B. Zizek (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden

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Die Universalien der Kulturen

von Heiner Brückner

Individuelle und gesellschaftliche Differenzerfahrung zeigt sich insbesondere im Umgang mit dem Fremden schlechthin als wertende Andersartigkeit. Ein neuer Symposiums-Band „Formen der Aneignung des Fremden“ der beiden Herausgeber Boris Zizek und Hanna N. Piepenbring thematisiert die Aneignungsmöglichkeit der den Kulturen gemeinsamen Universalien.

Erwartungsvoll begann ich mir die Diskursergüsse der theoretischen Auseinandersetzungen sowie durch empirische Fallbeispiele vereinten Erarbeitung über die Aneignung des Fremden außerhalb der eigenen Person anzueignen, erwartungsvoll schließe ich den Band. Möglicherweise taugen die beabsichtigten weiterführenden Aspekte des Fremdverstehens für eine gewisse Öffnung innerhalb von Fakultätsgrenzen zu einer akademischen interkulturellen Öffnung dem Fremden gegenüber. Als Resümee ergeben sich die Struktureigenschaften der Position des Fremden: Er erlebt eine Krise und Distanz zur neuen Gruppe, hat mehr Freiheiten, allerdings auch mehr Risiken und erschließt sich die Umwelt konstruierend durch eigene Sinngebung.

Bekannte Kernaussagen in neuen Wörterhülsen

Boris Zizek - Hanna Piepenbring - Formen der Aneignung des Fremden - Universitätsverlag Winter Heidelberg - Rezensionen Glarean MagazinIm Detail betrachtet, werden in diesem Symposiums-Band des „Zentrums für Interkulturelle Studien zur Erforschung globaler Kulturphänomene“ bekannte Kernaussagen mit neu geschliffenen Wörterhülsen bestückt. Das Erkenntnispulver ist nicht ausreichend, um eine Lunte zu befeuern, die einen nachhaltigen Wirkungstreffer auf der Veränderungszielscheibe explodieren lassen könnte. Das Fremde wird fremd bleiben, solange es Menschen gibt, die es als solches belassen oder als Gefährdung empfinden, denn akzeptieren und respektieren der Würde jeden Subjektes verlangt eigene Standhaftigkeit und angemessenes Zurücknehmen seiner selbst.
Der 10. Band der Schriftenreihe Intercultural Studies nimmt flüchtig als lyrisches Exempel das Gedicht „Der Fischer“ von Johann Wolfgang Goethe unter die Lupe, das Wasser nicht als Chemikalie beschreibt, sondern als mit Lebensbezug Erfahrenes gestaltet. Darin scheint nicht das Fremde so fremd, sondern vielmehr ist die Person mit dem Fremden des ihr Vertrauten beschäftigt.

Der Ethnologie-Begriff in der Historie

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Wurzelnd auf dem Kolonialherren-Denken wird – historisch fokussiert – Ethnologie zum Schlagwort. Es entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der inneren Befremdung durch die kulturelle Stufenentwicklung zum Händler, der beweglicher ist, weil er nicht an Traditionen gebunden zu sein scheint. Im Mittelalter seien die intellektuellen Fähigkeiten zur Völkerverständigung geschaffen worden (Todorov). Doch subjektive Aneignung ist mehr, als ein Studienaufenthalt in einem fremden Land vermitteln kann.
Im 20. Jahrhundert begünstigt der Beginn expliziter theoretischer Auseinandersetzung mit dem Fremden das Verständnis vom Grenzgänger oder Immigranten bis hin zur Destruktion „sozialer Exterritorialität“, nämlich einer „Soziologie der Vernichtungslager“ in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung

Als Formen der Verkörperung, um das Fremde als an sich kulturelles und erlerntes Konstrukt in Alltagssituationen zu überwinden, werden Elemente der „Martial Arts“ angeführt und methodologisch eine Lücke im deutschen Forschungsdiskurs zur Kulturabhängigkeit in den Grenzen der Biographieforschung aufgedeckt. Der Beitrag über die „Marokko-Reise Eugène Delacroix’“ versteht darüber hinaus künstlerisches Handeln als eine gesteigerte Form der Aneignung.

Formen der Aneignung des Fremden - Interkulturen - Anpassung - Bevölkerung - Rezensionen Glarean Magazin
„Neues Fremdsein aufgrund von Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung“

Die sozialwissenschaftliche Perspektive unterscheidet zwischen drastischer Inhumanität innerhalb der Menschheitsgeschichte und empathischer Offenheit und erwähnt die moralische Seite der Begegnung mit dem Fremden vom Einfluss frühkindlicher Fremd-Erfahrungen.
Das 21. Jahrhundert wird mittels Feldforschung exemplifiziert, einmal anhand der subkulturellen indischen HipHop-Szene. Und auch am Beispiel koreanischer Remigranten von Krankenschwestern und Bergarbeitern, die in den 60er und 70er Jahren von der BRD angeworben worden waren, wird deutlich, dass nach einer Überanpassung ein neues Fremdsein geänderter Werte zu keiner versöhnenden Verschmelzung führt.

Partielle Assimilation unabdingbar

In einer subjekttheoretischen Analyse gelangt der Autor zu der Einsicht, dass eine partielle Assimilation unabdingbar ist, um in einem fremden Milieu zu bestehen. Die Merkmale Objektivität und (zweifelhafte) Loyalität als Grenzgänger oder Immigrant, können durch Assimilation dazu führen den eigenen Status zu verlieren oder innerhalb der Ursprungsgruppen ewige Randexistenz zu bleiben.
Für die akute aktuelle gesellschaftliche Lage in der Migrations-Debatte reißen die vorliegenden internationalen Beiträge aus sozial- und erziehungswissenschaftlicher, psychologischer, linguistischer und historischer Perspektive wichtige Aspekte an. Sie verdeutlichen darüber hinaus die Komplexität, die der gesellschaftliche Aneignungsprozess erfordert. Mehr aber nicht. ♦

Boris Zizek, Hanna N. Piepenbring (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden, 180 Seiten, Universitätsverlag Winter Heidelberg, ISBN 978-3-8253-4687-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Interkulturelle Anpassung auch über Adibeli Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie zum Thema Kultur-Aneignung den Essay von Rolf Stolz: Die Kultur-Utopie Europa

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness (Handbuch)

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Hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen

von Sigrid Grün

Als Beraterin für Opfer rassistischer Gewalt hat der Band „Antisexistische Awareness – Ein Handbuch“ von Ann Wiesental sofort mein Interesse geweckt. In einer Zeit, in der ein Konzept wie „Political Correctness“ von vielen BürgerInnen als eine Art um sich greifende Seuche betrachtet wird, ist Awareness im Sinne von Bewusstsein sehr wichtig.

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness (Handbuch) - Cover - Glarean MagazinUnsere Sprache enthält viele diskriminierende Elemente, dessen sollten wir uns auf alle Fälle zumindest bewusst sein. In Ann Wiesentals Handbuch wird das sehr treffend zum Ausdruck gebracht: „Herrschaftsverhältnisse sind in unserer Gesellschaft vielfach verschränkt. Menschen werden in unterschiedlicher Weise privilegiert oder ausgegrenzt und abgewertet. Unterdrückung und Ausbeutung findet auf verschiedenen Ebenen und im Bezug auf verschiedenste Aspekte statt: Wer hat Zugang zu Ressourcen, zu Geld, Wohnraum, Mobilität, guter Ausbildung, Jobs, Karrieremöglichkeiten, wer kann eine Familie ernähren und Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen?“ (S.32 ff.) Diese Privilegierung bzw. Diskriminierung sollte möglichst vielen Menschen bewusst gemacht werden.

Arbeit von Awareness-Gruppen im Mittelpunkt

In diesem Handbuch geht es aber nicht so sehr darum, bei einem breiten Publikum ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was Sexismus überhaupt ist und wo er zu finden ist, sondern vor allem darum, wie Unterstützungsarbeit aussehen könnte. Die Arbeit von Awareness-Gruppen, die auf Partys, Festivals und politischen Kongressen von sexistischer Gewalt und Diskriminierung Betroffene unterstützen, steht dabei im Mittelpunkt. Mir persönlich ist das alles etwas zu szenebezogen. Sollte es nicht um mehr Bewusstsein im Alltag – also auch in Schule, Uni, Arbeit und persönlichem Umfeld usw. – gehen?
Der Band richtet sich also eher an ein Fachpublikum, namentlich „Unterstützer*innen, Awareness-Gruppen und Interessierte“. Wenngleich der Klappentext auch „Betroffene von sexualisierter Gewalt“ als Zielgruppe angibt, sollte klargestellt werden, dass es sich an Betroffene richtet, die selbst tiefer in die Materie einsteigen und sich ausführlich damit beschäftigen wollen. Es ist kein Ratgeber im klassischen Sinne, sondern eben ein Handbuch, das vor allem UnterstützerInnen Anregungen und Tipps an die Hand gibt.

Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen

Sehr gelungen finde ich dabei die umfangreiche Einleitung sowie den historischen Hintergrund. Hier wird erklärt, worum es geht und wie sich die Frauenbewegung entwickelt hat. Im Praxisteil sind zahlreiche Tipps zu finden, wie Betroffenen geholfen werden kann. Als Opferberaterin frage ich mich natürlich, inwiefern UnterstützerInnen geschult werden. Die Lektüre dieses Handbuches ist sicher nicht hinreichend, wobei hier viele Tipps zu finden sind, wie eine Schulung erfolgen kann (z.B. mit Rollenspielen etc.). Allerdings sollten UnterstützerInnen stets professionell angeleitet werden, da sonst schnell eine Überforderung eintreten kann, was auch für die Betroffenen ganz und gar nicht hilfreich ist.

Überblick auf potenzielle Probleme

Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch "Antisexistische Awareness" eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte man sich allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht. Jedenfalls bietet der Band viele Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen und einen guten Überblick auf potenzielle Probleme.
Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch „Antisexistische Awareness“ eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte man sich allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht. Jedenfalls bietet der Band viele Tipps zur Schulung von UnterstützerInnen und einen guten Überblick auf potenzielle Probleme.

Neben der konkreten Arbeit mit Betroffenen wird auch die „transformative Arbeit mit gewaltausübenden“ Personen thematisiert, weiterhin Intersektionalität, Definitionsmacht und Parteilichkeit und konsensuale Sexualität, bei der es um das gegenseitige Einverständnis geht. Natürlich wird auch das Thema „Trauma“ nicht ausgespart. Sehr gelungen und wichtig für UnterstützerInnen finde ich schließlich den Abschnitt „Knackpunkte und Stolpersteine“, denn hier wird ein Überblick über potenziell auftretende Probleme gegeben und somit der Überforderung vorgebeugt.
Alles in allem ist Ann Wiesentals Handbuch eine hilfreiche Lektüre für UnterstützerInnen, kann aber natürlich eine Ausbildung nicht ersetzen. Das Buch liefert auch zahlreiche Denkanstöße – hier hätte ich mir allerdings einen etwas breiteren Publikumsbezug gewünscht.

Ann Wiesental: Antisexistische Awareness – Ein Handbuch, 160 Seiten, Unrast Verlag, ISBN 978-3-89771-310-9

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A. Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

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Tracy Chevalier: Der Neue

Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

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Von der weiblichen Lust am Liebesleid

von Sigrid Grün

Schon bevor der deutsche Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing den Begriff des Masochismus, der sich auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch bezieht, in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, beschrieben zahlreiche Autoren Frauen, die eine gewisse Lust an der Unterwerfung und am Leiden in der Liebe empfanden. Sowohl Goethe, als auch die Geschwister Bronte oder Nathaniel Hawthorne beschrieben solche Figuren.
Besonders populär wurde die Darstellung der in Leid umgeschlagenen Leidenschaft im 20. und 21. Jahrhundert. Dies hat nicht zuletzt mit der „pornographication of the mainstream“ zu tun, die Brian McNair und Susan Sontag Mitte der 1990er Jahre postulierten. In einer Zeit, in der Sexualität nicht „glücklich, sondern allenfalls süchtig“ macht (Georg Seeßlen) und die mediale Darstellung nackter Körper nicht mehr ungewöhnlich, sondern ganz alltäglich ist, erscheint der Sadomasochismus als interessantes „Lusterlebnis“.

Kulturelle Besetzung der weiblichen Unterwerfung

Regine U. Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn - Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. JahrhundertsDie Autorin Regine U. Schricker nähert sich in ihrer Dissertation „Ohnmachtsrausch und Liebeswahn“ dem Thema „Weiblichkeit und Masochismus“ an, wobei sie der Frage nachspürt, wie „weibliche Unterwerfung kulturell besetzt ist“, und wie die mediale Inszenierung vonstatten geht. Dabei analysiert sie fiktionale literarische und filmische Texte des 20. und 21. Jahrhunderts (aus den Jahren 1954-2004). Vor allem nordamerikanische, französische und deutschsprachige Texte werden herangezogen. Den Textanalysen stellt die Autorin einen einleitenden Teil voran, in dem sie zunächst ein Theoriegebäude entwirft, in dem psychoanalytische, literarische, feministische und rezeptionstheoretisch ausgerichtete Diskurse berücksichtigt werden. Ausgehend von Ricahrd von Krafft-Ebings, Sigmund Freuds und Theodor Reiks psychonalytischen Arbeiten zeigt die Autorin auf, wie Masochismus und Weiblichkeit in Relation zueinander gestellt werden können.

„Venus im Pelz“: Sado-masochistische Illustration von Franz von Bayros

Sehr interessant ist auch die Analyse von „Venus im Pelz“, Leopold von Sacher-Masochs Novelle, in der ein männlicher Masochist im Zentrum der Darstellung steht. Schließlich geht Regine Schricker der Frage nach, ob der Masochismus eine spezifisch weibliche Angelegenheit sei, wie es etwa die Konzepte der Psychoanalytikerinnen Helene Deutsch, Marie Bonaparte und Jeanne Lampl-de Groot nahe legen. Welche Positionen sind im feministischen Diskurs vorherrschend? Und welche Rolle spielt der weibliche Masochismus in der feministischen Film- und Literaturtheorie?

Der weibliche Masochismus im Feminismus

Im Hauptteil der Arbeit widmet sich die Autorin dann ausführlich elf literarischen und filmischen Texten, die sie nach unterschiedlichen Kriterien zusammenfasst. Luis Bunuels Film „Belle de jour“ aus dem Jahre 1967 und Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm „Martha“ aus dem Jahr 1974 etwa setzen sich intensiv mit dem Bürgertum und seinen Abgründen auseinander. Der voyeuristische weibliche Blick wird anhand von David Lynchs Film „Blue Velvet“ (1986) und Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ (1983) thematisiert.

Erotik und Literatur - Weiblicher Masochismus - Geschichte der O - Histoire d'O - Glarean Magazin
„Geschichte der O“: Inszenierung der Zerstörung weiblicher Körper

In den Analysen von Elizabeth McNeills Erzählung „Nine and a Half Weeks“ von 1978 (später sehr erfolgreich von Adrian Lynes mit Kim Basinger in der Hauptrolle verfilmt) und von Ingeborg Bachmanns 1971 erschienenem Roman „Malina“ wird schließlich der Zusammenhang von Sprachlosigkeit und Begehren in den Mittelpunkt gestellt. Wie weibliche (zerstörte) Körper inszeniert werden, kann man gut anhand von Pauline Reages Roman „Geschichte der O“ (1954) und Marina de Vans Film „In My Skin“ (2002) nachvollziehen. Religiöse Opfer stehen in Lars von Triers „Breaking the Waves“ (1996) und in M. Night Shyamalans „The Village“ (2004) im Mittelpunkt. Zuletzt geht es um den Coming-out-Film einer Masochistin, Steven Shainbergs „Secretary“ von 2002.

Gut gegliederte Untersuchung

Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn
Die neue Studie „Ohnmachtsrausch und Liebenswahn“ von Regine Schricker bietet fundierte Analysen zahlreicher literarischer und filmischer Texte, die man nach der Lektüre dieses Buches neu lesen kann. Mit ihrer Arbeit sensibilisiert sie für ein Thema, das in den Medien eine immer wichtigere Rolle spielt. Sprachlich klar und inhaltlich gehaltvoll bietet die Autorin dem Leser eine sehr gute Möglichkeit, sich ausführlich mit einem spannenden Thema auseinander zu setzen.

Regine U. Schricker geht dem Phänomen des weiblichen Masochismus in der Literatur und im Film sehr eingehend nach und zeigt fundiert die verschiedenen Ansätze auf, die hinter der Deutung des Zusammenhanges von Weiblichkeit und Masochismus stecken. Welche Rolle spielt eine labile Persönlichkeitsstruktur? Was bedeutet die Darstellung des weiblichen Masochismus für die weibliche Identität? Regine Schrickers Buch ist sehr gut gegliedert, und ihren wissenschaftlichen Ausführungen lässt sich hervorragend folgen. ■

Regine U. Schricker, Ohnmachtsrausch und Liebeswahn – Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. Jahrhunderts, 236 Seiten, Königshausen&Neumann Verlag, ISBN 9783826045165

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Frauen in der Literatur“ auch über:
Liebesbriefe berühmter Frauen (Anthologie)
… sowie zum Thema Psychische Abhängigkeit über den Sekten-Report von
Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology

Adibeli Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch (Sprache)

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Kritik des alltagssprachlichen Rassismus‘

von Jan Neidhardt

Sprache ist nie neutral und kann nicht wirklich objektiv gebraucht werden. Man kann das, was man wie sagt, aktiv auswählen. Aussagen über Wirklichkeits- und Wertvorstellungen schwingen dabei immer mit. Diskriminierung geschieht nicht nur über Schimpfwörter oder offene Ausgrenzung, Diskriminierung entsteht im sprachlichen und im sozialen Kontext.
Das überaus spannend zu lesende „Nachschlagewerk“ der beiden Herausgeber A. Nduka-Agwu & A. Hornscheidt: „Rassismus auf gut Deutsch“ nimmt den oft unterbewussten oder versteckten Rassismus in unserer alltäglichen Sprache unter die Lupe und hilft dabei ein entsprechendes Bewusstsein, nicht nur für offizielle Stellen oder für Menschen, die sich mit Text und gesprochenem Wort an eine größere Öffentlichkeit wenden, zu schaffen.

Rassismus auf gut Deutsch - Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen SprachhandlungenDas Werk, das viele verschiedene Autoren aus einem wissenschaftlichen Zusammenhang versammelt, ermöglicht ein Überdenken der Benutzung von Sprache bis in den privaten Bereich hinein. Und: „Dieser Text kann v.a. durch Rassismus Privilegierte irritieren, verunsichern oder sogar ärgerlich machen, denn viele Personen werden beim Lesen feststellen, dass sie kontinuierlich in den eigenen sprachlichen Handlungen rassistisch sind.“ (S.12) So die einleitenden Worte der Herausgeberinnen.

Gedankenloser Sprachgebrauch im Alltag

Der Aufbau des Buches stellt sich folgendermaßen dar: Nach der Einleitung, die vorweg schon über die Bedeutung von Begriffen wie „Rassismus“ oder „Weißsein“ aufklärt, stellt der zweite Teil „zentrale empowernde und strategisch signifizierende Begriffe und Konzepte“ (S.45) vor. Es geht um die Erläuterung von Begriffen wie Afrodeutsch, Diaspora, People of Color. Danach folgen Analyse und Reflexion rassistischer Begriffe – Leitfrage ist hier, wie rassistische Vorstellungen durch Sprache weitergegeben werden und welche Strategien für eine Vermeidung dieser Weitergabe herangezogen werden können. Beispielsweise geht es um Begriffe wie „Ausländer_in“, das Spiel „Ching-chang-chong“ (nämlich als Beispiel für eine abwertende Veralberung fremder Sprachen), „Entwicklungshilfe“, „Farbig“, „exotisch“. Hier wird eine Kulturgeschichte abwertender Begriffe gezeigt.
Man denkt im Sprachgebrauch über viele Dinge nicht nach, so z.B. beim zunächst wenig rassistisch scheinenden Begriffsfeld der „Tropenkrankheiten“, es scheint sich hierbei doch um eine rein geografische Herkunftsbezeichnung zu handeln, aber die Autorinnen machen gut begründet darauf aufmerksam, dass die „Tropen“ der einzige geografische Bereich sind, der sprachlich spezifische Krankheiten aufweist (es gibt keine gemäßigten Zonen-Krankheiten o.ä.). Der Text zeigt, dass dieser Begriff sich kulturgeschichtlich eher auf die in den Tropen lebenden Menschen bezieht und ihre dort angenommene ungesunde Lebensweise, die hochgradig mit europäischer Angst besetzte Krankheiten hervorrufen muss.

Anfällig für rassistische Kontexte: „Integration“, „Ethnizität“, „Amerika“

In „Rassismus auf gut Deutsch“ geht es nicht um die Frage, was überhaupt sprachlich noch erlaubt sein soll, sondern hier steht eine wissenschaftlich-reflexive Sprachkritik im Vordergrund – und die Ermunterung, den „alltäglichen Rassismus“ in Wort und Schrift aufmerksam zu beobachten. Ein gelungenes Buch-Projekt, dem eine große Leserschaft zu wünschen ist.

Der vierte Teil klärt über die etwas komplizierteren Begriffe auf, die leicht in einen rassistischen Kontext hineingezogen werden können, wie z.B. „Integration“, „Ethnizität“, aber auch Begriffe wie „Amerika“. Dieser Begriff muss auch aus den Umständen seiner Entstehung heraus reflektiert werden, da er ja u.a. angenommene Besitzverhältnisse widerspiegelt.
Im fünften Teil finden sich schließlich verschiedene Aufsätze, die den gegenwärtigen Rassismusdiskurs beleuchten – Konzepte und Modelle zur Analyse von Rassismus werden vorgestellt.

Keine einseitigen Verurteilungen

„Rassismus auf gut Deutsch“ will nicht einseitig verurteilen, sondern zum Nachdenken provozieren und das auch, indem es sich selbst sprachlichen Regelungen unterwirft, die beim Lesen zunächst seltsam anmuten, z.B. wenn Rezipienten konsequent als Les_erinnen angesprochen werden. Es geht dabei nicht um die Frage, was jetzt überhaupt sprachlich noch erlaubt sein soll, sondern hier steht eine wissenschaftlich-reflexive Sprachkritik im Vordergrund, eben die Ermunterung, das Alltägliche aufmerksam zu betrachten, andere Standpunkte zu probieren, wobei man nach Lektüre des Buches doch sagen kann, dass die (ernsthafte) Beschäftigung mit solchen Fragen letztlich doch in eine Form eigener (politischer) Aktivität münden muss. Ein gelungenes Projekt einer Sprachkritik, ein Buch dem viele Les_erinnen zu wünschen sind. ■

Adibeli Nduka-Agwu / Antje Lann Hornscheidt (Hg.), Rassismus auf gut Deutsch – Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen, 559 Seiten, Brandes & Apsel Verlag, ISBN 9-78360-996430

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Rassismus und Ausgrenzung auch über den
Roman von Tracy Chevalier: Der Neue

H.-J. Neumann / H. Eberle: War Hitler krank? (Befund)

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Das Urteil: Vollumfänglich schuldfähiger Verbrecher

von Walter Eigenmann

Lange Jahre stand, angesichts von Millionen Kriegs- und Mord-Toten während des deutschen „Dritten Reiches“, für viele fest: Nur ein Wahnsinniger, nur ein hoffnungslos kranker Psychopath konnte solche Zerstörung, solch kollektives Leid, solch abgrundtiefe Unmenschlichkeit über die ganze Welt ausbreiten, und schon lange vor Kriegsende, also vor dem totalen Zusammenbruch der Deutschen und ihrer Hitlerei, fragten sich die ob solch unfassbarer Barbarei Entsetzten öffentlich oder insgeheim: War Adolf Hitler krank? Wurde die weltweit wütende Wehrmacht von einem Drogenabhängigen geführt? Hat ein krankes Hirn die Abschlachtung von Millionen Menschen befohlen? War Auschwitz womöglich „nur“ die Ausgeburt eines perversen Morbiden, der für seinen wahnhaften Zustand „eigentlich gar nichts konnte?“

Hans-Joachim Neumann - Henrik Eberle: War Hitler krank? Ein abschließender Bericht - Lübbe VerlagDieser Frage gehen nun, nach einigen bisherigen anderen, thematisch ähnlich gelagerten Publikationen, die beiden deutschen Autoren Prof. Dr. Hans-Joachim Neumann (Medizinhistoriker & Pathograph) und Prof. Dr. Henrik Eberle (Historiker) in einem „abschließenden Befund“ unter dem Titel „War Hitler krank?“ nach.
Auf über 300 Seiten breiten dabei die zwei Wissenschaftler Zeit- und aktuell recherchierte Dokumente aus: Medizinische Gutachten, pharmakologische Analysen, Zeitzeugen-Gespräche, Tagebücher, Befehls-Unterlagen, Arzt-Berichte, u.v.a. Und Seite um Seite demontieren die Autoren den ebenso langlebigen wie allen betroffenen Schuldigen zupassekommenden Mythos von Hitler als einem hinfälligen Psychopathen im Bunker der Reichskanzlei, der von seinem Leibarzt Morell „kaputtgespritzt“ worden sei.

Keine schuldmindernden Erkrankungen

Unmittelbar nach Kriegsende exhumierten sowjetische Offiziere Hitlers verbrannte Überreste und stellten die Echtheit anhand seiner Zähne fest.
Unmittelbar nach Kriegsende exhumierten sowjetische Offiziere Hitlers verbrannte Überreste und stellten die Echtheit anhand seiner Zähne fest.

Denn zwar bestreiten Neumann und Eberle natürlich nicht, dass dieser vom Rassismus zerfressene „Führer“ unter verschiedenen Erkrankungen litt (u.a. Augen- und Hals-/Nasen-Probleme, psychosomatische Verdauungs-Beschwerden, Bluthochdruck, Koronarsklerose, später Parkinson,  evtl. Medikamenten-Missbrauch), aber die wegweisenden Entscheidungen traf Hitler schon früh, als gesunder Mensch, und krankheitsbedingt war, wie die Buchautoren nachweisen, kein einziger seiner zahllosen destruktiven Befehle. Auch für eine schuldmindernde Beeinträchtigung infolge psychopathologischer Erkrankungen fehlt jeder wissenschaftlich haltbare Beweis, wie Neumann und Eberle dokumentieren.

Die beiden Pathographen wörtlich: „Die Konstellation seiner Familiengeschichte teilten Millionen Deutsche. Ein dominierender, möglicherweise gewaltätiger Vater und eine überfürsorgliche, vielleicht zu sehr liebende Mutter waren der Normalfall in einem Haushalt der vorletzten Jahrhunderte. Alle anderen exogenen, also von außen verursachten seelischen Beeinträchtigungen gehören in das Reich der Mythologie und der vorsätzlichen Lüge. […]

Fast das gesamte deutsche Volk jubelte seinem Führer begeistert zu (Video-Dokument:
Fast das gesamte deutsche Volk jubelte seinem Führer begeistert zu (Video-Dokument: „Adolf Hitler spricht im Berliner Sportpalast“)

Hitler hasste zwar, war aber immer in der Lage, seinen Wunsch nach Vernichtung der Juden mit den Vorstellungen der Gesellschaft zu synchronisieren. Gerade die zahlreichen taktischen Wendungen – etwa der Hitler-Stalin-Pakt mit der jüdisch-bolschewistischen Sowjetunion – zeigen die zynische Flexibilität seines Handelns.

Ursachen von Hitlers Verbrechen in der deutschen Gesellschaft

Hitler im März 1945 an der Ostfront in einer Lagebesprechung. Er war gezeichnet von seiner Parkinson-Krankheit und konnte nicht mehr länger als eine halbe Stunde stehen; die zitternde linke Hand ist unter dem Kartentisch verborgen. Neumann&Eberle:
Adolf Hitler im März 1945 an der Ostfront in einer Lagebesprechung. Er war gezeichnet von seiner Parkinson-Krankheit und konnte nicht mehr länger als eine halbe Stunde stehen; die zitternde linke Hand ist unter dem Kartentisch verborgen. Neumann&Eberle: „Seine geistigen Fähigkeiten wurden durch die Krankheit nicht beeinträchtigt.“

So zynisch es klingt: Alle Verbrechen, die er anordnete und ermöglichte, der Völkermord an den Juden, die Ermordung von Sinti und Roma, Massentötungen von Geisteskranken, sind durch sein Agieren in den gesellschaftlichen Handlungs-Spielräumen erklärbar. […] Die wirklichen Ursachen für diese Verbrechen sind in der deutschen Gesellschaft zu suchen, in ihrer Geistesgeschichte und den sozialen Zusammenhängen.“

Neumann und Eberle kommen nach ihrem 320-seitigen Report denn auch zu einem eindeutigen Urteil, ihr Befund ist ernüchternd: „Der Krieg wurde nicht geführt, und die Juden wurden nicht vernichtet, weil Hitler krank war, sondern weil die meisten Deutschen seine Überzeugungen teilten, ihn zu ihrem Führer machten und ihm folgten.“ ■

Hans-Joachim Neumann & Henrik Eberle, War Hitler krank? – Ein abschließender Befund, Lübbe Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-7857-2386-9

Leseprobe

Leseprobe 1: War Hitler krank? (Lübbe Verlag)
Leseprobe: War Hitler krank? (Lübbe Verlag)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Rassismus auch von Peter Fahr: Rassismus in der Schweiz

… sowie zum Thema Kultur in Nazi-Deutschland über die Biographie von Thomas O. Kaiser: Klaus Mann – Ein Schriftsteller in den Fluten der Zeit

William Duggan: Geistesblitze (Psychologie)

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„Strategische Intuition“ als kreative Denkmethode

von Walter Eigenmann

William Duggan, Professor an der Columbia Business School, ist überzeugt, dass die Geniestreiche großer Persönlichkeiten der Weltgeschichte nicht als zufällige Eingebungen aus heiterem Himmel herniederstürzen, sondern dass allen herausragenden menschlichen Leistungen ein gemeinsamer Wirkmechanismus zugrundeliegt. Diesen Wirkmechanismus nennt Duggan „Strategische Intuition“, und in seinem neuesten, jetzt ins Deutsche übersetzten Buch „Geistesblitze“ spürt er anhand der Biographien bedeutender Köpfe von Kopernikus und Napoleon über Picasso bis hin zu J.F. Kennedy und Bill Gates einigen historisch einschneidenden Momenten als Resultate eben dieser „Strategischen Intuition“ nach.

Die durchschlagende Fähigkeit des „Geistesblitzes“ im „Aha-Erlebnis“

William Duggan: Geistesblitze - Wie wir Intuition zur Strategie machen können Lübbe VerlagDer Denkansatz Duggans ist ein umfassender, auf Teilgebieten gar „revolutionärer“, wie der Business-Professor schon eingangs seiner 270-seitigen Abhandlung unmissverständlich deklariert: „Die gängigen Affassungen in den einzelnen Bereichen – Strategieplanung, Wissenschaftsmethodik, Kreativität, Ideenfindung, rationale Entscheidungsfindung, Teamarbeit, Unternehmensführung und Innovation – entstanden allesamt zu einer Zeit, bevor die Neurowissenschaft imstande war zu zeigen, was beim Denken im Gehirn passiert. Kein Wunder also, dass all diese Theorien nur zwei Arten von geistiger Aktivität kennen: den rationalen Gedanken und die kreative Vorstellungskraft.“ Doch gemäß Duggan sind diese beiden Pole aufzuheben in einer dritten, dann durchschlagenden Fähigkeit: im „Geistesblitz“, im „Aha-Erlebnis“ – Schlüsselelemente als Resultate eben „Strategischer Intuition“.

Logisch-analytische und kreativ-intuitive Denkweisen verbunden

Barry Gordon
Barry Gordon

Duggan referiert damit auf entspr. neurologische Forschungen z.B. von Barry Gordon (2003), der den Begriff „Intelligentes Gedächtnis“ in die wissenschaftliche Diskussion einführte: „Das intelligente Gedächtnis gleicht einer Malvorlage, bei der man einzelne Punkte miteinander verbindet, damit ein Bild entsteht. Die Punkte stehen für die Einzelteile oder Ideen, die Linien dazwischen sind die Verbindungen oder Assoziationen. Die Linien können ineinanderfließen, sich zu größeren Fragmenten verbinden und zu einem klaren Gedanken verschmelzen. Dieser klare Gedanke kann ein visuelles Bild sein, ein kleiner Erkenntnisgewinn, eine Idee oder sogar eine Lösung für ein Problem.“ Darauf basierend führt Autor Duggan sein Denkmotiv der „Strategischen Intuition“ weiter aus: „Das intelligente Gedächtnis vermag beide Denkweisen – das logisch-analytische und das kreativ-intuitive – in einem einzigen Denk-Modus zu vereinen.“ Während frühere Hirnforschungen seit der Entdeckung der beiden Hirnhälften das intuitive Denken gleichwertig neben das logisch-analytische stellten, geht die Theorie vom „intelligenten Gedächtnis“ noch einen Schritt weiter; gemäß Duggan macht sie die Intuition zum kreativen Bestandteil aller Gedanken, einschließlich der logisch-analytischen: „Strategische Intuition entwickelt mithilfe des intelligenten Gedächtnisses aus dem Vorwissen, das im Gedächtnis verankert ist, gangbare Handlungsschritte für die Zukunft“.

Kreativität ist planbar

William Duggan - Glarean Magazin
William Duggan

In der Folge entwickelt nun der Autor anhand völlig heterogener Lebensläufe berühmter Persönlichkeiten bzw. deren bahnbrechenden Entdeckungen oder Erkenntnisse seine These, dass Eingebung nichts mit Genialität zu tun hat, dass vielmehr Kreativität quasi „planbar“ und die „Strategische Intuition“ auch keineswegs eine hochkomplexe Sache ist, sondern grundsätzlich nach einem überraschend einfachen Muster abläuft, mithin auch dem einfachen „Mann auf der Straße“ erreichbar ist. Denn der „Genieblitz“ wirkt zwar wie ein scheinbar völlig unvermittelter Ideen-Sprung des Hirns, ist aber tatsächlich das Resultat der kreativen Verquickung von Erfahrung und bewusst unorthodoxem Denken. Duggan zitiert hierzu den berühmten Apple-Gründer Jobs, einen der kreativsten Köpfe weltweit in der Computerbranche: „Kreativität bedeutet, Dinge einfach miteinander zu verbinden. Fragt man einen kreativen Menschen, wie er dies oder das gemacht hat, erntet man nur einen etwas verlegenen Blick, denn eigentlich hat nicht er es gemacht, es hat sich irgendwie von selbst gemacht, und er hat es nur entdeckt. Und das erschien ihm nach einer Weile ganz selbstverständlich. Das liegt daran, dass kreative Menschen über die Fähigkeit verfügen, Erfahrungen aus der Vergangenheit miteinander in Verbindung zu bringen und daraus neue Dinge zu bilden.“

Vorgefasste Meinungen vermeiden

Eine in der Realität wichtige Bedingung, dass „Geistesblitze“ aufgrund von Erfahrung und mithilfe von „Strategischer Intuition“ überhaupt „zünden“ können, ist nach Duggan die „Geistesgegenwart“: „Der Geist muss von vorgefassten Meinungen über das Problem, die Lösung und die Zielsetzung frei sein. Und das passiert deshalb unter der Dusche, weil man geistig entspannt ist. Diesen Zustand bewusst herbeizuführen ist sehr schwierig“. Doch auch dies führt noch nicht zum endgültigen Durchbruch, wenn nicht ein letztes Element hinzutritt, nämlich die Entscheidung, der Entschluss, „der Wille zur Handlung“. Duggan: „Man sagt sich nicht: Ach, jetzt verstehe ich, jetzt weiß ich, was ich tun muss. Sondern man sagt: Ich weiß, was zu tun ist, und ich will es auch tun.“

William Duggan, Geistesblitze – Wie wir Intuition zur Strategie machen können, Gustav Lübbe Verlag (Übersetzung: Regina Schneider), 270 Seiten, ISBN 978-3785723821

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neurowissenschaften auch über
H.J. Neumann & H. Eberle: War Hitler krank?

Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient

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Harmonisierung von Körper und Geist

von Walter Eigenmann

Alternative therapeutische Verfahren wie beispielsweise die (bei uns kaum bekannte) sog. „Altorientalische Musiktherapie“ (AOM) subsumiert der westliche Rationalist oft, wenn er wohlwollend ist, unter „Ethno“, vielleicht auch naserümpfend unter „Esoterik“ – oder überhaupt gleich unter „Scharlatenerie“. Wissenschaftlich gestützte Musiktherapie ja – aber Schamanen-Gesänge, Uighurische Tänze, Wassermurmeln und Trommelrhythmen?

Die Erfolge der alternativen Heilmethoden

Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient - Vom traditionellen Wissen der Schamanen und Sullis zur Anwendung altorientalischer MusiktherapieWenn da bloß nicht die unleugbaren Erfolge der alternativen Heilmethoden wären – und das Votum zahlreicher, sehr wohl ernst zu nehmender Wissenschaftler wie beispielsweise des Direktors des Instituts für Medizinische Psychologie am Klinikum der Universität Heidelberg Rolf Verres. Er schreibt (Zitat):

„In der wissenschaftlich fundierten Heilkunde Mitteleuropas wollen sich die Menschen darauf verlassen können, dass das, was man Therapie nennt, nachweislich wirkt. Man will wissen, bei welchen gesundheitlichen Störungen welche Interventionen die Heilung fördern. Dazu werden eine differenzierte Diagnostik und Versuchspläne gefordert, die es ermöglichen, die spezifischen Wirkungen therapeutischer Interventionen im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen herauszufinden. […] Meiner Meinung nach ist es bei den Bemühungen um medizinische Exaktheit sinnvoll, zwischen eher körperlichen und eher seelischen Wirkungen von Musik zu unterscheiden, auch wenn man das letztlich nicht voneinander trennen kan. Ich werde skeptisch, wenn mir Musik auf Tonträgern angeboten wird, die spezifisch auf Gelenke, Entzündungen, Eingeweide, Geschlechtsteile oder Kopf und Augen wirken soll. […] Etwas anderes ist das Anliegen der Heilung im seelischen Bereich zu bewerten. Zuversicht, Lebensfreude, Entspannung, das Erleben von Demut oder innerem Frieden gehören in jedem Falle zur Heilung und zur Lebensqualität – und zwar unabhängig davon, was im Körper krank ist und vielleicht auch krank bleibt.“

Vergangenes Wissen in die Gegenwart geholt

Diese Sätze Verres‘ leiten eine neue AOM-Publikation mit dem Titel „Heilende Musik aus dem Orient“ ein. Autor ist der Istanbuler Psychologe, Musiktherapeut und Sufi-Meister Dr. Oruç Güvenç, der gemeinsam mit seiner Frau, der deutschen Ergotherapeutin Andrea Güvenç – sie amtiert im Buch als Autorin wie als Türkisch-Übersetzerin – einen üppig ausgestatteten Text- und Bildband (mit Compact-Disc) in Sachen Altorientalische Musiktherapie (AOM) präsentiert.

Oruç Güvenç mit dem schamanischen Kilkopuz, Andrea-Azize Güvenç mit der altorientalischen Kopuz
Oruç Güvenç mit dem schamanischen Kilkopuz, Andrea-Azize Güvenç mit der altorientalischen Kopuz

Die klang-, tanz- und farbbeseelte Wellness-Reise des Ehepaares Güvenç beginnt tief in der Vergangenheit, bei 14’000 Jahre alten Felszeichnungen im Aserbaidschanischen Gobustan, wo tanzende Figuren auf die uralte Tradition heilender Bewegungsrituale hinweisen. Ein anderer wichtiger „urzeitlicher“, noch heute sprudelnder Quell uralter Heilsysteme sind – nach Autor Güvenç – die Schamanen Zentralasiens, die Baksi: „Bei ihren Ritualen imitieren die Baksi mit der eigenen Stimme oder Instrumenten Tierstimmen und andere Klänge aus der Natur. Zudem ahmen sie die Gebärden, Haltungen und Bewegungen der Tiere nach. Dabei verwenden sie Instrumente wie Trommeln, Kilkopuz, Dombra und andere, die sie aus Naturmaterialien herstellen.“

Mit der „Reise nach innen“ zum therapeutischen Erfolg

Eines der Hauptinstrumente der Altorientalischen Medizin (AOM): Die türkische Kudüm-Trommel
Eines der Hauptinstrumente der Altorientalischen Medizin (AOM): Die türkische Kudüm-Trommel

Ausgehend von solchen Ur-Heilritualen erarbeitete sich die AOM ihre eigenen, Rhythmus-, Ton- und Bewegungs-gestützten musiktherapeutischen Verfahren. Dabei basiert die Methode von Güvenç und anderen schamanisch orientierten „Heilern“ auf einigen zentralen, meistenteils durchaus auch für westliche „Ohren“ (mittlerweile) nachvollziehbaren Axiomen. Dazu Güvenç: „Die AOM versteht sich nicht als direkter schamanischer Heilweg, wenngleich Elemente und Ideen aus schamanischen Praktiken Zentralasiens angewendet werden. Beispielsweise: a) Der Glaube, dass sich frühe ‚Techniken‘ wie Klänge, Melodien, Rhythmen und Improvisationen über Jahrtausende bewährt haben und auch heute noch ihre Wirkung entfalten; b) Die Bewertung des inneren Erlebens, der inneren Erfahrung, als Ergänzung zur äußeren Welt; c) Die Vorstellung, dass es neben den technologischen Fähigkeiten auch ein nicht-technologisches Wissen des menschlichen Geistes gibt; d) Die Annahme, dass der Mensch von den Pflanzen, Steinen und Tieren lernen kann“. In solchen spirituellen Ansätzen trifft sich offensichtlich das orientalische Denken mit jenem aus dem fernöstlichen Kulturraum; Die „Reise nach innen“ ist grundlegende Voraussetzung beider Konzepte.

Trance als Grundfähigkeit des Menschen

Das Element Wasser: Emotionaler Träger von Spiritualität und Beruhigung, gleichzeitig Reinigungsritual
Das Element Wasser: Emotionaler Träger von Spiritualität und Beruhigung, gleichzeitig Reinigungsritual

Ein paar Ingredienzien der AOM sind zentral in der musiktherapeutischen Arbeit Güvençs: Der physische und „musikalische“ Einsatz des Wassers; der Einbezug der menschlichen Stimme; die uralte Sufi-Instrumentalkultur; der Ausdruckstanz. Der kombinierte Einsatz dieser vier individuell vermittelten und erfahrenen, gezielt unter Begleitung des AOM-Leiters eingesetzten Praktiken kann laut Ehepaar Güvenç durchaus zu Trance und Ekstase führen: „Diese Trancezustände waren den Menschen in der östlichen Kultur durchaus vertraut. Sie waren gelebter Bestandteil der Riten und Rituale im Schamanen- und Sufiturm. […] Die heutige Wissenschaft sagt, dass Bewusstseinsveränderung und Trance zu den Grundfähigkeiten des Menschen gehören. Die Medizin des Orients kennt ihre heilige und heilende Wirkung schon seit langem. Erst nach und nach erkennt auch die moderne Medizin, wie sie sich diese Mechanismen zunutze machen kann, um Schmerzen zu lindern und Heilungsprozesse zu fördern.“

Der Körper als Instrument: Aufnahme von einem Sema-Ritual im Jahre 2008. Das Ritual dauerte 40 Tage und Nächte.
Der Körper als Instrument: Aufnahme von einem Sema-Ritual im Jahre 2008. Das Ritual dauerte 40 Tage und Nächte.

Mit solchen Erkenntnissen aus der eigenen musiktherapeutischen Arbeit schlägt das Ehepaar Güvenç eine Brücke zur nach wie vor kognitiv dominierten (Apparate-)Medizin des Westens. Ihr Buch wird eingefleischte Rationalisten nicht überzeugen, sondern bestenfalls in der Schublade „Interessant, aber unbewiesen“ versorgt werden, denn der „Glaubensfaktor“ als individuell zu erbringende, betont „imaginitive“ Leistung des „Kranken“ spielt in der AOM wie in vielen anderen therapeutischen Ansätzen (ganz gleich welcher geographischen Couleur) bekanntlich eine zentrale Rolle. Andererseits ist nicht einzusehen, warum intelligentes Therapieren neben dem ganzen okzidentalen medizinischen „Arsenal“ nicht auch (nachweislich erfolgreiche) alternative Praktiken integrieren soll; hier bekäme „Ganzheitlicheit“ nochmals einen neuen interessanten Bedeutungsaspekt.

Zurück zum paradiesischen Ursprung der Musik

Jenseits aller Theorie bekommt der Leser mit „Heilende Musik aus dem Orient“ jedenfalls auch gleich den praktischen Selbstversuch inklusive detaillierte Anleitung mitgeliefert: Der reichhaltig bebilderte, bibliographisch schön gestaltete Band enthält eine 60-minütige Audio-CD der türkischen Gruppe „Tümata“ (Abk. = „Türkische Musik in wissenschaftlicher Erforschung und Präsentation“) mit einer Auswahl orientalischer Musik, vom schamanischen Tanz bis zu Sufi-Gesängen. Damit gerät des Ehepaars Güvenç‘ „Heilende Musik aus dem Orient“ zu einer sinn-lichen, seine Thematik sehr attraktiv präsentierenden Reise durch „alle Zeiten und Räume“ hin zum „paradiesischen Ursprung der Musik“ (Güvenç). Literaturhinweise, Sach- und Namensregister sowie ein Anhang mit Kontaktadressen und Hinweisen zu Institutionen und Ausbildungsmöglichkeiten runden den Band ab. ■

Andrea und Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient – Vom traditionellen Wissen der Schamanen und Sufis zur praktischen Anwendung altorientalischer Musiktherapie, mit Audio-CD, 148 Seiten, Südwest Verlag, ISBN 978-3-517-08535-7

Leseprobe

Gesundheitliche Effekte des Gesangs: "In der AOM singen wir für den Patienten, um ihn anzuregen, ihn zu beruhigen, ihn aufzumuntern oder ihn zu stärken."
Gesundheitliche Effekte des Gesangs: „In der AOM singen wir für den Patienten, um ihn anzuregen, ihn zu beruhigen, ihn aufzumuntern oder ihn zu stärken.“

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Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology (Report)

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Der Psychoterror der Scientology-Sekte

von Walter Eigenmann

Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology, 208 Seiten, Gütersloher VerlagshausSeit es die international wuchernde „Scientology-Church“ gibt, steht sie bei Sekten-Kennern im Verdacht, systematisch Gehirnwäsche und Psychoterror auszuüben. (Der Hamburger Verfassungsschutz redet gar von Scientology als einer „extremistischen Organisation„).
Nun packt die „Scientology“-Expertin Ursula Caberta aus und enthüllt eine Fülle von teils erschütternden Fakten über diese umstrittene Organisation.
Angesichts einer zunehmenden Verharmlosung der „Scientology“ in unserer Gesellschaft gerade auch durch Prominente und andere Lobbyisten eine notwendige Aufkärung, deren vielen Recherchen den Tarn-Schleier über einer weltweit operierenden Sekte lüftet.

Falsche Propheten und elterliche Ignoranz

Anhand zahlreicher Beispiele wird gezeigt, was falsche Propheten und elterliche Ignoranz anrichten können. Wichtige Praxis-Tipps ermöglichen es Eltern, Pädagogen und allen in Jugend- und Sozialarbeit Tätigen, Probleme zu erkennen und Lösungen zu erarbeiten.
Ursula Caberta, u.a. Leiterin der Hamburger Landes-Jugendbehörde, gehört zu den dokumentiertesten Kennerinnen der deutschen Sekten-Szene und befasst sich seit Jahren mit den Demokratie-feindlichen Auswüchsen der weitgehend im Verborgenen agierenden Scientologen.

Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology, 208 Seiten, Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3579069746

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P. Maset: Wörterbuch des technokratischen Unmenschen

… sowie zum Thema Gesellschaft und Demokratie über
Beat Ringger: Die Zukunft der Demokratie

A. Meddeb: Die Krankheit des Islam (Islamismus-Kritik)

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Mutige Analyse des islamistischen Fanatismus

von Walter Eigenmann

„Das spektakuläre Attentat vom 11. September 2001, das die Vereinigten Staaten ins Herz traf, ist ein Verbrechen. Ein Verbrechen, begangen von Islamisten, Höhepunkt einer Serie von Terrorakten mit stetig ansteigender Kurve, die nach meinem Dafürhalten im Jahr 1979 beginnt, mit dem Triumph Khomeinis im Iran und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan. Beides waren Ereignisse mit weitreichenden Folgen, welche die fundamentalistischen Bewegungen stärkten und ihnen dabei halfen, ihre Ideologie zu verbreiten. Wenn man begreifen möchte, wie diese Ideologie entstanden ist, muss man sich weit zurück in die Vergangenheit begeben.“

Plädoyer für einen toleranten Islam

Islamismus-Literatur Abdelwahab Meddeb - Die Krankheit des Islam - Cover - Glarean MagazinSo beginnt „Die Krankheit des Islam“, ein passioniert geschriebenes Plädoyer des Islam-Experten und Schriftstellers Abdelwahab Meddeb (geb. 1946 in Tunis) für einen „neuen“ Islam. Die höchst kenntnisreich, von Humanismus durchdrungene, historisch detaillreich grundierte Abhandlung streitet einerseits durchaus für die alte Tradition der Toleranz im Islam, schonunglos werden aber auch die (religiösen und soziologischen) Wurzeln jener islamistischen Selbstzerstörung offengelegt, welche zum Fundamentalismus und zum Fanatismus führen.

 Islam muss sich der Aufklärung stellen

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Die höchst kenntnisreich, von Humanismus durchdrungene, historisch detaillreich grundierte Abhandlung streitet einerseits durchaus für die alte Tradition der Toleranz im Islam, schonungslos werden aber auch die (religiösen und soziologischen) Wurzeln jener islamistischen Selbstzerstörung offengelegt, welche zum Fundamentalismus und zum Fanatismus führen. Ein mutiges Buch; Wen diese immer brennendere Thematik genauer interessiert, liest es mit Gewinn.

Das Credo Meddebs: Der Islam muss sich der Herausforderung der Aufklärung stellen. „Es gehört zu den Aufgaben des Schriftstellers, die eigenen Leute auf ihre Verirrungen aufmerksam zu machen. Ich möchte sozusagen vor der eigenen Tür kehren“, formuliert der Autor die tiefere Intention seiner jüngsten, international mehrfach preisgekrönten Abhandlung.

Abdelwahab Meddeb - Die Krankheit des Islam - Glarean Magazin
Abdelwahab Meddeb

Der Band ist in vier große Teile gegliedert: 1. „Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet“; 2. „Genealogie des Fundamentalismus“; 3. „Fundamentalismus kontra Okzident“; 4. „Der Ausschluss des Islam durch den Westen“.
Ein mutiges Buch. Wen diese immer brennendere Thematik genauer interessiert, liest es mit großem Gewinn.

Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam, Unionsverlag, 252 Seiten, ISBN 978-3-293-20396-9

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Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren