Kai Koch (Hrsg): Handbuch Seniorenchorleitung

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Richtig schön singen bis ins
hohe Alter

von Walter Eigenmann

Die Statistiken der deutschsprachigen Chorverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz dokumentieren deutlich: Immer mehr ältere Menschen singen bis ins hohe Alter, sei es in kleineren oder grösseren Formationen. Für die Dirigenten solcher 60plus-Chöre ergeben sich neben musikalischen, didaktischen und organisatorischen auch ganz spezifische psychologische Herausforderungen. Ein neues „Handbuch Seniorenchorleitung“ widmet sich umfassend den vielen Aspekten einer fundierten modernen Seniorenchor-Betreuung.

Kai Koch - Handbuch Seniorenchorleitung - Grundlagen - Erfahrungen - Praxis - Musik-Rezensionen Glarean MagazinHerausgeber Prof. Dr. Kai Koch, selber langjähriger Seniorenchor-Leiter, hatte 2017 im Rahmen seiner Dissertation erstmals empirische Erkenntnisse zu didaktischen Fragestellungen der Seniorenchorleitung publiziert, nun bündelt er mit seinem „Handbuch“ ein 200-seitiges Kompendium mit Beiträgen von mehr als 20 fachlich ausgewiesenen Autorinnen und und Autoren. Dabei gliedert er den Band in die vier übergreifenden Themenfelder „Stimme und Stimmbildung“, „Seniorenchorkonzeption“, „Probenarbeit-Seniorenchorleitung“ und „Perspektiven und Tendenzen“.

Altersbedingte Veränderungen der Singstimme

Bekanntlich sind stimmliche Veränderungen im Alter bei allen Menschen zu beobachten, treffen aber Chorsingende natürlich ganz besonders. Ab ca. dem 60. Lebensjahr verlieren manche Sängerinnen und Sänger an Höhe, die Stimmdynamik ist oft eingeschränkt, die Hörfähigkeit nimmt ab, die Intonationstrübungen nehmen hingegen zu, eine gewisse vokale Brüchigkeit tritt oft auf, teils verbunden mit unkontrolliertem Vibrato.

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Diesen medizinischen bzw. stimmphysiologischen Aspekten begegnen Herausgeber Koch und die bekannte Stimmtherapeutin Christiane Hrasky mit verschiedenen Stimmbildungskonzepten. Vorgestellt werden eine ganze Reihe von themenspezifischen Übungen, vom bewussten Training aller involvierten Körperregionen über atemtherapeutische Ansätze bis hin zu gruppendynamischen Trainingseinheiten.
Manche der hier behandelten Themenfelder überschneiden sich mit grundsätzlichen stimmbildnerischen Bereichen der Chorleitung, andere sind gezielt auf das Segment 60plus zugeschnitten. Zahlreiche Notenbeispiele illustrieren die stimmliche Stützarbeit in den einzelnen Stimmdisziplinen.

Von der Gründung bis zum Konzertprojekt

Handbuch Seniorenchorleitung - Kai Koch - Leseprobe 1 - Glarean Magazin
Leseprobe 1 aus „Handbuch Seniorenchorleitung“ (Kai Koch, Bosse Verlag) – Mausklick auf das Bild zum Vergrössern

Dorothea Haverkamp beginnt ihr interessantes Referat „Singen im aktiven Ruhestand“ mit berechtigten Fragen wie: „Singen mit älteren Menschen – Top oder Flop? Braucht es einen solchen Chor? Wenn ja, für wen genau? Ist das nicht Konkurrenz zu bereits bestehenden Chören? Impliziert die Bezeichnung ‚Seniorenchor‘ eine (negative) Ausgrenzung der Teilnehmenden?“

Diesen Fragestellungen sowie weiteren Problembereichen der Organisation und Führung widmet sich der zweite Abschnitt des Buches. Finanzierung, Werbung, Zielgruppe, Probeneinstieg, Stimmverteilung, Auftrittsmöglichkeiten, Konzertvorbereitung sind hier etwa die wichtigsten Stichworte. Dirigentenspezifisch werden Themata wie Qualifikationslehrgänge, Zeitumfang, Fortbildung u.a. angesprochen.

Kai Koch - Musikgeragogiker - Glarean Magazin
Musikgeragogiker Kai Koch: „Singen in einem Senioren-Chor ist kein Abstieg, sondern eine attraktive Alternative“

Anhand verschiedener „Modellchöre“ werden sodann konkrete, bereits bestehende Projekte wie z.B. „Sing mit, bleib fit“ in Nordrhein-Westfalen, der Berliner Senioren-Rock-/Popchor „High Fossility“ oder der Tübinger Senioren-Pop-chor „Off Track“ vorgestellt. Autor Michael Betzner-Brandt stellt im Hinblick auf „Popmusik im Seniorenchor“ dabei klar: „Die Rolle des Chorleiters im Rock- und Popchor 60plus ist eher mit der eines Trainers beim Fussball zu vergleichen als mit einem klassischen Dirigenten.“ So führt der Autor aus, dass sogar eine gemeinhin eher bei Jugendchören anzutreffende Warm-up-Technik wie z.B. die Body-Percussion durchaus auch bei Seniorenchören nützlich und erfrischend angewandt werden kann.

Das Themenfeld dieses umfangreichen Buchabschnittes weiten schliesslich verschiedene Autoren noch aus mit dem Einbezug von Aspekten wie dem „Chorsingen auf dem Land“, den „Altersgrenzen in Chören“ oder mit einem Exkurs über das „Singen im Alter“ im modernen Kino-Film. Nicht ausgeklammert werden auch das Singen von Älteren mit Kindern/Jugendlichen oder die spezielle Problematik, die ein 60plus-Chor mit demenziell erkrankten Mitgliedern (Alzheimer, Formen der Neurodegeneration) darstellt.

Handbuch Seniorenchorleitung - Kai Koch - Leseprobe 2 - Glarean Magazin
Leseprobe 2 aus „Handbuch Seniorenchorleitung“ (Kai Koch, Bosse Verlag)

Probleme der Senioren-Probenarbeit

Womit wir bei den didaktisch-konkreten Problemen der wöchentlichen Probenarbeit mit dem Seniorenchor und damit beim für manche Dirigenten relevantesten Kapitel dieses „Handbuches“ wären. Herausgeber Koch und seine Co-Autoren stellen dabei spezifische Herausforderungen an die Chorleitung in den Fokus: Repertoire-Auswahl, Methodik, Hörtraining, Stimmhygiene, Konzertaufbau, Unterstützungsmedien (Übe-CD, Trainings-Video u.a.) lauten die Stichworte. Sogar das eher verdrängte, aber im 60plus-Verein natürlich ständig präsente Thema „Tod & Beerdigung im Seniorenchor“ streift der Band mit Hinweisen für sensibel agierende Dirigenten.

Der 60plus-Chor in der Öffentlichkeit

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Ein vierter und letzter Buchabschnitt widmet sich u.a. dem Problemkreis „Seniorenchöre in der Öffentlichkeit“ und gibt Antworten auf Fragen im Zusammenhang mit der PR-Arbeit, der Programmgestaltung, der medialen Präsentation oder auch der Zusammenarbeit mit anderen 60plus-Chören. Ausserdem gehen die Autoren Kai Koch, Theo Hartogh und Nina Ruckhaber den Anforderungen einer adäquaten geragogischen Ausbildung von Chorleiter/innen nach, während Franz Josef Ratte einen Überblick gibt auf die aktuelle Senioren-Chorliteratur.

Besonders konkret wird Herausgeber Koch schliesslich, wenn er unterm Titel „Forderungen und Perspektiven“ einen 11-Punkte-Plan vorstellt, der u.a. ein breiteres intergeneratives Singangebot in Deutschland und seinen Nachbarländern fordert. Ebenso wichtig sei zudem eine verstärkte Etablierung des Seniorchorleitens in der Ausbildung von haupt- oder nebenberuflichen Chordirigenten. Und schliesslich müssten entspr. administrative Stellen in den Verbänden und staatlichen Organisationen geschaffen werden, die der extrem hohen soziokulturellen und präventiven Bedeutung des Chorsingens im Alter gerecht werden.
Abgerundet wird das Handbuch durch ein umfangreiches Verzeichnis von bereits erschienenen Einzelpublikationen zum Thema sowie durch einige Hinweise auf geeignete Lieder- und Arrangements-Sammlungen.

Alle Aspekte des Themas aufgegriffen

Der Münchner Musikpädagoge und -geragogik-Forscher Kai Koch und seine über 20 Mitreferenten legen mit ihrem „Handbuch Seniorenchorleitung“ zweifellos nicht nur das längst fällige, kompakte musikgeragogische Buch-Debüt in Sachen „Dirigieren von 60plus-Chören“ vor, sondern auch ein sehr willkommenes Kompendium für alle, die verantwortlich mit älteren Singenden in Verein und Verband umgehen wollen. Die zahlreichen fundierten Einzelberichte über konkrete Erfahrungen aus dem Chor-Alltag von älteren Menschen ergänzen realitätsnah die theoretisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse und chordidaktischen Trainingsanleitungen. Dem Buch ist Verbreitung zu wünschen in sämtlichen Kreisen des organisierten Seniorengesangs. ♦

Kai Koch (Hrsg): Handbuch Seniorenchorleitung – Grundlagen, Erfahrungen, Praxis, 192 Seiten, Bosse Verlag, ISBN 9783764928674

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik und Alter auch über Theo Hartogh: Musizieren im Alter (Arbeitsfelder und Methoden)

… sowie zum Thema Musik und Hirnforschung über Lutz Jäncke: Macht Musik schlau? (Neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie)

Musik-Kalender 2020 – „Beethoven und ich“

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53 Bekenntnisse zu Beethoven

von Walter Eigenmann

Im kommenden Jahr 2020 begeht die Musikwelt einmal mehr ein Jubiläum der Superlative, nämlich das 250. Geburtsjahr von Ludwig van Beethoven. Die Musikforscher werden sich überschlagen mit neuen Analysen der Werke des „Titanen“, die Labels werden ihre alt-verstaubten Gesamtaufnahmen seiner Sonaten und Sinfonien aus ihren Vinyl-Gräbern schaufeln, die Mono- und Biographen zum x-sten Male die Entstehungsgeschichte von „Für Elise“ aufkochen, die Merchandise-Industrie ihre T-Shirts mit „Ode an die Freude“ oder „Eroica“ drauf in die Kleiderläden bugsieren, und es wunderte nicht, wenn auch die Film-Regisseure den einen oder anderen neuen Beethoven-Streifen ins Kino hievten.

Der Musik-Kalender 2020 - Beethoven und ich - Cover - Glarean MagazinKein Zweifel besteht jedenfalls darüber, dass die Konzertsäle bald weltweit überquellen werden vor lauter Beethoven. Denn für den Kult um solche ausholenden, extrem dominanten Jahrhundert-Genies wie Beethoven ist unsere 2.0-Welt wie geschaffen. Ob heutzutage derartige Jubiläen einer solch singulären Erscheinung wie Beethoven allerdings auch nur ansatzweise gerecht werden können, oder ob’s bei den üblichen pietätvollen Häppchen in den Social Medias bleibt, muss je am Einzelergebnis solcher „Erinnerungsarbeit“ festgemacht werden. Immerhin sind allenthalben regelrechte Monster-Zyklen angekündigt im Beethoven-Jahr 2020, wie beispielsweise bei der deutschen Beethoven-Jubiläums-GmbH (BTHVN 2020).

Zitaten-Schatz der Zeitgenossen

Eine Möglichkeit, zumindest skizzenhaft den Einfluss Beethovens seinerzeit und heute zu umreissen, ist jene, die der Verlag „Edition-Momente“ beschritt mit seinem neuen Musik-Kalender 2020 unter dem Titel „Beethoven und ich“, nämlich jene Leute zu Worte kommen zu lassen, die professionell und unvermittelt mit dem Menschen Beethoven und seinem Werk befasst waren oder sind: Seine (komponierenden oder interpretierenden) Zeitgenossen, seine heutigen Realisierenden in den Orchestern und Kammerensembles, kurzum jene Musik-Verständigen, die an ihm in den Konzertsälen, Plattenstudios und Bücherstuben unmöglich vorbeikamen und noch immer nicht vorbeikommen.

Hymnen und Erinnerungen im Wochentakt

Probeseite aus Musik-Kalender 2020 - Beethoven und ich - Edition Momente - Glarean Magazin
Probeseite aus dem „Musik-Kalender 2020“ mit einem Statement von Luigi Nono

Beginnend mit dem ersten Januar-Blatt und dem legendären Beethoven-Konzert, das der Pianist Arturo Benedetti Michelangeli 1942 in Rom gab, bis hin zur letzten Dezember-Woche bzw. zum Zitat des Cellisten Pablo Casals, das Beethovens 9. Sinfonie als „Wunder“ verherrlicht, bindet der Kalender auf 53 Wochenblättern einen eindrucksvollen Strauss von Erinnerungen, Gesprächen, Bekenntnissen, Zitaten, Bildern, Fotos, Zeichnungen, Notizen und Anekdoten von Claudio Arrau und Leonard Bernstein oder Johannes Brahms über Sergiu Celibidache oder Clara Haskil bis hin zu Gustav Mahler, Gioacchino Rossini oder Günter Wand.

Ob Komponisten oder Dirigenten oder Instrumentalisten – sie alle zollen einem ganz Grossen der menschlichen Kulturgeschichte ihren Respekt, und nicht immer ist endgültig klar, ob die Verehrung einem Künstler oder nicht doch eher einem Gott gilt… Womit wir wieder glücklich im Musik-Olymp und bei den Podesten gelandet sind, auf die solche Exemplarischen halt – erst recht aus so grosser Zeitdistanz – immer noch gerne gestellt werden.

Beeindruckendes Puzzle über einen Giganten

Ungeachtet aller Glorifizierung verdichtet diese facettenreiche Kalender-Sammlung aber durchaus zahlreiche Puzzle-Stücke zu einer eindrücklichen Gesamtschau, die sich dem Menschen Beethoven und seinem Werk unterhaltsam, reichhaltig, vielseitig, ja schillernd, und teilweise beeindruckend nähert.

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Der Kalender kommt layouterisch sehr ästhetisch daher, mit intelligent ausgewählten Bezügen, seien diese direkt-musikalischer oder „nur“ biographischer Natur, und mit sehr ansprechendem, teils unbekanntem Bild-Material. Ausserdem fällt verdienstvoll ins Auge: Die 60-blättrige Anthologie versammelt nicht nur männliche Beethoven-Adepten, sondern auch zahlreiche Frauen mit ihren bedeutungsvollsten Beiträgen, musikalischen Bezügen, und ja: menschlichen Beziehungen über und zu Beethoven. Namentlich seien nur Fanny Hensel (Komponistin), Jenny Lind (Sopranistin) oder Myra Hess (Pianistin) hervorgehoben.

Informativer und ästhetischer Tour d’Horizon

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Ein jeder der Kalender-Tage 2020 ist über den je ganzseitigen Fokus hinaus mit den entspr. Geburts- bzw. Todeszahlen von hunderten weiterer Musik-Berühmtheiten aus vergangener und jüngster Zeit garniert.
Alles in allem ein Musik-Kalender, der weniger als hübscher Memory-Wandschmuck taugen will denn als ästhetischer und informativer Tour d’Horizon über einen Komponisten, der Musikgeschichte geschrieben hat wie kein zweiter – und seit 250 Jahren ausstrahlt bis in unsere Tage hinein. ♦

Edition Momente: Der Musik-Kalender 2020 – Beethoven und ich, 60 Blätter, ISBN 978-3-0360-3020-3

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema auch über
Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien

… sowie als grafische Ehrerbietung den neuen künstlerischen Scherenschnitt von Simone Frieling: Ludwig van Beethoven

Weitere Beiträge über Beethoven im Internet:

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Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – Eine Biographie

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Das Geheimnis der Stille – oder das Ende der goldenen Zeit

von Christian Busch

Jeder kennt das, wenn der letzte Akkord und sein Nachhall verklungen ist, das Orchester schweigt, der Dirigent, den Blick nach innen gerichtet, die Arme sinken lässt und ein magischer Moment der geheimnisvollen, unfassbaren Stille den Saal erfüllt. Spätestens hier hält es jeder mit Felix Mendelssohn Bartholdy, dem die Worte so „vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die einem die Seele erfüllt mit tausend besseren Dingen als Worten“, erschienen. Der italienische Komponist Luigi Nono sah das Wesentliche in der Musik darin, ein Höchstmaß an nach außen gerichteter Innerlichkeit zu erzeugen. Um exakt diesen Moment der Stille und um die Fähigkeit, die „Anderen in der Stille [zu] hören“, ging es auch Claudio Abbado ein Leben lang.

Primus inter pares

Wolfgang Schreiber - Claudio Abbado - Der stille Revolutionär - Biographie - Glarean MagazinAls der italienische Dirigent am 20. Januar 2014 in Bologna in Alter von 80 Jahren verstarb, war sich die musikalische Welt einig darüber, dass sie mit ihm eine außergewöhnliche, einzigartige Persönlichkeit verlor, vielleicht mehr als jemas zuvor bei dem Tod eines großen Dirigenten. Denn zweifellos haben viele große Dirigenten ihr internationales Publikum, ihre Orchester in aller Welt und nicht zuletzt ihr gesamtes kulturelles Umfeld geprägt, die Persönlichkeit Claudio Abbados konnte und kann jedoch unter allen mal mehr, mal weniger selbstverliebten, oft tyrannisch und selbstherrlich agierenden Dirigenten eine Ausnahmestellung für sich beanspruchen, war er doch entschiedener und kompromissloser Antipode zu seinen illustren Vorgängern in den großen musikalischen Zentren London, Wien und Berlin.

Fünf Jahre nach Abbados Ableben erscheint nun mit Wolfgang Schreibers Biographie „Der stille Revolutionär“ die erste umfassende Würdigung des am 26. Juni 1933 in eine Mailänder Musikerfamilie hineingeborenen Künstlers. In 17 sorgfältig recherchierten und aufschlussreichen Kapiteln zeichnet er nicht ohne Bewunderung, doch aus respektvoller Distanz den Lebensweg des faszinierenden, von seinem Publikum hochverehrten Musikers. Parallel dazu entsteht ein präzises Charakterbild der introvertierten, aber große Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen entwickelnden Persönlichkeit Abbados, das von einem Überblick über dessen umfangreiche Schallplattenproduktion abgerundet wird.

Auf Furtwänglers Spuren

Abbado nach der Aufführung von Brahms' Requiem im Wiener Musikverein am 3. April 1997
Abbado nach der Aufführung von Brahms‘ Requiem im Saal des Wiener Musikvereins am 3. April 1997

Trotz der vielen Facetten des intellektuellen Kosmos‘ Abbados findet sich die Liebe zur Musik, mit der der junge Mailänder schon früh als Kind in Berührung kam, als roter Leitfaden in all seinem Denken, Fühlen und Handeln. So wird sich der später mächtige, die kulturellen Zentren Mailand, London, Chicago, Wien und Berlin beherrschende Maestro immer als Diener der Musik verstehen, auch weil er es stets ebenso versteht sich zurückzuziehen, sich die Ruhe und Stille künstlerischer Inspiration (Sardinien, Engadin) und damit die Neugier auf immer wieder Neues zu bewahren.

Damit einher geht die Liebe zur Weltliteratur, die ihn zeitlebens zu einem umfassend gebildeten und künstlerisch interdisziplinär denkenden Menschen macht, dem es niemals um Machtwillen, persönliche Eitelkeit oder Geltungsbewusstsein geht, sondern nur um die Musik und die (vor allem jungen) Menschen, mit denen er sie in einem gemeinschaftlichen Akt zum Leben erweckt. So kann es nicht verwundern, dass nicht sein berühmter Landsmann Arturo Toscanini, sondern der große Wilhelm Furtwängler zu Abbados Vorbild erwuchs. Man erinnert sich vielleicht daran, wie Abbado im Umfeld der Aufnahmen seines ersten Beethoven-Zyklus‘ in Wien mit den Philharmonikern strahlend bekannte, dass sie die Aufnahmen Furtwänglers im Musikvereinssaal gehört hätten, die nun wirklich „sehr, sehr schön“ gewesen seien.

Der Gipfel: Berlin (1989 – 2002)

FAZIT: Die Abbado-Biographie „Der stille Revolutionär“ von Wolfgang Schreiber ist, auch wenn sie vielleicht nicht viel Neues oder gar Sensationelles bietet, in höchstem Maße verdienstvoll und unentbehrlich, daher unbedingt lesenswert für alle, welche die klassische Musik lieben. Wenn Schreibers Projekt, den beeindruckenden Lebensweg des Ausnahmekünstlers und -menschen zu beschreiben, als rundum gelungen zu bezeichnen ist, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil es – darin ganz dem Vorbild Abbados folgend – sich darauf beschränkt, eine Annäherung an den Kosmos und die Vielseitigkeit einer großen Persönlichkeit zu leisten.

Mit diesem Hintergrund verfolgt Wolfgang Schreiber, von 1978 bis 2002 Musikredakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, die verschiedenen Stationen Abbados von dessen italienischen Wurzeln über die Metropolen Mailand, London und Chicago über Wien nach Berlin. Das Berliner Kapitel, das mit der Zeit des Mauerfalls beginnt, ist sicherlich das aufregendste, auch kontroverseste Kapitel in Abbados Karriere, weil es neben der spannenden politischen Situation sicher auch den Scheitelpunkt darstellt, nicht zuletzt wegen Abbados beginnender schwerer Erkrankung, auf Grund derer er es von da an vorzieht, mit ausgewählten, befreundeten Musikern seines Vertrauens und selbst gegründeten Orchestern (Luzerner Festivalorchester, Orchestra Mozart) eigene Projekte zu verfolgen.

Wolfgang Schreibers Abbado-Biographie ist, auch wenn sie vielleicht nicht viel Neues oder gar Sensationelles bietet, in höchstem Maße verdienstvoll und unentbehrlich, daher unbedingt lesenswert für alle, welche die klassische Musik lieben.

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Wenn Schreibers Projekt, den beeindruckenden Lebensweg des Ausnahmekünstlers und -menschen zu beschreiben, als rundum gelungen zu bezeichnen ist, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil es, darin ganz dem Vorbild Abbados folgend, sich darauf beschränkt, eine Annäherung an den Kosmos und die Vielseitigkeit einer großen Persönlichkeit zu leisten; das letzte Geheimnis bleibt – wie das Ende eines großartigen Konzertes – in der dem großen Dirigenten angemessen multiperspektivischen Offenheit. Denn der Biograph schlägt das Kapitel Abbado am Ende nicht zu, sondern auf, als wolle er das Ende der goldenen Zeit nicht wahrhaben… ♦

Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado – Der stille Revolutionär, Eine Biographie, C.H. Beck Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-406-71311-8

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Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien

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Beethovens überwältigender Klangrausch

von Heiner Brückner

Der österreichische Dichter Franz Grillparzer (1791 bis 1872) fragt in einem Gedicht über die Musik seines Freundes Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827): „Ward’s Genuss schon? Ist’s noch Qual?“ Er fasste damit das Auffassungsempfinden seiner Zeitgenossen, die Beethovens Musik oft chaotisch empfanden, zusammen. Diese Rezeption ist auf dem Hintergrund des kleinwüchsigen Komponisten mit der Kraftnatur, die als ruppig, unwirsch, ungestüm erlebt wird, nachzuvollziehen. Nicht nur weil er im „Wirtshaus … zu hart gekochte Eier den Kellnern hinterher“ geschmissen habe.

Beginn einer neuen Musik

Karl-Heinz Ott Rausch und Stille - Beethovens Sinfonien - Rezensionen Glarean MagazinAllerdings gibt es damals auch Stimmen, die den Beginn einer neuen Musik erahnten, die in metaphysische Abgründe vorzudringen wage. Karl-Heinz Ott, Autor der Neuerscheinung „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ nennt unter anderem den Komponisten und Dramatiker Richard Wagner (1813-1883), der in seiner 1870 erschienenen Beethoven-Schrift angemerkt hat: „Überblicken wir den kunstgeschichtlichen Fortschritt, welchen die Musik durch Beethoven getan hat, so können wir ihn bündig als den Gewinn einer Fähigkeit bezeichnen“, die „weit über das Gebiet des ästhetisch Schönen in die Sphäre des durchaus Erhabenen getreten“ ist.

Tiefgründiger Beethoven-Biograph: Karl-Heinz Ott
Tiefgründiger Beethoven-Biograph: Karl-Heinz Ott

Gegenwärtige Hörer verstören Beethovens Sinfonien längst nicht mehr. Für den Philosophen der Frankfurter Schule und Komponisten Theodor W. Adorno (1903 bis 1969) beispielsweise beginnt die neuere Musikgeschichte mit Beethoven, der mit Tradiertem nicht breche, sondern es aufbreche. Somit kann der Schriftsteller, Essayist und literarische Übersetzer Karl-Heinz Ott (geboren 1957) über Beethovens Sinfonien ungleich feinfühlender, tiefgründiger und umfassend formulieren und komprimieren: „Rausch und Stille“. In den weitreichenden und weit greifenden Ausführungen erfährt der Leser selbstredend biografische Details aus dem Leben des am Ende tauben Musikers. Wie der ursprüngliche Klaviervirtuose frei improvisierte und fantasierte. Wie er mit Verschlechterung seines Gehörsinns sich auf das Komponieren konzentrierte, dabei um jede einzelne Note gerungen hat ‒ und wie er in eine tiefe Krise geschlittert ist. Weil er gegen Lebensende seine eigenen Werke nicht mehr hören konnte.

„Ein Kosmos ohne Worte“

Vor allem aber sind die Beschäftigung mit den neun Sinfonien im Einzelnen und das Eintauchen in die emotionale Ausdruckskraft der Musik sowie die Ausdrucksstärke des Komponisten beim Nachverfolgen eine im positiven Sinne berauschende Lektüre: Sie fördert die emotionale Wucht dieser Sinfonischen Dichtungen zutage und beschreibt sie mit poetischer Empathie.
Dem Titel gemäß arbeitet Ott die kompositorischen Mittel heraus, die aus Beethovens Notensetzungen einen Klangrausch schwellen lassen, der durch gehäuften Einsatz von Fermaten der Stille vor und nach dem Sturm intensiven Nachhall verleiht.

Totenmaske von Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Totenmaske von Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Die sich widersprechenden Auffassungen über Musik im Allgemeinen erstrecken sich vom „Taumeln“ bis zum „Takte zählen“. Wie sollte auch ein Mensch allein diesen „Kosmos ohne Worte“ erfassen können. Die unterschiedlichen Herangehensweisen großer Staatsmänner, Denker und Philosophen an diese urkräftige Klangwirkung hebt Ott immer wieder hervor, schält Motive an Notenbeispielen heraus und bezieht sie auf die Thematik.
Zudem arbeitet er jede der neun Sinfonien satzweise anhand von Notenbeispielen durch. Einprägsam gestaltet Ott zu jeder Sinfonie einen thematischen Exkurs. Darin werden die Titel gleichsam zu Charakterisierungen der einzelnen Werke. Ihre Überschriften lauten: Windinstrumente; Musikalische Scherze; Lust an Trauermusik; Von der Kirche in den Konzertsaal; Die verlorene Melodie; Orpheus gegen Prometheus; Musik als Wahrheit; Nach der Neunten kommt der Tod sowie Sturm und Stille.

Beschäftigung mit den geistesgeschichtlichen Grundlangen

Fazit: Karl-Heinz Ott eröffnet uns mit „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ die Welt, aus der Beethoven das Urkraft-Universum seiner Sinfonien schöpft, als einen fesselnden, leidensdruckstarken Musikgenuss. Oder frei nach Grillparzer: Qual ist’s, aber viel mehr noch Genuss. „Beethoven ist nicht wie Mozart oder Schubert für seine Melodien berühmt, sondern für Rhythmik und Wucht.“

Wer dieses Buch gelesen hat, wird den „Mann mit der wilden Mähne“ nicht mehr reduzieren auf die vier berühmten Schicksals-Taktschläge der fünften Sinfonie oder den humanistischen Welthit „Ode an die Freude“, die seit 1972 als offizielle Europahymne bei nahezu jedem europäischen Großereignis intoniert wird.
Das ergibt schlussendlich eine hoch intensive Beschäftigung auf harmonietechnischen, aber auch geistesgeschichtlichen Grundlagen, die eine umfassende Bibliografie und ein Personenregister vervollständigen.
Karl-Heinz Ott eröffnet uns mit „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ die Welt, aus der Beethoven das Urkraft-Universum seiner Sinfonien schöpft, als einen fesselnden, leidensdruckstarken Musikgenuss. Oder frei nach Grillparzer: Qual ist’s, aber viel mehr noch Genuss. „Beethoven ist nicht wie Mozart oder Schubert für seine Melodien berühmt, sondern für Rhythmik und Wucht.“ ♦

Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien, 272 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00396-3

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Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern

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Bernd Stremmel: Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern

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Schall-Aufzeichnungen eines Titanen-Werks

von Christian Busch

Als Ludwig van Beethoven am 26. März 1827 in Wien im Alter von nicht einmal 57 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches kompositorisches Werk von gewaltiger Sprengkraft und berückender Schönheit – und daher eine große trauernde Fan-Gemeinde – mehr als 20’000 Menschen sollen den Trauerzug bei seiner Bestattung gebildet haben.
Seine Symphonien, Konzerte und Sonaten, seine Kammermusik, sein „Fidelio“ und seine Missa solemnis sichern ihm bis heute den Ruf des unumstrittenen Vollenders der Wiener Klassik und einen unantastbaren Platz an der Spitze des unvergänglichen Erbes der Musikgeschichte. Wahrheit und Schönheit, Revolution und Harmonie waren die Elemente, die er kongenial in Töne goss, die „von Herzen“ kommend auch heute immer noch „zu Herzen“ gehen und in der Vertonung von Schillers Ode „An die Freude“ („Alle Menschen werden Brüder“) kulminieren.

Bernd Stremmel - Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern (Band 1) - Klassik Prisma - Glarean MagazinVon keinem geringeren als Wilhelm Furtwängler stammt das folgende Zitat: „Beethoven begreift in sich die ganze, runde, komplexe Menschennatur. […] Niemals hat ein Musiker von der Harmonie der Sphären, dem Zusammenklang der Gottesnatur mehr gewußt und mehr erlebt als Beethoven.“ Dass der Schöpfer der „Mondscheinsonate“ und der Europa-Hymne Zeit seines Lebens ein in sich und in seine Arbeit vergrabener, einsamer, im Umgang mit Menschen äußerst schwieriger Einzelgänger und gegen Ende auch noch völlig taub war, hat die Faszination Beethoven eher gesteigert denn geschmälert.

Die „Berliner“ am Beginn der Schallaufzeichnungen

Arthur Nikisch und den Berliner Philharmonikern war es 1913 – also fast 90 Jahre nach dem Tod des Meisters – vorbehalten, die erste Schallaufzeichnung (damals noch im Trichterverfahren) eines Werkes des großen Bonner Komponisten zu realisieren: die Symphonie Nr. 5 in c-moll. Damit beginnt die Geschichte der Schallaufzeichnungen, die über das alte Grammophon zur Schallplatte (heute Vinyl genannt) bis zur digitalen Compact Disc und der virtuellen Download-Gemeinde des heutigen Internets führt.
Fast zu spät, aber längst Zeit also für eine kritische, allumfassende Sichtung und Bestandsaufnahme der Interpretationsgeschichte der Schöpfungen Beethovens, könnte man meinen, denn in über 100 Jahren Rundfunk- und Schallplattengeschichte figurieren unzählige Aufführungen und Einspielungen, im Konzertsaal, im Studio oder sogar in Kirchen mit mitunter gänzlich verschiedenen Ansichten und Auffassungen. Ein allerdings unmögliches Unterfangen, so könnte man meinen.

Nahezu komplette Auflistung aller Beethoven-Einspielungen

Doch das Wunder ist geschehen. Was findige (oder eingeweihte) User in den letzten Jahren auf der Internetseite Klassik-Prisma schon im Entstehungsprozess entdecken, bestaunen und nutzen konnten, ist jetzt in Buchform im Dohr-Verlag erschienen – eine nahezu komplette Auflistung, Sichtung, Besprechung und Einordnung der im Verlauf von über 80 Jahren Aufführungsgeschichte entstandenen Interpretationen der Beethoven’schen Werke. Das ist schon an sich eine Sensation.
In diesen zwei Bänden, von denen der erste sich der Orchester- und Vokalmusik, der zweite dem Klavierwerk und der Kammermusik Beethovens widmet, stellt Bernd Stremmel (Jahrgang 1949) die Werke zunächst einleitend vor, wobei er auf ihre besondere Gestaltung eingeht und die nicht zuletzt am Notentext festzumachenden Vergleichsaspekte (Werktreue als oberstes Kriterium) herausstellt, bevor er zu den hierarchisch nach Qualität geordneten, verschiedenen Aufnahmen, die ebenfalls mit kommentierenden Notizen versehen sind, kommt. Abschließend kommentiert er – niemals plakativ provozierend, sondern immer zielführend, sachlich-beschreibend die unterschiedlichen Einspielungen der Dirigenten, von denen häufig mehrere Einspielungen aus unterschiedlichen Zeiten und mit wechselnden Orchestern vorliegen.

Ein Meilenstein in der Musikgeschichte

Spielte als erster Beethovens Fünfte auf Tonträger ein: Dirigent Arthur Nikisch mit den Berliner Philharmonikern 1913
Spielte als erster Beethovens Fünfte auf Tonträger ein: Dirigent Arthur Nikisch mit den Berliner Philharmonikern 1913

Ein Meilenstein in der Musikgeschichte – gleichermaßen für Musikwissenschaftler, Musiker, Laien und Liebhaber, bieten Stremmels Ausführungen, die äußerst objektivierte Subjektivität auszeichnet, doch die grundlegende Basis für den kontroversen Meinungsaustausch bei der Suche nach der „besten“, „gelungensten“, „interessantesten“ oder einfach „wahrhaftigsten“ Interpretation. Vor allem aber macht der Klassik-Liebhaber unglaubliche Entdeckungen. Wer wäre heute beispielsweise – ohne Stremmels Hinweise – bei der Suche nach der besten „Eroica“ auf die Idee gekommen, sich Carl Schurichts bei EMI veröffentlichte Aufnahme von 1957 mit dem Pariser Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire anzuhören? Vielleicht hätte da jemand sein Leben lang vergeblich darauf gewartet, dass ihm – im wahrsten Sinne des Wortes – „die Ohren abfallen“.

Entdeckung verschollener Aufnahmen aus den 1940er Jahren

Seit Nikisch, Toscanini und Furtwängler hat die Beethoven-Rezeption eine lange Geschichte durchgemacht, die bis zu den historisch-informierten Interpreten, die seinen Metronom-Angaben folgen und auf Instrumenten seiner Zeit spielen lassen um einen möglichst authentisch-originalen Klang zu erreichen, reicht. Waren die Alten besser? Entfernt sich die jüngere Generation im modern-parfümierten Jet-Set- und Selbstdarstellungsbetrieb von den Ursprüngen, dem wahren, unveränderlichen Kern des Beethoven’schen Kosmos? Ist Christian Thielemanns Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern wirklich „neu“ und ein bahn- und wegweisender Zyklus für das 21. Jahrhundert? Welche von den vier (!) Gesamteinspielungen Karajans, drei davon mit den Berliner Philharmonikern, ist die beste – klangtechnisch, aber auch interpretatorisch? Welche „Neunte“ ist denn nun der Weisheit letzter Schluss? Sind es tatsächlich die großen Pianisten im Rampenlicht, denen Beethovens Klaviersonaten am besten gelungen sind, die das Wesen Beethovens am genauesten ergründet und wiedergegeben haben? Und so ganz nebenbei: Was ist eigentlich das Wesen der „Appassionata“? Finden sich auch bei weniger bekannten Plattenfirmen oder in den Archiven der Rundfunkanstalten interessante, bisher übersehene Kostbarkeiten? Oder einfach: Ist die neueste Aufnahme eines Werkes auch die beste? Und nicht zuletzt bietet Stremmels Nachschlagewerk der jungen Generation eine faszinierende Anleitung für die Entdeckung der fast unbekannten und verschollenen Aufnahmen aus den 40er und 50-er Jahren!

Tonträger-Analysen mit differenzierendem Sachverstand

FAZIT: Bernd Stremmel klassifiziert in seinem Kompendium „Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern im Vergleich“ in verdienstvoller, sorgfältiger und kompetenter Weise Beethovens Oeuvre, seine Interpreten und Interpretationen. Die Veröffentlichung in zwei Bänden stellt eine unglaublich akribische Leistung und einen unerschöpflichen Fundus zur Orientierung und zu vielen Anregungen für Vergleiche für den Klassik-Liebhaber dar. „Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, hier ist’s getan.“ Bleibt zu hoffen, dass noch weitere Bände diesem Meilenstein folgen werden.

Wer zwischen ideologisch verhärteten Fronten oder zwischen von Vorurteilen und persönlichen Affinitäten geprägten Lagern gespalten ist (so manche Diskussion in den virtuellen Klassikforen, aber auch in den noblen Foyers der Konzertsälen endete mit Verstimmung), findet Orientierung und Klarheit hier, denn Stremmel analysiert mit großem, immer differenzierendem Sachverstand und respektvoller Distanz. Seine Ergebnisse fußen auf Jahrzehnte langer, akribischer Recherche und Sammlertätigkeit, hörender und vergleichender Analyse, hinter der eines nie verloren geht: die Liebe zur Beethoven’schen Musik. Dass Geschmäcker verschieden sind, weiß natürlich auch Stremmel und bleibt davon gänzlich unberührt. Insofern ist die Lektüre niemals einengend dogmatisch, sondern immer informativ-erhellend, bietet weniger endgültige Wahrheiten als immer neue Herausforderungen, Sichtweisen und Material für die eigene Meinungsbildung. Da würde sich wohl selbst Beethoven zufrieden schmunzelnd in nebulöses, andeutungsvolles Schweigen zurücklehnen… ♦

Bernd Stremmel (Klassik-Prisma): Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern im Vergleich (Band 1), 536 Seiten, Dohr Verlag, ISBN 978-3868461374

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Wundervolle Geschichte zwischen uns allen

von Günter Nawe

Kennen Sie den Komponisten Alexander Ritter? Wenn nein, dann können Sie diesen nicht unbedeutenden Komponisten jetzt kennen lernen. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst von Michael Hofmeister, der sein Dissertationsthema diesem Musiker zwischen Richard Wagner und Richard Strauss gewidmet hat.

Michael Hofmeister Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss - Rezension Glarean MagazinAlexander Ritter, 1833 in Narva geboren, 1896 in München gestorben, hat in Dresden schon sehr früh Richard Wagner kennen gelernt, stand später mit ihm im regen Briefkontakt. Er studierte in Leipzig Violine bei Ferdinand David, lernte bereits 1844 Franz Liszt kennen. Ritter gehörte zum Kreis von Peter Cornelius und Joachim Raff; er war Violinist in der Weimarer Hofkapelle. 1854 heiratete er Franziska Wagner, eine Nichte von Richard Wagner. Nach Engagements als Geiger und Dirigent in Stettin, Würzburg und Chemnitz wurde er 1882 unter Hans von Bülow Konzertmeister an der Meininger Hofkapelle. In Meiningen lernte er auch Richard Strauss kennen, der später in seinen Erinnerungen schreiben sollte, dass Ritter „entscheidenden Ausschlag für meine zukünftige Entwicklung“ haben sollte. 1886 finden wir Alexander Ritter in München, wie er sich um die Förderung junger Komponisten kümmerte.

Illustrer Komponisten-Freundeskreis

Michael Hofmeister widmet sich in seiner Dissertation, die nun als Buch unter dem Titel „Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss“ (erschienen als „Wagner Kontexte“ Band 1 im Tectum Verlag) nicht nur ausführlich der Biographie des Komponisten. Er geht auch ebenso ausführlich auf die Beziehungen Ritters u. a. zu Richard Wagner ein.

Alexander Ritter (4. von rechts) im Freundeskreis seines Vorbildes Richard Wagner: u.a. Hans von Bülow, Friedrich Uhl, Richard Pohl, H. v. Rosti, A. de Gasperini, Adolf Jensen, Felix Draeseke, Leopold Damrosch, Heinrich Porges, Michael Moszonyi
Alexander Ritter (4. von rechts) im Freundeskreis seines Vorbildes Richard Wagner: u.a. Hans von Bülow, Friedrich Uhl, Richard Pohl, H. v. Rosti, A. de Gasperini, Adolf Jensen, Felix Draeseke, Leopold Damrosch, Heinrich Porges, Michael Moszonyi

In einem kleinen Exkurs „Eine wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ beschreibt Hofmeister zum Beispiel die Beziehungen zwischen dem Exilanten Wagner und der Familie Ritter. Später wird er auch auf die engen Beziehungen zu Richard Strauss eingehen. Beziehungen, die nicht immer von Dauer sind. So wird sich Richard Strauss später von Ritter abwenden. Es wird „alte und neu Freunde“ im Leben des Alexander Ritter geben: Hans von Bülow und Peter Cornelius, Hermann Levi, Clara und Robert Schumann.

Ein Leben zwischen Erfolg und Resignation

Es war ein Leben zwischen Erfolg, Scheitern und Resignation, das uns Michael Hofmeister in seiner großartigen Studie nahe bringt. Er schließt eine Lücke in der Wagner- und Strauss-Forschung, indem er sich diesem Komponisten widmet, der als sich als Verfechter einer neudeutschen Musikrichtung zeigte. Womit wir beim Werk wären, das Hofmeister ausführlich beschreibt und deutet. Interessant ist dies um so mehr – und damit ein besonderes Verdienst dieser Dissertation – als wir sein Werk leider nicht hören können. Zitat Herbert Rosendorfer: „Die Qualität Ritterscher Werke kann heute nicht beurteilt werden, weil sie nie zu hören sind“. Es gibt keine Tonträger mit Kompositionen von Ritter. In Parenthese: Vielleicht findet sich aber jetzt ein Label, das sich des Werks dieses interessanten Komponisten annimmt.

Ritters musikgeschichtliche Stellung ergibt sich durch die Einflüsse von Wagner und Liszt auf seine Werke. Dazu Hofmeister: „Aus seinen Werken sprechen eine Ernsthaftigkeit und ein Gestaltungsdrang, mit denen er um eigenständige Lösungen ringt – und seien es eigenständige Formen der Adaption […] Klug suchte und schuf er sich daher bewältigbare Formen und fand etwa im Lied eine angemessene Ausdrucksmöglichkeit.“

FAZIT: Der Komponist Alexander Ritter – eine Entdeckung. Nicht nur gehört er als Person und Musiker in die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts. Er ist auch als Komponist zwischen Richard Wagner und Richard Strauss wahrzunehmen. Michael Hofmeisters opulentes Werk, seine Auswertung aller verfügbaren Quellen ermöglicht interessante Einblicke in ein völlig vergessenes Werk.

Entdeckungswürdiger Komponist

Es sind weitestgehend Klavierlieder, die Alexander Ritter komponierte – auf Texte von Heinrich Heine, Nikolaus Lenau, Joseph von Eichendorff und andere. Es gibt zwei Opern-Einakter von ihm: „Der faule Hanns“ (1878 nach einer Erzählung von Felix Dahn) und „Wem die Krone (1889). Und es gibt eine Reihe von Chorwerken und solistischen Vokalwerken. Michael Hofmeister liefert dazu ausreichend Material und Notenbeispiele. Auch zu den Orchesterwerken wie „Erotische Legende“ für großes Orchester oder „Charfreitag und Frohnleichnam“ (Zwei Orchesterstücke für großes Orchester). Werke, die noch ganz in der Tradition verwurzelt sind und sich doch nach und nach zur modernen sinfonischen Dichtung entwickelten.
So ist diese Dissertation, diese dickleibige Monographie des Michael Hofmeister ein durchwegs interessantes, zudem gut lesbares Buch. Und die Hauptfigur Alexander Ritter in der Tat eine Entdeckung. ♦

Michael Hofmeister: Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss, 806 Seiten, Tectum Verlag, ISBN 978-3-82884138-3

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Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony

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Das ultimative Harmonik-Kompendium

von Walter Eigenmann

Die sog. Harmonielehre, darüber herrscht kein Zweifel, gilt sowohl manchen Klassik- als auch vielen Rock/Pop- oder Jazz-Musikern als trockene Materie. Verstaubte Theorie halt, die man allenfalls im Musik-Hochschulstudium als „Nebenfach“ durchstehen muss oder als Improvisierender gleich ganz ignoriert.
Doch ebenso zweifellos behält in dem neuen 800-Seiten-Wälzer von Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony der Autor im Vorwort absolut spartenübergreifend recht: „Talent mag vom Himmel in die Wiege fallen, Wissen jedoch nicht. Jeder Musiker, Maler oder Bildhauer informiert sich und steht im Austausch mit Kollegen, um zu lernen.“

Drei unterschiedliche Lernebenen

Mathias Löffler - Rock & Jazz Harmony - Die Klangwelt der Rock- und Jazzmusik verstehen - Ama VerlagDieses Lernen bzw. Lehren kommt in Löfflers breit und stringent aufgebauter „Harmonielehre“ in vielfältiger Manier daher. Theoretische Ausführungen (von den Basics wie das Notenlesen bis zum komplexen Modal Interchange) stehen neben graphisch illustrierten Harmonik-Analysen; Zusammenfassende Kapitel-Aufgaben zum Selber-Lösen wechseln sich ab mit konkreten Anweisungen für das improvisatorische Instrumentalspiel; Regelmäßig eingestreute „Definitionskästchen“ als unverzichtbare Lerninhalte kontrastieren (später) mit frei anwendbaren „Strategien“ für das selbstständige Analysieren. Und es fehlen weder die Download-Hinweise zu online verfügbaren MP3-Dateien noch eine große Fülle an Notenbeispielen aus der ganzen jüngeren Rock- und Jazz-Szene.

Rock & Jazz Harmony - 3 Vierklänge - Mathias Löffler
Die drei wichtigsten Vierklänge der Rock- und Jazzmusik, wo ein Ton die gleichmäßige Terzschichtung durchbricht

Grundsätzlich schreitet dabei das Lehr- und Übungsbuch vom Einfachen zum Schwierigen fort; gleichwohl hat der Musikpädagoge Löffler die großen Bereiche seines fast 800-seitiges Kompendiums geschickt in drei „Lernebenen“ strukturiert: In eine Art „Quick Set Up Guides“ mit zahlreichen inhaltlich zusammenfassenden „Konzentraten“; in den ausführlich erläuternden Fließtext mit zahlreichen Songbeispielen; und in eine dritte Ebene, die für Fortgeschrittene das punktuelle Lernen gestattet. Diese dreiteilige „Binnenform“ der Stoffbehandlung ermöglicht ganz unterschiedlichen Leserschichten ein modales Buchstudium und trägt wesentlich dazu bei, die Lektüre individuell und abwechslungsreich anzugehen.

Ein Fahrplan für das Crossover-Studium

Dem Band vorangestellt ist dabei ein sog. Fahrplan als Orientierungshilfe. Dessen Wegweiser leiten den Leser nicht aufsteigend von Kapitel zu Kapitel, sondern offerieren die Möglichkeit einer Crossover-Lektüre:

Mathias Löffler - Rock & Jazz Harmony - Der Fahrplan - Ama Verlag

Den „Grundlagen“ gestattet Löffler 150 Seiten, danach ist das „Basislager“ erreicht, und das Interesse des Lesenden kann sich zu splitten beginnen. Die ersten drei Kapitel enthalten dabei die intensivsten Trainingseinheiten mit zahlreichen Aufgaben-Seiten, die das Gelernte abrufen und vertiefen sollen.

Themenfelder lückenlos erfasst

Häufig eingestreute Aufgaben erlauben dem Leser eine Standort-Bestimmung des Gelernten (Rock & Jazz Harmony - Aufgaben-Beispiele)
Häufig eingestreute Aufgaben erlauben dem Leser eine Standortbestimmung seines Gelernten

Meines Wissens war auf dem Buchmarkt bislang keine thematisch verwandte Publikation verfügbar, die den rein musiktheoretischen Aspekt der sog. U-Musik – Löffler definiert „Rock & Jazz“ breit, subsumiert darunter auch Blues, Soul, Latin, Schlager, Metal oder Country u.a. – derart tiefgreifend und differenziert behandelt. Themenfelder und Begrifflichkeit sind dabei anfänglich bzw. als Grundlage durchaus der Klassischen Harmonielehre entnommen. Ungefähr ein Drittel des Buches dürfte dezidiert dieser „traditionellen“ Lehre des 17. bis 19. Jahrhunderts zuzuordnen sein, wobei auch Anfänger wie Wieder-Einsteiger aller Stufen ihren Nutzen daraus ziehen können. Der Link zum historisch angehäuften Wissensfundus ist also gegeben. Darüber hinaus aber bereitet der Band das gesamte theoretische Material der neueren U-Musik-Geschichte auf, soweit es harmonietechnisch überhaupt analysier- bzw. vermittelbar ist.

Lehr- und Wörterbuch zugleich

Dass sich in Theorie und Praxis ohnehin die Schwerpunkte, Methoden und Historien der beiden Sparten U- und E-Musik teils synonym überschneiden, ist klar. Dass aber die „Populäre Musik“ der letzten ca. 80-100 Jahre vom frühen Afro-Blues bis in unsere Tage des Aleatorischen FreeStyle-Jazz sich inzwischen ebenfalls einen musikhistorisch katalogisier- und didaktisch aufbereitbaren Begriffsapparat generiert hat, wird eben an solchen Arbeiten wie Löfflers „Harmony“ ersichtlich, die kaum einen Aspekt außer Acht lässt, der klanglich irgendwie Eingang ins heutige – ansonsten ja stilistisch völlig unübersehbare – Konzertleben gefunden hat. (Über die ganze Fülle des behandelten Materials orientiert hier das Inhaltsverzeichnis von Rock & Jazz Harmony).

Auch komplexere Harmonik-Strukturen werden in "Rock & Jazz Harmony" von Mathias Löffer anschaulich erläutert
Auch komplexere Harmonik-Strukturen werden in „Rock & Jazz Harmony“ von Mathias Löffer anschaulich erläutert

In seinem ganzen didaktischen Aufbau ist der Band als Lehrbuch also sehr gut verwendbar. Gleichzeitig ist er mit seinem begriffsorientierten, teils auch modalen Konzept und der übersichtlichten Gliederung der Themenfelder (bis hin zum mehrseitigen Registerverzeichnis) auch ein Nachschlagewerk. Wohltuend dabei nicht nur für das Heer der „Garagen-Musik“-Amateure: Löfflers Buch versteht sich nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern stellt den theoretischen Bezug zur Rock- und Jazz-Musik in einer ungezwungenen Sprache her. Nicht Dozieren, sondern Vermitteln war offensichtlich angesagt.

Harmonische Analyse direkt an den Songs

Stufen- und Skalen-Analyse von "Blue In Green" (Miles Davis)
Stufen- und Skalen-Analyse von „Blue In Green“ (Miles Davis)

Am konkretesten wird dieser Ansatz im letzten, dem „Analysen“-Kapitel. Auf fast 100 Seiten behandelt Löffler hier beinahe Takt für Takt das harmonische Gerüst von „Klassikern“ wie „Hey Joe“ (Jimi Hendrix) oder „Every Breath You Take“ (The Police) über Pop-Hits wie „I Turn To You“ (Christina Aguilera) oder Film-Titel wie „A Foggy Day“ (George Gerschwin) bis hin zu legendären Jazz-Titeln wie „500 Miles High“ (Chick Corea) und „Keep Me In Mind“ (John Scofield) oder auch Bepop-Evergreens wie „Donna Lee“ (Charlie Parker). Auch hier wieder illustrieren teils umfangreiche Notenbeispiele und unterstützen die Analyse der harmonischen Binnenstrukturen.

Die Referenz in Sachen Rock-Jazz-Harmonik

Gitarrist, Band-Gründer, Dozent: Autor Mathias Löffler (geb. 1965)
Gitarrist, Band-Gründer, Dozent: Autor Mathias Löffler (geb. 1965)

Im Unterschied zu vielen vergleichbaren „Schulbüchern“ zum Thema gelingt es dieser „Harmonielehre“ des 53-jährigen Band-Gründers, Profi-Gitarristen und Dozenten Mathias Löffler, seinen weitläufigen und komplexen Gegenstand in besonders transparenter Manier aufzubereiten. Dazu trägt nicht nur die raffinierte didaktische Bändigung der Theorie bei, sondern auch der ständige Bezug zum „musikalischen Alltag“ mit Song-, Noten- und Hörbeispielen direkt „aus der Praxis“. Bei zukünftigen Auflagen ist zu wünschen, dass die Online-Anbindung des Buches noch ausgebaut bzw. aktualisiert wird, um so das moderne Lernverhalten weiter Jugend-Kreise zu unterstützen. Aber auch schon jetzt flankieren diverse Audio-Download-Optionen  das Buch und verstärken so die Stoffvermittlung.

FAZIT: „Rock & Jazz Harmony“ von Mathias Löffler macht deutlich, dass Konzerterfolge auch in der U-Musik-Welt tatsächlich nicht „vom Himmel fallen“, sondern ursächlich mit der „Harmonik“ zu tun haben, die alles „im Innersten zusammenhält“. Die genaue Kenntnis der „Harmonielehre“ ist also nicht der Widerpart des spontanen Musizierens, sondern deren Voraussetzung… Kurzum: Löfflers höchst umfangreiches, aber seinen Gegenstand sehr abwechslungsreich verkaufendes Kompendium ist meines Erachtens die neue Referenz zur Thematik und gehört als Lehr- wie als Wörterbuch in jede Musik-Unterrichtsstube an Hoch- wie an Volks- und Musikschulen.
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„Rock & Jazz Harmony“ von Mathias Löffler macht deutlich, dass Konzerterfolge auch in der U-Musik-Welt tatsächlich nicht „vom Himmel fallen“, sondern ursächlich mit der „Harmonik“ zu tun haben, die alles „im Innersten zusammenhält“. Die genaue Kenntnis der „Harmonielehre“ ist also nicht der Widerpart des spontanen Musizierens, sondern dessen Voraussetzung… Kurzum: Löfflers höchst umfangreiches, aber seinen Gegenstand sehr abwechslungsreich verkaufendes Kompendium ist meines Erachtens die neue Referenz zur Thematik und gehört als Lehr- wie als Wörterbuch in jede Musik-Unterrichtsstube an Hoch- wie an Volksschulen. Doch auch jeder Musiktheorie-Anfänger – und der Instrumentalist im „klassisschen“ Sektor sowieso… – wird die „Rock & Jazz Harmony“ als willkommene Ergänzung, ja als notwendige Horizonterweiterung seiner Musik erfahren. Der professionelle Songwriter oder Arrangeur schließlich erhält zahlreiche weiterführende Anregungen, die seine Arbeit intensivieren werden. ♦

Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony – Die Klangwelt der Rock- und Jazzmusik verstehen, 784 Seiten, AMA Verlag, ISBN 978-3899222395

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Christoph Wünsch: Satztechniken im 20. Jahrhundert

J. Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

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Besichtigung eines Lebens

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Mit Gioachino Rossini verbindet sicher jeder Freund klassischer Musik etwas – sei es nun die berühmte Ouvertüre zu seiner Oper „Wilhelm Tell“, die Arie des Figaro aus dem „Barbier von Sevilla“ oder irgendeine andere jener sanglichen Melodien, die dem 1792 geborenen Komponisten so intensiv aus der Feder flossen, dass sie problemlos für das Oeuvre einer ganzen Schar von Tonsetzern gereicht hätten.
Ebenso wahrscheinlich ist es, dass fast ein jeder, der den Namen Rossini hört, auch ein bestimmtes Gesicht mit diesem Namen verbindet, sei es nun das berühmte Portrait aus den 1820er Jahren, das der Scuola pittorica italiana entstammt, die Fotografie von Étienne Carjat oder jene augenzwinkernde Karikatur, die den „Schwan von Pesaro“ bei der Zubereitung eines großen Topfes Pasta am heimischen Herd zeigt

Komponist zwischen Opern und Nudeln?

Joachim Campe: Rossini - Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, Theiss Verlag
Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, Theiss Verlag

Beides – Musik und Optik – haben sich nun im kollektiven Unbewussten zu einem ganz bestimmten Rossini-Bild amalgamiert, das auch immer wieder gerne bedient wird: Rossini – als Mensch ein freundlicher, den leiblichen Genüssen zugewandter und darum leicht adipöser Typ, als Komponist ein Meister der Melodie, der Heiterkeit, der Buffa. Und so kann man auch, ohne dass es in irgendeiner Form geschmacklos schiene, CDs wie „Pasta classics – Kochen mit Rossini“; „Rossini – Eine kulinarisch-musikalische Biographie“; oder auch „Rossini – Bonvivant und Gourmet – mit 45 Rezepten“ kaufen. Mit Bach wäre in dieser Sache kein Staat zu machen. Aber Rossini, der Italiener, das Kind der Sonne, der zwischen Nudeln und Chianti eben flott schmissige Opern auf das belsamicobefleckte Notenpapier bringen konnte, der eignet sich…

Schlimm ist, dass man eigentlich wenig Gelegenheit hat, dieses Bild zu überprüfen, zu differenzieren, ja: zu relativieren. Klar, auf dem Markt gibt es Volker Schierless’ kleine Rowohlt-Monographie von 1991. Richard Osbornes „Rossini – Leben und Werk“ ist schon seit längerem vergriffen. Arnold Jacobshagens verdienstvolles Buch „Gioachino Rossini und seine Zeit“ aus der Laaber-Reihe „Große Komponisten und ihre Zeit“, 2015 erschienen, ist für den ersten Zugriff vielleicht etwas zu wuchtig. Da kommt Joachim Campes gut 200 Seiten starke, beim Konrad Theiss Verlag erschienene Biographie „Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre“ dem Leser, der einigermaßen zügig sein Rossini-Bild zurechtrücken möchte, gerade recht.

Zeitgenosse einer bewegten Epoche

Rossinis Ehefrau und Muse: Die spanische Opernsängerin und Komponistin Isabella Colbran (1785-1845)
Rossinis Ehefrau und Muse: Die spanische Opernsängerin und Komponistin Isabella Colbran (1785-1845)

Schon der Titel suggeriert, dass Rossinis Leben ganz offensichtlich nicht ununterbrochen von italienischem Sonnenschein durchflutet war. Tatsächlich gab es da – das sei gar nicht abgestritten – eine Menge Licht. In flüssig erzählendem Stil berichtet Campe von der Kindheit als Wunderkind, von den Erfolgen, aber auch den zahlreichen Misserfolgen, die Rossini – so wollen es dem Leser die entsprechend vorgebrachten Quellen zumindest nahelegen – mit einer gewissen positiven Grundstimmung, mit Humor und einem guten Schuss Selbstironie hinnahm. Man erfährt von der besonderen Beziehung Rossinis zu seinen Eltern, die stets positiv war, bis es zu seiner Hochzeit mit der Sängerin Isabella Colbran kam, die einen Schatten auf das an sich gute Verhältnis warf. Daneben ordnet Campe die historische Figur Rossini, den Zeitgenossen einer der bewegtesten Epochen der europäischen Geschichte trefflich in die Historie ein, was wiederum eine ganz besonders treffliche Leistung darstellt, ist Rossini doch selbst kaum je einmal als „Homo politicus“ aufgetreten. Tatsächlich äußerte er sich in Briefen und aufgezeichneten Gesprächen nur selten politisch, lediglich manch eine seiner Opern kann sich einer politischen Deutung nicht vollständig verschließen.

Unruhige Persönlichkeit voller Widersprüche

...und der junge Rossini, 1822 gemalt von Friedrich Lieder
Der junge Rossini, 1822 gemalt von Friedrich Lieder

Als Folge seines Ansinnens, ein möglichst differenziertes, aber nicht ausuferndes Bild des Komponisten zu entwerfen, nimmt Campe den Leser seiner kleinen, aber doch substanziellen Biographie an die Hand und besichtigt mit ihm schlaglichtartig viele Orte in Rossinis Leben. Und viele Orte zu vielen Zeiten waren wie gesagt glanzvoll: Neapel, Paris, London und Wien begrüßten, beherbergten und feierten den großen Komponisten – man möchte sagen: gebührend. Sicher gab es da Alltagskonflikte, eine kriselnde Ehe, Probleme mit Profilneurotikern, (opern-)politisches Ränkespiel. Aber es gab eben auch Glanz, Ruhm und sehr viel Geld, besonders in Paris.

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Doch da finden sich auch besonders dunkle Orte in der Biographie Rossinis, Orte von denen man vielleicht nicht so gerne spricht, die Campe dem Leser aber nicht vorenthält. Einer dieser Orte ist der offenkundig sehr starke Sexus Rossinis, den er mit großer Begeisterung in Bordellen auslebte, wo er sich in Folge einer Gonorrhoe eine Urethritis, also eine üble Harnröhrenentzündung zuzog, die ihm das Leben schwer machte, und die in Paris – nicht ohne Risiko – operiert werden musste. Ein anderer der dunklen Orte, an dem sich Rossini im Laufe seines Lebens immer wieder und mit zunehmender Intensität aufhalten sollte, war die schwarze Welt der Depression. Mit nüchternem Blick zeigt Campe, wie Rossini nach 1823 immer wieder in höchst niedergeschlagene Stimmungen verfiel, schließlich wohl auch aufgrund dieser Erkrankung aufhörte, Opern zu komponieren und sich phasenweise komplett isolierte. Gerade in den letzten Jahren scheint – so zeigt es Campe – Rossini eine eher unruhige Persönlichkeit gewesen zu sein, von Schlaflosigkeit und Schmerzen geplagt, überhaupt anfällig für alle möglichen Erkrankungen, bisweilen auch für Kränkungen, immer wieder den Wohnsitz wechselnd, sich mit Todesängsten herumquälend.

Differenzierte Beschreibung jenseits aller Hagiographie

Das Bild vom heiteren Rossini ist, das macht die Lektüre von Campes Buch sehr differenziert deutlich, also ein höchst eindimensionales. Das Schöne ist letztlich, dass der Autor keine Hagiographie schrieb, sondern Rossini als Menschen aus Fleisch und Blut präsentiert, mit allen Stärken und Schwächen, die damit einhergehen.

Fazit: Die neue Biographie von J. Campe: Rossini zeigt differenziert auf, dass das Bild vom heiteren Rossini ein höchst eindimensionales ist. Hier wird vielmehr Rossini als Mensch aus Fleisch und Blut präsentiert – also keine Hagiographie, sondern die Darstellung eines Musik-Genies mit allen Stärken und Schwächen. Ein Buch, dessen Lektüre Freude macht.

Es spricht eine Menge Zuneigung zu seinem Gegenstand aus Campes Zeilen, die man aufgrund des höchst angenehmen Konversationstones ausgesprochen gerne liest. Einziges Manko des Buches mögen des Autors streckenweise zu intensiv aneinandergereihten Nacherzählungen der Opernhandlungen im Verbund mit angerissenen Deutungshinweisen zu den Werken sein. Nicht nur, dass das so wirkt, als wolle der Autor hier ein wenig zu deutlich auf seine Gelehrsamkeit hinweisen. Es fehlt manch einem Deutungsansatz auch an Stimmigkeit, weil das Format des kleinen Werkes den Raum für tiefschürfende Werkbetrachtungen und ausgefeilte Argumentationen letztlich nicht hergibt. Nicht selten langen die interpretatorischen Fingerzeige Campes ins Leere oder setzten beim Leser einer solchen knappen Schrift zu viele Kenntnisse der Materie selbst voraus. Hier wäre eine klarere Abgrenzung wünschenswert gewesen.
Insgesamt jedoch ein Buch, dessen Lektüre Freude macht. ♦

Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, 222 Seiten, Konrad Theiss Verlag (WBG), ISBN 978-3-8062-3671-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musiker-Biographien auch die neuen
Musiker-Anekdoten (2)

… sowie aus der Reihe „Musik-Zitat der Woche“ von
Urs Frauchiger: Über das Konzert-Publikum

Literatur- und Musik-Novitäten – kurz belichtet

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Bemerkenswerte neue Bücher

von Walter Eigenmann

Péter Nádas: Aufleuchtende Details (Memoiren)

Der ungarische Schriftsteller und Photograph Péter Nádas zählt nicht nur zu den produktivsten und vielseitig diskutierten, sondern auch zu den häufigst geehrten Autoren der Gegenwart. Sein vorzugsweise erzählendes Werk sowohl in Kurzprosa- wie in Roman-Form ebenso wie sein bedeutendes essayistisches Schreiben kreist einerseits um den existentiellen Einzelnen in gesellschaftlich deformierenden Systemen – beispielsweise dem Kommunismus -, anderseits behandelt es die individuell tragisch erfahrene Gefährdung des Lebens durch Krankheit und Tod (beispielsweise in „Der eigene Tod“).

Stilistische Virtuosität und philosophische Reflexion

In einem umfangreichen Konvolut von beinahe 1’300 Seiten breitet Nadas nun unter dem Titel „Aufleuchtende Details“ in geradezu fulminanter, um nicht zu sagen: monströser Epik die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Verwerfungen praktisch des gesamten letzten Jahrhunderts aus. Offiziell nennen sich diese „Lebenserinnerungen“ Memoiren, doch wie sein schriftstellerisches Oeuvre sind sie durchdrungen von großartiger stilistischer Virtuosität ebenso wie von philosophischer Reflexion.
Der ausdrücklichen Intention des Autors nach sind die „Aufleuchtenden Details“ jedenfalls zwar eindringlich narrativ, doch gleichzeitig gemeint als eine Abkehr von aller Fiktion und eine Hinwendung zur geradezu enzyklopädischen Aufarbeitung seiner persönlichen (ungarischen) Familiensaga in einem bewundernswerten Erinnerungs-Spiegel, der zwei Weltkriege und die großen Umwälzungen der Moderne beinhaltet.

Abwendung von der Ich-Aufgeblasenheit der aktuellen Epoche

In der „ZEIT“ fasste die Literatur-Kolumnistin Iris Radisch, die mit Nadas ein Gespräch führte, diese Zielsetzung des Schriftstellers folgendermaßen zusammen (Zitat):
[Es] „entstand der Wunsch, endlich auf das Fiktive zu verzichten und das schriftstellerische Ego zu eliminieren. Er sagt das mit seiner wunderbar bebenden Ruhe in dieser Vorbuchmessen-Stille: ‚Sich von der schriftstellerischen Eitelkeit zu befreien ist ein großes Erlebnis.‘ Die Ich-Aufgeblasenheit der aktuellen Epoche, in der die Selbstverwirklichung von Millionen sogenannter Individuen der letzte verbliebene Lebenssinn ist, hält er für eine Verirrung. In seinen Memoiren wollte er herausfinden, ‚wie ich bin ohne mein Ich‘, wollte die Grundmauern des Bewusstseins erkunden, in denen sich die Vergangenheit in Form von Tatsachen abgelagert hat, ‚an denen man nicht rütteln kann‘.“ ♦

Péter Nádas: Aufleuchtende Details, Memoiren eines Erzählers, 1’280 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-498-04697-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Zeitgeschichtliche Belletristik auch über den
Roman von Ken Follett: Winter der Welt


Zürcher Festspiel-Symposium 2016: Das Groteske und die Musik der Moderne

Mit Beiträgen der Musiktheoretiker und -historiker Cord-Friedrich Berghahn, Federico Celestini, Mark Delaere, Andreas Dorsch, Friedrich Geiger, Inga Mai Groote, Andreas Jacob und Michael Meyer rückt eine Essay-Sammlung des Zürcher Festspiel-Symposiums 2016 ein Phänomen in den Fokus, das seinen Ausgang anfangs des letzten Jahrhunderts, nach dem Zusammenbruch aller festen Gefüge durch den 1. Weltkrieg hatte und in DADA seine theoretisch wichtigste Ausprägung fand: das Groteske.

Groteske Musik im Werk von Mahler bis Walton

Laurenz Lütteken - Das Groteske und die Musik der Moderne - CoverIn acht Artikeln fasst der Band „Das Groteske und die Musik der Moderne“ die Erörterungen des Zürcher Fespiel-Symposiums 2016 zusammen, das sich anlässlich der 100-Jahr-Feier von DADA – diese internationale Bewegung hatte just in Zürich ihre Ursprünge – unter dem Titel „Zwischen Wahnsinn und Unsinn“ mit den Spuren des dadaistischen Grotesken in der Musik der Moderne-Exponenten Mahler, Schönberg, Satie, Strawinsky, Bartok, Walton, Strauss und Hindemith auseinandersetzte.

In seiner Einführung hält Herausgeber Laurenz Lütteken fest: „Eigenartigerweise ist das Groteske im Blick auf die Musik bisher noch nie systematisch untersucht worden, allenfalls für das Werk einzelnern Komponisten wie Mahler oder Schostakowitsch, besonders im Falle Schönbergs. […] Es war daher das Ziel des Festspiel-Symposiums 2016, dieses Musikalisch-Groteske näher in den Blick zu nehmen. Darin lag auch die eigentliche Verbindung zum Festspielthema „100 Jahre Dada“, denn die Dada-Bewegung ist ihrerseits ein Spiegel dieses Willens zur Groteske – wenn auch unter weitesgehender musikalischer Abstinenz“.

Ein Blick auf den Inhalt des Buches

Inhaltsverzeichnis von "Das Groteske und die Musik der Moderne"

…zeigt eine zwangsläufig äußerst breite thematische Fokussierung hinsichtlich sowohl der Komponisten-Persönlichkeiten wie der stilistischen Zuordnungen. Wobei die Problematik des Begriffs des Grotesken im Zusammenhang mit Kunstmusik überhaupt schon längst bewusst ist. Denn wie bereits in Barck/Fontius/Schlenstedt’s Band 2 der „Ästhetische Grundbegriffe“ konstatiert wird, sind Bezüge auf das Groteske in der Musik am seltensten, „was damit zusammenhängt, dass die visuelle Referenz für das Groteske eine Vorrangstellung einnimmt.“

Radikale Infragestellung ästhetischer Normen

Gleichwohl wird in der vorliegenden Essay-Sammlung eindrücklich dokumentiert, dass auch in der musikalischen Moderne bei erstaunlich vielen Schlüsselwerken dem Grotesken ein konstituierendes Moment zukommt, das weit über das Karikierende bzw. Persiflierende hinaus eine ästhetische Infragestellung herkömmlicher ästhetischer Normen darstellt und derart weit vorangetrieben wird, dass es zum vom Neoklassizismus nicht mehr assimilierbaren Begriff wurde und seine gewollt subversive Intention realisieren konnte.

Das Uneigentliche zum musikalischen Eigenwert erhoben

Um in diesem Zusammenhang nochmals Lütteken zu zitieren: „[In der Musik wurde das Groteske zur Möglichkeit], aus den Normen von kompositorischer Syntax und Semantik auszubrechen. Das 19. Jahrhundert selbst hielt diese Möglichkeit shcon bereit, bei Hector Berlioz etwa oder bei Robert Schumann, doch am Ende im Sinne einer dialektischen Verstrebung mit dem Eigentlichen. Diese Einheit ist jedoch mit der heraufziehenden Moderne zerbrochen. Das Groteske als das Verschobene, das Verzerrte, das Verfremdete und schließlich das Uneigentliche sollte einen musikalischen Eigenwert beanspruchen, der kein Korrektiv mehr kannte, sondern selbst zum Korrektiv geworden war“.

Der vorliegenden Sammlung gebührt das Verdienst nicht nur einer neuerlichen, nachhaltigen Initialisierung breiten Diskutierens über die bisher unterschätzte Bedeutung des Grotesken in wesentlichen Musik-Moderne-Werken, sondern auch einer teils (im Rahmen von Fallstudien erstaunlich) tiefen analytischen Durchdringung zahlreicher konkreter Untersuchungen von Strawinsky’s „Sacre“ bis zu Strauss‘ „Schlagobers“. Der Band möge zahlreiche weitergehende Betrachtungen nach sich ziehen. ♦

Laurenz Lütteken (Hrsg.): Das Groteske und die Musik der Moderne (Zürcher Festspiel-Symposien, Band 8 / 2017), 162 Seiten, Bärenreiter Verlag, ISBN 978-3-761-82158-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musik der Moderne“ auch das „Zitat der Woche“ von
Ursula Petrik: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik

… und lesen Sie im Glarean Magazin auch weitere
„Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet“ (Juni 2012)

Breitkopf & Härtel: „Chorbibliothek“ für Männerchor

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Quo vadis, Chorgesang?

von Walter Eigenmann

Der im Januar 1719 gegründete und somit älteste Musikverlag der Welt Breitkopf & Härtel hat sich für sein bevorstehendes 300-Jahr-Jubiläum insbesondere für den Chorgesang – schon immer eine tragende, intensiv gepflegte Domäne dieses Verlages – ein ehrgeiziges Projekt vorgenommen. Denn in einer sog. Chorbibliothek will er auf schließlich mehreren tausend Seiten mit geplanten zehn Bänden sein komplettes Chornoten-Angebot als eine Art Basisrepertoire des Genres neu auflegen. Dabei soll das originale Notenbild der einzelnen Werke beibehalten werden, „um die weiterhin lieferbaren Einzelausgaben parallel zu den Bänden nutzen zu können“.

Männerchor-Lieder des 19. Jahrhunderts

Die neue "Chorbibliothek" für Männerchor aus dem Musikverlag Breitkopf & Härtel: Klick auf das Bild führt zu Leseproben
Die neue „Chorbibliothek“ für Männerchor aus dem Musikverlag Breitkopf & Härtel: Klick auf das Bild führt zu Leseproben

Der jüngste Band dieser 10-teiligen „Chorbibliothek“ ist der Männerchor-Literatur vorwiegend des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet. Die entsprechenden Komponisten der Romantik (als der Blütezeit des Männerchores) heißen also v.a. Franz Schubert, Johannes Brahms, Felix Mendelssohn-Bartholdy oder Robert Schumann; das vergangene Jahrhundert ist (in wenigen Liedern) mit den „Spätromantikern“ Johann Nepomuk David, Jean Sibelius und Othmar Schoeck vertreten, während das aktuelle Männerchor-Schaffen nur gerade durch Siegfried Thiele (geb. 1934) marginal gestreift wird.
Insofern ist also der Titel der Ausgabe: „Chorbibliothek – Für Männerchor“ leicht irreführend und hätte das präzisierende Stichwort „Romantik“ gut vertragen. Im Sinne einer puren „Verlagschronik“ in Sachen Männerchor mag man diesen „Etikettenschwindel“ durchgehen lassen; dass hingegen dutzende bedeutender Männerchor-Komponisten der zweiten Hälfte im 20. Jahrhundert komplett ignoriert werden, macht den Band für heutige Männer-Gesangsvereine leider eher unattraktiv…

Schubert & Co. verstaubt?

Eine der Keimzellen genialer Männerchor-Literatur: Die legendären "Schubertiaden" (Der Meister mit Brille am Klavier)
Eine der Keimzellen genialer Männerchor-Literatur: Die legendären „Schubertiaden“ (Der Meister mit Brille am Klavier)

Es stellt sich überhaupt die Frage, wer sich diese Sammlung eigentlich zulegen soll. Zuallerletzt werden die Männerchöre selber (bzw. ihre Verantwortlichen) diese „Chorbibliothek für Männerchor“ kaufen! Denn die in ihrem Repertoire betont traditionell ausgerichteten Chöre haben alle diese zahllosen Trink-, Jagd-, Tanz-, Natur- und Liebeslieder von Schubert & Co. längst jahrzehntelang und tausendfach rauf- und runtergenudelt (und darob ihre Konzertsääle leerer und leerer erleben müssen), während die eher popmusikalisch oder gesangsperkussiv bzw. „crossover“ orientierten Chöre von diesem vorgeblich „verstaubten“ Liedgut ohnehin längst die Finger bzw. Kehlen lassen.

Der Männerchor im Sinkflug

Geniale Männerchor-Musik mit prophetischem Titel: Der Anfang von Schuberts "Im Gegenwärtigen Vergangenes" für vier Männerstimmen und Klavier D710, nach Goethes "West-Östlicher Diwan" (Quelle Chorpartitur: Breitkopf & Härtel Verlag)
Geniale Männerchor-Musik mit prophetischem Titel: Der Anfang von Schuberts „Im Gegenwärtigen Vergangenes“ für vier Männerstimmen und Klavier D710, nach Goethes „West-Östlicher Diwan“ (Quelle Chorpartitur: Breitkopf & Härtel Verlag)

Ein weiteres Handicap für diesen Band ist ein musiksoziologisches: Entgegen andererslautender Beteuerungen, ja Beschönigungen der traditionellen Chorverbände befindet sich der „organisierte“ (und in teils starren Vereinsstrukturen verhaftete) Gesang im Sinkflug – allen voran die Männergesangsvereine, die wegen grassierendem Mitgliederschwund mehr und mehr fusioniert oder gleich ganz aufgelöst werden müssen. Dem Männerchor sterben die Sänger weg, gerade auch in seinen Stammlanden Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es mag noch ein paar Jahre dauern, aber der Zeitpunkt ist absehbar, da der traditionelle, einst so enorm verbreitete, in der Bevölkerung stark verwurzelte, nicht selten mit 100-köpfigen Mitgliedschaften auftrumpfende Männerchor als der Dinosaurier des Gesangs von der Bildfläche verschwinden wird.

Exkurs: Gehört die Zukunft dem projektbezogenen Singen?

Der Vereinsgesang überhaupt erlebt momentan eine schmerzliche Baisse, die nachstehende Statistik spricht da eine unmissverständliche Sprache. Wir sehen also das widersprüchliche Phänomen, dass einerseits in allen Ländern den großen TV-Casting-Shows die sangesfreudige Jugend abertausendfach entgegenströmt, während die etablierten, organisierten Chorgemeinschaften aller Genres über mangelnden Zuwachs klagen.

Deutlich rückläufige Entwicklung der Anzahl Chormitglieder in Deutschland (Quelle: de.statista.com 2016)
Deutlich rückläufige Entwicklung der Anzahl Chormitglieder in Deutschland (Quelle: de.statista.com 2016)

Ein Hoch erleben demgegenüber alle gesangsmusikalischen Bestrebungen, die dezidiert als Projekte angelegt werden. Der zeitlich befristete, maximal ein paar Monate dauernde Aufwand im sog. Projektchor scheint dem modernen, ungebundenen Sing-Lifestyle des „Reinschnupperns und Weiterziehens“ so sehr zu entsprechen, dass diese Form des organisierten Gesangs das Nachwuchsproblem nicht kennt. Ebenso wenig wie übrigens der Kinderchor, dem allerdings in Schule und Freizeit ein gezieltes bildungspolitisches „Staats-Sponsoring“ widerfährt und schon deswegen eine stabile Entwicklung aufweist.
Sogar große, anspruchsvolle Klassik- oder Musical-Chor-Events auf Stadt und Land finden nach wie vor ihre ambitionierte und zahlreiche Sängerschaft. Einzige Voraussetzung: Befristetes Engagement…

Qualitätsvolles Kompendium des „klassischen“ Männerchorgesanges

Zurück zur „Chorbibliothek“ und abgesehen von pessimistischen Prognosen: Diese neue Lieder-Sammlung ist in ihrer musikalischen Substanz sehr wohl ein höchst qualitätsvolles Kompendium all jener Männer-Chormusik, die Jahrhunderte lang die melodische, harmonische und satztechnische Genialität und Dominanz der großen Romantiker dokumentierte. Der 366 Seiten starke Konvolut ist als Konzentrat einer ganzen Sing-Epoche tatsächlich ein Basisrepertoire des Männerchors, auch hinsichtlich der Vielfalt der Kompositionsverfahren, Sprachbehandlung und Stilistik. Thematisch zudem sehr breit gefächert fasst er von Schuberts „Entfernten“ über Mendelssohns „Wer hat dich du schöner Wald“ bis hin Sibelius‘ „Finnlandia“-Hymne, vom dreistimmigen „Cherubinischen Wandersmann“ von David bis zurück zum vierstimmigen „Walzerlied“ von Lortzing, und vom simplen „Volkslied“ bis zum Bläser-begleiteten „Über allen Gipfeln ist Ruh“ eines Franz Liszt die ganze Faszination eines Genres zusammen, das musikalisch bleibende Schöpfungen von einzigartiger Ausdruckskraft generierte. ♦

Breitkopf&Härtel/Sebastian Posse: Chorbibliothek für Männerchor, 366 Seiten, ISMN 979-0-004-16396-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Chormusik“ auch über
Martina Freytag: Einsingen – allein und im Chor

Heinz Stade: Bach, Liszt und Wagner in Weimar

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Weimar nach Noten

Ein musikalischer Reise(ver)führer

von Günter Nawe

„Weil die lieben Engelein selber Musikanten sein“ – mit diesem Zitat von Martin Luther leitet der Journalist und Preisträger des Deutschen Denkmalpreises Heinz Stade ein außergewöhnlich schönes kleines Büchlein ein, das der Autor dem „musikalischen“ Weimar gewidmet hat.
Weimar hat, so weiß Stade überzeugend darzulegen, mehr zu bieten als nur Goethe, Schiller, Wieland – und wie all die Geistesgrößen heißen mögen, die den Ruf Weimars als „Zentrum“ klassischer Literatur begründet haben. In seinem Reise(ver)führer zeigt der Autor in knappen Texten die wichtigsten Orte des musikalischen Geschehens und dessen Protagonisten in Weimar aufzuzeigen – von gestern bis heute. Weimar nach Noten also – ein genius loci zahlreicher Musiker-Persönlichkeiten.

Im Anfang war Luther

Heinz Stade - Bach, Liszt und Wagner - Spaziergänge durch das musikalische Weimar von gestern und heute - Edition Leipzig

Mit Luther begann’s. Er hatte großen Einfluss auf die Kirchenmusik seiner Zeit, auch und vor allem in Weimar, wo er sich selbst das eine und andere Mal aufhielt. Ihm begegnet der Leser – mit Heinz Stade auf Spurensuche – im Stadtschloss und in der Stadtkirche St.Peter & Paul (Herderkirche). Hier saß Gottfried Walther, ein Verwandter von Johann Sebastian Bach, an der Orgel.
Johann Sebastian Bach lebte von 1708 bis 1717 in Weimar, wo er 1717 eine zeitlang im Gefängnis saß. Hier – im Bachhaus – komponierte er unter anderem viele Orgelstücke, etwa 30 Kantaten und die Frühfassungen der Brandenburgischen Konzerte.

Von Bach bis Albert Schweitzer

Damit ist auch schon einer der titelgebenden Komponisten benannt – in einer Reihe höchst illustre Namen. Nicht nur Johann Sebastian Bach, Franz Liszt (der Weimarer Musiker schlechthin) und Richard Wagner, auch Felix Mendelssohn Bartholdy, Johann Nepomuk Hummel, Albert Schweitzer, der große Orgelvirtuose und Bach-Biograph.
Herder wurde bekannt als kundiger Sammler von Volksliedern, die er „mit den Ohren der Seele“ hörte. Marlene Dietrich, sollte 1919 in Weimar zur Konzertgeigerin ausgebildet werden. Sie fand hier vielleicht (?) sogar ihre erste Liebe. Der 1918 geborene und 1988 verstorbene Komponist Johann Cilenšek hatte eine Professur an der Musikhochschule Weimar inne.

Mozart trifft Wieland, Mendelssohn spielt Goethe vor

Sorgte in Weimar für Aufsehen und Aufregung: Die russische Großfürstin Anna Pawlowna
Sorgte in Weimar für Aufsehen und Aufregung: Die russische Großfürstin Anna Pawlowna

Der Leser kann sich auf einige wunderbare Ereignisse gefasst machen; Ereignisse, die direkt oder indirekt mit Musik zu tun haben. So trifft Mozart den literarischen Altmeister Martin Wieland in Weimar. Der junge Mendelssohn spielt dem Dichterfürsten Goethe vor. Beethoven’s „Ode an die Freude“ basiert auf der Schillerschen Dichtung. Für Franz Liszt und Richard Wagner war die Musikstadt Weimar von existenzieller Bedeutung. Hector Berlioz ließ Franz Liszt wissen, dass er sich in Weimar „wirklich glücklich“ fühle. Und Richard Strauss machte auf seine Weise in Weimar Furore.
Anna Pawlowna, russische Großfürstin, sorgte in viele Hinsicht für Aufsehen in Weimar. Auch in Sachen Musik. Sie gab mit der Anstellung „…berühmter auswärtiger Virtuosen wie Eberhard Müller, Johann Nepomuk Hummel und Franz Liszt grundlegende Impulse für die Entwicklung Weimars zu einem weithin ausstrahlenden Musikzentrum“ (Heinz Stade).

Weimar’scher Glanz bis in unsere Tage

Ein wunderbarer, sehr informativer und sehr schön erzählter Reise(ver)führer durch das musikalische Weimar von gestern und heute. Heinz Stade gelingt es, den Leser (und sicher auch den Weimar-Besucher) klug durch die Weimarer Musikgeschichte zu führen, mit ihren Protagonisten bekannt zu machen und nicht zuletzt spannend zu unterhalten.
„Spaziergänge durch das musikalische Weimar“ ist ein wunderbarer, sehr informativer und sehr schön erzählter Reise(ver)führer. Heinz Stade gelingt es, den Leser (und sicher auch den Weimar-Besucher) klug durch die Weimarer Musikgeschichte zu führen, mit ihren Protagonisten bekannt zu machen und nicht zuletzt spannend zu unterhalten.

Eine Ausstrahlung, die bis heute Bestand hat. Die „Tage Neuer Musik in Weimar“, initiiert von Michael von Hintzenstern, sind weltberühmt; der Jazz hat in Weimar ebenfalls eine Heimat – zum Beispiel dank der „bauhauskapelle“, von der ein Berliner Kritiker einmal behauptete: „die beste Jazzband, die ich je toben hörte“.
Von alldem erzählt Heinz Stade mit viel Empathie, sehr kompetent und klug. So begegnen uns auf den Stadeschen „Spaziergängen durch das musikalische Weimar von gestern und heute“ bedeutete Komponisten, Musiker und Musikförderer. Wir treffen sie an den Orten in Weimar, wo sie alle mehr oder weniger Weimarer und europäische Musikgeschichte geschrieben haben: Im Goethe-Haus und im Stadtschloss, in der Stadtkirche und im Schloss Belvedere, in den Sommerschlössern und Parks von Ettersburg und Tiefurt.
Beim nächsten Besuch in Weimar sollte dieser wunderbare Reise(ver)führer, der nicht zuletzt sehr schön illustriert ist, unbedingt dabei sein. ♦

Heinz Stade: Bach, Liszt und Wagner – Spaziergänge durch das musikalische Weimar von gestern und heute. 80 Seiten, Edition Leipzig, ISBN 978-3-361-00725-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Genius loci“ auch über
Volker Gebhardt: Lese und höre (Künstler-Orte)

Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder! (Klassik)

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Die Rettung der Klassik

von Christian Busch

„Expect the Unextpected“

Die Klänge der Eröffnungskonzerte der neuen Pariser Philharmonie via ARTE noch im Ohr, weiß man in der Welt der Klassischen Musik schon lange, welche Töne angeschlagen werden müssen. Längst ist die Zeit der eitlen und sich um sich selbst und die Gründung immer neuer Plattenfirmen und Vermarktungs-Strategien drehenden Stardirigenten vorbei. Boomte die Klassik in den 80er und 90er Jahren noch dank der neuen digitalen CD-Scheiben mit ihrem viel transparenteren und hörfreundlichen Klangbild, gehen die Nachfahren von Beethoven & Co. an vielen Orten längst am Stock.

Kent Nagano - Erwarten Sie Wunder - Cover - Berlin VerlagIn den Zeiten knapper Kassen und allgegenwärtigem Multimedia-Rausch müssen die Liebhaber komplexer filigraner Orchesterkultur mitunter gesucht werden wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Das Durchschnittsalter in den Konzertsälen steigt bedrohlich und degeneriert zur exklusiven Matinée für Betagte und Betuchte. Da wird ein fast 400 Millionen schweres Projekt wie das der Pariser Philharmonie, welches das städtische Orchester von seiner angestammten – nahe dem Arc de Triomphe gelegenen – Salle Pleyel vertreibt, auch schon mal in die suburbane Zone des Parc de la Villette verlagert, in die schon fast prekär zu nennende soziale Randzone, wo jüngst die Attentäter von „Charlie Hebdo“ ihr Fluchtauto wechselten. Und statt der VIP-Zone legt man jetzt Wert auf ein Lernzentrum „Abteilung Education“, in der kulturelle Brücken zu Schulen und bildungsfernen Schichten geschlagen werden sollen. Ist die Lage wirklich so ernst?

Wirtschafts- und Sinnkrise

In dem jüngst erschienenen Buch „Expect the unexpected!“ („Erwarten Sie Wunder“) behandelt der amerikanische Dirigent Kent Nagano, unterstützt von der Koautorin Inge Kloepfer, mit soziologischen Sachverstand genau dieses Problem der schwindenden Stellung der klassischen Musik im Kulturleben. Aus unmittelbarer Nähe berichtet er am Beispiel von Detroit vom Niedergang der nordamerikanischen Orchesterlandschaft und den fatalen Folgen für die kulturelle Entwicklung in den Städten. Er empört sich gegen die schonungslose Ausbreitung von Materialismus, Konsumismus und reinem Utilitarismus in der westlichen Zivilisation, welche in der PISA-Studie ihren deutlichsten bildungspolitischen Niederschlag findet: Was zählt, sind Fähigkeiten, die den Menschen auf ihren funktionalen Nutzen reduzieren. Fächer wie Kunst und Musik, welche Kreativität, Vorstellungsvermögen und Inspiration fördern, kommen dort nicht vor. Dabei steht schon im Matthäus-Evangelium: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Plädoyer für die Rückbesinnung auf die Klassik

Er zeigt an vielen Beispielen seiner langjährigen, intensiven und fruchtbaren Auseinander-setzung mit den unsterblichen Werken auf, dass die schönen Künste vor dem Hintergrund eines generellen Wertewandels in den westlichen Industrieländern eine Antwort auf die Sinnkrise darstellen: „Sie […] machen den Alltag mehr als nur erträglich. Sie inspirieren uns, öffnen den Geist. Sie helfen uns, Unbegreifliches und Unerträgliches anzunehmen und als Teil unseres Lebens zu akzeptieren, daraus Kraft zu schöpfen und nicht daran zu verzweifeln.“ Dabei erweist er sich als energischer und nimmermüder Verfechter der Quellen menschlicher Inspiration., der längst begriffen hat, dass heute die wichtigste Aufgabe der Dirigenten und Intendanten nicht in der Selbstverwirklichung egoistischer Eitelkeiten besteht, sondern in der Vermittlung zwischen Kunstwerk und Publikum: „Nennen Sie mich jetzt einen Träumer, einen Utopisten, wenn ich mir wünsche, dass ein jeder in seinem Leben unabhängig von Bildungsstand und Herkunft die sinnstiftende Kraft der Kunst erfahren können soll.“

Kindheit ohne neue Medien – dafür mit Klavier und Klarinette

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Zweifellos ist Kent Naganos Klassik-Plädoyer „Erwarten Sie Wunder“ das richtige Buch zur rechten Zeit – in seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung weitreichend, in seinen Zielsetzungen ehrgeizig. Den Autoren gebühren Dank und Beachtung!

So beginnt Nagano seine Ausführungen in seiner Kindheit an und erzählt von den Anfängen in Morro Bay, einem in den 50er Jahren multikulturell besiedelten Fischerdorf an der kalifornischen Pazifikküste, und von seinem ersten musikalischen Erzieher, dem Professor Korisheli. Im Vordergrund stehen dabei von Beginn an nie persönliche Erfolge, öffentliche Anerkennungen oder gar Preisverleihungen, sondern stets die ungetrübte Freude am gemeinschaftlichen Musizieren, am Gemeinsinn stiftenden Konzert- oder Probenerlebnis, bei dem Konflikte und Unterschiede an Bedeutung verloren: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“. Welche Zeit hätte dessen nicht bedurft, so könnte man fragen – liefert Nagano hier doch einen entschiedenen Gegenentwurf zu den stets von manipulativer Sprache der Medien und leicht konsumierbarer Unterhaltungselektronik geprägten aktuellen Kultur-Landschaft.

Strauss‘ „Heldenleben“ in der Eushockey-Arena

Hier und da blitzen die Erfahrungen aus seinen vielen Stationen (Lyon, Manchester, Los Angeles, Berlin, München, Montreal, Hamburg) auf, offenbart er den Lesern in eingestreuten Intermezzi seinen eigenen Zugang zu den großen Komponisten, von Bach, Beethoven und Bruckner bis zu Schönberg, Messiaen, Ives und Bernstein. Wenn er über das Rätselhafte in Beethovens achter Symphonie spricht, enthüllt sich nebenbei: Der Weg ist das Ziel, das auch ungewöhnliche Wege rechtfertigt, indem Nagano mit seinem OSM (Orchestre symphonique de Montreal) volksnah in der Eishockey-Arena Richard Strauss’ „Heldenleben“ präsentiert. Abgerundet wird sein Aufruf durch die Gespräche mit Zeitgenossen wie Helmut Schmidt (Politik), Kardinal R. Marx (Kirche), Yann Matei (Literatur), Julie Payette (Wissenschaft) und William Friedkin (Film). Was letzterer über Beethovens Symphonien sagt, gilt für die ganze Klassik: „Wer einmal […] die Tiefe der Musik erahnen konnte, wird sich ein Leben lang nach dieser Erfahrung sehnen. Es wird ihn immer wieder dorthin zurückziehen.“
Zweifellos ist Kent Naganos Klassik-Plädoyer „Erwarten Sie Wunder“ das richtige Buch zur rechten Zeit – in seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung weitreichend, in seinen Zielsetzungen ehrgeizig. Den Autoren gebühren Dank und Beachtung! ■

Kent Nagano (Inge Kloepfer): Erwarten Sie Wunder – Expect the Unexpected, Berlin Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3827012333

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Klassik“ auch über
Ingo Harden: Klassische Musik

Michael Dartsch: Musik lernen, Musik unterrichten

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Aktueller Stand der musikpädagogischen Dinge

von Walter Eigenmann

In der modernen Diskussion über Musikpädagogik hat der 1964 geborene Autor dieser neuen Einführung „Musik lernen, Musik unterrichten“ eine einflußreiche Stimme. Denn als Mitglied der bundesrepublikanischen „Arbeitsgemeinschaft der Leitenden musikpädagogischen Studiengänge“ sowie als Musikrat-Mitglied im „Bundesfachausschuss Musikalische Bildung“ gestaltet Michael Dartsch massgeblich Inhalte und Strukturierungen der aktuellen akademischen Musiklehrer-Ausbildung mit und findet damit  Beachtung im ganzen deutschsprachigen Raum.

Michael Dartsch: Musik lernen, Musik unterrichten - Eine Einführung in die MusikpädagogikDie vorliegende Monographie unternimmt denn auch nicht nur den Versuch einer breiten theoretischen Einführung in praktisch alle wichtigen Disziplinen der Thematik inklusive ihre musikhistorischen Bezüge, sondern referiert teils sehr ausführlich ebenso die didaktisch-praktische Umsetzung der jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Breites Spektrum von Inhaltsfeldern

Prof. Dr. Michael Dartsch an einer Podiumsdiskussion 2010
Prof. Dr. Michael Dartsch an einer Podiumsdiskussion 2010

Der Band grundiert seinen Überblick mit einer Beleuchtung der zentralen psychologischen bzw. gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf das Musiklernen: Begabung, Sozialisation, Übeeinsatz und Motivation heißen da die wesentlichen Stichworte. In der Folge werden eine Reihe von spezifischen Inhaltsfeldern behandelt: Elementare Musikpraxis, Erfinden von Musik, Musikverstehen, Interpretieren, Üben seien hier nur als die wichtigsten Themata angeführt. Der praxisorientierte Bezug ist außerdem vertreten in Abschnitten wie „Methoden“ oder „Zielgruppen und Unterrichtsformen“. Ein Blick auf die Institutionen der nicht-akademischen Musikerziehung in der BRD – Stichworte: Öffentliche Musikschulen, Selbstständige Musiklehrerschaft, Laienmusizieren u.a. – rundet den 248-seitigen Band ab.

Überzeugende Schau auf den Forschungsstand

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Michael Dartschs „Musikpädagogik“ ist eine sowohl hinsichtlich Strukturierung wie inhaltlicher Gewichtung überzeugende Gesamtschau auf den aktuellen Forschungsstand.

Dartschs „Musikpädagogik“ ist eine sowohl hinsichtlich Strukturierung wie inhaltlicher Gewichtung überzeugende Gesamtschau auf den aktuellen Forschungsstand. Von der Systematik des musikpädagogigschen Begriffsapparates und seiner kulturhistorischen Fundamente über die lernpsychologischen bzw. neurophysiologischen Grundlagen moderner wissenschaftlicher Untersuchungen bis hin zur konkreten didaktischen Umsetzung in der täglichen Instrumentalpraxis vermittelt der Autor seinen umfangreichen Stoff mit klarer thematischer Gliederung und in wohltuend „einfacher“ Sprache, was dieses Einführungs- und Lehrwerk nicht nur für Musik-Studierende und -Lehrende, sondern durchaus auch für Pädagog/inn/en anderer, wenngleich involvierter Schulbereiche interessant macht. Insgesamt also eine Bereicherung der aktuell relevanten musikpädagogischen Literatur. ■

Michael Dartsch: Musik lernen, Musik unterrichten – Eine Einführung in die Musikpädagogik, 248 Seiten, Breitkopf & Härtel Verlag, ISBN 9783765103995

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Instrumentalunterricht auch über
Michael Dartsch: Der Cellokasten

Ulrich Kaiser: Gehörbildung (Musikunterricht)

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Gehörbildung mit Satzlehre, Improvisation, Höranalyse

von Walter Eigenmann

Gehörbildung als wichtige Einzeldisziplin der klassischen professionellen Musikausbildung weist längst eine Fülle an pädagogischer bzw. didaktischer Literatur auf. Der Karlsfelder Musiktheoretiker Prof. Dr. Ulrich Kaiser erweitert in seinem neuem Gehörbildungs-„Lehrgang mit historischen Beispielen“ den Begriff noch um die Bereiche „Satzlehre“, „Improvisation“ und „Höranalyse“, wobei das zweibändige, 480-seitige Unterrichtswerk zwar durchaus als „Grundkurs“ beginnt, aber schon im 1. Band schnell zu komplexen Analysen hinsichtlich typischer melodischer, rhythmischer, harmonischer und satztechnischer Ausprägungen der Chor- und Instrumentalmusik übergeht.

Über 1’400 Notationsbeispiele

Ulrich Kaiser: Gehörbildung - Satzlehre - Improvisation - Höranalyse - Ein Lehrgang mit historischen Beispielen - Bärenreiter VerlagGrundsätzlich strukturiert ist Kaisers Lehrwerk als Aufgaben-Lösungen-Seminar, aber anders als in herkömmlichen Kursen rekurriert Kaiser ausschließlich auf originale Werk-Zitate – insgesamt sind es über 1’400 Notationsbeispiele aus der gesamten abendländischen Musikgeschichte. Damit angestrebt ist die Ausbildung eines differenzierten Bewusstseins für musikalische Stile bzw. Epochen, einhergehend mit einer „grundsätzlichen Steigerung der musikalischen Wahrnehmungsfähigkeit sowie eines intensiveren Erlebens von Musik, verbunden mit einem tieferen emotional-intellektuellen Verständnis für kompositorisches Denken unterschiedlicher Zeiten“.

Anbindung ans Computerzeitalter

Kaisers zwei Gehörbildung“-Bände bestachen schon 1998, zum Zeitpunkt ihrer 1. Auflage, durch thematische Differenziertheit, stringenten Aufbau und durch eine enorme, gleichzeitig klar typisierende Fülle an Beispielmaterial. Der Lehrgang konnte damals zwar im Selbststudium durchlaufen werden, gehörte aber hinsichtlich Anspruch und Aufbau ins akademische Umfeld. Der vorliegenden neuen (6. Auflage) wurden über 100 klingende Arbeitsbögen zu den Themen Rhythmus, Melodie und Satzmodell hinzugefügt. Ausserdem ist jetzt die Anbindung ans Computerzeitalter vollzogen: Alle mitgelieferten PDF-Dateien auf der beiliegenden CD lassen sich interaktiv bearbeiten. Damit dürfte die 2-bändige „Gehörbildung“ aus dem Hause Bärenreiter auch inskünftig ihrer referentiellen Rolle in dieser musikerzieherischen Disziplin gerecht werden. ■

Ulrich Kaiser: Gehörbildung – Band 1 (Grundkurs) & Band 2 (Aufbaukurs), 480 Seiten, mit CD, Bärenreiter Verlag, ISBN 9783761811597 & 9783761811603

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik-Erziehung auch über
Ralf Beiderwieden: Musik unterrichten

… sowie zum Thema Musik und Schule auch das Pamphlet von
Jürgen Sieberth: Die Musik braucht die Schule nicht!

Interessante Buch-Neuheiten – kurz belichtet

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Drei beachtenswerte Novitäten

von Walter Eigenmann

Hit-Session – Weihnachtslieder für Keyboard

In Fortsetzung seiner neuen, bereits umfangreichen Serie „Hit-Session“ veröffentlichte der Musik-Verlag Bosworth nun unter dem Titel „Keyboard – Weihnachtslieder“ eine Sammlung der beliebtesten Christmas-Songs aus aller Welt. Neben zahlreichen traditionellen, vorwiegend europäischen Weisen – von „Adeste Fideles“ bis „Zu Bethlehem geboren“, von „Feliz Navidad“ bis zu „Stille Nacht“ –  versammelte der Verlag auch eine Fülle englischsprachiger bzw. amerikanischer Christmas-Hits.

Berühmte Namen für Unterrichtszwecke

Hit Session - Weihnachtslieder für Keyboard (Bosworth Edition)Als Autor(inn)en fungieren hier so berühmte Song-Makers wie Mariah Carey, Boney M, John Lennon, Bryan Adams, Elvis Presley, Chris Rea oder Celine Dion, um nur wenige zu nennen, und Titel wie „Last Christmas“, „Jingle Bell Rock“, „Driving home for Christmas“, „Happy X-mas (War is over)“, „Sleigh ride“, „Rudolph, the red-noised Reindeer“, „Winter wonderland“ oder „Let it snow“ gehören auch hierzulande längst zum festen Weihnachtslieder-Kanon. Jeder Song beinhaltet neben den obligaten Akkord- und Tempo-Angaben auch die Strophentexte, er ist ausserdem in handlichem Format gedruckt und mit sehr praktikabler Spiralheftung versehen. Für  Unterrichtszwecke hätte man sich noch die Fingersätze der einstimmigen Keyboard-Notationen gewünscht, aber insgesamt: Empfehlenswert. ■

Hit-Session: Keyboard Weihnachtslieder, 140 Seiten, Bosworth Musikverlag, ISBN 978-3-86543-703-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Songbook auch über
Gospel for Pan – Die schönsten Gospels und Spirituals für 1 oder 2 Panflöte(n)


Hans Sahl: Der Mann, der sich selbst besuchte – Erzählungen

Hans Sahl: Der Mann, der sich selbst besuchte (Erzählungen)Mit dem vierten Sahl-Band „Der Mann, der sich selbst besuchte“ schließt der Luchterhand-Verlag seine sehr verdienstvolle Werkausgabe Hans Sahls ab. Das Buch, basierend auf dem bereits vor 25 Jahren in deutscher Sprache publizierten Band „Umsteigen nach Babylon“, enthält sämtliche Erzählungen des Autors, darunter auch eine Reihe von bislang unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass, sowie seine bereits zu Sahls Lebzeiten bekanntgewordenen Glossen. Diese oft an entlegenen Stellen veröffentlichten Miniaturen in dieser Ausgabe wieder verfügbar zu machen ist ein besonderes Verdienst dieser jüngsten und letzten Sahl-Anthologie.

Edition eines wertvollen Gesamtwerkes

Zurecht ist der Verlag stolz darauf, mit dieser Edition das erzählerische Werk Sahls in seiner Gesamtheit neu erschlossen zu haben – und damit das Werk „eines großen Autors“, der in die Emigration getrieben wurde, und der „doch auch in der Ferne nichts von seinem Witz und seiner moralischen Feinfühligkeit verlor“. Für literarisch besonders Interessierte und für jeden Freund hochstehender Kurzprosa unbedingt ein Favorit für das Buchgeschenk unterm Weihnachtsbaum! ■

Hans Sahl: Der Mann, der sich selbst besuchte, Erzählungen und Glossen, 416 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87293-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Lyrik auch von
Joanna Lisiak: Spurlos berührt (Drei Gedichte)


Sarah Lark: Die Insel der roten Mangroven – Roman

Sarah Lark: Die Insel der roten Mangroven (Lübbe Verlag)Auf Jamaika schreibt man das Jahr 1753: Deirdre, die Tochter der Engländerin Nora Fortnam und des Sklaven Akwasi lebt behütet auf einer Plantage. Bis sie den jungen Arzt Victor Dufresne kennenlernt und heiratet. Gmeinsam schifft man sich ein nach Saint-Domingue auf der Insel Hispaniola – um sich dort plötzlich dramatischen Verwicklungen ausgesetzt zu sehen.

Publikumswirksame Mischung

Sarah Lark – Pseudonym der deutschen Bestseller-Autorin Christiane Gohl – legt hier den zweiten Band ihrer erfolgreichen Karibik-Saga vor – und bedient sich bei fast allen publikumswirksamen Ingredienzien des Genres: Historisch bewegter Hintergrund, exotischer Schauplatz, grandiose Heldenhaftigkeit, und selbstverständlich ein sattes Maß an Herz-Schmerz.
Für Kenner und Geniesser des sog. Historischen Romanes sind die „Mangroven“ kein Muss, doch für Lark-Fans sicher ein neuer Höhepunkt des Lesespaßes. ■

Sarah Lark: Die Insel der roten Mangroven, Roman, 668 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 978-3-7857-2460-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Historische Romane auch über
Rolf D. Sabel: Der Pompeji-Papyrus