Zwei Gedichte von Susanne Rzymbowski

Was wär die Kunst…

Was wär die Kunst
im Einmachglas
im Dick der Wand aus Glas?
Doch nur verschraubter Lebenssaft
zur Haltbarkeit verdammt
der ohne Spur von Anarchie
im glibbrig Most erstickt.
Drum merke auf
dem schönen Tag
und huldige der Nacht
die dich befreit aus Donners Kiel
und führt zu Pulsschlags Autarkie

.

Denkst du an mich
bei Kerzenschein
als Flackern eines Lichts
bin ich besorgt
so kurz der Docht
des heißen Flammenspiels


Susanne Rzymbowski

Susanne Rzymbowski, geb. 1964 in Köln, Studium der Theater-, Film- & Fernsehwissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte, belletristische Veröffentlichungen in Anthologien, lebt in Köln

Stadt-Gedichte von Marianne Figl

London

In alle fernen
Gewänder gehüllt,
nackt nur
der gepiercte
Nabel.
Wie grauer
Zementstaub
über müde Gesichter
gestreut,
dass niemand
den anderen kennt
und keine geschmückte Fassade
einbricht
ohne den Profit
abzuwerfen.

Salzburg

Salz
Salzsäule
Salzburg
eingepökelt
Lot
Lots Weib zur Salzsäule erstarrt
Alle sind zur Salzsäule erstarrt
seit Mozart Salzburg verlassen hat
die Liebe schmeckt versalzen.
Der Wolferl
er vergnügt sich im WWW
mit flauschigen Klangwolken
Das Sphärenorchester probt mit ihm
nachtein, nachtaus
rauschende Regenfeste
Atemraubende Luftleerbälle rauschen
in den Himmeln wenn der Boss
gerade im Vatikan Taube spielt.
Himmel, Erde und Unterwelt sind
ausgelutscht
keine läßt sich mehr
einschüchtern
das Leid und die
Zaghaftigkeit und der Stillstand
die Versalzung ist derart unerträglich
dass sich Revolte stark aber leise
instinktiv zeitgleich in allen Sphären
der Schöpfung
im WWW fast unbemerkt
wie ein großer Salzball lostritt und in
Nanosekunden zur  www. -Lawine
anschwillt
sozusagen zu einem neuen
Urknall eskaliert- und dann?…
Die meisten sitzen in Salzburg wie vorher
brav auf ihren Wolken/Schreibtischsesseln
oder sonst wo
sie haben auch das verpaßt
so starr und versalzen wie sie sind
Nur das Festspielhaus ist verschwunden
Wo es stand gähnt ein großer stinkender Krater…


Marianne Figl

Marianne-Figl-Salzburg-Glarean-MagazinGeb. 1946 in Wien, Studium an der Akademie für Angewandte Kunst in Wien, seit 2000 umfangreiche grafische, malerische und schriftstellerische Arbeit, verschiedene Kunst-Ausstellungen, Theater-Texte und Lyrik- wie Prosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, lebt als freie Künstlerin in Salzburg

Gedichte von Ines Oppitz

inmitten

der
weltagonie

wie denn
den tag
einfach so
wie denn
einfach so

den tag
zum fliegen
bringen
wie denn

……………

elfter november

faltermasken –
gaukler im
tanztraum

dass
die sonne
nicht aufgeht
ist ein
gerücht

nebel
schminkt
den garten
auf halbmast

küchengedicht

durch das
denkhaus schabende
wörter der
text

wie intelligent
ist meine
seele

wittemann
kamphausen –

umwege –
nach außen wandernde
kreise oder
schleifen ins
niemandsland

einkaufszettel

forgetful
angel
in love
als magnet
auf dem
dunstabzug
im herzensauge
beharrlich
das bild

umdrehen
die sanduhr
damit zeit
ist

umdrehen
die zeit

mädchen
von vermeer
dein mein
milchiger blick
hinter
glas

erdäpfel schälen
fürs
mittagspürree


Ines Oppitz

Ines Oppitz - Literatur - Glarean MagazinGeboren in Wels/A, Ausbildung zur Lehrerin in Linz, anschließend sechs Jahre Schuldienst an Volks- und Hauptschulen; Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft und Philosophie, Ausbildung zur diplomierten Literaturpädagogin; Verschiedene Buchpublikationen, zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Literatur- und Kulturzeitschriften; lebt als freiberufliche Literaturpädagogin in Wels

Gedichte von Peter Klusen

noch

wie blattgold
trudeln die schweren blätter
von den brüchigen zweigen
ein erster windstoß
fegt über verblichene wiesen
warm streicht die luft
der späten sonne
über verwaiste felder
die sich sehnen nach ruhe
noch ist der himmel blau
noch singen die amseln
noch fehlen uns
die worte nicht
für das ende
des sommers

tagesschau

am morgen plane ich den tag
beim frühstück schreibe ich einkaufszettel
ich höre kommentare und fußballergebnisse
telefoniere mit klempner dachdecker arzt
und fege die krümel vom tisch

am mittag lese ich zeitungen
das handy bebt und der trockner piepst
ich leere die taschen und fülle die schränke
mit brot milch und rotem wein
und trenne den müll auf dem hof

am abend schau´ ich zurück auf den tag
während duftdunstig gart das gratin das filet
ich hole den wein das baguette die paté
seh` einäugig unscharf ganz fern einen krieg
und stelle die hitze auf null

des nachts träum` ich schlaflos
quere die welten die höllen die himmel
ich fühle den eisigen fahrtwind der zeit
das ewige schwanken die fremde das leid
erkenn´ mich im inneren spiegel so grau

und starre betäubt in die nacht

entkommen

drei krähen
hoch oben
vor tiefblauem grund
ohne flügelschlag
kreisend um sich selbst
steigen lautlos höher
und höher
sind bald nur noch
drei schwarze punkte
entkommen
der zeit


Peter Klusen

Peter Klusen - Glarean MagazinGeb. 1951 in Mönchengladbach; Studium der Germanistik, Publizistik und Sozialwissenschaften in Mainz und Aachen; Zahlreiche Stücke für das Kinder- und Jugendtheater, Bearbeitungen von Kinderbuchklassikern und neue Märchen-Nacherzählungen; Veröffentlichungen von Romanen, Kurzprosa und Lyrik in Büchern und Zeitschriften

Lyrik von Michael Hasenfuss

 Damit machen wir heut was

Alles, was ständig versprochen wird,
alles, was schön ist und gut,
alles, was recht ist und wirklich nicht schlecht ist und so gut gemeint,
das wird heut verraten
und tapfer beweint.

Alles, was keiner begreifen kann,
alles, was gross ist und schweigt,
alles, was trennt oder eint, unerreicht oder klein ist und schreit,
das wird heut verstanden
als sei man gescheit.

Alles, was immer schon fraglich war,
alles, was edel und rar,
alles, was gilt, was Bestand hat und Wert oder Namen und Rang,
das wird heut vergessen.
Das ist nicht von Belang.

Alles, was keiner mehr haben will,
alles, was rumliegt und stört,
alles, was übrig ist, abgespielt, nutzlos im Staub sich verliert,
das wird heut betrachtet
und kartografiert.

Alles, was lange schon fällig ist,
alles, was leider nicht geht,
alles was scheitert, was zwangsläufig immer nur schief gehen kann,
das wird heut versucht.
Wir sehen’s ja dann.

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Literatur - Lyrik - Michael Hasenfuss - Glarean MagazinMichael Hasenfuss

Geb. 1965 in Wuppertal/D, Schauspiel-Studium in Hannover, schreibt seit 1995 Lyrik & Theaterstücke, 2004 Übersiedlung in die Schweiz, arbeitet als freischaffender Schauspieler an verschiedenen Stadttheatern sowie bei Radio und Fernsehen, lebt mit Frau und Kindern in Zürich

Gedichte von Manfred Chobot

ein hauch von allem

an ihren ohren könnt ihr sie erkennen
kein hase wartet bis die karotte reift

wäre es verheerend einen körper
……………….zu monopolisieren
ein tabu für adam und eva
womöglich hat der teufel
ein packerl zärtlichkeit
……………….irgendwo vergraben
und hinter dem überdruss
……………….versteckt
konsumiert was okkasionen
 ……………… zu bieten haben
will jeder alles
 ……………….und noch mehr
wir schnelllebigen
überfließen im überfluss
……………….möchte der meinige
……………….zur deinigen

 

die zukunft der gegenwart

in zukunft werden
ausländer deutsch sprechen
haben sich angepasst
dem land wo sie leben
doch auch jene die
schon lange hier leben
haben sich angepasst
downloaden und forwarden
chillen im bodysuit
joggen und einchecken
zum shopping und trekking
online und offshore is
easy-going mit wonderbra
einloggen sich im chatroom
zu dumping-preisen indoor
entertainen im outlet
investment-broker jobben
hard und lunchen beim roaming
mountainbiken just-for-fun
outdoor overdressed
flopen beim one-night-stand
performen im swinger-club
zoomen und podcasten
im flashback: deutsch talken
is retro and no-go 🙂

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Manfred Chobot

Manfred Chobot - Glarean MagazinGeb. 1947 in Wien/A, von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe «Lyrik aus Österreich», von 1992-2002 Redakteur der Literaturzeitschriften «Podium» und «Das Gedicht», Lyrik- und belletristische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, lebt in Wien