Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

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Cotton Reloaded: Der Beginn – E-Book-Roman

Mitte der 1950-er Jahre begann mit dem ersten Jerry-Cotton-Heft im Bastei-Verlag eine der kommerziell erfolgreichsten Krimi-Serien, deren weltweit verbreiteter Hype unter Mitwirkung von weit über 100 Autoren bis heute andauert. Nun legt der Lübbe-Verlag nach und transferiert den smarten amerikanischen FBI-Agenten mit einer Reloaded-Reihe ins moderne Zeitalter des digitalen E-Book-Lesens.

Mario Giordano - Cotton Reloaded - Der Beginn - Lübbe VerlagDie erste Story des „neuen“ Cotton titelt „Der Beginn“ und startet im New York des Jahres 2012, wo der modernisierte G-Team-Mann mitsamt seinen Nebenfiguren Phil Decker, Zeerookah, Mr. High u.a. einen Serienkiller jagt – in einer Welt des Terrorismus‘, des Cybercrime, der Drogen- und der Bankenkriminalität.
Der Verlag will Cotton monatlich „reloaden“, und jeder Band erscheint ausschliesslich als E-Book und als Hörbuch (in den Formaten ePub bzw. MP3), wobei die einzelnen Folgen in sich abgeschlossen sind. Den Start-Band „Der Beginn“ hat Bestseller- und „Tatort“-Autor Mario Giordano („Apocalypsis“) geschrieben, Verfasser der zweiten Folge „Countdown“ (geplant für Mitte November 2012) wird Peter Mennigen sein. ♦

Mario Giordano: Cotton Reloaded – Der Beginn, Kriminal-Roman, E-Book, Lübbe Verlag

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Buch- und CD-Dokumentation: Jazz unter Ulbricht und Honecker

Frieder W. Bergner - Jazz unter Ulbricht und Hocker - Mein musikalisches Leben in der DDRDer 1954 im sächsischen Zwickau geborene Jazz-Posaunist, Arrangeur, Komponist, Big-Band-Dirigent und Autor Frieder W. Bergner hat als Musiker und Kulturschaffender jahrzehntelang unterm DDR-Regime gelebt und gearbeitet. In seiner jüngsten, belletristisch-erzählerisch konzipierten Publikation „Jazz unter Ulbricht und Honecker“ berichtet er autobiographisch über sein „musikalisches Leben in der DDR“ und streift dabei mit grosser Detailfülle und sehr persönlich-authentischem Schreibstil die wichtigsten Stationen und Personen seiner Karriere. Der Band berichtet davon, „wie aus einem schüchternen, kleinen Jungen ein Mann wurde, der sich vor hundert Menschen auf eine Bühne stellt, um mit Musik und mit Worten seine Geschichten zu erzählen. Und davon, wie er sich über Jahrzehnte seines Lebens nicht von dieser Beschäftigung abbringen liess. Nicht von den Eltern, nicht von den Obrigkeiten in Schule und Staat…“ ♦

Frieder W. Bergner: Jazz unter Ulbricht und Honecker – Mein musikalisches Leben in der DDR, Prosa-Band & Audio-CD, 212 Seiten, Selbstverlag 2012

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Kultur und Politik in der DDR“ auch über Manuel Friedel: Zwischen sportlicher Höchstleistung und staatlicher Ideologie


Ueli Schenker: Jagdgründe – Gedichte

Ueli Schenker - Jagdgründe - Gedichte - Isele VerlagSeit langem gehört der im Luzernischen Meggen lebende Schriftsteller Ueli Schenker zu den profiliertesten Poeten der Innerschweizer Literaturszene. Einst auch als Theater-Autor aktiv, verlegt sich der promovierte Anglistiker und Germanist Schenker nunmehr seit über 20 Jahren fast ausschliesslich auf die Lyrik. Sein jüngster Band „Jagdgründe“ muss unbedingt zum Besten seines bisherigen Schaffens gezählt werden. Unterteilt in fünf Kapitel, sind über 90 Gedichte versammelt, denen eine thematisch enorme Vielfalt, metaphorische Dichte und auch grosse stilitische Varianz eignet. Schenker ist ausserdem ein Meister des Bilderkontrasts und des Zusammendenkens heterogener Sinnkreise:

Im Freien
Schnorchelsommer Herbst
Laubhaufenkrieg Advent ver-
passte Schneeballschlachten
über den Heckenspass ver-
rauscht ein Schwanenpaar

Gedichte zum laut Vorlesen und still Nachdenken – empfehlenswert! ♦

Ueli Schenker, Jagdgründe, Gedichte, Isele Verlag, 108 Seiten, ISBN 978-3-86142-559-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Innerschweizer Literatur auch Vier neue Gedichte von Ueli Schenker

Drei Buch- und DVD-Neuheiten – kurz belichtet

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Interessante Buch- und DVD-Novitäten

von Walter Eigenmann

Therese Bichsel: grossfürstin Anna – Roman

Die Emmentaler Schriftstellerin und Journalistin Therese Bichsel (*1956) ist seit 1997 v.a. als gut recherchierende und literarisch gewandte Porträtistin historischer Frauengestalten im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit. Nun legt sie – wiederum im Zytglogge Verlag – die Roman-Biographie der Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg vor – jener Anna Feodorowna (1781-1860), die später als russische grossfürstin an die Seite eines Enkels von Katharina der grossen verheiratet wird, dann aber aus St. Petersburg flieht und in der Schweiz heimliche Geliebte und Mutter zweier Kinder wird.

Russischer Hochadel an der Berner Aare

Therese Bichsel: grossfürstin Anna - Flucht vom Zarenhof in die ElfenauBichsel rollt das Schicksal der 14-Jährigen Prinzessin Juliane einfühlsam und historisch informativ auf bis hin zu den wenigen glücklichen Tagen der schliesslich geschiedenen russischen Fürstin Anna auf ihrem prächtigen Gut „Elfenau“ nahe der Berner Aare. Die Autorin selber zur Entstehungsgeschichte ihres Buches: „Vor einiger Zeit stiess ich auf Anna Feodorowna und war bald fasziniert von dieser Frau, ihren schwierigen Männerbeziehungen und ihrem Kampf um die unehelichen Kinder in einer Zeit des Umbruchs.“ – Eine willkommene Bereicherung des an Interessantem momentan nicht so reichen Genres „Historischer Roman“.  ♦

Therese Bichsel: grossfürstin Anna – Flucht vom Zarenhof in die Elfenau, Roman, 304 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0851-1

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Efrat Gal-Ed: Niemandssprache – Itzig Manger


DVD: Glenn Gould – Genie und Leidenschaft

Glenn Gould - Genie und Leidenschaft - DVD-DokumentationDas kanadische Musik-Phänomen Glenn Gould steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Genie und Leidenschaft“, unlängst in einer Doppel-DVD (inkl. eines „internationalen Director’s Cut“) bei „Mindjazz Pictures“ erschienen. Das Video präsentiert vielschichtig und über weite Strecken eindringlich präsentiert das Leben und Werk einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte. Pianist Gould – „Der Mann mit dem Mantel und dem Stuhl“ – ist bis heute Gegenstand sowohl internationaler Verehrung als auch unablässiger klavierinterpretatorischer Forschung, und auch 30 Jahre nach seinem Tode scheint die Faszination für diesen Ausnahmekünstler noch nicht nachgelassen zu haben.

Portrait einer vielschichtigen Persönlichkeit

Der Film beinhaltet unveröffentlichtes Archivmaterial, Interviews mit Gould-Freunden sowie Ausschnitte aus bisher noch nicht publizierten privaten Bild- und Tonaufnahmen. – Die beiden DVDs bringen die (so facettenreiche wie zerrissene) Pianisten-Ausnahmerscheinung Glenn Gould mit all ihrer Widersprüchlichkeit und musikalischen Obsession, aber auch mit ihrer intellektuellen Vielschichtigkeit und interpretatorischen Tiefe nahe. Empfehlenswert. ♦

Glenn Gould – Genie und Leidenschaft, Dokumentarfilm von Michele Hozer und Peter Raymont, Mindjazz Pictures, Doppel-DVD, 84 Min. & Bonusmaterial 106 Min.

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Alice Sara Ott (Piano): Chopin – Complete Waltzes


Ken Follett: Winter der Welt – Roman

Ken Follett: Winter in der Welt - Roman - Lübbe VerlagDie Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges, seine globalen wie einzelmenschlichen Schicksale nimmt Englands wohl berühmtester Bestseller-Autor Ken Follett („Die Nadel“) diesmal als historisches Panorama her für seinen jüngsten Wälzer „Winter der Welt“. Der über 1000-seitige Roman – Übersetzung: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher – ist als der zweite Teil einer „Jahrhundert-Saga“  gedacht – nach „Sturz der Titanen“ –  und breitet episch vor zeitgeschichtlich dramatischem Hintergrund mannigfaltige Handlungsstränge mit zahllosen fiktiven wie realen historischen Persönlichkeiten aus.

Teils rührselig, aber sozial engagiert

Für manche Leserschichten anspruchsvollerer Belletristik mag Ken Follett (*1949) teils etwas geschwätzig, teils etwas rührselig daherschreiben. Für die in die Millionen gehende Fan-Gemeinschaft des produktiven – und übrigens auch sozial sehr engagierten -, dabei äusserst detailreichen Schriftstellers ist selbstverständlich „Winter der Welt“ das literarische Muss dieses Herbstes. ♦

Ken Follett, Winter der Welt, Roman, Lübbe Verlag, 1020 Seiten, ISBN 978-3-7857-2465-1

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Philip Teir: So also endet die Welt

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Bemerkenswerte Musik- und Schach-Novitäten

Hanns Eisler: Keenen Sechser in der Tasche – Songs und Balladen

von Walter Eigenmann

Zur mittlerweile doch akzeptabel grossen Verbreitung der Musik von Hanns Eisler trug und trägt der Musikverlag Breitkopf&Härtel wesentlich bei. Innerhalb seiner laufenden „Hans Eisler Gesamtausgabe“ HEGA – herausgegeben von der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft – koppelt der Verlag immer wieder Spezial-Editionen aus – unlängst nun Eislers Songs und Balladen für Singstimme und Klavier unterm Titel „Keenen Sechser in der Tasche“.

Hanns Eisler - Keenen Sechser in der Tasche - Songs und Balladen für Singstimme und KlavierIn gewohnt sorgfältiger Noten-Typographie versammelt der neue, insgesamt 20 Lieder beinhaltende Auswahlband neben Eisler-Klassikern auch sieben Erstdrucke.
Alle Stücke entstammen den späteren 20er- und frühen 30er-Jahren vorigen Jahrhunderts und erweitern wertvoll das bislang verfügbare Lied-Notenmaterial dieses innovativen und politisch engagierten Schönberg-Schülers und Brecht-Gefährten. ♦

Hanns Eisler: Keenen Sechser in der Tasche – Songs und Balladen für Singstimme und Klavier, Breitkopf & Härtel Musikverlag, 64 Seiten, ISMN 979-0-2004-9116-6

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Anke Grutschus: Strategien der Musikbeschreibung


Frank Brady: Endspiel – Bobby Fischer

Frank Brady - Endspiel - Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby FischerFrank Brady begleitete das Jahrhundert-Schachgenie Bobby Fischer als engster Freund von Kindsbeinen an, und viele der in seiner eben erschienenen Fischer-Biographie „Endspiel“ geschilderten Ereignisse habe der Autor „mit eigenen Augen“ miterlebt. Brady sah bisher nicht ausgewertete Dokumente und Briefe durch, führte hunderte von Interviews mit Fischer-Bekannten, öffnete sein eigenes privates Familien- und Fotoarchiv, recherchierte gar in kürzlich freigegebenen FBI- und KGB-Akten.
Bradys eindrückliches Buch beleuchtet eine der facettenreichsten und widersprüchlichsten Persönlichkeiten der amerikanischen Kultur-Geschichte, und mit zahllosen Detailinformationen wird der Frage nachgegangen, warum aus diesem Genie mit einem geschätzten IQ von 180 zuerst der (im Westen) umjubelte Superstar wurde, aber dann, politisch in vielen Ländern gejagt, als paranoider Judenhasser endete und ganz zuletzt bitter vereinsamt und krank starb, um „fern seiner Heimat in der windgepeitschten Landschaft Islands beerdigt zu werden“. ♦

Frank Brady: Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer, Biographie, 400 Seiten, Riva Verlag, ISBN 978-3-86883-199-3

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Die grosse Umfrage zum modernen Computerschach


Satire und Komische Kunst im Bananenblatt 8

Bananenblatt - Satire und Komische Kunst - Euro 2012 - Österreich im HeimspielDas Wiener Sommer-„Bananenblatt“ 2012 erscheint als bisher achte Nummer dieser Humor-Illustrierten für „Satire und Komische Kunst“. Thematischer Schwerpunkt des Heftes ist (natürlich) die „Euro 2012“ und deren Helden wie Stätten. Daneben liest der/die Freund/in gepflegten Unsinns und geistreichen Nonsens‘ über mysteriöse „X-Factor-Drehbücher“, den „Apotheken-Gourmet“, „Köhlers Schwein“, über den „Herr des Tanzes“ oder über „Menschen wie Vogelkinder“ und sehr viel weiteren „Unfug“ und „Nonsens“.
Das Heft kommt graphisch-farbig aufgepeppt daher, garniert mit zahlreichen Cartoons und Karikaturen. Amüsant-witzige Sommerlektüre – auch für Regentage. ♦

Komische Künste Verlagsgesellschaft Wien: Bananenblatt – Satire und Komische Kunst, No. 8 / Sommer 2012, 32 Seiten, ISSN 2224-8749

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Die Literaturzeitschrift Sterz ist 100 Nummern alt

Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

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Drei bemerkenswerte Musik-Novitäten

von Walter Eigenmann

„Die Ärzte“: Die beste Band der Welt

Das 7. Sonderheft des „Rock Classics“ Magazins aus dem Wiener Media-Haus Slam widmet sich ausschliesslich und umfangreich der 30-jährigen deutschen Punk-Rock-Gruppe „Die Ärzte“. Das kommerziell nach wie vor erfolgreiche „Ärzte“-Trio Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo González gibt dabei in verschiedenen längeren Interviews Interna und Trivia preis zu seiner Gründungszeit vor 30 Jahren, zu seiner Besetzungsgeschichte, zum menschlichen und musikalischen Umfeld der Gruppe und zu geplanten Zukunftsprojekten.

"Die Ärzte" - Die beste Band der Welt - Sonderheft
„Die Ärzte“ – Die beste Band der Welt – Sonderheft

Das Heft, inhaltlich informativ und layouterisch gelungen, enthält nicht nur zahllose Infos und Foto-Reports, sondern wird garniert mit der CD „No Fun!“, die eine Fülle an klassischen Songs der deutschen Punk- und New-Wave-Szene bietet. Der Band gestattet einen attraktiven Überblick auf die Geschichte einer Band, die sich immerhin dank ständigen Wandels und Anpassens 30 Jahre lang in die Charts spielen konnte. „Die Ärzte“ gehören zweifellos zu den innovativeren Gruppen der jüngeren Popgeschichte. ♦

Slam Media: Magazin Rock Classics / Sonderheft Nr.7 – Die Ärzte, 132 Seiten, mit Audio-CD

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Popgeschichte auch über
Gebhardt & Stark: Wem gehört die Popgeschichte?


Franz Hummel: Sinfonien „Hatikva“ und „Fukushima“

Franz Hummel: Sinfonien „Hatikva“ und „Fukushima“

Das erklärte Anliegen des frisch gegründeten Audio-Labels TYXart ist es, „die emotionalen, geistigen und intellektuellen Anforderungen von Musikliebhabern mit hochwertigen künstlerischen Produkten zu bedienen“ – fürwahr keine bescheidene Vorgabe, zumal in heutigen Zeiten des kommerziell maximierenden Mainstream-Betriebes.
Doch die Konzeption scheint umgesetzt zu werden – zumindest nach den drei Start-Projekten des neuen CD-Labels zu urteilen. Neben einer bemerkenswerten Klassiker-Einspielung des 15-jährigen Klavier- und Kompositions-„Wunderkindes“ Yojo Christen sowie den „Kollektiven Kompositionen“ des Klavier-Trios „Zero“ sind die beiden Sinfonien „Hatikva“ (für Klarinette und Orchester) und „Fukushima“ (für Violine und Orchester) des deutschen Komponisten und Pianisten Franz Hummel hervorzuheben. Ersterer liegt thematisch die gleichnamige israelische Hymne zugrunde, wobei „die leidvollen Erfahrungen des israelischen Volkes“ durch die „Überhöhung von Freud und Leid, Aufschrei und Tragödie“ verarbeitet werden, während „Fukushima“ ursprünglich unter dem Eindruck der atomaren Zertörung von Hiroshima entstanden sei (so der Komponist im gut dokumentierenden Booklet), jetzt aber dem Gedenken der letztjährigen Atom-Opfer Japans verpflichtet ist. Der Komponist über seine „Katastrophen-Sinfonie“: „Es bleibt zu hoffen, dass die ungeheure Tragik von Fukushima ein weltweites Umdenken im Umgang mit den Naturgewalten bewirkt“. ♦

Franz Hummel: „Hatikva“ für Klarinette&Orchester (Giora Feidman) / „Fukushima“ für Violine&Orchester (Elena Denisova), Sinfonie-Orchester Moskau (Alexei Kornienko), Label TYXart, Audio-CD: 54 Minuten

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klarinettenmusik auch über
Carl Philipp Stamitz: Klarinetten-Quartette


„stimmband“: Lieder und Songs

"Stimmband" - Lieder und Songs - Reclam & Carus Verlag
„Stimmband“ – Lieder und Songs – Reclam & Carus Verlag

Noch ein Büchlein mehr mit „Liedern und Songs“ zum „fröhlichen Singen und Beisammensein“ – nach so vielen Jahrzehnten der pausenlosen Produktion unzähliger derartiger „lustiger Liederbüchlein“?
Ja. Denn diese Zusammenstellung, knapp und knackig „stimmband“ genannt, ist von ganz anderer, ja besonderer Qualität. Denn von der landläufigen Dutzendware ähnlicher Text- und Melodien-„Reigen“ unterscheidet diese üppige Zusammenstellung aus den Häusern Reclam und Carus eine Menge. Beispielsweise die enorme stilistische und inhaltliche Spannbreite, oder die geschmacklich feine Selektion der Melodien und (Lied-)Texte, oder die Sorgfalt bei Layout und Notengrafik, oder die musikalisch sinnvollen Ergänzungen bezüglich Akkordangaben und Tonart-Wahl, oder die stabile buchtechnische Verarbeitung sowie die Handlichkeit des Formats.
Der Band versammelt, jeweils melodisch einstimmig notiert und mit allen Strophen versehen, das altehrwürdige Volkslied ebenso wie den Jürgens-Schlager, das fremdsprachige Abendlied wie die Brecht-Moritat, den Polit-Song wie den Musical-Hit. Die inhaltlichen Themenkreise sind dabei Liebe & Freundschaft, Reise & Natur, Sehnsucht & Freiheit, Glaube & Friede, Jahr & Tag, Spass & Tanz. Eine Gitarren-Grifftabelle sowie ein Titel-Register runden diese Komposition ab.
Die Herausgeber möchten „der Magie des Singens einen Raum geben“ – das ist vollumfänglich gelungen. ♦

K. Brecht & K. Weigele: stimmband – Lieder und Songs, 256 Seiten, Verlage Reclam und Carus, ISBN 978-3-15-018983-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Liederbuch auch über
Singet, klinget! – Geselliges Liederbuch für Gemischten Chor

Interessante Buch-Neuheiten – kurz belichtet

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Zwei bemerkenswerte Novitäten

von Walter Eigenmann

Über Geld schreibt man doch!

In einem Projekt des Deutschschweizer PEN-Zentrums sind 25 Schweizerinnen und Schweizer eingeladen worden, sich Gedanken über etwas zu machen, worüber man (auch und gerade in der Schweiz) ungern spricht: das Geld. Aus dieser Einladung ist die Anthologie „Über Geld schreibt man doch!“ hervorgegangen, in der die beiden Herausgeber Thomas Brändle und Dominik Riedo sehr heterogene Ein- und Aussichten, Analysen, Humoresken, Visionen und Perspektiven von Franz Hohler, Isolde Schaad, Gisela Widmer, Silvano Cerutti, Linus Reichlin, Andreas Thiel u.v.a. versammeln.

Dominik Riedo & Thomas Brändle: Über Geld schreibt man doch! - Anthologie, Zytglogge VerlagDie Texte beleuchten die Frage, was es mit dem Geld „eigentlich“ auf sich hat, und spüren nach, welche Wirkungen es entfaltet: „Wieso kann der menschliche Geist es nicht zähmen?“
Fazit: Eine Textsammlung voller Tabu-Brüche und Provokationen, aber auch eine des geistreichen Lesevergnügens und der „geldpsychologischen“ Horizonterweiterung.  ♦

Thomas Brändle/Dominik Riedo (Hg.): Über Geld schreibt man doch, Anthologie, mit Fotos von Werner Morelli, 272 Seiten, Zytglogge Verlag, ISBN 978-3-7296-0832-0

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Schweizer Krimi von
Thomas Brändle: Das Geheimnis von Montreux

… sowie zum Thema Buch & Geld auch den Offenen Brief des
Projekte Verlag Cornelius: „Schluss mit der Intoleranz!“


Strategien der Musikbeschreibung

Strategien der Musikbeschreibung - Eine diachrone Analyse französischer Toneigenschaftsbezeichnungen - Anke GrutschusDie deutsche Sprachforscherin Anke Grutschus legt in ihrem Band „Strategien der Musikbeschreibung“ eine Reihe von Analysen französischer Toneigenschaftsbezeichnungen vor und bearbeitet damit einen Themenkomplex, der sich seit langem besonderer Beliebtheit erfreut, nämlich „Musik und Sprache“. Deutlich wird dabei, dass Wendepunkte in der Diskussion um den Sprachcharakter von Musik „immer auch entscheidende Wegmarken in der Musikästhetik der vergangenen Jahrhunderte“ bildeten. Ausgehend von der Schwierigkeit des sprachlichen Beschreibens musikalischer Höreindrücke bzw. kompositorischer Zusammenhänge untersucht die Autorin konzeptuelle und sprachliche Strategien, dieser Schwierigkeit zu begegnen. Ziel ihrer Analysen ist nicht zuletzt die Offenlegung der semantischen Übertragungsprozesse, die der Verwendung bestimmter Begriffe bzw. Adjektive zur Beschreibung von Musik zugrunde liegen.
Fazit: Der Erkenntnis, dass die Beschreibung von Musik mit den zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln problematisch ist, begegnet die Autorin mit einem eindrücklich dokumentierten, musiktheoretisch differenziert recherchierten Begriffsapparat und einer historisch weit ausgreifenden Tour d’horizont durch Jahrhunderte des musikanalytischen bzw. -terminologischen Schrifttums. ♦

Anke Grutschus: Strategien der Musikbeschreibung, Eine diachrone Analyse französischer Toneigenschaftsbezeichnungen, 392 Seiten, Frank&Timme Verlag, ISBN 978-86596-241-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musik und Sprache“ auch das Zitat der Woche von
Kurt Blaukopf: Über das Niederschreiben von Musik
… sowie zum Thema Musikanalyse auch über
Christoph Wünsch: Satztechniken im 20. Jahrhundert

Michael Dartsch: Der Cellokasten (Musikunterricht)

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Wertvolle Ergänzung des Cello-Anfängerunterrichts

von Walter Eigenmann

In Sachen Streicherschulung leistet die moderne „Pädagogik“-Heftreihe des Wiesbadener Musikverlages Breitkopf schon seit längerem eine vielbeachtete Arbeit. Nach innovativen Material-Veröffentlichungen für die Violine widmet sich die neueste Streicher-Publikation dieser Verlags-Serie nun dem Violoncello. Unterm Titel „Der Cellokasten“ versammelt das renommierte Autorenduo Michael Dartsch und Susanne Richter dabei auf 124 Seiten Lied- und Übungsmaterial für die Unterstufe des Cello-Unterrichts.

Schwerpunkt auf das praktische Musizieren gelegt

Michael Dartsch & Susanne Richter: Der Cellokasten - Materialien für die Unterstufe
Michael Dartsch & Susanne Richter: Der Cellokasten – Materialien für die Unterstufe

Konzeptionell ebenso wie layouterisch schliesst sich „Der Cellokasten“ nahtlos den Pendants der Reihe „Breitkopf Pädagogik“ an: In seiner steten, wenngleich betont ruhigen didaktischen Progression, in seinem Schwerpunkt auf das praktische Musizieren, und in seiner lockeren, gestalterisch sehr ästhetischen Aufbereitung offeriert man der (jungen und jüngsten) Schülerschaft auch hier eine vielfältig-farbige Palette von ein- bis max. zweistimmigen Melodien, Stücken und Übungen, deren technische Ansprüche vom allerersten Leersaiten-Zupfen bis zum kurzen imitatorischen Duett mit Sechzehntel und max. drei Kreuzen/B’s reichen. Dem Prinzip Learning-by-Doing wurde innerhalb der didaktischen Zielsetzungen breitester Raum gegeben, und jeder Cello-spezifische Inhalt wird ausführlich mit Spielmaterial aus Vergangenheit und Moderne gestützt.

Das Autorenduo Susanne Richter und Michael Dartsch
Das Autorenduo Susanne Richter und Michael Dartsch

Der promovierte Musikpädagoge Michael Dartsch und die Freiburger Solo-Cellistin Susanne Richter legen mit ihrem neuen „Cellokasten“ eine sehr durchdacht aufbereitete, in der Progression plausible Materialiensammlung für den modernen Violoncello-Unterricht vor. Möglicherweise wird der/die eine oder andere Cello-Lehrer/in die von anderer Unterrichtsliteratur her gewohnte CD-Mitlieferung vermissen. Doch auch in reiner „Printform“ ist das jüngste Streicherheft aus dem Hause Breitkopf eine sehr willkommene, weil sehr sorgfältig komponierte Edition, die ihren Weg durch die neuzeitlichen Cello-Anfänger-Schulstuben machen dürfte.

Häufiges Spiel zu zweit

Gleichwohl garniert das Heft seinen ebenso umfang- wie abwechslungsreichen Stücke-Fundus immer wieder mit „theoretischen“ Einschüben entweder in Form von verspielten Quiz-Fragen oder mit Hilfe leicht nachvollziehbarer improvisatorischer Anleitungen. Das Gemeinschaftserlebnis Musik wird dabei durch betont häufiges Spiel mit der Lehrperson im Duett (bzw. mit einer technisch schwierigeren Zweitstimme) hergestellt.
Sehr zur Auflockerung des – im übrigen grosszügig konzipierten, auch grossnotigen – Schriftbildes tragen die unzähligen Farbillustrationen von Juliane Gottwald bei; sie sind nicht einfach Blattlückenbüsser, sondern stimulieren visuell die kindliche Spielfreude in thematischem Bezug zum jeweilige Stück.
Der promovierte Musikpädagoge Michael Dartsch – Autor bereits eines „Geigenkastens“ – und die Freiburger Solo-Cellistin Susanne Richter legen mit ihrem neuen „Cellokasten“ eine sehr durchdacht aufbereitete, in der Progression plausible Materialiensammlung für den modernen Violoncello-Unterricht vor. Möglicherweise wird der/die eine oder andere Cello-Lehrer/in die von anderer Unterrichtsliteratur her gewohnte CD-Mitlieferung vermissen. Doch auch in reiner „Printform“ ist das jüngste Streicherheft aus dem Hause Breitkopf eine sehr willkommene, weil sehr sorgfältig komponierte Edition, die ihren Weg durch die neuzeitlichen Cello-Anfänger-Schulstuben machen dürfte. ♦

Michael Dartsch / Susanne Richter: Der Cellokasten – Materialien für die Unterstufe, 124 Seiten, Verlag Breitkopf & Härtel, ISMN 979-0-004-18383-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Streicherunterricht“ auch über
Eva-Maria Neumann: Geigenschule für Kinder

… sowie zum Thema Musik für Cello über
Rostropowitsch: Cello-Suiten von J. S. Bach

Ingo Harden: Klassische Musik

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Crashkurs in Sachen Klassik

von Christian Busch

In seiner Reihe „Kurze Geschichte in 5 Kapiteln“ veröffentlicht das Verlagshaus Jacoby&Stuart verschiedene Bände mit kompakt angeordnetem und anschaulich illustriertem Wissen, jeweils 5 Kapitel zu einem wichtigen geschichtlichem Thema. Die Reihe wendet sich an ein jüngeres Publikum und hat sich zum Ziel gesetzt, mehr als ein – im Zeitalter des Internet längst obsolet gewordenes – Lexikon zu bieten: Orientierung in der Fülle der Informationen, Einordnung in grössere Zusammenhänge, aber auch zugespitzt formulierte Thesen zu Streitfragen in der modernen Forschung. Bildung aus einem Guss sozusagen.

Anschaulich und lesefreundlich

Ingo Harden - Klassische Musik - Kurze Geschichte in 5 Kapiteln (Verlag Jacoby Stuart)Für den Band „Klassische Musik“ zeichnet kein Geringerer als Ingo Harden verantwortlich – längst eine Legende unter den Rezensenten und Kritikern klassischer Musik. Ob er der Geeignete ist für einen solchen Crashkurs, mag man sich fragen, denn tatsächlich beschränkt sich das Bändchen auf nur knapp 200 Seiten Text, wenngleich sehr anschaulich und lesefreundlich präsentiert, durch viele Illustrationen, Zeitleisten, Literaturangaben sowie ein Personen- und Sachregister ergänzt.
Dass die Gliederung des historisch ambitionierten Bandes in manchen Punkten geradezu a-historisch ist, mag zunächst verwundern, doch anders wäre eine Einteilung in die – für die Reihe offensichtlich vorgegebenen – fünf Kapitel nicht realisierbar:

1. „Die Entdeckung des Individuums – Musik der Barockzeit (Monteverdi bis Bach/Händel)
2. Musik als Spiegel der Seele – Der Anbruch der klassisch-romantischen Ära (Von Haydn bis Beethoven/Schubert)
3. „…die romantischste aller Künste“ – Ein Stil gewinnt Weltgeltung (Von den Frühromantikern bis Mahler)
4. Das klingende Welttheater – Ohne Oper geht es nicht.(Von Monteverdi bis zu Wagner und dem Verismo)
5. Revolution und Evolution – Musik nach der dritten grossen Stilwende (Neue Musik bis zum „Alles ist möglich“ – Musik zwischen Serialität und Aleatorik)

Überblick auf die musikgeschichtlichen Strömungen

Natürlich könnte es von unterschiedlichen Seiten her Einspruch gegen diese Einteilung geben, doch wer z.B. die knapp sieben Seiten über Beethoven liest, wird dort in äusserst konzentrierter Form die wesentlichen Pfeiler seiner Existenz, seines Denkens, seiner Musik, seiner Wirkung auf Zeitgenossen und Nachwelt und nicht zuletzt seiner kompositorischen Sprengkraft finden. Ein Kosmos in Miniaturformat, dessen tiefe Wurzeln bei Bach und dessen weitreichende Bedeutung bis Bruckner und noch weiter sichtbar werden.

Der musikgeschichtliche Abriss „Klassische Musik“ von Ingo Harden liefert einen kompakten und sehr kompetenten Überblick über Entwicklungen und Strömungen, über grosse und bedeutende Komponisten, über epochale und Meilensteine der Musikhistorie.

In Anbetracht des sich selbst gesetzten, sehr realistischen Zieles prallt jegliche Kritik an der Ausgabe ab, weshalb sie auch uneingeschränkt zu empfehlen ist. Der Band liefert einen überschaubaren Überblick über musikgeschichtliche Entwicklungen und Strömungen, über grosse und bedeutende Komponisten, über epochale und Meilensteine der Musikhistorie. So wenig erschöpfend er konzipiert ist, so wenig „erschöpft“ er auch den Leser, indem er zu weiterer Beschäftigung Anreize gibt: Ein Baustein zur Geschichte der Menschheit und der menschlichen Kultur – zu einem erschwinglichen Preis. „Dem Fertigen ist nichts recht zu machen / Der Werdende wird immer dankbar sein“… (Goethe, Faust I). ♦

Ingo Harden: Klassische Musik (in: Kurze Geschichte in 5 Kapiteln), 220 Seiten, Jacoby & Stuart Berlin, ISBN 978-3-941087-96-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musikgeschichte auch über
Bärenreiter: Lexikon Musik und Gender (Musikgeschichte im Fokus des Weiblichen)

… und lesen Sie zum Thema Komposition auch über den
Kompositionswettbewerb Uuno-Klami 2019

Volker Gebhardt: Lese und höre (Künstler-Orte)

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Auf den Spuren des genius loci

von Günter Nawe

Genius loci ist einer der Begriffe, die immer dann verwendet werden, wenn man den Einfluss von Orten, Häusern und Landschaften unter anderem auf Schriftsteller, Musiker und Philosophen und ihre Werke beschreiben will. Und in der Tat, vielfach hat man eigene Erfahrungen damit gemacht, was das Goethe-Wort bedeutet: „Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen“.

Volker Gebhardt (Hrsg.): Lese und höre - Orte der Dichtung und Musik - Deutschland Bibliothek

Nicht immer aber kann man reisen. So ist es oft ein Buch, das dem neugierigen, dem interessierten Leser hilft „zu verstehen“. Ein solches Buch ist der opulente Band „Lese und höre“ aus der „Deutschland-Bibliothek“ des Knesebeck-Verlages. In ihm werden Orte der Dichtung und Musik in Text und Bild vorgestellt. Orte, die zu den schönsten und bedeutendsten unserer Kultur und Kulturlandschaft gehören.

Einfühlsame Charakteristika der Häuser und Räume

Im Kontext zu den biografischen Daten finden wir einfühlsame Chrakteristika der Häuser und Räume, in denen zum Beispiel Theodor Storm gelebt und gearbeitet hat, in der „grauen Stadt am grauen Meer“, in Husum also. Wir lernen das Lessing-Haus in Wolfenbüttel ebenso kennen wie die pompöse Villa Wahnfried, Richard Wagners langjährige Wirkungsstätte. Wir sind sozusagen bei Bert Brecht und Helene Weigel im Sommerhaus am Scharmützelsee „zu Gast“, wandern mit Theodor Fontane durch das Ruppiner Land, treffen den Weltbürger Georg Friedrich Händel in Halle/Saale und den grossen Johann Sebastian Bach – natürlich in Leipzig. Selbstverständlich  auch Goethe und Schiller und…

Genius loci der "Götter-Dämmerung" und des "Parsifal": Die Villa "Wahnfried" des Dichters und Musikers Richard Wagner
Genius loci der „Götter-Dämmerung“ und des „Parsifal“: Die Villa „Wahnfried“ des Dichters und Musikers Richard Wagner

Ihren eigenen genius loci haben nicht nur Wohnhäuser und Arbeitszimmer, sondern auch zum Beispiel Bibliotheken und Konzerthäuser. Das gilt für die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel und den Philosophenweg in Heidelberg, diese herrliche Promenade mit Schlossblick, ebenso wie für das Gewandhaus in Leipzig, die Semperoper in Dresden, die Berliner Phiharmonie, das Opernhaus in Bayreuth und das Beethoven-Haus in Bonn – um nur einige zu nennen. Hier mag sich der Leser selbst auf Entdeckungsreise begeben.

Bestechend schöne Fotos

„Lese und höre – Orte der Dichtung und Musik“ ist ein opulenter Text- und Bildband, der den Leser zu bedeutenden Orten der Dichtung und Musik in Deutschland begleitet und mit eindrucksvollen Fotos zum „Lies und höre“ verführt.

„Dieser Band geht den Spuren der Dichtung und Musik in Deutschland nach“, so Volker Gebhardt, der die kluge und gelungene Auswahl vorgenommen und die informativen Porträts geschrieben hat, in seiner Einleitung. Die bestechend schönen Fotos sind von Horst und Daniel Zielske. Sie bestehen sowohl für sich allein als auch als illustrative Ergänzung zum Text.
Schönheit und Vielfalt des Landes in seiner dichterischen und musikalischen Ausprägung sind also in diesem Band zu finden. Augenlust und Leselust werden auf das beste bedient. Und Anregungen, sich mit dem dichterischen und musikalischen Erbe zu beschäftigen, finden sich in Hülle und Fülle. Das Buch entführt – und verführt. ♦

Volker Gebhardt / Horst & Daniel Zielske: Lies und höre – Orte der Dichtung und Musik, 190 Seiten, zahlreiche Abb., Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-86873-268-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Künstler-Orte“ auch über den
Roman von Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo

Bärenreiter: Lexikon Musik und Gender

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Musikgeschichte im Fokus des Weiblichen

von Walter Eigenmann

Musikgeschichte und -werke, die Komponierenden und Interpretierenden, deren biographisch determinierten Motivationen ebenso wie ihre übergeordneten Sozialgefüge aus dezidiert gender-spezifischem Blickwinkel abzuhandeln ist für die Musikwissenschaft ein so bekanntes Anliegen nicht, wie es die historischen Fakten der Thematik eigentlich erforderlich mach(t)en. Die Frau im Fokus der musiktheoretischen, -historischen und -soziologischen Untersuchung: davon kann erst seit ca. zwei Jahrzehnten die Rede sein.

Lexikon - Musik und Gender - Bärenreiter und Metzler Verlage

Jahrhunderte lang spielte vielmehr innerhalb der Musikwissenschaft die Frauenforschung eine marginalisierte Rolle; zu omnipräsent und -potent war im Mainstream das „heldische Prinzip“, welches die Komponisten als Genies vereinnahmte und die Musikkultur in maskulin-militärische Kategorien wie „Fortschritt“ und „Hegemonie“ zerlegte. Oder wie es schon Guido Adler (in seiner „Vierteljahresschrift für Musikwissenschaft“) hellhörig umriss: „Die Geschichte der Musik enthält in den Biographien der Tonsetzer, in der Darstellung ihres Ringens und Kämpfens, der Streitigkeiten um die Geltendmachung ihrer Werke, ihrer Eigenart förmlich ein Stück Kriegsgeschichte.“

Das Ökosystem Kultur der längst fälligen Revision zugeführt

Die beiden "Musik und Gender"-Herausgeberinnen Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld
Die beiden „Musik und Gender“-Herausgeberinnen Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld

Dieser reduzierenden Heroisierung in der gesellschaftlich determinierten Musikgeschichtsschreibung bzw. ihrer (männlichen) Hauptakteure wird zunehmend ein differenzierendes Forschungsbild entgegengesetzt, das den weiblichen Anteil an bedeutsamen Lebensläufen aufarbeitet, die Masse an entsprechendem neuentdecktem historischem Material bilanziert und das „begradigte“ Ökosystem Kultur, welches lange nur dem Männlichen Kreatitivät und Eigenständigkeit sowie öffentliches Wirken zugestand, seiner längst notwendigen Revision zuführen will.

An diesem Punkte der geschlechterorientierten Musik-Diskussion kommt das erste deutschsprachige Lexikon zum Thema „Musik und Gender“ gerade richtig, das die beiden deutschen Musikwissenschaftlerinnen Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Metzler und Bärenreiter unlängst herausgaben. Der über 600-seitige Band zeichnet in einem ersten historischen Abschnitt alle Facetten weiblichen Musikschaffens vom 12. bis zum 20. Jahrhundert nach, dokumentiert hier die Geschlechterdimension anhand der ersten einflussreichsten – wenngleich zeitgenössisch marginalisierten – Musikerinnen und Komponistinnen, bezieht ihre gesellschaftlichen Kontexte vom Klosterleben über die höfischen Kulturen und die spätere bürgerliche Hausmusik bis zum internationalen Multimedia-Musikbetrieb der Neuzeit mit ein, thematisiert den allmählichen „Aufstieg“ des Weiblichen in Musik und Gesellschaft bis hin zur modernen, weitgehend paritätischen Situation.

Der zweite, systematische Teil breitet dann als eigentliches Lexikon auf über 400 Seiten eine Fülle von (teils ausgedehnten) Sach- und Personenartikeln aus zu praktisch allen wesentlichen Stich- und Schlagworten der aktuellen musikwissenschaftlichen Genderforschung. Ein umfangreicher Anhang mit bibliographischen sowie Personen-,  Autoren- und Institutionen-Registern rundet den Band ab.

Links das Original-Ölbild von Hans Hansen: „Constanze Mozart“. Diese hält ein Konvolut in Händen, auf dessen Titelblatt „Oeuvres de MOZART“ ersichtlich ist. Rechts die in vielen (auch wissenschaftlichen) Reproduktionen verwendete, geschwärzte Fälschung dieses Titelblattes, um den aktiven Beitrag der Frau Mozarts zur Mozart-Rezeption zu negieren. (Quelle: Lexikon „Musik und Gender“ / S.94)

Strikte Beschränkung auf den weiblichen Blickwinkel

Die Troubairitz (= weibliches Gegenstück des Troubadours) Comtessa de Dia (oder Beatriz de Dia / Mitte 12. Jh.) in einer Initiale-Abbildung. Die einzige überlieferte Melodie einer Trobairitz stammt von ihr.
Die Troubairitz (= weibliches Gegenstück des Troubadours) Comtessa de Dia (oder Beatriz de Dia / Mitte 12. Jh.) in einer Initiale-Abbildung. Die einzige überlieferte Melodie einer Trobairitz stammt von ihr.

Die strikt durchgehaltene Beschränkung der beiden Herausgeberinnen auf den weiblichen Blickwinkel, mit dem hier Musikgeschichte gesichtet wird, resultiert in der totalen Ausklammerung praktisch aller männlichen Biographien und Wirkungsgeschichten von Bach bis Boulez – was ihrerseits grundsätzlich die Gefahr einer „begradigenden“ Eindimensionalität der Darstellung birgt. Solcher ideologischen „Feminisierung“ wirkt allerdings allein schon der Umstand entgegen, dass die Beiträge von insgesamt über 170 Autorinnen und Autoren stammen (zum redaktionellen Mitarbeiterstab zählten u.a. zahlreiche DoktorandInnen und studentische MitarbeiterInnen verschiedener deutscher Musikhochschulen).
Dabei beeindruckt  die Materialfülle an Fakten und Analysen, mit der das Lexikon seiner noch jungen Thematik gerecht wird. Die Ausdehnung des Gender-Begriffs auf alle Bereiche des historischen wie aktuellen Musikschaffens und -lebens zeitigt hier ein musikhistorisches Panorama, das von jeder traditionalistisch (um nicht zu sagen: patriarchalisch) rezipierenden Geschichtsschreibung nicht als Kontrast, sondern als wesentlich ergänzendes Pendant zu erfahren gezwungen wird.

„Musik und Gender“ ist ein Lexikon, das sehr verdienstvoll einen Jahrhunderte lang vernachlässigten Forschungs-Gegenstand in seine bedeutsame Stellung zurück setzt. Übersichtlich strukturierter Aufbau, eindrückliche historische Materialfülle, Kompetenz der Einzelessays und (last but not least) eine gewollt feuilletonistische, erfrischend „unlexikalische“ Sprache haben ein Standard-Nachschlagewerk entstehen lassen.

Natürlich spielen dabei in manchen Buchabschnitten auch nach Jahrhunderten noch aktuelle Fragen hinein wie beispielsweise, warum es zwar Harfenistinnen, aber kaum Posaunistinnen oder Perkussionistinnen gibt, warum nach wie vor von Frauen nur wenig nennenswerte Sinfonik existiert, warum sich noch immer das Klischee vom Jazz als ureigene Männerdomäne hält – der Anteil weiblicher Studierender in europäischen Jazz-Studiengängen beträgt unter 15% -, oder etwa auch, warum Jungs selten Blockflöte spielen. Diesbezüglich hat auch neuzeitliche Musikpädagogik einen Anteil an der Diskussion.
Über derart rollenspezifisch Problematisches hinausgehend vermittelt aber das Lexikon „Musik und Gender“ noch weit mehr, nämlich die durch zahlreiche Untersuchungen gestützte Gewissheit, dass verschiedene – und nicht die unwichtigsten – Kapitel der konservativen Musikgeschichtsschreibung wenn nicht umgeschrieben, so doch revidiert werden müssen. Um die zwei Herausgeberinnen zu zitieren:  „Der über lange Zeit eklatante Ausschluss von Frauen aus vielen Bereichen der Musikkultur ist Teil unseres historischen Erbes, den wir weniger zu bewerten als vielmehr zu verstehen haben. Dazu ist Grundlagenwissen notwendig, das wir durch die Fokussierung auf Frauen bereitstellen wollten.“

Einen Jahrhunderte lang vernachlässigten Forschungsgegenstand aktualisiert

„Musik und Gender“ ist ein Lexikon, das höchst verdienstvoll einen Jahrhunderte lang vernachlässigten, in den Verästelungen wohl noch immer nicht völlig überblickbaren Forschungsgegenstand wieder in seiner bedeutsamen Stellung installiert. Übersichtlich strukturierter Aufbau, eindrückliche historische Materialfülle, Kompetenz in den Einzelessays und (last but not least) eine gewollt feuilletonistisch-flüssige, erfrischend „unlexikalische“ Sprache haben ein Standard-Lesebuch wie -Nachschlagewerk der jüngsten musikwissenschaftlichen Gender-Forschung entstehen lassen.
Dem Band hätte man im ersten musikhistorischen Abschnitt noch einen speziellen Exkurs zur aussereuropäischen Situation der Thematik sowie im zweiten lexikalischen Teil stärkere Verwendung von Illustrationen aller Art gegönnt, worauf jedoch zugunsten des sehr umfangreichen Stichworte-Apparates verzichtet werden musste. Insgesamt unbedingt eine ebenso willkommene wie notwendige Edition, die für längere Zeit die Referenz in ihrem Thema einnehmen dürfte ♦

Annette Kreutziger-Herr / Melanie Unseld (Hg.): Musik und Gender – Lexikon, Verlage Metzler und Bärenreiter, 610 Seiten, ISBN 978-3-476-02325-4

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… und lesen Sie zum Thema „Musikpädagogik“ über
Michael Dartsch: Musik lernen, Musik unterrichten

Peter Gülke: Robert Schumann (Biographie)

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„Was er bedeute und wolle“

von Günter Nawe

Das ist das Schöne an Gedenktagen, dass sie immer wieder Dichter, Denker, Maler oder Komponisten aus der Gefahr der Vergessenheit erretten oder neue und anders gewichtete Aspekte von Leben und Werk an das Licht einer interessierten Öffentlichkeit bringen. In diesem Jahr waren und sind es vor allem Komponisten wie Chopin, Mahler und Robert Schumann, die Aufmerksamkeit erregten und zu vielfältigen Würdigungen Anlass gaben und geben.
Eine sehr gewichtige neue Arbeit ist Robert Schumann gewidmet. Von ihr soll hier die Rede sein – und von seinem (aus der Fülle vieler „Wortmeldungen“) herausragenden Biografen Peter Gülke.

Peter Gülke: Robert Schumann - Glück und Elend der Romantik - Zsolnay VerlagGülke, Kapellmeister, Musikwissenschaftler und Musikdirektor in Dresden und Weimar, ist eine Ausnahmeerscheinung sowohl als Musiker wie auch als Autor umfangreicher Musikliteratur. Und das eben bekommt seiner grossen Biographie – oder soll man besser sagen: seinem biografischen Essay – besonders gut. „Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik“ ist deshalb auch keine chronologische Abfolge von Lebens- und Werkdaten, sondern eine thematisch gegliederte, musikologisch orientierte Arbeit.

Der Ungeduldigste unter den grossen Komponisten

„Innige Verbindung von Musik und Dichtung“: Die von Schumann gegründete „Neue Zeitschrift für Musik“ (1834)

Wichtig erscheint Gülke, die grosse romantische Gestalt des Komponisten darzustellen, der zwischen kreativem Überschwang und dem Zwang zu schöpferischen Vollendung seiner Kompositionen zu sehen ist. „Unter den Grossen war er der Ungeduldigste. Entweder gelingt etwas sofort, oder es gelingt nie – das war die Prämisse seiner Arbeit, ausgewiesen durch kaum glaubliche, nur Mozart und Schubert vergleichbare Geschwindigkeit und Sicherheit im Vollbringen“ – so Peter Gülke.

Leidenschaftlich war dieser Robert Schumann, der am 8. Juni 1810 in Zwickau geboren wurde, der im Alter von 44 Jahren dem Wahnsinn verfiel und am 29. Juli 1856 in einer Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich verstarb, in vieler Hinsicht. Eine Pianistenlaufbahn wegen eines ruinierter Fingers blieb ihm verwehrt. Stattdessen widmete er sich ausführlicher Lektüre von Jean Paul und E. T. A. Hoffmann, Hölderlin und Poe, sowie der Abfassung von beachtlichen und beachtete Musikkritiken. Und schliesslich dem Komponieren.
Eine sehr genaue Zeittafel ist übrigens dem Buch von Gülke angefügt. Leben und Werk – auch hier wird es deutlich – ist bei Robert Schumann eng verflochten. Das zu analysieren und zu bewerten hat sich Peter Gülke zur Aufgabe gemacht – und diese hervorragend gelöst.

Ein wildes, kreatives, ja versoffenes Genie

Robert Schumanns Arbeitszimmer in Leipzig
Robert Schumanns Arbeitszimmer in Leipzig

Klavierwerke, Lieder, Sinfonien, Opern und ein Requiem – vielseitiger und umfangreicher ging es kaum. Und das von einem wilden, kreativen, ja versoffenen Genie. Gülke: „Auf der einen Seite war er störrisch, hochfahrend und stolz. Aber auf der anderen Seite war er ebenso oft wahnsinnig, oft zerknirscht, tief enttäuscht und in unendliche Depressionen versunken. Das geht unglaublich stark hin und her bei ihm“. So gegensätzlich wie der Mensch ist auch sein Werk. „Die Träumerei“ und manche Lieder wurden und werden unter dem Rubrum „romantisch“ gehört – trotz vieler artifizieller Eigenheit und Raffinessen.

Zum „romantischen“ Schumann gehört natürlich die Ehe mit Clara Schumann, auch wenn diese Ehe alles andere als nur romantisch war. Wenn zwei geniale Künstler zusammenkommen, bringt das zwangsläufig Interessenkonflikte, die ausgelebt und ausgekämpft werden müssen. So auch bei Robert und Clara, der er in unzähligen Liedern permanent Liebeserklärungen macht. Robert Schumann war im wahrsten Sinne eine zerrissene Persönlichkeit. Und Gülke weiss das – und lässt es uns wissen. Glück und Elend der Romantik also am Beispiel des Robert Schumann.

„Es affiziert mich alles, was in der Welt umgeht“

Peter Gülke hat in seinem grossen biographischen Essay "Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik" die Persönlichkeit und Werk des genialen Komponisten sprachlich geschliffen, vor allem auch mit grosser Fachkenntnis und historischer Tiefe dargestellt.
Peter Gülke hat in seinem grossen biographischen Essay „Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik“ die Persönlichkeit und Werk des genialen Komponisten sprachlich geschliffen, vor allem auch mit grosser Fachkenntnis und historischer Tiefe dargestellt.

Dies alles erzählt Peter Gülke – er ist schliesslich Musikwissenschaftler – unter dem Gesichtspunkt des Werkverständnisses. Und so wird das immense Werk des Robert Schumann ausführlich interpretiert. Denn, so Schumann selbst: „Es affiziert mich alles, was in der Welt umgeht, Politik, Literatur, Menschen – über alles denke ich in meiner Weise nach, was sich dann durch die Musik Luft machen, einen Ausdruck suchen will.“
Gülke hat sich mit den musikalischen und vielen ästhetischen Aspekten auseinandergesetzt. Er war den vielen Einflüssen auf der Spur und hat sie gefunden.

Musikwissenschaftler Peter Gülke - Glarean Magazin
Musikwissenschaftler Peter Gülke

Robert Schumann hat, wie Gülke schreibt, „ein geordnetes Haus hinterlassen“. Und er zitiert den Komponisten: „Man hüte sich als Künstler, den Zusammenhang mit der Gesellschaft zu verlieren, sonst geht man unter wie ich.“ Peter Gülke hat stellvertretend den „Zusammenhang mit der Gesellschaft“, mit uns, den Lesern, wieder hergestellt. Und etwas erreicht, was Schumann verwehrt blieb. Dem Besucher Joseph Joachim hat Schumann am Ende „zugeraunt“, „er müsse von Endenich weg, denn die Leute verstünden ihn gar nicht, was er bedeute und wolle.“ Wie wahr! ♦

Peter Gülke: Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik, 268 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, ISBN 978-3-552-05492-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Romantische Musik“ auch über Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

ausserdem zum Thema Biographie über Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian

Jessica Riemer: Rilkes Frühwerk in der Musik

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O Herr, gib jedem seinen eignen Tod

von Christian Busch

Rainer Maria Rilke gehört zu den deutschen Dichtern, deren Werke bis heute nichts von ihrer Wirkung und Präsenz eingebüsst haben. Seine Gedichte erscheinen moderner und zeitloser denn je, von hellsichtiger Klarheit und unerschöpflichem Reichtum, so dass selbst die analytische Literaturwissenschaft sie noch nicht endgültig fassen und „erledigen“ konnte. Und spielt Rilkes vielleicht berühmtestes Gedicht „Herbsttag“ (aus dem „Buch der Bilder“) nicht auf die Verfassung des modernen Menschen an? Auf die Zeit der Einsamkeit, des „Wachens“ und „Lange-Briefe-Schreibens“, in der man unruhig in den „Alleen zwischen treibenden Blättern“ hin und her „wandert“? Auf die Suche nach Antworten auf Fragen, die sich aus der Konfrontation mit Tod und Vergänglichkeit unweigerlich stellen, doch in der schrillen Medienwelt tabu sind?

Jessica Riemer: Rilkes Frühwerk in der Musik - Rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen zur Todesthematik, Universitätsverlag WinterUm sich Rilke und seinem Werk weiter zu nähern, bedarf es daher vieler und vielfältiger Wege. Jessica Riemer geht in ihrer umfangreichen, sehr fundierten und beziehungsreichen Arbeit den Weg über die Rezeptionsgeschichte und die Rezeptionsästhetik mit dem Schwerpunkt auf dem Frühwerk und der Todesthematik. Eine besondere Berücksichtigung erhalten die zahlreichen musikalischen Vertonungen, denen Rilkes Texte als Inspiration, Thema oder Deutung zu Grunde liegen. Sie alle dokumentieren die Modernität, Aktualität und Zeitlosigkeit von Rilkes Texten.

Rilkes ambivalenter Todesbegriff

Rilke-Grab auf dem Bergfriedhof Raron (Schweiz)
Rilke-Grab auf dem Bergfriedhof Raron (Schweiz)

Von massgeblicher Bedeutung ist zunächst Rilkes eigener ambivalenter Todesbegriff, der „eigne“ und der „kleine“ Tod, der in der nur wenig beachteten Erzählung „Das Christkind“ (1893) thematisiert wird. Vor dem Hintergrund seiner grossen Affinität zum Tod unterscheidet er den „eignen“ oder vollkommenen Tod, der als Teil des Lebens akzeptiert wird („Der Tod wächst aus dem Leben nämlich heraus wie eine Frucht aus einem Baum“) vom „kleinen“ Tod, dem Sterben in anonymisierter, den Tod leugnender Form.
Die enge Verbindung von Tod und Leben setzt sich fort in der an Sigmund Freud orientierten Dialektik von Lebens- (Eros) und Todestrieb (Thanatos). Der Tod in der Schlacht von Cornet, dem Titelhelden der Prosadichtung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph“, erscheint als letzte Steigerung des Lebensgefühls, unmittelbar nach der Liebesnacht mit der Gräfin.

Musikalische Rezeption nach dem Krieg

Nach einem Verweis auf die unsägliche Rezeption im Nationalsozialismus, aber auch schon im 1. Weltkrieg, beschäftigt sich Jessica Riemer in der Folge ihrer nun deutlich interdisziplinär angelegten Arbeit mit der äusserst umfangreichen musikalischen Rezeption nach 1945, von denen hier nur einige genannt werden können.
Rilkes Gedicht „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod“ aus dem Stundenbuch wird in Karl Schiskes 1946 komponiertem Oratorium „Vom Tode“ zum Leitmotiv und roten Faden, das im Epilog die höchste Steigerung in der Schlussfuge erfährt. Im „eignen“ Tod erfährt das lyrische Ich die Erlösung, die Schiskes im Krieg verstorbenen Bruder (der „kleine“ Tod) versagt blieb.

Dmitri Schostakowitsch (Hörbeispiel auf Youtube: „Der Tod des Dichters“ / 14. Sinfonie)

Ein weiteres Beispiel – auch für die enge Verwandtschaft von Musik und Literatur – erläutert die Autorin in der 1969 uraufgeführten „Symphonie vom Tode“ (Nr. 14 op. 135) von Dimitri Schostakowitsch, in welcher der Komponist die Unterdrückung des Künstlers in der sozialistischen Gesellschaft anprangert. Krankheit, Unterdrückung und Todesangst prägen Schostakowitsch in dieser Zeit, und auch sein Werk, seine Todesauffassung – entgegen der von Rilke – bleibt rein pessimistisch. Die Interferenz entsteht dann auch durch Rilkes Gedicht „Der Tod des Dichters“ aus den Neuen Gedichten.

Der Tod als höhere Stufe des Lebens

Die Analyse der 2005 uraufgeführten Symphonie Nr. 8, im Untertitel „Lieder der Vergänglichkeit“ genannt, von Krzysztof Penderecki bringt wieder eine stärkere und engere Identifikation mit Rilkes Botschaften zum Vorschein. Auch hier fungieren in der Thematik von Herbst, Vergänglichkeit und Tod seine Gedichte „Ende des Herbstes“ und der berühmte „Herbsttag“ als roter Faden. Penderecki teilt Rilkes Auffassung vom Tod als höhere Stufe des Lebens, die sich in seiner Symphonie wie ein persönliches, religiöses Glaubensbekenntnis widerspiegelt.
Auch die Liederzyklen von Rilkes Freund Ernst Krenek und Alois Bröder stellen den Prozess von Werden und Vergehen als einen Kreislauf dar und betonen somit Rilkes ambivalentes Todesverständnis, welche musikalisch durch Dur- und Moll-Wechsel und das Gegenüberstellen von dynamischen Kontrasten umgesetzt sind.
Im letzten Kapitel ihrer Arbeit geht Riemer auf die 20(!), jeweils höchst unterschiedliche Rilke-Rezeptionen offenbarende Vertonungen von Rilkes Cornet ein. Unter diesen nimmt das den Tod als Erlösung interpretierende Konzertmelodram des in Theresienstadt inhaftierten Victor Ullmann – nicht nur auf Grund der Umstände – eine Sonderstellung ein.

Jessica Riemers Untersuchung von Rilkes Frühwerk in der Musik ist ein Zeugnis jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Dichter, seinen Texten und Rezipienten.
Jessica Riemers Untersuchung von Rilkes Frühwerk in der Musik ist ein Zeugnis jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Dichter, seinen Texten und Rezipienten.

Jessica Riemers nahezu enzyklopädische Arbeit über Rilke und dessen Rezeption stellt nicht nur wegen der interdisziplinär geführten Darstellung einen Meilenstein in der Rilke-Forschung dar. Sie ist Zeugnis einer jahrelangen, intensiven und kompetenten Auseinandersetzung mit dem Dichter, seinen Texten und Rezipienten, wobei der Prozess der sukzessiven Erhellung den Leser aus dem Staunen nicht herauskommen lässt. Eindrucksvoller lässt sich die Aktualität, Modernität und Zeitlosigkeit von Rilkes polyvalente Deutungsoptionen bietenden Texten nicht untermauern. ♦

Jessica Riemer: Rilkes Frühwerk in der Musik, Rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen zur Todesthematik, Universitätsverlag Winter, 552 Seiten, ISBN 978-3-8253-5698-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Tod in Literatur und Musik“ auch über den Krimi von Roland Stark: Tod in zwei Tonarten

ausserdem im Glarean Magazin zum Thema Musik und Literatur über Mauricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett

Bernhard Moosbauer: Vivaldi – Die vier Jahreszeiten

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Differenzierte Analyse der „Quattro Stagioni“

von Walter Eigenmann

„Klassik-Hits“ wie beispielsweise Beethovens „Für Elise“, Mozarts „Nachtmusik“, Straussens „Donau-Walzer“, Smetanas „Moldau“, Griegs „Morgenstimmung“ oder eben Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ zählen zu den weltweit beliebtesten Schlagern der Musikgeschichte überhaupt, und obwohl durch den modernen Star- und Plattenrummel der Unterhaltungs-Industrie kommerziell einträglich zu primitiven Gassenhauern runtergenudelt, scheint sich ihr melodischer Zauber und ihre emotionale Kraft gleichwohl über alle Hörergenerationen hinweg tradiert zu haben. Dementsprechend ist auch ihre Sekundärliteratur (à la „Kompaktwissen“, „Classic-Guide“, „Schnelleinstieg“ u.ä.) mittlerweile ins Unübersehbare gewachsen – und auch dies Populärwissenschaftliche längst ein einträgliches Geschäft in der Buchwelt, unbesehen seines jeweiligen analytischen bzw. musikhistorischen Gehalts.

Minutiös am Notentext orientierte Monographie

Bernhard Moosbauer - Antonio Vivaldi - Die vier Jahreszeiten - Bärenreiter Verlag (Werkeinführungen)Mit qualitativ hochstehenden, minutiös am Notentext orientierten, dabei alle relevanten historischen wie personalstilistischen Daten in den Fokus rückenden und stets mit streng wissenschaftlichen Methoden arbeitenden Monographien machen demgegenüber solche Buchreihen wie beispielsweise „Bärenreiters Werkeinführungen“ von sich reden. Eine neue Edition dieser Serie widmet sich jetzt den vier wohl berühmtesten Violinkonzerten, den „Quattro Stagioni“ opus 8 / Nr. 1-4 aus dem Jahre 1725 des venezianischen „Prete rosso“ und Violinvirtuosen Antonio Vivaldi.

Autor der 160-seitigen Werkeinführung ist der deutsche Musikwissenschaftler und Dozent, Barock- und Klassik-Experte sowie Konzertorganisator und Bratschist Dr. Bernhard Moosbauer. Ausgehend von der barockhistorischen Situation der Vivaldi-Zeit und ihres öffentlichen Musiklebens über die Berücksichtigung der vier Jahreszeiten in Kunst und Musik bis hin zu begrifflichen und thematischen Klärungen der kompositorischen Vorgaben Vivaldis wird jedes einzelne der vier dreisätzigen Konzerte auf jeweils ca. 20 Seiten ausgiebig vorgestellt im Hinblick auf seine kompositorischen Ingredienzien.

Satztechnische Detailkenntnis und analytische Sorgfalt

Der aufgrund bedeutender Herausgaben und als Betreuer musikhistorischer Projekte bekannt gewordene Wissenschaftler und Vivaldi-Kenner geht dabei seinen Gegenstand mit einem profunden musikhistorischen Wissen, mit tiefer satztechnischer Detailkenntnis und mit einer analytischen Sorgfalt und Breite an, die formale Zusammenhänge darzustellen vermag von der kleinmotivischen Binnenstruktur des Einzelthemas bis hinauf in die grossen satz- und werkübergreifenden Bezüge von Form und Ausdruck. Am Ende eines jeden Konzert-Kapitels zieht Moosbauer jeweils ein übergreifendes „Fazit“ seiner Betrachtungen.

Antonio Vivaldi - Die vier Jahreszeiten - Frühling - La Primavera - Anfangstakte - Glarean Magazin
Antonio Vivaldi – Die vier Jahreszeiten – Frühling – La Primavera – Anfangstakte

Autor Moosbauer arbeitet, um den enorm differenzierten kompositionstechnischen wie affektiven Gehalt dieser vier Vivaldi-Konzerte zu dokumentieren, mit einer konsequenten, omnipräsenten Verschränkung der beiden Ebenen „Emotionale Intention“ und „Kompositorische Ausprägung“, zieht hierzu eine Fülle von Notenbeispielen hinzu, und macht damit die rhythmischen Gestalttypen ebenso wie die harmonisch und motivisch übergreifenden Analogismen der Sätze für den Leser plastisch. Besondere Bedeutung misst dabei der Autor Vivaldis Umgang mit Tonartfragen und -dispositionen als einem der zentralen Kriterien der analytischen Betrachtung bei. Damit gelingt es Moosbauer, die durchstrukturierte Architektur der Stücke zu modellieren, ihr komplexes Beziehungsgeflecht darzulegen, um so schliesslich ein geschlossenes Bild des ganzen „Stagioni“-Zyklus herstellen zu können.

Nicht an den typischen „Klassik“-Hit-Hörer gerichtet

Bernhard Moosbauers Werkeinführung richtet sich nicht an den typischen
Bernhard Moosbauers Werkeinführung richtet sich nicht an den typischen „Klassik-Hit“-Hörer, der mit einem CD-Booklet und ein paar Venedig-Bildchen zufrieden ist, sondern an die Musikstudentenschaft, an die Musiklehrkräfte der gymnasialen Oberstufe und ans professionelle Musik-Feuilleton; diesen Leserschichten wird eine der fundiertesten „Stagioni“-Abhandlungen der letzten Zeit vorgelegt.

Bernhard Moosbauers Werkeinführung „Antonio Vivaldi: Die Vier Jahreszeiten“ richtet sich nicht an den typischen „Klassik-Hit“-Hörer, der mit einem CD-Booklet und ein paar Venedig-Bildchen zufrieden ist, und auch nicht an den eifrig dilettierenden Klassik-Freund, dem in der Regel der adäquate musikalische Begriffsapparat fehlt, sondern an die Musikstudentenschaft, an die Musiklehrkräfte der gymnasialen Oberstufe und ans professionelle Musik-Feuilleton; diesen Leserschichten präsentiert der Bärenreiter-Verlag mit seiner neuen Monographie eine der fundiertesten „Stagioni“-Abhandlungen der letzten Zeit. ♦

Bernhard Moosbauer: Antonio Vivaldi – Die Vier Jahreszeiten, Werkeinführung, 158 Seiten, Bärenreiter Verlag, ISBN 978-3761815830

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Barockmusik auch über Monteverdi Choir: Eternal Fire (Bach-Kantaten)
… sowie zum Thema Musiker-Biographie über die DVD-Biographie von Glenn Gould: Genie und Leidenschaft
ausserdem im Glarean Magazin: Die Musik-CD von Holger Falk u.a: Il Gondoliere Veneziano

Gebhardt & Stark: Wem gehört die Popgeschichte?

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Beeindruckender Zitatenschatz zur Populären Musik

von Walter Eigenmann

Einen zwar relativ kurzen, aber ungeheuer vielfältig ausgeprägten und ebenso nonstop wachsenden wie omnipräsent aktuellen, dabei gesellschaftlich mannigfaltig verschränkten musikhistorischen Rahmen wie jenen der Popgeschichte in knapp 400 Buchseiten zwängen zu wollen ist natürlich ein vermessenes Unterfangen. In ihrem Band „Wem gehört die Popgeschichte?“ müssen sich die beiden Autoren Gerd Gebhardt und Jürgen Stark denn auch mit einem eher generösen – wenngleich in seiner dokumentarischen Fülle unbedingt beeindruckenden – Tour d’horizont bescheiden, der nicht die stilistische Analyse, sondern die thematische Breite, weniger die objektiv-formalen Ausprägungen denn die subjektive Erfahrungsebene der sog. Popmusik in den Fokus heben.

Vom Blues bis zum Krautrock

Gero Gebhardt - Jürgen Stark: Wem gehört die Pop-Geschichte? (Bosworth Verlag)„Pop“ scheint dabei das Autoren-Duo grundsätzlich – und semantisch korrekt, aber thematisch diverses  unbekanntes „Nicht-Klassisches“ ausklammernd – als „Populäre Musik“ zu definieren: Ihre „Popgeschichte“ hebt an mit dem-Jazz-Übervater „Blues“, streift die „Roaring Twenties“ und vergisst auch nicht „Krautrock“ oder „Neue Welle“ bis hin zu „Hippie-Meditation“ oder „Heavy Metal“. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt die erschlagende Materialfülle, die Stark und Gebhardt zu bewältigen hatten – aber auch den bewusst gewählten subjektiven Zugriff, den Musikjournalist Stark und Musikindustrie-Insider Gebhardt (als anerkannte Experten und jahrelange Szene-Prominente) auf jeder Seite ihres Pop-Panoramas an den Tag legen. (Jürgen Stark unverhohlen dazu in der Presse: „Unser beider Leben zieht sich durch das Buch. Wir definieren uns über Musik.“)

Persönlich gefärbter Blick auf die Thematik

Denn v.a. dieser persönlich gefärbte Blick der beiden Autoren auf die Thematik, beim ersten geschult auch als Texter und Komponist eigener und anderer Bands, beim zweiten entwickelt während längjähriger Präsidien wichtiger Phono-Verbände, hebt ihre „Popgeschichte“ übers Lexikalische gewöhnlicher Kompendien hinaus. Der zwei fachhistorisch gut beschlagenen Autoren Zeitreise durch fast ein Jahrhundert heterogenster internationaler Pop-Kultur gerät so jenseits des Meeres von Namen und Zahlen zur locker-interessant lesbaren Geschichtensammlung innerhalb von Geschichte, aber auch zu einem hervorragenden Exkurs über Kommerz und Konvention, Kunst und Künstlichkeit, Musik und Politik, Lautes und Leises, Zeitverhaftetes und Ewgiggestriges, Triviales und Revolutionäres, Monetäres und Ideales, Kulturelles und Subkulturelles, Affirmativität und Subversivität innerhalb des diffus fassbaren (und diskutierten) Spannungsfeldes „Musik-Gesellschaft“.

Umfangreicher Zitaten-Schatz

Gerd Gebhardts und Jürgen Starks „Wem gehört die Popgeschichte?“ ist kein Nachschlagewerk, sondern ein informativer Rück-/Vorausblick auf einen Musik-Bereich, dem heutzutage einfach jede/r ausgesetzt ist und bleiben wird.

Dabei greifen Gebhardt und Stark vor allem zu dem bei belletristisch gefärbter Geschichtsschreibung immer probaten Mittel des exzessiven Zitierens: Kaum eine Seite, in der nicht ein Star (oder Sternchen), ein Komponist, ein Texter, ein Bandmitglied, ein Politiker, ein Philosoph, ein Industrieller, ein Medienvertreter, ein Manager oder sonst irgend ein prominent Involvierter zu einem Thema aussagt, provoziert, polemisiert oder informiert. „Wem gehört die Popgeschichte?“ – so rhetorisch die Frage auch gemünzt sei – ist auch ein instruktiver Zitaten-Schatz von Manifesten und Manifestationen, woraus eine in ihren zahllosen, schrill-unvermittelten Kontrasten ebenso amüsante wie frappante Lektüre resultiert – quasi ein lesend erfahrbarer Spiegel überhaupt der Pop-Kultur.

Wohltuende Zurückhaltung im Bild-Einsatz

Bezüglich Bildmaterial hält sich – ganz im Gegensatz zu vielen verwandten Büchern und zur graphisch überfluteten Medienwelt der Popmusik – das Buch wohltuend zurück. Um trotzdem einer drohenden Bleiwüste entgegenzutreten, sind neben den bereits erwähnten zahllosen Zitaten auch viele, die Chronologie oft durchbrechende, meist soziologische Exkurse der beiden Autoren eingestreut, die musikgeschichtlich grössere Rahmen herstellen, auch mal stilistische Nebengeleise befahren, oder einfach ideologische Grabenkämpfe dokumentieren.
Jedenfalls ist Gebhardts und Starks „Wem gehört die Popgeschichte?“ kein Nachschlagewerk, auch keine musikhistorische Monographie. Dass keinerlei lexikalischer Anspruch besteht, darauf verweisen nicht nur der Buchtitel, sondern auch das überraschend dürre Namen- und Sachregister, das man sich denn doch etwas üppiger gewünscht hätte. Wohl aber ist diese „Popgeschichte“ ein – mit seinen zahllosen persönlichen Dokumenten – sehr informativer und – bei seinem konsequent subjektiv-selektiven Blickwinkel – authentischer Rück-/Vorausblick auf einen Musik-Bereich, dem heutzutage – ob freiwillig oder unfreiwillig – einfach jede/r ausgesetzt ist und bleibt.
Dieser Band sollte nicht als einziger über die Popgeschichte im persönlichen Bücherregal stehen. Aber stehen durchaus. ♦

Gerd Gebhardt / Jürgen Stark: Wem gehört die Popgeschichte? – Bosworth Edition, 384 Seiten, ISBN 9783865432896

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Popmusik auch über die
CD von Katie Melua: Pictures

… sowie zum Thema Kultur- und Musikgeschichte den Essay von
Joanna Lisiak: Reife Männerstimmen – Die Aura von Stimmfarben

Leopold Koželuch: Klavier-Sonaten Band 1

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Niveauvolle Klassik für den Klavierunterricht

von Walter Eigenmann

Weder bezüglich Konzertrepertoire noch hinsichtlich Unterrichtsliteratur ist in der Klavier-, ja überhaupt der Musikwelt der Name Leopold Koželuh (auch Koželuch, Kotzeluh, Kozeluch oder Kotzeluch) geläufig, und sein Schaffen war bis jetzt kaum in kompetent betreuten Gesamtausgaben zugänglich. Dementsprechend ist der 1747 in Böhmen geborene und 1818 in Wien gestorbene Komponist, wiewohl mit 50 Klavierkonzerten, 30 Sinfonien, 60 Klaviersonaten, mit diversen Solokonzerten sowie mit Opern, Kantaten, Balletts und Oratorien sehr produktiv, heute kaum mehr präsent im Musikbetrieb. (Und dementsprechend mager nimmt sich auch die aktuelle internationale Diskographie dieses Komponisten aus).
Mit der ersten kompletten Herausgabe von Koželuhs gesamten Klaviersonaten, deren Eröffnungsband jetzt vorliegt, füllen der Bärenreiter Verlag (Prag) und sein hier verantwortlicher Editor Christopher Hogwood färben also verdienstvoll einen weissen Flecken auf der musikalischen Landkarte Tschechiens.

Zum Bindeglied zwischen Mozart und Beethoven herabgesetzt

Kozeluch - Sonaten für Clavier - Band 1 - Bärenreiter UrtextHerausgeber Hogwood ordnet in seinem Vorwort die musikgeschichtliche Position dieses interessanten Böhmen treffend ein: „Viele der lobenden Worte, die im 18. Jahrhundert über die Musik Koželuchs geäussert wurden – sie sei rein, natürlich, gefällig, leicht usw. – wurden bald nach seinem Tod gegen ihn gewendet, als er wie Eberl, Dussek, Wölfl und sogar Clementi zu einer Nebenfigur der Stars herabgesetzt wurde, genannt nur als Bindeglied zwischen Mozart und Beethoven (oder, für den mit der Musik dieser Zeit Vertrauten, zwischen Wagenseil und Schubert). Sogar seine Neuerungen wurden als zufällige Vorwegnahmen von Beethoven und Schubert abgetan, obwohl er im Wesentlichen sowohl ihren tragisch-pathetischen Ausdruck antizipierte (wie in den Einleitungen zu seinen Sonaten in Moll-Tonarten), als auch das international gepriesene cantabile-Idiom erschuf.“

Leopold Koželuch (1747-1818)
Leopold Koželuch (1747-1818)

Und Hogwood zitiert dazu weiter das britische Monthly Magazine aus dem Jahre 1800 quasi als Zeitzeugen: „Die Instrumentalmusik scheint jetzt perfekter zu sein als in allen früheren Perioden. Wenn die modernen Pianoforte-Sonaten auch nicht die Wildheit und Originalität von Domenico Scarlattis Cembalo-Musik haben, sind sie doch planvoller, melodiöser, und in einigen Adagios (besonders von Koželuch) ist die Melodie so kantabel und expressiv, dass es die Vollendung von dieser Art Musik zu sein scheint.“

Beethovens „tragisch-pathetischen Ausdruck antizipiert“: Kozeluchs Largo-Anfang der 6. Klavier-Sonate c-moll op. 2/3

Kozeluch-Sonaten von hohem klavierpädagogischem Wert

Zweihundert Jahre später mag im Überblick solche stilistische Euphorie leicht relativiert werden, doch umso höher ist der klavierpädagogische Wert von Koželuchs Sonaten – gerade auch in der „Konkurrenz“ zu Clementi oder Kuhlau – zu veranschlagen. Denn des Böhmen Klavierwerk ist im eigentlichen Sinne „klassisch“ zu nennen, in ihrer durchdachten Konstruktion und ihrem „eingänglichen“ Melos sind sie in der Tat „Modelle für Nachahmung und Studium“, wie Hogwood es formuliert: „Sie zeigen präzise bis zur Perfektion die Eigenschaften, die Theoretiker für eine Sonate am Ende des 18. Jahrhunderts beschrieben haben.“

„International gepriesenes Cantabile-Idiom“: Kozeluchs Anfang des 2. Satzes der Klavier-Sonate F-Dur op. 1/1

Die gelegentliche Verwendung dieser Sonaten eines zu Unrecht vergessenen, meisterhaft komponierenden Tschechen, und sei’s vorwiegend zur „praktischen Anschauung“ ausgefeilt gearbeiteter „klassischer“ Formen (von der Sonaten-Hauptsatz-Form übers Rondo bis hin zur Variation), ist also zu empfehlen – nicht zuletzt auch als erfrischende Alternative zu Clementi, Kuhlau, Dussek&Co.

Wer als ambitionierter Klavierspieler einmal Bekanntschaft machen will mit einem fast vergessenen Meister, der greife zu diesen Sonaten von Leopold Koželuch. Der Bärenreiter-Band ist sauber gefertigt und mit umfangreichem Anmerkungs-Apparat versehen. Eine rundum verdienstvolle, allerdings nicht ganz billige, aber sehr willkommene Edition.
Wer als ambitionierter Klavierspieler einmal Bekanntschaft machen will mit einem fast vergessenen Meister, der greife zu diesen Sonaten von Leopold Koželuch. Der Bärenreiter-Band ist sauber gefertigt und mit umfangreichem Anmerkungs-Apparat versehen. Eine rundum verdienstvolle, allerdings nicht ganz billige, aber sehr willkommene Edition.

Die spieltechnischen Anforderungen sind dabei natürlich sehr unterschiedlich, übersteigen aber nie die obere Mittelstufe, decken insofern also ein breites klavierpädagogisches Feld ab. Der neue Bärenreiter-Band ist ausserdem gewohnt sauber gefertigt (inkl. handlicher Buchbindung), mit einem instruktiven Anmerkungs-Apparat versehen (Dreisprachiges Vorwort, Kritischer Editions-Kommentar, Thematischer Index), sowie garniert mit einigem Bildmaterial und zahlreichen autographischen Drucken. Insgesamt eine vorbehaltlos zu begrüssende Edition. ♦

Leopold Koželuch: Klaviersonaten (Complete Sonatas for Keyboard) Bd. 1, 196 Seiten, Bärenreiter Verlag, ISMN 979-0-2601-0501-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klaviersonaten auch über
Hanna Bachmann (Piano): Janacek, Beethoven (CD)

Jean Kleeb: Classic goes Jazz (Klavier-Arrangements)

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Geschmackvolle Transformation der Klassiker

von Walter Eigenmann

Puritaner unter den Klassik-Interessierten, womöglich gar akademisch geschult an einem jahrhundertelang entwickelten Kanon fixierter musikästhetischer Vorstellungen, konventioneller Hörgewohnheiten und historisch-formalisierter Konzertmuster, dürften angesichts der folgende Klavier-Takte – aus Jean Kleeb: „Classic goes Jazz“ – einigermassen angewidert die Nase rümpfen:

Jazz-Arrangement der berühmten Schumann'schen "Träumerei" für Klavier von Jean Kleeb
Jazz-Arrangement der berühmten Schumann’schen „Träumerei“ für Klavier von Jean Kleeb

Es handelt sich um die weltbekannte, tausendfach auf Schallplatten und Konzertpodien kolportierte „Träumerei“ – aber wo ist Schumann? Wo ist die hochartifizielle „Naivität“ aller seiner „Kinderszenen“; wo die abgründige, ganz und gar unkindliche Psychologie hinter diesen Miniaturen als „Rückspiegelung eines Älteren und für Ältere“, die nur in der originalen Klavierfassung aufscheinen kann; wo die rhythmische und harmonische Raffinesse der „falschen“, gleichwohl organisch wirkenden Betonungen bzw. Dynamiken des Originals; wo Schumanns romantische „Destabilisierung“ des Zeitlichen; wo der ausdrücklich intendierte musik-dichterische Aspekt, manifestiert u.a. im Kontrast der schlicht-seligen Melodik und der melancholisch-„haltlosen“ Harmonik; und überhaupt: wo ist der historisch begründende Kontext dieses Stückes, generiert durch biographische Entwicklung, kompositionstechnischen Reifegrad und stilistische Zeitgenossenschaft Schumanns? Kurzum: Romantiker Schumann goes Jazz – darf man das?

Schumann goes Jazz – darf man das?

Jean Kleeb - Classic goes Jazz - BärenreiterNatürlich ist diese Diskussion, wiewohl immer wieder (jetzt auch hier) aufgewärmt, eine uralte, vielleicht stets von neuem notwendige, aber letztlich wohl unfruchtbare. Denn wieso sollte ausgerechnet in unseren kulturellen Zeiten des „Anything goes“ die Transformation, ja Assimilierung der „Klassiker“ tabuisiert werden? Und finden nicht viele Klassik-Muffel gerade durch v.a. rhythmisierende „moderne“ Arrangements berühmter Melodien zurück zu den Quellen der Originale? Kann die Patina uralter Stücke nicht durch aktuelles „Auffrischen“ mittels „poppiger“ Rhythmik und Harmonik erfolgreich weggepustet werden? Was ist kulturell falsch daran, mittels „unterhaltenden“ Stilmitteln eine Brücke zu schlagen zwischen Altem und Neuem?
Wie schon angetönt, der hehre Disput über solche „musical correctness“ läuft letztlich auf die simple Geschmacksfrage hinaus – die breite, ohnehin weitgehend kommerziell determinierte Musikpraxis bzw. -rezeption heutzutage schert sich längst nicht mehr um derartige kulturhistorische, musikästhetisch interessante, mancherorts aber fast fundamentalistisch geführten Auseinandersetzungen.

Jazz vom Barock bis zur Spätromantik

Jean Kleeb - Glarean MagazinBleibt immerhin – um wieder zu Jean Kleebs neuem Klavierheft „Classic goes Jazz“ zurückzukehren – die Frage nach der handwerklichen Qualität solcher Transformationen. Und diesbezüglich muss sich „Classic goes Jazz“ nicht verstecken. Den 13 Jazz-Arrangements – vom barocken Bach-Menuett bis zur spätromantischen Mussorgski-Promenade – merkt man durchaus die genauere Beschäftigung Kleebs mit den Vorbildern an, etwa wenn versucht wurde, stilistisch bzw. kompositionstechnisch wichtige Elemente „hinüberzuretten“.

Diesbezüglich nur drei Beispiele:

Imitation bei Bach…

…und bei Kleeb:

Homophonie bei Mozart…

…und bei Kleeb:

Figuration bei Chopin…

…und bei Kleeb:

Den Duktus des jeweiligen „Klassikers“ also zumindest annähernd zu adaptieren war – über den reinen Wiedererkennungswert des Melodischen hinaus – offensichtlich ein Anliegen des Arrangeurs.

Die 13 jazzigen Klassiker-Adaptionen in Jean Kleebs
Die 13 jazzigen Klassiker-Adaptionen in Jean Kleebs „Classic goes Jazz“ klingen ausgesprochen „gut“, sind originell konzipiert, der Klaviersatz liegt dabei bequem in den Fingern, ist auch schlank und transparent gehalten, und die von irregulären Teilungen weitgehend befreite Rhythmik gibt auch dem „klassisch“ aufgewachsenen Amateur-Pianisten keinerlei Probleme auf.

Davon abgesehen sind aber alle Kleebschen Klassik-Bearbeitungen durchaus „pure“ Jazz-Musik (der eher traditionellen Sorte), mit allen deren typisch-standardisierten Ingredienzien, vom ternären Achtel über die exzessive Synkopierung bis zur Septimakkord-Skala. Ausserdem finden sich da und dort in rhythmischer oder melodischer Hinsicht weitere Stilrichtungen wie Tango oder Salsa eingeflochten, und dieser Stile-Mix hat durchaus seinen Reiz. Selbstverständlich will Jazz-Pianist Kleeb bei alledem seine Notentexte aber nicht als sakrosankt verstanden wissen: das Jazz-ureigene Moment des Improvisierens und Variierens gibt er auch in seinem „Vorwort“ ausdrücklich als zusätzlichen Spassfaktor auf den Weg. (Natürlich wurden sämtliche Stücke von Kleeb eigenhändig auf eine Audio-CD gespielt, die dem Notenheft beliegt).

Schlank und transparent gehaltener Klaviersatz

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Alles in allem: Die 13 Stücke von „Classic goes Jazz“ klingen ausgesprochen „gut“, sind originell konzipiert, der Klaviersatz liegt dabei bequem in den Fingern, ist auch schlank und transparent gehalten, und die von irregulären Teilungen weitgehend befreite Rhythmik gibt auch dem „klassisch“ aufgewachsenen Pianisten keinerlei Probleme auf. Spieltechnisch ist die Sammlung etwa auf dem Level „Untere Mittelstufe“ angesiedelt, also für eine Vielzahl auch der Hobby-Spieler realisierbar. Wer die Originale kennt bzw. schon spielte, geht mit schmunzelndem Augenzwinkern an Kleebs Werk, allen anderen sei der umgekehrte Weg „zurück zu den Wurzeln“ ans Herz gelegt – als heilsamer Kulturschock sozusagen… ♦

Jean Kleeb, Classic goes Jazz, 13 jazzige Arrangements für Klavier, Broschur mit Audio-CD, Bärenreiter Verlag, ISMN 979-006-53873-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klavier-Arrangements auch über Susi weiss: Bar-Piano-Arrangements (Evergreens)

… sowie zum Thema Crossover-Musik über Michael Daugherty: This Land Sings – Auf den Spuren von Woody Guthrie