedrich Glauser, denn zufälligerweise weilten beide im Sommer 1937 unweit voneinander an der westfranzösischen Atlantikküste. Glauser war mit seinem Roman Matto regiert endlich der Durchbruch gelungen, und er hoffte, an der Seite von Berthe Bendel in einem kleinen Badeort südlich von Nantes seine inneren Dämonen bändigen zu können, um verschiedene literarische Projekte zu Ende zu führen.

Georges Simenon - Glarean Magazin
Vater der legendären Maigret-Romane: Georges Simenon (1903-1989)

Zur gleichen Zeit flüchtete sich Simenon mit seiner schwer depressiven Frau vom Pariser Trubel in die Nähe von La Rochelle, wo er sich nach den erfolgreichen Maigret-Romanen endlich der wahren Literatur zu widmen gedachte. Dieses zeitlichen und geografischen Zufalls hat sich Ursula Hasler in ihrem Roman bedient, um einen Krimi zu schreiben, der die literarischen Eigenheiten beider Autoren miteinander verknüft. Eine Fusion sozusagen, bloß dass Glausers Wachtmeister Studer nicht Simenons Maigret zur Seite steht, sondern eine alte Jungfer namens Amélie Morel, die sich Simenon spontan als Ersatz ausdenkt, weil er 1937 noch im Ernst glaubte, seinen populären Kommissar endgültig in den Ruhestand geschickt zu haben.

Prosa mit Helvetismen

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Buch-Autorin Ursula Hasler sagt es jedoch selbst: Die schiere Wahrheit ist eine Spielerei, als herkömmlicher Krimi nicht wirklich ernst zu nehmen. Und tatsächlich ist nicht so sehr der von Simenon und Glauser während ausgedehnten Strandspaziergängen erfundene Plot um einen am Strand tot aufgefundenen Amerikaschweizer interessant, sondern die Zwischenkapitel, in denen die beiden sich über ihr Schreiben, das Konzipieren von Kriminalfällen, ihre Figurenzeichnung und Evozierung bestimmter Milieus und Atmosphären unterhalten.
Man spürt, dass diesen fiktiven Gesprächen ausgedehnte Recherchen der Autorin zugrunde liegen. Hasler hat nicht nur Leben und Werk von Simenon und Glauser minutiös unter die Lupe genommen, sondern auch deren jeweiligen Schreibstil, den sie sich im eigenen Roman auch aneignet. So streut sie gern Helvetismen in ihre Prosa, wenn Glauser – oder Monsieur Glosère, wie Simenon seinen Kollegen nennt – an der Reihe ist, ein Kapitel des Kriminalfalls beizusteuern. Bisweilen klingen diese Helvetismen etwas forciert, aber während der Lektüre auf Wörter wie „Lismete“, „blutt“, „Chabis“, „z’Bern“ und dergleichen zu stoßen, ruft einen immerhin in Erinnerung, dass man es bei diesem in einem französischen Seebad angesiedelten Roman doch letztlich mit einem Schweizer Text zu tun hat.

Glausers exakt beobachtete „Sächeli“

Friedrich Glauser - Studer Manuskript und Schreibmaschine - Glarean Magazin
Friedrich Glausers „Studer“-Manuskript mit Schreibmaschine (Szenen-Foto aus dem Film „Glauser“)

Simenons und Glausers Postulat, wonach der Autor sich für die Erzeugung von Spannung nicht unbedingt eine verzwickte Handlung ausdenken muss, beherzigt die Autorin leider etwas zu wörtlich. Mitte des Romans lässt sie Glauser sagen: „Eine Handlung kann unglaublich langweilig sein, statisch möchte ich sagen, und eine Erzählung, in der schier nichts passiert, kann spannend sein und voll Dynamik. Nämlich mit exakt beobachteten Sächeli…“
Stimmt. Man denke an Proust Monumentalwerk, in dem über Seiten nichts passiert außer einem Lächeln oder dem von einer Frauenschulter Gleiten eines Schals. Prousts exakt beobachtete „Sächeli“ sind indessen nicht bloße Beschreibungen, sondern mit Erinnerungen, Assoziationen und Emotionen befrachtete Wahrnehmungen, die auf die momentane Befindlichkeit des Beobachtenden zurück reflektieren. In Haslers Prosa sind diese „Sächeli“, die eine Atmosphäre schaffen und die Eigenart der Figuren herauskristallisieren sollten, jedoch meist nur unnötiger Wortballast.

Klischierung von Figuren

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Die dermassen aufs bloße Beschreiben reduzierte Sprache führt bald einmal zur Klischierung der Figuren und Situationen. Vor allem die tüftelnde Amélie Morel verkommt dabei zur blassen französischen Karikatur von Agatha Christie’s Miss Marple. Dass sie eine alte Jungfer ist, wird einen bei jeder Gelegenheit – und ausführlichst – in Erinnerung gerufen, so auch, dass Glauser arm und Simenon reich ist. Aber auch die Prosa selbst ist bis auf den flotten und einladenden Anfang oft überladen und zeitigt bisweilen arg missglückte Stilblüten: „…der zierliche Korbsessel knackte entsetzt und entsetzlich…“ oder: „An ihrem Tisch hockte bockig das Schweigen…“
Was nach der Lektüre dieses Romans bleibt, ist eine Mischung von Ärger und Enttäuschung. Die grundlegende Idee mitsamt überraschendem Schluss à la Pirandello ist brillant und der Schauplatz – Strand, Dünen, Seebad – mit sichtlicher Liebe evoziert, aber eine halbierte Seitenzahl hätte es auch getan, sowohl der Zeit und Geduld des Lesers als auch den beiden hervorragenden Krimiautoren zuliebe, die Hasler hier zum Leben erwecken wollte. ♦

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit – Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman, Roman, Limmat Verlag, 342 Seiten, ISBN 978-3-03926-020-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Krimi auch über Thomas Brändle: Das Geheimnis von Montreux

Julia Kohli: Menschen wie Dirk (Short Storys)

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Literarische Vignetten vom Feinsten

von Alexandra Lavizzari

Sieben Storys legt die Winterthurer Schriftstellerin und Kulturpublizistin Julia Kohli in ihrem zweiten Buch vor. Es sind dies kurze Momentaufnahmen von „Menschen wie Dirk“ in einer Krisensituation, Männern wie Frauen, und aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Ein Hammer!

Mein erster Gedanke, nachdem ich die letzte Story zu Ende gelesen hatte, war: Ach, warum sind es nur sieben Geschichten, jetzt bin ich doch so richtig in Fahrt und würde mir fürs Leben gern weitere sieben Geschichten zu Gemüte führen. Und mein zweiter Gedanke war: gleich ein zweites Mal lesen und besonders auf die herrlichen, schockierenden, superorginellen Begriffe achten, mit denen Julia Kohli ihre Prosa würzt.

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos VerlagInzwischen habe ich die eine und andere Geschichte tatsächlich zweimal gelesen und herausgefunden, was mich an ihnen fesselt: Nicht so sehr der Plot – wobei Plot für diese Texte ohnehin nicht unbedingt massgebend ist – , auch nicht die Figuren, nein, was diese Storys für mich auszeichnet, ist die einmalige Mischung von leiser Subtilität und brutaler Wucht.

Schwelende Gewalt

Ohne Umschweife wird in der Geschichte „Samantha“ ein mörderischer Sommer mit dem lakonischen Satz „Ein Sommertag wie eine Wildsau“ angekündigt. Nach dieser Feststellung, die im Leser die Assoziation eines ungehemmtem Ausbruches auslösen mag, spannt uns die Autorin jedoch auf die Folter mit der Beschreibung einer unsicheren, übergewichtigen Frau, die eine Weile am Zürcher See spaziert und dabei gewissen Stellen ihres Körpers eine seltsame, fast krankhafte Aufmerksamkeit schenkt. Vorerst also nichts mit Gewalt, nur Rückschau auf ein gewöhnliches Leben, unterbrochenes Philosophiestudium, zehn Jahre Flugbegleiterin und Einsamkeit, mit der sich Samantha recht und schlecht abfindet. Was sich da im Laufe der Jahre wie das Wasser in ihren Beinen aufgestaut hat, merkt sie selbst erst später, im Flugzeug, als ein angetrunkener Passagier mit einer belästigenden Geste plötzlich das Fass zum Überlaufen bringt – und die Wildsau in ihr befreit.

Wider klischierte Rollenmuster

Julia Kohli - Literatur-Rezensionen Glarean Magazin
Julia Kohli (geb. 1978 in Winterthur)

In den meisten Geschichten finden wir ein Element von Gewalt, aber nicht immer springt es dem Leser so wuchtig ins Gesicht, oft schimmert es in scheinbar harmloser Dosierung durch die Zeilen, vor allem in den Dialogen zwischen Mann und Frau oder in den Gedanken von Männern über Frauen undumgekehrt. Stets ist eine dunkle Spannung spürbar, die uns beim Lesen auf die kleinsten Nuancen hellhörig macht.
Thematisch kreisen Kohlis Texte um die Gender-Rollen und die archaischen Klischees, denen Frauen aus männlicher Sicht noch immer zu entsprechen haben. Frauen wie Samantha und Christine in den Geschichten „Samantha“ und „Pierre“ nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, andere wie die Hauptfigur in „Irina“ oder die „drei Walküren“ in der Geschichte „Kurt“ arbeiten mit intellektuellen Argumenten gegen diese Klischierung und sonstige veraltete männliche Verhaltensmuster an.

Ein gewisser Männertyp

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Durch die Systematik, mit der Kohli diese Rollen darlegt, wird uns insbesondere Einblick in die Männerpsyche oder, besser gesagt, in die Psyche eines gewissen Männertyps gewährt, denn Kohlis Männer gehören alle in die Kategorie klassischer, hoffnungsloser ‚Losers‘. Da ist ein zum Beispiel ein Feigling wie Kurt in der gleichnamigen Geschichte, der bei einer Diskussion mit seinen Schülerinnen – er taxiert sie herablassend als „Trullas“, „Hexen“, „jammernde Heulbojen“, „Hupfdohlen“, „verklemmte Zwetschgen“ etc. – seinen Unterrichtsstil an der Kunstakademie verteidigen muss und sich dabei auf peinlichste Art und Weise bei ihnen anzubiedern versucht. Während er vor diesen emanzipierten Frauen schwitzt und röchelt und sich bald wie ein angeschossener Eber vorkommt, denkt er wehmütig an seine brasilianische Frau und woher er sie sich geholt hat: „Dort trugen die Frauen noch High Heels, wackelten mit ihren Hintern und freuten sich über Komplimente… Eine Welt, die noch einigermaßen im Lot war, im Gegensatz zu diesem schweizerischen Vogelfutter.“ Solche Sätze treffen den Typ Mann und seinen Konflikt mit gebildeten, selbstbewussten Frauen auf den Nagel.

Männliche Aggression

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In der Geschichte „Urs“ präsentiert uns Kohli ein wahres Ekel von einem Mann und lässt uns zwanzig Seiten lang in seinem Kopf wohnen; fast möchte man sagen, leider, so verkorkst und elend sieht es da drin aus, so aggressiv und frauenfeindlich. Dabei denkt und agiert Urs ganz einfach aus reinstem Frust am Leben, das es nie richtig gut mit ihm gemeint hat. Im Grunde genommen ist er ein armer Kerl, aber, wie der Text zeigt, kann Frust ganz schön schlimme Auswüchse haben, und Sympathie für Urs brauchen wir als Leser keine auzufbringen, er verdient sie nicht. Aber was bleibt ist das ungute Gefühl, dass man draussen Männern wie Urs begegnen kann; auf der Straße, im Tram, im Einkaufsladen, irgendwo. Männer wie Urs gibt es, man weiß es ja eigentlich, aber nach der Lektüre ist dieses Wissen von einem leisen Grauen durchzogen.

Sprachliche Bravour

Die Geschichte „Urs“ ist ein harter Brocken, und hier wie bei den andern Geschichten spielt die Sprache eine massgebliche Rolle, um die momentane Befindlichkeit der Hauptfigur in ihrer ureigenen Krisensituation zu veranschaulichen. Sie ist es auch, die einen von der ersten Zeile an in Bann zieht und trotz der, gelinde gesagt, düsteren bis schrecklichen Vorkomnisse ein derart grosses Lesevergnügen bereitet. Kohlis Vokabular ist an sich schon bewundernswert, aber zur Geltung kommt es erst so richtig in der Präzision des Tons und der Eigenheit, mit denen die Figuren sprechend und denkend ihre Zugehörigkeit zu einem gewissen Typen und einer gewissen sozialen Schicht verraten.
Die Gefahr, die Figuren auf diese Typisierungen zu reduzieren, würde durchaus bestehen, aber Kohli umschifft diese gekonnt. Bisweilen laufen die Geschichten auf eine Pointe zu, wie bei Dirk, einer in Mexiko angesiedelten Geschichte, in der die Hauptfigur wegen eines eiternden Tattoos ins Grübeln kommt und nach dem ersten Streit mit der mexikanischen Freundin der Reise zu ihren Verwandten mit Bangen entgegensieht. Was es mit dieser Reise auf sich hat, entpuppt sich vielleicht eine Spur zu abrupt, aber es zwingt einen gleichsam, nochmals zurückzublättern und nach Indizien für das überraschende Ende zu fahnden.
Wie gesagt: zweimal lesen! Es lohnt sich. ♦

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos Verlag, 172 Seiten, ISBN 978-3-03925-008-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Gender-Diskussion auch über Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert


Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt (Prosa)

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Humor und unzähmbare Lebenslust

von Alexandra Lavizzari

Sechs Romane des hochgelobten kolumbianischen Autors Tomás González (1950 in Medellín geboren) liegen bereits in deutscher Übersetzung vor; nun gibt der Verlag Edition 8 eine Sammlung von Erzählungen heraus, die drei Bänden aus den Jahren 1993, 2012 und 2016 entnommen sind und mit drei weiteren Erzählungen ergänzt wurden. Unter der Betreuung von Peter Schultze-Kraft haben sein Bruder Rainer, seine Tochter Ophelia, Gert Loschütz, Peter Stamm und Jan Weiz jeweils im Zweigespann an deren Übertragung aus dem Spanischen gearbeitet.

Der Klappentext geizt nicht mit Superlativen und weckt hohe Erwartungen, wenn gewisse Szenen in der einleitenden Erzählung eines Samuel Beckett für würdig befunden werden und andernorts Tschechow zum Vergleich herangezogen wird. Das klingt vielversprechend, sagt man sich, öffnet den sehr schön gestalteten Band und vertieft sich noch so gerne in die erste Erzählung „Ein unwahrscheinliches Grün“.

Boris…

Man kann sich nach einer Weile fragen, ob es fünfzig Seiten bedarf, um die psychiche und soziale Abwärtsspirale zu beschreiben, die den Maler Boris nach einem nicht näher erläuterten Todesfall in einen obdachlosen Alkoholiker verwandelt. Wohin die Geschichte steuert, steht nämlich nach wenigen Seiten fest: Boris schlittert und schlittert, wobei der Autor seinen Lesern die Einsicht in dessen Gefühlswelt verweigert und sich stattdessen, einem unbeteiligten Chronisten gleich, auf die minutiöse Protokollierung dieses Abstiegs beschränkt. Immerhin wird die Konsequenz des distanzierten Blicks hin und wieder durchbrochen und darf der Leser mitbekommen, was Boris empfindet.

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt - Erzählungen, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5Solche Passagen sind jedoch Ausnahmen in González‘ ästhetischem Programm, denn dem Autor geht es hier um mehr als um die Aufzeichnung eines individuellen Schicksals. Sein Thema ist Ohnmacht und Scheitern des Menschen auf existenzieller Skala, und dazu gehört auch, ganz im Beckettschen Sinn, das reine Aufzählen von Bewegungsabläufen, die unaufhaltsam auf den Nullpunkt zusteuern.
Der Leser sieht diesen für Boris am Horizont aufblitzen, aber González, der sich als ein wahrer Meister im Enden seiner Geschichten erweist, bricht vorher ab. Boris legt sich einfach schlafen, und wir wissen: es geht noch ein Stückchen weiter abwärts, und noch ein Stückchen, und das einzige, was dem Gescheiterten bleibt, ist, mit Würde hinzunehmen, dass dem so ist.

Carola…

González lässt uns in diesem Band am Leben verschiedenster Menschen teilhaben: Scheiternde wie Boris sind auch Carola in „Carola Dicksons unendliche Reise“, und der Ich-Erzähler in Víctor kehrt zurück. Erstere ist Lehrerin in Brooklyn und setzt sich in den Kopf, nach ihrer Pensionierung die Welt zu umseglen, um den Menschen zu helfen. Sie kauft sich schon Jahre vor ihrem Vorhaben ein Boot, lernt segeln, kauft Kompass und Sextanten und fühlt sich an Bord bald geborgener als im eigenen Zuhause.

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Die Sturheit, mit welcher diese Frau ihr Ziel vorbereitet, verleiht ihr von Anfang an eine rührende Tragik, und tatsächlich kommt es, wie es bei einem solch verrückten Unterfangen eben kommen muss. Carola gerät in einen Sturm und erleidet Schiffbruch. Den Menschen ist nicht zu helfen – und Carola auch nicht. Der Text lässt offen, ob sie nach diesem Debakel nicht einen zweiten Versuch starten wird.

Víctor…

Víctors Geschichte reiht sich thematisch nahtlos an jene von Boris, Carola und manch anderer Figur in diesem Band, doch zeichnet sie eine besonders originelle Erzähltechnik aus, die dem erzählten Tatbestand Vielschichtigkeit verleiht. Víctor kehrt zurück nach New Orleans, dem Ort, an dem er vor zwölf Jahren mit Frau und Tochter gelebt hat. Während der Reise erinnert er sich an die Umstände seines Weggangs, an den in extremis verhinderten Gewaltakt an seiner Frau, die darauf die Türschlösser auswechselte und ihn schließlich festnehmen ließ, weil er sie nicht in Ruhe ließ. „Warum will man zurück, wenn man nicht kann, dachte ich.“

Tomás González - Schriftsteller - Glarean Magazin
Tomás González (*1950)

Diese Rückreise, in einer Art Bewusstseinsstrom erzählt, oszillierend zwischen kühl beobachteter Gegenwart und emotionsgeladener Vergangenheit, gehört zu den besten Erzählungen des Bandes. Die Grenzen zwischen Innen- und Aussenwelt greifen immer wieder ineinander über, bald überwiegen die Erinnerungen – „stinkend wie ein toter Hund im Mangrovensumpf zur Mittagszeit“ – bald die Wahrnehmung des vertrauten Meerstrandes mit seinen Muscheln und zu Smaragden geschliffenen Flaschenscherben, und geschickt dieser Zone zwischen Damals und Jetzt entlang lässt uns der Autor an dieser eindrücklichen Reise teilhaben.

Don Rafael…

Ähnlich konstruiert der Autor die Reise an die Küste, die den an Alzheimer erkrankten Don Rafael in den Mittelpunkt seiner Familie stellt. Diese schenkt ihm einmal im Jahr die Illusion, mit dem Expreso del Sol an die Küste zu fahren, indem sie die Wohnung in einen Eisenbahnwagen und Wartesaal verwandeln. Die Bahnreise führt durch die üppige Tropenlandschaft Kolumbiens, an verlassenen Bahnhöfen und Bananenpflanzungen vorbei, Leute steigen zu, Verkäuferinnen halten Tamales und Anananascheiben feil, und das alles erleben wir durch die Augen des kranken, aber glücklich zu Hause sitzenden Rafaels und gleichzeitig aus der Sicht der Familienmitglieder, die ihm diese Fahrt mit den ausgefallendsten Mitteln vorgaukeln. Die Geschichte, die übrigens auch als Hörspiel vorliegt, ist klar dem magischen Realismus Gabriel Márquez‘ verpflichtet und vom Autor auch als Hommage ihm zugedacht.

Sprachlicher Ballast und…

Peter Stamm - Glarean Magazin
González-Übersetzer Peter Stamm

Vergleiche mit Márquez und vor allem mit Beckett sind jedoch fehl am Platz, wenn es um die Sprache geht. Peter Stamm lobt González‘ Stil, bezeichnet ihn als „sehr trocken, aber zugleich sehr atmosphärisch.“ Spräche er von seinem eigenen Stil, würde ich mit ihm sofort einig gehen. Aber González ist nicht Peter Stamm, er verzichtet darauf, seine Sprache zu entschlacken, besonders von Adjektiven, deren Häufung oft zu klischierten Beschreibungen von Figuren und Situationen führen: „Der Frau, die ihm das Zimmer vermietete – eine phlegmatische Blondine mit einem naiven, unpersönlichen Auftreten, billigem Schmuck und zerkauten Fingernägeln – …“

… redundante Informationen

Beispiele für redundante Informationen finden sich in allen dreizehn Erzählungen leider zuhauf. Dass die Blondine dem Klischee einer Blondine so genau entsprechen muss, mag man durchlassen, aber dass man, wie in der Erzählung Die Heimkehr der verlorenen Tante zusammen mit recht einfach typisierenden Merkmalen sogar die Augenfarbe des Chauffeurs einer andern Tante erfahren muss, ist nicht einzusehen.

Ungemütlicher literarischer Widerspruch

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Der sprachliche Beschreibungsballast tut nicht nur dem Erzählfluss Abbruch, sondern schafft auch einen ungemütlichen literarischen Widerspruch: Einerseits ist die Identifikation mit den Figuren verweigert, weil dem Leser deren Innenleben vorenthalten wird, und andererseits will der Autor uns über jede noch so sekundäre Figur Details mitgeben, die für die Geschichte vollkommen irrelevant sind. Das ist schade.

Themen des Scheitern dominieren diesen Band, aber weil González‘ seine Figuren auch mit einer Prise Humor und unzähmbarer Lebenslust ausstattet, bleibt nach Ende der Lektüre nicht das Dunkle und Hoffnungslose haften, sondern eine große Farbenpracht und, ja, eine ebenso große Lust, nach Kolumbien aufzubrechen, um Land und Leute kennenzulernen ♦

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt – Erzählungen, 240 Seiten, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kolumbianische Literatur auch über Mauricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett


 

Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams (Roman)

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Der Mensch, die traurige Maschine

von Alexandra Lavizzari

Der Schweizer Schriftstellerin und Dramatikerin Martina Clavadetscher ist mit „Die Erfindung des Ungehorsams“ eine literarisch beeindruckende Dystopie gelungen, deren formale Struktur auf wunderbare Weise den Inhalt widerspiegelt und ihm Akzente setzt. Wie schon bei ihrem Erstling „Knochenlieder“ lohnt es sich, den Roman gleich zweimal hintereinander zu lesen, oder, in diesem Fall zumindest, nochmals den ersten mit „I.“ überzeichneten Teil, der sich erst im Zusammenhang mit dem letzten Teil in seiner ganzen Schauderhaftigkeit erschließen wird.

Die Autorin Martina Clavadetscher macht dem Leser den Einstieg in ihre düstere Zukunftswelt nicht leicht, und man mag zu Beginn vielleicht vor lauter Rätsel über die virtuose Sprache hinweglesen, weil man sich allzu schnell im Text orientieren möchte.
Wer ist Iris, die mit Eric in einem Appartement in Manhattan lebt und den beiden geladenen Frauen Godwin und Wollestone ihre Geschichte heute unbedingt bis zum Kern erzählen will? Wer ist Ada, von der sie erzählt? Und wer sind ihre Schwestern, „all die Frauen da draußen, die wie Zeitbomben ihr Leben leben“?

Die Erfindung des Ungehorsams - Martina Clavadetscher - Roman - UnionsverlagDie Namen der Gäste liefern immerhin einen ersten Hinweis – Mary Shelleys Vater hieß Godwin und ihre Mutter Wollestonecraft. Mary Shelley, die im Sommer 1816 am Genfer See „Frankenstein“ zu schreiben begann, liefert denn auch eines der beiden Mottos von Clavadetschers Roman: “Ich habe es gefunden. Was mich entsetzt hat, wird andere entsetzen.“
Es, der künstliche Mensch und die mit dessen Erschaffung aufkommenden ethischen Fragen bilden, wie sich bald herausstellt, den Kern dieses komplexen Textes, um den Plot und Sprache in einer sich gegenseitig beleuchtenden Wechselseitigkeit kreisen.

Körperwelten

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Auf Iris in Manhattan folgt im zweiten Teil die Geschichte von Ling in der chinesischen Metropole Shenzhen, einer jungen, leicht autistischen Halbschwester von Iris, die in einer Sexpuppenfabrik arbeitet. Nach Arbeitsschluss trifft sie sich mit ihrer Adoptivgrossmutter Zea zum Ritual in der Pagode und isst Abend für Abend in derselben Imbissbude, bevor sie sich zu Hause den Film „Paradise Express“ zu Gemüte führt. Ihre Arbeit in der Fabrik besteht in der Messung und Prüfung der frisch gegossenen Silikonkörper; „ungewollte Überbleibsel der Gussgeburt“ werden weggebrannt und versiegelt, bis makellose Leiber daliegen und ihnen die Köpfe angeschraubt werden können. Spätestens bei diesen minutiösen Beschreibungen hat uns die Autorin in ihren Bann gezogen und tastet man sich mit zunehmender Faszination – aber auch Beunruhigung – durch das subtile Vexierspiel mit lebenden und leblosen Körpern.

Zeitreise ins viktorianische England

Geniale Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)
Mathematik-Genie und Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)

Zur Entwirrung der verschiedenen Erzählstränge trägt im dritten Teil eine Zeitreise ins viktorianische England bei. Clavadetscher lässt eine Sexpuppe, die Ling aus der Fabrik entwendet hat und als Gefährtin sozusagen adoptiert, die Biografie von Ada Lovelace erzählen, der legitimen Tochter Lord Byrons und Pionierin der modernen Informatik. Mit dieser interessanten Forscherin hat sich Clavadetscher schon in ihrem 2019 in Leipzig uraufgeführten Stück „Frau Ada denkt Unerhörtes“ befasst. Ada Lovelace ist ihr offenbar ein Anliegen.

Prosastück im Roman

Bei der Lektüre dieses dritten Romanteils kann man sich des Eindrucks denn nicht ganz erwehren, dass es sich um ein ursprünglich eigenständiges Prosastück handelt, das die Autorin dann mit neuen, in der Gegenwart spielenden Kapiteln zu einem Roman erweitert hat. Ada Lovelaces Biografie steht nämlich abgerundet und in sich geschlossen da. Wir erfahren alle wesentlichen Fakten und Etappen ihres Lebens von den Mädchenträumen bis zum frühen Krebstod, wo die Beschränkung auf Forschung und kühnen Zukunftsvisionen dem Bruchstückhaften der andern Frauenleben in den Rahmenkapiteln vielleicht besser entsprochen und so dem Roman eine überzeugendere Einheit verliehen hätte.

Ada Lovelace

Differenzmaschine von Ada Lovelace' Freund Charles Babbage - Glarean Magazin
Differenzmaschine von Ada Lovelace‘ Freund Charles Babbage

Seit Kindheit von Maschinen jeglicher Art fasziniert, wollte die mathematisch hochbegabte Ada mit zwölf Jahren eine Flugmaschine erfinden, doch erst fünf Jahre später erlaubte ihr die Begegnung und Freundschaft mit dem Mathematiker Charles Babbage, ihr Zahlenwissen mit der Zukunftsvision vom Potenzial einer „analytischen Maschine“ zu verbinden und darüber zu schreiben. Babbage arbeitete gerade an einer „Differenzmaschine“ und bat Ada, einen französischen Artikel darüber ins Englische zu übersetzen. Eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten war Frauen damals verwehrt, aber Ada ließ sich nicht abschrecken, sondern ergriff die Gelegenheit, ihre eigenen Gedanken zum Übersetzten beizusteuern.
Es entstanden acht „Notizen“, dreifach so lang wie der Artikel selbst, aus denen ersichtlich wird, dass Ada weit über die blossen numerischen Möglichkeiten der Maschine hinaussah. Die Maschine könnte Musiknoten produzieren, argumentierte sie, auch Buchstaben und Bilder, warum nicht? Und weiter: Die Maschine könnte sprechen! Der Schritt zur selbstständig denkenden und handelnden Maschine, also zu Frankensteins Kreatur, wie sie sich Mary Shelley ausgedacht hat, ist theoretisch denn nur noch ein winziger.

Kernfrage Herkunft

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Womit wir wieder bei der erzählenden Sexpuppe sind und schließlich im letzten Kapitel zurück bei Iris in Manhattan landen, die… Doch nein, es werde hier nicht verraten, welche Bewandtnis es mit ihr hat. Bloß sei hingewiesen, dass der Text als Ganzes wie eine Zwiebel angelegt ist – „Hülle über Hülle über Hülle über Kern“, und dass diese Struktur auch Clavadetschers Kernthema illustriert: die Frage der Einmaligkeit des lebenden Körpers im Gegensatz zum identisch wiederholbaren des künstlichen.
Nicht nur die Sexpuppen in der chinesischen Fabrik können ad infinitum aus derselben Gussform kreiiert werden, wird uns gezeigt, sondern auch der Mensch hat seine eigene Gussform, eine biologische Herkunft, die er als Urbild mit sich herumträgt und weitergibt. Jeder Mensch ist ein neues eigenständiges Wesen, eine neue Hülle sozusagen, aber zugleich auch nur das provisorische Endglied in der Kette des sich ständig wiederholenden unzähmbaren Lebens.

Spiegelungen über Raum und Zeit

Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher
Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher

Diese Wiederholbarkeit wird im Roman geschickt durch Bild- und Situationsspiegelungen über Raum und Zeit dargelegt und steuert letztlich auf den verstörenden Zweifel zu, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen künstlichen und menschlichen Wesen gibt. Und dieser Zweifel führt seinerseits zur Frage, was das für eine Welt wäre – oder ist -, in der identische Wesen kein Gefühl der eigenen Identität entwickeln können, weil sie in der Gegenwart des Andern doch nur ins eigene Gesicht blicken.
Ja, was wäre – oder ist – das für eine Welt? Wer eine Antwort sucht, der lasse sich von Martina Clavadetschers Sprachgewalt mitreissen und gehörig überraschen. ♦

Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams, Roman, 288 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-00565-5


Alexandra Lavizzari - Glarean MagazinAlexandra Lavizzari

Geb. 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft, Verschiedene belletristische, kunstgeschichtliche, übersetzerische und literaturkritische Publikationen in Büchern und Zeitungen, lebt als Autorin und Malerin in Somerset/GB


Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren

… sowie zum Thema Schweizer Autorinnen über Isabelle Stamm: Schonzeit (Roman)

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

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Ständige Korrespondenten des Glarean Magazins

Thomas Binder - Glarean MagazinThomas Binder (Schach)

Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als Programmierer in Berlin
Thomas Binder im Glarean Magazin


Dr. Ralf BinnewirtzRalf Binnewirtz - Glarean Magazin (Schach)

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 bis 2018 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig
Ralf Binnewirtz im Glarean Magazin


Christian Busch - Glarean MagazinChristian Busch (Musik & Literatur)

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf
Christian Busch im Glarean Magazin


Walter Eigenmann - Oktober 2020Walter Eigenmann (Musik & Literatur & Schach/Rätsel)

Geb. 1956 in Luzern/CH, seit 2007 Herausgeber und Redakteur des Online-KulturJournals Glarean Magazin
Walter Eigenmann im Glarean Magazin


Bernd Giehl - Glarean MagazinBernd Giehl (Literatur)

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, zahlreiche schriftstellerische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim
Bernd Giehl im Glarean Magazin


Sigrid Grün - Glarean MagazinSigrid Grün (Literatur)

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals
Sigrid Grün im Glarean Magazin


Isabelle Klein - Glarean MagazinIsabelle Klein (Literatur)

Geb. 1975 in Würzburg, Lehramts-Staatsexamen, Studium der Soziologie und Politologie, zahlreiche Online-Belletristik- und Sachbuch-Rezensionen, lebt in Hannover
Isabelle Klein im Glarean Magazin


Alexandra Lavizzari - Glarean Magazin

Alexandra Lavizzari (Literatur)

Geb. 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft, Verschiedene belletristische, kunstgeschichtliche, übersetzerische und literaturkritische Publikationen in Büchern und Zeitungen, lebt als Autorin und Malerin in Somerset/GB
Alexandra Lavizzari im Glarean Magazin


Jakob Leiner - Musiker, Lyriker - Glarean MagazinJakob Leiner (Musik)

Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)
Jakob Leiner im Glarean Magazin


Katka Raeber - Glarean MagazinKatka Räber (Literatur & Film)

Geb. 1953 in der Tschechoslowakei, 1968 Übersiedlung in die Schweiz, Studium der Slavistik, Germanistik und Literaturkritik in Zürich, später Paarberatungsausbildung und Psychodrama-Diplom, lebt als Sachbuch- und belletristische Autorin sowie als Therapeutin und Fotografin in Basel
Katka Räber im Glarean Magazin


Horst-Dieter Radke - Glarean MagazinHorst-Dieter Radke (Musik & Literatur)

Geb. 1953 in Hamm/D, Wirtschaftsinformatiker, Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Betriebspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, daneben Musiklehrerprüfung; freiberuflicher Lektor und Schriftsteller, Buch-Veröffentlichungen zu regionalen und geschichtlichen Themen, Romane, Krimis, Novellen, Erzählungen
Horst-Dieter Radke im Glarean Magazin


Stefan Walter - Glarean MagazinStefan Walter (Literatur)

Geb. 1978, Autor von Lyrik und Kurzprosa, passionierter Schachspieler, lebt mit seiner Familie als Rechtsanwalt in Neuburg/D
Stefan Walter im Glarean Magazin


Mario Ziegler - Glarean MagazinDr. Mario Ziegler (Schach)

Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach
Mario Ziegler im Glarean Magazin

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