Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess (Schach)

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Herausragende Schach-Kommentierung

von Thomas Binder

Wenn sich vortreffliche Fähigkeiten sowohl als Schachtrainer wie als Autor positiv ergänzen, ist das für den Leser der so entstandenen Bücher ein Glücksfall. Ein solcher Glücksfall ist der amerikanische Schach-IM Cyrus Lakdawala für uns Schachbuch-Konsumenten. Als neuestes Werk aus seiner Feder liegt nun „Winning ugly in chess“ vor.
Der Untertitel „Playing badly is no excuse for losing“ und auch der Satz aus dem Klappentext „The next time the wrong player wins, you will be that player!” wecken dabei allerdings eine Erwartung, die man nicht zu wörtlich nehmen sollte.

Ressourcen in nachteiligen Stellungen

Cyrus Lakdawala - Winning ugly in Chess - New In Chess - Cover - Glarean MagazinEs geht hier natürlich nicht um schmutzige Tricks. Wir lernen vielmehr, dass auch in nachteiligen Stellungen oft noch Ressourcen schlummern, mit denen man dem Spiel eine unerwartete Wende geben kann. Auch für die Gegenseite gibt es hilfreiche Tipps, wie man den verdienten Sieg absichert und sich gegen unliebsame Überraschungen wappnet.
Lakdawala präsentiert uns 67 Partien von Klassikern bis zum Jahr 2018 einschliesslich eines Ausblicks in die Alpha-Zero-Ära. Das Spektrum der Spielstärke reicht von den Weltmeistern bis zu Lakdawalas Schülern im Bereich um Elo 2000. Dabei haben die Partien gemein, dass der Vorteil oft mehrfach hin und her wechselt.Der Kampf wird immer aus Sicht beider Parteien beleuchtet – eben keine ausgesuchten Musterpartien, sondern Schach aus dem richtigen Leben.

Rekordpartie Nikolic-Arsovic 1989

Hervorheben möchte ich die Rekordpartie Nikolic-Arsovic von 1989, mit 269 Zügen die längste Turnierpartie der Geschichte. Sie wird ja oft nur als Kuriosität vermerkt, hier aber seriös analysiert. Allerdings tut der Autor den Spielern Unrecht, wenn er ihnen mehrfach vorwirft, die 50-Züge-Regel nicht in Anspruch genommen zu haben. Diese war gerade zu jener Zeit und für diesen Endspieltyp ausser Kraft gesetzt.
(Wir bringen nachfolgend die gesamte Partie, versehen mit der automatischen Kommentierung durch Stockfish, eines der führenden aktuellen Schachprogramme; für jene die sich das Buch zulegen, wäre es reizvoll, Lakdawala’s Kommentare mit jenen des Computers zu vergleichen):

67 Partien auf 330 Seiten

67 Partien auf ca. 330 Seiten – wir bekommen also jeweils ausführliche Kommentare geboten. Dabei legt Lakdawala den Schwerpunkt auf Erklärungen in Textform. Varianten untermauern lediglich das Gesagte, sind dabei immer überschaubar und nachvollziehbar. Das zweispaltige Layout wirkt harmonisch und erleichtert die Lektüre.

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Neben dem reinen Kommentar sind in jeder Partie drei weitere Stilmittel zu finden, die den erfahrenen Trainer erkennen lassen:

  • Moments of Contemplation: Hier wird die Stellung an kritischen Wendepunkten betrachtet, werden die Pläne beider Seiten vorgestellt. Auch der Leser sollte sich diesen Moment der Besinnung nehmen.
  • Exercises: Hier werden wir direkt aufgefordert, uns für eine Fortsetzung (nicht unbedingt nur den nächsten Zug, sondern oft einen weiterführenden Plan) zu entscheiden. Kleiner Kritikpunkt an dieser Stelle: Da die Partiefortsetzung unmittelbar in der Notation folgt und per Zeichensetzung bewertet wird, kann man kaum vermeiden, sie bereits im Blick zu haben.
  • Principles: An passenden Stellen ruft der Trainer die bekannten Prinzipien in Erinnerung, wie z.B. „Öffne das Spiel, wenn du Entwicklungsvorsprung hast.“

Breites Leistungsspektrum

In Summe bekommen wir herausragend kommentierte und für Schachspieler in einem breiten Leistungsspektrum lehrreiche Partien. Vom fortgeschrittenen Vereinsspieler (Niveau um 2000) bis zum ambitionierten 1500er wird niemand das Buch enttäuscht aus der Hand legen. Die folgende Leseprobe verdeutlicht diese Einschätzung:

Cyrus Lakdawala - Winning ugly in Chess - New In Chess - Leseprobe - Glarean Magazin
Leseprobe aus Cyrus Lakdawala: Winning ugly in Chess

Einzigartiger Plauderton

FAZIT: Für die neue Schach-Monographie von Cyrus Lakdawala: Winning ugly in chess darf man eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen. Die Qualitäten von Lakdawala sowohl als Trainer als auch als Autor ergänzen sich hervorragend. Und Lakdawalas Kommentare gehen weit über das rein Schachliche hinaus. Immer wieder nimmt er Anleihen im Alltag, in der Literatur oder beim Film. Dieser Plauderton sucht in der Schachliteratur seinesgleichen und verleiht diesen 67 ausführlich und lehrreich kommentierten Partien einen zusätzlichen Reiz. Prächtige Schach-Unterhaltung!

Vom Trainer zum Autor Lakdawala: Er redet mit uns in einem Plauderton, der in der Schachliteratur seinesgleichen sucht. Nicht alles, was er schreibt ist „political correct“ – so kommt auch ein gut Stück Persönlichkeit herüber. Man wähnt in Lakdawala bald einen guten Freund, den man schon lange kennt. Dass der Autor allerdings bei einer eigenen(!) Partie die dem Namen nach offensichtlich weibliche Gegnerin konsequent als „he“ adressiert, ist gewiss nur ein Versehen. Das Phänomen, den Gegner immer mit „er“ zu beschreiben, auch wenn es sich um eine Frau handelte, hat der Rezensent auch selbst schon bei vielen Schachfreunden – selbst bei Kindern – bemerkt.
Lakdawalas Kommentare gehen weit über das rein Schachliche hinaus. Immer wieder nimmt er Anleihen im Alltag, in der Literatur oder beim Film. Dass da der mitteleuropäische Leser an einigen Stellen die Bezüge nicht ganz auflösen kann, ist dem Autor natürlich nicht vorzuwerfen.

Unterhaltsam und lehrreich

Walter Eigenmann - 100 brillante Schachzüge: Geniale Kombinationen - Verblüffende Strategien - Tredition Verlag
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Das Buch liegt gegenwärtig nur im englischen Original vor. Wer mit fremdsprachigen Schachbüchern oder Internet-Quellen vertraut ist, wird kein Problem damit haben. Allerdings braucht es für das restlose Verstehen des ganzen Textes – einschliesslich aller gedanklichen Abschweifungen – doch etwas mehr Sprachkompetenz, als bei englischsprachigen Schachbüchern sonst. Dem rein schachlichen Erkenntnisgewinn tut es jedoch keinen Abbruch, wenn man hier oder da sprachlich abgehängt wird.
Nach dem Lesen des Buches fühlt sich der Rezensent prächtig unterhalten und glaubt sogar, dass er etwas gelernt hat. Wenn ich also das nächste Mal eine Schachpartie gewinne, dann vielleicht gerade deshalb, weil nicht „the wrong player wins“.
Lakdawala kündigte jüngst in einem Interview der Zeitschrift SCHACH weitere Buchprojekte an. Spannung und Vorfreude der Leserschaft sind ihm gewiss. ♦

Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess, 336 Seiten, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Training auch über
Franco Zaninotti: Aus Fehlern lernen

… sowie zum Thema Schach-Kommentare über
Siegbert Tarrasch: Das Schachspiel


English Translation

Outstanding Chess Comments

by Thomas Binder

If excellent skills complement each other positively both as a chess trainer and as an author, this is a stroke of luck for the reader of the books thus created. Such a stroke of luck is the American chess IM Cyrus Lakdawala for us chess book consumers. The latest work from his pen is „Winning ugly in chess“.
The subtitle „Playing badly is no excuse for losing“ and the sentence from the blurb „The next time the wrong player wins, you will be that player!

Resources in disadvantageous positions

Of course, this isn’t about dirty tricks. Rather, we learn that even in disadvantageous positions, there are often resources that can be used to give the game an unexpected turn. There are also helpful tips for the other side on how to secure your deserved victory and arm yourself against unpleasant surprises.
Lakdawala presents 67 games of classics through 2018, including a glimpse into the Alpha Zero era. The range of the playing strength reaches from the world champions to Lakdawala’s students in the area around Elo 2000. The games have in common that the advantage often changes back and forth several times. The fight is always illuminated from the point of view of both parties – no selected sample games, but chess from real life.

Record game Nikolic-Arsovic 1989

I would like to highlight the record game Nikolic-Arsovic from 1989, with 269 moves the longest tournament game in history. It is often only noted as a curiosity, but here it is analysed seriously. However, the author does the players wrong by repeatedly accusing them of not having made use of the 50-move rule. This rule was suspended at that time and for this type of endgame.
(We bring below the whole game, provided with the automatic comment by Stockfish, one of the leading current chess programs; for those who buy the book, it would be appealing to compare Lakdawala’s comments with those of the computer):

(See PGN game above)

67 games on 330 pages

67 games on approx. 330 pages – so we always get detailed comments. Lakdawala focuses on explanations in text form. Variants only support what has been said and are always clear and comprehensible. The two-column layout is harmonious and makes reading easier.

Beside the pure commentary there are three further stylistic devices in each game, which let the experienced trainer recognize:

Moments of Contemplation: Here the position at critical turning points is examined and the plans of both sides are presented. The reader should also take this moment of reflection.
Exercises: Here we are directly asked to decide for a continuation (not necessarily only the next move, but often a further plan). A small point of criticism at this point: Since the continuation of the game follows immediately in the notation and is evaluated by punctuation, one can hardly avoid having it already in view.
Principles: In appropriate places, the trainer recalls the familiar principles, such as „Open the game if you have a head start in development“.

Wide range of services

All in all, we get outstandingly commented and instructive games for chess players in a wide performance spectrum. From the advanced club player (level around 2000) to the ambitious 1500 player nobody will put the book disappointed out of hand. The following sample illustrates this assessment:

Unique chat tone

From trainer to author Lakdawala: He talks to us in a chatty tone that has no equal in chess literature. Not everything he writes is „politically correct“ – this is how a good piece of personality comes across. In Lakdawala you soon think of a good friend you’ve known for a long time. But the fact that the author consistently addresses his obviously female opponent as „he“ in his own (!) game is certainly only an oversight. The phenomenon of always describing the opponent with „he“, even if it was a woman, has already been noticed by the reviewer himself with many chess friends – even with children.
Lakdawala’s comments go far beyond the pure chess. Again and again he borrows from everyday life, literature or film. The fact that the Central European reader cannot completely dissolve the references in some places is of course not to be reproached to the author.

Entertaining and instructive

The book is currently only available in the English original. Who is familiar with foreign chess books or Internet sources will have no problem with it. However, for the complete understanding of the whole text – including all mental digressions – a little more language competence is needed than with English chess books otherwise. The purely chess knowledge gain, however, is not affected by being lost here and there linguistically.
After reading the book the reviewer feels splendidly entertained and even believes that he has learned something. So the next time I win a game of chess, maybe it’s precisely because „the wrong player wins“.
Lakdawala recently announced further book projects in an interview with the magazine SCHACH. He is sure of the excitement and anticipation of the readership. ♦

Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess, 336 pages, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6

Christian Mann: Schach – Die Welt auf 64 Feldern

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Tour de Force durch die Schachwelt

von Ralf Binnewirtz

Der Autor Dr. Christian Mann, Professor für Alte Geschichte in Mannheim und Internationaler Meister im Schach, legt mit seinem Taschenbuch „Schach – Die Welt auf 64 Feldern“ seinen schachliterarischen Erstling vor. Der Klappentext deutet an, dass der Leser einen facettenreichen Überblick über die Welt des Schachs erwarten darf, realisiert in einem kleinformatigen Büchlein von lediglich 128 Seiten – zweifellos ein ambitioniertes Unterfangen. Hierbei werden noch 24 Seiten verwendet für „Vorspann“ und Inhaltsangabe, Spielregeln/Notation, Glossar, Register, Literaturverzeichnis sowie eine Auflistung der Weltmeister am Ende des Buchs.

Christian Mann - Schach - Die Welt auf 64 Feldern - Beck Verlag - Rezensionen Glarean MagazinDas Buch dürfte insbesondere Einsteiger in das Gebiet des Schachs ansprechen, zumindest suggeriert dies das aufgenommene, gut neun Seiten beanspruchende Regelwerk. Aber auch allen Schachfreunden, die sich kurz über die Geschichte des Schachs, über Randgebiete bzw. kulturelle Aspekte des Spiels informieren möchten, dürfte es als erste Auskunftsquelle dienlich sein. (Hier finden sich die exakten Inhaltsangaben des Bandes).

Faszination Schach

Zum Auftakt beleuchtet der Autor zwei entscheidende Stellungen aus WM-Partien der Vergangenheit. Es folgen mehr oder weniger kurze Betrachtungen des Autors zur politischen Instrumentalisierung des Schachs, zur Einordnung als Sport, Spiel, Wissenschaft oder Kunst, zum Auftreten in Literatur und Film, zu Schachcomputern usw. bilden Appetitanreger auf Themen, die in späteren Kapiteln ausführlicher behandelt werden. Leider mit nur wenigen Zeilen bedacht ist das Thema Problemschach. Ich hätte es begrüsst, wenn der Autor diesem künstlerischen Zweig des Schachs an späterer Stelle etwas mehr Beachtung geschenkt hätte, zumal manch anderes Thema im Buch vergleichsweise ausführlich behandelt wird.1) Im Literaturverzeichnis wird „Die Schwalbe – Zeitschrift für Problemschach“ angeführt, dieses Vereinsorgan ist aber vor allem für fortgeschrittene Problemfreunde geeignet, zudem erhält man die Zeitschrift nur regelmässig als Mitglied der Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach e.V.

Geschichte des Schachs

Prof. Dr. Christian Mann - Schach-Autor - Glarean Magazin
Historiker, Autor, Schachmeister: Prof. Dr. Christian Mann

Vom mythen- und legendenumrankten Ursprung des Schachs im ostasiatischen Raum2) und der weiteren Ausbreitung des Spiels nach Europa führt uns der Autor sukzessive auf der Zeitachse voran: Von der Rolle des Schachs im Mittelalter, die Dynamisierung des Spiels durch die Metamorphose von Dame und Läufer in langschrittige Figuren gegen Ende des 15. Jahrhunderts und die weitere Entwicklung über Philidor bis ins 19. Jahrhundert. Wer über die teils konzise Darstellung hinaus weiter reichende Kenntnisse erwerben will, muss auf andere schachhistorische Werke zurückgreifen. Indes gilt dies analog für das gesamte Buch.
Die nachfolgenden Unterkapitel widmen sich der Zeit ab 1851 (erstes Schachturnier der Neuzeit in London) bis zur Gegenwart und damit den klassischen Schachweltmeistern von Wilhelm Steinitz bis Magnus Carlsen. Nicht berücksichtigt werden die FIDE-Weltmeister aus der Zeit des Schismas 1993 bis 2005. Gelegentlich nimmt der Autor die Gelegenheit wahr, Ereignisse der Vergangenheit etwas näher ins Visier zu nehmen: Zum Beispiel bei Aljechin, der 1941 mit antisemitischen Schriften gegen jüdische Schachspieler agitiert hat, wobei er u.a. auch einen Emanuel Lasker verunglimpfte. Bei der Lektüre dieser Passage ist dem Rezensenten der frappierende „Sinneswandel“ aufgefallen, den Aljechin hier vollzogen hat. Denn letzterer hatte noch wenige Jahre zuvor (in Nottingham 1936) denselben Lasker mit Worten der Wertschätzung und aufrichtigen Bewunderung gewürdigt.3)

Leben und Denken des Schachspielers

Immense Bedeutung für die theoretische Vorbereitung: Der Schachcomputer bzw. die moderne Schachsoftware
Immense Bedeutung für Partieschach On-the-Board: Der Schachcomputer bzw. die moderne Schachsoftware

Der Autor zeigt zunächst auf, warum Schach als Sport einzustufen ist, bespricht die diversen Formate von Turnieren und Wettkämpfen sowie Bedenkzeitregelungen. Das hier vermittelte fundamentale Wissen mag teilweise etwas trocken erscheinen, ist aber gerade für Einsteiger sehr wertvoll, um in den Schachmedien das Geschehen im nationalen oder internationalen Schachzirkus verfolgen zu können. Die finanziellen Einkunftsmöglichkeiten, insbesondere für diejenigen, die nicht den Top 100 zugehören, wirken ernüchternd. Das Ranglistensystem auf Basis der Elo-Zahlen wird ebenso erläutert wie die durch Erfüllung von Normen erzielbaren Titel für Männer und Frauen.
Im Unterkapitel „Training und Wettkampf“ wird vor allem die immense Bedeutung hervorgehoben, die der Computer im Partieschach gewonnen hat: bei der Vorbereitung auf den Gegner, in der häuslichen Ausarbeitung von Eröffnungsneuerungen, bei der nachträglichen Analyse.4) Als Antidot für ein überhandnehmendes „Retortenschach“ wird das auf Bobby Fischer zurückgehende Schach960 vorgeschlagen.

Nervenkrieg - Von Aura bis Zweikampf - Angewandte Psychologie für Trainer, Schachlehrer und Spieler - Ein Lehrbuch in elf Modulen - Marion Bönsch-Kauke
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In „Die Gedanken eines Schachspielers: das Geheimnis von Spielstärke“ widmet sich der Autor vornehmlich den drei schachspezifischen Fähigkeiten des Spielers: Dem (Theorie-)Wissen, der Rechenfähigkeit am Brett und dem Schachgefühl, der intuitiven Einschätzung von nicht exakt berechenbaren Stellungen. Zur Entwicklung der Schachlehre, insbesondere des Positionsspiels, schlägt der Autor einen grossen Bogen von Steinitz bis zu den Vertretern der Moderne, d.h. John Watson, Jonathan Rowson und Willy Hendriks mit ihren schachliterarischen Bestsellern. Der Autor beendet diesen Abschnitt mit der Betrachtung von drei kritischen Stellungen aus der 5. WM-Partie 2008, Kramnik – Anand.
Die letzten Schwerpunkte des Kapitels, „Psychologie, Doping und Computerbetrug“ sowie „Genie“ und „Wahnsinn“, sollen gleichfalls nur kurz erwähnt sein. Bei letzterem ist so manche Darstellung klischeebehaftet bzw. entbehrt der sachlichen Grundlage. Dass Schachspieler auch ausserhalb ihrer eigenen Sphäre zu herausragenden Leistungen imstande sein können (entgegen einer pauschalen Aussage Einsteins), belegt der Autor an einigen Beispielen.

Schach in der Gesellschaft

Unter der Überschrift „Schach im Alltag und in der Wissenschaft“ bündelt der Autor vielfältige Themen, vom Schach in der Werbung über schachmathematische Probleme bis hin zu Schach in der Psychologie, Debatten über Talent und Lernen sowie dem Nutzen von Schach für die kindliche Entwicklung (Schach an Schulen). Ein eingestreuter ca. halbseitiger Exkurs zur heiligen Theresia von Ávila, einer mittelalterlichen Mystikerin, die posthum (1944) zur Schutzpatronin der Schachspieler avancierte, scheint dem Rezensenten im gegebenen Kontext allerdings entbehrlich.

Thomas Glavinic - Carl Haffners Liebe zum Unentschieden - Roman deutscher taschenbuch verlag
Bedeutsamer Roman-Erstling von Thomas Glavinic aus der Psycho-Welt des Schachspiels: „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“

In den Fokus des Autors rücken schliesslich „Lebensunfähige Genies und zynische Meisterdenker“, d.h. „Schach in Literatur, Film und Kunst“. Aus der Fülle der Schachbelletristik werden vier Werke selektiert und besprochen: Stefan Zweigs „Schachnovelle“, Vladimir Nabokovs „Lushins Verteidigung“, Thomas Glavinics „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ sowie „Die Schachspieler von Buenos Aires“ von Ariel Magnus. – Schachszenen in Filmen gibt es unzählige, aber nur relativ wenige Filme, deren Handlung massgeblich vom Schach bestimmt wird – der Autor kann einige Beispiele benennen und kurz vorstellen. –
Im Abschnitt über bildende Kunst beleuchtet der Autor exemplarisch das „Reunion“-Projekt von Marcel Duchamp und John Cage, bei dem die Züge von Schachpartien in Musik transformiert werden. Vielleicht wäre hier noch die japanische Fluxus-Künstlerin Takako Saito eine Erwähnung wert gewesen, die sich in der Nachfolge von Duchamp wie kein(e) andere(r) um die Verbindung von Schach und Kunst („Fluxchess“) bemüht und verdient gemacht hat.5)

Schach und die Gender-Frage

Mit „Ein brisantes Thema: Schach und Geschlechterbeziehungen“ hat sich der Autor einem in der sonstigen Schachliteratur wenig bedachten Sujet angenommen, das in den Online-Medien immer wieder auftaucht und oft heftig disputiert wird, ohne dass ein übergreifender Konsens in Reichweite scheint.
Die „Drosophila der Künstlichen Intelligenz“: „Computerschach vom ‚Schachtürken‘ bis zu AlphaZero“ gibt hiernach einen Überblick über die Entwicklung des Computerschachs von der Geschichte über den „getürkten“ Schachautomaten des Baron von Kempelen im 18. Jh. bis zum aufsehenerregenden jüngsten Produkt der technischen Entwicklung, dem selbstlernenden Programm AlphaZero bzw. dessen Open-Source-Variante „Leela“. Es ist noch nicht abzusehen, welche futuristischen Möglichkeiten der technischen Anwendung sich hieraus auch auf ausserschachlichen Feldern ergeben könnten.

Informativer Überblick

Insgesamt hat der Autor sein Anliegen, den Mikrokosmos des Schachs mit seinen vielfältigen Aspekten und Verknüpfungen zu anderen (kulturellen, gesellschaftlichen) Bereichen im Taschenbuchformat zu präsentieren, routiniert und sachkundig umgesetzt. Aus nicht allzu ferner Zeit fällt vor allem ein weiteres Buch mit vergleichbarer Zielsetzung – indes höherem Anspruch – ins Auge: Michael Ehn, Hugo Kastner: „Alles über Schach“ (Hannover 2010), das aber aufgrund der unterschiedlichen Aufmachung (Format, Umfang, reichhaltige u. teils farbige Bebilderung) keinen echten Vergleich zulässt. Ähnliches gilt für das bereits 35 Jahre alte SCHACH – Spiel Sport Wissenschaft Kunst (hrsg. von Helmut Pfleger/Horst Metzing, Hamburg 1984), das natürlich in verschiedenen Teilen nicht mehr aktuell sein kann.

Sorgfältige Recherche

FAZIT: Insbesondere für Einsteiger und Amateure erscheint „Schach – Die Welt auf 64 Feldern“ von Christian Mann durchweg sehr nützlich und wertvoll, und es bietet so manchen Blick über den Tellerrand in weniger alltägliche Gefilde des Schach-Kosmos. Einzelne mehr oder weniger bedeutsame Lücken können vielleicht in einer späteren Auflage gestopft werden. Insgesamt erhält der Käufer einen gehaltvollen und instruktiven Überblick über die Welt des Schachs zum kleinen Preis, so dass ich dieses Bändchen gerne weiterempfehle.

Die Fülle des Stoffs im vorliegenden Buch wurde vom Autor – soweit für den Rezensenten erkennbar – sorgfältig recherchiert und aufbereitet. Schwerpunktsetzung oder Gewichtung von Themen/Details sind der unvermeidbar subjektiven Wahl des Autors geschuldet, ich vermute, die Mehrzahl der Leser wird sich mit der getroffenen Auslese anfreunden können. Ein ernster Wermutstropfen bleibt die sehr spärliche Berücksichtigung des Kunstschachs. Ein wenig unterrepräsentiert ist auch das Gebiet der Schach-Varianten, wo lediglich das Schach960 angesprochen wird. Hier besteht bisweilen eine Überlappung mit dem Märchenschach (z.B. beim Räuberschach = Schlagschach).

Angenehmer Lesefluss

In Stil und Diktion ist das Buch ausgewogen und gut verständlich, so dass ein angenehmer Lesefluss resultiert. Von den 22 Abbildungen des Buchs entfallen 19 auf Schachdiagramme, hier hätte man die Attraktivität durch Aufnahme weiterer Illustrationen/Fotos noch etwas steigern können. Sachliche Fehler sind mir nicht aufgefallen, eine kleine Unstimmigkeit auf S. 67 bezüglich der Abb. 4 + 5 („linke/rechte Stellung“ statt richtig „obere/untere …“) ist kaum der Rede wert.
Das Verzeichnis „Literatur und Webseiten“ (mit kurz kommentierten Literaturangaben) scheint mir etwas knapp bemessen und in der Auswahl nicht immer optimal. Vereinzelt könnte die genannte Literatur etwas aktueller sein, wie im Fall des schachhistorischen Werks von Joachim Petzold.
Im Buch unerwähnt bleiben andersartige Aktivitäten von Schachfreunden, die sich abseits des Kampfs am Brett abspielen und nicht immer meisterliche Spielstärke voraussetzen:
– Tätigkeit als Schachhistoriker, ferner als Autor von Büchern/Artikeln/Beiträgen (auch im Web);
– Sammler von (bibliophiler) Schachliteratur; von Schachfiguren/-sets; von Schach-Memorabilien oder Schachmotiv-Sammler, die alle in diversen (teils internationalen) Vereinen organisiert sind. ♦

Christian Mann: Schach – Die Welt auf 64 Feldern, 128 Seiten, C.H. Beck Verlag, ISBN 978 3 406 73970 5


1) Als eine empfehlenswerte Einführung in das Gebiet sei das Buch von Michael Ehn u. Hugo Kastner: Schachkompositionen (Hannover 2013) genannt, das alle Kategorien des Problemschachs einbezieht. Weitere Literatur für Einsteiger wurde in den einschlägigen Artikeln von Bernd Gräfrath (Schach 10/2018, S. 66-70) und Thomas Brand (Schach 12/2018, S. 66-70) besprochen.

2) Der letzte Stand der Urschachforschung ist zusammengefasst in Jean-Louis Cazaux and Rick Knowlton: A World of Chess – Its development and variations through centuries and civilizations. McFarland, Jefferson 2017

3) So schrieb Aljechin in seiner Turnierrückschau (Manchester Guardian, 29.08.1936): „Ich finde es fast unmöglich, Lasker zu kritisieren, derart ist meine Bewunderung für ihn, gleichermassen als Persönlichkeit, Künstler und treuer Anhänger des Schachs. Ich kann nur eins sagen, Lasker mit 67 ist immer noch Lasker, vielleicht nicht als praktischer Spieler, aber gewiss als Führer der Schachwelt, mit seiner ausgesprochen jugendlichen Energie, seinem Kampfgeist und der unvergleichlichen Tiefe seiner Auffassung der Probleme auf dem Brett. Sein Beispiel ist gleichsam ein Beispiel für unsere eigene Zeit wie für die Schachspieler kommender Generationen.“ [Zitiert nach Forster/Hansen/Negele, Emanuel Lasker – Denker Weltenbürger Schachweltmeister. Berlin 2009, S. 49] – Eine aktualisierte Zusammenfassung der ganzen Affäre bietet z.B. Edward Winter mit seinem Feature article Was Alekhine a Nazi?

4) Übrigens hat der Computer auch im Problemschach erhebliche Relevanz erlangt, einmal zur Korrektheitsprüfung beim Komponieren (mit Hilfe spezieller Löseprogramme), andererseits um in riesigen Problemdatenbanken eventuelle Vorgänger von Aufgaben aufzuspüren. Mehr hierzu ist in dem jüngst erschienenen Buch von Wolfgang Dittmann (†): Der Flug der Schwalbe – Geschichte einer Problemschach-Vereinigung (Zweite Aufl. aktualisiert und ergänzt von Thomas Brand und Hans Gruber, München 2018) nachzulesen.

5) Die inzwischen 90-jährige Künstlerin, die in Düsseldorf lebt, ist immer noch künstlerisch aktiv. Literatur (Ausstellungskatalog): Takako Saito: Dreams To Do. Snoeck, Köln 2018.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über Gerhard Josten: Auf der SeidenStrasse zur Quelle des Schachs

… sowie zum Thema Schach-Psychologie über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Willkommen im Abenteuerland

von Mario Ziegler

Der „Randspringer“ ist ein Geheimtipp, zumindest für die „ältere Generation“ der Schachliebhaber. In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte der Tübinger Zweitbundesliga-Spieler Rainer Schlenker mehr als 70 Ausgaben einer Zeitschrift, die einen so ganz anderen Ansatz verfolgte als alle anderen Magazine: Bevölkert von exotischen, teilweise abstrus wirkenden Eröffnungen und Varianten mit malerischen Namen strotzte der „Randspringer“ vor Originalität, Kreativität, auch Provokation: „Kann man wirklich so etwas spielen?“ Nicht zufällig trug er damals den Untertitel: Das Magazin nicht für jeden Schachfreund, und wenig überraschend erwarb er sich eine treue Leserschaft.

Der Randspringer - Verlag Schachtherapeut - Cover - Reiner Schlenker - Rezension Glarean MagazinNach einer langen Pause erschien nun im Verlag Der Schachtherapeut des rheinland-pfälzischen Schach-Autors und -Herausgebers Manfred Herbold ein Revival des „Randspringers“. Ist das Konzept auch im neuen Jahrtausend noch tragfähig?
Der erste Unterschied zur früheren Publikation fällt sofort ins Auge: Das übersichtliche Layout des Softcover-Werkes im Format A5 hat absolut nichts mehr mit dem früheren „Randspringer“ zu tun, dessen einzelne Beiträge mehr oder weniger inhomogen auf einer Schreibmaschine zusammengetippt wurden.
Der bekannte Karikaturist Frank Stiefel, der bereits zahlreiche Schachbücher mit seinen Zeichnungen bereichert hat, leitet jedes Kapitel mit einer Grafik ein. Sofern man kein eingefleischter Anhänger des „anarchischen“ Layouts des früheren „Randspringers“ ist, wird man diese optischen Veränderungen wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Doch wie sieht das Innenleben aus?

Rainer Schlenker - Randspringer 1987 - Glarean Magazin
Zwei Beispielspielseiten aus dem legendären alten „Randspringer“: Heft 3 (1987)

Von Eselsohren und Ochsenfröschen

Im Vorwort beschreibt Herausgeber Herbold, dass Schlenker, mit dem er seit Jahren befreundet ist, ihm seine Skripte und Partien zur Veröffentlichung zukommen liess. Diese beinhalten nun genau solche Spielanfänge, die man lieben muss, wenn man am „Randspringer“ Gefallen finden will: „So wie früher Stabsaugervertreter gutgläubigen Hausfrauen minderwertige Sauggeräte im Tausch (natürlich mit gehörigem Aufpreis) gegen ihre eigentlich einwandfreien ‚Altgeräte‘ andrehten, so bietet Schlenker allerlei gemeine Tricks für den Naturspieler, dem es nicht ums Schach geht, sondern darum, den Gegner – gerne auch mit unerlaubten Griffen – von der Matte bzw. hier vom Brett zu werfen. Im Nu werden nämlich mit den angegebenen Varianten den Schachästheten die harmonischen Stellungen in unübersichtliche Figurenklumpen verwandelt.“ (André Schulz in einer Rezension des Werkes „Bastard-Indisch“ von Schlenker im März 2009).

Die Schacheröffnung Eselsohr-Verteidigung - Glarean Magazin
Quixotische Schacheröffnung à la Schlenker: Die „Eselsohr-Verteidigung“ (1.e4 h6)

Wir finden auch anno 2019 Spezialvarianten im Königsgambit, Skandinavisch oder Caro-Kann oder gleich Freistil-Eröffnungen wie die „USA-Eröffnung“ (1.e4 e5 2.Dh5 mit der Absicht, nach 3.Lc4 das berühmte Schäfermatt folgen zu lassen), die „Unserdeutsche Verteidigung“ (1.e4 g5 2.d4 d5) oder die überschriftgebenden „Eselsohr-Verteidigung“ (1.e4 h6) und „Ochsenfrosch-Gambit“ (1.Sc3 b5 – wie uns der Autor auf S. 98 belehrt, handelt es sich hierbei strenggenommen um das „West-Indische Ochsenfroschgambit“ im Gegensatz zu 1.Sf3 g5). Die Reihenfolge der Kapitel bzw. Varianten im Buch folgt übrigens keiner ersichtlichen Logik.

Amüsante Wege abseits der Theorie

Üblicherweise beginnt Schlenker einen Abschnitt mit einem kurzen einleitenden Text, gefolgt von einigen Beispielpartien, oft von ihm selbst gegen lokale Baden-Württembergische Schachspieler. Dass es sich sozusagen ausnahmslos um freie Partien in Cafés in Tübingen, Schwenningen, Donaueschingen handelt, erhöht nicht unbedingt das theoretische Gewicht dieser Partien. Aber geht es in diesem Buch wirklich um das „theoretisches Gewicht“ oder um „objektiven Wert“ von Varianten? Natürlich nicht! Schlenker zeigt dem staunenden Leser zahllose Wege abseits der „offiziellen Theorie“. Und in Zeiten, in denen ein Nakamura sogar in einer Turnierpartie gegen einen renommierten Grossmeister wie Sasikiran (Malmö/Kopenhagen 2005) und ein Carlsen bei einer Schnellschach-Weltmeisterschaft (gegen Vokhidov, St. Petersburg 2018) mit 1.e4 e5 2.Dh5 eröffnen können, verwischen sich die Grenzen zwischen den Welten immer mehr.

Mittelgegengambit unter der Lupe

Die Kernfrage eines Buches über Eröffnungsvarianten ist aber natürlich dennoch, wie stichhaltig die Analysen sind. Zu diesem Punkt führt Stiefel aus: „Schlenker hat seine Analysen ohne Computerhilfe angefertigt, doch nur wenige seiner Ideen waren schwer oder nicht haltbar. Natürlich wurden seine Manuskripte nochmals auf Computerbasis überprüft, die grundlegenden Ideen sind jedoch allesamt erhalten geblieben“. Das klingt vielversprechend: Sollten die exotischen Varianten, mit denen man vor 30 Jahren ratlose Kontrahenten überraschen konnte, auch im 21. Jahrhundert gegen computerbewehrte Gegnerschaft tragfähig sein?

Mittelgegengambit oder Elefantengambit oder Paulsengambit - Glarean Magazin
1.e4 e5 2.Sf3 d5 – Mittelgegengambit oder Elefantengambit oder Paulsengambit?

Ich habe mir exemplarisch das 14. Kapitel vorgenommen, da ich die dort besprochene Variante 1.e4 e5 2.Sf3 d5 vor langen Jahren selbst spielte. Schlenker führt aus, dass die verbreitete Bezeichnung „Elefantengambit“ missverständlich ist, da sie auch für 1.e4 f5 benutzt wird. Er bevorzugt die Bezeichnung „Mittelgegengambit“ in Anlehnung an die Zugfolge 1.e4 e5 2.d4 exd4 3.Dxd4 Sc6 4.De3, das „Mittelgambit“. Nur am Rande sei erwähnt, dass ich persönlich auch diese Bezeichnung für unglücklich halte, da Gambits nun einmal Bauernopfer beinhalten, und in der genannten Zugfolge weiss keinen Bauern opfert. (In meiner Monographie zu dieser Stellung aus dem Jahre 2010 versuchte ich die Bezeichnung „Paulsen-Eröffnung“ (nach dem deutschen Meisterspieler Wilfried Paulsen, der sie oft benutzte) zu etablieren.

Beispielpartie à la Schlenker

Kapitel 14 bietet vier Partien zu der Variante: drei davon wurden von Schlenker gespielt, eine ist eine Simultanpartie des damaligen Weltmeisters Emanuel Lasker aus dem Jahre 1900. In allen Partien spielte Schwarz nach 1.e4 e5 2.Sf3 d5 3.exd5 den sofortigen Vorstoss 3… e4. Schlenker informiert den Leser darüber, dass 3…Ld6 heute „modern“ ist, da nach 3… e4 4.De2 als stärkste Antwort gelte. Etwas unlogisch erscheint es, dass ausgerechnet dieser Damenzug in keiner der Beispielpartien auftaucht, statt dessen aber 4.Sd4 und 4.Sg1. Ebenfalls nicht berücksichtigt wird 4.Se5, was laut Online-Datenbank von ChessBase nach 4.De2 und 4.Sd4 und noch vor dem etwas sonderbar aussehenden 4.Sg1 der dritthäufigste Zug an dieser Stelle ist.

Der Kommentar zum Kommentar

Walter Eigenmann: 100 brillante Schachzüge - Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien
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Hier nun eine der Partien mit 4.Sd4 mit den Originalanmerkungen Schlenkers (durch Anführungszeichen kenntlich gemacht) und meinen Ergänzungen, für die ich selbstverständlich die Hilfe einer Engine (konkret: mit Houdini, der aktuellen Nummer Drei der Schachprogramme hinter Leela und Stockfish) in Anspruch genommen habe:
(Mausklicks in die Partiezüge bzw. -varianten öffnen Analysebretter und den Download als PGN-Datei)

Offenkundig sind die Anmerkungen Schlenkers im grossen und Ganzen zutreffend, könnten aber im Detail wesentlich genauer ausfallen.

Mutiges Freistilschach oder halbgares Gezocke?

Amüsantes Schach-Feuilleton und Motivation zum Eröffnungsexperiment: Beispielseite aus dem neuen Revival 2019 des legendären "Randspringer" (mit Karikaturen von Frank Steifel)
Amüsantes Schach-Feuilleton und Motivation zum Eröffnungsexperiment: Beispielseite aus dem neuen Revival 2019 des legendären „Randspringer“ von Rainer Schlenker (mit humorvollen Karikaturen von Frank „Fränk“ Stiefel)

Am „Randspringer“ werden sich auch 2019 die Geister scheiden: Kreatives Freistilschach mit Mut zum Risiko oder halbgares Gezocke? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist, was das Buch nicht ist: Es ist keine theoretische Abhandlung, dazu weisen die einzelnen Kapitel viel zu viele Lücken selbst an wichtigen Stellen auf. Aber das will der „Randspringer“ auch gar nicht sein.

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Wie in seinen besten Zeiten bietet er „eine Fülle von originellen Ideen für das Eröffnungsspiel, besonders für die Partien in der eigenen Schachkarriere, in denen nicht ein Remis zum Turniersieg reicht“ (so A. Schulz in der bereits zitierten Rezension aus dem Jahr 2009). Er stellt somit eine Quelle der Inspiration dar und zeigt nachdrücklich, was im Schach alles möglich ist, wenn man bereit ist, ausgetretene Pfade zu verlassen.
Wie ein Motto klingt der Songtext der Band PUR, den Herbold in seinem Vorwort zitiert:
„Komm mit mir ins Abenteuerland / Auf deine eigene Reise / Komm mit mir ins Abenteuerland / Der Eintritt kostet den Verstand / Komm mit mir ins Abenteuerland / Und tu’s auf deine Weise / Deine Phantasie schenkt dir ein Land / Das Abenteuerland“ ♦

Rainer Schlenker: Randspringer – Quixotische Schacheröffnungen (Teil 1), 148 Seiten, Verlag Der Schachtherapeut, ISBN 978-3947648153

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Feuilleton & Schachtherapeut auch über
Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

… sowie zum Thema Schacheröffnungen über
Ivan Sokolov: Gewinnen in d4-Bauernstrukturen

Weitere Links zum Thema Schach-Infotainment:

Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen (Schach-Training)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Übungsziel: Fehlgriffe minimieren

von Ralf Binnewirtz

Das neueste Buch des italienischen FIDE-Meisters und Schach-Trainers Franco Zaninotto ist der Kategorie „Test- und Trainingsbücher“ zuzurechnen. Zaninottos Anliegen in „Aus Fehlern lernen“ ist es, dem bereits mit einem grundlegenden Schachwissen ausgestatteten Spieler durch ein gezieltes Training zu einer allmählichen Verbesserung seiner Fähigkeiten zu verhelfen. Damit einher gehen sollte auch ein gestärktes Vertrauen des Trainierten in seine so erworbenen Fähigkeiten. Den eigentlichen Trainingseinheiten (Tests) sind einführende, lehrbuchhafte Kapitel vorangestellt, die auf die anschliessenden Tests vorbereiten. Die Zielgruppe ist nicht allzu scharf umrissen, man kann sie im Elo-Bereich 1400 bis 2000 (Spieler der Kategorie 1 bis 3) ansiedeln.

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Schach-Rezensionen - Glarean MagazinIn didaktisch bewährter Manier folgt Zaninotto klassischen Vorbildern (wie z.B. Tarrasch: „Das Schachspiel“ 1931), wenn er mit der Behandlung des Endspiels beginnt, um mit dem Mittelspiel und endlich der Eröffnung fortzufahren. Diese Abfolge ist u.a. deswegen sinnreich, als für die Übergänge zwischen den Partiephasen Mittelspiel/Endspiel, zuweilen auch Eröffnung/Mittelspiel profunde Endspielkenntnisse oft unerlässlich sind. Den drei o.g. Partieabschnitten entsprechend ist das Buch in drei Teile – mit jeweils diversen Kapiteln – gegliedert. Hierbei werden zunächst die wichtigsten Grundlagen zur betreffenden Partiephase vermittelt und anhand von analysierten Partien bzw. Partiefragmenten illustriert, wobei bereits hier gelegentliche Übungsfragen an den Leser eingestreut werden. Wichtige Merk- und Grundsätze werden zudem durch farblich unterlegte Textkästen hervorgehoben. Zum Schluss eines jeden Teils findet sich zunächst ein Kapitel Tests mit 20 Übungsaufgaben, diese in Diagrammform und lediglich mit der Angabe versehen, wer am Zuge ist.

Typische Fehler von Elo-2000-Spielern

Der Löser ist daher gefordert, selbst herauszufinden, ob und auf welche Art ein Gewinn oder ein Remis zu erzielen ist oder vielleicht nur eine Fortsetzung aufzuspüren ist, die dem Gegner die relativ grössten Probleme bereitet. Im nachfolgenden abschliessenden Kapitel Lösungen werden selbige in ausführlicher Kommentierung angegeben, wobei nochmals die zugehörigen Diagramme (hier mit den Partiedaten) abgedruckt sind – eine erfreuliche Hilfestellung.
Für die Partieauswahl wurden weitestgehend Spieler mit einer Elo-Zahl unterhalb 2000 berücksichtigt, also mit einem recht geringen Bekanntheitsgrad: Hier mag sich der Leser selbst wiederfinden und vielleicht auch die typischen Fehler, die er gelegentlich begeht, und die er abzustellen trachtet. Das Gros der Partien stammt aus Turnieren und Wettkämpfen der letzten Jahre. Unstimmigkeiten im Text treten selten auf, so muss auf S. 70 / Übung 19 unter 4) der richtige Lösungszug offenbar 49…Lh3! lauten (statt des unmöglichen Ld3).

Buch-Struktur und -Inhalt

Teil I – Das Endspiel bietet vier einführende Kapitel, die verschiedenen Endspieltypen gewidmet sind:
Kap. 1 Bauernendspiele behandelt die wichtigsten Elemente und Regeln dieser Endspiele wie Przepiórka-Linie, Opposition/Fernopposition, Quadrat-Regel, Freibauer (entfernter), Tempomanöver (Dreiecksmarsch des Königs).
Kap. 2 Turmendspiele konzentriert sich auf die am häufigsten auftretenden Endspiele T + Bauer(n) gegen T; diskutiert werden u.a. die Philidor-Stellung, die Lucena-Stellung, der Brückenbau, das Abschneiden des gegnerischen Königs.
Kap. 3 Sonstige Endspiele berücksichtigt die Endspiele K+L+B gegen K; L+B gegen L; L+BB gegen L; D gegen B bzw. BB; D+B gegen D; T gegen L; T gegen S.
Kap. 4 Strategische Endspiele befasst sich mit Endspielen, deren Ausgang noch ungewiss ist, wo zunächst Stellungsbewertung und Planfindung einsetzen müssen und der Übergang in ein technisches Endspiel (der Kap. 1 bis 3) zu einem späteren Zeitpunkt ansteht. Faktoren wie die Aktivität des Königs (und ggf. der Figuren), die Bauernstellung/-schwächen und der Raumvorteil nehmen eine spielbestimmende Rolle ein. Bei den Partiebeispielen wurden verschiedene Materialkonstellationen (mit Türmen, Leichtfiguren, Bauern) ausgewählt.

Zum Selbsttest ein Bauernendspiel (aus Kap. 5/6 – Tests / Lösungen):

Übung 14

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 14 - Glarean Magazin

8/2p5/5k2/2PPp3/1p3pK1/1P6/8/8 b – – 0 1

(Lösungen am Ende des Beitrags)

Teil II – Das Mittelspiel verzeichnet drei vorbereitende Kapitel:
Kap. 7 mit der unerwarteten Kapitelüberschrift Schachkultur diskutiert Felderschwächen, Angriffsmarken, Bauernstrukturen und hierdurch bedingte Figurenaktivitäten. Lehren und Leitsätze der Klassiker (Steinitz, Tarrasch, Nimzowitsch) werden herangezogen, um die statischen Elemente der Schachstrategie zu beleuchten. So hat sich bereits Steinitz über dauerhafte und temporäre Stellungsvor-/nachteile und deren Behandlung ausgelassen. Auf die Unverzichtbarkeit eines Studiums der Klassiker wird hingewiesen.
Kap. 8 Fehler und Denkweisen behandelt vermeidbare Fehler und deren Vermeidung insbesondere durch Fehlerkontrolle, eine Methodik der Vorausberechnung, prophylaktisches Denken (nach Dworetski), sowie die richtige Nutzung der Bedenkzeit.
Kap. 9 Planfindung thematisiert die Bewertung von Stellungen und die darauf beruhende Entwicklung eines strategischen Plans.

Auch hier eine kleine Kostprobe aus Kap. 10 / 11 – Tests / Lösungen:

Übung 32

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 32 - Glarean Magazin

r3r1k1/5pbp/p5p1/qp2N3/2pPn1P1/P1PbB2P/1P3P1N/2K1Q1RR b – – 0 1

Teil III – Die Eröffnung kann selbstredend keine Abhandlung sämtlicher Eröffnungssysteme bieten. Das 12-seitige Kap. 12 Das Eröffnungs-Repertoire vermittelt wesentliche Grundprinzipien der Eröffnung, rät zum Aufbau eines soliden Repertoires und erläutert die Massnahmen, die der Vorbereitung auf den nächsten Gegner dienen.

Vielleicht versuchen Sie sich an einer Aufgabe aus Kap. 13 / 14 – Tests / Lösungen?

Übung 52

Schwarz am Zug

Franco Zaninotto - Aus Fehlern lernen - Übung Nr. 52 - Glarean Magazin

r1bqk2r/1p2bppp/p1np1n2/4p1B1/4P3/N1NB4/PPP2PPP/R2QK2R b KQkq – 0 1

Trainingsaufgaben der Zielgruppe angepasst

Der Autor hatte bei der Auswahl der Übungsaufgaben seine Zielgruppe im Blick und daher darauf geachtet, dass stets einer der Kontrahenten deutlich unter Elo 2000 liegt. Damit wird das Trainingsniveau dieser Spielstärke-Gruppe (mit den für sie charakteristischen Fehlzügen) angepasst bzw. vermieden, dass die Löser mit allzu anspruchsvollen Aufgaben überfordert werden. Die generell unspezifizierte Aufgabenstellung sorgt dafür, dass die Löser sich zunächst grundlegend über die Stellung klar werden müssen, dass Kandidatenzüge und zugehörige Varianten zu prüfen sind, um letztlich die richtige Entscheidung zu treffen. Hierbei ist natürlich die Einbeziehung taktischer wie auch positioneller Überlegungen erforderlich. Nach Massgabe des Autors soll schliesslich nicht nur innerhalb einer vorgegebenen Zeit (meist 10 Min.) der Schlüsselzug gefunden werden, sondern auch die mit letzterem verknüpfte Idee.

Die Angaben in den Lösungen gehen oft deutlich darüber hinaus, teils werden die Partien bis zum Ende ausgeführt. Die Partien selbst sind wenig spektakulär, hier sollte die Erwartungshaltung des Lesers nicht zu hoch sein. Indes gerät dieser Umstand dem didaktischen Anliegen des Buchs nicht zum Nachteil. Im Vordergrund stehen die Vermeidung und Ausnutzung von Fehlern, das Erlernen und Einüben technischer Fertigkeiten, das solide schachliche Handwerk. Dies ist nicht an einem Tag erlernt, sondern bedingt einen langwierigen Prozess, der dem Lernenden ein unaufhörliches Training abverlangt.

Verinnerlichen durch Wiederholen

Jedenfalls ist der Lerneffekt bei der beschriebenen Vorgehensweise wohl etwas besser als bei Trainingsbüchern, die Übungen mit gezielten Fragestellungen versehen oder direkt eine Auswahl von Antworten (nach dem Multiple-Choice-Verfahren) anbieten. Zudem empfiehlt Zaninotto, die Lektüre inklusive Übungen mehrmals und in grösserem zeitlichen Abstand, dann aber mit reduzierter Bedenkzeit zu wiederholen, um den Stoff zu verinnerlichen. Es ist klar, dass ein Trainingserfolg sich nur einstellen kann, wenn der lernende Schachfreund bereit ist, sich diesem Programm zu unterwerfen: persönliche Motivation und Durchhaltevermögen werden den Erfolg bestimmen.

FAZIT: Der Trainingsband „Aus Fehlern lernen“ von Franco Zaninotto präsentiert mit gut ausgewählten Übungen für Amateur-Spieler mit einer Spielstärke von ca. 2000 Elo eine nützliche Konzeption, um eigene Fehlgriffe am Brett möglichst zu minimieren.

Resümee: Im Wesentlichen ein Test- und Trainingsbuch für Spieler unterhalb Elo 2000, werden in diesem Werk nicht nur Testaufgaben mit Lösungen präsentiert, sondern vorab auch die wichtigsten Grundlagen und Merkregeln zu den drei Partiephasen (Endspiel, Mittelspiel, Eröffnung) erläutert. Die abschliessenden 3 x 20, also insgesamt 60 Testaufgaben (ohne spezifische Fragestellung) kopieren die Situation beim Kampf am Brett. Gemeinsam mit den Übungen in den Beispielpartien scheint diese Konzeption gelungen und geeignet, den talentierten wie fleissigen Schachfreund zu ertüchtigen, die Zahl der eigenen Fehlgriffe zu minimieren, zugleich gegnerische Fehler schnell zu erkennen und auszunutzen. ♦

Lösungen

Übung 14

Laszlo Lorincz (1833) – Istvan Farkas (1569)
Ungarn 2016

Um zu gewinnen, muss Schwarz dieselbe Stellung mit Weiss am Zug erreichen – und das ist bekanntlich mit Hilfe eines Dreiecks-Manövers zu bewerkstelligen.
59…Kf7
1) Es geht auch 59…Ke7 60.Kf3 Kf7 61.Ke4 Kf6-+.
2) Nicht jedoch 59…c6? 60.d6! Ke6 61.Kf3 Kd7 62.Ke4 Ke6 63.Kf3=.
60.Kf3 Ke7 61.Kg4 Kf6
Wir haben die Diagrammstellung mit Weiss am Zug erreicht!
62.Kf3 Kf5 63.Kf2 e4 64.Ke2 Ke5 65.d6 cxd6 66.c6 Ke6 und Schwarz gewinnt.
In der Partie folgte fehlerhaft 59…e4?? 60.Kxf4 e3 61.Kxe3 Ke5 62. D6 cxd6 63.cxd6?
63.c6 Ke6 64.Kd4 d5 65.Kc5 d4 66.Kb6! d3 67.c7 Kd7 68.Kb7+-
63…Kxd6 64.Kd4 Kc6 65.Kc4 Kb6?
65…Kc7 66.Kxb4 Kb6=
66.Kxb4 und Weiss gewann.

Übung 32

Anum Sheikh (1471) – Keith Aitchison (1716)
London 2016

23…Txe5!
Denn der Läufer wird sehr nützlich für den bald folgenden Königsangriff sein. Auch nach 23…Lxe5?! 24.dxe5 Txe5 25.Ld4 Te6 stünde Schwarz viel besser, aber Weiss könnte sich noch zur Wehr setzen.
24.dxe5 b4!
Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie auch diesen Zug in der Planung gesehen haben!
1) Ausreichend war auch 24…Lxe5 mit der Eventualfolge 25.Sf3 Lxc3 26.Dd1 Lxb2+ 27.Kxb2 c3+ 28.Kb3 Lc4+ 29.Kc2 Da4+ 30.Kb1 Dxa3 31.Dc2 Ld3.
2) In der Partie folgte 24…Lf8? 25.f3 Sc5 26.Lxc5 Lxc5 -/+.
25.cxb4
Natürlich nützen auch Verzweiflungstaten wie 25.Lc5 bxc3-+ oder 25.Lb6 Dxb6-+ nichts mehr.
25…Dxe5 nebst Matt in wenigen Zügen.

Übung 52

Lutz Neumann (1830) – Siegfried Huttinger (1493)
Bodenmais 2017

Die Diagrammstellung wurde auf folgendem Wege erreicht: 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 Le7 9.Ld3?
Besser war 9.Lxf6 Lxf6 10.Sc4+/= oder 9.Sc4+/=.
1) Nach dem Standardzug 9…b5? und der Folge 10.Lxf6 Lxf6 11.Sd5 Le6 entstand eine ausgeglichene Stellung.
2) Viel besser war 9…Sxe4! mit einem Mehrbauern nach 10.Lxe7
(10.Lxe4 Lxg5 11.Sc4 Sd4)
10…Sxc3 11.Lxd8 Sxd1 12.Txd1 Kxd8 und nun z.B. 13.Sc4 Kc7 14.Le4 Td8 15.Se3 Se7-/+.

Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen, Joachim Beyer Verlag / Eltmann, 169 Seiten, ISBN 978-3-95920-082-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachtraining auch über Rudolf Teschner: Schach in 40 Stunden

…sowie zum Thema Schach für Kinder über das Schachmärchen von Gert von Ameln: Salin und der Schwarze Zauberer

Circon Verlag: Schachtricks für Kinder (Lehrbuch)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Liebevolles und kindgerechtes Schach-Lehrbuch

von Thomas Binder

Auf dem scheinbar gesättigten Markt der Schachlehrbücher für Kinder hat ein ungarisches Autoren-Team einen eigenen Weg gefunden, für eine interessante Bereicherung des Angebots zu sorgen. Ferenc Halasz (Auswahl der Partien), Zoltan Geczi (Text) und Andras Talosi (Illustrationen) schaffen gemeinsam ein Massstäbe setzendes Werk in diesem Genre: Nach „Das grosse Schachbuch für Kinder“ (2016) legen sie im Compactverlag (Circon Verlag) nun die Fortsetzung „Schachtricks für Kinder“ in einer deutschen Übersetzung vor.

Schachtricks für Kinder - Cover Compact Verlag - Rezension im Glarean MagazinBeide Bücher sind in Umfang (152 Seiten, Grossformat) und Aufmachung identisch. Im ersten Band erlernten die jungen Leser die Regeln des königlichen Spiels, bekamen grundlegende Tipps für Eröffnung und Endspiel und erfreuten sich an einfachen Mattkombinationen. Jetzt wird auf diesem Stand aufgebaut.
Die Autoren führen in knapp 25 Kapiteln jeweils ein Partiefragment vor. Dabei geht es diesmal um längere Kombinationen, die nicht unbedingt zum Matt führen müssen, und um den planvollen Aufbau des eigenen Spiels. Natürlich wird Schach dabei immer aus der Perspektive des (erfolgreichen) Angreifers präsentiert.
Die ausgewählten Partien stammen zum grossen Teil von ungarischen Meistern (Zszuzsa und Judith Polgar, Lajos Portisch, Peter Leko, Richard Rapport). Ausserdem wird der in Ungarn sehr populäre Bobby Fischer mit mehreren Partien vorgestellt. Einige wenige informative Sachartikel runden das Buch ab, da geht es z.B. um den Gebrauch der Schachuhr oder um Kempelens „Schachtürken“.

Altersgemässes Outfit als integraler Bestandteil

Andras Talosi - Zeichner - Schachtricks für Kinder - Glarean Magazin
Schach-Zeichner Andras Talosi

Inhaltlich bleibt das also im Rahmen dessen, was man von einem „fortgeschrittenen Anfängerbuch“ erwarten kann – vor allem, wenn man es als Fortsetzung des früheren Werkes versteht. Der grosse Gewinn gegenüber vergleichbaren Produkten liegt in der äusserst liebevollen und kindgerechten Gestaltung. Dabei kommt das altersgemässe Outfit nicht aufgesetzt herüber, sondern ist integraler, ja bestimmender Aspekt des Buches. Jede Partie wird über mehrere Seiten (bis zu 8) präsentiert. Zu jedem Zug gibt es ein Diagramm. Auch ungeübte Leser können also mühelos folgen.
Daneben wird in launigen Texten – aber immer schachlich seriös bleibend – der Sinn des aktuellen Zuges erklärt. Diese Erklärung übernimmt dabei die gerade beteiligte Figur. Ja – die Schachfiguren reden direkt mit dem Leser. Neben Diagramm und Text steht dann immer noch eine köstlich witzige Illustration von Andras Talosi:

Schachtricks für Kinder - Beispielseite Compact Verlag - Rezension im Glarean Magazin

Es gelingt ihm wunderbar, die jeweilige „Stimmung“ der betreffenden Figur einzufangen. Alle drei Elemente lassen unsere jungen Leser die Partie buchstäblich emotional erleben, so als wären sie selbst auf den 64 Feldern unterwegs. Ein wirklich gelungenes Konzept, schachliches Denken an Kinder einer gewissen Leistungs- und Altersstufe zu vermitteln.

Für Schach-Kids zwischen 8 und 11 Jahren

FAZIT: Die Autoren von „Schachtricks für Kinder“ führen Kids, die gerade das Anfänger-Niveau hinter sich lassen, anhand von über 20 Beispielen in etwas komplexere Kombinationen auf dem Schachbrett ein. Neben einer didaktisch sehr gelungenen Auswahl der Beispiele liegt der grosse Pluspunkt des Buches in den köstlichen Illustrationen von Andras Talosi.

Womit wir bei der Zielgruppe wären: Der Verlag gibt „ab 8 Jahren“ an, was insofern schlüssig ist, als man ja Lesekompetenz voraussetzen muss. Ungefähr ab diesem Alter werden die Kids auch die notwendige Phantasie mitbringen, sich mit den Schachfiguren zu identifizieren und mit ihnen das Abenteuer einer Schachpartie zu erleben. Die obere Altersgrenze liegt genau da, wo diese kindliche Naivität rationalerem Denken weicht, also vielleicht knapp oberhalb des zehnten Lebensjahres. Schachlich hat der Leser die Anfangsgründe des Schachspiels verstanden (idealerweise mit Hilfe des Vorgängerbuches aus gleicher Hand) und vielleicht sogar schon seine ersten Kinderturniere mehr oder weniger erfolgreich bestritten. Jetzt kann und muss er sich etwas anspruchsvolleren Themen und langfristig durchdachten Plänen widmen. Dabei begleitet ihn dieses Buch idealerweise neben den Übungsstunden in einem Schachverein oder einer schulischen Schachgruppe. Wächst unser Leser aus dem eigentlichen Alter für dieses Buch hinaus, wird er es auch später hin und wieder gern zur Hand nehmen – und sei es nur, um sich an den geistreichen Bildchen zu erfreuen. ♦

Ferencz Halasz (Partien) / Zoltan Geczi (Text) / Andras Talosi (Illustrationen): Schachtricks für Kinder – Strategien und Taktiken, 152 Seiten, Compact-/Circon Verlag, ISBN 978-3-8174-1906-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach und Kinder auch über Thomas Luther: Schachtraining – Das U10-Projekt

…sowie über das Schachlehrbuch von Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Chessbase: „Schach-Problem“ Heft Nummer 4-2018

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Taktik aus der Praxis für die Praxis

von Ralf Binnewirtz

„Schach-Problem“ befasst sich nicht etwa ‒ wie es der Titel im ersten Moment suggerieren könnte ‒ mit Schachproblemen, wie sie aus dem Bereich des Kunstschachs bekannt sind. Vielmehr widmet sich dieses Periodikum, das erstmals 2016 herauskam und viermal jährlich erscheint, ausschliesslich dem taktischen Training für den Kampf am Brett, und es richtet sich nach Aussage des Redakteurs Martin Fischer vornehmlich an Hobbyspieler, die (noch) keinem Verein beigetreten sind. Die Leser werden im aktuellen Heft 4/2018 mit 134 Aufgaben taktischer Prägung konfrontiert, die in Diagrammform präsentiert werden und die es zu lösen gilt, selbstredend ohne Unterstützung des allgegenwärtigen Rechenknechts. Sämtliche Lösungen finden sich in Kurznotation (ohne verbale Kommentierung) am Ende des Büchleins. Doch gehen wir die vier Kapitel der Broschüre nacheinander durch.

100 Aufgaben Bundesliga 2017/2018

Chessbase Schach-Problem Heft Nummer 4 - Taktik-Aufgaben - Glarean MagazinNach Vorwort und Erläuterung der Schachnotation geht es direkt in medias res: Sind die ersten Aufgaben noch sehr leicht lösbar und auch für Einsteiger zu bewältigen, so steigt die Schwierigkeit allmählich deutlich an. Demzufolge ist den Aufgaben ein Schwierigkeitsgrad von Stufe 1 bis 5 zugeordnet, der auf dem Taktik-Server von ChessBase ermittelt wurde. Die auftretenden taktischen Motive sind breit gestreut und variieren ständig.
Die ersten ca. 42 Aufgaben, die überwiegend unter Stufe 1 und 2 rangieren (hier sind auch schon mal einzelne Stufe 3-Aufgaben eingefügt), sollten von einem durchschnittlichen Hobbyspieler ohne grosse Probleme zu lösen sein. Bei den Aufgaben der Stufen 3 bis 5 wird es kniffliger, und es wird vom schachlichen Entwicklungsstand des Spielers abhängen, wie weit er mithalten kann. Ich gebe nachstehend zwei Aufgaben der Stufe 3 bzw. 5 aus dem Buch, damit sich die Leser einen Eindruck verschaffen können. (Die Lösungen finden sich am Ende dieses Beitrags).

Aufgabe 29 (Schwierigkeitsgrad Stufe 3)

Weiss am Zug

Bartel, M. ‒ Kempinski, R.
(USV Dresden ‒ Hamburger SK)

Aufgabe 100 (Schwierigkeitsgrad Stufe 5)

Weiss am Zug

Lindgren, P. ‒ Braun, A.
(FC Bayern ‒ SV Hockenheim)

Taktik-Schule: Der Doppelangriff

Dieser Abschnitt konzentriert sich auf ein einzelnes taktisches Motiv, im aktuellen Heft ist der Doppelangriff an der Reihe. Einer 1-seitigen Einführung mit vier erläuterten Beispielaufgaben folgen 10 Aufgaben zum Lösen (ohne eine Einstufung hinsichtlich der Schwierigkeit). Aus eigenen Löseversuchen darf ich wohl ableiten, dass Hobbyspieler hier keineswegs chancenlos sind. Ein Beispiel zur Illustration:

Aufgabe 108

Weiss am Zug

Martin, J. ‒ Hoffmann, P.
(OSG Baden ‒ USV Dresden)

Weltmeisterlich kombinieren mit Botvinnik

Hier möchte ich vorab bemerken, dass mir in deutschen Büchern die englische Transkription von Eigennamen aus kyrillischer Schrift generell nicht zusagt. Für die meisten Leser mag dieser Punkt nicht von Belang sein, aber sie sollten zumindest wissen, dass in „Schach-Problem“ durchweg die FIDE-Transkription (oder englische Transkription) verwendet und z.B. Botvinnik mit „v“ statt mit „w“ geschrieben wird. Offenbar ist dies eine Folge der Übertragung von Namen aus ChessBase-Datenbanken ohne nachträgliche Anpassung.

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Der Abschnitt wird eingeleitet durch eine kurze Biografie des russischen Patriarchen und Weltmeisters (von 1948-57, 1958-60 und 1961-63) inklusive Foto. (In den vorhergehenden Heften wurden andere Weltmeister beleuchtet.) Es ist jedenfalls löblich, dass in einem Magazin dieser Ausrichtung auch schachhistorische Inhalte Eingang finden. Von den zehn folgenden Knacknüssen auf weltmeisterlichem Niveau sollten sich die Löser nicht zu sehr abschrecken lassen, es gibt auch hier Aufgaben, deren taktischer Ideengehalt für einen versierten Hobbyspieler aufzudröseln ist. Und bisweilen sogar einzügige Gewinne, wie in der folgenden Aufgabe:

Aufgabe 114

Schwarz am Zug

Uhlmann, W. ‒ Botvinnik, M.
(München Olympiade 1958)

Der Ernstfall am Brett

Die letzten 14 Aufgaben sind Partien zwischen Profi und Amateur entnommen, die ebenfalls in der Schachbundesliga gespielt ‒ und in der Hitze des Gefechts nicht immer korrekt fortgesetzt wurden. Erschwerend für den Löser wirkt sich aus, dass er nicht weiss, wonach er zu suchen hat: die durchschlagende Gewinnkombination, die korrekte subtile Verteidigung, die Rettung aus kritischer Lage, es kann alles erdenklich Mögliche vorkommen. Lediglich die letzte Aufgabe 134 (s.u.) dürfte in Sekundenschnelle zu lösen sein (daher verzichte ich auf eine Lösungsangabe).

Aufgabe 134

Schwarz am Zug

Hansen, S. ‒ Bok, B.
(Hamburger SK ‒ SG Solingen)

Faktoren des Erfolgs

Die Frage drängt sich unwillkürlich auf, ob ein neues Periodikum zum Thema Taktik noch benötigt wird, wo doch bereits zahlreiche Bücher zum gleichen Thema am Markt erhältlich sind, zudem sich die Möglichkeiten des Taktik-Trainings im Web noch hinzugesellen. ChessBase weist selbst auf seinen Taktik-Server hin mit einem riesigen Bestand von 50.000 Schachaufgaben online, der zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung steht. Des Weiteren enthalten die gängigen Schachzeitschriften in der Regel Taktik-Rubriken, und die aktuelle Turnierberichterstattung (in Printmedien und im Web) bietet ständig weiteres Anschauungs- und Übungsmaterial. Für den de facto beachtlichen Erfolg von „Schach-Problem“ sind offenbar die folgenden Fakten und Faktoren verantwortlich:
Das Magazin erscheint im handlichen A5-Format und ist infolge kräftiger Karton-Deckel relativ robust ausgestattet. Das Layout ist übersichtlich und die Diagramme, die die Aufgabenstellung stets aus der Sicht des am Zug befindlichen Spielers zeigen, sind von nahezu rekordverdächtiger Grösse, somit nur zwei auf einer Seite platzierbar. Damit dürften auch Sehbehinderte von der guten Erkennbarkeit der Stellungen angetan sein, und generell sollte der Leser sich animiert fühlen, direkt vom Blatt zu lösen. All dies macht das Heft besonders geeignet für Zug- und Flugreisende, die auf längeren Strecken das Angenehme = Unterhaltung mit dem Nützlichen = schachlicher Weiterentwicklung verknüpfen möchten.

Freude an erfolgreichen Löseerlebnissen

FAZIT: Das noch junge Periodikum von Chessbase: „Schach-Problem“ präsentiert in der aktuellen Ausgabe 4/2018 eine gelungene Mischung von 134 taktischen Denksportaufgaben zum selbstständigen Lösen, die mit einer weiten Spanne im Schwierigkeitsgrad einhergeht. Die aus Datenbanken extrahierten Aufgaben entstammen weithin der letzten Deutschen Bundesliga-Saison, abgesehen von einem durchaus interessanten Ausflug in die Botwinnik-Ära. Das zentrale Kapitel „100 Aufgaben Bundesliga 2017/18“ wird ausserdem sinnvoll ergänzt von den Abschnitten „Taktik-Schule: Der Doppelangriff“ und „Der Ernstfall am Brett …“. Das Magazin schlägt eine Brücke zwischen altbewährten Taktik-Klassikern und anspruchsvollen Werken der Moderne, und das Preis-Leistungsverhältnis erscheint ausgewogen.

Der Käufergruppe längst zugehörig sind aber auch Vereinsspieler, die offenbar zunehmend von der Freude an erfolgreichen Löseerlebnissen angetrieben werden, sowie Trainer oder Übungsleiter, die sich gern aus dem üppigen Fundus geeigneter Aufgaben bedienen. Überhaupt mag das besagte Löseerlebnis in Kombination mit der thematischen Variabilität und der wechselnden Schwierigkeit der Aufgaben für die schnell gewachsene Beliebtheit des Magazins bestimmend gewesen sein.
Es kommt hinzu, dass mit diesem Periodikum offenbar eine Lücke geschlossen wurde, die sich zwischen den klassischen Taktik-Lehrbüchern und den modernen, höchst anspruchsvollen Taktik-Werken aufgetan hatte (nach GM Karsten Müller, zitiert von Raymund Stolze). Dieser „Lückenschluss“ hat sich fraglos als ein geschickter marketingstrategischer Schachzug des Verlags erwiesen.
Viele werden schliesslich einen weiteren Pluspunkt darin sehen, dass das Gros der Aufgaben aus Partien der jüngsten Vergangenheit stammt. Zudem treffen Trainingswerke im Zeitschriftenformat gemeinhin auf eine grössere Akzeptanz beim Publikum als umfängliche Bücher, die einen aufwändigeren „Verdauungsprozess“ erfordern. ♦

Lösungen

Aufgabe 29
26. Sc6 droht 27.Dh7+ Kf7 28.Lg6#, wogegen das geschehene 26…Db5 nichts ausrichtet. Das Schlagen des wS verliert indes auch schnell: 26…Lxc6 27.Dh7+ Kf7 28.Lg6+ Ke7 29.Lc5+ oder 26…Txc6 27.Dh7+ Kf7 28.Txd7+ Ke8 29.Lxc6 usw.
Die ersten beiden Züge lassen sich vertauschen: 26.Dh7+ Kf7 27.Sc6 usw. mit gleichem Ergebnis.

Aufgabe 100
31. Dxh7+ Kxh7 3.Th4+ Kg8 33.Se4 f5 34.Sf6+ Kf7 35.Lh6 Sxe5 (35…Da3 36.Tb7+ +-) 36.dxe5 Txe5 37.Sxe5+ Kxf6 38.Lxf8 +-

Aufgabe 108
66. e8D Txe8 67.Df7 (Doppeldrohung 68.Dh7#/Dxe8+) Te7 68.Df8+ Dg8 69.Dh6+ Th7 70.Dxd6 1-0

Aufgabe 114
23… Df7 0-1 Der Doppelangriff auf f2 (mit Mattdrohung) und a2 gewinnt den wT.

Martin Fischer (Hrsg): Schach-Problem ‒ Die rätselhaften Seiten von Fritz, Heft 4/2018, ChessBase Hamburg, 88 Seiten, ISBN 978-3-86681-680-0


Ralf Binnewirtz - Schach-Korrespondent - Mitarbeiter Glarean MagazinDr. Ralf J. Binnewirtz

Geb. 1951 in Krefeld, Chemiker im Ruhestand, lebt in Meerbusch/D, Schwerpunkte seiner Interessen sind Problemschach („Schwalbe“-Mitglied seit 1987) und Schachgeschichte, seit 2006 bis 2018 freiberuflich als Lektor für einen deutschen Schachverlag tätig

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… sowie zum Thema Problemschach über Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain

Weitere Internet-Artikel zum Thema Schachtaktik:

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 10 Minuten

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

von Mario Ziegler

Zugegeben, ich war skeptisch, als ich das Werk „Berechnung im Schach – Ein Versuch“ des Schweizer FIDE-Meisters Werner Kaufmann zu lesen begann. Wie viele Autoren haben schon über die Methoden der Berechnung geschrieben, beginnend mit den unvergessenen Klassikern Alexander Kotows (Denke wie ein Grossmeister (1970) und Spiele wie ein Grossmeister (1978). Selbst wenn die Variantenberechnung das vielleicht wichtigste und zentralste Element im (Turnier-)Schach darstellt: Wie viel Neues kann man dazu noch sagen?

FM Werner Kaufmann, geb. 1951, wurde 1991 mit der SG Luzern Schweizer Meister. Seit 2004 betreibt er Wernis Schachlade und veröffentlichte bereits die Werke: Keine Pläne! („Ein methodischer Weg zu konkretem Denken im Schach“ 2016) sowie Zwingende Züge („Captain William Evans‘ Gambit“ 2017). Mit „Berechnung im Schach“ – das auch in der englischen Fassung „Calculation in Chess: An Approach“ – erhältlich ist, folgt nun also das dritte Werk, wie die beiden ersten nur als E-Book erhältlich und wie diese im von Kaufmann begründeten Damenspringer-Verlag erschienen.
Der Umfang beträgt 100 Seiten, die in die folgenden Kapitel gegliedert sind: Vorwort, Einleitung, Beobachtungen in der Schachwelt, Die Eröffnung, Technik und Taktik, Eine Schule des Sehens, Tarrasch in Manchester. Bereits hier eine Anmerkung zum Layout, auf das ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eingehe: Seitenzahlen sucht man im Werk vergeblich, ich nummeriere wie im Folgenden nach der Seitenangabe der PDF-Ausgabe.

„Keiner kann rechnen“

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach - Ein VersuchDas erste Kapitel ist dem taktischen Spielverhalten unterschiedlicher Spieler gewidmet. Kaufmann lässt gleich zu Beginn mit dem Satz „Keiner kann rechnen“ aufhorchen und betont, dass sich aus seiner Sicht viele Spieler in ihren Berechnungen nicht auf die entscheidenden Züge konzentrieren, nämlich die wirklich zwingenden. Oder, in den Worten Kaufmanns:
„Die am häufigsten gestellte Frage, die ich als Schachlehrer höre, lautet: ‚Wie kann ich meine Berechnung verbessern?‘ Dann sage ich meistens: ‚Keine Chance, vergiss es! Ich habe es 50 Jahre lang versucht und nie kapiert. Nun, sie glauben mir nicht und bestehen auf der Frage. Dann antworte ich: ‚Du berechnest eine Menge Müll.'“
Dies verdeutlicht er an den Irrungen und Wirrungen in den Überlegungen verschiedener – durchaus auch sehr starker – Spieler in einer Variante des Londoner Systems, um danach zwei eigene Beispiele gegen Gegner mit 2100 und 2350 Elo aus der Sizilianischen Verteidigung sowie eine passende Grossmeisterpartie (Shabalov-Benjamin, Philadelphia 1993) anzufügen. Die diversen Überseher in den Partien führen Kaufmann zu dem zweifellos richtigen Fazit: „Du kannst nicht mit Zügen rechnen, die du nicht siehst. Also erst schauen, dann rechnen!“

Ein neues Konzept des Berechnens

Das ist allerdings nichts bahnbrechend Neues, jeder Trainer wird gerne zustimmen, dass man erst die verschiedenen Kandidatenzüge ermitteln sollte, bevor man sich auf eine Variante stürzt. Interessant ist jedoch das Konzept der Berechnungen auf der ersten (an anderer Stelle spricht Kaufmann auch von First-Level) und zweiten Ebene: „Die erste Stufe der Berechnung befasst sich mit kürzeren oder längeren forcierten Abwicklungen oder Zugfolgen. Man kann sie auch als technische Berechnungen bezeichnen. Jeder von uns ist mehr oder weniger in der Lage, sie zu auszurechnen (sic!). Indem ich von einer ersten Ebene spreche, weise ich darauf hin, dass es in der Regel eine zweite Ebene gibt, wo die Position aus dem Gleichgewicht ist, die Dinge kompliziert werden, und wo sogar Weltmeister und Supercomputer versagen. Sie ist charakterisiert durch zwingendes und erzwungenes Spiel von Zug zu Zug. Jeder Spieler muss auf der zweiten Ebene zwischen mehreren Optionen unterscheiden.“
Dieses Konzept ist zumindest für mich neu. Kaufmann geht im ersten Kapitel an verschiedenen Stellen auf dieses Modell ein, wobei ich mir gelegentlich klarere Beispiele gewünscht hätte.

Kein Lehr- sondern ein Beispielbuch

Werner Kaufmann - Zwingende Züge - Cover-Bild - Glarean Magazin
Unorthodoxe Schach-Ratschläge sind schon in den „Zwingenden Zügen“ von Werner Kaufmann zu finden

Aber „Berechnung im Schach“ ist kein klar strukturiertes Lehrbuch, eher eine Fülle kommentierter Partien zu einem bestimmten Thema, die den Leser bisweilen unsortiert anspringen. Dem Leser wird abverlangt, sie sorgsam zu durchdenken, um Nutzen daraus zu ziehen. Wie unterschiedlich von Spieler zu Spieler (und selbst von Profi zu Profi) übrigens First-Level-Berechnungen sind, zeigt Kaufmann an einer Internet-Blitzpartie zwischen Magnus Carlsen und Jan Gustafsson, in der dem deutschen Spitzenspieler diverse Züge seines Gegners unverständlich blieben, obwohl sich die Berechnung immer nur auf der ersten Ebene abspielte. „Es scheint als ob die beiden Jungs anders denken. Jan spielt positionell mit Hilfe der Taktik, Magnus denkt rein taktisch.“

Das Kaufmannsche Credo des Schachdenkens

Sein Credo über das Denken im Schach fasst Kaufmann auf S. 23f. zusammen:

  1. Tauche nicht sofort in Berechnungen ein, sondern überlege, was die Pläne des Gegners sein könnten. Betrachte deine Züge immer als einen Versuch, diese zu widerlegen
  2. Suche nach zwingenden Angriffen
  3. Suche nach überzeugenden Antworten auf diese Angriffe und halte für jeden seiner Versuche etwas bereit. Normalerweise ist es nicht offensichtlich, was der beste Zug ist. Dann musst du einen deiner Kandidaten oder Optionen auswählen.

Kaufmanns Faustregeln: „Basierend auf den obigen Prinzipien habe ich mir ein paar Kriterien ausgedacht, wie man Züge auswählen sollte:

  • Wenn möglich wähle einen Zug, der die gegnerischen Möglichkeiten einschränkt und ein Gegenspiel vermeidet (Die Zwingende Züge!-Regel)
  • Wenn du zwischen verschiedenen Abwicklungen wählen musst, wähle diejenige, bei der am Ende du am Zug bist, und nicht dein Gegner. (Die Mein Zug!-Regel)
  • Vermeide Züge, die dem Gegner ein Angriffsziel geben. (Die Keine Angriffsobjekte!-Regel)
  • Wenn eine von zwei Optionen einen Tausch vermeidet, nimm diese. (Tauschverbot-Regel)

Um das Auffinden zwingender Züge zu trainieren, empfiehlt der Autor übrigens die Analyse eigener Blitzpartien mit Hilfe des Computers (S. 6).

Wie kann man als Patzer sein Schach verbessern?

Die Schlussfolgerung des ersten Kapitels, in dem weitere Partien von Carlsen, Tal oder etwa auch von Alpha Zero diskutiert werden, lautet: „Wir haben festgestellt, dass niemand wirklich gut rechnen kann, und dass jeder in Bezug auf seine normale Stärke grobe Fehler macht. In jeder Stärkeklasse kommen Fehler vor, die auf der nächst höheren nicht passiert wären. […] Wie kannst du als Patzer dein Schach verbessern? Ganz allgemein solltest du weniger rechnen und mehr sehen. […] Du solltest vom Konkreten ins Abstrakte gehen. Überlege, was du konkret unternehmen könntest. Das bedeutet, Drohungen zu schaffen und Gegendrohungen zu vermeiden. Erst wenn du dich nicht für einen Zug entscheiden kannst, solltest du den wählen, der nach allgemeinen Kriterien besser ist. Diese verkehrte Denkweise – Taktik vor Strategie – macht in gewöhnlichen Stellungen keinen grossen Unterschied, normalerweise kommt ungefähr dasselbe heraus. Aber in spannungsgeladenen Stellungen ist der Unterschied gewaltig. Dann geht es nicht mehr um schöne Springerfelder, Linienöffnungen und solches Zeug. Dann geht es um Schläge und Gegenschläge. Die Entscheidungskriterien sind dann auch nicht positioneller Natur, sondern taktischer, und die Faustregeln kommen zum Einsatz: Zwingende Züge!; Keine Angriffsobjekte!; Keine Täusche!; Mein Zug!“

Leseprobe aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 1 - Rezension im Glarean Magazin

Im Spannungsfeld von Technik und Taktik

Die weiteren Kapitel konkretisieren die aufgestellten Überlegungen für den Bereich der Eröffnungen und stellen sie in das Spannungsfeld von Technik und Taktik, wobei der Autor hier unter „Technik“ durchaus taktische Abwicklungen der ersten Stufe versteht im Gegensatz zu solchen Operationen, die sie nicht genau berechnen können und die somit auf der zweiten Stufe angesiedelt sind. „Eine Schule des Sehens“ bespricht unter den vorgestellten Gesichtspunkten 20 Partien des Mitropa-Cups der Frauen 2017, „Tarrasch in Manchester“ die Partien des deutschen Vorkämpfers Dr. Siegbert Tarrasch bei seinem klaren Turniersieg in der nordenglischen Metropole 1890.

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Bei letzteren Partien bezieht Kaufmann die Analysen Tarraschs aus seinem Werk „300 Schachpartien“ in seine Bewertung ein – übrigens eine Stärke des Buchs, das soweit als möglich die Überlegungen der Spieler aus der Literatur oder dem Internet rezipiert. Bezüglich des Turniers aus dem 19. Jahrhundert kommt Kaufmann zum Fazit: „Was die Taktik angeht, haben die Spieler es selten geschafft, zwingende Züge zu machen, sie zogen positionelle oder vermeintliche Angriffszuge vor. Dass sie dem Gegner Angriffsobjekte hinstellten, kam bei Tarrasch selten, bei seinen Gegnern öfters vor. Mehrmals wurde das Tauschverbot missachtet, teils mit fatalen Folgen. Tarraschs Varianten-Berechnung war höchst mangelhaft und von groben Versehen gewürzt, selbst in den Kommentaren.“ Die Überlegenheit gegenüber seinen Zeitgenossen resultierte entscheidend aus seinem weitaus höheren positionellen Verständnis. – Anmerkung: Dieses Kapitel ist als eigenständiges PDF-File auf der Webseite des Autors downloadbar: Tarrasch in Manchester

Komplexe Sachverhalte im Plauderton

Neben dem Inhalt verdient auch der Stil Kaufmanns einige Bemerkungen. Manchen Aussagen stehe ich etwas skeptisch gegenüber, zumindest sind sie missverständlich formuliert: „Im Schach gibt es so etwas wie eine objektive Wahrheit, anders als im wirklichen Leben. Du kannst sie mit deiner Computersoftware herausfinden“ (S. 11). Dies würde bedeuten, dass Computer zweifelsfrei in der Lage wären, in einer gegebenen Stellung den besten Zug – die objektive Wahrheit – zu ermitteln. Dies hängt jedoch unbestritten am Charakter der Stellung und – in geringerem Masse – an den Parametern des Programms, so dass nicht selten zwei Spitzenprogramme in der gleichen Stellung zu (leicht) unterschiedlichen Resultaten kommen. All dies ist dem mit den Stärken und Schwächen der Computer sehr gut vertrauten Autor natürlich auch bekannt.

Leseprobe 2 aus „Werner Kaufmann: Berechnung im Schach (Ein Versuch)“

Werner Kaufmann - Berechnung im Schach - Leseprobe 2 - Rezension im Glarean Magazin

Ansonsten formuliert Kaufmann gelegentlich in lockerem Plauderton: „Der 28. Oktober 2010 ist für mich ein historisches Datum. An diesem kalten und regnerischen Oktobernachmittag habe ich Herrn Viktor Kortschnoi mit den schwarzen Steinen regelrecht zusammen geschoben. Aber dann verdarb ich die Partie mit einem grauenhaften Endspiel-Fehler in ein Remis. Ich hatte noch nie zuvor einen so starken Spieler geschlagen. Es tut immer noch weh. Übrigens würde ich Herrn Kortschnoi nie Viktor nennen. Ich nenne Bobby Bobby, Garry Garry und Magnus Magnus. Aber Herr Kortschnoi ist eine Legende. Er wird immer mindestens Kortschnoi bleiben, aber selbst das ist nicht respektvoll genug. Für mich ist er für ewig Herr Kortschnoi. Vielleicht könnte das Vereinigte Königreich etwas dagegen unternehmen und ihn posthum adeln. Sir Viktor wäre einfach grossartig. Vielleicht gewöhne ich mich daran und nenne ihn von nun an Sir Viktor.“
Diese Ausführung hat übrigens mit dem Thema des Kapitels nichts zu tun, wo es um das Verhältnis von Spielstärke und Rechenfähigkeit geht und gerade die Partie Cremer-Vogt aus der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft 2010 analysiert wird. Ob man diesen Stil mag oder nicht, ist Geschmackssache…
Ich persönlich würde auch keine Empfehlungen wie: „Oh, du hast dir noch nie Kingcrusher-Videos auf YouTube angesehen? Du hast nicht viel verpasst. Aber wenn du es tust, traue seinen Erklärungen nicht.“ in einem Buch geben, aber auch hier mag es zwei Meinungen geben.

Interessante Inhalte mit mässigem Layout umgesetzt

FAZIT: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre.

Zuletzt ein Wort zum Layout, das ausgesprochen spartanisch daherkommt. Natürlich gibt es Untergliederungen durch die grösser gesetzten Überschriften, natürlich werden die Hauptzüge der Partien fett gedruckt, die Anmerkungen nicht. Aber wieso verzichtet der Autor auf jegliches Diagramm, was ja gerade in einem E-Book, das man auf dem Tablet oder Handy lesen will, ohne ein Brett daneben aufzubauen, aus meiner Sicht unabdingbar ist?
Zudem wurde offenbar sehr wenig Wert auf eine ästhetische Gliederung des Manuskripts gelegt. Statt am Ende einer Seite nur Überschrift und Spielernamen wiederzugeben, aber keinen einzigen Zug, hätte man vor der Überschrift einen Seitenumbruch einfügen können. Ebenso kommt es vor, dass es die nur letzten beiden Zeilen eines Kapitels auf eine neue Seite geschafft haben. Gewiss, diese Dinge sind nicht das Wichtigste bei einem Buch, aber es wäre leicht gewesen, sie durch geschickte Seitenumbrüche oder einfach eine kleine Umformulierung oder Umstellung zu vermeiden!

Mutige neue Wege

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Fazit: FIDE-Meister Werner Kaufmann legt mit seinen Buch „Berechnung im Schach“ ein ungewöhnliches Werk vor. Ungewöhnlich bisweilen in Layout und Stil, ganz sicher aber auch ungewöhnlich im Inhalt. Der Mut, in einem bereits sehr stark durchforsteten Gebiet neue Wege aufzuzeigen verdient Anerkennung. Inwieweit der Leser aus dem Buch Nutzen zieht, hängt sicher vom Stil ab – nicht jedem wird die sehr taktische Partieanlage zusagen, die Kaufmann propagiert – und nicht zuletzt von der Bereitschaft, die Empfehlungen des Autors umzusetzen. Aber „Berechnung im Schach“ regt zweifellos zum Nachdenken an, und allein dies macht es nicht nur für Amateure, sondern auch für ambitionierte Spieler wie Trainer zu einer interessanten Lektüre. ♦
* Dem Rezensenten lag die PDF-Fassung des E-Books vor

Werner Kaufmann: Berechnung im Schach – Ein Versuch, Damenspringer-Verlag / Amazon Media (Kindle Edition)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachstrategie auch über Herman Grooten: Chess Strategy for Club Players (engl.)

… sowie zum Thema Analysieren mit dem Computer: Version 16 der Schach-Datenbank Chessbase


Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Pionierarbeit zum Schachspiel im Internet

von Thomas Binder

Seit seiner Etablierung als Turnier- und Wettkampfsport hat das königliche Spiel wohl keinen grösseren Wandel erfahren als in den letzten ca. 20 Jahren durch das Aufkommen des Online-Schachs im Internet. Diese Entwicklung ist vor allem ein Segen, erschliesst sie doch das Schach einem unbegrenzten Personenkreis und schafft neue Möglichkeiten des Wettkampfs (jederzeit, gegen Spieler jeder Spielstärke), des Trainings und der passiven Teilhabe (Live-Übertragungen von Turnieren in aller Welt). Sie kann auch ein Fluch sein, wenn sie durch das Überall-Jederzeit-Angebot die Strukturen klassischer Schachvereine bedroht.

Stefan Breuer - Online-Schach - Rezensionen Glarean MagazinStefan Breuer sieht in seiner neuen Untersuchung „Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler“ vor allem die positiven Aspekte, ist er doch gewissermassen selbst die Verkörperung dieser Trends. Das aktive Turnierspiel hat er aus Zeitgründen längst aufgegeben, im Online-Schach findet er eine neue Gelegenheit, seiner Leidenschaft zu frönen. Er nimmt diese Gelegenheit mit Begeisterung (und Erfolg) wahr.

Thema von allen Seiten beleuchtet

Angesichts der enormen Bedeutung des Online-Spiels im heutigen Schachalltag ist es kaum zu glauben, wie stiefmütterlich das Thema bislang in der Literatur behandelt wird. Stefan Breuers schmales Bändchen (92 Textseiten, weitgehend schmucklos aufbereitet) leistet insofern Pionierarbeit.

Der Autor beleuchtet das Phänomen „Online-Schach“ von allen Seiten. Die unterschiedlichen Bedenkzeiten und Turnierformen werden kurz vorgestellt. Dabei konnte auch der Rezensent, der nur gelegentlich online spielt, noch Neues entdecken. So weiss ich jetzt, was ein „Arena-Turnier“ ist und, dass es auf den Servern auch Mannschaftsligen gibt.

Betrug beim Online-Schach

Stefan Breuer - Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler - Amazon-Buch - Portrait Glarean Magazin
Althistoriker, Medien-Produzent, FIDE-„Arena“-Grossmeister: Buchautor Stefan Breuer (geb. 1965)

Ferner geht Breuer auf die Wertungssysteme (Rating) ein und spricht über die Regeln des Anstandes beim Server-Spiel, insbesondere beim Chatten.
Auch das leidige Thema „Betrug“ lässt Breuer nicht aus. Er rät zu einem entspannten Umgang damit. An dieser Stelle, wie an vielen anderen, merkt der Leser, dass Stefan Breuer zuallererst vom Schach begeistert ist und nicht primär auf Erfolge und Ratingzahlen schaut. Wenn es ihm gelingt, einem Einsteiger diese Haltung zu vermitteln, hat er schon viel erreicht.
Etwas deplatziert wirkt ein mehrseitiger Vergleich zwischen Online-Schach und Online-Poker, dessen Motivation mir nicht so ganz klar wird – auch nicht, inwieweit Breuer hier aus eigener Erfahrung in beiden Welten spricht.

FAZIT: Stefan Breuers Bändchen ist eine willkommene Pionierarbeit mit dem Versuch einer umfassenden Darstellung zum Online-Schach. Das Thema hat eine deutliche Vertiefung der Überlegungen verdient. Breuer leistet dafür die Grundlagen. Bei dem geringen Preis also hier eine Kaufempfehlung für alle jene, die sich über das Schachspielen im Internet orientieren möchten.

Das letzte grössere Kapitel ist die Präsentation der wichtigsten Schach-Server mit ihren Besonderheiten. Dabei ist der Autor durchaus im positiven Sinne voreingenommen. Man glaubt zu spüren, dass seine Präferenz dem Angebot des Schachportals lichess gehört.
Das alles liest sich flott und angenehm, weil eben aus jedem Satz eine bejahende Grundstimmung spricht und Begeisterung vermittelt wird.

Vermisst: Informative Screenshots

Ein solch kurzer Text lässt natürlich immer noch Raum, einzelne Themen auszubauen. Man hätte wohl in jedem Kapitel wesentlich mehr in die Tiefe gehen können. Auch ein paar Screenshots hätten die Lektüre noch anschaulicher gemacht und aufgelockert – selbst auf die Gefahr hin, dass sie nach wenigen Monaten nicht mehr aktuell sind.

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Wünschenswert sind auch ein paar praktische Tipps. Online-Schach hat eben durchaus ein paar Besonderheiten, die man mit Partiefragmenten erläutern könnte. Da wäre zum Beispiel die im Serverschach verbreitete „Premove“-Technik. Über ihren sinnvollen Einsatz und die eventuellen Risiken hätte man ein ganzes Kapitel schreiben können.

Dass er schon lange kein reguläres Turnierschach gespielt hat, enthüllt Autor Breuer, als er für das Spiel „Over the board“ empfiehlt, man möge sich vor impulsivem Ziehen („Reflex-Schach“) schützen, indem man den Zug vor der Ausführung notiert. In der Tat ist dies ein probates Mittel zum Selbstschutz – dummerweise nur seit gut 10 Jahren explizit in den FIDE-Regeln verboten…
Schade ausserdem die – allerdings nur wenigen – Schreibfehler, die immerhin den Lesefluss kaum mindern.

Leseprobe aus Stefan Breuer: "Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler"
Leseprobe aus Stefan Breuer: „Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler“

Fazit: Stefan Breuers Bändchen ist eine willkommene Pionierarbeit mit dem Versuch einer umfassenden Darstellung zum Online-Schach. Das Thema hat eine deutliche Vertiefung der Überlegungen verdient. Breuer leistet dafür die Grundlagen. Bei dem geringen Preis also hier eine Kaufempfehlung für alle jene, die sich über das Schachspielen im Internet orientieren möchten. ♦

Stefan Breuer: Online-Schach für Amateur- und Hobbyspieler, Amazon-/Kindle-Edition, 92 Seiten, ISBN 978-1-98298890-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Online Schachspielen auch: Die besten Online-Schach-Portale

Schach-Zeitschrift Caissa – Ausgabe 1-2018

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Das Lied der KZ-Schachspieler

von Walter Eigenmann

Bereits in seinem dritten Jahrgang angekommen ist das 2016 gegründete, inhaltlich wie bibliographisch ambitiöse Schach-Print-Projekt „Caissa“. (Lesen Sie hier auch den Bericht des Glarean Magazins zum Start dieser neuen „Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte“).

Caissa - Schach-Zeitschrift - Chaturanga Verlag - Rezension Glarean MagazinDas aktuelle Heft 1 des Jahres 2018 wartet wie sein Vorgänger wiederum mit einer Fülle exquisiter Inhalte auf, die insbesondere die historisch und wissenschaftlich interessierten Leser unter den Schachfreunden ansprechen dürften.

Spielkultur inmitten der Barbarei

Grossen Raum nimmt diesmal der zweite Teil eines Reports „Schach im KL Buchenwald“ von Siegfried Schönle ein. Dieses deutsche Vernichtungslager der Nazis hat schrecklichste Kapitel der jüngeren Menschheitsgeschichte geschrieben – aber dass in all dem minutiös geplanten und systematisch vorangetriebenen Massenmord-Horror noch so etwas wie eine Schachkultur mit geheimen Privat-Turnieren, Schachbibliotheken und versteckten Korrespondenz-Partien entstehen konnte, grenzt ans Wunderbare.

Hymne der Buchenwalder Schachspieler - Schachzeitschrift Caissa 1-2018 - Glarean Magazin
Schach und Kunst inmitten des deutschen Konzentrationslager-Horrors: Das Musikstück „Hymne der Schachspieler in Buchenwald“, ein vierstimmiges Männerchor-Lied (Quelle: „Caissa“ 1/2018)

Jedenfalls wird in dem 32-seitigen, mit umfangreichem Anmerkungsapparat und Details-Anhang dokumentierten Artikel u.a. berichtet, dass das Schach immer wieder für tröstende Ablenkung bei den KL-Häftlingen gesorgt habe. Sogar eine „Hymne der Schachspieler in Buchenwald“ – ein vierstimmiges Männerchor-Lied – förderte die Nachkriegsforschung zutage, wie „Caissa“ zu berichten weiss.

Vielseitige schachhistorische Inhalte

Elke Rehder - Bild Dr. B. in Isolationshaft - Ausstellung Stefan Zweig - Glarean Magazin
„Dr. B. in Isolationshaft“: Gemälde von Elke Rehder in der Berliner Stefan-Zweig-Kunstausstellung „Die Schachnovelle“

Weitere Fokus-Artikel in „Caissa“ zum Thema Schachgeschichte sind diesmal u.a. das Wiener Duell zwischen Steinitz und Harrwitz (Peter Anderberg), Becketts Roman „Murphy“ und die „schachspielenden Schimpansen“ (Reinhard Krüger), der Kongress der „British Chess Association London“ von 1866 (Robert Hübner) sowie „Der Rösselsprung – Ein bunter Hund der Kulturgeschichte“ (Maria Schetelich). Erwähnenswert ist schliesslich noch der Beitrag von Raymund Stolze zum 75. Jubiläum der berühmten „Schachnovelle“ von Stefan Zweig, woran eine Kunst-Ausstellung in der Berliner Anna-Ditzen-Bibliothek erinnert mit Bildern der Hamburger Malerin, Graphikerin und Büchkünstlerin Elke Rehder. ♦

Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte, Heft 1/2018, Chaturanga Verlag (Hrsg. M. Ziegler), ISSN 2363-821

Lesen Sie zum Thema Schach und Kunst auch über
Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst

Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Schach im Zentrum des Ästhetischen

von Walter Eigenmann

Die beiden geistesgeschichtlichen Ausprägungen Schach und Kunst ideell miteinander in Beziehung zu setzen ist heutzutage trivial. Denn diese zwei Kulturphänomene haben, nach beiderseits vielhundertjährig dokumentierter Historie, derart viel an sozial wirksamer Ästhetik angehäuft, und der Fundus an Kunstwerken, den die Maler, Bildhauer, Musiker, Literaten und Filmemacher zum Thema Schach generiert haben, ist derart beeindruckend, dass es längst selbstverständlich geworden ist, Schach und Kunst in einer Linie zu denken. Auch die spezifische Legierung „Fernschach und Kunst“ reiht sich vielfältig in diese Tradition ein.

Manfred Herbold - Fernschach und Kunst - Cover - Glarean MagazinBeschränkt man die beiden Begriffe Schach und Kunst erst mal auf jene 64 Felder, deren Brett für wahre Schach-Adepten die Welt bedeutet, könnte einerseits über Schach-Kunst, andererseits über Kunst-Schach geredet werden. Beides manifestierte sich in legendären Partien und in berühmten Studien. Wer im Netz entsprechend recherchiert, gerät an hunderte eindrückliche Protagonisten bzw. Urheber dieser beiden „Richtungen“.

Aufregende symbiotische Beziehung

PC-aufgepeppter Springer mit Widder-Horn: Bild von Rosmarie Pfortner zu ihrem ersten Zug Sg1-f3
PC-aufgepeppter Springer mit Widder-Horn: Bild von Rosmarie Pfortner zu ihrem ersten Zug Sg1-f3

Doch hier soll die Rede sein von einer dritten, oben bereits erwähnten Beziehung der kulturgeschichtlichen Manifestationen Schach und Kunst zueinander, nämlich vom Schach als Gegenstand von Kunst. Denn das ist just das Thema eines neuen Bildbandes namens „Fernschach und Kunst“, der unterm Motto „Symbiose aus Kunst – Schach – Literatur“ von Manfred Herbold herausgegeben wurde. Das Buch ist quasi die Abschlussarbeit zu einer Fernschach-Partie zwischen den zwei Bildenden Künstlern Rosemarie J. Pfortner und Helmut Toischer, wobei die beiden Kontrahenten jeden ihrer Schachzüge mit eigenen Kunstwerken buchstäblich untermalten.

Idee und Initiative zu einem solchen bildnerisch drapierten Korrespondenz-Schach-Projekt gehen auf Uwe Bekemann vom Deutschen Fernschachbund zurück. Bekemann selber in seinem Vorwort zum Buch: „Wenn zwei Künstler Fernschach spielen und ihre Züge um begleitend geschaffene Kunstwerke bereichern, entsteht ein neues, sehr eigenständiges Kunstwerk. Die Bilder können Gefühle ausdrücken, Brettsituationen künstlerisch interpretieren, das Tagesgeschehen kommentieren und mehr. So entsteht eine Symbiose aus Fernschach und Kunst“.

96 mal Schach und Kunst

"Der Boden hat sich geöffnet": Bild von Helmut Toischer zu seinem letzten Zug Kb8-a8
„Der Boden hat sich geöffnet“: Bild von Helmut Toischer zu seinem letzten Zug Kb8-a8

Der erste Zug wurde im Dezember 2013 von Pfortner mit Weiss gespielt, und im Internet erhielt die Partie sogleich eine eigene, von der interessierten Leserschaft emsig frequentierte Webpräsenz – Zug um Zug abwechselnd versehen mit Zeichnungen, Collagen und Grafiken. Toischer gab schliesslich im Dezember 2017 das Game im 48. Zug auf: „Der Boden hat sich geöffnet, der Sturz in die Tiefe konnte nicht mehr verhindert werden…“ Wen die ganze, schachlich wechselhafte, aber durchaus amüsante Partie interessiert, kann sie hier nachspielen und als kommentiertes PGN-File downloaden.

Maler, Grafiker, Schachspieler: Helmut Toischer
Maler, Grafiker, Schachspieler: Helmut Toischer

Der neue Hochglanz-Band „Fernschach und Kunst“ dokumentiert alle 96 Kunstwerke und erweitert den künstlerischen Aspekt noch um das Literarische. Denn ein eigens zur Partie ausgeschriebener Literaturwettbewerb zeitigte diverse Kurzprosa-Texte zu einzelnen Schachzügen, u.a. von Jan Rottmann, Marina Vieth, Sylvia Bauer-Pendl, Wolfgang Breitkopf und Michaela Lang.

Malerin, Porträtistin, Schachspielerin: Rosemarie J. Pfortner - Glarean Magazin
Malerin, Porträtistin, Schachspielerin: Rosemarie J. Pfortner

Das Buch ist drucktechnisch und layouterisch sehr ansprechend gestaltet und liest sich anregend. Die Vielfalt der künstlerischen Motive ist verblüffend, wobei die beiden Künstler phantasievoll und kontrastreich, aber nie experimentell unterwegs sind. Pfortners stilistischer Fokus lag dabei offensichtlich bei der grafischen Collage und beim Portraitieren berühmter Schachgrössen, während sich Toischer v.a. zeichnerisch dem Gegenstand Schach näherte und dabei betont Partie-situativ vorging.

Würdiger Abschluss eines originellen Projektes

FAZIT: Von 2013 bis 2017 spielten die beiden Bildenden Künstler Rosemarie J. Pfortner und Helmut Toischer in aller Öffentlichkeit eine Fernschach-Partie – und garnierten dabei jeden ihrer Züge mit einer eigenen Zeichnung, Malerei oder Grafik. Abschluss und Höhepunkt dieser „Weltneuheit“, wie diese vierjährige, reich bebilderte Partie von Initiant Uwe Bekemann (vom Deutschen Fernschachbund) genannt wurde, ist nun ein schön konzipierter, kontrastreicher Bildband, der alle 96 Schachzüge der beiden Schach-Künstler und ihre ebenso vielen Bilder kollektierte. Herausgeber Manfred Herbold ist ein anregend gestaltetes, auch noch mit Schach-Literarischem ergänztes Buch gelungen.

„Fernschach und Kunst“, von Herausgeber Manfred Herbold sorgfältig betreut und in den Medien präsentiert, ist zweifellos ein würdiger Abschluss eines FS-Projektes, das damals etwas vollmundig, aber durchaus korrekt als „Weltneuheit, die es zuvor auf der Erde in dieser Form noch nicht gegeben hat“ angekündigt wurde. Der Band fügt dem schon bestehenden riesigen Fundus an historischem Bild-Material zum Thema Schach eine weitere interessante Facette hinzu. Wer als Schach- oder als Kunst-Freund über den Rand des Brettes bzw. der Staffelei hinausblicken möchte, wird es also mit Gewinn in sein Regal stellen. ♦

Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst – Symbiose aus Kunst-Schach-Literatur, Partie und Bilder von Rosemarie J. Pfortner & Helmut Toischer; Vorworte von S. Busemann (BdF), U. Bekemann, M. Stenzel (Saarländische Schachkultur); 144 Seiten Hochglanz, ISBN 978-3-947648-12-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zur Kulturgeschichte des Schachs auch über die
Schachzeitschrift Caissa: Magazin für die schachhistorische Forschung

Günter Lossa: Der entscheidende Zug (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

50 attraktive Schach-Kombinationen

von Thomas Binder

Der frühere Bundesligaspieler und Chefredakteur des „Schach-Report“ Günter Lossa meldet sich mit dem schmalen Bändchen „Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff“ auf dem Buchmarkt zurück, welches genau das enthält, was der Titel verspricht: 50 Schachpartien, die allesamt mit einer attraktiven Mattkombination enden.

Günter Lossa - Der entscheidende Zug - Beyer Verlag - Cover - Glarean Magazin
Günter Lossa: Der entscheidende Zug, Beyer Verlag

Um es vorweg zu nehmen: Angesichts des unschlagbar günstigen Preises und der gefälligen Aufmachung kann man sich beim Kauf dieses Buches eigentlich nicht vertun. Es spricht zudem eine breite Zielgruppe an. Wer gerade die Anfangsgründe des Schachspiels erlernt hat, wird mit den Aufgaben zwar überfordert sein, kann sie anhand der Lösungsbesprechung aber mit reichem Erkenntnisgewinn erarbeiten. Manches Mattbild muss man eben einmal gesehen haben, um es im passenden Moment wieder zu erkennen.

Sehenswerte Partien dem Vergessen entrissen

Der durchschnittliche Vereinsspieler sollte sich bereits der Herausforderung stellen, die Aufgaben lösen zu können. Er wird an vielen Stellen erfolgreich sein, an anderen die Hilfe des Autors benötigen. Fortgeschrittene Spieler oberhalb eines Wertzahlniveaus von etwa 1700 können manche Partie als Fingerübung zwischendurch probieren oder eben einfach in den Texten schmökern.
Unter den vorgestellten Partien findet der Kenner neben vielem, was er schon anderswo gesehen hat, auch manche sehenswerte Partie, die sonst wohl in Vergessenheit geraten wäre.

Spieler und Turniere interessant vorgestellt

50 attraktive Schach-Kombinationen bis zum Matt in Lossa's "Der entscheidende Zug"
50 attraktive Schach-Kombinationen bis zum Matt in Lossa’s „Der entscheidende Zug“

Lossa präsentiert die 50 Aufgaben jeweils auf einer Buchseite, beginnend mit einem grossen Diagramm der kritischen Stellung. Dann folgt ein einführender Text. In genau angemessenem Umfang werden die Spieler vorgestellt und wird auf das betreffende Turnier eingegangen. Der Leser wird damit auf die Partie eingestimmt. Danach folgt deren bisheriger Verlauf als Kurznotation. Auf diesen Absatz hätte man gut und gerne verzichten können. Der Leser wird sich ohnehin an der abgebildeten Stellung orientieren. Den vorhergehenden Partieverlauf nachzuspielen, bringt ihm nicht viel, fehlen doch hier jegliche Kommentare und Varianten. Abschliessend stellt Lossa dann die Mattaufgabe, an der sich der Leser versuchen soll.
Die Antworten findet er dann im letzten Teil des Buches. Meist füllen je drei Lösungen eine Seite. Auch hier trifft Günter Lossa das richtige Mass. Seine Kommentare und Varianten beantworten alle Fragen. Besonders angenehm fällt auf, dass der Autor auch den Lösungsbesprechungen jeweils ein kleines Diagramm spendiert, und zwar keine plumpe Wiederholung der Aufgabe, sondern ein zusätzliches Stellungsbild an einer entscheidenden Verzweigung oder im Zuge einer längeren Mattführung. So kann auch der weniger geübte Leser die Zugfolge problemlos „vom Blatt“ verfolgen.

Material aus den 1980er Jahren

Fazit: Angesichts der gefälligen Aufmachung und des hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnisses liegt mit „Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff“ ein Buch vor, das Schachspieler (fast) jeder Spielstärke mit Genuss und Gewinn lesen können. Die kleinen inhaltlichen Ungenauigkeiten sind dem Alter der Texte geschuldet und lassen sich leicht korrigieren.

Liest man die Texte etwas genauer, entsteht freilich der Eindruck, dass hier älteres Material (vielleicht aus einer Zeitungskolumne?) recycelt wurde. Die jüngsten Partien stammen vom Anfang der 1980er-Jahre und auch der Text ist inhaltlich auf diesem Stand geblieben. Da wirkt einiges dann merkwürdig „aus der Zeit gefallen“. Die Schacholympiade wird als Mannschafts-WM bezeichnet, Fernschach wird per Postkarte gespielt und die Spitzenklubs der Bundesliga heissen neben Solingen (es gibt also noch Konstanten) noch Porz und Bayern München. Hier und da sind auch missverständliche Formulierungen zu beklagen. Hugo Hussong war gewiss nicht einer der „wenigen“ bekannten deutschen Schachmeister, sondern eben einer der „weniger“ bekannten.
Bei einer Neuauflage sollte man sich also der Mühe unterziehen, die Texte aus heutiger Sicht zu aktualisieren. Dann kann man diesen informativen und angenehm lesbaren Absätzen mit ihren aufschlussreichen Fakten noch besser vertrauen. ♦

Günter Lossa: Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff, Joachim Beyer Verlag, 80 Seiten, ISBN 978-3-95920071-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Aufgaben auch die neue Serie Godzilla Endgame Chess Puzzles

…sowie zum Thema Schach-Eröffnungen über Graham Burgess: An Idiot-Proof Chess Opening Repertoire

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik (Schach-Biographie)

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Innensicht eines Weltmeisters

von Mario Ziegler

Die prägende Gestalt des im März diesen Jahres in Berlin ausgekämpften Schach-Kandidatenturniers war – neben dem späteren Sieger Caruana – nach allgemeiner Ansicht der russische Exweltmeister Wladimir Kramnik, der zwar am Ende nur Platz 5 belegte, aber durch seine unternehmungslustigen Partien sehr zum Unterhaltungswert dieser denkwürdigen Veranstaltung beitrug. Im Rahmen dieses Kandidatenturniers wurde auch eine Biographie präsentiert von Carsten Hensel: Wladimir Kramnik, und der Autor war langjähriger Manager Kramniks. Der 1958 geborene Dortmunder wagte nach Tätigkeiten im Organisationskomitee der Tischtennis-Weltmeisterschaft 1989 und als Pressesprecher der Stadt Dortmund den Schritt in die Schachszene: Zunächst als Manager des Ungarn Péter Lékó, danach (2002-2009) als derjenige Kramniks. Man darf also intime Einblicke in die Schachwelt zu Beginn des 3. Jahrtausends erwarten – und wird nicht enttäuscht.

Intime Einblicke in die Schachwelt

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik - Aus dem Leben eines Schachgenies - Verlag Die Werkstatt 2018
Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies – Verlag Die Werkstatt 2018

„Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ von Carsten Hensel beginnt dramatisch mit einem der emotionalsten Momente in Kramniks Karriere:
„13. Oktober 2006, 19:10 Uhr, Elista, russische Teilrepublik Kalmückien: Ein Aufschrei zerschneidet die Grabesstille im überfüllten Spielsaal. Topalow hat soeben in der entscheidenden vierten Tiebreak-Partie im 44. Zug einen schweren Fehler gemacht und seinen Turm eingestellt. Kramniks Haltung wird kerzengerade. Miguel Illescas kneift mich ins Bein und flüstert: ‚Wir haben es, das verliert!‘ Kramnik zieht seinen Turm im 45. Zug nach b7, Schach! Topalow stiert einen Moment auf das Schachbrett, schüttelt den Kopf und gibt auf. Kramniks Faust schnellt zum Zeichen des Triumphes nach oben, genau wie er es schon nach seinen epischen WM-Siegen gegen Garri Kasparow und Peter Lékó gemacht hat. Meine Wahnsinnsanspannung macht sich Luft, und das sonst so zurückhaltende Schachpublikum verwandelt das Auditorium des kalmückischen Regierungshauses in ein Tollhaus: Hurra-Schreie, Trampeln und stakkatoartisches Klatschen folgen minutenlang“.
Dieses Zitat ist nicht untypisch: Hensel versteht es, die Dramatik einer Situation zur Geltung kommen zu lassen. Dass er hierbei alles andere als ein unbeteiligter Chronist ist und sehr deutlich Position bezieht, ist selbstverständlich und macht den Reiz des Buches aus.

Die Weltmeister von Steinitz bis Carlsen

Wilhelm Steinitz
Wilhelm Steinitz

Die Biographie ist in 10 Kapitel untergliedert, diese wiederum in mehrere nummerierte Passagen, so dass sich 64 Abschnitte ergeben. Eine Sonderstellung nehmen die Kapitel 1 und 10 ein: Im ersten wird über Kramniks Charakter und seine Sicht auf das Schach gesprochen, im letzten äussern sich zehn Grossmeister über den Titelhelden. Im Anhang werden die Weltmeister von Steinitz bis Carlsen in kurzen Portraits gewürdigt sowie eine Übersicht über die bisherigen Weltmeisterschaften gegeben. Für die Schachkundigen sind dies altbekannte Fakten, doch sollte man berücksichtigen, dass das Buch – im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ erschienen, dessen Schwerpunkt ansonsten auf Fussball liegt – sicher auch einen weiteren Leserkreis ansprechen soll. Für diesen ist auch ein angehängtes Glossar typischer Schachtermini nützlich.
Verzichtbar erscheinen mir persönlich die (bis auf Frage- und Ausrufezeichen) unkommentiert abgedruckten WM-Partien Kramniks. Diese ermöglichen es zwar, die eine oder andere zuvor erwähnte Begebenheit auf dem Brett nachzuvollziehen, doch halte ich eine unkommentierte WM-Partie selbst für geübte Schachspieler im Details für äusserst schwer verständlich – von Gelegenheitsspielern ganz zu schweigen.

Mehr Künstler denn Sportler

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Im einleitenden Kapitel wird Wladimir Kramnik – „manchmal chaotisch, manchmal emotional, manchmal genial, aber immer authentisch“ – mehr als Künstler denn als ergebnisorientierter Sportler charakterisiert. Sein Antrieb sei „die Kunst, die Kreativität, die aus dem Spiel entsteht“, er sei „auf der endlosen Suche nach Wahrheit und Schönheit“ im Schach. Passend wird nach diesem Kapitel eine Partie präsentiert, die Kramnik selbst als besonders schön empfindet. Original-Ton Kramnik: „Am Ende hatte ich das Gefühl, eine Sinfonie kreiert zu haben. Wenn es nicht dieses Ende gegeben hätte, wäre das ganze Bild unvollständig geblieben oder die Sinfonie wie ein Kartenhaus eingestürzt. Es ist das Gefühl der Vollendung eines Meisterwerkes, und ich war sehr glücklich.“
Es ist die folgende Partie mit einer spektakulären Königswanderung, die solche Gefühle bei Kramnik hervorrief:

Gewinn nach Königswanderung übers ganze Brett: Die Schluss-Stellung der Partie (2) in Kramnik-Topalow, Amber-Turnier Monte Carlo 2003 (Hier findet sich eine taktische Analyse der Partie durch moderne Schach-Software)
Gewinn nach Königswanderung übers ganze Brett: Die Schluss-Stellung der Partie (2) in Kramnik-Topalow, Amber-Turnier Monte Carlo 2003

Nachstehend eine taktische „Vollanalyse“ der Partie durch das starke Schachprogramm Stockfish (User-Interface: Fritz 16)

Kramnik Topalow - WM 2004 - Glarean Magazin

A propos Partien: Nach jedem Kapitel folgen in der Regel eine, manchmal auch mehrere Partien, zu denen sich Kramnik persönlich äussert. Es sind keine tiefen schachlichen Analysen, sondern eher Gefühle und allgemeine Überlegungen, die ihn zu dem einen oder anderen Zug geführt haben. Diese „O-Töne“ sind sehr interessant, eventuell hätte man seitens des Verlags das eine oder andere Diagramm einfügen können, um die Orientierung zu erleichtern.

Die Karriere chronologisch nachgezeichnet

Wladimir Kramnik - Glarean Magazin
Wladimir B. Kramnik (geb. 1975), Weltmeister 2000 – 2007

Die Kapitel 2-9 zeichnen chronologisch die Karriere Kramniks bis zum Jahr 2009 nach: Seine Kindheit in Tuapse (Region Krasnodar), die ersten Schritte im Schach, seine Aufnahme als 12-Jähriger an der berühmten Botwinnik-Schachschule in Moskau, sein Aufstieg bis zum Gewinn der Junioren-WM 1991 in Brasilien. Im Kapitel „Vom chaotischen Genie“ wird Kramnik als Weltklassespieler gezeichnet, der jedoch noch nicht bereit für den Griff nach der höchsten Krone ist und neben aufsehenerregenden Erfolgen (Olympiasieger mit Russland 1992 mit dem besten Ergebnis am 4. Brett, Gewinn des PCA-Weltcups 1994, im darauffolgenden Jahr als bis dahin jüngster Spieler aller Zeiten Weltranglistenerster) auch immer wieder herbe Rückschläge einstecken musste: 1994 das unerwartete Ausscheiden in den WM-Zyklen der PCA (gegen Kamsky) und der FIDE (gegen Gelfand), 1998 die Niederlage gegen Schirow im Ausscheidungskampf um die Weltmeisterschaft. (Hensel macht als Grund den unsteten und der Gesundheit abträglichen Lebenswandel und mangelnden Ehrgeiz seines späteren Schützling aus).

Metamorphose bis zum Milleniumsieg

Mit dem Kapitel „Von Metamorphose und Millenniumsieg“ nimmt das Erzähltempo ab und die einzelnen Partien treten stärker in den Vordergrund. In diesem Kapitel wird Kramniks Wandel zum WM-Aspiranten und sein für die Öffentlichkeit überraschender Wettkampfsieg 2000 in London gegen Kasparow beschrieben. „Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Schachwelt anerkannte, dass Kramnik in London einfach der bessere Spieler und der Sieg rundherum verdient war. Zu gross war zunächst noch der Einfluss Kasparows auf die Profiszene.“

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den Wettkämpfen, die Hensel selbst als Manager betreute. Das Match gegen Lékó 2004 in Brissago stand wegen gesundheitlicher Probleme Kramniks kurz vor dem Abbruch. In Erinnerung ist der Wettkampf vor allem wegen Kramniks Sieg in der letzten Wettkampfpartie geblieben, durch den er den Titel verteidigte, doch Hensel macht kein Hehl daraus, dass der Russe in etlichen Partien zuvor das Glück auf seiner Seite gehabt hatte. Insbesondere sein angegriffener Gesundheitszustand, der ihn zu einem Besuch der Notaufnahme in Brissago gezwungen hatte, hätte leicht den Ausschlag geben können: „Als er zur [achten] Partie kam, stand Kramnik unter starken Beruhigungsmitteln. Sein Kreislauf war ziemlich durcheinander, und er schwankte die lange Treppe zum Spielsaal hoch. Weder Lékó noch irgend jemand sonst in dessen Team bemerkte die desolate Verfassung des Weltmeisters. Das ist mir bis heute unerklärlich, denn man hätte Wladimir nur in die Augen schauen müssen, und alles wäre klar gewesen.“ Lékó, der zu diesem Zeitpunkt mit 4,5:3,5 führte, entschloss sich zu einem schnellen Remis, und Hensel kommentiert: „Lékó hätte diese Partie einfach nur ausspielen müssen, und ich bin mir sicher, dass der Wettkampf damit praktisch entschieden gewesen wäre.“

Skandale im Wettkampf gegen Topalow

Detailliert werden die Umstände des skandalumwitterten Wettkampfs 2006 gegen Wesselin Topalow geschildert. Bereits anlässlich der vorangegangenen KO-Weltmeisterschaft der FIDE 2005 in San Luis wirft Hensel im Buch dem Bulgaren und seinen Mitarbeitern Danailow und Tscheparinow offen Betrug vor. Während der Weltmeisterschaft 2006 im kalmückischen Elista häuften sich die Vorfälle, die im Streit um die den Spielern separat zur Verfügung gestellten Toiletten kulminierte („Toiletgate„). Hensel sieht hier den auch mit anderen Mitteln wiederholten Versuch der Gegenseite, Kramnik als potentiellen Betrüger hinzustellen. Hensel: „Wir spürten eine nie gekannte Skrupellosigkeit unserer Gegner. Ihnen war es offensichtlich egal, ob Schach oder ihr Image beschädigt werden könnte. Das Einzige, was für sie zählte, war, dieses Match nicht zu verlieren, koste es, was es wolle“.
Letztlich endete der Wettkampf unentschieden, den Stichkampf gewann Kramnik in der eingangs geschilderten Szene und beendete dadurch die Spaltung der Schachwelt in zwei konkurrierende Verbände, die 13 Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte.

Der letzte WM-Kampf Kramniks 2008 gegen Viswanathan Anand ("Der Tiger von Madras"), den der Russe gegen den Inder verlor
Der letzte WM-Kampf Kramniks 2008 gegen Viswanathan Anand („Der Tiger von Madras“), den der Russe gegen den Inder verlor

Kramnik selbst blieb danach allerdings nur ein Jahr Weltmeister, 2007 verlor er den Titel beim WM-Turnier in Mexiko City an den Inder Viswanathan Anand. Hensel, der ihm von der Teilnahme an dem Turnier abgeraten hatte, bemerkt: „Auch heute noch glaube ich daran, dass ein Rücktritt die richtige Entscheidung gewesen wäre.“. So aber kam es 2008 zum letzten WM-Kampf Kramniks, diesmal als Herausforderer Anands in der Bundeskunsthalle in Bonn. Dieser Wettkampf lief von Anfang an zu Ungunsten Kramniks, der letztlich mit 4,5:6,5 vorzeitig unterlag. Nach diesem Wettkampf endete die Zusammenarbeit Kramniks mit seinem Manager.

Einblick in die neuere Schachgeschichte

Für wen ist dieses Buch geschrieben? Natürlich zum einen für alle Fans von Wladimir Kramnik, die viele auch nicht-schachliche Details über ihn erfahren können: Seine Lieblingsfarbe ist blau, er mag doppelte Espressi, sein Lieblingsschauspieler ist Robert de Niro, und er liebt Gemälde des italienischen Impressionisten Amedeo Modigliani. Auch die zahlreichen privaten Farbfotos wissen zu gefallen. Zum anderen werden all diejenigen, die sich für neuere Schachgeschichte interessieren, mit Interesse zu diesem Buch greifen.

Fazit: Carsten Hensels „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ eröffnet einen Einblick in die Schachwelt, der den menschlichen Aspekt des grossen Meisters ebenso wenig vernachlässigt wie seine schachgeschichtliche Bedeutung. Eine Monographie, die sich von den meisten anderen Biographien über Schachspieler deutlich abhebt.

Der Autor hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg und spart auch gegenüber der FIDE nicht mit Kritik: „…die FIDE verstand schon damals [1992] wenig bis gar nichts von der Vermarktung des Weltmeisterschaftszyklus und weiterer Topevents. Daran hat sich bis heute nicht sehr viel geändert…“ (S. 36). Und ganz unabhängig davon, wie man selbst zu den geschilderten Ereignissen steht, eröffnet Hensels Werk so einen Einblick in die Schachwelt, die „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ von den meisten Monographien über Schachspieler abhebt. ♦

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies, Biographie, 304 Seiten, Verlag Die Werkstatt, ISBN 978-3-7307-0389-2

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Lyudmil Tsvetkov: Human vs Machine (Schach)

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Glanz und Elend des Anti-Computerschachs

von Walter Eigenmann

Seit den längst vergangenen Zeiten vor ca. 20 Jahren, als die Schachsoftware allmählich das Laufen lernte, sprich von den Programmierern eine ernstzunehmende Spielstärke implentiert erhielten, so dass sie für Normal-Sterbliche und schliesslich sogar für Grossmeister zur Gefahr wurden, gab es immer auch wieder ehrgeizige Amateur- und Profi-Schachspieler, die sich mit der heraufdämmernden Übermacht der Maschine nicht abfinden wollten. Das Thema Human vs Machine war in aller Munde, und der Begriff des Anti-Computerschachs wurde geboren.

Die Protagonisten des Anti-Computers entwickelten um die Jahrhundertwende herum oft einen beinahe missionarischen Ehrgeiz darin, der tumben Maschine deren strukturellen Schwächen bzw. Grenzen des Berechnens aufzuzeigen. Dem primitiven Schach-Algorithmus des Programmes sollte das hehre Plan-Denken des Menschen gegenübergestellt werden, die taktische Schlagkraft der Engines wurde mit weitsichtiger Strategie bekämpft.
Dementsprechend häuften sich damals in den einschlägigen Online-Foren und Schach-Printmedien die sog. Anticomputer-Partien – verblüffende Siege von (oft auch on-the-board) starken Spielern gegen die seinerzeit aktuellen Engines („Schachmotoren“). Dabei gelangen diesen mit allen Computerschach-Wassern gewaschenen Haudegen immer wieder spektakuläre Gewinne gegen die Silikon-Monster, und die Schachwelt staunte, wo sie doch selber zuhause am heimischen Brettcomputer oder vor dem eigenen PC-Chess-Screen jedes Mal chancenlos blieb…

Der Urvater des Anti-Computerschachs: „Claus Carstens“

Mit diesem Banner in der vor Jahrzehnten weitverbreiteten deutschen Schach-Gazette "Rochade Europa" kündigte der Anti-Computerschach-Experte "Claus Carstens" (Pseudonym) jeweils seine Kolumne an, in der er genüsslich die damals führenden Schachprogramme dem öffentlichen Gelächter preisgab.
Mit diesem Banner in der vor Jahrzehnten weitverbreiteten deutschen Schach-Gazette „Rochade Europa“ kündigte der Anti-Computerschach-Experte „Claus Carstens“ (Pseudonym) jeweils seine Kolumne an, in der er genüsslich die damals führenden Schachprogramme dem öffentlichen Gelächter preisgab.

Eine der meistdiskutierten Persönlichkeiten der damaligen Schachszene war der Computerschach-Kolumnist der vielgelesenen Schachzeitung „Rochade Europa“. Dieser unter dem Pseudonym „Claus Carstens“ schreibende Anticomputer-Spezialist („Die hohe Schule des Computerschachs“) stellte der faszinierten Öffentlichkeit zahlreiche Partien gegen die seinerzeit stärksten Programme vor – mit jeweils vernichtender Bilanz für die Maschine.
Die meisten Schachspieler bis hinauf zum Internationalen Meister hatten bereits damals kaum mehr eine reelle Chance gegen die Top-Engines. Nicht so dieser „CC“, der offenbar wie kein zweiter die Spielweise der Programme analysiert hatte, um dann ihre Löcher in den Algorithmen, ihre „Horizont“-Probleme, ihr positionelles Unverständnis, ihr Defizit bezüglich „Strategie“, ihre Lecks hinsichtlich vielzügigen „Vorausdenkens“ der allgemeinen Lächerlichkeit preiszugeben.

Echte oder gefakte Partien?

Belächelt wurde aber auch „CC“ selber: Ihm wurden gefakte Partien und manipulierte Engine-Settings unterstellt; für manche Computerschach-Anhänger war er überhaupt nur ein Betrüger oder gar ein von der Redaktion erfundenes Phantom zwecks Aufpolierung der Leserquoten. Jedenfalls irgend ein Scharlatan, der aus purer Eitelkeit seine angeblichen Gewinnpartien säuberlich in stundenlanger Arbeit nicht auf dem Brett, sondern „am grünen Tisch“ konstruiert habe. Aber allen Unkenrufen zum Trotz war der Unterhaltungswert des „CC“ ein beträchtlicher, und so mancher Schachfreund dürfte die „Rochade“ vor allem seiner „Hohen Schule des Computerschachs“ wegen gekauft haben…

Wir geben hier eine dieser berühmt-berüchtigten, von „Carstens“ selber oft süffisant bis arrogant kommentierten Partien aus der „Rochade“ wieder (ohne den Carstens’schen Originalton…) – –

Zum interaktiven Nachspielen einfach mit der Maus auf einen Zug oder Kommentar klicken, für den Download der Partie im PGN-Format dann den Button ganz rechts benützen („Downlad the game“)

Tipp: Wer zuhause ggf. noch die gleiche Rybka-Version auf einem (vorzugsweise ziemlich alten) PC installiert hat, kann ja mal die Probe aufs Exempel machen und versuchen, die Züge des Programmes zu rekonstruieren…

Geheimnis um „Claus Carstens“ gelüftet?

Der amerikanische Psychiater und "Geistheiler" Ernest Pecci spielte 125 Partien gegen Schachprogramme und schrieb darüber einen 400-seitigen Report: "Chess - A Psychiatrist Matches Wits with Fritz"
Der amerikanische Psychiater und „Geistheiler“ Ernest Pecci spielte 125 Partien gegen Schachprogramme und schrieb darüber einen 400-seitigen Report: „Chess – A Psychiatrist Matches Wits with Fritz

Viele Jahre später, nachdem „CC“ seine „Umtriebe“ – zumindest in der breiten Öffentlichkeit – längst eingestellt hatte und die „Rochade Europa“ in andere Hände gekommen war, meldete sich im Februar 2017 einer der Administratoren des Schach-Forums „Schachburg“ zu der Causa Claus Carstens“. Unter dem Titel „Geheimnis um Claus Carstens gelüftet“ referierte der Poster auf einen Artikel der Schachzeitschrift „KARL“ in deren Januar-Ausgabe 2016, wonach es sich bei „CC“ um das Alias des starken Meisters Carl Zimmermann handle, der sich die Entwicklung von Strategien zum Schlagen von Schachprogrammen zu einer „Lebensaufgabe“ gemacht habe.

Wie dem auch sei, fest steht jedenfalls, dass sich, seit es Schachprogramme gibt, auch immer wieder Spieler zu Worte meldeten, deren ganzer schachlicher Ehrgeiz im Kampf gegen die „Silikon-Monster“ bestand. Teils publizierten sie ihre Gewinn-Partien öffentlich in Print-Medien bzw. Büchern wie eben „Claus Carstens“ oder auch beispielsweise der US-Psychiater Ernest Pecci, v.a. aber präsentierten sie ihre Trophäen in den einschlägigen Internet-Schachforen.

Ein Pionier gegen „Fritz“ & Co: Eduard Nemeth

Deckte um die Jahrhundertwende viele Lecks der Schachprogramme auf und lehrte sie das Fürchten: Eduard Nemeth
Deckte um die Jahrhundertwende viele Lecks der Schachprogramme auf und lehrte sie in den Internet-Foren das Fürchten: Eduard Nemeth

Bereits einige Zeit vor der oben zitierten Carstens-Partie war nämlich bereits ein anderer Anticomputer-Schachfreund in den deutschsprachigen Foren besonders präsent: Eduard Nemeth, der in den „Gründerzeiten“ des Computerschachs um die Jahrhundertwende zahllose Online-Games gegen die (damals zwar deutlich schwächeren, aber taktisch bereits extrem starken) Engines auf Online-Plattformen (wie beispielsweise dem Chessbase-Server Playchess) ausfocht und nachweislich (bzw. unter „Aufsicht“ vieler Kiebitze) auch eine Menge davon gewann. Und im Gegensatz zu „CC“ machte Nemeth keinerlei Geheimnis um seine Person, sondern teilte, diskutierte und analysierte seine Gewinnpartien immer wieder gerne cora publico.

Mit dem „Trojaner“ gegen den König

Der folgende Link präsentiert einen aufschlussreichen Einblick in die damals gängigen (bzw. damals noch erfolgreichen…) Techniken des menschlichen Kampfes gegen Schachprogramme. Eduard Nemeths Lieblingsopfer war dabei eine Zeitlang das Chessbase-Programm „Fritz“; hier eines von Nemeths repräsentativen Games, das sich durch unwiderstehliche Angriffsfreude auszeichnet:

Primitives ödes Anti-Schach

Hat ein Anti-Computerschach-Anhänger nicht sonderlichen Ehrgeiz, sondern gibt er sich zufrieden mit einem seltenen Remis (oft nach hunderten von Niederlagen…), dann  machen es ihm die Programme auch heute noch recht einfach. Denn sie tun sich immer noch schwer gegen menschliche Blockeure, die das Brett „zubetonieren“. Die folgende Partie von Pablo Ignacio Restrepo gegen das „Stockfish“-Derivat „AsmFish“ (gefunden im „Talkchess“-Schachforum) ist ein schlagendes Beispiel für diesen Typus:

Das besonders hässliche Schlussbild einer besonders hässlichen Schachpartie sei hier ausdrücklich festgehalten…

Zubetonierte Schluss-Stellung einer Anti-Computerschach-Partie von P. Restrepo gegen Stockfish
Zubetonierte Schluss-Stellung einer Anti-Computerschach-Partie von P. Restrepo gegen „Stockfish“ 2017

Never-Ending-Story „Mensch versus Maschine“

Das Thema „Mensch gegen Computer“ ist eine Never Ending Story, auch heutzutage noch, da die aktuellen Programme mittlerweile eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass nicht mal die sog. „Super-Grossmeister“ (sprich Spieler mit einer internationalen FIDE-Wertungszahl von über 2750 Elo) eine Chance haben gegen sie – den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen inklusive.
Trotz modernem Overkill der Engines ist das Motiv „Human mind vs Computer brain“ also offenbar nach wie vor virulent. Ein aktuelles Beispiel des Disputs fand sich erst kürzlich wieder im deutschen Forum Schachfeld. Ebenso generiert natürlich das WWW immer wieder Webseiten, die sich schwerpunktmässig mit „Mensch vs Computer“ befassen. Eine der interessantesten ist „die etwas andere schachseite“ von Andreas Scheele, der „zwischen 4 und 8 Stunden Schach jeden Tag“ (Zitat) trainiert – mehrheitlich gegen den Computer, und das „mit gutem Erfolg“…

Hier eine von Scheeles interessantesten Siegen gegen das einstige Spitzenprogramm „Hiarcs“, gespielt auf dem Chessbase-Server „Playchess“. Hiarcs galt lange Zeit als die am „menschlichsten“ spielende Engine mit viel implentiertem Schach-Know-how:

Lyudmil Tsvetkov gegen den Rest der (Engine-)Welt

Der Bulgare Lyudmil Tsvetkov, 1974 in Pleven geboren, gehört zu den aktuell stärksten Anti-Computerschach-Spezialisten. Zu seinen neueren Publikationen zählen das 3-bändige "Human vs Machine" sowie die Abhandlung "The Secret of Chess".
Der bulgarische Schach-Autor Lyudmil Tsvetkov, 1974 in Pleven geboren, gehört zu den aktuell stärksten Anti-Computerschach-Protagonisten. Zu seinen neueren (und gleichzeitig umstrittensten) Publikationen zählen das 3-bändige „Human vs Machine“ sowie die Abhandlung „The Secret of Chess“.

Es scheint also auch in unserem Zeitalter von „Stockfish“, „Komodo“ und „Houdini“ noch genug Attraktivität vorhanden zu sein für den Menschen, gegen die Maschine ernsthafte Kampfpartien zu spielen. (Wer sich übrigens mit den tieferen Hintergründen des Problemfeldes „Mensch-Computer“ im Hinblick auf das Königliche Spiel näher auseinandersetzen will, dem empfehle ich den Artikel „Warum Schach ein schwieriges Spiel ist“ des deutschen B-Trainers Marcus Wegener).

How to beat Stockfish

Ein ganz besonderes Kaliber unter den heutigen Anti-Computerschach-Experten ist der ehemalige bulgarische Diplomat und heutige professionelle Schachbuch-Autor Lyudmil Tsvetkov. Tsvetkov ist nach eigenem Bekunden noch gar nicht so lange hauptberuflich als Schach-Schriftsteller unterwegs, aber bereits Verfasser von zahlreichen Schachbüchern. Eines davon ist für unser Thema von speziellem Interesse: Seine dreiteilige Monographie „Human versus Machine – How to beat Stockfish and Komodo“, Parts 1-3 veröffentlicht Ende 2017. (Tsvetkov war seinerzeit bei der FIDE mit knapp 2100 Elo gerated, ist aber als Turnierspieler seit Jahren nicht mehr aktiv).

Schlechte Verpackung, guter Inhalt

Mehrere Dutzend eigene Gewinnpartien gegen starke Engines dokumentiert Tsvetkov in seinem "<a href="https://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Ddigital-text&amp;field-keywords=%22Human+Versus+Machine%22&amp;rh=n%3A133140011%2Ck%3A%22Human+Versus+Machine%22">Human versus Machine - How to beat Stockfish and Komodo</a>"
Mehrere Dutzend eigene Gewinnpartien gegen starke Engines dokumentiert Tsvetkov in seinem „Human versus Machine – How to beat Stockfish and Komodo

Bereits der erste Blick auf die drei Bände, die übrigens nur als Kindle-Editionen bei Amazon käuflich sind, zeitigt einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen kommen sie alle betont schlicht, um nicht zu sagen „billig“ daher. Gestaltet mit simpelstem Layout und ebensolcher Typographie, mit (zu grossen) Diagrammen in graphisch mässiger Qualität, die Kommentare verfasst in eher hölzernem Englisch – so weckt „Human versus Machine“ nicht gerade die Kauflust des Schachfreundes. Immerhin ist der Einzelpreis der drei im Amazon-Selbstverlag produzierten E-Books mit je 5 Euro so niedrig, dass rein ökonomisch das Preis-Leistungsverhältnis in der Waage bleibt…

50 Gewinnpartien gegen Stockfish

Inhaltlich hat Tsvetkovs Trilogie aber dann doch deutlich mehr zu bieten, als das äussere Erscheinungsbild erahnen lässt. Sie enthält exakt 50 Gewinn-Partien des Bulgaren gegen „Stockfish“ in den Versionen 4 bis 8 und gegen „Komodo“ in den Versionen 8 bis 10.

Leseprobe 1 aus L. Tsvetkov: "Human versus Machine - How to beat Stockfish and Komodo"
Leseprobe 1 aus L. Tsvetkov: „Human versus Machine – How to beat Stockfish and Komodo“
Leseprobe 2 aus L. Tsvetkov: "Human versus Machine - How to beat Stockfish and Komodo"
Leseprobe 2 aus L. Tsvetkov: „Human versus Machine – How to beat Stockfish and Komodo“

Und um es vorweg zu nehmen: Manche dieser 50 Games sind wirklich interessant; bieten teils sehr unterhaltsames Kampfschach; lassen oft einen aufschlussreichen Blick auf die strukturellen Stärken und Schwächen von Schach-Engines zu. Und vor allem: sie enthalten zahlreiche echte Top-Shot-Züge, die auch von den heutigen Programmen nur sehr schwer aufzuspüren sind, was immer ein Indiz auf „menschliche Beihilfe“ darstellt. Untenstehend finden sich sechs solcher repräsentativen Winning-Moves.

Genies oder Scharlatane?

Wann und wo immer in Büchern oder Online die Gewinner von Partien gegen die Schachprogramme ihre Trophäen publizieren: ihnen weht jeweils heftig der Wind ins Gesicht. Vereinzelten Bewunderern steht immer sofort eine Phalanx von Skeptikern gegenüber, die teils sachlich, oft aber auch polemisch bis hämisch die „angeblichen Gewinne“ als Fakes abtut. Und in der Tat ist es für Outsider so leicht nicht, die in der heimischen Partienküche zurechtgekochte Spreu vom transparent 1:1 ausgespielten und akribisch reproduzierbaren Weizen zu trennen. Denn Schach-Zugfolgen einigermassen glaubhaft zu manipulieren ist mit heutiger Interface-Schachsoftware, aber auch im „Online-Cheating“ nicht wirklich ein Problem für erfahrene „Experten“. Jedenfalls widerfährt polarisierenden (und polemisierenden) Persönlichkeiten wie Tsvetkov selten eine so differenzierende Würdigung, wie sie ihm der Grossmeister David Smerdon auf „Chess News“ von Chessbase kürzlich angedeihen liess.

Originelles und kampfstarkes Schach

Wenn sich aber dann bei der genauen Analyse der fraglichen Partien regelmässig eine grosse Übereinstimmung mit dem Output der betr. Engines (unter simuliert vergleichbaren Bedingungen) in Verbindung mit menschlichen Gewinnzügen herausstellt, dann ist das zweifellos ein Indiz (wenn auch kein Beweis) für die „Echtheit“ der Games. Und dass die Programme auch nach 30 Jahren beeindruckender Software-Entwicklung noch immer ihre „Kinderkrankheiten“ nicht endgültig abgelegt haben bzw. systemimmanente Defizite aufweisen, die von cleveren und kreativen Schachspielern ausgenützt werden können, steht ausser Frage. Bevor man also so produktive Anti-Computerschach-Spieler wie Lyudmil Tsvetkov – „I have played over 50 thousand engine games“ (Tsvetkov in seinem Vorwort) – in die Ecke „Cheater“ stellt, sollte man sich sehr genau mit ihren Winning Games auseinandersetzen. Einige besonders originelle seien darum stellvertretend für den „Stil“ des rührigen Bulgaren hier angeführt. Und wie auch immer sie ganz genau nun entstanden sein mögen: sie bieten schönes, starkes, originelles, unterhaltsames Schach – das allein legitimiert sie schon… ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch den Computerschach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb – Kleine Philosophie des Schwindelns

Thomas Luther: Schachtraining – Das U10-Projekt

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Informativ für Kinder- und Jugendschach-Trainer

von Thomas Binder

Der aus Erfurt stammende Grossmeister Thomas Luther (u.a. Deutscher Einzelmeister 1993) muss dem Leser nicht mehr vorgestellt werden. In letzter Zeit hat er seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf die Arbeit als Trainer gelegt. Im Impressum wird er als FIDE-Senior-Trainer und Lecturer präsentiert. Mit „Das U10-Projekt“ legt er ein Werk vor, das aus diesem Blickwinkel höchsten Ansprüchen gerecht wird. Dabei passt auch das äussere Umfeld hervorragend: Layout, Lektorat und Schreibstil bestätigen den Gesamteindruck eines sorgfältig erstellten und rundum gelungenen Werkes.

Thomas Luther - Schachtraining für Kids - Das U10-Projekt - Jugendschach Verlag DresdenZunächst sei jedoch mit gleich zwei möglichen Missverständnissen aufgeräumt, die der Titel verursachen könnte. Ich dachte spontan an das aktuell vom Deutschen Schachbund gepushte Projekt zur Ausbildung junger Schachtalente mit sehr hohem Leistungsanspruch durch die Schachschule von GM Jussupow. Dazu hat das vorliegende Buch jedoch ebenso wenig einen Bezug, wie es sich auf die im Titel angesprochene Altersklasse beschränkt. Auch Trainer und Betreuer etwas älterer Schachspieler können aus dieser Arbeit viel Wissenswertes und interessante Anregungen entnehmen.

Fehlerursachen in der Altersklasse U10

Im ersten Teil des Buches stellen Luther und seine Co-Autoren quantitative Ergebnisse ihrer Studie vor. Anhand ausgewählter Deutscher und Welt-Meisterschaften bis zur Altersklasse U10 untersuchen sie das in diesem Alter erreichte Spielniveau und bewerten die Fehlerursachen. Der zweite Abschnitt präsentiert umfangreich (ca. 50 Seiten) und sehr fundiert typische Spielsituationen. Da wird deutlich erkennbar, wo die Defizite junger Schachspieler liegen, und wie man sie gezielt angehen kann. Um die jungen Spieler nicht anhand ihrer schwächeren Leistungen zu „demontieren“, sind diese Partien konsequent anonymisiert, allerdings jeweils durch die Benennung des Turniers und die Angabe von Elo-Zahlen dokumentiert.

Es folgen ca. 120 Seiten unter dem Titel „Unsere Tests“. Für den praktisch orientierten Schachtrainer ist dies sicher der anregendste Teil, kann er doch hier geeignete Aufgaben für seine eigene Arbeit übernehmen. Die insgesamt 230 Teststellungen sind in fünf Gruppen unterteilt, zunächst nach wachsender Schwierigkeit für einzelne Leistungsgruppen, dann in einem separaten Endspiel-Teil. Auch in diesem Kapitel bleiben die Spieler anonym. Die jeweiligen Lösungsbesprechungen können ebenso wie der vorige Abschnitt jeweils für sich als kleine Lektion zum angesprochenen Motiv verwendet werden.

Wissenschaftlich anspruchsvolle Betrachtung

Thomas Luther - Glarean Magazin
Thomas Luther

In einem kürzeren vierten Kapitel „Talent und Wunderkinder“ kehrt Luther zur prinzipiellen und wissenschaftlich anspruchsvollen Betrachtung zurück, stellt seine Gedanken und Erfahrungen zur Diskussion. Ähnlich präsentiert sich das abschliessende Kapitel „Training und Trainer“ mit Gedanken zu zweckmässigen Trainingsansätzen und zur Arbeit des Trainers.
Dazwischen liegt noch ein Abschnitt „Der nächste Schritt“, in dem Luther anhand einiger Positiv-Beispiele (jetzt mit Namensnennung) verdeutlicht, wie man sich den Leistungsfortschritt zur nächsten Altersklasse u12 vorstellen kann. Dieser Vergleich ist freilich nicht ganz widerspruchsfrei: Hatte man in der U10 vorwiegend die Unzulänglichkeiten demonstriert, werden jetzt „leuchtende Einzelbeispiele“ vorgeführt, wo sich doch sicher auch hier noch reichlich „Gepatze“ gefunden hätte.

Betont kritische Beurteilungen

Es gibt wenige Punkte, an denen ich mit dem Autor in kontroversen Dialog treten möchte. So geht er manchmal mit den Spielern allzu hart ins Gericht – vielleicht auch, weil er auf einzelne Partien schaut statt auf ganze Persönlichkeiten. Drastisches Beispiel ist eine – zugegeben grottenschlechte – Partie aus der U10-WM 2014:
1.e4 c5 2.Lc4 Sc6 3.Sf3 a6 4.Sg5(?) e6 5.Df3?? Dxg5 6.d3?? Dxc1 7.Ke2? Sd4#
Luther kommentiert nun u.a: „Kindern auf dieser Anfängerstufe tut man mit einer WM-Teilnahme vermutlich nichts Gutes […] dies hier ist absolut nicht akzeptabel.“
Ich habe mir nun die geringe Mühe gemacht, den Spieler zu identifizieren und etwas genauer hinzuschauen. Es handelt sich um ein Kind aus Kenia. Die vorgestellte Partie ist ein Extrembeispiel, unter seinen übrigen WM-Partien sind durchaus „normale“ U10-Partien. Er hat in diesem Turnier immerhin 4,5 Punkte aus 11 Partien erreicht und sich als einer der jüngsten Spieler im hinteren Mittelfeld platziert. Im Jahr davor vertrat er sein Land bereits bei der U8-Weltmeisterschaft. Der Vergleich beider Turniere zeigt eine deutlich positive Entwicklung des Jungen.

Probeseite aus Thomas Luther: Das U10-Projekt (Schachtraining für Kids)
Probeseite aus Thomas Luther: Das U10-Projekt (Schachtraining für Kids)

Grosse Leistungsstreuung bei Kindern

Mit Blick auf meine eigenen Trainer-Erfahrungen ist der vorgestellte Fall ein schöner Beleg für zwei Beobachtungen, die ich regelmässig mache:

  • Kinder dieser Altersklasse haben unabhängig vom absoluten Spielniveau von Partie zu Partie eine enorme Leistungsstreuung. Die „gefühlte“ Spielstärke kann selbst innerhalb eines Turniers um mehr als 500 Elo-Punkte schwanken.
  • Bei unvorhergesehenen Ereignissen reagieren diese Kinder irrational. Rational wäre es gewesen, nach dem ersten Figurenverlust entweder aufzugeben oder mit voller Konzentration und Kampfgeist eine Wende zu versuchen – in dieser Altersklasse keineswegs ein aussichtsloses Unterfangen. Statt dessen wird im Blitztempo weitergespielt und Fehler an Fehler gereiht, bis zum drastischen Ende.

Erst mit der allgemeinen persönlichen Reifung etwa ab der Altersklasse U14 erreichen die jungen Schachspieler auf ihrem jeweiligen Leistungslevel ein „erwachseneres“ Profil und eine grössere Leistungskonstanz. Es wäre interessant zu sehen, wenn Luther mit seinem wissenschaftlich geprägten Instrumentarium diese Entwicklungsetappen näher untersucht und entsprechende Schlussfolgerungen anbietet.

Lehrreich und angenehm zu lesen

FAZIT

„Schachtraining für Kids – Das U10-Projekt“ von GM Thomas Luther und Co-Autoren richtet sich vorwiegend an Trainer, die junge und jüngste Schachspieler mit hohem Leistungsanspruch unterrichten. Es bietet fundierte Untersuchungen zur Spielstärke in diesem Altersbereich, untersucht die Fehlerquellen und gibt ihnen eine grosse Auswahl an Test- bzw. Lehrstellungen an die Hand. Inhaltliches Niveau und äussere Gestalt werden dem hohen Anspruch der Autoren gerecht.

Insgesamt bleibt auch für einen erfahrenen Jugendtrainer ein sehr lehrreiches und angenehm zu lesendes Buch aus einem bislang kaum abgedeckten Wissenssegment. Die Lektüre ist allerdings vor allem in den „theoretischen“ Kapiteln anspruchsvoll, Luther schreibt recht dicht und setzt ständige Aufmerksamkeit und gewisse Vorkenntnisse voraus – für Schachspieler ja wohl keine unbillige Anforderung.
Wichtigste Zielgruppen des Buches sind Kinder- und Jugendschachtrainer. Auch wenn sie über die im Titel genannte Altersklasse hinaus tätig sind, ist das Buch eine fruchtbare Inspiration. Eltern, die ihre Sprösslinge auf dem Start in die Schachkarriere begleiten, bekommen einen Eindruck vom Herangehen eines leistungsorientierten Trainers, sollten sich dabei aber immer über die eigenen Ansprüche im Klaren sein. Nicht jeder wird seine Schützlinge zu einer Deutschen oder gar Welt-Meisterschaft führen, ein Buch wie dieses wird ihm dennoch viele interessante Impulse vermitteln. ♦

Thomas Luther: Schachtraining für Kids – Das U10-Projekt, Jugendschach-Verlag Dresden, 252 Seiten, ISBN 978-3-944710-32-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Jugendschach-Pädagogik und -Forschung auch über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Interview mit dem Schachlehrer Alexander Frenkel

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Weg von den Tablets und Spielkonsolen, hin zum Schachspiel

von Thomas Binder

Erneut möchte ich als Schach-Rezensent des Glarean Magazins die Gelegenheit nutzen, das Augenmerk auf die Ausbildung junger und jüngster Schachspieler zu richten. Hatten wir zuletzt mehrfach klassische Lehrbücher kommentiert, geht es diesmal um ein Arbeitsheft der Schachschule München. Autor ist deren Leiter Alexander Frenkel. Da Herr Frenkel uns deutlich mehr zu sagen hat, wollen wir ihn noch selbst zu Wort kommen lassen, werfen aber zunächst einen Blick in das erste Werk, das er nun einem grösseren Leserkreis zugänglich macht.

Schach-Zielgruppe: Grundschulkinder

Alexander Frenkel - Warum Schach - Bauerndiplom - Schachschule MünchenDas Arbeitsheft wendet sich an Kinder, die von Grund auf das Schachspiel erlernen wollen, wobei als Zielgruppe wohl ganz klar Grundschulkinder angesprochen sind. Ihnen wird der Grundkanon der Schachregeln nahe gebracht. Alles darüber hinaus bleibt den aufbauenden Lehrgängen vorbehalten.
Dabei hebt sich Frenkels Heft sehr deutlich von anderen Arbeitsheften ab. Die Regeln werden in Reimform erklärt und mit liebevollen Illustrationen versehen. Unmittelbar danach können die Kids ihr Wissen in vielfältigen und vor allem kindgerechten Aufgaben beweisen. Dem Charakter solcher Arbeitsbücher gemäss wird dabei direkt im Heft gearbeitet, es ist also für eine „Einmalverwendung“ gedacht. Einziger Kritikpunkt bleibt, dass Frenkel (wie andere Autoren auch) hin und wieder zwei oder mehr Aufgaben auf einem geteilten Brett darstellt. Dabei muss zuweilen die Trennlinie als Brettrand verstanden werden, was eine direkte Übernahme in andere Trainingsformen (z.B. am Demobrett) erschwert. ♦

Alexander Frenkel: Warum Schach (Bauerndiplom), Arbeitsheft, Illustrationen von Elena Levitina, Schachschule München


Interview mit Alexander Frenkel

Autor Alexander Frenkel ist 48 Jahre alt und stammt aus der ukrainischen Schachhochburg Charkiw. Schon sein Vater gehörte dort in jungen Jahren zur örtlichen Schachspitze. Seit 1993 lebt Alexander Frenkel in Deutschland und leitet seit 12 Jahren die Schachschule München.

Glarean Magazin: Herr Frenkel, Sie stehen für die “Schachschule München”. Können Sie uns dieses Projekt kurz erläutern?

Alexander Frenkel (Geb. 1969)
Alexander Frenkel (Geb. 1969)

Alexander Frenkel: Die Idee des Schach-Lehrens kam durchs Üben mit meinen Sohn Maxim, den ich schon mit 6 Jahren zu den Kinderturnieren gebracht habe. So bin ich 2005 zum Schulschachpatentkurs vom „Schulschach-Vater“ Herrn Lellinger gekommen und bin dafür sogar von München nach Leipzig gefahren. Mein erster Kurs fand direkt in Maxims Grundschule statt. Danach habe ich mich mit einer Internet-Präsenz positioniert und erhalte regelmässig Nachfragen, die ich alleine mittlerweile nicht mehr bewältigen kann. So helfen Maxim und noch einige schachspielende Studenten aus.

GM: Stellten sich bald Erfolge ein? Können Sie regelmässig Kinder über das Anfängerniveau hinaus in die Schachvereine und zu Meisterschaften führen?

AF: Sobald die Kinder die Regeln sicher anwenden können, informiere ich die Eltern über passende Kinderturniere. Einige werden dann von der Atmosphäre  mitgerissen und wollen immer teilnehmen. So landen sie oft in den Vereinen. Aktuell, mit dem Chessimo-System (5 Spiele am Tag mit 60min, Aufschreiben und DWZ-Auswertung), werden die Kids noch durch die DWZ zusätzlich motiviert. Einige Kinder aus meinen ersten Kursen (und sie sind mittlerweile 18-20 Jahre alt) spielen immer noch in den Vereinen. (Anmerkung des Rezensenten: Frenkels Schüler haben zahlreiche vordere Plätze bei Meisterschaften und im Schulschach vorzuweisen).

GM: Auf welchen Prinzipien beruht das Training in Ihrer Schachschule? Worin unterscheiden Sie sich von anderen Anbietern?

AF: Es gibt einige Grundsätze, die ich seit Anfang an befolge. Ich bin der Meinung, Schach sollte auf dem Anfänger-Niveau preiswert und für jeden zugänglich sein. So betreibe ich keine eigenen Räumlichkeiten und komme dorthin, wo man wirklich an einem Schachkurs interessiert ist, die Gruppe organisiert und mich dafür engagiert. So bleiben die Kosten für die Eltern sehr übersichtlich.
Des Weiteren sollte der Unterricht strukturiert sein und dafür eignen sich die Lernhefte, wie z.B. Brackeler Lehrgang, die Stufen-Methode und die seit kurzem erhältlichen Kurshefte von Roman Vidonyak, sehr gut.
Ich versuche eine gute Mischung daraus zu machen und bei den fortlaufenden Gruppen immer wieder einen Wiederholungs- bzw. Befestigungs-Kurs „einzubauen“. Ich nehme mir auch die Freiheit, nur die homogenen Kurse anzubieten, d.h. nur auf dem gleichen Niveau. So werden alle Teilnehmer gleichmässig betreut.
Im Wesentlichen ist mein Unterricht ziemlich klassisch und die Schachstunde besteht aus der Beantwortung der Fragen zu den Hausaufgaben, der Erklärung eines neuen Themas und dem Spielen. Fürs Spielen versuche ich etwa die Hälfte der Zeit anzusetzen.
Ich lasse aber auch das Demo-Brett mal weg, um mit dem Beamer die Stunden abwechslungsreich zu gestalten und ein Schach-Programm oder Schach-Video einzubringen.
Auch auf den Wunsch nach fremdsprachigen Kursen kann ich eingehen. So unterrichte ich Schach regelmässig auf Deutsch, Russisch und Englisch.

GM: Das vorliegende Trainingsmaterial trägt den Titel “Warum Schach?” Wie lautet Ihre prägnante Antwort auf diese Frage?

AF: Ich bin vom positiven Einfluss des Schachs auf die schulischen Leistungen stark überzeugt und nicht nur durch die Trierer Studie, sondern auch am Beispiel von meinem Sohn. Maxim hat sein Abi mit 1,9 ohne eine einzige Nachhilfestunde gemacht. Auf meiner Webseite entstanden mit der Zeit die sogenannten „Gründe fürs Schach“, die ich kurzer Hand „Warum Schach“ nannte. Diese wurden dann öfters quer durch den deutschen Internetraum bei Vereinen und Schulen übernommen und zitiert. Für das neue Heft habe ich sie in einer kindgerechten Form umgeschrieben und eingebaut. So können die Kinder (aber auch Eltern und Lehrer) nicht nur von Schachkenntnissen profitieren, sondern auch vieles Positive, was Schach mit sich bringt, wahrnehmen.

GM: Die Gestaltung des Materials ist sehr ansprechend, hebt sich von den sonst bekannten Arbeitsheften deutlich ab. Wie sind Sie an die Gestaltung herangegangen? Was ist Ihnen da wichtig?

AF: In meinem Unterricht habe ich immer wieder spontan, beeinflusst durch „Springer am Rande bringt Kummer und Schande“, etwas gereimt.  Da ich in der ersten Anfänger-Stunde die Weizenkornlegende erzähle, um die Vielfältigkeit der Möglichkeiten auf dem Schachbrett zu betonen, suchte ich nach einem Weg für mich, als nicht Muttersprachler in Deutsch, die Geschichte einfach darzustellen. So entstand dieses Gedicht. Ich habe gemerkt, dass das gereimte Wort sich auch bei den Kindern besser einprägt.
Ich unterrichtete die meiste Zeit die Anfänger mit dem „Brackeler Lehrgang“. Die Hefte sind zwar günstig, haben aber für meinen Bedarf zu wenig Aufgaben. So gab ich zu jeder Stunde meine zusätzlichen Arbeitsblätter aus, auf denen ich sowohl eigene als auch einige, meist aus den russischen Schachbüchern gesammelte, Aufgaben habe. Die Idee für das eigene Heft war geboren: die Schachregeln werden gereimt, es kommen mehr Aufgaben rein und das Wichtigste: meine Frau Elena ist zum Glück eine diplomierte Grafik-Designerin, sie kann das Ganze illustrieren. …
Auch wenn ich mich bei vielen Motiven aus der Sicht der Schachtheorie gegen das künstlerische Element meiner Frau durchgesetzt habe, sind wir mit der Zeit zu einem guten Team zusammengewachsen. Und für manche Themen haben unsere Tochter und ich sogar kurz Modell stehen sollen, damit meine Frau ein Foto machen kann, um die entsprechende Pose oder Bewegung besser aufs Papier zu bringen. Elena will immer alles gründlich und perfekt machen. So nahm uns die Illustration für längere Zeit in Anspruch und dauerte ca. 2 Jahre. Die Bilder sind, meiner Meinung nach, auch beeindruckend geworden. (Anmerkung des Rezensenten: Volle Zustimmung!)
„Schachlich“ gesehen kann man für die Anfänger wenig neues erfinden. Wir haben versucht, die Anzahl der Übungen zu erhöhen: teilweise durch das Aufteilen der Diagramme in 2 bzw. 4 Aufgaben, teilweise durch mehr Aufgaben-Seiten und einige Spass-Übungen, wie Kreuzworträtsel, Labyrinthe und „Malen nach Zahlen“. So kommen wir mit mehr als 300 Aufgaben auf das Doppelte vom „Brackeler Bauerndiplom“. Mein Vater hat hier auch massgeblich mitgearbeitet und viele Aufgaben, ähnlich denen aus dem Brackeler Heft, entwickelt. Einige wurden von meinen früheren Übungsblättern übernommen.
Die Struktur ist ähnlich geblieben, nur fangen wir nach der „Lellinger-Lehre“ mit der schwierigsten und interessantesten Figur, dem Springer an und fassen die Bauern-Themen Gangart, Umwandlung, En passant nacheinander zusammen. Wie schon beim Brackeler Lehrgang, gibt es einen Testbogen und eine Urkunde. Am Ende haben wir extra eine leere Heftseite für die Kinder, die ein Schachmotiv malen möchten, reserviert.

GM: Der vorliegende Anfängerlehrgang soll zum “Bauerndiplom” führen. Den Begriff kennt man aus der Dortmunder Schachschule. Gibt es da eine Verbindung. Wollen Sie den Namen beibehalten und das Risiko einer Verwechslung eingehen?

AF: Ich nutze selbst oft den Brackeler Lehrgang und finde den Begriff sehr ansprechend. Ich wollte bewusst nichts anderes nehmen und habe sogar versucht herauszufinden, ob der Name geschützt ist. Es sieht aber nicht so aus und es gibt  durchaus weitere genau so genannte Lehrgänge, auch vom DSB.
Da es für Anfänger immer die gleichen Themen und Ziele sind, nämlich, die Grundregeln zu erlernen, sehe ich sogar einen Vorteil darin, dass die Hefte so heissen. Man erkennt schnell, wofür sie sind und jeder Schachlehrer kann problemlos sofort loslegen. Der Begriff sollte für die Schach-Kinder allgemein geltend gemacht werden, wie z. B. das Seepferdchen-Abzeichen fürs Schwimmen.
Anmerkung des Rezensenten: Eine sehr gute Idee! Dieser Gedanke sollte unbedingt weiter verfolgt werden. Damit können sich die „Figurendiplome“ als vergleichbare Leistungs-nachweise sozusagen für die Vor-DWZ-Stufe etablieren.

GF: Wie geht es nach dem Anfängerlehrgang weiter? Ich könnte mir in ähnlich ansprechender Gestaltung auch Arbeitshefte zu anderen Themen vorstellen. Die Kids brauchen das ja, um weiter voran zu kommen.

AF: Es gibt natürlich Pläne für die Fortsetzung. Vor allem möchte ich noch in dieser Form die elementaren Taktik-Motive darstellen. (Anmerkung des Rezensenten: Die Fortführung mit einem Arbeitsheft der wichtigsten Taktik-Motive ist folgerichtig. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann bitte auch ein Heft für die auf diesem Spielniveau wichtigen Endspielthemen.)
Spätestens dann hoffe ich etwas gemacht zu haben, um die Interesse der Kinder von den Tablets, Spielkonsolen, Fernseher und Handys für die kurze Zeit abzuwenden und sie in unsere sonst schwarz-weisse und meist statische Schachwelt zu locken.♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das
Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt („Die kleine Schachschule“)

… sowie zum Thema Schach-Training über
Cyrus Lakdawala: Winning Ugly Chess