Christoph Wünsch: Satztechniken im 20. Jahrhundert

Systematischer Einblick in moderne Kompositionsverfahren

von Walter Eigenmann

Auf nur etwas mehr als 200 Buchseiten einen ebenso systematischen wie möglichst vollständigen kompositionstheoretischen Einblick in eine 100-jährige Entwicklung der stilistischen bzw. satztechnischen Mittel in Form eines eigentlichen Lernprogrammes zu präsentieren ist ein schwieriges Unterfangen. Denn bereits anfangs des vorigen Jahrhunderts werden bislang „epochal“ bestimmende Stile abgelöst durch das Nebeneinander einer Vielzahl neuer kompositorischer Verfahren, „Schul-Bildungen“, Personalstile, kurz: subjektiv entwickelter und gemeinter, aber dann prägender Individuationen, gerade vom kompositorisch zentralen Bereich des Satztechnischen ausgehend. Trotzdem hat nun der an der Würzburger Musikhochschule lehrende Wissenschaftler, Komponist und Musiker Christoph Wünsch in seiner neuen Monographie „Satztechniken im 20. Jahrhundert“ – erschienen als Band 16 der Reihe „Bärenreiter Studienbücher Musik“ – eine Art „Kanon der Normen“ (wie locker ein solcher auch gesehen werden muss) aufgrund der wichtigsten kompositionstechnischen Ausprägungen im 20. Jahrhundert erarbeitet.

Repräsentanten der Musikgeschichte behandelt

Christoph Wünsch - Satztechniken im 20. Jahrhundert - Bärenreiter VerlagDas Verdienst dieser Arbeit ist ein dreifaches. Einesteils ist Wünsch erfolgreich bemüht um historische Repräsentanz, einleuchtende „Katalogisierung“ und analytisch wie illustrativ nachvollziehbare Aufbereitung seines naturgemäß sehr umfangreichen, gleichzeitig extrem heterogenen Materials. Von den „Klassikern der Moderne“ (Debussy, Hindemith, Bartok, Schönberg, Strawinsky u.a.) und ihren vielfach reflektierten  etwaigen „Schulen“ über die „Freien Atonalen“, aber auch die dezidierten „Eklektiker“ (Messiaen, Britten, Weill u.a.) bis hin zur modernen Jazzharmonik oder den aktuellsten analytischen Verfahren zur Klassifizierung von nicht-tonaler Musik – beispielsweise Allen Fortes Pitch Class Set Theorie – streift der Autor alle wesentlichen Inhalte bzw. Repräsentanten seines Gegenstandes.

Übersichtlich-effiziente Buch-Gliederung

Christoph Wünsch
Christoph Wünsch

Weiters ist die musikdidaktische Strukturierung von Wünschs Lehrbuch eine effiziente. Seine einzelnen Kapitel, wiewohl ständig wesentliche Querverweise anmerkend, sind nicht „progressiv“ konzipiert, sondern können auch unabhängig voneinander gelernt und gelehrt werden, wobei die thematisch je zentralen Anliegen in Form von „Aufgaben“ für den Lernenden aufbereitet sind. Hilfreich in diesem Zusammenhang immer wieder auch die in den einzelnen Kapiteln erwähnten Hinweise auf weiterführende Literatur. Hervorragend präpariert (übrigens auch layouterisch) ausserdem der sehr üppige Beispiele-Apparat des Buches, der notenbildnerisch das Theoretische anschaulich-detailliert unterstützt.

Notenbildnerische Unterstützung des Theoretischen durch zahlreiche Beispiele bzw. Werk-Zitate
Notenbildnerische Unterstützung des Theoretischen durch zahlreiche Beispiele bzw. Werk-Zitate

Drittens war es gerade für diese Thematik ein guter Einfall, das moderne Unterrichtsmedium CD einzubeziehen, indem spezifisch geeignete Teile des Materials auf die mitgelieferte (inbegriffene) CD ausgelagert wurden. Hier greift dann noch der interaktive Ansatz; mit über 240 Aufgabenblättern&Lösungen und Texten im plattformübergreifenden pdf-Format sowie musiktechnischen Hilfsmitteln (wie Allintervallreihen-Rechner oder Pitch Class Set Calculator) kann oft direkt vor dem Monitor gearbeitet werden.

Einsatzmöglichkeiten auch im Selbststudium

Schade ist, dass der Autor im Buch den Platzsparwünschen des Verlages sowohl ein Sach- als auch ein Namensregister opfern musste. Insbesondere letzteres hätte – bei dem ansonsten sehr gut strukturierten Inhalts- und dem sorgfältig ausgewählten Literaturverzeichnis – den Kompendium-Anspruch des Bandes komplettiert. Immerhin enthält die CD ein umfangreiches Glossar.

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Das neue Studienbuch von Christoph Wünsch ist rundum zu empfehlen: Wiewohl es nicht das erste Lehrwerk seiner Thematik ist, so werden ihm doch sein wissenschaftlich fundierter Begriffsapparat, seine musikhistorische Breite, seine didaktische Konzeption und seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten den Weg zu den Musikfreunden aller Couleur ebnen.

Von diesem Schönheitsfehler abgesehen ist Wünschs neues Studienbuch rundum zu empfehlen. Obwohl „Satztechniken im 20. Jahrhundert“ nicht das erste Lehrwerk seiner Thematik ist, so werden ihm doch sein wissenschaftlich fundierter Begriffsapparat, seine musikhistorische Breite, seine pädagogische Konzeption und seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten sowohl im studentischen wie im Selbststudium den Weg zu den Musikfreunden aller Couleur ebnen. ■

Christoph Wünsch, Satztechniken im 20. Jahrhundert, Buch-Lernprogramm mit CD-ROM, Bärenreiter Studienbücher Musik – Band 16, ISBN 978-3-7618-1747-6

Inhalt

Einleitung
Strukturen im Umfeld der Tonalität
Harmonische Phänomene
Pitch Class Set Theorie
Debussy und der impressionistische Stil
Béla Bartók
Strawinsky – die russische Phase
Klassizistische Moderne
Freie Atonalität
Arnold Schönberg und die Zwölftontechnik
Jazzharmonik

CD-Rom

Hindemiths ‚Unterweisung‘
Kurt Weill
Olivier Messiaen
Serielle Technik
Minimal Music
Tabelle zur Akkordbezeichnung
Glossar
Sämtliche Aufgaben und Lösungen
Ergänzende Materialien zu den einzelnen Kapiteln

Leseproben

Leseprobe 1: Debussy und der impressionistische Stil
Leseprobe 1: Debussy und der impressionistische Stil
Leseprobe 2: Arnold Schönberg und die Zwölftonmusik
Leseprobe 2: Arnold Schönberg und die Zwölftonmusik
Leseprobe 3: Jazzharmonik
Leseprobe 3: Jazzharmonik

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Parameter in der Musik auch das „Musik-Zitat der Woche“ von
Christoph Drösser: Von der Psychologie der Erwartung

Martina Freytag: Einsingen – allein und im Chor

Effizientes Warm-up beim Gesangstraining

Ein effizientes, die stimmlichen Bedürfnisse des Chores berücksichtigendes, aber nicht ausuferndes, sondern an der individuellen Praxis orientiertes Warm-up vor der Probe ist ein chorpädagogisches Muss. Die neue Unterweisung von Martina Freytag: Einsingen – allein und im Chor kann hierzu willkommene und durchaus lustbetonte Tipps und Trainingseinheiten liefern.

Von Walter Eigenmann

In früheren Zeiten des (Laien-)Chormusizierens rangierte das professionell gestaltete Warm-up, das effiziente chorische Einsingen, die Disponierung von Körper und Stimmapparat für den niveauvollen Chorgesang sowohl bei der Dirigenten- wie bei der Sängerschaft ziemlich weit hinten – als lästige Pflichtübung vor dem „eigentlichen Musizieren“, die es in maximal drei Minuten hinter sich zu bringen galt. In der Nachkriegszeit, auch im Zuge der rasant wachsenden stimmphysiologischen, chordidaktischen und atemmedizinischen Erkenntnisse schlug das Pendel landauf, landab in die andere Richtung aus: Einsingen wurde sogar bei (ggf. ambitionierteren) Laienchören zur halbstündigen Stimmbildung ausgeufert, quasi als Selbstzweck zelebriert und unverhältnismäßig aufgebläht, mit viel gesangspädagogischem (Theorie-)Ballast im Schlepptau.

Heute ist die gängige Praxis, wie man sich bei verantwortlichen Landes-, Regional- und Kreis-Chordirigenten umhören bzw. den einschlägigen Lehrkanon der Musikhochschulen konsultieren kann, eine pragmatische: Eingesungen wird nach der Devise „So wenig wie möglich, aber so viel wie nötig“. Angesichts immer knapper Probenzeit bzw. überfrachteter oder/und anspruchsvoller moderner Lied-Programme auch bei Amateurchören gewiss die praktikabelste Losung.

Betont praxisorientierter Ansatz

Den grundsätzlich gleichen, betont praxisorientierten Ansatz verfolgt auch eine neue Einsing-„Fibel“ namens „Einsingen – allein und im Chor“ der Thüringer Gesangspädagogin, Dozentin und Komponistin Martina Freytag. In 40 detailliert abgehandelten, mit viel Noten- und Zeichen-Grafik unterstützten, singtechnisch gut nachvollziehbaren Lektionen gibt die bekannte Gesangsexpertin lernpsychologische Hinweise, setzt gezielte Einzeltechniken auseinander, illustriert mit betont bildreicher Sprache die physiologischen Voraussetzungen und Prozesse, animiert zum entspannten Umgang mit dem gesamten menschlichen Singapparat.

Gewiss, Freytags Vokabular, überhaupt ihr ganzer theoretischer wie psychologischer Zugang zur Materie mag für „Uneingeweihte“, möglicherweise gar erstmals in dieser Konzentration mit dem Problemfeld „Einsingen“ Konfrontierte (zumal aus dem Amateur-Lager) etwas gewöhnungsbedürftig sein. Betont „psychologisierende“ Animierungen wie beispielsweise die folgende lesen sich prima vista eher als Beschwörungsformeln denn als präzise Praxisanweisung:
„In der kurzen Einatmung bläst sich der Atemgürtel wie ein Schwimmring blitzartig um den Bauch auf. Er trägt Sie während der Gesangsmelodie, lockert sich ein wenig in der Atempause am Ende der Melodie, um sich in der nächsten Einatmung genauso zackig zu füllen und Sie stabil durch die Tonfolge zu tragen. Singen Sie die Melodie wie eine Honig sammelnde Biene, die ihr regsames und unermüdliches Tun mit einem Summen begleitet. Der ganze Bereich um Mund und Nase wird zum klingenden Bienenrüssel, der schwingt und vibriert. Neugierig, ob in dieser oder jener Blüte noch Honig zu finden ist, fordern Sie sich selbst zu nicht ablassender Intensität.“ (S.43)

Lektionen auf ein stimmliches Anliegen fokussiert

Zwei "Klassiker" der Mundstellung: "Sängerschnute" und "Sängerbiss"
Zwei „Klassiker“ der Mundstellung: „Sängerschnute“ und „Sängerbiss“

Gleichwohl entbehren solche empathischen Sentenzen keineswegs einer gewissen intuitiven Suggestion, die in einer konkreten Übesituation zielführender sein kann als trocken-distanziertes Theoretisieren, sobald sich der (singende) Leser im thematischen Spektrum der Freytagschen Terminologie ein bisschen eingelebt hat. Auf alle Fälle gilt uneingeschränkt, wie alle chorsängerische Erfahrung zeigt, die Einschätzung der Autorin: „Seien Sie positiv eingestellt in jedem Moment, in dem Sie singen. […] Jede seelenlos gesungene Singübung kann letztendlich ungesungen bleiben, weil sie Ihnen keinen Fortschritt in Ihrer stimmlichen Entwicklung bringt.“

Selbstverständlich belässt es die vielseitig tätige Gesangspädagogin nicht beim enthusiastischen Schildern „nützlicher Emotionalitäten“. Vielmehr ist jede ihrer 40 Lektionen fachlich fundiert auf ein bestimmtes stimmliches Anliegen fokussiert, methodisch einleuchtend aufgebaut, trägt dabei den beteiligten physiologischen Prozessen Rechnung und flankiert illustrativ mit Gesichts- und Körperabbildungen ebenso wie mit zahlreichen Notenbeispielen. Aufgebaut sind dabei fast alle Übungen nach einem gleichbleibenden Muster.

Am Anfang steht jeweils eine Notenzeile, welche das stimmliche Anliegen vorstellt:

Leseprobe 1 aus Martina Freytag: Einsingen ("Die große Welle")
Leseprobe 1 aus Martina Freytag: Einsingen („Die große Welle“)

Daran schließen sich Ausführungen zu den eigentlichen stimmtechnischen Aspekten der jeweiligen Übung an:

Leseprobe 2 aus Martina Freytag: Einsingen ("Dynamik mit sängerischer Leichtigkeit kombiniert")
Leseprobe 2 aus Martina Freytag: Einsingen („Dynamik mit sängerischer Leichtigkeit kombiniert“)

Im dritten Teil offeriert die Autorin Gedanken, „die den Ausdruck und das Gefühl während des Singens darstellen lassen bzw. vertiefen können“.

Leseprobe 3 aus Martina Freytag: Einsingen ("Singen Sie selbstlos und selbstvergessen!")
Leseprobe 3 aus Martina Freytag: Einsingen („Singen Sie selbstlos und selbstvergessen!“)

Viertens gibt’s jedesmal passende „Klavierpattern“, die als ausgeschriebene Begleitparts auch auf der beiliegenden Compact Disc zu finden sind und in verschiedenen Tonarten „durchexerziert“ werden können:

Leseprobe 4 aus Martina Freytag: Einsingen (Beispiel von Klavierpattern zu den Übungen)
Leseprobe 4 aus Martina Freytag: Einsingen (Beispiel von Klavierpattern zu den Übungen)

(Die komplett ausnotierten Klavierstimmen sind als PDF-Datei ebenfalls auf der CD zu finden). Apropos mitgelieferte Audio-CD: Sie ist ein nützlicher, ja eigentlich integrativer Bestandteil für all jene, die sich die Übungen nicht bei Dirigent/Chor, sondern alleine erarbeiten wollen.

Martina Freytags
Martina Freytags „Einsingen“ ist eine sehr nützliche, ganz auf die Praxis zugeschnittene Anthologie von unmittelbar anwendbaren und meist auch unmittelbar wirkungsvollen singtechnischen Unterweisungen, die „Geist und Körper“ ganzheitlich erfassen wollen, um dem/r Sänger/in entspannend und gleichzeitig anregend zu einer optimalen stimmlichen Disposition zu verhelfen

Vor diesem eigentlichen Praxis-Teil, der mit seinen 40 gezielten Einheiten den Löwenanteil des Bandes ausmacht, finden sich auf knapp vierzig Seiten, quasi als Einführung in die facettenreiche Welt der menschlichen Stimme, die theoretischen und technischen Voraussetzungen des qualitätsvollen Singens: „Stimmsitz“, „Registerausgleich“, „Resonanz“, „Vokalausgleich“ oder „Intonation“ sind hier u.a. die in Gesangskreisen weitgehend bekannten Stichwörter.

Wirkungsvolle singtechnische Unterweisungen

Zusammengefasst: Martina Freytags „Einsingen“ ist eine sehr nützliche, ganz auf die Praxis zugeschnittene Anthologie von unmittelbar anwendbaren und meist auch unmittelbar wirkungsvollen singtechnischen Unterweisungen, die „Geist und Körper“ ganzheitlich erfassen wollen, um dem/r Sänger/in entspannend und gleichzeitig anregend zu einer optimalen stimmlichen Disposition zu verhelfen. Der Band ergänzt interessant das bereits auf dem Markt befindliche Bücher-Angebot zur Thematik, und wer die bewusst „phantasievolle Sprache“ der engagierten Autorin nicht scheut, sondern sich – durchaus auch als Dirigent/in – auf diese Form der individuellen Motivation und „Emotionalisierung“ des Singübens einlässt, wird einigen Nutzen für den individuellen oder chorischen Gesang daraus ziehen können. ■

Martina Freytag: Einsingen allein und im Chor, Mit 40 Gesangsübungen, Audio-CD mitgeliefert, 112 Seiten, Bosse Verlag, ISBN 978-3764926489

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Gesangstraining“ auch über  Hildegund Lohmann-Becker: Handbuch Gesangspädagogik

… sowie zum Thema Chorleitung über Kai Koch: Handbuch Seniorenchorleitung

Verband deutscher Musikschulen: Lehrplan Klavierunterricht

Thematisch erweiterter Lehrplan für Klavier

von Walter Eigenmann

Der Verband deutscher Musikschulen hat seinen neuen „Lehrplan Klavier“ herausgegeben. Die 80-seitige Broschüre will gemäß Herausgeber „alle wesentlichen Aspekte eines zeitgemäßen Klavierunterrichts“ vermitteln. Der Plan soll eine Arbeits- und Orientierungshilfe für Beruf und Studium bilden. Wesentliche Themen sind dabei u.a: Klavierschulen und Unterrichtswerke – Klavierunterricht mit Erwachsenen – Liedspiel und Improvisation – Jazz, Rock, Pop – Üben – Unterrichtsplanung – Vorspiel- und Konzertgestaltung.

Verband Deutscher Musikschulen: Lehrplan Klavier (Bosse Verlag)Der Lehrplan für Klavier eröffnet gemäß Verband eine „neue Generation“ von Lehrplänen für alle Instrumente und wird exklusiv vom Bosse Verlag vertrieben. Neu sind die VdM-Lehrpläne in verschiedener Hinsicht: Hinzu kamen nun in einem ersten allgemeinen Teil umfangreiche pädagogische Grundlagen und Einführungen zur Unterrichtsmethodik des jeweiligen Instruments mit speziellen Hinweisen zum Üben, zu Vorspiel und Konzert und zur Leistungsförderung; neu ist der Unterrichtsplan auch in Form einer mehrseitigen Tabelle, die Spieltechnik, Musiklehre und Musizieren nach Inhalt und Methodik über die Unterrichtsstufen hinweg aufschlüsselt. Übersichtlicher ist schließlich auch das Literaturverzeichnis gestaltet, und erstmals werden neben den „üblichen“ Musikepochen auch die Stilbereiche Jazz, Pop und Rock als selbstständige Kategorien behandelt. Verzeichnisse von Verlagen, elektronischen Medien, Zeitschriften und Verbänden runden das ganze Informationsangebot ab (siehe auch untenstehendes Inhaltsverzeichnis).

Musikpädagogisch breitgefächerte Orientierungshilfe

Der neue „Lehrplan Klavier“ gibt dem interessierten Musikpädagogen eine breitgefächerte, stilistisch wie didaktisch ebenso progressiv wie systematisch konzipierte Orientierungshilfe an die Hand, die weniger ihrem Buchstaben denn ihrem Geiste nach ein Leitfaden für die tägliche Arbeit anbietet. Eine willkommene, angesichts der Vielfalt der heutigen Ansprüche an Schüler- und Lehrerschaft gar notwendige klavierpädagogische Stütze – ob nun im Einzel, Partner- und Gruppenunterricht angewandt. ■

Verband deutscher Musikschulen, Lehrplan Klavier, 80 Seiten, Bosse Verlag, ISBN 9783764937409

Probeseiten

Verband Deutscher Musikschulen: Lehrplan Klavier (Bosse Verlag) - Inhaltsverzeichnis
Verband Deutscher Musikschulen: Lehrplan Klavier (Bosse Verlag) – Inhaltsverzeichnis

Leseprobe

Verband Deutscher Musikschulen: Lehrplan Klavier (Bosse Verlag) - Probeseite
Verband Deutscher Musikschulen: Lehrplan Klavier (Bosse Verlag) – Probeseite

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik für den Klavierunterricht auch über Leopold Koželuch: Klavier-Sonaten Band 1

… sowie zum Thema Klaviermusik im Unterricht über Jean Kleeb: Classic goes Jazz (Klavier-Arrangements)

Gerd Arendt: Instrumentalunterricht für alle?

Effizienz und Perspektiven des Klassenmusizierens

von Christian Schütte

Instrumentalunterricht für alle? Dieser Frage widmet sich Gerd Arendt in seinem kürzlich erschienenen Buch, das als Band 91 im Forum Musikpädagogik in den Augsburger Schriften, herausgegeben von Rudolf-Dieter Kraemer, veröffentlicht ist.
„Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts“ heißt es im ausführlichen Untertitel. Damit greift der Autor ein Thema auf, das in den vergangenen Jahren in Deutschland flächendeckende kulturpolitische Relevanz bekommen hat. Das Klassenmusizieren ist zu einer vielfältig eingesetzten Institution geworden, Schüler bekommen im Rahmen dieser Maßnahme die Möglichkeit, zwei Jahre lang begleitend zum sonstigen Unterricht mit ihrer Klasse musikalisch zu arbeiten. Das kann in Form von Blasinstrumenten passieren, die dann zu einem Ensemble geformt werden, aber auch in Form eines Chors. Allgemeinbildende Schulen arbeiten mit den örtlichen Musikschulen zusammen, gefördert wird das Projekt in der Regel durch die Kultus- und oder Wissenschaftsministerien.

Gerd Arendt: Instrumentalunterricht für alle? - Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens - Wissner VerlagAnsatz und zugleich Legitimation des Autors für seine Studie ist, dass der flächendeckenden Ausbreitung des Klassenmusizierens noch keine qualitativ und quantitativ entsprechende Studie über Erfolg, Effizienz und Perspektiven entgegengesetzt wurde. Qualitätskontrolle ist ein wichtiges Stichwort nicht nur in der freien Wirtschaft geworden, und die finanziellen Mittel, die in die Projekte fließen, drängen solche Erhebungen nachgerade auf.

Plausibel gegliederte Untersuchung

Die Untersuchung ist klar und plausibel gegliedert: Teil A) legt die theoretische Grundlage dar, Teil B) widmet sich unter dem reichlich chicen Titel „Das Forschungsdesign“ Darstellung und Methodik des Forschungsansatzes, Teil C) dokumentiert empirische Untersuchungen, und in einem ausführlichen Teil D) fasst der Autor seine Forschungsergebnisse zusammen.Teil A) ist eine gründliche Bestandsaufnahme. Geschichte und aktuelle Situation des Klassenmusizierens in Deutschland werden anhand verschiedener Beispiele aufgezeigt, einzelne Ländervorhaben wie das in Nordrhein-Westfalen gestartete „JEKI“–Projekt (Jedem Kind ein Instrument) dabei in Beziehung zu flächendeckenden Praktiken gesetzt. Dabei zeigt der Autor ein sensibles Gespür für Problematisierungen von Begrifflichkeiten, die bereits in sich Fragen aufwerfen, bevor es überhaupt zur Beschäftigung mit Inhalten kommt. Ein Beispiel: Die Kennzeichnung des Vorhabens mit dem Begriff „Projekt“ stellt der Autor in folgender Passage zutreffend in Zweifel: „Aber diese ‚Projekte‘, die als Teilnehmer in Frage kommen, sind – liest man etwa den Bericht von ‚Learnline‘ (NRW-Schulministerium) – allesamt schon lange über ein ‚Projektstadium‘ hinaus, manche Streicher- bzw. Bläserklassen bestehen sogar über zehn Jahre. Warum untergräbt man also durch die gewählte Diktion die Relevanz bereits bestehender Konzepte und suggeriert auf diese Weise, es bestünde trotz einer zugestandenen Etablierung […] der Charakter einer gewissen Vorläufigkeit, gleichsam einem „Unterrichtsversuch“? (S.18)

Gedankenanstöße gegeben und Fragen aufgeworfen

Im Kapitel „Forschungsdesign“ entwirft der Autor u.a. einen Thesenkatalog, mit dem er noch einmal grundsätzlich auf die bislang nahezu unerforschte Praxis, Wirkung und Effizienz des Klassenmusizierens hinweisen will: „Eine mutmaßliche ‚Langfristigkeit‘ der Wirkung des Klassenmusizierens ist schon deswegen nicht auszuschließen, da sich bestimmte Bezugspunkte bei der Entwicklung der musikalischen Persönlichkeit bei fast jedem Menschen noch Jahre später nachvollziehen lassen.“ – und das ist sicher eine wertvolle Ausgangsbasis der weiteren Untersuchungen, die gleichwohl auch unter folgender Prämisse stehen: „Persönlichkeitsentwicklung ist ein Prozess langfristiger Dimension.“
Dies ist nur ein signifikantes Beispiel aus der Untersuchung, mit dem der Autor klar zu erkennen gibt, dass er mit seinem Buch unter anderem eines will: Gedankenanstöße geben, Fragen aufwerfen, die weiter und vor allem tiefer verfolgt werden können und müssen, um die Relevanz der immer flächendeckender werdenden Projekte zur musikalischen Breiten- und Nachwuchsförderung aufzuzeigen bzw. sie zu legitimieren. Hierzu hat Gerd Arendts Untersuchung hohen Wert.

Eher soziale denn musikalische Auswirkungen?

Abgerundet wird die Darstellung u.a. durch Erfahrungsberichte ehemaliger Teilnehmer des Klassenmusizierens. Das ist einerseits plausibel insofern, als auf diese Weise etwa die Motivation dargelegt wird, später Schulmusik studiert und damit gleichsam die Perspektive gewechselt zu haben. Inwieweit andererseits das Gesamtvorhaben durch Äußerungen relativiert wird, die klar zum Ausdruck bringen, das Projekt habe aus der Sicht der Schüler in Einzelfällen mehr soziale Auswirkungen denn musikalische gehabt, sei dahingestellt. Wenn das jedenfalls als Wirkung und Funktion hängen bleibt, ließe sich das Projekt als solches einigermaßen beliebig gegen andere austauschen… ■

Gerd Arendt: Instrumentalunterricht für alle? (2.Auflage) – Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts – Forum Musikpädagogik, Band 91 Augsburger Schriften (Hrsg: Rudolf-Dieter Kraemer), Wissner-Verlag, 184 Seiten, ISBN 978-3-89639-710-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musikunterricht“ auch über
Ralf Beiderwieden: Musik unterrichten

Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient

Harmonisierung von Körper und Geist

von Walter Eigenmann

Alternative therapeutische Verfahren wie beispielsweise die (bei uns kaum bekannte) sog. „Altorientalische Musiktherapie“ (AOM) subsumiert der westliche Rationalist oft, wenn er wohlwollend ist, unter „Ethno“, vielleicht auch naserümpfend unter „Esoterik“ – oder überhaupt gleich unter „Scharlatenerie“. Wissenschaftlich gestützte Musiktherapie ja – aber Schamanen-Gesänge, Uighurische Tänze, Wassermurmeln und Trommelrhythmen?

Die Erfolge der alternativen Heilmethoden

Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient - Vom traditionellen Wissen der Schamanen und Sullis zur Anwendung altorientalischer MusiktherapieWenn da bloß nicht die unleugbaren Erfolge der alternativen Heilmethoden wären – und das Votum zahlreicher, sehr wohl ernst zu nehmender Wissenschaftler wie beispielsweise des Direktors des Instituts für Medizinische Psychologie am Klinikum der Universität Heidelberg Rolf Verres. Er schreibt (Zitat):

„In der wissenschaftlich fundierten Heilkunde Mitteleuropas wollen sich die Menschen darauf verlassen können, dass das, was man Therapie nennt, nachweislich wirkt. Man will wissen, bei welchen gesundheitlichen Störungen welche Interventionen die Heilung fördern. Dazu werden eine differenzierte Diagnostik und Versuchspläne gefordert, die es ermöglichen, die spezifischen Wirkungen therapeutischer Interventionen im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen herauszufinden. […] Meiner Meinung nach ist es bei den Bemühungen um medizinische Exaktheit sinnvoll, zwischen eher körperlichen und eher seelischen Wirkungen von Musik zu unterscheiden, auch wenn man das letztlich nicht voneinander trennen kan. Ich werde skeptisch, wenn mir Musik auf Tonträgern angeboten wird, die spezifisch auf Gelenke, Entzündungen, Eingeweide, Geschlechtsteile oder Kopf und Augen wirken soll. […] Etwas anderes ist das Anliegen der Heilung im seelischen Bereich zu bewerten. Zuversicht, Lebensfreude, Entspannung, das Erleben von Demut oder innerem Frieden gehören in jedem Falle zur Heilung und zur Lebensqualität – und zwar unabhängig davon, was im Körper krank ist und vielleicht auch krank bleibt.“

Vergangenes Wissen in die Gegenwart geholt

Diese Sätze Verres‘ leiten eine neue AOM-Publikation mit dem Titel „Heilende Musik aus dem Orient“ ein. Autor ist der Istanbuler Psychologe, Musiktherapeut und Sufi-Meister Dr. Oruç Güvenç, der gemeinsam mit seiner Frau, der deutschen Ergotherapeutin Andrea Güvenç – sie amtiert im Buch als Autorin wie als Türkisch-Übersetzerin – einen üppig ausgestatteten Text- und Bildband (mit Compact-Disc) in Sachen Altorientalische Musiktherapie (AOM) präsentiert.

Oruç Güvenç mit dem schamanischen Kilkopuz, Andrea-Azize Güvenç mit der altorientalischen Kopuz
Oruç Güvenç mit dem schamanischen Kilkopuz, Andrea-Azize Güvenç mit der altorientalischen Kopuz

Die klang-, tanz- und farbbeseelte Wellness-Reise des Ehepaares Güvenç beginnt tief in der Vergangenheit, bei 14’000 Jahre alten Felszeichnungen im Aserbaidschanischen Gobustan, wo tanzende Figuren auf die uralte Tradition heilender Bewegungsrituale hinweisen. Ein anderer wichtiger „urzeitlicher“, noch heute sprudelnder Quell uralter Heilsysteme sind – nach Autor Güvenç – die Schamanen Zentralasiens, die Baksi: „Bei ihren Ritualen imitieren die Baksi mit der eigenen Stimme oder Instrumenten Tierstimmen und andere Klänge aus der Natur. Zudem ahmen sie die Gebärden, Haltungen und Bewegungen der Tiere nach. Dabei verwenden sie Instrumente wie Trommeln, Kilkopuz, Dombra und andere, die sie aus Naturmaterialien herstellen.“

Mit der „Reise nach innen“ zum therapeutischen Erfolg

Eines der Hauptinstrumente der Altorientalischen Medizin (AOM): Die türkische Kudüm-Trommel
Eines der Hauptinstrumente der Altorientalischen Medizin (AOM): Die türkische Kudüm-Trommel

Ausgehend von solchen Ur-Heilritualen erarbeitete sich die AOM ihre eigenen, Rhythmus-, Ton- und Bewegungs-gestützten musiktherapeutischen Verfahren. Dabei basiert die Methode von Güvenç und anderen schamanisch orientierten „Heilern“ auf einigen zentralen, meistenteils durchaus auch für westliche „Ohren“ (mittlerweile) nachvollziehbaren Axiomen. Dazu Güvenç: „Die AOM versteht sich nicht als direkter schamanischer Heilweg, wenngleich Elemente und Ideen aus schamanischen Praktiken Zentralasiens angewendet werden. Beispielsweise: a) Der Glaube, dass sich frühe ‚Techniken‘ wie Klänge, Melodien, Rhythmen und Improvisationen über Jahrtausende bewährt haben und auch heute noch ihre Wirkung entfalten; b) Die Bewertung des inneren Erlebens, der inneren Erfahrung, als Ergänzung zur äußeren Welt; c) Die Vorstellung, dass es neben den technologischen Fähigkeiten auch ein nicht-technologisches Wissen des menschlichen Geistes gibt; d) Die Annahme, dass der Mensch von den Pflanzen, Steinen und Tieren lernen kann“. In solchen spirituellen Ansätzen trifft sich offensichtlich das orientalische Denken mit jenem aus dem fernöstlichen Kulturraum; Die „Reise nach innen“ ist grundlegende Voraussetzung beider Konzepte.

Trance als Grundfähigkeit des Menschen

Das Element Wasser: Emotionaler Träger von Spiritualität und Beruhigung, gleichzeitig Reinigungsritual
Das Element Wasser: Emotionaler Träger von Spiritualität und Beruhigung, gleichzeitig Reinigungsritual

Ein paar Ingredienzien der AOM sind zentral in der musiktherapeutischen Arbeit Güvençs: Der physische und „musikalische“ Einsatz des Wassers; der Einbezug der menschlichen Stimme; die uralte Sufi-Instrumentalkultur; der Ausdruckstanz. Der kombinierte Einsatz dieser vier individuell vermittelten und erfahrenen, gezielt unter Begleitung des AOM-Leiters eingesetzten Praktiken kann laut Ehepaar Güvenç durchaus zu Trance und Ekstase führen: „Diese Trancezustände waren den Menschen in der östlichen Kultur durchaus vertraut. Sie waren gelebter Bestandteil der Riten und Rituale im Schamanen- und Sufiturm. […] Die heutige Wissenschaft sagt, dass Bewusstseinsveränderung und Trance zu den Grundfähigkeiten des Menschen gehören. Die Medizin des Orients kennt ihre heilige und heilende Wirkung schon seit langem. Erst nach und nach erkennt auch die moderne Medizin, wie sie sich diese Mechanismen zunutze machen kann, um Schmerzen zu lindern und Heilungsprozesse zu fördern.“

Der Körper als Instrument: Aufnahme von einem Sema-Ritual im Jahre 2008. Das Ritual dauerte 40 Tage und Nächte.
Der Körper als Instrument: Aufnahme von einem Sema-Ritual im Jahre 2008. Das Ritual dauerte 40 Tage und Nächte.

Mit solchen Erkenntnissen aus der eigenen musiktherapeutischen Arbeit schlägt das Ehepaar Güvenç eine Brücke zur nach wie vor kognitiv dominierten (Apparate-)Medizin des Westens. Ihr Buch wird eingefleischte Rationalisten nicht überzeugen, sondern bestenfalls in der Schublade „Interessant, aber unbewiesen“ versorgt werden, denn der „Glaubensfaktor“ als individuell zu erbringende, betont „imaginitive“ Leistung des „Kranken“ spielt in der AOM wie in vielen anderen therapeutischen Ansätzen (ganz gleich welcher geographischen Couleur) bekanntlich eine zentrale Rolle. Andererseits ist nicht einzusehen, warum intelligentes Therapieren neben dem ganzen okzidentalen medizinischen „Arsenal“ nicht auch (nachweislich erfolgreiche) alternative Praktiken integrieren soll; hier bekäme „Ganzheitlicheit“ nochmals einen neuen interessanten Bedeutungsaspekt.

Zurück zum paradiesischen Ursprung der Musik

Jenseits aller Theorie bekommt der Leser mit „Heilende Musik aus dem Orient“ jedenfalls auch gleich den praktischen Selbstversuch inklusive detaillierte Anleitung mitgeliefert: Der reichhaltig bebilderte, bibliographisch schön gestaltete Band enthält eine 60-minütige Audio-CD der türkischen Gruppe „Tümata“ (Abk. = „Türkische Musik in wissenschaftlicher Erforschung und Präsentation“) mit einer Auswahl orientalischer Musik, vom schamanischen Tanz bis zu Sufi-Gesängen. Damit gerät des Ehepaars Güvenç‘ „Heilende Musik aus dem Orient“ zu einer sinn-lichen, seine Thematik sehr attraktiv präsentierenden Reise durch „alle Zeiten und Räume“ hin zum „paradiesischen Ursprung der Musik“ (Güvenç). Literaturhinweise, Sach- und Namensregister sowie ein Anhang mit Kontaktadressen und Hinweisen zu Institutionen und Ausbildungsmöglichkeiten runden den Band ab. ■

Andrea und Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient – Vom traditionellen Wissen der Schamanen und Sufis zur praktischen Anwendung altorientalischer Musiktherapie, mit Audio-CD, 148 Seiten, Südwest Verlag, ISBN 978-3-517-08535-7

Leseprobe

Gesundheitliche Effekte des Gesangs: "In der AOM singen wir für den Patienten, um ihn anzuregen, ihn zu beruhigen, ihn aufzumuntern oder ihn zu stärken."
Gesundheitliche Effekte des Gesangs: „In der AOM singen wir für den Patienten, um ihn anzuregen, ihn zu beruhigen, ihn aufzumuntern oder ihn zu stärken.“

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik & Körper auch über
Lutz Jäncke: Macht Musik schlau? (Hirnforschung)

… sowie zum Thema Psychologie und Kreativität über
William Duggan: Geistesblitze – Wie wir Intuition zur Strategie machen können

Christoph Drösser: Hast du Töne? (Musikpsychologie)

Warum wir alle musikalisch sind

von Walter Eigenmann

Gleich im frühesten Vorwort seiner neuen Veröffentlichung „Hast du Töne? – Warum wir alle musikalisch sind“ steckt der Hamburger Wissenschaftsjournalist Christoph Drösser einen fulminanten Claim ab: „In diesem Buch schreibe ich selten über konkrete Musik, sondern vor allem über das, was man in den letzten Jahren über Musik herausgefunden hat. Die meisten Erkenntnisse, die ich zitiere, sind nach dem Jahr 2000 veröffentlicht worden, und das zeigt, dass hier ein Forschungsgebiet geradezu explodiert, und die Resultate insbesondere der Hirnforscher erschüttern so manche alte Überzeugungen. Vor allem die, dass die meisten Menschen unmusikalisch wären.

Christoph Drösser: Hast du Töne? - Warum wir alle musikalisch sind - Rowohlt VerlagMusikalität ist vielmehr eine Eigenschaft, die praktisch jeder von uns besitzt. Trotzdem hören wir zwar immer mehr Musik, aber wir musizieren immer weniger. Ich würde gern ein bisschen dazu beitragen, dass sich das ändert.“
Provokativ und therapeutisch zugleich also geht der 51-jährige studierte Mathematiker und Amateur-Sänger Drössel ans Werk – und ums vorwegzunehmen: mit Erfolg bei wohl so ziemlich jeder Art von Leserschaft.

Vergnügliche Aufbereitung komplizierter Forschung

Dass der Autor, als thematisch breit tätiger TV-Redakteur, -Journalist und Print-Kolumnist, vom populärwissenschaftlichen Feuilleton herkommt, merkt man seiner Monographie auf Schritt und Buchstabe an, und seine dezidiert journalistische, nonstop vergnügliche Aufbereitung kompliziertester Forschungsergebnisse – bereits bekannt u.a. aus seinen Büchern „Der Mathematikverführer“ (2007) oder „Wenn die Röcke kürzer werden, wächst die Wirtschaft“ (2008) – feiert auch in „Hast du Töne?“ amüsante, aber eben gleichzeitig informative Urständ.

Christoph Drösser - Glarean Magazin
Christoph Drösser (geb. 1958)

Dabei hat er’s nicht leicht mit einem Forschungsgebiet, welches in der Tat während der vergangenen Jahre dank vielfältiger technischer Hochrüstung enormen Erkenntniszuwachs präsentieren konnte (siehe hierzu u.a. im „Glarean Magazin“: „Macht Musik schlau?“). In zehn Kapiteln muss Drössel denn eine beeindruckende Menge und Vielfalt an musikwissenschaftlichen Zahlen, Fakten und Einsichten resümmieren, für die drei mal hundert Buchseiten eigentlich allenfalls bloß die Ouvertüre liefern können.

Musikalität ist keine Göttergabe

Des Autors Tour d’horizont beginnt mit der Widerlegung alter Vorurteile wie dem bereits erwähnten, dass Musikalität eine Göttergabe sei, über die nur Ausnahmebegabungen verfügten, und in diesem Zusammenhang auch, dass Hans nimmermehr könne, was Hänschen nicht gelernt hat; dass also „in puncto Musik der größte Teil der Menschen zum Zuhören veruteilt“ sei. (Bei dieser Gelegenheit kriegen übrigens solche TV-Quotenhämmer wie „Deutschland sucht den Superstar“ von Drössel ihr kräftig Stück Fett weg, aber ebenso die Haydn-Mozart-Beethoven-Anbeter mit ihrem unreflektierten „Genie-Kult“).

Sind Sie musikalisch? Wenn man diese Frage Studenten stellt (die meisten psychologischen Studien werden an Studenten durchgeführt), dann antworten 60 Prozent mit "Nein". Heute sind alle Menschen vor allem Musikhörexperten. Jeder von uns hat in seinem Leben mehr Musik gehört als Mozart, Bach und Beethoven zusammen. "Angst ist die dominierende Emotion bei Profimusikern" (Prof. Dr. Eckart Altenmüller, Musikmediziner) Keine Frage, Musik, insbesondere Popmusik, hat diese sexuelle Komponente. Man muss nur ein paar Stunden MTV schauen - in den meisten Videoclips geht es nur um das Eine. Kinder sind von Geburt an sehr empfänglich für Musik. Sie kommen offenbar schon mit einem Gespür für "richtige" Harmonien auf die Welt. Man kann vermuten, dass die Neandertaler das absolute Gehör lebenslänglich hatten und es in ihrem Singsang auch zur Differenzierung von Bedeutungen einsetzten. (Aus Christoph Drösser: "Hast du Töne?", Rowohlt Verlag)
Sind Sie musikalisch? Wenn man diese Frage Studenten stellt (die meisten psychologischen Studien werden an Studenten durchgeführt), dann antworten 60 Prozent mit „Nein“.  ♦ Heute sind alle Menschen vor allem Musikhörexperten. Jeder von uns hat in seinem Leben mehr Musik gehört als Mozart, Bach und Beethoven zusammen. ♦ „Angst ist die dominierende Emotion bei Profimusikern“ (Prof. Dr. Eckart Altenmüller, Musikmediziner) ♦ Keine Frage, Musik, insbesondere Popmusik, hat diese sexuelle Komponente. Man muss nur ein paar Stunden MTV schauen – in den meisten Videoclips geht es nur um das Eine. ♦ Kinder sind von Geburt an sehr empfänglich für Musik. Sie kommen offenbar schon mit einem Gespür für „richtige“ Harmonien auf die Welt. ♦ Man kann vermuten, dass die Neandertaler das absolute Gehör lebenslänglich hatten und es in ihrem Singsang auch zur Differenzierung von Bedeutungen einsetzten. (Aus Christoph Drösser: „Hast du Töne?“, Rowohlt Verlag)

Mit Fragen wie „Gibt es einen evolutionären Nutzen der Musik?“ leitet Autor Drösser dann über zu grundlegenden Untersuchungen über die (prä)-historischen Ursprünge und Entwicklungen der menschlichen Musik, über ihre neurophysiologischen Determinanten, über den Anteil der Sozialisation am überdurchschnittlichen Musiziervermögen, oder auch über spezifisch Musikpsychologisches wie der „Grammatik der Musik“ und der individuellen musikalischen Präferenzen. Weitere faszinierende, teils „klassische“, teils moderne Gebiete streift Drösser mit Forschungsgegenständen wie: „Neue Musik“, „Universeller Chill“, „Amusie“, „Ton-Farben“, „Musik&Emotion“, „Schulmusik“, „Computermusik“ oder „Musik&Autismus“, um natürlich nur einige zu nennen.

Hörhinweise im Buch – Internet inklusive

Wer unter der musikinteressierten Leserschaft nach statistischem Zahlenmaterial, nach wissenschaftlichen Fall-Studien oder nach apparatemedizinischer Grafik sucht, wird in Drössers „Hast du Töne?“ nur sehr unterschwellig fündig. Wer sich aber eine ebenso vergnügliche wie breitest dokumentierte, dabei sehr flüssig und gleichzeitig spannend zu lesende Auseinandersetzung mit ein paar der bahnbrechenden Entwicklungen innerhalb der modernen Musikforschung gönnen will, der kommt hier, ob nun Musik-Hörender oder Musik-Ausführender, mit einer höchst anregenden Lektüre auf seine Kosten.

Mehr noch: Drösser, ganz Medien-Experte, begnügt sich nicht mit Wörtern, sondern bezieht, maximal am Gegenstand orientiert, auch das Ohr mit ein: Im Buch eingestreut finden sich immer wieder Hörhinweise, denen man auf einer zugeordneten textbezogenen Internet-Seite direkt nachgehen kann.

Christoph Drösser - Total berechenbar? - Wenn Algorithmen für uns entscheiden - Hanser Verlag
Anzeige AMAZON

Christoph Drösser evoziert damit ein ausgesprochen abgerundetes Lektüre-Vergnügen, das neben viel Abstraktem eine gehörige Portion „Sinnliches“ zugesellt. Ganz abgesehen davon, dass der mit Eloquenz plaudernde Autor immer mal wieder autobiographische Subjektivitäten seines eigenen, offensichtlich amüsanten Musiklebens einstreut und damit doppelte wissenschaftliche Authenzität (quasi im Selbstversuch) herstellt.  Kurzum: Musikfreundinnen und -freunde aller Couleur und Bildung stellen diesen seinen Band ohne Zweifel mit Gewinn ins private Bücherregal. ■

Christoph Drösser: Hast du Töne? – Warum wir alle musikalisch sind, 320 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498013288

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik und Gehirn auch über
Lutz Jäncke: Macht Musik schlau?
… sowie zum Thema Musiktheorie auch über
Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony

Susi Weiss: Bar-Piano-Arrangements (Evergreens)

Swing- und Pop-Classics für Profis und Amateure

von Walter Eigenmann

Wer nach eingänglichen, leicht bis mittelschwer spielbaren Bar-Piano-Arrangements fragt, der dürfte als Antwort in den meisten Fällen v.a. einen Namen hören: Susi Weiss. Denn mittlerweile ist die „klassisch“ studierte Bad-Aiblinger Bar-Piano-Dame, die spätestens seit ihren Auftritten als Pianistin auf dem ZDF-„Traumschiff“ bekannt wurde, in den einschlägigen Fachkreisen fast ein Synonym für gepflegte Bar-Klavier-Musik geworden. Ihre Heft-Reihe „Susi’s Bar Piano“ ist inzwischen bei Amateuren wie Profis sehr verbreitet, und jetzt legt sie bereits den fünften Band mit Hit-Titeln aus der schön-schummrigen Welt des Bar-Klavierspiels vor.

Susi's Bar-Piano - Band 5 - Swing, Evergreens und Pop-Classics (Dux-Verlag)Letzteres ist dabei gar so einfach nicht, wie’s sich während des romantischen Tête-à-têtes bei Drink und Kerzenschein jeweils so einschmeichelnd anhört. Die Kunst des effektvollen Bar-Piano-Musizierens verlangt ein eigenes emotionales und doch leicht unterkühltes Timbre, einen speziellen rhythmischen „Groove“, und ein quasi „atmosphärisches“ Dynamik-Feeling, das die noble Balance zwischen Präsenz und Dezenz hält. Gute Bar-Pianisten sind selten – wenn sie mittlerweile nicht überhaupt ihre ganze Musikalität an Mikrophon und Mixer delegiert haben… Jahrelange Erfahrung, gehobene Klaviertechnik und ein (auch stilistisch) breites Repertoire sind für diesen Job unabdingbar; nichts ist falscher als das Klischee, der Bar-Piano-Player sei ein herabgesunkener Konzert-Pianist. Bar-Klaviermusik hat ihre ganz eigenen, keinesfalls simplen Gesetze, und sie ist neben der klassischen und der Jazz-Pianistik eine eigenständige (wenngleich immer seltener gehörte) dritte Klavier-Disziplin.

„Seidene Halbwelt“ in Noten übersetzt

Dieses spezifisch Improvisatorische, die musikalisch „seidene Halbwelt“, ja eine gewisse Laszivität in Rhythmus, Klang und Ausdruck des guten Bar-Pianos nun in primitive Notenschrift umzusetzen ist abermals eine sehr spezielle Herausforderung. Die Arrangeurin Susi Weiss hat da in ihren Heften einen pragmatischen, an den Voraussetzungen des eher dilettierenden Klavierspielens orientierten Ansatz gefunden. Einerseits pflegt sie rechtshändig eine oft üppige und dabei die Melodien simultan stützende Akkordik…

Susi Weiss: Aus dem Arrangement von
Susi Weiss: Aus dem Arrangement von „Aquarius“

.… während die Linke rhythmisch eher simpel grundiert, zuweilen aber durchaus auch synkopisierendes Profil entwickelt:

Susi Weiss: Aus dem Arrangement von
Susi Weiss: Aus dem Arrangement von „Summertime“

.Das Tonarten-Spektrum ist mit zumeist höchstens einem Vorzeichen betont eng gehalten, während die Harmonik grundsätzlich sehr kontrastierend, spannungsreich daherkommt. Letzteres ist übrigens einer der besonderen Reize aller Weiss’schen Bearbeitungen.
Demgegenüber gänzlich verzichtet wird auf technisch Anspruchsvolles wie z.B. weiträumiges Arpeggieren oder variatives Skalenspiel. Wobei der/die Pianist/in das nackte Notenmaterial der Arrangeurin durchaus nicht sakrosankt nehmen sollte:  Versiertere Amateur-Spieler werden auch „zwischen den Noten“ lesen und je nach Spiellaune, insbesondere in den „Slows“, spezifisch barpianistisch „füllen“.

Willkommene Ergänzung des gepflegten Bar-Piano-Repertoires

Dieser aktuellste „Susi’s Bar Piano“-Band ist mit seinen 20 berühmten (und auch weniger berühmten) „Swings, Evergreens und Pop-Classics“ jedenfalls eine neuerlich interessante Ergänzung des gepflegten, aber nicht zu schwierigen Bar-Piano-Repertoires. Sicher nix für „Beginners“ nach zwei oder drei Jahren Unterricht, aber lockeres Spielmaterial für ambitionierte „Aufsteiger“ mit einem besonderen Bar-Feeling.
Bleibt nur zu hoffen, dass die offensichtlich sehr produktive Autorin das Niveau ihrer bisherigen Publikationen halten kann; man darf auf die weiteren Arbeiten dieser aus vielfältiger eigener Praxis heraus schaffenden Arrangeurin gespannt sein. ♦

Susi Weiss (Bearb.), Susi’s Bar-Piano / Band 5 (Swing, Evergreens, Pop-Classics), Edition Dux, 68 Seiten, ISMN M-50017-381-6

Inhalt

– Watermelon Man (Herbie Hancock)
– Just A Gigolo (Nello Casucci)
– Basin Street Blues (Spencer Williams)
– Isn’t She Lovely (Stevie Wonder)
– Piano Man (Billy Joel)
– Total Eclipse Of The Heart (Jim Steinman)
– Aquarius/Hair (Galt Mac Dermot)
– Cry Me A River (Arthur Hamilton)
– Dream A Little Dream Of Me (Willy Schwandt)
– s Wonderful (Georg Gershwin)
– Summertime (Georg Gershwin)
– In The Mood (Joseph Garland)
– Baby, It’s Cold Outside
– Daimonds Are A Girl’s Best Friend (Jule Styne)
– All My Myself (Eric Carmen)
– As Time Goes By (Herman Hupfeld)
– Harlem Nocturne (Earle Hagen)
– Blue Bossa (Kenny Dorham)
– Honeysuckle Rose (Andy Razaf)
– Mona Lisa (Ray Evans)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Pop- und Jazz-Klaviermusik auch über Thomas Stabenow: Die Klavierstücke (CD)

…sowie zum Thema auch über Verband deutscher Musikschulen: Klavierunterricht

Alexandra Türk-Espitalier: Musiker in Bewegung

100 Übungen gegen Musiker-Erkrankungen

von Walter Eigenmann

Zahlreiche musikmedizinische Studien bzw. statistische Erhebungen legen nahe: Bei (zumal professionellen) Musikern werden die gesundheitlichen Berufsrisiken je länger desto mehr zu einem ernsthaften Problem. Die Gründe hierzu sind von Instrumentalist zu Instrumentalist (bzw. Fach) verschieden und reichen vom Musizieren unter erhöhtem Zeitdruck und Termin-Überlastung über exorbitante schulfachliche Prüfungs-Anforderungen bis hin zu den bekannten Aufführungs-Stressoren wie „Lampenfieber“ oder „Versagensangst“ oder den langjährigen individuellen Haltungsfehlern auf dem täglichen Übungsstuhl.
Dementsprechend ist die Zahl fachwissenschaftlicher Untersuchungen zum Problemkreis „Musiker-Erkrankung“ mittlerweile (und erfreulicherweise) in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Darunter sind allerdings die „theorielastigen“, im musikalischen Alltag wenig praktikablen Publikationen in der Überzahl, und noch seltener finden sich fundierte Anleitungen, die instrumentalspezifisch präventiv wirken können.

Aus der Praxis für die Praxis

Alexandra Türk-Espitalier - Musiker in Bewegung - 100 Übungen mit und ohne Instrument - Zimmermann Verlag FrankfurtUmso willkommener ist denn ein solches Buch, wie es nun die Frankfurter Physioprophylaktikerin und Diplom-Flötistin Alexandra Türk-Espitalier mit „Musiker in Bewegung – 100 Übungen“ vorlegt. „Aus der Praxis für die Praxis“ war offensichtlich das Motto der Autorin, denn zwar grundiert sie ihre zahlreichen Bewegungs-Exerzitien mit einer guten theoretischen Einführung in die „Ursachen“ von Musiker-Erkrankungen und die (falschen) „Gewohnheiten“ am Arbeitsplatz, doch im Zentrum des Bandes stehen ihre 100 gezielten „Bewegungsübungen“, die sehr präzise und effizient die Problemzonen des/der Musiker/in angehen.

Vom Grob- bis zum Feinmotorischen

Das thematische Spektrum ist dabei groß: Vom Grob- bis zum Feinmotorischen, von der Atmung bis zum Fingergelenk, vom Auf- bis zum Abwärmen, von der Motivation bis zur Mobilisation und vom Hals- bis zum Lendenwirbel reichen die Stichwörter des Trainingsvokabulars. (Wussten Sie übrigens, dass man „bei Augenbewegungen eine dezente Muskelbewegung in der Tiefe des oberen Nackens wahrnehmen“ kann? Ich nicht. Man schaut einfach, nicht wahr… )

Leseprobe 1 aus "Musiker in Bewegung": "Chromatische Wahrnehmung"
Leseprobe 1 aus „Musiker in Bewegung“: „Chromatische Wahrnehmung“

„Musiker in Bewegung“ richtet sich an aktiv Musizierende aller Instrumentalfraktionen, und nicht nur Berufs-, sondern auch (wohl sogar gerade) Amateurmusiker dürften von diesem (layouterisch sehr geschmackvoll präsentierten) Band profitieren.

Denn eines der Hauptziele muss das allgemeine Wohlbefinden am Instrument sein, und dies kann nur durch körperliche Unversehrtheit erreicht werden. Hierzu ist der weite Begriff von „Prävention“, wie er als tägliche Praxis von der Autorin propagiert wird, ein Schlüsselbegriff. Eine sehr nützliche Broschüre! ♦

Alexandra Türk-Espitalier, Musiker in Bewegung, 100 Übungen mit und ohne Instrument, 144 Seiten, Zimmermann Musikverlag Frankfurt/Main, ISBN 978-3-940105-13-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musikforschung“ auch über
Lutz Jäncke: Macht Musik schlau?

String Thing: Rhythmus & Groove im Streicherunterricht

Groove it!

von Walter Eigenmann

Pop auf der Geige, Rock mit der Bratsche, Folk im Cello, oder Latin für den Bass – geht das?? Das geht. Und wie. Den Beweis angetreten haben (längstens auf der Konzert-/Studiobühne und nun auch in Buchform) die vier deutschen StreicherInnen Jens Peizunka (Kontrabass), Mike Rutledge (Violine), Nicola Kruse (Violine) und Susanne Paul (Violoncello) – genannt „String Thing“. Das (durchwegs auf Hochschulen klassisch ausgebildete) Streicherensemble String Thing „groovt“ nunmehr schon seit zwanzig Jahren durch volle Konzertsääle und hat sich jetzt mit dem Wiesbadener Musikverlag Breitkopf & Härtel zusammengetan, um dem ganz besonderen Musik-Phänomen „Groove“ auch auf den theoretischen bzw. instrumentaldidaktischen Grund zu gehen. Entstanden ist die 140-seitige Grundlagen-Untersuchung „Groovy Strings – Rhythmus&Groove im Streicherunterricht“.

Was ist eigentlich Groove?

String Thing - Groovy Strings - Rhythmus & Groove im Streicherunterricht (Breitkopf & Härtel Verlag)Doch was ist eigentlich Groove? Mit „Groove“ verbinden die vier BuchautorInnen keinen fixierten musikwissenschaftlichen Terminus, sondern als erstes mal ein „stiltypisches Rhythmusmodell“, eine „stilistisch eindeutige rhythmische Ausprägung eines Musikstückes“; Groove umfasst „Tempo, Art der rhytmischen Phrasierung bis hin zur Verwendung typischer harmonischer, melodischer und rhythmischer Strukturen und Figuren“ (Christoph Hempel). Sodann betonen die AutorInnen den körperlichen, den spontan mitreißenden Aspekt dieses Begriffes: „Groove kann entstehen, wenn bei einem Musiker die Vorstellung des Rhythmus und seine Körperbewegung genau übereinstimmen. Dazu müssen ihm beide Ebenen mit einer Selbstverständlichkeit, einer ‚Von-alleine-Qualität‘ verfügbar sein wie etwa der Herzschlag, das Atmen oder das Gehen“.

Groove-Beispiele von im Heft durchgängig benutzten Phrasierungssilben, basierend auf der gängigen Praxis in Bigbands
Groove-Beispiele von im Heft durchgängig benutzten Phrasierungssilben, basierend auf der gängigen Praxis in Bigbands

„Jazz, Rock und Pop kann man lernen“

Diese Selbstverständlichkeit ist allerdings erst das Resultat, nicht die Voraussetzung der Jazz-/Pop-Ausbildung, denn wie die AutorInnen grundsätzlich die gängige Unterrichtspraxis an den Musik-Schulinstitutionen kritisieren: „Die Meinung unter Jazz-Pädagogen ist immer noch verbreitet, ein Schüler könne von selbst gut phrasieren oder eben nicht. Entgegen dieser Einschätzung sind wir der festen Überzeugung, dass man lehren und lernen kann, Musik aus den Bereichen Jazz, Rock und Pop stilgerecht und ‚akzentfrei‘ zu spielen. Was bisher fehlte, ist eine Methodik, die es ermöglicht, die notwendigen Grundlagen dazu systematisch zu vermitteln.“ Und weiter: „Es erscheint uns gerechtfertigt, so unterschiedliche Stile groovender Musik wie Swing, Heavy Metal, Reggae, Bossa Nova und Blues unter einem aufführungspraktischen Dach zusammenzufassen und von einer übergeordneten Aufführungspraxis zu sprechen, denn bei allen beträchtlichen Unterschieden haben diese Stile eines gemeinsam: ihre afroamerikanischen Wurzeln. Daraus erklären sich die keineswegs zufälligen, beliebigen oder austauschbaren Gesetzmäßigkeiten, von denen das Rhythmusempfinden (Groove), die Artikulation, die Phrasierung und damit die spieltechnischen Besonderheiten groovender Musik geprägt sind.“

Didaktisch und praktisch leicht realisierbare Unterweisung

String Thing Quartett - Glarean Magazin
String Thing Quartett

Dass ihre „groovige“, theoretisch-methodisch sehr durchdachte, didaktisch leicht realisierbare und dabei betont am praktischen, ja „emotionalen“, weil v.a. rhythmischen Musizieren ausgerichtete Unterweisung in ziemliches musikpädagogisches Neuland vorstößt, ist den vier Buch-AutorInnen durchaus bewusst. Zu sehr verbreitet ist im herkömmlichen Streicherunterricht noch immer das „klassische“, zuweilen mit fast versnobtem Rokokko-Perücken-Puder überzuckerte Image des brav vor seinem Notenständer aufgestellten Geigenschülers, welcher lustlos, aber pflichtbewusst sein Boccherini-Menuettchen rauf- und runterfiedelt, mehr ahnend als wissend, dass seine Violine einen der Hauptpfeiler altehrwürdiger abendländischer Instrumentalkultur symbolisiert. Und das Autoren-Quartett bedauert: „Für Bläser, Pianisten und Gitarristen ist die Beschäftigung mit Jazz, Rock und Pop längst selbstverständlich. Nur bei den Streichern ist dies nach wie vor eher ungewöhnlich, und entsprechende Literatur ist kaum zu finden.“

Sehr richtig auch die Feststellung im Vorwort des Bandes, dass „groovende“ Musikstile aller Richtungen den jungen Musikinteressierten möglicherweise überhaupt erst den Zugang zu Geige, Bratsche oder Cello eröffnet: „Die Beschäftigung mit populärer Musik in der mitunter schwierigen Phase der Pubertät kann eine neue Perspektive aufzeigen, wenn z.B. das Spielen von klassischer Musik als ‚uncool‘ gilt und deshalb die Möglichkeit erwogen wird, den Musikunterricht entweder ganz aufzugeben oder von einem Streichinstrument zu einem Pop-tauglicheren, ‚cooleren‘ Instrument zu wechseln.“ Allein dies schon eine schlagende Argumentierung für den Einbezug von Pop-Musik in den „klassischen“ Geigenunterricht, dessen Musikauswahl nicht nur mit vergangenen Jahrhunderten, sondern auch mit der persönlich-alltäglichen, massiv Medien-gesteuerten Erlebniswelt der Jugendlichen zu tun haben sollte. (Andernfalls dürften in der Tat, wie allenthalben befürchtet, die Jahre der Geige als „Breiteninstrument“ gezählt sein.)

Unterschiedliche Musikpädagogik bei Klassik und Pop

„String Thing“: Mozart oder Hendrix? Mozart UND Hendrix!

Allerdings erfordern Jazz- und Popularmusik eine von Klassik deutlich unterschiedene Musikpädagogik. Deren Methodik- und Repertoire-Ansätze für den modernen Streicherunterricht jetzt auf gleichermaßen umfassende wie anregende Weise systematisiert und in ein effizientes Unterrichtskonzept gebracht zu haben ist eine echte Pionierarbeit der als Musiker und Lehrer mehrfach international ausgezeichneten „String-Thing“-Autoren. Zusätzlich aufgewertet wird der großformatige, auch layouterisch und notentypographisch sehr ästhetisch gestaltete Band durch die mitgelieferte Extra-CD, deren Audio-Tracks (Geige, Bratsche & Cello) sowohl zur Einstimmung am Unterrichtsbeginn als auch für den Playback-Hintergrund eingesetzt werden können.
Alles in allem ist „Groovy Strings“ nicht nur eine bis jetzt sehr vermisste Materialsammlung, sondern auch ein methodisch progressiv anwendbarer Leitfaden, der zwar nur bedingt bei Anfängern, aber ab spätestens drittem Unterrichtsjahr systematisch eingesetzt werden kann, und dessen hoher Spaßfaktor die vor lauter ehrwürdiger Geigentradition muffige Luft in so mancher Musikschulstube schlagartig verbessern könnte. „Groovy Strings“ ist nicht die Alternative, aber eine wertvolle Ergänzung zum „Klassik“-Unterricht. Das Werk gehört definitiv in die Notenmappe eines jeden Streicher-Pädagogen – direkt neben Mozart & Co. ♦

String Thing: Groovy Strings, Rhythmus&Groove im Streicherunterricht, 140 Seiten & CD, Breitkopf-Härtel Verlag, ISBN 978-3-7651-0387-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Streicherunterricht auch über
M. Dartsch & S. Richter: Der Cellokasten
… sowie zum Thema Musikunterricht über
Gerd Arendt: Instrumentalunterricht für alle?
Ausserdem im GLAREAN zum Thema Musik-Psychologie: Was bringt den Jazz wirklich zum Swingen? – Über das Mikrotiming im Rhythmus

Alexandra Fink: Mit 50 Witzen zum Notenlese-Profi

Keine Angst vorm hohen C

von Walter Eigenmann

Wenn’s darum geht, jungen und jüngsten Instrumental- oder Gesangszöglingen geläufiges Notenlesen beizubringen, führen bekanntlich zahlreiche Wege nach Rom. Eine vergnügliche Art, Kindern (im lesefähigen Alter) die oft nur schwer im Gedächtnis haftenden Notenamen einzuverleiben, präsentiert nun Alexandra Fink im Musikverlag Nepomuk. „Mit 50 Notenwitzen zum Notenlese-Profi“ nennt sich das Heft, welches mit seinem halben Hundert an Rätseln, Witzen und anderen Spaß-Kniffeleien kleinere oder auch größere Novizen in die Geheimnisse des richtigen Lesens der schwarzen Punkte auf den fünf Linien einführen will. Dabei haben die angehenden Prima-Vista-Experten bei jeder Aufgabe Buchstabenlücken zu füllen, um den Inhalt der witzigen Sprüche entschlüsseln zu können.

Gemächlicher Aufbau des Materials

Alexandra Fink: Mit 50 Notenwitzen zum Notenlese-Profi (Nepomuk Verlag)Das Heft – hier in der Ausgabe für Violin-&Bass-Schlüssel –  ist progressiv aufgebaut, weitet den Tonraum sukzessive aus, und beginnt erst mit den beiden Schlüsseln getrennt, um sie dann abwechselnd und schließlich bunt gemischt (quasi als Klavierstimme) zu bringen.
Allzu kompliziert geht’s dabei nicht zur Sache, die Autorin beschränkte sich auf 1 „Kreuz“ und 1 „Be“, und außerdem ist jeweils ausschließlich die Tonhöhe gefragt:

Alexandra Fink: Mit 50 Notenwitzen zum Notenlese-Profi (Tonumfang)
Alexandra Fink: Mit 50 Notenwitzen zum Notenlese-Profi (Tonumfang)

Wer also als Musiklehrer/in noch ein bisschen Hausaufgaben-Material sucht, um den „hartnäckigen“ Fällen unter der Schülerschaft in Sachen Notenkapieren auf amüsante Weise zu mehr „Praxis“ zu verhelfen, holt sich diese 50 Sprüche und verteilt sie wohldosiert. Natürlich ist dies Werk der Tösstaler Autorin – sie lebt als freischaffende Illustratorin in Tablat – auch fürs Selbststudium von erwachsenen Anfängern gut geeignet. Ein Heft mit Trainingswert – nützlich! ■

Alexandra Fink, Mit 50 Notenwitzen zum Notenlese-Profi (Ausgabe Violin-&Bassschlüssel), Nepomuk Verlag Basel (Breitkopf&Hàrtel), 56 Seiten, ISMN M-50009-278-0

Leseprobe

Alexandra Fink: Mit 50 Notenwitzen zum Notenlese-Profi (Probeseite mit Rätsel)
Alexandra Fink: Mit 50 Notenwitzen zum Notenlese-Profi (Probeseite mit Rätsel)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musikunterricht auch über
Ralf Beiderwieden: Musik unterrichten

Lutz Jäncke: Macht Musik schlau? (Hirnforschung)

Das Gehirn und die Musik

von Walter Eigenmann

Im Anfang war Mozart. Genauer: Der sog. „Mozart-Effekt“. Denn im Jahre 1993 sorgte ein Artikel in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „Nature“ für weltweite Furore, wonach durch das passive Hören klassischer Musik, insbesondere der Werke des berühmten Salzburger Genies, sich das räumliche Vorstellungsvermögen signifikant verbessern soll. Ausgangspunkt der entsprechenden Studien war ein Experiment des US-amerikanischen Physikers Gordon Shaw und der Psychologin Frances Rauscher, welches mit 36 Probanden durchgeführt wurde, die nach dem Anhören verschiedener Musikstücke Aufgaben aus IQ-Tests lösen mussten. Dabei erzielte die Gruppe, die Mozarts Klaviersonate in D-Dur / KV 448 gehört hatte, ein signifikant besseres Ergebnis. In der Folge erhitzte sich die Pro-Kontra-Diskussion ob diesem berühmt-berüchtigten „Mozart-Effekt“ weit über die Natur- und Geisteswissenschaften hinaus bis tief in die Schulpädagogik, ja gar Bildungspolitik hinein  – ein Mythos war geboren.

Lutz Jäncke: "Macht Musik schlau"? - Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie - Huber VerlagDoch was ist wirklich dran an der (wohlfeilen, eigentlich doch wieder revolutionären) Hoffnung, Musik verhelfe dem Menschen zu mehr intellektueller Kompetenz? Welche Auswirkungen  haben überhaupt Musikmachen und Musikhören auf den Menschen, seine Kognition, seine Psyche? Und: Lernt man schneller/besser mit Musik-Unterstützung? Oder: Wie wirken Töne therapeutisch auf Demenzerkrankte? Grundsätzlich: Wie geht das menschliche Gehirn mit dem komplexen Phänomen „Musik“ eigentlich um?

Neuester Stand der neuropsychologischen Musikforschung

Diesen und einer Reihe weiterer Fragen geht nun umfangreich die jüngste Publikation eines der renommiertesten deutschsprachigen Neurophysiologen nach, des Zürcher Gehirnforschers Prof. Dr. Lutz Jäncke. In seinem Buch „Macht Musik schlau? – Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie“ breitet er in 13 Kapiteln den aktuellen Stand der neuropsychologischen und -physiologischen Diskussion aus. Dabei fördert der gebürtige Bochumer Ordinarius an der Universität Zürich eine ganze Reihe von interessanten, ja spektakulären Befunden und Erkenntnissen aus seinem Fach zutage – aufsehenerregend keineswegs nur für den Laien: Jänckes Forschungsergebnisse gerade auf dem Gebiete der Musik-Neurowissenschaften stoßen mittlerweile in den angesehendsten Peer-Reviewed-Zeitschriften auf großes Interesse und beeinflussen damit prägend die aktuelle Diskussion.

Komplexe Forschungsinhalte unkompliziert aufbereitet

Lutz Jäncke - Glarean Magazin
Einer der führenden Neuro-Wissenschaftler: Lutz Jäncke

Hierzu trägt sicher nicht nur die wissenschaftliche bzw. methodische Kompetenz des Autors bei, sondern auch seine Fähigkeit, komplexe Forschungsinhalte mit geradezu „leichter“ Sprachstilistik, zuweilen gar mit unverhohlen-humorvoller Fabulierlust zu servieren. Sein „Macht Musik schlau?“ liest sich, wiewohl mit naturwissenschaftlichen, statistischen, methodischen und analytischen Details geradezu vollgestopft, überraschend unkompliziert, ja erfrischend spannend – Populärwissenschaft im allerbesten Sinne. Sein Vorwort-Verfasser, der Hannoveraner Berufskollege Eckart Altenmüller attestiert ihm denn auch zurecht, er erziehe „den Leser zur kritischen Analyse der Fakten, ohne als Oberlehrer aufzutreten“.

Nachfolgend seien die wesentlichsten wissenschaftlichen Erkenntnisse von „Macht Musik schlau?“ repliziert – teils zitierend, teils zusammenfassend, Jänckes eigenem Aufbau der Buch-Abschnitte folgend. Selbstverständlich kann es sich dabei allenfalls um eine sträfliche Verknappung der umfangreichen und vielfältigen Inhalte handeln, um einen groben Überblick auf eine Veröffentlichung, welche mit Sicherheit den wissenschaftlichen Diskurs auf diesem Gebiet für eine längere nächste Zeit wesentlich mitbestimmen dürfte. (Copyright aller wissenschaftlichen Abbildungen&Tabellen: L.Jäncke & Huber-Verlag Bern).

1. Der Mozart-Effekt

Zwar schließt Jäncke nicht aus, dass sich bei Versuchspersonen nach dem Hören von Mozart-Musik „ein Hirnaktivierungsmuster einstellt“, welches eine „optimale Grundlage für die später zu bearbeitenden räumlichen Aufgaben bietet“. Ein spezifischer Effekt des kurzzeitigen Hörens von Mozart-Musik auf räumliche Fertigkeiten könne hingegen „nicht zweifelsfrei nachgewiesen“ werden: „Sofern Effekte vorliegen, treten sie immer in Bezug zu Ruhe- und Entspannungsbedingungen auf“.

2. Einfluss des Musikunterrichts auf schulische Leistungen

Wunderkind Mozart:
Wunderkind Mozart: „War Mozart ein Genie? Wie sind seine musikalischen Leistungen wirklich entstanden? Gibt es überhaupt Genies?“ (Lutz Jäncke)

Jäncke hat zahlreiche sog. „Längsschnitt-Untersuchungen“ internationaler Forschergruppen herangezogen und analysiert bzw. kritisch gewürdigt – besonders populär hierzulande: die deutschsprachige „Bastian-Studie“, die laut Jäncke allerdings aus methodischen Gründen „unbrauchbar“ sei -, wobei grundsätzlich alle diese Forschungen thematisierten, „dass zusätzlicher Musikunterricht einen günstigen Einfluss auf schulische Leistungen, verschiedene kognitive Funktionen (insbesondere das sprachliche Gedächtnis) oder auf verschiedene Intelligenzmaße“ haben könne.
Trotzdem bleibt der Buch-Autor skeptisch: Die meisten dieser Studien wiesen „methodische Mängel auf, die es nicht erlauben, die spezifische Wirkung des Musikunterrichts zu belegen“. Gleichzeitig blendet aber Jäncke nicht aus, dass chinesische Untersuchungen überzeugend zeigten: Kinder mit Musikunterricht erbringen bereits nach einem Jahr „bessere verbale Gedächtnisleistungen“. Jänckes Theorie hierzu: „Der Grund ist, dass die chinesische Sprache als tonale Sprache im Hinblick auf die auditorischen Verarbeitungsgrundlagen viele Ähnlichkeiten mit der auditorischen Verarbeitung der Musik aufweist.“
Insgesamt bedauert der Autor, dass „kaum eine Studie derzeit die Dauerhaftigkeit möglicher günstiger Effekte des Musikunterrichts“ thematisiere. Und kritisch fragt er schließlich, welchen Zweck Musiktraining oder Musikerziehung eigentlich haben sollen: „Ist es eher zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit geeignet, oder ist es vielmehr eine wunderschöne Kulturtätigkeit, die Freude und Befriedigung unabhängig von schulischen Leistungsaspekten schenken kann?“

3. Musiker kontra Nicht-Musiker

Aufgrund „gut kontrollierter Querschnitt-Untersuchungen“ zeigen sich gemäß Autor „konsistent bessere verbale Gedächtnisleistungen bei Musikern“ gegenüber Nicht-Musikern. Außerdem gebe es Hinweise, dass bei Musikern auch das visuelle Gedächtnis besser sei.

Statistisch signifikante Unterschiede der Gedächntisleistungen von Musikern und Nicht-Musikern
Statistisch signifikante Unterschiede der Gedächntisleistungen von Musikern und Nicht-Musikern

Belegt sei weiters, dass Musiker bzw. Personen mit Musikerfahrung bessere Leistungen in visuell-räumlichen Tests aufweisen. Dies hänge wahrscheinlich damit zusammen, dass „verschiedene Aspekte der Musik in unserem Gehirn räumlich repräsentiert sind. Durch das Musizieren werden diese visuell-räumlichen Funktionen offenbar häufig traniert.“ Insofern sei es durchaus plausibel, dass diese Funktionen auch für andere, nichtmusikalische Leistungen genutzt werden können.
Da das Rechnen, der Umgang mit Zahlen stark von diesen angesprochenen „visuell-räumlichen Fertigkeiten abhängt, bestehe außerdem ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Musizieren und verschiedenen Rechenleistungen. Jäncke: „Einige Untersuchungen unterstützen die Hypothese, dass Musizieren und Musikbegabung die Rechenleistung fördern“.

4. Musikhören und Lernen

Die Frage, ob (und wenn ja: welche) Musik beim Lernen hilfreich sei, wurde und wird stets umstritten diskutiert. Diesbezüglich analysiert Jäncke einige mehr oder weniger anerkannte Thesen bzw. Verfahren wie z.B. die Suggestopädie und verwandte Richtungen, welche eine positive Wirkung des passiven Hintergrundmusik-Hörens propagieren. Wiederum schließt Forscher Jäncke eine „Evozierung bestimmter Hirnaktivierungsmuster“, die für das Lernen besonders günstig sind, auch hier nicht aus. Die arbeitspsychologischen Untersuchungen bzw. Experimente haben indes sowohl „positive wie negative Einflüsse von HIntergrundmusik auf verschiedene Leistungsmaße“ belegt, so dass auf diesem Gebiet weitere Forschungen notwendig seien.

5. Musik und Emotionen

Die Erfahrung ist alltäglich: Wenn man angenehme Musik hört, wird die psychische Leistungsfähigkeit gesteigert. Mehr noch: „Wir lernen, bestimmte Musikstücke zu mögen oder nicht zu mögen. Insofern sind auch an der Entwicklung von Musikpräferenzen Lernprozesse beteiligt“ (Jäncke). Der Autor geht hier Problemfeldern nach wie: Was sind die Ursachen dafür, dass wir bestimmte Musik zu mögen scheinen und andere Musik ablehnen? Gibt es so etwas wie eine universell bevorzugte Musik? Wann hören wir welche Musik? Wie hören wir diese Musik, und vor allem: Wer hört welche Musik?

Stärkere Durchblutung der Hirngebiete beim Hören "sehr angenehmer Musik"
Stärkere Durchblutung der Hirngebiete beim Hören „sehr angenehmer Musik“

Bei solchen Fragestellungen werden die Befunde Jänckes besonders interessant, reichen sie doch womöglich an das musikkulturelle Selbstverständnis ganzer Gesellschaften heran, bzw. müssen musiksoziologische und musikästhetische Revisionen vorgenommen werden im Zusammenhang mit der hörpsychologischen Konsonanz-Dissonanz-Problematik. So hinterfragt Neurophysiologe Jäncke einerseits, ob die „Konsonanz-Dissonanz-Unterscheidung wirklich mit angeborenen emotionalen Präferenzen verbunden“ ist, oder ob nicht jene Musikwissenschaftler recht haben, welche argumentieren, dass „die Präferenz für konsonante Musik, Klänge und Intervalle eher durch häufiges Hören dieser Art von Musik und Klängen bestimmt wird.“
Fest steht gemäß verschiedenen Studien, dass schon bei vier Monate alten Babys Präferenzen für konsonante Klänge und Intervalle vorliegen – gemäß Lutz Jäncke aber nicht das schlagende Argument dafür, dass dabei „ausschließlich genetisch bestimmte Mechanismen“ zum Tragen kommen: „Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Babys schon häufig konsonante Musik gehört und bereits unbewusst eine Vorliebe für diese Art der Musik entwickelt haben“. Denn grundsätzlich, so die Erkenntnis des Neurophysiologen: „Wir mögen, was wir häufig hören“. Und weiter: „Obwohl insbesondere in der westlichen Kultur konsonante Musikelemente eher angenehme Reaktionen hervorrufen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass gerade die menschliche Lernfähigkeit es ermöglicht, auch Dissonanz als angenehm zu erleben.“ Schließlich: „Emotionale Musik stimuliert das limbische System. Angenehme Musik kann ein ‚Gäsenhautgefühl‘ hervorrufen, dem ein Aktivierungsmuster des Gehirns zugrunde liegt, das auch bei Verstärkungen, bei der Befriedigung von Süchten und beim Lernen zu messen ist. […] Insbesondere die Entwicklung von musikalischen Vorlieben wird wahrscheinlich über das Belohnungssystem vermittelt.“

6. Wie verarbeitet das Gehirn Musik?

Wichtige Erkenntnisse gewann Jäncke durch die rasante apparatetechnische bzw. computergesteuerte Entwicklung z.B. auf den Gebieten der Elektro- und der Magnetenzephalographie, welche neuropsychologisch eine „präzise zeitliche Charakterisierung“ auch der menschlichen Ton- bzw. Musikwahrnehmung erlaubt. Hier verweist der Wissenschaftler zusammenfassend auf den wichtigen Befund, dass während des Musikhörens „weite Teile des Gehirns im Sinne eines Netzwerkes aktiviert werden. Es besteht also die Möglichkeit, dass man mit musikalischen Reizen eine räumlich ausgedehnte Hirnaktivierung erreichen kann.“ Insofern ist im Gehirn – ganz im Gegensatz zu Spekulationen in früheren Jahrhunderten – kein typisches „Musikwahrnehmungsareal“ zu identifizieren – einfach deswegen, weil bei Musik schlicht besonders zahlreiche Hirnregionen involviert sind, woraus diverse positive „Transfer-Effekte“ resultieren.

7. Die Musik und die zwei Hirnhemisphären

Das menschliche Gehirn - Schnitt durch die beiden Hemissphären
Das menschliche Gehirn – Schnitt durch die beiden Hemissphären

Jäncke: „Bei Musikern kann häufig festgestellt werden, dass sie Musik auch in jenen Hirngebieten verarbeiten, die eigentlich mit der Sprachverarbeitung betraut sind“. Dementsprechend können bei Musikern sog. Amusien – hier ‚Motorische Amusie‘: Störungen in der Produktion von Musikstücken; oder ‚Sensorische Aumusie‘: Störungen in der Wahrnehmung von Musikstücken – auch auftreten, wenn Hirngebiete geschädigt sind, die bei Nichtmusikern nicht an der Kontrolle von Musikverarbeitungen beteiligt sind.

8. Wie produziert das Gehirn Musik?

Wenn man Musikstücke spielt, sind gemäß Jänckes Untersuchungen vielfältige Gedächtnisinformationen nötig: „Diese Informationen reichen von Tönen, Rhythmen und Melodien bis hin zu Erinnerungen an Episoden, Personen und Emotionen, die mit dem zu spielenden Musikstück assoziiert sind.“ In diesem Zusammenhang geht der Autor auch auf die Tatsache ein, dass zahlreiche Musiker unter „erheblichen Ängsten und Sorgen hinsichtlich ihrer Spielleistung“ leiden: „Sie sind teilweise derart gehemmt, dass sie nicht oder nur selten frei und locker ihren Spielfluss finden.“ Kernspintomographische oder EEG-Messungen solcher Personen im Labor hätten ergeben, dass bei derartigen Blockaden insbesondere eine starke Aktivierung „frontaler Hirnstrukturen“ feststellbar sei, was darauf hinweise, dass diese Hirngebiete „viel zu starke hemmende Einflüsse auf die anderen für die Musikproduktion ebenfalls wichtigen Hirngebiete ausüben“. Aufgrund dieser Erkenntnis arbeite nun die Wissenschaft weiter an spezifischen Hirntrainingsmethoden für verbesserte Musikleistungen (Stichworte: „Neurofeedback“, „Brain-Computer-Interface-Technik“ u.a.)

9. Verändert Musizieren das Gehirn?

Größerer sensomotorischer Hirn-Kortex bei Musikern
Größerer sensomotorischer Hirn-Kortex bei Musikern

Dieser Frage widmet Lutz Jäncke einen besonders interessanten Abschnitt seines Buches. Er dokumentiert die überraschende Fähigkeit des menschlichen Gehirns zur anatomischen Anpassung bzw. zu einer Zunahme der „Dichte der grauen Substanz“ (= u.a. Sitz der wichtigen „Synapsen“). Jäncke: „Intensives musikalisches Training ist mit erheblichen makroskopischen Veränderungen in Hirnbereichen gekoppelt, die besonders stark an der Kontrolle des Musizierens beteiligt sind. Diese anatomischen Veränderungen hängen offenbar von der Intensität und Häufigkeit des Musizierens ab. Je häufiger trainiert wird, desto ausgeprägter sind die Veränderungen“.

10. Musik und Sprache

Größere Dichte der grauen Substanz (Zellen) bei Musikern
Größere Dichte der grauen Substanz (Zellen) bei Musikern

Die neuere Erforschung des komplexen Beziehungsfeldes „Musik-Sprache“ hat nach Jäncke bisherige Auffassungen stark revidiert. So könne z.B. die strikte funktionale und anatomische Trennung zwischen Sprache und Musik nicht mehr aufrecht erhalten werden: „Die Wahrnehmung der Sprache und Musik wird von stark überlappenden Nervenzellnetzwerken bewerkstelligt. Wichtig dabei ist auch, dass an der Analyse von Sprache und Musik beide Hirnhälften beteiligt sind.“ Weiter: „Musik ist nach einem bestimmten Regelsystem aufgebaut. Dieses Regelsystem hat bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit dem Regelsystem der Sprache. Teilweise werden für die Analyse des Musikregelsystems gleiche Hirnstrukturen eingesetzt.“ Eine der Konsequenzen solcher Forschungsergebnisse sind medizinische Ansätze: „Musikalische Interventionen werden erfolgreich für die Therapie von Sprachstörungen eingesetzt“.

11. Musik und Alter

Grundlagen der Wirkung von Filmmusik
Anzeige AMAZON

Zum Abschluss seines „Parforcerittes durch die Welt der Musik, des Lernens und des Gehirns“ (Jäncke) kommt der Zürcher Wissenschaftler auf das je länger, desto intensiver thematisierte Problemfeld „Musik&Alter“ zu sprechen. Und auch Jänckes Forschungen brechen hier eine Lanze fürs Musizieren, gemäß dem bekannten Apodiktum „Use it or lose it“, indem er die große Bedeutung von besonders drei Hirn-intensiven Betätigungen konstatiert: „Längsschnitt-Studien haben ergeben, dass ältere Menschen, die bis ins hohe Alter Musizieren, Tanzen und Brettspiele spielen, selten im fortgeschrittenen Alter an Demenzen leiden. Hierbei zeigte sich, dass ein Betätigungsumfang in diesen drei Freizeitaktivitäten von ca. einmal pro Woche das Risiko, später eine Demenz zu entwickeln, um ca. 7 % senkte. Die intensive Ausübung dieser Freizeitaktivitäten scheint die ‚kognitive Reserve‘ im Alter zu steigern.“ Zusammengefasst: „Menschen, die bis ins hohe Alter musizieren, verfügen über einen geringeren oder keinen Abbau des Hirngewebes im Stirnhirn im Vergleich zu Personen, die nicht Musizieren.“ ♦

Lutz Jäncke, Macht Musik schlau? – Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie, 452 Seiten, Verlag Hans Huber/Hochgrefe, ISBN 978-3456845753

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musik als Demenz-Prävention“ auch über Theo Hartogh: Musizieren im Alter

Probeseiten (verkleinert)

Leseprobe 1 aus Lutz Jäncke: "Macht Musik schlau"? - Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie - Huber Verlag
Leseprobe 1 aus Lutz Jäncke: „Macht Musik schlau“? – Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie – Huber Verlag
Leseprobe 2 aus Lutz Jäncke: "Macht Musik schlau"? - Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie - Huber Verlag
Leseprobe 2 aus Lutz Jäncke: „Macht Musik schlau“? – Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie – Huber Verlag

Buch-Inhalt

Vorwort (Eckart Altenmüller)                                     9
1. Einleitung                                                   11
Von Kognitionen, psychischen Funktionen und Genen               13
Transfer                                                        14
Wunderwelt der Neuroanatomie und Bildgebung                     16
Von Zeitschriften und Büchern                                   18
Die Geschichte dieses Buches                                    20
Abschließende Bemerkungen                                       21
2. Der Mozart-Effekt - Beginn eines Mythos                      23
2.1  Der Beginn                                                 24
2.2  Die Folgen                                                 33
2.3  Replikationsversuche                                       35
2.4  Weiterführende Experimente                                 45
2.5  Der Einfluss der Stimmung und der Musikpräferenz           50
2.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                    57
3. Längsschnittstudien                                          59
3.1  Allgemeines                                                59
3.2  Internationale Längsschnittuntersuchungen                  61
3.3  Deutschsprachige Längsschnittstudien                       74
3.4  Zusammenfassung und kritische Würdigung                    90
4. Querschnittuntersuchungen                                    95
4.1  Musik und Gedächtnis                                       96
4.2  Musikgedächtnis                                           105
4.3  Visuell-räumliche Leistungen                              113
4.4  Rechenleistungen                                          138
4.5  Spielen vom Notenblatt                                    147
4.6  Motorische Leistungen                                     150
4.7  Musikwahrnehmung                                          157
4.8  Musiker und Nichtmusiker                                  192
4.9  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   194
5. Lernen und passives Musikhören                              197
5.1  Suggestopädie                                             201
5.2  Ergebnisse aus dem Journal of the Society
     for Accelerative Learning and Teaching                    207
5.3  Ergebnisse aus Zeitschriften, die von Fachleuten
     begutachtet werden                                        210
5.4  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   233
6. Musik und Emotionen                                         237
6.1  Preparedness                                              240
6.2  Wir mögen, was wir häufig hören                           246
6.3  Heute "hü" morgen "hott" -
     wechselnde emotionale Musikwirkungen                      249
6.4  Hirnaktivität und emotionale Musik                        258
6.5  Emotionen bei Profimusikern                               271
6.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   274
7. Wie verarbeitet das Gehirn Musik?                           277
7.1  Zusammenfassung                                           292
8. Musik und Hemisphärenspezialisierung                        295
8.1  Amusie                                                    300
8.2  Amusien bei Musikern                                      302
8.3  Zusammenfassung                                           304
9. Wie produziert das Gehirn Musik?                            307
9.1  Motorische Kontrolle                                      308
9.2  Sequenzierung                                             311
9.3  Gedächtnis                                                314
9.4  Aufmerksamkeit                                            315
9.5  Musizieren - Kreativität                                  317
9.6  Zusammenfassung und kritische Würdigung                   325
10. Verändert Musizieren das Gehirn?                           327
10.1 Wiederholen ist die Mutter des Lernens                    329
10.2 Expertise - Üben, Üben, Üben                              334
10.3 Gehirne wie Knetmasse                                     335
10.4 Reifung und Hirnplastizität                               347
10.5 Plastizität nicht nur bei Musikern                        349
10.6 Zusammenfassung                                           355
11. Musik und Sprache                                          357
11.1 Funktionen und Module                                     359
11.2 Von Tönen und Sprache                                     361
11.3 Fremdsprachen und Musik                                   365
11.4 Syntax und Semantik                                       367
11.5 Klingt Musik französisch, deutsch oder englisch?          375
11.6 Musik und Lesen                                           376
11.7 Musik und Sprachstörungen                                 381
11.8 Zusammenfassung                                           387
12. Musik und Alter                                            391
12.1 Zusammenfassung                                           399
13. Schlussfolgerungen                                         401
Macht das Hören von Mozart-Musik schlau?                       402
Hat Musikunterricht einen günstigen Einfluss
auf Schulleistungen und kognitive Funktionen?                  403
Worin unterscheiden sich Musiker von Nichtmusikern?            404
Lernt man besser, wenn man gleichzeitig Musik hört?            405
Beeinflusst Musik die Emotionen?                               407
Wird Musik in bestimmten Hirngebieten verarbeitet?             408
Wie produziert das Gehirn Musik?                               409
Verändert Musizieren das Gehirn?                               410
Besteht ein Zusammenhang zwischen Musik und Sprache?           411
Ist es gut, wenn man im fortgeschrittenen Alter musiziert?     412
Soll man in der Schule musizieren?                             413
14. Dank                                                       415
15. Literatur                                                  417
Sachwortregister                                               433
Personenregister                                               451

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musikpsychologie auch über
Theo Hartogh: Musizieren im Alter

Ursula Petrik: Die Leiden der Neuen Musik

Unheilvolle Apotheose des Fortschritts

von Walter Eigenmann

In wahrscheinlich noch keiner Epoche der mehrtausendjährigen Musikgeschichte war eine solche Diskrepanz von Kunstmusik und Hörerschaft zu konstatieren, wie sie spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg breit bemerkbar und auch allmählich intensiver soziologisch, ästhetisch und musikhistorisch thematisiert wurde, und wie sie sich inzwischen – auch gerade in unserem Zeitalter der „postmodernen Beliebigkeit“ – zu einem regelrechten „Zerwürfnis“ zwischen originärem Komponieren und allgemeingesellschaftlichen Hörkonventionen ausgewachsen hat.

Akademisch gepflegte Nische

Ursula Petrik: Die Leiden der Neuen Musik
Ursula Petrik: Die Leiden der Neuen Musik

Die verhehrende Konsequenz dieses Driftings ist bekannt: Die sog. Neue Musik (=Avantgarde) ist existent, aber sie existiert nicht… Denn ihre Kompositionen, Komponisten und/oder Protagonisten fristen im „Kulturbewusstsein“ der Allgemeinheit – sofern diese überhaupt Kenntnis nimmt von mehr als „Unterhaltungsmusik“ – ein allenfalls akademisch gepflegtes Nischen-Dasein, ihre Aufführungen finden meist – trotz der üblichen „Sandwich“-Programmpraxis „Klassisches-Modernes-Klassisches“ – vor halbleeren Säälen statt, und kaum, dass ihre Schöpfer und Ausführenden überhaupt Verlage bzw. Notenmaterial für Ihre Produktionen finden und nicht vielmehr selbstausbeuterisch in völliger „eigenverantwortlicher“ Isolation arbeiten müssen.
Welche musikalischen Strömungen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und individualkompositorischen Motive sind dafür verantwortlich, dass der „Neuen Musik“ seitens des Publikums kaum Beachtung, geschweige denn Zustimmung zuteil wird? Welche „Personalstile“ führen zu der Kluft zwischen aktueller „abendländischer Tonsprache“ und den Erwartungen bzw. Wünschen fast aller Hörerschichten der modernen Gesellschaften? Ist die konsequente Aufgabe aller Tonalität – wie sie z.B. in der Zwölfton-Musik Schönberg’scher Provenienz erstmals stil- und schulbildend und bis in unsere Tage quasi der „Minimalkonsens“ (fast) allen arrivierten Komponierens wurde – eine widernatürliche Ignoranz gegenüber hörphysiologischen bzw. -anthropologischen Gesetzmäßigkeiten?

Preisgabe der Tonalität

Die Wiener Musikwissenschaftlerin Ursula Petrik geht diesen Fragen in ihrer jüngsten Publikation „Die Leiden der Neuen Musik“ nach, indem sie die maßgeblichen Entwicklungszüge in den Mittelpunkt hebt, welche mit der sog. „Zweiten Wiener Schule“ sowie den berühmten bzw. bedeutsamen „Internationalen Ferienkursen für Neue Musik“ assoziiert werden.
Die Autorin selber über die Intentionen ihrer Arbeit: „Es wird davon ausgegangen, dass sich bereits im frühen 20. Jahrhundert eine Kluft zwischen den ästhetischen Vorstellungen der Komponisten und den Erwartungen und Wünschen der Hörer aufgetan hat, die bislang nicht überbrückt werden konnte.“ […] Als zweiter und wohl schwerwiegendster Faktor in diesem Prozess wird die Preisgabe der Tonalität geltend gemacht. Da das Phänomen „Tonalität“ innerhalb der Musikforschung ein bislang ungelöstes Problem darstellt, werden zunächst Tonalitätsbetrachtungen des 19., 20. und frühen 21. Jahrhunderts angeführt und diskutiert. Das Kapitel beinhaltet auch eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Atonalität Schönbergs, Weberns und Bergs, namentlich mit den verschiedentlichen Versuchen ihrer theoretischen Rechtfertigung, mit ihren musikalischen Konsequenzen sowie mit den dokumentierten Reaktionen seitens Musikkritik und Publikum auf ihre kompositorischen Ausformungen. Ferner werden die nicht atonalen Zwölftontheorien Josef Matthias Hauers und Othmar Steinbauers vorgestellt und in Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit Schönbergs Zwölftonmethode verglichen. Abschließend wird ein Überblick über die Rezeption der Zwölftonmusik gegeben.

Progression des musikalischen Materials

Das Folgekapitel nennt als weitere Ursache für die Entfremdung zwischen Komponist und Hörer die rasante Progression auf Basis des musikalischen Materials. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf den Entwicklungen, die sich nach 1950 im Kontext mit den Darmstädter Ferienkursen ereigneten. In diesem Kontext wird auch der Einfluss von Theodor W. Adornos „Philosophie der neuen Musik“ auf das Musikdenken der Nachkriegs-Avantgarde näher beleuchtet.
Im letzten Kapitel wird die Absage der Komponisten des 20. Jahrhunderts an das Publikum als ursächlicher Faktor für die beiderseitigen Kontaktschwierigkeiten erörtert. Es wird hinterfragt, inwiefern das musikästhetische und -philosophische Schrifttum die soziale Isolation der Neuen Musik beeinflusste und welche Rolle die Massenmedien als deren Förderer dabei spielten.“

Eine praxisorientierte Bestandesaufnahme

Ursula Petriks „Die Leiden der Neuen Musik“ ist – in ihrer detailreichen Dokumentiertheit und gleichzeitig in ihrer durchdachten Fokussierung auf die sowohl musiktheoretisch wie -soziologisch prägenden „Mainstreams“ des extrem komplexen Phänomens „Neue Musik“ – eine ebenso willkommene wie eloquente Abhandlung, und zugleich eine durchaus praxisorientierte Bestandesaufnahme, die sich nicht beim historisierenden Befund bescheidet, sondern  die gesamte Vielfalt des Kontextes, also auch die ökonomischen, ideologischen bzw. kulturpolitischen Immanenzen berücksichtigt.
Schade nur, dass dieser hohen inhaltlichen Qualität des Bandes das drucktechnische Erscheinungsbild zuwiderläuft (was durch den angenehm tiefen Preis nicht wettgemacht wird): Teils lieblose Typographie und v.a. miserable Buchbindung sollten in einer (hoffentlich nötigen) zweiten Auflage unbedingt verbessert werden.
Davon aber abgesehen: Wer sich an der Diskussion über die sog. „Neue Musik“ beteiligen will (oder z.B. aus schulischen Gründen beteiligen muss), kommt an diesem hervorragenden, analytisch präzisen und kenntnisreich präsentierten Traktat Petriks nicht vorbei. Durchaus empfehlenswert auch für „Laien und Amateure“, welche sich eine minimale Offenheit gegenüber neuen musikkulturellen Entwicklungen bewahrt haben – und vielleicht mal den obligaten „Abend mit Mozart und Beethoven“ austauschen zugunsten der Neugier auf eine (erste?) Begegnung mit Schönberg&Co… ■

Ursula Petrik, Die Leiden der Neuen Musik – Die problematische Rezeption der Musik seit etwa 1900, Edition Monochrom Wien, 164 Seiten, ISBN 978-3950237245

Inhalt

       Vorwort                                                                  7
       Danksagung                                                               9
I.     Die Entwicklung der bürgerlichen Musikkultur                            11
       und der Musikanschauung bis 1900
LI.    Zur gesellschaftlichen Situation der Musikschaffenden um 1800           11
1.2.   Rückwendung zur musikalischen Vergangenheit                             14
1.3.   Tradition wider Innovation                                              17
1.4.   Widerläufige ästhetische Konzepte                                       21
1.5.   Eskalationen im Zuschauerraum                                           26
1.6.   Auseinandertreten von Kunst- und Trivialmusik                           28
1.7.   Konsequenzen                                                            44
2.     Die Entfremdung zwischen Komponist und Hörer                            48
2.1.   Voraussetzungen: Das Ende der verbindlichen Tonsprache                  49
2.2.   Die Preisgabe der Tonalität                                             56
2.2.1. Die Rolle der Musiktheorie bei der „Auflösung der Tonalität"            58
2.2.2. Tonalitätsbetrachtungen des späteren 20. und frühen 21. Jahrhunderts    61
2.2.3. Schönbergs Konsonanz-Dissonanz-Betrachtung                              64
2.2.4. Musikalische Konsequenzen der Preisgabe der Tonalität                   66
2.2.5. Hypothesen zu einem „atonalen Tonsatz"                                  69
2.2.6. Reaktionen auf die frühe atonale Musik                                  70
2.2.7. Formprobleme der frei atonalen Musik                                    88
2.2.8. Restitution der Fasslichkeit durch Schönbergs Zwölftonmethode?          90
2.2.9. Andere Zwölftonschulen: Gemeinsamkeiten und Unterschiede               107
2.2.1. Zur Rezeption der Zwölftonmusik 114 2.2.11. Schlussbetrachtung         119
2.3.   Die Apotheose des Fortschritts                                         121
2.4.   Absage an das Publikum                                                 142
       Schlussbetrachtung und Ausblick                                        152
       Literatur - eine Auswahl                                               155
       Personen- und Sachregister                                             157

Leseprobe

Ursula Petrik: Die Leiden der Neuen Musik (Leseprobe)
Ursula Petrik: Die Leiden der Neuen Musik (Leseprobe)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik und Gesellschaft auch den Essay von
Frieder W. Bergner: Das U und das E in der Musik

… sowie zum Thema „Tonalität und Dissonanzen“ über
Lutz Jäncke: Macht Musik schlau? (Musik und Emotionen)

Kurt Estermann: Missa brevis (Kirchenmusik)

Missa Brevis für Chor und Orgel

von Walter Eigenmann

Der 1960 in Innsbruck geborene Komponist Kurt Estermann zählt zu den fruchtbarsten und interessantesten Vertretern der jüngeren österreichischen Kirchenmusik-Komponisten. Im Wiener Musikverlag Doblinger legt Estermann nun eine neue, vor einem Jahr entstandene „Missa brevis für gemischten Chor, Chororgel (Orgelpositiv) und große Orgel“ vor.

Kurt Estermann: Missa brevis für Gemischten Chor, Orgelpositiv und Große OrgelEstermanns Schaffen umfasst mittlerweile eine ganze Reihe von Orgel-, Chor- und Orchesterwerken, darunter drei Sinfonien, und seine schöpferische Intention hat der bereits mehrfach international ausgezeichnete, u.a. am Salzburger Mozarteum lehrende und wirkende Komponist&Organist vor einigen Jahren so umschrieben: „Die Auseinandersetzung mit vorgegebenen Formen erzwingt neue Inhalte – wobei die Ausrichtung auf das „Spannungsfeld Tradition“ zwischen Adaption und Zerschlagung wechselt. Offenheit gegenüber neuesten Tendenzen misst sich mit der Bewertung der eigenen Identität: expressiver Klang und durchdachte Konstruktion, Emotion und Experimente mit Zahlen und Intervallen, Konsequenz und permanente Infragestellung – das weite Feld zeitgemäßer Ausdrucksmittel muss sich immer durch kompositorisches Gestalten bewähren.“

Unterschiedliche Zuordnung der Ausführenden

Die Messe-Vertonung beinhaltet die Sätze Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus Dei, sie dauert zwölf Minuten, und ihre Uraufführung erfolgte im September 2007 in St. Pauls (I) mit dem Ensemble VocalArt Brixen unter Heinrich Walder.

Der Komponist selber zu seinem Werk: „Diese lateinische Ordinarium-Vertonung nutzt durch die unterschiedliche Zuordnung der Ausführenden die Raumakustik eines Kirchenraumes: der Chor findet seine Aufstellung im Bereich des Presbyteriums möglichst in der Nähe der Chororgel, die große Orgel dem gegenüber im Bereich des Westwerks. Der Reiz der Musik besteht im Wechselspiel beider Gruppen, eventuelle Koordinationsprobleme sollten mit Subdirigenten gelöst werden. Ganz bewusst wurden in der Struktur des Tonmaterials Anklänge und Teile aus der gregorianischen „Missa de Angelis“ verwendet. Dabei ist – vom Erkennungswert her – eine „innere“ participatio actuosa aller Beteiligten beabsichtigt. Die Funktion der Chororgel kann im gegebenen Fall durch ein entsprechendes Orgelpositiv erfüllt werden. Der Gebrauch des Pedals ist deshalb ad libitum, ebenso die mögliche Zuteilung der Musik auf mehrere Manuale oder Soloregister.“

Kurt Estermann: Missa brevis für Gemischten Chor, Orgelpositiv und Große Orgel, Doblinger Verlag

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Messe-Vertonungen auch über Frank Martin: Messe für Doppelchor (CD)

Ralf Beiderwieden: Musik unterrichten

Vom Wagnis Musik in der Schule

von Walter Eigenmann

Musikdidaktische Bücher (für die Oberstufe) der letzten Jahre pflegen oft entweder einen Grad an abstraktem Akademismus an den Tag zu legen, der Studenten- wie Lehrerschaft im pädagogischen Alltag rat- und tatlos stehen lässt vor der real anzugehenden Detail-Fülle neuzeitlicher Musikvermittlung, oder dann kommen sie geradezu bieder-hemdsärmelig daher, als genügte es, mehrhundertjährige Methoden-Forschung auszublenden und stattdessen die punktierte Achtel mit allerlei lustig-poppigem Psychotricksen ans Jungvolk zu verhökern. (Und noch eine dritte „Schule“ an den Schulen wäre betreffend „Musik-Schule“ nicht zu vergessen, nämlich: gar keine Musik mehr in der Schule – in unseren Zeiten der absoluten kognitiven Dominanz einerseits und andererseits angesichts der überall hemmungslos grassierenden Spar-Wut der Politiker in Sachen Kultur eine immer schamloser Schule machende Praxis mancher öffentlichen Schulen…)

Reichtum der Musik vermittelt

Musik unterrichten - Eine systematische Methodenlehre - Ralf Beiderwieden (Bosse Verlag)
Musik unterrichten – Eine systematische Methodenlehre – Ralf Beiderwieden (Bosse Verlag)

Nun aber, da (allein nur schon die abendländische Kunst-) Musik „in Theorie und Praxis“ einen längst so unerhörten und (darum un-erhörten) Reichtum an Formen, Farben und Figuren angenommen hat, dass ihre richtige und unaufhörliche Vermittlung gerade in der lebenslänglich prägenden Volks- und gymnasialen Schule inzwischen zu einer Frage wohl gar ihres Überlebens geworden ist, bedarf es kompetentester Anleitung zu differenzierter Methodik und praxisorientierter Systematik in die Hand der Musikunterrichtenden, aber auch des Weckens phantasiegesteuerter, kreativer Experimentierlust in eben diesen Lehrenden.
Eine solche „systematische Methodenlehre“ hat im Bosse-Verlag jetzt der Oldenburger Musik-Seminarleiter und Gymnasiallehrer für Musik und Geschichte Ralf Beiderwieden vorgelegt.

Unterricht soll Schüler verändern

Müsste man Beiderwiedens Band „Musik unterrichten“ mit einem Wort charakterisieren, zitierte man am besten eines seiner vielen Zitate: „‚Der Unterricht, von dem wir reden, soll mit dem Menschen selbst, mit seiner Person sich so vereinigen, dass es nicht mehr dieser Mensch sein würde, wenn man ihm diese Kenntnis wegnähme‘. (J. F. Herbart, Abiturient des ‚Alten Gymansiums Oldenburg, Abiturjahrgang 1794)“. Oder vielleicht auch dies: „‚Ich wäre stolz, wenn ich nach meinem Kompositionsunterricht sagen dürfte: Ich habe den Kompositionsschülern eine schlechte Ästhetik genommen, ihnen dafür aber eine gute Handwerkslehre gegeben‘ (Arnold Schönberg, Harmonielehre, 1911)“.

Und so handwerkt denn Beiderwieden drauflos, dass es noch für ältest-abgebrühte Semester der Musiklehrer-Zunft (oder gerade für diese?!) eine wahre Freude des Lesens und Studierens ist. Schon im Vorwort ist exponiert, was dann 210 Seiten lang des Breiten, aber mitnichten Langen durchgeführt wird: „Sie werden in diesem Buch kaum Sätze finden wie: ‚Der Lehrer soll…‘ oder ‚Der Lehrer vermeide…‘. Der Lehrer muss gar nichts, und wenig braucht er zu vermeiden. Unterrichten ist wie Komponieren: Handeln in einem weiten Feld von Wenn-dann-Beziehungen. Es gibt nicht die eine Methode, mit der etwas geht. Sie können die motivische Entwicklung in einem Quartettsatz an einer Zeitleiste entwickeln. Sie können sich für Schnipseltechnik entscheiden oder für ein Suchbild-Verfahren. Wenn Sie einen gut gefüllten Werkzeugkasten haben, werden Sie ein passendes Werkzeug finden.“

Didaktisch intelligent aufgebaut

Und der Beiderwiedensche Werkzeugkasten ist in der Tat nicht nur übervoll, sondern auch sehr intelligent sortiert; der formale Aufbau des Bandes präsentiert sich folgendermassen:

Leseprobe 1 aus: Ralf Beiderwieden, Musik unterrichten, Eine systematische Methodenlehre
Leseprobe 1 aus: Ralf Beiderwieden, Musik unterrichten, Eine systematische Methodenlehre

Wie man sofort sieht, quasi eine durchkomponierte Suite, die (mindestens) ein Leitmotiv hat, nämlich dieses, dass es schier keine Thematik in der herkömmlichen, millionenfach tradierten Musikpädagogik gibt, welche nicht doch noch eine Spur geschickter, also schneller und freudvoller vermittelbar ist bzw. wäre… Und der Ideen-Container dieses Buches ist riesig: Kein wirklich wichtiger Aspekt der Schulmusik, dem der Autor nicht eine neue Facette des Zugangs abgewinnt. Dies verdeutlicht (als nur eines von vielen möglichen Beispielen) die folgende Probe-Seite:

Leseprobe 2 aus: Ralf Beiderwieden, Musik unterrichten, Eine systematische Methodenlehre
Leseprobe 2 aus: Ralf Beiderwieden, Musik unterrichten, Eine systematische Methodenlehre

Und nach Johann Sebastian Bach noch etwas Jimi Hendrix:

Leseprobe 3 aus: Ralf Beiderwieden, Musik unterrichten, Eine systematische Methodenlehre
Leseprobe 3 aus: Ralf Beiderwieden, Musik unterrichten, Eine systematische Methodenlehre

Wenn ein schulmusikalisches Oberstufen-Didaktikum der letzten Jahre das berühmte Motto „Aus der Praxis für die Praxis“ ohne Einschränkung einlöst, dann ist es dieses „Musik unterrichten“. Aus jeder Zeile des immer konzentriert und originell formulierten, teils erfrischend salopp daherkommenden Bandes wird der Leserschaft deutlich, dass hier einer die System-Bilanz einer vieljährigen und vielseitigen, dabei offensichtlich sehr kreativ gehandhabten Beschäftigung mit dem (Spannungs-?)Feld „Musik-Jugend-Schule“ offenlegt, wie man sie in dieser Originalität noch selten gesehen hat. Kurzum: „Musik unterrichten“ von Ralf Beiderwieden gehört obligat auf den Notenständer eines jeden Musiklehrers. ♦

Ralf Beiderwieden, Musik unterrichten, Eine systematische Methodenlehre, 210 Seiten, Bosse Verlag, ISBN 978-3764926564

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musikunterricht auch über
Michael Dartsch: Musik lernen, Musik unterrichten

… sowie zum Thema Musikgeschichte über die Oper von
Daniel Auber: Die Stumme von Portici

Egon Saßmannshaus: Spielbuch für Streicher (Musik)

Orchester-Vorschule für Kinder

von Walter Eigenmann

Der professionellen Streicher-Lehrerschaft den „Saßmannshaus“ vorstellen zu wollen hieße Eulen nach Athen tragen: Längst ist das vierbändige Schulwerk „Früher Anfang…“ der beiden renommierten Violinpädagogen Egon (Vater) und Kurt (Sohn) Saßmannshaus zu einem (auch internationalen) Klassiker des Streicher-Unterrichts avanciert. Die verschiedenen, pädagogisch abgestuften Hefte (je für Geige, Bratsche und Cello) präsentieren sich nun in komplett neuem Gewand, an dessen frischer Attraktivität u.a. die bekannte Kinderbuch-Illustratorin Charlotte Panowksy wesentlichen Anteil hat.

Eine kleine Orchestervorschule für Kinder

Bärenreiters Sassmannshaus - Das Standardwerk für junge Streicher - Spielbuch
Bärenreiters Sassmannshaus – Das Standardwerk für junge Streicher – Spielbuch

Ergänzt wird der seit jeher im Bärenreiter Verlag aufgelegte „Saßmannshaus“ immer wieder durch neue „Spielbücher“, welche das eigentliche Lehrwerk alternieren und quasi als kleine „Orchestervorschule für Kinder“ fungieren. Das aktuellste „Spielbuch für Streicher“ (als stark modernisierte 3. Auflage) wendet sich an Kinder ab sechs Jahren, setzt allenfalls die Kenntnis einfacher Volkslieder voraus, führt aber doch behutsam bereits in die ersten Versuche des mehrstimmigen Spiels ein. Zugleich wird mittels ausgedehntem Kanon-Spiel die Konzentration auf Rhythmik und Taktsicherheit gelenkt. Die schwierigeren Stücke des Heftes sind dabei bewusst noch dreistimmig (2 Geigen & Cello) gesetzt, mitgeliefert wird aber auch eine spezielle Bratschen-Stimme, welche in einzelne Lieder integriert werden kann und so die Vierstimmigkeit interessant vorbereitet.
Der Band kommt in gewohnt hervorragender Druck-, Notensatz- und Layout-Qualität daher, wirkt nicht überladen mit allzuviel Illustrativem, sondern gewährt genug Platz für die didaktisch unverzichtbaren Notizen, und bietet trotzdem eine ansehnliche Fülle an „altem und neuem“ Unterrichtsmaterial. Jene Lehrerschaft, die ohnehin mit dem „Saßmannshaus“ arbeitet, setzt diese neue, sehr kindgerecht konzipierte „Orchester-Vorstufe“ zweifellos mit Gewinn ein.

Egon Saßmannshaus, Spielbuch für Streicher, Eine Orchestervorschule für Kinder, Bärenreiter Verlag, ISMN M-006-53661-0

Probeseite

Bärenreiters Sassmannshaus - Das Standardwerk für junge Streicher - Spielbuch (Leseprobe)
Bärenreiters Sassmannshaus – Das Standardwerk für junge Streicher – Spielbuch (Leseprobe)

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis Sassmannshaus - Spielbuch
Inhaltsverzeichnis Sassmannshaus – Spielbuch

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Instrumentalunterricht“ auch über
Michael Dartsch: Musik lernen, Musik unterrichten

… sowie zum Thema Cello auch über
Eric Siblin: Auf den Spuren der Cello-Suiten