Computer-Schach: The Engine Crackers

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Neue Knacknüsse für Schachprogramme

von Walter Eigenmann

Die Spielstärke der modernen Schachprogramme hat bekanntlich ein derart hohes Niveau erreicht, dass der Mensch längst nicht mehr mithalten kann. (Dass aber abseits der Computer-Schach-Szene wie schon seit Jahrhunderten nach wie vor ein äusserst reger Turnierbetrieb herrscht, spricht für die ungebrochene Kraft des Königlichen Spiels).
Diese Seite stellt echte Knacknüsse für Schachprogramme vor: „The Engine Crackers“. Es sind Chess Puzzles, die auch heutigen „Motoren“ mächtig viel Berechnung abverlangen…

Modern Chess - Schach-Figuren - Schach-Kunst - Glarean MagazinEs ist inzwischen zu einer grossen Herausforderung geworden, neue Knacknüsse für Schachprogramme aufzuspüren. Die Engines rechnen heutzutage sehr schnell, sehr selektiv, sehr tief, und ihre Algorithmen arbeiten mit ausgeklügelten Programmiertechniken. In Verbindung mit ständig beschleunigten Prozessoren spüren sie damit auch die verborgensten Geheimnisse einer Schachstellung auf.
Aber ein paar letzte weisse Flecken auf der Engine-Landkarte gibt es durchaus auch heute noch. Sie zu entdecken erfordert allerdings etwas Knowhow über die Funktionsweise dieser „Motoren“, vor allem aber einen erfahrenen Umgang mit den Engines selber. Denn die Defizite von Schachprogrammen sind nur mit Hilfe von Schachprogrammen zu finden…

Teststellungen für 30 Sekunden und länger

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Diese Seite ist also solchen Stellungen gewidmet, an denen die Engines überdurchschnittlich heftig zu knabbern haben. Dabei sind die Aufgaben grundsätzlich nicht unmöglich zu lösen für Schachmotoren. Auch trifft man zuweilen das Phänomen an, dass mal ein Programm genau jenes Puzzle blitzschnell löst, welches alle anderen nicht verstehen.
Apropos: Ich persönlich erachte eine Teststellung dann als schwierig, wenn die meisten starken Schachprogramme mit ihren jeweiligen Default-Einstellungen auf durchschnittlicher aktueller Hardware durchschnittlich länger als 30 Sekunden für die richtige Lösung benötigen.

Recherchen in vielen Datenbanken

Woher stammen all die Crackers hier? Sie sind das Ergebnis meiner umfangreichen Recherchen in diversen Datenbanken, kommerziellen wie kostenlosen. Hervorragend geeignet für die Suche nach komplexen Stellungen sind v.a. die Partien von Fernschach-Meisterspielern. Correspondence Chess Players pflegen versiert mit Computerprogrammen zu arbeiten, und ihr „Forschungstrieb“ generiert Partien auf allerhöchstem Niveau. Das effiziente, ja geradezu wissenschaftliche Handling mit Engines und GUI-Analysewerkzeugen ist das Markenzeichen erfolgreicher Fernschachspieler, ohne maschinelle Unterstützung ist heutzutage ein FS-Spiel auf Top-Niveau undenkbar. (Siehe hierzu auch das Interview mit Fernschach-Grossmeister Arno Nickel)

Schach-Aufgabe - Chess Puzzle - The Engine Crackers Nr.6 - Cvak vs Kubicki - Schwarz zieht Dxf3 - Glarean Magazin
Schwarz am Zuge ist mit zwei Bauern in der Kreide. Aber unerwartet verschafft er sich mit einer verblüffenden Kombination durchschlagenden Vorteil. Was spielte Fernschach-Meister R. Cvak hier gegen T. Kubicki 2019?

Weiters finden sich interessante Puzzles für Schachprogramme bei den Programmen selber. Denn die führenden Engines liefern ebenfalls ein (fast) fehlerfreies Spiel, in den einschlägigen Internet-Schach-Datenbanken nach brauchbaren Perlen zu fischen verlangt allerdings einige Erfahrung im Umgang mit Engine-Settings und viel Geduld.

Computer Chess vs Human Chess

Ein drittes Gebiet für die Puzzle-Recherche ist das Problemschach mit seinen Studien. Hier sind die wirklich anspruchsvollen Aufgaben für Computer zwar seltener zu finden, weil die Studien eher nach künstlerisch-ästhetischen denn nach schachtechnischen Kriterien konzipiert sind. Dementsprechend leisten diese Wenigsteiner-Aufgaben den Programmen meist kaum Widerstand.
Dafür legt das Problemschach seinen Finger zuweilen genau in jene Wunden, die Schachprogrammen besonders weh tun. Die Stichworte sind hier der Zugzwang, der Horizonteffekt oder die vielzügige Mattführung.

Last but not least ist natürlich der riesige Pool mit von Menschen ausgetragenen Turnierpartien zu erwähnen. Doch diese Quelle ist als Datenmaterial fürs Computerschach nur von begrenzter Attraktivität. Denn so genial manche Kombinationen all der Giganten einer vielhundertjährigen Schachgeschichte daherkommen: Unter dem unbarmherzigen Mikroskop eines heutigen Computerprogramms zerschmilzen sie fast ausnahmslos zu einer „Petit Combinaison“ a la Capablanca, die in nullkommnix Sekunden gelöst (oder dann als inkorrekt entlarvt) wird… ♦

Über Reaktionen in Form von eigenen Analysen, Engine-Ergebnissen u.a. würde ich mich freuen. Benützen Sie hierzu einfach die „Kommentar“-Funktion. Gerne werden auch Vorschläge für schwierige neue Testaufgaben geprüft und ggf. unter dem Namen des „Finders“ veröffentlicht.
Die Seite hier wird regelmässig mit neuen Puzzles bestückt; also am besten immer mal wieder vorbei schauen.

Der Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das Analyse-Fenster. Dort ist auch ein Download der entspr. PGN-Datei möglich.


FEN: 3q3N/1p5k/5B2/8/1p2p1Rp/1P5K/p3PP2/8 w


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FEN: 2rqr1k1/pp1bbp1p/2n1p1pB/2N1P3/1PQp4/P4N2/5PP1/3RR1K1 w

FEN: 6k1/2p3p1/B4R1P/R3P2K/4p1pP/P3q3/1Qp5/2r4r w

FEN: K1k5/p2p2p1/2pP4/5PpP/4Pb2/QP4q1/8/8 w

 

FEN: rnbq1rk1/4ppb1/p1pp1np1/1p5p/2PPP2P/2N1BP2/PP1Q2P1/2KR1BNR w

 

FEN: r7/pp2Pp1k/5P1p/PBp1B1p1/5n2/8/8/5K2 w

FEN: r4r2/b2q2pk/3p2np/N2pp3/PP1P4/2P3PP/1B3P2/R3RQK1 b

FEN: R7/8/p3R3/3p4/5n2/K7/4P3/4kn2 w

FEN: rnbqk2r/pp1p1ppp/3P1n2/b1p5/8/2N2N2/PP2PPPP/R1BQKB1R w KQkq

FEN: 4nr1k/pp1r2p1/5p1p/2p1PR2/P1B3RQ/3P4/2P3KP/q7 w

FEN: 2rqkb1r/1b1n1ppp/p1npp3/1p4P1/3NPP2/P1N1B3/1PP4P/R2QKBR1 w Qk

FEN: 3rq2k/1p1r1pp1/p1p1p2p/P1PnP3/3PB1PP/5R1K/3Q1P2/3R4 w

FEN: 1rb1r3/5qk1/3b2p1/1PnPp1Pp/4B3/pP3Q2/P2N1B1P/1KR3R1 b

FEN: 2r2r2/p2qnpbk/1pn3p1/2pNp2p/P1P1P3/3P1P2/3N1BPP/R2Q1R1K w

FEN: 7k/pp1pBp1N/1p3Pp1/b3K1PR/P3P2p/R1n4P/2P1N1P1/3q4 w

FEN: 2k5/p2p4/1P6/P3p3/1q2N3/2p5/K7/7Q w

FEN: k7/P4pp1/1P6/2p1P3/2P1n3/p5pB/P4n2/K5b1 w

FEN: 5N1n/3P1p1p/5P1k/1Pp1P2p/4KP1P/2p5/p4b2/5N2 w

Studieren Sie zum Thema Teststellungen für Schachprogramme auch die Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (08)

Computerschach: NN- und AB-Programme noch gleichauf

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Klare Überlegenheit nicht in Sicht

von Walter Eigenmann

Der Hauptzweck der modernen Schachprogrammierung für die Anwender ist die Analyse von (eigenen oder fremden) Partien. Demgegenüber sind Turnier-Statistiken oder KI-Forschung nur „Abfallprodukte“.
Aber von Zeit zu Zeit ist es aufschlussreich, die aktuellen Engines nicht nur zum Analysieren einzusetzen, sondern sie auch mal unter- bzw. gegeneinander zu testen. Haben sich die vielgerühmten neuen NN-Engines mittlerweile vor der AB-Programmierung an die Spitze setzen können? Ein neues Engine-Turnier, ausgetragen auf einem heimischen AMD-Ryzen7-2700X zeigt eine nach wie vor unscharfe Momentaufnahme. Das Fazit gleich vorweggenommen: NN- und AB-Programme sind noch gleichauf.

Modernen Engines beim Spielen zuzusehen erinnert zuweilen an die eigenen Anfänger-Zeiten, als Taktik und Strategie noch ein (Schach-)Buch mit (mindestens) sieben Siegeln waren. Schnell, präzis, komplex, tödlich – die Programme knallen in Millisekunden so ausgefeilte Züge auf das virtuelle Brett, die noch vor 15 Jahren jedem Profi-Kommentator ein Heer von Doppelten Ausrufezeichen entlockt hätten. Wenn er sie denn überhaupt in ihrer ganzen Tiefe kapierte…

30 Halbzüge in einigen Sekunden

Schach-Report NN vs AB Engines - Springer-Umgruppierungen - Schachturniere - Glarean MagazinDenn man vergegenwärtige sich, dass bereits bei einer Bedenkzeit für die ganze Partie von nur vier Minuten diese Silikon-Monster auf flotten PC’s im Durchschnitt bis zu 30 Halbzüge weit (!) pro Zug vorausrechnen können. Und dies mit so raffinierten Algorithmen der Evaluierung und Bewertung, dass sie taktisch sogar bei diesem rasanten Spiel-Tempo kaum je Fehler machen. Zumindest keine, die ein Mensch ohne analytische Zuhilfenahme von eben diesen Programmen erkennen könnte…

Wen wundert’s also, dass heutzutage das häufigste Resultat zwischen Schach-Engines das Remis ist – ungeachtet irgendwelcher ausgeklügelter Opening-Books, welche diese mittlerweile extrem hohe Remis-Rate im Engine-Turnierbetrieb etwas senken sollen, aber nicht maßgeblich können. (Vergl. hierzu auch eigene Turnier-Tests zum Thema Eröffnungsbücher).

Kopf-an-Kopf-Rennen

Die nachfolgende Rangliste wurde generiert von 17 der aktuell stärksten Programme in einem doppelrundigen Turnier. Und die Tabelle zeigt ein Bild, wie es momentan bei vielen Engine-Turnieren in der Computerschach-Szene anzutreffen ist: Die KI-Engine LeelaChess-Zero mit ihren Networks und die Alpha-Beta-Programme (hier vertreten durch SugarR & Brainfish) mit ihren ausgeklügelten Schachalgorithmen liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei zahllosen Unentschieden:

Schach-Rangliste Schlusstabelle Engine-Turnier 4+2 AMD-Ryzen7-Glarean Magazin
Hardware: AMD Ryzen7 2700X 3,7 GHz • 1024 Mb Hash • 8Cores/16Threads • GPU RTX2080 Software: GUI Fritz 17 • 4min & 2sec Bedenkzeit pro Engine • 5-Moves-Opening-Book • 5-men-Syzygy-Tablebases

Unbezwingbare Leela (Lc0)

Das NN-Programm Lc0 25.0 mit dem Neuronalen Netz „t60-3010“ erwies sich in dieser Ausmarchung als unschlagbar: Es verlor keine einzige seiner 32 Partien und gewann immerhin deren 10 – eine beeindruckende Leistung, wenn man das extrem starke Gegnerfeld sieht. Mit 12 Siegen als das aggressivste Network erwies sich hier das „t40-1541“ mit Lc0 23.2. Überraschend weiters die noch vor dem einstigen Weltmeister Komodo rangierende neue Chessbase-NN-Engine Fat Fritz.
Insgesamt kann bei den Top-Ten dieses Rankings allerdings nicht von einem Sieger geredet werden, ein Punkt mehr oder weniger entschied über mehrere Ränge vor oder zurück, und zwischen dem erst- und dem zehntplatzierten Programm liegen gerade mal 4 Punkte. (Dass das Turnier keinerlei statistische Aussagekraft beansprucht, muss nicht extra betont werden. En masse „Partien auf Halde“ zu Statistik-Zwecken werden auf Engine-Portalen wie z.B. CCRL produziert.)

Lavieren wie Nimzowitsch

Bahnbrechende Untersuchung zur Schach-Strategie: "Mein System" von Aaron Nimzowitsch
Bahnbrechende Untersuchung zur Schach-Strategie: „Mein System“ von Aaron Nimzowitsch

Wer die knapp 300 Partien analytisch untersucht im Hinblick auf NN-spezifisches Schachverhalten, der wird in verschiedener Hinsicht fündig. Insbesondere fallen diverse positionelle Aspekte der KI-Spielführung ins Auge; einige grundsätzliche Überlegungen zu LeelaChessZero finden sich hier: Künstliche Schach-Intelligenz – Als Autodidakt zur Weltspitze.
Bezüglich des hier fraglichen Engine-Turnieres sei exemplarisch ein spezifisch „strategisches Motiv“ herausgegriffen: Die Umgruppierung. Bereits Nimzowitsch hatte ja – in seinem bahnbrechenden Strategie-Buch „Mein System“ – das Figuren-Umgruppieren als zentralen Bestandteil seines neu eingeführten Schach-Begriff des Lavierens definiert, und mit LeelaChess scheint dieses Stratagem fröhliche Urständ zu feiern. Wohlgemerkt ohne menschliches Zutun…

Virtuose Handhabung des Springers

Computerschach und Springer-Manöver - Leela Chess Zero - Report Glarean Magazin
Der Springer und das PC-Mainboard: Symbiose in Gestalt von Leela Chess Zero

Die Engine Lc0 (bzw. ihre Neuronalen Netze) ist eine grandiose Meisterin im dynamischen Umdisponieren von unvorteilhaft platzierten Figuren hin zur aktiveren Positionierung. In weit höherem Maße als ihre Alpha-Beta-Kolleginnen trachtet Leela nach permanenter Optimierung ihrer Figurenstellungen. Besonders virtuos geht das NN-Programm mit seinen Springern um.

Nachfolgend vier Beispiele dafür, wie geschickt und effizient die Springer-Überführungen auf stärkere Felder vorgenommen werden – sogar noch dann, wenn die taktischen Komplikationen auf dem Brett eigentlich keineswegs eine traditionelle „Ruhesuche“ erlauben:

FEN-String: r2q1rk1/1b2bppp/4pn2/1p1p4/p1pP1B2/PnP1PN1P/1PBNQPP1/3RR1K1 w

FEN-String: r1b1q1k1/1p1p1ppp/1bpPn1n1/p3rB2/7P/PPN3P1/1BPQN3/R3KR2 w Q

FEN-String: 3qkb1r/1r3pp1/1nn1p2p/p2pP2P/1ppP4/1PP2NR1/P2BNPP1/1R1Q2K1 w k

FEN-String: 1b1r3k/ppnqn1p1/4br1p/3p1p2/3Pp3/BPN1PPPB/P1RNQ2P/5RK1 b

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Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachturniere auch über das Super-Schach aus China: Das GM-Turnier in Danzhou

… sowie den Report: Ju Wenjun ist die neue Schach-Weltmeisterin

Ausserdem zum Thema Computerschach: Das Duell der Engine-Giganten

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English Translation (NN vs AB)

Clear superiority not in sight

by Walter Eigenmann

The main purpose of modern chess programming for the users is the analysis of (own or foreign) games. In contrast, tournament statistics or AI research are only „waste products“. But from time to time it is instructive not only to use the current engines for analysis, but also to test them among or against each other. Have the much-praised new NN engines meanwhile been able to take the lead before AB programming? A new engine tournament, held on a domestic AMD Ryzen7-2700X, still shows a blurred snapshot. The conclusion immediately anticipated: NN and AB programs are still equally strong.

Watching modern engines at play sometimes reminds one of one’s own beginner times, when tactics and strategy were still a (chess) book with (at least) seven seals. Fast, precise, complex, deadly – in milliseconds the programs slam such sophisticated moves onto the virtual board that 15 years ago any professional commentator would have been able to elicit an army of double exclamation marks. If he even understood them in all their depth…

30 half moves in a few seconds

Just think, if you consider that the whole game takes only four minutes, these silicon monsters can calculate up to 30 half moves per move on average on fast PCs. And this with such sophisticated algorithms of evaluation and scoring that they hardly ever make mistakes tactically, even at this rapid game tempo. At least none that a human being could recognize without the analytical help of these programs…

So it’s not surprising that nowadays the most common result between chess engines is a draw – regardless of any sophisticated opening books which are supposed to reduce the meanwhile extremely high draw rate in engine tournament mode a bit, but cannot do so significantly. (Cf. also own tournament tests on the subject of opening books).

Neck-and-neck race

The following ranking was generated by 17 of the currently strongest programs in a double round tournament. And the table shows a picture as it is currently to be found in many engine tournaments in the computer chess scene: The AI-Engine LeelaChess-Zero with its networks and the Alpha-Beta-Programs (here represented by SugarR & Brainfish) with their sophisticated chess algorithms are fighting a neck-and-neck race in countless draws:

Schach-Rangliste Schlusstabelle Engine-Turnier 4+2 AMD-Ryzen7-Glarean Magazin

Hardware: AMD Ryzen7 2700X 3.7 GHz – 1024 Mb Hash – 8Cores/16Threads – GPU RTX2080 Software: GUI Fritz 17 – 4min & 2sec reflection time per engine – 5-Moves-Opening-Book – 5-men-Syzygy-Tablebases

Indomitable Leela (Lc0)

The NN program Lc0 25.0 with the neural network „t60-3010“ proved to be unbeatable in this selection: It didn’t lose a single one of its 32 games and won 10 of them – an impressive performance considering the extremely strong opponent field. With 12 wins, the most aggressive network proved to be the „t40-1541“ with Lc0 23.2, and surprisingly, the new Chessbase-NN engine Fat Fritz, which is still ahead of the former World Champion Komodo.
All in all, however, there can be no talk of a winner in the top ten of this ranking, one point more or less decided several ranks forward or backward, and there are only 4 points between the first and tenth-placed program. (The fact that the tournament does not claim any statistical significance need not be emphasized. En masse „games on stockpile“ for statistical purposes are produced on engine portals such as CCRL)

Lavieren like Nimzowitsch

Whoever analytically examines the almost 300 games with regard to NN-specific chess behaviour will find something in various respects. Especially various positional aspects of AI chess play catch the eye.
Regarding the engine tournament in question here a specific „strategic motive“ is taken as an example: The regrouping. Nimzowitsch had already defined – in his groundbreaking strategy book „My System“ – the regrouping of pieces as a central component of his newly introduced chess concept of manoeuvring, and with LeelaChess this stratagem seems to celebrate its joyful beginnings. Mind you, without any human intervention…

Virtuoso handling of the knight

The engine Lc0 (or rather its neural networks) is a grandiose master in dynamically repositioning unfavorably placed figures towards more active positioning. To a far greater extent than her alpha-beta colleagues, Leela strives for permanent optimization of her figure positions. The NN program is particularly virtuoso with its knights.

Below are four examples of how skilfully and efficiently the knights are transferred to stronger squares – even when the tactical complications on the board do not allow for a traditional „Quiescence search„: —> (See the games above)

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (08)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

In der Top-Etage des Fernschachs (08)

von Walter Eigenmann

Selten sind grosse Fernschach-Künstler auch zugleich am realen Brett („On-the-board“) begnadete Turnierspieler. Eine der Ausnahmen war das legendäre Schach-Genie Paul Keres (1916-1975). Das achte Exemplar unserer Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM sei diesem estnischen Multitalent gewidmet.

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. In unserem Falle: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren. Es ist – wissenschaftlich gesehen – nun die absolute Domäne der Maschine, menschliche Intuition und Kreativität scheinen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Schachcomputer - Computerschach - Schachstrategie - Fernschach - Schachanalysen - Kasparov-Tischcomputer - Glarean Magazin (Brilliant Correspondence Chess Moves)
Im Fernschach gehen Computer und menschliches Gespür eine einzigartige Symbiose ein.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des computergesteuerten Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Stockfish & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Meister allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Multitalent mit genialem Gespür: Paul Keres

Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.
Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.

Der Palmarès des estnischen Weltklasse-Schachspielers Paul Keres ist schlicht beeindruckend. Obwohl er den Griff nach der höchsten Schachkrone, dem Weltmeister-Titel, stets um Haaresbreite verpasste – man nannte Keres auch den „ewigen Zweiten“ -, liest sich die lange Liste seiner internationalen Turniererfolge wahrlich fulminant. An nicht weniger als vier Kandidatenturnieren belegte er jeweils den zweiten Rang – seine unzähligen Siege an Open- und Goldmedaillen bei Olympia-Turnieren noch gar nicht erwähnt.

In jedem Schach-Segment Weltklasse

Insbesondere am Anfang seiner internationalen Turnier-Karriere war Paul Keres auch ein erfolgreicher Fernschachspieler. Und ein fleissiger obendrein: Nach eigener Aussage spielte er bis zu 150 Partien gleichzeitig. In dieser Phase bereicherte er die Eröffnungstheorie um zahlreiche, noch heute angewandte Varianten. Gleichzeitig war er – mit über 200 Studien – der wohl produktivste Problemschach-Komponist unter seinen damaligen Grossmeister-Kollegen. Und als ob das noch nicht genug wäre, stammen aus seiner Feder ca. 40 teils umfangreiche Schachbücher. Zugespitzt zusammengefasst: Paul Keres war nicht einfach ein Meisterspieler, er war Schach!

Intuition und Berechnung

… sind gerade im Fernschach die unverzichtbaren Basics des erfolgreichen Schachspiels. Gewiss spielt hier die Präzision des Variantenberechnens – bzw. der geübte Umgang mit den enormen taktischen Möglichkeiten der neuesten Schachsoftware! – eine viel grössere Rolle als im On-the-board-Spiel direkt am Turnierschachbrett. Gleichzeitig wäre aber der FS-Spieler aufgeschmissen, wenn er sich ausschliesslich auf die Maschine mit deren begrenzendem Horizonteffekt und nicht auch auf sein Stellungsgefühl verliesse.

Paul Keres - Schach-Grossmeister - Glarean Magazin
Geniales Schach-Multitalent: Paul Keres

Paul Keres war auf beiden Gebieten meisterhaft unterwegs, wie er auch an der Fernschach-Meisterschaft 1935 seines Heimatlandes Estland bewies. Hier kam es in seiner Partie gegen Paul Rinne (1889–1946) zur untenstehenden Stellung, wo dem berühmteren der beiden Pauls ein unwiderstehlicher Durchbruch am Königsflügel gelang. Voraussetzung des Angriffs war die Abriegelung auf der anderen Seite des Brettes – eine Stellungssituation, die erst das Augenmerk auf den wahren Schauplatz des Geschehens lenkte, um dort die konkreten Operationen einzuleiten.

Auch hier sind es also einmal mehr grundsätzliche Überlegungen, indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 08

FEN-String: r3rnk1/pp3pbp/3p1np1/q1pPp3/2P1PPb1/1PN3P1/PB1QN1BP/R4RK1 w – – 0 14

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden.
Um die Aufgabe selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist ihr der zugehörige FEN-String vorangestellt.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach und Computer auch über KI-Forschung: Ist das Schach im Jahre 2035 gelöst?

Das Schach-Osterei 2020: Weiss hält remis

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Frohe Ostern!

Weiss hält remis

Schach-Osterei 2020 - Chess Easter Egg - Walter Eigenmann - Glarean Magazin
Mit dem Schach-Osterei 2020 wünscht Ihnen das GLAREAN MAGAZIN ein frohes Osterfest!

FEN-String: 3kbb2/2r3r1/1n5q/1p5n/1R5P/1R5N/2Q3B1/3NBK2 w – – 0 1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach auch den Report über die Schachzeitschrift „Rochade Europa“

Hier geht’s zur Lösung des Schach-Osterei 2020 (—> weiterlesen)

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Frauen-Schach-Weltmeisterschaft 2020

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Ju Wenjun verteidigt ihren WM-Titel

von Walter Eigenmann

Gestern ging in der „Blue Hall“ der FEFU-University von Vladivostok die Frauen-Schach-Weltmeisterschaft 2020 der FIDE zuende. Die amtierende Weltmeisterin Ju Wenjun verteidigte den Titel gegen ihre Herausforderin Aleksandra Goryachkina knapp mit einem Playoff-Resultat von 2½-1½, nachdem die vorausgegangenen regulären Partien ein Unentschieden von 6-6 gezeitigt hatten.

Die zwei Weltklasse-Spielerinnen fochten ihr WM-Match, dessen erste Hälfte im chinesischen Shanghai und anschliessend im russischen Vladivostok ausgetragen wurde, auf einem insgesamt sehr hohen Niveau aus. Jede der insgesamt 16 Partien war hart umkämpft, das längste Game dauerte gar über 100 Züge. Dazu motiviert mag auch das verhältnismässig hochdotierte Preisgeld haben: 300’000 Euro bekam die Gewinnerin, immerhin noch 200’000 die Unterlegene.
Dabei erwiesen sich die beiden Grossmeisterinnen als absolut ebenbürtig. Sechs der zwölf Partien endeten remis, die anderen sechs teilte man sich in je drei Siege.

Die amtierende Schach-Weltmeisterin Ju Wenjun (links) schickt sich zum ersten Zug an, gespannt erwartet von ihrer Herausforderin Aleksandra Goryachkina. Im Hintergrund die iranische WM-Schiedsrichterin Shohreh Bayat.
Die amtierende Schach-Weltmeisterin Ju Wenjun (links) schickt sich zum ersten Zug an, gespannt erwartet von ihrer Herausforderin Aleksandra Goryachkina. Im Hintergrund die iranische WM-Schiedsrichterin Shohreh Bayat, deren „Kopftuch-Skandal“ an der WM nicht nur in ihrem Heimatland, sondern auch in der Schachwelt für hitzige Diskussionen sorgte…

Knapper Sieg im Tiebreak

Im gestrigen Playoff hatte das Duo den Titelgewinn in vier Schnell-Partien mit je 25 Minuten Bedenkzeit auszumachen.
Goryachkina war dem Sieg im ersten Spiel sehr nahe, und auch im zweiten Spiel dominierte sie, aber die Herausforderin konnte ihren Vorteil in beiden Fällen nicht umsetzen.
Beim dritten Angriff tischte Ju Wenjun die gleiche Eröffnung wie im ersten Spiel auch, allerdings mit einer Verbesserung, die ihr eine aggressivere Vorgehensweise erlaubte und schliesslich den vollen Punkt einbrachte.

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Im letzten Spiel hatte die Russin also mit den weißen Figuren zu gewinnen. Dementsprechend setzte sie alles auf eine Karte, wagte ein Bauernopfer, um die Initiative ergreifen zu können. Aber ihre ältere und erfahrenere Gegnerin gab das Material zurück und vermochte die Balance bis zum Remis zu sichern, was ihr genügte, die Krone zu behalten. ♦ [Walter Eigenmann]

Nachfolgend einige Top-Shots aus den 16 Games. (Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet ein Analyse-Fenster, wo sich auch das betr. PGN-File downloaden lässt).
Hier kann man alle Partien im PGN-Format runterladen.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Chinesisches Spitzenschach auch über das Super-GM-Turnier in Danzhou 2017

… sowie über den Titel-Gewinn von Ju Wenjun vor zwei Jahren: Chinesische Dominanz gefestigt

Halloween Chess Puzzle 2018

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 2 Minuten

Das süß-saure Schach-Bonbon

von Walter Eigenmann

Die Nacht vor dem katholischen Hochfest Allerheiligen (1. November) liegt insbesondere bei den englischsprachigen Ländern jeweils ganz in den Händen des eingebildeten Schreckens und Grauens. Zumindest seit 1978, als der Film „Halloween“ den Serienmörder Michael Myers bei der Arbeit filmte. Hier ein weniger grauenvolles, aber nicht minder rätselhaftes Geschehen: Das Halloween Chess Puzzle 2018…

Die längst bis zur Absurdität kommerzialisierten Volksbräuche rund um das „Halloween“-Fest, ursprünglich in Irland angesiedelt, dann nach Amerika exportiert und schließlich wieder nach Europa rübergeschwappt, sehen insbesondere erleuchtete Kürbis-Fratzen vor und singend-bettelnde Kinder, die mit Gesichtsmasken und schlechten Zähnen von Haus zu Haus ziehen mit dem Spruch: „Gebt Süßes, oder es gibt Saures!“

Selbstverständlich hat auch das Schach seine Halloween-Highlights – beispielsweise die nachstehende Studie („Weiß zieht und gewinnt“). Unser diesjähriges Halloween-Bonbon ist erschreckend schwierig verpackt, das Entsetzen über seine Beinahe-Unlösbarkeit jagt Schauer der Verzweiflung über die Rücken der Schachfreunde wie der Schachprogramme. Die Glarean-Redaktion wünscht wohliges Figuren-Gruseln! ♦

Halloween-Chess-Puzzle-Oktober 2018-Glarean-Magazin
FEN-String: 1N6/2pp4/3k1P2/p7/1pK1P3/5P1P/3r2N1/8 w – – 0 1
Studie von I. Akobia & M. Garcia 2013

Die Auflösung des Rätsels mit Analysen hier: —> weiterlesen

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Halloween auch das Halloween-Schachproblem vom 31. Oktober 2009

… sowie zum Thema Schachstudien aus der Reihe „Das Schach-Alphabet“: Buchstabe B

Weiterlesen

Ju Wenjun ist die neue Schach-Weltmeisterin

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 6 Minuten

Chinesische Dominanz gefestigt

von Walter Eigenmann

Dass das Königliche Spiel in China nicht nur eine wachsende Popularität genießt, sondern in den letzten Jahren auch eine enorm wachsende Qualität aufweist, hat das Glarean Magazin bereits im Artikel über das Super-GM-Turnier in Danhou dokumentiert. Im Bereich des Frauenschachs ist die chinesische Dominanz inzwischen definitiv Realität geworden. Die Chinesin Ju Wenjun ist die neue Schach-Weltmeisterin, ihr kürzlich beendeter WM-Zweikampf weist die 27-jährige Großmeisterin aus dem Reich der Mitte als knappe, aber durchaus verdiente Siegerin gegen die amtierende, doch schließlich mit 4,5:5,5 Punkten unterlegene Landsmännin Tan Zhongyi aus.

Steile Form-Kurve nach oben

Jun Wenjun - Schach-Weltmeisterin - Glarean Magazin
Ju Wenjun heißt die neue Frauen-Schach-Weltmeisterin (geb. 1991)

Ein schachlich unbeschriebenes Blatt ist die junge Chinesin selbstverständlich nicht. Ihr Palmarès kann sich sehen lassen: 2009 Großmeister-Titel (WGM) der Frauen, fünf Jahre später der noch wertvollere GM-Großmeister-Titel; dazwischen Erste und Medaillen-Plätze an diversen internationalen Einzel-Turnieren und im chinesischen National-Kader. Besonders spektakulär ihr Sieg an der Women’s World Rapid Chess Championship 2017 – notabene ohne eine einzige Partie verloren zu haben. (Bei den Männern gewann diese letztjährige Schnellschach-WM übrigens der indische EX-Weltmeister Viswanathan Anand).

Amüsante PR-Schach-Events

Jeden Zug des Greifarmes mit einem Lächeln quittiert und dann doch verloren: Ju Wenjun an einer Rahmenveranstaltung der WM 2015 in Sochi bei einer Blitzpartie gegen den Roboter
Jeden Zug des Greifarmes mit einem Lächeln quittiert und dann doch verloren: Ju Wenjun an einer Rahmenveranstaltung der WM 2015 in Sochi während einer Blitzpartie gegen den Roboter

Die taktisch versiert und sehr solide spielende, vor allem aber mit enorm tiefem Schachverständnis gesegnete Schnelldenkerin ist auch abseits des Brettes gegenüber telegenen bzw. TV-PR-wirksamen Schach-Events ziemlich aufgeschlossen. Hübsch und meist smart lächelnd macht sie vor Kameras und bei Interviews stets eine gute Figur, ist in Past-Game-Kommentarrunden eine gefragte Gesprächspartnerin. Und wer die Karriere der umtriebigen Großmeisterin aus Shanghai zum Beispiel auf dem Video-Kanal Youtube etwas recherchiert, stößt auf amüsante Episoden. Etwa wenn Ju Wenjun auf Schach-Messen in Show-Blitzpartien gegen surrend-quitschende Roboterarme antritt, dabei jeden scheinbar „bizarren“ Zug des Blechdings mit Lachen quittiert – allerdings am Ende doch sang- und klanglos die Waffen strecken muss. Natürlich wiederum mit einem charmanten asiatischen Lächeln im Gesicht…

Positioneller Erfindungsreichtum

Nichts zu lachen hatten und haben allerdings die jeweiligen Gegnerinnen der frisch inthronisierten Weltmeisterin. On the board führt Ju Wenjun eine nicht so sehr scharfe, als vielmehr eine positionell nachhaltige Klinge, die unscheinbarste Vorteile in starke Initiative umzumünzen vermag. Das Spiel der neuen Weltmeisterin ist also weniger spektakulär denn effizient, nicht der taktische Holzhammer, sondern das strategische Florett ist ihr Ding.
Ihre WM-Gegnerin Tan Zhongyi erwies sich als überraschend hartnäckige, größten Widerstand leistende Zweikämpferin. Das Schlussergebnis aus den zehn Begegnungen scheint denn auch eine bloß hauchdünne Überlegenheit der neuen Weltmeisterin zu deklarieren…

Die Überlegenheit der Siegerin Ju Wenjun war deutlicher, als das knappe Endresultat von 5,5 : 4,5 vermuten lässt
Die Überlegenheit der Siegerin Ju Wenjun war deutlicher, als das knappe Endresultat von 5,5 : 4,5 vermuten lässt (Tabelle: Wikipedia)

…doch der erste Blick trügt. Trotz der fünf Remisen waren fast alle Partien dieses WM-Matches umkämpft, wobei Ju Wenjun nicht nur schachlich überlegen, sondern auch mit dem etwas besseren Match-Nervenkostüm ausgestattet schien. Jedenfalls kam die sympathische Chinesin – glaubt man umfangreichen Analysen der Computer – in keinem der Games wirklich in ernsthafte Bedrängnis (die beiden Verlustpartien natürlich ausgenommen), sondern hatte jeweils mindestens ausgeglichene oder eben vorteilhafte Stellungen auf dem Brett. Die letzte Partie hätte sogar nochmals zugunsten der WM-Siegerin ausgehen können, weil Gegnerin Tan Zhongyi unbedingt gewinnen musste und darum mit der Brechstange agierte, doch Ju Wenjun ließ gut sein und fuhr ihren knappen Vorsprung nach Hause. (Informative Runden-Bulletins zu diesem Match finden sich übrigens auf der Nachrichten-Seite des Chessbase-Portals).

Ein paar strategische Top-Shots

Nachstehend seien ein paar interessante – nicht taktische, sondern strategische – Top Shots der frischgebackenen Frauen-Weltmeisterin vorgestellt. (Die zehn WM-Games im PGN-Format lassen sich hier downloaden). Um das Bild abzurunden, enthält die Auswahl auch Stellungen aus früheren Partien Ju Wenjun’s.♦

Ein Mausklick in die Notation bzw. Kommentare generiert ein Analyse-Diagramm; Mit anschließendem Klick in den Button ganz rechts lässt sich die Partie als PGN-Datei runterladen.

FEN-String: rq3rk1/1bpnnpb1/1p4pp/p3p3/P1N1P3/1PPB1N2/4QPPP/R1B1R1K1 w

FEN-String: 1r1q1rk1/pp5p/2p1p1bn/5p2/1bPP2p1/1NNB4/PPQ2PPP/R3K2R w

FEN-String: rb1qr1k1/1p1b1pp1/1n3n1p/pN1p4/P2P4/2P2N2/1PB3PP/1RBQR1K1 b

FEN-String: r2qr1k1/pb1pnppp/np1Bp3/b1pP4/2P1P3/P2B1N2/1P3PPP/RN1Q1K1R w

FEN-String: 1k2r2r/pppn2p1/3b1n1p/8/2q5/2N3P1/PPQB1PBP/2R2RK1 w

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FEN-String: 2r2rk1/5pp1/3p1n2/4pPbp/Np1qP3/1P1Q2PP/2P3B1/1R1R3K b

FEN-String: 5rk1/5ppp/q3pnb1/3p4/2P5/1Q2PN2/1P1N2PP/4R1K1 b

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Strategische Pläne im Schach auch über
Reinhold Ripperger: „Gegenspiel“

Weitere Links zum Thema Chinesische Schachspieler:
Die chinesische Mauer hielt, die chinesische Hüfte nicht

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (07)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

In der Top-Etage des Fernschachs (07)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Schachcomputer - Computerschach - Schachstrategie - Fernschach - Schachanalysen - Kasparov-Tischcomputer - Glarean Magazin
Die Drucksensoren des uralten „Kasparov“-Tischrechners kämpfen mit einer Stellung Fischer-Petrosjan (7. Match-Game 1971)

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.
Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Unser siebtes BCCM-Exemplar – siehe unten – ist ein Damenendspiel, sein Fokus liegt aber auf dem materiellen Ungleichgewicht „Turm gegen Läufer“. Eine extrem schwierige Stellung, die vom Menschen präzise Intuition (was nur scheinbar ein Widerspruch ist) und von der Maschine sehr breites und tiefstes Rechnen erfordert. Auf den ersten Blick scheint Schwarz komplett chancenlos zu sein. Und legt man diese Stellung den führenden Computerschach-Programmen vor, bestätigen sie diesen Eindruck und wähnen den Nachziehenden im hoffnungslosen Aus, mit Negativ-Bewertungen zwischen 3 bis 5 Pawn-Points. Mehr noch: je länger man die Engines an der Aufgabe knabbern lässt, desto höher werten sie die Gewinnaussichten des Weißen.
Als Beleg sei der Analyse-Output der Assembler-Engine „AsmFish“ aufgeführt, des zurzeit schnellsten Derivats des führenden Progammes „Stockfish-9“:

Analyse AsmFish 2018-04-08:
[...]
23/44 00:02 27'059k 13'389k +2.59 Db5 Te1 Ld4 Dd2 Da4 Td1 Le5 De2 Df4 Tg1 Kg8 [...]
[...]
31/52 00:26 376'407k 14'435k +3.18 Db5 Te1 Ld4 Dd2 Lf6 De2 Db6 Tb1 Db4 Tg1 Ld4 [...]
[...]
42/54 04:17 3'324'992k 12'914k +3.67 Db5 Te1 Kg8 Dc2 Lf6 De2 Db7 Tb1 Dc6 Dxg4 Dc2 [...]
[...]
48/58 07:20 5'494'019k 12'462k +3.74 Db5 Te1 Kg8 Dc2 Lf6 De2 Db7 Tb1 Dc6 Dxg4 Dc2 [...]
[...]
49/65+ 18:04 13'475'747k 12'430k +4.00 Db5 Te1 [...]
Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Während also hier der Computer auch nach viertelstündigem Rechnen (auf einem Intel7-3.6Ghz mit 8 CPU’s)  versagt, sucht die findige Kreativität des (Fernschach-)Menschen nach jenem einen Strohhalm, der die Stellung wie durch ein Wunder doch noch ins Remis zu retten vermag. So der russische Großmeister Gregory Sanakoev, der als Schwarzer in dem Post-Jubiläumsturnier CAPA 1999 gegen seinen argentinischen GM-Kollegen Roberto Alvarez die einzige Chance entdeckt, nämlich die Option „Ewiges Schach“. Der weiße König wird mittels Läuferopfer aus seinem Bau geholt und mit Nonstop-Schachgeboten übers ganze Brett hin unter Dauerfeuer genommen, bis ihm schließlich „die Puste ausgeht“; auf offenem Feld hat der Hase keine Chance gegen seinen Jäger.

Auch hier sind es also einmal mehr grundsätzliche Überlegungen, indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 07

FEN-String: 7k/6p1/p5p1/4b3/6p1/8/PP2q1QP/K5R1 b

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden.
Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach auch die neue Biographie von Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (06)

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In der Top-Etage des Fernschachs (06)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Internationale Fernschach Karte Glarean-Magazin
Seit dem Web-2.0 und seinen Online-Mail-Turnieren deutlich weniger im Einsatz, doch noch immer verwendet in Randregionen: Die Internationale Fernschach Karte

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – allerdings nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Die kommerzielle Engine Houdini des belgischen Programmieres Robert Houdart in ihrer aktuellen Version 6.03 zählt zu den stärksten Schachprogrammen der Welt und wird von den FS-Spitzenspielern auf der ganzen Welt bei Intensiv-Analysen häufig hinzugezogen.
Die kommerzielle Engine Houdini des belgischen Programmieres Robert Houdart in ihrer aktuellen Version 6.03 gehört zu den taktisch stärksten Schachprogrammen überhaupt und wird von den FS-Spitzenspielern auf der ganzen Welt bei Intensiv-Analysen häufig hinzugezogen.

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Die untenstehende Stellung entstammt der E-Mail-Fernschach-Europameisterschaft vor fünf Jahren und wurde zwischen dem estnischen Meisterspieler Tönu Talpak und dem noch um 100 Elo-Punkte stärkeren Russen Enver Efendiyev generiert.
Setzt man die Position den modernen Schachprogrammen vor, hegen die meisten von ihnen keinerlei Argwohn gegenüber der weißen Stellung. Praktische alle Engines meinen eine ausgeglichene Position vor sich zu haben und bewerten minutenlang mit mehr oder weniger „0.00“.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Doch findige CC-Köpfe wie Efendiyev interagieren mit der Tiefenberechnung des Computers so lange, bis die Stellung nach und nach ihre Geheimnisse preisgibt – und dann entweder wirklich „totgerechnet“ ist oder aber die versteckte Ressource preisgeben musst. Hier hat Weiß keinen spektakulären Winner in petto, aber mit dem von den meisten Programmen lange übersehenen1), nach 15 oder 30 Minuten dann doch präferierten Bauernzug 22… b3 sichert er sich eine nachhaltige Initiative. (Frühere Buch-Kommentatoren redeten in solchen Fällen von „minim besser“). Die Stellung ist für Schwarz nicht nachweislich gewonnen, aber der Bauernvorstoß ist die stärkste Option, die Alternativen bereiten Weiß keine Sorgen).
1)Gibt man den Programmen genügend Zeit für eine Daueranalyse (z.B. 60 Minuten auf durchschnittlicher Hardware), dann bevorzugen und halten sie schliesslich doch den Partie-Zug einigermaßen eindeutig (aber einer Tiefe von ca. 40 Halbzügen). Als Beispiel hier das Analyse-Ergebnis der Engine „AsmFish“ (ein Assembler-Derivat der zurzeit unbestritten stärksten Schach-Engine „Stockfish“):
1. =/+ (-0.34): 22…b3 23.Dc1 Sh5 24.Lxe5 Lxe5 25.Sxc4 Lxg3 26.De3 Lf4 27.Dxb3 De7 28.Sb6  […]
2. = (0.00): 22…Sh5 23.Lxe5 Lxe5 24.Sxc4 Lxg3 25.hxg3 Sxg3+ 26.Kh2 Sxf1+ 27.Lxf1 De5+ 28.Kh1  […]
3. = (0.00): 22…c3 23.bxc3 Sh5 24.Lxe5 Lxe5 25.Sc4 Lxg3 26.hxg3 Sxg3+ 27.Kh2 Sxf1+ 28.Lxf1  […]

Auch hier sind es also oft grundsätzliche Überlegungen (= „Einschnüren des Gegners“), indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 06

FEN-String: 2r1qrk1/3b1pb1/p2p1np1/3Pn3/Ppp1PB2/5PPp/1PQNB2P/R2N1R1K b

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch:
Die besten Engines der Welt

… und zum Thema Schachprogrammierung:
Interview mit dem Rybka-Programmierer Vasik Rajlich

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (05)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

In der Top-Etage des Fernschachs (05)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

IBM - Superrechner - Deep Blue vs Kasparow - Glarean Magazin
Mit dem legendären Match von WM Garry Kasparow gegen den IBM-Superrechner Deep Blue im Jahre 1996 in Philadelphia – das der Weltmeister spektakulär verlor – begann eine neue Ära des Computerschachs.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.
Eines der aktuell stärksten, sogar dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen Paroli bietenden Schachprogramme ist die Freeware-Engine Stockfish.

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Die untenstehende Stellung ist dem (bereits bei dem BCCM Nr. 5 zu Ehren gekommenen, stark besetzten) Zinser Memorial 2014 (Email-Turnier des ICCF) entnommen und entstand zwischen dem Deutschen Fernschachmeister 2009-2014 Adrian Schilcher und dem polnischen Fernschach-Großmeister Zbigniew Szczepanski.
Setzt man die Position den modernen Schachprogrammen vor, hegen die meisten von ihnen keinerlei Argwohn gegenüber der schwarzen Stellung. Praktische alle Engines meinen eine ausgeglichene Position vor sich zu haben und bewerten minutenlang mit mehr oder weniger „0.00“.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Doch findige Köpfe wie der deutsche Spitzenspieler Schilcher interagieren mit der Tiefenberechnung des Computers so lange, bis die Stellung nach und nach ihre Geheimnisse preisgibt – und dann entweder wirklich „totgerechnet“ ist oder aber die versteckte Ressource preisgeben musst. Hier hat Weiß der Verführung des verflachenden Läuferschlagens zu widerstehen und stattdessen den Sperr-Zwischenzug Le4 zu entdecken, um genügend Zeit zu finden für seine tödlichen Operationen auf der h-Linie, in Verbindung mit späteren Abzug-Angriffen eben dieses Sperr-Läufers.

Meist sind es grundsätzliche Überlegungen, indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 05

FEN-String: r3r1k1/1b3qp1/p2p2p1/1pp3B1/n2b4/2PB1P2/PPP3Q1/1K2R2R w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch:
Die besten Engines der Welt

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (04)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

In der Top-Etage des Fernschachs (04)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.
Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini
Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Während das erste Beispiel der neuen BCCM-Serie von Testaufgaben noch verhältnismäßig „human“ war (wenngleich nicht im wörtlichen Sinne…), sind die nachfolgenden Puzzles von ganz anderem Kaliber.
Die untenstehende Stellung ist dem Zinser Memorial 2014 (Email-Turnier des ICCF) entnommen und wurde von den beiden CC-Spitzenspielern Valentin Iotov (Bulgarien) und Liviu Neagu (Rumänien) generiert.
Setzt man die Position den modernen Schachprogrammen vor, hegen die meisten von ihnen keinerlei Argwohn gegenüber der schwarzen Stellung; Stockfish & Co. attestieren hier sonnigste Ausgeglichenheit und deklarieren den Remis-Ausgang.

Der 29 Jahre junge Bulgare Valentin Iotov ist nicht nur Fernschach-, sondern auch FIDE-Großmeister (hier an einem Turnier 2007).
Der 29 Jahre junge Bulgare Valentin Iotov ist nicht nur Fernschach-, sondern auch FIDE-Großmeister (hier an einem Turnier 2007).

Doch des FS-Großmeisters Gespür für verborgene Optionen schlug hier Alarm: Ein für den Königsangriff komplett gerüstetes und optimal positioniertes Figuren-Arsenal des Weißen wartet nur darauf, die völlig passive und nur notdürftig verteidigte Königs-Festung des Schwarzen in Trümmer zu legen. Erschwerend für den Nachziehenden kommen eine weit entlegene, vom Geschehen isolierte schwarze Dame und die weißfeldrigen Rochade-Schwächen hinzu, während der Angreifer seine gesamte schwerste Artillerie aufgefahren hat. Es „riecht“ geradezu in solchen Konstellationen nach Explosion – und dafür hat der Mensch „eine Nase“, im Gegensatz zur Maschine. Also sucht er weiter, länger, tiefer – und wird fast immer fündig…

Dies alles sind grundsätzliche Überlegungen, deren (meist gut verborgenen) Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus von der Maschine. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen also, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 04

FEN-String: 4nr1k/pp1r2p1/5p1p/2p1PR2/P1B3RQ/3P4/2P3KP/q7 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch:
KI-Forschung: Ist das Schach im Jahre 2035 gelöst?
… und lesen Sie zum Thema Schach das
Interview mit dem Schachlehrer Alexander Frenkel

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (03)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

In der Top-Etage des Fernschachs (03)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.
Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini
Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Während das erste Beispiel der neuen BCCM-Serie von Testaufgaben noch verhältnismäßig „human“ war (wenngleich nicht im wörtlichen Sinne…), war das zweite und ist nun auch das dritte BCCM-Puzzle von einem anderen Kaliber. Die Stellung ist der ICCF-Fernschach-Olympiade 2012 entnommen und wurde von den beiden Spitzenspielern Daniel Fleetwood (USA) und Yoav Dothan (Israel) generiert.

Noch scheint in der untenstehenden Stellung „alles im Lot“. Der Anziehende hat, wie schon der erste Blick zeigt, allerdings die größere Mobilität und die bessere Königsstellung. Aber wie geht es weiter, wo ist die verborgene Ressource? Der Weiße fällt nun eine weitreichende Entscheidung, die nicht von (noch so tiefer kalkulierter) Taktik, sondern von strategischer Zielsetzung geprägt ist: Mit einem Bauernopfer – die Materialbilanz des Weißen ist eh schon zu seinen Ungunsten – sollen am Königsflügel alle Schleusen für die lauernden Schwerfiguren geöffnet werden. Es ist aber Eile geboten, sonst konsolidiert sich Schwarz und führt weiteres Verteidigungsmaterial heran.
Dies alles sind planerische Überlegungen, deren gut verborgenen Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus von der Maschine.
Die weitsichtige Planung des Menschen also, dieses detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 03

FEN-String: 2rq1bk1/pb6/n1p1pp2/1p4rp/3PP2R/PNN2PP1/2Q1B3/3R1K2 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema BCCM auch
Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (04)

Computerschach: Godzilla Endgame Chess Puzzles (4)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Die Grenzen der Schachprogramme

von Walter Eigenmann

Die „Godzilla Endgame Chess Puzzles“ (GECP) sind eine neue Serie von extremen Monster-Endspiel-Aufgaben für Schachprogramme. Diese für die (meisten) Engines nicht innerhalb „nützlicher Frist“ (= ca. eine Minute) lösbaren Puzzles zeigen schonungslos die Grenzen auf, die das schier unerschöpfliche Königliche Spiel immer noch auch den modernen und vielgerühmten Schach-Engines zieht.

Fidelity Chess Challenger 1 (Chicago Januar 1977)
Für den 40-jährigen „Fidelity Chess Challenger 1“ (Chicago Januar 1977) viel zu schwierig: Die Godzilla Endgame Chess Puzzles 2017

Denn sie legen den Finger auf all die strukturellen Wunden, die Schachsoftware trotz ausgefeilter Programmierung nach wie vor aufweist: Zugzwang, Horizonteffekt, Endspiel-Wissen, Tablebase-Anbindung, Festung, Blockade und Mattfindung sind hier die Stichworte.

Endspiel-Knowhow der Engines gefordert

Der Begriff des Endspiels wurde dabei recht weit gefasst: Bewusst wurden vereinzelte Aufgaben auch aus der Partiephase Übergang ins Endspiel aufgenommen, um gerade in diesem Bereich den Einfluss der diversen Endgame-Tablebases zu minimieren bzw. das Endspiel-Knowhow der Engines zu fordern.

Die Godzilla Stellungen 13-16

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

FEN-String: 8/qp1N1bn1/3p4/Bn1p2R1/3pp2k/6R1/1pp1KP2/8 w

FEN-String: 4B3/2N4p/p6p/2N5/8/1p2pk2/1P6/n5nK w

FEN-String: 3R4/4K1b1/8/N1n1k3/n1R1pp2/2P3P1/2N1p1P1/q7 w

FEN-String: 6k1/2p3p1/B4R1P/R3P2K/4p1pP/P3q3/1Qp5/2r4r w

Studien und Fernschach-Stellungen

Die Serie veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen jeweils ein Quartett von besonders „monströsen“ Exemplaren. Ein großer Teil der Sammlung stammt aus dem Genre der Schach-Studie (wobei auf eine gewisse Nähe zur „realen Partie“ geachtet wurde), andere Stellungen sind der Meisterpraxis des Fernschachs sowie Analysen von aktuellen Engine-Turnieren selber entnommen worden. Weniger ergiebig sind hingegen (historische oder moderne) Großmeister-Turniere, da deren Partien mit zu vielen taktischen Fehlern behaftet sind und darum der tiefenanalytischen Untersuchung mit heutiger Software nicht mehr standhalten.
Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Computerschach-Porgramme auch den grossen Report: Die besten Engines der Welt (2)

… sowie zum Thema Testaufgaben über die 4. Version des Swiss-Test mit „avoid moves“

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (02)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

In der Top-Etage des Fernschachs (02)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Einer der Urväter des modernen Computerschachs: Der IBM-Großrechner Deep Blue von 1996 (Match-Sieger 1997 gegen Weltmeister Garry Kasparow) - Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM
Einer der Urväter des modernen Computerschachs: Der IBM-Großrechner Deep Blue von 1996 (Match-Sieger 1997 gegen Weltmeister Garry Kasparow)

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

20 Jahre nach Deep Blue: Das mächtige Open-Source-Projekt Stockfish (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
20 Jahre nach Deep Blue: Das mächtige Open-Source-Projekt Stockfish

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Das Forschungslabor „Fernschach“

Während das erste Beispiel der neuen BCCM-Serie von Testaufgaben noch verhältnismäßig „human“ war (wenngleich nicht im wörtlichen Sinne…), ist das zweite BCCM-Puzzle von einem anderen Kaliber. Die Stellung ist einer ICCF-Fernschach-Partie des E-Mail-Turniers „Sevecek Memorial“  entnommen, die zwischen dem spanischen CC-Großmeister Ángel-Jerónimo Manso-Gil und dem finnischen CC-GM Auno Siikaluoma ausgetragen wurde.

In der Nahschach-Turnierszene ergab sich die untenstehende Stellung (aus der Tschigorin-Variante des „Spaniers“) schon öfters, wie entspr. Recherchen zeigten, wobei der Weiße praktisch immer auf g4 schlug und das Spiel damit oft verflachte. Den starken Springer-Zwischenzug nach h2 führten Fernschach-Großmeister in die Praxis ein – Manso-Gil war dabei nicht der erste Spieler, der ihn anwandte; in meiner Datenbank fand ich noch eine ICCF-Partie Sizov-Krivtsov aus dem Jahre 2009 mit 19.Sh2 – wohl das Vorbild von Manso…)
Jedenfalls ist diese BCCM-Stellung ein schönes Beispiel dafür, wie das Forschungslabor „Fernschach“ die Eröffnungstheorie nachhaltig weiterführen kann. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 02

FEN-String: r2qrbk1/1b1n2p1/p2p3p/1ppP4/Pn2P1p1/R4N1P/1P1N1P2/1BBQR1K1 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Correspondence Chess auch das
Interview mit Fernschach-Großmeister Arno Nickel

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Computerschach: Godzilla Endgame Chess Puzzles (3)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Die Grenzen der Schachprogramme

von Walter Eigenmann

Die „Godzilla Endgame Chess Puzzles“ (GECP) sind eine neue Serie von extremen Monster-Endspiel-Aufgaben für Schachprogramme. Diese für die (meisten) Engines nicht innerhalb „nützlicher Frist“ (= ca. eine Minute) lösbaren Puzzles zeigen schonungslos die Grenzen auf, die das schier unerschöpfliche Königliche Spiel immer noch auch den modernen und vielgerühmten Schach-Engines zieht.

Für den 40-jährigen „Fidelity Chess Challenger 1“ (Chicago Januar 1977) viel zu schwierig: Die Godzilla Endgame Chess Puzzles 2017
Für den 40-jährigen „Fidelity Chess Challenger 1“ (Chicago Januar 1977) viel zu schwierig: Die Godzilla Endgame Chess Puzzles 2017

Denn sie legen den Finger auf all die strukturellen Wunden, die Schachsoftware trotz ausgefeilter Programmierung nach wie vor aufweist: Zugzwang, Horizonteffekt, Endspiel-Wissen, Tablebase-Anbindung, Festung, Blockade und Mattfindung sind hier die Stichworte.

Endspiel-Knowhow der Engines gefordert

Der Begriff des Endspiels wurde dabei recht weit gefasst: Bewusst wurden vereinzelte Aufgaben auch aus der Partiephase Übergang ins Endspiel aufgenommen, um gerade in diesem Bereich den Einfluss der diversen Endgame-Tablebases zu minimieren bzw. das Endspiel-Knowhow der Engines zu fordern.

Die Godzilla Stellungen 9-12

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

FEN-String: 8/7p/2p5/p7/K1B5/6pR/6nN/6qk w

FEN-String: 5B2/1p1nNp2/8/1P2R3/3p3q/8/p1K1P1Q1/k3b3 w

FEN-String: R7/8/p3R3/3p4/5n2/K7/4P3/4kn2 w

FEN-String: 3q3N/1p5k/5B2/8/1p2p1Rp/1P5K/p3PP2/8 w

Studien und Fernschach-Stellungen

Die Serie veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen jeweils ein Quartett von besonders „monströsen“ Exemplaren. Ein großer Teil der Sammlung stammt aus dem Genre der Schach-Studie (wobei auf eine gewisse Nähe zur „realen Partie“ geachtet wurde), andere Stellungen sind der Meisterpraxis des Fernschachs sowie Analysen von aktuellen Engine-Turnieren selber entnommen worden. Weniger ergiebig sind hingegen (historische oder moderne) Großmeister-Turniere, da deren Partien mit zu vielen taktischen Fehlern behaftet sind und darum der tiefenanalytischen Untersuchung mit heutiger Software nicht mehr standhalten.
Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Testaufgaben auch die Schachstudie von Mihai Neghina: Die Widerspenstige

… sowie zum Thema Studien aus der Reihe „Das Schach-Alphabet“: Buchstabe D