Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst

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Schach im Zentrum des Ästhetischen

von Walter Eigenmann

Die beiden geistesgeschichtlichen Ausprägungen Schach und Kunst ideell miteinander in Beziehung zu setzen ist heutzutage trivial. Denn diese zwei Kulturphänomene haben, nach beiderseits vielhundertjährig dokumentierter Historie, derart viel an sozial wirksamer Ästhetik angehäuft, und der Fundus an Kunstwerken, den die Maler, Bildhauer, Musiker, Literaten und Filmemacher zum Thema Schach generiert haben, ist derart beeindruckend, dass es längst selbstverständlich geworden ist, Schach und Kunst in einer Linie zu denken. Auch die spezifische Legierung „Fernschach und Kunst“ reiht sich vielfältig in diese Tradition ein.

Manfred Herbold - Fernschach und Kunst - Cover - Glarean MagazinBeschränkt man die beiden Begriffe Schach und Kunst erst mal auf jene 64 Felder, deren Brett für wahre Schach-Adepten die Welt bedeutet, könnte einerseits über Schach-Kunst, andererseits über Kunst-Schach geredet werden. Beides manifestierte sich in legendären Partien und in berühmten Studien. Wer im Netz entsprechend recherchiert, gerät an hunderte eindrückliche Protagonisten bzw. Urheber dieser beiden „Richtungen“.

Aufregende symbiotische Beziehung

PC-aufgepeppter Springer mit Widder-Horn: Bild von Rosmarie Pfortner zu ihrem ersten Zug Sg1-f3
PC-aufgepeppter Springer mit Widder-Horn: Bild von Rosmarie Pfortner zu ihrem ersten Zug Sg1-f3

Doch hier soll die Rede sein von einer dritten, oben bereits erwähnten Beziehung der kulturgeschichtlichen Manifestationen Schach und Kunst zueinander, nämlich vom Schach als Gegenstand von Kunst. Denn das ist just das Thema eines neuen Bildbandes namens „Fernschach und Kunst“, der unterm Motto „Symbiose aus Kunst – Schach – Literatur“ von Manfred Herbold herausgegeben wurde. Das Buch ist quasi die Abschlussarbeit zu einer Fernschach-Partie zwischen den zwei Bildenden Künstlern Rosemarie J. Pfortner und Helmut Toischer, wobei die beiden Kontrahenten jeden ihrer Schachzüge mit eigenen Kunstwerken buchstäblich untermalten.

Idee und Initiative zu einem solchen bildnerisch drapierten Korrespondenz-Schach-Projekt gehen auf Uwe Bekemann vom Deutschen Fernschachbund zurück. Bekemann selber in seinem Vorwort zum Buch: „Wenn zwei Künstler Fernschach spielen und ihre Züge um begleitend geschaffene Kunstwerke bereichern, entsteht ein neues, sehr eigenständiges Kunstwerk. Die Bilder können Gefühle ausdrücken, Brettsituationen künstlerisch interpretieren, das Tagesgeschehen kommentieren und mehr. So entsteht eine Symbiose aus Fernschach und Kunst“.

96 mal Schach und Kunst

"Der Boden hat sich geöffnet": Bild von Helmut Toischer zu seinem letzten Zug Kb8-a8
„Der Boden hat sich geöffnet“: Bild von Helmut Toischer zu seinem letzten Zug Kb8-a8

Der erste Zug wurde im Dezember 2013 von Pfortner mit Weiß gespielt, und im Internet erhielt die Partie sogleich eine eigene, von der interessierten Leserschaft emsig frequentierte Webpräsenz – Zug um Zug abwechselnd versehen mit Zeichnungen, Collagen und Grafiken. Toischer gab schließlich im Dezember 2017 das Game im 48. Zug auf: „Der Boden hat sich geöffnet, der Sturz in die Tiefe konnte nicht mehr verhindert werden…“ Wen die ganze, schachlich wechselhafte, aber durchaus amüsante Partie interessiert, kann sie hier nachspielen und als kommentiertes PGN-File downloaden.

Maler, Grafiker, Schachspieler: Helmut Toischer
Maler, Grafiker, Schachspieler: Helmut Toischer

Der neue Hochglanz-Band „Fernschach und Kunst“ dokumentiert alle 96 Kunstwerke und erweitert den künstlerischen Aspekt noch um das Literarische. Denn ein eigens zur Partie ausgeschriebener Literaturwettbewerb zeitigte diverse Kurzprosa-Texte zu einzelnen Schachzügen, u.a. von Jan Rottmann, Marina Vieth, Sylvia Bauer-Pendl, Wolfgang Breitkopf und Michaela Lang.

Malerin, Porträtistin, Schachspielerin: Rosemarie J. Pfortner - Glarean Magazin
Malerin, Porträtistin, Schachspielerin: Rosemarie J. Pfortner

Das Buch ist drucktechnisch und layouterisch sehr ansprechend gestaltet und liest sich anregend. Die Vielfalt der künstlerischen Motive ist verblüffend, wobei die beiden Künstler phantasievoll und kontrastreich, aber nie experimentell unterwegs sind. Pfortners stilistischer Fokus lag dabei offensichtlich bei der grafischen Collage und beim Portraitieren berühmter Schachgrößen, während sich Toischer v.a. zeichnerisch dem Gegenstand Schach näherte und dabei betont Partie-situativ vorging.

Würdiger Abschluss eines originellen Projektes

FAZIT: Von 2013 bis 2017 spielten die beiden Bildenden Künstler Rosemarie J. Pfortner und Helmut Toischer in aller Öffentlichkeit eine Fernschach-Partie – und garnierten dabei jeden ihrer Züge mit einer eigenen Zeichnung, Malerei oder Grafik. Abschluss und Höhepunkt dieser „Weltneuheit“, wie diese vierjährige, reich bebilderte Partie von Initiant Uwe Bekemann (vom Deutschen Fernschachbund) genannt wurde, ist nun ein schön konzipierter, kontrastreicher Bildband, der alle 96 Schachzüge der beiden Schach-Künstler und ihre ebenso vielen Bilder kollektierte. Herausgeber Manfred Herbold ist ein anregend gestaltetes, auch noch mit Schach-Literarischem ergänztes Buch gelungen.

„Fernschach und Kunst“, von Herausgeber Manfred Herbold sorgfältig betreut und in den Medien präsentiert, ist zweifellos ein würdiger Abschluss eines FS-Projektes, das damals etwas vollmundig, aber durchaus korrekt als „Weltneuheit, die es zuvor auf der Erde in dieser Form noch nicht gegeben hat“ angekündigt wurde. Der Band fügt dem schon bestehenden riesigen Fundus an historischem Bild-Material zum Thema Schach eine weitere interessante Facette hinzu. Wer als Schach- oder als Kunst-Freund über den Rand des Brettes bzw. der Staffelei hinausblicken möchte, wird es also mit Gewinn in sein Regal stellen. ♦

Manfred Herbold (Hrsg.): Fernschach und Kunst – Symbiose aus Kunst-Schach-Literatur, Partie und Bilder von Rosemarie J. Pfortner & Helmut Toischer; Vorworte von S. Busemann (BdF), U. Bekemann, M. Stenzel (Saarländische Schachkultur); 144 Seiten Hochglanz, ISBN 978-3-947648-12-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zur Kulturgeschichte des Schachs auch über die
Schachzeitschrift Caissa: Magazin für die schachhistorische Forschung

Günter Lossa: Der entscheidende Zug (Schach)

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50 attraktive Schach-Kombinationen

von Thomas Binder

Der frühere Bundesligaspieler und Chefredakteur des „Schach-Report“ Günter Lossa meldet sich mit dem schmalen Bändchen „Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff“ auf dem Buchmarkt zurück, welches genau das enthält, was der Titel verspricht: 50 Schachpartien, die allesamt mit einer attraktiven Mattkombination enden.

Günter Lossa - Der entscheidende Zug - Beyer Verlag - Cover - Glarean Magazin
Günter Lossa: Der entscheidende Zug, Beyer Verlag

Um es vorweg zu nehmen: Angesichts des unschlagbar günstigen Preises und der gefälligen Aufmachung kann man sich beim Kauf dieses Buches eigentlich nicht vertun. Es spricht zudem eine breite Zielgruppe an. Wer gerade die Anfangsgründe des Schachspiels erlernt hat, wird mit den Aufgaben zwar überfordert sein, kann sie anhand der Lösungsbesprechung aber mit reichem Erkenntnisgewinn erarbeiten. Manches Mattbild muss man eben einmal gesehen haben, um es im passenden Moment wieder zu erkennen.

Sehenswerte Partien dem Vergessen entrissen

Der durchschnittliche Vereinsspieler sollte sich bereits der Herausforderung stellen, die Aufgaben lösen zu können. Er wird an vielen Stellen erfolgreich sein, an anderen die Hilfe des Autors benötigen. Fortgeschrittene Spieler oberhalb eines Wertzahlniveaus von etwa 1700 können manche Partie als Fingerübung zwischendurch probieren oder eben einfach in den Texten schmökern.
Unter den vorgestellten Partien findet der Kenner neben vielem, was er schon anderswo gesehen hat, auch manche sehenswerte Partie, die sonst wohl in Vergessenheit geraten wäre.

Spieler und Turniere interessant vorgestellt

50 attraktive Schach-Kombinationen bis zum Matt in Lossa's "Der entscheidende Zug"
50 attraktive Schach-Kombinationen bis zum Matt in Lossa’s „Der entscheidende Zug“

Lossa präsentiert die 50 Aufgaben jeweils auf einer Buchseite, beginnend mit einem großen Diagramm der kritischen Stellung. Dann folgt ein einführender Text. In genau angemessenem Umfang werden die Spieler vorgestellt und wird auf das betreffende Turnier eingegangen. Der Leser wird damit auf die Partie eingestimmt. Danach folgt deren bisheriger Verlauf als Kurznotation. Auf diesen Absatz hätte man gut und gerne verzichten können. Der Leser wird sich ohnehin an der abgebildeten Stellung orientieren. Den vorhergehenden Partieverlauf nachzuspielen, bringt ihm nicht viel, fehlen doch hier jegliche Kommentare und Varianten. Abschließend stellt Lossa dann die Mattaufgabe, an der sich der Leser versuchen soll.
Die Antworten findet er dann im letzten Teil des Buches. Meist füllen je drei Lösungen eine Seite. Auch hier trifft Günter Lossa das richtige Maß. Seine Kommentare und Varianten beantworten alle Fragen. Besonders angenehm fällt auf, dass der Autor auch den Lösungsbesprechungen jeweils ein kleines Diagramm spendiert, und zwar keine plumpe Wiederholung der Aufgabe, sondern ein zusätzliches Stellungsbild an einer entscheidenden Verzweigung oder im Zuge einer längeren Mattführung. So kann auch der weniger geübte Leser die Zugfolge problemlos „vom Blatt“ verfolgen.

Material aus den 1980er Jahren

Fazit: Angesichts der gefälligen Aufmachung und des hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnisses liegt mit „Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff“ ein Buch vor, das Schachspieler (fast) jeder Spielstärke mit Genuss und Gewinn lesen können. Die kleinen inhaltlichen Ungenauigkeiten sind dem Alter der Texte geschuldet und lassen sich leicht korrigieren.

Liest man die Texte etwas genauer, entsteht freilich der Eindruck, dass hier älteres Material (vielleicht aus einer Zeitungskolumne?) recycelt wurde. Die jüngsten Partien stammen vom Anfang der 1980er-Jahre und auch der Text ist inhaltlich auf diesem Stand geblieben. Da wirkt einiges dann merkwürdig „aus der Zeit gefallen“. Die Schacholympiade wird als Mannschafts-WM bezeichnet, Fernschach wird per Postkarte gespielt und die Spitzenklubs der Bundesliga heißen neben Solingen (es gibt also noch Konstanten) noch Porz und Bayern München. Hier und da sind auch missverständliche Formulierungen zu beklagen. Hugo Hussong war gewiss nicht einer der „wenigen“ bekannten deutschen Schachmeister, sondern eben einer der „weniger“ bekannten.
Bei einer Neuauflage sollte man sich also der Mühe unterziehen, die Texte aus heutiger Sicht zu aktualisieren. Dann kann man diesen informativen und angenehm lesbaren Absätzen mit ihren aufschlussreichen Fakten noch besser vertrauen. ♦

Günter Lossa: Der entscheidende Zug zum zwingenden Mattangriff, Joachim Beyer Verlag, 80 Seiten, ISBN 978-3-95920071-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Aufgaben auch die neue Serie
Godzilla Endgame Chess Puzzles

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik (Schach-Biographie)

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Innensicht eines Weltmeisters

von Dr. Mario Ziegler

Die prägende Gestalt des im März diesen Jahres in Berlin ausgekämpften Schach-Kandidatenturniers war – neben dem späteren Sieger Caruana – nach allgemeiner Ansicht der russische Exweltmeister Wladimir Kramnik, der zwar am Ende nur Platz 5 belegte, aber durch seine unternehmungslustigen Partien sehr zum Unterhaltungswert dieser denkwürdigen Veranstaltung beitrug. Im Rahmen dieses Kandidatenturniers wurde auch eine Biographie präsentiert von Carsten Hensel: Wladimir Kramnik, und der Autor war langjähriger Manager Kramniks. Der 1958 geborene Dortmunder wagte nach Tätigkeiten im Organisationskomitee der Tischtennis-Weltmeisterschaft 1989 und als Pressesprecher der Stadt Dortmund den Schritt in die Schachszene: Zunächst als Manager des Ungarn Péter Lékó, danach (2002-2009) als derjenige Kramniks. Man darf also intime Einblicke in die Schachwelt zu Beginn des 3. Jahrtausends erwarten – und wird nicht enttäuscht.

Intime Einblicke in die Schachwelt

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik - Aus dem Leben eines Schachgenies - Verlag Die Werkstatt 2018
Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies – Verlag Die Werkstatt 2018

„Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ von Carsten Hensel beginnt dramatisch mit einem der emotionalsten Momente in Kramniks Karriere:
„13. Oktober 2006, 19:10 Uhr, Elista, russische Teilrepublik Kalmückien: Ein Aufschrei zerschneidet die Grabesstille im überfüllten Spielsaal. Topalow hat soeben in der entscheidenden vierten Tiebreak-Partie im 44. Zug einen schweren Fehler gemacht und seinen Turm eingestellt. Kramniks Haltung wird kerzengerade. Miguel Illescas kneift mich ins Bein und flüstert: ‚Wir haben es, das verliert!‘ Kramnik zieht seinen Turm im 45. Zug nach b7, Schach! Topalow stiert einen Moment auf das Schachbrett, schüttelt den Kopf und gibt auf. Kramniks Faust schnellt zum Zeichen des Triumphes nach oben, genau wie er es schon nach seinen epischen WM-Siegen gegen Garri Kasparow und Peter Lékó gemacht hat. Meine Wahnsinnsanspannung macht sich Luft, und das sonst so zurückhaltende Schachpublikum verwandelt das Auditorium des kalmückischen Regierungshauses in ein Tollhaus: Hurra-Schreie, Trampeln und stakkatoartisches Klatschen folgen minutenlang“.
Dieses Zitat ist nicht untypisch: Hensel versteht es, die Dramatik einer Situation zur Geltung kommen zu lassen. Dass er hierbei alles andere als ein unbeteiligter Chronist ist und sehr deutlich Position bezieht, ist selbstverständlich und macht den Reiz des Buches aus.

Die Weltmeister von Steinitz bis Carlsen

Wilhelm Steinitz
Wilhelm Steinitz

Die Biographie ist in 10 Kapitel untergliedert, diese wiederum in mehrere nummerierte Passagen, so dass sich 64 Abschnitte ergeben. Eine Sonderstellung nehmen die Kapitel 1 und 10 ein: Im ersten wird über Kramniks Charakter und seine Sicht auf das Schach gesprochen, im letzten äußern sich zehn Großmeister über den Titelhelden. Im Anhang werden die Weltmeister von Steinitz bis Carlsen in kurzen Portraits gewürdigt sowie eine Übersicht über die bisherigen Weltmeisterschaften gegeben. Für die Schachkundigen sind dies altbekannte Fakten, doch sollte man berücksichtigen, dass das Buch – im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ erschienen, dessen Schwerpunkt ansonsten auf Fußball liegt – sicher auch einen weiteren Leserkreis ansprechen soll. Für diesen ist auch ein angehängtes Glossar typischer Schachtermini nützlich.
Verzichtbar erscheinen mir persönlich die (bis auf Frage- und Ausrufezeichen) unkommentiert abgedruckten WM-Partien Kramniks. Diese ermöglichen es zwar, die eine oder andere zuvor erwähnte Begebenheit auf dem Brett nachzuvollziehen, doch halte ich eine unkommentierte WM-Partie selbst für geübte Schachspieler im Details für äußerst schwer verständlich – von Gelegenheitsspielern ganz zu schweigen.

Mehr Künstler denn Sportler

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Im einleitenden Kapitel wird Wladimir Kramnik – „manchmal chaotisch, manchmal emotional, manchmal genial, aber immer authentisch“ – mehr als Künstler denn als ergebnisorientierter Sportler charakterisiert. Sein Antrieb sei „die Kunst, die Kreativität, die aus dem Spiel entsteht“, er sei „auf der endlosen Suche nach Wahrheit und Schönheit“ im Schach. Passend wird nach diesem Kapitel eine Partie präsentiert, die Kramnik selbst als besonders schön empfindet. Original-Ton Kramnik: „Am Ende hatte ich das Gefühl, eine Sinfonie kreiert zu haben. Wenn es nicht dieses Ende gegeben hätte, wäre das ganze Bild unvollständig geblieben oder die Sinfonie wie ein Kartenhaus eingestürzt. Es ist das Gefühl der Vollendung eines Meisterwerkes, und ich war sehr glücklich.“
Es ist die folgende Partie mit einer spektakulären Königswanderung, die solche Gefühle bei Kramnik hervorrief:

Gewinn nach Königswanderung übers ganze Brett: Die Schluss-Stellung der Partie (2) in Kramnik-Topalow, Amber-Turnier Monte Carlo 2003 (Hier findet sich eine taktische Analyse der Partie durch moderne Schach-Software)
Gewinn nach Königswanderung übers ganze Brett: Die Schluss-Stellung der Partie (2) in Kramnik-Topalow, Amber-Turnier Monte Carlo 2003

Nachstehend eine taktische „Vollanalyse“ der Partie durch das starke Schachprogramm Stockfish (User-Interface: Fritz 16)

Kramnik Topalow - WM 2004 - Glarean Magazin

A propos Partien: Nach jedem Kapitel folgen in der Regel eine, manchmal auch mehrere Partien, zu denen sich Kramnik persönlich äußert. Es sind keine tiefen schachlichen Analysen, sondern eher Gefühle und allgemeine Überlegungen, die ihn zu dem einen oder anderen Zug geführt haben. Diese „O-Töne“ sind sehr interessant, eventuell hätte man seitens des Verlags das eine oder andere Diagramm einfügen können, um die Orientierung zu erleichtern.

Die Karriere chronologisch nachgezeichnet

Wladimir Kramnik - Glarean Magazin
Wladimir B. Kramnik (geb. 1975), Weltmeister 2000 – 2007

Die Kapitel 2-9 zeichnen chronologisch die Karriere Kramniks bis zum Jahr 2009 nach: Seine Kindheit in Tuapse (Region Krasnodar), die ersten Schritte im Schach, seine Aufnahme als 12-Jähriger an der berühmten Botwinnik-Schachschule in Moskau, sein Aufstieg bis zum Gewinn der Junioren-WM 1991 in Brasilien. Im Kapitel „Vom chaotischen Genie“ wird Kramnik als Weltklassespieler gezeichnet, der jedoch noch nicht bereit für den Griff nach der höchsten Krone ist und neben aufsehenerregenden Erfolgen (Olympiasieger mit Russland 1992 mit dem besten Ergebnis am 4. Brett, Gewinn des PCA-Weltcups 1994, im darauffolgenden Jahr als bis dahin jüngster Spieler aller Zeiten Weltranglistenerster) auch immer wieder herbe Rückschläge einstecken musste: 1994 das unerwartete Ausscheiden in den WM-Zyklen der PCA (gegen Kamsky) und der FIDE (gegen Gelfand), 1998 die Niederlage gegen Schirow im Ausscheidungskampf um die Weltmeisterschaft. (Hensel macht als Grund den unsteten und der Gesundheit abträglichen Lebenswandel und mangelnden Ehrgeiz seines späteren Schützling aus).

Metamorphose bis zum Milleniumsieg

Mit dem Kapitel „Von Metamorphose und Millenniumsieg“ nimmt das Erzähltempo ab und die einzelnen Partien treten stärker in den Vordergrund. In diesem Kapitel wird Kramniks Wandel zum WM-Aspiranten und sein für die Öffentlichkeit überraschender Wettkampfsieg 2000 in London gegen Kasparow beschrieben. „Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Schachwelt anerkannte, dass Kramnik in London einfach der bessere Spieler und der Sieg rundherum verdient war. Zu groß war zunächst noch der Einfluss Kasparows auf die Profiszene.“

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den Wettkämpfen, die Hensel selbst als Manager betreute. Das Match gegen Lékó 2004 in Brissago stand wegen gesundheitlicher Probleme Kramniks kurz vor dem Abbruch. In Erinnerung ist der Wettkampf vor allem wegen Kramniks Sieg in der letzten Wettkampfpartie geblieben, durch den er den Titel verteidigte, doch Hensel macht kein Hehl daraus, dass der Russe in etlichen Partien zuvor das Glück auf seiner Seite gehabt hatte. Insbesondere sein angegriffener Gesundheitszustand, der ihn zu einem Besuch der Notaufnahme in Brissago gezwungen hatte, hätte leicht den Ausschlag geben können: „Als er zur [achten] Partie kam, stand Kramnik unter starken Beruhigungsmitteln. Sein Kreislauf war ziemlich durcheinander, und er schwankte die lange Treppe zum Spielsaal hoch. Weder Lékó noch irgend jemand sonst in dessen Team bemerkte die desolate Verfassung des Weltmeisters. Das ist mir bis heute unerklärlich, denn man hätte Wladimir nur in die Augen schauen müssen, und alles wäre klar gewesen.“ Lékó, der zu diesem Zeitpunkt mit 4,5:3,5 führte, entschloss sich zu einem schnellen Remis, und Hensel kommentiert: „Lékó hätte diese Partie einfach nur ausspielen müssen, und ich bin mir sicher, dass der Wettkampf damit praktisch entschieden gewesen wäre.“

Skandale im Wettkampf gegen Topalow

Detailliert werden die Umstände des skandalumwitterten Wettkampfs 2006 gegen Wesselin Topalow geschildert. Bereits anlässlich der vorangegangenen KO-Weltmeisterschaft der FIDE 2005 in San Luis wirft Hensel im Buch dem Bulgaren und seinen Mitarbeitern Danailow und Tscheparinow offen Betrug vor. Während der Weltmeisterschaft 2006 im kalmückischen Elista häuften sich die Vorfälle, die im Streit um die den Spielern separat zur Verfügung gestellten Toiletten kulminierte („Toiletgate„). Hensel sieht hier den auch mit anderen Mitteln wiederholten Versuch der Gegenseite, Kramnik als potentiellen Betrüger hinzustellen. Hensel: „Wir spürten eine nie gekannte Skrupellosigkeit unserer Gegner. Ihnen war es offensichtlich egal, ob Schach oder ihr Image beschädigt werden könnte. Das Einzige, was für sie zählte, war, dieses Match nicht zu verlieren, koste es, was es wolle“.
Letztlich endete der Wettkampf unentschieden, den Stichkampf gewann Kramnik in der eingangs geschilderten Szene und beendete dadurch die Spaltung der Schachwelt in zwei konkurrierende Verbände, die 13 Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte.

Der letzte WM-Kampf Kramniks 2008 gegen Viswanathan Anand ("Der Tiger von Madras"), den der Russe gegen den Inder verlor
Der letzte WM-Kampf Kramniks 2008 gegen Viswanathan Anand („Der Tiger von Madras“), den der Russe gegen den Inder verlor

Kramnik selbst blieb danach allerdings nur ein Jahr Weltmeister, 2007 verlor er den Titel beim WM-Turnier in Mexiko City an den Inder Viswanathan Anand. Hensel, der ihm von der Teilnahme an dem Turnier abgeraten hatte, bemerkt: „Auch heute noch glaube ich daran, dass ein Rücktritt die richtige Entscheidung gewesen wäre.“. So aber kam es 2008 zum letzten WM-Kampf Kramniks, diesmal als Herausforderer Anands in der Bundeskunsthalle in Bonn. Dieser Wettkampf lief von Anfang an zu Ungunsten Kramniks, der letztlich mit 4,5:6,5 vorzeitig unterlag. Nach diesem Wettkampf endete die Zusammenarbeit Kramniks mit seinem Manager.

Einblick in die neuere Schachgeschichte

Für wen ist dieses Buch geschrieben? Natürlich zum einen für alle Fans von Wladimir Kramnik, die viele auch nicht-schachliche Details über ihn erfahren können: Seine Lieblingsfarbe ist blau, er mag doppelte Espressi, sein Lieblingsschauspieler ist Robert de Niro, und er liebt Gemälde des italienischen Impressionisten Amedeo Modigliani. Auch die zahlreichen privaten Farbfotos wissen zu gefallen. Zum anderen werden all diejenigen, die sich für neuere Schachgeschichte interessieren, mit Interesse zu diesem Buch greifen.

Fazit: Carsten Hensels „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ eröffnet einen Einblick in die Schachwelt, der den menschlichen Aspekt des großen Meisters ebenso wenig vernachlässigt wie seine schachgeschichtliche Bedeutung. Eine Monographie, die sich von den meisten anderen Biographien über Schachspieler deutlich abhebt.

Der Autor hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg und spart auch gegenüber der FIDE nicht mit Kritik: „…die FIDE verstand schon damals [1992] wenig bis gar nichts von der Vermarktung des Weltmeisterschaftszyklus und weiterer Topevents. Daran hat sich bis heute nicht sehr viel geändert…“ (S. 36). Und ganz unabhängig davon, wie man selbst zu den geschilderten Ereignissen steht, eröffnet Hensels Werk so einen Einblick in die Schachwelt, die „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ von den meisten Monographien über Schachspieler abhebt. ♦

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies, Biographie, 304 Seiten, Verlag Die Werkstatt, ISBN 978-3-7307-0389-2

Lesen Sie im Glaran Magazin zum Thema Schach-Weltmeisterschaften auch über
André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Weitere Links zum Thema
The last Hurrah

Lyudmil Tsvetkov: Human vs Machine (Schach)

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Glanz und Elend des Anti-Computerschachs

von Walter Eigenmann

Seit den längst vergangenen Zeiten vor ca. 20 Jahren, als die Schachsoftware allmählich das Laufen lernte, sprich von den Programmierern eine ernstzunehmende Spielstärke implentiert erhielten, so dass sie für Normal-Sterbliche und schließlich sogar für Großmeister zur Gefahr wurden, gab es immer auch wieder ehrgeizige Amateur- und Profi-Schachspieler, die sich mit der heraufdämmernden Übermacht der Maschine nicht abfinden wollten. Das Thema Human vs Machine war in aller Munde, und der Begriff des Anti-Computerschachs wurde geboren.

Die Protagonisten des Anti-Computers entwickelten um die Jahrhundertwende herum oft einen beinahe missionarischen Ehrgeiz darin, der tumben Maschine deren strukturellen Schwächen bzw. Grenzen des Berechnens aufzuzeigen. Dem primitiven Schach-Algorithmus des Programmes sollte das hehre Plan-Denken des Menschen gegenübergestellt werden, die taktische Schlagkraft der Engines wurde mit weitsichtiger Strategie bekämpft.
Dementsprechend häuften sich damals in den einschlägigen Online-Foren und Schach-Printmedien die sog. Anticomputer-Partien – verblüffende Siege von (oft auch on-the-board) starken Spielern gegen die seinerzeit aktuellen Engines („Schachmotoren“). Dabei gelangen diesen mit allen Computerschach-Wassern gewaschenen Haudegen immer wieder spektakuläre Gewinne gegen die Silikon-Monster, und die Schachwelt staunte, wo sie doch selber zuhause am heimischen Brettcomputer oder vor dem eigenen PC-Chess-Screen jedes Mal chancenlos blieb…

Der Urvater des Anti-Computerschachs: „Claus Carstens“

Mit diesem Banner in der vor Jahrzehnten weitverbreiteten deutschen Schach-Gazette "Rochade Europa" kündigte der Anti-Computerschach-Experte "Claus Carstens" (Pseudonym) jeweils seine Kolumne an, in der er genüsslich die damals führenden Schachprogramme dem öffentlichen Gelächter preisgab.
Mit diesem Banner in der vor Jahrzehnten weitverbreiteten deutschen Schach-Gazette „Rochade Europa“ kündigte der Anti-Computerschach-Experte „Claus Carstens“ (Pseudonym) jeweils seine Kolumne an, in der er genüsslich die damals führenden Schachprogramme dem öffentlichen Gelächter preisgab.

Eine der meistdiskutierten Persönlichkeiten der damaligen Schachszene war der Computerschach-Kolumnist der vielgelesenen Schachzeitung „Rochade Europa“. Dieser unter dem Pseudonym „Claus Carstens“ schreibende Anticomputer-Spezialist („Die hohe Schule des Computerschachs“) stellte der faszinierten Öffentlichkeit zahlreiche Partien gegen die seinerzeit stärksten Programme vor – mit jeweils vernichtender Bilanz für die Maschine.
Die meisten Schachspieler bis hinauf zum Internationalen Meister hatten bereits damals kaum mehr eine reelle Chance gegen die Top-Engines. Nicht so dieser „CC“, der offenbar wie kein zweiter die Spielweise der Programme analysiert hatte, um dann ihre Löcher in den Algorithmen, ihre „Horizont“-Probleme, ihr positionelles Unverständnis, ihr Defizit bezüglich „Strategie“, ihre Lecks hinsichtlich vielzügigen „Vorausdenkens“ der allgemeinen Lächerlichkeit preiszugeben.

Echte oder gefakte Partien?

Belächelt wurde aber auch „CC“ selber: Ihm wurden gefakte Partien und manipulierte Engine-Settings unterstellt; für manche Computerschach-Anhänger war er überhaupt nur ein Betrüger oder gar ein von der Redaktion erfundenes Phantom zwecks Aufpolierung der Leserquoten. Jedenfalls irgend ein Scharlatan, der aus purer Eitelkeit seine angeblichen Gewinnpartien säuberlich in stundenlanger Arbeit nicht auf dem Brett, sondern „am grünen Tisch“ konstruiert habe. Aber allen Unkenrufen zum Trotz war der Unterhaltungswert des „CC“ ein beträchtlicher, und so mancher Schachfreund dürfte die „Rochade“ vor allem seiner „Hohen Schule des Computerschachs“ wegen gekauft haben…

Wir geben hier eine dieser berühmt-berüchtigten, von „Carstens“ selber oft süffisant bis arrogant kommentierten Partien aus der „Rochade“ wieder (ohne den Carstens’schen Originalton…) – –

Zum interaktiven Nachspielen einfach mit der Maus auf einen Zug oder Kommentar klicken, für den Download der Partie im PGN-Format dann den Button ganz rechts benützen („Downlad the game“)

Tipp: Wer zuhause ggf. noch die gleiche Rybka-Version auf einem (vorzugsweise ziemlich alten) PC installiert hat, kann ja mal die Probe aufs Exempel machen und versuchen, die Züge des Programmes zu rekonstruieren…

Geheimnis um „Claus Carstens“ gelüftet?

Der amerikanische Psychiater und "Geistheiler" Ernest Pecci spielte 125 Partien gegen Schachprogramme und schrieb darüber einen 400-seitigen Report: "Chess - A Psychiatrist Matches Wits with Fritz"
Der amerikanische Psychiater und „Geistheiler“ Ernest Pecci spielte 125 Partien gegen Schachprogramme und schrieb darüber einen 400-seitigen Report: „Chess – A Psychiatrist Matches Wits with Fritz

Viele Jahre später, nachdem „CC“ seine „Umtriebe“ – zumindest in der breiten Öffentlichkeit – längst eingestellt hatte und die „Rochade Europa“ in andere Hände gekommen war, meldete sich im Februar 2017 einer der Administratoren des Schach-Forums „Schachburg“ zu der Causa Claus Carstens“. Unter dem Titel „Geheimnis um Claus Carstens gelüftet“ referierte der Poster auf einen Artikel der Schachzeitschrift „KARL“ in deren Januar-Ausgabe 2016, wonach es sich bei „CC“ um das Alias des starken Meisters Carl Zimmermann handle, der sich die Entwicklung von Strategien zum Schlagen von Schachprogrammen zu einer „Lebensaufgabe“ gemacht habe.

Wie dem auch sei, fest steht jedenfalls, dass sich, seit es Schachprogramme gibt, auch immer wieder Spieler zu Worte meldeten, deren ganzer schachlicher Ehrgeiz im Kampf gegen die „Silikon-Monster“ bestand. Teils publizierten sie ihre Gewinn-Partien öffentlich in Print-Medien bzw. Büchern wie eben „Claus Carstens“ oder auch beispielsweise der US-Psychiater Ernest Pecci, v.a. aber präsentierten sie ihre Trophäen in den einschlägigen Internet-Schachforen.

Ein Pionier gegen „Fritz“ & Co: Eduard Nemeth

Deckte um die Jahrhundertwende viele Lecks der Schachprogramme auf und lehrte sie das Fürchten: Eduard Nemeth
Deckte um die Jahrhundertwende viele Lecks der Schachprogramme auf und lehrte sie in den Internet-Foren das Fürchten: Eduard Nemeth

Bereits einige Zeit vor der oben zitierten Carstens-Partie war nämlich bereits ein anderer Anticomputer-Schachfreund in den deutschsprachigen Foren besonders präsent: Eduard Nemeth, der in den „Gründerzeiten“ des Computerschachs um die Jahrhundertwende zahllose Online-Games gegen die (damals zwar deutlich schwächeren, aber taktisch bereits extrem starken) Engines auf Online-Plattformen (wie beispielsweise dem Chessbase-Server Playchess) ausfocht und nachweislich (bzw. unter „Aufsicht“ vieler Kiebitze) auch eine Menge davon gewann. Und im Gegensatz zu „CC“ machte Nemeth keinerlei Geheimnis um seine Person, sondern teilte, diskutierte und analysierte seine Gewinnpartien immer wieder gerne cora publico.

Mit dem „Trojaner“ gegen den König

Der folgende Link präsentiert einen aufschlussreichen Einblick in die damals gängigen (bzw. damals noch erfolgreichen…) Techniken des menschlichen Kampfes gegen Schachprogramme. Eduard Nemeths Lieblingsopfer war dabei eine Zeitlang das Chessbase-Programm „Fritz“; hier eines von Nemeths repräsentativen Games, das sich durch unwiderstehliche Angriffsfreude auszeichnet:

Primitives ödes Anti-Schach

Hat ein Anti-Computerschach-Anhänger nicht sonderlichen Ehrgeiz, sondern gibt er sich zufrieden mit einem seltenen Remis (oft nach hunderten von Niederlagen…), dann  machen es ihm die Programme auch heute noch recht einfach. Denn sie tun sich immer noch schwer gegen menschliche Blockeure, die das Brett „zubetonieren“. Die folgende Partie von Pablo Ignacio Restrepo gegen das „Stockfish“-Derivat „AsmFish“ (gefunden im „Talkchess“-Schachforum) ist ein schlagendes Beispiel für diesen Typus:

Das besonders hässliche Schlussbild einer besonders hässlichen Schachpartie sei hier ausdrücklich festgehalten…

Zubetonierte Schluss-Stellung einer Anti-Computerschach-Partie von P. Restrepo gegen Stockfish
Zubetonierte Schluss-Stellung einer Anti-Computerschach-Partie von P. Restrepo gegen „Stockfish“ 2017

Never-Ending-Story „Mensch versus Maschine“

Das Thema „Mensch gegen Computer“ ist eine Never Ending Story, auch heutzutage noch, da die aktuellen Programme mittlerweile eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass nicht mal die sog. „Super-Großmeister“ (sprich Spieler mit einer internationalen FIDE-Wertungszahl von über 2750 Elo) eine Chance haben gegen sie – den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen inklusive.
Trotz modernem Overkill der Engines ist das Motiv „Human mind vs Computer brain“ also offenbar nach wie vor virulent. Ein aktuelles Beispiel des Disputs fand sich erst kürzlich wieder im deutschen Forum Schachfeld. Ebenso generiert natürlich das WWW immer wieder Webseiten, die sich schwerpunktmäßig mit „Mensch vs Computer“ befassen. Eine der interessantesten ist „die etwas andere schachseite“ von Andreas Scheele, der „zwischen 4 und 8 Stunden Schach jeden Tag“ (Zitat) trainiert – mehrheitlich gegen den Computer, und das „mit gutem Erfolg“…

Hier eine von Scheeles interessantesten Siegen gegen das einstige Spitzenprogramm „Hiarcs“, gespielt auf dem Chessbase-Server „Playchess“. Hiarcs galt lange Zeit als die am „menschlichsten“ spielende Engine mit viel implentiertem Schach-Know-how:

Lyudmil Tsvetkov gegen den Rest der (Engine-)Welt

Der Bulgare Lyudmil Tsvetkov, 1974 in Pleven geboren, gehört zu den aktuell stärksten Anti-Computerschach-Spezialisten. Zu seinen neueren Publikationen zählen das 3-bändige "Human vs Machine" sowie die Abhandlung "The Secret of Chess".
Der bulgarische Schach-Autor Lyudmil Tsvetkov, 1974 in Pleven geboren, gehört zu den aktuell stärksten Anti-Computerschach-Protagonisten. Zu seinen neueren (und gleichzeitig umstrittensten) Publikationen zählen das 3-bändige „Human vs Machine“ sowie die Abhandlung „The Secret of Chess“.

Es scheint also auch in unserem Zeitalter von „Stockfish“, „Komodo“ und „Houdini“ noch genug Attraktivität vorhanden zu sein für den Menschen, gegen die Maschine ernsthafte Kampfpartien zu spielen. (Wer sich übrigens mit den tieferen Hintergründen des Problemfeldes „Mensch-Computer“ im Hinblick auf das Königliche Spiel näher auseinandersetzen will, dem empfehle ich den Artikel „Warum Schach ein schwieriges Spiel ist“ des deutschen B-Trainers Marcus Wegener).

How to beat Stockfish

Ein ganz besonderes Kaliber unter den heutigen Anti-Computerschach-Experten ist der ehemalige bulgarische Diplomat und heutige professionelle Schachbuch-Autor Lyudmil Tsvetkov. Tsvetkov ist nach eigenem Bekunden noch gar nicht so lange hauptberuflich als Schach-Schriftsteller unterwegs, aber bereits Verfasser von zahlreichen Schachbüchern. Eines davon ist für unser Thema von speziellem Interesse: Seine dreiteilige Monographie „Human versus Machine – How to beat Stockfish and Komodo“, Parts 1-3 veröffentlicht Ende 2017. (Tsvetkov war seinerzeit bei der FIDE mit knapp 2100 Elo gerated, ist aber als Turnierspieler seit Jahren nicht mehr aktiv).

Schlechte Verpackung, guter Inhalt

Mehrere Dutzend eigene Gewinnpartien gegen starke Engines dokumentiert Tsvetkov in seinem "<a href="https://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Ddigital-text&amp;field-keywords=%22Human+Versus+Machine%22&amp;rh=n%3A133140011%2Ck%3A%22Human+Versus+Machine%22">Human versus Machine - How to beat Stockfish and Komodo</a>"
Mehrere Dutzend eigene Gewinnpartien gegen starke Engines dokumentiert Tsvetkov in seinem „Human versus Machine – How to beat Stockfish and Komodo

Bereits der erste Blick auf die drei Bände, die übrigens nur als Kindle-Editionen bei Amazon käuflich sind, zeitigt einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen kommen sie alle betont schlicht, um nicht zu sagen „billig“ daher. Gestaltet mit simpelstem Layout und ebensolcher Typographie, mit (zu großen) Diagrammen in graphisch mäßiger Qualität, die Kommentare verfasst in eher hölzernem Englisch – so weckt „Human versus Machine“ nicht gerade die Kauflust des Schachfreundes. Immerhin ist der Einzelpreis der drei im Amazon-Selbstverlag produzierten E-Books mit je 5 Euro so niedrig, dass rein ökonomisch das Preis-Leistungsverhältnis in der Waage bleibt…

50 Gewinnpartien gegen Stockfish

Inhaltlich hat Tsvetkovs Trilogie aber dann doch deutlich mehr zu bieten, als das äußere Erscheinungsbild erahnen lässt. Sie enthält exakt 50 Gewinn-Partien des Bulgaren gegen „Stockfish“ in den Versionen 4 bis 8 und gegen „Komodo“ in den Versionen 8 bis 10.

Leseprobe 1 aus L. Tsvetkov: "Human versus Machine - How to beat Stockfish and Komodo"
Leseprobe 1 aus L. Tsvetkov: „Human versus Machine – How to beat Stockfish and Komodo“
Leseprobe 2 aus L. Tsvetkov: "Human versus Machine - How to beat Stockfish and Komodo"
Leseprobe 2 aus L. Tsvetkov: „Human versus Machine – How to beat Stockfish and Komodo“

Und um es vorweg zu nehmen: Manche dieser 50 Games sind wirklich interessant; bieten teils sehr unterhaltsames Kampfschach; lassen oft einen aufschlussreichen Blick auf die strukturellen Stärken und Schwächen von Schach-Engines zu. Und vor allem: sie enthalten zahlreiche echte Top-Shot-Züge, die auch von den heutigen Programmen nur sehr schwer aufzuspüren sind, was immer ein Indiz auf „menschliche Beihilfe“ darstellt. Untenstehend finden sich sechs solcher repräsentativen Winning-Moves.

Genies oder Scharlatane?

Wann und wo immer in Büchern oder Online die Gewinner von Partien gegen die Schachprogramme ihre Trophäen publizieren: ihnen weht jeweils heftig der Wind ins Gesicht. Vereinzelten Bewunderern steht immer sofort eine Phalanx von Skeptikern gegenüber, die teils sachlich, oft aber auch polemisch bis hämisch die „angeblichen Gewinne“ als Fakes abtut. Und in der Tat ist es für Outsider so leicht nicht, die in der heimischen Partienküche zurechtgekochte Spreu vom transparent 1:1 ausgespielten und akribisch reproduzierbaren Weizen zu trennen. Denn Schach-Zugfolgen einigermaßen glaubhaft zu manipulieren ist mit heutiger Interface-Schachsoftware, aber auch im „Online-Cheating“ nicht wirklich ein Problem für erfahrene „Experten“. Jedenfalls widerfährt polarisierenden (und polemisierenden) Persönlichkeiten wie Tsvetkov selten eine so differenzierende Würdigung, wie sie ihm der Großmeister David Smerdon auf „Chess News“ von Chessbase kürzlich angedeihen ließ.

Originelles und kampfstarkes Schach

Wenn sich aber dann bei der genauen Analyse der fraglichen Partien regelmäßig eine große Übereinstimmung mit dem Output der betr. Engines (unter simuliert vergleichbaren Bedingungen) in Verbindung mit menschlichen Gewinnzügen herausstellt, dann ist das zweifellos ein Indiz (wenn auch kein Beweis) für die „Echtheit“ der Games. Und dass die Programme auch nach 30 Jahren beeindruckender Software-Entwicklung noch immer ihre „Kinderkrankheiten“ nicht endgültig abgelegt haben bzw. systemimmanente Defizite aufweisen, die von cleveren und kreativen Schachspielern ausgenützt werden können, steht außer Frage. Bevor man also so produktive Anti-Computerschach-Spieler wie Lyudmil Tsvetkov – „I have played over 50 thousand engine games“ (Tsvetkov in seinem Vorwort) – in die Ecke „Cheater“ stellt, sollte man sich sehr genau mit ihren Winning Games auseinandersetzen. Einige besonders originelle seien darum stellvertretend für den „Stil“ des rührigen Bulgaren hier angeführt. Und wie auch immer sie ganz genau nun entstanden sein mögen: sie bieten schönes, starkes, originelles, unterhaltsames Schach – das allein legitimiert sie schon… ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch den Computerschach-Essay von Roland Stuckardt: Too clever is dumb – Kleine Philosophie des Schwindelns

Thomas Luther: Schachtraining – Das U10-Projekt

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Informativ für Kinder- und Jugendschach-Trainer

von Thomas Binder

Der aus Erfurt stammende Großmeister Thomas Luther (u.a. Deutscher Einzelmeister 1993) muss dem Leser nicht mehr vorgestellt werden. In letzter Zeit hat er seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf die Arbeit als Trainer gelegt. Im Impressum wird er als FIDE-Senior-Trainer und Lecturer präsentiert. Mit „Das U10-Projekt“ legt er ein Werk vor, das aus diesem Blickwinkel höchsten Ansprüchen gerecht wird. Dabei passt auch das äußere Umfeld hervorragend: Layout, Lektorat und Schreibstil bestätigen den Gesamteindruck eines sorgfältig erstellten und rundum gelungenen Werkes.

Thomas Luther - Schachtraining für Kids - Das U10-Projekt - Jugendschach Verlag DresdenZunächst sei jedoch mit gleich zwei möglichen Missverständnissen aufgeräumt, die der Titel verursachen könnte. Ich dachte spontan an das aktuell vom Deutschen Schachbund gepushte Projekt zur Ausbildung junger Schachtalente mit sehr hohem Leistungsanspruch durch die Schachschule von GM Jussupow. Dazu hat das vorliegende Buch jedoch ebenso wenig einen Bezug, wie es sich auf die im Titel angesprochene Altersklasse beschränkt. Auch Trainer und Betreuer etwas älterer Schachspieler können aus dieser Arbeit viel Wissenswertes und interessante Anregungen entnehmen.

Fehlerursachen in der Altersklasse U10

Im ersten Teil des Buches stellen Luther und seine Co-Autoren quantitative Ergebnisse ihrer Studie vor. Anhand ausgewählter Deutscher und Welt-Meisterschaften bis zur Altersklasse U10 untersuchen sie das in diesem Alter erreichte Spielniveau und bewerten die Fehlerursachen. Der zweite Abschnitt präsentiert umfangreich (ca. 50 Seiten) und sehr fundiert typische Spielsituationen. Da wird deutlich erkennbar, wo die Defizite junger Schachspieler liegen, und wie man sie gezielt angehen kann. Um die jungen Spieler nicht anhand ihrer schwächeren Leistungen zu „demontieren“, sind diese Partien konsequent anonymisiert, allerdings jeweils durch die Benennung des Turniers und die Angabe von Elo-Zahlen dokumentiert.

Es folgen ca. 120 Seiten unter dem Titel „Unsere Tests“. Für den praktisch orientierten Schachtrainer ist dies sicher der anregendste Teil, kann er doch hier geeignete Aufgaben für seine eigene Arbeit übernehmen. Die insgesamt 230 Teststellungen sind in fünf Gruppen unterteilt, zunächst nach wachsender Schwierigkeit für einzelne Leistungsgruppen, dann in einem separaten Endspiel-Teil. Auch in diesem Kapitel bleiben die Spieler anonym. Die jeweiligen Lösungsbesprechungen können ebenso wie der vorige Abschnitt jeweils für sich als kleine Lektion zum angesprochenen Motiv verwendet werden.

Wissenschaftlich anspruchsvolle Betrachtung

Thomas Luther - Glarean Magazin
Thomas Luther

In einem kürzeren vierten Kapitel „Talent und Wunderkinder“ kehrt Luther zur prinzipiellen und wissenschaftlich anspruchsvollen Betrachtung zurück, stellt seine Gedanken und Erfahrungen zur Diskussion. Ähnlich präsentiert sich das abschließende Kapitel „Training und Trainer“ mit Gedanken zu zweckmäßigen Trainingsansätzen und zur Arbeit des Trainers.
Dazwischen liegt noch ein Abschnitt „Der nächste Schritt“, in dem Luther anhand einiger Positiv-Beispiele (jetzt mit Namensnennung) verdeutlicht, wie man sich den Leistungsfortschritt zur nächsten Altersklasse u12 vorstellen kann. Dieser Vergleich ist freilich nicht ganz widerspruchsfrei: Hatte man in der U10 vorwiegend die Unzulänglichkeiten demonstriert, werden jetzt „leuchtende Einzelbeispiele“ vorgeführt, wo sich doch sicher auch hier noch reichlich „Gepatze“ gefunden hätte.

Betont kritische Beurteilungen

Es gibt wenige Punkte, an denen ich mit dem Autor in kontroversen Dialog treten möchte. So geht er manchmal mit den Spielern allzu hart ins Gericht – vielleicht auch, weil er auf einzelne Partien schaut statt auf ganze Persönlichkeiten. Drastisches Beispiel ist eine – zugegeben grottenschlechte – Partie aus der U10-WM 2014:
1.e4 c5 2.Lc4 Sc6 3.Sf3 a6 4.Sg5(?) e6 5.Df3?? Dxg5 6.d3?? Dxc1 7.Ke2? Sd4#
Luther kommentiert nun u.a: „Kindern auf dieser Anfängerstufe tut man mit einer WM-Teilnahme vermutlich nichts Gutes […] dies hier ist absolut nicht akzeptabel.“
Ich habe mir nun die geringe Mühe gemacht, den Spieler zu identifizieren und etwas genauer hinzuschauen. Es handelt sich um ein Kind aus Kenia. Die vorgestellte Partie ist ein Extrembeispiel, unter seinen übrigen WM-Partien sind durchaus „normale“ U10-Partien. Er hat in diesem Turnier immerhin 4,5 Punkte aus 11 Partien erreicht und sich als einer der jüngsten Spieler im hinteren Mittelfeld platziert. Im Jahr davor vertrat er sein Land bereits bei der U8-Weltmeisterschaft. Der Vergleich beider Turniere zeigt eine deutlich positive Entwicklung des Jungen.

Probeseite aus Thomas Luther: Das U10-Projekt (Schachtraining für Kids)
Probeseite aus Thomas Luther: Das U10-Projekt (Schachtraining für Kids)

Große Leistungsstreuung bei Kindern

Mit Blick auf meine eigenen Trainer-Erfahrungen ist der vorgestellte Fall ein schöner Beleg für zwei Beobachtungen, die ich regelmäßig mache:

  • Kinder dieser Altersklasse haben unabhängig vom absoluten Spielniveau von Partie zu Partie eine enorme Leistungsstreuung. Die „gefühlte“ Spielstärke kann selbst innerhalb eines Turniers um mehr als 500 Elo-Punkte schwanken.
  • Bei unvorhergesehenen Ereignissen reagieren diese Kinder irrational. Rational wäre es gewesen, nach dem ersten Figurenverlust entweder aufzugeben oder mit voller Konzentration und Kampfgeist eine Wende zu versuchen – in dieser Altersklasse keineswegs ein aussichtsloses Unterfangen. Statt dessen wird im Blitztempo weitergespielt und Fehler an Fehler gereiht, bis zum drastischen Ende.

Erst mit der allgemeinen persönlichen Reifung etwa ab der Altersklasse U14 erreichen die jungen Schachspieler auf ihrem jeweiligen Leistungslevel ein „erwachseneres“ Profil und eine größere Leistungskonstanz. Es wäre interessant zu sehen, wenn Luther mit seinem wissenschaftlich geprägten Instrumentarium diese Entwicklungsetappen näher untersucht und entsprechende Schlussfolgerungen anbietet.

Lehrreich und angenehm zu lesen

FAZIT

„Schachtraining für Kids – Das U10-Projekt“ von GM Thomas Luther und Co-Autoren richtet sich vorwiegend an Trainer, die junge und jüngste Schachspieler mit hohem Leistungsanspruch unterrichten. Es bietet fundierte Untersuchungen zur Spielstärke in diesem Altersbereich, untersucht die Fehlerquellen und gibt ihnen eine große Auswahl an Test- bzw. Lehrstellungen an die Hand. Inhaltliches Niveau und äußere Gestalt werden dem hohen Anspruch der Autoren gerecht.

Insgesamt bleibt auch für einen erfahrenen Jugendtrainer ein sehr lehrreiches und angenehm zu lesendes Buch aus einem bislang kaum abgedeckten Wissenssegment. Die Lektüre ist allerdings vor allem in den „theoretischen“ Kapiteln anspruchsvoll, Luther schreibt recht dicht und setzt ständige Aufmerksamkeit und gewisse Vorkenntnisse voraus – für Schachspieler ja wohl keine unbillige Anforderung.
Wichtigste Zielgruppen des Buches sind Kinder- und Jugendschachtrainer. Auch wenn sie über die im Titel genannte Altersklasse hinaus tätig sind, ist das Buch eine fruchtbare Inspiration. Eltern, die ihre Sprösslinge auf dem Start in die Schachkarriere begleiten, bekommen einen Eindruck vom Herangehen eines leistungsorientierten Trainers, sollten sich dabei aber immer über die eigenen Ansprüche im Klaren sein. Nicht jeder wird seine Schützlinge zu einer Deutschen oder gar Welt-Meisterschaft führen, ein Buch wie dieses wird ihm dennoch viele interessante Impulse vermitteln. ♦

Thomas Luther: Schachtraining für Kids – Das U10-Projekt, Jugendschach-Verlag Dresden, 252 Seiten, ISBN 978-3-944710-32-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Jugendschach-Pädagogik und -Forschung auch über
Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach

Interview mit dem Schachlehrer Alexander Frenkel

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

Weg von den Tablets und Spielkonsolen, hin zum Schachspiel

von Thomas Binder

Erneut möchte ich als Schach-Rezensent des Glarean Magazins die Gelegenheit nutzen, das Augenmerk auf die Ausbildung junger und jüngster Schachspieler zu richten. Hatten wir zuletzt mehrfach klassische Lehrbücher kommentiert, geht es diesmal um ein Arbeitsheft der Schachschule München. Autor ist deren Leiter Alexander Frenkel. Da Herr Frenkel uns deutlich mehr zu sagen hat, wollen wir ihn noch selbst zu Wort kommen lassen, werfen aber zunächst einen Blick in das erste Werk, das er nun einem größeren Leserkreis zugänglich macht.

Schach-Zielgruppe: Grundschulkinder

Alexander Frenkel - Warum Schach - Bauerndiplom - Schachschule MünchenDas Arbeitsheft wendet sich an Kinder, die von Grund auf das Schachspiel erlernen wollen, wobei als Zielgruppe wohl ganz klar Grundschulkinder angesprochen sind. Ihnen wird der Grundkanon der Schachregeln nahe gebracht. Alles darüber hinaus bleibt den aufbauenden Lehrgängen vorbehalten.
Dabei hebt sich Frenkels Heft sehr deutlich von anderen Arbeitsheften ab. Die Regeln werden in Reimform erklärt und mit liebevollen Illustrationen versehen. Unmittelbar danach können die Kids ihr Wissen in vielfältigen und vor allem kindgerechten Aufgaben beweisen. Dem Charakter solcher Arbeitsbücher gemäß wird dabei direkt im Heft gearbeitet, es ist also für eine „Einmalverwendung“ gedacht. Einziger Kritikpunkt bleibt, dass Frenkel (wie andere Autoren auch) hin und wieder zwei oder mehr Aufgaben auf einem geteilten Brett darstellt. Dabei muss zuweilen die Trennlinie als Brettrand verstanden werden, was eine direkte Übernahme in andere Trainingsformen (z.B. am Demobrett) erschwert. ♦

Alexander Frenkel: Warum Schach (Bauerndiplom), Arbeitsheft, Illustrationen von Elena Levitina, Schachschule München


Interview mit Alexander Frenkel

Autor Alexander Frenkel ist 48 Jahre alt und stammt aus der ukrainischen Schachhochburg Charkiw. Schon sein Vater gehörte dort in jungen Jahren zur örtlichen Schachspitze. Seit 1993 lebt Alexander Frenkel in Deutschland und leitet seit 12 Jahren die Schachschule München.

Glarean Magazin: Herr Frenkel, Sie stehen für die “Schachschule München”. Können Sie uns dieses Projekt kurz erläutern?

Alexander Frenkel (Geb. 1969)
Alexander Frenkel (Geb. 1969)

Alexander Frenkel: Die Idee des Schach-Lehrens kam durchs Üben mit meinen Sohn Maxim, den ich schon mit 6 Jahren zu den Kinderturnieren gebracht habe. So bin ich 2005 zum Schulschachpatentkurs vom „Schulschach-Vater“ Herrn Lellinger gekommen und bin dafür sogar von München nach Leipzig gefahren. Mein erster Kurs fand direkt in Maxims Grundschule statt. Danach habe ich mich mit einer Internet-Präsenz positioniert und erhalte regelmäßig Nachfragen, die ich alleine mittlerweile nicht mehr bewältigen kann. So helfen Maxim und noch einige schachspielende Studenten aus.

GM: Stellten sich bald Erfolge ein? Können Sie regelmäßig Kinder über das Anfängerniveau hinaus in die Schachvereine und zu Meisterschaften führen?

AF: Sobald die Kinder die Regeln sicher anwenden können, informiere ich die Eltern über passende Kinderturniere. Einige werden dann von der Atmosphäre  mitgerissen und wollen immer teilnehmen. So landen sie oft in den Vereinen. Aktuell, mit dem Chessimo-System (5 Spiele am Tag mit 60min, Aufschreiben und DWZ-Auswertung), werden die Kids noch durch die DWZ zusätzlich motiviert. Einige Kinder aus meinen ersten Kursen (und sie sind mittlerweile 18-20 Jahre alt) spielen immer noch in den Vereinen. (Anmerkung des Rezensenten: Frenkels Schüler haben zahlreiche vordere Plätze bei Meisterschaften und im Schulschach vorzuweisen).

GM: Auf welchen Prinzipien beruht das Training in Ihrer Schachschule? Worin unterscheiden Sie sich von anderen Anbietern?

AF: Es gibt einige Grundsätze, die ich seit Anfang an befolge. Ich bin der Meinung, Schach sollte auf dem Anfänger-Niveau preiswert und für jeden zugänglich sein. So betreibe ich keine eigenen Räumlichkeiten und komme dorthin, wo man wirklich an einem Schachkurs interessiert ist, die Gruppe organisiert und mich dafür engagiert. So bleiben die Kosten für die Eltern sehr übersichtlich.
Des Weiteren sollte der Unterricht strukturiert sein und dafür eignen sich die Lernhefte, wie z.B. Brackeler Lehrgang, die Stufen-Methode und die seit kurzem erhältlichen Kurshefte von Roman Vidonyak, sehr gut.
Ich versuche eine gute Mischung daraus zu machen und bei den fortlaufenden Gruppen immer wieder einen Wiederholungs- bzw. Befestigungs-Kurs „einzubauen“. Ich nehme mir auch die Freiheit, nur die homogenen Kurse anzubieten, d.h. nur auf dem gleichen Niveau. So werden alle Teilnehmer gleichmäßig betreut.
Im Wesentlichen ist mein Unterricht ziemlich klassisch und die Schachstunde besteht aus der Beantwortung der Fragen zu den Hausaufgaben, der Erklärung eines neuen Themas und dem Spielen. Fürs Spielen versuche ich etwa die Hälfte der Zeit anzusetzen.
Ich lasse aber auch das Demo-Brett mal weg, um mit dem Beamer die Stunden abwechslungsreich zu gestalten und ein Schach-Programm oder Schach-Video einzubringen.
Auch auf den Wunsch nach fremdsprachigen Kursen kann ich eingehen. So unterrichte ich Schach regelmäßig auf Deutsch, Russisch und Englisch.

GM: Das vorliegende Trainingsmaterial trägt den Titel “Warum Schach?” Wie lautet Ihre prägnante Antwort auf diese Frage?

AF: Ich bin vom positiven Einfluss des Schachs auf die schulischen Leistungen stark überzeugt und nicht nur durch die Trierer Studie, sondern auch am Beispiel von meinem Sohn. Maxim hat sein Abi mit 1,9 ohne eine einzige Nachhilfestunde gemacht. Auf meiner Webseite entstanden mit der Zeit die sogenannten „Gründe fürs Schach“, die ich kurzer Hand „Warum Schach“ nannte. Diese wurden dann öfters quer durch den deutschen Internetraum bei Vereinen und Schulen übernommen und zitiert. Für das neue Heft habe ich sie in einer kindgerechten Form umgeschrieben und eingebaut. So können die Kinder (aber auch Eltern und Lehrer) nicht nur von Schachkenntnissen profitieren, sondern auch vieles Positive, was Schach mit sich bringt, wahrnehmen.

GM: Die Gestaltung des Materials ist sehr ansprechend, hebt sich von den sonst bekannten Arbeitsheften deutlich ab. Wie sind Sie an die Gestaltung herangegangen? Was ist Ihnen da wichtig?

AF: In meinem Unterricht habe ich immer wieder spontan, beeinflusst durch „Springer am Rande bringt Kummer und Schande“, etwas gereimt.  Da ich in der ersten Anfänger-Stunde die Weizenkornlegende erzähle, um die Vielfältigkeit der Möglichkeiten auf dem Schachbrett zu betonen, suchte ich nach einem Weg für mich, als nicht Muttersprachler in Deutsch, die Geschichte einfach darzustellen. So entstand dieses Gedicht. Ich habe gemerkt, dass das gereimte Wort sich auch bei den Kindern besser einprägt.
Ich unterrichtete die meiste Zeit die Anfänger mit dem „Brackeler Lehrgang“. Die Hefte sind zwar günstig, haben aber für meinen Bedarf zu wenig Aufgaben. So gab ich zu jeder Stunde meine zusätzlichen Arbeitsblätter aus, auf denen ich sowohl eigene als auch einige, meist aus den russischen Schachbüchern gesammelte, Aufgaben habe. Die Idee für das eigene Heft war geboren: die Schachregeln werden gereimt, es kommen mehr Aufgaben rein und das Wichtigste: meine Frau Elena ist zum Glück eine diplomierte Grafik-Designerin, sie kann das Ganze illustrieren. …
Auch wenn ich mich bei vielen Motiven aus der Sicht der Schachtheorie gegen das künstlerische Element meiner Frau durchgesetzt habe, sind wir mit der Zeit zu einem guten Team zusammengewachsen. Und für manche Themen haben unsere Tochter und ich sogar kurz Modell stehen sollen, damit meine Frau ein Foto machen kann, um die entsprechende Pose oder Bewegung besser aufs Papier zu bringen. Elena will immer alles gründlich und perfekt machen. So nahm uns die Illustration für längere Zeit in Anspruch und dauerte ca. 2 Jahre. Die Bilder sind, meiner Meinung nach, auch beeindruckend geworden. (Anmerkung des Rezensenten: Volle Zustimmung!)
„Schachlich“ gesehen kann man für die Anfänger wenig neues erfinden. Wir haben versucht, die Anzahl der Übungen zu erhöhen: teilweise durch das Aufteilen der Diagramme in 2 bzw. 4 Aufgaben, teilweise durch mehr Aufgaben-Seiten und einige Spaß-Übungen, wie Kreuzworträtsel, Labyrinthe und „Malen nach Zahlen“. So kommen wir mit mehr als 300 Aufgaben auf das Doppelte vom „Brackeler Bauerndiplom“. Mein Vater hat hier auch maßgeblich mitgearbeitet und viele Aufgaben, ähnlich denen aus dem Brackeler Heft, entwickelt. Einige wurden von meinen früheren Übungsblättern übernommen.
Die Struktur ist ähnlich geblieben, nur fangen wir nach der „Lellinger-Lehre“ mit der schwierigsten und interessantesten Figur, dem Springer an und fassen die Bauern-Themen Gangart, Umwandlung, En passant nacheinander zusammen. Wie schon beim Brackeler Lehrgang, gibt es einen Testbogen und eine Urkunde. Am Ende haben wir extra eine leere Heftseite für die Kinder, die ein Schachmotiv malen möchten, reserviert.

GM: Der vorliegende Anfängerlehrgang soll zum “Bauerndiplom” führen. Den Begriff kennt man aus der Dortmunder Schachschule. Gibt es da eine Verbindung. Wollen Sie den Namen beibehalten und das Risiko einer Verwechslung eingehen?

AF: Ich nutze selbst oft den Brackeler Lehrgang und finde den Begriff sehr ansprechend. Ich wollte bewusst nichts anderes nehmen und habe sogar versucht herauszufinden, ob der Name geschützt ist. Es sieht aber nicht so aus und es gibt  durchaus weitere genau so genannte Lehrgänge, auch vom DSB.
Da es für Anfänger immer die gleichen Themen und Ziele sind, nämlich, die Grundregeln zu erlernen, sehe ich sogar einen Vorteil darin, dass die Hefte so heißen. Man erkennt schnell, wofür sie sind und jeder Schachlehrer kann problemlos sofort loslegen. Der Begriff sollte für die Schach-Kinder allgemein geltend gemacht werden, wie z. B. das Seepferdchen-Abzeichen fürs Schwimmen.
Anmerkung des Rezensenten: Eine sehr gute Idee! Dieser Gedanke sollte unbedingt weiter verfolgt werden. Damit können sich die „Figurendiplome“ als vergleichbare Leistungs-nachweise sozusagen für die Vor-DWZ-Stufe etablieren.

GF: Wie geht es nach dem Anfängerlehrgang weiter? Ich könnte mir in ähnlich ansprechender Gestaltung auch Arbeitshefte zu anderen Themen vorstellen. Die Kids brauchen das ja, um weiter voran zu kommen.

AF: Es gibt natürlich Pläne für die Fortsetzung. Vor allem möchte ich noch in dieser Form die elementaren Taktik-Motive darstellen. (Anmerkung des Rezensenten: Die Fortführung mit einem Arbeitsheft der wichtigsten Taktik-Motive ist folgerichtig. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann bitte auch ein Heft für die auf diesem Spielniveau wichtigen Endspielthemen.)
Spätestens dann hoffe ich etwas gemacht zu haben, um die Interesse der Kinder von den Tablets, Spielkonsolen, Fernseher und Handys für die kurze Zeit abzuwenden und sie in unsere sonst schwarz-weiße und meist statische Schachwelt zu locken.♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das
Interview mit dem Schach-Autor Jonathan Carlstedt („Die kleine Schachschule“)

… sowie zum Thema Schach-Training über
Cyrus Lakdawala: Winning Ugly Chess

Manfred Herbold: Der Schachtherapeut 2 (Reloaded)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Lehrreich-vergnügliches Schachlesebuch

von Thomas Binder

„Ob Kreisliga oder Weltspitze – einen Schachtherapeuten braucht jeder“ – so ähnlich steht es im Vorwort des neuen Buches „Der Schachtherapeut 2“ von Manfred Herbold. Da ist es gut, dass der umtriebige Schachspieler, -autor und -trainer Manfred Herbold seit Jahren unter dem Label „Schachtherapeut“ zumindest in der schachlichen Internet-Community (aber sicher auch darüber hinaus) bekannt ist. Seine Fans – oder sollten wir sagen: „seine Patienten“? – mussten ganze acht Jahre auf das zweite gedruckte Werk aus seiner Feder warten.

Manfred Herbold - Der Schachtherapeut Band 2 (Reloaded) - EigenverlagNun liegt mit „Der Schachtherapeut 2 – Reloaded“ ein Band vor uns, der an Inhalt und Aufmachung die harmonische Fortsetzung des ersten Bandes dieser Reihe ist. Der Umfang ist gegenüber jenem um ca. 50 Seiten angewachsen. Zwei weitere Bände sind angekündigt, und die Wartezeit soll diesmal deutlich kürzer ausfallen.

Sprachliche Qualität und vergnügliche Inhalte

Den größten Teil des Buches nehmen 20 Kapitel ein, in denen Herbold uns ausnahmslos unterhaltsame und lehrreiche Partien bzw. Partiefragmente präsentiert – mehr oder weniger dicht in launige Texte eingebettet. Vieles wird dabei stilecht in Parodien auf psychotherapeutische Sitzungen verpackt. Dabei begegnen wir Herbolds treuestem Patienten wieder, der auch acht Jahre nach Band 1 offenbar noch nicht austherapiert ist. Dieser Herr Lobrehd erweist sich auf den zweiten Blick als ein Anagramm auf Herbolds eigenen Namen – schöner Beleg für den augenzwinkernd souveränen Umgang des Autors mit der deutschen Sprache. Gerade diese Leichtigkeit macht seine Texte abseits des schachlichen Inhalts zu einem Lesevergnügen, wie man es selten in der Schachliteratur erlebt.
Ein weiteres erfreuliches Wiedersehen gibt es mit den drei „Halls“: Der Hall of Fame (echte Glanzpartien), der Hall of Shame (lehrreiche Fehler, in der Regel vom Verursacher selbst zur Veröffentlichung vorgeschlagen) und der Hall of Luck, in welcher glückliche Fügungen zu einer sehenswerten oder kuriosen Partie geführt haben.
Viele Partien stammen aus unteren Spielklassen oder offenen Turnieren, so bilden sie auch für den erfahrenen Leser neue Entdeckungen. Natürlich hat auch bekanntes Material seinen Platz, wie Mitrofanovs Ablenkung oder die berühmte Studie der Gebrüder Sarychev.

Zahlreiche internationale Gastbeiträge

Manfred Herbold (* 1966)
Manfred Herbold (Geb. 1966)

Das alles ist weit davon entfernt, in die Kategorie „Klamauk“ abzugleiten. Es bleibt immer köstliche, aber ernst gemeinte Unterhaltung. Im Gegensatz zum ersten Band gibt es sogar einige Abschnitte, die man nahezu unverändert in ein klassisches Lehrbuch übernehmen könnte, etwa dort, wo es um gute und schlechte Leichtfiguren geht.
Etwa 40 Seiten sind Gastbeiträgen von Autoren gewidmet, die mit Herbold auf annähernd gleicher Wellenlänge surfen. Soweit erkennbar handelt es sich dabei um bereits veröffentlichte Beiträge von deren jeweiligen Webseiten. Zu diesen Gastautoren gehören „Schachimedes“ Martin Stichlberger aus Wien, „Glarean“ Walter Eigenmann aus der Schweiz, „Schachneurotiker“ Karl Groß, Franz Jittenmaier von chess-international hier (vertreten mit seinem Ruhrpott-Original „Peule“) und Hans-Peter Kraus, dessen Lehrbuch über Fesselungen im Schach eigentlich schon lange eine vollständige Veröffentlichung in Buchform verdient hätte. Weitere Co-Autoren, deren Namen dem Kundigen höchsten Lesegenuss versprechen, sind Gerhard Wetzel, Hermann Krieger, Ulrich Höfer, Rainer Schlenker und Hartmut Metz. Wo hat es eine solche Anthologie deutschsprachiger Schachpublizisten schon einmal gegeben? Wäre das vielleicht sogar ein Ansatz für ein eigenständiges Projekt?

Ideale Ergänzung durch den Cartoonisten Frank Stiefel

Manfred Herbold - Der Schachtherapeut Band 2 (Reloaded) - Cartoons von Frank Stiefel
Cartoon: Frank Stiefel

Neben den Gastautoren ist auf eine Person unbedingt zu verweisen, die einen unschätzbaren Beitrag zum Gelingen dieses Buches geleistet hat: Die meist großflächigen Illustrationen von Frank Stiefel ergänzen den Text ideal, können aber auch eigenständig als Schach-Cartoons bestehen.
Der Vollständigkeit halber sei noch auf den kurzen 3. Teil verwiesen, der mit „Extras“ überschrieben ist. Mit wenigen Ausnahmen hätte man diese Beiträge auch im Hauptteil unterbringen können, so dass sich der Sinn des eigenständigen Abschnitts nicht ganz erschließt.

Nach langer Wartezeit legt "Schachtherapeut" Manfred Herbold sein zweites Buch vor. Er schafft es erneut, den Leser mit köstlich geschriebenen und zudem lehrreichen Geschichten zu fesseln - ein Schach-Lesebuch erster Güte!
Nach langer Wartezeit legt „Schachtherapeut“ Manfred Herbold sein zweites Buch vor. Er schafft es erneut, den Leser mit köstlich geschriebenen und zudem lehrreichen Geschichten zu fesseln – ein Schach-Lesebuch erster Güte!

Der Rezensent hat wenig Kritikpunkte gefunden. Bei einem Werk, dessen Autor die gesamte Produktion in die eigenen Hände genommen hat, ist es geradezu unvermeidlich, dass der eine oder andere Schreibfehler trotz intensiver Korrekturlesung unentdeckt bleibt. Das kann man gut bei einer Neuauflage ausmerzen. Ansonsten sind Layout und handwerkliche Gestaltung absolut professionell gelungen.
Eine Unsitte ist es in meinen Augen, dass Herbold einige Diagramme „kopfstehend“ präsentiert. Natürlich soll sich der Patient – sorry, der Leser – hier mit dem Schwarzspieler identifizieren. Bei Stellungen kurz nach Ende der Eröffnung ist das auch leicht möglich, im Endspiel mit wenigen Figuren und weniger vertrauten Strukturen stiftet dies aber unnötige Verwirrung. ♦

Manfred Herbold: Der Schachtherapeut – Band 2: Reloaded, 220 Seiten, Selbstverlag

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über
Palmer G. Keeney: Das verrückte Schachproblem

Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

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Perfektes Anfänger-Lehrbuch

von Thomas Binder

Kinderschach boomt auf allen Ebenen – und der zugehörige Büchermarkt boomt mit! Es kann kein Zufall sein, dass in letzter Zeit immer wieder Anfänger-Lehrbücher in den Fokus gelangen, die sich gezielt an die jüngste Generation wenden. Merkwürdigerweise wird das im Untertitel fast immer mit der Perspektive „Profi“ verbunden. Auch im Falle des neuen Buches von Claire Summerscale: „Schach – So wirst du zum Profi“. Dabei kommt der „Profi“-Zusatz in der englischen Originalausgabe gar nicht vor. Ein Untertitel wie „Auf dem Weg zum ersten Schachturnier“ erschiene mir passender, aber wäre vielleicht nicht so werbewirksam…

Erfahrene Schach-Trainerin als Autorin

Claire Summerscale - Schach – So wirst du zum Profi - DK-VerlagDie Autorin Claire Summerscale ist eine britische Meisterspielerin mit umfassenden Erfahrungen als Trainerin. Gestützt auf diese Kompetenzen legt sie ein beispielhaft gutes Kinderlehrbuch vor!
Das Besondere an Summerscales Werk ist, dass sie mit wenig Text auskommt und dennoch auf seriöse Weise das erforderliche Schach-Grundwissen vermittelt. Das Buch ist perfekt auf die angedachte Zielgruppe ausgelegt, die der Verlag mit „ab 8 Jahren“ beschreibt und die ich mit einer oberen Altersgrenze bei 11 bis maximal 12 Jahren schließen würde.
Summerscale arbeitet mit großflächigen Grafiken im 3-D-Look. Parallel dazu werden aber auch „richtige“ Schach-Diagramme präsentiert, so dass sich die Kids später in weiteren Schachbüchern gut zurecht finden werden. Einziger Kritikpunkt zu den Abbildungen ist, dass die schwarzen Figuren auf schwarzen Feldern manchmal etwas schwer erkennbar sind, wenn auch auf dem Feld dahinter eine schwarze Figur steht.

Von den Grundregeln bis zur Morphy-Partie

Probeseite aus Claire Summerscale - Schach – So wirst du zum Profi
Probeseite aus Claire Summerscale: Schach – So wirst du zum Profi

Die Trainerin beginnt „from scratch“ mit den Grundregeln (Schachbrett, Figuren, Zugregeln bis Rochade und en Passant, Schach und Matt). In einem weiteren Kapitel folgen ausgewogen dargestellte Grundlektionen (Wert der Figuren, Abtausch, Entwicklung, einfache Matts, Remisregeln). Den größten Raum nimmt das Kapitel „Taktik“ ein. Hier werden die Kids an einfachen und dennoch sehr instruktiven Beispielen mit taktischen Grundbegriffen vertraut gemacht: Gabel, Fesselung, Spieß, Abzugsangriff, Opfer, Entfernen des Verteidigers, Türme auf der 7. Reihe usw. Auch einige attraktive Mattbilder lernen wir kennen, darunter das erstickte Matt, das Grundreihenmatt und das „Matt der Anastasia“. Daran dürften die Kinder ihre reine Freude haben. In allen Kapiteln wird der junge Leser schon mit einfachen – dem gerade erreichten Wissensstand angemessenen – Aufgaben herausgefordert. Die Lösungen findet man im Anhang.
Abgerundet wird das Werk durch die berühmte Partie von Paul Morphy in der Pariser Oper 1858. Diese Kurzpartie wird auf 4 Seiten mit großflächigen Diagrammen vorgestellt. Ich behaupte, wer die vorherigen 63 Seiten aufmerksam gelesen hat, wird sie verstehen und genießen können.

Schachpädagogisch hervorragend abgestimmt

Claire Summerscale legt mit "Schach - So wirst du zum Profi" ein perfekt auf die Zielgruppe (Kinder ohne Schach-Vorkenntnisse bis etwa 11 Jahre) abgestimmtes Anfängerlehrbuch vor. Für Eltern, deren Kids das Schachspiel selbständig erlernen wollen, eine absolute Kaufempfehlung!
Claire Summerscale legt mit „Schach – So wirst du zum Profi“ ein perfekt auf die Zielgruppe (Kinder ohne Schach-Vorkenntnisse bis etwa 11 Jahre) abgestimmtes Anfängerlehrbuch vor. Für Eltern, deren Kids das Schachspiel selbständig erlernen wollen, eine absolute Kaufempfehlung!

Der bis dahin vorgestellte Kanon ist aus der Sicht eines erfahrenen Trainers perfekt auf das Kinder-Anfänger-Training abgestimmt. Das kann man nach Auswahl und Präsentation nicht viel besser machen. Dennoch bleibt ein Wunsch offen. Dem Schach-Endspiel widmet Claire Summerscale nicht die gebührende Beachtung. Es kommen nur die Mattsetzungen mit zwei Türmen (Treppenmatt) und mit der Dame (Patt-Vermeidung) vor. Zum Anspruch des Buches würde es gut passen, hier noch ein klein wenig weiter zu gehen. Spontan fällt mir das Matt mit einem Turm ein. Auch die grundlegenden Kenntnisse zur erfolgreichen Bauernumwandlung kann und sollte man auf diesem Niveau schon vermitteln. Ich denke an die Schlüsselfelder vor einem Bauern, einfachste Ansätze der Oppositionslehre und z.B. die Quadratregel. Das lässt sich im Stile dieses Buches alles hervorragend darstellen und würde vielleicht 6 zusätzliche Seiten erfordern. Diese sollte man bei einer Neuauflage durchaus investieren, denn der Lernende wird schon bei seinem ersten Turnier mit solchen Herausforderungen konfrontiert sein.
Sei’s drum: Die wissbegierigen Schach-Kids werden dieses Buch an einem einzigen Tag verschlingen und dabei wirklich viel lernen. Sie sind dann vielleicht noch keine Profis, aber dem selbstbewussten Start bei einem Kinder-Schachturnier steht nichts im Wege. ♦

Claire Summerscale: Schach – so wirst du zum Profi, Dorling Kinderslev Verlag, 72 Seiten, ISBN 978-3831033454

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kinderschach auch über
Gert von Ameln: Salin und der Schwarze Zauberer

Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

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Bemerkenswerte Musik- und Schach-Novitäten

von Walter Eigenmann

Nikola Komatina: Inspiration – Accordion (CD)

Beim Laien, zumal beim Liebhaber sogenannter „Volksmusik“ haftet dem Akkordeon noch immer der Nimbus des Hummtata-Handorgelns oder des schmalz-kitschigen Shanty-Schifferklaviers an. Als konzertant-virtuoses Solo-Instrument wird es in der breiten Öffentlichkeit noch immer zu wenig wahrgenommen – allenfalls noch in seiner Funktion als Bestandteil von mehr oder weniger ambitiösen „Harmonika“-Orchestern.

Akkordeon-Musik vom Barock bis zur Moderne

Anzeige Amazon: Nikola Komatina (Akkordeon): Inspiration - Werke von Scarlatti, Bach, Moszkowski, Aho und Zabel (GWK-Records)
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Welche facettenreichen Spieltechniken dem Handzug-Instrument Akkordeon jedoch innewohnen, welche vielfältigen Klangspektren es zu realisieren vermag, das beweisen solche Ausnahme-Virtuosen wie der serbische Akkordeonist Nikola Komatina. Bei dem Label GWK-Records hat der 29-jährige, bereits in jungen Jahren mit vielen Preisen ausgezeichnete Virtuose nun sein CD-Debüt erhalten mit der Produktion „Inspiration“ – einer stilistisch sehr heterogenen Zusammenstellung von D. Scarlatti über J.S. Bach und M. Moszkowski bis hin zu Kalevi Aho (1949) und Frank Zabel (1968).
Moderne Musik auf dem Akkordeon: ja – aber auch Barock und Spätromantik? Komatina lässt allen musikgeschmacklichen Puritanismus hinter sich und führt sein Instrument durchaus stilsicher durch die Epochen – dank phrasierungs- und artikulationsreicher Meisterschaft, die den betreffenden Werken weitere Klangoptionen eröffnen.

Dynamische Möglichkeiten des Instruments ausgeschöpft

Komatina weiß dabei genau um die Vorzüge des Akkordeons, wenn er (im Booklet) betont, dass sein Instrument bei barocken Stücken eben Dynamik-Abstufungen realisieren kann, über die das „originale“ Cembalo nicht verfügt(e). Bei Scarlattis Toccata d-Moll K 141 kontrastiert Komatina „stark rhythmisch geprägte“ Passagen mit „gesanglich-weichen“, bei Bachs Englischer Suite Nr. 5 e-Moll BWV 810 wollte er „die einzelnen Töne mit Creschendo und Decrescendo gestalten und die Spannung über mehrere Takte halten“.

Die spieltechnischen Grenzen erreicht

Bis an die spieltechnischen Grenzen des Akkordeons geht Interpret Komatina nicht nur im Caprice Nr. 1 von Frank Zabel, sondern insbesondere auch bei Kalevi Ahos 2. Sonate für Akkordeon „Black Birds“; sogar Virtuose Komatina attestiert diesem Stück, „eines der komplexesten, aufregendsten und schwierigsten Werke der modernen Akkordeonliteratur“ darzustellen. Und sowohl bei Zabel als auch bei Aho kann dabei der Akkordeonist, dessen technische Virtuosität sowohl im rechtshändigen Diskant- wie im linkshändigen Baß-Bereich des Instruments ihresgleichen sucht, hinsichtlich der Klang-Register aus dem Vollen schöpfen: Komatina spielt auf einer großen Konzert-Bugari, deren weites Spektrum der Klappen-Register den klanglichen Anforderungen gerade moderner Komponisten gerecht wird. Von der Imitation von Vogelstimmen (in Ahos „Black Birds“) bis hin zu den komplexen Klangschichten in Zabels „Caprice“ deckt der serbische Künstler eine faszinierend vielfältige und in dieser Intensität noch selten gehörte Spannungsweite moderner Akkordeonmusik ab. ♦

Nikola Komata (Accordion): Inspiration – Werke von Domenico Scarlatti, Kalevi Aho, Johann Sebastian Bach, Frank Zabel und Moritz Moszkowsi, Spieldauer 53:45, GWK-Records

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Akkordeon-Musik auch über die CD des Salon-Orchesters Prima Carezza: Pourquoi, Madame?


Werner Kaufmann: Zwingende Züge (Schach)

Wer nach einem bibliographisch schön aufbereiteten, mit sauber gestaltetem Layout versehenen, mit gut strukturierten Kommentaren bestückten und mit vielen Diagrammen gespickten Schachbuch sucht, wird bei Werner Kaufmanns „Zwingenden Zügen“ nicht fündig. Noch nicht mal eine Print-Ausgabe gibt es von dieser jüngsten Publikation des in der Zentralschweiz recht bekannten Nationalliga-Spielers und Fide-Meisters. Schach-Puristen mit jahrelanger Gewöhnung an den ästhetischen Mainstream der konventionellen Schachbuch-Herstellung lassen also am besten die Finger von diesen „Zwingenden Zügen“.

Schachpädagogisch originäre Denkansätze

Wer aber ausgeleierte, häufig austauschbare Pseudo-Kommentierung verabscheut, stattdessen sehr originäre, mit Eigenleistung generierte Denkansätze schätzt, die schachpädagogisch für Spieler bis ca. 2000 Elo wirklich nützlich sind, der liegt bei Kaufmann goldrichtig. Kaufmanns E-Book nimmt das uralte Evans-Gambit zum Ausgangspunkt modernster On-the-Board-Überlegungen und propagiert Denkwege, die gänzlich ohne (häufig einfach nachgeplapperte bzw. sinnentleerte) Worthülsen wie „Mustererkennung“ oder „Strategie“ auskommen. Anstelle solcher schachpädagogisch meist nebulöser „Anleitungen“ setzt „Zwingende Züge“ auf praktikable und am Brett vom Spieler situativ umsetzbare Anregungen für das Berechnen wirkungsvoller Schachzüge.

„Keine Pläne!“

Werner Kaufmanns Credo, das er bereits in seinem „Keine Pläne!“, dem Vorgänger-Band der „Zwingenden Züge“ proklamierte und nun anhand zahlloser konkreter Lehrpartien und -stellungen des für diesen Zweck optimalen Evans-Gambits dokumentiert, verkündet allen Lernenden:

„Im Schach geht es um drei Sachen:

  1. Drohung ansehen
  2. Alles angreifen
  3. Nichts einstellen“

Am besten zitieren wir Kaufmann ausführlicher:

Patzer glauben viel eher als Grossmeister zu wissen, was gerade zu tun ist, und ordnen ihre Züge irgendwelchen positionellen oder strategischen Zielen unter. Dem gegenüber prüft der GM, was gerade in der Stellung drin ist, versucht sich über seine Optionen Klarheit zu verschaffen und wählt eine dieser Optionen. Kurzum, der Patzer spielt abstrakt, der GM konkret. Ich bin überzeugt, dass ich im Schach nur Fortschritte machen kann, wenn ich mich daran gewöhne, mich von Zug zu Zug um Drohungen und Gegendrohungen zu kümmern, ohne irgendwelche strategischen Ziele zu verfolgen.
Der durchschnittliche Schachspieler hat ungefähr 1600 Elo, was bedeutet, dass die Hälfte aller Spieler weniger Elo hat. Über 1800 kommen 20%, über 2000 10% und über 2200 noch 3% der Spieler. Über 2400 sind es noch ein paar Promille, aber richtig gutes Schach wird erst ab 2600 gespielt. Überlassen wird doch das Planen denjenigen, die Varianten auch korrekt berechnen können…

Eine Kurz- bzw. Zusammenfassung der Kaufmann’schen „Gesetze“ bietet der Autor selber auf seiner Webseite.
Jedenfalls aber ist „Zwingende Züge“ des erfolgreichen Innerschweizer Nationalliga-Spielers und Fernschach- sowie Computerschach-Experten Werner Kaufmann sehr pointiert und auch witzig geschrieben, seine Zuganalysen sind mit modernster Software verifiziert (und korrigieren oftmals auch „fehlerhafte“ Programm-Vorschläge…), die Denkansätze sind äußerst unkonventionell, aber auch äußerst einleuchtend.
Für Turnierspieler, die sich für einmal abseits der üblichen „strategischen“ Verallgemeinerungen bewegen und sich konkret auf die schachlichen Notwendigkeiten einlassen wollen, ist dieses E-Book eine lehrreiche Hilfe im Dschungel des Varianten-Dickichts – und insgesamt eine originelle Ergänzung des Schach-Bücherschrankes. Empfehlung! ♦

Werner Kaufmann: Zwingende Züge – erläutert anhand von Captain William Evans‘ Gambit, e-book (Kindle Edition), 104 Seiten, Damenspringer Verlag

Lesen Sie im Glarean Magazin (quasi als Gegenentwurf) zum Thema „Schachpädagogik“ auch über Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel


Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy (CD)

Das Duo Imaginaire – das sind die Würzburger Konzert-Harfenistin Simone Seiler und der Edinburgher Solo-Klarinettist John Corbett. Gemeinsam realisierten die beiden Künstler ein ganz spezielles Musik-Projekt: „Japanes Echoes“ nennt sich ihre neue CD, die nicht weniger als sechs japanische Komponist(inn)en vorstellt, welche in ihren Werken „antworten“ auf je ein selbstgewähltes Prélude von Debussy. Diese japanische Hommage à Claude Debussy reflektiert vielfältig auch die große Faszination, die Japans und überhaupt die fernöstliche Musiktradition mit ihrer Klangsinnlichlichkeit auf den genialen Impressionisten ausübte.

Sechs unterschiedliche japanische Stil-Ausprägungen

Das halbe Dutzend Werke von Satoshi Minami (*1955), Yasuko Yamagucchi (*1969), Takashi Fujii (*1959), Kumiko Omura (*1970), Takayuki Rai (*1954) und Asako Miyaki (*1967) durchmisst eine weite Bandbreite an Kompositionstechniken und Klangstilen. Jedes der Debussy-Préludes als die vorangestellten Ausgangspunkte der Komponisten aus Japan wurde von dem Duo transkribiert aus dem Klavier-Original in das Klarinette-Harfe-Duett, und über die Legitimation solcher Übertragung eines doch sehr Klavier-fokussierten Impressionismus und dessen klanglich-pianistischen Spezifikationen ließe sich streiten. Doch als Experiment auch im Sinne von „West meets East“ und als Gegenüberstellung sehr unterschiedlicher melodischer und harmonischer Konzepte bei „seelenverwandschaftlichem“ Ansatz hat dies Projekt des Duo Imaginaire seine Berechtigung.

„Eine Art musikalische Haiku“

In seinem Booklet umreißt das Duo die Intention seiner „Japanese Echoes“ folgendermaßen:

Wie wichtig die Tonfarbe für Debussy ist, zeigt sich in der Verwendung seiner expansiven Klangfarbenpalette, die sich auf den Raum oder Umfeld bezieht, nicht jedoch auf die Struktur. Dies geschieht analog zur Shakuhachi-Honkyoku-Tradition, bei der sich der Schwerpunkt auf die Ästhetik eines einzigen Tons konzentriert. Der Klang ist dabei wichtiger als die Struktur. […] Die musikalische Antwort der japanischen Komponist(inn)en ist eine Art musikalische Haiku oder besser Waka (Antwortgedicht). Es lässt das ausgewählte Prélude in einer neuen Perspektive erscheinen und macht dem Hörer den Bezug Debussys zur japanischen Kultur deutlich.

Dass Debussys Klangsinnlichkeit, seine lebenslange Affinität zur fernöstlichen Kultur, seine Sensibilität für Raum und Stille kein westlicher Kontrapunkt, sondern ein imaginatives Pendent zu japanischen Klangtraditionen darstellt, dokumentiert das Duo Imaginaire sehr eindringlich. Hoher Verschmelzungsgrad des Saiten- mit dem Holzblas-Instrument und buchstäblich zauberhafte Klanglichkeit zeichnen diese Ersteinspielungen aus. Dabei durchmessen sie eine vom Pentatonischem bis zum Quasi-Improvisatorischen reichende, teils meditative, teils gestenreiche, rhythmisch oft kaum nachvollziehbar strukturierte, dynamisch aber feinst abgestufte Musik-Palette, deren Kolorit bei aller impressionistischen Orientiertheit die japanische Herkunft nie verleugnet. Das Duo musiziert eindringlich, verfügt über die nötigen Techniken souverän, insbesondere der Klarinettist interpretiert virtuos. Ein sehr anregende Produktion. ♦

Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy, John Corbett (Klarinette) und Simone Seiler (Harp), Spieldauer 57:28, TYX-Art Label

Lesen Sie im Glarean Magazin auch zum Thema „Harfe und Blasinstrument“ über K. Englichova (Harfe) und V. Veverka (Oboe): Impressions, Werke von Ravel, Debussy und Sluka

Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis

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Schöne Verpackung, enttäuschender Inhalt

von Thomas Binder

Früher war das Schreiben von Schachbüchern ein Privileg der herausragendsten Spieler. Seit einigen Jahren beobachte ich den Trend, dass auch Autoren, deren eigene Spielstärke weit von der eines Großmeisters entfernt ist, mit interessanten Publikationen an die Öffentlichkeit treten. Sie finden ihre Nische in spezialisierten Einzelthemen oder einem bisher unbeachteten Blickwinkel. Damit wird die Schachliteratur – E-Books und größere Internet-Publikationen einbegriffen – um wertvolle Nuancen bereichert.

Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis - Analyse der Schach-WM 2016 - BoDMit dem Österreicher Gerhard Kubik schickt sich ein weiterer Autor an, die Bücherschränke der Schachwelt zu erobern. Seine Spielstärke liegt knapp unter 2000 Elo-Punkten. Die schachliche Vita des 54-Jährigen zählt regionale Jugenderfolge in den 1980er Jahren und Teilnahmen an offenen Turnieren auf. Auch als Trainer ist Kubik engagiert. Er ist FIDE-Instructor und österreichischer B-Trainer.
Leider ist zu seiner Qualifikation als Pädagoge oder Psychologe nichts gesagt. Hier hat er sicher einen fundierteren Hintergrund als im rein schachlichen Bereich. Immerhin hat er ein weiteres Buch über die „Vorteile des spirituellen Schachs“ geschrieben, dazu wüsste ich gern mehr…

Geweckte Erwartungshaltung nicht befriedigt

Nun zum vorliegenden Werk. Es trägt auf dem sehr ansprechend gestalteten Cover gleich zwei Titel: „Die Psychotricks der Schachprofis“ und „Analyse der Schach-WM 2016“. Genau diese beiden Titel sind nun aber das Problem des Buches – denn sie wecken eine Erwartungshaltung, der es in keiner Weise gerecht werden kann.
Was leistet der Autor bei der Analyse der WM zwischen Carlsen und Karjakin? In den Wochen nach jenem Zweikampf im November 2016 sind in wohl jeder Schachzeitung ausführliche Besprechungen aller 16 Partien mit fundierten Analysen, computergeprüften Varianten und mehr oder weniger tiefgreifenden Wortkommentaren erschienen. Hinzu kommen zahlreiche Online-Veröffentlichungen auf Webseiten, in Blogs und als Video.
Kubik bleibt sehr deutlich hinter all diesen Angeboten zurück. Er bringt die Partien in vollständiger und völlig unkommentierter Kurznotation. Dazu gibt es jeweils zwei Diagramme, die entweder die selbe(!) Stellung zeigen oder sich um genau einen Halbzug unterscheiden. Das erste Diagramm füllt dabei eine ganze Seite, ergänzt um eine Frage wie „Mit welchem weltmeisterlichen 19. Zug erhöht Schwarz die Spannung?“ Auf der Folgeseite wird dann noch einmal diese Stellung gezeigt, jetzt eingebettet in den gesamten Partieverlauf mit einem sehr knappen Wortkommentar. Falls es sich um eine ausgelassene Möglichkeit handelte, wird die Alternative als kurze Variante angegeben, der Leser aber mit einer schachlichen Bewertung weitgehend alleingelassen.

Wenig Neues und kaum Inhalte

Und was ist mit den Psychotricks? Nun, mit „Schachprofis“ können naturgemäß nur die beiden Protagonisten des WM-Kampfes gemeint sein. Allerdings waren „Psychotricks“ nun gerade nicht das bestimmende Element des hier besprochenen Wettkampfes.
Immerhin hätten beide Spieler aufgrund ihrer Persönlichkeit auch auf dieser Ebene viel interessanten Stoff geboten. (Auf eine umfassende psychologische Analyse z.B. von Carlsens Fähigkeit, minimale Stellungsvorteile zu einem gewonnenen Endspiel zu verstärken, warten wir seit Jahren).
Kubik gibt zu jeder Partie einen kurzen Abriss von gut einer Seite. So wird der gesamte WM-Kampf Tag für Tag nachgezeichnet. Wir erleben die Wendepunkte des Matches und diejenigen jeder einzelnen Partie. Dabei kommen auch einige schachliche Betrachtungen zur Eröffnungswahl und zu den kritischen Momenten der Partie zur Sprache – alles in allem bleibt das Buch auch hier sehr an der Oberfläche.

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„Die Psychotricks der Schachprofis“ von Gerhard Kubik lässt den WM-Kampf zwischen Carlsen und Karjakin im November 2016 Partie für Partie Revue passieren. Die psychologischen Analysen sind interessant, bleiben aber dennoch zu oberflächlich. Die Präsentation der WM-Partien geht praktisch nicht über das Niveau unkommentierter Notation hinaus. Alles in allem: Ein entbehrliches Buch.

Am Ende einer jeden Partie steht dann ein so genannter „Psychotrick“, aus dem der Leser anhand der gezeigten WM-Partie Schlüsse für die eigene psychologische Partieführung ziehen soll. Viel Neues gibt es dabei nicht. Den Hinweis, die Bedenkzeit vor allem für strategische Übergänge und taktische Berechnungen zu investieren, wenn es notwendig ist, danach aber zügig weiter zu spielen, habe ich jedenfalls schon anderswo gelesen – auch jenen, dass man bei gegnerischer Zeitnot die Stellung kompliziert halten soll.
Sehr viel Stoff ist das also nicht. Zieht man die Partienotationen – von Analysen kann ich wirklich nicht sprechen – und die Diagramme ab, komprimiert man also den überreichlich vorhandenen Leerraum auf ein normales Maß, so bleiben schließlich weniger als 30 Seiten „echter Inhalt“. Das ist angesichts der Erwartungshaltung nach dem Titelcover und dem Werbetext deutlich zu wenig.

Interessantes Thema, verfehlte Realisierung

Kubiks Motiv ist gewiss interessant und verdient einen anderen Rahmen als dieses Buch. Er sollte seine Leitsätze mit ausführlich kommentierten Beispielen aus der Praxis der Schachprofis vertiefen, ohne sich auf das Material eines einzigen WM-Kampfes zu beschränken. Auch seine eigenen Erfahrungen als Spieler und Trainer ergeben bestimmt viele interessante Einsichten. Insofern sei der Autor ermutigt das Thema mit einem anderen Ansatz neu aufzunehmen. Dann wird es sicher dankbare Leser finden. ♦

Gerhard Kubik: Die Psychotricks der Schachprofis – Analyse der Schach-WM 2016, Books on Demand, 92 Seiten, ISBN 978-3743191051

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-WM auch über
André Schulz: Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Neue Schach-Bücher aus dem Chaturanga-Verlag

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Im Fokus: Die Schachgeschichte

von Walter Eigenmann

Zeitschrift „Caissa“ Nummer 2 / 2016

Der Verlag Chaturanga ist im deutschen Neunkirchen domiziliert und zeichnet sich durch exquisite, thematisch oft abseits des Mainstreams angesiedelte Schach-Produktionen aus – das dokumentieren auch die beiden jüngsten Publikationen dieses noch relativ jungen „Verlages für Liebhaber von Literatur, Kultur und Spiel“.

Schach-Zeitschrift Caissa - Nr 2 /(2016) - Chaturanga VerlagDa ist zum einen die Zeitschrift „Caissa“, die der Herausgeber und Chef-Redakteur Mario Ziegler nun in ihrer zweiten Ausgabe vorlegt. Halbjährlich berichtet das Journal „für Schach- und Brettspielgeschichte“ über Themata, die man in dieser Konstellation und Qualität (noch) kaum im Internet findet, sondern genuin dem Printmedium vorbehalten scheinen. Ziegler und sein Team beweisen dabei Blick für exquisiten Schach-/Spiele-Stoff und eine treffliche Hand bei der Auswahl kompetenter Autoren.

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Wie bereits in der Première-Ausgabe der Zeitschrift ließ man sich vom erklärten Grundsatz „Aus vielem das Beste“ leiten, das Inhalts- bzw. Autoren-Verzeichnis zeigt das sofort; unter anderem beinhaltet das Heft die Schwerpunkte: „Der Mongredien-Preis 1868-1869 (Robert Hübner), „Die Geschichte der chinesischen Schachidee“ (Rainer Schmidt), „Die Schachpartie in Samuel Becketts Roman Murphy“ (Bernd-Peter Lange), „Schach und Tarnschriften“ (Siegfried Schönle), „Das verklärte Soldatenbild in Brettspielen“ (Antonella Ziewacz). Und wiederum illustriert „Caissa“ seine umfangreichen Texte mit zahlreichen Abbildungen teils dokumentierender, teils feuilletonistischer Art.
Insgesamt garantiert das Periodikum intellektuellen Lesespaß – keineswegs nur für Schachfreunde! ●
Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte, Nr.2/2016, 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über
Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851


Dagobert Kohlmeyer: „Attacke!“

Dagobert Kohlmeyer - Attacke - Große Angreifer der Schachgeschichte - Chaturanga VerlagDen Berliner Schachautor Dagobert Kohlmeyer muss man der Schachwelt kaum näher vorstellen, der bekannte Publizist schrieb 25 Bücher über das königliche Spiel und übersetzte zahlreiche Werke von Smyslow, Karpow, Kasparow, Kortschnoi oder Jussupow ins Deutsche. Seine jüngste Veröffentlichung im Chaturanga-Verlag titelt „Attacke!“ und widmet sich den „Großen Angreifern der Schachgeschichte“. Zu Wort bzw. zum Zug kommen darin alle genialen Angriffsspieler von Anderssen und Morphy über Aljechin und Tal bis zu Neshmetdinow und Bronstein.
Der Band ist layouterisch ansprechend gestaltet und zwischendurch gespickt mit etwas „psychologischem“ Hintergrundwissen. Allerdings beinhaltet er praktisch ausschließlich Partien und Züge von „historischen“ Meisterspielern, deren schachlichen Höhenflüge mittlerweile problemlos mit umfangreicher Kommentierung von jedermann selbst aus dem Netz gezogen werden können. Schade auch, dass Kohlmeyer das 21. Jahrhundert mit Carlsen, Anand & Co. völlig ausklammert.

Partie-Kommentare im Lichte der Schachprogramme

Kommt drittens hinzu, dass heutzutage solche schachlichen „Geschichtsaufbereitungen“ immer die Gefahr des Nachplapperns bergen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Kohlmeyer (ebenso wie zahlreiche Schachautoren vor ihm) schwärmt über Morphys 18. schwarzen Zug gegen Bird (London 1858) gleich mit zwei Ausrufezeichen. Doch heutzutage kann jeder schlechtere Vereinsamateur mit Gratis-Programmen wie der Engine „Stockfish“ und der Datenbank „Scid“ nachweisen, dass der „geniale“ Damenzug h3-a3 nicht besser, nur „schöner“ ist als das profane Ld6-a3, und dass Morphy mit seinem vorausgehenden Turmopfer f8xf2 den ebenfalls wohl „schönsten“, aber objektiv fast schlechtesten aller valablen Züge gespielt hat…

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Dieser Befund schmälert keineswegs die On-The-Board-Leistung des Schachgenies Morphy – aber heutige Kommentatoren wie Kohlmeyer täten gut daran, ihre Partie-Anmerkungen immer mit moderner Software gegen zu prüfen, um solche peinlichen Kolportierungen zu vermeiden wie: „Ein unglaubliches Manöver! Die Dame eilt von einer Brettseite zur anderen. Rudolf Teschner schwärmte: ‚Zauber der Geometrie!‘ Wie lange wohl hat Morphy damals über das Turmopfer und den Damenschwenk nachgedacht?“ (S.29) Denn neueste Schachsoftware verändert die herkömmliche Schachästhetik komplett – und Schachautoren im Jahre 2016 haben das zu berücksichtigen, wenn sie ernst genommen werden möchten… ●
Dagobert Kohlmeyer: Attacke! – Große Angreifer der Schachgeschichte, 188 Seiten, Chaturanga Verlag, ISBN 978-3-944158-17-4 —-> Leseprobe

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schachgeschichte auch über
Michael Dombrowsky: Berliner Schach-Legenden

Neue Schachzeitschrift Caissa gegründet

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Neues Magazin für die schachhistorische Forschung

von Walter Eigenmann

Wer im Online-Jahre des Herrn 2016 ein neues Print-Medium auf den Markt wirft, das ausgerechnet Schachhistorie zum Gegenstand hat, ist entweder verrückt, oder naiv, oder ein Chess-Junkie, oder Millionär, oder das alles zusammen. Der Neunkirchener Althistoriker Dr. Mario Ziegler ist (wahrscheinlich) nichts von alledem – und trotzdem wagten er und seine Mitarbeiter vom Chaturanga-Verlag, mit „Caissa“ eine halbjährliche 100-seitige „Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte“ ins Leben zu rufen. Vor kurzem präsentierte Ziegler im Verbund mit dem Salzburger Co-Herausgeber Prof. Dr. Rainer Buland nun die erste „Caissa“-Nummer.

Caissa- Cover-Erstausgabe-Glarean MagazinWer soll „Caissa“ – nicht zu verwechseln mit der gleichnamen ehemaligen „Schachrundschau Caissa“, die 1955 mit der Deutschen Schachzeitung fusionierte – eigentlich lesen? In seinem Vorwort zur Erstausgabe umreißt der Initiant und Chefredakteur Mario Ziegler die Intention des Magazins: „Caissa will eine Plattform schaffen, auf der Forschungsergebnisse der unterschiedlichsten Disziplinen im Bereich der Schach- und Brettspiel-Geschichte präsentiert werden können und dadurch ein Bild vom gegenwärtigen Stand der Forschung deutlich wird“. Die Zeitschrift solle „die gesamte Schach- und Brettspiel-Geschichte von den ersten Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit, einschliesslich Verweisen auf Brettspiele in der Kunst und Literatur“ berücksichtigen.

Vermisst: Ein übergeordnetes Konzept der Schachforschung

Schach-Mario-Ziegler-Glarean-Magazin
„Die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte steht noch aus“: „Caissa“-Initiant und -Herausgeber Mario Ziegler (*1974)

Dabei ortet Ziegler Defizite in der aktuellen Schachgeschichts-Forschung, z.B. die mangelnde Institutionalisierung der zahlreichen, aber in ihrer Vereinzelung wirkungslosen Solo-Projekte: Es existierten bedeutende nationale und internationale „Gruppierungen, die sich den verschiedenen Aspekten der Brettspiele und insbesondere des Schachspiels widmen – eine Vernetzung all dieser Bemühungen sucht man jedoch nach wie vor vergeblich“. Die meisten dieser Initiativen seien privatem Engagement geschuldet, vermisst werde ein „übergeordnetes Konzept“. Auch im universitären Bereich würden die Brettspiele als Forschungsgegenstand kaum wahrgenommen: „Auch wenn immer wieder Teilaspekte in den Blick genommen werden, so ist doch bezeichnend, dass etwa die gesellschaftliche Bewertung des Spiels für ganze Epochen der Geschichte noch nicht aufgearbeitet ist“. Explizite Zielgruppen von „Caissa“ sind dementsprechend „Bibliotheken, Wissenschaftler und interessiertes Fachpublikum im Bereich der Geschichts-, Sprach- und Kulturwissenschaften“.

Breites thematisches Spektrum

„Caissa“-Autor und Großmeister Robert Hübner arbeitete akribisch diverse Partien des legendären Matches Blackburne-Steinitz von 1822 auf und recherchierte erstmals verschollen geglaubte Notationen

Welches thematisch vielfältige Untersuchungsfeld sich dabei für „Caissa“ auftut, stellt bereits die Première-Ausgabe des Magazins unter Beweis: Vom ersten „Wettkampf zwischen Blackburne und Steinitz“ (Autor: Robert Hübner) über ein Portrait des bedeutenden ungarischen Schachspielers und Redakteurs Laslo Toth (Ivan Bottlik) bis hin zur „NS-Ideologie im Brettspiel“ (Antonella Ziewacz) und einem Rückblick auf die „Wendejahre 1989-90 in der Zeitschrift ‚Schach'“ (Bernd Gräfrath) deckt die Erstausgabe ein schachhistorisch wie -wissenschaftlich ebenso heterogenes wie informatives Spektrum ab. Hinzu kommen die unverzichtbaren Rezensionen und Verlags-Ankündigungen einschlägiger Fachliteratur, vor allem aber zahllose, durchwegs sorgfältig gewählte und qualitativ hervorragende Bild-Dokumentationen zu jedem Artikel.

Die internationale Ausrichtung des Bandes unterstreichen dabei jene Beiträge, die nicht nur in englischer Sprache kurz zusammengefasst, sondern gleich ausschließlich im englischen Original abgedruckt werden. Zu erwähnen ist hier ein schöner Essay von Peter J. Monté, der den mythischen bzw. gött-lichen Urgünden des Schachspiels in den altpersischen, -griechischen und -römischen Kulturen in Wort und Bild nachspürt, sowie ein komplett englisch verfasster Abriss von Adrian Harvey „Social participation in the game of chess“, der kenntnisreich das Schachspiel als bedeutender Teil der „gehobenen“ Freizeitkultur im England des 18. Jahrhunderts bis in unsere heutigen Tage der schachlichen „Durchdringung“ aller Gesellschaftsschichten untersucht.

Schach in den Büchern des Deutschen Barock und der frühen Neuzeit

Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert
Schachhistoriker Siegfried Schönle fahndete umfangreich und wissenschaftlich exakt dokumentiert nach Spuren und Belegen zum Schachspiel in Drucken aus dem 17. Jahrhundert

Im Zentrum dieser Erstausgabe steht aber die 44-seitige „annotierte Bibliographie“ über das „Schach in Büchern aus der Zeit des Deutschen Barocks und der frühen Neuzeit“ des Kasseler Schachliteratur-Sammlers Siegfried Schönle. Mit Akribie und umfangreichem Quellen-Nachweis stellt der Autor eine Fülle von Büchern bzw. Reprints aus dieser Zeit mit explizitem Schachbezug zusammen, dokumentiert fast alle entspr. Publikationen mit Cover- und/oder Detail-Bebilderung, stellt den allgemein-kulturellen und literarisch-belletristischen Spuren der Buch-Inhalte nach, fördert schachkulturell Belangloses ebenso wie schachhistorisch Richtungsweisendes zutage und dokumentiert so einen illustren, ja manchmal bizarren Bilderbogen des Phänomens Schach im Werk zahlreicher Forscher und Schriftsteller jener Zeit.

Printtechnische und typographische Qualität

„Gesellschaftsspiele spiegeln den Zeitgeist einer Epoche wieder und sind dadurch historische Quellen für Ansichten und Entwicklungen einer Gesellschaft“: Antonella Ziewacz beleuchtet den Kulturmissbrauch des Spiels während der Nazi-Diktatur

So vielfältig der historische Mix dieser ersten, in einer Startauflage von 5’000 Exemplaren gedruckten „Caissa“-Nummer daherkommt, so sehr hält dabei das Outfit des Bandes mit. Das im dreispaltigen Layout präsentierte und durchwegs farbig bebilderte Heft ist sowohl vom Print als auch von der Typographie her äussert qualitätsvoll aufgezogen. Sogar die detailverliebte Partien-Kommentierung eines Robert Hübner mit ihrer Varianten-Verschachtelung kommt problemlos lesbar daher, wobei die weinrote Farbe der Diagrammdrucke eine schöne optische Finesse darstellt. Man merkt dem Heft auf jeder Seite den professionellen Anspruch an, den Herausgeber und Druckerei an dieses Magazin stellen. Ein special compliment geht an dieser Stelle auch an R. Dobicki & S. Schäfer für das erlesene Grafikdesign.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Die neugegründete Zeitschrift „Caissa“ widmet sich der historisch-wissenschaftlichen Forschung des Schachs und der Brettspiele. Die Erstausgabe dokumentiert eindrücklich ein breites thematisches Spektrum und eine erlesene Qualität sowohl in drucktechnischer wie in grafischer Hinsicht. Für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten ist „Caissa“ zweifellos das neue Referenz-Printmedium.

Wer als Amateur- oder Turnier-Spieler mal schachkulturell über den Rand seines kleinen 64-feldrigen Brettes hinausblicken wollte, der griff bis heute vorzugsweise zu einem anderen, ebenfalls qualitätsvollen Schach-Periodikum, nämlich „Karl„. Seit kurzem wird also nun mit „Caissa“ auch für die historisch-wissenschaftlich Interessierten unter den Schach-Adepten eine willkommene und qualitativ professionelle Ergänzung zur Verfügung stehen, die zumal mit einem Einzelpreis von 15 Euro pro Band das Budget absolut fair belastet. Für diese Leserschicht ist „Caissa“ zweifellos das neue Referenz-Printmedium – auch oder gerade in unseren modernen Tagen der kurzlebigen Live-Turnier-News und des Blog-Häppchen-Schachs… ■

Mario Ziegler (Hrsg.): Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte Nummer 1/2016 (Erstausgabe), 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Geschichte auch über
Isaac Lipnitzky: Fragen der modernen Schachtheorie

Neue Schach-Bücher von W. Uhlmann und A. Schulz

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Wolfgang Uhlmann: Meine besten Partien

Neben dem westdeutschen Unzicker ist der ostdeutsche Uhlmann der zweite der beiden berühmten Wolfgangs, die jahrelang das deutsche Schach hüben bzw. drüben ab den 1960er Jahren als Vorkämpfer dominierten. Eine eigene umfangreiche Partien-Buch-Monographie des inzwischen 80-jährigen Ex-DDR-Spielers Wolfgang Uhlmann aus Dresden war schon längst fällig. (Übrigens war Uhlmann bei seinem bislang letzten Einsatz in der deutschen Bundesliga am 15. März 2015 79 Jahre alt und damit der älteste Spieler, der jemals in der auf höchstem Schach-Niveau spielenden 1. Bundesliga zum Einsatz kam…)

Historische Begegnungen mit Fischer & Co.

Wolfgang Uhlmann - Meine besten Partien - Cover - Glarean MagazinAusgehend von seinen „historischen“ Begegnungen u.a. mit den Weltmeistern Euwe, Botwinnik, Smyslow, Petrosjan, Tal, Spasski, Fischer, Karpow, Anand und Khalifman breitet der nach wie vor auch als Schach-Theoretiker und -Kolumnist tätige Autor in seiner Partien-Sammlung „Meine besten Partien“ die schönsten Games seiner an Schach-Erfolgen reichen Karriere aus. Uhlmann garniert natürlich alle Partien nicht nur mit theoretischen Kommentaren, sondern auch biographischen, psychologischen oder anekdotischen Anmerkungen. Angereichert wird der eher schlicht gestaltete Band mit einer Reihe bislang unveröffentlichter Fotos.
Insgesamt ein schachliches Zeitdokument über eine längst vergangene, aber auf Schritt und Tritt noch immer präsente Schach-Epoche – und ein ganz persönlicher Rückblick einer beeindruckenden Spieler-Persönlichkeit. (we)

Wolfgang Uhlmann: Meine besten Partien, – 324 Seiten, Verlag Chaturanga, ISBN 978-3-944158-07-5


André Schulz: Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Der Online-Schach-Redakteur, -Feuilleton-Autor und -Video-Moderator André Schulz ist mit M. Wüllenweber und M. Feist einer der bestimmenden Köpfe der Hamburger Schachsoftware-Firma Chessbase. Verantwortlich auch für den medialen Auftritt des Unternehmens versorgt er seit bald 20 Jahren die internationale Szene mit News, Interviews und Analysen aus allen theoretischen, gesellschaftlichen und biographischen Bereichen der Schachwelt. Nun tritt er erstmals auch als Buch-Autor in Erscheinung – und dies gleich mit einem „Einstieg ganz oben“, mit einem „großen Buch“ über die 46 Titelkämpfe der Schach-Weltmeisterschaften „von Steinitz bis Carlsen“.

Lücke im WM-Buchregal gefüllt

Andre Schulz - Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften - Glarean MagazinDer Band füllt – trotz thematisch verwandter und bedeutender anderer Publikationen wie z.B. Schonbergs „Die Grossmeister des Schach“ (1982), Kasparows 7-bändigem „Meine großen Vorkämpfer“ (2006) oder Stolzes „Umkämpfte Krone“ (1992) – eine Lücke im Schachbuch-Regal zu den Weltmeisterschaften. Denn Schulz trug insbesondere zu den biographisch-psychologischen wie schach-politischen Hintergründen der WM-Begegnungen der letzten Jahre seit Kasparows Regentschaft – also die (persönlich miterlebte) Zeit von Kramnik, Anand und Carlsen – eine Fülle an Insider-Wissen und „Backstage-News“ zusammen, die man hier teils zum ersten Mal erfährt. Aber auch zu den Legenden Capablanca, Aljechin oder Lasker bis hin zur russischen Hegemonie wider das Schachgenie Bobby Fischer grub der Chessbase-Mann tief in der Biographien-Kiste und förderte zahlreiches Amüsantes wie Wissenswertes, dabei oft noch Unveröffentlichtes zu Tage.

Qualität für moderaten Preis

Jede WM-„Epoche“ ist mit einer charakteristischen, teils mit Computerhilfe, teils mit eigenen Theorien kommentierten Partie sowie mit Bildmaterial illustriert. Letzteres vermag in fotoqualitativer Hinsicht unterschiedlich zu überzeugen, doch insgesamt punktet diese instruktive Schach-Historie mit einer sorgfältigen Typographie, einer ansprechenden layouterischen Gestaltung, mit solider Buch-Fadenbindung und stabilem Hardcover-Einband, wobei der Preis für ein Buch in dieser Qualität moderat ausgefallen ist. Eine schön konzipierte und unterhaltsame Novität für all jene Schach-Freunde, die es mehr nach „Psycho-Futter“ denn nach trockener Eröffnungstheorie gelüstet. (we)

André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften – 46 Titelkämpfe von Steinitz bis Carlsen, 352 Seiten, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-637-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Weltmeisterschaft auch über
Elmar Hennlein: Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen

… sowie zum gleichen Thema auch über
Carsten Hensel: Wladimir Kramnik (Biographie)

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids

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Endspiel-Schule für ehrgeizige Schach-Kids

von Thomas Binder

Der renommierte Londoner Schachverlag Gambit Publications, zu dessen Gründern die Großmeister John Nunn und Murray Chandler gehören, hat seine Serie der Schachbücher „… for kids“ nun um das Endspiellehrbuch „Schach-Endspiele für Kids“ ergänzt. Als Autor wurde kein Geringerer gewonnen, als der Hamburger Mathematiker und Großmeister Karsten Müller.

Müller gilt als der führende Endspielexperte unserer Zeit – mindestens im deutschsprachigen Raum, vermutlich aber auch darüber hinaus. Aus seiner Feder stammt u.a. das aktuelle Standardwerk „Grundlagen der Schachendspiele“ (gemeinsam mit Frank Lamprecht). Außerdem hat er bei Chessbase eine Serie von 14 DVDs vorgelegt, die das gesamte Endspielwissen abdecken. Die vorgenannten Werke wenden sich dabei vorwiegend an erfahrene Spieler. Aus dem „Grundlagen“-Lehrbuch soll selbst Weltmeister Carlsen noch lehrreiche Erkenntnisse gewonnen haben. In der Kombination als Spieler, Autor und Trainer ist Karsten Müller –  er gehört zum regelmäßigen Trainerstab der Schachschule Hamburg – die Idealbesetzung für dieses Werk.

Von der elementaren Mattführung bis zu schwierigeren Mustern

Karsten Müller: Schach-Endspiele für KidsMüller teilt den Stoff in 50 Lektionen, die jeweils eine Doppelseite belegen. Jede Lektion beginnt mit einem einführenden Text, und es folgen 6 Diagramme zur Verdeutlichung der wichtigsten Aspekte. Das sind oft 6 eigenständige Beispiele aus Partien, Studien oder Lehrstellungen. Manchmal aber erstreckt sich der Verlauf einer Zugfolge auch über mehrere Diagramme. Insgesamt haben wir es mit einer streng formalisierten Einteilung jeder Lektion zu tun – eine Eigenheit, die mir auch in anderen Büchern von „Gambit“ bereits aufgefallen war. Es ist Sache des Autors seinen Stoff so zu strukturieren, dass jedes einzelne Thema angemessen dargestellt werden kann. Karsten Müller hat das bestens hingekriegt.
Seine Lektionen beginnen mit elementaren Mattführungen. Für das Matt mit einem Turm bringt er – im Gegensatz zu den meisten anderen Endspiel-Einführungen – sogar zwei Methoden. (Als aktiver Jugendtrainer möchte ich dies ausdrücklich begrüßen. Die in vielen Büchern alleinstehende Methode der immer kleiner werdenden Rechtecke, mag oft schneller sein, aber sie birgt für Anfänger die Gefahr, in ein Patt zu laufen. Deshalb ziehe ich selbst im Training die allein auf Opposition beruhende zweite Methode vor).
Nach den einfachen Matts folgt Müller der üblichen Einteilung von Endspielbüchern nach den beteiligten Figurentypen. Die beiden letzten Lektionen runden das Buch mit dem ewig geliebten oder gehassten Thema „Matt mit Läufer und Springer“ ab.

Gute Auswahl des Stoffes garantiert Fortschritte

Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite 3)
Karsten Müller: Schach-Endspiele für Kids (Probeseite)

Die Auswahl der einzelnen Stoffkomplexe ist dem Autor hervorragend gelungen. Es fehlt nichts, was man einem jungen Schach-Enthusiasten erklären müsste, es ist nichts dabei, was ich für überflüssig hielte. Wir lernen die wichtigsten technischen und geometrischen Verfahren im Bauernendspiel. Wir sehen gleich- und ungleichfarbige Läufer im Duell. Auch die Frage, welche Leichtfigur im konkreten Fall den Vorzug verdient, wird beantwortet. Im Kapitel über Turmendspiele werden u.a. die wichtigsten Gewinn- und Remisverfahren erläutert, die mit den Namen Philidor, Karstedt, Lucena und Vancura verbunden sind. Am Ende des Buches stehen 36 Testaufgaben mit Lösungen, anhand derer der Lernende seinen Fortschritt überprüfen kann.

Keine speziell auf Kinder ausgerichteten Unterrichtselemente

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Müller präsentiert in den 50 Lektionen seiner „Schachendspiele für Kids“ ein umfangreiches Eröffnungswissen, beginnend beim absoluten Anfängerniveau und bis hin zu einem Level, bei dem auch gestandene Turnierspieler gern noch einmal im Lehrbuch nachschlagen werden. Die Auswahl seiner Themen ist hervorragend gelungen. Die Vermittlung des Stoffes wendet sich allerdings keineswegs nur an Kinder. Sehr junge Kids werden sogar der Begleitung und Anleitung bedürfen, um aus dem vorliegenden Buch maximalen Lernerfolg zu ziehen.

Wer wird dieser Lernende sein? Das Buch wendet sich an den ambitionierten Einsteiger. Vorkenntnisse auf dem Gebiet der Endspieltechnik sind nicht erforderlich.  Damit sind natürlich die auf dem Titel adressierten „Kids“ angesprochen. Es gibt indes keinen Grund, die Zielgruppe des Buchs auf Kinder zu beschränken. Der Stoff und seine Vermittlung werden jedem Schach-Anfänger gerecht und selbst Vereinsspieler mittlerer Spielstärke werden vielleicht noch einmal nachschlagen wollen, wie denn wohl die Regel von Centurini bei gleichfarbigen Läufern lautet. Andererseits fehlen dem Buch jede speziell auf Kinder ausgerichteten Elemente. Insofern wecken Titel und Titelbild vielleicht eine falsche Erwartung. Es gibt keine spielerischen Einschübe und die Gestaltung wirkt insgesamt sehr sachlich. Eine besondere „kindgerechte“ Lockerheit der Sprache sucht man ebenfalls vergebens.
Die einführenden Texte jeder Lektion sind verständlich geschrieben. Sie bilden eine im gesetzten Rahmen perfekte Erläuterung zum Thema. Im Gegensatz dazu sind die Texte zu jedem einzelnen Diagramm doch sehr knapp und fordern vom Leser intensives Mitarbeiten und Mitdenken.
Als Trainer im unteren Alters- und Leistungsbereich weiß der Rezensent, dass Kids oft völlig abwegige „Was wäre wenn“-Fragen stellen, auf die sie allein keine Antwort finden.
Für sehr junge Kids, die ihre ersten Schritte in Sachen Schach unternehmen, wird dieses Buch also nicht ohne Begleitung eines Trainers, Lehrers oder schachspielender Eltern zu bewältigen sein. Wenn sie aber die Kraft aufbringen, es durchzuarbeiten und die Inhalte zu verstehen, dann macht ihnen im nächsten Nachwuchsturnier kein Gegner mehr im Endspiel etwas vor. ■

Karsten Müller: Schachendspiele für Kids – 50 Endspiel-Lektionen, 128 Seiten, Gambit Books, ISBN 978-1-910093-66-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Kinder- und Jugendschach“ auch über Peter Mitschitczek: Fang den König!

Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel (Schach)

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Verdeutlichung strategischer Zusammenhänge

von Thomas Binder

Mit „Mustererkennung im Mittelspiel“ liegt nunmehr die deutsche Übersetzung von „Improve your chess pattern recognition“ von Arthur van de Oudeweetering vor. Der knapp 50jährige Holländer dürfte als Schachspieler nur Insidern ein Begriff sein. Die FIDE führt ihn zurzeit als Internationalen Meister mit einer Elo-Zahl knapp unter 2300. Sein schachlicher Schwerpunkt liegt indes in der Arbeit als Trainer und Kolumnist. Von beiden Präferenzen können wir als Leser seines aktuellen Werkes profitieren!

Arthur van de Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel - Schärfen Sie Ihren Blick für Schlüsselzüge im Schach - New in Chess Verlag

Erfahrene Trainer werden die These bestätigen, dass Erfolg im Schachspiel zu einem großen Teil an das Erkennen typischer Stellungsmuster und das Umsetzen der passenden Manöver gebunden ist. Sind diese Aspekte bei rein taktischen Stellungen sowie im Endspiel seit langem gut erforscht und auch trainingsmethodisch aufgearbeitet, halten komplexe Stellungen mit vorwiegend strategischem Gehalt noch viel Arbeit bereit. In letzter Zeit sind hierzu einige wichtige Bücher erschienen, so Bronzniks „Techniken des Positionsspiels im Schach“ und Nunns „Das Verständnis des Mittelspiels im Schach“. Einen etwas anderen Zugang – über die Bauernstrukturen – wählt Flores Rios in „Chess Structures“. Das vorliegende Buch ergänzt und bereichert diese Palette wesentlich.

Konzentration auf das Mittelspiel

Oudeweetering hat sein Buch in 4 größere Abschnitte mit insgesamt 40 Kapiteln gegliedert. Jedes einzelne bespricht eine typische Stellungskonstellation ausführlich in allen Aspekten.
Im 1. Teil geht es um „Figuren auf typischen Posten“. Da kommen alte Bekannte vor, wie Springer auf f5 oder d6 (im Buch „Der Riesenkrake“ genannt), Läufer auf langen Diagonalen oder eingesperrt auf h2, wie seinerzeit bei Spasski gegen Fischer.
Der 2. Teil widmet sich „kontraintuitiven Zügen“. Dabei erliegt der Autor nicht der Versuchung, spektakuläre Wendungen vorzuführen, sondern bleibt auch hier seriös – fast wissenschaftlich. So lernen wir, unter welchen Umständen z.B. überraschende Rückzüge, Doppelbauern oder Bauernschläge „zum Rand“ ihre Stärke ausspielen können.
Teil 3 ist typischen Opferwendungen gewidmet –  aber eben nicht jenen, die man aus Taktikbüchern kennt und an deren Ende ein Matt oder Materialgewinn stehen. Hier geht es um positionelle Opfer mit Langfristwirkung. Aus dieser Materie die Gesetzmäßigkeiten heraus zu arbeiten und verständlich zu analysieren, ist für den Rezensenten die größte Stärke des ganzen Buches gewesen. Als Beispiel sei der Bauern-Vorstoß e5-e6 genannt. Mit dem Bauernopfer und dem verbleibenden Doppelbauern teilt Weiß die gegnerischen Kräfte in zwei Hälften, zwischen denen zumindest kurzfristig keine Koordination besteht.
Der 4. Teil schließlich betrachtet kurzzügige Manöver mit strategischem Gehalt, die zum Teil so konzentriert auch noch nicht vorgestellt wurden, etwa die Turmverdoppelung auf dem Umweg über die 2. Reihe.

Relevante Ausschnitte in treffenden Anmerkungen erläutert

Arthur van de Oudeweetering - Schach-Autor - Glarean Magazin
Der internationale Meister und Schach-Autor Arthur van de Oudeweetering (*1966)

Jedes einzelne Kapitel beginnt mit einem ganz kurzen Einführungstext und endet mit einer ebenso knappen Zusammenfassung. In diesem Rahmen folgen dann pro Kapitel 6 bis 7 sorgfältig ausgewählte Partien. Der niederländische IM konzentriert sich dezidiert auf das jeweils besprochene Thema. Die Eröffnung wird entweder ganz ausgelassen oder unkommentiert wiedergegeben – was auf das gleiche hinausläuft, denn ein Diagramm ermöglicht in jedem Fall den Einstieg an der passenden Stelle. So konsequent ist der Autor auch am anderen Ende der Partie: Mündet das betreffende Motiv nicht direkt in den Partieschluss, wird der weitere Verlauf nur noch in Worten angedeutet.
Der relevante Ausschnitt hingegen wird in kurzen, gut gefassten Anmerkungen treffend erläutert. Abweichende Varianten sind auf das unbedingt erforderliche Maß beschränkt. Die Kommentare fokussieren sehr gut auf das konkret besprochene Thema. Sie sind zudem angenehm lesbar – vermutlich gleichermaßen das Verdienst des Autors und des Übersetzers Harald Keilhack.
Schachliche Schwächen sind aus Sicht des Rezensenten nicht auszumachen. Die inhaltliche und didaktische Aufbereitung setzen Maßstäbe. Ich sehe nur wenige Verbesserungsansätze: Die Kapitelüberschriften könnten manchmal etwas weniger blumig formuliert sein. Sie machen zwar neugierig, helfen aber nicht bei der Orientierung. Außerdem wäre ein zusätzlicher Mehrwert zu erreichen, wenn man die schon im Titel angesprochenen Muster auch optisch auf den Diagrammen hervorhebt. Dieses Element –  heute in der computergestützten Schachpräsentation eine Selbstverständlichkeit – ist in der gedruckten Schachliteratur noch nicht so recht angekommen. Generell kämpft ja gerade bei solch komplexen Themen das Schachbuch einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen moderne Trainingsmittel und interaktive Medien. Bücher wie dieses zeigen, wie schade es wäre, wenn dieser Kampf auf Dauer verloren ginge.

Hervorragende Ideen auch für Schachtrainer

Fragen wir uns schließlich nach der Zielgruppe, die van de Oudeweetering mit seinem Buch erreicht. Mir fallen zuerst Schachtrainer ein. Sie finden hervorragende Ideen zur Verdeutlichung strategischer Zusammenhänge und zum Schulen des Blickes für typische Stellungsmuster – und das mit überlegt zusammengestellten Beispielpartien.

FAZIT

Arthur van de Oudeweetering legt mit „Mustererkennung im Mittelspiel“ ein vorzügliches Buch zu einem komplizierten Thema vor. Es gelingt ihm, dem Leser das Erkennen und Bewerten typischer Mittelspielstellungen nahe zu bringen. Neben fortgeschrittenen Schachspielern dürften vor allem Schachtrainer sehr von dieser Arbeit profitieren.

Wer als Spieler von diesem Werk profitieren möchte, wird sich auf eine anstrengende Arbeit einlassen müssen. Es geht eben nicht ohne konzentriertes Durcharbeiten der einzelnen Beispiele. Immerhin erleichtert die Aufteilung in übersichtliche Kapitel auch dieses Unterfangen. Freilich setzt das selbständige Arbeiten mit dem Buch ein schachliches Grundniveau voraus, das ich nicht unter einer Elo-Spielstärke von 1800 ansetzen würde – aufstrebende Jugendspieler einmal ausgenommen, denen „Mustererkennung im Mittelspiel“ hiermit ausdrücklich empfohlen sei. ■

Arthur van de Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel – Schärfen Sie Ihren Blick für Schlüsselzüge im Schach, 300 Seiten, New in Chess, ISBN 978-90-5691-615-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Mustererkennung im Schach auch über
Andrew Soltis: Studying Chess Made Easy