Das Sudoku-Quartett im April 2022

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Der unbeschwerte Zahlen-Puzzle-Spass

Ein bisschen Logik, ein bisschen Vorstellungskraft, ein bisschen Erinnerungsvermögen – mehr ist nicht nötig, um in Sachen Sudoku-Rätsel eine Menge Denksport-Spass zu haben.
Die neuen vier Rätsel beinhalten vier Schwierigkeitsstufen: Sehr einfach – Einfach – Mittelschwierig – Schwierig.
Das GLAREAN wünscht viel Erfolg beim Knobeln des Sudoku-Quartetts April 2022!

Sudoku 1 -4 - Sehr einfach bis schwierig - Aufgaben - Glarean Magazin

Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

Sudoku – die Regeln

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Ein Sudoku besteht aus 9 x 9 Feldern, die zusätzlich in 3 x 3 Blöcken mit 3 x 3 Feldern aufgeteilt sind.
Jede Zeile, jede Spalte und jeder Block soll alle Zahlen von 1 bis 9 jeweils genau einmal enthalten.
In ein paar der Felder sind bereits Zahlen vorgegeben. Bei einem Sudoku darf es nur eine mögliche Lösung geben, und diese muss rein logisch gefunden werden können.

Knobeln Sie im Glarean Magazin auch das Sudoku-Quartett im Dezember 2021

 

Hier geht’s zur Auflösung der vier Rätsel —> weiterlesen

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Literaturwettbewerb 2023 des Kroggl-Verlages

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Gesucht: Kurzgeschichten

Kroggl Verlag - Glarean MagazinKurzgeschichten zu einem freien Thema können dem österreichischen Kroggl-Literaturpreis eingereicht werden. Die Texte sollten (bis zum 1.März 2023) unveröffentlicht sein und eine max. Länge von 20’000 Zeichen haben. Die besten Geschichten werden in einer Anthologie veröffentlicht.
Der Wettbewerb ist mit Geldpreisen dotiert, zugelassen sind Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2022, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie auch die weiteren Literatur-Ausschreibungen im GLAREAN MAGAZIN


Peter Biro: Die wundersame Apothekerverdopplung (Humoreske)

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Die wundersame Apothekerverdopplung

Peter Biro

Nach wie vor ringen die Sachverständigen um eine Erklärung für die seltsame Naturerscheinung, die in der unansehnlichen schottischen Kleinstadt Plockton an der Küste der Grafschaft Broomshire ihren Anfang genommen hat. Seitdem verbreitet sich das seltsame Phänomen der plötzlichen Apothekerverdopplung wie ein Lauffeuer von Nord nach Süd über die britischen Inseln. Zurzeit wird im Wochenrhythmus über neue aufgetretene Verdopplungsfälle berichtet, wonach aus jeweils einem Apotheker urplötzlich zwei Individuen entstanden sind, die völlig identisch aussehen und sich ebenso verhalten.
Die entstandenen Duplikate ähneln gewissermassen eineiigen Zwillingen, nur mit dem Unterschied, dass sie spiegelbildlich verkehrt sind; einer ist ein Rechtshänder, der andere ein Linkshänder. Wo vorhanden, ist auch der jeweilige Scheitel der Pharmazeuten spiegelbildlich umgekehrt gezogen. Ein weiteres, besonderes Charakteristikum dieser Erscheinung ist, dass sie ausschliesslich bei pakistanisch-stämmigen Apothekern auftritt, und darunter auch nur solche betrifft, die mindestens seit zehn Jahren ihren Beruf ausüben.

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Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat, mit denen die Betroffenen hantierten, oder gar übernatürliche Mechanismen im Spiel sind, ist reine Spekulation. Selbst der allwissende Pfarrer der Gemeinde, der für absonderliche Epiphanien im Zusammenhang mit dem benachbarten Loch wohlbekannt ist, weiss diesbezüglich keine passende Erklärung, zumal die wundersame Leibesvermehrung bisher ausschliesslich bei moslemischen Apothekern beobachtet wurde.
Am besten kennt man noch den ersten Fall, der sich – wie aus heiterem Himmel – im eingangs erwähnten Plockton ereignet hatte. Er betraf Ghulam Mussafar, den 58-jährigen Apotheker des kleinen, beschaulichen Ortes. Dieser ging eines Tages auf Geheiss seiner Frau in den Keller hinunter, um eingemachten Orangengelee zu holen. Kurze Zeit später kam er in zweifacher Ausführung wieder an die Oberfläche – in beiden Varianten jeweils mit einem Marmeladeglas in der Hand.
Der unerwartete Anblick der doppelten Gatten-Erscheinung liess Fatima Mussafar, die Herrin des Hauses, zuerst an ihrem Verstand zweifeln. Aber nachdem sie beiden Männern flüchtig in die Augen sah, sank sie kurzerhand bewusstlos in sich zusammen. Daraufhin rannten beide Apotheker in den angrenzenden Lagerraum der Apotheke, um Riechsalz zu holen, und der zu Tode erschrockenen Ehefrau wieder auf die Beine zu helfen. Dies war die einzige einträchtige Zusammenarbeit der beiden Apothekervarianten, bevor sie sich in die Haare gerieten.
Fatima wachte aus ihrer kurzfristigen Ohnmacht auf und überzeugte sich handgreiflich über die Realität der phantastischen Erscheinung. Dabei kam sie zur Schlussfolgerung, dass sie sich offensichtlich in einer bigamistischen Beziehung befand, was in ihrem Kulturkreis erst recht nicht toleriert würde. Von der Aussicht auf Ächtung durch ihre strengen Eltern und obendrein vom soeben Erlebten geradezu überwältigt, lief die nur mit ihrem Morgenrock bekleidete Frau in die highländische Kälte hinaus, schnurstracks zu ihrer Freundin, der Ärztin des Ortes, um sich Rat und Zuspruch zu holen.

Alte Apotheke - Glarean Magazin
Die wundersame Apothekerverdopplung: „Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat?“

Es war besagte praktische Ärztin, Dr. Lilian McAuliffe, die, als erste wissenschaftlich geschulte Person mit der neuartigen Apothekerverdopplung konfrontiert wurde und darüber die Öffentlichkeit informierte. Ihr knapper und wissenschaftlich eher unsystematischer Bericht, den sie zuhanden des Lokalreporters Henry Bigelow vom Kyle of Lochalsh Traritrara verfertigte, beschrieb, in der bekannt sparsamen schottischen Art, den Ablauf der Ereignisse mit ausgesprochen kurzen Sätzen. Demzufolge entstand die Verdopplung des Apothekers Ghulam Mussafar innerhalb weniger Augenblicke, als dieser sich kurz im Keller des Hauses aufhielt um die erwähnte Marmelade zu holen. Beim Griff nach dem Einmachglas habe es einen kurzen Knall gegeben, gefolgt von einem grellen bläulichen Lichtblitz. Danach sei Stille eingetreten, jedoch sei ein stechender Geruch die Kellertreppe emporgestiegen, der entfernt an verbrannte Wollsocken erinnerte. Anschliessend waren zwei völlig identische Kopien des zwar verwirrt aussehenden, aber ansonsten unversehrten Apothekers in Erscheinung getreten, beide Kopien gleich gekleidet und sich auch sonst gleichartig verhaltend.

Nach einer kurzen, zielgerichteten Zusammenarbeit der beiden Mussarafkopien zur Wiederbelebung der in Ohnmacht gefallenen, gemeinsamen Gattin, begann eine Auseinandersetzung um die Rechte an der Identität der ursprünglichen Person, gefolgt von Streitigkeiten um den Besitz von Haus, Hof, Garten, dem geleasten Aston Martin und der Apotheke. Beide Mussarafs bestanden darauf, der rechtmässige Apotheker des Ortes zu sein und über die fachlichen Kenntnisse zu verfügen, die zur Ausübung des pharmazeutischen Berufs erforderlich waren. Eiligst kramten sie in den Schubladen des Bürotischs nach der Identitätskarte sowie offiziellen Nachweisen und Diplomen, die sie sich gegenseitig unter die Nase hielten.
Aufgrund der völligen Übereinstimmung in allen Belangen liess sich auch aufgrund der vorgelegten Dokumente keinerlei Einigung erzielen, wer nun von ihnen der „richtige“ Ghulam Mussaraf wäre. Beide bestanden vehement darauf, der rechtmässige Eigentümer der Persönlichkeitsrechte zu sein und beschuldigten den jeweils anderen, nur eine Kopie zu verkörpern, die augenblicklich zu verschwinden habe. Insbesondere konnten sich die zwei Streithähne nicht um das Vorrecht einigen, wer von ihnen nun bei der Dame des Hauses im Doppelbett nächtigen dürfte. Fatima wiederum lehnte es entschieden ab, in der Mitte zwischen den beiden Gatten zu liegen. Allein schon ihres Rückens wegen könnte sie es nicht auf der Besucherritze aushalten, vom zu erwartenden doppelten Schnarchkonzert ganz zu schweigen.
Unnötig zu sagen, dass die zwei Kopien des Apothekers keine definitive Einigung darüber finden konnten, wer von ihnen nun der rechtmässige Besitzer und Bewohner des Hauses und des darin befindlichen Inventars war. Als sie einsehen mussten, dass keiner von ihnen nachgeben würde, fanden sie zumindest einen zeitweiligen Ausweg. Als provisorisches modus vivendi vereinbarten sie, sich bei der Arbeit und im privaten Bereich im Wochenturnus abzuwechseln. Während der eine, sagen wir Mussaraf A, sich in der Apotheke aufhielt und die Geschäfte führte, verblieb der andere im Haus und widmete sich dem Privatleben und der Pflege der ehelichen Beziehung. In der darauffolgenden Woche übernahm Mussaraf B den Laden und sein alter ego besorgte die häuslichen Pflichten und Angelegenheiten. Letzteres geschah insbesondere aus wohlverstandener Rücksicht gegenüber der sensiblen Fatima, die auf diese Weise einigermassen beruhigt zu ihrem geordneten Lebensumständen zurückfinden konnte.
Mit der Zeit ergab es sich – nicht ganz zur Unzufriedenheit der nervlich und auch sonst etwas überstrapazierten Gattin – dass Haushalt und Geschäftsführung ungefähr doppelt so schnell und effektiv erledigt wurden wie vor der Einführung des unerwarteten ménage a trois. Auch das Liebesleben der Apothekerinnenfrau verbesserte sich um den Faktor 2, so dass die Dame des Hauses sich recht zügig mit der neuen Situation anfreundete. Zurzeit ist es allerdings noch unklar, ob es bei den drei Mussarafs weiterhin so harmonisch zugeht.

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Die sich einstellende Routine beruhigte einstweilen die Gemüter, und bis jetzt (toi-toi-toi!) hört man kein Gezeter aus dem kleinen Haus am Ortsrand von Plockton. Glücklicherweise befinden sich die Kinder der Familie seit dem Auftreten dieser Ereignisse bei ihren Grosseltern in Karatschi, so dass ihnen der Schock der väterlichen Verdopplung vorerst erspart bleibt. Wie es mit den doppelten Ghulams inzwischen weiterging, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis, aber ähnlich gelagerte Fälle wiederholten sich rund ein Dutzend Mal in Schottland und im nördlichen England, allesamt ausschliesslich pakistanisch-stämmige Apotheker betreffend. Die einzige Gemeinsamkeit, welche von findigen Sachverständigen als irgendwie ursächlich für die mysteriösen Apothekerverdopplungen verdächtigt wird, war der Umstand, dass alle diese Pharmazeuten nach alten Rezepturen mit selbstgemachten Kräuterpasten für orientalische Hautausschläge hantiert hatten. Das scheint eine ehrwürdige Tradition dieses Berufsstandes vom asiatischen Subkontinent zu sein, allerdings sind keinerlei ähnlich gelagerten Fälle aus Indien oder Pakistan bekannt geworden. Manche Bevölkerungsstatistiker haben allerdings auf auffällig häufigere Mehrlingsgeburten bei Familienmitgliedern dieses Berufsstandes hingewiesen.

Nun befassen sich namhafte Chemiker, Biologen und Zwillingsforscher mit dem seltsamen Phänomen und suchen nach einer plausiblen Erklärung. Hinter vorgehaltener Hand werden Vermutungen über ungeahnte Interaktionen zwischen altindischen Tinkturen mit Kräuteressenzen von der Atlantikküste angestellt. Allerdings gibt es bisher noch keine überzeugenden Hinweise. Natürlich hat sich die Boulevardpresse der Sache angenommen und schlachtet die sensationellen Ereignisse mit marktschreierischen Schlagzeilen aus. Wochenlang belagerten mehrere in- und ausländische Fernsehteams das kleine Haus am Ortsrand von Plockton, um wenigstens ein Bild zu erhaschen, auf dem beide Apotheker gleichzeitig zu sehen sind. Allerdings haben sie damit keinen Erfolg gehabt und konnten immer nur den einen der beiden Apotheker hinter dem Schaufenster oder auf dem Weg erspähen, wenn dieser unterwegs war, um Besorgungen zu erledigen. Auf keinem der Bilder oder Filmsequenzen konnte man erkennen, ob es sich um Ghulam Mussaraf A oder B handelte. Manche enttäuschten Berichterstatter reisten nach und nach wieder ab und einige zogen die doppelte Ausführung des Plocktoner Apothekers sogar in Zweifel. Dann hiess es, dass es sich lediglich um einen PR-Stunt gehandelt habe, um dem verschlafenen Ort zu einer gewissen Bekanntheit, und dem Tourismusbetrieb zu einem Aufschwung zu verhelfen. Allerdings spricht das sporadische Auftreten von Apothekerverdopplungen andernorts gegen diese Hypothese. Immerhin verzeichnete die einzige Gaststätte des Ortes einen sprunghaften Anstieg des Umsatzes, das einzige zu vermietende Fremdenzimmer war von da an kontinuierlich belegt, und der umtriebige Bürgermeister gab umgehend eine nah gelegene Schafsweide als Autobusparkplatz frei.
Nun ist abzuwarten, wie sich die Sachlage entwickelt, und ob, wann und wo es zu weiteren Apothekerverdopplungen kommen wird, beziehungsweise was die schlussendliche Erklärung für dieses ungewöhnliche Phänomen ist. Man darf gespannt bleiben. ♦

Diese Geschichte widme ich meinem seligen Vater Ladislaus Biro (1915-2010), der zeitlebens ein einzelner Apotheker war, und dem es nie gelang sich zu verdoppeln. Im Gegenteil.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN von Peter Biro auch die Satire Schreibblockade


Martin Breutigam: Damen an die Macht (Schach-Kolumnen)

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Rätsel und Geschichten

von Thomas Binder

„Damen an die Macht“ des Bremer Internationalen Meisters Martin Breutigam vereint 160 Schachkolumnen aus der Tagespresse in den Jahren 2014 bis 2021. Im Mittelpunkt steht das Vorstellen prägender Personen der aktuellen Schachszene. Aber auch in entlegenere Winkel des Schachuniversums wird der Leser geführt. Insgesamt eine lockere und anregende Lektüre – und eine Kaufempfehlung vor allem als Geschenk für Schachbegeisterte unabhängig von Alter und Spielstärke.

Martin Breutigam: Damen an die Macht - Schach-GeschichtenDem deutschen Schachjournalisten Martin Breutigam kommt das unschätzbare Verdienst zu, eine vom Aussterben bedrohte Gattung zu bewahren: Die historisch so wichtige Schachkolumne in Tageszeitungen. Nach den Ausgaben „Todesküsse am Brett“ von 2010 und „Himmlische Züge“ (2014) legt er nun mit „Damen an die Macht“ im gleichen Verlag erneut eine rückblickende Sammlung seiner Beiträge für den Berliner „Tagesspiegel“ und den Bremer „Weser-Kurier“ vor. Wie chronologisch nicht anders zu erwarten, umspannt diese Ausgabe nun die Jahre 2015 bis 2021.

Reise zu den Schach-Höhepunkten

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Martin Breutigam lädt uns also zu einer Reise zu den Schachhöhepunkten dieser so bewegten Jahre ein. Wir sind zu Gast bei Weltmeisterschaften und Top-Turnieren. In unserer schnelllebigen Zeit war in meiner Erinnerung vieles davon schon verblasst. Carlsens spektakuläres (wenn auch taktisch eher einfaches) Damenopfer zum Abschluss der WM 2016 hatte ich längst vergessen.
So entfaltet sich vor uns ein Kaleidoskop schachlicher Schlaglichter auf einen gerade noch überschaubaren Zeitraum. Absicht oder nicht – am Anfang und am Ende steht der neue deutsche Schachstern Vincent Keymer: Auf Seite 8 darf der 10-Jährige erstmals die Deutsche Meisterschaft der Männer mitspielen, auf Seite 191 ist der 16jährige jetzt Vize-Europameister.
Dazwischen ziehen viele berühmte Namen an uns vorbei, praktisch alle Weltklassespieler haben in diesen sieben Jahren Spuren hinterlassen und sich eine Breutigam-Kolumne verdient.

Entlegenste Winkel

Martin Breutigam - Damen an die Macht - Leseprobe - Beispielseite - Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus Martin Breutigam: Damen an die Macht

Breutigam führt uns aber auch immer wieder in die entlegensten Winkel des Schach-Universums. So stellt er Leonard Barden vor, den Nestor des englischen Schachjournalismus, der eine „Morphy-Zahl“ von 3 besitzt, was bedeutet, dass er nur zwei Zwischenschritte braucht, um sich über reguläre Turnierpartien mit dem amerikanischen Schachstar des vorletzten Jahrhunderts zu verknüpfen.
In anderen Medien und in einer ganz anderen Generation leistet der Amerikaner Maurice Ashley ähnlich Verdienstvolles für die Popularisierung des königlichen Spiels, auch ihm ist eine Kolumne gewidmet. Auch eine Partie von Bahnvorstand Richard Lutz – in seiner Jugend einer der talentiertesten deutschen Schachspieler – wird vorgestellt.
Der gedankliche Horizont, den Martin Breutigam seinem Leser bietet, reicht sehr weit. Immer wieder bezieht er Haltung, indem er Menschen vorstellt, die am Schachbrett und darüber hinaus Haltung bezogen haben. Sei es aktuell im Konflikt mit politischer oder religiöser Bevormundung – der Name Alireza Firouzja sei stellvertretend in den Ring geworfen. Sei es in der Vergangenheit, wo der Autor Geschichten findet, an denen man bisher vorbei gegangen ist – so die des niederländischen Widerstandskämpfers, Reformpädagogen und Schachspielers Johan van Hulst. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen, fast jede der 160 Kolumnen bietet bemerkenswerte Details, neue Einsichten und Anstöße zum Weiterdenken.

Deutlicher Bezug zum Frauenschach

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Der Buchtitel „Damen an die Macht“ ist offenbar insofern Programm, als Bezüge zum Frauenschach deutlich stärker präsent sind, als man sie sonst im Schachalltag und in der Schachpresse wahrnimmt. Das kann kaum Zufall sein, sondern zeigt wohl Breutigams geschärften Blick für die Belange des oft so unterrepräsentierten Geschlechts.
Jede Kolumne kommt mit einer Buchseite aus, die fast zur Hälfte von einem Stellungsdiagramm eingenommen wird. Dann folgt der inhaltliche Text und zum Schluss ganz knapp der Verweis auf die abgebildete Partie mit der Aufforderung die geniale Fortsetzung zu ergründen. Einige wohldosierte ganzseitige Fotos runden den auch äußerlich guten Eindruck ab.
Da es sich nicht primär um ein Lehrbuch handelt, sind freilich die Partiefragmente eher gedacht als unterhaltendes Beiwerk. Die Erläuterung im (kleingedruckten und kopfstehenden) Lösungstext ist entsprechend kurz. Das Buch hat eine andere Zielstellung, als uns schachlich voran zu bringen. Obwohl die Anordnung der Lösung am Fuß der Seite ein ungewolltes Erhaschen der Lösung kaum zulässt, habe ich mich jedenfalls nicht lange mit dem Lösen der Schachrätsel aufgehalten, sondern die kommentierte Zugfolge lieber quasi als Fortsetzung des Haupttextes gelesen.

Perfekte Präsentation von Lesehappen

Vielseitiger und sachkundiger Schach-Autor: Martin Breutigam (Geb. 1965 in Bremen))
Vielseitiger und sachkundiger Schach-Autor: Martin Breutigam (Geb. 1965 in Bremen)

Die wohldurchdachte Auswahl und die perfekte Präsentation in kleinen Lesehappen machen das Buch zu einer willkommenen Lektüre in Bus und Bahn oder bei Wartezeiten. Insofern würde ich auch die Kaufempfehlung aussprechen: „Damen an die Macht“ ist kein Buch mit Lerneffekt, sondern ein reines Lesebuch. Gerade für Menschen, die sich – auf welchem Level auch immer – für Schach begeistern und dabei über den Tellerrand der 64 Felder hinweg schauen, dürfte das vorliegende Taschenbuch ein sehr willkommenes Geschenk sein.
Was wünscht sich der Rezensent noch? Vielleicht könnte man jedem Artikel das Datum der Erstveröffentlichung beigeben. Immerhin steht im Seitenkopf das Jahr, aber die zeitbezogenen Textpassagen wie „neulich“ und „vor einigen Wochen“ verwirren beim Lesen schon etwas. Noch besser wäre es natürlich in manchen Fällen, wenn der Autor seinen Kolumnen einen aktuellen Kurzkommentar beifügen würde, wenn sich inzwischen neue Entwicklungen ergeben haben. Eine solche Ergänzung authentischer Zeitzeugnisse mit dem wissenden Rückblick würde ich als ungemein reizvoll empfinden – auch wenn es dann ein ganz anderes Buch wird. ♦

Martin Breutigam: Damen an die Macht, Rätsel und Geschichten aus der Welt des Schachs, Die Werkstatt Verlag, 192 Seiten, ISBN 9783-0596-0087-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachkolumnen auch über F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

… sowie zum Thema Frauenschach: Frauen-Schach-Weltmeisterschaft 2020

Tony Overwater (Bass) & Atzko Kohashi (Klavier): Crescent

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Alte Stimmung mit neuen Vorstellungen

von Horst-Dieter Radke

Mit dem Album „Crescent“ legen Atzko Kohashi (Klavier) und Tony Overwater (Bass) eine Hommage an den Saxofonisten John Coltrane vor, die ohne dessen Instrument auskommt und es trotzdem schafft, die Stimmung des alten Albums zu halten und mit neuen, eigenen Vorstellungen zu verknüpfen.

Die CD weckte sofort Erinnerungen, als sie vor mir lag. Und zwar an die frühen Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Da bekam ich eine bereits abgenudelte Platte von John Coltrane mit dem gleichen Namen. Die Erinnerung an das erste Hörerlebnis war sofort wieder präsent. Der langsame, fast hymnische Einstieg der Platte im gleichnamigen Stück und die folgenden prägnanten Improvisationen, die ich zumindest stellenweise schon nach kurzer Zeit mitsummen konnte, blieb auch in den folgenden Jahrzehnten erhalten. Würde es dieses Duo mit ihrer Neuinterpretation ohne Saxofon schaffen, dieses Hörerlebnis zu wiederholen?

Mehr als nur Wohlfühlmusik

„Crescent“ aus dem Jahr 1964 war vielleicht nicht Coltranes erfolgreichstes Album, vielleicht aber sein ruhigstes. Manche Kritiker bezeichnen es als meditativ, was aber nicht bedeuten soll, dass es Wohlfühlmusik ist, die Coltrane eingespielt hat. Diese ruhige-meditative Seite kommt auch in den Interpretationen von Kohashi/Overwater zur Geltung, und sie durchzieht ebenfalls die Kompositionen, die nicht von Coltrane stammen. Es beginnt mit „Wise One“, das auf Coltranes Album das zweite Stück ist. Das Klavier in dieser neuen Einspielung kommt klarer und akzentuierter, als MacCoy Tyner das in der alten Aufnahme schaffte, was zum Teil sicher auf die heutzutage besseren Aufnahmetechniken zurückzuführen ist. Dann übernimmt der Bass die Melodie und damit die Rolle von Coltranes Tenorsaxofon.

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Das klingt ungewohnt – aber nicht schlecht. Es zeigt recht schnell, dass Coltranes Kompositionen jenseits des ursprünglichen Instruments funktionieren. In den Improvisationen entwickeln sich beide dann eigenständig und halten sich nur noch insofern an Coltranes Vorlage, als dass sie die Grundstimmung nicht verletzten. Daraus resultiert ein schönes, entspanntes Zuhören. Schon beim ersten Mal hatte ich das Gefühl, es brauchte gar nicht aufzuhören. Das im Original mehr als achtminütige Stück wird auf der neuen Einstellung auf fünf Minuten komprimiert, was ihm jedoch nicht schadet.

Beide Interpreten gehören zu den Bewunderern Coltranes. Es war keineswegs geplant, dessen Musik aufzunehmen, als sie sich zu den Aufnahmesessions trafen, sondern ergab sich zwanglos aus der Erinnerung an das große Vorbild. Sie meinten auch, so schreiben sie im Booklet, heilende Aspekte in Coltranes Musik erkannt zu haben.

Gleichberechtigung von Bass und Klavier

Aber selbstverständlich ist es dann auch wieder spannend, den anderen Titeln zuzuhören. Das Duo übernimmt drei Kompositionen aus dem gleichnamigen Coltrane-Album: Wise One, Lonnie’s Lament und Crescent, sowie Mr. Syms aus dem Folgealbum My Favorite Things. Zwei Songs des Jazzbassisten Charlie Haden, und einer von Bob Haggart, ebenfalls Bassist, sowie eine Komposition von Tony Overwater ergänzen das Album.

Jazz-Komponist und Bassist Tony Overwater - Glarean Magazin
Der Jazz-Komponist und -Bassist Tony Overwater (*1964 in Rotterdam)

Man könnte meinen, es sei etwas basslastig geraten, aber beim Hören ergibt sich doch ein anderer Eindruck. Klavier und Bass ergänzen sich ausgesprochen gut. Dadurch, dass der Bass immer wieder mal die Melodieführung übernimmt – nicht nur bei Improvisationen – bekommt das ganze Album einen sehr ausgewogenen Charakter. Es ist kein Klavieralbum mit Bassbegleitung, beide Instrumente stehen sich gleichberechtigt gegenüber. Für ein tiefes Instrument wie den Bass ist das nicht ganz einfach, aber Tony Overwater ist nicht der erste, dem dies gelingt. Die Pianistin unterstützt ihn mit teilweise minimalistischer Begleitung, aus der sie sich dann für ihre Improvisationen nicht plötzlich, sondern sehr angemessen und einfühlsam hervorspielt.

Nicht spektakulär, aber herausragend

John Coltrane - Jazz-Musiker - Glarean Magazin
Jazz-Legende: John Coltrane (1926-1967)

Crescent“ ist das fünfte Stück auf dem Album, nicht der Opener, wie beim Original. So wird es zum Mittelpunkt und Höhepunkt der CD. Overwater überrascht mit einem gestrichenen Bass, der bei den ersten Klängen beinahe an ein Saxofon erinnert. Das letzte Stück ist ein Song von Frank Sinatra (As Long As There’s Music), komponiert von Jule Styne, das sich hervorragend als Ausklang des Albums eignet.

Zusammengefasst: Ein vielleicht nicht spektakuläres, aber auf jeden Fall herausragendes Album, das nicht nur beim ersten Anspielen gefällt. Es taugt absolut nicht als Hintergrundmusik, weil es immer wieder zum genauen Zuhören verlockt. Und es verliert auch nicht, wenn man zum Vergleich die alte Platte von Coltrane hört. Eher entsteht der Eindruck, dass es den Interpreten gelingt, neue Aspekte aus den Kompositionen herauszulocken, ohne den Ursprung zu verschleiern. ♦

Tony Overwater/Atzko Kohashi: Crescent, Audio-CD, Label Jazz in Motion Records (Challenge Records International), 50 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jazz-Musik auch über Kenny Garrett: Sounds from the Ancestors

…sowie über die Jazz-CD Rudi Berger featuring Toninho Horta

Workshop Computerschach: Das Such-Tool AGS

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Gesucht: Opfer-Partien

von Stefan Pohl

Profi-Schachspieler, seien sie nun Turnierkämpfer oder Trainer, nutzen vielfach auch entspr. Profi-Datenbanken, um gezielt nach bestimmten Partien mit klar definierten Eigenschaften zu suchen. Solche professionellen und teuren Werkzeuge sind beispielsweise Chessbase oder (etwas kostengünstiger) Chess-Assistant. Auch das Freeware-Programm Scid hat recht vielfältige Such-Funktionen.
Doch für das millionenfache Heer der Hobby-, Laien- oder/und Vereinsspieler täte es meist auch eine schmaler konzipierte Gratis-Software, um in grösseren Datenbanken mit (-zig tausenden Partien), erfasst im sog. PGN-Datenformat, nach interessanten, „aggressiven“ Games zu fahnden. Der deutsche Computerschach-Experte Stefan Pohl hat nun genau dafür ein neues Programm geschrieben, das diesen Job blitzschnell erledigt. Hier stellt er seine „Aggressive Games Search Tools“ AGS erstmals der deutschsprachigen Schachwelt vor.

Da in der heutigen Zeit immer mehr Partien gespielt werden, sowohl von Menschen (entweder online oder dann in den zahllosen Turniersälen) als auch von Schach-Engines gegeneinander, habe ich zwei einfache Tools geschrieben, die automatisiert in beliebigen PGN-Datenbanken nach interessanten (Opfer-)Partien suchen.
Denn besonders Engine-Partien können oft langweilig sein: Sie werden zwar auf einem enorm hohen schachlichen Niveau gespielt, sind aber – auch deswegen – meist recht steril. Viele Partien gehen remis aus, und die Gewinnpartien werden oft erst nach zähem Ringen (letzlich mit minimalsten Vorteilen) im Endspiel entschieden.

Dennoch gibt es natürlich interessante, taktisch spannende Partien – doch diese sind oft tief „begraben“ in riesigen Datenbanken und müssen extra recherchiert werden. Denn nur nach kurzen Gewinnpartien zu suchen reicht hier keinesfalls aus; Oft ergibt sich zwar ein interessanter Verlauf des Mittelspiels, aber bis der Vorteil, den eine Seite erlangt hat, dann wirklich partieentscheidend verwertet werden kann, dauert es oft noch viele Züge. Außerdem: Werden Engine-Partien bis zum Matt (oder technischem Remis) ausgespielt, kann es sowieso lange dauern, bis ein im Mittelspiel errungener Vorteil wirklich zum Matt verwertet wird.

Recherche in den Datenbanken

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Daher habe ich meine Aggressive Games Search Tools (im folgenden kurz AGS) entwickelt, die dieses Problem lösen sollen.
Zunächst gibt es ein Tool, das in allen Gewinnpartien bis zu einer vom User bestimmten Maximal-Zuglänge nach vorgerückten Figuren (der Sieger-Seite) im gegnerischen Lager sucht.
Ein Beispiel: Gewinnt Weiß eine Partie, so sucht das Tool zwischen dem 15. und dem 60. Zug nach weißen Figuren (Dame, Turm, Läufer, Springer) im schwarzen Lager auf der 6./7./8. Reihe. Dies muß mindestens drei Mal der Fall sein, und die betr. Figur darf nicht sofort abgetauscht werden (ein simpler Damen-Tausch auf d8 beispielsweise wäre ja nicht besonders „aggressiv“). Zudem muss sich die Partie noch im Mittelspiel befinden. Letzteres wird über die Materialmenge entschieden: Es müssen noch mindestens Dame, beide Türme und eine Leichtfigur plus mind. vier Bauern pro Seite vorhanden sein – oder dann auch Dame, ein Turm und zwei Leichtfiguren plus mind. vier Bauern pro Seite. Zuvor sucht das Tool nach Opfern, also nach einem mindestens 5 Züge andauernden Materialvorteil im Mittelspiel für jene Seite, welche die Partie schlußendlich verliert (bei nur einem Bauern Vorteil sieben Züge).

Drei Optionen der Suche

Bei dieser Opfersuche kann der User aus drei Optionen wählen:
Startet man das Tool Aggressive_Games_Search_tool.bat, wird zunächst nach dem Namen der PGN-Datei gefragt; anschließend nach der Art der gewünschten Opfersuche:
1= alle Opfer suchen (der Partieverlierer hat für mindestens sieben aufeinanderfolgende Züge im Mittelspiel mindestens einen Bauern mehr)
2= Zwei-Bauern-Opfer suchen (der Partieverlierer hat für mindestens fünf aufeinanderfolgende Züge im Mittelspiel mindestens zwei Bauerneinheiten mehr)
3= wie Option 2, aber die zwei Bauerneinheiten mehr dürfen keine zwei Bauern sein (sondern z.B. der Qualitätsvorsprung Turm für Springer)

AGS-Tool - Stefan Pohl - Computerschach - Februar 2022
Konsolen- und Text-orientiert unter Windows, aber extrem schnell: Die Turbo-Variante des Tools AGS von Stefan Pohl

Es ist klar, dass mehr Partien gefunden werden, wenn man Option 1 nutzt. Die wenigsten Partien ergeben sich mit Option 3, diese sind dann dafür auch auch sehr spektakulär.
Abschließend fragt das Tool noch nach der maximalen Zuglänge der Gewinnpartien in der zu untersuchenden PGN-Datenbank, danach startet das Tool. Je höher die maximale Zuglänge, desto mehr Partien werden logischerweise untersucht und damit auch mehr Partien gefunden. Für Mensch-Partien reicht eine Zuglänge von 80 aus, bei Engine-Partien würde ich 100 empfehlen, v.a. wenn die Engines bis zum Matt spielen mußten; dann können auch höhere Partielängen sinnvoll sein. Für eine komplette Untersuchung aller Gewinnpartien gibt man 250 als Maximallänge ein.

Aggressive Games mit und ohne Opfer

Computerschach-Freund und AGS-Programmierer: Stefan Pohl
Computerschach-Freund und AGS-Programmierer: Stefan Pohl

Ist das Tool mit seiner Suche fertig, ertönt eine kurze Tonfolge, und die gefundenen Partien werden in zwei zusätzlichen PGN-Dateien abgelegt, genannt: „aggressive_no_sacrifices.pgn“ sowie „aggressive_with_sacrifices.pgn“. Wobei in der ersten Datei die „Treffer“ der Suche nach ins gegnerische Feld vorgerückten Sieger-Figuren abgespeichert werden, und in der zweiten Datei dann die Opfer-Partien.
Dabei ist zu beachten, dass es keine sog. Doubletten (also identische Partien) geben kann, denn das AGS-Tool sucht immer zunächst nach Opfern in einer Partie. Nur, wenn keines gefunden wird, wird die Suche nach Figuren der Siegerfarbe vorgerückt im gegnerischen Lager, überhaupt gestartet.

AGS gegen Chessbase

Die Suche nach ins gegnerische Lager vorgerückten Figuren des Siegers ist sehr aufwändig und darum leider eher langsam. (Hier ist das Tool daher nicht schneller als z.B. die Opfersuche in „Chessbase“). Auf einem normalen PC kann man mit einer Ausbeute von ca. 3-5 Partien pro Sekunde bzw. ca. 200-300 pro Minute rechnen.
Aus diesem Grund habe ich eine weitere Version des Tools geschrieben, die auf eine Suche nach ins gegnerische Lager vorgerückten Figuren des Siegers verzichtet und nur nach Opfern sucht:“ AGS_Sacrifices_Only_Turbo.bat“. Dieses Tool sucht also ausschließlich nach Opfern, wobei die Eingaben des Users identisch zu denen des originalen AGS-Tools sind (s.o.).
Diese „reine“ Opfersuche ist um ein Vielfaches schneller und erlaubt daher auch das Durchsuchen von extrem großen Datenbanken in kürzester Zeit. Ich habe testweise eine Datenbank meiner SPCC-Rangliste mit 185000 Partien durchlaufen lassen; Das dauerte nur ca. drei Minuten, das Tool schaffte also ca. 1000 Partien pro Sekunde (!).
Das AGS-Turbo-Tool schreibt die gefundenen Opferpartien in die Datei „games_with_sacrifices.pgn“. Allerdings sind in dieser Datei zunächst alle Partien mit Weißsiegen abgelegt, danach alle Schwarzsiege. Dies war nötig, um die Geschwindkeit des Tools nicht zu beeinträchtigen.

Auch für alle, die auf die komfortable Opfersuche in ChessBase nicht verzichten wollen, bietet das schnelle AGS-TurboTool einen praktischen Nutzen, da man mit seiner Hilfe größere Datenbanken sehr schnell vorfiltern kann. Mit der Suchoption 1 und einer hohen Partiemaximallänge filtert das Tool sehr schnell ca. 5-8 Prozent potentiell interessante Partien aus. Mit dieser um 92%-95% geschrumpften Ergebnis-Datenbank kann man dann wiederum die sehr differenzierte ChessBase-Opfersuche starten.

Die Basis: Das Tool PGN-Extract

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Meine AGS-Tools nutzen für alle wesentlichen Funktionen das sehr mächtige Freeware-Tool pgn-extract des englischen Programmierers David J. Barnes. Dieses befindet sich, wie auch die Figurenverteilungsmuster zur Opfererkennung im bin-Ordner des Downloads. Dort werden auch temporäre Dateien während des Suchprozesses der Tools angelegt (und wieder gelöscht). Der bat-Ordner darf daher nicht wegbewegt oder sein Inhalt verändert oder schreibgeschützt werden. Auch ein mehrfaches Starten der Tools zu selben Zeit geht nur, wenn man den kompletten AGS-Ordner kopiert, so dass jedes der laufenden Tools einen eigenen bin-Ordner bekommt, ansonsten gibt es Datei-Kollisionen.
Wie bei allen Batch-Tools unter Windows gilt: In das schwarze Fenster, in dem sie laufen, darf man nicht mit der Maus hineinklicken, sonst friert das Programm ein. Dies ist ein Problem von Windows, es läßt sich nicht vermeiden…

Eine echte Innovation

Ich meine, dass insbesondere das AGS-Turbo-Tool, das nur nach Opfern sucht, eine echte Innovation darstellt. Denn es war bisher schlicht nicht möglich, Partiedatenbanken mit so hoher Geschwindigkeit nach Opfern zu durchsuchen. Die Opfersuche an sich war bisher v.a. unter ChessBase bekannt, dort ist sie aber sehr viel langsamer. Zwar lassen sich dort auch deutlich mehr spezielle Suchparameter und Stellungsmuster nutzen, aber leider nur mit geringer Suchgeschwindigkeit. Eine wirklich schnelle Opfersuche, um auch große Partiedatenbanken in annehmbarer Zeit zu durchsuchen, gab es bisher schlicht nicht.
Dieses neuartige AGS-Turbo-Tool hat zumindest für mich schon eine neue Erkenntnis erbracht, nämlich die, dass es im modernen Engine-Schach weit öfter Opferpartien, also Siege nach Materialnachteil gibt, als ich das vermutet hatte. Selbst wenn man eine Engine-Partiedatenbank mit dem Turbo-Tool und Option 3 durchsucht, also nur nach wirklich spektakulären Opfern, werden mehr Partien gefunden, als ich jemals gedacht hätte. Ein 7000 Partien Testrun von Stockfish für meine SPCC-Rangliste ergab selbst mit Suchoption 3 noch knapp 200 Partien.

Stockfish: Trotz Materialnachteile zum Sieg

Das finde ich wirklich sehr erstaunlich. Denn eigentlich nimmt man ja an, dass gerade die extrem starke Engine Stockfish gegen schwächere Gegner gewinnt, indem sie nach und nach Materalvorteil erringt und daraus dann in den Partiegewinn abwickelt. Dass aber Stockfish derart häufig sogar deutlichen Materialnachteil in einen Sieg verwandelt, hat mich völlig verblüfft. Engine-Schach der Spitzenklasse ist also doch interessanter und spektakulärer, als es seine zahllosen Remis-Ergebnisse in den entspr. Turnieren vermuten lassen. Vorausgesetzt eben, diese wirklich interessanten Partien werden aus einer riesigen Menge von Partien herausgefiltert. Dank des kostenlosen AGS Turbo-Tools ist das jetzt einfach und schnell für jeden Schachspieler möglich. ♦

Download Aggressive Game Search Tool

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Computer-Schach auch: Die besten Engines der Welt (2)

Umm-El-Banine Assadoulaeff (Banine): Kaukasische Tage (Autobiographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Emanzipation auf Kaukasisch

von Sigrid Grün

In „Kaukasische Tage“ erzählt Umm-El-Banine Assadoulaeff, die unter dem Pseudonym Banine publizierte, von ihrer Kindheit in Aserbaidschan. Banine, 1905 in Baku geboren, gehörte einer der wohlhabendsten Familien des Landes an. Ihre Großväter waren Erdölmillionäre. Banine und ihre älteren Schwestern wuchsen in einem islamisch geprägten Umfeld auf, erhielten aber eine westliche Erziehung. „Kaukasische Tage“ erschien erstmals 1946 im französischen Original, 1949 in deutscher Übersetzung. Nun wurde das Buch erneut übersetzt – und es ist erstaunlich, wie modern die 1992 in Paris verstorbene Autorin schreibt.

Banine - Kaukasische Tage - dtv VerlagDie Geschichte Aserbaidschans dürfte den wenigsten von uns bekannt sein. Das islamisch geprägte Land am Kaspisee erlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Umwälzungen und wurde schließlich eine Sowjetrepublik. Banine, die in eine Familie von Ölbaronen hineingeboren wurde, beginnt ihre Erinnerungen mit folgendem Satz: „Wir alle kennen Familien, die zwar arm sind, aber als achtbar gelten. Meine hingegen war außerordentlich reich und alles andere als achtbar.“ Diese Abwandlung des ersten Satzes von Tolstois „Anna Karenina“: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ fasst das, was kommt, perfekt zusammen. Und dabei erzählt Banine derart lebendig und unterhaltsam, dass es eine wahre Freude ist, der Geschichte ihrer Kindheit und frühen Jugend zu folgen.

Islamische Tradition und westlicher Einfluss

Baku - Erdölstadt - Aserbeidschan - Glarean Magazin
Zwischen islamischer Tradition und westlichem Einfluss: Die Metropole Baku im Erdöl-Land Aserbaidschan

Umm-El-Banine Assadoulaeff wächst gemeinsam mit ihren älteren Schwestern Leyla, Suleyka und Süreya in Baku auf. Ein deutsches Kindermädchen kümmert sich um die Sprösslinge der Familie, die durch das Erdöl auf ihren Feldern zu unglaublichem Reichtum gelangt sind. Die Sommer verbringt die weitläufige Familie auf einem riesigen Landsitz, wo die Kinder Streiche aushecken und eine unbeschwerte Abenteuerlust ausleben. Doch es gibt auch ständig Streit – meistens geht es um Geld oder um Traditionen. Eine streng muslimische Großmutter ist angesichts des Verfalls der Sitten oft am Fluchen, gestresste Ehefrauen wünschen sich endlich eine Nebenfrau, damit sie nicht mehr so alleine sind, wenn der Mann unterwegs ist – und die Pokersucht greift um sich. In diesem Spannungsfeld aus islamischer Tradition und westlichen Einflüssen wächst das Mädchen auf.

Das Verlangen zu lieben

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Als Kind erlebt die Autorin, wie das Land unabhängig und der Vater Minister wird. Wenig später kommen die Sowjets und enteignen die Ölbarone, sperren den Vater ein und verdrehen den aserbaidschanischen Mädchen den Kopf. In Aserbaidschan war es damals üblich, mit 14 zu heiraten, was viele junge Frauen auch als Befreiungsschlag erlebt haben, denn ab diesem Zeitpunkt mussten sie nicht mehr auf ihre Jungfräulichkeit achten und konnten endlich so viele Affären haben, wie sie wollten. Auch die Erzählerin berichtet von ihren frühreifen Sehnsüchten: „Seit meinem zehnten Lebensjahr plagte mich das Verlangen zu lieben: Im Dauerzustand der Verliebtheit war mir das Objekt der Romanze gleichgültig, Hauptsache, ich fand Verwendung für mein großes Gefühl.“ (S.186) Und so verliebt sie sich gemeinsam mit ihren Schwestern immer kollektiv in diverse Männer, die stets um die zehn Jahre älter sind als sie selbst.

Sexuelle Freizügigkeit kontra Vorurteile

Banine - Glarean Magazin
Umm-El-Banine Assadoulaeff alias Banine (1905-1992)

Wer die Geschichte einer verklemmten Muslima erwartet, täuscht sich gewaltig. Hier wird herrlich lebendig von sexueller Freizügigkeit, Spielsucht und fluchenden Alten erzählt, die den Sound der Geschichte bestimmen. Dabei ist „Kaukasische Tage“ aber keineswegs ein Skandalbuch, sondern eine authentisch erzählte Geschichte, die uns mit unseren eigenen Vorurteilen konfrontiert und geeignet ist, uns davon zu befreien.
In dem Buch gibt es zahlreiche urkomische Stellen, etwa, als die Erzählerin und ihre Cousine, die sich dem Kommunismus der Besatzer verschrieben haben, bei der Inventarisierung der Häuser ihrer Nachbarn helfen sollen. Ein echtes Kabinettstückchen, bei dem sich die Mädchen den Umstand zunutze machen, dass die älteren aserbaidschanischen Frauen kein Russisch sprechen und die Russen kein Aserbaidschanisch verstehen. Auch die Figuren werden wunderbar charakterisiert, etwa ein Onkel, der immer Fliegen mitisst, wenn er ein Eis verzehrt.

Herrlich lebendiges Schreiben…

Ernst Jünger - Glarean Magazin
Enger Freund und Vertrauter im Geiste: Ernst Jünger

Im Alter von 14 Jahren ist die Kindheit der Erzählerin vorbei. Der Vater landet im Gefängnis und der Mann, der sich um seine Freilassung bemüht, soll ihr Ehemann werden, obwohl sie nicht ihn, sondern einen Russen leidenschaftlich liebt. Trotzdem nimmt sie es hin, mit ihm verheiratet zu werden, denn so ist es üblich. Die Geschichte endet mit einer Fahrt im Orient Express. Die junge Frau lässt ihren ungeliebten und spielsüchtigen Mann in der Türkei zurück und fährt in die Stadt, die für sie bereits als Kind ein Sehnsuchtsort war: Paris. Dort verbrachte Banine auch den Rest ihres Lebens, wo u.a. auch der grosse Schriftsteller Ernst Jünger zu ihrem engsten Freundeskreis zählte.
Banine kehrte kein einziges Mal in ihre Heimat zurück, obwohl sie sogar von den Sowjets eingeladen worden war. Diese Entscheidung bereute sie kurz vor ihrem Lebensende.

… mit Witz und Intelligenz

Fazit: Was für ein herrlich lebendig und modern geschriebenes Buch! Ich konnte gar nicht mehr aufhören, den Familiengeschichten der Erzählerin zu folgen. Witzig und intelligent wird hier von einer untergegangenen Welt berichtet, die so ganz anders war, als viele von uns sich das vermutlich vorstellen. Es sind keine strikten moralischen Vorschriften, die das Leben der Menschen bestimmten, sondern die gleichen Bedürfnisse, die (junge) Menschen seit jeher überall auf der Welt haben: Zu lieben und geliebt zu werden. Oftmals auf gänzlich unmoralische Art und Weise.
„Kaukasische Tage“ ist das unterhaltsamste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Ich kann es nur wärmstens empfehlen!

Banine: Kaukasische Tage (aus dem Französischen übersetzt von Bettina Bach), dtv Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-423-28234-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Emanzipation auch über Angelika Schaser (Hrsg.): Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Gedicht des Tages von Peter Huchel: Wintersee

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Wintersee

Peter Huchel

Winter-See mit Schilf und Himmel - Gedicht des Tages - Dezember 2021 - Glarean Magazin Wintersee

Ihr Fische, wo seid ihr
mit schimmernden Flossen?
Wer hat den Nebel,
das Eis beschossen?

Ein Regen aus Pfeilen,
ins Eis gesplittert,
so steht das Schilf
und klirrt und zittert.

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von Raoul Hausmann: Nichts

… sowie zum Thema Winter das Gedicht des Tages von Walter Gross: Dezembermorgen

Das Musik-Weihnachtsrätsel (Dezember 2021)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Weihnächtliches Christbaum-Kreuzwortworträtsel

Laden Sie das Musik-Weihnachtsrätsel herunter und drucken Sie es aus. Wir wünschen viel Spaß und Erfolg beim Knobeln des letzten Puzzles in diesem Jahr 2021!

Christbaum-Musik-Kreuzworträtsel - Dezember 2021 - Christmas Puzzle - Rätsel - Glarean Magazin

Hier geht’s zur Lösung des Kreuzworträtsels

Knobeln Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die weiteren Musik-Kreuzworträtsel

Gennadi Sosonko: Genna Remembers (Schach-Erinnerungen)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Spannende Schach-Geschichte(n)

von Thomas Binder

Gennadi Sosonko schildert in „Genna Remembers“ vor allem die Lebensgeschichten von (vorwiegend sowjetischen) Schachmeistern, denen er in seinem Leben dies- und jenseits des „Eisernen Vorhangs“ begegnet ist. So entstehen farbige Lebensbilder, die uns bekannte und weniger bekannte Personen der Schachszene mit ihren Stärken und Schwächen näher bringen.

Gennadi Sosonko: Genna RemembersGroßmeister Gennadi Sosonko war einer der ersten sowjetischen Schachspieler, die in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges einen Turnieraufenthalt nutzten, im Westen zu bleiben. War er in der UdSSR einer unter vielen, gehörte er später in seiner holländischen Wahlheimat lange zur nationalen Spitze, vertrat die Niederlande z.B. bei elf Schacholympiaden.

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere hat es sich „Genna“ zur Aufgabe gemacht, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen und die Eindrücke jener Zeit für die Nachwelt zu erhalten. Mit „Genna Remembers“ liegt nunmehr bereits das fünfte Werk dieser Art vor. Dabei von einer Autobiographie zu sprechen, wäre zu knapp gefasst. Sosonko berichtet zwar sehr wohl „aus erster Hand“, also aus eigenem Erleben – er bleibt aber immer nur Randfigur und stellt andere Persönlichkeiten in den Mittelpunkt.

Hervorragend in der Szene vernetzt

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Um es vorweg zu nehmen: Die Lektüre von „Genna Remembers“ hat bei mir den Wunsch geweckt, nach und nach die vier vorherigen Titel lesen zu wollen.
Sosonko ist offenbar hervorragend in der Schachszene vernetzt – gleichermaßen unter den in den Westen emigrierten Meistern, wie unter jenen, die in der Sowjetunion verblieben waren. Seine persönliche Integrität und Menschenkenntnis eröffnet ihm detaillierte Einblicke in die Lebensgeschichte seiner Gesprächspartner, die er stets mit einem gesunden Maß von Nähe und Distanz aufbereitet. Selbst dort, wo die Nachrichten nicht ganz so schmeichelhaft sind – es soll auch Schachgroßmeister mit Alkoholproblemen geben – bleibt er immer würdevoll, wird nie verletzend oder bloßstellend. Dabei profitiert unser Autor davon, dass er sowohl die schachliche als auch die alltägliche Lebenswirklichkeit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs kennengelernt hat.

Umfassendes Wissen

Gennadi Sosonko - Genna Remembers - Beispiel-Seite - Thinkers Publishing - Rezension Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus „Genna Remembers“ von Gennadi Sosonko (S. 196)

Eine (wohl unfreiwillige) Dokumentation seines Ansehens wie seines umfassenden Wissens enthüllt die folgende kleine Anekdote:
Die sowjetischen Großmeister wurden auf Auslandsreisen von einem „Aufpasser“ des Geheimdienstes KGB begleitet. Beim Bankett nach einem Turnier näherte sich der große Andor Lilienthal diesem Mann: „Ich denke, ich bin hier mit jedermann bekannt, außer – entschuldigen Sie – mit Ihnen. Sind Sie ein Großmeister?“
Der KGB-Major antwortete: „Warum fragen Sie nicht Genna? Er hat schon darüber geschrieben. Er wird mich kennen.“
Selten ist wohl ein Sowjet-Dissident vom KGB selbst so geadelt worden…

Breites Spektrum bekannter Namen

Entspannte Sowjet-Protagonisten im amerikanischen Exil: Alburt, Gulko, Shamkovich (New York 1988)
Entspannte Sowjet-Protagonisten im amerikanischen Exil: Alburt, Gulko, Shamkovich (New York 1988)

Im Mittelpunkt der 15 Kapitel steht meist eine einzelne Persönlichkeit. Einige Beispiele sollen zeigen aus welchem breiten Spektrum bekannter bzw. weniger bekannter Namen hier geschöpft wird:
• Igor Iwanow (1947 – 2005), der sich 1980 nach Kanada absetzte
• Leonid Schamkowitsch (1923 – 2005), seit 1974 im Westen
• Arnfried Pagel (gest. 2015), umtriebiger niederländischer Schachmäzen
• Sergej Nikolajew (1961 – 2007), jakutischer Schachmeister und Unternehmer, 2007 ermordet
• Juri Rasuwajew (1945 – 2012)
• Wiktor Kupreitschik (1949 – 2017)
• Mark Taimanow (1926 – 2016)

Sosonko stellt uns diese und weitere Personen in facettenreichen Porträts vor, meist aus unmittelbar erlebtem Kontakt und angereichert mit vielen kleinen Geschichten. So entsteht vor uns ein lebendiges Bild vom ganzen Wesen dieser Schachspieler mit all ihren Stärken und Schwächen – viel besser, als es eine auf Vollständigkeit bedachte Biographie leisten könnte. Die rein schach-sportlichen Aspekte treten dabei zurück, Turnierergebnisse werden nur am Rande gestreift, wo sie das Geschehen direkt beeinflussen. Partiefragmente sind sehr selten. Sie werden wirksam präsentiert, aber schachanalytisch nur sparsam kommentiert. Selbst hier tritt der Schachspieler hinter den Menschen zurück.

Vor dem Vergessen bewahrt

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Gennadi Sosonko selbst nimmt sich nicht so wichtig. Dennoch entrollt sich aus den vorgestellten Geschichten natürlich ganz nebenbei ein Lebensbild des Autors. Das ist ein zusätzlicher Gewinn, den man aus der Lektüre zieht: Man fühlt sich nicht nur den Porträtierten verbunden, sondern auch dem, der sie für uns vor dem Vergessen bewahrt.
Zwei Highlights mit direktem Bezug zu Sosonko möchte ich erwähnen: Er hat wohl das einzige Vorschaubuch zum WM-Kampf zwischen Fischer und Karpow 1975 geschrieben. Das heißt, geschrieben hat er es natürlich nicht, denn wie wir wissen, fand der Wettkampf nie statt. Einband und „Mockup“ des Buches sind aber erhalten und wurden seinerzeit sogar schon auf einer Messe präsentiert.
2017 erwarb Sosonko bei einer Versteigerung ein ganz eigenes Dokument schachlicher Zeitgeschichte: Jenes Flugticket, von Amsterdam nach Moskau, das Viktor Kortschnoi am 27. Juli 1976 eben nicht benutzte, weil er damals im Westen blieb. Der Sinn für solche Details zeichnet „Genna“ aus und macht sein Werk für jeden an Schachgeschichte und speziell der Epoche des Kalten Krieges interessierten Leser besonders spannend.

Englische Sprachkenntnisse nötig

Was ist noch zu ergänzen? Das Buch ist in angemessenem Umfang bebildert, wobei es sich fast durchweg um Fotos handelt, die auch kundigen Schachhistorikern bislang unbekannt sein dürften.
Die Bilder und die Untergliederung in 15 Kapitel und weiter in kleinere Abschnitte erleichtern auch demjenigen das Lesen, für den die englische Sprache möglicherweise eine gewisse Hürde darstellt. Hier muss man natürlich die Messlatte recht hoch legen. Wir haben einen reinen Prosa-Text vor uns, der uns weit in aus dem schachlichen Bereich hinaus führt. Das übliche Schach-Englisch, mit dem wir auch als Nicht-Muttersprachler bei normaler Schachliteratur gut zurechtkommen, hilft hier nicht weiter. Gute englische Sprachkenntnisse sind also absolut notwendig. Doch auch dies wird meinen eingangs geäußerten Wunsch nach der Lektüre der vier anderen Sosonko-Bücher nicht bremsen. ♦

Gennadi Sosonko: Genna Remembers, Thinkers Publishing 2021, 256 Seiten (engl.), ISBN 978-9464201178

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpersönlichkeiten auch über Karsten Müller & Luis Engel: Spielertypen im Schach

Christmas Tree Chess Puzzles (Weihnachts-Schachrätsel)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

16 Schach-Christbäume wünschen ein frohes Fest!

von Walter Eigenmann

Schon immer haben die Schach-Problemkomponisten und -Studienautoren nicht nur ernsthafte, tiefsinnige oder komplexe Schach-Aufgaben erfunden, sondern auch ihrer Kreativität und Originalität mit allerlei Nachbildungen von „realen“ Gegenständen Ausdruck verliehen. Zum Beispiel mit ganz speziellen Christmas Tree Chess Puzzles.

Christmas Tree Chess Puzzles - 05 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
16 Schach-Christbäume wünschen frohe Weihnachten!

Überraschender Witz auf dem Brett schlägt dem Schachfreund entgegen, wo immer er solchen kunstvollen Konstellationen der Steine begegnet, sei es dass ihre Schöpfer die Buchstaben des Alphabets modellieren, oder ob sie Tiere, Kerzen, Ostereier, Häuser u.a. nachbilden.
Eine besonders schöne und häufig gepflegte Form dieser Studien-Ausprägung sind die vielen Christmas Trees, die insbesondere von angelsächsischen Schachkomponisten im Laufe der letzten 100 Jahre geschaffen wurden. Die Vielfalt dieser Weihnachtsbäume on the board ist erstaunlich und fast ebenso groß, wie sie sich zuhause in der festlich geschmückten Weihnachtsstube präsentiert…

„Weiß am Zuge: Matt in n Zügen“

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Die folgenden 16 Aufgaben sind das Ergebnis meiner umfangreichen Recherche in diversen Studien-Datenbanken und im Internet; sie sind repräsentativ, aber beileibe nicht die einzigen. Und sie alle kommen in der bei Schachstudien bekannten Aufgabenform „Weiß zieht und setzt in n Zügen matt“ daher.
Manche der Puzzles sind verblüffend einfach – und doch zuweilen nicht auf den ersten Blick zu lösen. Und bei einigen kann die weihnächtliche Form so sehr ablenken, dass man vor lauter (Christ)Bäumen den Wald nicht mehr sieht…

Merry Christmas Everyone !

Selbstverständlich verbietet sich bei solchen Matt-Wenigzügern der Einsatz jeglicher Schachsoftware – den Spaß am Knobeln sollte man sich keinesfalls durch den Computer vermiesen lassen.
Wir wünschen viel Spass und Erfolg beim Lösen unserer Christmas Tree Chess Puzzles 2021 – verbunden mit den besten Wünschen zum bevorstehenden Weihnachtsfest! ♦

Christmas Tree Chess Puzzles - 01 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr 01: Matt in 3 Zügen (P. Benko, Internet 2016)
Christmas Tree Chess Puzzles - 02 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 02: Matt in 2 Zügen (Thomas R. Dawson, Chess Amateur 1924)
Christmas Tree Chess Puzzles - 03 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 03: Matt in 2 Zügen (Don French, Internet 1996)
Christmas Tree Chess Puzzles - 04 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 04: Matt in 4 Zügen (Armando Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 05 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 05: Matt in 4 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 06 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 06: Matt in 2 Zügen (P. Steiner, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 07 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 07: Matt in 2 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 08 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 08: Matt in 4 Zügen (Armando Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 09 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 09: Matt in 2 Zügen (Don French, Internet 1996)
Christmas Tree Chess Puzzles - 10 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 10: Matt in 2 Zügen (Pal Benko, Chess Life 1975)
Christmas Tree Chess Puzzles - 11 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 11: Matt in 3 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 12 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 12: Matt in 2 Zügen (E. Papadrosos)
Christmas Tree Chess Puzzles - 13 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 13: Matt in 3 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 14 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 14: Matt in 2 Zügen (A. Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 15 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 15: Matt in 2 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 16 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 16: Matt in 2 Zügen (N. Pergialis)

Hier geht’s zur Lösung der 16 Puzzles

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Studien auch über die Halloween-Schach-Studie 2021: Verhexte Schach-Teufelei

… sowie zum Thema Problemschach über Gerhard Josten: A Study Apiece


English Translation:

16 Chess Christmas trees wish
a Merry Christmas!

by Walter Eigenmann

Chess problem composers and authors have always created not only serious and profound chess problems, but also expressed their creativity and originality with all kinds of replicas of „real“ objects. For example, with very special Christmas Tree Chess Puzzles.

Surprising wit on the board strikes the chess lover wherever he encounters such artistic constellations of pieces, whether their creators model the letters of the alphabet, or whether they recreate animals, candles, Easter eggs, houses and others.

A particularly beautiful and frequently cultivated form of this study expression are the many Christmas Trees, which were created in particular by Anglo-Saxon chess composers in the course of the last 100 years.
The variety of these Christmas trees on the board is astonishing and almost as great as it presents itself at home in the festively decorated Christmas parlor…

The 16 puzzles above are the result of my extensive research in various study databases; they are representative, but by no means the only ones. And they all come in the familiar chess study form „White moves and mates in n moves“.
Some of the puzzles are amazingly simple – and yet sometimes not solvable at first sight. And with some of them the Christmas form can be so distracting that you can’t see the forest for the trees…
Of course, the use of any chess software is prohibited for such easy puzzles – the fun of puzzling should not be spoiled by the computer.
We wish you a lot of fun and success solving our Christmas Tree Chess Puzzles 2021 – together with best wishes for the upcoming Christmas! ♦

Deborah Levy: Ein eigenes Haus (Autobiographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Fade bis lähmend langweilig

von Sigrid Grün

Virginia Woolfs 1929 erschienener Essay „A Room of One’s Own“ gehört zu den am häufigsten rezipierten literarischen Werken der Frauenbewegung – und natürlich sollte „Ein eigenes Haus“ von Deborah Levy auch als eine Adaption dieses Klassikers aufgefasst werden. Doch im Gegensatz zu Woolfs Essay, der mit viel Verve verfasst wurde, wirkt Deborah Levys autobiographische Schrift auf mich fade, um nicht zu sagen lähmend langweilig.

Deborah Levy - Ein eigenes Haus - Autobiographie - Hoffmann und Campe VerlagLiteratur von zerquälten Schriftstellerinnen ist durchaus beliebt. Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ wurde 2019 unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Schreiben ist ein hartes Brot, und als Frau ist es mitunter noch härter – immer noch. Der Titel von Deborah Levys im Herbst erschienenen Teil ihres „Living Autobiography“-Projekts hat mich neugierig gemacht, nicht nur wegen der Anklänge an Woolf, sondern auch, weil mich Autobiographien generell faszinieren.
Um es vorwegzunehmen: Ich habe für die 200 Seiten ewig gebraucht. Die Lektüre war quälend, manchmal beinahe lähmend. Die letzten 50 Seiten habe ich schließlich laut meinem Mann vorlesen müssen, um wach zu bleiben. Er ist schließlich dabei eingeschlafen.

Vor sich hinplätschernd

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Es ist mir unbegreiflich, wie eine derart gefeierte Schriftstellerin so furchtbar langweilig schreiben kann. Ich habe kein Problem mit Bewusstseinsstrom-Literatur, im Gegenteil! Aber ein dermaßen fade vor sich hinplätschernder Bewusstseinsstrom, in dem es viel zu oft um ausufernde Beschreibungen vorgeblich exquisiter Speisen geht, die die Erzählerin verzehrt, war für mich schier unerträglich.
Fast nichts von dem Gelesenen war irgendwie interessant. Es geht um Einkäufe (ein Bananenbäumchen als Kinderersatz, Schuhe und Essen), um die herbeigesehnte Immobilie, die sie sich der eigenen Auffassung zufolge ohnehin nie leisten können wird, weshalb es eine „Imaginärimmobilie“ bleibt, um Begegnungen, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen – und um die eigene Großartigkeit als Autorin, die etwas zu sagen hat und schließlich ein Aufenthaltsstipendium für Paris bekommt.

Keine interessanten Fragen

Deborah Levy
Deborah Levy (*1959)

Schauplätze sind London, New York, Mumbai, Paris, Berlin und eine griechische Insel. Themen sind das Älterwerden, die gescheiterte Ehe, die Kinder, die flügge werden, und der Alltag als Schriftstellerin, der weniger spannend erzählt wird, als ich es mir erhofft hatte.
Wirklich interessante Fragen, wie etwa die nach der weiblichen Selbstbestimmtheit, werden nicht wirklich aufgegriffen. Während Woolf die Bedingungen für das Entstehen großer Literatur noch in „einem Zimmer für sich allein“ und einem finanziellen Spielraum (500 Pfund im Jahr) ausmachte, träumt Deborah Levy von einem Haus mit „eiförmigem Kamin“. Stattdessen hat sie einen „Schuppen […] nicht weit von der Abbey Road“. Und das ist natürlich total romantisch.

Frustration und Lebensmittelkäufe

Es ist eine erhebliche Frustration, die ausgedrückt wird – was durchaus interessant sein kann, wenn das Ganze gut erzählt ist. Aber hier reiht sich eine Belanglosigkeit an die nächste. Das klingt dann zum Beispiel so:
„Wir gingen weiter zur Baron Rouge, wo wir Austern aßen und mit Schankwein hinunterspülten, einem ziemlich groben Wein. Die Austern wurden mit einer Maschine geöffnet, und der Bediener der Maschine arbeitete nonstop, um die Wochenendkundschaft zufriedenzustellen. […] Später schlenderten wir über den Markt und kauften Obst, einen Ziegenkäse im Aschemantel, sämtliche Pilze der Saison und einen Calvados. Im Grunde taten wir nichts anderes, als zu essen und zu trinken. An diesem Abend machten wir in meinem leeren Nest Pilzomelette, gefolgt von Salat, Käse und Obst. Der Calvados war leicht und golden und wärmte.“ (S.133ff).

Unmotiviertes Erzählen

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Ich frage mich: Wen soll das interessieren? Es ist völlig in Ordnung, wenn mal eine solche Szene in einem Buch vorkommt, aber ständige Beschreibungen von Essenskäufen verderben mir jegliche Lust auf eine Lektüre. Und nein, ich bin gerade nicht auf Diät!

Mein Fazit also: “Ein eigenes Haus“ ist das langweiligste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Mir fällt gerade kein einziger Aspekt ein, der mir daran gefallen hätte. Einige Zitate waren vielleicht interessant. Aber die unmotivierte Erzählung einer frustrierten Schriftstellerin, die ihre eigene Großartigkeit immer wieder herausstreichen muss, hat mich definitiv gelehrt, dass es auch Autorinnen und Autoren gibt, auf deren Werke ich in Zukunft besten Gewissens verzichten kann… ♦

Deborah Levy: Ein eigenes Haus (aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schaden), Autobiographie, Hoffmann und Campe Verlag, 212 Seiten, ISBN 978-3-455-00603-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Autobiographie auch über Arno Stocker: Der Klavierflüsterer

… sowie über Eric Baumann: Einen Sommer noch

Steffen Wolf: Der Vogelsang – Rezitationsmusik (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Kongeniales Zusammenspiel von Wort und Ton

von Christian Busch

Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang“ aus der Zeit der Spätaufklärung liegt nun in einer spannenden Rezitation mit moderner Tonuntermalung von Steffen Wolf vor. Wer etwas Schönes hat, verdient es zu haben, nur dann, wenn er auch versteht, es zu gebrauchen – heißt: durch Genuss zu würdigen.

Das Motiv des Singvogels

Steffen Wolf - Der Vogelsang - Rezitationsmusik für Sprecher und Streichquartett nach Wieland„Was bist denn du für ein Vogel?“, fragt Prinz Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ verdutzt, als er – gerade erst von den drei Damen vor der listigen Schlange gerettet – auf eine ihm fremdartig erscheinende Gestalt, den fröhlich trällernden Vogelfänger Papageno trifft. Und so ist so mancher unverstandene Künstler als exzentrischer Vogel eingestuft worden, obwohl wir ja spätestens seit La Fontaines Fabeln wissen, dass Vögel nicht einfach brotlose Künstler, sondern Träger schöngeistigen Kulturguts sind.

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Auch Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang oder Die drey Lehren“ (1778) erzählt von einem wundersamen, betörend schön singenden Vogel, der im paradiesischen Garten des reichen Hans die Natur in vollem Glanz erblühen lässt. Doch leider sind Kunstverständnis und die Empfänglichkeit bei seinem feisten Besitzer nicht entwickelt („Doch dass er was empfunden hätte, / Das war nun seine Sache nicht“).
Und so endet die fabelartige Versdichtung mit dem Verschwinden des großen Künstlers und dem Verkümmern der idyllischen Gartenlandschaft, welche seinem Besitzer auch nur unverdient zugefallen war. Die Moral: Wem der feine Sinn für die Schönheit der Kunst fehlt, dem helfen auch Reichtum, Glück und Wohlstand nicht – sein Dasein muss verkümmern. So weit, so gut.

Aufklärung und Moderne

Prinz Tamino mit der Zauberflöte - Oper von Mozart - Glarean Magazin
Prinz Tamino mit der Zauberflöte, nach Mozarts gleichnamiger Oper

Der Musiker und Gesangspädagoge Steffen Wolf (*1970) hat nun zu Wielands feinsinnig gewobener Versdichtung eine Rezitationsmusik für einen Sprecher (hier: kein geringerer als der bedeutende Wieland-Forscher Jan Philipp Reemtsma) und Streichquartett (Kizuna-Quartett) komponiert. Die Aufnahme ist als CD bei Tyxart erschienen und lässt aufhorchen, wenn aufklärerische Literatur und zeitgenössische Tonsprache eine spannende Verbindung eingehen.

Gelungenes Konzept von Wort und Tonsprache

Christoph Martin Wieland - Glarean Magazin
Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Aufklärer: Christoph Martin Wieland (1733-1813)

Wielands poetische Naturschilderung, seine Ironie, sein Wortwitz und das Streitgespräch zwischen dem tumben Hans und dem subversiven Zaubervogel werden von den Instrumenten umrahmt und untermalt. Zunächst stellt Wolf dem Erzähltext eine vielschichtige Art Ouvertüre voran, in dem der Konflikt zwischen dem reichen Hans und dem Vogel-Belcanto anklingt. In der vieldeutig und verheißungsvoll klingenden, etwa fünfminütigen Einleitung verschmelzen die gegensätzlichen Positionen zu einem überzeitlichen Dilemma, das der Komposition Aktualität verleiht.

Spannende Korrespondenz

In der Folge entwickelt sich ein geschickter, spannungsvoller Dialog von Wort und Ton. Wolf widersteht dabei der Versuchung, den Vogel Liedhaftes darbieten zu lassen, sondern bleibt bei seiner, sich dem Text unterordnenden, offenen, modernen Tonsprache treu. Tänzerisch leicht, dramatisch dumpf – mal passen sich die Töne dem Sprechrhythmus des Rezitators an, mal verstärken sie die Affekte oder wirken tonmalerisch, indem sie die Vorstellungskraft des Lesers unterstützen.
Das Kizuna-Quartett musiziert füllig-klangpräsent und doch präzis, kontrastiert den Sprecher mit auftrumpfenden Einwürfen oder untermalt lyrisch und sehr empathisch. Wort und Klang korrespondieren dabei spannend. Wolfs Tonsprache ist zwar „modern“, harmonisch aber nicht extrem dissonant, sondern nachvollziehbar das literarische Geschehen unmittelbar „erklärend“.

Generalprobe zu "Vogelsang" (Wieland) mit Komponist Steffen Wolf (stehend), Sprecher Jan Philipp Reemtsma (links) und dem Kizuna-Streichquartett in der Elbphilharmonie Hamburg (Foto: Julia Hauck)
Generalprobe zu „Der Vogelsang“ (Wieland) mit Komponist Steffen Wolf (stehend), Sprecher Jan Philipp Reemtsma (links) und dem Kizuna-Streichquartett in der Elbphilharmonie Hamburg (Foto: Julia Hauck)

Ein gelungenes Konzept! So wird dann auch ein vergessener Text wieder lebendig und als Plädoyer für ästhetische Bildung selbst zu einem höchst exquisiten Kunstgenuss.
Bleibt zu wünschen, dass sich das romantischer Tradition verpflichtete Modell in Zukunft auch auf andere literarische, in Vergessenheit geratene Werke übertragen lässt. ♦

Steffen Wolf: Der Vogelsang – Rezitationsmusik für Sprecher und Streichquartett zu Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang oder Die drey Lehren“, Jan Philipp Reemtsma, Kizuna-Streichquartett, TyXart Label, 47 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Streichquartett auch über Pavel-Haas-Quartet: Prokofiew – Streichquartette 1 & 2

Das Sudoku-Quartett im Dezember 2021

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Der unbeschwerte Zahlen-Puzzle-Spass

von Walter Eigenmann

Ein bisschen Logik, ein bisschen Vorstellungskraft, ein bisschen Erinnerungsvermögen – mehr ist nicht nötig, um in Sachen Sudoku-Rätsel eine Menge Denksport-Spass zu haben.
Der Schwierigkeitsgrad der vier folgenden Puzzles ist bewusst sehr einfach gehalten.
Das GLAREAN wünscht viel Erfolg beim Knobeln des Sudoku-Quartetts Dezember 2021!

Sudoku 1-4 - Dezember 2021 - sehr leichte Aufgaben - Glarean Magazin

Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

Sudoku – die Regeln

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Ein Sudoku besteht aus 9 x 9 Feldern, die zusätzlich in 3 x 3 Blöcken mit 3 x 3 Feldern aufgeteilt sind.
Jede Zeile, jede Spalte und jeder Block soll alle Zahlen von 1 bis 9 jeweils genau einmal enthalten.
In ein paar der Felder sind bereits Zahlen vorgegeben. Bei einem Sudoku darf es nur eine mögliche Lösung geben, und diese muss rein logisch gefunden werden können.

Knobeln Sie im Glarean Magazin zum Thema Rätsel auch das Sudoku-Quartett im September 2021

… sowie das Sudoku-Quartett vom Oktober 2017 mit unterschiedlich schwierigen Rätsel-Aufgaben

Auflösung der 4 Rätsel —> (weiterlesen) Weiterlesen

Computerschach: Fritz 18 (Chessbase) erschienen

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Meist alt, teils neu

von Walter Eigenmann

Die Schach-Software Fritz der Hamburger Software-Firma Chessbase ist neu in ihrer 18. Version auf dem Markt. Inwiefern bzw. in welchem Ausmaß unterscheidet sich der jüngste Fritz vom Vorgänger? Lohnt es, Fritz 18 für sich oder als Geschenk unter den Weihnachtsbaum zu legen?

Wenn ein kommerzielles Schachprogramm über 30 Jahre hinweg mittlerweile 17 Updates hinter sich hat, wird es für die Entwickler immer schwieriger, wirklich innovativ zu bleiben. Zumal „Fritz“ in Amateur- und Profi-Kreisen längst zum Synonym von Schachsoftware überhaupt avanciert ist. Fritz ist weltweit quasi ein Selbstläufer in Sachen Schach-Oberfläche, bei zahllosen Schachspielern aller Leistungsklassen kommt er praktisch im „Abonnement“ auf die heimische Festplatte. Fritz „hat man einfach“…

Neue Analyse-Funktionen

Fritz 18 - Schachsoftware DVD - Chessbase - November 2021Denn nach wie vor (und trotz mittlerweile interessanter Alternativen auch aus dem Freeware-Bereich) ist die Fülle der Optionen dieses Graphical User Interface (GUI) für das digitale Schach unerreicht. Von seiner umfassenden Anbindung in die Welt des Internets noch gar nicht geredet.
Werfen wir also einen genauen Blick darauf, ob Chessbase wieder ein paar echte Innovationen in ihr Aushängeschild gepackt hat, oder ob die Hamburger um die beiden Chef-Entwickler Mathias Feist und Matthias Wüllenweber einfach mehr oder weniger ihren hohen Besitzstand wahrten. Letzeres wäre nicht zum ersten Mal der Fall: Dem Druck der Käufer- und Anhängerschaft nach Novitäten waren die Hamburger in den vergangenen 30 Jahren auch schon mal nicht ganz gewachsen.

Visuelle Bewertung

Vergleicht man (neben den selbstverständlich unterschiedlichen Startbildschirmen der Versionen) – erstmal die Oberflächen von Fritz 17 und Fritz 18 , fällt sofort auf, dass – einem nichts auffällt. Denn Menüstruktur, Features-Angebot, Optionen – alles wie gehabt und im Handling praktisch identisch. Die ganz große 30-Jahr-Jubiläumsfreude kommt also bei dieser 18. Ausgabe nicht auf.

Fritz 18 - Chessbase - Menüstruktur - Schachsoftware - Rezensionen - GLAREAN MAGAZIN
Bezüglich Menü-Struktur nichts Neues unter der GUI-Sonne: Fritz 17 & 18 sind identisch

Doch völlig auf Novitäten verzichten wollte man denn doch nicht, allerdings muss man der Software stark unter die Haube kriechen, um sie zu entdecken. Betrachten wir zuerst den Bereich „Analyse“.
Neu wartet Fritz nun mit einer differenzierteren Visualisierung der Stellungseinschätzung auf; hier sind drei Neuerungen erwähnenswert:

Fritz 18: Die Brettdarstellung und das Engine-Analysefenster erfuhren nützliche Differenzierungen
Fritz 18: Die Brettdarstellung und das Engine-Analysefenster erfuhren kleine Erweiterungen

A) Fritz 18 bewertet die Figurenstellung nun mittels Farbskala: Rote Kennzeichnung bedeutet „schlecht“, gelb ist „mäßig“, und grün meint „gut“. Die „Flammen“ im Bewertungsfenster visualisieren die Stellung insgesamt, z.B. als „normal“, „scharf“ oder „das Brett brennt“.
B) Der Engine-Output weist nun ergänzende Hinweise hinsichtlich z.B. Drohungen auf (rote Varianten-Zeilen).
C) Fährt die Maus über die Notation eines Zuges innerhalb der Analyse-Variante(n), wird der betr. Zug auf dem Brett visualisiert; ein m.E. besonders nützliches Feature.

Fritz für den praktizierenden Schachspieler

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Wären nur diese paar Analyse-Novitäten im neuen Fritz, könnte man die Version getrost als „Neuer Schlauch für alten Wein“, also als überflüssig ad acta legen. Doch Chessbase scheint sich in der Fokussierung seines Analyse-Flaggschiffes wieder auf den real praktizierenden Schachfreund besonnen zu haben unter dem Motto: Hin zu einem Fritz als Sparring-Partner des Vereinsspielers. Das Interface nimmt jetzt den selber spielenden Anwender bei der Hand und lässt ihn gegen und mit Fritz deutlich interessantere und lehrreichere Partien als vorher absolvieren.

Geführt – berührt

… nennt sich die wichtigste Neuerung von Fritz 18. Der User wählt ein ihm entsprechendes Niveau der Gegnerschaft aus, und Fritz spielt auf eben diesem Niveau mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz möglichst „menschliche“ Züge, die auch zweitklassig oder gar fehlerhaft sein können. Der Hersteller selber umschreibt euphorisch diese neue Funktion folgendermaßen:

Fritz 18 - Chessbase - Einfache Partie - Fritz als Vereinsspieler - Schachsoftware - Rezensionen - GLAREAN MAGAZIN
Intelligentes Amateur-Verhalten mithilfe von Künstlicher Intelligenz: Fritz als Vereinsspieler

„Fritz 18 steuert sein Spielverhalten intelligent und führt Sie mit Hilfe subtiler Tipps durch die Partie. Sobald Fritz unter Druck gerät, bevorzugt er als Verteidiger Varianten, die für Sie als Angreifer gute Chancen auf Opfer oder andere Taktik bergen. Damit gelingen oft spektakuläre Angriffssiege. Gegen Fritz 18 werden Sie scharfe Gewinnpartien spielen, die es in 40 Jahren Schachprogrammierung so nicht gegeben hat. Entweder waren die Programme zu stark oder sie lassen keine Opfervarianten zu, sondern geben selbst Material, um Matt abzuwenden. […] Generell spielt Fritz im Modus ‚Geführt – Berührt‘ auf Level ‚Clubspieler‘ zwar gebremst, doch durchaus stark. Die Partien sollen nicht zu einfach sein. Dennoch kann man sehr häufig gewinnen. Dazu gibt es die erheblich verbesserten subtilen Tipps. Den wesentlichen Anteil der Partie gestalten Sie selbst, doch bei Gegenwind holen Sie sich Hilfe.“

Diese „subtilen Tipps“ kommen dann in Form von Hinweisen daher wie: „Greife eine Leichtfigur an“, „Besetze ein starkes Feld“, „Drohe Matt“, „Gewinne Material“, „Biete einen Abtausch an“.

Kaufen oder nicht kaufen?

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Fazit: Die dezidierte Hinwendung des neuen Fritz zum spielenden, nicht nur analysierenden Anwender ist grundsätzlich zu begrüßen. Es ist m.E. der einzige wirklich vielversprechende Weg eines neuen, modernen Schach-Interfaces. Die reinen (und durchaus bewährten) Analyse-Funktionen bleiben ja erhalten, und in Sachen Partien-Verwaltung gibt’s weitere spezialisierte Software (von Chessbase selber über die Freeware Scid bis hin zu anderen kommerziellen Angeboten wie z.B. Chess Assistant).

Einer der geistigen Väter von Fritz 18: Der Physiker, Programmierer und Chessbase-Gründer Matthias Wüllenweber (geb. 1961)
Einer der geistigen Väter von Fritz 18: Der Physiker, Programmierer und Chessbase-Gründer Matthias Wüllenweber (geb. 1961)

Die Frage, ob man als Schachspieler den neuen Fritz kaufen soll, hängt (wie immer und diesmal ganz besonders) von den Präferenzen des Users ab. Wer nicht selber (oder allenfalls online) mittels Software Schach spielen, sondern vorwiegend analysieren will, der braucht Fritz 18 nicht (sofern er bereits eine der Vorgänger-Versionen hat). Denn der Analyse-Sektor des Programms ist trotz der oben erwähnten grafischen Novitäten zuwenig innovativ, und diesbezüglich beschleicht einen allmählich der Eindruck, als wären Chessbase hier die Ideen ausgegangen. Kommt hinzu, dass auch die neue Fritz-Engine zwar neu programmiert wurde (diesmal von Frank Schneider), aber hinsichtlich Spielstärke keinen nennenswerten Fortschritt gegenüber Fritz17 erzielt. (Dass selbstverständlich auch die neue Fritz-Engine jeden der Top-Großmeister der Welt in einem Match in Grund und Boden spielte, braucht nicht näher ausgeführt zu werden). Wer eine absolute State-of-the-art-Engine in der Partien-Analyse einbinden will, greift zum Freeware-Programm Stockfish.

Anders sieht es aus für jene Anwender, die einen interessanten, informativen und lehrreichen Sparring-Partner fürs eigene Schachtraining suchen. Hier hat Fritz 18 seine wirklichen neuen Verdienste, und da lohnt sich durchaus ein Kauf. Für knapp 60 Euro kriegt der User ein Interface, das den „selbstständigen privaten Schachunterricht“ auf ein neues Niveau hebt. ♦

Chessbase: Fritz 18 – Schachsoftware, DVD & Download

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachsoftware auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Computerschach: The Engine Crackers