Martin Breutigam: Todesküsse am Brett (Schach)

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Kurzweilige Geschichten rund um die Schach-Genies

von Thomas Binder

Martin Breutigam kann mit Recht als einer der umfassendsten Schachkenner deutscher Sprache gelten. Viele Jahre spielte der Internationale Meister in der Bundesliga; inzwischen wird er vorwiegend als freischaffender Schachjournalist wahrgenommen. Dabei ist es ihm gelungen, die Schachszene in zwei der großen überregionalen Tageszeitungen Deutschlands präsent zu halten: der Süddeutschen Zeitung und dem Berliner Tagesspiegel.
Seine neueste Veröffentlichung ist eine Sammlung von Nachdrucken seiner Kolumne im Tagesspiegel aus den Jahren 2006 bis 2010: „Todesküsse am Brett – 140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute“.

Schach-Gebrauchsliteratur im besten Sinne

Martin Breutigam - Todesküsse am Brett - 140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heuteUm es vorwegzunehmen: Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft liegt damit ein nettes kleines Buch vor, mit dem man jedem Schach-Interessierten – unabhängig von Alter oder Spielstärke – eine Freude machen kann. Der günstige Preis – knapp 10 Euro – trägt dazu bei, dass sich die Investition auf jeden Fall lohnt. Dieser Preis begründet sich wohl durch die einfache Gestaltung als Taschenbuch und sicher auch durch die „Zweitverwertung“ bereits vorhandenen Materials. Sozusagen „Gebrauchsliteratur“ im besten Sinne…

Martin Breutigam - Schachspieler - Glarean Magazin
Martin Breutigam

Den Hauptteil des Buches bilden „140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heute“, wie es im Untertitel heißt. Nach Art und Umfang sind sie eine ideale Lektüre zum Schmökern zwischendurch, für eine kurze U-Bahn-Fahrt, für eine Wartezeit oder vor dem Einschlafen. Knapp ein Drittel jeder Seite ist dabei einem optisch angenehm gedruckten großen Stellungsbild vorbehalten. Danach folgen ein kurzer Text über den jeweiligen Protagonisten bzw. den aktuellen Bezug und dann mehr beiläufig die Frage nach der Gewinnfortsetzung, die der genannte Spieler an dieser Stelle aufs Brett gezaubert hat.

Partien-Auswahl aus der aktuellen Meistergeneration

Die Auflösung wird kopfstehend und in sehr kleiner Schrift am unteren Ende der Seite präsentiert – ein gelungener Kompromiss, wie ich finde: Man muss nicht weiterblättern, ist aber auch davor geschützt, die Lösung quasi „aus Versehen“ wahrzunehmen. Die Antworten beschränken sich auf drei bis vier Zeilen, gehen aber in der Analyse zumindest so weit, dass auch ein Schachfreund auf mittlerem Klubspielerniveau die Zugfolge ohne Brett nachvollziehen und verstehen kann. Einige ganzseitige Porträt-Fotos (u.a. Aronjan, Short, Carlsen, Hou Yifan) runden das Werk ab.

Zocken auf http://www.schach.de nach der Polit-Demo: Putin-Gegner und Ex-Schach-WM Garry Kasparow („Todesküsse“ Seite 10)

Die Auswahl der Partien ist – dem Ursprung der Beiträge geschuldet – auf die aktuelle Meistergeneration und die Turniere des letzten Jahrzehnts beschränkt. Auch die in diesem Zeitraum verstorbenen Top-Spieler (stellvertretend seien Fischer und Bronstein genannt) werden gewürdigt.
In einigen Fällen spannt Breutigam den Bogen mit einem Kunstgriff weit auf, z.B. wenn er Akiba Rubinstein vorstellt, um dann mit einer aktuellen Partie fortzusetzen, deren Motiv an dessen berühmte Opferpartie gegen Rotlevi erinnert. Ansonsten dokumentieren die Texte schlaglichtartig die Schachgeschichte seit 2006, freilich ohne ins Detail zu gehen.

Kontroverse Themen nicht ausgespart

Seiner Verantwortung als Journalist wird der Autor darin gerecht, dass er auch kontroverse Themen nicht ausspart, sei es Kasparows politisches Engagement, die Austragung der Frauen-WM 2008 in einem Krisengebiet oder die umstrittene Null-Toleranz-Regel der FIDE. So gewinnt auch der Außenstehende einen Eindruck von jenen Themen, die uns Schachspieler abseits des Brettes beschäftigen, und er wird angeregt, sich darüber näher zu informieren. Mehr kann man im Rahmen dieser Sammlung sicher nicht leisten. Letztlich ist gerade die Vielfalt der angesprochenen Aspekte eine Stärke des Buches.
Bei der Auswahl der Stellungen hat sich Martin Breutigam auf effektvolle Kombinationen konzentriert, die zum sofortigen Partieschluss führten. So ist für Unterhaltungswert und Lerneffekt gleichermaßen gesorgt.
Ob es dabei eines reißerischen Titels wie „Todesküsse am Brett“ bedurft hätte, mögen Marketing-Experten bewerten. Den Titel verwendet Breutigam – leicht abgewandelt – für seinen Artikel über Kramniks Niederlage gegen Deep Fritz, als der Weltmeister ein einzügiges Matt zuließ. Ich halte dies für die am meisten überbewertete Episode der jüngeren Schachgeschichte, und leider macht Breutigam hier keine Ausnahme: Ausgerechnet diese Story wird auf mehreren Seiten ausgebreitet.

Kurzweilige und anregende Lektüre

140 kurze Geschichten umrahmen jeweils eine knackige Kombinations-Pointe aus dem Schaffen der aktuellen Meistergeneration. In einem unschlagbar günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis legt uns Martin Breutigam ein passendes Weihnachtsgeschenk für jeden Schachfreund auf den Gabentisch.
140 kurze Geschichten umrahmen jeweils eine knackige Kombinations-Pointe aus dem Schaffen der aktuellen Meistergeneration. In einem unschlagbar günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis legt uns Martin Breutigam ein passendes Weihnachtsgeschenk für jeden Schachfreund auf den Gabentisch.

Wenn man das Buch liest – und gerade wenn man sich einzelne Geschichten zur genüsslichen Lektüre herauspickt – muss man immer im Hinterkopf behalten, dass es sich um Zeitungskolumnen handelt, deren Aktualität längst ihr Verfallsdatum überschritten hat. Im Seitenkopf ist jeweils relativ unauffällig die Jahreszahl der Veröffentlichung angegeben. Eine etwas genauere Datierung wäre hilfreich. Formulierungen wie „bei der laufenden WM“ oder „am letzten Sonntag“ erschließen sich dem Leser so immer erst nach einem kurzen Zweifeln, zumal der Reiz des Taschenbuches auch darin besteht, es nicht chronologisch durchzuarbeiten. Geradezu als Anachronismus wirkt es z.B. wenn Magnus Carlsen für das Erreichen von Platz 31 der Weltrangliste gefeiert wird… Die Texte aus heutiger Sicht nachträglich umzuformulieren oder zu ergänzen, wäre wohl ein schwieriger Spagat gewesen, bei dem die Authentizität auf der Strecke bleiben müsste.
Dieser zeitliche Versatz, an den sich der Leser erst gewöhnen muss, bleibt das einzige Unbehagen bei einer ansonsten absolut kurzweiligen und anregenden Lektüre. ■

Martin Breutigam: Todesküsse am Brett, Verlag Die Werkstatt, 160 Seiten, ISBN 978-3895337437

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Andrew Soltis: Studying Chess Made Easy

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Anregungen für das persönliche Schachtraining

von Malte Thodam

Wenn Schachspieler ihr Können verbessern möchten, bedeutet das in der Regel harte Arbeit. Gerade älteren Spielern mit Verpflichtungen wie Arbeit und Familie fällt es nicht leicht, ein lohnendes Training in regelmäßigen Abständen zu absolvieren. Kindern und Jugendlichen fallen dagegen viele Dinge auf spielerische Art zu, die Erwachsene sich hart erarbeiten müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fülle an Informationen im Schach ganz besonders erdrückend ist. Man kauft irgendein beliebiges Buch über seine Lieblingseröffnung, und versucht mit Mühe ein paar Varianten zu behalten. Irgendwann legt man das Buch müde und frustriert aus der Hand, verbessert hat man sich dabei kaum. Sicher haben viele Schachspieler ähnliche Erfahrungen gesammelt.

Ein Weg zum richtigen Schachstudium

Schach Andrew Soltis - Studying Chess made easy - Batsford CoverVom Umgang mit solchen Problemen und dem Weg zum richtigen Schachstudium handelt ein beim englischen Verlag Batsford erschienenes Buch. Der internationale Meister und Journalist Andrew Soltis berichtet in „Studying Chess made easy“ stellvertretend für viele andere Spieler über Jacques Rosseaus bittere Erfahrungen mit dem Studium des Schachspiels. Der Staatstheoretiker habe, so Soltis, nach seinen ersten Partien gegen einen Amateur voller Elan ein Schachbrett, Figuren und das damals beste auf dem Markt erhältliche Schachbuch gekauft. Stunde um Stunde soll Rosseau die Varianten studiert haben. Doch als er zurück ans Schachbrett kam, war das Ergebnis seines ambitionierten Trainings völlig ernüchternd: Ein ums andere Mal verlor Rosseau gegen den selben Amateur, der ihm einige Monate zuvor das Schachspielen beigebracht hatte. Offenbar war Rosseaus Vorhaben, die Theorie genauestens zu studieren und zu behalten, zum Scheitern verurteilt, es hatte ihn eher verwirrt als sein Spiel verbessert.

Wie mit dem Überfluss an Schachinformationen umgehen?

Falsches Training: Aufklärer Rousseau (r.) beim Schachspielen gegen den Prinzen Conti (Cousin von Louis XV)
Falsches Training: Aufklärer Rousseau (r.) beim Schachspielen gegen den Prinzen Conti (Cousin von Louis XV)

Mit dem Überfluss an Informationen im Schach umzugehen ist also eines der Themen, die Soltis behandelt. Er beschreibt nach welchen Kriterien man Bücher für das eigene Training auswählen kann, welche Trainingsmethoden nutzbringend sind, und welche zuletzt eher wenig praktikabel. So beschreibt er seine eigenen früheren Trainingserfahrungen als Beispiel für den falschen Weg des Schachstudiums. Soltis versuchte Eröffnungsbücher akribisch durchzuarbeiten, was für ihn jedoch wenig erhellend war, da es in ihnen oft keine Antworten auf seine Fragen gab. Wir alle kennen diese Fragen, die dann auftauchen, wenn eine Variante ohne jegliche Erkärung im Text mit einem „Informator“-Symbol – sagen wir: „+=“ – endet, und wir schlichtweg nicht wissen, warum eigentlich. Diese Art zu lernen, die Soltis mit dem Lernen für die Schule vergleicht (er spricht von Pauken), habe ihn womöglich um Jahre zurückgeworfen.

Stattdessen setzt der Großmeister auf eine Auswahl von Trainingsmethoden, die er nach den genannten Erfahrungen als die sinnvollsten Methoden zur Verbesserung der Spielstärke erachtet. Dabei nennt er das wohl Wichtigste gleich zu Beginn: „Learning chess should be fun“. Eben dies wird kaum der Fall sein, wenn man unrealistische Ziele wie das Durcharbeiten einer Eröffnungsenzyklopädie verfolgt. Soltis warnt davor, dass man auf diese Art eher noch weniger trainiert als zuvor. Zuletzt droht der Spaß am Schach auf diesem Wege völlig verloren zu gehen.

Die Bedeutung der Muster-Erkennung

Hartes Training: Youngster Andrew Soltis (r.) in New York gegen die Schach-Legende Bobby Fischer
Hartes Training: Youngster Andrew Soltis (r.) in New York gegen die Schach-Legende Bobby Fischer

Welche Vorschläge hat Soltis nun anzubieten, um ein effektives Selbststudium zu ermöglichen? Zum einen empfiehlt er das Ausspielen von technisch gewonnenen Stellungen gegen den Computer. Das klingt plausibel, denn der Rechner zwingt zu genauen Zügen unter Wettkampfbedingungen – die Uhr läuft schließlich.
Andrew Soltis macht den Leser außerdem auf die große Bedeutung der Mustererkennung aufmerksam, weist aber auch darauf hin, dass es unnötig ist, sehr seltene Muster zeitraubend und mühselig im Gedächtnis zu speichern. Als Beispiel gibt er etwa das Endspiel Turm gegen Turm und Läufer an, das in der Praxis nicht nur sehr selten ist, sondern auch nach genauem Studium keine Gewinngarantie für die stärkere Partei bietet.

Greifbar für die Praxis

Andrew Soltis neue Schach-Trainings-Anleitung lockt den Leser nicht mit simplen Versprechen, sondern zeigt verschiedene interessante Methoden zur Verbesserung der eigenen Spielstärke auf. Sein Buch liest sich flüssig und dürfte jedem Schachspieler neue Anregungen für das eigene Training geben.
Andrew Soltis neue Schach-Trainings-Anleitung „Studying Chess Made Easy“ lockt den Leser nicht mit simplen Versprechen, sondern zeigt verschiedene interessante Methoden zur Verbesserung der eigenen Spielstärke auf. Sein Buch liest sich flüssig und dürfte jedem Schachspieler neue Anregungen für das eigene Training geben.

Der Autor lockt den Leser nicht mit simplen Versprechen, zeigt aber in voneinander unabhängigen Kapiteln verschiedene interessante Methoden zur Verbesserung der eigenen Spielstärke auf. Sein Buch liest sich flüssig und dürfte jedem Schachspieler einige neue Anregungen für das eigene Training geben. Erfreulich ist dabei, dass Soltis nicht nur verschiedene Methoden empfiehlt, sondern auch detailliert die einzelnen Vorgehensweisen beschreibt. So wird sein Rat greif- und für den Leser in der Praxis anwendbar. Wer also das eigene Schachtraining umgestalten möchte (und des Englischen leidlich mächtig ist), der kann bei der Wahl dieses Buches kaum einen Fehler machen. ■

Andrew Soltis, Studying Chess Made Easy (engl.), 256 Seiten, Batsford / Anova Books, ISBN 978-1906388676

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Heinz Brunthaler: Ihre Schachkombinationen für 2010
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E. Hennlein: Schach-Weltmeisterschaften der Frauen

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Chronik des weltmeisterlichen Frauen-Schachs

von Thomas Binder

Gleich mehrfach betritt das Buch „Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen“ von Elmar Hennlein Neuland. Der Autor hat als Literaturwissenschaftler und Theologe bisher auf anderen Gebieten gearbeitet, verfasst nun aber als passionierter Schachspieler erstmals eine Monographie zu dieser Thematik. Zugleich ist es das erste Schachbuch aus dem Wuppertaler Damen-Verlag. Somit liegt uns nun – und das ist die dritte und bedeutendste Neuerung – erstmals eine auf Vollständigkeit abzielende Darstellung zur Geschichte der Schachweltmeisterschaften der Damen vor.

Verstreute Informationen zur Gesamtdarstellung vereint

Elmar Hennlein - Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen (Damen-Verlag)Wer selbst im zeitgemäßen Medium Internet den Versuch macht, sich einen umfassenden Überblick über die nur gut 80jährige Geschichte dieser Wettkämpfe zu verschaffen, der kann verstehen, dass Hennlein von langjähriger Recherche spricht. Es ist dem Autor gelungen, die weit verstreuten Informationen zu einer chronologischen Gesamtdarstellung zu vereinen. In gedruckter Form sucht das Buch seinesgleichen und kann sich wohl als Standardwerk zur Thematik etablieren. Der Internet-Nutzer sei ergänzend auf die Webseite von Mark Weeks zur Geschichte der Schach-WM hingewiesen sowie auf die deutschsprachige Wikipedia, wo vor allem Gerhard Hund verdienst- und liebevolle Arbeit geleistet hat.

Schach-Weltmeisterin Vera Menchik beim Simultan-Spiel (auch gegen Frauen...)
Schach-Weltmeisterin Vera Menchik beim Simultan-Spiel (auch gegen Frauen…)

Elmar Hennlein widmet sich in einzelnen Kapiteln jeder der bisher 32 Weltmeisterschaften der Damen und den Titelträgerinnen von Vera Menchik bis Alexandra Kostenjuk. Zusätzlich geht er auf das Damenturnier 1897 in London ein, den legitimen Vorgänger der Weltmeisterschaften. Zu jedem Titelkampf bekommen wir die komplette Ergebnisübersicht mit Kreuztabellen oder Partielisten geboten, einschließlich der Kandidaten-Wettkämpfe (ab 1952) und Interzonenturniere (ab 1971). Bei Turnieren im Schweizer System ergänzt der Autor mit einer Kreuztabelle der oberen Turnierhälfte – ein ungewohnter und aufschlussreicher Blick auf den Turnierverlauf.

Spätere Weltmeisterinnen „austauschbar“?

Die amtierende Schach-Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk
Die amtierende Schach-Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk

Zu den herausragenden Spielerinnen gibt es kurze biographische Details, die sich meist aber auf die Lebensdaten und die wichtigsten Turniererfolge beschränken. Etwas umfangreichere Darstellungen finden sich nur über Vera Menchik und ihre zeitweilige Rivalin Sonja Graf. Ist der Eindruck so falsch, dass die Weltmeisterinnen späterer Jahrzehnte – kommen sie aus Russland, Georgien oder China – im Vergleich zu diesen charismatischen Persönlichkeiten irgendwie austauschbar wirken?

Frauen-Schachweltmeisterin 2004 Antoaneta Stefanowa in einer Zeichnung von Axel Hennlein
Frauen-Schachweltmeisterin 2004 Antoaneta Stefanowa in einer Zeichnung von Axel Hennlein

Neben den nüchternen Ergebnissen steht jeweils eine knappe Schilderung des Wettkampfverlaufs, die allerdings kaum über das hinaus geht, was man aus den Zahlen ablesen kann. Außerdem werden zu fast jeder WM eine bis zwei entscheidende Partien in Notation und mit Diagramm dargestellt. Die Kommentare innerhalb der Partien sind knapp gehalten, können und wollen eine schachliche Analyse nicht ersetzen. Insgesamt zwölf Spielerinnen werden mit ganzseitigen, sehr gelungenen Porträt-Zeichnungen aus der Feder von Axel Hennlein „ins Bild gesetzt“.

Statistiken und biographische Daten

Im Anhang finden wir einige Statistiken sowie zusammengefasste biographische Daten zu knapp 100 Spielerinnen. Gewissenhaft sind an allen Stellen die verwendeten Quellen dokumentiert.

Die bisherigen Frauen-Weltmeisterinnen
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Name                   Zeitraum      Land

Vera Menchik           1927–1944     Tschechoslowakei&GB
keine Weltmeisterin    1944–1950     –
Ljudmila Rudenko       1950–1953     Sowjetunion
Jelisaweta Bykowa      1953–1956     Sowjetunion
Olga Rubzowa           1956–1958     Sowjetunion
Jelisaweta Bykowa      1958–1962     Sowjetunion
Nona Gaprindaschwili   1962–1978     Sowjetunion
Maja Tschiburdanidse   1978–1991     Sowjetunion
Xie Jun                1991–1996     China
Zsuzsa Polgár          1996–1999     Ungarn
Xie Jun                1999–2001     China
Zhu Chen               2001–2004     China
Antoaneta Stefanowa    2004–2006     Bulgarien
Xu Yuhua               2006-2008     China
Alexandra Kostenjuk    seit 2008     Russland

Wenn man das Buch als Lektüre begreift, wird man irgendwann an einer gewissen Einförmigkeit Anstoß nehmen, die das Thema in der hier gewählten Darstellungsform nun einmal mit sich bringt. Es ist daher nicht als Lesestoff zu verstehen, sondern als Nachschlagewerk – ein Anspruch, den es hervorragend erfüllt.

Kompletter Verzicht auf Illustrationen

Der Autor legt ein Standardwerk zu einem bislang vernachlässigten Thema vor. Jede einzelne WM wird sachlich und mit Schwerpunkt auf die sportlichen und biographischen Fakten dargestellt. Wenige Wünsche – insbesondere nach Fotos – bleiben offen. Die hochwertige äußere Gestaltung hebt das Werk vom üblichen Schachbuchmarkt ab, bedingt allerdings auch einen ungünstig hohen Verkaufspreis.
Der Autor legt ein Standardwerk zu einem bislang vernachlässigten Thema vor. Jede einzelne WM wird sachlich und mit Schwerpunkt auf die sportlichen und biographischen Fakten dargestellt. Wenige Wünsche – insbesondere nach Fotos – bleiben offen. Die hochwertige äußere Gestaltung hebt das Werk vom üblichen Schachbuchmarkt ab, bedingt allerdings auch einen ungünstig hohen Verkaufspreis.

Was bleibt für den Leser an Wünschen? Da ist zunächst der vollständige Verzicht auf Fotos zu bedauern. Für den historisch kurzen Zeitraum müsste sich eigentlich genug Bildmaterial finden lassen. Jedenfalls hätten Fotos die Chance geboten, noch mehr Zeitkolorit zu vermitteln. Gleiches ließe sich vielleicht auch durch verstärkten Einsatz zeitgenössischer Zitate (aus Zeitungen – gern auch im Faksimile) erreichen. Schließlich – und das lässt sich wohl am einfachsten beheben – fehlen in allen Tabellen die Angaben zum Herkunftsland der Spielerinnen.

Das vorliegende Buch hat mit 35 Euro einen stolzen Preis. Mir scheint, dieser ist vor allem der für Schachliteratur ungewöhnlich edlen Ausstattung geschuldet. Das Lektorat hat ganze Arbeit geleistet, der Rezensent keinen einzigen Druckfehler gefunden. Leinen-Einband und sehr hochwertiges Papier ist der geneigte Schachbuch-Leser heute nicht mehr gewohnt… – und er ist wohl leider auch nicht mehr bereit, dafür zu zahlen. Hier könnte der Damen-Verlag möglicherweise am hohen eigenen Anspruch scheitern. Vielleicht kann man das Buch mit einer Auflage in Taschenbuch-Qualität für einen deutlich größeren Leserkreis attraktiv machen; verdient hätte es dies. ■

Elmar Hennlein, Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen, Damen-Verlag Wuppertal, 232 Seiten, ISBN 978-3-942008-00-6

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André Schulz: Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Mihail Marin: Die Englische Eröffnung (Schach)

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Tiefsinnige Arbeit über den „englischen“ Eröffnungskomplex

von Malte Thodam

Dem britischen Schachverlag „Quality Chess“ ist mit der neuen Reihe „Grandmaster Repertoire“ anscheinend ein großer Wurf gelungen. Die beiden Bände des israelischen Großmeisters Boris Avrukh über 1.d4 waren, wie man allenthalben hört, ein voller Erfolg. Kein Wunder, dass nun immer weitere Werke in dieser Reihe erscheinen, so auch zur Englischen Eröffnung. Der erste Band dazu, dessen Autor der rumänische Großmeister Mihail Marin ist, liegt bereits vor.

Einer der führenden Experten  der Englischen Eröffnung

Mihail Marin: Die Englische Eröffnung (Band eins) Quality ChessMarin hat sich mittlerweile durch andere Bücher wie „Learn from the Legends“ oder seine exzellenten Bände zu den offenen Spielen einen mehr als guten Ruf als Schachautor erarbeitet. Seine Analysen sind sehr genau, und trotzdem auch für einen Normalsterblichen nachvollziehbar, der Schreibstil Marins ist stets unterhaltsam, denn schließlich lässt er den Leser auch an seinen eigenen Erfahrungen teilhaben. Da Marin außerdem einer der führenden Experten der Englischen Eröffnung ist, versprach sein Buch „Die Englische Eröffnung Band 1“ (dem Rezensenten liegt die deutsche Ausgabe vor) von Anfang an viel.

Das Ziel Marins in „Die Englische Eröffnung“ besteht darin, in insgesamt drei Bänden ein komplettes Repertoire für Weiß nach 1.c4 anzubieten. Dabei beschäftigt sich Band 1 ausschließlich mit den Varianten nach 1.c4 e5, zwei weitere Bände sind noch geplant. Band 2 wird dabei andere schwarze Züge wie 1…e6 oder 1…c6 behandeln, den Schluss soll schließlich der dritte Band über symmetrisches Englisch bilden. Diese sollen laut Quality Chess im August/September 2010 erscheinen.

Gespickt mit Neuerungen aus dem eigenen Eröffnungslabor

Mihail Marin - Glarean Magazin
Eröffnungsspezialist: Großmeister Mihail Marin

Bis dahin bleiben den Freunden der englischen Eröffnung erst einmal üppige 480 Seiten über 1. c4 c5. Marin unterteilt das Material in die Hauptsysteme (u.a. Karpow-Variante, Botvinnik System, Rossolimo Variante usw.) und die Nebenvarianten (etwa die Keres-Variante). Das vorgeschlagene Repertoire hat Marin selbst in einem langen Reifeprozess entwickelt, wie er im Vorwort ausführt. Anschließend hat er es in seinen eigenen Partien mit Erfolg benutzt, wie seine Analysen, in denen er auch Ausschnitte aus eigenen Partien vorstellt, belegen. Nach 1.c4 c5 fährt Marin ausschließlich mit 2.g3 fort, wie es schon Tony Kosten in seinem älteren Repertoirebuch „The dynamic English“ empfohlen hat. Damit vermeidet Marin Abspiele wie z.B. 1.c4 e5 2.Sc3 Lb4 nebst …f5, die mit Weiß lästig sein könnten. Das Buch ist gespickt mit zahlreichen Neuerungen aus Marins Eröffnungslabor, die auch für Großmeister interessant sein dürften.

Erhellende Ausführungen statt simple Notationssymbole

Das klassische frühere „Sizilianisch im Anzuge“ als Hauptsystem der Englischen Eröffnung: 1.c4 e5

Für jeden ernsthaften Englischspieler kann man daher „Die Englische Eröffnung Band 1“ nur empfehlen. Der normale Schachspieler wird die Fülle an Material mit Sicherheit nicht vollständig brauchen, daneben dürften die hilfreichen Erklärungen Marins aber für die meisten Schachspieler verständlich sein. Marin schreibt zu diesem Aspekt selbst in der Einleitung, dass man das Buch nicht komplett durcharbeiten muss, sondern die Erklärungen wiederkehrender Motive den meisten Lesern schon erheblich weiterhelfen dürften.

Bei der Klarheit, mit der Marin alle Feinheiten der Englischen Eröffnung in ihrer reinsten Form (1.c4 e5) beschreibt, bemerkt man sein riesiges Verständnis der entstehenden Abspiele. Anders als in vielen Eröffnungsbüchern bietet er dem Leser erhellende Ausführungen über die Bewertungen einzelner Varianten, statt ihn mit einem einfachen „+=“ oder ähnlichem abzuspeisen. Jedem Kapitel folgt eine kurze Zusammenfassung, in der Marin seine Einschätzung über die behandelten Varianten mit seinem Publikum teilt. Dadurch vertieft der Leser nicht nur sein Wissen über die Englische Eröffnung, sondern auch sein Verständnis des gesamten Schachspiels.

Marin ist mit „Die Englische Eröffnung“ das Kunststück gelungen, einen Theorie-Band zu schreiben, der sowohl Eröffnungs- als auch Mittelspiel-Buch ist. Eine tiefsinnige Arbeit für jeden fortgeschrittenen Spieler bis zum starken Großmeister.

Einmal mehr ist Marin das Kunststück gelungen einen Theorie-Band zu schreiben, der sowohl Eröffnungs- als auch Mittelspielbuch ist. Eine tiefsinnige Arbeit für jeden fortgeschrittenen Spieler bis zum starken Großmeister. Man darf gespannt auf seine beiden Folgebände über die restlichen Antworten auf 1.c4 warten. Den verdienten Nachfolger von KostenŽs „The Dynamic English“ hat Marin jedenfalls jetzt schon vorgelegt. ■

Mihail Marin, Großmeister-Repertoire – Englische Eröffnung Bd.1, 480 Seiten, Quality Chess, ISBN 978-1906552244

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Karsten Müller & Rainer Knaak: 222 Eröffnungsfallen

Nesis & Alexejew: Königsindische Verteidigung (Schach)

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Interessanter Ausflug zum „Königsinder“

von Malte Thodam

Seit langer Zeit schon hat die Königsindische Verteidigung alle Schachspieler fasziniert, die mit Schwarz sofort eine unbalancierte Stellung erreichen wollen, um so den ganzen Punkt zu erkämpfen. Unvergessen bleiben die Partien Fischers und Kasparovs, denen diese Eröffnung einen Großteil ihrer Popularität verdankt. In heutiger Zeit ist es hauptsächlich Radjabov, der immer wieder neue Ideen im „Königsinder“ findet, und ihn somit immer noch auf höchstem Niveau spielbar hält.
Weiß hat seit der Erfindung dieser Verteidigung im 19. Jahrhundert alles versucht, um seinen Raumvorteil in etwas Zählbares umzuwandeln. Dies hat die aktuelle Theorie in ein wahres Dickicht von Varianten geführt, in dem man schnell den Überblick verlieren kann. Um das Studium dieser klassischen Kontereröffnung zu erleichtern, hat der Fernschach-Vizeweltmeister Gennadi Nesis im Joachim-Beyer-Schachverlag das Werk „Königsindische Verteidigung – richtig gespielt“ verfasst, wofür er sich den starken russischen Großmeister Jewgeni Alexejew als Co-Autor ins Boot geholt hat.

Kein gängiges Eröffnungsbuch, sondern eine Partien-Sammlung

Aufgebaut ist das Buch aus insgesamt fünf Kapiteln, von denen jedes ein Hauptsystem (Fianchetto-System, Sämisch, Klassisches System, Vierbauernvariante) behandelt. Jedem Kapitel wurde eine kurze Einführung vorangestellt, die neben allgemeinen Informationen auch einige historische Fakten zu den behandelten Systemen bereit hält. Das Schlusskapitel beschäftigt sich mit den selteneren Versuchen des Weißen, etwa dem Awerbach-System (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0 6.Lg5).

G. Nessis & J. Alexejew: Königsindische Verteidigung - richtig gespieltInteressant dabei ist, dass nicht einfach die verschiedenen Varianten nacheinander „abgespult“ werden, wie es in klassischen Theoriebüchern oft der Fall ist; das Buch ist eher als eine Partiesammlung aufzufassen, nicht als gängiges Eröffnungsbuch. Dabei enthält „Königsindische Verteidigung – richtig gespielt“ sowohl ältere Partien als auch aktuelles Material bis 2008. Den Autoren geht es eher darum, die Ideen der Eröffnung vorzustellen, statt eine Masse an Theorie aufzubereiten. Sie führen den Leser mit Kommentaren durch die zum großen Teil wirklich sehr schönen Partien, die nicht selten durch hübsche taktischen Pointen entschieden werden.
Ein Beispiel aus der Partie Wang Yue – Ivan Cheparinow, FIDE-Weltcup Chanty-Mansisk 2007, sei hier kurz vorgestellt: In dieser Stellung nach dem 40. Zug von Weiß wäre die Umwandlung des Bauern d2 in eine Dame ein grober Fehler, da hierdurch das Dauerschach durch die weiße Dame möglich würde (40… d1 D?? 41.De7+ Kh6 42. Dg5+ Kg7 43.De7+ usw.). Doch Cheparinow spielte an dieser Stelle das starke 40… d1 S+! – der Zug gewinnt ein entscheidendes Tempo und hält den schwarzen Materialvorteil fest, gegen den Weiß kein ausreichendes Gegenspiel als Kompensation verfügt.

Taktische Kenntnisse als Voraussetzung für nutzbringende Lektüre

Abweichungen von den Textzügen bzw. Hauptvarianten der Partien werden ebenfalls durch Varianten erklärt, wobei hier (wie bereits erwähnt) keine theoretische Vollständigkeit gegeben ist. Um das Buch ohne größere Anstrengungen lesen zu können, sollte man über gewisse taktische Kenntnisse verfügen, da nicht immer alles erklärt wird, wie es z.B. in der „Starting-Out“-Reihe im Verlag „Everyman“ der Fall ist. Für den fortgeschrittenen Schachfreund, der sein Wissen über die Königsindische Verteidigung aufbessern will, findet sich allerdings eine reiche Palette an interessanten Kämpfen.

„Königsindische Verteidigung – richtig gespielt“ stellt kein komplettes Repertoirebuch dar, sondern ist für Schachspieler gedacht, die einen interessanten Überblick über die wesentlichen Motive dieser wichtigen Schach-Eröffnung suchen. Wer demgegenüber ein komplettes Repertoirebuch sucht, sollte sich vielleicht doch anderweitig umschauen, da dieser Band dem versierten Turnierspieler hierfür gewiss nicht mehr ausreichen wird. Diesen Anspruch erheben die beiden Autoren jedoch auch nicht, so dass ihr Werk einen interessanten Überblick über diese theoretisch und praktisch gleichermaßen bedeutsame Eröffnung darstellt und wichtige, in ihr stets wiederkehrende Motive begreiflich macht. ■

Gennadi Nesis / Jewgeni Alexejew, Königsindische Verteidigung – richtig gespielt, 204 Seiten, Joachim-Beyer-Schachverlag, ISBN 978-3888055003

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die
Schach-Zeitschrift Caissa – Ausgabe 1-2018

J. Konikowski und O. Heinzel: Holländisch – richtig gespielt

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Varianten-Fülle auf Kosten der Kommentierung

von Malte Thodam

Der Doppelschritt des schwarzen f-Bauern als Antwort auf 1.d4 gilt seit langer Zeit als umstritten. Während einige starke Großmeister den Zug in ihrem  Repertoire haben, oder ihn zumindest früher einmal gespielt haben (unter anderem sogar Kramnik!), lehnen andere ihn vehement als fehlerhaft ab. GM Jussupow, der übrigens ebenso wie bereits Weltmeister Kramnik in der Vergangenheit darauf zurückgegriffen hat, bemerkte über die Holländische Eröffnung einmal, dass f5-f7 wohl vielfach der beste Zug wäre, wenn er denn den Regeln nach möglich wäre…
Das ist sicher etwas überspitzt formuliert, zeigt aber die Schwierigkeit der Diskussion über diese ungewöhnliche Spielweise eindeutig. Der GM Vladimir Malaniuk gilt heute als führender Experte des Leningrader Systems, genau wie der deutsche Großmeister Stefan Kindermann, dessen Buch über die besagte Eröffnung einen sehr guten Ruf genießt.

Das komplette Holländisch-Repertoire angeboten

Konikowski: Holländisch - richtig gespieltAktuell ist nun im Joachim-Beyer-Verlag ein neues Werk zur Holländischen Eröffnung erschienen. In „Holländisch richtig gespielt“ wollen FM Jerzy Konikowski und IM Olaf Heinzel dem Leser ein komplettes Repertoire für Schwarz nach 1.d4 f5 anbieten. Doch damit nicht genug: Es steht dem Leser die Wahl zwischen dem Stonewall und dem Leningrader System offen, beide für sich genommen schon ziemlich anspruchsvoll.

Das alles auf 149 Seiten unterbringen zu wollen, erscheint ziemlich ambitioniert – vor allem, wenn man die zahlreichen Nebenvarianten bedenkt, die gerade auf Ebene der Vereinsspieler nicht gerade ungefährlich sind. In der Einführung versprechen die Autoren auch darauf kurz einzugehen, ohne gewisse Vorkenntnisse oder aber die nötige Spielstärke sucht derjenige, der sich mit der Holländischen Verteidigung vertraut machen möchte, jedoch oft nach genaueren Erklärungen. Zum Beispiel erhält das für versierte Holländisch-Spieler zugegebenermaßen nicht gerade furchteinflößende 2.g4 nur einige Varianten, die mit „unklar“ oder „Schwarz steht leicht besser“ enden. Die Autoren bemerken dazu (auf S.11): „Sie werden feststellen, dass Ihnen weniger bekannte Abspiele in der Turnierpraxis keine Schwierigkeiten mehr bereiten werden, wenn Ihnen die Prinzipien dieser Eröffnung bekannt sind.“ Das trifft natürlich auf jede Eröffnung zu, aber dennoch drängt sich die Frage auf, wieso man hier nicht ausführlicher kommentiert hat.

Interessant, umstritten, chancenreich: Die Holländische Partie 1.d2-d4 f7-f5
Interessant, umstritten, chancenreich: Die Holländische Partie 1.d2-d4 f7-f5

Dieser Stil zieht sich durch das ganze Buch. Es gibt viele Varianten, die mit „Schwarz steht besser“, „mit zweischneidigem Spiel“ oder ähnlichen Bewertungen enden. Die genaueren Details muss sich der Leser jedoch selbst erarbeiten, bzw. er muss stark genug sein, um mit diesen knappen Einschätzungen genug anfangen zu können. Gerade weniger erfahrene Spieler wünschen sich aber erfahrungsgemäß oft lieber einige verbale Zusatzerklärungen.

Varianten-Gestrüpp überwuchert die Kommentare

Es ist prinzipiell in Ordnung, wenn ein Buch wie das vorliegende aufgebaut ist, nur muss man sich im Klaren darüber sein, dass dies harte Arbeit bedeutet, wenn die zahlreichen Varianten die Kommentare eindeutig überwiegen. Dies ist nicht unbedingt nach jedermanns Geschmack. Die Partien sind etwas ausführlicher kommentiert als der Rest des Buches, doch warum stammt die aktuellste Partie aus dem Jahre 2006? Hätte man hier nicht neueres Material benutzen können, zumal etliche wirklich alte Spiele das Gros des dargebotenen Partiematerials ausmachen? Auch die Zusammenfassungen der Kapitel könnten teilweise etwas umfangreicher sein. Schlussfolgerungen wie: „Vor dieser weißen Aufstellung braucht sich Schwarz nicht zu fürchten. Er kann das Spiel einfach ausgleichen“ (S.105) wirken manchmal ein wenig zu knapp.

Fazit-Balken Glarean Magazin
Teilweise geht die Fülle der Varianten und Neben-Abspiele klar auf Kosten der (allgemeinen) Kommentare – schlecht für den „normalen“ Vereins-Spieler. Für den Elo-starken Turnier-Spieler kann sich der Band hingegen als durchaus hilfreiche Unterstützung der häuslichen Vorarbeit erweisen.

Immerhin wird aber hier und da auf wichtige Punkte aufmerksam gemacht, die man allerdings in der Regel anhand der Varianten wieder selbst erarbeiten muss, da sie nicht immer weiter ausgeführt werden. Schließlich ist es etwas schade, dass die Fülle an Varianten auf Kosten der Kommentare geht, um auf den ca. 150 Seiten das eingangs erwähnte Vorhaben umsetzen zu können. Denn durch das Gefühl, auf manchen Seiten in den Varianten regelrecht zu ertrinken, wird mancher gute und richtige Kommentar in den Hintergrund gedrängt. Ein paar Seiten mehr für verbale Erklärungen hätten dem Buch sicher nicht geschadet, zudem hätten sie die Lesbarkeit sicherlich verbessert.
Den größten Nutzen aus dieser – drucktechnisch und layouterisch sehr gediegen präsentierten – Monographie wird also der erfahrene, kräftig mit Elo-Punkten ausgestattete Turnierspieler ziehen, den weniger die allgemeinen (holländischen) Stellungskriterien denn die konkreten Abspiele interessieren. Für ihn kann sich der Band als durchaus hilfreiche Unterstützung der häuslichen Turnier-Vorarbeit erweisen. ■

J.Konikowski / O. Heinzel, Holländisch – richtig gespielt, Joachim Beyer Verlag, 144 Seiten, ISBN 978-3888054990

Inhalt (Auszug)

Inhalt von "Holländisch - richtig gespielt" (Joachim Beyer Verlag)
Inhalt von „Holländisch – richtig gespielt“ (Joachim Beyer Verlag)

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Martin Breutigam: Todesküsse am Brett

Gerhard Josten: A Study Apiece (Problemschach)

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Faszinierender Blick in die Studienschach-Küche

von Walter Eigenmann

Der 72-jährige Kölner Schachkomponist, -historiker, -feuilletonist und -schiedsrichter Gerhard Josten ist in der internationalen Schachszene seit Jahren eine ebenso markante wie produktive Persönlichkeit. Seinen Arbeiten, Büchern, Reportagen und Untersuchungen rund ums vielseitig schillernde Thema „Schach“ begegnet man in Schachzeitungen wie der Rochade Europa, auf Problemschach-Portalen wie der Schwalbe und bei anderen internationalen Turnier-Ausrichtern, in zahlreichen Monographien, ja sogar in einem gestandenen Schach-Roman. Sein neuester Coup: Die Studien-Sammlung „A Study Apiece“.

68 Studien-Komponisten aus aller Welt

Gerhard Josten: A Study Apiece (Problemschach und Studien) - Edition JungDer umtriebige Enthusiast des Königlichen Spiels hat die Welt des Problemschachs um eine weitere Publikation bereichert, indem er 68(!) bekannte (und auch weniger bekannte) Autoren aus aller Welt einlud, je eine eigene Lieblingsstudie und deren Entstehungsgeschichte zu einer großangelegten Anthologie beizusteuern. Das Resultat ist ein 280-seitiges Kompendium namens „A Study Apiece“ („Eine Studie pro Kopf“), das nicht nur international anerkannte Endspielschaffende und faszinierende Schach-Endspiel-Aufgaben versammelt, sondern auch sehr authentische Einblicke eröffnet in die kreative, teils auch skurile, immer aber faszinierende Werkstatt moderner Studienschöpfer.

Gerhard Josten (*1938)
Gerhard Josten (*1938)

Die Teilnehmer-Liste von Jostens umfangreicher Sammlung – das Vorwort schrieb übrigens kein geringerer als der EG-Gründer John Roycroft – liest sich dabei wie das „Who-is-who“ der aktuellen internationalen Schachstudien-Szene: Lebende Legenden wie John Nunn und Pal Benkö oder Problemschach-Prominente wie Michal Hlinka, Mikhail Zinar und Jan Rusinek steuerten ihr ganz persönliches „Best-of“ ebenso bei wie solche unbekannten, aber innovativen Komponisten wie Ilham Aliev, Marco Campioli, Yuri Roslov, Gheorghe Telbis oder Wouter Mees – der interessanten Köpfe wären noch einige. Natürlich kann man in solchen Anthologien immer auch ein paar wichtige Namen vermissen; so hätten meines Erachtens Kostproben verschiedener jüngerer, aber nichtsdestoweniger einflussreicher Autoren wie beispielsweise Abdelaziz Onkoud, Piotr Murdzia oder Miodrag MladenoviÄ den Band noch zusätzlich aufgewertet.

Simple, aber ästhetisch ansprechende Studien

Jean-Marc Loustau: White to play and win (Phénix 2009)
Jean-Marc Loustau: White to play and win (Phénix 2009)

Und wenn wir schon bei den Schönheitsfehlern sind: Schade, dass den jeweiligen Hauptdiagrammen nicht die gleiche grafische Sorgfalt zuteil wurde, wie sie ansonsten den Band auszeichnet; solche grobpixeligen Illustrationen – wohl durch Vergrößerung entstanden – dürften eigentlich nicht mehr vorkommen im Zeitalter hochtechnisierten Desktop-Publishings, erst recht nicht bei einem stattlichen Buchpreis von knapp 30 Euro. Ansonsten ist „A Study Apiece“ aber ein layouterisch zwar einfach, aber durchaus ansprechend gestalteter, auch buchbinderisch solide gefertiger Band mit zahlreichen Diagrammen, Fotos und viel Varianten- wie Fließtext; alles in allem sein Geld sicher wert.

Per Olin: White to play and draw (Moskau 1975)
Per Olin: White to play and draw (Moskau 1975)

Die von den 68 Buchautoren präsentierten Aufgaben kommen so vielfältig-heterogen daher wie die Biographien ihrer Schöpfer bzw. die Geschichte(n) ihrer Entstehung. Neben simplen Sechsteinern, die im Zeitalter der Datenbanken keinerlei endspieltechnische, wohl aber ungebrochen ästhetisch-künstlerische Bedeutung haben (wie obenstehendes Beispiel von J.M. Loustau zeigt), stehen hochkomplexe Patt-Konstrukte wie z.B. Per Olins  Stück (rechts), und natürlich sind innerhalb der beiden Grundforderungen, die eine richtige Endspiel-Schachstudie immer stellt – nämlich entweder a) „Weiß zieht und gewinnt“ oder b) „Weiß zieht und hält remis“ -, zahlreiche „klassischen“ Motive der Studien-Geschichte und deren gewachsene „Studienschulen“ anzutreffen.

Studien-Komposition im Computer-Zeitalter

Emil Melnichenko:
Emil Melnichenko: „I never totally trust the machine…“

Wie stehen eigentlich die heutigen Studien-Komponisten zum Problemfeld „Computer“? Charakteristisch hierzu scheint das Statement des bedeutenden neuseeländischen Autors Emil Melnichenko zu sein, der (S.153ff) schreibt: „Today, I usually check my work with a computer, but I never totally trust the machine, and I certainly never use it to garner ideas, because I do not know how, nor do I enjoy the human computer interface, in fact, I find it tedious, distracting and contra the artistic spirit that employs serendipity as muse.“ Und weiter stellt Melnichenko klar, dass er zwar um die Präzision der sog. EGTBs wisse, aber trotzdem an der Jahrhunderte alten Konvention festhalte: „Computer literate composers are welcome to make use of their power but as a dinosaur I still remain attached to the primitive and manual method of composing that employs a tangible medium I have enjoyed since youth, in preference to one I personally find self defeating.“

Schachprogramme entlarven preisgekrönte Aufgaben

Drei Pioniere der Computer-Endspiel-Forschung: Ken Thompson, Eugene Nalimov, Stefan Meyer-Kahlen (v.o.n.u.)
Drei Pioniere der Computer-Endspiel-Forschung: Ken Thompson, Eugene Nalimov, Stefan Meyer-Kahlen (v.o.n.u.)

Natürlich ist ein solches Selbstverständnis des „artistic spirit“ zu respektieren, gleichwohl muss leise angemerkt werden, dass in den einschlägigen Studien-Datenbanken mit ihren abertausenden von Aufgaben zahlreiche – teils bekannte, ja als „historisch wertvoll“ deklarierte – Stücke lagern, deren Lösungszüge das doppelt vergebene Ausrufezeichen keineswegs verdienen, sondern vielmehr von dem ach so tumben Computer unbarmherzig als nebenlösige oder gar inkorrekte Kompositionen entlarvt werden. Heutzutage tut ein Studien-Autor also gut daran, seine Vielzüger- bzw. -steiner dem finalen Röntgenlabor seines heimischen Silikanten und dann erst dem internationalen Schiedsrichter zuzustellen… (Inwieweit auch „A Study Apiece“ fehlerhafte Aufgaben enthält, habe ich nicht en détail untersucht; anzunehmen ist aber, dass Herausgeber (und Computerschach-Sympathisant) Josten diesbezüglich seine Hausaufgaben gemacht hat).

Nichtsdestoweniger soll in diesem Zusammenhang eine warnende Stellungnahme des bulgarischen Schiedsrichters Petko Petkov nicht unterschlagen werden (S.14ff): „Because at present we have many bad examples with using of ‚Nalimov’s databases‘ I think that this threat to endgame genre is very serious an can be fatal in near future when this databases can embrace settings with 7 pieces on the board. But after that can follow also envelop of 8,9 etc. positions. If the Nalimov’s tables give all positions with 7 pieces […] the ‚moving-formula‘ for the many endgames can be: x+7 where all new themes and ideas the composer should demonstrate only in this ‚introduction‘ with ‚x‘ pieces, because after it all is without any sense banal known. As professional lawyer I should say that at present very important for the world endgame – composition ist the question for the copyrights in the light of existence of Nalimov’s databases. If after x moves we receive a position with 6 pieces which is computer – Nalimov’s position the main question ist obviously how fare are original these x moves as an introduction…“

Von der kurzen Notiz bis zur mehrseitigen Analyse

 Schach-Studien kennt die Welt schon seit alters her; hier ein Detail aus dem
Schach-Studien kennt die Welt schon seit alters her; hier ein Detail aus dem „Buch der Spiele“ von König Alfons dem Weisen (13. Jh.)

Die je spezifische Art, wie die 68 Co-Autoren des Bandes ihre Werke vorstellen, wirft ein bezeichnendes Licht auf ihre Komponisten-Persönlichkeit: Einigen wie z.B. Javier Ibran genügen zwei Seiten, zwei Diagramme, zwei Varianten und ein paar Sätze, um ihre Lieblingsposition in Szene zu setzen, andere wie z.B. Siegfried Hornecker erläutern ihren kompositorischen Höhenflug auf fünf und mehr Seiten mittels ausgiebiger Verbalität, wieder andere (z.B. Daniel Keith) stürzen sich variantenverliebt in geradezu Hübnersche Abspiel-Orgien.

Dieser immer sehr subjektive, für den Leser interessant und authentisch wirkende Zugriff aller Komponisten auf ihre ganz persönliche „Top-One“-Stellung ist die große Stärke von „A Study Apiece“. Gerhard Josten legt mit dieser Endgame-Anthologie keine erschlagende Fülle von hunderten Aufgaben vor, sondern ein fast intimes, autobiographisches Kaleidoskop der Herstellungsverfahren und der individuellen Motivation der Studien-Schaffenden. In dieser betont persönlich-offenen Art des Einblicks in die internationale Werkstatt der Endspiel-Komposition sucht dieses Schachbuch von Herausgeber Gerhard Josten seinesgleichen. (Selbstverständlich ist der Band bei solch internationaler Autorenschaft komplett in englischer Sprache gehalten). Eine sehr willkommene, die bestehende Problem-Bibliothek bereichernde Buch-Edition. ■

Gerhard Josten (Hg.), A Study Apiece (68 Studien-Autoren und ihre Lieblingsaufgaben – engl.), Edition Jung Homburg, 280 Seiten, ISBN 978-3-933648-38-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Problemschach und Schachstudien“ auch über András Mészáros: 1000 Schach-Endspiel-Studien


English Translation

(Thanks to John Rice/UK)

A fascinating look into the world of the chess study

72-year-old Gerhard Josten, from Cologne, is a chess composer, historian, feature-writer and judge. For many years he has been both a notable and at the same time a productive figure on the international chess scene. His work, his books, reports and investigations concerning the multifaceted and enigmatic subject that is „chess“ can be found in chess magazines such as Rochade Europa, in chess-problem outlets like Die Schwalbe and at other international tourney events, in numerous monographs and even in a mature chess novel.

Now this energetic enthusiast of the royal game has enriched the world of chess composition with another publication. He invited each of 68 (!) well-known (and less well-known) composers from all over the world to contribute one favourite study from their own output, along with details of its genesis, to be included in a wide-ranging anthology. The result is a 280-page volume entitled „A Study Apiece“ which, with its assembly of internationally recognised names, provides not only a collection of absorbing chess endgame-studies but also a genuine insight into the creative and sometimes comical yet always fascinating workshop of present-day study-composers.

The list of contributors to Josten’s extensive collection, with its preface written by no less a figure than EG-founder John Roycroft, reads like a „Who’s who“ of the current international chess-study scene. Living legends such as John Nunn and Pal Benkö or leading figures of compositional chess like Michal Hlinka, Mikhail Zinar and Jan Rusinek sent in their very personal „best“ selections, alongside lesser known yet innovative composers such as Ilham Aliev, Marco Campioli, Yuri Roslov, Gheorghe Telbis or Wouter Mees and a number of other interesting figures. Of course it’s always possible with such anthologies to regret the absence of important names; in my view the inclusion of samples from various younger but no less influential composers such as Abdelaziz Onkoud, Piotr Murdzia or Miodrag Mladenovic, to name just a few, would have appreciably enhanced the value of the work.

And while we’re on the subject of shortcomings, it’s a pity that the main diagrams were not accorded the graphical care that characterises the rest of the book. Such unrefined illustrations, doubtless enlargements, have no place in the digital age of desktop publishing, especially not in a book with a cover price as high as 30 Euros. But otherwise „A Study Apiece“, with its admittedly simple layout, is attractively produced in a robust binding, with numerous diagrams and photos, and text typeset both for variation-play and for continuous reading. All in all it’s certainly worth the asking price.

The studies of the 68 contributors appear just as varied as the biographies of their composers and the details of the works‘ genesis. Alongside simple 6-piece items, which in these days of endgame databases have no technical significance but still display a certain aesthetic artistry (like Loustau’s diagrammed example), one finds highly complex stalemate constructions such as Per Olin’s study (diagrammed). And of course within the two basic stipulations found in all genuine chess endgame studies, viz. (a) White to play and win or (b) White to play and draw, one comes across innumerable „classical“ features from the history of studies and the various study-schools that have arisen.

What is the attitude of today’s study-composers to the thorny question of computers? This statement (p.153ff) from the eminent composer from New Zealand, Emil Melnichenko, seems typical: „Today, I usually check my work with a computer, but I never totally trust the machine, and I certainly never use it to garner ideas, because I do not know how, nor do I enjoy the human computer interface, in fact, I find it tedious, distracting and contra the artistic spirit that employs serendipity as muse.“ And Melnichenko goes on to affirm that while he knows about the precision of so-called EGTBs he still sticks to the centuries-old convention: „Computer-literate composers are welcome to make use of their power but as a dinosaur I still remain attached to the primitive and manual method of composing that employs a tangible medium I have enjoyed since youth, in preference to one I personally find self-defeating.“

Naturally this awareness of the „artistic spirit“ commands respect. At the same time it must be observed that in the relevant study databases with their many thousands of compositions there are numerous items stored, in some cases well-known and in others deemed to be „of historical value“, whose solutions contain moves that in no way merit the double exclamation-mark but which are mercilessly revealed by the crass computer to be cooked or completely insoluble. Nowadays a composer is well advised to give his study, if it has many moves and/or pieces, to the x-ray lab of his personal silicon-friend before submitting it to the international judge… (I have not investigated in detail whether „A Study Apiece“ contains faulty compositions; but it is to be assumed that editor Josten, who is by no means averse to computer-chess, has done his homework in this regard.)

Nevertheless a note of caution is sounded in this connection by Bulgarian judge Petko Petkov (p.14ff), and it deserves a mention: „Because at present we have many bad examples with using of ‚Nalimov’s databases‘ I think this threat to endgame genre is very serious and can be fatal in near future when this databases can embrace settings with 7 pieces on the board. But after that can follow envelop of 8, 9 etc. positions. If the Nalimov’s tables give all positions with 7 pieces […] the ‚moving-formula‘ for the many endgames can be: x+7, where all new themes and ideas the composer should demonstrate only in this ‚introduction‘ with ‚x‘ pieces, because after it all is without any sense banal known. As professional lawyer I should say that at present very important for the world endgame-composition is the question for the copyrights in the light of existence of Nalimov’s databases. If after x moves we receive a position with 6 pieces which is computer-Nalimov’s position, the main question is obviously how fare are original these ‚x‘ moves as an introduction…“

The individual manner in which the 68 co-authors of the book present their work casts a distinctive light on their composing personality. Some, like e.g. Javier Ibran, need no more than 2 pages, 2 diagrams, 2 variations and a few sentences to tell us everything about their chosen position. Others, e.g. Siegfried Hornecker, spread themselves over 5 or more pages of elaborate verbosity, while others again (e.g. Daniel Keith) take delight in plunging into an orgy of variations in a manner worthy of Hübner.

The way each composer approaches his personal favourite position is always very subjective and interesting to the reader, and it conveys a truly genuine impression. This is the great strength of „A Study Apiece“. In this endgame anthology Gerhard Josten does not offer a deadening mass of hundreds of studies, but an almost intimate, autobiographical kaleidoscope of study-composers‘ processes of creation and individual motivation. This work by editor Gerhard Josten provides an emphatically personal insight into the international workshop of endgame composition, and as such it is unlike any other chess book. (Of course with contributions on an international scale the book is in English throughout.) A very welcome publication that enriches the existing library of chess composition. (Walter Eigenmann)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Studien auch von Mihai Neghina: Dame im Käfig

Boris Gulko (u.a.): Der KGB setzt matt (Sowjet-Schach)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Düsterer Blick hinter die Weltschach-Kulissen

von Thomas Binder

Die politischen Einflüsse auf das Weltschach in der Zeit des Kalten Krieges harren noch einer umfassenden Darstellung. Einzelaspekte sind immer wieder aufgegriffen worden, so von Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi in autobiographischen Büchern oder in Werken über den WM-Kampf zwischen Spasski und Fischer.
Die Autoren legen hier ihren Schwerpunkt auf die Manipulationen durch den sowjetischen Geheimdienst KGB. Leider können sie daher – etwa im Gegensatz zur Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit in der DDR – nicht auf Originaldokumente zurückgreifen. Ihre Darstellung muss also zwangsläufig hinter dem Anspruch einer wissenschaftlich dokumentierten Arbeit zurück bleiben.

Keine neuen Erkenntnisse durch Viktor Kortschnoi

Boris Gulko (u.a.): Der KGB setzt matt - Wie der sowjetische Geheimdienst die Schachwelt manipulierteDas Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Dies beginnt bereits beim Blick auf die Liste der Autoren. Vier Namen stehen auf dem Einband: Boris Gulko, Viktor Kortschnoi, Wladimir Popow, Juri Felschtinski – und zumindest zwei davon lassen beim interessierten Schach-Enthusiasten Neugier und Vorfreude aufkommen.

Der Beitrag von Viktor Kortschnoi – immerhin eines der wesentlichen Opfer der beschriebenen Manipulationen – beschränkt sich aber leider auf ein mehrseitiges Nachwort ohne neue Erkenntnisse. Den Hauptteil des Buches bestreiten Gulko und das Autorenpaar Popow&Felschtinski mit etwa gleich langen Essays. Den amerikanischen Großmeister, der 1986 aus der Sowjetunion emigrierte, muss man in Schachkreisen wohl nicht vorstellen.

Zwei Schach-Opfer des russischen KGB: Viktor Kortschnoi und Boris Gulko
Zwei Schach-Opfer des russischen KGB: Viktor Kortschnoi und Boris Gulko

Felschtinski ist ein amerikanischer Historiker, der ebenfalls aus der Sowjetunion emigriert war. Sein Forschungsschwerpunkt bleibt das Wirken des sowjetischen und russischen Inlands-Geheimdienstes. Einige Popularität erlangte er vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem 2006 in London unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Ex-KGB-Mitarbeiter Litwinenko. Ex KGB-Oberstleutnant Popow gehörte zu jener Abteilung, die den internationalen Sportverkehr überwachte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst emigrierte er nach Kanada.

Hass auf die kommunistischen Machthaber

Ex-Weltmeister Anatoli Karpow: Privilegiert durch bewusste Systemnähe?
Ex-Weltmeister Anatoli Karpow: Privilegiert durch bewusste Systemnähe?

Gemeinsam ist allen Autoren der Hass auf die kommunistischen Machthaber und deren Geheimdienst. Dass diese Emotion in ihren Ausführungen immer wieder Ausdruck sucht, kommt der objektiven Bewertung des Buches nicht unbedingt entgegen. Gerhard Josten hat es in seiner treffenden Rezension („Rochade Europa 3/2010“) psychoanalytisch gedeutet, die Autoren würden nun „ihre Vergangenheit besser bewältigen können, als ohne diesen Rückblick“. Ganz so weit möchte ich nicht gehen – aber Hass ist sicher ein schlechter Ratgeber, wenn man den Anspruch hat, ein historisch-politisches Enthüllungsbuch zu schreiben.

Gulkos Beitrag ist im Wesentlichen eine Schilderung der Repressalien, denen er und seine Gattin Anna Achscharumowa (selbst zeitweise eine Anwärterin auf die WM-Krone) ausgesetzt waren. Diese begannen etwa 1976, als sie sich weigerten eine Erklärung der sowjetischen Schach-Elite gegen den „abtrünnigen“ Kortschnoi zu unterzeichnen. Zwei Jahre später stellten sie einen Ausreiseantrag, der schließlich 1986 genehmigt wurde.
Stark ist Gulko vor allem in den Passagen, in denen er detailreich von seinem Leben in jenem Jahrzehnt berichtet, sei es vom Hungerstreik, von Protestaktionen zum Interzonenturnier 1982 oder von der Manipulation der Frauen-Meisterschaft, als Anna kurz vor dem Titelgewinn stand.

EX-WM Anatoli Karpow Nutznießer des KGB?

Die Moskauer Ex-KGB-Zentrale des allmächtig-berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes
Die Moskauer Ex-KGB-Zentrale des allmächtig-berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes

Als wesentlichen Nutznießer der KGB-Politik macht Gulko den früheren Weltmeister Anatoli Karpow aus. Gewiss hat Karpow in der Sowjetunion weitgehende Privilegien genossen und sich diese auch durch eine gewisse Systemnähe – man kann es auch Opportunismus nennen – bewahrt. Inwieweit Karpow selbst im Hintergrund aktiv geworden ist, kann ich auch nach der Lektüre dieses Buches nicht beurteilen. Leider ist Gulko an vielen Stellen auf Vermutungen und Gerüchte angewiesen. Das macht dann auch Stellen wie die Behauptung, Karpow habe dank seiner KGB-Kontakte noch kürzlich ein Stück Land in Sibirien mit gigantischen Erdgasvorräten erworben und dabei 2 Milliarden Dollar gewonnen, für den unvoreingenommenen Leser schwer nachprüfbar.
So bleibt insgesamt ein unklarer Eindruck, den in Gulkos Bericht freilich die Passagen aus seinem eigenen Erleben mehr als wettmachen.

KGB-Aktionen im Umfeld der Schach-WM-Kämpfe

WM-Titelkampf Karpow-Kortschnoi in Meran 1981: Bestanden KGB-Pläne für eine Ermordung Kortschnois?
WM-Titelkampf Karpow-Kortschnoi in Meran 1981: Bestanden KGB-Pläne für eine Ermordung Kortschnois?

Noch wesentlich unklarer fällt die Bewertung des zweiten Hauptteiles aus. Der Historiker Felschtinski wird im Autorenporträt für „mehrere Dutzend Bände von historischen Dokumenten“ gerühmt. Davon ist hier allerdings nicht viel zu lesen. Dokumente und Belege vermisst man fast völlig. Der Essay ist eine allgemeine Abrechnung mit dem KGB, wobei nahezu im Akkord einzelne Personen auf die Bühne geholt werden, von der sie ebenso schnell wieder verschwinden – ohne dass der Leser sich ein umfassendes Bild machen könnte oder auch nur deren Bezug zur Schachthematik erkennt. Erst gegen Ende gehen Felschtinski und Popow auf einige KGB-Aktionen im Umfeld der WM-Kämpfe Karpows gegen Kortschnoi bzw. Kasparow ein. Dass die sowjetische Führung hier auf Seiten Karpows stand und alles versuchte, ihm den WM-Titel zu sichern, überrascht schon nicht mehr. Dass dies soweit ging, Kortschnoi noch während des WM-Kampfes 1981 in Meran zu ermorden, sollte sich der Wettkampf ungünstig für Karpow entwickeln, ist hoffentlich eine paranoide Übertreibung.

Historisch-dokumentarischem Anspruch nicht gerecht geworden

Dem Anspruch einer historisch-dokumentarischen Darstellung kann dieses Buch nicht gerecht werden; darauf werden wir mit Blick auf die russischen Archive wohl noch lange warten müssen. Selbst die zwischen den Hauptautoren offene Frage, ob der KGB bei seiner Einmischung in das Weltschach allein aus eigenem Antrieb oder gemeinsam mit der Parteiführung handelte, muss vorerst offen bleiben.

Im Anhang findet man einen Brief von Popow an Felschtinski, in dem er vor allem auf die nach wie vor reale Bedrohung durch den (jetzt russischen) Geheimdienst eingeht. Die Anmerkung des Herausgebers, ohne diesen Brief hätte es das vorliegende Buch vermutlich nicht gegeben, bleibt ebenso nebulös, wie viele andere Andeutungen auf den 200 Seiten zuvor.
Dem interessierten Schachspieler sei das Buch empfohlen, wenn er sich eine gesunde kritische Distanz zu den notwendigerweise subjektiven Ausführungen der Autoren bewahrt. Die Erinnerungen Gulkos allein verdienen es, für künftige (und nicht nur schachspielende) Generationen bewahrt zu bleiben. ■

B.Gulko/V.Kortschnoi/W.Popow/J.Felschtinski, Der KGB setzt matt – Wie der sowjetische Geheimdienst die Schachwelt manipulierte, Excelsior Verlag Berlin, 216 Seiten, ISBN 978-3-935800-06-8

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schach im Ostblock“ auch das
Interview mit Manuel Friedel über das Schach in der DDR
… sowie der schachhistorische Beitrag
Zum Tode von Schach-Großmeister Bent Larsen

Hans-Joachim Hecht: Königswege im Schach

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Königliche Manöver im Endspiel

von Malte Thodam

In der Eröffnung und im Mittelspiel aufgrund seiner Schutzbedürftigkeit in aller Regel nicht in der Lage, aktiv ins Spielgeschehen einzugreifen, avanciert der König im fortgeschrittenen Partieverlauf bekanntermaßen zu einer starken Figur, deren Aktivität vor allem im Endspiel oft entscheidend für das Resultat ist. Dies weiß natürlich jeder erfahrene Schachspieler. Da die Praxis aber mehr von uns verlangt als die bloße Kenntnis solcher allgemeinen Lehrsätze, hat der bekannte deutsche Großmeister Hans-Joachim Hecht sich der Figur, die unserem Spiel seinen Namen gab, in einem neuen Werk mit dem Titel „Königswege im Schach – Der Endspiel-Ratgeber“ ausgiebig gewidmet.

Ruf als erfahrener Endspiel-Experte

Hans-Joachim Hecht: Königswege im Schach - Der Endspiel-Ratgeber (Edition Olms)Erfahrung im Endspiel hat Hecht als Teilnehmer an zehn Schacholympiaden ganz zweifellos, und lange Jahre zählte er zu den stärksten deutschen Schachspielern. Hecht galt stets als sehr erfolgreich im Endspiel, was auch die von ihm gespielten Endspiele zeigen, welche einen Großteil des Buches einnehmen. Wenig erstaunlich also auch, dass Hecht ob seiner Fertigkeiten im letzten Partieabschnitt z.B. maßgeblich am Aufbau der bekannten Chessbase-Endspieldatenbank beteiligt war.
„Königswege im Schach“ umfasst etwa hundert ausgewählte Beispiele, die nicht nur aus den erwähnten Musterpartien Hechts, sondern zudem noch aus aktuellen Meisterbegegnungen und vereinzelten Studien stammen. Einige der präsentierten Partiefragmente bringen die Kraft des Königs so klar zur Geltung, dass man sich während der Lektüre beim Schmunzeln ertappt. Hecht führt hierzu einige Mittelspiele vor, die in der Tat beeindruckend sind. So etwa den eindrucksvollen Königsmarsch aus der Partie Short-Timman in Tilburg 1991. Der weiße Monarch unterstützt hier dank der Dominanz seiner übrigen Figuren das Matt, nachdem er die eigene Rochadestellung verlassen hat. Die Ästhetik solcher Aktivierung aller verfügbaren Resourcen einschließlich des Königs ist nicht von der Hand zu weisen – ein echter Königsweg eben.
Obwohl der König und seine Manöver im Mittelpunkt des Buches stehen, geht der übrige Inhalt weit darüber hinaus. In insgesamt 14 Kapiteln werden die Besonderheiten verschiedener Endspieltypen und jene der anderen Figuren hervorragend illustriert, wobei Hecht die den gegebenen Partiestellungen zugrunde liegenden Pläne in verständlichen Worten ausführlich erläutert, und alle seine Ausführungen mit überschaubaren, aber ausreichenden Varianten untermauert.

Zusammenspiel der Figuren mit dem König als zentrales Thema

Das zentrale Thema ist dabei das Zusammenspiel aller Figuren mit ihrem König. Wie wichtig dies für die erfolgreiche Gestaltung des Endspiels ist, betont Hecht unermüdlich. In Kapitel 9, welches er ganz ausdrücklich eben dem Figuren-Zusammenspiel gewidmet hat, schreibt Hecht im einleitenden Teil über den Fall eines fehlenden Einsatzes des Königs: „Der König spielt nicht mit – Wie bitte?“

Leseprobe aus: Hans-Joachim Hecht: Königswege im Schach - Der Endspiel-Ratgeber (Edition Olms)
Leseprobe aus: Hans-Joachim Hecht: Königswege im Schach – Der Endspiel-Ratgeber (Edition Olms)

Mit seinen 160 Seiten ist „Königswege im Schach“ natürlich nicht mit gängigen Enzyklopädien über das Endspiel gleichzusetzen. Der Leser findet hier kein systematisches Lehrbuch über das Endspiel, diesen Anspruch erhebt der Autor aber auch gar nicht. Ziel war es laut Hecht, ein Buch zu schreiben, das sich nicht an erfahrene Turnierspieler und Meister wendet, sondern „an jene aufstrebenden Schachliebhaber, die zwar über das elementare Endspielwissen verfügen, jedoch mehr über die farbige Welt des Endspiels erfahren möchten.“
Dieses Vorhaben scheint ihm durchaus gelungen zu sein. Ein besseres Gefühl für das Endspiel wird von Hecht durch seinen kurzweiligen Ratgeber in jedem Fall vermittelt – dem lernenden Spieler wird klar gemacht, worum es in den behandelten Endspielen überhaupt geht, so dass es für ihn leichter wird, Endspiele zu bewerten und einen richtigen Plan zu fassen. Diesbezüglich interessante Stichwörter sind beispielsweise: „Raum und Festung“, „Pattverteidigung“, „Springerwege“, „Bauern auf einem Flügel“ oder auch „Geringe Bauernzahl“.
Abgerundet wird Hechts „Königswege im Schach“ – wie bei didaktisch guten Schachbüchern inzwischen üblich – mit diversen Aufgaben, ergänzt durch den obligatorischen Lösungsteil am Ende des Buches. Der Leser wird bei einigen Lehrbeispielen selbst dazu angehalten, einen besseren Weg zum Gewinn zu suchen, oder eine Möglichkeit zu finden, die den Gegner in Zugzwang bringt. So wird man während der Lektüre einbezogen und kann seine eigenen Überlegungen mit den Analysen des Großmeisters vergleichen.
Wer das Endspiel mag, bekommt hier ein sehr gutes Buch in die Hand, in dem ein Endspielexperte einen Teil seines Erfahrungsschatzes offenbart. ■

Hans-Joachim Hecht, Königswege im Schach – Der Endspiel-Ratgeber, 160 Seiten, Olms Verlag, ISBN 978-3-283-01013-3

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Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

Herman Grooten: Chess Strategy for Club Players

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Schachstrategie von Steinitz bis Karpow

von Malte Thodam

Was unterscheidet sehr gute Spieler am stärksten von Anfängern und durchschnittlichen Amateuren? Der gravierendste Unterschied ist wohl die enorme Geschwindigkeit, mit der ein Titelträger die wesentlichen Elemente einer Stellung erfassen kann. Er weiß in den meisten Situationen sofort richtig einzuschätzen, was die Hauptmerkmale einer Position sind, und worauf er hinarbeiten muss. Hingegen zermartert sich der normale Vereinsspieler – vom Anfänger gar nicht erst zu reden – lange Zeit den Kopf, um zu einem der gegebenen Stellung angemessenen Plan zu gelangen. Und dennoch ärgert man sich oft nach der Partie trotz aller Bemühungen über schwere Einschätzungsfehler, die zum Partieverlust geführt haben.

Nun wird zwar gesagt, dass ein schlechter Plan besser sei als überhaupt kein Plan, dem ehrgeizigen Spieler werden solche frustrierenden Erlebnisse aber kaum genügen. An diesem Punkt setzt der Internationale Meister Herman Grooten in seinem neuen Buch „Chess Strategy for Club Players“ –  „Schachstrategie für Klubspieler (Der Weg zum positionellen Vorteil“ – an. Sein Ziel ist es, dem Amateur die richtige Denkweise während einer Schachpartie zu vermitteln. Durch seine langjährige Trainererfahrung, während der er mit jungen Talenten wie Loek van Wely oder Jan Werle zusammen arbeitete, kennt der Niederländer genügend Methoden zur Vermittlung eines tieferen Einblicks in die Zusammenhänge auf dem Schachbrett. Und so ist auch sein Buch didaktisch sehr sinnvoll angelegt: Anhand der Steinitzschen Prinzipien fügt er Stück für Stück das Mosaik eines modernen positionellen Schachverständnisses zusammen.

Von Steinitz über Nimzowitsch bis zu Karpov

Schach-Genie, -Weltmeister und -Lehrer für Generationen: Wilhelm Steinitz
Schach-Genie, -Weltmeister und -Lehrer für Generationen: Wilhelm Steinitz

Neben den Prinzipien von Wilhelm Steinitz, die das Grundgerüst seiner Arbeit bilden, finden auch die Lehren Nimzowitschs oder die Methoden der Stellungsbeurteilung von Karpov und Mazukevich Erwähnung, die sie in ihrem bekannten Werk „Stellungsbeurteilung und Plan“ vorstellen. Grooten geht ausführlich auf die einzelnen positionellen Merkmale wie Materialvorteil, Zentrum, Läuferpaar, Kontrolle von Feldern oder Königsstellung ein. Das alles garniert er mit Partiematerial aus der Großmeisterpraxis, wobei ein Querschnitt durch die Schachgeschichte erfolgt. Aber auch Partien aus der eigenen Praxis bzw. derer seiner Schüler bringt der Internationale Meister fortlaufend ein, um anschaulich die Pläne im Mittelspiel auf eine für den Amateur begreifliche Art darzustellen. Außerdem gelingt es ihm, die einzelnen Themen auf den Punkt zu bringen, und wenn nötig  nochmals zusammen zu fassen.

Damit der Leser während der Lektüre auch üben kann, ergänzen Aufgaben zu verschiedenen positionellen Themen das Buch. Sie sind nicht immer einfach zu bewältigen, dafür aber für denjenigen, der noch nicht zu Meisterehren gelangt ist, höchst instruktiv. Sollte man eine Aufgabe einmal nicht verstehen, so greift man einfach auf den umfangreichen und mit zahlreichen Anmerkungen versehenen Lösungsteil am Ende des Buches zu.

Exkurs: Zwei Beispiele

Um zu illustrieren, wie Grooten seine Frage-Antwort-Lektionen konzipiert, seien hier aus dem Buch zwei Beispiele zitiert.

Exercise 15.2. – Verwertung des Läuferpaars (Anmerkung: MT) – (Prusikin – Markos 2006)

Grooten: Verwertung des Läuferpaars (Anmerkung: MT) - (Prusikin - Markos 2006)
Grooten: Verwertung des Läuferpaars (Anmerkung: MT) – (Prusikin – Markos 2006)

White´s position is superior, but he must make progress. How can he go about this? – –

The black knight is an important defender, so it must be put to the test. White does this by bringing up new reserves.

33.h4!

If the knight has to move, the bishops will gain in strength, and also the e7-square will become accesible for the rook. Also attractive-looking is 33.Bxg6 hxg6 34.Re7, but then Black defends with 34…Re8, and due to the opposite-coloured bishops White probably cannot win.

33… Re8 34.h5 Ne7

Even worse is 34…Nh8 35.Rxe8 Qxe8 36.Qb1 (also after 36.Qxe8+ Bxe8 37.Be5 the endgame is a hopeless affair for Black) 36…h6 37.Bh7+ Kf8 38.Qxb6, and White wins a crucial pawn, since 38… Qe3+ 39.Kh2 Qxc3 fails to 40.Qd8+ Be8 41.Qd6+ Kf7 42.Qe6+ Kf8 43.d6, with mate threats on e7 and on g8 that cannot both be parried.

35.Re5

35. Qb1 wasn´t bad either.

35… g6 36.Qh4

The queen makes optimal use of the weakened dark squares.

36…Bf5 37.Bxf5?!

White parts with his bishop pair, just when he had a killer move available. Winning was 37.d6!, when Black could have  thrown in the towel straightaway: 37…Nc6 38.hxg6 Bxg6 39.Bxg6, and the mate threats cannot be warded off any more.

37…Nf5 38.Qxf4 Nd4 39.Qxf8+ Rxf8

Black gave up the fight, since in the rook ending that ensues after 39… Rxf8 40.hxg6 hxg6 41.Bxd4 cxd4 42.Re4, he didn´t see any prospects.

Exercise 22.4. – Verwertung von Raumvorteil (Anmerkung: MT) – (Capablanca – Treybal 1929)

Verwertung von Raumvorteil (Anmerkung: MT) - (Capablanca - Treybal 1929)
Verwertung von Raumvorteil (Anmerkung: MT) – (Capablanca – Treybal 1929)

White has an enormous space advantage. How can he make progress? Indicate a plan for White and, if possible, also a variation. – –

In this closed position, with only one open file, White can still force a win. For this purpose, he must pinpoint the most vulnerable point in the enemy position.

52.Nd2

White plays his knight to a 5 via Nf3-d2-b3, in order to take aim at the weak point b7.

52…Bd7

Black must hurry if he wants to be able to play the protecting move …Nf7-d8. He cannot give the b7 pawn extra protection with …Rd7, as he will then lose material with Ra8.

53.Nb3 Re8 54.Na5 Nd8

Black has managed to protect everything, but with the following hammer-blow, he is counted out nonetheless.

55.Ba6!

Thus White makes a hole in the black pawn formation and clears a path along the seventh rank.

55… bxa6 56.Rxd7 Re7

Parrying Rxh7 for the moment, but allowing a decisive blow.

57.Rxd8+! Rxd8 58.Nxc6 1-0

Taktische Grundfertigkeit als Voraussetzung

Gewisse taktische Grundfertigkeiten sollten beim Leser allerdings vorhanden sein, da man schließlich kein gutes positionelles Schach spielen kann, ohne die taktischen Probleme der Stellung zu erfassen. Dies betont auch Grooten selbst zu Beginn, so dass der Schachneuling zunächst wahrscheinlich besser mit dem Lernen taktischer Motive beraten ist, bevor er sich durch dieses umfangreiche Lehrbuch der Schachstrategie arbeitet. Für alle anderen, die ihre ersten taktischen Lektionen bereits erfolgreich gemeistert haben, ist „Chess Strategy for Club Players“ in der Tat eine Überlegung wert.

Allerdings sind die über 400 Seiten – liest man das Buch mit Ambitionen – ob ihres Gehalts und der Systematik, mit der Grooten zu Werke geht, keine leichte Kost, wenngleich Grooten den Lehrstoff auf unterhaltsame Weise zu vermitteln mag. Für diejenigen Turnier- und Vereinsspieler,  die jedoch ernsthaft an ihrem Spiel arbeiten wollen, bietet Chess Strategy for Club Players“ – solide Englischkenntnisse aufgrund des hohen Textanteils vorausgesetzt – interessantes Material von hohem Lehrwert. Da das Ganze aber wirklich sehr verständlich und locker – mit hier und dort eingeworfenen Anekdoten und interessanten Gedanken – präsentiert wird, lässt sich gut damit leben.
Aber wir erinnern uns: Es ist die schnelle Urteilskraft, bedingt durch die Kenntnis positioneller Elemente, die die Meister vom Rest unterscheidet. Man kann als Amateur „Chess Strategy for Club Players“ nicht lesen, ohne etwas darüber zu lernen. ■

Herman Grooten, Chess Strategy for Club Players (engl.), New in Chess Verlag, 400 Seiten, ISBN 978-9056912680

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über
Werner Kaufmann: Zwingende Züge

… sowie über
Isaac Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie

 

Brunthaler: Ihre Schachkombinationen für 2010

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Tägliches Minimaltraining mit Taktikaufgaben

von Malte Thodam

Heinz Brunthaler ist sicherlich vielen Schachfreunden als Autor von Aufgabenbüchern mit Kombinationen bereits ein Begriff. Mit der jüngsten Publikation „Ihre Schachkombinationen für 2010 – Verbessern Sie Ihre Kombinationsgabe!“ legt er nun einen weiteren Band vor, der sich mit dem wohl wichtigsten Handwerkszeug des Schachspielers beschäftigt: Der guten alten Taktik. Was so selbstverständlich im Spiel der Meister erscheint, nämlich das sichere Manövrieren in gefährlichen Gewässern – sprich scharfen Stellungen – ist der Traum des durchschnittlich begabten Amateurs, der doch zu gerne noch in eine einfache Springergabel oder einen Abzugsangriff hinein läuft, obwohl er diese Motive in der Regel eigentlich recht gut kennt. Fehlende Routine im Lösen von Taktikaufgaben ist oft die Ursache für solche vermeidbaren Schnitzer.

Kombinationsgabe verbessern

Heinz Brunthaler: Ihre Schachkombinationen für 2010 (Schachverlag Ullrich)
Heinz Brunthaler: Ihre Schachkombinationen für 2010 (Schachverlag Ullrich)

Die grundlegenden Motive sind bei vielen Amateuren zwar im Kopf gespeichert, aber für sie nicht unbedingt immer schnell genug abrufbar, bzw. auf die jeweilige Stellung anwendbar. Passend dazu schreibt Brunthaler zu Beginn des Buches auch gleich: „Wer möchte nicht seine Spielstärke und sein Schachwissen verbessern, stärker werden, mehr vom Schach verstehen? Sicher so gut wie jeder echte Schachfan! Doch das ist nicht einfach, denn auf dem Weg zur Verbesserung muss man sehr, sehr vieles lernen, viel Aufwand betreiben. Und das ist das Problem, denn den meisten von uns fehlt durch die Belastung in Schule, Studium und Beruf die Zeit und vor allem die Kraft, sich intensiv mit dem Schachspiel zu befassen oder sogar ein systematisches Training zu absolvieren.“ Wie wahr, wie wahr! Kommt uns das Dilemma nicht bekannt vor? Haben wir vielleicht selbst unsere letzte Partie verloren, weil wir ein taktisches Motiv übersehen haben? Hätten wir zwecks Partievorbereitung nicht doch lieber ein paar Kombinationen lösen sollen, statt noch einmal die Eröffnungsvarianten unseres Vertrauens zu studieren?

Leseprobe 1

Heinz Brunthaler: "Ihre Schachkombinationen für 2010" - Leseprobe
Heinz Brunthaler: „Ihre Schachkombinationen für 2010“ – Leseprobe

Kontinuität statt Quantität

Brunthaler setzt beim Schachtraining auf Kontinuität statt auf Quantität. Anstatt nur sporadisch eine umfangreiche Trainings-Session zu absolvieren, empfiehlt er ein tägliches Minimaltraining in Form einer Taktikaufgabe. Brunthaler hat für jeden Tag des Jahres ein Schachdiagramm mit einer kritischen Stellung in sein Buch aufgenommen. Die Aufgabenstellungen entstammen durchwegs den Partien sehr starker Spieler: Topalov, Aronian, Kamsky, Anand, Gelfand, Ivanchuk und  Karpow, aber auch die altehrwürdigen Meister wie Tarrasch, Reti und Schlechter lassen sich in dieser Sammlung wiederentdecken. Es gibt, wie auch schon bei den bisher erschienenen Übungsbüchern des Autors, keine Lösungshinweise zu den Aufgaben. Lediglich ein kleines schwarzes Quadrat weist darauf hin, wenn Schwarz das Zugrecht besitzt; fehlt dieses, befindet sich der Weiße am Zug. Somit ist ein praxisnahes Training gewährleistet, denn hier sagt einem schließlich auch niemand vor, ob man nun einen forcierten Weg zum Matt hat, oder ob es möglich ist die Dame des Gegners zu fangen. Die eigene Stellungsbeurteilung und konkrete Berechnung ist gefragt!

Erläuterungen zu allen gewinnenden Zugfolgen

Großer Pluspunkt: Die Lösungen am Ende des Buches sind versetzt, so dass man nicht mehr oder minder zufällig die Lösung der nächsten Aufgabe schon aus den Augenwinkeln erhascht. Dies finde ich sehr löblich, hatte ich mich doch öfters schon beim Lesen in anderen Taktikbüchern darüber geärgert, den Gewinnzug der nachfolgenden Aufgabe zu kennen, ohne diese überhaupt erst zu Gesicht bekommen zu haben. Zudem finden sich im Lösungsteil kurze Erläuterungen zur Stellung und den zum Gewinn führenden Zugfolgen und Motiven. Zuweilen gibt es hier mehrere Möglichkeiten, die zum Erfolg führen.

Leseprobe 2

Heinz Brunthaler: "Ihre Schachkombinationen für 2010" - Leseprobe 2
Heinz Brunthaler: „Ihre Schachkombinationen für 2010“ – Leseprobe 2

Vom Schwierigkeitsgrad her richtet sich das Buch vornehmlich an den durchschnittlichen Vereinsspieler, es gibt leichtere und auch schwerere Aufgaben, sowohl lehrreiche Mattangriffe als auch nett anzusehende Materialgewinne. Für stärkere Amateure um 2’000 DWZ erweisen sich die Kombinationen gewiss immer noch als nützlich, um taktische Motive zu wiederholen und zu vertiefen.
Das Layout des Buches ist schlicht, aber ansprechend, das Preis-Leistungsverhältnis scheint mir insgesamt absolut in Ordnung, schließlich wird einem hier genügend sinnvolles Material zur regelmäßigen Schulung der taktischen Fertigkeiten geboten. Und so eignet sich das Buch nicht zuletzt aufgrund seines handlichen Formats auch hervorragend für den Gebrauch im Alltag, sei es auf der Zugfahrt oder bei den kleinen Wartezeiten zwischendurch, die wohl jeder von uns kennt, sei es im Wartezimmer, bei lästigen Werbepausen während des abendlichen Fernsehprogramms oder auch beim Warten auf den notorisch zu spät erscheinenden Dozenten im Hörsaal. Fazit: Ein durchaus lohnendes Buch, will man seine taktischen Fertigkeiten durch wiederholtes Training schärfen – und seine Mundwinkel gen Ohren wandern spüren, wenn „Fritz“ oder „Rybka“ bei der Analyse einer gewonnenen Partie die Korrektheit des eigenen Gewinnweges bestätigen. ♦

Heinz Brunthaler, Ihre Schachkombinationen für 2010 – Verbessern Sie Ihre Kombinationsgabe, Schachverlag Ullrich, 124 Seiten, ISBN 978-3940417046


Malte Thodam

Geb. 1984 in Viersen/D, Student der Geschichte, Schach-Teamleiter, lebt in Düsseldorf

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachkombinationen auch über die neue Stellung der Serie
Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (02)

Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Das Schachspiel als universelles Bildungs- und Entwicklungsgut

von Walter Eigenmann

„Während es einen nahezu unübersehbaren Schatz an kommentierten Partien, Turnierbulletins und technischen Schachbüchern gibt, die, interessiert an der Herausbildung von Theorie und Praxis des Schachspiels an sich, Erfahrungen über Eröffnungen, Mittel- und Endspiel enthalten sowie verhältnismäßig viele Werke, die Lehrweisen und Trainingsmethoden propagieren, fehlt es vollständig an einem profunden interdisziplinären Überblickwerk zu den wissenschaftlich gesicherten Fakten, was das Schach bewirkt; was es bedeutet, warum es über die Jahrhunderte hinweg Menschen aus aller Welt fasziniert und nicht zuletzt, welche Erziehungs- und Bildungswerte es birgt.“
Diese weiträumige spielkulturelle und soziopädagogische Fragestellung nimmt die deutsche Schach-Psychologin und Mentaltrainerin Dr. Marion Bönsch-Kauke zum Ausgangspunkt ihrer großangelegten Meta-Studie: „Klüger durch Schach“ präsentiert thematisch breit und methodisch sehr differenziert eine Fülle von „Forschungen zu den Werten des Schachspiels“; der 400-seitige Band fasst den gesamten aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zum weltweiten Kulturphänomen „Schach“ zusammen.

Schätzungsweise 550 Millionen Menschen kennen die Schach-Regeln

Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach - Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels
Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels

Dass dem Schach in der riesigen Arena menschlicher Sport- bzw. Freizeit-Aktivitäten eine nur höchst marginale Bedeutung zukommt, darüber macht sich die Autorin Bönsch-Kauke keinerlei Illusionen, und dass schätzungweise 550 Millionen Menschen zumindest die Regeln des „Königlichen Spiels“ kennen, abermillionen ihm organisiert frönen, könne nicht darüber hinwegtäuschen, „dass Schach zu den Randsportarten gehört und aus Mangel an visueller Show kein Publikumsmagnet“ sei. Doch dieser Marginalität steht, wie Bönsch-Krauke detailliert anhand zahlreicher wissenschaftlicher, historischer wie experimentalpsychologischer Untersuchungen bzw. Studien nachweist, eine mittlerweile kaum mehr überblickbare Fülle an primär- wie sekundärwissenschaftlicher Literatur zu allen denkbaren kulturellen, pädagogischen, philosophischen, neurowissenschaftlichen, sportmedizinischen, kunstästhetischen und sozialpsychologischen Aspekten dieses Spiels gegenüber.

Kinder- und Jugendschach - Gartenschach - Schacherziehung - Glarean Magazin
Und mag der König fast so groß sein wie man selber: Kein Kind zu klein, eine Schachspielerin zu sein…

Die vom Deutschen Schachbund initiierte und herausgegebene Metaexpertise der Psychologin gründet sich auf mehr als 100 umfangreiche Pilotstudien, Großfeldversuche, Stammuntersuchungen, Quer- und Längsschnittprojekte und Originalexperimente, ihre Recherche bezog neben hunderten bekannter Publikationen auch aktuellste Dissertationen, wissenschaftliche Qualifikations-, Diplom-, Magister- und Seminararbeiten sowie zahlreiche eigene schachrelevante Untersuchungen ein. (Hier das komplette Inhaltsverzeichnis von „Klüger durch Schach“).
Bönsch-Kaukes fulminante Tour d’horizont durch die wissenschaftliche Schach-Literatur belässt es dabei nicht bei westeuropäischen und amerikanischen Publikationen, sondern repliziert besonders aufschlussreiche, bislang hierzulande kaum beachtete, teils auch schwer zugängliche Forschungsergebnisse aus der Sowjetunion und der ehemaligen DDR, aber auch aus Ungarn und Tschechien – aus Ländern also, die bekanntlich dem Schachspiel als Spitzen- und als Volkssport einen außerordentlichen Stellenwert einräumten, und in denen Schach – teils auch als staatlich verordneten propagandistischen Gründen – schon seit Jahrzehnten Gegenstand systematischer, auch interdisziplinärer Forschung war und ist.

Leseprobe 1

Leseprobe 1 - Schach und Kreativitätsentwicklung
Leseprobe 1 – Schach und Kreativitätsentwicklung

Angesichts der Fülle des Materials – die nur schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Bandes dokumentiert – ist es hier natürlich unmöglich, in dem Maße auf auch nur einzelne der gewichtigsten Studien bzw. Ergebnisse in „Klüger durch Schach“ einzugehen, das ihrer Bedeutung angemessen wäre. Stattdessen beschränke ich mich fokussierend im Folgenden auf die grundlegendsten, durch vielfache und weltweite Forschung verifizierten „Thesen“, wie sie die Autorin im Schlusskapitel dieser ihrer beeindruckenden, auch mit zahlreichen Illustrationen erläuternden Meta-Studie formuliert, wobei Bönsch-Kauke von der Zielsetzung geleitet wurde, diese „Thesen“ könnten ihrerseits „zum Kern einer Meta-Schachtheorie werden, falls ihre Inhalte geistreiche Forscher anregen, wissenschaftliche Beweise für die Tragkraft dieser Thesen beizusteuern.“

1. „Schach ist zutiefst lebensnah!“

Schachschule - Jugendschach - Kinder-Schachpädagogik - Schulfach Schach - Glarean Magazin
Schach als reguläres Schulfach mit Unterstützung durch erfahrene Lehrkräfte

Schach symbolisiere, so die Autorin, „was uns im Leben widerfährt“: Im Kern seien es Entwicklungsaufgaben von wiedersprüchlicher Art, und es sei zu eng, im Schach nur Problemlösen sehen zu wollen: „Wir sind vor die Wahl gestellt, unsere Ansprüche aufzugeben oder uns der Aufgabe zu stellen, zu kämpfen auch um selbstkritische Einsichten und nicht zu resignieren.“

2. „Das Schachspiel gleicht dem Lebenskampf!“

Für Marion Bönsch-Kauke fungiert das Schachspiel als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben, die kompromisslos zu lösen sind, und die uns vor Situationen stellten, die zwar „neu, ungewiss, kompliziert und problemträchtig“ seien, sich aber nicht zu (unlösbaren) Problemen auswachsen müssten: „Gewissermaßen aus spieltheoretischer Sicht gilt das Schachspiel als ein Zwei-Personen-Nullsummenspiel. Es ist für jene Lebenslagen gültig, in denen eine Seite verliert, was die andere gewinnt.“

3. „Schachstrategeme dienen sinnvoller Lebensführung!“

Diese These habe, wie die Wissenschaftlerin ausführt, Fragen der „Lebensplanung“ wie beispielsweise: „Was droht? Was tun? Wo soll es hingehen? Was ist der nächste Schritt?“ zur Grundlage, und dabei bürge das Schachmodell für stichhaltigen Rat: „Schach kann zurückgreifen auf 2’500 Jahre Erfahrung, wie Ziele gegen Widerstände zu erreichen sind. […] Aus schachlicher Symbolsprache ist zu erfahren, wie Menschen […] dachten und wie sich das Wollen und Denken kulturgeschichtlich entfaltete zu immer wirksameren Strategemen.“ Dabei wären die besten Strategien, nach Bönsch-Kauke, im Kampf der Charaktere in der Kulturgeschichte des Schachs ausgefiltert worden und würden nun als bewährte „Orientierungsgrundlagen für erfolgreiche differentielle Entwicklungen von sozialen Beziehungen, Charakteren und kulturellen Werken im Lebenslauf“ zur Verfügung stehen.

4. „Schach macht klug!“

Kann das Schachspielen für ältere Menschen sogar Demenz-präventiv wirken?
Kann das Schachspielen bei älteren Menschen sogar Demenz-präventiv wirken? Senioren-Schach ist im Vormarsch.

Der Autorin vierte, bereits im Buchtitel apodiktisch vorweggenommene These ist die schulpädagogisch bzw. -psychologisch brisanteste, wenngleich hier natürlich nicht zum ersten Mal gehörte Zusammenfassung zahlreicher diesbezüglicher Forschungen. Das Kernergebnis der von Bönsch-Kauke recherchierten, teils sehr umfangreichen internationalen Studien: „Für Schach muss man nicht mit überdurchschnittlicher Intelligenz starten, jedoch ist mit fortgesetzter Ausübung ein beträchtlicher Zuwachs im Rahmen des intellektuellen Potentials zu erwarten.“ Wie die einschlägigen Experimente nachwiesen, sei für hohe und höchste Spitzenleistungen im Schachspiel eine große Bandbreite von kognitiven Erkenntnisprozessen gefragt: „Exaktes Wahrnehmen, Vorstellungsvermögen, Gedächtnis, Problemlösen, schlussfolgerndes, kritisches und kreatives Denken.“ Und auch hier wieder schlägt die Sozialpsychologin eine Brücke von der Theorie zur Praxis: „Analoge Aktionen, die sich in Schachpositionen bewährten, können als Verhaltenspotentiale auf Bewährungssituationen im Leben mit ähnlichen Merkmalen übertragen werden und das Hinzulernen erleichternd stimulieren.“

5. „Schachspielen fördert schöpferisches Denken!“

Wird durch regelmäßigen Schachunterricht die Konzentrationsfähigkeit gesteigert?
Wird durch regelmäßigen Schachunterricht die Konzentrationsfähigkeit gesteigert?

Ein in der Sekundärliteratur ebenfalls immer wieder gelesener bzw. vielfältig verifizierter Denkansatz ist Bönsch-Kaukes fünfte These, wonach das Schach die Konzentrationsausdauer und das schöpferisch-originelle Denken fordere und fördere. Hier seien drei „Basiskomponenten“ im Blick zu behalten: „Organisation der Kräfte, Angriff und Verteidigung“, wobei die Autorin auf das schachphilosophische Werk des Weltmeisters Emanuel Lasker und seine „überschachliche Lehre“ referiert. „Einfälle, die stichhaltig sind, und Pläne, die aufgehen, sind rar in unserem modernen Leben der firmierenden Global Players und gefragten Schlüsselqualifikationen. Geistige Güter sind zu akkumulieren, um Innovatinsdefizite zu überwinden.“

6. „Schach mobilisiert Innovationen und Change-Management!“

Bönsch-Kauke: „Aus Biographien zahlreicher weltbekannter Gelehrter, Philosophen, Dichter, Schriftsteller, Manager, einflussreicher Politiker, Regisseure, Schauspieler, Entertainer, Journalisten, Trainer und Athleten erhellt, dass sie sich auf das Schachspiel verstanden und es schätzten.“ Aber nicht nur einen „Kreis Auserwählter“ vermöge das Spiel „von der Person zur Persönlichkeit zu profilieren“; Frühförderung und Anreicherung der geistigen Herausforderung für hochbegabte Kinder sei schachspielerisch möglich: „Ein Schachtest für Hochbegabte als Screening-Verfahren erscheint aussichtsreich. Mehr noch rücken die Möglichkeiten des Schachs für gegenwärtig erschreckend viele hyperaktive, im Lesen, Schreiben und Rechnen schwache oder schulverdrossene Kinder als spielerisches Faszinosum ins Blickfeld von Schulverantwortlichen.“

7. „Schach stärkt die Anstrengungsbereitschaft!“

Als Metasportart berge, führt die Verfasserin weiter aus, das schachliche Modell wertvolle Grundlagen „für eine allgemeine Kampftheorie“: „Schach stärkt den Kampf- und Siegeswillen“, weil durch findiges strategisches und taktisches Denken „die schwersten Kämpfe des Lebens zu gewinnen“ seien. Dabei erlangten theoretisch-geistige Konzepte im Trainingsprozess und Wettkampf angesichts der zunehmenden Intellektualisierung des Sports eine verstärkte Bedeutung. „Immer mehr spielen sich planbare Aktionen vorher modellartig im Kopf des Aktiven ab. In diesem Sinne bewährt sich Schach als strategisch-taktische Leitsportart.“

8. „Schachliches Können verschafft Wettbewerbsvorteile!“

Bönsch-Kaukes achtes Forschungsergebnis: „Wie es gelingt, Positionen nicht nur zu verbessern, sondern die anstrebenswerte Stellung wirklich zu erobern, lehrt das königliche Spiel diejenigen, die sich bemühen, meisterliches Können für Spitzenpositionen zu erwerben. Im welchselseitigen Herausfordern und intellektuellen Kräftemessen werden anspruchsvolle Lebensziele und Selbstbehauptungen wahr. Situationsgerechte Pläne bleiben keine visionäre Utopie.“

9. „Schach ist ein universelles Bildungs- und Entwicklungsgut!“

Das Projekt "Schach im Kindergarten"
Das Projekt „Schach im Kindergarten“

Eine weitere These der Wissenschaftlerin zielt auf den vielfach und breit nachgewiesenen pädagogischen Nutzen in der Schule einerseits und andererseits auf die moderne Schlüsselqualifikation „Medienkompetenz“ ab. Während die Tatsache, dass methodisch gelehrtes Schach ein breites Spektrum von positiven Persönlichkeitskomponenten wie „Konzentriertheit, Geduld, Beharrlichkeit, emotionale Stabilität, Risikofreudigkeit, Objektivität, Leistungsmotivation“ inzwischen in ein breiteres Bewusstsein der schulpädagogischen Entscheidungsträger gedrungen ist, dürfte die von Bönsch-Kauke angesprochene „Medienkompetenz“ bisher ein weitgehend unberücksichtigter, aber wesentlicher Aspekt der Diskussion sein: „Ein bedeutsames gesellschaftliches- und bildungspolitisches Ziel ist die Befähigung, die Vorzüge neuer Informations- und Kommunikationstechniken gezielt nutzen zu können.“

10. „Schach trainiert psychische Stabilität!“

Auf ihrem ureigenen Gebiet, der Psychologie, kommt die Autorin zum Schluss: „Schach befriedigt grundlegende Bedürfnisse, sich im anderen Wesen zu spiegeln, ernst genommen und zuverlässig begleitet zu fühlen und sich wesenseigen im Spiel selbst zu fördern. […] Schachspielen ermutigt, Angst in energiereiche Aktionen zu verwandeln, Verlustärger zielgerecht einzusetzen.“ Wie dabei die Psychoanalyse zeige, entwickle Schach „eine Art realistischerer Abwehrmechanismen durch selbstkritische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit eigenen Fehlern und Stärken“.

Leseprobe 2

Leseprobe 2 - Schach und lernschwache Schüler
Leseprobe 2 – Schach und lernschwache Schüler

11. „Schach hält geistig beweglich!“

Ins Zentrum des elften Teil-Fazits gerückt wird das Schach als Denktraining, das bis ins hohe Alter fortgesetzt werden könne: „Keine andere Sportart ermöglicht eine solche fortdauernde Wettkampfzeit, lebenslanges Lernen und leistungssportliche Betätigung auf hohem Niveau.“ Bönsch-Kauke zitiert in diesem Zusammenhang neuromedizinische Resultate, wonach sich durch „spielaktive Denkbeweglichkeit“ bis zu 74% dem Risiko eines altersbedingten Abbaus des Hirns (Demenz) vorbeugen lässt: „Speziell gegen die Alzheimer-Erkrankung mit der klinischen Symptomatik: hochgradige Merkschwäche, zeitliche und räumliche Orientierungsstörungen, Sprachzerfall und Verwirrtheit lassen sich durch Schach sogar neue ‚graue Zellen‘ bilden.“

12. „Schach im Internet fördert weltweite Kommunikation!“

Die zwölfte und letzte These widmet sich dem aktuell modernsten Aspekt des Schachspiels: seiner inzwischen fulminanten und noch immer wachsenen Präsenz im Internet: „Nicht nur das hochentwickelte Computerschach, auch das Spielen im Internet brachte ungeahnte Dimensionen mit sich. So spielen nach Angaben von Chessbase 2007 auf ihrem Server täglich über 5’000 Aktive und Schachliebhber ca. 200’000 Partien. […] Diese Zahlen demonstrieren einen völlig neuen Zugang des strategischen Brettspiels in die moderne kommunikative und technisierte Spielwelt.“ Hervorzuheben sei dies nicht zuletzt deshalb, weil es unwichtig sei, ob der „auf der anderen Seite sitzende Gegner jung oder alt, gesund oder krank, versiert oder ungeübt“ sei. Denn zwar sei Altern ein soziales Schicksal, aber: „Durch das Schach im Internet bieten sich immer interessante Spiel- und Geistesgefährten an, zu denen nach Wunsch auch direkter Kontakt mit allen Sinnen aufgenommen werden kann.“

Zwölf fruchtbare Denkanstöße

Wie weiland Luther seine „ketzerischen“ Thesen an die Kirchenpforten schlug, so ruft also die deutsche Schachpsychologin in ihrem aufregenden „Thesen-Papier“ ein Dutzend durchaus irritierende bis provozierende Denkanstöße in den Schach-Alltag, die allerdings nichts mit Glauben, dafür sehr viel mit Wissen zu tun haben. Denn im Gegensatz zu einschlägigen populärwissenschaftlichen (um nicht zu sagen: populistischen), oft mit gutgemeint-rosaroter Brille verfassten Verlautbarungen in Sachen „Schach und Pädagogik“ basieren die Thesen von Marion Bönsch-Kauke auf wissenschaftlich verifizierbarer Grundlagenforschung unabhängiger Wissenschaftler und Institute.
Gewiss, Bönsch-Kaukesche Denkmotive wie z.B. „Schach als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben“; „Schach als strategisch-taktische Leitsportart“ oder „Schach als Demenz-Prävention“ regen bei erstem Lesen zum Widerspruch an. Aber nur so lange, wie man der Autorin akribische Recherchen zur Thematik nicht en détail kennt. Denn der 400-seitige, ein umfangreiches Literaturverzeichnis zuzüglich Psychologie-Glossar sowie Personen- und Sachregister beinhaltende Band belegt eindrücklich, wie weit die moderne Schachforschung in allen Disziplinen bereits fortgeschritten ist. Jedenfalls dürfte „Klüger durch Schach“ als der zurzeit umfassendste Überblick auf die gesamte einschlägige Forschung für die nächsten Jahre die Referenz-Publikation in Sachen Schach-Metastudien bilden und die wissenschaftliche Diskussion maßgeblich mitbestimmen bzw. befruchten. Eine äußerst verdienstvolle Veröffentlichung des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schachstiftung – sowie ein nicht nur für Schach-Enthusiasten faszinierendes Kompendium, dem weiteste Verbreitung in allen involvierten „Schach-Schichten“, von den Verbänden bis hinein in die Volksschulstuben weit über Deutschland hinaus zu wünschen ist. ♦

Marion Bönsch-Kauke, Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels, Leibniz Verlag (St. Goar)-Reichl Verlag, 408 Seiten, ISBN 978-3-931155-03-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach für Kinder und Jugendliche in der Schule auch das Interview mit dem Schach-Autoren und -Lehrer Jonathan Carlstedt
…sowie zum Thema Schachpsychologie den Schach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb

Isaac Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 8 Minuten

Ein Hauch von (Schach-)Geschichte

von Dr. Peter Martan

Ein Hauch von Geschichte weht uns an, wenn wir Isaak Lipnitzkys lange vergriffenes Buch „Fragen der modernen Schachtheorie“ aufschlagen, das kürzlich in der Reihe „Schachklassiker“ des Quality Chess Verlag (jetzt auch in deutscher Sprache) neu herausgebracht wurde. Der Untertitel „Ein Sowjet- Klassiker“ passt genau: mehr als nur ein Standardwerk der Schachliteratur ist es ein Zeugnis der jüngsten Vergangenheit eines politischen Systems, das sich gerade erst zu überleben begonnen hat, und in dem der Schachsport eine auch politisch ganz wichtige Stellung einnahm.-
Isaak Oskarowitsch Lipnitzky kehrt als hochdekorierter Offizier im Majorsrang aus dem 2. Weltkrieg heim und lässt erstmals die Schachwelt aufhorchen, als er 1949 ukrainischer Meister wird und 1950 bei den UdSSR-Meisterschaften nach Paul Keres den geteilten 2.-4. Platz belegt, hinter ihm Giganten wie Smyslow, Boleslawski, Geller, Flohr, Bondarewski, Petrosjan und Awerbach. Damit erfüllt er seine erste Großmeisternorm erst 26-jährig. Seinem Buch-Erstling „Ausgewählte Partien von Schachspielern der Ukraine“ 1952 folgt 1956 das vorliegende Hauptwerk „Fragen der modernen Schachtheorie“. Die gesamte Ausgabe wird augenblicklich von Schachenthusiasten aufgekauft, im gleichen Jahr wird Lipnitzky zum zweiten Mal ukrainischer Meister. Dann aber erkrankt er an Leukämie und stirbt 1959, gerade mal 36 Jahre alt.

Klassische Schach-Dogmen relativiert

Isaak Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie - Quality Chess Verlag

In 16 Kapiteln geht Lipnitzky inhaltlich sehr klar gegliedert den grundlegenden Regeln der Eröffnungstheorie nach. Das Zentrum und die Flügel, Das Zentrum von den Flügeln erobern, sind zwei der ersten Überschriften. Die damals gerade erst von Nimzowitsch in Frage gestellten Dogmen werden von Lipnitzky nicht einfach geleugnet, sie werden relativiert.
Dazu Lipnitzky, der Nimzowitsch an dieser Stelle selbst zitiert: „Wie lautet nun das entscheidende Argument im Einzelfall, wenn es um die Frage geht: ‚Besetzen oder nicht besetzen?‘ Um diese Frage korrekt zu beantworten, müssen wir begreifen, dass die Besetzung des Zentrums kein Ziel an sich ist, sondern in der Hinsicht wichtig ist, dass es uns ermöglicht, die Initiative zu übernehmen und Druck auf die gegnerische Stellung auszuüben. Es geschieht häufig, dass ein Spieler sein Zentrum aufbaut, nur um dann festzustellen, dass es nicht mehr als eine Last ist, da es dem Gegner als vorzügliches Ziel für den Gegenangriff dient.“
Insbesonders der Kernfrage der Stellungsbewertung geht Lipnitzky im gleichnamigen Kapitel auch historisch gründlich nach. Um Stellungsmerkmale und zu berechnende Varianten miteinander in Einklang zu bringen, unterscheidet Lipnitzky zwischen dynamischen und statischen Stellungen und betrachtet die Aufgabe der Analyse darin, das eine bis zum anderen zu berechnen. „Das Ziel der Analyse besteht darin, an eine Stellung zu gelangen, deren Wesen nicht ‚dynamisch‘, sondern ’statisch‘ ist.“

Der Begriff der Initiative anhand von Gambit-Eröffnungen

Besonderes Augenmerk legt der Autor auf die Beispiele für den nebulosen Begriff der Initiative, zu deren Erlangen und Erhalt ja bekanntlich fast jedes Mittel recht ist; ihr widmet er ein eigenes Kapitel, das logisch im folgenden Abschnitt „Moderne Gambits“  der Initiative so richtig Gestalt verleiht, anhand der damals erst von der Meistern ihrer Zeit in die Turnierpraxis eingeführten Eröffnungsvarianten, wie z.B. des Blumenfeld-Gambits, das Aljechin nach dem Erfinder, dem sowjetischen Meister Blumenfeld, laut Lipnitzky in die internationale Turnierpraxis einführt. Aljechin schreibt der Autor auch zu, dass das angenommene Damengambit, in dem früher hauptsächlich auf Rückgewinn des Gambitbauern gespielt wurde, von einem Pseudo- zu einem echten Gambit wurde (z.B. Aljechin-Bogoljubow, Wiesbaden 1929.)

Das Evans-Gambit wird von Tschigorin in seinen beiden Kabelpartien gegen Steinitz rehabilitiert, Aljechin, Tarrasch, Boleslawski, Geller und Flohr machen sich um Opfervarianten von Caro-Kann besonders verdient, und das Botwinnik- System im Damengambit wird ebenfalls in mehreren Partien zum Beispiel der damals modernen Gambitbehandlung, bei der das Opfer nicht wie in der romantischen Ära behandelt wird, in der ein Königsangriff um jeden Preis in der Regel das Ziel war, sondern ein langfristiges Positionsspiel zur Erlangung der Initiative angestrebt wird.
Ein weiteres Zitat von David Bronstein drückt für mich dabei besonders gut aus, was auch Lipnitzky an den Meistern seiner Zeit und ihren Partien bemerkens- und bewundernswert findet: „Das Eröffnungsspiel der führenden sowjetischen Schachspieler, allen voran Botwinnik und Smyslow, wird dadurch charakterisiert, dass sie den Verlust der Partie nicht scheuen, sondern nach komplizierten, zweischneidigen Stellungen streben. In Anbetracht des heutigen technischen Niveaus ist es nicht möglich, einen starken Kontrahenten zu schlagen, wenn man ihm nicht gewisse Gegenchancen einräumt.“ Ein Satz, den man vielleicht gerade heute wieder, wo die Computergläubigkeit in Analyse, im praktischen Spiel und in der Abrufbarkeit von Eröffnungstheorie den kreativen und angriffslustigen Spieler entmutigt, scharfe taktische Varianten am Brett zu riskieren, den Technokraten ins Stammbuch schreiben sollte.

Die Eröffnung als auf die Figuren-Entwicklung beschränkte Phase

Schließlich geht der Autor der auch gerade heute kaum mehr beantwortbaren Frage nach, wo die Eröffnung aufhört und das Mittelspiel anfängt. Schon damals meinten manche, die Theorie sei so weit fortgeschritten, dass das Mittelspiel eigentlich zeitweise schon eine ausanalysierte Phase sei und man in manchen Eröffnungen direkt in die Analyse der resultierenden Endspiele käme. Lipnitzky widerspricht dem und sieht die eigentliche Eröffnung als auf die Figurenentwicklung beschränkte Phase, die Pläne, die davon ausgehen, als eigenständig, wenngleich die Übergänge natürlich fließend sind.

In Analogie zu der alten arabischen Vorform des Schachs, demSchatrandsch, in das aus vorgegebenen Eröffnungsstellungen eingestiegen wurde, den von damals noch bekannten 31 Tabiyas, bringt der Autor Beispiele von Tabiyas des zu seiner Zeit modernen Spiels mit dafür bekannten Plänen.
Aus denen ein ausgewähltes ist die Stellung nach …

1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 d5 5. Sf3 O-O 6. Ld3 c5 7. O-O Sc6 8. a3 Lxc3 9. bxc3 dxc4 10. Lxc4 Dc7

"Fragen der modernen Schachtheorie": Lipnitzky-Tabiay nach Dc7
„Fragen der modernen Schachtheorie“: Lipnitzky-Tabiay nach Dc7

… deshalb ein besonderes Beispiel, weil sie durch Zugumstellung die Ragosin-Verteidigung erreicht, die nach dem Verfasser des Vorwortes Jefim Lasarew eine Lieblingseröffnung von Lipnitzky war, mit der das Buch seinen Anfang nahm. Es war ursprünglich als Monographie der Ragosin-Verteidigung gedacht. (Ausdrücklich bitte ich nochmals zu entschuldigen, dass auf diese und andere „Übergangsstellungen“ wie sie der Autor nennt, weil sie zwischen Eröffnung und Mittelspiel stehen, und die damit verbundenen Pläne nicht näher eingegangen werden kann, obwohl sie zusammen mit dem kommentierten Partienmaterial sowie den zwölf ausgewählten Lipnitzky-Partien im Anhang – 2 davon mit Schönheitspreisen belohnt – den eigentlichen Inhalt des Buches ausmachen).

Was ist eine Neuerung im Schach?

Schließlich widmen sich die letzten Kapitel der Frage, was ein Neuerung ist. Hier habe ich, um wenigstens eine der vielen kommentierten Partien wiederzugeben, aus historischem Interesse die Partie Jose R. Capablanca vs Frank Marshall in New York 1918 ausgewählt. Obwohl vielleicht hinlänglich bekannt, zeigt sie doch, wie spannend die Epoche schachlich war.

Die Vorgeschichte der Partie schildert Lipnitzky so: „Nach dem Capablanca-Marschall Match (New York 1909), in dem Letzerer mit einem Score von +1-8=14 unterging, vermied Großmeister Marshall den Spanier gegen Capablanca zehn Jahre lang. Nachdem er aber einen scharfen Angriffsplan basierend auf einem Bauernopfer ausgearbeitet hatte, wandte er ihn gegen seinen formidablen Gegner gleich in der ersten Runde des Manhattan Chess Club Meisterturnieres an.“ (Die Kommentare sind mit Ausnahme der Stellen, an denen er selbst Capablanca zitiert, von Lipnitzky, kleine Randbemerkungen von mir sind eigens gekennzeichnet.)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0–0 8.c3 d5!?

Der weiße Damenflügel ist noch unentwickelt, und so versucht Schwarz Linien zu öffnen, um einen raschen Angriff gegen den weißen König einzleiten.

9.exd5 Sxd5 10.Sxe5

In seinen Anmerkungen zu dieser Partie schrieb Capablanca: „Ich überlegte eine ganz Weile, bevor ich den Bauern nahm, da mir klar war, dass ich einem gewaltigen Angriff ausgesetzt sein würde, den mein Kontrahent sorgsam ausgearbeitet hatte. Doch gleichzeitig spürte ich die Kampfeslust in mir aufsteigen. Eine Herausforderung wurde mir entgegen geworfen von einem Spieler, der allen Grund hatte, mein Verständnis und mein Können zu fürchten (dies hatten unsere vorherigen Aufeinandertreffen gezeigt), und der nun eine Liste an Überraschungen vorbereitet hatte, um meine fehlende Vertrautheit mit Varianten auszunutzen, denen er viele Nächte harter, ausdauernder Arbeit gewidmet hatte. Ich überprüfte die Lage und entschied, dass mein Ruf mich sozusagen verpflichtete, den Bauern zu schlagen und die Herausforderung anzunehmen, denn mein Verständnis und meine Kenntnisse sagten mir, dass die weiße Stellung verteidigungsfähig sei.“
Zwar nicht unbedingt bemerkenswert ob seiner Bescheidenheit, zeigt doch diese Darstellung klar und eindeutig, wie der Verstand eines großen Meisters arbeitet, wenn er mit einem unerwarteten Problem konfrontiert wird.

10… Sxe5 11.Txe5 Sf6 12.Te1 Ld6 13.h3 Sg4! 14.Df3!

Den Springer zu nehmen würde wegen 14… Dh4 verlieren. Auf f3 besetzt die Dame einen sehr starken Posten, wo sie gleichzeitig deckt und angreift.

14… Dh4 15.d4!

Unter Beschuss beeilt sich Weiß sich zu entwickeln und vermeidet alle Fallen. Nach 15.Te8 Lb7! 16.Txf8+ Txf8 17.Dxg4 Te8! 18.Kf1 De7 19.Le6 Ld5! hätte Schwarz klaren Vorteil.

15…Sxf2

„Der Gräber ist selbst in die Grube gefallen- dieser Springer wird hier niemals wieder rauskommen. Doch Schwarz hatte nichts Besseres; das einzige, was ihm blieb, war ein Angriff um jeden Preis, zu siegen oder zu sterben.“ (Capablanca)

"Fragen der modernen Schachtheorie": Capablanca-Marshall vor Te2
„Fragen der modernen Schachtheorie“: Capablanca-Marshall vor Te2

16.Te2!!

Capablanca findet in dieser komplizierten und für ihn unvertrauten Stellung den einzigen Zug, – Anmerkung der Redaktion: mittlerweile hat sich in der Literatur auch 16. Ld2 als spielbar erwiesen – um den Angriff abzuwehren, und demonstriert damit seine außergewöhnliche Verteidigungskunst, für die er so berühmt war. Er kann beispielsweise nicht 16.Dxf2 spielen wegen Lh2+!  (aber nicht 16…Lg3? 17.Dxf7+ nebst Matt)  17.Kf1 Lg3 18.De2  (Anm.d.Redaktion: 18.Dd2 hat laut jüngerer Theorie auch diese Variante wieder spielbar gemacht) 18…Lxh3! 19.gxh3 Tae8 und Schwarz gewinnt.

16…Lg4 17.hxg4 Lh2+ 18.Kf1 Lg3 19.Txf2 Dh1+ 20.Ke2 Lxf2 21.Ld2 Lh4 22.Dh3 Tae8+ 23.Kd3 Df1+ 24.Kc2

Nachdem er seinen König in Sicherheit gebracht hatte, gewann Capablanca im 36. Zug. Der fürchterliche schwarze Angriff, ausgeklügelt in der häuslichen Stille, prallte an einer machtvollen Verteidigung ab, die am Brett gefunden wurde.

Der historische Hintergrund vor der Heraufkunft der russischen Hegemonie

Diese Partie wurde von mir auch deshalb gewählt, weil sie den schachhistorischen Hintergrund beleuchtet, unter dem die Glanzzeit von Capablanca unmittelbar vor der Hochblüte der sowjetischen Schachschule gesehen werden muss. Lipnitzky erwähnt natürlich nicht, dass Aljechin (mit der Rückendeckung der sowjetischen Schachmaschinerie) Capablanca, nachdem er ihm den Weltmeistertitel abgenommen hatte, bis zum Tod des großen Rivalen einem Revanchekampf auswich. Ich erwähne das auch unter dem Eindruck eines anderen Buches zu dem Thema, das  erst kürzlich erschienen ist: Fabio Stassis „Die letzte Partie“, das sich mit der Verknüpfung der Schicksale der beiden wahrscheinlich größten Schachgenies ihrer Zeit romanhaft auseinandersetzt. Ähnliches widerfuhr ja auch um einiges später Bobby Fischer, der lange um die Möglichkeit eines Titelkampfes ringen musste und seinerseits danach offenbar psychisch nicht mehr in der Lage war, gegen die geschlossene sowjetische Schachphalanx seinen Titel zu verteidigen.

Dokumentation einer großen Ära großer Schachspieler

Dessen ungeachtet dokumentiert Lipnitzky eine große Ära großer Schachspieler, zu denen er ganz sicher auch gehörte. Hat die Theorie diese und jene damals aktuelle Variante auch überholt, die Analysen und Bewertungen bleiben studierenswert und zeitlos ist die Kunst des Denkens, die schachliche Technik, Regeln im Einzelfall mehr oder weniger Gewicht beizumessen. Heute verbreiten sich Neuerungen übers Internet schneller als der Wind und der Computer fordert dazu heraus, sie ständig neu zu bewerten. Was bleibt, ist der Geist des Spieles oder wie Lipniztky sagt: „Wenn ein Spieler eine Variante widerlegt oder etwas Neues entdeckt, erfährt er echte kreative Befriedigung. Seine Fähigkeit, theoretische Einschätzungen kritisch anzugehen, ist der beste Beweis für seine kreative Reife.“ Oder mit Tschigorin: „Schach ist, allgemein ausgedrückt, viel reichhaltiger, als man auf Grundlage der existierenden Theorie annehmen wollte, die es nur in bestimmte enge Formen zu pressen versucht.“

Ich schließe mit einem Zitat Emanuel Laskers, das auch Lipnitzky ans Ende seines Buches stellt:

„Jeder, der seine Fähigkeit zum unabhängigen Schachdenken pflegen will, muss im Schach alles vermeiden, was tot ist:

– künstliche Theorien, die auf sehr wenigen Beispielen und jeder Menge Erfindung beruhen;
– die Angewohnheit, mit schwächeren Gegnern zu spielen und Gefahren aus dem Weg zu gehen;
– die Angewohnheit, die Varianten und Regeln von anderen unkritisch zu kopieren und gedankenlos zu wiederholen;
– selbstzufriedene Eitelkeit, Unwilligkeit, die eigenen Fehler einzugestehen.“ ♦

Isaak Lipnitzky, Fragen der modernen Schachtheorie, 236 Seiten, Quality Chess

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Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe

… sowie zum Thema Schachschule über
Axel Gutjahr: Schach spielen mit Niveau

Jon Speelman: Buch der Schachaufgaben

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Praktische Schule der Taktik

von Walter Eigenmann

Als der englische Großmeister Jonathan Speelman vor einem Jahr seinen „Gambit-Book“-Erstling „Jon Speelman’s Chess Puzzle Book“ präsentierte, waren Presse und Leser des Lobes voll über diese Aufgaben-Sammlung in Sachen Schach-Taktik. Denn nicht nur, dass der große Endspiel-Techniker und am Brett äußerst kreative Taktiker Speelman gemeinsam mit John Nunn und Tony Miles jahrelang das berühmte britische Schach-„Triumvirat“ bildete. Auch als Autor hatte sich der studierte Mathematiker und WM-Halbfinalist längst einen hervorragenden Namen geschaffen. Umso erfreulicher ist nun, dass er mit seinen Taktik-Puzzles unter dem Titel „Buch der Schachaufgaben“ auch die große deutschsprachige Leserschaft bedient.

Taktik als Kombination von Sehvermögen und Berechnung

Jon Speelmans Buch der Schachaufgaben - Gambit VerlagGemäß seiner Grundbotschaft, dass Taktik „eine Kombination von Sehvermögen und Berechnung“ bilde, betont Autor Speelman im eben erschienen „Buch der Schachaufgaben“, dass die Verbesserung der taktischen Fähigkeiten „keineswegs dunkle Magie“, sondern durch Übung erreichbar sei. Und wie andere Untersuchungen geht auch Speelmans Exerzitium von der großen Bedeutung der „Mustererkennung“ aus: „Das Sehvermögen ergibt such aus der Mustererkennung, aus der man dann Kandidatenzüge ableiten kann. Diesem im Unterbewusstsein ablaufenden Prozess liegt zweifellos eine tiefgründige wissenschaftliche Theorie zugrunde, aber der praktische Effekt für Schachspieler besteht darin, dass man durch Übung eher Züge sieht, die funktionieren könnten, wobei die Betonung auf ‚könnten‘ liegt. – Im Berechnungsteil prüft man dann, ob diese Züge auch wirklich klappen.“

Vom Elementaren zum Komplizierten als didaktisches Konzept

Didaktisch setzt Speelman dieses sein zweiteiliges Unterrichtskonzept in bekannter Manier um, indem es vom Elementaren zum Komplizierten geht: „In meiner Jugend habe ich hunderte von kleinen Taktikaufgaben aus Büchern und Zeitschriften gelöst und bin immer der Meinung gewesen, dass der beste Weg zur Erzielung von Fortschritten darin besteht, blindlings gegen eine Mauer anzurennen, sondern eine Reihe niedrigerer Hindernisse zu überwinden und sich dadurch kleine, aber angenehme Erfolgserlebnisse zu verschaffen.“

Jon Speelman - Lese-Beispiel Buch der Schachaufgaben - Glarean Magazin
Instruktive Lehr-Beispiele: Leseprobe aus dem „Buch der Schachaufgaben“

Dementsprechend beginnt der 53-jährige Londoner Großmeister sein Buch mit den taktisch (ein-)gängigsten Manövern wie „Springergabel“ oder „Fesselung“, um sodann die höheren Weihen des Kombinierens mittels komplexerer Bereiche wie „Überlastung“ oder „Bauernumwandlung“ zu spenden. Jede Aufgabe, die eine Art Paradigma ihres Themas darstellt, geht dabei von einem Diagramm aus, dem ein kurzer Umschrieb des Puzzles folgt. Im „Lösungen“-Abteil werden dann die detaillierten Varianten besprochen. Das „Sehvermögen“ nochmals eingehender trainiert wird dann im Abschnitt „Taktik in der Praxis“, aber nun nicht mehr systematisch, sondern bunt gewürfelt – wie das im Partien-Turnieralltag ja auch der Fall ist. „Fingerübungen“ nennt Speelman diese 48 Stellungen, welche die vorausgegangenen Kapitel resümieren.

Für jeden Schachspieler ein Gewinn

„Jon Speelmans Buch der Schachaufgaben“ ist eine Taktik-Unterweisung, die für jeden aufstrebenden Caissa-Jünger mit Gewinn studiert werden dürfte. Denn die Kombinatorik-Puzzles sind so geschickt, will heißen so beispielhaft gewählt, dass sie als eigentliche Lerninhalte bei jedem Amateur in die Partien-Praxis durchschlagen sollten. Wobei bei solchen Büchern ja grundsätzlich nicht nur systematisch mit dem Brett vor dem Kopf gebüffelt, sondern alternativ durchaus auch „Just-for-Fun“ genossen werden kann: Man liest ein paar Seiten im Zug, die nächsten in der Kaffeepause, weitere vor dem Einschlafen – wann und wo halt man Lust auf ein bisschen Schachtaktik hat. Hauptsache: Nicht schummeln… ■

Jonathan Speelman, Jon Speelmans Buch der Schachaufgaben, Gambit Books Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-1-906454-02-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachaufgaben auch über Martin Weteschnik: Schachtaktik – Jahrbuch 2011

… sowie zum Thema Schachstudien aus der Reihe „Das Schach-Alphabet“: Buchstabe F

Rudolf Teschner: Schach in 40 Stunden

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 2 Minuten

Der Lehrkurs für Anfänger und Aufsteiger

von Walter Eigenmann

Jedem einigermaßen seriösen, nicht ohne Theoriekenntnisse durch die Turnier-Sääle wandelnden Schachadepten ist der Name des Berliner Meisters Rudolf Teschner ein Begriff. Dutzende von Theoriebüchern aus seiner Feder, von der Eröffnungslehre bis zur Spieler-Biographie, von der Partien-Sammlung bis zur Kombinationsschule füllen die Regale der Schach-Bibliotheken; Teschner dürfte der meistgelesene Schachautor deutscher Sprache sein.

Rudolf Teschner: Schach in 40 Stunden - Edition OlmsEiner der gar in mehrere Sprachen übersetzten Klassiker des vor drei Jahren verstorbenen „FIDE-Großmeisters ehrenhalber“ ist auch sein „Schach in 40 Stunden“. 1993 erstmals erschienen, legt jetzt Raymund Stolze in der Schweizer Edition Olms eine neue, wiederum aktualisierte Ausgabe des Bestsellers vor.

Den Ideenreichtum des Schachs näherbringen

Die Zielsetzung dieser auch im Schul- bzw. Schülerschach der Vereine gern benutzten 40 Lektionen legte Teschner zuletzt im Vorwort seiner vorausgegangenen Auflage aus dem Jahre 2004 dar: „Dieses Lehrbuch will den Leser nicht nur mit den Grundregeln des ‚Königlichen Spiels‘ vertraut machen, sondern ihm auch den ganzen Ideenreichtum nahebringen, dem es seine Anziehungskraft verdankt. […] Das Buch ist zum Selbststudium geeignet und hat sich auch in Lehrkursen vielfach bewährt.“

Alle Ingredienzen des Turnierspiels aufgedeckt

Der Internationale Meister Teschner – seine beste historische Elo-Zahl betrug 2633 – geht dabei didaktisch sehr geschickt vor und deckt dem Schach-Novizen wie dem -Aufsteiger alle unverzichtbaren Ingredienzien eines erfolgreichen Turnierspiels (bis schätzungsweise 2000 Elo / natürlich inklusive regelmäßige Spielpraxis) auf.
Teschners „Schach in 40 Stunden“ gehört auch Jahre nach seiner Erstauflage zu den schachpädagogisch wirkungsvollsten Publikationen im deutschsprachigen Schach-Blätterwald. Der Olms Verlag darf es sich als besonderen Verdienst anrechnen, gerade dieses Kompendium des fruchtbaren Berliner Schachschriftstellers in der gewohnt professionell-schönen Aufmachung seiner Buch-Reihe „PraxisSchach“ in kontinuierlicher Aktualisierung zu begleiten. ♦

Rudolf Teschner, Schach in 40 Stunden (aktualisierte Auflage), Edition Olms, 160 Seiten, ISBN 978-3-283-01011-9

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Jonathan Carlstedt: Eine kleine Schachschule