Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern (Roman)

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Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg

von Sigrid Grün

70 Jahre syrische Geschichte erzählt der 1964 in Aleppo geborene Autor Khaled Khalifa. Er ist während des Krieges in Damaskus geblieben und publizierte seine Werke im Ausland, um der Zensur zu entgehen. In „Keiner betete an ihren Gräbern“ erzählt er von der symbolträchtigen Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg und berichtet von der Geschichte eines Landes, das zunächst Teil des Osmanischen Reiches war, anschließend unter französischer Kontrolle stand und 1946 schließlich vollständig unabhängig wurde.

Keiner betete an ihren Gräbern - Khaled Khalifa - Roman1907: Der Euphrat ist über die Ufer getreten und die Überschwemmung zerstört das Dorf Hosch Hanna bei Aleppo. Nur wenige Menschen überleben die Flutkatastrophe. Als der Großgrundbesitzer Hanna Gregorus und der Pferdezüchter Zakaria Bayazidi aus der Zitadelle, die zu einem privaten Freudenhaus umfunktioniert wurde, in ihr Dorf zurückkehren, müssen sie den Tod ihrer Kinder und den Verlust ihres Eigentums verkraften. Auch Hannas Frau Josephine ist ertrunken. Hanna und Zakaria blieben aufgrund ihrer Vergnügungssucht verschont.

Sündiger Lebensstil

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Hanna stellt sich die Frage, ob das die Strafe Gottes für den sündigen Lebensstil ist, dem er und sein Freund frönten: „Hanna fühlte sich wie ein Kind, das gerade in ein anderes Leben ohne Vergangenheit hineingeboren worden war. Eine neue, unbeschriebene Seite, die die Erinnerung an ein Leben voller Trubel, Vergnügungen und Schmerzen hinter sich ließ, das nun sein Ende gefunden hatte. Er fühlte sich schuldig und sehnte sich nach seinem Sohn und dem Gesicht seiner lieben Frau, die ein Leben an seiner Seite ertragen hatte.“
Zakaria, der seinen Freund in einem derart verängstigten Zustand nicht ertragen kann, hilft bei der Bestattung der Toten mit: „Die Gräber der Christen lagen in einer Reihe neben denen der Muslime, daneben in einer geraden dritten Reihe die Gräber der Unbekannten und Fremden.“

Christlich-muslimisch-jüdische Freundschaft

Khaled Khalifa
Khaled Khalifa

Das zentrale Motiv dieses Romanes von Khaled Khalifa ist die religionsübergreifende Freundschaft zwischen dem Christen Hanna, dem Muslim Zakaria und dem Juden Azar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten Angehörige verschiedener Ethnien und Religionsgemeinschaften in der Region. Ähnlich wie knapp 100 Jahre später in Jugoslawien vor Ausbruch des Krieges lagen zwar Spannungen in der Luft, aber es herrschte ein Klima der gegenseitigen Akzeptanz.
Vor allem Hanna und Zakaria sind auf eine besondere Weise miteinander verbunden. Sie sind zusammen aufgewachsen, da die Eltern des Christen Hanna bei einem Massaker ums Leben kamen, als Hanna noch ein Kind war. Auf dieses Ereignis nimmt auch der Titel Bezug. Zakarias Familie nimmt das christliche Waisenkind bei sich auf.
Als Erwachsener begibt sich Hanna schließlich auf die Spur seiner Familie und stößt im Rahmen von Ausgrabungen auf die Reste einer christlichen Kirche, die noch vom Massaker zeugt, bei dem seine Angehörigen ums Leben kamen. Hanna lässt an der Stelle ein Kloster errichten, doch verklären will er sich nicht lassen: „Er wollte kein Heiliger werden. […] Stattdessen hatte er leidenschaftlich ein Leben gelebt, das voller Fehler und Dummheiten war.“

Opulentes orientalisches Erzählen

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Das Buch, das von den Jahren 1881 bis 1951 erzählt, allerdings nicht chronologisch, zeigt auf, von welchen Spannungsfeldern das Leben der Menschen in und um Aleppo geprägt war. Da ist zunächst mal das Spannungsfeld zwischen den Ethnien und Religionen, aber auch das zwischen Männern und Frauen. Während die Frauen nämlich ihre Jungfräulichkeit wie einen Schatz hüten, geben sich die Männer unbeschwert dem Vergnügen hin.

Khaled Khalifa hat einen überbordenden Roman verfasst, in dem das opulente orientalische Erzählen eine große Rolle spielt. Das ausufernde Figureninventar stellt fast durchgehend eine Überforderung dar, weshalb ich dringend empfehle, die vierseitige Auflistung der Figuren im Anhang gründlich zu studieren – am besten, bevor man mit der Lektüre überhaupt beginnt.
Wer sich nicht von der ausführlichen Erzählweise abschrecken lässt, wird hier ein spannendes Buch zur Geschichte einer Region finden, über die wir viel zu wenig wissen. ♦

Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern, Roman, aus dem Arabischen von Larissa Bender, 544 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498002046

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Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein

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Neues Anfänger-Lehrbuch für Acht- bis Zehnjährige

von Thomas Binder

Drei Jahre nach „Schach spielen mit Niveau“ legt der ehemalige Schachtrainer Axel Gutjahr mit „Schachspuk auf Ruine Rochenstein“ ein neues Schachbuch für Kinder vor.

Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Axel GutjahrDie Zielgruppe von „Schachspuk auf Ruine Rochenstein“ ist mit der Altersangabe „ab acht Jahren“ gut getroffen, dürfte allerdings auch nur wenig darüber hinaus gehen. Oberhalb von 10 Jahren sind Kinder für Bücher dieser Art sicher nicht mehr zugänglich. Dabei stellt sich ohnehin die Frage, ob in der genannten Altersgruppe ein Schachlernen durch einsame Buchlektüre noch zeitgemäß ist. Der anhaltend reiche Vorrat solcher Werke auf dem Markt scheint den Autoren allerdings Recht zu geben, und in diesem Feld gehört Gutjahrs neues Buch gewiss zu den Favoriten.

Schach-Kobold in Burgruinen

Axel Gutjahr - Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Heel Verlag (Plaza) - Beispiel-Seite 1 - Rezension GLAREAN MAGAZIN
„Kingerecht vorgetragen“: Beispielseite aus Axel Gutjahr: „Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Was bekommen wir also auf den gut 140 Seiten geboten? Die drei Kinder Pit, Tina und Atze erkunden die Ruine der Burg Rochenstein. Dort werden sie zunächst von einem Fußboden in Schachbrettform und dann von den einzelnen Figuren empfangen, die ihnen von Grund auf die Schachregeln erklären. Mit dem ersten Grundwissen ausgestattet, empfängt sie dann der Kobold Mattotto und erklärt ihnen die weiteren Spielregeln (umfassend bis zum en-passant-Schlagen und zu den Remisregeln) sowie einfache taktische Motive.

Die drei Partiephasen werden jeweils elementar angerissen: Die Kinder und mit ihnen der Leser erlernen die Grundbegriffe der Eröffnung, dann ein paar taktische Tricks (Fesselung, Gabel etc.) im Mittelspiel und schließlich wichtige Endspiel-Begriffe wie Quadratregel, Elementare Matts, Bauerndurchbruch, Oppositionsregel, Randbauer). Diese Aufzählung ist nahezu vollständig. Es ist also klar (und eigentlich unvermeidlich), dass hier noch sehr viel fehlt, was Kinder im betreffenden Alter über Schach lernen können und sollten.

Kindgerechte Textaufbereitung

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Enorm wichtig ist es, dass alles sehr kindgerecht vorgetragen wird. Die Texte sind übersichtlich und keine Buchstabenwüsten. Große Stellungsbilder lassen keine Frage offen, was gerade besprochen wird. Ein enormer Gewinn sind die herrlichen Illustrationen von Ralph Handmann auf praktisch allen Seiten des Buches.

Abgerundet wird der Lehrteil von immer wieder eingestreuten kurzen Fakten rund um das königliche Spiel unter dem Motto „Wusstest du…“ Dass auch solche Stereotype wie das Narrenmatt und die Reiskornlegende nicht fehlen dürfen, versteht sich fast von selbst. (Es gibt Dinge, die habe ich einfach zu oft gelesen, als dass sie mich noch begeistern würden).

Anfänger-Lehrbuch mit Update-Bedarf

Axel Gutjahr - Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Heel Verlag (Plaza) - Beispiel-Seite 2 - Rezension GLAREAN MAGAZIN
„Tolle Bebilderung“: Beispielseite aus Axel Gutjahr: „Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Schauen wir nun, was wir nicht geboten bekommen: Über den schachlichen Gehalt kann man streiten. Der Autor hat sich offenbar eine Grenze dessen gesetzt, was er vermitteln will. Da wird er nie so genau meinen Geschmack treffen, aber immerhin hält er diese Linie konsistent durch. Es ist ein reines Einstiegs-Lehrbuch, welches der Weiterführung – am besten natürlich in einem Verein oder in einer schulischen Schach-AG – bedarf. Leider fehlt mir auch die im Untertitel angedeutete Spannung. Die Kinder erlernen ehrfürchtig das Schachspiel. Auf alle Fragen antworten sie brav und meist auch sofort richtig. Widerstreitende Meinungen, Korrekturen unrichtiger Antworten gibt es nicht. So wird auch die Chance vertan, die handelnden Kinder als eigenständige Charaktere auszuprägen.

Fehlende Rahmenhandlung

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Eine echte Rahmenhandlung gibt es nicht, die versprochene Spannung findet nicht statt. Angesichts der sprachlichen Stärken, der tollen Bebilderung und des kindgerechten Layouts hat dieses Buch eine Fortsetzung verdient. So wie die Leser älter werden, können auch die Buchhelden mit ihnen wachsen. Eine zweite Folge würde den schachlichen Inhalt vertiefen und anspruchsvoller machen. Das könnte man dann in eine Rahmenhandlung einbinden, bei der die Kinder (sowohl Pit, Tina und Atze als auch die Leser) Schachrätsel zu knacken haben und damit insgesamt eine spannende Aufgabe lösen (sei es ein Labyrinth zu erkunden, einen Schatz zu finden oder eine Prinzessin zu befreien – sorry für die Klischees).
Das würde Gutjahrs Ansatz abrunden und dem Buch ganz neue Chancen auf dem Markt eröffnen, ja vielleicht sogar ein neues Genre innerhalb der Schachliteratur für Kinder begründen. ♦

Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein, Das spannende Schachbuch für Kinder, 144 Seiten, Heel Verlag, ISBN 978-3-96664-365-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kinder- und Jugend-Schach auch über Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

… sowie über Circon Verlag: Schachtricks für Kinder (Lehrbuch)


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Dana Fuchs: Borrowed Time

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Knochenhart-gradliniger Southern Rock

von Horst-Dieter Radke

Das neue Album „Borrowd Time“ von Dana Fuchs fegt gleich mit dem ersten Song sämtlichen Staub aus den Regalen, in denen die Boxen stehen. Meine Güte, ein Live-Album und viel zu laut aufgenommen, ist mein erster Eindruck. Dieser täuscht! Zu laut nimmt man ja heutzutage sowieso auf, und das Album wurde im Studio fabriziert.

Die US-amerikanische Sängerin Dana Fuchs zählt hierzulande nicht zu den sehr bekannten Größen, tourt aber inzwischen auch über den europäischen Kontinent, wobei die skandinavischen Länder noch überwiegen.
Dass man dabei in den Lobpreisungen und Pressemeldungen immer Bezug nimmt zu anderen Künstlern, sie gar als legitime Nachfolgerin von Janis Joplin sieht, ist eher, wie ich meine, eine Last, die man ihr aufbürdet.

Hart und schnörkellos

Dana Fuchs: Borrowed Time (Musik-CD)Was man auf diesem Album zu hören bekommt, ist knochenharter Southern-Rock ohne große Schnörkel. Das ist Musik, die sowieso laut daherkommt – die Art der Aufnahme passt also. Jon Diamond, ihr Gitarrist seit 2003, ist so stark in den Vordergrund gemischt worden, dass die Stimme der Sängerin dagegen ankämpfen muss. Aber sie kann das – und daher auch der erste Eindruck eines Live-Albums. So klingt das garantiert auch, wenn sie mit Ihrer Band auf der Bühne steht. Schade, dass ich vorerst keine Gelegenheit haben werde, das einmal zu prüfen. Die CD weckt zumindest Lust darauf.

Abwechslungsreiche Songs

Erfreulicherweise finden sich keine gecoverten Songs auf dem Album. Sämtliche Titel wurden Dana Fuchs und Jon Diamond teilweise mit Hilfe anderer Bandmitglieder geschrieben. Bedauerlicherweise liegen dem Album keine Texte bei. Da sie bei dieser Art Musik nicht immer gut zu verstehen sind, wäre das eine Hilfe für nicht muttersprachliche Hörer gewesen.

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Die Zusammenstellung ist gut. Nach dem Opener „Double Down On Wrong“, der ein Fetzer ist, folgt etwas verhaltener „Blues Mist Road“, der jedoch ab der Mitte auch von der schmutzigen Gitarrenarbeit der beiden Gitarristen lebt.
„Call My Name“ ist eine langsame Ballade, bei der ausnahmsweise auch der Text gut verstanden wird. Bei „Save me“ wiederum ist zu hören, wie gut die Rhythmussektion (Bass und Drums) zusammen harmoniert.

Dana Fuchs - Glarean Magazin
Gradlinig, schnörkellos: Dana Fuchs (geb. 1976)

Das folgende „Curtain Close“ wird von den beiden Gitarristen dominiert. Der knarzende Telecaster-Sound lässt Melodie und Stimme fast in den Hintergrund treten. „Borrowed Time“ dann, der titelgebende Song, beginnt verhalten mit Akustik-Gitarre, die dann von den E-Gitarren überlagert wird, die sich aber nicht in den Vordergrund drängen. Statt Solospiel gibt es in der Mitte des Songs einen melodiösen Riff.
„Nothing You Own“ ist wieder eine Ballade, in der die E-Gitarren sich mit Arpeggien begnügen. Die Lead-Gitarre zeigt gegen Ende, dass es nicht viele Töne braucht, um ein ansprechendes Solo zu spielen.
„Not Another Second On You“ setzt da wieder ein, wo der erste Titel aufgehört hat. Bei „Lonely Lie“ zeigt Jon Diamond, dass er auch eine gute Mundharmonika spielen kann; sonst braucht es für diesen Song nur noch eine Akustik-Gitarre. „Last To Know“ rockt wieder los, als gälte es ein Publikum bis zum Überglühen einzuheizen. Das letzte Stück „Star“ dreht dann mit den verzerrten Telecaster noch einmal etwas mehr auf.

Routine und Spielfreude

The Allman Brothers Band - Glarean Magazin
Legendäre Formation des Southern Rock in den 1970er Jahren: The Allman Brothers Band

Dana Fuchs‘ rauhe Stimme ist wandlungsfähiger, als es bei den ersten Stücken den Anschein hat. Das fällt vor allem bei den Balladen auf. Die Gitarrenarbeit von Jon Anderson und dessen Partner Kenny Tudrick mag beim ersten Eindruck etwas einseitig daherkommen, bei genauerem und öfterem Hinhören merkt man aber doch, dass sie differenziert spielen können. Natürlich ist da der gradlinige, nicht sehr komplizierte Southern-Rock, aber den bringen sie mit viel Routine, Enthusiasmus und vor allem großer Spielfreude, die mit manch guten Einfällen durchsetzt ist.

Wer ein erfrischend neues, wenn auch nicht neuartiges Rockalbum hören möchte, ist bei Dana Fuchs und ihrer Mannschaft an der richtigen Adresse. Vor allem ist es kein Album, das man ein- oder zweimal hört und dann wieder vergisst. Es gewinnt vielmehr beim wiederholten Hören. Wer gradlinigen Southern-Rock mag, bei dem stellt sich hier die gute Laune automatisch ein. ♦

Dana Fuchs: Borrowed Time, Ruf-Records, Audio-CD, 50 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Rock Musik auch über Birgit Fuß: Jim Morrison (Musiker-Biographie)

… sowie über Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony (Lehrbuch)


Computerschach: Komodo Dragon 3 bei Chessbase erschienen

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Ein Programm für alle Fälle

von Walter Eigenmann

Das moderne Computerschach kennt mittlerweile hunderte von verschiedenen Engines unterschiedlichster Spielstärke – und die stärksten unter ihnen würden mit WM Magnus Carlsen und seinen genialen Profi-Kollegen wohl umspringen wie mit Lehrlingen. Dabei handelt es sich zumeist um Freeware, darunter mit Stockfish auch die aktuelle Nummer-Eins. Seit langem ist diesem Platzhirschen – neben dem drittstärksten Programm LeelaChess – aber eine kommerzielle Engine dicht auf den Fersen: Komodo Dragon. Dessen jüngste, dritte Version wird nun ebenfalls – exakt ein Jahr nach Dragon 2 – von der Hamburger Schachsoftware-Firma Chessbase unter deren hauseigenem Interface „Fritz“ vertrieben.

Chessbase Komodo Dragon 3: PC-Schachprogramm mit neuronaler NetzwerktechnikDass die Komodo-Gründer bzw. -Programmierer Don Dailey (†), Larry Kaufman und Mark Lefler ihre erfolgreiche Engine nicht nur in Eigenregie verkaufen, sondern zusätzlich bei Chessbase unterkommen konnten, dürfte für beide Seiten eine Win-Win-Situation darstellen: Mit dem weltweit sehr erfolgreich vertriebenen „Fritz“-Interface (hier: die Version 18) kann der starke Motor unter eine professionelle Haube kriechen, während die Hamburger neben ihrer „klassischen“ Fritz-Engine noch ein zweites, extrem starkes Programm-Pferd im Stall haben.
Der Zukauf von kommerziellen Engines hat bei Chessbase jahrzehntelange Tradition: Von „ChessTiger“ und „Junior“ über „Hiarcs“, „Shredder“ und „Rybka“ bis hin zu jetzt „Komodo“ nahm CB immer wieder externe Programme bzw. Programmierer unter Vertrag – natürlich stets gleichzeitig mit seiner Hausmarke „Fritz“.

Neuer Wein in alten Schläuchen

Komodo Dragon 3 - Chessbase - Eröffnungsbildschirm - Mai 2022 - Schach-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Der Eröffnungsbildschirm des neuen Komodo Dragon 3 von Chessbase

Über das Graphical User Interface „Fritz“ in seiner aktuellsten Version haben wir bereits berichtet: Fritz 18. Die „Fritz“-Programmoberfläche ist seit Jahren – trotz eines gewissen Innovations-Staus, der bei den letzten Nummern zu beobachten war – der unangefochtene Leader unter allen kommerziellen GUI und bei den internationalen Schachprofis das meistverwendete Schachprogramm; beim Heer der Amateur- und Klubspieler ist „Fritz“ ohnehin seit Jahrzehnten fest etabliert als Analyse- und Datenbank-Werkzeug.
Die jüngste Komodo Version 3 von Chessbase übernimmt dieses Interface unverändert – „neuer Wein in alten Schläuchen“ also. Wenden wir uns dementsprechend der Engine selber zu.

Personalities für jeden Geschmack

Komodo Dragon 3 - Neun Schach-Personalities - Rezensionen Glarean Magazin
Die neun Personalities des Komodo Dragon 3

Nach der Installation der neuen Komodo-Ausgabe von Chessbase hat der Anwender plötzlich neun weitere Engines in seinem Programme-Ordner. Denn wie schon bei der Vorgänger-Version 2.6 diversifiziert auch Komodo-Dragon 3 seine Default-Engine in sog. „Personalities“.
Damit knüpfen die Macher des Schach-Warans – wenngleich in sehr viel geringerem Ausmaß – an das legendäre Schach-Paket „Chessmaster“ (1991-2007) an, das seinerzeit viele Dutzende solcher vorprogrammierter „Spieler-Persönlichkeiten“ für ein möglichst abwechslungsreiches Spiel des Users gegen das Programm mitlieferte und damit einen der wichtigsten Kaufanreize für diese damals weitverbreitete Software darstellte. (Ein weiteres, kostenloses Schachprogramm, bei dem die Personality unterschiedlich gewählt werden kann, ist z.B. Pro Deo von Ed Schröder. Zu nennen ist außerdem das spielstarke Stockfish-Derivat ShashChess mit mehreren solcher Personalites).

Vom Anfänger bis zum Weltmeister

Unter dem Chessbase-GUI konnten schon immer all jene, die „Fritz“ nicht zum Analysieren, sondern zum Selberspielen nutzen, die Engine-Stärke drosseln. Bei Komodo-Dragon wählt der Anwender nun fix programmierte Varianten aus, die da heißen: Dragon 3 (Default), Dragon Active, Dragon Aggressive, Dragon Beginner, Dragon Defensive, Dragon Endgame, Dragon Human, Dragon MCTS, Dragon Positional.

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Zitieren wir diesbezüglich hier kurz aus dem Beschrieb von Chessbase, wo die Programm-Macher festhalten, dass sich die Spielstärke bei Komodo Dragon 3 grundsätzlich „beliebig nach der gewünschten Elo-Stärke von 1 bis maximal 3500 einstellen“ lasse. „Die Elo-Werte beziehen sich dabei auf menschliches Spiel im Schnellschach und eignen sich z.B., um für ein ausgeglichenes Match zu sorgen. Denn bei reduzierter Spielstärke unterlaufen der Engine die Fehler, die von Menschen mit der eingestellten Wertungszahl zu erwarten sind.
Die Elo-Einstellungen von Komodo Dragon 3 sind gegen viele menschliche Spieler unterschiedlichster Spielstärke getestet und abgestimmt worden, insbesondere im GM-Bereich in zahlreichen Schnellschachpartien gegen GM Alex Lenderman, der zum Entwicklerteam von Komodo gehört.“


Exkurs: Die Personality „Endgame“

Welche der acht zusätzlichen Dragon-Personalities nun genau wie in welchem Schach-Segment spielt, müssten weitergehende Tests und Analysen zeigen. Der Autor hat sich bis jetzt mit zweien dieser Dragon-Derivate näher beschäftigen können, nämlich mit „Endgame“ und mit „Aggressive“.

Komodo-Dragon-3 - Optionen-Fenster - Endgame Einstellungen - Fritz18 - Glarean Magazin
Die „Endgame“-Einstellungen von Komodo-Dragon-3 unter Fritz-18, wie sie für das untenstehende Turnier benützt wurden

Performt die Personality Endgame tatsächlich besser als die Default-Einstellung? In einem Stellungstest mit 100 mittelschwierigen bis sehr schwierigen Endspiel-Aufgaben schnitt die „Endgame“-Option keineswegs besser ab – im Gegenteil. Das hat allerdings seinen Grund weniger in ihrer Endspiel-Performance als vielmehr in der Tatsache, dass bei Dragon nur „Default“ die starke NN-Bewertung nutzt, alle anderen Personalities nicht. Damit ist deren Spielstärke per se massiv gedrosselt. Näheres dazu findet sich in der offiziellen Readme-Datei von Komodo. (Das Problem bestand natürlich auch bei der Dragon-Einstellung „Aggressive“, welche im untenstehenden Turnier zum Einsatz kam und dort entsprechend schlecht abschnitt).

Trotzdem war es interessant, die Endspiel-Performance der entspr. Dragon-Personality zu untersuchen.
Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Zahlreiche Lösungen, die andere Spitzen-Engines innert 15 Sekunden entdeckten, schaffte diese Einstellung auch nach Minuten nicht. Umgekehrt kam es nur sehr selten vor, dass sie als einziges Programm eine Aufgabe löste.

Hier stellvertretend einige Stellungen, welche von den meisten Programmen in Sekunden gelöst werden, aber für „Endgame“ von Komodo-Dragon-3 eine Nummer zu hoch sind.
(Der Autor testete auf einem AMD-Ryzen-7 / 16Threads & 5-men-Syzygy). Ein Mausklick auf irgend einen Partie-Zug öffnet das entspr. Analyse-Fenster inkl. Download-Option:

Die obigen vier Stellungen sind natürlich nicht repräsentativ, umfangreichere Tests könnten andere, positivere Ergebnisse zeitigen.


Exkurs: Die Personality „Aggressive“

Eine weitere hochinteressante Dragon-„Persönlichkeit“ ist die Einstellung „Aggressive“. Aktuell dürfte es kein Programm des modernen Engine-Zirkus‘ geben, das nur annähernd so einfallsreich, so opferfreudig und so angriffslustig spielt wie diese Komodo-Personality.
Dabei ist die Gesamt-Turnier-Performance von „Aggressive“ haarsträubend schlecht – aus dem oben bereits erwähnten Grunde, und wie auch die Turnier-Tabelle unten dokumentiert, wo „Aggressive“ ohne einen einzigen Partien-Gewinn die Schlusslaterne trägt. „Aggressive“ – das bedeutet Angriffsschach zuweilen mit der Brechstange, und gegen derart starke Konkurrenz mit ihrer gnadenlos präzisen Verteidigungsarbeit, wie sie die modernen NN-Programme an den Tag legen, hat es solch „romantisches“ Schach einen schweren Stand.

Michael Tal - Schachweltmeister - Glarean Magazin
Weilt das legendäre Angriffs-Genie Michael Tal inkognito wieder unter uns – in Gestalt des Computerschach-Komodo-Warans „Dragon“?

Aber wer „Aggressive“-Partien näher untersucht, erlebt Thriller-Schach-Kino vom Feinsten! Es lohnt sich, wenigstens die entspr. Remis-Games nachzuspielen. Die Personality hat Material-Einstellungen und Stellungsbewertungen implentiert, die sie kompromisslos auf Angriff spielen lässt, wobei Bauern- und Figuren-Opfer quasi zur Pflicht gehören. Es ist, als wäre der legendäre Weltmeister Michael Tal wieder auferstanden – in der Form eines noch weitaus gefährlicheren Warans…

Hier einige Beispiele für diesen attraktiven Spiel-Stil – und zwar aus Partien, die trotz jeweiliger Materialdefizite unentschieden endeten (notabene gegen extrem starke NN-Engines):

„Aggressive“ kennt nur eine Richtung: Nach vorne. Dabei haben Raumgewinn, Linien- und Diagonalen-Öffnen inkl. Vorposten-Schaffung zwecks direktem Königsangriff absolut oberste Priorität, auch unter Bauern- und Figuren-Opfern.
In dem folgenden Bruderkrieg steckt Weiß gleich zwei Bauern ins Geschäft, nur um den Gegner am am freien Figurenspiel zu hindern bzw. den eigenen Raum-Radius zu vergrössern:

Die nächste Stellung entstand aus einem klassischen „Franzosen“. Auch hier benützt die Engine die erste beste Gelegenheit, von den ausgelatschten Eröffnungspfaden abzuweichen und den Gegner zu Erklärungen zu zwingen. Und auch diesmal gelingt es dem gegnerischen Programm nicht, diese Frechheiten mit einem Sieg zu bestrafen; die Partie endete später remis:

Die ganze Welt nimmt in der nachstehenden sizilianischen Standard-Stellung mit Weiß den Bauern auf d4 – für „Aggressive“ ist das viel zu langweilig. Erneut ist der Drang unübersehbar: Turbo-Entwicklung, um baldmöglichst gerüstet zu sein für den Angriff. In der Großmeister-Szene kommt 4. Ld3 natürlich nicht vor. Komodo-Dragon schreibt hier also Eröffnungs-Geschichte…


PGN-Download-Button
Download-Button im Analyse-Fenster

Der Mausklick auf einen Zug oder eine Variante in der Notation öffnet das entspr. Analyse-Fenster mit der Option des Downloadens als PGN-Datei.

Alternativ lassen sich die Stellungen hier nachspielen bzw. runterladen.

„Aggressive“ ist in erster Linie eine begnadete Gambit-Engine. Hier ein viertes Beispiel dieses unbekümmerten Kampf-Stils in einer selteneren Variante des Nordischen Gambits. Diesmal ist der Gegner die Nummer 2/3 der Welt – doch auch hier endete der Kampf des David (Alpha-Beta-Bewertung) gegen Goliath (NN-Bewertung) mit einem Remis. Romantik-Schach des 19. Jahrhunderts – mitten im Maschinen-Zeitalter des 21. Jahrhunderts…


Leichter Zugewinn an Spielstärke

Komodo Dragon 3 - Logo - Mai 2022 - Schach-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Seit Jahren der hartnäckigste Verfolger der Nummer Eins Stockfish: Der Komodo-Waran von komodo.chess

Natürlich interessiert primär mal die Default-Spielstärke der neuen Dragon-Engine. Komodo ist wie alle führenden modernen Schachmotoren eine sog. Neural-Network-Engine (NN), wobei sie ihr eigenes, natürlich programmiertechnisch speziell abgestimmtes Netzwerk „eingebettet“ mitbringt und dieses nicht wie die meisten anderen (z.B. Stockfish) extra downloaden muss; letzteres ist optional aber nach wie vor möglich.

Hinsichtlich Spielstärke hat Dragon 3 zugelegt – aber der Zugewinn ist überschaubar, wie die bisherigen Turnier-Resultate der einschlägigen Partien-Generatoren CCRL und CEGT ausweisen. (Auch das eigene Privat-Turnier des Autors – siehe unten – zeigt gegenüber Dragon 2.6 einen Zuwachs der Turnier-Performance in bescheidenstem Rahmen).
Unbestritten ist aber, dass der „Drachen“ der stärkste Konkurrent des „Fisches“ war und vorläufig auch bleiben wird, auch dies zeigen alle bisherigen Tests und Turniere mit dem jüngsten Komodo-Zuwachs:

CCRL - Chess Engines Rating Blitz - 25. May 2022
Dem Leader dicht auf den Fersen: Dragon 3 gelistet bei CCRL in der Blitz-Rating-Liste vom 25. Mai 2022
CEGT - Chess Engines Rating 40-20 - 25. May 2022
Merklich hinter Stockfish, knapp vor FatFritz und LeelaChess: Dragon 3 gelistet bei CEGT in der 40/20-Rating-Liste vom 25. Mai 2022

Komodo Dragon 3 und die Analyse

Interessanter als Ranglisten-Vergleiche ist allerdings das Untersuchen der Binnenstrukturen von Partien des neuen Dragon, aber auch das Verhalten der Engine beim Analysieren.
Um das Zweite vorwegzunehmen: Gerade hier zeigen sich die neuen computerschachlichen Ansätze unmittelbar, wie schon ein paar erste, aber repräsentative Test-Stellungen demonstrieren. (Die folgenden Ergebnisse wurden auf einem AMD-Ryzen-7 mit 16Threads, 2Gb Hash und 5-men-Syzygy-TB’s unter dem Interface Komodo-Dragon-3 von Chessbase erzielt):

Karjakin vs Carlsen (Shamkir 2019)
Schwarz am Zuge

Karjakin vs Carlsen - Shamkir 2019 - Schwarz am Zuge - 19... e4FEN: r3k2r/1pq1bpp1/p2p2n1/3Ppb1p/1QP4P/2N1B1P1/PP2BP2/R3K2R b KQkq – 0 19

Im Gegensatz zu seinem direkten Vorgänger Dragon 2.6.1 (und den meisten anderen Spitzen-Engines) findet der neue Dragon 3 den positionellen, die Inititative sichernden Bauernvorstoss 19. – e4! des amtierenden Weltmeisters in nullkomma-fast-null Sekunden.
Solche blitzschnellen Lösungen lassen meist darauf schließen, dass die Engine den betr. Stellungstypus „kennt“ und adäquat behandeln kann.

Feco vs Jones (Corr. Game 2017)
Schwarz am Zuge

Feco vs Jones - Correspondence Chess 2017 - Schwarz am Zuge - 29... Db6 (am)FEN: 4Qnk1/1pq4p/2p3p1/p2p1p1P/P2P1P2/2PB2P1/1P3K2/8 b – – 0 29

So wie Dragon 2.6.1 möchten sich hier praktisch alle starken Programme mit 29. – Db6? am weißen Bauern b2 delektieren, was aber den sicheren Tod des Schwarzen bedeutete.
Der neue „Drachen“ riecht den Braten recht schnell und sucht stattdessen den Damentausch mit Dd7 oder Df7. Denn am Damenflügel kann Schwarz zwar seinem Materialismus frönen, doch auf der anderen Brettseite geht’s seinem König an den Kragen…

R. Becker (Studie 2015)
Weiß am Zuge

R. Becker Studie - Weiss am Zuge - 1. Dd3FEN: 8/p2p4/r7/1k6/8/pK5Q/P7/b7 w – – 0 1

Nur wenige Spitzen-Programme lösen die obige Studien-Aufgabe innert Sekunden, indem sie sofort in die erforderliche Tiefe von mind. 30 Halbzügen (!) kommen. Komodo-Dragon 3 holt hier den Lösungszug 1. Dd3! unverzüglich auf den Bildschirm, seine Konkurrenten lassen sich demgegenüber teils über eine halbe Minute Zeit.


 

Die vier Stellungen und
Analysen lassen sich
hier downloaden.

Cvak vs Kubicki (Corr.-Analyse)
Weiß am Zuge

Cvak vs Kubicki - Correspondence Chess 2019 (Analyse) - Weiss am Zuge - 31. Lxc51rb1r3/5qk1/3b2p1/1pnPp1Pp/2P1Bp2/pP6/P2NQB1P/1KR3R1 w – – 0 31

In dieser komplexen Mittelspiel-Stellung steht Weiß mit dem Rücken zur Wand, denn er hat genau einen Rettungsanker, der die Partie knapp hält: 31. Lxc5!
Die meisten Engines würden hier mit 31.cxb5? sang- und klanglos untergehen – nicht so Dragon 3. Nach ca. 10 Sekunden „weiß“ der neue „Drachen“, dass nur der Figuren-Abtausch entlastet.
Überhaupt fällt beim Analysieren von Dragon-3-Partien auf, wie hartnäckig das Programm schlechte Stellungen zu verteidigen vermag. Insbesondere Fernschach-Spieler dürften diese Qualität des jüngsten Komodo besonders zu schätzen wissen…

Dragon 3 gegen den Rest der Engine-Welt

Das Analysieren von eigenen oder fremden Games gehört bei Schachspielern (gleich welcher Stärkeklasse) ohne Zweifel zum Hauptverwendungszweck von Schachprogrammen, sei es zum Aufspüren von Fehlern oder zum Trainieren des Eröffnungsrepertoire. Dieser Zielsetzung trägt Chessbase Rechnung, indem neben der neuen Engine und dem zugehörigen Interface auch eine Sammlung von über einer Million Partien mitgeliefert wird. Die „Database 2022“ enthält dabei auch tausende von Games, die professionell von Großmeistern kommentiert wurden. Die jüngste Partie der Datenbank datiert vom 20. Oktober 2021, die älteste ist eine Begegnung zwischen Bird und Anderssen aus dem Jahre 1851.

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In spezifischen Computerschach-Kreisen ist eine weitere Spielwiese für Engines verbreitet (allerdings weniger aus schachlichen denn aus statistischen Gründen): Das automatisierte Ausspielen von Engine-Partien. Die so generierten Games zwischen Motoren untereinander sollen Aufschluss geben über die Gesamt-Performance eines Programmes, wobei meist mehr oder weniger ausgeklügelte „Opening-Books“ sowie 5-7-Steiner-Endgame-Tablebases zum Einsatz kommen. Die beiden wichtigsten dieser Partien-Ersteller CCRL und CEGT wurden oben bereits erwähnt, zahlreiche weitere private Engine-Turniere werden laufend von der weltweiten Anwenderschaft generiert.

Turnier mit 16 Top-Engines

Der Autor hat unter der Komodo-3-Grafikoberfläche von Chessbase ebenfalls ein solches kleines Engine-Turnier aufgesetzt für 16 der besten und häufigst verwendeten Schachmotoren, die aktuell den Engine-Zirkus bevölkern. Generiert wurden dabei insgesamt knapp 500 Partien mit der offiziellen Blitz-Bedenkzeit der FIDE von 3 Min. + 2 Sek. (= Hauptspielzeit plus Zeitbonus pro Zug).
Dies allerdings mit zwei eher selten angewendeten Optionen: Erstens wurde komplett verzichtet auf den Einsatz von Eröffnungsbüchern, um den Engines nicht vorzuschreiben, welche Eröffnungszüge sie spielen sollen. Und zweitens hatten die Programme keinerlei Endspiel-Datenbanken zur Verfügung, damit bei der späteren Partien-Analyse die eigentliche Performance einer Engine auch in dieser Spielphase objektiver untersucht werden kann. Drittens durften die Engines – via die Turnier-Option „Pondering“ – auch dann rechnen, wenn sie nicht am Zuge waren; dies ist das „natürlichste“ Verhalten beim Schachspielen…

Download-Button Turnier-Partien

Detailliert sah das Tournament Setting
folgendermaßen aus:

  • Hardware: AMD Ryzen 7 2700x ( 8CPU / 16Threads )
  • Software: Fritz 18 (Chessbase)
  • 16 Engines ( Je 4 Threads / 1024 Mb Hash )
  • Time Controlling: 3min + 2sec
  • Round Robin: 4 games each against each other
  • Opening Books: No
  • Endgame Tablebases: No
  • Pondering: Yes
  • Total Games: 480
  • Duplicated Games: 0
  • LeelaChess-Network: 783328 ( 2 Threads / RTX 2080)

Natürlich ist dieses Engine-Turnier mit seinen knapp 500 Partien statistisch nicht belastbar, trotzdem entspricht sein Ranking ziemlich genau jenen Ranglisten, die ein Vielfaches an Games pro Engine ausspielen lassen:

Top Engines - 3+2 - Turnier-Tabelle (neu)
Das Turnier der 16 Top-Engines ohne Eröffnungsbücher und Endspiel-Datenbanken

Die Liste zeigt das nunmehr schon seit vielen Monaten bekannte Bild mit dem führenden Triumvirat Stockfish/LeelaChess/Komodo, wobei die Plätze Zwei und Drei immer mal wieder wechseln können zwischen LeelaChess und Dragon. Zieht man zum Vergleich die zahlreich existierenden, diversen Computerschach-Rankings im Internet hinzu, zeigt sich ziemlich deutlich, dass sich Komodo meist auf dem Silber-Podest einreiht.

Interessant ist, dass dieses Turnier keine einzige Partie-Doublette generierte, obwohl keinerlei Opening Books im Spiel waren, die das Eröffnungsverhalten der Motoren gespreizt hätten. Trotzdem verzeichnet die Eröffnungs-Palette einen überraschend weiten ECO-Range:

Trotz fehlenden Eröffnungsbüchern: Ein überraschender Range der ECO-Codes ohne Partien-Dubletten
Trotz fehlenden Eröffnungsbüchern: Ein überraschend weiter Range der ECO-Codes, außerdem ohne Partien-Dubletten

Auch hinsichtlich Endspiel entsprechen die 480 Partien in etwa jenen Häufigkeiten, wie sie sich im Computer- wie im Human-Schach zeigen. Und auch hier machen die reinen Turm-Endspiele die größte und wichtigste Kategorie aus:

Top Engines - 3+2 - Endspiele-Statistik
Alle Engines mussten ihre Endspiel-Performance ohne Endgame-Tablebases demonstrieren

Ein Schachpaket für alle Fälle

Ist Komodo-Dragon-3 aus dem Hause Chessbase ein Must-have für Schachspieler? Unbedingt – sofern man nicht zumindest schon das Fritz-18 oder -17-GUI hat und außerdem mal nicht immer bloß den gleichen Einheitsbrei von Stockfish & Co. aus dem Netz runterladen möchte.
Denn Dragon 3 hat ein deutlich anderes Spiel- und Analyse-Verhalten als alle anderen NN-Engines, beweist aber trotzdem immer wieder eine extrem starke Turnier-Performance. Damit ist dieser dritte „Drachen“ ein echtes Gegen-Programm zum üblichen Freeware-Kuchen mit seinen aberdutzenden von Derivaten und Klonen, die sich inzestiös oft nur in winzigsten Kleinigkeiten unterscheiden.
Chessbase rundet sein jüngstes Komodo-Paket außerdem ab mit einer großen Partien-Datenbank sowie einem 6-monatigen Premium-Account mit Zugang zu den bekannten CB-Online-Services.

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Natürlich empfiehlt sich der Kauf weniger für jene, die F17 oder F18 bereits besitzen und somit die Dragon-3-Engine durchaus direkt bei den Komodo-Machern kaufen und dann einbinden können. Allerdings ist der Preis-Unterschied minim: Bei Amazon z.B. kostet die Chessbase-DVD 74 Euro, während die Programmierer auf ihrer Komodo-Webseite 75 Dollar, also ca. 70 Euro für die nackte Engine verlangen. Rechnet man bei CB noch ein paar Euro für den DVD-Versand hinzu, ist der pure Engine-Download günstiger – aber einbezogen werden sollten bei CB noch die kostenlosen Goodies Premium-Account & Database 2022.

Wie auch immer: Komodo-Dragon-3 zählt nicht nur zu den aktuell stärksten Schachprogrammen überhaupt, sondern setzt dem bunten Engine-Zirkus den vielleicht glänzendsten, weil schachlich und programmiertechnisch sehr alternativ auftrumpfenden Farbtupfer hinzu.
Der neue „Drachen“ 3.0 wird damit zum vielfältig einsetzbaren Analyse- und Sparring-Werkzeug – ein Schachpaket also für alle Fälle. ♦

Chessbase: Komodo Dragon 3 & Fritz 18 GUI – Schachsoftware by Chessbase Hamburg, DVD oder Download

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachsoftware auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Computerschach: The Engine Crackers


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Jennifer Allan: Das Lied des Nebelhorns (Musik-Geschichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Monströse Klangwelten des Industriezeitalters

von Jakob Krajewsky

Die Autorin Jennifer Lucy Allan legt nach 10-jähriger Arbeit als Dissertation eine Kulturgeschichte des Nebelhorns vor. Allan stammt aus Nordengland und zählt zur Generation Y; Die Musikjournalistin schrieb über Underground und experimentelle Musik für The Guardian, The Quietus und The Wire. Sie war auch für das BBC Radio 4 als Moderatorin aktiv, außerdem betreut sie das Archiv-Plattenlabel Arc Light Editions.

Das alles klingt bei ihrem Schreiben mit an. Die Obsession für das ungewöhnliche, ausgestorbene Klangwerkzeug, das Nebelhorn, entspricht ihrer Technikfaszination und den Begegnungen mit Klängen extremer Musikbands.

Dekonstruktion eines Mythos

Das Lied des Nebelhorns - Eine Klang- und Kulturgeschichte - Jennifer Lucy Allan„Als wäre ich ein Geist, dem Nebel zugehörig, und der Nebel war der Geist des Meeres,“ heißt es bei Eugene O’Neill. Ganz am Anfang dekonstruiert Allan den Mythos, wie das Nebelhorn in die Welt kam. Auf jeden Fall entstand es als ein Produkt des Industriezeitalters um die 1850er herum und war nicht nur in Großbritannien und Nordamerika lebenswichtig. Das Signal diente der Navigationshilfe auf Schiffen und an den Küsten. Es brüllte mit seinem monumentalen Sound gegen die Klangwucht der Meere an als Schutz vor Zusammenstößen aufgrund des dichten Nebels. Aus dem Nebelhorn dringt „ein akustisches Wahnbild der industriellen Revolution, das vom Prusten und Rasseln von Dampf und Kolben, von Hitze und Fett und von maschinellen Lungen heraufbeschworen wird“ (S. 119).

Starke Sounds und nebulöse Welten

Interessante Querverweise zum Afro-Futurism des Duos Drexciya, über Dub bis zu Doom Metal und Acid House, zu den Froschkonzerten im Stile von Exotica, einer Spielart des Jazz, bis zur Minimal Music von Terry Riley, La Monte Young, Steve Reich und Philip Glass blieben bisher unerhört. „Musikalische Genres und weltbewegende Erfindungen […] sind so gut wie nie das Werk eines einzelnen Genies,“ resümiert Allan. Dennoch gibt es ein Patent für die gewaltigen Maschinen. Konzerte mit Nebelhörnern rühren das Publikum an anglophonen Küstenorten oft zu Tränen. In der San Francisco Bay Area sind noch einige der Monster aktiv.

Nebel San Francisco Bay Area - Glarean Magazin
Starke Sounds in nebulösen Welten: Die San Francisco Bay Area im Nebel

Auf der anderen Seite steht der Nebel; er dämpft Geräusche, macht unsichtbar, schärft Geruchs- und Tastsinn und zelebriert Stimmungen, z.B. in Ella Fitzgeralds Song „A Foggy Day“. Es ist symbolisch und lebensbedrohlich – natürlich auch in Stephen Kings Horrornovel „The Fog“ oder im Film „Nebel des Grauens“ von John Carpenter. Wie Smog in London gehört in San Francisco Nebel einfach dazu. So wird H. Gilliam zitiert, „dass pro Stunde bis zu einer Million Tonnen Wasser in Form von Dunst und Nebel durch die Meerenge Golden Gate wabert.“

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Allan definiert verschiedene Nebelformen und versinkt im Volksglauben zwischen den Niederlanden, Isle of Man, Chile, Peru sowie im Popol Vuh, der Schöpfungsgeschichte der Mayas. Sie sucht Tiervergleiche zu Elefanten und Bullen im Gilgamesch Epos und in der griechischen und ägyptischen Mythologie, die das heftige Brüllen des Horns symbolisieren. Ebenso erwähnt die Autorin Künstlerinnen wie Eliasson, Gormley und Nakaya, die für ihre Nebelinstallationen bekannt geworden sind.

Naturwissenschaften, Schauergeschichten, Seemannsmythen

Jennifer Lucy Allan - Glarean Magazin
Die Musik-Wissenschaftlerin Jennifer Lucy Allan

Jennifer Lucy Allan macht ein wenig selbstverliebt ihre Recherchearbeit und Forschungsreisen transparent, berichtet freimütig über die Archivarbeit, spricht über Ökologie und einstmals koloniales Handelsgeschehen. „Das Nebelhorn legt los. Nicht nur mit den Ohren höre ich es, sondern mit meinem kompletten Körper – Magen, Haut, Knochen und der Schädel geraten in Schwingungen, wenn das Nebelhorn erklingt“ (S. 105). Nebelbänke können im Krieg bewahren, es gibt Quallen im Asowschen Meer, Schiffsunglücke passieren. Andere Warnsignale wie Leuchtturmglocken, Tiefseeglocken, der Klang der Sirenen, Sprengstoff werden erwähnt.

Das Nebelhorn am St. John’s Point in Nordirland - Glarean Magazin
Ein „monströses, obszönes und melancholisches Ding“: Nebelhorn am St. John’s Point in Nordirland

Assoziativ und vielschichtig werden hier auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse eingebracht; Automatisierung in der Seefahrt, Schauergeschichten und Seemannsmythen wechseln sich in poetischem Reigen ab: Strandräuber nutzten geschickt die Vernebelung an Sandbänken, um Schiffe irrezuführen. Das so generierte Strandgut an Land bleibt dann im Besitz des Finders.
Das Buch ist ein wahres Füllhorn: Virginia Woolf, Gertrude Atherton, Ray Bradbury, Nigel Kneale, Anne Carson und Ingmar Bergmann treten auf. Allan berichtet von Symphonien der Sirenen, skurrilen Industriekompositionen von Arseni Awraamow 1927 im sowjetischen Baku und von „Fantasy for Horns“ und die „Harbour Symphony“, beide von Hildegard Westerkamp als von „Klängen in der Klanglandschaft.“ Letztere wurde 1986 zur Expo in Vancouver mit mehr als 150 Schiffen aufgeführt. Ein offizieller Abgesang auf die Nebelhörner bildet das „Foghorn Requiem“ des Komponisten Orlando Gough, ein Musikstück für fünfzig Schiffe am Tyne in Newcastle. Es war eine Auftragsarbeit des National Trust und des South Tyneside Council in 1995.

Monströs, obszön, melancholisch

Hochleistungs-Nebelhorn mit Kompressor (nach Holmes) um 1870 - Glarean Magazin
Holmes’s Fog-Horn Apparatus: Hochleistungs-Nebelhorn mit Kompressor um 1870

Die vier Teile des Buches (Attacke, Verfall, Nachhall, Befreiung) mit 20 Unterkapiteln umsäumt von Prolog und Epilog bieten ein gewaltiges und manchmal verwirrendes Crossing-Over von Technikgeschichte, Kultur, Musik und Sound, Literatur, Industrie samt Landschaft, orchestriert mit dem Maritimen. Alles das ist eng mit dem menschlichen Streben verbunden. Viele übersichtliche Zitate samt Fußnoten runden ab. Index und Bibliographie fehlen hingegen gänzlich. Es ist hier ja auch buchstäblich mehr die empirische Feldforschung von Interesse.
Eingängig ist dabei die weibliche Perspektive in männerdominierten Sphären mit Leuchttürmen, in Seemannsherbergen, Pubs und auf Schiffen. Schön wären ein paar Fotos mehr gewesen, und eine Karte Englands oder Schottlands mit Standorten, außerdem Bilder mit dem Nebelhorn samt Ambiente. Wir leben ja schließlich auch in einer visuellen Welt.
Eine fähige Übersetzung in gut verfasstem Deutsch wird aus dem Englischen von Rudolf Mast, Lektor, Segellehrer und -macher sowie Theaterwissenschaftler, vorgelegt.

Die Hauptfigur, das Nebelhorn, bleibt in den griffigen Worten der Verfasserin wahrhaft ein „monströses, obszönes und melancholisches Ding.“ Das Lied des Nebelhorns erklingt in einer digitalisierten Welt mittels Satelliten und GPS für die Navigation auf See nur noch selten für Touristen an den Küsten. In natura ertönt es mächtig, gewaltig, exzessiv, schrill und schräg wie eine fixe Idee in diesem hier vorliegenden Band mit diesem ungewöhnlichen Thema. ♦

Jennifer Lucy Allan: Das Lied des Nebelhorns – Eine Klang- und Kulturgeschichte, 336 Seiten, Mare Verlag, ISBN 978-3-86648-689-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik auch über Arno Stocker: Der Klavierflüsterer

Interview mit der Komponistin Katharina Nohl

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

„Die Musik wird wieder harmonischer werden“

Jakob Leiner mit Fragen an die Schweizer Konzertpianistin & Komponistin Katharina Nohl

Katharina Nohl wurde 1973 in der DDR geboren und lebt seit 2002 mit ihrer Familie in der Schweiz. Neben dem Komponieren und dem Konzertieren ist sie Mitbegründerin des Swiss Female Composers Festival und widmet sich kulturpolitischen Fragen sowie gender-paritätischen Defiziten des Musik-Betriebes.

Glarean Magazin: Frau Nohl, Sie sind Pianistin, Komponistin, Kulturvermittlerin und Familienmensch. Was ist das integrierende Etwas in Ihrem Leben?

Komponistin und Pianistin Katharina Nohl - Glarean Magazin
„Neugier und Abenteuerlust“: Die Komponistin und Pianistin Katharina Nohl (*1973)

Katharina Nohl: Neugier und Abenteuerlust.

Im Jahr 2019 mitbegründeten Sie das Swiss Female Composers Festival. Wie kam es dazu?

Die Idee, etwas für Komponistinnen zu tun, ihnen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen und zu verbinden, schwirrte schon länger in meinem Kopf herum. 2018 fing ich an, die ersten Vorbereitungen zu treffen, damit das erste „Call for Score“ im Januar 2019 veröffentlicht werden konnte.

Welche institutionellen Kulturlücken (in der Schweiz) sind Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, dass die Konzertprogramme noch immer männlich dominiert sind, auch im zeitgenössischen Bereich?

Verantwortlich sind vorrangig die Veranstalter und Künstler. Viele junge Künstler wählen renommierte Komponisten, um sich zu etablieren, denn es ist ein zusätzliches Risiko, unbekannte Musik zu spielen. Der Veranstalter benötigt, wenn er nicht fremd finanziert wird, ein ausgelastetes Haus. Demzufolge wählt man bekannte Musik von Komponisten. Hinzu kommt, dass prozentual viel weniger Musikmaterial von Komponistinnen vorhanden ist, aus dem man wählen und in dem man stöbern kann, als von Männern. Dieser Umstand liegt in unserer sozial-strukturierten Geschichte begründet, denn Frauen durften maximal etwas Nettes zum Tee spielen. Das Klavier war da das bevorzugte Instrument.

Wie könnte sich die Ausbildungssituation an den Musikhochschulen im Hinblick auf Gender-Parität im Kulturbereich verändern?

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An Hochschulen und Universitäten ist es, meines Erachtens, bereits viel weniger ein Thema. Da hat man sich schon länger geöffnet. Die Schwierigkeit kommt danach, wenn man damit Geld verdienen möchte und den freien Markt erobert.

Welche Konzertinitiativen oder Förderungen existieren in der Schweiz, die sich spezifisch dem weiblichen kompositorischen Schaffen widmen?

Da gibt es einige. Einige, die sich auch gar nicht vorrangig damit betiteln, es aber gern und gut unterstützen. Bei Konzerten ist es immer wieder interessant, dem Publikum Komponistinnen auch über zusätzliches Erzählen näher zu bringen. Viele Zuhörer sind sehr interessiert, mehr über den Hintergrund, über das Leben der Komponistinnen und so über die Schweizer Frauen, über das Hier und Jetzt zu erfahren. Sie hoffen auf einen Wandel in der Musik, auf etwas Neues wieder mit Harmonie.

Katharina Nohl: "Die Musik wird wieder harmonischer werden"
Katharina Nohl: „Die Musik wird wieder harmonischer werden“

Wie sieht eigentlich ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ohje, das ist eine lustige Frage, die mich zum Schmunzeln bringt! 😉 Eigentlich gibt es keinen typischen Arbeitstag für mich. Manchmal gehen die Tage einfach bis in die Nacht hinein und am Wochenende weiter. Mein privates Leben und mein Arbeitsleben sind sehr eng miteinander verbunden.

Gibt es wiederkehrende Inspirationsquellen oder –rituale?

Ja, vor allem, weil ich zu Hause arbeite, da muss man mal raus, um den Kopf zu lüften und sich Platz für neue Gedanken zu schaffen. Die Natur, das Gärtnern, Pilze sammeln und vor allem das Kochen und Konservieren sind Hobbys und Leidenschaften von mir, die ich auch an meine Töchter weitergegeben habe.

Ihr Klavier-Soloalbum „Creating Childhood“ erschien 2016 bei Oehms Classics. Welche Musik verbirgt sich hinter diesem fast psychologisch anmutenden Titel?

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Die Musik, die sich dahinter verbirgt, kann man auf allen Streaming-Plattformen hören und herunterladen. Es ist eine Mischung von Musik, die meine Kinder besonders geliebt haben, wenn ich für Konzerte geübt habe, als sie noch klein waren. Aber meine Highlights sind die Stücke, die ich mit meinen Töchtern gespielt habe. Beispielsweise „Wintermorgen in Istanbul“, welches ich mit meiner ältesten Tochter vierhändig gespielt habe. Sie war damals zwölf Jahre alt. Und das Stück „Fantasia“, welches meine jüngste Tochter mit neun Jahren komponiert hat. Der Titel „Creating Childhood“ bedeutet, wir kreieren die Kindheit unserer Kinder! Bewusst oder unbewusst…

Sie traten im Anschluss an dieses CD-Projekts mit eigenständigen Kompositionen hervor. Was gab den Ausschlag?

Mein Freund und Kollege Fazil Say hat mich schon länger dahingehend gedrängt, ich sollte komponieren. Irgendwann nahm ich es an und die Dinge wuchsen. Auch Cyprien Katsaris war eine wichtige Person in diesem Prozess. Ausschlag sind Zuspruch und der Glaube in mein Können und Kreativität ihrerseits.

Noten-Zitat aus einem Stück für Hackbrett-Cymbalo und Klavier von Katharina Nohl
Noten-Zitat aus dem „Stück für Hackbrett/Cymbalo und Klavier“ von Katharina Nohl

Wie viel Eigeninitiative braucht es als zeitgenössische*r Komponist*in, um verbreiteter wahrgenommen zu werden?

Ja, ich sehe mich eigentlich nicht wirklich in den Reihen der zeitgenössischen Musik. Ich hätte gern eine neue Schublade! 😉
Vielleicht bin ich nur Komponistin des Jetzt. Es braucht wie so oft viel Arbeit, Durchhaltevermögen, Unterstützung der Familie, Kreativität und das ein oder andere Bier oder einen Café mit Freunden für den Austausch! Es reicht nicht aus, einfach nur Musik zu schreiben, das war früher auch nicht so. Da kommen viele andere Gebiete noch dazu wie Präsentation, Kommunikation, Austausch und digitales Updaten. Das sind nur ein paar wenige Aspekte.

Tradition und Moderne: Uraufführung des Orchesterstücks "Das Munotglöcklein" von Katharina Nohl (15.8.2019)
Tradition und Moderne: Uraufführung des Orchesterstücks „Das Munotglöcklein“ von Katharina Nohl (15.8.2019)

Was sind Ihre derzeitigen Projekte, an denen Sie arbeiten?

Neu im Entstehen ist ein Stück für Hackbrett/Cymbalo & Klavier. Das hat überraschend viel Interesse hervorgerufen. Die ersten Proben haben bereits stattgefunden. Die wunderbare Cymbalo-Spielerin Olga Mishula aus Zürich probt mit mir. Es macht uns beiden sehr viel Spaß, etwas Neues zu kreieren. Auf Hackbrett/Cymbalo wird vorrangig traditionelle Musik gespielt. Olga als auch ich mögen Rhythmus und Technique beim Spielen, und wir lieben es, das bestehende Repertoire mit neuer Musik zu erweitern. Weiterhin ist noch etwas für Klarinette und String Orchestra fertig zu stellen. Es sind drei Stücke, die ich für Reto Bieri schreibe. Und dann gibt es die vielen unvollendeten Sachen, die da auf ihren Schlusstakt warten…!

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Sie sind in der DDR geboren, mit 16 Jahren haben Sie die Wende miterlebt. Auch angesichts der aktuellen weltpolitischen Situation: Wie prägend war diese Zeit für Sie?

Ich hatte das Glück, wunderbare Jahre meiner Kindheit in der DDR zu verbringen. Sie waren für mich prägend und sind meine Heimat gewesen. Ich habe sie mit mir mitgenommen und mit anderen und neuen Lebenssituationen bereichert. Die aktuelle Situation ist sehr befremdlich für mich, da ich stets eine enge Verbindung zu Russland und den angrenzenden Staaten empfunden habe. Durch Musik, Kultur und Bildung waren wir eng verbunden.

Katharina Nohl (*1973) studierte Klavier, Performance und Musikwissenschaften in Southampton, Ferrara und London. Anschließend lebte sie einige Zeit in München und studierte dann bei Alfons Kontarsky am Mozarteum Salzburg sowie bei Werner Bärtschi.
Seit 2015 ist sie als Komponistin tätig und gibt internationale Konzerte. 2016 veröffentlichte sie ihr Debütalbum Creating Childhood. Nohl ist Mitbegründerin des Swiss Female Composers Festival und lebt mit ihrer Familie seit 2002 in der Schweiz.

Frau Nohl, wie klingt eigentlich die Musik der Zukunft?

Das ist eine wunderbare und sehr gute Frage. Es hat mit Vision und Berücksichtigung des Publikums zu tun.
Nun denn, zuerst einmal denke ich, dass wir der Musik der Zukunft Raum für einen neuen Namen geben müssen, denn die Begriffe moderne, zeitgenössische, neue etc…. Musik sind überlastete Begriffe.

Das Publikum ist von moderner Musik gesättigt und orientiert sich bevorzugt an alter und harmonischer Musik. Wenn man diesen Umstand beachtet und ebenso an das finanzielle Management von Konzertauslastungen denkt, bin ich überzeugt, dass die Musik wieder harmonischer und rhythmischer wird.
Unsere musikalische Vorstellung ist mehrheitlich von Harmonie geprägt. Ich benutze gern eine alltägliche Szene aus dem Leben: Eine Mutter oder ein Vater singt ihr/sein Kind in den Schlaf. Ich kenne niemanden, der in dieser Situation experimentelle oder „moderne“ Musik rezitiert – man behilft sich da gern mit harmonischer und traditioneller Musik… Und diese Kinder wiederum sind unsere Zukunft. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Komposition auch das Interview mit Christian Henking: „Jeder Routine ausgewichen“

… sowie das Interview mit der Komponistin Kathrin Denner: „Kultur ist wichtiger denn je“



 

Juho Kuosmanen (Regie): Compartment No. 6 (Film)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Kammerspiel in der Transsibirischen

von Katka Räber

Der Spielfilm Compartment No. 6 („Abteilung Nr. 6“) des Regisseurs Juho Kuosmanen basiert auf dem gleichnamigen Roman der in Finnland sehr bekannten Autorin Rosa Liksom. Ein spannendes Roadmovie mit dem Zug von Moskau nach Murmansk. Und wie bei Sartre in „Huis clos“ („Geschlossene Gesellschaft“) befinden sich die Protagonisten in einem praktisch geschlossenen Raum, in einem Zugabteil…

Compartment No. 6 - Spielfilm - Glarean MagazinDer finnischen Archäologiestudentin Laura erscheint zunächst die Vorstellung, die lange Reise zusammen mit dem ungehobelten, oft groben Minenarbeiter Ljoha zu verbringen wie ein Aufenthalt in der Hölle. Laura hoffte die Reise zu den 10’000 Jahre alten Felsmalereien (Petroglyphen) zusammen mit ihrer Moskauer Geliebten erleben zu können. Doch das Zugabenteuer entwickelt sich anders als erwartet.

Ein persönliches Russland

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Und wir fahren als Publikum mit, erleben einerseits die speziellen russischen Züge, die berühmte Transsibirische Eisenbahn mit dem oft unfreundlichen, unzugänglichen Personal, die Haltestationen sehen wir mit den Augen von Laura, die mit ihrer Kamera zunächst das Alltägliche dieser für uns aussergewöhnlichen Reise filmt und uns so ein sehr persönliches Russland vorstellt.
Gerade in der aktuellen Zeit, in der wir das Verhältnis von Russland und der Ukraine so polarisiert und brutal erleben, bekommen wir einen Einblick in die russische Provinz und erhalten eine Vorstellung von einem Teil der ländlichen Bevölkerung Russlands.

Kammerspiel in einem Zugabteil

Juho Kuosmanen - Regisseur - Glarean Magazin
„Vielschichtige Facetten“: Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen

Dieses Kammerspiel in einem Zugabteil zeigt sehr vielschichtige Facetten der Wahrnehmung unterschiedlicher Bevölkerungsschichten. Auf so engem Raum spielt sich konzentriert das Leben ab. Und all das passiert, immer unerwartet, im langsamen Tempo, mit Humor, oftmals mit Melancholie – und das Herz der Protagonisten wie auch des Publikums öffnet sich. Kein Wunder, dass dieser Film als internationaler Beitrag für den Oscar-Wettbewerb eingereicht worden ist.

Unterwegs steigt ein junger, eher ziellos reisender Finne in das Abteil ein, der auch wieder Bewegung in eine andere Richtung bringt. In der Beziehung zwischen der Finnin Laura und dem Russen Ljoha kommen immer wieder Hürden vor, von denen manche spannend überwunden, manche mit Humor aufgelöst werden, auch die zu erwartende Liebesannäherung findet tatsächlich statt, wenn auch nicht mit einem Hollywood-Happyend.

Transsibirische Eisenbahn - Waggon - Zugabteil - Glarean Magazin
Roadmovie von Moskau nach Murmansk: Waggons der Transibirischen Eisenbahn

Und doch steigen wir erfüllt, beglückt, nachdenklich, aber lächelnd aus dem Zug ins Kinofoyer hinaus, aus dem eisigen Sibirien in den hiesigen Frühling. Wir haben einiges kennengelernt, erfahren – wenn auch nichts, was in einem Tourismus-Reiseführer steht.
Ergreifend, berührend, auch gelegentlich befremdlich, aber auch anders als „lost in translation“. Feurige Begegnungen in der Kälte, überraschend, ehrlich, ohne Pathos, sehr menschlich und filmisch grossartig umgesetzt. ♦

Juho Kuosmanen (Regie): Compartment No. 6, Spielfilm mit Seidi Haarla und Juri Borissow, 112 Minuten, Finnland 2021

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Spielfilm auch über Thaïs Odermatt: Amazonen einer Grossstadt

Das Sudoku-Quartett im April 2022

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Der unbeschwerte Zahlen-Puzzle-Spass

Ein bisschen Logik, ein bisschen Vorstellungskraft, ein bisschen Erinnerungsvermögen – mehr ist nicht nötig, um in Sachen Sudoku-Rätsel eine Menge Denksport-Spass zu haben.
Die neuen vier Rätsel beinhalten vier Schwierigkeitsstufen: Sehr einfach – Einfach – Mittelschwierig – Schwierig.
Das GLAREAN wünscht viel Erfolg beim Knobeln des Sudoku-Quartetts April 2022!

Sudoku 1 -4 - Sehr einfach bis schwierig - Aufgaben - Glarean Magazin

Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

Sudoku – die Regeln

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Ein Sudoku besteht aus 9 x 9 Feldern, die zusätzlich in 3 x 3 Blöcken mit 3 x 3 Feldern aufgeteilt sind.
Jede Zeile, jede Spalte und jeder Block soll alle Zahlen von 1 bis 9 jeweils genau einmal enthalten.
In ein paar der Felder sind bereits Zahlen vorgegeben. Bei einem Sudoku darf es nur eine mögliche Lösung geben, und diese muss rein logisch gefunden werden können.

Knobeln Sie im Glarean Magazin auch das Sudoku-Quartett im Dezember 2021

 

Hier geht’s zur Auflösung der vier Rätsel —> weiterlesen

Weiterlesen

Literaturwettbewerb 2023 des Kroggl-Verlages

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Gesucht: Kurzgeschichten

Kroggl Verlag - Glarean MagazinKurzgeschichten zu einem freien Thema können dem österreichischen Kroggl-Literaturpreis eingereicht werden. Die Texte sollten (bis zum 1.März 2023) unveröffentlicht sein und eine max. Länge von 20’000 Zeichen haben. Die besten Geschichten werden in einer Anthologie veröffentlicht.
Der Wettbewerb ist mit Geldpreisen dotiert, zugelassen sind Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einsende-Schluss ist am 31. Dezember 2022, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie auch die weiteren Literatur-Ausschreibungen im GLAREAN MAGAZIN


Peter Biro: Die wundersame Apothekerverdopplung (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Die wundersame Apothekerverdopplung

Peter Biro

Nach wie vor ringen die Sachverständigen um eine Erklärung für die seltsame Naturerscheinung, die in der unansehnlichen schottischen Kleinstadt Plockton an der Küste der Grafschaft Broomshire ihren Anfang genommen hat. Seitdem verbreitet sich das seltsame Phänomen der plötzlichen Apothekerverdopplung wie ein Lauffeuer von Nord nach Süd über die britischen Inseln. Zurzeit wird im Wochenrhythmus über neue aufgetretene Verdopplungsfälle berichtet, wonach aus jeweils einem Apotheker urplötzlich zwei Individuen entstanden sind, die völlig identisch aussehen und sich ebenso verhalten.
Die entstandenen Duplikate ähneln gewissermassen eineiigen Zwillingen, nur mit dem Unterschied, dass sie spiegelbildlich verkehrt sind; einer ist ein Rechtshänder, der andere ein Linkshänder. Wo vorhanden, ist auch der jeweilige Scheitel der Pharmazeuten spiegelbildlich umgekehrt gezogen. Ein weiteres, besonderes Charakteristikum dieser Erscheinung ist, dass sie ausschliesslich bei pakistanisch-stämmigen Apothekern auftritt, und darunter auch nur solche betrifft, die mindestens seit zehn Jahren ihren Beruf ausüben.

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Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat, mit denen die Betroffenen hantierten, oder gar übernatürliche Mechanismen im Spiel sind, ist reine Spekulation. Selbst der allwissende Pfarrer der Gemeinde, der für absonderliche Epiphanien im Zusammenhang mit dem benachbarten Loch wohlbekannt ist, weiss diesbezüglich keine passende Erklärung, zumal die wundersame Leibesvermehrung bisher ausschliesslich bei moslemischen Apothekern beobachtet wurde.
Am besten kennt man noch den ersten Fall, der sich – wie aus heiterem Himmel – im eingangs erwähnten Plockton ereignet hatte. Er betraf Ghulam Mussafar, den 58-jährigen Apotheker des kleinen, beschaulichen Ortes. Dieser ging eines Tages auf Geheiss seiner Frau in den Keller hinunter, um eingemachten Orangengelee zu holen. Kurze Zeit später kam er in zweifacher Ausführung wieder an die Oberfläche – in beiden Varianten jeweils mit einem Marmeladeglas in der Hand.
Der unerwartete Anblick der doppelten Gatten-Erscheinung liess Fatima Mussafar, die Herrin des Hauses, zuerst an ihrem Verstand zweifeln. Aber nachdem sie beiden Männern flüchtig in die Augen sah, sank sie kurzerhand bewusstlos in sich zusammen. Daraufhin rannten beide Apotheker in den angrenzenden Lagerraum der Apotheke, um Riechsalz zu holen, und der zu Tode erschrockenen Ehefrau wieder auf die Beine zu helfen. Dies war die einzige einträchtige Zusammenarbeit der beiden Apothekervarianten, bevor sie sich in die Haare gerieten.
Fatima wachte aus ihrer kurzfristigen Ohnmacht auf und überzeugte sich handgreiflich über die Realität der phantastischen Erscheinung. Dabei kam sie zur Schlussfolgerung, dass sie sich offensichtlich in einer bigamistischen Beziehung befand, was in ihrem Kulturkreis erst recht nicht toleriert würde. Von der Aussicht auf Ächtung durch ihre strengen Eltern und obendrein vom soeben Erlebten geradezu überwältigt, lief die nur mit ihrem Morgenrock bekleidete Frau in die highländische Kälte hinaus, schnurstracks zu ihrer Freundin, der Ärztin des Ortes, um sich Rat und Zuspruch zu holen.

Alte Apotheke - Glarean Magazin
Die wundersame Apothekerverdopplung: „Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat?“

Es war besagte praktische Ärztin, Dr. Lilian McAuliffe, die, als erste wissenschaftlich geschulte Person mit der neuartigen Apothekerverdopplung konfrontiert wurde und darüber die Öffentlichkeit informierte. Ihr knapper und wissenschaftlich eher unsystematischer Bericht, den sie zuhanden des Lokalreporters Henry Bigelow vom Kyle of Lochalsh Traritrara verfertigte, beschrieb, in der bekannt sparsamen schottischen Art, den Ablauf der Ereignisse mit ausgesprochen kurzen Sätzen. Demzufolge entstand die Verdopplung des Apothekers Ghulam Mussafar innerhalb weniger Augenblicke, als dieser sich kurz im Keller des Hauses aufhielt um die erwähnte Marmelade zu holen. Beim Griff nach dem Einmachglas habe es einen kurzen Knall gegeben, gefolgt von einem grellen bläulichen Lichtblitz. Danach sei Stille eingetreten, jedoch sei ein stechender Geruch die Kellertreppe emporgestiegen, der entfernt an verbrannte Wollsocken erinnerte. Anschliessend waren zwei völlig identische Kopien des zwar verwirrt aussehenden, aber ansonsten unversehrten Apothekers in Erscheinung getreten, beide Kopien gleich gekleidet und sich auch sonst gleichartig verhaltend.

Nach einer kurzen, zielgerichteten Zusammenarbeit der beiden Mussarafkopien zur Wiederbelebung der in Ohnmacht gefallenen, gemeinsamen Gattin, begann eine Auseinandersetzung um die Rechte an der Identität der ursprünglichen Person, gefolgt von Streitigkeiten um den Besitz von Haus, Hof, Garten, dem geleasten Aston Martin und der Apotheke. Beide Mussarafs bestanden darauf, der rechtmässige Apotheker des Ortes zu sein und über die fachlichen Kenntnisse zu verfügen, die zur Ausübung des pharmazeutischen Berufs erforderlich waren. Eiligst kramten sie in den Schubladen des Bürotischs nach der Identitätskarte sowie offiziellen Nachweisen und Diplomen, die sie sich gegenseitig unter die Nase hielten.
Aufgrund der völligen Übereinstimmung in allen Belangen liess sich auch aufgrund der vorgelegten Dokumente keinerlei Einigung erzielen, wer nun von ihnen der „richtige“ Ghulam Mussaraf wäre. Beide bestanden vehement darauf, der rechtmässige Eigentümer der Persönlichkeitsrechte zu sein und beschuldigten den jeweils anderen, nur eine Kopie zu verkörpern, die augenblicklich zu verschwinden habe. Insbesondere konnten sich die zwei Streithähne nicht um das Vorrecht einigen, wer von ihnen nun bei der Dame des Hauses im Doppelbett nächtigen dürfte. Fatima wiederum lehnte es entschieden ab, in der Mitte zwischen den beiden Gatten zu liegen. Allein schon ihres Rückens wegen könnte sie es nicht auf der Besucherritze aushalten, vom zu erwartenden doppelten Schnarchkonzert ganz zu schweigen.
Unnötig zu sagen, dass die zwei Kopien des Apothekers keine definitive Einigung darüber finden konnten, wer von ihnen nun der rechtmässige Besitzer und Bewohner des Hauses und des darin befindlichen Inventars war. Als sie einsehen mussten, dass keiner von ihnen nachgeben würde, fanden sie zumindest einen zeitweiligen Ausweg. Als provisorisches modus vivendi vereinbarten sie, sich bei der Arbeit und im privaten Bereich im Wochenturnus abzuwechseln. Während der eine, sagen wir Mussaraf A, sich in der Apotheke aufhielt und die Geschäfte führte, verblieb der andere im Haus und widmete sich dem Privatleben und der Pflege der ehelichen Beziehung. In der darauffolgenden Woche übernahm Mussaraf B den Laden und sein alter ego besorgte die häuslichen Pflichten und Angelegenheiten. Letzteres geschah insbesondere aus wohlverstandener Rücksicht gegenüber der sensiblen Fatima, die auf diese Weise einigermassen beruhigt zu ihrem geordneten Lebensumständen zurückfinden konnte.
Mit der Zeit ergab es sich – nicht ganz zur Unzufriedenheit der nervlich und auch sonst etwas überstrapazierten Gattin – dass Haushalt und Geschäftsführung ungefähr doppelt so schnell und effektiv erledigt wurden wie vor der Einführung des unerwarteten ménage a trois. Auch das Liebesleben der Apothekerinnenfrau verbesserte sich um den Faktor 2, so dass die Dame des Hauses sich recht zügig mit der neuen Situation anfreundete. Zurzeit ist es allerdings noch unklar, ob es bei den drei Mussarafs weiterhin so harmonisch zugeht.

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Die sich einstellende Routine beruhigte einstweilen die Gemüter, und bis jetzt (toi-toi-toi!) hört man kein Gezeter aus dem kleinen Haus am Ortsrand von Plockton. Glücklicherweise befinden sich die Kinder der Familie seit dem Auftreten dieser Ereignisse bei ihren Grosseltern in Karatschi, so dass ihnen der Schock der väterlichen Verdopplung vorerst erspart bleibt. Wie es mit den doppelten Ghulams inzwischen weiterging, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis, aber ähnlich gelagerte Fälle wiederholten sich rund ein Dutzend Mal in Schottland und im nördlichen England, allesamt ausschliesslich pakistanisch-stämmige Apotheker betreffend. Die einzige Gemeinsamkeit, welche von findigen Sachverständigen als irgendwie ursächlich für die mysteriösen Apothekerverdopplungen verdächtigt wird, war der Umstand, dass alle diese Pharmazeuten nach alten Rezepturen mit selbstgemachten Kräuterpasten für orientalische Hautausschläge hantiert hatten. Das scheint eine ehrwürdige Tradition dieses Berufsstandes vom asiatischen Subkontinent zu sein, allerdings sind keinerlei ähnlich gelagerten Fälle aus Indien oder Pakistan bekannt geworden. Manche Bevölkerungsstatistiker haben allerdings auf auffällig häufigere Mehrlingsgeburten bei Familienmitgliedern dieses Berufsstandes hingewiesen.

Nun befassen sich namhafte Chemiker, Biologen und Zwillingsforscher mit dem seltsamen Phänomen und suchen nach einer plausiblen Erklärung. Hinter vorgehaltener Hand werden Vermutungen über ungeahnte Interaktionen zwischen altindischen Tinkturen mit Kräuteressenzen von der Atlantikküste angestellt. Allerdings gibt es bisher noch keine überzeugenden Hinweise. Natürlich hat sich die Boulevardpresse der Sache angenommen und schlachtet die sensationellen Ereignisse mit marktschreierischen Schlagzeilen aus. Wochenlang belagerten mehrere in- und ausländische Fernsehteams das kleine Haus am Ortsrand von Plockton, um wenigstens ein Bild zu erhaschen, auf dem beide Apotheker gleichzeitig zu sehen sind. Allerdings haben sie damit keinen Erfolg gehabt und konnten immer nur den einen der beiden Apotheker hinter dem Schaufenster oder auf dem Weg erspähen, wenn dieser unterwegs war, um Besorgungen zu erledigen. Auf keinem der Bilder oder Filmsequenzen konnte man erkennen, ob es sich um Ghulam Mussaraf A oder B handelte. Manche enttäuschten Berichterstatter reisten nach und nach wieder ab und einige zogen die doppelte Ausführung des Plocktoner Apothekers sogar in Zweifel. Dann hiess es, dass es sich lediglich um einen PR-Stunt gehandelt habe, um dem verschlafenen Ort zu einer gewissen Bekanntheit, und dem Tourismusbetrieb zu einem Aufschwung zu verhelfen. Allerdings spricht das sporadische Auftreten von Apothekerverdopplungen andernorts gegen diese Hypothese. Immerhin verzeichnete die einzige Gaststätte des Ortes einen sprunghaften Anstieg des Umsatzes, das einzige zu vermietende Fremdenzimmer war von da an kontinuierlich belegt, und der umtriebige Bürgermeister gab umgehend eine nah gelegene Schafsweide als Autobusparkplatz frei.
Nun ist abzuwarten, wie sich die Sachlage entwickelt, und ob, wann und wo es zu weiteren Apothekerverdopplungen kommen wird, beziehungsweise was die schlussendliche Erklärung für dieses ungewöhnliche Phänomen ist. Man darf gespannt bleiben. ♦

Diese Geschichte widme ich meinem seligen Vater Ladislaus Biro (1915-2010), der zeitlebens ein einzelner Apotheker war, und dem es nie gelang sich zu verdoppeln. Im Gegenteil.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN von Peter Biro auch die Satire Schreibblockade


Martin Breutigam: Damen an die Macht (Schach-Kolumnen)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Rätsel und Geschichten

von Thomas Binder

„Damen an die Macht“ des Bremer Internationalen Meisters Martin Breutigam vereint 160 Schachkolumnen aus der Tagespresse in den Jahren 2014 bis 2021. Im Mittelpunkt steht das Vorstellen prägender Personen der aktuellen Schachszene. Aber auch in entlegenere Winkel des Schachuniversums wird der Leser geführt. Insgesamt eine lockere und anregende Lektüre – und eine Kaufempfehlung vor allem als Geschenk für Schachbegeisterte unabhängig von Alter und Spielstärke.

Martin Breutigam: Damen an die Macht - Schach-GeschichtenDem deutschen Schachjournalisten Martin Breutigam kommt das unschätzbare Verdienst zu, eine vom Aussterben bedrohte Gattung zu bewahren: Die historisch so wichtige Schachkolumne in Tageszeitungen. Nach den Ausgaben „Todesküsse am Brett“ von 2010 und „Himmlische Züge“ (2014) legt er nun mit „Damen an die Macht“ im gleichen Verlag erneut eine rückblickende Sammlung seiner Beiträge für den Berliner „Tagesspiegel“ und den Bremer „Weser-Kurier“ vor. Wie chronologisch nicht anders zu erwarten, umspannt diese Ausgabe nun die Jahre 2015 bis 2021.

Reise zu den Schach-Höhepunkten

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Martin Breutigam lädt uns also zu einer Reise zu den Schachhöhepunkten dieser so bewegten Jahre ein. Wir sind zu Gast bei Weltmeisterschaften und Top-Turnieren. In unserer schnelllebigen Zeit war in meiner Erinnerung vieles davon schon verblasst. Carlsens spektakuläres (wenn auch taktisch eher einfaches) Damenopfer zum Abschluss der WM 2016 hatte ich längst vergessen.
So entfaltet sich vor uns ein Kaleidoskop schachlicher Schlaglichter auf einen gerade noch überschaubaren Zeitraum. Absicht oder nicht – am Anfang und am Ende steht der neue deutsche Schachstern Vincent Keymer: Auf Seite 8 darf der 10-Jährige erstmals die Deutsche Meisterschaft der Männer mitspielen, auf Seite 191 ist der 16jährige jetzt Vize-Europameister.
Dazwischen ziehen viele berühmte Namen an uns vorbei, praktisch alle Weltklassespieler haben in diesen sieben Jahren Spuren hinterlassen und sich eine Breutigam-Kolumne verdient.

Entlegenste Winkel

Martin Breutigam - Damen an die Macht - Leseprobe - Beispielseite - Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus Martin Breutigam: Damen an die Macht

Breutigam führt uns aber auch immer wieder in die entlegensten Winkel des Schach-Universums. So stellt er Leonard Barden vor, den Nestor des englischen Schachjournalismus, der eine „Morphy-Zahl“ von 3 besitzt, was bedeutet, dass er nur zwei Zwischenschritte braucht, um sich über reguläre Turnierpartien mit dem amerikanischen Schachstar des vorletzten Jahrhunderts zu verknüpfen.
In anderen Medien und in einer ganz anderen Generation leistet der Amerikaner Maurice Ashley ähnlich Verdienstvolles für die Popularisierung des königlichen Spiels, auch ihm ist eine Kolumne gewidmet. Auch eine Partie von Bahnvorstand Richard Lutz – in seiner Jugend einer der talentiertesten deutschen Schachspieler – wird vorgestellt.
Der gedankliche Horizont, den Martin Breutigam seinem Leser bietet, reicht sehr weit. Immer wieder bezieht er Haltung, indem er Menschen vorstellt, die am Schachbrett und darüber hinaus Haltung bezogen haben. Sei es aktuell im Konflikt mit politischer oder religiöser Bevormundung – der Name Alireza Firouzja sei stellvertretend in den Ring geworfen. Sei es in der Vergangenheit, wo der Autor Geschichten findet, an denen man bisher vorbei gegangen ist – so die des niederländischen Widerstandskämpfers, Reformpädagogen und Schachspielers Johan van Hulst. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen, fast jede der 160 Kolumnen bietet bemerkenswerte Details, neue Einsichten und Anstöße zum Weiterdenken.

Deutlicher Bezug zum Frauenschach

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Der Buchtitel „Damen an die Macht“ ist offenbar insofern Programm, als Bezüge zum Frauenschach deutlich stärker präsent sind, als man sie sonst im Schachalltag und in der Schachpresse wahrnimmt. Das kann kaum Zufall sein, sondern zeigt wohl Breutigams geschärften Blick für die Belange des oft so unterrepräsentierten Geschlechts.
Jede Kolumne kommt mit einer Buchseite aus, die fast zur Hälfte von einem Stellungsdiagramm eingenommen wird. Dann folgt der inhaltliche Text und zum Schluss ganz knapp der Verweis auf die abgebildete Partie mit der Aufforderung die geniale Fortsetzung zu ergründen. Einige wohldosierte ganzseitige Fotos runden den auch äußerlich guten Eindruck ab.
Da es sich nicht primär um ein Lehrbuch handelt, sind freilich die Partiefragmente eher gedacht als unterhaltendes Beiwerk. Die Erläuterung im (kleingedruckten und kopfstehenden) Lösungstext ist entsprechend kurz. Das Buch hat eine andere Zielstellung, als uns schachlich voran zu bringen. Obwohl die Anordnung der Lösung am Fuß der Seite ein ungewolltes Erhaschen der Lösung kaum zulässt, habe ich mich jedenfalls nicht lange mit dem Lösen der Schachrätsel aufgehalten, sondern die kommentierte Zugfolge lieber quasi als Fortsetzung des Haupttextes gelesen.

Perfekte Präsentation von Lesehappen

Vielseitiger und sachkundiger Schach-Autor: Martin Breutigam (Geb. 1965 in Bremen))
Vielseitiger und sachkundiger Schach-Autor: Martin Breutigam (Geb. 1965 in Bremen)

Die wohldurchdachte Auswahl und die perfekte Präsentation in kleinen Lesehappen machen das Buch zu einer willkommenen Lektüre in Bus und Bahn oder bei Wartezeiten. Insofern würde ich auch die Kaufempfehlung aussprechen: „Damen an die Macht“ ist kein Buch mit Lerneffekt, sondern ein reines Lesebuch. Gerade für Menschen, die sich – auf welchem Level auch immer – für Schach begeistern und dabei über den Tellerrand der 64 Felder hinweg schauen, dürfte das vorliegende Taschenbuch ein sehr willkommenes Geschenk sein.
Was wünscht sich der Rezensent noch? Vielleicht könnte man jedem Artikel das Datum der Erstveröffentlichung beigeben. Immerhin steht im Seitenkopf das Jahr, aber die zeitbezogenen Textpassagen wie „neulich“ und „vor einigen Wochen“ verwirren beim Lesen schon etwas. Noch besser wäre es natürlich in manchen Fällen, wenn der Autor seinen Kolumnen einen aktuellen Kurzkommentar beifügen würde, wenn sich inzwischen neue Entwicklungen ergeben haben. Eine solche Ergänzung authentischer Zeitzeugnisse mit dem wissenden Rückblick würde ich als ungemein reizvoll empfinden – auch wenn es dann ein ganz anderes Buch wird. ♦

Martin Breutigam: Damen an die Macht, Rätsel und Geschichten aus der Welt des Schachs, Die Werkstatt Verlag, 192 Seiten, ISBN 9783-0596-0087-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachkolumnen auch über F. Zavatarelli u.a: Feuilletons von Ignaz Kolisch

… sowie zum Thema Frauenschach: Frauen-Schach-Weltmeisterschaft 2020

Tony Overwater (Bass) & Atzko Kohashi (Klavier): Crescent

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Alte Stimmung mit neuen Vorstellungen

von Horst-Dieter Radke

Mit dem Album „Crescent“ legen Atzko Kohashi (Klavier) und Tony Overwater (Bass) eine Hommage an den Saxofonisten John Coltrane vor, die ohne dessen Instrument auskommt und es trotzdem schafft, die Stimmung des alten Albums zu halten und mit neuen, eigenen Vorstellungen zu verknüpfen.

Die CD weckte sofort Erinnerungen, als sie vor mir lag. Und zwar an die frühen Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Da bekam ich eine bereits abgenudelte Platte von John Coltrane mit dem gleichen Namen. Die Erinnerung an das erste Hörerlebnis war sofort wieder präsent. Der langsame, fast hymnische Einstieg der Platte im gleichnamigen Stück und die folgenden prägnanten Improvisationen, die ich zumindest stellenweise schon nach kurzer Zeit mitsummen konnte, blieb auch in den folgenden Jahrzehnten erhalten. Würde es dieses Duo mit ihrer Neuinterpretation ohne Saxofon schaffen, dieses Hörerlebnis zu wiederholen?

Mehr als nur Wohlfühlmusik

„Crescent“ aus dem Jahr 1964 war vielleicht nicht Coltranes erfolgreichstes Album, vielleicht aber sein ruhigstes. Manche Kritiker bezeichnen es als meditativ, was aber nicht bedeuten soll, dass es Wohlfühlmusik ist, die Coltrane eingespielt hat. Diese ruhige-meditative Seite kommt auch in den Interpretationen von Kohashi/Overwater zur Geltung, und sie durchzieht ebenfalls die Kompositionen, die nicht von Coltrane stammen. Es beginnt mit „Wise One“, das auf Coltranes Album das zweite Stück ist. Das Klavier in dieser neuen Einspielung kommt klarer und akzentuierter, als MacCoy Tyner das in der alten Aufnahme schaffte, was zum Teil sicher auf die heutzutage besseren Aufnahmetechniken zurückzuführen ist. Dann übernimmt der Bass die Melodie und damit die Rolle von Coltranes Tenorsaxofon.

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Das klingt ungewohnt – aber nicht schlecht. Es zeigt recht schnell, dass Coltranes Kompositionen jenseits des ursprünglichen Instruments funktionieren. In den Improvisationen entwickeln sich beide dann eigenständig und halten sich nur noch insofern an Coltranes Vorlage, als dass sie die Grundstimmung nicht verletzten. Daraus resultiert ein schönes, entspanntes Zuhören. Schon beim ersten Mal hatte ich das Gefühl, es brauchte gar nicht aufzuhören. Das im Original mehr als achtminütige Stück wird auf der neuen Einstellung auf fünf Minuten komprimiert, was ihm jedoch nicht schadet.

Beide Interpreten gehören zu den Bewunderern Coltranes. Es war keineswegs geplant, dessen Musik aufzunehmen, als sie sich zu den Aufnahmesessions trafen, sondern ergab sich zwanglos aus der Erinnerung an das große Vorbild. Sie meinten auch, so schreiben sie im Booklet, heilende Aspekte in Coltranes Musik erkannt zu haben.

Gleichberechtigung von Bass und Klavier

Aber selbstverständlich ist es dann auch wieder spannend, den anderen Titeln zuzuhören. Das Duo übernimmt drei Kompositionen aus dem gleichnamigen Coltrane-Album: Wise One, Lonnie’s Lament und Crescent, sowie Mr. Syms aus dem Folgealbum My Favorite Things. Zwei Songs des Jazzbassisten Charlie Haden, und einer von Bob Haggart, ebenfalls Bassist, sowie eine Komposition von Tony Overwater ergänzen das Album.

Jazz-Komponist und Bassist Tony Overwater - Glarean Magazin
Der Jazz-Komponist und -Bassist Tony Overwater (*1964 in Rotterdam)

Man könnte meinen, es sei etwas basslastig geraten, aber beim Hören ergibt sich doch ein anderer Eindruck. Klavier und Bass ergänzen sich ausgesprochen gut. Dadurch, dass der Bass immer wieder mal die Melodieführung übernimmt – nicht nur bei Improvisationen – bekommt das ganze Album einen sehr ausgewogenen Charakter. Es ist kein Klavieralbum mit Bassbegleitung, beide Instrumente stehen sich gleichberechtigt gegenüber. Für ein tiefes Instrument wie den Bass ist das nicht ganz einfach, aber Tony Overwater ist nicht der erste, dem dies gelingt. Die Pianistin unterstützt ihn mit teilweise minimalistischer Begleitung, aus der sie sich dann für ihre Improvisationen nicht plötzlich, sondern sehr angemessen und einfühlsam hervorspielt.

Nicht spektakulär, aber herausragend

John Coltrane - Jazz-Musiker - Glarean Magazin
Jazz-Legende: John Coltrane (1926-1967)

Crescent“ ist das fünfte Stück auf dem Album, nicht der Opener, wie beim Original. So wird es zum Mittelpunkt und Höhepunkt der CD. Overwater überrascht mit einem gestrichenen Bass, der bei den ersten Klängen beinahe an ein Saxofon erinnert. Das letzte Stück ist ein Song von Frank Sinatra (As Long As There’s Music), komponiert von Jule Styne, das sich hervorragend als Ausklang des Albums eignet.

Zusammengefasst: Ein vielleicht nicht spektakuläres, aber auf jeden Fall herausragendes Album, das nicht nur beim ersten Anspielen gefällt. Es taugt absolut nicht als Hintergrundmusik, weil es immer wieder zum genauen Zuhören verlockt. Und es verliert auch nicht, wenn man zum Vergleich die alte Platte von Coltrane hört. Eher entsteht der Eindruck, dass es den Interpreten gelingt, neue Aspekte aus den Kompositionen herauszulocken, ohne den Ursprung zu verschleiern. ♦

Tony Overwater/Atzko Kohashi: Crescent, Audio-CD, Label Jazz in Motion Records (Challenge Records International), 50 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jazz-Musik auch über Kenny Garrett: Sounds from the Ancestors

…sowie über die Jazz-CD Rudi Berger featuring Toninho Horta

Workshop Computerschach: Das Such-Tool AGS

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Gesucht: Opfer-Partien

von Stefan Pohl

Profi-Schachspieler, seien sie nun Turnierkämpfer oder Trainer, nutzen vielfach auch entspr. Profi-Datenbanken, um gezielt nach bestimmten Partien mit klar definierten Eigenschaften zu suchen. Solche professionellen und teuren Werkzeuge sind beispielsweise Chessbase oder (etwas kostengünstiger) Chess-Assistant. Auch das Freeware-Programm Scid hat recht vielfältige Such-Funktionen.
Doch für das millionenfache Heer der Hobby-, Laien- oder/und Vereinsspieler täte es meist auch eine schmaler konzipierte Gratis-Software, um in grösseren Datenbanken mit (-zig tausenden Partien), erfasst im sog. PGN-Datenformat, nach interessanten, „aggressiven“ Games zu fahnden. Der deutsche Computerschach-Experte Stefan Pohl hat nun genau dafür ein neues Programm geschrieben, das diesen Job blitzschnell erledigt. Hier stellt er seine „Aggressive Games Search Tools“ AGS erstmals der deutschsprachigen Schachwelt vor.

Da in der heutigen Zeit immer mehr Partien gespielt werden, sowohl von Menschen (entweder online oder dann in den zahllosen Turniersälen) als auch von Schach-Engines gegeneinander, habe ich zwei einfache Tools geschrieben, die automatisiert in beliebigen PGN-Datenbanken nach interessanten (Opfer-)Partien suchen.
Denn besonders Engine-Partien können oft langweilig sein: Sie werden zwar auf einem enorm hohen schachlichen Niveau gespielt, sind aber – auch deswegen – meist recht steril. Viele Partien gehen remis aus, und die Gewinnpartien werden oft erst nach zähem Ringen (letzlich mit minimalsten Vorteilen) im Endspiel entschieden.

Dennoch gibt es natürlich interessante, taktisch spannende Partien – doch diese sind oft tief „begraben“ in riesigen Datenbanken und müssen extra recherchiert werden. Denn nur nach kurzen Gewinnpartien zu suchen reicht hier keinesfalls aus; Oft ergibt sich zwar ein interessanter Verlauf des Mittelspiels, aber bis der Vorteil, den eine Seite erlangt hat, dann wirklich partieentscheidend verwertet werden kann, dauert es oft noch viele Züge. Außerdem: Werden Engine-Partien bis zum Matt (oder technischem Remis) ausgespielt, kann es sowieso lange dauern, bis ein im Mittelspiel errungener Vorteil wirklich zum Matt verwertet wird.

Recherche in den Datenbanken

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Daher habe ich meine Aggressive Games Search Tools (im folgenden kurz AGS) entwickelt, die dieses Problem lösen sollen.
Zunächst gibt es ein Tool, das in allen Gewinnpartien bis zu einer vom User bestimmten Maximal-Zuglänge nach vorgerückten Figuren (der Sieger-Seite) im gegnerischen Lager sucht.
Ein Beispiel: Gewinnt Weiß eine Partie, so sucht das Tool zwischen dem 15. und dem 60. Zug nach weißen Figuren (Dame, Turm, Läufer, Springer) im schwarzen Lager auf der 6./7./8. Reihe. Dies muß mindestens drei Mal der Fall sein, und die betr. Figur darf nicht sofort abgetauscht werden (ein simpler Damen-Tausch auf d8 beispielsweise wäre ja nicht besonders „aggressiv“). Zudem muss sich die Partie noch im Mittelspiel befinden. Letzteres wird über die Materialmenge entschieden: Es müssen noch mindestens Dame, beide Türme und eine Leichtfigur plus mind. vier Bauern pro Seite vorhanden sein – oder dann auch Dame, ein Turm und zwei Leichtfiguren plus mind. vier Bauern pro Seite. Zuvor sucht das Tool nach Opfern, also nach einem mindestens 5 Züge andauernden Materialvorteil im Mittelspiel für jene Seite, welche die Partie schlußendlich verliert (bei nur einem Bauern Vorteil sieben Züge).

Drei Optionen der Suche

Bei dieser Opfersuche kann der User aus drei Optionen wählen:
Startet man das Tool Aggressive_Games_Search_tool.bat, wird zunächst nach dem Namen der PGN-Datei gefragt; anschließend nach der Art der gewünschten Opfersuche:
1= alle Opfer suchen (der Partieverlierer hat für mindestens sieben aufeinanderfolgende Züge im Mittelspiel mindestens einen Bauern mehr)
2= Zwei-Bauern-Opfer suchen (der Partieverlierer hat für mindestens fünf aufeinanderfolgende Züge im Mittelspiel mindestens zwei Bauerneinheiten mehr)
3= wie Option 2, aber die zwei Bauerneinheiten mehr dürfen keine zwei Bauern sein (sondern z.B. der Qualitätsvorsprung Turm für Springer)

AGS-Tool - Stefan Pohl - Computerschach - Februar 2022
Konsolen- und Text-orientiert unter Windows, aber extrem schnell: Die Turbo-Variante des Tools AGS von Stefan Pohl

Es ist klar, dass mehr Partien gefunden werden, wenn man Option 1 nutzt. Die wenigsten Partien ergeben sich mit Option 3, diese sind dann dafür auch auch sehr spektakulär.
Abschließend fragt das Tool noch nach der maximalen Zuglänge der Gewinnpartien in der zu untersuchenden PGN-Datenbank, danach startet das Tool. Je höher die maximale Zuglänge, desto mehr Partien werden logischerweise untersucht und damit auch mehr Partien gefunden. Für Mensch-Partien reicht eine Zuglänge von 80 aus, bei Engine-Partien würde ich 100 empfehlen, v.a. wenn die Engines bis zum Matt spielen mußten; dann können auch höhere Partielängen sinnvoll sein. Für eine komplette Untersuchung aller Gewinnpartien gibt man 250 als Maximallänge ein.

Aggressive Games mit und ohne Opfer

Computerschach-Freund und AGS-Programmierer: Stefan Pohl
Computerschach-Freund und AGS-Programmierer: Stefan Pohl

Ist das Tool mit seiner Suche fertig, ertönt eine kurze Tonfolge, und die gefundenen Partien werden in zwei zusätzlichen PGN-Dateien abgelegt, genannt: „aggressive_no_sacrifices.pgn“ sowie „aggressive_with_sacrifices.pgn“. Wobei in der ersten Datei die „Treffer“ der Suche nach ins gegnerische Feld vorgerückten Sieger-Figuren abgespeichert werden, und in der zweiten Datei dann die Opfer-Partien.
Dabei ist zu beachten, dass es keine sog. Doubletten (also identische Partien) geben kann, denn das AGS-Tool sucht immer zunächst nach Opfern in einer Partie. Nur, wenn keines gefunden wird, wird die Suche nach Figuren der Siegerfarbe vorgerückt im gegnerischen Lager, überhaupt gestartet.

AGS gegen Chessbase

Die Suche nach ins gegnerische Lager vorgerückten Figuren des Siegers ist sehr aufwändig und darum leider eher langsam. (Hier ist das Tool daher nicht schneller als z.B. die Opfersuche in „Chessbase“). Auf einem normalen PC kann man mit einer Ausbeute von ca. 3-5 Partien pro Sekunde bzw. ca. 200-300 pro Minute rechnen.
Aus diesem Grund habe ich eine weitere Version des Tools geschrieben, die auf eine Suche nach ins gegnerische Lager vorgerückten Figuren des Siegers verzichtet und nur nach Opfern sucht:“ AGS_Sacrifices_Only_Turbo.bat“. Dieses Tool sucht also ausschließlich nach Opfern, wobei die Eingaben des Users identisch zu denen des originalen AGS-Tools sind (s.o.).
Diese „reine“ Opfersuche ist um ein Vielfaches schneller und erlaubt daher auch das Durchsuchen von extrem großen Datenbanken in kürzester Zeit. Ich habe testweise eine Datenbank meiner SPCC-Rangliste mit 185000 Partien durchlaufen lassen; Das dauerte nur ca. drei Minuten, das Tool schaffte also ca. 1000 Partien pro Sekunde (!).
Das AGS-Turbo-Tool schreibt die gefundenen Opferpartien in die Datei „games_with_sacrifices.pgn“. Allerdings sind in dieser Datei zunächst alle Partien mit Weißsiegen abgelegt, danach alle Schwarzsiege. Dies war nötig, um die Geschwindkeit des Tools nicht zu beeinträchtigen.

Auch für alle, die auf die komfortable Opfersuche in ChessBase nicht verzichten wollen, bietet das schnelle AGS-TurboTool einen praktischen Nutzen, da man mit seiner Hilfe größere Datenbanken sehr schnell vorfiltern kann. Mit der Suchoption 1 und einer hohen Partiemaximallänge filtert das Tool sehr schnell ca. 5-8 Prozent potentiell interessante Partien aus. Mit dieser um 92%-95% geschrumpften Ergebnis-Datenbank kann man dann wiederum die sehr differenzierte ChessBase-Opfersuche starten.

Die Basis: Das Tool PGN-Extract

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Meine AGS-Tools nutzen für alle wesentlichen Funktionen das sehr mächtige Freeware-Tool pgn-extract des englischen Programmierers David J. Barnes. Dieses befindet sich, wie auch die Figurenverteilungsmuster zur Opfererkennung im bin-Ordner des Downloads. Dort werden auch temporäre Dateien während des Suchprozesses der Tools angelegt (und wieder gelöscht). Der bat-Ordner darf daher nicht wegbewegt oder sein Inhalt verändert oder schreibgeschützt werden. Auch ein mehrfaches Starten der Tools zu selben Zeit geht nur, wenn man den kompletten AGS-Ordner kopiert, so dass jedes der laufenden Tools einen eigenen bin-Ordner bekommt, ansonsten gibt es Datei-Kollisionen.
Wie bei allen Batch-Tools unter Windows gilt: In das schwarze Fenster, in dem sie laufen, darf man nicht mit der Maus hineinklicken, sonst friert das Programm ein. Dies ist ein Problem von Windows, es läßt sich nicht vermeiden…

Eine echte Innovation

Ich meine, dass insbesondere das AGS-Turbo-Tool, das nur nach Opfern sucht, eine echte Innovation darstellt. Denn es war bisher schlicht nicht möglich, Partiedatenbanken mit so hoher Geschwindigkeit nach Opfern zu durchsuchen. Die Opfersuche an sich war bisher v.a. unter ChessBase bekannt, dort ist sie aber sehr viel langsamer. Zwar lassen sich dort auch deutlich mehr spezielle Suchparameter und Stellungsmuster nutzen, aber leider nur mit geringer Suchgeschwindigkeit. Eine wirklich schnelle Opfersuche, um auch große Partiedatenbanken in annehmbarer Zeit zu durchsuchen, gab es bisher schlicht nicht.
Dieses neuartige AGS-Turbo-Tool hat zumindest für mich schon eine neue Erkenntnis erbracht, nämlich die, dass es im modernen Engine-Schach weit öfter Opferpartien, also Siege nach Materialnachteil gibt, als ich das vermutet hatte. Selbst wenn man eine Engine-Partiedatenbank mit dem Turbo-Tool und Option 3 durchsucht, also nur nach wirklich spektakulären Opfern, werden mehr Partien gefunden, als ich jemals gedacht hätte. Ein 7000 Partien Testrun von Stockfish für meine SPCC-Rangliste ergab selbst mit Suchoption 3 noch knapp 200 Partien.

Stockfish: Trotz Materialnachteile zum Sieg

Das finde ich wirklich sehr erstaunlich. Denn eigentlich nimmt man ja an, dass gerade die extrem starke Engine Stockfish gegen schwächere Gegner gewinnt, indem sie nach und nach Materalvorteil erringt und daraus dann in den Partiegewinn abwickelt. Dass aber Stockfish derart häufig sogar deutlichen Materialnachteil in einen Sieg verwandelt, hat mich völlig verblüfft. Engine-Schach der Spitzenklasse ist also doch interessanter und spektakulärer, als es seine zahllosen Remis-Ergebnisse in den entspr. Turnieren vermuten lassen. Vorausgesetzt eben, diese wirklich interessanten Partien werden aus einer riesigen Menge von Partien herausgefiltert. Dank des kostenlosen AGS Turbo-Tools ist das jetzt einfach und schnell für jeden Schachspieler möglich. ♦

Download Aggressive Game Search Tool

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Computer-Schach auch: Die besten Engines der Welt (2)

Umm-El-Banine Assadoulaeff (Banine): Kaukasische Tage (Autobiographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Emanzipation auf kaukasisch

von Sigrid Grün

In „Kaukasische Tage“ erzählt Umm-El-Banine Assadoulaeff, die unter dem Pseudonym Banine publizierte, von ihrer Kindheit in Aserbaidschan. Banine, 1905 in Baku geboren, gehörte einer der wohlhabendsten Familien des Landes an. Ihre Großväter waren Erdölmillionäre. Banine und ihre älteren Schwestern wuchsen in einem islamisch geprägten Umfeld auf, erhielten aber eine westliche Erziehung. „Kaukasische Tage“ erschien erstmals 1946 im französischen Original, 1949 in deutscher Übersetzung. Nun wurde das Buch erneut übersetzt – und es ist erstaunlich, wie modern die 1992 in Paris verstorbene Autorin schreibt.

Banine - Kaukasische Tage - dtv VerlagDie Geschichte Aserbaidschans dürfte den wenigsten von uns bekannt sein. Das islamisch geprägte Land am Kaspisee erlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Umwälzungen und wurde schließlich eine Sowjetrepublik. Banine, die in eine Familie von Ölbaronen hineingeboren wurde, beginnt ihre Erinnerungen mit folgendem Satz: „Wir alle kennen Familien, die zwar arm sind, aber als achtbar gelten. Meine hingegen war außerordentlich reich und alles andere als achtbar.“ Diese Abwandlung des ersten Satzes von Tolstois „Anna Karenina“: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ fasst das, was kommt, perfekt zusammen. Und dabei erzählt Banine derart lebendig und unterhaltsam, dass es eine wahre Freude ist, der Geschichte ihrer Kindheit und frühen Jugend zu folgen.

Islamische Tradition und westlicher Einfluss

Baku - Erdölstadt - Aserbeidschan - Glarean Magazin
Zwischen islamischer Tradition und westlichem Einfluss: Die Metropole Baku im Erdöl-Land Aserbaidschan

Umm-El-Banine Assadoulaeff wächst gemeinsam mit ihren älteren Schwestern Leyla, Suleyka und Süreya in Baku auf. Ein deutsches Kindermädchen kümmert sich um die Sprösslinge der Familie, die durch das Erdöl auf ihren Feldern zu unglaublichem Reichtum gelangt sind. Die Sommer verbringt die weitläufige Familie auf einem riesigen Landsitz, wo die Kinder Streiche aushecken und eine unbeschwerte Abenteuerlust ausleben. Doch es gibt auch ständig Streit – meistens geht es um Geld oder um Traditionen. Eine streng muslimische Großmutter ist angesichts des Verfalls der Sitten oft am Fluchen, gestresste Ehefrauen wünschen sich endlich eine Nebenfrau, damit sie nicht mehr so alleine sind, wenn der Mann unterwegs ist – und die Pokersucht greift um sich. In diesem Spannungsfeld aus islamischer Tradition und westlichen Einflüssen wächst das Mädchen auf.

Das Verlangen zu lieben

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Als Kind erlebt die Autorin, wie das Land unabhängig und der Vater Minister wird. Wenig später kommen die Sowjets und enteignen die Ölbarone, sperren den Vater ein und verdrehen den aserbaidschanischen Mädchen den Kopf. In Aserbaidschan war es damals üblich, mit 14 zu heiraten, was viele junge Frauen auch als Befreiungsschlag erlebt haben, denn ab diesem Zeitpunkt mussten sie nicht mehr auf ihre Jungfräulichkeit achten und konnten endlich so viele Affären haben, wie sie wollten. Auch die Erzählerin berichtet von ihren frühreifen Sehnsüchten: „Seit meinem zehnten Lebensjahr plagte mich das Verlangen zu lieben: Im Dauerzustand der Verliebtheit war mir das Objekt der Romanze gleichgültig, Hauptsache, ich fand Verwendung für mein großes Gefühl.“ (S.186) Und so verliebt sie sich gemeinsam mit ihren Schwestern immer kollektiv in diverse Männer, die stets um die zehn Jahre älter sind als sie selbst.

Sexuelle Freizügigkeit kontra Vorurteile

Banine - Glarean Magazin
Umm-El-Banine Assadoulaeff alias Banine (1905-1992)

Wer die Geschichte einer verklemmten Muslima erwartet, täuscht sich gewaltig. Hier wird herrlich lebendig von sexueller Freizügigkeit, Spielsucht und fluchenden Alten erzählt, die den Sound der Geschichte bestimmen. Dabei ist „Kaukasische Tage“ aber keineswegs ein Skandalbuch, sondern eine authentisch erzählte Geschichte, die uns mit unseren eigenen Vorurteilen konfrontiert und geeignet ist, uns davon zu befreien.
In dem Buch gibt es zahlreiche urkomische Stellen, etwa, als die Erzählerin und ihre Cousine, die sich dem Kommunismus der Besatzer verschrieben haben, bei der Inventarisierung der Häuser ihrer Nachbarn helfen sollen. Ein echtes Kabinettstückchen, bei dem sich die Mädchen den Umstand zunutze machen, dass die älteren aserbaidschanischen Frauen kein Russisch sprechen und die Russen kein Aserbaidschanisch verstehen. Auch die Figuren werden wunderbar charakterisiert, etwa ein Onkel, der immer Fliegen mitisst, wenn er ein Eis verzehrt.

Herrlich lebendiges Schreiben…

Ernst Jünger - Glarean Magazin
Enger Freund und Vertrauter im Geiste: Ernst Jünger

Im Alter von 14 Jahren ist die Kindheit der Erzählerin vorbei. Der Vater landet im Gefängnis und der Mann, der sich um seine Freilassung bemüht, soll ihr Ehemann werden, obwohl sie nicht ihn, sondern einen Russen leidenschaftlich liebt. Trotzdem nimmt sie es hin, mit ihm verheiratet zu werden, denn so ist es üblich. Die Geschichte endet mit einer Fahrt im Orient Express. Die junge Frau lässt ihren ungeliebten und spielsüchtigen Mann in der Türkei zurück und fährt in die Stadt, die für sie bereits als Kind ein Sehnsuchtsort war: Paris. Dort verbrachte Banine auch den Rest ihres Lebens, wo u.a. auch der grosse Schriftsteller Ernst Jünger zu ihrem engsten Freundeskreis zählte.
Banine kehrte kein einziges Mal in ihre Heimat zurück, obwohl sie sogar von den Sowjets eingeladen worden war. Diese Entscheidung bereute sie kurz vor ihrem Lebensende.

… mit Witz und Intelligenz

Fazit: Was für ein herrlich lebendig und modern geschriebenes Buch! Ich konnte gar nicht mehr aufhören, den Familiengeschichten der Erzählerin zu folgen. Witzig und intelligent wird hier von einer untergegangenen Welt berichtet, die so ganz anders war, als viele von uns sich das vermutlich vorstellen. Es sind keine strikten moralischen Vorschriften, die das Leben der Menschen bestimmten, sondern die gleichen Bedürfnisse, die (junge) Menschen seit jeher überall auf der Welt haben: Zu lieben und geliebt zu werden. Oftmals auf gänzlich unmoralische Art und Weise.
„Kaukasische Tage“ ist das unterhaltsamste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Ich kann es nur wärmstens empfehlen!

Banine: Kaukasische Tage (aus dem Französischen übersetzt von Bettina Bach), dtv Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-423-28234-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Emanzipation auch über Angelika Schaser (Hrsg.): Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Gedicht des Tages von Peter Huchel: Wintersee

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Wintersee

Peter Huchel

Winter-See mit Schilf und Himmel - Gedicht des Tages - Dezember 2021 - Glarean Magazin Wintersee

Ihr Fische, wo seid ihr
mit schimmernden Flossen?
Wer hat den Nebel,
das Eis beschossen?

Ein Regen aus Pfeilen,
ins Eis gesplittert,
so steht das Schilf
und klirrt und zittert.

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von Raoul Hausmann: Nichts

… sowie zum Thema Winter das Gedicht des Tages von Walter Gross: Dezembermorgen