Aufgeschnappt

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Belcanto für Kühe

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Opern-Star Bedoni bei der Anregung der Milchproduktion (BBC-News / Video)

Gesang, überhaupt Musik scheint inzwischen hilfreich für alles zu sein. So meldeten die «News» der britischen BBC unlängst, dass nun zum tenoralen Besingen von Kühen übergegangen wird. Geschehen unlängst auf einer britischen Farm, wo Bauer Bobby Gill hoffte, dass das geschulte Gesangs-Organ des italienischen Star-Tenors Marcello Bedoni die Milchproduktion seiner Vierbeiner verbessere. Eigens von der Glacé-Firma «Federici’s» eingeflogen und von der Werbeagentur «Hayley Campbell-Gibbons» bei seiner Cow-One-Man-Show gefilmt, postierte sich der Opern-Sänger vor einer Herde Lancashire-Kühen und schmetterte ihnen italienische Arien um die Ohren. Die britische Standesorganisation «National Farmers‘ Union» über das Belcanto-Spektakel: «Soothing sounds or music can reduce stress and induce relaxation and a healthy, contented cow is likely to produce more milk and anything that enhances that can only be a good thing.»
Die so bezirzte Milch soll nun nach dem tierischen Musik-Event genau auf ihre geschmackliche Qualität hin untersucht werden. Inwieweit die geduldigen Rindviecher nach Bedonis Arien-Attacke von Bauer Gill ein wenig Schmerzensgeld in Form von mehr Futter erhalten haben, entzieht sich der Kenntnis des Berichterstatters… (gm)

Musik-Satire von Nils Günther

Der gemeine Orchesterdirigent

Nils Günther

Geschätzte Zuhörerinnen und Zuhörer!

In unserer musikzoologischen Vortragsreihe «Die Unterwelt der Musik» wollen wir uns heute einer besonders verbreiteten, aber auch sehr interessanten und in weiten Teilen noch unerforschten Spezies zuwenden: dem gemeinen Orchesterdirigenten.
Zunächst sollten wir den Gegenstand unserer Betrachtungen einmal definieren, denn obwohl den gemeinen Orchesterdirigenten jeder kennt, ja wahrscheinlich viele von Ihnen selber den einen oder anderen davon im Plattenregal stehen hat, stellen wir uns mal ganz dumm und fragen: Was ist ein Dirigent?

Dirigent Richard Wagner erstürmt den Himmel (Zeitgenössische Karikatur)
Dirigent Richard Wagner erstürmt den Himmel (Zeitgenössische Karikatur)

Hierzu muss man in der Historie recht weit zurückgehen, eigentlich in die graue Vorzeit, an jenen Punkt, wo einer aus der Herde das Maul besonders weit aufriß und sich dadurch zum Leithammel machte. Dass dafür das Maulaufreißen allerdings nicht lange reichte, kann man sich vorstellen; Argumente allein hatten noch selten ewig Bestand. Daher war es nützlich, sich durchaus physischer Gewalt zu bedienen, etwa indem man einen großen Knüppel nahm und alles, was aufmüpfig war einfach niederschlug.
Aus eben dieser Figur des Leithammels entwickelten sich mehrere bis in die heutige Zeit existente Tätigkeiten, die alle mit Machtpositionen zu tun haben. Der Politiker, der Boxer, der Zahnarzt und der Dirigent: sie alle haben ihre Wurzeln im prähistorischen Knüppelschwinger, nur dass die Knüppel im Laufe der Evolution extrem verkümmert oder überhaupt zu rein geistigen geworden sind. Beim Dirigenten ist dieser letzte Rest des Knüppels aber in Form eines kleinen Stäbchens noch gut zu erkennen, auch wenn sich die Funktion seiner Keule ein wenig gewandelt hat. Sie wird nicht mehr zum direkten Prügeln benutzt, letzteres wird vielmehr bloß noch angedeutet; der Dirigent «gibt den Takt an», wie man sagt. (Ob er viel mehr tut, ist von der Wissenschaft noch nicht endgültig geklärt).
Diverse Sagen ranken sich um einige besonders heroische Dirigenten der Vergangenheit. So erzählt man sich heute noch voller Erschauern die Geschichte von Lully, der sich mit seinem (damals noch durchaus knüppelhaften) Stab den Fuß rammte und kurz darauf verschied. Ein Suizid der besonderen Art!

Dirigent Benjamin Bilses bestrickende Leitung (Zeitgenössische Karikatur)
Dirigent Benjamin Bilses bestrickende Leitung (Zeitgenössische Karikatur)

Doch diese heroischen Zeiten sind eigentlich vorbei, heute scheuen die meisten Dirigenten das Risiko, und kaum einer würde mehr selbst ein solches Opfer für die Kunst bringen. Nein, heute geht es dem Dirigenten in erster Linie darum, dem Komponisten zu zeigen, was eine Harke ist. Wedelnd steht der Dirigent an seinem Pult und fuchtelt alle ihm untergebenen Musiker in die Knie. Selbst bei Messen und anderen geistlichen Werken hat der Dirigent keine Skrupel, statt Andacht das blanke Stäbchen walten zu lassen. Das Werk hat vor dem Maestro zu erzittern, nicht etwa umgekehrt! Was man hört ist nicht Mozart oder Beethoven, sondern Bernstein oder Celibidache.
Der Dirigent muss nur die Auf- und Abwärtsbewegung des Stabes erlernen, nichts weiter. Zählen kann das Orchester allein, und zwar gut genug, um sich nicht durch das unrhythmische Gefuchtel aus der Ruhe bringen zu lassen. Gewiefte Dirigenten bringen es zustande, mit der freien Hand ebenfalls Bewegungen auszuführen. Solche Wunderknaben sind rar, und der tosende Applaus ist ihnen gewiss. Schließlich ist das so, als ob ein dressierter Affe gleichzeitig eine Banane isst und sich mit dem linken Fuß am Kopf kratzt. Vor solcherlei Launen der Natur hatte der Pöbel schon seit jeher Respekt. Zu Recht.
Der Weg zum Dirigentendasein führt also über mehrere Stationen. Zunächst muss man einiges an Feinmotorik mitbringen, um überhaupt ein Stäbchen koordiniert bewegen zu können. Nicht nur muss das Holzstück auf und ab bewegt, nein, es muss dabei auch fest genug gehalten werden, so dass es nicht versehentlich aus der Hand fällt. Einem angehenden Maestro werden in der ersten Probephase denn auch diverse Unfälle nicht erspart bleiben, von ausgestochenen Augen über tote Haustiere und zerstörte Porzellansammlungen bis hin zu unabsichtlich kastrierten Schulfreunden. Ist diese Klippe nach Jahren zermürbernden Trainings umschifft, muss sich der Dirigent einige feinere Eigenschaften antrainieren wie Arroganz, Geldgier, Oberflächlichkeit und Narzissmus. Manche haben darüber hinaus eine rudimentäre musikalische Grundausbildung, doch darauf kann man sich nicht verlassen.

Dirigent Gustav Mahlers Kakaphonie (Zeitgenössische Karikatur)
Dirigent Gustav Mahlers Kakaphonie (Zeitgenössische Karikatur)

In aller Regel muss man zufrieden sein, wenn der Dirigent weiß, in welche Richtung er zu blicken hat. (Für gewöhnlich hat er ja einen Handlanger, der sich Konzertmeister nennt. Dieser schüttelt dem Dirigenten immer wieder die Hand, damit der Maestro seine Position wieder richtig einnimmt, und auch, damit sich die um das Stäbchen gekrampfte Hand wieder etwas entspannen kann). Intelligentere Exemplare der Spezies sind zudem in der Lage, blitzschnell ihre Position durch eine Drehung um 180 Grad zu verändern, um sich gekonnt zum Publikum hin zu verbeugen. Einigen von ihnen gelingt es sogar, sich anschließend wieder mit katzenartiger Behendigkeit in die Ausgangslage zurück zu bewegen. Doch das ist angeborenes Genie, welches sich dem Normalsterblichen nur schwer erschließt.
Ein weiteres bedeutungsvolles Moment kommt hinzu: die Mimik. Sie ist die wahre Kunst des Dirigenten. So kann man es etwa bei Lorin Maazel beobachten, der mit seinem Blick unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er nicht nur alle Musiker und das Publikum, sondern auch die Musik selbst abgrundtief verachtet und nur dort droben auf dem Podest steht, weil der Taxameter tickt und ihm den neuen Swimmingpool als sicher finanziert verspricht.

Dirigent Carl Rosa beim Geldverdienen (Zeitgenössische Karikatur)
Dirigent Carl Rosa beim Geldverdienen (Zeitgenössische Karikatur)

Der Dirigent ist in der glücklichen Lage, das meiste Geld zu verdienen und dafür am wenigsten tun zu müssen. Er muss in der Regel nur einen Auftakt schlagen, danach läuft die Sache quasi von selbst. Üben kann der Dirigent in seinem Sessel zu Hause mit einem feinen Glas Cognac in der einen Hand und der Partitur in der anderen. Lesen kann er sie größtenteils nicht, und so verbringt er die Zeit damit, die schwarzen Punkte mit einem Buntstift zu verbinden und sich von den entstehenden Bildern überraschen zu lassen.
Es ist natürlich nicht verkehrt, wenn der Dirigent den Schluss der Komposition nicht verpasst. Danach weiterzuschlagen wäre nicht von Vorteil. Denn der gebildete Dirigent weiß, dass der Schluss in 90 Prozent aller Fälle laut und immer von Stille gefolgt ist. Diese Stille muss schnell genug wahrgenommen werden, was schon schwieriger ist, da es zur verbindlichen Natur eines Dirigenten gehört, maximal zehn Prozent Hörfähigkeit zu besitzen. Aber der wahre Künstler hat es halt im Blut und wird blitzschnell reagieren, den Atem anhalten und erstarren, sich kurz darauf mit einem Nicken umdrehen und erleichtert sein, wenn tatsächlich geklatscht wird und er nicht doch einfach bei der Generalpause aufgehört hat. Aber da stehen die Chancen fity-fifty, da kennt die wahre Spielernatur gar nichts.
Ansonsten muss der Dirigent noch ein Autogramm geben können und einen Plattenvertrag unterschreiben, den Rest macht sein Assistent.
Derzeit wird die Dirigententätigkeit für sehr viele arbeitslose Fleischer und Polizisten interessant, doch nur wenige wagen einen solchen beruflichen Abstieg tatsächlich, viele werden wegen Überqualifikation auch gar nicht von den Orchestern angenommen. – Meine Damen und Herren, ich hoffe, Ihnen einen Einblick in die so faszinierende Welt des auf allen Kontinenten heimischen, aber immer noch rätselhaften gemeinen Orchesterdirigenten gegeben zu haben. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit! ■


Nils Günther Nils Günther

Geb. 1973 in Scherzingen/CH, Klavier- und Kompositions-Studium in Berlin und Winterthur, zahlreiche kompositorische Veröffentlichungen und Radio-Aufnahmen, lebt seit 1999 als Komponist in Berlin

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Cello-Hoden und Gitarren-Brustwarzen?

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Auch bei Cellistinnen keine medizinischen Probleme: Strassenmusikantin

Wie das englische Ärzte-Journal BMJ unlängst meldete, seien die berühmten «Cello-Hoden», welche mehr als dreißig Jahre lang in der medizinischen Fachpresse herumgeisterten bzw. ernsthaft diskutiert wurden, ein reines Hirngespinst.
Im Mai 1974 hatte sich nämlich die namhafte britische Ärztin Dr. Elaine Murphy einen Scherz erlaubt: Zusammen mit ihrem damaligen Ehemann John schrieb sie einen Brief an das renommierte «British Medical Journal» (BMJ), in dem es um angeblich durch Cellospielen verursachte Schmerzen im Hodenbereich ging. Zu ihrer eigenen Überraschung sei der Brief seinerzeit veröffentlicht worden, erklärten Murphy und Murphy in der jüngsten Ausgabe des BMJ.
Auf den Jux habe sie der Beitrag eines Arztes gebracht, der von den «guitar nipples» («Gitarren-Brustwarzen») dreier Patienten berichtet hatte. Bei diesen jungen Gitarrenspielern soll sich die Brustwarze angeblich durch den Druck des Instrumentes entzündet haben. Ihr Mann und sie hätten diesen Bericht dann mit einem weiteren medizinischen Phänomen überbieten wollen.
Die heutige Baronin und Angehörige des britischen Oberhauses Elaine Murphy zu ihrem damaligen Skrotum-Scherz: «Wer jemals einem Cellisten beim Spielen zugesehen hat, dem muss klar sein, dass unsere Behauptung physisch gar keinen Sinn ergeben kann…»

Das Panoptikum der Musiker-Entgleisungen

«Ein purer Dilettant, krank von Anbeginn»

Komponisten beschimpfen Komponisten

von Walter Eigenmann

daumier_anciens-accessit-du-conservatoireWie ist es möglich, dass hochintelligente, oft vielseitig gebildete, in genialster Weise kreative, gesellschaftlich anerkannte und von der Geschichte wie von der Gegenwart millionenfach verehrte Persönlichkeiten sich zu peinlichsten Diffamierungen, gehässigsten Pöbeleien und krassesten Fehlurteilen versteigen können, sobald es nur um die künstlerische Arbeit der «lieben Konkurrenz» geht? Ist die Musik als emotionalste aller Künste auch die egozentrischste, weil das ohnehin menschlich übliche Maß an Neid und Ignoranz hier allzu schnell und oft gar in pure Irrationlität mittels größtmöglicher Realitätsverdrängung zu kippen pflegt?
Der geistreiche Gentleman Felix Mendelssohn-Bartholdy – seinerseits als Jude gemeinsten Geschmacklosigkeiten z.B. eines Richard Wagner ausgesetzt – umschrieb den Tatbestand elegant-treffend so, dass mancher Komponist eben versuche, «die großen Flammen auszupusten, damit das kleine Talglicht ein wenig heller leuchte.» Und vielleicht wohlwollend kann man allenfalls mit Robert Schumann – notabene ein selbstloser Förderer von Brahms, Schubert und Chopin – die (in seiner berühmten «Neuen Zeitschrift für Musik» geäußerte) Meinung teilen, dass «nur der Genius den Genius ganz versteht». Was allerdings höchstens erklärt, warum «mindere», von der Kulturgeschichte mehr oder weniger zurecht «marginalisierte» Geister à la Kritiker wie Hanslick oder Komponisten wie Pfitzner gegen die «ganz Großen» schnödeten, jedoch nicht, warum ein Titane wie Tschaikowsky das Werk eines anderen Titanen wie Brahms locker als «gehaltlose, aufgeblähte Mittelmäßigkeit» abzutun in der Lage war. (Zur Ehrenrettung des Komponisten-Standes sei allerdings nicht verschwiegen, dass – beispielsweise – auch die Literaten-Gilde durchaus die grobe Holzkeule anstelle des feinen Floretts zu schwingen vermag, wie man hier mitschmunzeln kann: Dichter über Dichter).

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Daumier: Les saltimbanques

Seien die psychologischen, in der chronologischen Distanz wohl noch schwerer als in der Zeitgenossenschaft nachvollziehbaren Gründe derartig monströser Subjektivität gegenüber objektiv nachweisbarer künstlerischer Gültigkeit jetzt mal dahingestellt, und tauchen wir ein in die durchaus erheiternden, teils auch degoutanten, keineswegs immer «falschen», aber stets frappanten, jedenfalls seinerzeit aus erbitterter Feindschaft erwachsenen Niederungen der «Dilettanten», «Stümper», «Notenschmierer», «Irrsinnigen», «Kakaphoniker» und «Lutschbonbons». (Die Sammlung, in unterschiedlichsten Quellen wie Briefen, Biographien, Rezensionen u.a. recherchiert, ist natürlich beileibe nicht vollzählig – aber repräsentativ…)

W.A. Mozart über Carl & Anton Stamitz:
«Notenschmierer und Spieler, Säufer und Hurer!»

Heitor Villa-Lobos über W.A. Mozart:
«Leicht zu durchschauende Musik – etwas für Kinder.»

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Daumier: Musique de fete champetre

Ludwig van Beethoven über Gioacchino Rossini:
«Kein wahrer Meister gibt auf Rossini acht. Rossini hat keine Form, weil er keine schaffen kann, sie fehlt ihm, nicht weil er es möchte, sondern weil er nur wie ein Stümper handeln kann.»

Igor Strawinsky über Ludwig van Beethoven:
«Ich verstehe nicht, wie ein Mann von solchen Fähigkeiten derart häufig in solche Banalitäten verfallen konnte. Ein spätes und schreckliches Beispiel ist der erste Satz der Neunten Sinfonie. Wie konnte ein Beethoven sich zufrieden geben mit derart viereckiger Pharasierung, so pedantischer Durchführung, so armseliger Erfindung und offensichtlich falschem Pathos.»

Giacomo Puccini über Igor Strawinsky:
«’Sacre du Printemps‘ – reinste Kakophonie! Indessen zeigt sich eine gewisse Originalität und ein bestimmtes Maß an Talent. Doch im Ganzen genommen könnte es die Schöpfung eines Irrsinnigen sein.»

Richard Strauss über Hugo Wolf:
«Ein purer Dilettant, krank von Anbeginn.»

Arnold Schönberg über Richard Strauss:
«Künstlerisch interessiert er mich heute gar nicht, und was ich seinerzeit von ihm gelernt hatte, habe ich, Gottseidank, mißverstanden…»

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Daumier: La harpe

Ferruccio Busoni über Arnold Schönberg:
«Anarchistisch, eine willkürliche Nebeneinanderstellung.»

Johannes Brahms über Anton Bruckner:
«Bruckner ist ein armer, verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben.»

Peter Tschaikowsky über Johannes Brahms:
«Was für eine gehaltlose Mischung ist doch die Musik von Brahms. Es empört mich immer, wenn diese aufgeblähte Mittelmäßigkeit für genial gehalten wird.»

Nikolaj Rimskij-Korsakow über Peter Tschaikowsky:
«Seine Musik zeugt von schlechtem Geschmack.»

Erik Satie über Maurice Ravel:
«Ravel lehnt die Ehrenlegion ab, doch seine ganze Musik gehört dort hinein…»

Camille Saint-Saens über Max Reger:
«Das fängt nicht an, das hört nicht auf, das dauert nur.»

Max Reger über Gustav Mahler:
«Mir erscheint Mahler als der Meyerbeer unserer Zeit! Es ist bei beiden die echt semitisch große Intelligenz, bei beiden das Arbeiten mit Affektmitteln äußerlicher Natur und bei beiden das Fehlen jeglichen Stils.»

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Daumier: Les saltimbanques 2

Gustav Mahler über Max Bruch:
«Ein Logarithmentafel-Exponent.»

Claude Debussy über Edvard Grieg:
«Er ist nicht mehr als ein geschickter Musiker, der um die Wirkung besorgter ist als um wahre Kunst. Ein mit Schnee gefülltes Lutschbonbon.»

Alexander Skrjabin über Claude Debussy:
«Ich kann Ihnen zeigen, wie man diese Art französischer Grimasse zustandebringt. Nehmen Sie irgendwelche offenen Quinten, lösen Sie sie mit einem übermäßigen Quartsextakkord auf und fügen Sie einen Turm von Terzen hinzu, bis Sie genug Dissonanz beisammen haben, und wiederholen Sie dann die ganze Sache in einem anderen ‚Schlüssel‘, so können Sie so viel ‚Debussy‘ fabrizieren, wie Sie wollen…»

Bedrich Smetana über Antonin Dvorak:
«Ein talentiert Musikant, nichts weiter.»

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Daumier: Le dernier joueur du tambour de basque

Maurice Ravel über Camille Saint-Saens:
«Saint-Saens hat während des Krieges allerhand Musik komponiert. Hätte er statt dessen Granathülsen gedreht, wäre es vielleicht ein Gewinn für die Musik gewesen.»

Georg Bizet über Guiseppe Verdi:
«Man hat kürzlich eine neue Oper von Verdi gespielt. Ekelerregend!»

Richard Wagner über Franz Schubert:
«Ein drittrangiges Talent – philiströse Sonaten.»

Guiseppe Verdi über Hector Berlioz:
«Berlioz war ein armer, kranker Mensch, der gegen alle wütete, heftig und bösartig war. Er konnte sich nicht mäßigen; es fehlte ihm die Ruhe und die Ausgewogenheit, aus der sich erst die vollendeten Kunstwerke ergeben.»

Hector Berlioz über Richard Wagner:
«Er ist verrückt, völlig verrückt!»

Otto Taufkirch: Gezeichnete Wortsprüche

«Ein wohler Esel braucht kein Eis»

Wer ohne Sinn, hat Zeit für Sinne (Otto Taufkirch)
Wer ohne Sinn, hat Zeit für Sinne (Otto Taufkirch)

Ein wohler Esel braucht kein Eis (Otto Taufkirch)
Ein wohler Esel braucht kein Eis (Otto Taufkirch)

Nichts ist außerhalb (Otto Taufkirch)
Nichts ist außerhalb (Otto Taufkirch)

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Otto Taufkirch
Otto Taufkirch

Otto Taufkirch

Geb. 1942; Maler, Zeichner und Lyriker; zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, Italien, Frankreich und Portugal; diverse Lyrik-Publikationen; lebt in Lauf/D

Literatur-Anekdoten II

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Keine Improvisationen bitte

Ein neuer bunter Strauß von Literatur-Anekdoten

 

Christian Grabbe

Der Dramatiker Christian Dietrich Grabbe war auch ein gefürchteter Theaterkritiker. In Düsseldorf gastierte drei Abende hintereinander ein berühmter Tenor namens Hahn. Da schrieb Grabbe:
«Und als der Hahn zum dritten Mal krähte, ging Petrus hinaus und weinte bitterlich.»

Ludvig Holberg

Ludvig Holberg

Der dänische Dichter Holberg legte gar keinen Wert auf sein Äußeres. So konnte er sich auch nicht von einem uralten, schäbigen Hut trennen. Ein leicht angetrunkener Student hielt ihn einmal an und sagte:
«Was? Das Ding auf Ihrem Kopf nennen Sie Hut?»
Worauf Holberg erwiderte: «Was? Das Ding unter Ihrem Hut nennen Sie Kopf?»

Wilhelm Hauff

Wilhelm Hauff suchte einen Verleger für seinen historischen Roman «Lichtenstein», einst ein Bestseller. Der Stuttgarter Verleger Frankh war bereit, das Buch zu drucken, schickte Hauff tausend Gulden und schrieb, Hauff möge entschuldigen, wenn der Stil des Briefes nicht einwandfrei sei. Da erwiderte Hauff:
«Ein Brief mit tausend Gulden ist immer in einwandfreiem Stil geschrieben.»

Enrico Butti

Der italienische Schriftsteller Butti gab auch eine kleine literarische Zeitschrift heraus, die nach einigen Nummern starb. In der letzten Nummer schrieb er: «Diese Zeitschrift ist geboren worden, weil ich kein Geld hatte. Heute stirbt sie aus dem gleichen Grund.»

Jean Paul

Jean Paul

Jean Paul war ein großer Kaffeetrinker. Goethe, der ihn nicht sehr schätzte, sagte:
«Ein glücklicher Mensch, dieser Jean Paul! Er braucht nur eine Tasse Kaffee zu trinken, und schon kann er dichten!»

W.G. Bielinsky

Einer der berühmtesten Schriftsteller seiner Zeit in Rußland war Bielinsky, der sich gern mit metaphysischen Fragen befaßte. So redete er denn ununterbrochen, bis Turgenjeff meinte, es sei Zeit zum Abendessen.
«Was?!» rief Bielinsky. «Wir haben die Frage der Existenz Gottes noch nicht gelöst, und Sie wollen zum Abendessen gehn?!»

Heinrich Heine

In das Album seines reichen Onkels Salomon schrieb Heine:
«Lieber Onkel, leih mir hunderttausend Thaler und erinnere dich nie mehr Deines zärtlich ergebenen Neffen.»

Hermann Bahr

Hermann Bahr saß mit seinem Patriarchenbart neben einer jungen Dame, die sagte: «Wie freue ich mich, endlich den Dichter Sudermann kennen zu lernen!»
Bahr erwiderte, ohne mit der Wimper zu zucken: «Sie irren sich, mein Fräulein. Ich bin nicht Sudermann, ich bin Brahms.»
«Ach, verzeihen Sie!» rief die junge Dame beschämt. «Wie konnte ich mich nur so irren! Aber ich wußte, daß ich ein großartiges Buch von Ihnen gelesen habe.»
«Da meinen Sie gewiß Brahms Tierleben.»
«Richtig! Richtig! Ein herrliches Buch…!»
 
Otto Hartleben

Ein junger Schauspieler, der in Hartlebens «Rosenmontag» einen Offiziersburschen gespielt hatte, kam zum Autor und bat ihn um eine Empfehlung an einen Theaterdirektor. Hartleben schrieb:
«Ich empfehle Ihnen den Schauspieler X. Er hat viel Talent, spielt Wilhelm Tell, Hamlet, Cäsar, Offiziersburschen, Flöte und Billard. Am besten Billard.»

Gerhart Hauptmann

Gerhard Hauptmann

Gerhart Hauptmann steigt in den Wagen, um zur Premiere eines seiner Stücke zu fahren. Da klopft ihm ein Mann auf die Schulter. «Hauptmann…?»
«Ja…»
«Kennst du mich nicht mehr? Ich bin doch Mettge. Karl Mettge. Sind wir nicht in Breslau zusammen in die Realschule gegangen?»
Hauptmann erinnert sich dunkel.
«Na», fährt Mettge fort, «und was hast du denn die ganze Zeit über getrieben?»

Roda Roda

Als man von den Unterschieden zwischen Italien und Österreich sprach, sagte Roda Roda:
«Über Italien lacht der blaue Himmel; über Österreich lacht die ganze Welt.»

Mark Twain

Mark Twain liebte es nicht, im Zug angesprochen zu werden. Einmal fragte ihn ein Reisegefährte, was für ein Buch er lese. Mark Twain überhörte die Frage. Da fanden der Reisegefährte und dessen Frau, das sei einmal ein eifriger junger Mann, der so in seine Studien vertieft war. Und dann bot er Mark Twain eine Zigarre an.
«Danke, ich rauche nicht», erwiderte Mark Twain.
Abermals Begeisterung über den tugendhaften Jüngling.
«Aber ein Glas Whisky nehmen Sie doch?»
«Danke, ich trinke nicht.»
Die Begeisterung steigerte sich, und der Reisegefährte sagte: «Ich muß Sie meiner Frau vorstellen.»
«Danke», entgegnete Mark Twain unerschütterlich, «aber ich mache mir nichts aus Frauen.»

Bernard Shaw

Bernard Shaw

Bei einer Theaterprobe unterbrach Shaw einen Schauspieler:
«Halten Sie sich, bitte, an meinen Text und fügen Sie keine Improvisationen hinzu, die überdies höchst geschmacklos sind.»
Der Schauspieler erwiderte sehr erstaunt: «Aber ich habe doch kein Wort hinzugesetzt, das nicht von Ihnen wäre!»
Shaw blickte in den Text und mußte zugeben, daß der Schauspieler recht hatte.
«Mein Gott, wie tief man manchmal sinken kann!» rief er.

Lesen Sie auch die Literatur-Anekdoten I

Neue Musiker-Anekdoten (2)

«Wie soll man pfeifen, wenn man gähnt?»

Ein neuer Strauß von Musiker-Anekdoten

von Walter Eigenmann

Hans von Bülow

Bei einer Probe ermahnte Hans von Bülow den Chor: «Wollen Sie bitte nicht gestikulieren wie Kannibalen! Wir spielen die Hugenotten und nicht die Hottentotten!»

Niccolo Paganini

Teufelsgeiger Paganini

Ein Pianist rühmte sich, seine Konzerte seien so überfüllt, daß ein Teil des Publikums in den Gängen stehn müsse.
«Das ist noch gar nichts», erwiderte Paganini. «Bei meinen Konzerten muß ich selber stehn.»

Arcangelo Corelli

Arcangelo Corelli war nicht nur ein bedeutender Komponist, sondern auch ein großer Geiger. Eines Tages sollte er in einem Privathaus ein Konzert geben. Er hatte schon begonnen, doch einige Gäste plauderten ruhig weiter. Da unterbrach sich Corelli und sagte: «Verzeihung, aber ich fürchte, daß ich die Unterhaltung störe!»

Franz Liszt

Liszt und der große Tenor Rubini gaben in einer bedeutenden Provinzstadt Frankreichs ein Konzert. Doch es waren kaum fünfzig Personen im Saal. Dennoch sang Rubini herrlich, und Liszt spielte wie immer.
Am Ende des Konzerts wandte sich Liszt zum Publikum und sagte: «Meine Herren und meine Dame — denn ich sehe nur eine einzige – darf ich mir erlauben, Sie jetzt zum Abendessen einzuladen?»
Das Publikum war verblüfft, nahm die Einladung aber an. Das Abendessen kostete Liszt etwa zwölfhundert Francs, doch am nächsten Abend war der Saal überfüllt.

Zauberer Liszt

Als Liszt einmal in Bellagio war, machte er einen Ausflug nach Mailand und ging in das Verlagshaus Ricordi. Da gerade niemand da war, setzte er sich ans Klavier und spielte. Im Nu stürzte Ricordi aus seinem Zimmer und rief: «Das ist Liszt oder der Teufel selber!»

Gasparo Spontini

Der Komponist und Dirigent Spontini hatte sich einen seltsamen Dirigierstab machen lassen. Aus Ebenholz, sehr lang und an den beiden Enden große Kugeln. Er schwang ihn wie ein Szepter. Als Richard Wagner den Stock bestaunte, erklärte ihm Spontini:
«Den Stock brauche ich, um zu herrschen, nicht um zu dirigieren. Ich dirigiere nur mit den Augen. Mit dem linken die Streicher, mit dem rechten die Bläser…»

Gioachino Rossini

Feuerwerker Rossini

Im Jahre 1854 sandte Baron Rothschild an Rossini einen Korb der prächtigen Trauben seines Weinguts. Da erwiderte Rossini: «Vielen Dank, mein lieber Baron, Ihre Trauben sind vorzüglich. Aber ich genieße den Wein eigentlich nie in Pillenform.»
Rothschild verstand und schickte Rossini eine Kiste seiner berühmtesten Weine.

Ein Freund besuchte Rossini und sah, wie der Komponist gerade auf ein Bild die Widmung schrieb:
<Für Pillet-Will, der heute auf dem Gebiet der Musik meinesgleichen ist!>
«Was für eine Übertreibung, Maestro!» rief der Freund. «Pillet-Will Ihresgleichen!»
«Natürlich», erwiderte Rossini. «Ich komponiere ja nicht mehr.»

Charles Gounod

Gounod kam von einer sehr schlechten Aufführung seines Requiems nach Hause. Seine Freunde wollten ihn trösten:
«Machen Sie sich nichts draus; eines Tages wird man Ihr Requiem einwandfrei aufführen.»
«Ja», erwiderte er, «und das wird mein Todestag sein. Aber auch der Tag meiner Rache, denn ich werde zu meinen Kritikern sagen: <Seht ihr? Ihr seid tot, und ich lebe!>»

Hector Berlioz

Kriegsherr Berlioz

Berlioz war bei Adelina Patti zu Tische geladen. Es gab eine großartige Pastete, aber die Patti quälte Berlioz, sie wolle ein Autogramm haben: «Wenn Sie mir etwas in mein Album schreiben, so bekommen Sie einen Kuß oder noch eine Pastete!»
Daraufhin schrieb Berlioz in das Album: <Bitte um die Pastete !>

Pietro Mascagnis

Über den Mißerfolg von Mascagnis Oper <Silvano> schrieb ein Kritiker: «Bevor der Vorhang sich hob, applaudierte das Publikum, weil es Vertrauen hatte. Nachdem der Vorhang gefallen war, applaudierte es in der Hoffnung, der zweite Akt werde besser sein. Nach Ende des zweiten und letzten Aktes aber applaudierte es aus Mitleid.»

Bei der Aufführung von Mascagnis <Isabeau> in Parma wurde der Tenor nach einer Arie ausgepfiffen. Das Publikum war völlig entfesselt. Mascagni, der in der Kulisse stand, flüsterte dem Unglücklichen etwas zu, und daraufhin trat der Tenor noch einmal an die Rampe und rief: «Still! Sonst wiederhole ich die Arie!» Daraufhin beruhigte sich das Publikum im Nu.

Alexander Borodin

Vor einem Petersburger Gericht stritten sich einmal zwei junge Komponisten. Jeder behauptete, der andere habe ihm eine Melodie gestohlen. Borodin wurde als Sachverständiger berufen.
«Wer von den beiden ist also der Geschädigte?» fragte der Gerichtspräsident.
«Weder der eine noch der andere», entschied Borodin lächelnd, «sondern mein Freund Mussorgski.»

Jules Massenet

Opernstar Massenet

Die Oper eines jungen Komponisten war durchgefallen.
«Nun», trösteten ihn seine Freunde, «wenigstens hat man dich nicht ausgepfiffen.»
«Wie soll man pfeifen», bemerkte Massenet, «wenn man gähnt?»

David Popper

Der berühmte Cellist David Popper war auch ein sehr witziger Mann. Kam ein Kollege von einer Tournee heim und fragte Popper:
«Raten Sie, wieviel ich verdient habe!»
«Die Hälfte», erwiderte Popper.
«Wovon die Hälfte?» fragte der Kollege verdutzt.
«Von dem, was Sie mir erzählen werden», meinte Popper.

Claude Debussy

Impressionist Debussy

Debussy hatte gar nichts für Massenets Musik übrig. Er schrieb einem Freund: «In meinem Hotel ist eine Dame, die Tag für Tag eine Oper von Massenet singt. Das ist eine Diät, die ihr der Arzt verschrieben haben muß.»

Franz Schalk

Beim Dirigenten der Wiener Hofoper, Franz Schalk, stellte sich ein gut empfohlener junger Mann vor.
«Was wollen Sie eigentlich werden?» fragt ihn Schalk. «Geiger oder Pianist?»
«Kapellmeister», erwidert schüchtern der junge Mann.
«Bravo», sagt Schalk. «Ich habe mir gleich gedacht, daß Sie nicht arbeiten wollen!»

Moritz Moszkowski

Der Breslauer Komponist Moszkowski sagte: «Die Franzosen sind geschaffen, um Musik zu komponieren, die Italiener, um sie vollendet zu singen, die Deutschen, um sie vollendet zu spielen, die Engländer, um zuzuhören, und die Amerikaner, um zu bezahlen!»

«Ein Glück, daß es Klavierlehrer gibt», meinte Moszkowski einmal. «Sonst würden die Schüler allzu große Fortschritte machen.»

Erich Kleiber

Der Dirigent Erich Kleiber ruft bei der Probe zu <Carmen> dem stimmgewaltigen Bariton auf der Bühne zu: «Hören Sie, mein Lieber, Sie haben hier nicht den Stier zu singen, sondern den Stierkämpfer!»

Arturo Toscanini

Hut-Schnauzer Toscanini

Toscanini hatte als hoher Achtziger einen zehnjährigen Kontrakt unterschrieben. Als er an sein Pult tritt, sieht er wehmütig auf das Orchester hinunter und sagt: «Traurig zu denken, daß viele von Ihnen nicht mehr da sein werden, wenn der Kontrakt abläuft!»

Lesen Sie auch hier: Musiker-Anekdoten (1)