«Caissa»-Zeitschrift für Schach- und Brettspiel-Geschichte gegründet

Ein neues Magazin für die schachhistorische Forschung

Walter Eigenmann

Caissa- Cover-Erstausgabe-Glarean MagazinWer im Online-Jahre des Herrn 2016 ein neues Print-Medium auf den Markt wirft, das ausgerechnet Schachhistorie zum Gegenstand hat, ist entweder verrückt, oder naiv, oder ein Chess-Junkie, oder Millionär, oder das alles zusammen. Der Neunkirchener Althistoriker Dr. Mario Ziegler ist (wahrscheinlich) nichts von alledem – und trotzdem wagten er und seine Mitarbeiter vom Chaturanga-Verlag, mit «Caissa» eine halbjährliche 100-seitige «Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte» ins Leben zu rufen. Vor kurzem präsentierte Ziegler im Verbund mit dem Salzburger Co-Herausgeber Prof. Dr. Rainer Buland nun die erste «Caissa»-Nummer.

Wer soll «Caissa» – nicht zu verwechseln mit der gleichnamen ehemaligen «Schachrundschau Caissa», die 1955 mit der Deutschen Schachzeitung fusionierte – eigentlich lesen? In seinem Vorwort zur Erstausgabe umreißt der Initiant und Chefredakteur Mario Ziegler die Intention des Magazins: «Caissa will eine Plattform schaffen, auf der Forschungsergebnisse der unterschiedlichsten Disziplinen im Bereich der Schach- und Brettspiel-Geschichte präsentiert werden können und dadurch ein Bild vom gegenwärtigen Stand der Forschung deutlich wird». Die Zeitschrift solle «die gesamte Schach- und Brettspiel-Geschichte von den ersten Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit, einschliesslich Verweisen auf Brettspiele in der Kunst und Literatur» berücksichtigen.

Schach-Mario-Ziegler-Glarean-Magazin
«Die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte steht noch aus»: «Caissa»-Initiant und -Herausgeber Mario Ziegler (*1974)

Dabei ortet Ziegler Defizite in der aktuellen Schachgeschichts-Forschung, z.B. die mangelnde Institutionalisierung der zahlreichen, aber in ihrer Vereinzelung wirkungslosen Solo-Projekte: Es existierten bedeutende nationale und internationale «Gruppierungen, die sich den verschiedenen Aspekten der Brettspiele und insbesondere des Schachspiels widmen – eine Vernetzung all dieser Bemühungen sucht man jedoch nach wie vor vergeblich». Die meisten dieser Initiativen seien privatem Engagement geschuldet, vermisst werde ein «übergeordnetes Konzept». Auch im universitären Bereich würden die Brettspiele als Forschungsgegenstand kaum wahrgenommen: «Auch wenn immer wieder Teilaspekte in den Blick genommen werden, so ist doch bezeichnend, dass etwa die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte noch nicht aufgearbeitet ist». Explizite Zielgruppen von «Caissa» sind dementsprechend «Bibliotheken, Wissenschaftler und interessiertes Fachpublikum im Bereich der Geschichts-, Sprach- und Kulturwissenschaften».

Breites thematisches Spektrum

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«Caissa»-Autor und Großmeister Robert Hübner arbeitete akribisch diverse Partien des legendären Matches Blackburne-Steinitz von 1822 auf und recherchierte erstmals verschollen geglaubte Notationen

Welches thematisch vielfältige Untersuchungsfeld sich dabei für «Caissa» auftut, stellt bereits die Première-Ausgabe des Magazins unter Beweis: Vom ersten «Wettkampf zwischen Blackburne und Steinitz» (Autor: Robert Hübner) über ein Portrait des bedeutenden ungarischen Schachspielers und Redakteurs Laslo Toth (Ivan Bottlik) bis hin zur «NS-Ideologie im Brettspiel» (Antonella Ziewacz) und einem Rückblick auf die «Wendejahre 1989-90 in der Zeitschrift ‚Schach’» (Bernd Gräfrath) deckt die Erstausgabe ein schachhistorisch wie -wissenschaftlich ebenso heterogenes wie informatives Spektrum ab. Hinzu kommen die unverzichtbaren Rezensionen und Verlags-Ankündigungen einschlägiger Fachliteratur, vor allem aber zahllose, durchwegs sorgfältig gewählte und qualitativ hervorragende Bild-Dokumentationen zu jedem Artikel.

Die internationale Ausrichtung des Bandes unterstreichen dabei jene Beiträge, die nicht nur in englischer Sprache kurz zusammengefasst, sondern gleich ausschließlich im englischen Original abgedruckt werden. Zu erwähnen ist hier ein schöner Essay von Peter J. Monté, der den mythischen bzw. gött-lichen Urgünden des Schachspiels in den altpersischen, -griechischen und -römischen Kulturen in Wort und Bild nachspürt, sowie ein komplett englisch verfasster Abriss von Adrian Harvey «Social participation in the game of chess», der kenntnisreich das Schachspiel als bedeutender Teil der «gehobenen» Freizeitkultur im England des 18. Jahrhunderts bis in unsere heutigen Tage der schachlichen «Durchdringung» aller Gesellschaftsschichten untersucht.

Das Schach in Büchern des Deutschen Barock und der frühen Neuzeit

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Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert

Im Zentrum dieser Erstausgabe steht aber die 44-seitige «annotierte Bibliographie» über das «Schach in Büchern aus der Zeit des Deutschen Barocks und der frühen Neuzeit» des Kasseler Schachforschers Siegfried Schönle. Mit Akribie und umfangreichem Quellen-Nachweis stellt der Autor eine Fülle von Büchern bzw. Reprints aus dieser Zeit mit explizitem Schachbezug zusammen, dokumentiert fast alle entspr. Publikationen mit Cover- und/oder Detail-Bebilderung, stellt den allgemein-kulturellen und literarisch-belletristischen Spuren der Buch-Inhalte nach, fördert schachkulturell Belangloses ebenso wie schachhistorisch Richtungsweisendes zutage und dokumentiert so einen illustren, ja manchmal bizarren Bilderbogen des Phänomens Schach im Werk zahlreicher Forscher und Schriftsteller jener Zeit.

Printtechnisch und typographisch erlesene Qualität

Seite_Ziewacz
«Gesellschaftsspiele spiegeln den Zeitgeist einer Epoche wieder und sind dadurch historische Quellen für Ansichten und Entwicklungen einer Gesellschaft»: Antonella Ziewacz beleuchtet den Kulturmissbrauch des Spiels während der Nazi-Diktatur

So vielfältig der historische Mix dieser ersten, in einer Startauflage von 5’000 Exemplaren gedruckten «Caissa»-Nummer daherkommt, so sehr hält dabei das Outfit des Bandes mit. Das im dreispaltigen Layout präsentierte und durchwegs farbig bebilderte Heft ist sowohl vom Print als auch von der Typographie her äussert qualitätsvoll aufgezogen. Sogar die detailverliebte Partien-Kommentierung eines Robert Hübner mit ihrer Varianten-Verschachtelung kommt problemlos lesbar daher, wobei die weinrote Farbe der Diagrammdrucke eine schöne optische Finesse darstellt. Man merkt dem Heft auf jeder Seite den professionellen Anspruch an, den Herausgeber und Druckerei an dieses Magazin stellen. Ein special compliment geht an dieser Stelle auch an R. Dobicki & S. Schäfer für das erlesene Grafikdesign.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Die neugegründete Zeitschrift «Caissa» widmet sich der historisch-wissenschaftlichen Forschung des Schachs und der Brettspiele. Die Erstausgabe dokumentiert eindrücklich ein breites thematisches Spektrum und eine erlesene Qualität sowohl in drucktechnischer wie in grafischer Hinsicht. Für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten ist «Caissa» zweifellos das neue Referenz-Printmedium.

Wer als Amateur- oder Turnier-Spieler mal schachkulturell über den Rand seines kleinen 64-feldrigen Brettes hinausblicken wollte, der griff bis heute vorzugsweise zu einem anderen, ebenfalls qualitätsvollen Schach-Periodikum, nämlich «Karl». Seit kurzem wird also nun mit «Caissa» auch für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten eine willkommene und qualitativ professionelle Ergänzung zur Verfügung stehen, die zumal mit einem Einzelpreis von 15 Euro pro Band das Budget absolut fair belastet. Für diese Leserschicht ist «Caissa» zweifellos das neue Referenz-Printmedium – auch oder gerade in unseren modernen Tagen der kurzlebigen Live-Turnier-News und des Blog-Häppchen-Schachs… ■

Mario Ziegler (Hrsg.): Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte Nummer 1/2016 (Erstausgabe), 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Boris Gulko (u.a.): «Der KGB setzt matt»

Düsterer Blick hinter die Weltschach-Kulissen

Thomas Binder

Die politischen Einflüsse auf das Weltschach in der Zeit des Kalten Krieges harren noch einer umfassenden Darstellung. Einzelaspekte sind immer wieder aufgegriffen worden, so von Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi in autobiographischen Büchern oder in Werken über den WM-Kampf zwischen Spasski und Fischer.
Die Autoren legen hier ihren Schwerpunkt auf die Manipulationen durch den sowjetischen Geheimdienst KGB. Leider können sie daher – etwa im Gegensatz zur Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit in der DDR – nicht auf Originaldokumente zurückgreifen. Ihre Darstellung muss also zwangsläufig hinter dem Anspruch einer wissenschaftlich dokumentierten Arbeit zurück bleiben.

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Dies beginnt bereits beim Blick auf die Liste der Autoren. Vier Namen stehen auf dem Einband: Boris Gulko, Viktor Kortschnoi, Wladimir Popow, Juri Felschtinski – und zumindest zwei davon lassen beim interessierten Schach-Enthusiasten Neugier und Vorfreude aufkommen.

Zwei Schach-Opfer des russischen KGB: Viktor Kortschnoi und Boris Gulko

Der Beitrag von Viktor Kortschnoi – immerhin eines der wesentlichen Opfer der beschriebenen Manipulationen – beschränkt sich aber leider auf ein mehrseitiges Nachwort ohne neue Erkenntnisse. Den Hauptteil des Buches bestreiten Gulko und das Autorenpaar Popow&Felschtinski mit etwa gleich langen Essays. Den amerikanischen Großmeister, der 1986 aus der Sowjetunion emigrierte, muss man in Schachkreisen wohl nicht vorstellen. Felschtinski ist ein amerikanischer Historiker, der ebenfalls aus der Sowjetunion emigriert war. Sein Forschungsschwerpunkt bleibt das Wirken des sowjetischen und russischen Inlands-Geheimdienstes. Einige Popularität erlangte er vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem 2006 in London unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Ex-KGB-Mitarbeiter Litwinenko. Ex KGB-Oberstleutnant Popow gehörte zu jener Abteilung, die den internationalen Sportverkehr überwachte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst emigrierte er nach Kanada.

Ex-Weltmeister Anatoli Karpow: Privilegiert durch bewusste Systemnähe?

Gemeinsam ist allen Autoren der Hass auf die kommunistischen Machthaber und deren Geheimdienst. Dass diese Emotion in ihren Ausführungen immer wieder Ausdruck sucht, kommt der objektiven Bewertung des Buches nicht unbedingt entgegen. Gerhard Josten hat es in seiner treffenden Rezension («Rochade Europa 3/2010») psychoanalytisch gedeutet, die Autoren würden nun «ihre Vergangenheit besser bewältigen können, als ohne diesen Rückblick». Ganz so weit möchte ich nicht gehen – aber Hass ist sicher ein schlechter Ratgeber, wenn man den Anspruch hat, ein historisch-politisches Enthüllungsbuch zu schreiben.

Gulkos Beitrag ist im Wesentlichen eine Schilderung der Repressalien, denen er und seine Gattin Anna Achscharumowa (selbst zeitweise eine Anwärterin auf die WM-Krone) ausgesetzt waren. Diese begannen etwa 1976, als sie sich weigerten eine Erklärung der sowjetischen Schach-Elite gegen den «abtrünnigen» Kortschnoi zu unterzeichnen. Zwei Jahre später stellten sie einen Ausreiseantrag, der schließlich 1986 genehmigt wurde.
Stark ist Gulko vor allem in den Passagen, in denen er detailreich von seinem Leben in jenem Jahrzehnt berichtet, sei es vom Hungerstreik, von Protestaktionen zum Interzonenturnier 1982 oder von der Manipulation der Frauen-Meisterschaft, als Anna kurz vor dem Titelgewinn stand.

Die Moskauer Ex-KGB-Zentrale des allmächtig-berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes

Als wesentlichen Nutznießer der KGB-Politik macht Gulko den früheren Weltmeister Anatoli Karpow aus. Gewiss hat Karpow in der Sowjetunion weitgehende Privilegien genossen und sich diese auch durch eine gewisse Systemnähe – man kann es auch Opportunismus nennen – bewahrt. Inwieweit Karpow selbst im Hintergrund aktiv geworden ist, kann ich auch nach der Lektüre dieses Buches nicht beurteilen. Leider ist Gulko an vielen Stellen auf Vermutungen und Gerüchte angewiesen. Das macht dann auch Stellen wie die Behauptung, Karpow habe dank seiner KGB-Kontakte noch kürzlich ein Stück Land in Sibirien mit gigantischen Erdgasvorräten erworben und dabei 2 Milliarden Dollar gewonnen, für den unvoreingenommenen Leser schwer nachprüfbar.
So bleibt insgesamt ein unklarer Eindruck, den in Gulkos Bericht freilich die Passagen aus seinem eigenen Erleben mehr als wettmachen.

WM-Titelkampf Karpow-Kortschnoi in Meran 1981: Bestanden KGB-Pläne für eine Ermordung Kortschnois?

Noch wesentlich unklarer fällt die Bewertung des zweiten Hauptteiles aus. Der Historiker Felschtinski wird im Autorenporträt für «mehrere Dutzend Bände von historischen Dokumenten» gerühmt. Davon ist hier allerdings nicht viel zu lesen. Dokumente und Belege vermisst man fast völlig. Der Essay ist eine allgemeine Abrechnung mit dem KGB, wobei nahezu im Akkord einzelne Personen auf die Bühne geholt werden, von der sie ebenso schnell wieder verschwinden – ohne dass der Leser sich ein umfassendes Bild machen könnte oder auch nur deren Bezug zur Schachthematik erkennt. Erst gegen Ende gehen Felschtinski und Popow auf einige KGB-Aktionen im Umfeld der WM-Kämpfe Karpows gegen Kortschnoi bzw. Kasparow ein. Dass die sowjetische Führung hier auf Seiten Karpows stand und alles versuchte, ihm den WM-Titel zu sichern, überrascht schon nicht mehr. Dass dies soweit ging, Kortschnoi noch während des WM-Kampfes 1981 in Meran zu ermorden, sollte sich der Wettkampf ungünstig für Karpow entwickeln, ist hoffentlich eine paranoide Übertreibung.

Dem Anspruch einer historisch-dokumentarischen Darstellung kann dieses Buch nicht gerecht werden; darauf werden wir mit Blick auf die russischen Archive wohl noch lange warten müssen. Selbst die zwischen den Hauptautoren offene Frage, ob der KGB bei seiner Einmischung in das Weltschach allein aus eigenem Antrieb oder gemeinsam mit der Parteiführung handelte, muss vorerst offen bleiben.

Im Anhang findet man einen Brief von Popow an Felschtinski, in dem er vor allem auf die nach wie vor reale Bedrohung durch den (jetzt russischen) Geheimdienst eingeht. Die Anmerkung des Herausgebers, ohne diesen Brief hätte es das vorliegende Buch vermutlich nicht gegeben, bleibt ebenso nebulös, wie viele andere Andeutungen auf den 200 Seiten zuvor.
Dem interessierten Schachspieler sei das Buch empfohlen, wenn er sich eine gesunde kritische Distanz zu den notwendigerweise subjektiven Ausführungen der Autoren bewahrt. Die Erinnerungen Gulkos allein verdienen es, für künftige (und nicht nur schachspielende) Generationen bewahrt zu bleiben. ■

B.Gulko/V.Kortschnoi/W.Popow/J.Felschtinski, Der KGB setzt matt – Wie der sowjetische Geheimdienst die Schachwelt manipulierte, Excelsior Verlag Berlin, 216 Seiten, ISBN 978-3-935800-06-8.

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Leseproben

Marion Bönsch-Kauke: «Klüger durch Schach»

Das Schachspiel als universelles
Bildungs- und Entwicklungsgut

Walter Eigenmann

Boensch_Klueger durch Schach_Leibniz Verlag_Cover«Während es einen nahezu unübersehbaren Schatz an kommentierten Partien, Turnierbulletins und technischen Schachbüchern gibt, die, interessiert an der Herausbildung von Theorie und Praxis des Schachspiels an sich, Erfahrungen über Eröffnungen, Mittel- und Endspiel enthalten sowie verhältnismäßig viele Werke, die Lehrweisen und Trainingsmethoden propagieren, fehlt es vollständig an einem profunden interdisziplinären Überblickwerk zu den wissenschaftlich gesicherten Fakten, was das Schach bewirkt; was es bedeutet, warum es über die Jahrhunderte hinweg Menschen aus aller Welt fasziniert und nicht zuletzt, welche Erziehungs- und Bildungswerte es birgt.»
Diese weiträumige spielkulturelle und soziopädagogische Fragestellung nimmt die deutsche Schach-Psychologin und Mentaltrainerin Dr. Marion Bönsch-Kauke zum Ausgangspunkt ihrer großangelegten Meta-Studie: «Klüger durch Schach» präsentiert thematisch breit und methodisch sehr differenziert eine Fülle von «Forschungen zu den Werten des Schachspiels»; der 400-seitige Band fasst den gesamten aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zum weltweiten Kulturphänomen «Schach» zusammen.

Dass dem Schach in der riesigen Arena menschlicher Sport- bzw. Freizeit-Aktivitäten eine nur höchst marginale Bedeutung zukommt, darüber macht sich die Autorin Bönsch-Kauke keinerlei Illusionen, und dass schätzungweise 550 Millionen Menschen zumindest die Regeln des «Königlichen Spiels» kennen, abermillionen ihm organisiert frönen, könne nicht darüber hinwegtäuschen, «dass Schach zu den Randsportarten gehört und aus Mangel an visueller Show kein Publikumsmagnet» sei. Doch dieser Marginalität steht, wie Bönsch-Krauke detailliert anhand zahlreicher wissenschaftlicher, historischer wie experimentalpsychologischer Untersuchungen bzw. Studien nachweist, eine mittlerweile kaum mehr überblickbare Fülle an primär- wie sekundärwissenschaftlicher Literatur zu allen denkbaren kulturellen, pädagogischen, philosophischen, neurowissenschaftlichen, sportmedizinischen, kunstästhetischen und sozialpsychologischen Aspekten dieses Spiels gegenüber.

Mädchenschach
Interessantes Eröffnungssystem der 8-jährigen Melsa Demir… (von den «Schachfreunden Hannover»)

Die vom Deutschen Schachbund initiierte und herausgegebene Metaexpertise der Psychologin gründet sich auf mehr als 100 umfangreiche Pilotstudien, Großfeldversuche, Stammuntersuchungen, Quer- und Längsschnittprojekte und Originalexperimente, ihre Recherche bezog neben hunderten bekannter Publikationen auch aktuellste Dissertationen, wissenschaftliche Qualifikations-, Diplom-, Magister- und Seminararbeiten sowie zahlreiche eigene schachrelevante Untersuchungen ein. Bönsch-Kaukes fulminante Tour d’horizont durch die wissenschaftliche Schach-Literatur belässt es dabei nicht bei westeuropäischen und amerikanischen Publikationen, sondern repliziert besonders aufschlussreiche, bislang hierzulande kaum beachtete, teils auch schwer zugängliche Forschungsergebnisse aus der Sowjetunion und der ehemaligen DDR, aber auch aus Ungarn und Tschechien – aus Ländern also, die bekanntlich dem Schachspiel als Spitzen- und als Volkssport einen außerordentlichen Stellenwert einräumten, und in denen Schach – teils auch als staatlich verordneten propagandistischen Gründen – schon seit Jahrzehnten Gegenstand systematischer, auch interdisziplinärer Forschung war und ist.

Leseprobe 1

Boensch_Klueger durch Schach_Leseprobe1Angesichts der Fülle des Materials – die nur schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Bandes dokumentiert – ist es hier natürlich unmöglich, in dem Maße auf auch nur einzelne der gewichtigsten Studien bzw. Ergebnisse in «Klüger durch Schach» einzugehen, das ihrer Bedeutung angemessen wäre. Stattdessen beschränke ich mich fokussierend im Folgenden auf die grundlegendsten, durch vielfache und weltweite Forschung verifizierten «Thesen», wie sie die Autorin im Schlusskapitel dieser ihrer beeindruckenden, auch mit zahlreichen Illustrationen erläuternden Meta-Studie formuliert, wobei Bönsch-Kauke von der Zielsetzung geleitet wurde, diese «Thesen» könnten ihrerseits «zum Kern einer Meta-Schachtheorie werden, falls ihre Inhalte geistreiche Forscher anregen, wissenschaftliche Beweise für die Tragkraft dieser Thesen beizusteuern.»

1. «Schach ist zutiefst lebensnah!»

Schachunterricht Glarean MagazinSchach symbolisiere, so die Autorin, «was uns im Leben widerfährt»: Im Kern seien es Entwicklungsaufgaben von wiedersprüchlicher Art, und es sei zu eng, im Schach nur Problemlösen sehen zu wollen: «Wir sind vor die Wahl gestellt, unsere Ansprüche aufzugeben oder uns der Aufgabe zu stellen, zu kämpfen auch um selbstkritische Einsichten und nicht zu resignieren.»

2. «Das Schachspiel gleicht dem Lebenskampf!»

Für Marion Bönsch-Kauke fungiert das Schachspiel als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben, die kompromisslos zu lösen sind, und die uns vor Situationen stellten, die zwar «neu, ungewiss, kompliziert und problemträchtig» seien, sich aber nicht zu (unlösbaren) Problemen auswachsen müssten: «Gewissermaßen aus spieltheoretischer Sicht gilt das Schachspiel als ein Zwei-Personen-Nullsummenspiel. Es ist für jene Lebenslagen gültig, in denen eine Seite verliert, was die andere gewinnt.»

3. «Schachstrategeme dienen sinnvoller Lebensführung!»

Diese These habe, wie die Wissenschaftlerin ausführt, Fragen der «Lebensplanung» wie beispielsweise: «Was droht? Was tun? Wo soll es hingehen? Was ist der nächste Schritt?» zur Grundlage, und dabei bürge das Schachmodell für stichhaltigen Rat: «Schach kann zurückgreifen auf 2’500 Jahre Erfahrung, wie Ziele gegen Widerstände zu erreichen sind. […] Aus schachlicher Symbolsprache ist zu erfahren, wie Menschen […] dachten und wie sich das Wollen und Denken kulturgeschichtlich entfaltete zu immer wirksameren Strategemen.» Dabei wären die besten Strategien, nach Bönsch-Kauke, im Kampf der Charaktere in der Kulturgeschichte des Schachs ausgefiltert worden und würden nun als bewährte «Orientierungsgrundlagen für erfolgreiche differentielle Entwicklungen von sozialen Beziehungen, Charakteren und kulturellen Werken im Lebenslauf» zur Verfügung stehen.

4. «Schach macht klug!»

Der Autorin vierte, bereits im Buchtitel apodiktisch vorweggenommene These ist die schulpädagogisch bzw. -psychologisch brisanteste, wenngleich hier natürlich nicht zum ersten Mal gehörte Zusammenfassung zahlreicher diesbezüglicher Forschungen. Das Kernergebnis der von Bönsch-Kauke recherchierten, teils sehr umfangreichen internationalen Studien: «Für Schach muss man nicht mit überdurchschnittlicher Intelligenz starten, jedoch ist mit fortgesetzter Ausübung ein beträchtlicher Zuwachs im Rahmen des intellektuellen Potentials zu erwarten.» Wie die einschlägigen Experimente nachwiesen, sei für hohe und höchste Spitzenleistungen im Schachspiel eine große Bandbreite von kognitiven Erkenntnisprozessen gefragt: «Exaktes Wahrnehmen, Vorstellungsvermögen, Gedächtnis, Problemlösen, schlussfolgerndes, kritisches und kreatives Denken.» Und auch hier wieder schlägt die Sozialpsychologin eine Brücke von der Theorie zur Praxis: «Analoge Aktionen, die sich in Schachpositionen bewährten, können als Verhaltenspotentiale auf Bewährungssituationen im Leben mit ähnlichen Merkmalen übertragen werden und das Hinzulernen erleichternd stimulieren.»

5. «Schachspielen fördert schöpferisches Denken!»

Konzentrationsfähigkeit_Schach_GlareanEin in der Sekundärliteratur ebenfalls immer wieder gelesener bzw. vielfältig verifizierter Denkansatz ist Bönsch-Kaukes fünfte These, wonach das Schach die Konzentrationsausdauer und das schöpferisch-originelle Denken fordere und fördere. Hier seien drei «Basiskomponenten» im Blick zu behalten: «Organisation der Kräfte, Angriff und Verteidigung», wobei die Autorin auf das schachphilosophische Werk des Weltmeisters Emanuel Lasker und seine «überschachliche Lehre» referiert. «Einfälle, die stichhaltig sind, und Pläne, die aufgehen, sind rar in unserem modernen Leben der firmierenden Global Players und gefragten Schlüsselqualifikationen. Geistige Güter sind zu akkumulieren, um Innovatinsdefizite zu überwinden.»

6. «Schach mobilisiert Innovationen und Change-Management!»

Bönsch-Kauke: «Aus Biographien zahlreicher weltbekannter Gelehrter, Philosophen, Dichter, Schriftsteller, Manager, einflussreicher Politiker, Regisseure, Schauspieler, Entertainer, Journalisten, Trainer und Athleten erhellt, dass sie sich auf das Schachspiel verstanden und es schätzten.» Aber nicht nur einen «Kreis Auserwählter» vermöge das Spiel «von der Person zur Persönlichkeit zu profilieren»; Frühförderung und Anreicherung der geistigen Herausforderung für hochbegabte Kinder sei schachspielerisch möglich: «Ein Schachtest für Hochbegabte als Screening-Verfahren erscheint aussichtsreich. Mehr noch rücken die Möglichkeiten des Schachs für gegenwärtig erschreckend viele hyperaktive, im Lesen, Schreiben und Rechnen schwache oder schulverdrossene Kinder als spielerisches Faszinosum ins Blickfeld von Schulverantwortlichen.»

7. «Schach stärkt die Anstrengungsbereitschaft!»

Als Metasportart berge, führt die Verfasserin weiter aus, das schachliche Modell wertvolle Grundlagen «für eine allgemeine Kampftheorie»: «Schach stärkt den Kampf- und Siegeswillen», weil durch findiges strategisches und taktisches Denken «die schwersten Kämpfe des Lebens zu gewinnen» seien. Dabei erlangten theoretisch-geistige Konzepte im Trainingsprozess und Wettkampf angesichts der zunehmenden Intellektualisierung des Sports eine verstärkte Bedeutung. «Immer mehr spielen sich planbare Aktionen vorher modellartig im Kopf des Aktiven ab. In diesem Sinne bewährt sich Schach als strategisch-taktische Leitsportart.»

8. «Schachliches Können verschafft Wettbewerbsvorteile!»

Bönsch-Kaukes achtes Forschungsergebnis: «Wie es gelingt, Positionen nicht nur zu verbessern, sondern die anstrebenswerte Stellung wirklich zu erobern, lehrt das königliche Spiel diejenigen, die sich bemühen, meisterliches Können für Spitzenpositionen zu erwerben. Im welchselseitigen Herausfordern und intellektuellen Kräftemessen werden anspruchsvolle Lebensziele und Selbstbehauptungen wahr. Situationsgerechte Pläne bleiben keine visionäre Utopie.»

9. «Schach ist ein universelles Bildungs- und Entwicklungsgut!»

Schach im Kindergarten_Glarean MagazinEine weitere These der Wissenschaftlerin zielt auf den vielfach und breit nachgewiesenen pädagogischen Nutzen in der Schule einerseits und andererseits auf die moderne Schlüsselqualifikation «Medienkompetenz» ab. Während die Tatsache, dass methodisch gelehrtes Schach ein breites Spektrum von positiven Persönlichkeitskomponenten wie «Konzentriertheit, Geduld, Beharrlichkeit, emotionale Stabilität, Risikofreudigkeit, Objektivität, Leistungsmotivation» inzwischen in ein breiteres Bewusstsein der schulpädagogischen Entscheidungsträger gedrungen ist, dürfte die von Bönsch-Kauke angesprochene «Medienkompetenz» bisher ein weitgehend unberücksichtigter, aber wesentlicher Aspekt der Diskussion sein: «Ein bedeutsames gesellschaftliches- und bildungspolitisches Ziel ist die Befähigung, die Vorzüge neuer Informations- und Kommunikationstechniken gezielt nutzen zu können.»

10. «Schach trainiert psychische Stabilität!»

Auf ihrem ureigenen Gebiet, der Psychologie, kommt die Autorin zum Schluss: «Schach befriedigt grundlegende Bedürfnisse, sich im anderen Wesen zu spiegeln, ernst genommen und zuverlässig begleitet zu fühlen und sich wesenseigen im Spiel selbst zu fördern. […] Schachspielen ermutigt, Angst in energiereiche Aktionen zu verwandeln, Verlustärger zielgerecht einzusetzen.» Wie dabei die Psychoanalyse zeige, entwickle Schach «eine Art realistischerer Abwehrmechanismen durch selbstkritische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit eigenen Fehlern und Stärken».

Leseprobe 2

Boensch_Klueger durch Schach_Leseprobe211. «Schach hält geistig beweglich!»

Ins Zentrum des elften Teil-Fazits gerückt wird das Schach als Denktraining, das bis ins hohe Alter fortgesetzt werden könne: «Keine andere Sportart ermöglicht eine solche fortdauernde Wettkampfzeit, lebenslanges Lernen und leistungssportliche Betätigung auf hohem Niveau.» Bönsch-Kauke zitiert in diesem Zusammenhang neuromedizinische Resultate, wonach sich durch «spielaktive Denkbeweglichkeit» bis zu 74% dem Risiko eines altersbedingten Abbaus des Hirns (Demenz) vorbeugen lässt: «Speziell gegen die Alzheimer-Erkrankung mit der klinischen Symptomatik: hochgradige Merkschwäche, zeitliche und räumliche Orientierungsstörungen, Sprachzerfall und Verwirrtheit lassen sich durch Schach sogar neue ‚graue Zellen‘ bilden.»

12. «Schach im Internet fördert weltweite Kommunikation!»

Seniorenschach_Deutschland
«Neue graue Zellen durch Schach»: Seniorenschach in Deutschland

Die zwölfte und letzte These widmet sich dem aktuell modernsten Aspekt des Schachspiels: seiner inzwischen fulminanten und noch immer wachsenen Präsenz im Internet: «Nicht nur das hochentwickelte Computerschach, auch das Spielen im Internet brachte ungeahnte Dimensionen mit sich. So spielen nach Angaben von Chessbase 2007 auf ihrem Server täglich über 5’000 Aktive und Schachliebhber ca. 200’000 Partien. […] Diese Zahlen demonstrieren einen völlig neuen Zugang des strategischen Brettspiels in die moderne kommunikative und technisierte Spielwelt.» Hervorzuheben sei dies nicht zuletzt deshalb, weil es unwichtig sei, ob der «auf der anderen Seite sitzende Gegner jung oder alt, gesund oder krank, versiert oder ungeübt» sei. Denn zwar sei Altern ein soziales Schicksal, aber: «Durch das Schach im Internet bieten sich immer interessante Spiel- und Geistesgefährten an, zu denen nach Wunsch auch direkter Kontakt mit allen Sinnen aufgenommen werden kann.»

Zwölf fruchtbringende Denkanstöße

Wie weiland Luther seine «ketzerischen» Thesen an die Kirchenpforten schlug, so ruft also die deutsche Schachpsychologin in ihrem aufregenden «Thesen-Papier» ein Dutzend durchaus irritierende bis provozierende Denkanstöße in den Schach-Alltag, die allerdings nichts mit Glauben, dafür sehr viel mit Wissen zu tun haben. Denn im Gegensatz zu einschlägigen populärwissenschaftlichen (um nicht zu sagen: populistischen), oft mit gutgemeint-rosaroter Brille verfassten Verlautbarungen in Sachen «Schach und Pädagogik» basieren die Thesen von Marion Bönsch-Kauke auf wissenschaftlich verifizierbarer Grundlagenforschung unabhängiger Wissenschaftler und Institute.
Gewiss, Bönsch-Kaukesche Denkmotive wie z.B. «Schach als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben»; «Schach als strategisch-taktische Leitsportart» oder «Schach als Demenz-Prävention» regen bei erstem Lesen zum Widerspruch an. Aber nur so lange, wie man der Autorin akribische Recherchen zur Thematik nicht en détail kennt. Denn der 400-seitige, ein umfangreiches Literaturverzeichnis zuzüglich Psychologie-Glossar sowie Personen- und Sachregister beinhaltende Band belegt eindrücklich, wie weit die moderne Schachforschung in allen Disziplinen bereits fortgeschritten ist. Jedenfalls dürfte «Klüger durch Schach» als der zurzeit umfassendste Überblick auf die gesamte einschlägige Forschung für die nächsten Jahre die Referenz-Publikation in Sachen Schach-Metastudien bilden und die wissenschaftliche Diskussion maßgeblich mitbestimmen bzw. befruchten. Eine äußerst verdienstvolle Veröffentlichung des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schachstiftung – sowie ein nicht nur für Schach-Enthusiasten faszinierendes Kompendium, dem weiteste Verbreitung in allen involvierten «Schach-Schichten», von den Verbänden bis hinein in die Volksschulstuben weit über Deutschland hinaus zu wünschen ist.

Marion Bönsch-Kauke, Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels, Leibniz Verlag (St. Goar), 408 Seiten, ISBN 978-3-931155-03-2

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