Bernhard Morbach: Die Musikwelt des Barock

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Von der Affektenlehre bis zum Pythagoreischen Komma

von Walter Eigenmann

Wenn einer seit bald 30 Jahren als Moderator und Autor im Rundfunk ältere Musik vermittelt, im Studio oder vor Publikum, „dann kann er was erzählen“. Und wenn er dann noch Bernhard Morbach heißt und bereits zwei umfang- wie erfolgreiche Buch-Projekte – „Musikwelt des Mittelalters“ und „Musikwelt der Renaissance“ – realisiert hat, so wird dem ernsthaft an Kunstmusik Interessierten auch der letzte Teil dieser Trilogie – „Die Musikwelt des Barock“ – beinahe zur Pflicht-Lektüre.

Geschmacksgraben zwischen Barock und Moderne

Bernhard Morbach - Die Musikwelt des Barock - Neu erlebt in Texten und Bildern - Cover Bärenreiter Verlag - Glarean MagazinAutor Morbach weiß dabei um die unlösbare Aufgabe, auf nur 300 Buchseiten das Konzentrat einer Musik-Epoche zu liefern, deren wissenschaftliche und praktische Rezeption inzwischen ganze Bibliotheken bwz. CD-Regale füllt – vom uferlosen WWW noch nicht geredet. Bei alter (oder zumindest „älterer“) Musik kommt auf den theoretisch Vermittelnden noch erschwerend die große zeitliche Entfernung hinzu, die dem geschmacklich um Welten distanzierten „modernen Musik-Konsumenten“ den Zugang zu Monteverdi&Co. schier unüberbrückbar machen. Außerdem hat noch mit einer dritten Problematik zu kämpfen, wer komplexe musikalische Inhalte früherer Jahrhunderte in unsere Tage transponieren will: Mit der empirisch verifizierten Tatsache, dass im Zeitalter der erbarmungslos omnipräsenten, von qualitativ filternder Selektivität völlig unbehelligten Ton-Flut aus allen möglichen und unmöglichen industrialisierten Konserven-Quellen die Fähigkeit des „Durchschnittshörers“ zu bewusst-reflektierendem Hinhören und Verarbeiten systematisch, ja von Kindsbeinen an aberzogen und stattdessen die wirtschaftlich weit interessantere Dauerberieselung von Beruf und Alltag mit Light-Musik (sprich: populärer Musik) installiert wird.

Respekt vor barocker Kreativität

Bernhard Morbach
Bernhard Morbach

Zu dieser Problematik sei Morbach gleich selber zitiert, der unter dem Stichwort „Barockmusik in unserer Welt“ leicht wehmütig festhält: „Eine Musikkultur wie die unsrige, die im Bereich der so genannten Ernsten Musik so rückwärts gewandt ist, hat natürlich den Vorteil, dass einem ‚die Fülle‘ an Musik zur Verfügung steht. Aber eines ist sicher: Wenn in der Dresdner Hofkirche eine Festmesse von Heinichen erklang, wenn Biber mit seiner Hofkapelle an der Tafel des Salzburger Fürst-Erzbischofs aufspielte, wenn in Amsterdam nach den Gottesdiensten in der Oude Kerk Sweelinck auf der Orgel improvisierte, wenn in Leipzig Bach mit seinem Collegium musicum im Kaffeehaus auftrat, wenn in Bologna das Concerto Palatino im Palast der Stadt musizierte, wenn in Hamburg eine kunstvolle Musik zu einem Fest der Bürgerschaft erklang oder Corelli in Rom seine Violinkunst zum Besten gab, dann hörte man zu! Man begegnete der Musik mit der gebotenen Aufmerksamkeit, denn jede Musik ereignete sich nur im ‚Hier-und-Jetzt‘. Dass in unserer Welt gerade die Musik des Barock zur Hintergrundmusik bzw. gar zu einer Art Geräuschkulisse erniedrigt wird, kann man beklagen. Aber verhindern kann man es nicht. Deshalb ist es sinnvoll und aus Respekt vor den Menschen, die in der Barockzeit musikalisch kreativ waren, geradezu geboten, sich einmal den ursprünglichen Bedeutungszusammenhang – also die Musikwelt des Barock – zu vergegenwärtigen. Wenn man unsere enorme Distanz zu dieser Welt erkennt, gewinnt man eine neue Nähe zu ihrer Musik – hoffentlich.“

Musik-Monographie als opulenter Barock-Roman

Eben diesem „ursprünglichen Bedeutungszusammenhang“ des Barock-Zeitalters und dessen Musik spürt Bernhard Morbach auf eine Weise nach, die in Versuchung bringt, seine Monographie in einem Rutsch zu verschlingen – als opulenter Barock-Roman sozusagen. Denn es beeindruckt, mit welch sinnfälliger Strukturierung der größeren musikstilistischen wie -soziologischen Zusammenhänge, mit welcher fast enzyklopädischen Detail-Kenntnis und gleichzeitiger Verkettung dieser Details mit den epochalen „Mainstreams“, und mit auch welcher essayistischen Eloquenz der Autor der Verlockung widersteht, angesichts der Fülle des theoretischen und wissenschaftlichen Materials ins staubtrockene Lexikalische abzugleiten.

"Der vollkommene Kapellmeister" von Mattheson (Deckblatt)
„Der vollkommene Kapellmeister“ von Mattheson (Deckblatt)

Gegenüber vergleichbaren Publikationen heben drei Merkmale Morbachs Barockmusik-Buch hervor: Zum einen der geistesgeschichtliche Ansatz, mit dem der Autor das je Kompositorisch-Innermusikalische in die „höheren“ maßgeblichen politischen, sozialen, philosophischen Zusammenhänge der Barock-Zeit (ca. 1600-1750) einbettet. Ob „Affektenlehre“ oder „Pythagoreisches Komma“, ob „Chalumeau“-Bau oder „Aufführungspraxis“, ob „Choralkantate“ oder „Nummern-Prinzip“, ob „Monodie“ oder „Sonata da chiesa“, ob „Klangrede“ oder „Extemporierung“: Immer auch stellt Morbach für seine (natürlich unverzichtbaren) musikalischen Stichwörter die ideengeschichtlichen Querverbindungen und die kulturhistorischen Herkunfts-Geleise her. So wird nicht nur die Barock-Musik, sondern die Barock-Zeit überhaupt plastisch – was auch der Attraktivität des Themas nur gut tut.

Buch-„Cantus prius factus“ Johann Mattheson

Zweitens wendet der Verfasser hinsichtlich inhaltlicher Strukturierung seiner zahllosen kleineren und größeren Abhandlungen einen Trick an, quasi adaptiert aus der barocken Kontrapunkt-Technik des „Cantus prius factus“, indem er nämlich mit dem Universal-Genie Johann Mattheson einen referentiellen „Führer durch die Musikwelt des Barock“ hernimmt und nun über fast das ganze Buch hinweg alle kompositions- und instrumental- wie aufführungstechnischen bis hin zu den Stil-Fragen in den Fokus dieses umfassend gebildeten und in der Wirkung bahnbrechenden Musikschriftstellers, fruchtbaren Komponisten und aufgeklärten Zeitzeugen stellt. Mattheson war beim Publikum wie bei der „Intelligenzia“ seiner Zeit hochangesehen, wird zurecht von Morbach als „zentrale Autorität“ installiert. Die dadurch zwangsläufig entstehenden Reibungspunkte mit wiedersprüchlichen Ansichten und Strömungen sorgen ihrerseits wieder für weiterführende Reflexionen – ein sehr fruchtbarer Ansatz Morbachs.

 William Hogarth: Der rasende Musikus, 1741
William Hogarth: Der rasende Musikus, 1741

Die Komponistinnen des Barock

Eigenwillige Barock-Komponistin und Kurtisane: Barbara Strozzi
Eigenwillige Barock-Komponistin und Kurtisane: Barbara Strozzi

Jene Leserschaft schließlich, die meint, sich in der Barock-Musik überdurchschnittlich gut auszukennen, mag ein drittes Highlight dieser Monographie besonders interessieren, nämlich der Einbezug zweier besonders „exotischer“, kaum je im Zusammenhang mit Barock-Musik abgehandelter Themata: „Frauen in einer Männerwelt – Komponistinnen des Barock“, sowie „Eroberer, Missionare, Indios – Barockmusik in der Neuen Welt“. Wobei beide Gebiete keinesweg marginal, sondern insbesondere die „Neue Welt“ recht eingehend behandelt werden. Bei ersterem stehen vierzehn Komponistinnen im Mittelpunkt – von der Kurtisane bis zur Nonne -, deren Werke teils als CD-Einspielungen vorliegen. Morbach resümiert: „Nur sehr wenige Frauen sind während der Barockzeit als professionelle Komponistinnen an die Öffentlichkeit getreten, das heißt, nur wenigen gelang es, in das ganz und gar von Männern beherrschte höfische und öffentliche Konzertleben und in das Musikverlagswesen vorzudringen und Notendrucke zu publizieren. Aber das, was ans Licht der Öffentlichkeit gelangte – Vieles wird verloren gegangen sein – ist von höchster Qualität.“

Die Musikzentren der präkolumbianischen Zeit

Sehr anregend ist schließlich noch Morbachs Exkurs zu den barock komponierenden bzw. musizierenden Missionaren und – in der Folge der exportierenden Kolonialisation – zu den einheimischen Traditionen der präkolumbianischen Zeit, deren stilistische Eigenheiten gemäß Morbach zu bemerkenswerten „Sonderschöpfungen“ geführt hätten, welche keine europäische Entsprechung haben. Der Autor stattet dabei einigen Städten und Musik-Metropolen des damaligen Südamerika einen Besuch ab: Über das frühe Mexiko Stadt und seine mehrstimmig singenden, „franziskanischen“ Indios bis hin zum brasilianischen Recife, dem Geburtsort des Mulatten Luis Pinto (geb. 1719), dessen (rekonstruiertes) Te Deum für vierstimmigen Chor und Orchester sogar in einer Einspielung mit dem Ensemble Turicum vorliegt (Claves 1995).

„Die Musikwelt des Barock“ von Bernhard Morbach ist eine gleichermaßen thematisch vielfältige wie musikhistorisch breit konzipierte, äußerst belesene und im musiktheoretischen Detail fundierte, dabei mit einer instruktiven Fülle von Bild- und Zitaten-Material illustrierende Untersuchung, die mit ihren vielfältigen Bezügen zu Kultur und Gesellschaft des Barock auch eine ideengeschichtliche Brücke zu schlagen vermag bis in unsere Zeit.

„Die Musikwelt des Barock“ von Bernhard Morbach ist eine gleichermaßen thematisch vielfältige wie musikhistorisch breit konzipierte, äußerst belesene und im musiktheoretischen Detail fundierte, dabei mit einer instruktiven Fülle von Bild- und Zitaten-Material illustrierende Untersuchung, die mit ihren vielfältigen Bezügen zu Kultur und Gesellschaft des Barock auch eine ideengeschichtliche Brücke zu schlagen vermag bis in unsere Zeit. Nützlich abgerundet wird der Band durch einen umfangreichen Anhang mit Anmerkungen, Verzeichnis einführender Literatur, CD-Inhalt und Personen-/Sach-Register. ■

Bernhard Morbach, Die Musikwelt des Barock, Neu erlebt in Texten und Bildern, mit CD-ROM (Notenmaterial, Bilder, Dokumentationen), Bärenreiter Verlag, 300 Seiten, ISBN 978-3761817162

Leseproben

Leseprobe 1 aus: Bernhard Morbach, Die Musikwelt des Barock ("Macht durch Musik - Ludwig XIV.")
Leseprobe 1 aus: Bernhard Morbach, Die Musikwelt des Barock („Macht durch Musik – Ludwig XIV.“)
Leseprobe 2 aus: Bernhard Morbach, Die Musikwelt des Barock ("Gesangsstile im Orfeo")
Leseprobe 2 aus: Bernhard Morbach, Die Musikwelt des Barock („Gesangsstile im Orfeo“)
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H. Lohmann-Becker: Handbuch Gesangspädagogik

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Theorie und Praxis des guten Gesangs

von Walter Eigenmann

An Belcanto-Unterweisungen, Chor-Fibeln, Stimmbildungs-Schulen, Artikulations-Systemen, Atmungs-Techniken u.a, kurzum an Sing-Pädagogischem aller Art (egal ob’s denn gehe um Counter Tenor oder DSDS-Geschrei, Soul-Vibrato oder Rock-Röhren, Koloratur-Kunst oder Schlager-Gesäusel, Schuberts „Winterreise“ oder Bohlens „Cherry-Cherry-Lady“) ist heutzutage wahrlich kein Bedarf mehr. Ebenso wenig mangelt der heutigen Musik-Welt medizinische oder gar musiktheoretische Literatur zum Thema „Singen“. Nicht nach einer mehrhundertjährigen Geschichte des notierten Kunst- und Volksgesanges.

Hildegund Lohmann-Becker: Handbuch Gesangspädagogik, Stichworte zu Theorie und Praxis, Schott Verlag
Hildegund Lohmann-Becker: Handbuch Gesangspädagogik, Stichworte zu Theorie und Praxis, Schott Verlag

Nun denn, mag sich die deutsche Sängerin und Gesangs-Pädagogin Hildegund Lohmann-Becker, Mit-Gründerin der bekannten Lohmann-Stiftung für Liedgesang, gesagt haben: Warum nicht ein Gesangspädagogik-Handbuch schaffen, das Theorie und Praxis in Form eines Stichwort-Lexikons anbietet? Das Resultat ist ein 352-seitiges Kompendium namens „Handbuch Gesangspädagogik“, das beim Vokal „a“ und bei „a-Arbeit“ anfängt, beim „Zwerchfell“ und beim „Zwischenspiel“ aufhört – und dazwischen eine gehörige Menge an kürzeren Artikeln oder längeren Essays, Noten- bzw. Übungs-Material, Begriffs-Definitionen und Kurz-Infos ausbreitet.

Gesangstechnisches neben Menschlich-Psychologischem

Hildegund Lohmann-Becker
Hildegund Lohmann-Becker

Der Band findet dabei die richtige Balance zwischen eher beiläufig interessantem (wenngleich nützlichem) Material einerseits und andererseits jenen Bereichen, die fundamental sind für die Ausbildung künstlerischen Singens und deshalb mehrseitig abzuhandeln waren. Positiv fällt außerdem auf, dass die Autorin mit ihrer 50-jährigen pädagogischen Erfahrung nicht ausschließlich „auf Technik“ macht, sondern bei Stichwörtern wie „Vertrauen“, „Lehrer-Schüler-Verhältnis“, „Lachen“, „Körpersprache“, oder auch „Intuition“, „Üben“ und „Indisposition“ ebenfalls die in aller Pädagogik so unverzichtbare menschlich-psychologische Komponente gebührend einbezieht.

Fazit: Hildegund Lohmann-Beckers „Handbuch Gesangspädagogik“ ist eine nützliche Tipps- und Info-Sammlung in die Hand all jener Gesang-Lernenden wie -Lehrenden, die neben reiner Wissensvermehrung auch Anregungen für vertiefende Detail-Studien suchen. ♦

Hildegund Lohmann-Becker, Handbuch Gesangspädagogik, Stichworte zu Theorie und Praxis, Schott Verlag, 352 Seiten, ISBN 978-3-7957-0595-4

Leseprobe

Leseprobe: Hildegund Lohmann-Becker - Handbuch Gesangspädagogik, Stichworte zu Theorie und Praxis, Schott Verlag
Leseprobe: Hildegund Lohmann-Becker – Handbuch Gesangspädagogik, Stichworte zu Theorie und Praxis, Schott Verlag
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Alexandra Fink: Mit 50 Witzen zum Notenlese-Profi
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Das Musical „Show Boat“

Theo Hartogh: Musizieren im Alter (Forschung)

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Musik-Anleitungen für Senioren

von Walter Eigenmann

Ganz allmählich – manche internationalen Betagten-Organisationen meinen: zu langsam – entdeckt auch die Gerontologie die Musik – aber auch die Musik die Alten. Dazu trägt einerseits die bekannte demographische Entwicklung bei, die nach gesellschaftlichen bzw. bildungs- und beschäftigungspolitischen Lösungsansätzen verlangt angesichts immer mehr rüstiger, ein breites Freizeit-Angebot nutzender und auch benötigender RentnerInnen – und andererseits die medizinische Forschung, welcher ein wissenschaftlicher Nachweis nach dem anderen gelingt, dass sowohl aktiv wie passiv genossene Musik teils frappante therapeutische Wirkung zu erzielen vermag.

Hierzu gleich ein Zitat aus „Musizieren im Alter“, einer von Theo Hartogh und Hans H. Wickel jetzt vorgelegten Studie, die neben vielen anderen Aspekten auch das Musizieren mit demenziell erkrankten Menschen untersucht:

Musizieren beugt Alzheimer-Erkrankungen vor

Theo Hartogh & Hans Hermann Wickel: Musizieren im Alter - Arbeitsfelder und Methoden - Schott Verlag
Theo Hartogh & Hans Hermann Wickel: Musizieren im Alter – Arbeitsfelder und Methoden – Schott Verlag

„Mit der Alterung der Weltbevölkerung geht eine stetige Zunahme demenzieller Erkrankungen einher. Forscher warnen bereits vor einer globalen Alzheimer-Epidemie und berechnen, dass sich die Zahl der derzeit ungefähr 26 Millionen Demenzerkrankten bis zum Jahre 2050 vervierfachen wird, sofern bis dahin keine geeigneten Medikamente entwickelt werden. […] Alzheimer-Patienten sind selbst im fortgeschrittenen Stadium durch Musik ansprechbar, da die Hörrinde neben dem motorischen System weitgehend frei bleibt von neuronalen Veränderungen. Auditive Reize wie Lachen, Schreien und emotionale Prosodie wie glückliche oder traurige Stimmen können unbeeinträchtigt erkannt werden, während auf visuelle Reize größtenteils keine Reaktionen mehr gezeigt werden […] Aktives Musizieren und langjähriges kontinuierliches Üben auf einem Instrument scheinen jedoch eine präventive und verzögernde Wirkung zu haben. Außerdem kann Musik ganz wesentlich dazu beitragen, dass demenziell erkrankte Menschen emotional angeregt werden und damit eine zumindest vorübergehende Steigerung ihrer Lebensqualität erzielen […] Musik kann etwas bei den Kranken bewirken, was kein Medikament und auch keine verbale Ansprache in dem Maße und in der Unmittelbarkeit erreicht.“ (Vergleiche hierzu auch u.a. „Hirnphysiologische Auswirkungen elementaren Musizierens in verschiedenen Lebensaltern“)

Emotionale Anregung durch Musik

Musik als Beitrag zur Lebensbewältigung: Senioren-Gruppe beim Spiel mit Rhythmus-Instrumenten
Musik als Beitrag zur Lebensbewältigung: Senioren-Gruppe beim Spiel mit Rhythmus-Instrumenten

Die präventive bzw. therapeutische Funktion von Musik ist wie erwähnt nur eines der zahlreichen musik-geragogischen Themata, welche die beiden Wissenschaftler als „Arbeitsfelder und Methoden“ in ihrem neuen Studien-Band behandeln. „Musizieren im Alter“ bietet eine weitgesteckte, alle wesentlichen Bereiche der Musikgeragogik umfassende Bestandesaufnahme aktueller musikalischer „Aktivitäten für und mit Menschen im dritten und vierten Lebensalter“. Die thematische Spannweite sei (in einem kleinen Auszug des Inhaltsverzeichnisses) hier stichwortartig gelistet:

„Alter als Bildungsherausforderung – Musik in jüngeren Lebensjahren als Ressource für das Alter – Wirkungen von Musik – Bedeutung von Musik für den älteren Menschen – Dialogische Orientierung – Intergenerative Orientierung – Musik und Gesundheit – Musik und Demenz -Präventionsaspekte – Musik in Lebens- und Alltagskrisen – Musik in der Sterbebegleitung – Institutionen – Stationäre und teilstationäre Einrichtungen – Seniorenorchester, -chöre, -ensembles und -bands – Musikschulen – Hochschulen – Musizieren in Alteneinrichtungen und Pflegeheimen – Musik und Bewegung – Musikeinsatz bei Prävention und Rehabilitation der Motorik – Musikunterricht im Alter – Musikbezogenes Lernen im Alter – Instrumental- und Gesangsunterricht – Anforderungen an den Instrumentallehrer“ u.v.a.

Die „Wiesbadener Erklärung“ des Deutschen Musikrates

Anfangs Juni letzten Jahres publizierte der Deutsche Musikrat, der „Spitzenverband des deutschen Musiklebens“, seine „Wiesbadener Erklärung“. In diesem Aufsehen erregenden Manifest unter dem Titel „Musizieren 50+ – im Alter mit Musik aktiv“, welches substantiell ohne weiteres auch auf die anderen europäischen Länder übertragen werden kann, sind zwölf Forderungen an Politik und Gesellschaft formuliert. Zentraler Kritik-Punkt ist dabei, dass „die gesellschaftspolitische Debatte und die damit einhergehende Bewusstseinsbildung um die Wirkungen von Musik im Hinblick auf die ‚Generationen 50+‘ bislang so gut wie gar nicht geführt wird.“
Wir zitieren nachfolgend dieses Dokument, das sowohl Standort-Bestimmungen als auch Zukunfts-Perspektiven umreißt, in seinem vollen Wortlaut:

„Die Potentiale des demographischen Wandels und seine Probleme wie die zunehmende Vereinsamung älterer Menschen sind gesellschaftspolitische Herausforderungen, die dringend neuer bzw. verstärkter Lösungsansätze bedürfen. Die Musik kann dabei Chancen eröffnen, die kreativen Potentiale älterer Menschen in viel stärkerem Maße als bisher zu entfalten und in die Gesellschaft einzubringen. Mit dem Bild einer human orientierten Gesellschaft verbindet sich die Überzeugung, dass die Erfahrung mit Musik um ihrer selbst Willen als elementarer Bestandteil in jedem Lebensalter ermöglicht werden muss.
Die Möglichkeiten zum Erfahren von und zur Beschäftigung mit Musik sind für die Älteren signifikant unterentwickelt. Die Barrieren auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene sind vorhanden, werden aber häufig nicht wahrgenommen. Dies überrascht umso mehr, als die gerontologische Forschung bereits seit einigen Jahren nachgewiesen hat, wie sehr die Musik auch prophylaktische und therapeutische Wirkungen hat und zur Wahrung von Identität beiträgt. Zudem hilft aktives Musizieren aus der Vereinsamung, indem es soziale Kontakte schafft und hilft Verluste zu verarbeiten.

Fehlende Musik-Angebote für ältere Menschen

Gehirn- und Finger-Jogging: Klavierspielen im Alter
Gehirn- und Finger-Jogging: Klavierspielen im Alter

So fehlen momentan in Deutschland fast durchgängig musikalische Angebote, die sich gezielt an ältere Menschen wenden. Zudem fehlt es meistens an geeigneten Bedingungen für musikalische Betätigungen in den Alteneinrichtungen. Der Deutsche Musikrat kann – angesichts der schon heute vorhandenen Altersarmut – nicht akzeptieren, dass zukünftig breite Bevölkerungsschichten, insbesondere im dritten und vierten Lebensalter von der kulturellen Teilhabe ausgeschlossen werden. Angesichts dieser Erkenntnisse ist es ein gravierendes Versäumnis, dass die gesellschaftspolitische Debatte und die damit einhergehende Bewusstseinsbildung um die Wirkungen von Musik im Hinblick auf die Generationen 50+ bislang so gut wie gar nicht geführt wird. Der Deutsche Musikrat fordert daher alle Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden auf, einen Masterplan ‚Musizieren 50+‘ zu entwerfen, der die nachstehenden Eckpunkte umfassen sollte. Dabei muss die Umsetzung der Forderungen im Hinblick auf die Menschen mit Migrationshintergrund unter Berücksichtigung Ihrer kulturellen Wurzeln erfolgen.

Politische Verankerung von Kultur-Angeboten für Senioren

  1. Der Deutsche Musikrat fordert Parlamente, Regierungen und Parteien auf, in ihren Programmen und Handlungsfeldern die Notwendigkeit kultureller Angebote für alte Menschen zu verankern.
  2. Damit sich das aktive Musizieren im höheren Lebensalter besonders wirksam entfalten kann, bedarf es einer qualifizierten und kontinuierlichen musikalischen Bildung im jüngeren Lebensalter.
  3. Die Musik muss in der Altenpflege, der sozialen Altenarbeit, der Rehabilitation und der Therapie verstärkt eingesetzt werden. Dazu bedarf es einer qualifizierten Aus- und Fortbildung in der Musikgeragogik (Musik mit alten Menschen).
  4. Die Hochschulen und Universitäten müssen die Studierenden gezielt auch für die fachspezifischen Anforderungen der Arbeit mit älteren Menschen qualifizieren. Die Fachdidaktik bedarf einer verstärkten Forschung.
  5. Die Musikvereinigungen des Laienmusizierens im weltlichen wie kirchlichen Bereich sollten verstärkt Angebote für alle Altersgruppen – Generationen übergreifend –bereitstellen, die finanziell gefördert werden müssen.
  6. Die Musikschulen müssen strukturell und finanziell in die Lage versetzt werden, Angebote für ältere Menschen bedarfsgerecht bereitstellen zu können. Dazu gehört eine Erweiterung des Angebotes, um auch bei denen die Motivation zum Musizieren zu wecken, denen bisher musikalische Erfahrungen vorenthalten wurden.
  7. Die Möglichkeiten des individuellen und gemeinsamen Musizierens in allen Wohnbereichen, somit auch in Einrichtungen für ältere Menschen und Krankenhäusern, müssen geschaffen bzw. schon bei der Bauplanung berücksichtigt werden.
  8. Die Bundesregierung ist aufgefordert, durch Pilotprojekte das Musizieren im höheren Lebensalter zu befördern. Dazu gehört auch der Dialog der Generationen, zum Beispiel durch die konzeptionelle Einbindung qualifizierter musikalischer Angebote in das Projekt der Mehrgenerationenhäuser.
  9. Der Deutsche Musikrat und die Landesmusikräte sind aufgefordert, ihre Projekte im Hinblick auf die stärkere Gewichtung Generationen übergreifender Aspekte zu überprüfen und ggf. zu modifizieren durch die Einführung von Fördermaßnahmen für das Familienmusizieren.
  10. Die Landes- und Bundesakademien sind aufgefordert, im Bereich der Musikvermittlung Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote für das Musizieren im höheren Lebensalter und Generationen übergreifenden Musizierens zu entwickeln.
  11. Die Kultureinrichtungen müssen ihre Angebote stärker auf die Bedürfnisse alter Menschen ausrichten. Hierbei soll auch dem Aspekt zunehmender Altersarmut Rechnung getragen werden.
  12. Der Deutsche Musikrat ist aufgefordert, die Einrichtung eines Netzwerkes ‚Musik im Alter‘ gemeinsam mit den musikalischen und sozialen Fachverbänden, sowie den politisch Verantwortlichen zu prüfen. Ziel des Netzwerkes muss es sein, flächendeckend älteren Menschen das eigene Musizieren und die Teilhabe am Musikleben zu ermöglichen und dafür eine bürgerschaftlich gestützte Infrastruktur zu schaffen, um sie in Ihrem Lebensumfeld zu erreichen.“

Wertvolle Anregungen für alle Beteiligten

„Musizieren im Alter“ ist eine die aktuelle wissenschaftliche Diskussion ausgewogen resümierende, dabei in manchen musik-pädagogischen bzw. -theoretischen und lern-psychologischen Aspekten durchaus methodisch-konkret werdende Abhandlung. Das Buch bietet weiten Teilen der Musik-Institutionen und -Lehrerschaften, dem Altenpflege-Personal bis hin zu den betreuenden Angehörigen wertvolle Informationen, Anregungen und praktische musikalische Tipps für den (Musik-)Alltag mit alten, oft auch pflegebedürftigen Menschen.

„Musizieren im Alter“ ist eine die aktuelle wissenschaftliche Diskussion ausgewogen resümierende, dabei in manchen musik-pädagogischen bzw. -theoretischen und lern-psychologischen Aspekten durchaus methodisch-konkret werdende Abhandlung. Das Buch bietet weiten Teilen der Musik-Institutionen und -Lehrerschaften, dem Altenpflege-Personal bis hin zu den betreuenden Angehörigen wertvolle Informationen, Anregungen und praktische musikalische Tipps für den (Musik-)Alltag mit alten, oft auch pflegebedürftigen Menschen.

Für ein vertiefendes Studium fügte man dem Band ein umfangreiches Literatur-Verzeichnis an, erläuternd illustriert wird er mit zahlreichen Noten-Beispielen und anderem Bild-Material. Alles in allem eine äußerst verdienstvolle, fundierte Publikation des Schott-Verlages, die durchaus auch als Grundlagen-Lektüre dienen kann für den Einstieg in einen psychosozialen Bereich, dem inskünftig eine kaum zu überschätzende Bedeutung für die ganze Gesellschaft zukommen dürfte. ♦

Theo Hartogh & Hans H. Wickel: Musizieren im Alter, Arbeitsfelder und Methoden, Schott Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-7957-8733-2

Probeseite (verkleinert)

Musizieren in Alters- und Pflegeheimen: Bewegungsschulung, Liedersingen, Gespräche
Musizieren in Alters- und Pflegeheimen: Bewegungsschulung, Liedersingen, Gespräche

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Christoph Drösser: Warum wir alle musikalisch sind

Stefan Hanheide: Pace – Musik zwischen Krieg und Frieden

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Pace – Friede auf Erden

von Walter Eigenmann

Die Sehnsucht nach Frieden hat die Komponisten aller Zeiten, aller Völker bewegt, und Musik als bewusst konzipierte Anklage oder Mahnung wider die Barbarei des Krieges ist über die Jahrhunderte der abendländischen Kulturgeschichte hinweg eine humanistische Konstante – in dem selben Maße, wie Krieg ganz offensichtlich ein Kontinuum unserer Historie darstellt. Dabei schlug sich die Präsenz des Friedensgedankens hundertfach in bedeutenden Einzel-Musikwerken nieder, vom spätmittelalterlich-anonymen „Da-pacem“-Kanon bis in unsere Tage eines Dieter Schnebel („Lamento di guerra“, 1991).

Den Friedens-Bezug der Musik in den musiksoziologischen Diskurs gerückt

Stefan Hanheide: "Pace - Musik zwischen Krieg und Frieden" - Vierzig WerkporträtsDem deutschen Musikhistoriker Stefan Hanheide (geb. 1960) gebührt schon seit Jahren – nicht zuletzt auch als Initiator der mittlerweile 15-jährigen Osnabrücker Konzert-Reihe „Musica Pro Pace“ – der Verdienst, an sozusagen „vorderster Front“ maßgeblich die Thematik „Friedens-Bezug in der Musik“ umfangreich aufgearbeitet und ins Bewusstsein des musiksoziologischen Diskurses gerückt zu haben. Nun legt Hanheide unter dem Titel „Pace“ eine umfangreiche Sammlung von 40 Werk-Porträts mit dem Untertitel „Musik zwischen Krieg und Frieden“ vor. Die ausgewählten Werke stehen jeweils repräsentativ für eine Epoche, ein Land und einen Anlass. Dabei hat der Autor alle wichtigen Musik-Gattungen berücksichtigt, von der Oper über die Symphonik bis zur Kammermusik und zum Solo-Lied. Auch geographisch wurde dezidiert ein breites Länder-Spektrum einbezogen, die behandelten Komponisten stammen aus drei Kontinenten.

Der „Pace“-Gedanke von Dufay bis zu Dinescu

Aus Pendercki: "Threnos - Den Opfern von Hiroshima"
Aus Pendercki: „Threnos – Den Opfern von Hiroshima“

Ein kurzer und unvollständiger Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt die große musikstilistische, aber auch historisch-politische Breite, die der (vereinzelt mit Noten-Beispielen und zeitgenössischem Bildmaterial illustrierte) Band durchmisst. Vertreten sind (um nur einige der bekanntesten Komponisten zu nennen): Dufay (Supremum est mortalibus bonum pax, 1433), Verdelot (Da Pacem, 1530), Franck (Suspirium Germaniae Publicum, 1628), Händel (Musick for the Royal Fireworks, 1749), Haydn (Missa in tempore belli, 1796), Beethoven (Fidelio, 1805), Mahler (Revelge, 1899), Schönberg (Friede auf Erden, 1907), Eisler (Gegen den Krieg, 1936), Hartmann (Concerto funebre, 1939), Schostakowitsch (Leningrader Sinfonie, 1941), Martinu (Mahnmal für Lidice, 1943), Martin (In terra pax, 1944), Pendercki (Threnos – Den Opfern von Hiroshima, 1960), Britten (War Requiem, 1962), Nono (La Victoire de Guernica, 1954), Xenakis (Nuits, 1967), Henze (We come to the River, 1975), Kancheli (Trauerfarbenes Land, 1994), Dinescu (Wie Tau auf den Bergen Zions, 2003).

Musik-Beispiel - Heinrich Schütz - Verleih uns Frieden gnädiglich - Motette - Glarean Magazin
Anfang der Motette „Verleih uns Frieden gnädiglich“ von Heinrich Schütz

Widerstand der Musik gegen Krieg und Aggression

Was Hanheides 40-teilige Untersuchung besondere musikologische Relevanz verleiht, sind nicht nur die jeweils sehr vielschichtig herausgearbeiteten Kontexte des „in seiner politisch Situation eingebetteten“ einzelnen Musikwerkes, sondern ist auch die anhand dieser Betrachtungen detailliert dokumentierte Erkenntnis, wie sehr sich im Laufe der Jahrhunderte kompositorisches Selbstverständnis, ja die Rolle der Kunst überhaupt gewandelt hat. In den frühen Jahrhunderten europäischer Kunstmusik als ein in Wort und Ton „ästhetisches Vollstrecken“ der je herrschenden klerikalen oder weltlichen Nomenklatura fungierend, emanzipiert sich (zumal das Text-basierte) Komponieren allmählich zur Warnung vor, schließlich zum kompromisslosen Widerstand gegen Krieg und Aggression, gegen (auch staatlich legitimierte) Gewalt überhaupt. Noch der Romantiker Schubert hatte keinerlei „Gewissensbisse“ bei seiner (durchaus affirmativ gemeinten, nämlich von den realen Macht-Apparaten als Propaganda-Mittel verwendeten) Militär-Marschmusik; Mauricio Kagel hingegen schreibt 150 Jahre später seine „10 Märsche um den Sieg zu verfehlen“…

Spagat zwischen absoluter Kunst und ethischem Engagement

Stefan Hanheide - Glarean Magazin
Stefan Hanheide

Dabei ist sich der „Pace“-Autor durchaus des Spannungsfeldes bewusst, das sich öffnet zwischen „absolutem“ künstlerischem Anspruch einerseits und dem ethisch unverzichtbaren Engagement andererseits, sobald „die Darstellung der musikalischen Gestalt ganz auf die friedensrelevante Aussage ausgerichtet ist“. Denn der „Herabsetzung als ‚Gelegenheitswerk‘, das nicht den Rang eines ‚absoluten Kunstwerks‘ erreicht, steht die Forderung nach gesellschaftlichem Engagement des Künstlers gegenüber, der sich nicht in den Elfenbeinturm zurückziehen dürfe.“ (Hanheide im Vorwort).
„Pace“ von Stefan Hanheide vereint geglückt die semantische Analyse dezidierter „Friedens-Musik“ mit der Analyse der (hier destruktiven) gesellschaftspolitischen bzw. biographischen Bezugsrahmen, in die alles Musikschaffen stets eingebettet ist. Der Band schließt eine große thematische Lücke im musikwissenschaftlichen Schrifttum – eine sehr willkommene Produktion des Hauses Bärenreiter. ■

Stefan Hanheide, Pace – Musik zwischen Krieg und Frieden, 40 Werkporträts, Bärenreiter Verlag, 284 Seiten, ISBN 9783761817704

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musik und Politik“ auch über Steve Reich: WTC 9/11 (CD Kronos Quartett)

Leichte Orgel-Stücke des 19. Jahrhunderts

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Einfaches von Rheinberger & Co.

von Walter Eigenmann

Qualitätsvolle, nicht zu umfangreiche Orgel-Literatur aus dem vorletzten Jahrhundert (Romantik), welche auch für Amateur- bzw. nebenamtliche Organisten geeignet, mithin technisch nicht zu schwierig ist, findet sich nicht gar so häufig. Umso verdienstvoller die neue Reihe des Bärenreiter-Verlages, welcher nach den drei bereits erschienenen Bänden nun einen vierten mit „Leichten Orgelstücken des 19. Jahrhunderts“ auflegt.

Diesmal widmet sich Herausgeber Martin Weyer dem großen Sonaten-Komponisten und Orgelsatz-Techniker Josef G. Rheinberger sowie mit Josef Renner und John E. West zweien seiner eifrigsten „Adepten“. Das sorgfältig editierte, mit zwei Rheinberger-Faksimilia illustrativ ergänzte Heft versammelt insgesamt 24 kürzere Stücke dieser drei Komponisten für ein- bis zweimanualige Instrumente.

Stücke für ein- bis zweimanualige Instrumente

Leichte Orgelstücke des 19. Jahrhunderts, Bd.IV
Leichte Orgelstücke des 19. Jahrhunderts Bd.IV

Sehr willkommen dabei neben einer rhythmisch originellen Passacaglia in h-moll des kaum bekannten Engländers und Rheinberger-Verehrers West auch Erstveröffentlichungen von Rheinberger, dessen vier Orgelstücke aus dem Jahre 1858 als Jugendarbeiten in Vaduz entstanden und, jetzt publiziert, eine interessante dokumentarische Erweiterung zur Rheinberger-Biographie und -Rezeption darstellen.
Der Band eignet sich sowohl technisch wie historisch-stilistisch hervorragend für die ambitionierte Orgel-Pädagogik, dürfte aber durchaus auch in der liturgischen Laien-Kirchenmusik gute Dienste leisten.

M. Weyer (Hrsg.), Leichte Orgelstücke des 19. Jahrhunderts, Bd.IV, 64 Seiten, Bärenreiter Verlag, ISMN M-006-53610-8

Leseprobe

Josef Gabriel Rheinberger - Leichte Orgelstücke des 19. Jahrhunderts - Bärenreiter Verlag (Leseprobe)
Josef Gabriel Rheinberger – Leichte Orgelstücke des 19. Jahrhunderts – Bärenreiter Verlag (Leseprobe)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema „Tasten-Musik der Romantik“ auch über Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

… sowie zum Thema Kirchenmusik über Kurt Estermann: Missa brevis für Chor und Orgel

Eva-Maria Neumann: Geigenschule für Kinder

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Didaktisch interessanter Violin-Unterricht

von Walter Eigenmann

Geigenschulen gibt es, nach ein paar Jahrhunderten abendländischer Kunstmusik, mittlerweile wie Sand am Meer (oder Saiten auf der Welt). Und doch fällt findigen Experten (bzw. Musik-Verlagen) immer wieder Neues ein zu jenem Instrument, von dem zwar „der Himmel voll hängt“, aber das auch solche „Teufel“ wie z.B. Paganini virtuos „traktierten“.

Zu jenen PädagogInnen, welche didaktisch unausgetretene Wege für junge Musik-Sprösslinge und deren Geigen-Wunsch bahnen, gehört offenbar die Aachener Violinistin und Orchester-Musikerin Eva-Maria Neumann. Die bekannte Musikerlehrerin (und autobiographische Schriftstellerin) Neumann legt das erste Heft ihrer „Geigenschule für Kinder im Einzel- und Gruppenunterricht“ vor. Es umfasst alle thematischen Schwerpunkte des typischen Violine-Anfänger-Spiels: Musik auf leeren Saiten, Fingersatz auf einer/mehreren Saiten, Dritte Lage oder Lagen-Wechsel, Anfänger-Bogentechniken u.a.

Fantasie mit Technik verbunden

Nun kann man, wie zuweilen ehemalige GeigenschülerInnen noch als Erwachsene zu stöhnen pflegen, die oft schwierige Materie „Geigenunterricht“ dezidiert akademisch darbieten – oder aber so wie diese neue Edition. Denn auf eine abwechslungsreiche, die kindliche Spiel- und Entdecker-Lust befriedigende Unterweisung legte Neumann sichtlich Wert: Die jungen Violinkünstler können musikalische Puzzles lösen, mit Klängen experimentieren, Texte und Titel selber erfinden oder sich gar an ersten Improvisationen versuchen. Dazu die Autorin: „Mein ganz besonderes Anliegen ist es, fantasievolles kreatives Gestalten mit einer fundierten technischen Ausbildung zu verbinden.“

Mehrstimmig mit ausgeprägten Melodien

FAZIT: Die „Geigenschule für Kinder im Einzel- und Gruppenunterricht“ von Eva-Maria Neumann ist der Erföffnungsband einer abgerundeten, um das frühkindliche Geigenspiel verdienten Edition, die im Instrumentalunterricht jener Lehrerschaft, welche neuen pädagogischen Bestrebungen gegenüber aufgeschlossen ist, gewiss ihren Weg machen wird.

Für die Motivationssteigerung des wöchentlichen Unterrichts hat Neumann weitgehend auf (die einst so vielgenutzten bzw. -gehassten) „Etüden“ verzichtet und stattdessen konsequent auf zwei- bzw. mehrstimmiges Spielen von melodisch ausgeprägtem Liedmaterial gesetzt. Zudem sind sämtliche Stücke im Schüler-Lehrer-Duett ausführbar, für entsprechend ausgebildete PädagogInnen oder dann auch zum Konzertieren mit Zuzüger liegt als besonderes Highligt ein eigenes Klavier-Begleitheft bei. (Hingegen fehlt dieser Geigenschule jenes Medium, auf das der neuzeitliche Instrumentalunterricht immer häufiger zurückgreift, nämlich die Compact-Disk mit ihren spezifisch Möglichkeiten des häuslichen Playback-Spielens, Memorierens und Variierens.)

Frühkindliches Geigenspiel optisch unterstützt

Äuβerlich kommt das neue Geigenheft betont „frisch-fröhlich-farbig“ daher, ohne dass allerdings der Notentext seine Dominanz verloren hätte bzw. mit allzu üppigem Bildchen-Salat zugepinselt worden wäre. Der von Pia Eisenbarth witzig illustrierte Band ist vielmehr layouterisch locker-flüssig strukturiert, mit einem groβzügigen Notensatz, der auch für Lehrer-Notizen genügend Platz hält.

Alles in allem der Eröffnungsband einer abgerundeten, um das frühkindliche Geigenspiel verdienten Edition, die im Instrumentalunterricht jener Lehrerschaft, welche neuen pädagogischen Bestrebungen gegenüber aufgeschlossen ist, gewiss ihren Weg machen wird. ■

Eva-Maria Neumann: Geigenschule / Heft 1, Breitkopf & Deutscher Verlag für Musik, 124 Seiten, ISMN 200405590

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Das neue „Dissonanz“-Heft Nummer 98-2007

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Musikphilosophische Kernfragen

von Walter Eigenmann

Wenn ein Musik-Periodikum aus der Schweiz Fragen stellt wie: „Kann es eine Ästhetik der Intensität und der Klangfarbe geben?“; „Wozu eine Ontologie der Musik?“; „Praxisorientierte Musik-Wissenschaft: Ein Widerspruch“? oder „Peut-on dire la musique?“, dann kann es sich nur um exakt eine Zeitschrift handeln: „Dissonanz-Dissonance“.

Dissonanz Dissonance Musikzeitschrift Nummer 98 - Cover Glarean Magazin

Die aktuelle Nummer 98/Juni07 der vier Mal jährlich vom Schweizerischen Tonkünstlerverein herausgegebenen (und wie immer zweisprachigen) „Dissonanz“ spannt den theoretischen Bogen erneut weit. Während beispielsweise Thomas Meyer die „Forschung an den Musikhochschulen“ rechiert und u.a. nach der (auch interdisziplinären) musikwissenschaftlichen Zusammenarbeit auf dem Hochschulplatz Schweiz einerseits und anderseits nach überhaupt den medialen Wegen der Vermittlung von Forschungsergebnissen fragt, theoretisiert Roger Pouivet umfangreich über Aaron Ridleys „The Philosophy of Music“ und dessen radikale Kritik an einer Ontologie des Kunstwerkes (Ridley: „Wann haben Sie sich nach dem Anhören eines Musikstücks, sei es nun im Konzert oder aufgezeichnet, zum letzten Mal ernsthaft gefragt, ob diese Aufführung nun eine des Werks selbst gewesen sei“?)

Wittgenstein und das „Reden über Musik“

Musikphilosophie kommt auch in einem dritten „Dissonanz“-Schwerpunkt zum Zuge, in dem französischen Beitrag „Wittgenstein et le sens de la musique“, worin Sebastian Aeschbach das (unsystematische, meist verstreute) „Reden über Musik“ des genialen Sprache-Denkers ins Zentrum rückt und dabei „Wittgensteins Fragestellungen eine grosse Bedeutung in der gegenwärtigen musikästhetischen Debatte“ beimisst.
Ein besonderer Verdienst von „Dissonanz“ ist immer von neuem, dass der Blick, also das Ohr der Leserschaft kompetent und dokumentiert auf singuläre Erscheinungen des aktuellen Komponierens gelenkt (teils gar gezwungen) wird. Diesmal spürt Autor Sebastian Kiefer der „Intensität“ und der „Klangfarbe“ im Schaffen der 1967 in Großbritannien geborenen Rebecca Saunders nach.
Schlieβlich steht im Mittelpunkt des Reflektierens in „Dissonanz“ sporadisch, aber regelmäβig auch das Schaffen Maurizio Kagels; die neu vorgelegte Ausgabe (Chefredaktion: Michael Kunkel) wirft die Frage (von Daniel Weissberg) auf, „inwieweit der Fokus auf experimentelle Klangerzeuger bei Kagel dessen Schaffen erhellen kann, und wo dieser den Blick auf eine kompositorische Haltung, die Werken unterschiedlicher Erscheinungsformen gemeinsam ist, verstellt“.

Dissonanz/Dissonance, Schweizer Zeitschrift für aktuelle Musik, Nr. 98/Juni07, Schweizerischer Tonkünstlerverein, 64 Seiten, ISSN 1660-7244

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Neue Musik“ auch das „Zitat der Woche“ von
Ursula Petrik: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik

S. Kugelmeier: Danke für diesen guten Morgen (Orgel)

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„Danke“-Gospel-Song für Pfeifenorgel

Da Spielliteratur für Pfeifenorgel bis heute nur sehr spärlich zu finden ist, schließt der Bärenreiter Verlag mit seinem neuen Heft „Danke“ – Variationsreihe für Pfeifenorgel über die bekannte Gospel-Melodie „Danke für diesen guten Morgen“ – eine Editions-Lücke.

Susanne Kugelmeier - Danke für diesen guten Morgen - Variationen für Orgel
Susanne Kugelmeier: Danke für diesen guten Morgen

Dabei lassen sich Anklänge an das berühmte „Air“ aus Bachs 3. Orchestersuite finden, Mozart lässt mit einer Kleinen Dankmusik grüßen, Mahler mit einem Adagietto. Den krönenden Abschluss bildet eine Toccata im französisch-symphonischen Stil.

Die Stücke sind technisch eher leicht gehalten und können auch von Amateur-Kirchenmusikern einstudiert werden. Eine originelle Edition. (we) ♦

Susanne Kugelmeier: Variationen für Orgel über Danke für diesen guten Morgen, Bärenreiter Verlag

Leseprobe (verkleinert):

Susanne Kugelmeier: Orgel-Variationen über "Danke für diesen guten Morgen" (Leseprobe)
Susanne Kugelmeier: Orgel-Variationen über „Danke für diesen guten Morgen“ (Leseprobe)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Orgelmusik auch über Leichte Orgel-Stücke des 19. Jahrhunderts

… sowie zum Thema Musik das Zitat der Woche von Hans G. Bastian: Brauchen wir Musik?