Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – Eine Biographie

Das Geheimnis der Stille – oder das Ende der goldenen Zeit

von Christian Busch

Jeder kennt das, wenn der letzte Akkord und sein Nachhall verklungen ist, das Orchester schweigt, der Dirigent, den Blick nach innen gerichtet, die Arme sinken lässt und ein magischer Moment der geheimnisvollen, unfassbaren Stille den Saal erfüllt. Spätestens hier hält es jeder mit Felix Mendelssohn Bartholdy, dem die Worte so „vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die einem die Seele erfüllt mit tausend besseren Dingen als Worten“, erschienen. Der italienische Komponist Luigi Nono sah das Wesentliche in der Musik darin, ein Höchstmaß an nach außen gerichteter Innerlichkeit zu erzeugen. Um exakt diesen Moment der Stille und um die Fähigkeit, die „Anderen in der Stille [zu] hören“, ging es auch Claudio Abbado ein Leben lang.

Primus inter pares

Wolfgang Schreiber - Claudio Abbado - Der stille Revolutionär - Biographie - Glarean MagazinAls der italienische Dirigent am 20. Januar 2014 in Bologna in Alter von 80 Jahren verstarb, war sich die musikalische Welt einig darüber, dass sie mit ihm eine außergewöhnliche, einzigartige Persönlichkeit verlor, vielleicht mehr als jemas zuvor bei dem Tod eines großen Dirigenten. Denn zweifellos haben viele große Dirigenten ihr internationales Publikum, ihre Orchester in aller Welt und nicht zuletzt ihr gesamtes kulturelles Umfeld geprägt, die Persönlichkeit Claudio Abbados konnte und kann jedoch unter allen mal mehr, mal weniger selbstverliebten, oft tyrannisch und selbstherrlich agierenden Dirigenten eine Ausnahmestellung für sich beanspruchen, war er doch entschiedener und kompromissloser Antipode zu seinen illustren Vorgängern in den großen musikalischen Zentren London, Wien und Berlin.

Fünf Jahre nach Abbados Ableben erscheint nun mit Wolfgang Schreibers Biographie „Der stille Revolutionär“ die erste umfassende Würdigung des am 26. Juni 1933 in eine Mailänder Musikerfamilie hineingeborenen Künstlers. In 17 sorgfältig recherchierten und aufschlussreichen Kapiteln zeichnet er nicht ohne Bewunderung, doch aus respektvoller Distanz den Lebensweg des faszinierenden, von seinem Publikum hochverehrten Musikers. Parallel dazu entsteht ein präzises Charakterbild der introvertierten, aber große Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen entwickelnden Persönlichkeit Abbados, das von einem Überblick über dessen umfangreiche Schallplattenproduktion abgerundet wird.

Auf Furtwänglers Spuren

Abbado nach der Aufführung von Brahms' Requiem im Wiener Musikverein am 3. April 1997
Abbado nach der Aufführung von Brahms‘ Requiem im Saal des Wiener Musikvereins am 3. April 1997

Trotz der vielen Facetten des intellektuellen Kosmos‘ Abbados findet sich die Liebe zur Musik, mit der der junge Mailänder schon früh als Kind in Berührung kam, als roter Leitfaden in all seinem Denken, Fühlen und Handeln. So wird sich der später mächtige, die kulturellen Zentren Mailand, London, Chicago, Wien und Berlin beherrschende Maestro immer als Diener der Musik verstehen, auch weil er es stets ebenso versteht sich zurückzuziehen, sich die Ruhe und Stille künstlerischer Inspiration (Sardinien, Engadin) und damit die Neugier auf immer wieder Neues zu bewahren.

Damit einher geht die Liebe zur Weltliteratur, die ihn zeitlebens zu einem umfassend gebildeten und künstlerisch interdisziplinär denkenden Menschen macht, dem es niemals um Machtwillen, persönliche Eitelkeit oder Geltungsbewusstsein geht, sondern nur um die Musik und die (vor allem jungen) Menschen, mit denen er sie in einem gemeinschaftlichen Akt zum Leben erweckt. So kann es nicht verwundern, dass nicht sein berühmter Landsmann Arturo Toscanini, sondern der große Wilhelm Furtwängler zu Abbados Vorbild erwuchs. Man erinnert sich vielleicht daran, wie Abbado im Umfeld der Aufnahmen seines ersten Beethoven-Zyklus‘ in Wien mit den Philharmonikern strahlend bekannte, dass sie die Aufnahmen Furtwänglers im Musikvereinssaal gehört hätten, die nun wirklich „sehr, sehr schön“ gewesen seien.

Der Gipfel: Berlin (1989 – 2002)

FAZIT: Die Abbado-Biographie „Der stille Revolutionär“ von Wolfgang Schreiber ist, auch wenn sie vielleicht nicht viel Neues oder gar Sensationelles bietet, in höchstem Maße verdienstvoll und unentbehrlich, daher unbedingt lesenswert für alle, welche die klassische Musik lieben. Wenn Schreibers Projekt, den beeindruckenden Lebensweg des Ausnahmekünstlers und -menschen zu beschreiben, als rundum gelungen zu bezeichnen ist, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil es – darin ganz dem Vorbild Abbados folgend – sich darauf beschränkt, eine Annäherung an den Kosmos und die Vielseitigkeit einer großen Persönlichkeit zu leisten.

Mit diesem Hintergrund verfolgt Wolfgang Schreiber, von 1978 bis 2002 Musikredakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, die verschiedenen Stationen Abbados von dessen italienischen Wurzeln über die Metropolen Mailand, London und Chicago über Wien nach Berlin. Das Berliner Kapitel, das mit der Zeit des Mauerfalls beginnt, ist sicherlich das aufregendste, auch kontroverseste Kapitel in Abbados Karriere, weil es neben der spannenden politischen Situation sicher auch den Scheitelpunkt darstellt, nicht zuletzt wegen Abbados beginnender schwerer Erkrankung, auf Grund derer er es von da an vorzieht, mit ausgewählten, befreundeten Musikern seines Vertrauens und selbst gegründeten Orchestern (Luzerner Festivalorchester, Orchestra Mozart) eigene Projekte zu verfolgen.

Wolfgang Schreibers Abbado-Biographie ist, auch wenn sie vielleicht nicht viel Neues oder gar Sensationelles bietet, in höchstem Maße verdienstvoll und unentbehrlich, daher unbedingt lesenswert für alle, welche die klassische Musik lieben.

Claudio Abbado - The Early Recordings
Anzeige AMAZON

Wenn Schreibers Projekt, den beeindruckenden Lebensweg des Ausnahmekünstlers und -menschen zu beschreiben, als rundum gelungen zu bezeichnen ist, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil es, darin ganz dem Vorbild Abbados folgend, sich darauf beschränkt, eine Annäherung an den Kosmos und die Vielseitigkeit einer großen Persönlichkeit zu leisten; das letzte Geheimnis bleibt – wie das Ende eines großartigen Konzertes – in der dem großen Dirigenten angemessen multiperspektivischen Offenheit. Denn der Biograph schlägt das Kapitel Abbado am Ende nicht zu, sondern auf, als wolle er das Ende der goldenen Zeit nicht wahrhaben… ♦

Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – Der stille Revolutionär, Eine Biographie, C.H. Beck Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-406-71311-8

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musiker-Biographien auch über
Michael Hofmeister: Alexander Ritter

… sowie über Joachim Campe:
Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

Giuseppe Tartini: 4-parts Sonatas and Sinfonias (CD)

Meisterhaft transparente Vorklassik

von Horst-Dieter Radke

Giuseppe Tartini (1692-1770), ein italienischer Komponist und Violinist, der noch ein junger Mann war, als Corelli starb, und der Vivaldi immerhin noch um dreißig Jahre überlebte, ist vor allem wegen seiner sog. Teufelstriller-Sonate – hier eine Video-Aufnahme mit Anne-Sophie Mutter – in Erinnerung. Doch weniger dieser Sonate als der Geschichte wegen, die sich darum rankt. Denn er selbst soll erzählt haben, dass ihm der Teufel im Traum erschienen und ihm wunderbar auf der Violine vorgespielt habe, so dass er nach dem Erwachen – unfähig dies zu reproduzieren – zumindest mit jener Sonate eine Ahnung von dieser teuflisch schönen Musik zustande gebracht haben will.
Die „Teufelstriller“ wird heute noch von vielen Künstlern gespielt, leider aber oft ausschließlich – und damit die Vielzahl an Kompositionen des Meisters, der damals einen großen Einfluss auf die europäische Musik hatte (etwa bei dem Dresdner Kapellmeister Naumann oder des preußischen Königs Friedrichs Haus- und Hofkomponisten Johann Gottlieb Graun) in den Hintergrund rücken. Allein deshalb ist jede andere Einspielung Tartinischer Musik grundsätzlich zu begrüßen.

Streichquartett oder reduziertes Orchester?

Tartini - 4-parts Sonatas and Sinfonias - Musik-Rezensionen Glarean MagazinNun aber ausgerechnet vierstimmige Streichersonaten und Sinfonias aus dem Spätbarock? Tatsächlich auch mit der üblichen Quartettbesetzung – zwei Violinen, Viola und Cello interpretiert? Womöglich Streichquartette aus einer Zeit, in der es diese doch noch gar nicht gegeben haben kann? Hat denn nicht erst Josef Haydn die Vorlage für diese „Form“ entwickelt, die dankbar von Mozart aufgegriffen, von Beethoven, Schubert und anderen aus- und weiterentwickelt wurde? So ganz übergangslos ist das natürlich nicht passiert, denn in kleinen Besetzungen hat man auch schon früher musiziert. Die barocke Triosonate ist ein gutes Beispiel dafür, doch unterscheidet sich diese noch durch den Generalbass deutlich von der späteren Quartettbesetzung, in der jedes Instrument eine gleichberechtigte Stimme hat. Der sehr informative Text im Booklet zur CD gibt dazu ausführlich Antwort auf diese Fragen und beschreibt, wie diese Kompositionen Tartinis aus der Musizierpraxis des Meisters und seiner Schüler entstanden sein könnten.

Vision einer Ausführung vor 250 Jahren

Tartini - Teufelstriller-Sonate - Zeitgenössische Illustration - Glarean Magazin
Louis-Léopold Boilly: Der Teufel gibt Tartini im Traum die „Triller-Sonate“ ein (Radierung 1824)

Das Ensemble Il Demetrio wird der noch unentschlossenen Ausführung der vierstimmigen Stücke dadurch gerecht, dass sie diese teilweise nur mit Streichern und bei einigen Sonaten(sätzen) mit zusätzlichem Basso continuo – auf einem Cembalo ausgeführt – eingespielt hat. Und sie spielen die Kompositionen der Zeit, der sie entstammt, angemessen und nicht so, wie man es bei manchen Interpreten der Teufelstrillersonate hört, als wäre ein klassischer Komponist der Urheber gewesen.

FAZIT: Bei der neuen CD von Il Demetrio mit 4-parts Sonatas and Sinfonias von Giuseppe Tartini handelt es sich um eine beachtenswerte Einspielung von Musik des Spätbarocks und der Vorklassik jenseits der gängigen Muster – und vor allem mit einem Repertoire, das man nicht schon zur Genüge von -zig anderen Einspielungen kenn. Zudem ausgeführt von Musikern, denen man nicht nur die Freude am Musizieren anhört, sondern auch die Kompetenz, mit der sie diese Kompositionen meistern.

Der erste Eindruck, dass es sich um barocke Concertos mit reduziertem Personal handelt, verfliegt schon nach wenigen Takten. Man hat den Eindruck, dass man eine Sinfonia noch nie so transparent gehört hat wie in dieser Einspielung. Und fast wie von selbst entsteht beim Hören das Bild, wie der Meister einigen Schülern seine Noten aufs Pult legt und sie auffordert, zu spielen; wie er herumgeht, zufrieden nickend, über die Leistungen seiner Adepten, sich dann und wann ans Cembalo setzt um die Musik zu unterstützen, und dann doch wieder die vier Musiker allein spielen lässt. Viel zu schnell ist die Stunde um, die diese CD vorhält.

Kurzum: Es handelt sich um eine beachtenswerte Einspielung von Musik des Spätbarocks und der Vorklassik jenseits der gängigen Muster – und vor allem mit einem Repertoire, das man nicht schon zur Genüge von -zig anderen Einspielungen kennt, und ausgeführt von Musikern, denen man nicht nur die Freude am Musizieren anhört, sondern auch die Kompetenz, mit der sie diese Kompositionen ausführen. ♦

Guiseppe Tartini: 4-parts Sonatas and Sinfonias – Il Demetrio & Mauricio Schiavo, Label Brilliant Classics – Audio-CD 54min.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Vorklassische Musik auch über das
Sojka-Streichquartett: Ersteinspielungen böhmisch-mährischer Quartette

… sowie zum Thema Barockmusik über
Bernhard Moosbauer: Vivaldi – Die vier Jahreszeiten

Bright Is The Ring Of Words (Bariton & Klavier – CD)

Von Ralph Vaughan Williams bis Gerald Finzi

von Horst-Dieter Radke

Beim ersten unvoreingenommenen Hören von „Bright is the Ring of Words“ mit Liedern für Bariton & Klavier klingt der Gesang von Chris Booth-Jones erfrischend „jung“. Um so überraschender ist es dann festzustellen, dass Booth-Jones eine bereits fast fünfzigjährige Karriere hinter sich hat. Nun, wie ein gerade von der Akademie entlassener Jüngling klingt er zwar nicht, aber ein so hohes Alter entnimmt man seiner Interpretation nicht gleich.

Bright Is the Ring of Words - CD-Cover - Musik-Rezensionen - Glarean MagazinDer zweite Eindruck des unbefangenen Hörens ist die Homogenität von Gesang und Klavierstimme. Begleitung mag ich in diesem Fall gar nicht schreiben, denn in fast sämtlichen Liedern aller vier auf der CD vertretenen Komponisten erreicht die Klavierstimme einen hohen Grad an Eigenständigkeit. Man könnte sie sich mit Genuss auch ohne die Gesangsstimme anhören. Igor Kennaway, der den Part am Klavier übernommen hat, spielt angemessen unaufdringlich, sensibel, ohne sich jedoch zurückzunehmen.
Aufgenommen wurden von Booth-Jones und Kennaway vier Liederzyklen englischer Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die meisten aus der Zeit vor oder kurz nach dem 1. Weltkrieg. Wer aus diesen Informationen avantgardistische Klänge folgert, wird enttäuscht – vielleicht aber auch positiv überrascht.

Lieder eines Wanderers

Robert Louis Stevenson (1850-1894) ist als Autor der „Schatzinsel“ und Erzählungen wie „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ kein Unbekannter. Sein lyrisches Schaffen liegt jedoch meinen Recherchen zufolge noch in keiner Übersetzung vor. Die Lieder auf der CD sind dank der hervorragenden Artikulation des Sängers gut zu verfolgen. Wer darüber hinaus den Anspruch hat, mitlesen zu wollen, kann die Texte hier aufspüren.

Die ersten neun Lieder auf dieser CD komponierte Ralph Vaughan Williams (1872-1958), der dabei Texte von Robert Louis Stevenson benutzte, die dieser unter dem Titel „Songs of Travel“ veröffentlicht hatte. Darunter ist auch das Gedicht, dessen Titel der CD den Namen gab. Ein einsamer Reisender beschreibt in diesen Liedern seine Naturerlebnisse, und im Hintergrund vermutet man, sicher nicht zu Unrecht, eine verlorene Liebe.
Die Lieder klingen nicht fröhlich, keineswegs jedoch sentimental, sondern eher erhaben. Ein gut gewählter Anfang für diese Zusammenstellung.

Songs aus kurzen Leben

Tragischer kommen die sechs Lieder („A Shropshire Lad“) von George Butterworth (1885-1916) daher. Die Texte stammen von A. E. Housman (1859-1936) und beschreiben eine verlorene Jugend in den ländlichen Gebieten Mittelenglands (Shropshire). Angesichts des frühen Todes des Komponisten – er starb bei der Schlacht an der Somme – ist diese Auswahl fast schon prophetisch zu nennen. Die Stücke dämpfen den positiven Eindruck, den die Stevenson-Lieder zuvor aufgebaut haben, fast ein wenig herab. Aber sie sind zu gut, um die Stimmung wirklich zu gefährden.

Dichter mit volksliedhaftem Unterton: A. E. Housman
Dichter mit volksliedhaftem Unterton: A. E. Housman

Ebenfalls bei Houseman bediente sich Ernest John Moeran (1894-1950), allerdings erst nach dem ersten Weltkrieg. Auch seine vier Lieder aus dem Zyklus „Ludlow Town“ entstammen der Sammlung „A Shropshire Lad“.
Während man bei Butterworth eine „Vorausahnung“ annehmen könnte, spricht hier aus der musikalischen Sprache möglicherweise das eigene Erleben im Krieg. Das vierte – „The lads in their hundreds“ – klingt fast wie ein Volkslied. Bei diesem hat mich anfangs die Klavierbegleitung sogar irritiert, weil sie diesen volksliedhaften Charakter vermeintlich zerstört. Beim wiederholten Hören ging mir dann auf, dass dies gerade in der Absicht des Komponisten gelegen haben mag – und inzwischen ist es, genau in dieser Kombination, eines meiner Lieblingslieder auf dieser CD.

Rückgriff auf den großen Meister

Gerald Finzi (1901-1956), der letzte Komponist dieser CD, war ein Schüler des ersten (Williams). Seinen fünf Liedern liegen Texte von Shakespeare zu Grunde. Dabei versucht Finzi auf keine Weise, in seiner Musik an Shakespears Zeitalter anzuknüpfen. Vielleicht erinnert das erste – „Come away, come away, death“ – mit seiner Traurigkeit ein wenig an Dowland. Die Melodie ist aber ganz zeitgemäß und könnte durchaus auch ein halbes Jahrhundert später von Philipp Glass komponiert worden sein:

Gerald Finzi - Anfangstakte von Come away come away death - Glarean Magazin
Die Anfangstakte von „Come away, come away, death“ von Gerald Finzi

Bevor man depressive Anwandlungen bekommt, holt das nächste Lied „Who is Sylvia?“ wieder auf den Boden zurück. Es ist nicht gerade fröhlich, aber klingt in Melodik und Tonsprache „zupackend“.
Das nächste – „Fear No More the Heat o’ the Sun“ – ist berührend und beinahe ein wenig sentimental, was schliesslich der letzte Titel – „O Mistress Mine“ – dann wieder zurücknimmt.

Fazit: Die interessante CD „Bright is the Ring of Words“ vereint vier Liederzyklen von englischen Komponisten, die bis auf R. Vaughan Williams eher unbekannt sind. Interpretiert werden die Lieder von zwei Künstlern, die ihre Sache professionell angingen und die richtige Balance von Stimme und Instrument fanden. Auch die Auswahl und die Zusammenstellung der Songs ist gut und passend. So ist ein Album entstanden, das man nicht nur einmal, sondern immer wieder gerne auflegt und anhört.

Diese interessante CD vereint vier Liederzyklen von englischen Komponisten, die bis auf R. Vaughan Williams eher unbekannt sind. Interpretiert werden die Lieder von zwei Künstlern, die ihre Sache professionell angingen und die richtige Balance von Stimme und Instrument fanden. Auch die Auswahl und die Zusammenstellung der Songs ist gut und passend. So ist ein Album entstanden, das man nicht nur einmal, sondern immer wieder gerne auflegt und anhört. ♦

Bright Is The Ring Of Words – Englische Lieder von Vaughan, Butterworth, Moeran, Finzi; Chris Booth-Jones (Bariton) & Igor Kennaway (Klavier), Magpie Records (Naxos)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik für Gesang und Klavier auch über
Rikard Nordraak: Songs and Piano Music

…sowie über
Zoryana & Olena Kushpler: Slawische Seelen


Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien

Beethovens überwältigender Klangrausch

von Heiner Brückner

Der österreichische Dichter Franz Grillparzer (1791 bis 1872) fragt in einem Gedicht über die Musik seines Freundes Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827): „Ward’s Genuss schon? Ist’s noch Qual?“ Er fasste damit das Auffassungsempfinden seiner Zeitgenossen, die Beethovens Musik oft chaotisch empfanden, zusammen. Diese Rezeption ist auf dem Hintergrund des kleinwüchsigen Komponisten mit der Kraftnatur, die als ruppig, unwirsch, ungestüm erlebt wird, nachzuvollziehen. Nicht nur weil er im „Wirtshaus … zu hart gekochte Eier den Kellnern hinterher“ geschmissen habe.

Beginn einer neuen Musik

Karl-Heinz Ott Rausch und Stille - Beethovens Sinfonien - Rezensionen Glarean MagazinAllerdings gibt es damals auch Stimmen, die den Beginn einer neuen Musik erahnten, die in metaphysische Abgründe vorzudringen wage. Karl-Heinz Ott, Autor der Neuerscheinung „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ nennt unter anderem den Komponisten und Dramatiker Richard Wagner (1813-1883), der in seiner 1870 erschienenen Beethoven-Schrift angemerkt hat: „Überblicken wir den kunstgeschichtlichen Fortschritt, welchen die Musik durch Beethoven getan hat, so können wir ihn bündig als den Gewinn einer Fähigkeit bezeichnen“, die „weit über das Gebiet des ästhetisch Schönen in die Sphäre des durchaus Erhabenen getreten“ ist.

Tiefgründiger Beethoven-Biograph: Karl-Heinz Ott
Tiefgründiger Beethoven-Biograph: Karl-Heinz Ott

Gegenwärtige Hörer verstören Beethovens Sinfonien längst nicht mehr. Für den Philosophen der Frankfurter Schule und Komponisten Theodor W. Adorno (1903 bis 1969) beispielsweise beginnt die neuere Musikgeschichte mit Beethoven, der mit Tradiertem nicht breche, sondern es aufbreche. Somit kann der Schriftsteller, Essayist und literarische Übersetzer Karl-Heinz Ott (geboren 1957) über Beethovens Sinfonien ungleich feinfühlender, tiefgründiger und umfassend formulieren und komprimieren: „Rausch und Stille“. In den weitreichenden und weit greifenden Ausführungen erfährt der Leser selbstredend biografische Details aus dem Leben des am Ende tauben Musikers. Wie der ursprüngliche Klaviervirtuose frei improvisierte und fantasierte. Wie er mit Verschlechterung seines Gehörsinns sich auf das Komponieren konzentrierte, dabei um jede einzelne Note gerungen hat ‒ und wie er in eine tiefe Krise geschlittert ist. Weil er gegen Lebensende seine eigenen Werke nicht mehr hören konnte.

„Ein Kosmos ohne Worte“

Vor allem aber sind die Beschäftigung mit den neun Sinfonien im Einzelnen und das Eintauchen in die emotionale Ausdruckskraft der Musik sowie die Ausdrucksstärke des Komponisten beim Nachverfolgen eine im positiven Sinne berauschende Lektüre: Sie fördert die emotionale Wucht dieser Sinfonischen Dichtungen zutage und beschreibt sie mit poetischer Empathie.
Dem Titel gemäß arbeitet Ott die kompositorischen Mittel heraus, die aus Beethovens Notensetzungen einen Klangrausch schwellen lassen, der durch gehäuften Einsatz von Fermaten der Stille vor und nach dem Sturm intensiven Nachhall verleiht.

Totenmaske von Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Totenmaske von Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Die sich widersprechenden Auffassungen über Musik im Allgemeinen erstrecken sich vom „Taumeln“ bis zum „Takte zählen“. Wie sollte auch ein Mensch allein diesen „Kosmos ohne Worte“ erfassen können. Die unterschiedlichen Herangehensweisen großer Staatsmänner, Denker und Philosophen an diese urkräftige Klangwirkung hebt Ott immer wieder hervor, schält Motive an Notenbeispielen heraus und bezieht sie auf die Thematik.
Zudem arbeitet er jede der neun Sinfonien satzweise anhand von Notenbeispielen durch. Einprägsam gestaltet Ott zu jeder Sinfonie einen thematischen Exkurs. Darin werden die Titel gleichsam zu Charakterisierungen der einzelnen Werke. Ihre Überschriften lauten: Windinstrumente; Musikalische Scherze; Lust an Trauermusik; Von der Kirche in den Konzertsaal; Die verlorene Melodie; Orpheus gegen Prometheus; Musik als Wahrheit; Nach der Neunten kommt der Tod sowie Sturm und Stille.

Beschäftigung mit den geistesgeschichtlichen Grundlangen

Fazit: Karl-Heinz Ott eröffnet uns mit „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ die Welt, aus der Beethoven das Urkraft-Universum seiner Sinfonien schöpft, als einen fesselnden, leidensdruckstarken Musikgenuss. Oder frei nach Grillparzer: Qual ist’s, aber viel mehr noch Genuss. „Beethoven ist nicht wie Mozart oder Schubert für seine Melodien berühmt, sondern für Rhythmik und Wucht.“

Wer dieses Buch gelesen hat, wird den „Mann mit der wilden Mähne“ nicht mehr reduzieren auf die vier berühmten Schicksals-Taktschläge der fünften Sinfonie oder den humanistischen Welthit „Ode an die Freude“, die seit 1972 als offizielle Europahymne bei nahezu jedem europäischen Großereignis intoniert wird.
Das ergibt schlussendlich eine hoch intensive Beschäftigung auf harmonietechnischen, aber auch geistesgeschichtlichen Grundlagen, die eine umfassende Bibliografie und ein Personenregister vervollständigen.
Karl-Heinz Ott eröffnet uns mit „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ die Welt, aus der Beethoven das Urkraft-Universum seiner Sinfonien schöpft, als einen fesselnden, leidensdruckstarken Musikgenuss. Oder frei nach Grillparzer: Qual ist’s, aber viel mehr noch Genuss. „Beethoven ist nicht wie Mozart oder Schubert für seine Melodien berühmt, sondern für Rhythmik und Wucht.“ ♦

Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien, 272 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00396-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Beethoven auch über
Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern

… sowie zum Thema Musiker-Biographien über
Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre


Musik in der Gruppe: Neue Forschungsergebnisse

Musikalischer Ausdruck und Bewegungspräzision

von Walter Eigenmann

Um herauszufinden, wie Musiker während einer Performance in Probe und Konzert intuitiv ihre Werkauffassung miteinander koordinieren und im Stillen vorhersagen, wie ihre Kollegen die Musik ausdrücken werden, hat ein Forscherteam der McMaster University eine neue Untersuchungstechnik entwickelt. Die unlängst in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlichten Forschungsergebnisse dokumentieren, wie Musik in der Gruppe funktioniert, wie Musiker ihre Bewegungen synchronisieren, damit sie genau im richtigen Moment spielen, und zwar als interpretatorische Einheit.

Emotionen koordiniert ausdrücken

Kammermusik - Orchester-Ensemble - Streicherkonzert - Violinen - Musizieren - Glarean Magazin
Musikwissenschaftlerin Laurel Trainor: „Erfolgreiches Musizieren in der Gruppe ist ein sehr komplexes Unterfangen“

„Erfolgreiches Musizieren in der Gruppe ist ein sehr komplexes Unterfangen“, erklärt Laurel Trainor, Leiterin der Studie und Direktorin des Institute for Music and the Mind an der McMaster University, wo die Arbeit durchgeführt wurde: „Wie koordinieren sich Musiker untereinander, um ausdrucksstarke Musik zu spielen, die sich in Tempo und Dynamik verändert? Um dies zu erreichen, müssen sie antizipieren, was Ihre Mitmusiker als nächstes tun werden, damit Sie die motorischen Bewegungen so planen können, dass sie die gleichen Emotionen koordiniert ausdrücken können. Denn wenn man darauf wartet, was der Mitmusiker gleich tun wird, ist es zu spät…“, sagt die Studienleiterin.

Capture-Marker messen Musiker-Bewegungen

Motions Capture Technik - Bewegungserforschung - Glarean Magazin
Die Motion Capture Technik arbeitet mit Körper-Markern, um Bewegungsabläufe computertechnisch präzise auszuwerten (Bild: Wikimedia)

Für ihre Untersuchung wandten sich die Forscher an das renommierte Kammermusik-Ensemble Gryphon Trio. Jedes der drei Mitglieder wurde dabei mit Motion-Capture-Markern ausgestattet, damit seine Bewegungen aufgezeichnet werden konnten, während das Trio glückliche oder traurige Musikausschnitte spielte – einmal mit musikalischem Ausdruck, einmal ohne. Mit Hilfe mathematischer Techniken maßen die Forscher dann, wie stark die Bewegungen der drei Musiker die Bewegungen der anderen voraussagten.

Bessere Antizipation dank Ausdrucksstärke

Das grundsätzliche Ergebnis: Die Musiker konnten – unabhängig davon, welche Stücke sie spielten – die Bewegungen immer dann besonders stark antizipieren, wenn sie besonders ausdrucksstark spielten. Der Co-Autor der Studie Andrew Chang dazu: „Unsere Arbeit zeigt, dass wir die Kommunikation von Emotionen zwischen Musikern messen können, indem wir ihre Bewegungen im Detail analysieren, und dass das Erreichen eines gemeinsamen Emotionsausdrucks als Gruppe viel nonverbale Kommunikation erfordert“.

Anzeige Amazon: Good Vibrations - Die heilende Kraft der Musik - Stefan Kölsch - Ullstein Verlag
Anzeige

Die Forscher schlagen vor, diese neuartige Technik auch auf andere Situationen anzuwenden, beispielsweise auf die Kommunikation zwischen nonverbalen Patienten und ihrer Familie bzw. ihren Pflegekräften. Ausserdem sei geplant, diese Testtechnik auch in einer Studie über „romantische Anziehungskraft“ einzusetzen: „Die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die bei Körperschwankungen gemessene Kommunikation Vorhersagen darüber erlaubt, welche Paare sich wieder sehen wollen“, sagt Andrew Chang… ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Bewegungstherapie für Musiker auch über Alexandra Türk-Espitalier: Musiker in Bewegung – 100 Übungen

… sowie zum Thema Musik-Medizin & Psychologie über Oruc Güvenc: Heilende Musik aus dem Orient

Das Musik-Weihnachtsrätsel 2018

Weihnachtsbaum als Music Puzzle

von Walter Eigenmann

Musik-Weihnachtsrätsel - Music Crossword Puzzle - Glarean Magazin 2018

Waagrecht
1 Althebräische Hand-Pauke
3 Album von Vaughan: „Swinging ?…“
5 Oper von Jean-B. Lully
7 Frauen-Stimmlage
8 Song der Rock-Band Pink Floyd
9 Ort eines Schweizer Jazz-Festivals
10 LP-Album von „Carmel“: „?… me free“
13 Opernchor von Wagner: „Summ & ?…“
16 Weihnachtslied: „Gloria in Excelsis ?…“
17 Deutscher Orchester-Dirigent (1908-1998)
18 Schwed. Volkslied „?… haer vi sutto“
20 Griechische Schlager-Sängerin (*1936)
23 Bündner Volkslied: „?… ei tut vanitate“
24 Single des mazedon. Sängers Gaxha
26 Portug. Musiker-Initiative (Abk.)
27 Bedeutender deutscher Chor-Dirigent (1929-2000)
29 Bass-Rolle in einem Händel-Oratorium
31 Abkürzung für Compact Disc
32 Volkslied-Sammler aus Wetzlar/D (1807-1883)
Senkrecht
1 Deutscher Rapper aus Reutlingen
2 Filmsong: „Gonna ?… now“
3 Sänger der Vokalgruppe „Slixs“
4 Schlitztrommel (engl.)
6 A-cappella-Sextett aus Halle
9 Chorwerk von B. Britten: „?… comfort“
11 Rhapsodie von A.E. Chabrier
12 Operette von Robert Hornstein: „?… und Eva“
13 Chinesische Holztrommel
14 Messe von Ennio Morricone
15 Figur in De Fallas Oper „La vida breve“
19 Österr. Harfen-Fabrik
21 Bühnenmusik von B. Britten: „?… Spain“
22 Musikal. Abk. von „sforzato piano“
25 Deutscher Pop-Chor: „The Voice of Classic ?…“
26 Engl. Volkslied: „?… rest you“
28 Ballade von Carl Lwe: „Der ?…“
30 Liedtext-Dichter von R. Schumann

 

Lösen Sie im Glarean Magazin auch das
Musik-Weihnachtsrätsel 2017

Hier finden Sie die Lösung des Rätsels —> weiterlesen Weiterlesen

Capella Antiqua Bambergensis: Heinrich (CD)

Kaiser, König, Spielmannsleut

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Das Jahr 919 ist für die Geschichte jenes europäischen Landstriches, den wir heute (unter anderem) Deutschland nennen, in der Tat ein wichtiges. Der Liudolfingerfürst Heinrich, bekannt als der Vogler (wobei dieses Agnomen wohl weniger das ornithologische denn vielmehr das Interesse des Sachsenfürsten am anderen Geschlecht näher beschreibt), wird in der Königspfalz zu Fritzlar zum ersten deutschen König erhoben und begründet damit jenes Herrschergeschlecht, das nach der Krönung seines Sohnes Otto I. zum Kaiser als „Ottonen“ bekannt ist. Grund genug für die renommierte Capella Antiqua Bambergensis, gemeinsam mit Schauspieler Udo Schenk eine CD mit dem Titel „Heinrich: König und Kaiser – Herrscher und Heiliger“ herauszubringen. Mit einer Mischung aus Musik des Mittelalters und einem literarischen Anteil soll Heinrich – so legt es zumindest der Titel nahe – in seiner Welt sichtbar gemacht werden.

Mehr als Heinrich

Heinrich - König und Herrscher - Audio-CD-Capella Antiqua Bambergensis - Rezension Glarean MagazinTatsächlich handelt es sich bei dieser CD aber nicht um eine musikalisch-literarische Biographie Heinrichs, sondern um einen Parforceritt durch die Ära Ottonen. Der 919 gekrönte Heinrich spielt hier letztlich gar keine so entscheidende Rolle. Aber das macht in der Gesamtschau auch nichts, ist dies doch nicht das einzige Element, das bei dieser Produktion nicht so recht stimmig ist. Da wäre zum einen der literarische Anteil der Produktion. Weil sich im Jahre 2019 nicht nur Heinrichs Thronjubiläum jährt, sondern auch der 1000. Todestag des Merseburger Bischofs Thietmar, schlüpft Mime Schenk in die Rolle jenes Bischofs, der vor allem dadurch bekannt ist, dass er mit seiner acht Bände zählenden „Chronicon sive Gesta Saxonum“ (Chronik oder Geschichte der Sachsen) aus den Jahren 1012-1015 eine der wichtigsten Quellen zum ottonischen Zeitalter hinterlassen hat. Ob die Erzählerfiktion aber wirklich nötig gewesen wäre? Bisweilen – besonders zu Beginn der CD – irritiert sie eher, wenn Thietmar von „seiner“ Capella Antiqua spricht, in der Rückschau (quasi von einer Wolke aus) architektonische Vorteile der zu Lebzeiten von ihm nicht mehr erfahrenen Gotik reflektiert oder ganz im anglizismenreichen Duktus der Gegenwart in Punkto des Liebeslebens der Kaiserpaare raunend von seinen „Insiderquellen“ spricht. Mit der Zeit gewöhnt sich der Hörer jedoch daran. Leider – und das führt dazu, das die CD sich gegen Ende hin länger anfühlt, als sie mit einer Spielzeit von knapp 75 Minuten ist – neigt Udo Schenks Rezitation nicht selten zu einem zu andachtsvoll-huldigenden Ton, der den Hörer nach einiger Zeit nach etwas facettenreicherer Modulation, nach kerniger Akzentuierung, nach einem saftigeren Sprachfluss lechzen lässt.

Ottonische Frauen

Heinrich und Kunigunde - Tafelbild 17. Jahrhundert - Heiligenbild - Glarean Magazin
Heinrich II. und seine Kunigunde (Heiligen-Tafelbild aus dem 17. Jahrhundert)

Sieht man von dergleichen ab und konzentriert sich stattdessen auf den Inhalt des Vorgetragenen, so ist doch zu konstatieren, dass der Hörer dieser Produktion tatsächlich einen knappen, gleichwohl aber interessanten Einstieg in die Welt der Ottonen mitnehmen kann. Sicher, ob der vom Medium vorgegebenen Notwendigkeit zur Verkürzung der hochkomplexen Sachverhalte, erfährt im Grunde kaum etwas über die politischen Geschehnisse der Epoche. Und doch gibt es einen Umstand, der den Hörer dazu verführt, sich mit den Ottonen zu beschäftigen, einen Umstand, der in der deutschen und mittelalterlichen Geschichte überhaupt als geradezu einzigartig heraussticht: das eigentlich Interessante an den zwei Heinrichs und den drei Ottos sind ihre Frauen. Mit einer geradezu erfreulichen Beharrlichkeit kommt das von Thomas Spindler verfasste Skript immer wieder auf die beiden Mathilden, auf Adelheid, auf Theophanu und auf Kunigunde von Luxemburg zu sprechen und deutet nachdrücklich an, welchen ungeheuren Einfluss die Königinnen bzw. Kaiserinnen auf ihre Männer und damit auf die Geschicke des Reiches hatten. Exemplarisch hierfür steht gegen Ende der Produktion Thomas Spindlers Bewertung der Kaiserin Kunigunde, die mit ihrem Gemahl Heinrich II. kinderlos blieb und somit gemeinsam mit ihm die Dynastie der Ottonen beschloss: „Ohne Kunigunde wäre Heinrich II. nicht das geworden, wofür wir ihn heute bewundern.“

Schmückendes Beiwerk auf höchstem Niveau

Capella Antiqua Bambergensis (neu) - Glarean Magazin
Capella Antiqua Bambergensis

Die auf dieser CD versammelte Musik wird von der Capella Antiqua Bambergensis gestaltet. Hinzu treten singend und die verschiedensten Instrumente spielend Jule Bauer, David Mayoral, Murat Coşkun und Benjamin Dreßler. Alle Musikerinnen und Musiker sind seit vielen Jahren Meister ihres jeweiligen Faches, nicht nur künstlerisch und technisch, sondern auch musikphilologisch. Insofern ist es nicht wirklich verwunderlich, dass man es hier mit musikalisch hochklassigen Nachempfindungen zu tun hat, die nur selten – beispielsweise im am Hof Alfons X. von Kastilien entstandenen „Cantigas ‚Par Deus‘“ – Gefahr laufen, aufgrund eines überdrehten Gestus in jenen Bereich abzurutschen, dem ein wenig ein Geschmäckle von Mittelalterpop anhaftet.

FAZIT: Nicht alle Ingredienzen des neuen CD-Projektes von Capella Antiqua Bambergensis werden dessen Motiv „Heinrich II.“ wirklich stimmig gerecht. Die Auswahl der Musik-Stücke hätte man sich stilistisch zeitnaher an der Ottonen-Ära orientiert vorstellen können, und der Rezitationsstil von Sprecher Udo Schenk – der Schauspieler schlüpft in die Rolle des Merseburger Bischofs Thietmar – neigt zuweilen zu einem nicht immer angebrachten andachts- und salbungsvollen Ton. Insgesamt aber eine interessante Produktion, die einen abwechslungsreichen Parforce-Ritt durch die ganze so historisch wichtige Ära der Ottonen darstellt. Erhellende Booklet-Texte runden die CD informativ ab.

Auf der anderen Seite: Wer will – zugegeben – auch sagen, wie von 1000 Jahren tatsächlich aufgespielt wurde? Das mag schon irgendwie so geklungen haben. Schön gelingen das Instrumentalstück „Parlamento“, das omnipräsente „Palästinalied“ Walthers, das „Je nuns hons pris“ aus der Feder von Richard Löwenherz und das „A Chantar“ der Trobairitz Beatriz de Dia. Schaut man sich nun aber Liste der genannten Stücke und darüber hinaus noch die restlichen dieser CD an, so offenbart sich unmittelbar die Schwäche dieser Auswahl, denn keine der vorgestellten Kompositionen stammt aus der Zeit der Ottonen. Der Fachfrau und dem Fachmann mag dies ganz natürlich erscheinen, gibt es – nimmt man den gregorianischen Choral einmal aus – doch kaum Quellen zur Musik des früheren Mittelalters, schon gar nicht zu Volkslied, Tanz und Spielmannsmusik.

Erhellende Booklet-Texte

Dem Laien, der mittels dieser CD die Welt des musikalischen Mittelalters betritt, dürfte dies allerdings nicht zwingend bekannt sein, sodass sich hier schnell voreilige Vorstellungen von dem, was dereinst bei Mummenschanz und Kurtzweyl von fahrendem Volk und Marketenderin über den Marktplatz schallte, einschleichen können. Letztlich – und das muss man bei aller Freude, die die Darbietungen letztlich machen, geradeheraus sagen – steuern die vorgestellten Werke nichts zum eigentlichen Gehalt der Produktion bei, sondern übernehmen die etwas schale Rolle des schmückenden Beiwerks.
Insgesamt erfreulich ist das Booklet, das einen knackigen Text zur Epoche der Ottonen und einen zur Geburt der Mehrstimmigkeit von Wolfgang Spindler, der 1983 die Capella Antiqua Bambergensis gegründet hat. Dass jedoch die Texte zu den einzelnen Musikstücken nicht den Weg ins Booklet gefunden haben, ist bedauerlich. ♦

Capella Antiqua Bambergensis: Heinrich -König und Kaiser, Herrscher und Heiliger; Faszinierende Herrschergeschichten des Mittelalters; Udo Schenk (Sprecher), Audio-CD, CAB Records

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Mittelalterliche Musik auch über
Heinrich Laufenberg: Kingdom of Heaven (CD)

Ralf Günther: Als Bach nach Dresden kam (Novelle)

Das Duell der Tastenvirtuosen

von Heiner Brückner

Johann Wolfgang von Goethe formulierte 1827 in einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann als wesentliches Merkmal der Novelle „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“. Novellen gestalten allgemein gesehen von einem wahren Kern ausgehend eine Neuigkeit mit erzählerisch mehr oder minder spannenden Ausschmückungen. Etwas hätte so sein können oder wäre sicherlich perfekter geworden, als es in Wirklichkeit gewesen ist. Die Kunst des Autors liegt darin, das Ereignis derart plastisch zu erzählen, dass es nahezu authentisch erscheint. Bei seinem Debüt über den Maler Ernst Ludwig Kirchner ist es Ralf Günther hervorragend gelungen, die Kriterien einer Novelle umzusetzen.

Ralf Günther - Als Bach nach Dresden kam - Literatur-Rezension im Glarean MagazinIm Fall der ausgedachten Dresden-Episode von Johann Sebastian Bach kann man ihm die meisterliche Formbeherrschung ebenso wenig absprechen. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass seine Novelle „Als Bach nach Dresden kam“ um eine fiktive Novität aufgebaut ist. Der Bach-Experte Jan Katzschke hat das in seinem Nachwort „Dichtung und Wahrheit des Dresdner Tastenduells“ erläutert und einen echten Dresdner Orgelwettstreit von 1650 sowie in Rom das Duell im Jahr 1709 zwischen Georg Friedrich Händel an der Orgel und Domenico Scarlatti auf dem Cembalo angeführt.

„Anfang und Ende aller Musik“: Johann Sebastian Bach

Für den Nekrolog auf Johann Sebastian Bach, der „Anfang und Ende aller Musik“ sei, wie es Max Reger (1873 bis 1916) formuliert hat, wurde 1754 zu seiner Glorifizierung eine Anekdote über einen angeblichen Wettstreit zwischen ihm als gediegenem, frommem Provinzmusiker am deutschen Fürstenhof und dem skandalumwitterten, überheblichen Hoforganisten Louis Marchand (1669 bis 1732) des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Dresden kreiert. Dieses Tastenduell hat 1717 nicht stattgefunden, denn zu jener Zeit war Bach Konzertmeister im Fürstentum Weimar und war soeben zum Hofkapellmeister des Fürsten Leopold von Anhalt in Köthen ernannt worden. Man kann die Mär folglich getrost begraben und vergessen. Fakt ist vielmehr, dass Johann Sebastian Bach zum Dank für den verliehenen Titel „Hofkompositeur“ in einem zweistündigen Konzert am 1. Dezember 1736 die Silbermann-Orgel in der Dresdner Frauenkirche bespielt hat.

Spannend-amüsantes Orgel-Duell

Johann Sebastian Bach gegen Louis Marchand - Orgel-Duell - Glarean Magazin
Fiktives Duell von zwei der besten Organisten ihrer Zeit: Johann Sebastian Bach gegen Louis Marchand

Aus einer Randnotiz der Musikgeschichte gestaltete Ralf Günther somit ein spannendes Orgel-Duell zwischen zwei musikalischen Größen des 18. Jahrhunderts zu einer höchst amüsant erzählten Begebenheit.
Kurfürst August der Starke habe den Direktor seiner Dresdner Hofkapelle, den flämischen Geiger Jan-Baptist Woulmeyer alias Jean-Baptiste Volumier, beauftragt, den Hoforganisten Louis Marchand des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zu einem Konzert in Dresden zu überreden. Der habe Konkurrenz gewittert und sich den gefakten Wettstreit ausgedacht. Den Einfädler Volumier hatte seine eigene Täuschung, den großen Bach zu hören, obwohl es der … Schulz gewesen ist, auf die die Finte gebracht. Er hieß ihn eine Bach-Perücke aufzusetzen, als der Franzose, seinerseits in Frauenkleider verhüllt, die Probe aushorchen wollte. Was er zu hören bekam, schreckte ihn derart ab, dass er wieder abreiste und den Wettstreit der Orgelgiganten nicht antritt. Schließlich habe auch Volumiers Befürchtung, der Kurfürst habe den Franzosen an seinen Hof engagieren wollen, sich als überängstlicher Eifer herausgestellt.

Einfühlsame und ausdrucksstarke Novelle

FAZIT: „Als Bach nach Dresden kam“ von Ralf Günther ist amüsante Novelle mit reichlich Zeitkolorit des 18. Jahrhunderts über den Musikerwettstreit zwischen dem Pariser Orgelgiganten Louis Marchand und Johann Sebastian Bach, der womöglich in Dresden stattgefunden haben könnte, wenn der Vermittler des Kurfürsten nicht aus Konkurrenzangst gefakt, sondern mit offenen Tasten gespielt hätte…

Die Schilderungen Ralf Günthers sind bildhaft in den beschriebenen Gesten, einfühlsam in den Dialogen und daher ausdrucksstark. Noch die nebensächlichste Anmerkung bezieht er auf das Kerngeschehen. Die Sprache ist gelegentlich historisierend, deswegen für heutige Ohren etwas langatmig, aber sie bringt die Zeitgeschichte anschaulich und im Detail ins Bild. Manchmal hat man allerdings auch den Eindruck, ein Passus wiederhole sich. Die Darstellung der Unannehmlichkeiten einer Reise in der Postkutsche desillusionieren jeden Romantiker. Interessant ist der Einblick in das Innenleben einer Orgel, das anhand einer Orgelabnahme Bachs ausführlich geschildert wird. Auch die Liebe wird nicht vergessen, sowohl in Paris als in Dresden: Während seiner Täuschungsmanöver verliebte sich Volumier in Bachs Cousine Friedelena, wurde aber auf später vertröstet. Am Ende des spannenden wie unterhaltsamen historisch-musikalischen Rätselstücks durfte der nicht in das Täuschungsmanöver involvierte Dritte lachen: der Dresdner Hoforganist, dessen bestehende Position von August dem Starken nie infrage gestellt worden war. ♦

Ralf Günther: Als Bach nach Dresden kam, 156 Seiten, Rowohlt-Kindler-Verlag, ISBN 9783463407067

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Johann Sebastian Bach auch über den
Monteverdi-Choir (Gardiner): Eternal Fire (Chor-CD)

… sowie zum Thema Musik-Städte über
Heinz Stade: Bach, Liszt und Wagner in Weimar

Rätsel-Lösungen im Glarean Magazin

Die Seite mit den Lösungen von GLAREAN-Rätseln

Hier finden Sie die Lösungen von Sudoku-, Schach- oder Kreuzworträtseln, die im GLAREAN MAGAZIN oder bei INSTAGRAM hierher verlinkt worden sind. – Wir wünschen viel Spass beim Knobeln unserer verschiedenen Denksport-Aufgaben!


Bron-Schachstellung (Instagram vom 15. 4. 2020)

Schach-Osterei 2017

Mausklick auf einen Zug öffnet das Analyse-Brett, via Button rechts („Download the game“) lässt sich das PGN-File runterladen


Instagram-Schachstellung vom 6. Februar 2020

Mausklick auf einen Zug öffnet das Analyse-Brett, via Button rechts („Download the game“) lässt sich das PGN-File runterladen


Sudoku-Rätsel Oktober 2019

Instagram 17. Oktober 2019

Instagram-Sudoku 17. Oktober 2019 - Lösung - Denksport Walter Eigenmann - Glarean Magazin
Instagram-Sudoku 17. Oktober 2019 – Lösung – Denksport Walter Eigenmann – Glarean Magazin

Musik-Kreuzworträtsel

Instagram 13. November 2018

Musik-Kreuzworträtsel (Lösung) - Nov-2018 - Walter Eigenmann (Instagram)
Copyright 11/2018 by Walter Eigenmann (Glarean Magazin)


Die Schach-Kerze zum 1. Advent 2018

Glarean Magazin 2. Dezember 2018

Mausklick auf einen Zug öffnet das Analyse-Brett, via Button rechts („Download the game“) lässt sich das PGN-File runterladen


Die Schach-Kerze zum 2. Advent 2018

Glarean Magazin 9. Dezember 2018

Mausklick auf einen Zug öffnet das Analyse-Brett, via Button rechts („Download the game“) lässt sich das PGN-File runterladen


Die Schach-Kerze zum 3. Advent 2018

Glarean Magazin 16. Dezember 2018

Mausklick auf einen Zug öffnet das Analyse-Brett, via Button rechts („Download the game“) lässt sich das PGN-File runterladen


Die Schach-Kerze zum 4. Advent 2018

Glarean Magazin 23. Dezember 2018

Mausklick auf einen Zug öffnet das Analyse-Brett, via Button rechts („Download the game“) lässt sich das PGN-File runterladen

Das neue Musik-Kreuzworträtsel im Oktober 2018

Buchstaben-Puzzle aus der ganzen Welt der Musik

von Walter Eigenmann

Das jüngste Beispiel aus der traditionsreichen Serie „Musik-Kreuzworträtsel“ im Glarean Magazin enthält wieder eine ganze Reihe von kniffligen Fragen aus dem gesamten Spektrum der Genres – vom Pop-Song bis zum Klassik-Chor, von der Instrumenten-Kunde bis zur Noten-Software. Die Redaktion wünscht viel Spaß beim Knobeln und Erfolg beim Lösen.

Musik-Kreuzworträtsel - August 2018 - Aufgaben
Laden Sie das Rätsel als PDF-Datei herunter und drucken Sie es aus.

Hier finden Sie die Lösungen des Rätsels —> weiterlesen

Weiterlesen

Wer bin ich? (Women Power 17 – Musik)

„Erstaunlich präzis und professionell“

von Walter Eigenmann

Wer bin ich (Women Power 17 – Musik) PortraitIch glaube ohne alle Angeberei behaupten zu dürfen, dass ich als Musikerin und als Mitglied der „gehobenen Gesellschaft“ weit über dem weiblichen Bildungsniveau meiner Zeit stand. Denn nicht nur, dass mein Vater im Dienste des Nuntius in der österreichischen Hauptstadt stand, sondern auch, dass mein langjähriger privater Lehrer in Musik, in den Sprachen und in der Literatur ein bekannter Dichter am Kaiser-Hof war. Sogar beim großen Haydn nahm ich eine Zeitlang Klavierunterricht.

Messen und Oratorien

Bereits als Siebzehnjährige konnte ich erste Messevertonungen vorlegen, die auf allgemeines Lob der Öffentlichkeit stießen. Leider waren meine einzigen gedruckten Stücke zu Lebzeiten zwei Klaviersonaten. Doch aufgeführt wurden meine Werke sehr wohl, z.B. meine Oratorien, und dies teils von bekannten Chören und Orchestern wie der Wiener Tonkünstler-Sozietät.

Posthume Vergessenheit

Mein Kompositionsstil wurde allenhalben gerühmt und mit Komplimenten wie „genial“, „erstaunlich präzis“ oder „professionell“ und „adeliger Ausdruck“ überhäuft. Dass die berühmte Enzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“ lang Zeit meine kompositorische Arbeit als „mittelmäßig“ einstufte, ist nicht nur ein tragisches Fehlurteil aufgrund von Nichtwissen und Chauvinismus, sondern grenzt geradezu an bewusste Geschichtsverfälschung. Heute bin ich eigentlich komplett vergessen – zu unrecht!
Der untenstehende Partitur-Ausschnitt entstammt einem meiner Oratorien.

Also: Wer bin ich?

Wer bin ich (Women Power 17 - Musik) - Rätsel Glarean Magazin

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über das 50-Euro-Preisrätsel: Wer bin ich? April 2008)

Dirk Maassen: Avalanche (Musik-CD)

Brücke zwischen den Welten

von Christian Busch

Schon der vor 100 Jahren geborene Leonard Bernstein trat für die Verwischung der Grenzen von Unterhaltungs- und Ernster Musik ein. In seinen Werken gingen Jazz und Klassik eine erstaunliche Symbiose ein, die ein breites Publikum für sich einnahm und die tiefen Gräben zwischen beiden scheinbar gegensätzlichen Musikkulturen vergessen ließ. Aus „Romeo und Julia“ wurde die „Westside-Story“.

Dirk Maassen - Avalanche - Moderne Musik - Glarean MagazinAuf seinem neuen, bei Cargo Records erschienen Album „Avalanche“ wendet sich Ausnahmepianist Dirk Maassen, mittlerweile mit über einer Million monatlichen Hörern auf Spotify, iTunes und Co. einer der präsentesten deutschen Komponisten und Performers für postmoderne Klangmusik, nicht mehr nur an eine flüchtige Online-Gemeinde, sondern auch an ein dem festen Tonträger wie CD und Vinyl verbundenes Publikum. Dabei kombiniert er – wie Bernstein – gekonnt die unterschiedlichen Bereiche. Mal balladesk, mal impressionistisch, mal liedhaft geschlossen, mal atmosphärisch verdichtet und mit Freude am Experimentieren, wie zum Beispiel in dem fado-artigen Gitarrenstück „Allewind“, gibt Maassen, 1970 bei Aachen geboren und in Ulm lebend, ein vielfältiges und facettenreiches Spektrum seiner Kunst.

Cineastisch untermalender Impressionismus

Seine Titel, etwa „Eclipse“, „Nocturne“, „Falling stars“, „Muse“, „Liberty“ wurzeln in romantischen Klang- und Bilderwelten, sind aber eher impressionistisch cineastisch untermalend, jedoch keineswegs unmelodiös gestaltet. Vor allem in „Muse“ gelingt die völlig nach innen gekehrte Transponierung des romantischen Interieurs in neuzeitliche Klang- und Vorstellungswelten, bevor er sich in „Spirit“ wieder mehr den nach außen gekehrten unverwüstlichen Jazz-Welten nähert, ohne indes ganz in ihr aufzugehen.

FAZIT: Maassens fast neo-romantische Musik in „Avalanche“ legt bei modernen Menschen verborgene Sehnsucht, Ängste und den Wunsch nach Freiheit offen. Sicher der Grund für seinen enormen Erfolg! Am Ende kann der Hörer darin sein Glück finden oder aber wieder in die eine oder andere Sphäre zurückkehren, sei es in die lautere, extrovertiertere und dem Leben zugewandte Jazz-Welt oder in die strenge Tiefe von Beethovens „Mondscheinsonate“ – oder gar in die existentielle Abgründigkeit einer Schubert-Sonate. Jedenfalls ist die Brücke zwischen U- und E-Musik mal wieder gekonnt geschlagen.

Die Begleitung durch das Deutsche Filmorchester Babelsberg fungiert weitgehend als sphärischer Hintergrund. So assoziiert der Hörer bei manchen, mehr als kontemplativen Sequenzen wohl unfreiwillig schon eine potentielle Filmszene, etwa den Journalisten Sebastian Zöllner, der in Kaminskis Tiefenschichten stöbert – oder natürlich auch etwas ganz anderes. Hier hinterließ die Zusammenarbeit mit Lorenz Dangel, dem Träger des Deutschen Filmpreises (für die beste Filmmusik in „Ich und Kaminski“) unüberhörbar ihre Spuren. Auch die Nähe von „Helios“ zur Filmmusik von „Das Piano“ (1993) sowie die von „Nocturne“ zur berühmten „Love Story“ soll erwähnt werden.

Harmonisch geglättete Melodieführung

Die Melodieführung – keineswegs von epischer Länge – ist dabei noch gefälliger, harmonisch geglätteter als etwa bei den berühmten nächtlichen, elegisch-träumerischen Charakterstücken eines Frédéric Chopins oder Gabriel Faurés. So kommt „Gravity“ doch deutlich leichtfüßiger daher als etwa das berühmte „Regentropfen“-Prélude Chopins.

Dirk Maassen - Pianist - Rezension Glarean Magazin
Romantischer Neoklassiker oder Klassik-Popmusiker? Pianist jenseits der Etiketten: Dirk Maassen (Geb. 1970)

Zusammengefasst: Maassens fast neo-romantische Musik in „Avalanche“ legt bei modernen Menschen verborgene Sehnsucht, Ängste und den Wunsch nach Freiheit offen. Sicher der Grund für seinen enormen Erfolg! Am Ende kann der Hörer darin sein Glück finden oder aber wieder in die eine oder andere Sphäre zurückkehren, sei es in die lautere, extrovertiertere und dem Leben zugewandte Jazz-Welt oder in die strenge Tiefe von Beethovens „Mondscheinsonate“ – oder gar in die existentielle Abgründigkeit einer Schubert-Sonate. Jedenfalls ist die Brücke zwischen U- und E-Musik mal wieder gekonnt geschlagen – auf dass viele sie ergreifen, um „hinüberzugehen und wiederzukehren“. ♦

Dirk Maassen: Avalanche – Musik-CD, 45 min, Cargo Records

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klaviermusik auch über
Ernest Bloch & Ferruccio Busoni: Klavier-Werke (CD)

… sowie über
Friedrich Gernsheim: Klavierquintette (CD)

Jakob Bangso: Connect – Electronic Works for Guitar (CD)

Von der Schwierigkeit, aufmerksam zu sein

von Horst-Dieter Radke

Der erste Höreindruck von „Jakob Bangso: Connect – Electronic Works for Guitar“ war für mich irritierend. Ich hatte Schwierigkeiten, mich durchgängig auf die Musik zu konzentrieren. Immer wieder schweifte die Aufmerksamkeit ab, verselbstständigten sich die Gedanken. Da dies nicht unbedingt an der Musik liegen musste, versuchte ich beim erneuten Hören besser dabei zu bleiben. Ich meine inzwischen, dass dieses „Aufmerksamkeitsdefizit“ der ungewohnten Kombination von akustischem und elektronischem Instrumentarium geschuldet ist. Das, was die Gitarre spielt, ist nicht spektakulär und isoliert betrachtet wenig abwechslungsreich. Der elektronische Anteil entspricht nicht dem, was wir allgemein als „Musik“ verstehen; kaum wahrnehmbare Melodien, insgesamt nahe an das Spektrum von „Geräuschen“ gerückt. Konzentriere ich mich auf das Zusammenspiel beider musikalischen Instrumente, fällt es mir leichter, die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.

Mehr Klang als Sein

Jakob Bangso: Connect – Electronic Works for Guitar (CD) Rezension Glarean MagazinDas erste Stück „Periferi“ von Tine Surel Lange lebt von der Kommunikation der Gitarre mit der Elektronik. Natürlich aufgenommene und verfremdete Geräusche werden mit den von der Gitarre erzeugten musikalischen Einheiten live über ein Midi-Keyboard gemixt. So entsteht im Grunde jedes Mal ein anderes Werk. Ob sich diese von Aufführung zu Aufführung ähneln, kann ich auf Grund einer CD natürlich nicht beurteilen.
Der Gitarrenpart besteht aus Arpeggien und sehr einfachen Melodien, meist nur aus wenige Tönen gebildet, die kaum variiert werden. In der zweiten Hälfte wurde per Overdub eine zweite Gitarrenstimme hinzugefügt. Oder per Loop, was nahe liegt, wenn man an die Live-Performance denkt. Die elektronischen Klangspiele sind nicht unbedingt dem Gitarrenpart zuzuordnen. Für mich wirkt das deshalb beliebig. Ich habe den Eindruck, es wurde mehr Aufmerksamkeit auf den „Klang“ (Sound) gelegt als auf den Gehalt der Komposition.

Tanz mit dem Computer

Jakob Bangsø Die fünf auf der CD vertretenen elektroakkustischen Werke wurden extra für den jungen dänischen Gitarrenvirtuosen Jakob Bangsø komponiert. Der mehrfach preisgekrönte Musiker (geb. 1988) hat sich schnell als einer der aktivsten und vielseitigsten Instrumentalisten Dänemarks etabliert. Als Solist hat er sich besonders bei internationalen Gitarren-Wettbewerben hervorgetan. Vor drei Jahren erhielt er als erster Gitarrist überhaupt das zweijährige Karrierestipendium The Young Elite von der Danish Arts Foundation.

„Streams“ von Andreja Andric ist eine Suite für Gitarre und Computer. Elektronik steht bei dieser Suite in stärkerem Zusammenhang mit der Gitarrenstimme als bei der Komposition zuvor. Sie hat außerdem mehr Substanz. Der Gitarrenklang wird vom Computer resampled. Die Software dafür hat der Komponist selber entwickelt. Jeder Satz der Suite ist anders, nicht nur im Klang, sondern auch im gesamten musikalischen Ausdruck. Die einzelnen, jeweils recht kurzen Sätze, sind kontrastierend angelegt. Die Abfolge ist logisch und eher aufmerksamkeitsfördernd. Die beiden Tänze könnten auch ohne Electronic funktionieren und beispielsweise im Unterricht der Mittelstufe eingesetzt werden. Diese Suite ist für mich die stärkste Komposition auf dieser CD.

Jakob Bangso - Gitarrist - Rezension Glarean Magazin
Mehrfacher Preisträger internationaler Gitarren-Wettbewerbe: Jakob Bangso

Das Stück „Feed“ von Klavs Kehleet Hansen lebt von Rückkopplungen. Der offene Ausgangsakkord der präparierten Gitarre ist Basis für die elektronischen Effekte. Die Gitarrenstimme ist relativ belanglos und dient lediglich als Grundlage für die elektronischen Effekte. Zusammen klingt es wie der Dialog zwischen Gitarre und Elektronik. Ein interessantes kleines Stück, das aber nach dem Hören kaum Erinnerung hinterlässt.

Auch nach wiederholtem Anhören für mich am schwersten zu folgen ist „Dive“ von Wayne Siegel. Das liegt aber weniger am musikalischen Gehalt, sondern daran, dass ständige Assoziationen gefördert werden. Die Elektronik hat auch bei diesem Stück eher ergänzenden Charakter, wirkt so als eine Art „Klangerweiterung“ der Gitarre. Der Komponist (Jahrgang 1953) ist der versierteste unter denen, die auf dieser CD vertreten sind. Er hat für viele Genres komponiert, nicht nur elektronische Musik sondern auch Orchesterwerke und Kammermusik. Trotz dieses „Aufmerksamkeitsdefizits“ beim Hören bleibt von dieser Komposition von allen Komposition dieser CD noch lange nach dem Hören am meisten im Ohr.


Exkurs: Komponieren für Gitarre & Computer

W.E. / Anhand der Suite „Streams“ von Andreja Andric lässt sich veranschaulichen, welche kompositorischen Basics vom Urheber eines modernen elektronischen Werkes erbracht werden, und wie hoch dann unter Umständen die musikalische Verantwortung des Interpreten gehen kann. In jedem Falle ist eine symbiotische Beziehung beider Künstler unabdingbar, wenn ein gültiges Resultat, sprich adäquate Umsetzung des kompositorischen Willens einerseits und der instrumentaltechnischen Realisierung andererseits generiert werden soll. Der Anteil des Improvisatorischen ist dabei ein sehr bedeutsamer, ja eigentlich essentieller:

Andreja Andric - Streams für Gitarre und Computer - Indroduction - Glarean Magazin
„Play everything arpeggio, molto rubato. Dwell on each chord as long as necessary. Change speed and dynamic according to the feel of the moment. Practice with the computer and listen closely to the combined sound that comes out of the loudspeakers, follow it and adapt your playing to it.“ (Spiel-Anweisung des Komponisten Andreja Andric für den Gitarristen im 1. Satz von „Streams“ – Kompletter Notenausschnitt siehe unten).

Komponist Andric selber über sein Werk „Streams“: „Die Partitur ist auf ihre wesentlichen Bestandteile reduziert, um die Improvisation zu fördern, und bietet so Platz für verschiedene  Interpretationen, erleichtert die rechtzeitige Entwicklung des Stückes. Der Computer ändert die Tonhöhe des Instruments in Echtzeit, nach vorbereiteten Schemata.
Auf diese Weise fügt es der auf dem Live-Instrument gespielten Musik Rhythmen und Melodien hinzu und „formt“ die Live-Performance auf diese Art. Der Prozess erinnert an die Wirkung, die heiße Luft auf unsere Wahrnehmung hat, wenn wir auf entfernte Objekte schauen, oder, wie es der Titel andeutet, dass das fließende Wasser einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung des Bachbettes und der Kieselsteine unter dem Wasser hat“.
Der folgende Ausschnitt beinhaltet die musikalischen sowie die aufnahme- und computertechnischen Angaben des Komponisten für den 1. Satz seinen Suite „Introduction“. Besten Dank an Andreja Andric für die Zusendung seiner Notationen:

Andreja Andric - Streams - Score (Introduction) - Glarean Magazin

Ein versöhnlicher Ausklang

FAZIT: Die CD von Jakob Bangso: Connect ist eine gelungene Zusammenstellung von Gitarrenmusik, die mit und von elektronischen Elementen lebt. Insbesondere die Kompositionen von Andric, Siegel und David lohnen die Anschaffung. Es sind Stücke, die man gerne wiederholt hören mag. Die Kompositionen von Lange und Hansen brechen am stärksten mit den üblichen Hörgewohnheiten und können deshalb vielleicht erst nach vielfachem Hören entsprechend gewürdigt werden.

„451“ von Kaj Duncan David ist die abschließende Suite dieser CD. Sie scheint vom Interpreten etwas mehr zu fordern, als die Kompositionen zuvor. Den Titel hat der Komponist in Anlehnung an Bradbury’s Roman „Fahrenheit 451“ gewählt. Die einzelnen Sätze sind lediglich mit A, B und C überschrieben und unterscheiden sich stark voneinander. Der erste Satz lebt von großen dynamischen Unterschieden, der zweite kommt sehr perkussiv und im dritten Satz steht die Gitarre so stark im Vordergrund, dass die Elektronik kaum zu spüren ist. Sie ist aber vorhanden. Unklar ist mir, ob die zweite Gitarrenstimme per Overdub oder per Loop eingespielt wurde. Ein sehr schöner Ausklang dieser Suite und damit auch dieser CD. ♦

Div. Komponisten: Connect – Electronic Works for GuitarJakob Bangso Gitarre, Audio-CD (48 min), DaCapo Classical (Naxos)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Elektronische Musik auch über
Electronic Chamber Music (CD & Vinyl)

… sowie zum Thema Neue Musik das
Interview mit dem Schweizer Komponisten Fabian Müller

Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern

Schall-Aufzeichnungen eines Titanen-Werks

von Christian Busch

Als Ludwig van Beethoven am 26. März 1827 in Wien im Alter von nicht einmal 57 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches kompositorisches Werk von gewaltiger Sprengkraft und berückender Schönheit – und daher eine große trauernde Fan-Gemeinde – mehr als 20’000 Menschen sollen den Trauerzug bei seiner Bestattung gebildet haben.
Seine Symphonien, Konzerte und Sonaten, seine Kammermusik, sein „Fidelio“ und seine Missa solemnis sichern ihm bis heute den Ruf des unumstrittenen Vollenders der Wiener Klassik und einen unantastbaren Platz an der Spitze des unvergänglichen Erbes der Musikgeschichte. Wahrheit und Schönheit, Revolution und Harmonie waren die Elemente, die er kongenial in Töne goss, die „von Herzen“ kommend auch heute immer noch „zu Herzen“ gehen und in der Vertonung von Schillers Ode „An die Freude“ („Alle Menschen werden Brüder“) kulminieren.

Bernd Stremmel - Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern (Band 1) - Klassik Prisma - Glarean MagazinVon keinem geringeren als Wilhelm Furtwängler stammt das folgende Zitat: „Beethoven begreift in sich die ganze, runde, komplexe Menschennatur. […] Niemals hat ein Musiker von der Harmonie der Sphären, dem Zusammenklang der Gottesnatur mehr gewußt und mehr erlebt als Beethoven.“ Dass der Schöpfer der „Mondscheinsonate“ und der Europa-Hymne Zeit seines Lebens ein in sich und in seine Arbeit vergrabener, einsamer, im Umgang mit Menschen äußerst schwieriger Einzelgänger und gegen Ende auch noch völlig taub war, hat die Faszination Beethoven eher gesteigert denn geschmälert.

Die „Berliner“ am Beginn der Schallaufzeichnungen

Arthur Nikisch und den Berliner Philharmonikern war es 1913 – also fast 90 Jahre nach dem Tod des Meisters – vorbehalten, die erste Schallaufzeichnung (damals noch im Trichterverfahren) eines Werkes des großen Bonner Komponisten zu realisieren: die Symphonie Nr. 5 in c-moll. Damit beginnt die Geschichte der Schallaufzeichnungen, die über das alte Grammophon zur Schallplatte (heute Vinyl genannt) bis zur digitalen Compact Disc und der virtuellen Download-Gemeinde des heutigen Internets führt.
Fast zu spät, aber längst Zeit also für eine kritische, allumfassende Sichtung und Bestandsaufnahme der Interpretationsgeschichte der Schöpfungen Beethovens, könnte man meinen, denn in über 100 Jahren Rundfunk- und Schallplattengeschichte figurieren unzählige Aufführungen und Einspielungen, im Konzertsaal, im Studio oder sogar in Kirchen mit mitunter gänzlich verschiedenen Ansichten und Auffassungen. Ein allerdings unmögliches Unterfangen, so könnte man meinen.

Nahezu komplette Auflistung aller Beethoven-Einspielungen

Doch das Wunder ist geschehen. Was findige (oder eingeweihte) User in den letzten Jahren auf der Internetseite Klassik-Prisma schon im Entstehungsprozess entdecken, bestaunen und nutzen konnten, ist jetzt in Buchform im Dohr-Verlag erschienen – eine nahezu komplette Auflistung, Sichtung, Besprechung und Einordnung der im Verlauf von über 80 Jahren Aufführungsgeschichte entstandenen Interpretationen der Beethoven’schen Werke. Das ist schon an sich eine Sensation.
In diesen zwei Bänden, von denen der erste sich der Orchester- und Vokalmusik, der zweite dem Klavierwerk und der Kammermusik Beethovens widmet, stellt Bernd Stremmel (Jahrgang 1949) die Werke zunächst einleitend vor, wobei er auf ihre besondere Gestaltung eingeht und die nicht zuletzt am Notentext festzumachenden Vergleichsaspekte (Werktreue als oberstes Kriterium) herausstellt, bevor er zu den hierarchisch nach Qualität geordneten, verschiedenen Aufnahmen, die ebenfalls mit kommentierenden Notizen versehen sind, kommt. Abschließend kommentiert er – niemals plakativ provozierend, sondern immer zielführend, sachlich-beschreibend die unterschiedlichen Einspielungen der Dirigenten, von denen häufig mehrere Einspielungen aus unterschiedlichen Zeiten und mit wechselnden Orchestern vorliegen.

Ein Meilenstein in der Musikgeschichte

Spielte als erster Beethovens Fünfte auf Tonträger ein: Dirigent Arthur Nikisch mit den Berliner Philharmonikern 1913
Spielte als erster Beethovens Fünfte auf Tonträger ein: Dirigent Arthur Nikisch mit den Berliner Philharmonikern 1913

Ein Meilenstein in der Musikgeschichte – gleichermaßen für Musikwissenschaftler, Musiker, Laien und Liebhaber, bieten Stremmels Ausführungen, die äußerst objektivierte Subjektivität auszeichnet, doch die grundlegende Basis für den kontroversen Meinungsaustausch bei der Suche nach der „besten“, „gelungensten“, „interessantesten“ oder einfach „wahrhaftigsten“ Interpretation. Vor allem aber macht der Klassik-Liebhaber unglaubliche Entdeckungen. Wer wäre heute beispielsweise – ohne Stremmels Hinweise – bei der Suche nach der besten „Eroica“ auf die Idee gekommen, sich Carl Schurichts bei EMI veröffentlichte Aufnahme von 1957 mit dem Pariser Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire anzuhören? Vielleicht hätte da jemand sein Leben lang vergeblich darauf gewartet, dass ihm – im wahrsten Sinne des Wortes – „die Ohren abfallen“.

Entdeckung verschollener Aufnahmen aus den 1940er Jahren

Seit Nikisch, Toscanini und Furtwängler hat die Beethoven-Rezeption eine lange Geschichte durchgemacht, die bis zu den historisch-informierten Interpreten, die seinen Metronom-Angaben folgen und auf Instrumenten seiner Zeit spielen lassen um einen möglichst authentisch-originalen Klang zu erreichen, reicht. Waren die Alten besser? Entfernt sich die jüngere Generation im modern-parfümierten Jet-Set- und Selbstdarstellungsbetrieb von den Ursprüngen, dem wahren, unveränderlichen Kern des Beethoven’schen Kosmos? Ist Christian Thielemanns Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern wirklich „neu“ und ein bahn- und wegweisender Zyklus für das 21. Jahrhundert? Welche von den vier (!) Gesamteinspielungen Karajans, drei davon mit den Berliner Philharmonikern, ist die beste – klangtechnisch, aber auch interpretatorisch? Welche „Neunte“ ist denn nun der Weisheit letzter Schluss? Sind es tatsächlich die großen Pianisten im Rampenlicht, denen Beethovens Klaviersonaten am besten gelungen sind, die das Wesen Beethovens am genauesten ergründet und wiedergegeben haben? Und so ganz nebenbei: Was ist eigentlich das Wesen der „Appassionata“? Finden sich auch bei weniger bekannten Plattenfirmen oder in den Archiven der Rundfunkanstalten interessante, bisher übersehene Kostbarkeiten? Oder einfach: Ist die neueste Aufnahme eines Werkes auch die beste? Und nicht zuletzt bietet Stremmels Nachschlagewerk der jungen Generation eine faszinierende Anleitung für die Entdeckung der fast unbekannten und verschollenen Aufnahmen aus den 40er und 50-er Jahren!

Tonträger-Analysen mit differenzierendem Sachverstand

FAZIT: Bernd Stremmel klassifiziert in seinem Kompendium „Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern im Vergleich“ in verdienstvoller, sorgfältiger und kompetenter Weise Beethovens Oeuvre, seine Interpreten und Interpretationen. Die Veröffentlichung in zwei Bänden stellt eine unglaublich akribische Leistung und einen unerschöpflichen Fundus zur Orientierung und zu vielen Anregungen für Vergleiche für den Klassik-Liebhaber dar. „Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, hier ist’s getan.“ Bleibt zu hoffen, dass noch weitere Bände diesem Meilenstein folgen werden.

Wer zwischen ideologisch verhärteten Fronten oder zwischen von Vorurteilen und persönlichen Affinitäten geprägten Lagern gespalten ist (so manche Diskussion in den virtuellen Klassikforen, aber auch in den noblen Foyers der Konzertsälen endete mit Verstimmung), findet Orientierung und Klarheit hier, denn Stremmel analysiert mit großem, immer differenzierendem Sachverstand und respektvoller Distanz. Seine Ergebnisse fußen auf Jahrzehnte langer, akribischer Recherche und Sammlertätigkeit, hörender und vergleichender Analyse, hinter der eines nie verloren geht: die Liebe zur Beethoven’schen Musik. Dass Geschmäcker verschieden sind, weiß natürlich auch Stremmel und bleibt davon gänzlich unberührt. Insofern ist die Lektüre niemals einengend dogmatisch, sondern immer informativ-erhellend, bietet weniger endgültige Wahrheiten als immer neue Herausforderungen, Sichtweisen und Material für die eigene Meinungsbildung. Da würde sich wohl selbst Beethoven zufrieden schmunzelnd in nebulöses, andeutungsvolles Schweigen zurücklehnen… ♦

Bernd Stremmel (Klassik-Prisma): Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern im Vergleich (Band 1), 536 Seiten, Dohr Verlag, ISBN 978-3868461374

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik-Klassik auch über
Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder!

…sowie zum Thema Klassische Komponisten über
Michael Hofmeister: Alexander Ritter (Musiker-Biographie)

50-Euro-Musik-Kreuzworträtsel (September 2018)

Der neue Schwedenrätsel-Spaß

Auch der jüngste Buchstaben-Puzzle-Spaß in der „Glarean“-Reihe 50-Euro-Kreuzworträtsel bietet Musikamateuren wie -kennern eine Herausforderung in Sachen Rätselbegriffen aus der gesamten Welt der Musik, vom Madrigal bis zum Rock, von Orlando di Lasso bis zu Boris Blacher, vom Schlager bis zum Jazz.

Mitmachen ist ganz einfach:

  1. Nachstehende PDF-Datei ausdrucken (oder PDF hier downloaden)
  2. Ausfüllen & scannen oder photographieren
  3. Grafik im jpg- oder png-Format einsenden an:
    glarean.magazin[ät]gmail.com

 

Musik-Kreuzworträtsel-September-2018 - Aufgaben

Der(Die) erste Einsender(in) aller richtigen Lösungen erhält 50 Euro überwiesen (bitte keinen Nicknamen, sondern realen Vor-/Nachnamen angeben).  – Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Einsende-Schluss ist am 4. Oktober 2018 (13 Uhr). ♦

Knobeln Sie im Glarean Magazin auch das
Musik-Kreuzworträtsel vom April 2018