Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

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Lehrreich-vergnügliches Schachlesebuch

von Thomas Binder

„Ob Kreisliga oder Weltspitze – einen Schachtherapeuten braucht jeder“ – so ähnlich steht es im Vorwort des neuen Buches „Der Schachtherapeut 2“ von Manfred Herbold. Da ist es gut, dass der umtriebige Schachspieler, -autor und -trainer Manfred Herbold seit Jahren unter dem Label „Schachtherapeut“ zumindest in der schachlichen Internet-Community (aber sicher auch darüber hinaus) bekannt ist. Seine Fans – oder sollten wir sagen: „seine Patienten“? – mussten ganze acht Jahre auf das zweite gedruckte Werk aus seiner Feder warten.

Manfred Herbold - Der Schachtherapeut Band 2 (Reloaded) - EigenverlagNun liegt mit „Der Schachtherapeut 2 – Reloaded“ ein Band vor uns, der an Inhalt und Aufmachung die harmonische Fortsetzung des ersten Bandes dieser Reihe ist. Der Umfang ist gegenüber jenem um ca. 50 Seiten angewachsen. Zwei weitere Bände sind angekündigt, und die Wartezeit soll diesmal deutlich kürzer ausfallen.

Sprachliche Qualität und vergnügliche Inhalte

Den grössten Teil des Buches nehmen 20 Kapitel ein, in denen Herbold uns ausnahmslos unterhaltsame und lehrreiche Partien bzw. Partiefragmente präsentiert – mehr oder weniger dicht in launige Texte eingebettet. Vieles wird dabei stilecht in Parodien auf psychotherapeutische Sitzungen verpackt. Dabei begegnen wir Herbolds treuestem Patienten wieder, der auch acht Jahre nach Band 1 offenbar noch nicht austherapiert ist. Dieser Herr Lobrehd erweist sich auf den zweiten Blick als ein Anagramm auf Herbolds eigenen Namen – schöner Beleg für den augenzwinkernd souveränen Umgang des Autors mit der deutschen Sprache. Gerade diese Leichtigkeit macht seine Texte abseits des schachlichen Inhalts zu einem Lesevergnügen, wie man es selten in der Schachliteratur erlebt.
Ein weiteres erfreuliches Wiedersehen gibt es mit den drei „Halls“: Der Hall of Fame (echte Glanzpartien), der Hall of Shame (lehrreiche Fehler, in der Regel vom Verursacher selbst zur Veröffentlichung vorgeschlagen) und der Hall of Luck, in welcher glückliche Fügungen zu einer sehenswerten oder kuriosen Partie geführt haben.
Viele Partien stammen aus unteren Spielklassen oder offenen Turnieren, so bilden sie auch für den erfahrenen Leser neue Entdeckungen. Natürlich hat auch bekanntes Material seinen Platz, wie Mitrofanovs Ablenkung oder die berühmte Studie der Gebrüder Sarychev.

Zahlreiche internationale Gastbeiträge

Manfred Herbold (* 1966)
Manfred Herbold (Geb. 1966)

Das alles ist weit davon entfernt, in die Kategorie „Klamauk“ abzugleiten. Es bleibt immer köstliche, aber ernst gemeinte Unterhaltung. Im Gegensatz zum ersten Band gibt es sogar einige Abschnitte, die man nahezu unverändert in ein klassisches Lehrbuch übernehmen könnte, etwa dort, wo es um gute und schlechte Leichtfiguren geht.
Etwa 40 Seiten sind Gastbeiträgen von Autoren gewidmet, die mit Herbold auf annähernd gleicher Wellenlänge surfen. Soweit erkennbar handelt es sich dabei um bereits veröffentlichte Beiträge von deren jeweiligen Webseiten. Zu diesen Gastautoren gehören „Schachimedes“ Martin Stichlberger aus Wien, „Glarean“ Walter Eigenmann aus der Schweiz, „Schachneurotiker“ Karl Gross, Franz Jittenmaier von chess-international hier (vertreten mit seinem Ruhrpott-Original „Peule“) und Hans-Peter Kraus, dessen Lehrbuch über Fesselungen im Schach eigentlich schon lange eine vollständige Veröffentlichung in Buchform verdient hätte. Weitere Co-Autoren, deren Namen dem Kundigen höchsten Lesegenuss versprechen, sind Gerhard Wetzel, Hermann Krieger, Ulrich Höfer, Rainer Schlenker und Hartmut Metz. Wo hat es eine solche Anthologie deutschsprachiger Schachpublizisten schon einmal gegeben? Wäre das vielleicht sogar ein Ansatz für ein eigenständiges Projekt?

Ideale Ergänzung durch den Cartoonisten Frank Stiefel

Manfred Herbold - Der Schachtherapeut Band 2 (Reloaded) - Cartoons von Frank Stiefel
Cartoon: Frank Stiefel

Neben den Gastautoren ist auf eine Person unbedingt zu verweisen, die einen unschätzbaren Beitrag zum Gelingen dieses Buches geleistet hat: Die meist grossflächigen Illustrationen von Frank Stiefel ergänzen den Text ideal, können aber auch eigenständig als Schach-Cartoons bestehen.
Der Vollständigkeit halber sei noch auf den kurzen 3. Teil verwiesen, der mit „Extras“ überschrieben ist. Mit wenigen Ausnahmen hätte man diese Beiträge auch im Hauptteil unterbringen können, so dass sich der Sinn des eigenständigen Abschnitts nicht ganz erschliesst.

Nach langer Wartezeit legt "Schachtherapeut" Manfred Herbold sein zweites Buch vor. Er schafft es erneut, den Leser mit köstlich geschriebenen und zudem lehrreichen Geschichten zu fesseln - ein Schach-Lesebuch erster Güte!
Nach langer Wartezeit legt „Schachtherapeut“ Manfred Herbold sein zweites Buch vor. Er schafft es erneut, den Leser mit köstlich geschriebenen und zudem lehrreichen Geschichten zu fesseln – ein Schach-Lesebuch erster Güte!

Der Rezensent hat wenig Kritikpunkte gefunden. Bei einem Werk, dessen Autor die gesamte Produktion in die eigenen Hände genommen hat, ist es geradezu unvermeidlich, dass der eine oder andere Schreibfehler trotz intensiver Korrekturlesung unentdeckt bleibt. Das kann man gut bei einer Neuauflage ausmerzen. Ansonsten sind Layout und handwerkliche Gestaltung absolut professionell gelungen.
Eine Unsitte ist es in meinen Augen, dass Herbold einige Diagramme „kopfstehend“ präsentiert. Natürlich soll sich der Patient – sorry, der Leser – hier mit dem Schwarzspieler identifizieren. Bei Stellungen kurz nach Ende der Eröffnung ist das auch leicht möglich, im Endspiel mit wenigen Figuren und weniger vertrauten Strukturen stiftet dies aber unnötige Verwirrung. ♦

Manfred Herbold: Der Schachtherapeut – Band 2: Reloaded, 220 Seiten, Selbstverlag

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Palmer G. Keeney: Das verrückte Schachproblem

Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

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Perfektes Anfänger-Lehrbuch

von Thomas Binder

Kinderschach boomt auf allen Ebenen – und der zugehörige Büchermarkt boomt mit! Es kann kein Zufall sein, dass in letzter Zeit immer wieder Anfänger-Lehrbücher in den Fokus gelangen, die sich gezielt an die jüngste Generation wenden. Merkwürdigerweise wird das im Untertitel fast immer mit der Perspektive „Profi“ verbunden. Auch im Falle des neuen Buches von Claire Summerscale: „Schach – So wirst du zum Profi“. Dabei kommt der „Profi“-Zusatz in der englischen Originalausgabe gar nicht vor. Ein Untertitel wie „Auf dem Weg zum ersten Schachturnier“ erschiene mir passender, aber wäre vielleicht nicht so werbewirksam…

Erfahrene Schach-Trainerin als Autorin

Claire Summerscale - Schach – So wirst du zum Profi - DK-VerlagDie Autorin Claire Summerscale ist eine britische Meisterspielerin mit umfassenden Erfahrungen als Trainerin. Gestützt auf diese Kompetenzen legt sie ein beispielhaft gutes Kinderlehrbuch vor!
Das Besondere an Summerscales Werk ist, dass sie mit wenig Text auskommt und dennoch auf seriöse Weise das erforderliche Schach-Grundwissen vermittelt. Das Buch ist perfekt auf die angedachte Zielgruppe ausgelegt, die der Verlag mit „ab 8 Jahren“ beschreibt und die ich mit einer oberen Altersgrenze bei 11 bis maximal 12 Jahren schliessen würde.
Summerscale arbeitet mit grossflächigen Grafiken im 3-D-Look. Parallel dazu werden aber auch „richtige“ Schach-Diagramme präsentiert, so dass sich die Kids später in weiteren Schachbüchern gut zurecht finden werden. Einziger Kritikpunkt zu den Abbildungen ist, dass die schwarzen Figuren auf schwarzen Feldern manchmal etwas schwer erkennbar sind, wenn auch auf dem Feld dahinter eine schwarze Figur steht.

Von den Grundregeln bis zur Morphy-Partie

Probeseite aus Claire Summerscale - Schach – So wirst du zum Profi
Probeseite aus Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Die Trainerin beginnt „from scratch“ mit den Grundregeln (Schachbrett, Figuren, Zugregeln bis Rochade und en Passant, Schach und Matt). In einem weiteren Kapitel folgen ausgewogen dargestellte Grundlektionen (Wert der Figuren, Abtausch, Entwicklung, einfache Matts, Remisregeln). Den grössten Raum nimmt das Kapitel „Taktik“ ein. Hier werden die Kids an einfachen und dennoch sehr instruktiven Beispielen mit taktischen Grundbegriffen vertraut gemacht: Gabel, Fesselung, Spiess, Abzugsangriff, Opfer, Entfernen des Verteidigers, Türme auf der 7. Reihe usw. Auch einige attraktive Mattbilder lernen wir kennen, darunter das erstickte Matt, das Grundreihenmatt und das „Matt der Anastasia“. Daran dürften die Kinder ihre reine Freude haben. In allen Kapiteln wird der junge Leser schon mit einfachen – dem gerade erreichten Wissensstand angemessenen – Aufgaben herausgefordert. Die Lösungen findet man im Anhang.
Abgerundet wird das Werk durch die berühmte Partie von Paul Morphy in der Pariser Oper 1858. Diese Kurzpartie wird auf 4 Seiten mit grossflächigen Diagrammen vorgestellt. Ich behaupte, wer die vorherigen 63 Seiten aufmerksam gelesen hat, wird sie verstehen und geniessen können.

Schachpädagogisch hervorragend abgestimmt

Claire Summerscale legt mit "Schach - So wirst du zum Profi" ein perfekt auf die Zielgruppe (Kinder ohne Schach-Vorkenntnisse bis etwa 11 Jahre) abgestimmtes Anfängerlehrbuch vor. Für Eltern, deren Kids das Schachspiel selbständig erlernen wollen, eine absolute Kaufempfehlung!
Claire Summerscale legt mit „Schach – So wirst du zum Profi“ ein perfekt auf die Zielgruppe (Kinder ohne Schach-Vorkenntnisse bis etwa 11 Jahre) abgestimmtes Anfängerlehrbuch vor. Für Eltern, deren Kids das Schachspiel selbständig erlernen wollen, eine absolute Kaufempfehlung!

Der bis dahin vorgestellte Kanon ist aus der Sicht eines erfahrenen Trainers perfekt auf das Kinder-Anfänger-Training abgestimmt. Das kann man nach Auswahl und Präsentation nicht viel besser machen. Dennoch bleibt ein Wunsch offen. Dem Schach-Endspiel widmet Claire Summerscale nicht die gebührende Beachtung. Es kommen nur die Mattsetzungen mit zwei Türmen (Treppenmatt) und mit der Dame (Patt-Vermeidung) vor. Zum Anspruch des Buches würde es gut passen, hier noch ein klein wenig weiter zu gehen. Spontan fällt mir das Matt mit einem Turm ein. Auch die grundlegenden Kenntnisse zur erfolgreichen Bauernumwandlung kann und sollte man auf diesem Niveau schon vermitteln. Ich denke an die Schlüsselfelder vor einem Bauern, einfachste Ansätze der Oppositionslehre und z.B. die Quadratregel. Das lässt sich im Stile dieses Buches alles hervorragend darstellen und würde vielleicht 6 zusätzliche Seiten erfordern. Diese sollte man bei einer Neuauflage durchaus investieren, denn der Lernende wird schon bei seinem ersten Turnier mit solchen Herausforderungen konfrontiert sein.
Sei’s drum: Die wissbegierigen Schach-Kids werden dieses Buch an einem einzigen Tag verschlingen und dabei wirklich viel lernen. Sie sind dann vielleicht noch keine Profis, aber dem selbstbewussten Start bei einem Kinder-Schachturnier steht nichts im Wege. ♦

Claire Summerscale: Schach – so wirst du zum Profi, Dorling Kinderslev Verlag, 72 Seiten, ISBN 978-3831033454

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Gert von Ameln: Salin und der Schwarze Zauberer

Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

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Bemerkenswerte Musik- und Schach-Novitäten

von Walter Eigenmann

Nikola Komatina: Inspiration – Accordion (CD)

Beim Laien, zumal beim Liebhaber sogenannter „Volksmusik“ haftet dem Akkordeon noch immer der Nimbus des Hummtata-Handorgelns oder des schmalz-kitschigen Shanty-Schifferklaviers an. Als konzertant-virtuoses Solo-Instrument wird es in der breiten Öffentlichkeit noch immer zu wenig wahrgenommen – allenfalls noch in seiner Funktion als Bestandteil von mehr oder weniger ambitiösen „Harmonika“-Orchestern.

Akkordeon-Musik vom Barock bis zur Moderne

Anzeige Amazon: Nikola Komatina (Akkordeon): Inspiration - Werke von Scarlatti, Bach, Moszkowski, Aho und Zabel (GWK-Records)
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Welche facettenreichen Spieltechniken dem Handzug-Instrument Akkordeon jedoch innewohnen, welche vielfältigen Klangspektren es zu realisieren vermag, das beweisen solche Ausnahme-Virtuosen wie der serbische Akkordeonist Nikola Komatina. Bei dem Label GWK-Records hat der 29-jährige, bereits in jungen Jahren mit vielen Preisen ausgezeichnete Virtuose nun sein CD-Debüt erhalten mit der Produktion „Inspiration“ – einer stilistisch sehr heterogenen Zusammenstellung von D. Scarlatti über J.S. Bach und M. Moszkowski bis hin zu Kalevi Aho (1949) und Frank Zabel (1968).
Moderne Musik auf dem Akkordeon: ja – aber auch Barock und Spätromantik? Komatina lässt allen musikgeschmacklichen Puritanismus hinter sich und führt sein Instrument durchaus stilsicher durch die Epochen – dank phrasierungs- und artikulationsreicher Meisterschaft, die den betreffenden Werken weitere Klangoptionen eröffnen.

Dynamische Möglichkeiten des Instruments ausgeschöpft

Komatina weiss dabei genau um die Vorzüge des Akkordeons, wenn er (im Booklet) betont, dass sein Instrument bei barocken Stücken eben Dynamik-Abstufungen realisieren kann, über die das „originale“ Cembalo nicht verfügt(e). Bei Scarlattis Toccata d-Moll K 141 kontrastiert Komatina „stark rhythmisch geprägte“ Passagen mit „gesanglich-weichen“, bei Bachs Englischer Suite Nr. 5 e-Moll BWV 810 wollte er „die einzelnen Töne mit Creschendo und Decrescendo gestalten und die Spannung über mehrere Takte halten“.

Die spieltechnischen Grenzen erreicht

Bis an die spieltechnischen Grenzen des Akkordeons geht Interpret Komatina nicht nur im Caprice Nr. 1 von Frank Zabel, sondern insbesondere auch bei Kalevi Ahos 2. Sonate für Akkordeon „Black Birds“; sogar Virtuose Komatina attestiert diesem Stück, „eines der komplexesten, aufregendsten und schwierigsten Werke der modernen Akkordeonliteratur“ darzustellen. Und sowohl bei Zabel als auch bei Aho kann dabei der Akkordeonist, dessen technische Virtuosität sowohl im rechtshändigen Diskant- wie im linkshändigen Bass-Bereich des Instruments ihresgleichen sucht, hinsichtlich der Klang-Register aus dem Vollen schöpfen: Komatina spielt auf einer grossen Konzert-Bugari, deren weites Spektrum der Klappen-Register den klanglichen Anforderungen gerade moderner Komponisten gerecht wird. Von der Imitation von Vogelstimmen (in Ahos „Black Birds“) bis hin zu den komplexen Klangschichten in Zabels „Caprice“ deckt der serbische Künstler eine faszinierend vielfältige und in dieser Intensität noch selten gehörte Spannungsweite moderner Akkordeonmusik ab. ♦

Nikola Komata (Accordion): Inspiration – Werke von Domenico Scarlatti, Kalevi Aho, Johann Sebastian Bach, Frank Zabel und Moritz Moszkowsi, Spieldauer 53:45, GWK-Records

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Akkordeon-Musik auch über die CD des Salon-Orchesters Prima Carezza: Pourquoi, Madame?


Werner Kaufmann: Zwingende Züge (Schach)

Wer nach einem bibliographisch schön aufbereiteten, mit sauber gestaltetem Layout versehenen, mit gut strukturierten Kommentaren bestückten und mit vielen Diagrammen gespickten Schachbuch sucht, wird bei Werner Kaufmanns „Zwingenden Zügen“ nicht fündig. Noch nicht mal eine Print-Ausgabe gibt es von dieser jüngsten Publikation des in der Zentralschweiz recht bekannten Nationalliga-Spielers und Fide-Meisters. Schach-Puristen mit jahrelanger Gewöhnung an den ästhetischen Mainstream der konventionellen Schachbuch-Herstellung lassen also am besten die Finger von diesen „Zwingenden Zügen“.

Schachpädagogisch originäre Denkansätze

Wer aber ausgeleierte, häufig austauschbare Pseudo-Kommentierung verabscheut, stattdessen sehr originäre, mit Eigenleistung generierte Denkansätze schätzt, die schachpädagogisch für Spieler bis ca. 2000 Elo wirklich nützlich sind, der liegt bei Kaufmann goldrichtig. Kaufmanns E-Book nimmt das uralte Evans-Gambit zum Ausgangspunkt modernster On-the-Board-Überlegungen und propagiert Denkwege, die gänzlich ohne (häufig einfach nachgeplapperte bzw. sinnentleerte) Worthülsen wie „Mustererkennung“ oder „Strategie“ auskommen. Anstelle solcher schachpädagogisch meist nebulöser „Anleitungen“ setzt „Zwingende Züge“ auf praktikable und am Brett vom Spieler situativ umsetzbare Anregungen für das Berechnen wirkungsvoller Schachzüge.

„Keine Pläne!“

Werner Kaufmanns Credo, das er bereits in seinem „Keine Pläne!“, dem Vorgänger-Band der „Zwingenden Züge“ proklamierte und nun anhand zahlloser konkreter Lehrpartien und -stellungen des für diesen Zweck optimalen Evans-Gambits dokumentiert, verkündet allen Lernenden:

„Im Schach geht es um drei Sachen:

  1. Drohung ansehen
  2. Alles angreifen
  3. Nichts einstellen“

Am besten zitieren wir Kaufmann ausführlicher:

Patzer glauben viel eher als Grossmeister zu wissen, was gerade zu tun ist, und ordnen ihre Züge irgendwelchen positionellen oder strategischen Zielen unter. Dem gegenüber prüft der GM, was gerade in der Stellung drin ist, versucht sich über seine Optionen Klarheit zu verschaffen und wählt eine dieser Optionen. Kurzum, der Patzer spielt abstrakt, der GM konkret. Ich bin überzeugt, dass ich im Schach nur Fortschritte machen kann, wenn ich mich daran gewöhne, mich von Zug zu Zug um Drohungen und Gegendrohungen zu kümmern, ohne irgendwelche strategischen Ziele zu verfolgen.
Der durchschnittliche Schachspieler hat ungefähr 1600 Elo, was bedeutet, dass die Hälfte aller Spieler weniger Elo hat. Über 1800 kommen 20%, über 2000 10% und über 2200 noch 3% der Spieler. Über 2400 sind es noch ein paar Promille, aber richtig gutes Schach wird erst ab 2600 gespielt. Überlassen wird doch das Planen denjenigen, die Varianten auch korrekt berechnen können…

Eine Kurz- bzw. Zusammenfassung der Kaufmann’schen „Gesetze“ bietet der Autor selber auf seiner Webseite.
Jedenfalls aber ist „Zwingende Züge“ des erfolgreichen Innerschweizer Nationalliga-Spielers und Fernschach- sowie Computerschach-Experten Werner Kaufmann sehr pointiert und auch witzig geschrieben, seine Zuganalysen sind mit modernster Software verifiziert (und korrigieren oftmals auch „fehlerhafte“ Programm-Vorschläge…), die Denkansätze sind äusserst unkonventionell, aber auch äusserst einleuchtend.
Für Turnierspieler, die sich für einmal abseits der üblichen „strategischen“ Verallgemeinerungen bewegen und sich konkret auf die schachlichen Notwendigkeiten einlassen wollen, ist dieses E-Book eine lehrreiche Hilfe im Dschungel des Varianten-Dickichts – und insgesamt eine originelle Ergänzung des Schach-Bücherschrankes. Empfehlung! ♦

Werner Kaufmann: Zwingende Züge – erläutert anhand von Captain William Evans‘ Gambit, e-book (Kindle Edition), 104 Seiten, Damenspringer Verlag

Lesen Sie im Glarean Magazin (quasi als Gegenentwurf) zum Thema „Schachpädagogik“ auch über Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel


Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy (CD)

Das Duo Imaginaire – das sind die Würzburger Konzert-Harfenistin Simone Seiler und der Edinburgher Solo-Klarinettist John Corbett. Gemeinsam realisierten die beiden Künstler ein ganz spezielles Musik-Projekt: „Japanes Echoes“ nennt sich ihre neue CD, die nicht weniger als sechs japanische Komponist(inn)en vorstellt, welche in ihren Werken „antworten“ auf je ein selbstgewähltes Prélude von Debussy. Diese japanische Hommage à Claude Debussy reflektiert vielfältig auch die grosse Faszination, die Japans und überhaupt die fernöstliche Musiktradition mit ihrer Klangsinnlichlichkeit auf den genialen Impressionisten ausübte.

Sechs unterschiedliche japanische Stil-Ausprägungen

Das halbe Dutzend Werke von Satoshi Minami (*1955), Yasuko Yamagucchi (*1969), Takashi Fujii (*1959), Kumiko Omura (*1970), Takayuki Rai (*1954) und Asako Miyaki (*1967) durchmisst eine weite Bandbreite an Kompositionstechniken und Klangstilen. Jedes der Debussy-Préludes als die vorangestellten Ausgangspunkte der Komponisten aus Japan wurde von dem Duo transkribiert aus dem Klavier-Original in das Klarinette-Harfe-Duett, und über die Legitimation solcher Übertragung eines doch sehr Klavier-fokussierten Impressionismus und dessen klanglich-pianistischen Spezifikationen liesse sich streiten. Doch als Experiment auch im Sinne von „West meets East“ und als Gegenüberstellung sehr unterschiedlicher melodischer und harmonischer Konzepte bei „seelenverwandschaftlichem“ Ansatz hat dies Projekt des Duo Imaginaire seine Berechtigung.

„Eine Art musikalische Haiku“

In seinem Booklet umreisst das Duo die Intention seiner „Japanese Echoes“ folgendermassen:

Wie wichtig die Tonfarbe für Debussy ist, zeigt sich in der Verwendung seiner expansiven Klangfarbenpalette, die sich auf den Raum oder Umfeld bezieht, nicht jedoch auf die Struktur. Dies geschieht analog zur Shakuhachi-Honkyoku-Tradition, bei der sich der Schwerpunkt auf die Ästhetik eines einzigen Tons konzentriert. Der Klang ist dabei wichtiger als die Struktur. […] Die musikalische Antwort der japanischen Komponist(inn)en ist eine Art musikalische Haiku oder besser Waka (Antwortgedicht). Es lässt das ausgewählte Prélude in einer neuen Perspektive erscheinen und macht dem Hörer den Bezug Debussys zur japanischen Kultur deutlich.

Dass Debussys Klangsinnlichkeit, seine lebenslange Affinität zur fernöstlichen Kultur, seine Sensibilität für Raum und Stille kein westlicher Kontrapunkt, sondern ein imaginatives Pendent zu japanischen Klangtraditionen darstellt, dokumentiert das Duo Imaginaire sehr eindringlich. Hoher Verschmelzungsgrad des Saiten- mit dem Holzblas-Instrument und buchstäblich zauberhafte Klanglichkeit zeichnen diese Ersteinspielungen aus. Dabei durchmessen sie eine vom Pentatonischem bis zum Quasi-Improvisatorischen reichende, teils meditative, teils gestenreiche, rhythmisch oft kaum nachvollziehbar strukturierte, dynamisch aber feinst abgestufte Musik-Palette, deren Kolorit bei aller impressionistischen Orientiertheit die japanische Herkunft nie verleugnet. Das Duo musiziert eindringlich, verfügt über die nötigen Techniken souverän, insbesondere der Klarinettist interpretiert virtuos. Ein sehr anregende Produktion. ♦

Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy, John Corbett (Klarinette) und Simone Seiler (Harp), Spieldauer 57:28, TYX-Art Label

Lesen Sie im Glarean Magazin auch zum Thema „Harfe und Blasinstrument“ über K. Englichova (Harfe) und V. Veverka (Oboe): Impressions, Werke von Ravel, Debussy und Sluka

Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis

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Schöne Verpackung, enttäuschender Inhalt

von Thomas Binder

Früher war das Schreiben von Schachbüchern ein Privileg der herausragendsten Spieler. Seit einigen Jahren beobachte ich den Trend, dass auch Autoren, deren eigene Spielstärke weit von der eines Grossmeisters entfernt ist, mit interessanten Publikationen an die Öffentlichkeit treten. Sie finden ihre Nische in spezialisierten Einzelthemen oder einem bisher unbeachteten Blickwinkel. Damit wird die Schachliteratur – E-Books und grössere Internet-Publikationen einbegriffen – um wertvolle Nuancen bereichert.

Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis - Analyse der Schach-WM 2016 - BoDMit dem Österreicher Gerhard Kubik schickt sich ein weiterer Autor an, die Bücherschränke der Schachwelt zu erobern. Seine Spielstärke liegt knapp unter 2000 Elo-Punkten. Die schachliche Vita des 54-Jährigen zählt regionale Jugenderfolge in den 1980er Jahren und Teilnahmen an offenen Turnieren auf. Auch als Trainer ist Kubik engagiert. Er ist FIDE-Instructor und österreichischer B-Trainer.
Leider ist zu seiner Qualifikation als Pädagoge oder Psychologe nichts gesagt. Hier hat er sicher einen fundierteren Hintergrund als im rein schachlichen Bereich. Immerhin hat er ein weiteres Buch über die „Vorteile des spirituellen Schachs“ geschrieben, dazu wüsste ich gern mehr…

Geweckte Erwartungshaltung nicht befriedigt

Nun zum vorliegenden Werk. Es trägt auf dem sehr ansprechend gestalteten Cover gleich zwei Titel: „Die Psychotricks der Schachprofis“ und „Analyse der Schach-WM 2016“. Genau diese beiden Titel sind nun aber das Problem des Buches – denn sie wecken eine Erwartungshaltung, der es in keiner Weise gerecht werden kann.
Was leistet der Autor bei der Analyse der WM zwischen Carlsen und Karjakin? In den Wochen nach jenem Zweikampf im November 2016 sind in wohl jeder Schachzeitung ausführliche Besprechungen aller 16 Partien mit fundierten Analysen, computergeprüften Varianten und mehr oder weniger tiefgreifenden Wortkommentaren erschienen. Hinzu kommen zahlreiche Online-Veröffentlichungen auf Webseiten, in Blogs und als Video.
Kubik bleibt sehr deutlich hinter all diesen Angeboten zurück. Er bringt die Partien in vollständiger und völlig unkommentierter Kurznotation. Dazu gibt es jeweils zwei Diagramme, die entweder die selbe(!) Stellung zeigen oder sich um genau einen Halbzug unterscheiden. Das erste Diagramm füllt dabei eine ganze Seite, ergänzt um eine Frage wie „Mit welchem weltmeisterlichen 19. Zug erhöht Schwarz die Spannung?“ Auf der Folgeseite wird dann noch einmal diese Stellung gezeigt, jetzt eingebettet in den gesamten Partieverlauf mit einem sehr knappen Wortkommentar. Falls es sich um eine ausgelassene Möglichkeit handelte, wird die Alternative als kurze Variante angegeben, der Leser aber mit einer schachlichen Bewertung weitgehend alleingelassen.

Wenig Neues und kaum Inhalte

Und was ist mit den Psychotricks? Nun, mit „Schachprofis“ können naturgemäss nur die beiden Protagonisten des WM-Kampfes gemeint sein. Allerdings waren „Psychotricks“ nun gerade nicht das bestimmende Element des hier besprochenen Wettkampfes.
Immerhin hätten beide Spieler aufgrund ihrer Persönlichkeit auch auf dieser Ebene viel interessanten Stoff geboten. (Auf eine umfassende psychologische Analyse z.B. von Carlsens Fähigkeit, minimale Stellungsvorteile zu einem gewonnenen Endspiel zu verstärken, warten wir seit Jahren).
Kubik gibt zu jeder Partie einen kurzen Abriss von gut einer Seite. So wird der gesamte WM-Kampf Tag für Tag nachgezeichnet. Wir erleben die Wendepunkte des Matches und diejenigen jeder einzelnen Partie. Dabei kommen auch einige schachliche Betrachtungen zur Eröffnungswahl und zu den kritischen Momenten der Partie zur Sprache – alles in allem bleibt das Buch auch hier sehr an der Oberfläche.

Fazit-Banner - Glarean Magazin
„Die Psychotricks der Schachprofis“ von Gerhard Kubik lässt den WM-Kampf zwischen Carlsen und Karjakin im November 2016 Partie für Partie Revue passieren. Die psychologischen Analysen sind interessant, bleiben aber dennoch zu oberflächlich. Die Präsentation der WM-Partien geht praktisch nicht über das Niveau unkommentierter Notation hinaus. Alles in allem: Ein entbehrliches Buch.

Am Ende einer jeden Partie steht dann ein so genannter „Psychotrick“, aus dem der Leser anhand der gezeigten WM-Partie Schlüsse für die eigene psychologische Partieführung ziehen soll. Viel Neues gibt es dabei nicht. Den Hinweis, die Bedenkzeit vor allem für strategische Übergänge und taktische Berechnungen zu investieren, wenn es notwendig ist, danach aber zügig weiter zu spielen, habe ich jedenfalls schon anderswo gelesen – auch jenen, dass man bei gegnerischer Zeitnot die Stellung kompliziert halten soll.
Sehr viel Stoff ist das also nicht. Zieht man die Partienotationen – von Analysen kann ich wirklich nicht sprechen – und die Diagramme ab, komprimiert man also den überreichlich vorhandenen Leerraum auf ein normales Mass, so bleiben schliesslich weniger als 30 Seiten „echter Inhalt“. Das ist angesichts der Erwartungshaltung nach dem Titelcover und dem Werbetext deutlich zu wenig.

Interessantes Thema, verfehlte Realisierung

Kubiks Motiv ist gewiss interessant und verdient einen anderen Rahmen als dieses Buch. Er sollte seine Leitsätze mit ausführlich kommentierten Beispielen aus der Praxis der Schachprofis vertiefen, ohne sich auf das Material eines einzigen WM-Kampfes zu beschränken. Auch seine eigenen Erfahrungen als Spieler und Trainer ergeben bestimmt viele interessante Einsichten. Insofern sei der Autor ermutigt das Thema mit einem anderen Ansatz neu aufzunehmen. Dann wird es sicher dankbare Leser finden. ♦

Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis – Analyse der Schach-WM 2016, Books on Demand, 92 Seiten, ISBN 978-3743191051

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André Schulz: Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Neue Schach-Bücher aus dem Chaturanga-Verlag

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Im Fokus: Die Schachgeschichte

von Walter Eigenmann

Zeitschrift „Caissa“ Nummer 2 / 2016

Der Verlag Chaturanga ist im deutschen Neunkirchen domiziliert und zeichnet sich durch exquisite, thematisch oft abseits des Mainstreams angesiedelte Schach-Produktionen aus – das dokumentieren auch die beiden jüngsten Publikationen dieses noch relativ jungen „Verlages für Liebhaber von Literatur, Kultur und Spiel“.

Schach-Zeitschrift Caissa - Nr 2 /(2016) - Chaturanga VerlagDa ist zum einen die Zeitschrift „Caissa“, die der Herausgeber und Chef-Redakteur Mario Ziegler nun in ihrer zweiten Ausgabe vorlegt. Halbjährlich berichtet das Journal „für Schach- und Brettspielgeschichte“ über Themata, die man in dieser Konstellation und Qualität (noch) kaum im Internet findet, sondern genuin dem Printmedium vorbehalten scheinen. Ziegler und sein Team beweisen dabei Blick für exquisiten Schach-/Spiele-Stoff und eine treffliche Hand bei der Auswahl kompetenter Autoren.

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Wie bereits in der Première-Ausgabe der Zeitschrift liess man sich vom erklärten Grundsatz „Aus vielem das Beste“ leiten, das Inhalts- bzw. Autoren-Verzeichnis zeigt das sofort; unter anderem beinhaltet das Heft die Schwerpunkte: „Der Mongredien-Preis 1868-1869 (Robert Hübner), „Die Geschichte der chinesischen Schachidee“ (Rainer Schmidt), „Die Schachpartie in Samuel Becketts Roman Murphy“ (Bernd-Peter Lange), „Schach und Tarnschriften“ (Siegfried Schönle), „Das verklärte Soldatenbild in Brettspielen“ (Antonella Ziewacz). Und wiederum illustriert „Caissa“ seine umfangreichen Texte mit zahlreichen Abbildungen teils dokumentierender, teils feuilletonistischer Art.
Insgesamt garantiert das Periodikum intellektuellen Lesespass – keineswegs nur für Schachfreunde! ●
Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte, Nr.2/2016, 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über
Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851


Dagobert Kohlmeyer: „Attacke!“

Dagobert Kohlmeyer - Attacke - Grosse Angreifer der Schachgeschichte - Chaturanga VerlagDen Berliner Schachautor Dagobert Kohlmeyer muss man der Schachwelt kaum näher vorstellen, der bekannte Publizist schrieb 25 Bücher über das königliche Spiel und übersetzte zahlreiche Werke von Smyslow, Karpow, Kasparow, Kortschnoi oder Jussupow ins Deutsche. Seine jüngste Veröffentlichung im Chaturanga-Verlag titelt „Attacke!“ und widmet sich den „Grossen Angreifern der Schachgeschichte“. Zu Wort bzw. zum Zug kommen darin alle genialen Angriffsspieler von Anderssen und Morphy über Aljechin und Tal bis zu Neshmetdinow und Bronstein.
Der Band ist layouterisch ansprechend gestaltet und zwischendurch gespickt mit etwas „psychologischem“ Hintergrundwissen. Allerdings beinhaltet er praktisch ausschliesslich Partien und Züge von „historischen“ Meisterspielern, deren schachlichen Höhenflüge mittlerweile problemlos mit umfangreicher Kommentierung von jedermann selbst aus dem Netz gezogen werden können. Schade auch, dass Kohlmeyer das 21. Jahrhundert mit Carlsen, Anand & Co. völlig ausklammert.

Partie-Kommentare im Lichte der Schachprogramme

Kommt drittens hinzu, dass heutzutage solche schachlichen „Geschichtsaufbereitungen“ immer die Gefahr des Nachplapperns bergen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Kohlmeyer (ebenso wie zahlreiche Schachautoren vor ihm) schwärmt über Morphys 18. schwarzen Zug gegen Bird (London 1858) gleich mit zwei Ausrufezeichen. Doch heutzutage kann jeder schlechtere Vereinsamateur mit Gratis-Programmen wie der Engine „Stockfish“ und der Datenbank „Scid“ nachweisen, dass der „geniale“ Damenzug h3-a3 nicht besser, nur „schöner“ ist als das profane Ld6-a3, und dass Morphy mit seinem vorausgehenden Turmopfer f8xf2 den ebenfalls wohl „schönsten“, aber objektiv fast schlechtesten aller valablen Züge gespielt hat…

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Dieser Befund schmälert keineswegs die On-The-Board-Leistung des Schachgenies Morphy – aber heutige Kommentatoren wie Kohlmeyer täten gut daran, ihre Partie-Anmerkungen immer mit moderner Software gegen zu prüfen, um solche peinlichen Kolportierungen zu vermeiden wie: „Ein unglaubliches Manöver! Die Dame eilt von einer Brettseite zur anderen. Rudolf Teschner schwärmte: ‚Zauber der Geometrie!‘ Wie lange wohl hat Morphy damals über das Turmopfer und den Damenschwenk nachgedacht?“ (S.29) Denn neueste Schachsoftware verändert die herkömmliche Schachästhetik komplett – und Schachautoren im Jahre 2016 haben das zu berücksichtigen, wenn sie ernst genommen werden möchten… ●
Dagobert Kohlmeyer: Attacke! – Grosse Angreifer der Schachgeschichte, 188 Seiten, Chaturanga Verlag, ISBN 978-3-944158-17-4 —-> Leseprobe

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über
Michael Dombrowsky: Berliner Schach-Legenden

Neue Schachzeitschrift Caissa gegründet

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Neues Magazin für die schachhistorische Forschung

von Walter Eigenmann

Wer im Online-Jahre des Herrn 2016 ein neues Print-Medium auf den Markt wirft, das ausgerechnet Schachhistorie zum Gegenstand hat, ist entweder verrückt, oder naiv, oder ein Chess-Junkie, oder Millionär, oder das alles zusammen. Der Neunkirchener Althistoriker Dr. Mario Ziegler ist (wahrscheinlich) nichts von alledem – und trotzdem wagten er und seine Mitarbeiter vom Chaturanga-Verlag, mit „Caissa“ eine halbjährliche 100-seitige „Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte“ ins Leben zu rufen. Vor kurzem präsentierte Ziegler im Verbund mit dem Salzburger Co-Herausgeber Prof. Dr. Rainer Buland nun die erste „Caissa“-Nummer.

Caissa- Cover-Erstausgabe-Glarean MagazinWer soll „Caissa“ – nicht zu verwechseln mit der gleichnamen ehemaligen „Schachrundschau Caissa“, die 1955 mit der Deutschen Schachzeitung fusionierte – eigentlich lesen? In seinem Vorwort zur Erstausgabe umreisst der Initiant und Chefredakteur Mario Ziegler die Intention des Magazins: „Caissa will eine Plattform schaffen, auf der Forschungsergebnisse der unterschiedlichsten Disziplinen im Bereich der Schach- und Brettspiel-Geschichte präsentiert werden können und dadurch ein Bild vom gegenwärtigen Stand der Forschung deutlich wird“. Die Zeitschrift solle „die gesamte Schach- und Brettspiel-Geschichte von den ersten Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit, einschliesslich Verweisen auf Brettspiele in der Kunst und Literatur“ berücksichtigen.

Vermisst: Ein übergeordnetes Konzept der Schachforschung

Schach-Mario-Ziegler-Glarean-Magazin
„Die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte steht noch aus“: „Caissa“-Initiant und -Herausgeber Mario Ziegler (*1974)

Dabei ortet Ziegler Defizite in der aktuellen Schachgeschichts-Forschung, z.B. die mangelnde Institutionalisierung der zahlreichen, aber in ihrer Vereinzelung wirkungslosen Solo-Projekte: Es existierten bedeutende nationale und internationale „Gruppierungen, die sich den verschiedenen Aspekten der Brettspiele und insbesondere des Schachspiels widmen – eine Vernetzung all dieser Bemühungen sucht man jedoch nach wie vor vergeblich“. Die meisten dieser Initiativen seien privatem Engagement geschuldet, vermisst werde ein „übergeordnetes Konzept“. Auch im universitären Bereich würden die Brettspiele als Forschungsgegenstand kaum wahrgenommen: „Auch wenn immer wieder Teilaspekte in den Blick genommen werden, so ist doch bezeichnend, dass etwa die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte noch nicht aufgearbeitet ist“. Explizite Zielgruppen von „Caissa“ sind dementsprechend „Bibliotheken, Wissenschaftler und interessiertes Fachpublikum im Bereich der Geschichts-, Sprach- und Kulturwissenschaften“.

Breites thematisches Spektrum

„Caissa“-Autor und Grossmeister Robert Hübner arbeitete akribisch diverse Partien des legendären Matches Blackburne-Steinitz von 1822 auf und recherchierte erstmals verschollen geglaubte Notationen

Welches thematisch vielfältige Untersuchungsfeld sich dabei für „Caissa“ auftut, stellt bereits die Première-Ausgabe des Magazins unter Beweis: Vom ersten „Wettkampf zwischen Blackburne und Steinitz“ (Autor: Robert Hübner) über ein Portrait des bedeutenden ungarischen Schachspielers und Redakteurs Laslo Toth (Ivan Bottlik) bis hin zur „NS-Ideologie im Brettspiel“ (Antonella Ziewacz) und einem Rückblick auf die „Wendejahre 1989-90 in der Zeitschrift ‚Schach'“ (Bernd Gräfrath) deckt die Erstausgabe ein schachhistorisch wie -wissenschaftlich ebenso heterogenes wie informatives Spektrum ab. Hinzu kommen die unverzichtbaren Rezensionen und Verlags-Ankündigungen einschlägiger Fachliteratur, vor allem aber zahllose, durchwegs sorgfältig gewählte und qualitativ hervorragende Bild-Dokumentationen zu jedem Artikel.

Die internationale Ausrichtung des Bandes unterstreichen dabei jene Beiträge, die nicht nur in englischer Sprache kurz zusammengefasst, sondern gleich ausschliesslich im englischen Original abgedruckt werden. Zu erwähnen ist hier ein schöner Essay von Peter J. Monté, der den mythischen bzw. gött-lichen Urgünden des Schachspiels in den altpersischen, -griechischen und -römischen Kulturen in Wort und Bild nachspürt, sowie ein komplett englisch verfasster Abriss von Adrian Harvey „Social participation in the game of chess“, der kenntnisreich das Schachspiel als bedeutender Teil der „gehobenen“ Freizeitkultur im England des 18. Jahrhunderts bis in unsere heutigen Tage der schachlichen „Durchdringung“ aller Gesellschaftsschichten untersucht.

Schach in den Büchern des Deutschen Barock und der frühen Neuzeit

Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert
Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert

Im Zentrum dieser Erstausgabe steht aber die 44-seitige „annotierte Bibliographie“ über das „Schach in Büchern aus der Zeit des Deutschen Barocks und der frühen Neuzeit“ des Kasseler Schachliteratur-Sammlers Siegfried Schönle. Mit Akribie und umfangreichem Quellen-Nachweis stellt der Autor eine Fülle von Büchern bzw. Reprints aus dieser Zeit mit explizitem Schachbezug zusammen, dokumentiert fast alle entspr. Publikationen mit Cover- und/oder Detail-Bebilderung, stellt den allgemein-kulturellen und literarisch-belletristischen Spuren der Buch-Inhalte nach, fördert schachkulturell Belangloses ebenso wie schachhistorisch Richtungsweisendes zutage und dokumentiert so einen illustren, ja manchmal bizarren Bilderbogen des Phänomens Schach im Werk zahlreicher Forscher und Schriftsteller jener Zeit.

Printtechnische und typographische Qualität

„Gesellschaftsspiele spiegeln den Zeitgeist einer Epoche wieder und sind dadurch historische Quellen für Ansichten und Entwicklungen einer Gesellschaft“: Antonella Ziewacz beleuchtet den Kulturmissbrauch des Spiels während der Nazi-Diktatur

So vielfältig der historische Mix dieser ersten, in einer Startauflage von 5’000 Exemplaren gedruckten „Caissa“-Nummer daherkommt, so sehr hält dabei das Outfit des Bandes mit. Das im dreispaltigen Layout präsentierte und durchwegs farbig bebilderte Heft ist sowohl vom Print als auch von der Typographie her äussert qualitätsvoll aufgezogen. Sogar die detailverliebte Partien-Kommentierung eines Robert Hübner mit ihrer Varianten-Verschachtelung kommt problemlos lesbar daher, wobei die weinrote Farbe der Diagrammdrucke eine schöne optische Finesse darstellt. Man merkt dem Heft auf jeder Seite den professionellen Anspruch an, den Herausgeber und Druckerei an dieses Magazin stellen. Ein special compliment geht an dieser Stelle auch an R. Dobicki & S. Schäfer für das erlesene Grafikdesign.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Die neugegründete Zeitschrift „Caissa“ widmet sich der historisch-wissenschaftlichen Forschung des Schachs und der Brettspiele. Die Erstausgabe dokumentiert eindrücklich ein breites thematisches Spektrum und eine erlesene Qualität sowohl in drucktechnischer wie in grafischer Hinsicht. Für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten ist „Caissa“ zweifellos das neue Referenz-Printmedium.

Wer als Amateur- oder Turnier-Spieler mal schachkulturell über den Rand seines kleinen 64-feldrigen Brettes hinausblicken wollte, der griff bis heute vorzugsweise zu einem anderen, ebenfalls qualitätsvollen Schach-Periodikum, nämlich „Karl„. Seit kurzem wird also nun mit „Caissa“ auch für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten eine willkommene und qualitativ professionelle Ergänzung zur Verfügung stehen, die zumal mit einem Einzelpreis von 15 Euro pro Band das Budget absolut fair belastet. Für diese Leserschicht ist „Caissa“ zweifellos das neue Referenz-Printmedium – auch oder gerade in unseren modernen Tagen der kurzlebigen Live-Turnier-News und des Blog-Häppchen-Schachs… ♦

Mario Ziegler (Hrsg.): Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte Nummer 1/2016 (Erstausgabe), 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über
Isaac Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie

Neue Schach-Bücher von W. Uhlmann und A. Schulz

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Wolfgang Uhlmann: Meine besten Partien

Neben dem westdeutschen Unzicker ist der ostdeutsche Uhlmann der zweite der beiden berühmten Wolfgangs, die jahrelang das deutsche Schach hüben bzw. drüben ab den 1960er Jahren als Vorkämpfer dominierten. Eine eigene umfangreiche Partien-Buch-Monographie des inzwischen 80-jährigen Ex-DDR-Spielers Wolfgang Uhlmann aus Dresden war schon längst fällig. (Übrigens war Uhlmann bei seinem bislang letzten Einsatz in der deutschen Bundesliga am 15. März 2015 79 Jahre alt und damit der älteste Spieler, der jemals in der auf höchstem Schach-Niveau spielenden 1. Bundesliga zum Einsatz kam…)

Historische Begegnungen mit Fischer & Co.

Wolfgang Uhlmann - Meine besten Partien - Cover - Glarean MagazinAusgehend von seinen „historischen“ Begegnungen u.a. mit den Weltmeistern Euwe, Botwinnik, Smyslow, Petrosjan, Tal, Spasski, Fischer, Karpow, Anand und Khalifman breitet der nach wie vor auch als Schach-Theoretiker und -Kolumnist tätige Autor in seiner Partien-Sammlung „Meine besten Partien“ die schönsten Games seiner an Schach-Erfolgen reichen Karriere aus. Uhlmann garniert natürlich alle Partien nicht nur mit theoretischen Kommentaren, sondern auch biographischen, psychologischen oder anekdotischen Anmerkungen. Angereichert wird der eher schlicht gestaltete Band mit einer Reihe bislang unveröffentlichter Fotos.
Insgesamt ein schachliches Zeitdokument über eine längst vergangene, aber auf Schritt und Tritt noch immer präsente Schach-Epoche – und ein ganz persönlicher Rückblick einer beeindruckenden Spieler-Persönlichkeit. (we)

Wolfgang Uhlmann: Meine besten Partien, – 324 Seiten, Verlag Chaturanga, ISBN 978-3-944158-07-5


André Schulz: Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Der Online-Schach-Redakteur, -Feuilleton-Autor und -Video-Moderator André Schulz ist mit M. Wüllenweber und M. Feist einer der bestimmenden Köpfe der Hamburger Schachsoftware-Firma Chessbase. Verantwortlich auch für den medialen Auftritt des Unternehmens versorgt er seit bald 20 Jahren die internationale Szene mit News, Interviews und Analysen aus allen theoretischen, gesellschaftlichen und biographischen Bereichen der Schachwelt. Nun tritt er erstmals auch als Buch-Autor in Erscheinung – und dies gleich mit einem „Einstieg ganz oben“, mit einem „grossen Buch“ über die 46 Titelkämpfe der Schach-Weltmeisterschaften „von Steinitz bis Carlsen“.

Lücke im WM-Buchregal gefüllt

Andre Schulz - Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften - Glarean MagazinDer Band füllt – trotz thematisch verwandter und bedeutender anderer Publikationen wie z.B. Schonbergs „Die Grossmeister des Schach“ (1982), Kasparows 7-bändigem „Meine grossen Vorkämpfer“ (2006) oder Stolzes „Umkämpfte Krone“ (1992) – eine Lücke im Schachbuch-Regal zu den Weltmeisterschaften. Denn Schulz trug insbesondere zu den biographisch-psychologischen wie schach-politischen Hintergründen der WM-Begegnungen der letzten Jahre seit Kasparows Regentschaft – also die (persönlich miterlebte) Zeit von Kramnik, Anand und Carlsen – eine Fülle an Insider-Wissen und „Backstage-News“ zusammen, die man hier teils zum ersten Mal erfährt. Aber auch zu den Legenden Capablanca, Aljechin oder Lasker bis hin zur russischen Hegemonie wider das Schachgenie Bobby Fischer grub der Chessbase-Mann tief in der Biographien-Kiste und förderte zahlreiches Amüsantes wie Wissenswertes, dabei oft noch Unveröffentlichtes zu Tage.

Qualität für moderaten Preis

Jede WM-„Epoche“ ist mit einer charakteristischen, teils mit Computerhilfe, teils mit eigenen Theorien kommentierten Partie sowie mit Bildmaterial illustriert. Letzteres vermag in fotoqualitativer Hinsicht unterschiedlich zu überzeugen, doch insgesamt punktet diese instruktive Schach-Historie mit einer sorgfältigen Typographie, einer ansprechenden layouterischen Gestaltung, mit solider Buch-Fadenbindung und stabilem Hardcover-Einband, wobei der Preis für ein Buch in dieser Qualität moderat ausgefallen ist. Eine schön konzipierte und unterhaltsame Novität für all jene Schach-Freunde, die es mehr nach „Psycho-Futter“ denn nach trockener Eröffnungstheorie gelüstet. (we)

André Schulz: Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften – 46 Titelkämpfe von Steinitz bis Carlsen, 352 Seiten, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-637-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Weltmeisterschaft auch über
Elmar Hennlein: Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen

… sowie zum gleichen Thema auch über
Carsten Hensel: Wladimir Kramnik (Biographie)

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

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Endspiel-Schule für ehrgeizige Schach-Kids

von Thomas Binder

Der renommierte Londoner Schachverlag Gambit Publications, zu dessen Gründern die Grossmeister John Nunn und Murray Chandler gehören, hat seine Serie der Schachbücher „… for kids“ nun um das Endspiellehrbuch „Schach-Endspiele für Kids“ ergänzt. Als Autor wurde kein Geringerer gewonnen, als der Hamburger Mathematiker und Grossmeister Karsten Müller.

Müller gilt als der führende Endspielexperte unserer Zeit – mindestens im deutschsprachigen Raum, vermutlich aber auch darüber hinaus. Aus seiner Feder stammt u.a. das aktuelle Standardwerk „Grundlagen der Schachendspiele“ (gemeinsam mit Frank Lamprecht). Ausserdem hat er bei Chessbase eine Serie von 14 DVDs vorgelegt, die das gesamte Endspielwissen abdecken. Die vorgenannten Werke wenden sich dabei vorwiegend an erfahrene Spieler. Aus dem „Grundlagen“-Lehrbuch soll selbst Weltmeister Carlsen noch lehrreiche Erkenntnisse gewonnen haben. In der Kombination als Spieler, Autor und Trainer ist Karsten Müller –  er gehört zum regelmässigen Trainerstab der Schachschule Hamburg – die Idealbesetzung für dieses Werk.

Von der elementaren Mattführung bis zu schwierigeren Mustern

Karsten Müller: Schach-Endspiele für KidsMüller teilt den Stoff in 50 Lektionen, die jeweils eine Doppelseite belegen. Jede Lektion beginnt mit einem einführenden Text, und es folgen 6 Diagramme zur Verdeutlichung der wichtigsten Aspekte. Das sind oft 6 eigenständige Beispiele aus Partien, Studien oder Lehrstellungen. Manchmal aber erstreckt sich der Verlauf einer Zugfolge auch über mehrere Diagramme. Insgesamt haben wir es mit einer streng formalisierten Einteilung jeder Lektion zu tun – eine Eigenheit, die mir auch in anderen Büchern von „Gambit“ bereits aufgefallen war. Es ist Sache des Autors seinen Stoff so zu strukturieren, dass jedes einzelne Thema angemessen dargestellt werden kann. Karsten Müller hat das bestens hingekriegt.
Seine Lektionen beginnen mit elementaren Mattführungen. Für das Matt mit einem Turm bringt er – im Gegensatz zu den meisten anderen Endspiel-Einführungen – sogar zwei Methoden. (Als aktiver Jugendtrainer möchte ich dies ausdrücklich begrüssen. Die in vielen Büchern alleinstehende Methode der immer kleiner werdenden Rechtecke, mag oft schneller sein, aber sie birgt für Anfänger die Gefahr, in ein Patt zu laufen. Deshalb ziehe ich selbst im Training die allein auf Opposition beruhende zweite Methode vor).
Nach den einfachen Matts folgt Müller der üblichen Einteilung von Endspielbüchern nach den beteiligten Figurentypen. Die beiden letzten Lektionen runden das Buch mit dem ewig geliebten oder gehassten Thema „Matt mit Läufer und Springer“ ab.

Gute Auswahl des Stoffes garantiert Fortschritte

Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite 3)
Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite)

Die Auswahl der einzelnen Stoffkomplexe ist dem Autor hervorragend gelungen. Es fehlt nichts, was man einem jungen Schach-Enthusiasten erklären müsste, es ist nichts dabei, was ich für überflüssig hielte. Wir lernen die wichtigsten technischen und geometrischen Verfahren im Bauernendspiel. Wir sehen gleich- und ungleichfarbige Läufer im Duell. Auch die Frage, welche Leichtfigur im konkreten Fall den Vorzug verdient, wird beantwortet. Im Kapitel über Turmendspiele werden u.a. die wichtigsten Gewinn- und Remisverfahren erläutert, die mit den Namen Philidor, Karstedt, Lucena und Vancura verbunden sind. Am Ende des Buches stehen 36 Testaufgaben mit Lösungen, anhand derer der Lernende seinen Fortschritt überprüfen kann.

Keine speziell auf Kinder ausgerichteten Unterrichtselemente

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Müller präsentiert in den 50 Lektionen seiner „Schachendspiele für Kids“ ein umfangreiches Eröffnungswissen, beginnend beim absoluten Anfängerniveau und bis hin zu einem Level, bei dem auch gestandene Turnierspieler gern noch einmal im Lehrbuch nachschlagen werden. Die Auswahl seiner Themen ist hervorragend gelungen. Die Vermittlung des Stoffes wendet sich allerdings keineswegs nur an Kinder. Sehr junge Kids werden sogar der Begleitung und Anleitung bedürfen, um aus dem vorliegenden Buch maximalen Lernerfolg zu ziehen.

Wer wird dieser Lernende sein? Das Buch wendet sich an den ambitionierten Einsteiger. Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Endspieltechnik sind nicht erforderlich.  Damit sind natürlich die auf dem Titel adressierten „Kids“ angesprochen. Es gibt indes keinen Grund, die Zielgruppe des Buchs auf Kinder zu beschränken. Der Stoff und seine Vermittlung werden jedem Schach-Anfänger gerecht und selbst Vereinsspieler mittlerer Spielstärke werden vielleicht noch einmal nachschlagen wollen, wie denn wohl die Regel von Centurini bei gleichfarbigen Läufern lautet. Andererseits fehlen dem Buch jede speziell auf Kinder ausgerichteten Elemente. Insofern wecken Titel und Titelbild vielleicht eine falsche Erwartung. Es gibt keine spielerischen Einschübe und die Gestaltung wirkt insgesamt sehr sachlich. Eine besondere „kindgerechte“ Lockerheit der Sprache sucht man ebenfalls vergebens.
Die einführenden Texte jeder Lektion sind verständlich geschrieben. Sie bilden eine im gesetzten Rahmen perfekte Erläuterung zum Thema. Im Gegensatz dazu sind die Texte zu jedem einzelnen Diagramm doch sehr knapp und fordern vom Leser intensives Mitarbeiten und Mitdenken.
Als Trainer im unteren Alters- und Leistungsbereich weiss der Rezensent, dass Kids oft völlig abwegige „Was wäre wenn“-Fragen stellen, auf die sie allein keine Antwort finden.
Für sehr junge Kids, die ihre ersten Schritte in Sachen Schach unternehmen, wird dieses Buch also nicht ohne Begleitung eines Trainers, Lehrers oder schachspielender Eltern zu bewältigen sein. Wenn sie aber die Kraft aufbringen, es durchzuarbeiten und die Inhalte zu verstehen, dann macht ihnen im nächsten Nachwuchsturnier kein Gegner mehr im Endspiel etwas vor. ♦

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids – 50 Endspiel-Lektionen, 128 Seiten, Gambit Books, ISBN 978-1-910093-66-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Kinder- und Jugendschach“ auch über Peter Mitschitczek: Fang den König!

Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel (Schach)

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Verdeutlichung strategischer Zusammenhänge

von Thomas Binder

Mit „Mustererkennung im Mittelspiel“ liegt nunmehr die deutsche Übersetzung von „Improve your chess pattern recognition“ von Arthur van de Oudeweetering vor. Der knapp 50jährige Holländer dürfte als Schachspieler nur Insidern ein Begriff sein. Die FIDE führt ihn zurzeit als Internationalen Meister mit einer Elo-Zahl knapp unter 2300. Sein schachlicher Schwerpunkt liegt indes in der Arbeit als Trainer und Kolumnist. Von beiden Präferenzen können wir als Leser seines aktuellen Werkes profitieren!

Arthur van de Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel - Schärfen Sie Ihren Blick für Schlüsselzüge im Schach - New in Chess Verlag

Erfahrene Trainer werden die These bestätigen, dass Erfolg im Schachspiel zu einem grossen Teil an das Erkennen typischer Stellungsmuster und das Umsetzen der passenden Manöver gebunden ist. Sind diese Aspekte bei rein taktischen Stellungen sowie im Endspiel seit langem gut erforscht und auch trainingsmethodisch aufgearbeitet, halten komplexe Stellungen mit vorwiegend strategischem Gehalt noch viel Arbeit bereit. In letzter Zeit sind hierzu einige wichtige Bücher erschienen, so Bronzniks „Techniken des Positionsspiels im Schach“ und Nunns „Das Verständnis des Mittelspiels im Schach“. Einen etwas anderen Zugang – über die Bauernstrukturen – wählt Flores Rios in „Chess Structures“. Das vorliegende Buch ergänzt und bereichert diese Palette wesentlich.

Konzentration auf das Mittelspiel

Oudeweetering hat sein Buch in 4 grössere Abschnitte mit insgesamt 40 Kapiteln gegliedert. Jedes einzelne bespricht eine typische Stellungskonstellation ausführlich in allen Aspekten.
Im 1. Teil geht es um „Figuren auf typischen Posten“. Da kommen alte Bekannte vor, wie Springer auf f5 oder d6 (im Buch „Der Riesenkrake“ genannt), Läufer auf langen Diagonalen oder eingesperrt auf h2, wie seinerzeit bei Spasski gegen Fischer.
Der 2. Teil widmet sich „kontraintuitiven Zügen“. Dabei erliegt der Autor nicht der Versuchung, spektakuläre Wendungen vorzuführen, sondern bleibt auch hier seriös – fast wissenschaftlich. So lernen wir, unter welchen Umständen z.B. überraschende Rückzüge, Doppelbauern oder Bauernschläge „zum Rand“ ihre Stärke ausspielen können.
Teil 3 ist typischen Opferwendungen gewidmet –  aber eben nicht jenen, die man aus Taktikbüchern kennt und an deren Ende ein Matt oder Materialgewinn stehen. Hier geht es um positionelle Opfer mit Langfristwirkung. Aus dieser Materie die Gesetzmässigkeiten heraus zu arbeiten und verständlich zu analysieren, ist für den Rezensenten die grösste Stärke des ganzen Buches gewesen. Als Beispiel sei der Bauern-Vorstoss e5-e6 genannt. Mit dem Bauernopfer und dem verbleibenden Doppelbauern teilt Weiss die gegnerischen Kräfte in zwei Hälften, zwischen denen zumindest kurzfristig keine Koordination besteht.
Der 4. Teil schliesslich betrachtet kurzzügige Manöver mit strategischem Gehalt, die zum Teil so konzentriert auch noch nicht vorgestellt wurden, etwa die Turmverdoppelung auf dem Umweg über die 2. Reihe.

Relevante Ausschnitte in treffenden Anmerkungen erläutert

Arthur van de Oudeweetering - Schach-Autor - Glarean Magazin
Der internationale Meister und Schach-Autor Arthur van de Oudeweetering (*1966)

Jedes einzelne Kapitel beginnt mit einem ganz kurzen Einführungstext und endet mit einer ebenso knappen Zusammenfassung. In diesem Rahmen folgen dann pro Kapitel 6 bis 7 sorgfältig ausgewählte Partien. Der niederländische IM konzentriert sich dezidiert auf das jeweils besprochene Thema. Die Eröffnung wird entweder ganz ausgelassen oder unkommentiert wiedergegeben – was auf das gleiche hinausläuft, denn ein Diagramm ermöglicht in jedem Fall den Einstieg an der passenden Stelle. So konsequent ist der Autor auch am anderen Ende der Partie: Mündet das betreffende Motiv nicht direkt in den Partieschluss, wird der weitere Verlauf nur noch in Worten angedeutet.
Der relevante Ausschnitt hingegen wird in kurzen, gut gefassten Anmerkungen treffend erläutert. Abweichende Varianten sind auf das unbedingt erforderliche Mass beschränkt. Die Kommentare fokussieren sehr gut auf das konkret besprochene Thema. Sie sind zudem angenehm lesbar – vermutlich gleichermassen das Verdienst des Autors und des Übersetzers Harald Keilhack.
Schachliche Schwächen sind aus Sicht des Rezensenten nicht auszumachen. Die inhaltliche und didaktische Aufbereitung setzen Massstäbe. Ich sehe nur wenige Verbesserungsansätze: Die Kapitelüberschriften könnten manchmal etwas weniger blumig formuliert sein. Sie machen zwar neugierig, helfen aber nicht bei der Orientierung. Ausserdem wäre ein zusätzlicher Mehrwert zu erreichen, wenn man die schon im Titel angesprochenen Muster auch optisch auf den Diagrammen hervorhebt. Dieses Element –  heute in der computergestützten Schachpräsentation eine Selbstverständlichkeit – ist in der gedruckten Schachliteratur noch nicht so recht angekommen. Generell kämpft ja gerade bei solch komplexen Themen das Schachbuch einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen moderne Trainingsmittel und interaktive Medien. Bücher wie dieses zeigen, wie schade es wäre, wenn dieser Kampf auf Dauer verloren ginge.

Hervorragende Ideen auch für Schachtrainer

Fragen wir uns schliesslich nach der Zielgruppe, die van de Oudeweetering mit seinem Buch erreicht. Mir fallen zuerst Schachtrainer ein. Sie finden hervorragende Ideen zur Verdeutlichung strategischer Zusammenhänge und zum Schulen des Blickes für typische Stellungsmuster – und das mit überlegt zusammengestellten Beispielpartien.

FAZIT

Arthur van de Oudeweetering legt mit „Mustererkennung im Mittelspiel“ ein vorzügliches Buch zu einem komplizierten Thema vor. Es gelingt ihm, dem Leser das Erkennen und Bewerten typischer Mittelspielstellungen nahe zu bringen. Neben fortgeschrittenen Schachspielern dürften vor allem Schachtrainer sehr von dieser Arbeit profitieren.

Wer als Spieler von diesem Werk profitieren möchte, wird sich auf eine anstrengende Arbeit einlassen müssen. Es geht eben nicht ohne konzentriertes Durcharbeiten der einzelnen Beispiele. Immerhin erleichtert die Aufteilung in übersichtliche Kapitel auch dieses Unterfangen. Freilich setzt das selbständige Arbeiten mit dem Buch ein schachliches Grundniveau voraus, das ich nicht unter einer Elo-Spielstärke von 1800 ansetzen würde – aufstrebende Jugendspieler einmal ausgenommen, denen „Mustererkennung im Mittelspiel“ hiermit ausdrücklich empfohlen sei. ♦

Arthur van de Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel – Schärfen Sie Ihren Blick für Schlüsselzüge im Schach, 300 Seiten, New in Chess, ISBN 978-90-5691-615-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Mustererkennung im Schach auch über
Andrew Soltis: Studying Chess Made Easy

Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 12 Minuten

Jonathan Carlstedt: „Die kleine Schachschule“

von Thomas Binder

Der junge Hamburger Bundesliga-Spieler Jonathan Carlstedt gehört seit kurzer Zeit zu den Exponenten der Deutschen Schachszene. Neben dem eigenen Spiel arbeitet er als Geschäftsführer der Schachschule Hamburg, schreibt als Journalist und Online-Autor für verschiedene Medien und hat seit 2010 bereits mehrere Bücher vorgelegt. Dabei wendet er sich an die ganze Breite des Schachpublikums. Sind die Eröffnungsbücher sicher dem Experten vorbehalten, galten die beiden Werke unter dem Obertitel „Die grosse Schachschule“ dem engagierten Turnier- und Vereinsspieler. Mit der „Kleinen Schachschule“ wird das Spektrum der Zielgruppen nun gewissermassen „nach unten“ abgerundet, verkündet doch schon die Titelseite „Perfekt für Anfänger!“

Jonathan Carlstedt: Die kleine Schachschule - Regeln, Strategien und Spielzüge verständlich erklärt - Humboldt VerlagCarlstedts Werk reiht sich in die Tradition klassischer Schach-Lehrbücher für „Jedermann“, wie sie seit mehr als 100 Jahren einen Urtyp der Schachliteratur darstellen. Kann man dieses Genre noch mit neuen Ideen bereichern?

Von den Anfänger-Regeln bis zu den Endspielen

Blicken wir zunächst auf die grobe Gliederung des Werkes: Wir haben vier wesentliche Abschnitte vor uns:
– Die Grundbegriffe und Regeln des Schachspiels werden auf ca. 40 Seiten erklärt
– Es folgen knapp 70 Seiten über Eröffnungen
– Das Mittelspiel wird auf ca. 60 Seiten abgehandelt
– Mit gut 40 Seiten ist das Endspielkapitel eher knapp bemessen
– Den Abschluss des Buches bildet ein kurzer Essay „Die Welt der Schachszene“, (dem der Rezensent gerne etwas mehr Umfang und Tiefgang gewünscht hätte).

Die Grundlagen des Schachs eingehend erklärt in der "Kleinen Schachschule" von Jonathan Carlstedt
Die Grundlagen des Schachs eingehend erklärt in der „Kleinen Schachschule“ von Jonathan Carlstedt

Das einführende Kapitel vermittelt das regeltechnische Rüstzeug jeder Schachpartie, leider noch nicht auf dem Stand der 2014 geänderten FIDE-Regeln (bei Stellungswiederholung und 50-Züge-Regel).
In den folgenden Hauptkapiteln hat es sich Carlstedt zur Aufgabe gemacht, dem „Anfänger“ deutlich mehr zu vermitteln, als es vergleichbare Bücher tun.  Exemplarisch dafür ist das Eröffnungskapitel. Nach Vermittlung der Grundstrategien (Figurenentwicklung, Königssicherheit) führt der Autor den Leser in einige wichtige Eröffnungssysteme ein. Dabei findet Jonathan Carlstedt das für einen Spieler auf Anfänger-Niveau passende Mass zum Verständnis der vorgestellten Eröffnungen. Bei jedem Zug wird dargestellt, inwiefern er seinen Beitrag zu den Grundzielen des Eröffnungsspiels leistet. Streiten könnte man allenfalls über das Mengenverhältnis (acht Seiten Königsgambit vs. fünf Seiten Sizilianisch) und über die Auswahl der Systeme. So fehlen etwa mit der Pirc-Verteidigung oder Russisch auch Eröffnungen, die einem Anfänger sehr wahrscheinlich recht bald begegnen werden.
Als ein Juwel unter vielen möchte ich hervorheben, wie der Autor die „fried liver attack“ des Zweispringerspiels (freilich ohne sie beim Namen zu nennen) behandelt. Ich selbst habe schon viele Schach-Eleven ob der doppelten Bedrohung des Punktes f7 regelrecht verzweifeln sehen. Schade nur, dass in diesem Buch der betreffende Text im Abschnitt „Italienische Partie“ versteckt ist.

Taktische Manöver und stragegische Motive

Jonathan Carlstedt - Schach-Autor - Glarean Magazin
Jonathan Carlstedt (geb. 1990)

Unter dem Oberbegriff „Mittelspiel“ führt Carlstedt in die wichtigsten taktischen Manöver und strategischen Motive ein. Der Leser lernt Fesselungen, Gabeln, Spiesse, Abzüge ebenso kennen wie grundlegendes Wissen über Bauernstrukturen und -schwächen. Auch die Eigenheiten der einzelnen Figuren und die Konsequenzen für ihren optimalen Einsatz werden besprochen. Ein (zu) kurzer Abschnitt über den Königsangriff beschliesst das Mittelspiel-Kapitel.
Bei den Endspielen widmet Carlstedt den verschiedenen Aspekten der Bauernumwandlung (Opposition, Randbauer, Quadratregel) breiten Raum. Es folgen einige wichtige Stellungen zum Endspiel „Turm&Bauer gegen Turm“. Das ist sicher eines der anspruchsvollsten Kapitel des Buches, und Jonathan Carlstedt präsentiert es so gekonnt, dass auch der „Anfänger“ jederzeit folgen kann. Überraschend: Erst danach geht er auf die elementaren Matts mit den Schwerfiguren ein. Insgesamt hätte man dem Endspiel-Kapitel sogar etwas mehr Umfang gewünscht. Da bleiben einige Themen offen, die man auch der Zielgruppe dieses Buches zumuten kann. Andererseits wäre selbst ein Anfänger-Lehrbuch der Schach-Endspiele gut und gerne so stark wie die ganze vorliegende „Kleine Schachlehre“ – so bietet sich das vielleicht für ein Nachfolgeprojekt an.

Das Buch im handlichen Taschenbuchformat ist auf hochwertigem Papier produziert und sorgfältig redigiert. Der Sprachstil des jungen Autors macht Freude, seine bereits enorme Erfahrung als Trainer ist auf jeder Seite zu verspüren.
Circa 200 Stellungsbilder unterstützen in perfekter Weise das Verständnis. Diese Diagramme wurden offenbar mit Chessbase-Software erstellt. Dabei nutzt Carlstedt die Möglichkeit der Verdeutlichung von Ideen und Plänen mit farbigen Pfeilen und Feldmarkierungen. Allerdings geht die visuelle Aussagekraft dieses Gestaltungsmittels beim Schwarz-Weiss-Druck fast völlig verloren und in einigen Fällen ist die Erkennbarkeit gerade dadurch sogar eingeschränkt.

Für Einsteiger aller Altersklassen

Jonathan Carlstedt legt ein modernes
Jonathan Carlstedt legt ein modernes „Anfänger-Lehrbuch“ vor. Ansprechende Gestaltung und frischer Schreibstil tragen zum Erfolg des Werkes bei.

Bleibt die Frage, an welche Zielgruppe sich das Buch richtet. Carlstedt ist insofern konsequent, dass er keine spezielle Zielgruppe anspricht. Insbesondere fehlen jegliche spielerischen Elemente, wie man sie aus Kinder-Schach-Lehrbüchern kennt. Die Ansprache des Lesers orientiert sich am erwachsenen, allenfalls jugendlichen Schachschüler. So ist die Zielgruppe wohl nicht an Altersgruppen festzumachen, sondern am Einsteiger, der sich auf das anstrengende aber wunderbare Abenteuer einlassen will, das Schachspiel „von der Pike auf“ zu erlernen. Wer das vorliegende Buch konzentriert durcharbeitet und das Gelernte umsetzt, wird schon nach wenigen eigenen Partien die ersten Früchte der Arbeit ernten.
Carlstedt schreibt im Vorwort: „Bücher schreiben macht Spass“. Wenn der Leser diesen Spass des Autors nachempfindet, ist das Werk gelungen. Ich habe ihn nachempfunden! ♦

Jonathan Carlstedt: Die kleine Schachschule – Regeln, Strategien und Spielzüge verständlich erklärt, Humboldt Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-86910-209-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schach für Anfänger“ auch über Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi


Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt

„Der Schach-Sport ist – richtig verpackt – sehr kommunikativ“

Glarean Magazin: Herr Carlstedt, stellen Sie sich zunächst unserer Leserschaft kurz vor?

Jonathan Carlstedt: Ich bin 24 Jahre alt. Nachdem ich 2010 mein Abitur in Hamburg gemacht habe, begann ich selbstständig als Schachspieler/-Trainer/-Autor/-Journalist zu arbeiten. Inzwischen bin ich Internationaler Meister, trainiere ca. 25 Schüler, schreibe für den Deutschen Schachbund, bin Geschäftsführer des Hamburger Schachklubs und der Schachschule Hamburg, Organisator des VMCG-Schachfestivals und selber als Spieler auf diversen Turnieren und in der ersten Bundesliga aktiv. Ausserdem verfasse ich regelmässig Schachbücher und -Artikel.

GM: Was läuft in Deutschland bei der öffentlichen Darstellung des Schachs als Wettkampfsport falsch? Was kann/muss man besser machen um das Image des Schachsports aufzupolieren?

JC: Vermutlich muss man hier differenzieren. Wir haben zum einen die externen Umstände, bis zu einem gewissen Punkt passt Schach nicht in unsere Zeit. Schach ist ein stiller Sport, in dem nicht derjenige recht hat, der am lautesten schreit, sondern derjenige, der die besten schachlichen Argumente hat. Meine sehr und ganz persönliche Meinung ist, dass dieser Ansatz in unser Gesellschaft, die Kraft des Arguments über der Kraft der Lautstärke, immer weniger eine Rolle spielt und Schach als dessen Vertreter geringere Chancen als andere Sportarten hat, akzeptiert zu werden.
Gerade bin ich in Dresden, hier spielen 10 der stärksten Frauen des Landes ein Turnier mit einem Preisfond von 10’000 Euro in äusserst professioneller Atmosphäre. Nun ist die Frage: Wie können wir das Interesse der Medien und damit der Öffentlichkeit gewinnen. Anscheinend ist es möglich, das für einen Schach-WM-Kampf zu schaffen. „SPIEGEL Online“ und „Zeit online“ berichten ausführlich mit grossartiger Berichterstattung. Um eine regelmässige Darstellung wie andere „Mainstream“-Sportarten zu erreichen, müssen wir in gemeinsamer und vor allem koordinierter (etwas was gelegentlich fehlt) Anstrengung versuchen, ein Grundverständnis für unser Spiel bei der breiten Masse zu erzeugen. Dann haben wir die Chance, auch in der öffentlichen Wahrnehmung häufiger eine Rolle zu spielen.
Aber was ist das Image des Schachsport? Freaks ohne Anschluss? Sportart für Super-Intelligente? Schul-AG für Aussenseiter? Wenn dem so ist, dann müssen wir etwas tun! Das geht nicht von heute auf morgen, denn die Diskussion wurde in der Schachszene bisher nicht geführt, ob wir nicht gut daran tun, eine Randsportart zu sein. Meine Meinung dazu ist klar: Unser Sport ist interessant, richtig verpackt sehr kommunikativ, und wenn Sie sich heute die Topspieler anschauen, haben wir intelligente, durchtrainierte Leistungssportler, die sich verkaufen können. Mit hochwertiger und beständiger Öffentlichkeitsarbeit können wir ins Bewusstsein der Bevölkerung treten. Konkret und kurzfristig müssen wir freundlicher zu Einsteigern werden, denn in den Vereinen ist das Bild in der Tat teilweise schmuddelig. Auch wenn ich vermutlich einige böse Mails bekommen werde, müssen frische Klamotten, Deo, gepflegtes Auftreten und Genuss von Alkohol nur zur späten Stunde ungeschriebenes Gesetz im Verein werden.
Zusammenfassend also: Wir sind unseres Glückes Schmied, konstante Öffentlichkeitsarbeit, die bereits geleistet wird, zusammen mit einem gemeinsamen Bewusstsein für deren Wichtigkeit sind die beiden Eckpfeiler uns in der breiten Öffentlichkeit zu etablieren.

GM: Sie sind Geschäftsführer der Schachschule Hamburg. Sie haben jetzt Gelegenheit ein wenig Werbung für dieses Projekt zu machen 🙂

JC: Die Schachschule Hamburg bietet Schachinteressierten jeden Alters und jeder Spielstärke vom Anfänger bis zum Bundesligaspieler „offline“-Trainingsmöglichkeiten (wie man das glaube ich neudeutsch nennt) an. Dabei versuchen wir uns nach den Bedürfnissen und Wünschen der jeweiligen Interessenten zu richten und haben unser Trainingsangebot entsprechend breit aufgestellt. Jeder der also irgendwie an Schach interessiert ist, ist bei uns genau richtig! 🙂

GM: Professionelle Schachschulen mit kommerzieller Ausrichtung scheinen sich in Deutschland wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Wie schätzen Sie auf lange Sicht den Markt für solche Projekte ein? Wie sehen Sie diese Schulen im Spannungsfeld der „klassischen“ Ausbildungswege junger Schachspieler wie Schulschach-AGs, Schachvereine und ggf. das Training der Verbandskader  und schliesslich den vielen neuen Spiel- und Trainingsansätzen im Internet?

JC: Die Schachschule Hamburg ist aus dem Hamburger Schachklub, dem grössten Schachverein Deutschlands, entstanden und ein Teil dieses Schachklubs. Zwar verstehen wir uns als Unternehmen, müssen und wollen aber auch den Ideen eines gemeinnützigen Vereins wie dem Hamburger Schachklub genügen.
Der Markt für Schachschulen ist aus meiner Sicht sehr gross. Wir haben in Deutschland 90’000 eingetragene Schachspieler, davon alleine können Schachschulen nicht leben. Die Zahl derjenigen, die im Kindesalter oder wann auch immer die Grundregeln kennengelernt haben und grundsätzlich Interesse am Schachspiel bzw. -sport haben, ist ungleich grösser. Wenn sich die „Schachszene“ weiterhin diesen Umstand bewusst macht, ist der Markt noch lange nicht gesättigt. Übrigens eine Tendenz, die ich aus meiner selbstständigen Arbeit als Trainer untermauern kann. Allein in den vergangenen zwei Monaten musste ich sieben Anfragen von Schülern ablehnen, da ich keine Zeitkapazitäten mehr habe.
Für uns ist Schachschule und Schulschach kein Spannungsfeld, sondern die Grundlage für unsere Existenz. Unheimlich viele engagierte Trainer leisten an Schulen ehrenamtliche Arbeit, die die Basis dafür ist, dass Menschen wie ich und Institutionen wie die Schachschule wirtschaftlich arbeiten können. Ohne den Unterbau der dort geschaffen wird, kann es weiter in der Spitze bzw. für die Spitze keine Zukunft geben.
Auch das Internet ist, denke ich, förderlich für den Schachsport. Auf jeden Fall müssen wir uns nicht davor fürchten. Jene die ohnehin lieber in ihren eigen vier Wänden bleiben, haben das auch schon vor dem Aufkommen des Internets getan. Der Vorteil des Internets, aus Schachspieler-Sicht, ist, dass man schneller und unkomplizierter mit dem Schachsport in Berührung kommt. Unsere Aufgabe ist es, all jenen, die über das Internet zum Schachsport gekommen sind, Angebote zu unterbreiten, in den Verein zu kommen. Denn seien wir ehrlich: Bei einem Bierchen oder für Kinder und Jugendliche einer Cola in der realen Welt eine Partie Schach zu spielen, entspricht deutlich eher den menschlichen Bedürfnissen, als im eigenen Kämmerlein gegen anonyme Gegner zu spielen. Und auch wenn es einige nicht glauben, die meisten Schachspieler sind sogar extrem in Ordnung.

GM:  Sie bieten auch Anfänger-Kurse für Erwachsene und Kurse für Senioren an. Wie werden diese Angebote angenommen?

JC: Im Grundsatz sind wir mit dem Zuwachs an Interessenten zufrieden. Trotzdem muss man einen Unterschied machen zwischen Erwachsenen, die im Berufsleben stehen und Senioren. So laufen die Seniorenkurse, die wir wöchentlich beispielsweise von 10 bis 12 Uhr anbieten, hervorragend. Berufstätige nach der Arbeit noch von 19 bis 21 Uhr für ein Schachtraining zu begeistern ist, wenn auch nicht unmöglich, doch schwierig. Deshalb gehen wir hier einen zweiten Weg: Wir bieten sogenannte Kompaktkurse an, Kurse also, die an einem Samstag gehalten werden und weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese Kurse sehr gut geeignet sind, damit man seinen Partner mitnimmt, um anschliessend gut gerüstet zu sein bei einem abendlichen Glas Rotwein auf dem Balkon eine Partie Schach zu spielen. Es ist nicht unser Ziel, jeden zu einem Grossmeister zu machen.
Dieses Angebot wollen wir ausbauen, mit Eltern/Kind-Kursen und Trainings, die nicht bei uns, sondern in den Schulen vor Ort stattfinden. Wir haben hier noch einen weiten Weg zu gehen, sind aber überzeugt, dass dies der Richtige ist.

GM: Zu Ihrem neuesten Buch, der „Kleinen Schachschule“. Zunächst war ich etwas verwirrt, nach zwei Büchern unter dem Label „Grosse Schachschule“ jetzt auf die „Kleine Schachschule“ zu treffen. Können Sie uns Ihre bisherigen Buchprojekte vorstellen und einen Blick auf die nächsten Pläne werfen?

JC: Da muss ich etwas weiter ausholen, aber da ich bisher schon ellenlang geantwortet habe, mögen mir die Leser das verzeihen 🙂
Mein erstes Buch schrieb ich im zarten Alter von 19 Jahren, zeitgleich zur Lernphase meines Abiturs. „Die Englische Eröffnung“ war der Titel und behandelt eine Schacheröffnung, die ich seit ich denken kann, spiele. Im Anschluss folgte „Die grosse Schachschule“ Damals hatte ich eine Schachschule in Lüneburg und ich habe grosse Teile des Lehrplans meiner Schachschule in dieses Buch integriert, es folgte ein weiteres Eröffnungsbuch „Die Tarrasch-Verteidigung“, ein Buch das aus meiner Sicht für die „Eingeweihten“ eine Menge interessante neue Ideen beinhaltet. Anschliessend schrieb ich „Die grosse Schachschule: Aus den Fehlern der Grossmeister lernen“. Hier habe ich 25 Partien analysiert, an vielen war ich selber beteiligt, wo eine Seite, vertreten durch einen Profispieler, einen schweren Fehler begeht. Mein Versuch war es, und ich hoffe er ist mir gelungen, diesen Fehlern auf den Grund zu gehen und „en passant“ weniger erfahrenen Schachfreunden einen Einblick in die Schachszene zu geben.
Zu guter Letzt also „Die kleine Schachschule“, auf die ich ebenfalls sehr stolz bin. Einerseits ist sie inhaltlich aus meiner Sicht gut geworden, ausserdem hat mal wieder der Verlag hervorragende Arbeit geleistet, was Layout etc. angeht.
Zukünftige Projekte… Mein Plan war eigentlich weniger zu arbeiten 🙂 Derzeit gibt es einige Angebote Bücher zu schreiben. Meine Idee ist allerdings, einfach eins zu schreiben, ohne dass jemand davon weiss und es dann einem Verlag anzudrehen. Ich habe immer noch die sehr romantische Vorstellung mich einmal in ein Haus auf einer fernen Insel einzuschliessen, dort zwei Monate an einem Buch zu schreiben, ohne von aussen gestört zu werden. Vielleicht kennen Sie ja einen Verlag mit einem Haus auf einer karibischen Insel? 😉

GM: Die „Kleine Schachschule“ ist vom Typ her sicher mit klassischen Schachlehrbüchern zu vergleichen. Schach-Einführungen für Anfänger gibt es seit mehr als 100 Jahren. Sie erklären elementar die Regeln und geben kurze Abrisse zu Taktik-Motiven, strategischen Prinzipien, zur Eröffnungstheorie und Endspiellehre. Welche neuen Ideen haben Sie für diesen Lehrbuch-Typ eingebracht?

JC: In der „Kleinen Schachschule“ geht es darum, kurz und bündig Interessenten am Schach unser Spiel näher zu bringen und ohne grosses Hin und Her die Grundlagen zu bieten, um einfach mal eine Partie Schach zu spielen.
Meine neue Idee in dem Buch ist, früher auf grundlegende Strategien in den 3 Phasen Eröffnung Mittelspiel, Endspiel einzugehen. Meine Erfahrung aus den vielen Trainings und Lehrgängen mit Anfängern ist, dass man die Leute durchaus fordern kann und das Interesse am Schach auch und vor allem in den Strategien begründet ist. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schach-Training“ auch über
Rudolf Teschner: Schach in 40 Stunden

Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs

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Bereicherung des Diskurses über den Schach-Ursprung

von Thomas Binder

Die Frage nach dem Ursprung des königlichen Spiels gehört zu den ungelösten Problemen der Kulturgeschichte. Als sicher kann gelten, dass das Schachspiel aus südöstlicher Richtung zu uns gelangt ist. Alle weiteren Details bleiben bisher – und werden es möglicherweise immer bleiben – im Reiche der Mythen verborgen.

Gerhard Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs - Edition JungGemeinhin wird der Ursprungsort in einem riesigen Gebiet vermutet, das mit „China, Indien oder Persien“ zu umschreiben wäre. Oft wird sogar versucht, einen einzelnen Schöpfer des Spiels zu benennen. Selbst die berühmte Weizenkornlegende reiht sich in diese Überlegungen ein, ist doch die von Feld zu Feld verdoppelte Füllung des Schachbretts mit Weizenkörnern der Lohn für den „Erfinder des Schachspiels“.

Die Suche nach den Quellen des Schachspiels

Zu den Forschern, die sich in jüngerer Zeit auf die Suche nach den Quellen des Schachs gemacht haben, zählt die Initiativgruppe Königstein. Von 1991 bis 2005 trafen sich namhafte internationale Schachhistoriker zu acht Konferenzen. Letztlich konnten auch sie keine schlüssige Antwort auf die eingangs gestellte Frage finden. Auf der Homepage http://www.schachquellen.de ist ihr Vermächtnis dokumentiert.
Eines der Mitglieder dieser Gruppe ist auch der deutsche Schachhistoriker, -komponist und -schriftsteller Gerhard Josten. Er legt nunmehr in Buchform seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zum Thema vor.

„Schmelztiegel der Kulturen und Spiele“: Das alte Kushan-Reich

In den Mittelpunkt der Überlegungen stellt er dabei die Seidenstrasse – einen Oberbegriff für die Handelsrouten entlang derer schon um die Zeitenwende der Kontakt zwischen Europa und (Ost-)Asien seinen Anfang nahm. Dabei wurden nicht nur Handelsgüter ausgetauscht, sondern auch Wissen, Ideen, Techniken – sicher aber auch Geschichten, Kunst, Überzeugungen – und ganz gewiss auch Spiele und Spielideen.

Korrektur falscher Vorstellungen über die Seidenstrasse

In einem seiner einführenden Kapitel führt uns Josten in jene Zeit und räumt mit manchen falschen Vorstellungen über die Seidenstrasse auf. So musste man keinesfalls den ganzen Weg vom Mittelmeer nach China auf sich nehmen, um von den Segnungen dieser Route zu profitieren. Vielmehr wurden Güter und Ideen über viele Zwischenstationen unter den Völkern weitergereicht, dabei immer wieder verändert und bereichert.

Gerhard Josten - SeidenStrasse Quelle des Schachs - Synkretismus
Synkretismus als schachistorische Forschungstechnik

Den letztgenannten Prozess beschreibt Gerhard Josten nun für das Schachspiel, indem er verschiedene (Brett-)spiele ins Feld führt, die in den Ländern entlang der Seidenstrasse und in deren weiterem Einflussgebiet verbreitet waren. Er wägt ab, welche Elemente dabei jeweils in das Schachspiel eingeflossen sind, wie sie sich zu einem Spiel vereinigten und ergänzten, das letztlich als Urform des Schachs angesehen werden kann. Hierfür verwendet er an zentraler Stelle und durchaus schlüssig den aus der Philosophie und Religionswissenschaft bekannten Begriff des Synkretismus.
Den Ort, an dem das Schachspiel entstanden sein könnte, bestimmt Josten im Kushanreich, welches innerhalb der Seidenstrasse eine solch zentrale Position einnimmt, dass es sich als Schmelztiegel der Kulturen und ihrer Spiele offenbar anbietet.

In sich geschlossene Theorie zum Schach-Entstehungsort

Hat der Autor damit die Frage nach dem Ursprung des Schachs gelöst? Sicher nicht! Er bereichert aber den Diskurs um eine interessante Hypothese, die über den genannten Entstehungsort hinaus verschiedene neue Ideen einbringt. Ob sie dem Anspruch strenger Wissenschaft standhält, mag der Rezensent nicht beurteilen. Das ist aber auch sekundär, solange keine eindeutig schlüssigeren Erklärungsansätze bekannt sind.
Die von Josten vorgelegte Arbeit ist eine in sich geschlossene Theorie – nicht besser und nicht schlechter als andere. Das Verdienst des Autors besteht darin, seine Ideen in eine auch dem Laien zugängliche Form gebracht und unsere Sinne für das nach wie vor ungelöste Problem geschärft zu haben.
Ob man seinen Gedankengängen in jedem Falle folgen möchte, bleibt dem Leser überlassen. An manchen Stellen konnte ich dies jedenfalls nicht bis ins letzte Detail tun – so als er zu einem unvollständig(!) gefundenen Satz von mehr als 4’000 Jahre alten Spielsteinen eine mögliche Anordnung auf einem 8×8-Brett ableitet, die natürlich der des heutigen Schachs sehr ähnlich ist.

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Gerhard Josten bereichert mit seiner neuen Monographie die Forschung zum Ursprung des Schachs um eine interessante Hypothese. Seine Ideen werden schlüssig und gut lesbar vorgetragen, dabei passend illustriert. Die Kaufempfehlung für einschlägig interessierte Leser wird (trotz des recht hohen Preises) gerne ausgesprochen.

Jostens Buch ist angenehm lesbar geschrieben. Hier kommt ihm sein für einen Sachbuchautor überdurchschnittliches Schreibtalent zu Gute, welches ja schon in Romanen erprobt ist. Die Darstellung ist reich und zweckmässig illustriert, überwiegend mit archäologischen Funden von Spielsteinen und –brettern sowie kartographischen Skizzen. Dabei gelingt Gerhard Josten auch der Spagat zwischen erfrischender Lesbarkeit und wissenschaftlicher Korrektheit im Umgang mit Quellen und Zitaten. Erstere stammen oft aus dem Internet. Der Autor hat, obwohl schon im achten Lebensjahrzehnt stehend, dieses Medium aktiv in seine Forschungsarbeit einbezogen. Zu den Zitaten ist anzumerken, dass englischsprachige in der Regel ohne Übersetzung stehen gelassen wurden.

Der Babson Task als Klammer des Buches

Als Klammer des Buches dient der sogenannte  Babson-Task – eine Aufgabe, die für Schachkomponisten lange Zeit ebenso unlösbar schien, wie für die Historiker die Frage nach den Quellen des Schachs. Auf dem Titelbild prangt (vielleicht nicht ganz zum Thema passend) die bisher beste Darstellung hierzu in einer Aufgabe des Russen Leonid Jarosch. Gegen Ende des Buches kommt Josten darauf zurück. Man mag den Zusammenhang zur Grundthematik etwas bemüht finden, als eine weitere Anregung zum Weiterforschen (z.B. im Internet) nimmt der Rezensent diesen Exkurs gerne auf.
Der Preis des Buches von knapp 30 Euro erscheint mir allerdings etwas zu hoch und wird ihm möglicherweise die verdiente Verbreitung unter Schachspielern, die gern etwas über den Brettrand hinausschauen, erschweren. ♦

Gerhard Josten: Auf der Seidenstrasse zur Quelle des Schachs, Diplomica Verlag Hamburg, 139 Seiten, ISBN 978-3842892194

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über
Caissa: Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte

… sowie aus der historischen Rubrik „Heute vor … Jahren:“
Max Euwe wird Schach-Weltmeister

Michael Dombrowsky: Berliner Schach-Legenden

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Erinnerungen an versunkene Schach-Zeiten

von Mario Ziegler

Unter dem Titel „Luftmenschen“ veröffentlichten im Jahre 1998 Michael Ehn und Ernst Strouhal „Materialien und Topographien zu einer städtischen Randfigur 1700-1938“, wie es im Untertitel lautet. Die beiden österreichischen Schachhistoriker gingen darin dem Schicksal der Schachspieler aus Wien nach, doch kann man den gleichen Blick auch in die deutsche Hauptstadt schweifen lassen, was das Wortspiel im Titel rechtfertigt. „Berliner Luft“ ist der Titel eines Operetten-Liedes, das der Komponist Paul Lincke bereits 1904 schrieb, das jedoch besonders in den „Goldenen Zwanzigern“ populär wurde, jenen Jahren, in denen Berlin eine der Kulturhauptstädte Europas war. Nach dem tiefen Einschnitt des Nationalsozialismus und der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges entwickelten sich beide Hälften der geteilten Stadt grundlegend verschieden und verloren doch nie ganz das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Den herausragenden Schachspielern dieser einzigartigen Metropole ist das Werk des Hamburger Journalisten Michael Dombrowsky gewidmet, das den Gegenstand der vorliegenden Besprechung darstellt.

Auf alle Quellenbelegung verzichtet

Michael Dombrowsky - Berliner Schach-Legenden - Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau - Edition MarcoDer behandelte Zeitraum wird durch den Untertitel „Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau“ eingegrenzt. Natürlich hätte man eine Betrachtung der Schachgeschichte Berlins viel weiter zurückreichen lassen können, doch eine solche umfassende Darstellung – die im Übrigen meines Wissens noch nicht existiert und ein ausgesprochenes Desiderat darstellt – entsprach nicht Dombrowskys Intention. „Es sind Erinnerungen eines Schachschülers (Jahrgang 1946) an die Schachhelden seiner Jugend“, wie er formuliert. Und auch eine wissenschaftliche Untersuchung wurde nicht angestrebt, wie Dombrowsky gleichfalls zu Beginn seiner Arbeit deutlich macht. Entsprechend wurde auf jegliche Form der Quellenbelege und auf eine Bibliographie eventuell verwendeter Literatur verzichtet.

„Der Scharf-Richter aus Berlin“: Kombinationskünstler Kurt Richter (1900-1969)

Hin und wieder ist das bedauerlich, wenn man auf eine besonders interessante Begebenheit stösst und sie gerne im Original nachlesen würde. Zumindest wird erwähnt, dass als Interviewpartner Harald Lieb, Klaus Darga und Hans-Joachim Hecht zur Verfügung standen und weitere Informationen sowie Bildmaterial durch Familienangehörige der besprochenen Meister bereitgestellt wurden. A propos Bildmaterial: Dieses gibt es reichlich in Form historischer Schwarzweiss- und Farbaufnahmen, die meisten davon (zumindest mir) unbekannt. Der Wissenschaftler in mir hätte sich übrigens auch hier ein Abbildungsverzeichnis gewünscht. Doch abgesehen von diesen kleinen – und vielleicht subjektiven – Kritikpunkten ist die Aufmachung des Buches absolut tadellos: Hardcover, sehr übersichtliches Druckbild (Text ein-, Partien zweispaltig), die Kurzbibliographien und das Partienverzeichnis erlauben eine schnelle Orientierung.

Nachkriegszeit – Mauerbau – Wirtschaftswunder

Legendär als Schach-Autor: Rudolf Teschner (1922-2006)
Legendär als Schach-Autor: Rudolf Teschner (1922-2006)

Zum Inhalt: Es ist eine versunkene Welt, die sich den Augen des Lesers enthüllt: Nachkriegszeit, Mauerbau, Wirtschaftswunder – alles andere als leichte Bedingungen für die Berliner Schachmeister, und doch auch „Goldene Schachzeiten“, in denen das Schachleben im Westteil der Stadt so sehr blühte, dass man einer Berliner Auswahl durchaus einen Sieg über die deutsche Nationalmannschaft zugetraut hätte. Aus dieser Zeit werden zehn Schachpersönlichkeiten vorgestellt. „Die Auswahl basiert auf persönlichen Erinnerungen und Nachforschungen, sportlichen Leistungen und ungewöhnlichen Lebensläufen…“. Auch hier wurde also keine Vollständigkeit angestrebt, und natürlich kann man die getroffene Auswahl an der einen oder anderen Stelle kritisieren. Doch ist es Dombrowsky gelungen, eine sehr interessante Mischung zu finden. So steht neben den Nationalspielern Klaus Darga, Hans-Joachim Hecht und Jürgen Dueball der Problemexperte und -komponist Adolf Delander, neben den berühmten Schachmeistern und -autoren Kurt Richter und Rudolf Teschner ein relativ unbekannter Meisterspieler wie Klaus Uwe Müller.

Fiktive Episoden, der Realität entlehnt

Abgerundet wird das Werk durch Biographien von Heinz Lehmann, Harald Lieb und Wolfram Bialas, und vor die Lebensbeschreibungen dieser zehn Protagonisten ist ein Kapitel gestellt, das einen Überblick über das restliche Berliner Schachleben gibt. „Berlin 1960“  ist ein fiktiver Spaziergang durch das Berlin der 60er Jahre mit einem Besuch des lokalen Schachcafés, in dem weniger bekannte, doch ebenfalls spielstarke Meister wie Rudolf Elstner, Adolf Pawelczak oder Viktor Winz auftreten, daneben der bedeutende Funktionär Alfred Kinzel (von 1975 bis 1983 Präsident des Deutschen Schachbundes). Das Adjektiv „fiktiv“ lässt den Leser aufhorchen: Kann eine Darstellung, die sich mit Geschichte befasst und somit „harte Fakten“ präsentieren will, fiktive Elemente enthalten? „Ich erzähle Episoden und Szenen, die manchmal fiktiv sind, aber durchaus so geschehen sein könnten“, so formuliert Dombrowsky selbst, womit er immerhin in der Tradition klassischer Historiographen steht, die Szenen ausmalen und ihren Protagonisten Reden in den Mund legen, um die Situation für den Leser eindrucksvoller und plastischer zu gestalten.

Standard-Klischees über Schachspieler

Und so finden wir im erwähnten Berliner Schachcafé des Jahres 1960 den Schachspieler, dessen blasses Gesicht dem Betrachter sofort verrät: „Der Mann sehnt sich nicht nach einem Spaziergang in der Sonne.“ Ein anderer wird als älterer Herr mit „schlecht sitzendem Anzug auf seiner schmalen Figur“ beschrieben. Inwieweit hier Erzählungen von Augenzeugen bemüht wurden und wie sehr sich die Fantasie des Autors Bahn brach, muss offen bleiben, denn solche Klischees gehören ebenso wie die Tasse Kaffee, „die dann stundenlang völlig unberührt abkühlt“ und der Wirt, der von dem Wenigen, was die Schachspieler über den Abend konsumieren, nicht einmal die Stromrechnung bezahlen könnte, zu den Standardklischees über Schachspieler. Manche der fiktiven Dialoge erscheinen mir persönlich etwas überflüssig, doch tragen sie unzweifelhaft zu einer Auflockerung des Geschilderten bei.

Die grossen Meister mit ihren Marotten dargestellt

Sieger der Deutschen Meisterschaft 1961: Berlins starker Grossmeister Klaus Darga (*1934)
Sieger der Deutschen Meisterschaft 1961: Berlins starker Grossmeister Klaus Darga (*1934)

Auch abgesehen von diesen Elementen ist das Buch alles andere als trockene Geschichtsschreibung. Die grossen Meister werden mit ihren sportlichen Erfolgen, aber auch ihren ganz persönlichen Eigenarten und Marotten dargestellt. So erfährt man, dass die grosse Leidenschaft des grossen Kurt Richter die Pferdewetten waren, bei denen er viel Geld einsetzte und hört von der persönliche Kontroverse der beiden Nationalmannschaftskollegen Wolfram Bialas und Lothar Schmid wegen eines lange zurückliegenden Vorwurfs der Schiebung. Und natürlich ist manche Vita schon allein so spannend und episodenreich, dass man sich wundert, dass man noch nie etwas davon gehört hat. So ging es mir im Fall von Klaus Uwe Müller. Als ich das Kapitel zum ersten Mal aufschlug, war ich etwas beschämt, von dieser „Schachlegende“ noch nicht einmal den Namen zu kennen, doch beruhigten mich die Worte des Autors: „Es ist schon erstaunlich, dass ein Meister so vergessen wird. Schon in den 60er Jahren sprach kaum noch jemand über seine Leistungen. Klaus Uwe Müller ist der am wenigsten beachtete und am meisten unterschätzte Schachspieler aus der goldenen Hochzeit im Berliner Schach nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Dabei war Müller immerhin vor seiner Flucht in den Westen erfolgreiches Mitglied der DDR-Nationalmannschaft mit einem ausgezeichneten Resultat von 9 Punkten aus 15 Partien bei der Schacholympiade 1952 in Helsinki und im gleichen Jahr punktgleicher Sieger der DDR-Meisterschaft zusammen mit IM Berthold Koch.

Bisher unbekanntes Partien-Material integriert

Zu einem Buch über Schachspieler gehören natürlich auch Schachpartien. Diese finden sich reichlich im Werk, vielfach auch solche, die in den gängigen Datenbanken fehlen. Alle sind durch IM Dr. Helmut Reefschläger kommentiert. Da in den „Schachlegenden“ die Persönlichkeiten, und nicht schachliche Feinheiten im Vordergrund stehen, sind die Kommentare zwar (soweit ich es überprüft habe) fehlerlos und sicher mit Hilfe eines Computerprogrammes geprüft, hätten aber an der einen oder anderen Stelle (wiederum nach meinem subjektiven Geschmack) etwas ausführlicher ausfallen können. Ein Beispiel mit den Originalanmerkungen Reefschlägers:

Kurt Richter – Abraham Baratz
Prag 1931
1.d4 Sf6 2.Sc3 d5 3.Lg5 Lf5 4.f3 c6 5.e3 Sbd7 6.f4 Da5 7.Ld3 Se4 8.Lxe4 Lxe4 9.Sf3 f6 10.Lh4 e6 11.0–0 Lxf3 12.Dxf3 f5 13.Tae1 Db4

Diagramm: Kurt Richter vs Abraham Baratz (Prag 1931) - nach 13. ... Db4
Diagramm: Kurt Richter vs Abraham Baratz (Prag 1931) – nach 13. … Db4

14.e4
Ein „Verbotener Zug“. Verbotene Züge sind solche, die das Gehirn gar nicht in Betracht zieht, also einfach verbietet, als unmöglich ausschliesst. Das ist menschlich. Allzu menschlich. Nun wird bisweilen ein Verbotener Zug, wenn ihn ein Computer macht, bejubelt. Zu Unrecht, denn aus seiner Sicht steht der Zug auf gleicher Ebene wie alle anderen auch. Dem Menschen dagegen gebührt Hochachtung, wenn er seinem Gehirn den Ausschluss gewisser Züge nicht zustimmt. 14.e4 ist nun gleich mehrfach verboten: der Bauer kann vom d- oder f-Bauern geschlagen werden, und überdies hängt auch noch d4 mit Schach. Ein besonderer Moment für Kurt Richter, konnte er hier quasi in einem Zug seine Phantasien ausleben, seine romantische Seite einbringen, seine Traumwelt bedienen. Und merkwürdig: Der Verbotene Zug ist hier auf ganz profane Weise völlig korrekt, ja der einzige, der weissen Vorteil ergibt!
14…dxe4 15.Sxe4 fxe4 16.Dxe4 Kräftiger ist 16.Txe4. 16…Dd6? 16…Dc4 hält noch stand. 17.Df5 Dxd4+ 18.Kh1 Le7 19.Dxe6 0–0–0 20.Lxe7 The8 21.Dh3 Dxb2 22.Lxd8 Txd8 23.Db3 Df6 24.De6 Dc3 25.Te2 Kc7 26.h3 Sf6 27.De5+ Dxe5 28.fxe5 Sd5 29.Tf7+ 1–0

Michael Dombrowskys neues Buch überzeugt: Über Details lässt sich streiten, aber in summa sind die
Michael Dombrowskys neues Buch überzeugt: Über Details lässt sich streiten, aber in summa sind die „Berliner Schachlegenden“ ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, das den schachhistorisch Interessierten in ein spannendes Kapitel der deutschen Schachgeschichte einführt.

Zusammengefasst: Dombrowskys Arbeit hat mich überzeugt. Über Details kann man streiten, aber in summa sind die „Berliner Schachlegenden“ ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, das den schachhistorisch Interessierten in ein spannendes Kapitel der deutschen Schachgeschichte einführt. Dem Buch, das nach Aussage seines Autors für Schachspieler und Nichtschachspieler geschrieben wurde, möchte ich viel Erfolg wünschen, auch wenn zu befürchten ist, dass die Anzahl der Käufer aus dem Kreis der Nichtschachspieler gering sein wird. ♦

Michael Dombrowsky: Berliner Schachlegenden – Erinnerungen und Portraits aus der Zeit vor und nach dem Mauerbau, Edition Marco, 240 Seiten, ISBN 978-3924833-66-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über die
neue Schach-Zeitschrift „Caissa“
… sowie zum Thema Schacheröffnungen über
Mihail Marin: Die Englische Eröffnung

Martin Breutigam: Himmlische Züge (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Schach-Historie abwechslungsreich beleuchtet

von Thomas Binder

Gut drei Jahre nach dem Band „Todesküsse am Brett“ legt der Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ eine zweite Sammlung der Kolumnen Martin Breutigams vor.
Den Rezensenten beeindruckt dabei zuallererst, dass ein nicht auf Schach spezialisierter Verlag das wirtschaftliche Risiko einzugehen bereit ist, sich auf diesem Markt zu platzieren. Ja – das Schachbuch lebt und ist von den modernen Medien mit ihren ureigensten Vorteilen nicht unterzukriegen.

140 Beiträge aus dem Zeitraum 2010 bis 2013

Martin Breutigam - Himmlische Züge - Neue Rätsel und Geschichten aus der Welt der Schachgenies - Verlag die WerkstattWir hatten das Vorgängerwerk vor drei Jahren an dieser Stelle rezensiert und könnten heute vieles aus jener Besprechung wiederholen. Erneut handelt es sich um die unveränderte Zusammenstellung von Breutigams Kolumnen in deutschen Tageszeitungen wie dem „Tagesspiegel“  und der „Süddeutschen“. Diesmal stammen die 140 Beiträge aus dem Zeitraum 2010 bis 2013, schliessen also unmittelbar an das Vorgängerwerk an: „Todesküsse am Brett“
Der beleuchtete Zeitraum war schachhistorisch sehr ereignisreich. Zwei Weltmeisterschaften mit Vishy Anand als Hauptperson bilden die Klammer: Das Buch beginnt mit der 4. WM-Partie gegen Topalow in Sofia und endet mit dem spektakulären Finale der vorletzten Partie gegen Carlsen in Chennai. Parallel dazu können wir den Aufstieg des jungen Norwegers verfolgen, der zwar schon 2010 die Nummer 1 der Welt war, jedoch noch nicht mit der jetzigen Dominanz. So berichtet Breutigam etwa Anfang 2011, dass Carlsen gerade innerhalb von vier Monaten acht Partien verloren hatte – bei seiner heutigen Form kaum vorstellbar und längst vergessen.
Neben Carlsens Aufstieg verfolgt die Chronologie übrigens das Vorankommen der deutschen „Schachprinzen“ um Rasmus Svane und Matthias Blübaum. Interessante Parallelen, aber gewiss auch Unterschiede werden deutlich.
Höhen und Tiefen bescherten die letzten drei Jahre auch dem deutschen Schach. Da steht der Gewinn der Europameisterschaft 2011 neben dem peinlichen Auftritt einer zweitklassigen Auswahl bei der Schacholympiade ein Jahr zuvor. Weitere Wettkampf-Highlights aufzuzählen, hiesse einfach die Schachereignisse dieser Jahre zu wiederholen.

Abwechslungsreichtum der Themata

Aufgeräumtes Layout, schöne Diagramme: Beispiel-Seite aus
Aufgeräumtes Layout, schöne Diagramme: Beispiel-Seite aus „Himmlische Züge“

Die grosse Stärke von Breutigams Buch liegt im Abwechslungsreichtum der Kolumnen. Da stehen Kombinationen aus aktuellen Turnieren neben Porträts einzelner Spieler. Es gibt mehr oder weniger philosophische Betrachtungen und Blicke in die Vergangenheit – letztere allerdings meist mit einem aktuellen Anlass verknüpft. Eine gerade in ihrer Subjektivität starke Auswahl von Spielerporträts komplettiert den Reigen.
Die grossen und kleinen Streitfragen der Schachpolitik bleiben nicht ausgespart. An das Konfliktpotential der deutschen Olympiamannschaft 2010 habe ich schon erinnert. Auch die Kandidatur der Herren Karpow und Weizsäcker für Führungspositionen in FIDE und ECU wird besprochen, ebenso wie das Finanzgebaren der türkischen Föderation und die Probleme etablierter Turnierveranstalter (am Beispiel der Chess Classics).
Die aktuellen Diskussionen der Schach-Community (Betrugs- und Verdachts-Fälle, das missratene Steinbrück-Buchcover, diverse Sportgerichts-Urteile und vieles mehr) werden nicht ausgespart.
Obwohl Martin Breutigam auf vordergründig wertende Kommentare weitgehend verzichtet, ist meist klar zu erkennen, wie er Position bezieht.

Tolle Schachkombinationen

Schon das sensationelle Preis-Leistungs-Verhältnis macht dieses Kaleidoskop der letzten drei Schachjahre zu einer sicheren Kaufempfehlung. Martin Breutigam ist als unterhaltsamer Autor und kundiger Experte über jeden Zweifel erhaben. Gewisse Abstriche sind allenfalls dem Konzept geschuldet, Zeitungskolumnen unkommentiert und unredigiert zu übernehmen.
Schon das sensationelle Preis-Leistungs-Verhältnis macht dieses Kaleidoskop der letzten drei Schachjahre zu einer sicheren Kaufempfehlung. Martin Breutigam ist als unterhaltsamer Autor und kundiger Experte über jeden Zweifel erhaben. Gewisse Abstriche sind allenfalls dem Konzept geschuldet, Zeitungskolumnen unkommentiert und unredigiert zu übernehmen.

Doch im Blickpunkt steht auf jeder Seite eine tolle Schachkombination, bei der man alle Streitpotentiale und Skandälchen vergessen möchte! Gestaltung und Gliederung sind von „Todesküsse am Brett“ unverändert übernommen. Jede Kombination wird auf einer Textseite präsentiert, die zu etwa einem Drittel vom Stellungsdiagramm eingenommen wird. Der Text leitet dann zur Aufgabenstellung über, mit der der Leser aufgefordert wird, den Geistesblitz des jeweiligen Schachmeisters aufzuspüren. Die Lösungen mit Angabe der Hauptvariante und der wichtigsten Abweichungen sowie sehr knappen Erläuterungen sind jeweils kopfstehend am unteren Rand der Seite angeführt. Dem kundigen Schachfreund genügt das allemal, dem interessierten Laien wird hingegen einiges zum Verständnis fehlen.
Etwa ein Dutzend ganzseitige Fotos lockern den Text auf, darunter einige selten gesehene Aufnahmen. Mein Favorit ist Aronjan, der einem Bildhauer Modell sitzt.

Zuweilen fehlende historische Ergänzungen

Die wortgetreue Übernahme der Zeitungs-Kolumnen hat natürlich ihre Grenzen. Das Buch wendet sich ausdrücklich auch an absolute Schach-Laien (wozu sonst die Erläuterungen zur Schach-Notation im Anhang?) – und diese werden sich mit manchem der knappen Texte doch etwas allein gelassen fühlen. Ergänzungen aus der zeitlichen Distanz hätten zumindest bei einigen Themen gut getan. Leider fehlen neben Hintergrundinformationen auch Datumsangaben zur jeweils originalen Veröffentlichung, es ist jeweils nur die Jahreszahl angegeben. ♦

Martin Breutigam: Himmlische Züge – Neue Rätsel und Geschichten aus der Welt der Schachgenies, Verlag Die Werkstatt, 160 Seiten, 978-3730300877

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über
Martin Breutigam: Todesküsse am Brett

Sokolov: Gewinnen in d4-Bauernstrukturen (Schach)

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Verständnis für die Bauern

von Mario Ziegler

Nein, es geht in der folgenden Rezension nicht um die Agrarpolitik der EU, und auch nicht um die Situation des Dritten Standes in den Revolutionsjahren 1525 oder 1848. Vielmehr soll das neue Strategiebuch „Die hohe Schule des Mittelspiels“ – Gewinnen in d4-Bauernstrukturen – besprochen werden, in dem die Bauern auf dem Schachbrett eine entscheidende Rolle spielen.

Sein Autor Ivan Sokolov ist in der Welt des Schachs eine bekannte Persönlichkeit. Der 1968 im bosnischen Jajce bei Banja Luka geborene Grossmeister vertrat 1988 und 1990 Jugoslawien bei den Schacholympiaden in Thessaloniki und Novi Sad, wobei er 1988 mit seiner Mannschaft die Bronzemedaille erringen konnte. 1993 verliess er während des Bürgerkrieges seine Heimat und emigrierte in die Niederlande. Mit der niederländischen Auswahl errang er unter anderem den Sieg bei der Mannschafts-Europameisterschaft 2005 in Göteborg. Seit 2009 ist er für den bosnischen Schachverband spielberechtigt. Neben diesen Erfolgen und neben zahlreichen Siegen bei bedeutenden Turnieren trat er durch einige hochgelobte Schachbücher hervor. 2009 erschien sein Werk „Winning Chess Middlegames: An Essential Guide to Pawn Structures“, das nun in deutscher Sprache vorliegt und Gegenstand der vorliegenden Besprechung sein soll.

Konzentration auf Nimzoindisch

Der Untertitel „Gewinnen in d4-Bauernstrukturen“ könnte in die Irre führen. Sokolov will keineswegs alle d4-Eröffnungen oder auch nur einen repräsentativen Querschnitt beleuchten, sondern konzentriert sich auf die Nimzoindische Verteidigung 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4. Da der Autor ein Experte für diese Eröffnung ist und ihr kürzlich eine Monographie gewidmet hat („The strategic Nimzo-Indian. Vol. 1: A complete guide to the Rubinstein Variation“, Alkmaar 2012), ist dies eine naheliegende Wahl. Zudem kann man Sokolov zustimmen, wenn er formuliert (S. 11): „Abgesehen davon, dass ein Verständnis dieser [der im Buch beleuchteten] Stellungen für alle, die mit Weiss 1.d2-d4 oder mit Schwarz Nimzoindisch spielen, von Nutzen ist, haben die nachstehenden kommentierten Partien den zusätzlichen praktischen Wert, dass sie definitiv das Eröffnungswissen des Lesers verbessern werden, was sich sofort in der Turnierpraxis niederschlagen kann.“

Auf den Pfaden Philidors

Das Zauberwort des Buches lautet „Bauernstruktur“. Dass das Verständnis typischer Strukturen in einer bestimmten Eröffnung grosse Bedeutung besitzt, brachte bereits 1749 der grosse André Philidor in seinem berühmten Satz „Die Bauern sind die Seele des Schachspiels“ („… les Pions. Ils sont l’âme des Echecs …“) zum Ausdruck. Sokolov bedient sich jüngerer Beispiele, wenn er an das Schaffen der Weltmeister Karpow, Kasparow und Kramnik (S. 9) und seine eigene Praxis erinnert: „Über meine gesamte Karriere hinweg habe auch ich in den Stellungen, die ich gut verstand, eine ordentliche Punktausbeute erzielt und den Preis dafür bezahlt, dass ich in meiner Sturheit die Finger nicht von den Stellungstypen, die mir nicht lagen, lassen konnte.“

In seinem Werk konzentriert sich Sokolov auf die vier seiner Meinung nach (vgl. S. 9) wesentlichsten Bauernstrukturen: Doppelbauer, Isolani, Hängende Bauern und Bauernmajorität. Alle diese Formen sind noch weiter differenziert nach sogenannten Basisstrukturen. Dies sieht folgendermassen aus (verdeutlicht am Beispiel der Hängenden Bauern, S. 179f.):

Struktur 3_1Struktur 3.1

Struktur 3_2Struktur 3.2

Beide Strukturen verdeutlichen einen weissen Standardplan: Abtausch auf e6, was fxe6 erzwingt, danach e3-e4, was Schwarz ein positionelles Zugeständnis abnötigt.

Struktur 3_3Struktur 3.3

Weiss führt seinen Plan e3-e4 aus, ohne vorher auf e6 einen Figurentausch vorgenommen zu haben.

Struktur 3_4Struktur 3.4

…demonstriert einen schwarzen Standardplan: …d5-d4, was die dynamischen Möglichkeiten der hängenden Bauern zur Geltung bringt.

Auf reichhaltige Erfahrung zurückgegriffen

Die einzelnen Basisstrukturen werden durch insgesamt 45 Partien beleuchtet, die den Zeitraum zwischen 1938 (Botwinnik-Tschechower, Leningrad) und 2008 (Topalow-Aronjan, Morelia/Linares) abdecken. Sokolov selbst ist mit 12 Partien vertreten. Dass er immer wieder seine eigenen Erfahrungen einfliessen lässt, macht ein grosses Plus des Werkes aus. Sokolov zeigt sehr eindrucksvoll, wie er selbst in einer bestimmten Position vorging, und spart dabei auch nicht mit Selbstkritik, wenn er falsche Wege beschritt. Hierzu ein Beispiel aus seiner Weisspartie gegen Darryl Johansen bei der Olympiade Manila 1992:

Sokolov vs Johansen
Sokolov – Johansen (Olympiade 1992)

Hier setzte Sokolov mit 13.Tb1 fort, was er mit einem „?!“ brandmarkt. In seinen Anmerkungen erläutert er diese Kritik am scheinbar naheliegenden Zug, der den Turm auf die halboffene Linie stellt (S. 15): „Für derartige Stellungen ist es typisch, dass Weiss seinen Raumvorteil und Entwicklungsvorsprung zur Entfaltung von Initiative nutzen muss, bevor seine strukturellen Mängel sich bemerkbar zu machen beginnen. 13.f4! war ein guter und energischer Anfang … In der Partie sah ich schon die mit 13.f4! assoziierten Möglichkeiten, dachte aber, dass ich mit Weiss gegen irgendeinen Australier mit einer Elo-Zahl von noch nicht einmal 2500 nur ‚reguläre‘ Züge zu machen brauchte und sich der Sieg ohne grosse Risiken wie von selbst einstellen sollte. Eine solche Denkweise ist vielleicht in einem Abspiel der Katalanischen Eröffnung mit Weiss vertretbar, aber nicht in diesem Typ von Nimzoinder.“

Herausforderung für den Leser

Neben solchen allgemeinen Überlegungen geht Sokolov jedoch auch in die Tiefe. Seine Analysen zu bestimmten Zügen können durchaus mehr als eine Spalte einnehmen, so dass der Leser bereit sein muss, einige Zeit und Mühe für die Arbeit mit dem Buch aufzuwenden. Der englische Grossmeister Michael Adams weiss offensichtlich, wovon er spricht, wenn er in seinem Vorwort anmerkt (S. 8): „Vereinsspieler sollten sich nicht entmutigen lassen, wenn der Variantenwust mitunter etwas beängstigend erscheint.“ Um einen Einblick in Sokolovs Analysen zu geben, bot sich ein Vergleich an. Auf S. 89ff. wird zum Thema „Das Spiel gegen einen isolierten Bauern“ die Partie Iwantschuk-Aronjan, Morelia 2007, untersucht. Zu dieser Partie liegt neben der Analyse von Mihail Marin in der „MegaBase“ der Firma ChessBase auch eine Untersuchung von Nikolai Kalinichenko in seiner kürzlich veröffentlichten Monographie über Iwantschuk vor („Vassily Ivanchuk. 100 Selected Games, Alkmaar 2013, S. 152ff.). Es war ein reizvolles Unternehmen, die Gedankengänge und Arbeitsweisen der drei Grossmeister zu vergleichen.

Iwantschuk-Aronjan
Iwantschuk-Aronjan (Morelia 2007)

Dies ist die Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz. Iwantschuk spielte nun das überraschende 17. Tcc1
Sokolov erklärt – ebenso wie Marin – die Idee dieses Zuges: „Weiss behält die Türme auf dem Brett, um den schwachen Bauern d5 aufs Korn nehmen zu können. Schwarz kann seinerseits aus der Kontrolle der c-Linie kein Kapital schlagen.“ Die drei Kommentatoren sind sich aber ansonsten über den Wert des Zuges und damit verbunden die Bewertung der Stellung nicht einig. Sokolov und Kalinichenko werten den Rückzug des Turms als sehr stark (!! bzw. !), während sich Marin mit !? begnügt. Im Vergleich zu seinen Kollegen kritisiert er in der Folge das schwarze Spiel deutlich stärker.
17…Tfc8
Dieser Zug bleibt von Sokolov unkommentiert, während Kalinichenko und Marin auf die Möglichkeit 17…Txc1+ verweisen. Kalinichenko hält diesen Abtausch, der die Stellung weiter vereinfacht, für eine ernstzunehmende Alternative, Marin sogar für die bessere Fortsetzung, weshalb er den Partiezug 17…Tfc8 mit einem ?! versieht.
18.Td1 Tc2 19.Lb5 Sf8 20.Tab1 T2c7 21.La4 Se6 22.Lb3 Kf8 23.h3
Sokolov: „Weiss will den Bauern d5 zu seinen eigenen Bedingungen nehmen. Das sofortige Schlagen dieses Bauern würde zu einem remislichen Endspiel führen: 23.¥xd5?! ¥xd5 24.¦xd5 ¦c1+ 25.¦d1 ¦xb1 26.¦xb1 ¦c2, und dank seines aktiven Turms sollte Schwarz die Stellung halten können.“ Beide anderen Kommentatoren übergehen diese Variante.
23…Tc5 24.Kh2
Diesen Zug hebt Sokolov als einziger besonders hervor, indem er ihn mit !! schmückt und anmerkt: „Weicht dem Schach auf c1 aus, um auf der d-Linie die Türme zu verdoppeln. Es ist sehr wichtig für Weiss, alle vier Türme auf dem Brett zu behalten.“
24…Ke7 25.Td2 Tb5 26.La2 Tbc5 27.Se1 a5
Als einziger analysiert Sokolov die Fortsetzung 27…Tc1, die jedoch Schwarz nicht aus seinen Schwierigkeiten gerettet hätte.
28.Tbd1 Td8 29.Kg3 Tb5 30.f3 Tc8
Wird von allen Kommentatoren als Fehler gekennzeichnet, allenfalls in der Frage, ob 30…Sc5 (Sokolov) oder 30…Tc5 (Kalinichenko, Marin) hartnäckigeren Widerstand versprach, gibt es Diskrepanzen.
31.Sd3!
„Wegen der Drohung 32.a4 mit Turmfang muss Schwarz einen Bauern geben.“ (Sokolov). Nicht eingegangen wird auf die (unzureichende) Verteidigung 31…a4, die Kalinichenko und Marin analysieren. Auch bei den restlichen Zügen der Partie hält sich Sokolov deutlich knapper als die beiden anderen Analytiker, was aber angesichts seiner Zielsetzung – Besprechung eines bestimmten Stellungstyps – verständlich ist. Für eine solche Erörterung sind die restlichen Züge nicht mehr relevant.
31…d4 32.Lxe6 Kxe6 33.Sf4+ Ke7 34.Txd4 Tc7 35.T1d2 Tbc5 36.e4 Tc4 37.Td6 T4c6 38.e5 Tc2 39.Txc2 Txc2 40.Txb6 Lc6 41.b4 g5 42.Sh5 axb4 43.axb4 Ld5 44.Sg7 Te2 45.Sf5+ Ke8 46.Sxh6 Le6 47.Tb5 Tb2 48.Tb8+ Kd7 49.Tg8 1–0

Für geübte Vereinsspieler geschrieben

An wen richtet sich Sokolovs
An wen richtet sich Sokolovs „Gewinnen in d4-Bauernstrukturen“? Zielgruppe sind die geübten Vereinsspieler, da sowohl das Thema der Basisstrukturen als auch die Tiefe der Analysen eine gehobene Spielstärke voraussetzen. Darüber hinaus ist das Buch für jeden Nimzoindisch-Spieler (mit weiss und mit Schwarz) grundlegend. Überhaupt ist zu wünschen, dass der Aspekt der charakteristischen Bauernstrukturen in künftigen Lehrbüchern noch stärker Berücksichtigung finde.

An wen richtet sich Sokolovs Werk? Ganz offensichtlich ist die Zielgruppe diejenige der geübten Vereinsspieler, da sowohl das Thema der Basisstrukturen als auch die Tiefe der Analysen eine gehobene Spielstärke voraussetzen. Darüber hinaus sollte das Buch für jeden Nimzoindisch-Spieler grundlegend sein, ebenso für Weissspieler, die sich mit den untersuchten Strukturen des Nimzoinders herumschlagen müssen. Für diese Spieler wird „Die hohe Schule des Mittelspiels im Schach“ ein hervorragendes Hilfsmittel zum besseren Verständnis der typischen Mittelspielpositionen sein. Es ist zu wünschen, dass der Aspekt der charakteristischen Bauernstrukturen in künftigen Lehrbüchern noch stärker Berücksichtigung finden wird. ♦

Ivan Sokolov: Die hohe Kunst des Mittelspiels im Schach – Gewinnen in d4-Bauernstrukturen, New in Chess, 288 Seiten, ISBN 978-90-5691-432-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schacheröffnungen“ auch über Karsten Müller & Rainer Knaak: 222 Eröffnungsfallen

Außerdem zum Thema Schach-Partiensammlungen: Brekke & Olafsson – The Chess Saga Of Fridrik Olafsson


Peter Mitschitczek: Fang den König! (Kinderschach)

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Neue Ideen in der Vermittlung des Kinder-Schachs

von Thomas Binder

Als langjähriger Schach-Nachwuchstrainer war der Rezensent gespannt, mit Peter Mitschitczeks „Fang den König“ ein neues Kinderschach-Lehrbuch in der Hand zu halten. Die Neugier stieg, weil sich der Autor nicht als Schachmeister vorstellt, sondern als Opernsänger. Zwischen diesen beiden Bereichen – seinem Beruf und seinem Hobby – sieht er vielfältige Parallelen, wovon er den Kindern in einem der einführenden Kapitel auch erzählt. Schon dort spürt man, worin Mitschitczeks grosses Potential liegen kann: Er spricht die Kids unterhaltsam und erzählerisch an. Man spürt in jedem Satz, dass der Autor Spass gehabt hat am Formulieren und am spielerischen Entwickeln seiner Ideen.

Auf 136 kleinformatigen Seiten und von Jürgen Schremser sehr hübsch illustriert will das Buch den Kindern die Grundregeln des Schachspiels nahe bringen. Das Ziel ist auf dem Rücktitel formuliert: „So bist du bestens gerüstet für die erste Schachpartie mit deinen Freunden, Eltern oder Geschwistern!“ Damit steckt das Werk wohl einen Anspruchsrahmen ab, der weit unter den möglichen Konkurrenzprodukten liegt. Würde man nämlich „Fang den König!“ an der Serie „Fritz & Fertig“ des Marktführers messen, so hätte Mitschitczek schon vor dem ersten Zug keine Chance. Jene Produktreihe mit DVDs, Büchern, Rätselblöcken usw. setzt im Angebot für Kinder im Grundschulalter eine ganz andere Marktmacht und Autoren-Kompetenz ein, als es ein Einzelkämpfer leisten kann.

Die Grundregeln des Schachspiels

Peter Mitschitczek: Fang den König! - Schach für KinderWas lernen wir also auf den 136 Seiten aus der Perlen-Reihe? Es sind wirklich nur die Grundregeln des Schachspiels. Nach 36 Seiten sind wir immerhin so weit gekommen, dass wir das leere Schachbrett richtig vor uns hinlegen und die Figuren in Grundstellung bringen können. Dann folgt die Erklärung der Spielregeln, beginnend mit der Gangart der Figuren. Rochade und en-passant-Schlag sowie die grundlegenden Remis-Regeln bilden schon den krönenden Abschluss. Das Material wird sehr unterhaltsam präsentiert, immer wieder unterbrochen von netten kleinen Abschweifungen. Auch die unvermeidlichen Geschichten der Schach-Folklore wie die Weizenkornlegende und Kempelens Automat dürfen nicht fehlen.
Sehr gut gefällt mir, dass Mitschitczek schon in die frühen Abschnitte immer wieder kleine Aufgaben und Spielideen einbaut – selbst in einem Moment, wo das Kind noch gar keine vollständige Schachpartie spielen kann. Genannt seien etwa die Aufgabe, mit dem Springer von einer Ecke zur anderen zu gelangen oder ein Duell zwischen acht Bauern auf jeder Seite. Besonders gefallen hat mir das Spielchen mit zwei Türmen gegen acht Bauern. Als „running gag“ ziehen sich Übungen durch das Buch, bei denen der junge Schachspieler Gummi-Bärchen als Belohnung verdienen kann.
Soweit zu den Stärken des vorliegenden Buches. Etwas schwieriger wird für mich die Bewertung, wenn es um den schachlichen Gehalt geht. Da habe ich nämlich so meine Zweifel, ob der oben formulierte Anspruch „…gerüstet für die erste Schachpartie…“ gehalten werden kann. Das schachliche Niveau bleibt doch auf sehr bescheidenem Level stehen. Als höchste Schule bekommen wir das „Schäfermatt“ präsentiert, sowie das Treppenmatt mit zwei Türmen.

Zielgruppe leicht verfehlt

Opernsänger, Komponist, Schach-Autor: Peter Mitschitczek
Opernsänger, Komponist, Schach-Autor: Peter Mitschitczek

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Wo liegt die Zielgruppe für dieses Buch? Der Klappentext bemisst sie mit „… ab 8 Jahren“, bei einem grossen Online-Händler habe ich „8 – 10 Jahre“ gefunden. Das alles ist wohl dem Gedanken geschuldet, dass die Kinder natürlich des Lesens und des selbständigen „Arbeitens“ mit dem Buch mächtig sein müssen. Aber – selbst als Schachanfänger dürften Kids in diesem Alter mehr erwarten als ihnen „Fang den König!“ bieten kann.
Zumindest teilweise scheint mir das Herangehen des Autors eigentlich auf eine noch jüngere Zielgruppe zu fokussieren, was dann aber am Selbst-Lesen scheitert. Es gibt heute für Kinder dieses Alters (und jüngere!) ein reichhaltiges Schachangebot: AGs in Grundschulen und Kindergärten, spezialisierte Schachschulen für die Jüngsten und spezielles Trainingsmaterial in Hülle und Fülle. Ja, selbst die Turnierlandschaft der Altersklassen U8 und U6 (ja, wirklich) ist heute schon unüberschaubar, ganz zu schweigen von der U10. Schliesslich machen Kinder in diesem Alter heute ihre ersten Erfahrungen mit dem Computer und finden auch dabei altersgerechte Einstiege in das königliche Spiel.
Um die Kids wirklich für eine erste Schachpartie zu rüsten, hätte Mitschitczek deutlich weiter ausholen sollen. Bei den elementaren Mattführungen wäre das Matt mit einer Schwerfigur (Dame oder Turm) unerlässlicher Lernstoff. Aus der Endspielwelt wäre sicher noch Elementares über Bauernumwandlungen (Opposition, Quadratregel) denkbar. Mehr Raum als nur eine einfache Aufzählung hätten zudem die grundlegenden Eröffnungsprinzipien (Entwicklung, Rochade, Zentrum) verdient. Stattdessen wird das Schäfermatt präsentiert, was die üblichen Lernziele im Anfängertraining geradezu unterläuft.

Zuwenig schachliche Substanz

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Der Autor bringt auf erfrischende und kindgerechte Weise, mit lockerem Sprachstil und guter Bebilderung, neue Ideen in die Vermittlung der Grundregeln des Schachspiels ein. Die Zielgruppe der 8-10-jährigen hätte allerdings deutlich mehr schachliche Substanz vertragen…

Besonders attraktiv für die angesprochene Zielgruppe wären einfache taktische Motive (Springergabel, Fesselung, Abzug, Patt-Tricks, Mattbilder…) gewesen.  Gerade solche „action“-lastigen Elemente können die betreffende Altersgruppe für das Schachspiel enorm begeistern.  Hier hätte Mitschitczeks Buch seine Stärken in der kindgerechten Erzählweise und der lebendigen Illustration besonders gut ausspielen können. Ich wäre sehr gespannt, wie der Autor diese Themen vermitteln würde.
Aus eigener Erfahrung weiss der Rezensent, dass Kinder der angesprochenen Altersklasse schon sehr bald nach dem Erlernen der Grundregeln weit mehr und Anspruchsvolleres an schachlichem Know-How wollen, brauchen und auch verstehen, eben um wirklich für die erste Schachpartie oder gar das erste Kinderschach-Turnier gerüstet zu sein. ♦

Peter Mitschitczek: Fang den König! – Schach für Kinder, Verlag Perlen-Reihe, 136 Seiten, ISBN 978-3990060261

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die modernen Forschungsergebnisse zum Thema „Schach in der Schule“
… sowie über das neue Eröffnungsbuch für Kinder von Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids