„Polly“-Wettbewerb für Politische Lyrik

Gesucht: Gedichte zur Thematik „Europa“

Literatur-Polly-Preis für Politische Lyrik 2017
Der „Polly“-Preis für Politische Lyrik 2017

Der deutsche Lyriker und „überzeugte Europäer“ Jorn Sack ist Stifter des zweijährlich ausgeschriebenen „Polly“-Wettbewerbes für Politische Lyrik. Der Wettbewerb 2017/18 gilt der Thematik „Europa“; das Motiv seiner Preisstiftung umschreibt Initiant Sack so (Zitat): „Offenbar wird der Zusammenschluss Europas, technokratisch europäische Integration genannt, als eine so blutleere Angelegenheit gesehen und erfahren, dass sie empfindsame Menschen entweder abstößt oder teilnahmslos lässt – obwohl es das weltweit gelungenste Friedens- und Wohlstandsprojekt aller Zeiten ist. […] So will ich also das bisher scheinbar Unmögliche begehren und Gedichte einfordern, die Europa zum Thema haben.“

Eingesandt werden können maximal drei Werke der Poesie in deutscher Sprache zum Thema Europa. Die Dotierung beträgt wie in den Vorjahren 1000, 500 und 250 Euro. Einsende-Schluss ist am 1. September 2017; hier die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung. ♦

Constanze Neumann: „Der Himmel über Palermo“

Blandine von Bülow – die unbekannte Stieftochter

von Günter Nawe

Constanze Neumann - Der Himmel über Palermo - Roman - Goldmann VerlagBücher über die Wagners gibt es zuhauf. Sie füllen nahezu Bibliotheken. Wenig bekannt dagegen und von den Biografen und der Familie des Clans stiefmütterlich behandelt: Blandine von Bülow. Die Tochter von Hans von Bülow und Cosima Wagner, die Stieftochter Richard Wagners, tritt in der gesamten Wagner-Literatur kaum in Erscheinung.

Mit dem Roman-Debüt von Constanze Neumann soll sich das ändern. Die junge Blandine war mit der Familie, später allein, in den Jahren 1881/82 und 1897 in Sizilien, genauer in Palermo. Richard Wagner vollendete hier den„Parsifal“, seine letzte Oper; Cosima als mater familias kümmerte sich ziemlich autoritär um ihre Töchter und sorgte sich vor allem um den Sohn Siegfried.

Entlang der Fakten und anhand von authentischem Material

Am Rande des Wagner-Kosmos’ und unter dem „Himmel von Palermo“ beginnt Blandine ein aufregendes, ein neues Leben. Und damit sind wir im Roman der Constanze Neumann. Immer entlang der bekannten Fakten aus dem Leben und dem Umfeld der Wagners und anhand von authentischem Material sowie Notizen und Tagebüchern von Freunden und Bekannten erzählt die Autorin in eleganter und mitreißender Weise die Liebesgeschichte der Blandine von Bülow mit dem Grafen Biagio Gravina aus einem alten sizilianischen, aber total verarmten Adelsgeschlecht.

Biagio Graf Gravina und Blandine von Bülow (Palermo 1889 - Richard-Wagner-Stiftung)
Biagio Graf Gravina und Blandine von Bülow (Palermo 1889 – Richard-Wagner-Stiftung)

Die junge Frau erlebt die Zauber der Landschaft, von der sie selbst sagt, „Sizilien hat die Fröhlichkeit einer Welt ohne Winter“. Hier also genießt Blandine das gesellschaftliche Leben von Palermo, hier leidet sie aber auch unter der Grantigkeit und Egozentrik ihres Stiefvaters und der alles beherrschenden Mutter. Zu den Geschwister, ausgenommen ihrer Schwester Diana, hat sie ein etwas distanziertes Verhältnis. Dafür gibt es Nähe zu Caterina Scalia, einer jungen Sängerin, und zu Enrico Ragusa, dem Hotelier und einer etwas schillernden und geheimnisvolle Persönlichkeit, in dessen Haus, dem „Hotel Des Palmes“, die Wagners logierten.

Die Sekundär-Literatur über den Wagner-Clan um interessante Aspekte bereichert

Constanze Neumann
Constanze Neumann

Die Achtzehnjährige ist fasziniert von den kirchlichen Festen und den großen rauschenden gesellschaftlichen Ereignissen, bei denen sich die „Crème de la Crème“ des Adels trifft. Beeindruckend der unverstellte Blick der mädchenhaften Blandine auf dieses Treiben um sie herum – dabei irgendwie auch auf der Suche nach sich selbst. Und irgendwann verliebt sie sich in den Grafen – ebenso mädchenhaft wie leidenschaftlich. Constanze Neumann zeichnet eine Art Psychogramm der jungen Frau. Sie findet dabei die richtige Balance zwischen Fakten und Fiktion und schafft so einen literarisch anspruchsvollen und außerordentlich gut lesbaren Roman. Und es gelingt der Autorin, die (Sekundär-) Literatur über den Wagner-Clan um einige interessante Aspekte zu bereichern und gleichzeitig ein Epochenbild der sizilianischen Gesellschaft zu zeichnen.

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Das Debüt von Constanze Neumann: „Der Himmel über Palermo“ ist ein wunderbarer „Sommerroman“ mit einem bedeutenden historischen Hintergrund. Constanze Neumann hat die Handlung in die richtige Balance zwischen Daten und Fiktion gebracht, ein interessantes Psychogramm der jungen Blandine von Bülow gezeichnet und die (Sekundär-) Literatur über den Wagner-Clan um ein paar interessante Aspekte erweitert.

Nein, eine Idylle war das Leben unter dem „Himmel von Palermo“ am Ende nicht. „Ob Blandine glücklich ist?“, fragt zweifelnd ihre beste Freundin Tina. Der Leser kann die Frage nach der Lektüre selbst beantworten. Blandine dagegen gibt ihre „eigene“ Antwort. Sie heiratet Biagio Gravina (in Bayreuth), die Familie Wagner verlässt endgültig Palermo. Blandine bleibt mit ihrem Grafen, einem echten Loser, auf Sizilien zurück, bekommt vier Kinder. Nach dem Tode Biagio Gravinas verlässt sie Sizilien. „Der Süden, das Land des Lichts und der Sonne, hat ihr kein Glück gebracht.“ ♦

Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo – Blandine von Bülows große Liebe, Roman, 224 Seiten, Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-31440-9

Leseprobe

Das neue Literatur-Kreuzworträtsel (Juni 2017)

Die literarische Denksport-Herausforderung

von Walter Eigenmann

Das neue Literatur-Kreuzworträtsel (Juni 2017)
Das neue Literatur-Kreuzworträtsel (Juni 2017)

Copyright © by Walter Eigenmann / 2017/6 – Glarean Magazin

Das neue Literatur-Kreuzworträtsel (Juni 2017) hier ausdrucken (PDF-Datei)

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Literatur-Ausschreibung Wachtberger Kugel 2018

Lyrik-Wettbewerb für Komische Literatur

Wachtberger-Kugel-Literatur-Wettbewerb-Fuer-Komische-Lyrik-Ausschreibung-Glarean-Magazin
Das Signet der „Wachtberger Kugel“ (Preis für Komische Literatur)

Der deutsche Literatur-Verein DiWa – Dichtung in Wachtberg schreibt erneut einen Preis für Komische Literatur aus, die sog. Wachtberger Kugel. Erwartet werden heitere, witzige und komische Gedichte in deutscher Sprache. Die Texte sollen unveröffentlicht sein, der Gesamtumfang maximal 5’000 Zeichen betragen. Die Gewinner werden in einer Anthologie publiziert, der Preis ist mit insgesamt 1’200 Euro dotiert. Einsende-Schluss ist am 31. August 2017, hier finden sich die weiteren Einzelheiten des Wettbewerbes.

Weitere Literatur-Ausschreibungen im Glarean Magazin

Neue Lyrik-Bücher – kurz belichtet

Nico Bleutge: «Nachts leuchten die Schiffe», Gedichte

von Walter Eigenmann

Nico Bleutge: Nachts leuchten die Schiffe, Gedichte
Nico Bleutge: Nachts leuchten die Schiffe, Gedichte

Wortreich, reflexiv, sprachkräftig, experimentell, bildgewaltig, prosa-isch – das sind nur ein paar der vielen (völlig unzureichenden) Adjektive, die sich dem Leser von Bleutges jüngstem Lyrik-Band aufdrängen. Mit assoziationsreicher, aber gleichwohl instinktsicherer Motivik umkreist der vielfach ausgezeichnete, 1972 geborene Berliner Autor in seinem zehnteiligen Zyklus sein facettenreiches Titel-Thema «Nachts leuchten die Schiffe». Durchaus treffend umschreibt der verlagseigene Werbe-Waschzettel die Intention des Bandes: «Echos und Lesefetzen, eigene und fremde Stimmen, die sich zu einem Dritten formen. Solche Sprachfunde sind für Nico Bleutge wie Kraftfelder, die seine Aufmerksamkeit bündeln… Der Bosporus als Sprungbrett: Öltanker und Containerschiffe, die etwas davon erzählen, wie der weltweite Handel die überkommenen Vorstellungen von Zeit, Transport und Geschwindigkeit verändert hat».

Nico Bleutge (* 1972 in München)
Nico Bleutge (* 1972 in München)

Bleutges Lyrik liest sich nicht (und las sich noch nie) einfach: Lange Wort- und Satz-Ketten, die an ver- bzw. gekappte Kurzprosa erinnern; mehrschichtige Zeitspuren; collagierte «Schauplätze»; abrupte Rhythmuswechsel; exzessive Sprachspiel- und ungebändigte Fabulier-Lust an Wortfarben und Binnenformen – das alles macht die Lektüre anstrengend, lässt die thematischen Fäden immer wieder entgleiten. Doch der Aufwand des Lesers wird belohnt. Es ist unglaublich, welcher sprachliche und inhaltliche Kosmos diesem Lyriker verfügbar ist. «Nachts leuchten die Schiffe» sind keine Gedichte – das ist eine Sinfonie.

Nico Bleutge, Nachts leuchten die Schiffe, Gedichte, 92 Seiten, C.H.Beck-Verlag, ISBN 978-3-406-70533-5

Irène Bourquin: «Schaukelnd im grünen Atem des Meeres», Gedichte

von Walter Eigenmann

Irène Bourquin: Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, Gedichte
Irène Bourquin: Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, Gedichte

Die Schweizer Dichterin, Theater-Autorin und Kulturjournalistin Irène Bourquin (*1950) hat schon seit vielen Jahren in dem exqusiten Waldgut-Verlag eine besondere verlegerische Heimat gefunden. Dabei bildet das Gedicht einen Schwerpunkt ihrer Arbeit: «Patmos» (2001), «Angepirscht» (2007) und «Türkismänander» (2011) hießen da ihre lyrischen Stationen. Und nun ein neuer Band Gedichte, wieder der pastellfarbene Süden-Sonne-Meer-Topos ganz zentral: «Lago d’Iseo», «Grotte die Toirano», «Bordighera», «Porquerolles», «Cap Taillat», «Tudela» oder «Aiguamolls» nennen sich etwa die Texte, geographisch angesiedelt in Ligurien, der Cote d’Azur, der Provence und in Katalonien.

Irène Bourquin (* 1950 in Zürich)
Irène Bourquin (* 1950 in Zürich)

Sprachlich wird das Niveau unterschiedlich durchgehalten; Vergilbt-konturlose Banalitäten wie: «Noch immer das Meer / in jedem denkbaren Blau / am Horizont / die Schatten der Tanker / wachsen» stehen neben wundervoll melodischen Sprachbildern: «Wie Rauchfahnen / schwarzsilbern / steigt / kahler Wald / ins Licht / Ockergold / die letzten Fackeln».
In seiner bekannt sorgfältigen Art nahm sich der Waldgut-Verlag auch hier sehr liebevoll der Buchherstellung an, indem im Bodoni-Druck mit Bleisatz und Handpressendruck bis hin zur händischen Fadenheftung gearbeitet wurde – ein bibliographisches Unikum heutzutage. Schade nur, dass das zu dünn gewählte Papier jeweils die Rückseiten-Texte durchschimmern lässt. Davon abgesehen: Eine schöne, sowohl literarisch wie drucktechnisch sehr qualitätsvolle Ausgabe, in der zu blättern und zu lesen so etwas wie bibliophile Wellness erzeugt.

Irène Bourquin, Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, Gedichte, 64 Seiten, Waldgut Verlag, ISBN 978-3-03740-655-7

Andreas Krohberger: «Ein Strauß schwarzer Rosen», Gedichte über Sehnsucht, Sex und Liebe

von Walter Eigenmann

Andreas Krohberger: Ein Strauß schwarzer Rosen, Gedichte über Sehnsucht, Sex und Liebe
Andreas Krohberger: Ein Strauß schwarzer Rosen, Gedichte über Sehnsucht, Sex und Liebe

Gewiss, dem studierten Germanisten Andreas Krohberger (*1952 in Schorndorf/D) merkt man die stetige Beschäftigung mit eigenen und fremden Gedichten an. Nicht nur, dass der umtriebige Koch-, Wein- und Gartenbuch-Autor in div. Verlagen einiges an Lyrik publizierte; ein Text wie: «Scharf wie ein Raubtier / riecht die Luft / nahe bei dir / und meine Zunge kostet / den öligen Tau / im blühenden Klee / vielblättriger, saftiger Klee / ein Zittern / und raue, kehlige Laute / treffen auf salzige Haut / Unfassbar / was Liebe / für dich ist / für mich» hat durchaus Imagination und Rhythmus.

Andreas Krohberger (*1952 in Schorndorf)
Andreas Krohberger (*1952 in Schorndorf)

Aber dann wieder in der gleichen Sammlung «Ein Strauß schwarzer Rosen» sehr viel Herz-/Schmerz-Langeweile, haarscharf am Kitsch vorbeischrammende Verse, oft gelesene Worthülsen, Unspektakuläres im schlechtesten Sinne. Als Beispiel für Ähnliches: «Immer wenn du gehst / du / die ich nicht liebe / bleibt doch von deiner Wärme / etwas zurück unter der Decke / von deinem Duft / auf meinen Lippen / im Herzen ein wenig / von deinem Lächeln / und wie ein feiner Stich / die Angst / du könntest nie / gar nie / mehr kommen» – das ist Deutscher-Schlager-Zeugs, vorgetäuschte Plakat-Emotionen, an der gebrochenen Komplexität des Untertitel-Themas peinlich vorbeigeschrieben. Trotz schöner Bilder ab und zu: Ein entbehrliches Buch.

Andreas Krohberger, Ein Strauß schwarzer Rosen, Gedichte über Sehnsucht Sex und Liebe, 52 Seiten, Edition Fischer Verlag, ISBN 978-3864550881

Rainer Wedler: «einen Fremden grüßt man nicht», Gedichte (2011-2016)

von Walter Eigenmann

Rainer Wedler: Einen Fremden grüßt man nicht, Gedichte 2011 - 2016
Rainer Wedler: Einen Fremden grüßt man nicht, Gedichte 2011 – 2016

Wer die literarische Arbeit des 75-jährigen deutschen Schriftstellers Rainer Wedler längere Zeit verfolgte, dem fällt die zentrale Bedeutung auf, die dem Lyrischen im Schaffen dieses Autors zukommt. Roman, Novelle, Erzählung: die größeren Formen der Belletristik sind das ureigene Gebiet Wedlers – aber dem kurzen Wenigzeiler, dem kleinen Text-Bild, dem unscheinbaren Zehn- oder Zwanzig-Sätzer gilt seine besondere Liebe, auch seine sprachlich nochmals gesteigerte Achtsamkeit.
«einen Fremden grüßt man nicht» breitet auf üppigen 144 Gedichte-Seiten als Zusammenfassung der letzten fünf Jahre ein lyrisches Kleinod nach dem anderen aus, ein packendes Sprach-Blitzlicht neben dem nächsten, aufs Wesentliche zurechtgefeilte Konzentrate allesamt, deren Handschrift sehr akkurat, sehr virtuos, sehr überlegt – und sehr unbestechlich ist. Da findet sich null Geschwätzigkeit, immer Klarheit und Notwendigkeit, jedem Gedicht haftet ein zwingendes So-und-nicht-anders an.

Sauberer Umgang des Künstlers mit dem Material Sprache

Rainer Wedler (*1942 in Karlsruhe)
Rainer Wedler (*1942 in Karlsruhe)

Wobei ja nicht von einem knöchern-klappernden Handwerk – komme es noch so virtuos daher – die Rede ist, das dem Dichten alles Blut austreibt zugunsten reibungslosen Betriebs, sondern von der sauberen Ernsthaftigkeit im Umgang des Künstlers mit dem Material Sprache. Dass im Schreiben Wedlers kein Leben, sondern hauptsächlich Professionalität sei, ist eh keine Gefahr. Denn einem wie ihm, der einst als Schiffsjunge durch türkische, algerische und afrikanische Meere fuhr, später als Historiker, Germanist und Philosoph ausgerechnet über Burleys «liber de vita» promovierte, um anschließend jahrelang vor Generationen moderner Schuljugendlicher über Literatur nachzudenken, einem solchen stieß genug Leben zu, um eben dieses zu guter Letzt als geschliffenes Gedicht, als ausgefeiltes Sprachgebilde, gegossen in präzis abgewogene Sätze, also in ganz anderer Form auferstehen zu lassen.

„Das Verschwinden der Wörter ist nicht aufzuhalten“

Wedlers Befund ist dabei eindeutig: «das Verschwinden der Wörter / ist nicht aufzuhalten / wenn wir sie nicht mehr schmecken / können / ihr Fleisch verdorrt / fällt ab / wo soll da die Seele wohnen / die neuen Wörter kommen / als Fabrikware / für den schnellen Gebrauch», und überhaupt: «die Bilder schiebt der Automat / ein Euro / vier Bilder / die Tänzerin tanzt / der Turner turnt / die Sängerin singt / der Jongleur jongliert / das Licht geht aus / du meinst / das ist das Leben». Denn «die Zeichen der Kunst» sind mittlerweile auch nur Mahnmale des Todes: «der Pilot / des Jagdbombers / versteht sich / als Künstler / das Ich herausnehmen / Distanz gewinnen / die Bombe platzieren / dass die Menschenmenge aufplatzt / wie ein bunter Klecks». Manches in Wedlers Lyrik hat einen melancholischen Touch, der leer schlucken lässt, und der weniger der sog. Altersweisheit denn doch einiger Resignation zu entspringen scheint.
Andererseits, wenn es eine Konstante im literarischen Schaffen dieses Autoren gibt über all die Jahre hinweg, dann ist es dieses wohlmeinende Augenzwinkern, diese verständnisvolle Verschmitztheit, dieser lächelnde Na-sowas-Humor, den nicht mal diese jüngste, grundsätzlich dem Nachsinnen gewidmete Lyrik-Sammlung auszutreiben vermochte. Zu Lachen gibt es nichts in Wedlers Gedichten – aber wenigstens das (versteckte, ja zuweilen verschleierte) Erkennen der Lächerlichkeit des «homo homini lupus»: «mit dem Thorazeiger / den schwermütigen Vorhang lüften / an den Fransen hängen Glöckchen / im Wind / betet der Hodscha / im Osten / geht die Sonne auf / heute umarmen / die Beschnittenen den Vorhäutigen / Abraham dreht sich um und kann endlich ruhig schlafen». Denn wie heißt es in einem der Buch-Kapitel, das lauter «Liebesgedichte» enthält? «am Ende / lasse ich den Tag / grußlos stehen / und geh ins Haus / wo mich die Dinge nicht erwarten / sie sprechen nicht mehr / mit mir / ich lass die späte Nacht herein / kann man die Liebe aus dem Fernster werfen?»

Die Romane des Schriftstellers Wedler und die Lyrik des Dichters Wedler sind keine Mainstream-Literatur, und sie werden nie in einer «Spiegel-Bestenliste» auftauchen. Aber schön, dass dieser nachdenkliche, blitzgescheite, voller exquisiter Überraschungen steckende, mit allen Wassern des sprachlichen Handwerks gewaschene, darob trotzdem quirlig-agil schreibende, immerzu reflektierende und gleichwohl lebensvolle Autor schreibt und schreibt. Nicht unverdrossen – aber unbeirrt. Eine wertvolle, nötige literarische Stimme, die zurecht in dem innovativen Ludwigsburger Pop-Verlag einen ständigen Sitz gewonnen hat. Empfehlung!

Rainer Wedler, einen Fremden grüßt man nicht, Gedichte (2011–2016), 142 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3-86356-176-5

Internationaler Dresdner Lyrik-Wettbewerb 2018

Gedichte für Dresdner Lyrikpreis

Internationaler Dresdner Lyrik-Wettbewerb 2018
Internationaler Dresdner Lyrik-Wettbewerb 2018

Der Dresdner Lyrik-Preis will das «gegenwärtige poetische Schaffen» fördern und schreibt darum per Ende 2018 den mit 5’000 dotierte Gedichte-Wettbewerb aus. Bewerberinnen und Bewerber, die in Europa leben und in deutscher oder tschechischer Sprache schreiben, können von Verlagen, Herausgebern und Redaktionen von Literaturzeitschriften, Autorenverbänden und literarischen Vereinigungen vorgeschlagen werden, Eigenbewerbungen sind aber ebenfalls ausdrücklich erwünscht. Einsende-Schluss ist am 30. Juni 2017, hier die weiteren Einzelheiten der Ausschreibung

Zwei Gedichte von Susanne Rzymbowski

Was wär die Kunst…

Was wär die Kunst
im Einmachglas
im Dick der Wand aus Glas?
Doch nur verschraubter Lebenssaft
zur Haltbarkeit verdammt
der ohne Spur von Anarchie
im glibbrig Most erstickt.
Drum merke auf
dem schönen Tag
und huldige der Nacht
die dich befreit aus Donners Kiel
und führt zu Pulsschlags Autarkie

Denkst du an mich
bei Kerzenschein
als Flackern eines Lichts
bin ich besorgt
so kurz der Docht
des heißen Flammenspiels

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Zwei Gedichte von Susanne Rzymbowski
Susanne Rzymbowski

Susanne Rzymbowski

Susanne Rzymbowski, geb. 1964 in Köln, Studium der Theater-, Film- & Fernsehwissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte, belletristische Veröffentlichungen in Anthologien, lebt in Köln