Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit (Roman)

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Simenon und Glauser im Roman vereinigt

von Alexandra Lavizzari

In ihrem zweiten, ebenfalls im Limmat Verlag erschienenen Roman „Die schiere Wahrheit“ gewährt die Schaffhauser Autorin Ursula Hasler Einblick in die Schreibwerkstatt zweier grosser Krimischriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Charakter und Lebensläufe unterschiedlicher nicht hätten sein können: Des Belgiers Georges Simenon, dessen mit leichter Feder hingeworfene Maigret-Romane ihm schon früh eine finanziell gut gepolsterte Existenz ermöglichte, und des glück- und ruhelosen Schweizers Friedrich Glauser, der sich, von Morphiumssucht geplagt, seine Studer-Romane unter schwersten psychologischen Bedingungen abringen musste.

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit - Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman - Limmat VerlagSie hätten einander im wahren Leben begegnen können, Georges Simenon und Friedrich Glauser, denn zufälligerweise weilten beide im Sommer 1937 unweit voneinander an der westfranzösischen Atlantikküste. Glauser war mit seinem Roman Matto regiert endlich der Durchbruch gelungen, und er hoffte, an der Seite von Berthe Bendel in einem kleinen Badeort südlich von Nantes seine inneren Dämonen bändigen zu können, um verschiedene literarische Projekte zu Ende zu führen.

Georges Simenon - Glarean Magazin
Vater der legendären Maigret-Romane: Georges Simenon (1903-1989)

Zur gleichen Zeit flüchtete sich Simenon mit seiner schwer depressiven Frau vom Pariser Trubel in die Nähe von La Rochelle, wo er sich nach den erfolgreichen Maigret-Romanen endlich der wahren Literatur zu widmen gedachte. Dieses zeitlichen und geografischen Zufalls hat sich Ursula Hasler in ihrem Roman bedient, um einen Krimi zu schreiben, der die literarischen Eigenheiten beider Autoren miteinander verknüft. Eine Fusion sozusagen, bloß dass Glausers Wachtmeister Studer nicht Simenons Maigret zur Seite steht, sondern eine alte Jungfer namens Amélie Morel, die sich Simenon spontan als Ersatz ausdenkt, weil er 1937 noch im Ernst glaubte, seinen populären Kommissar endgültig in den Ruhestand geschickt zu haben.

Prosa mit Helvetismen

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Buch-Autorin Ursula Hasler sagt es jedoch selbst: Die schiere Wahrheit ist eine Spielerei, als herkömmlicher Krimi nicht wirklich ernst zu nehmen. Und tatsächlich ist nicht so sehr der von Simenon und Glauser während ausgedehnten Strandspaziergängen erfundene Plot um einen am Strand tot aufgefundenen Amerikaschweizer interessant, sondern die Zwischenkapitel, in denen die beiden sich über ihr Schreiben, das Konzipieren von Kriminalfällen, ihre Figurenzeichnung und Evozierung bestimmter Milieus und Atmosphären unterhalten.
Man spürt, dass diesen fiktiven Gesprächen ausgedehnte Recherchen der Autorin zugrunde liegen. Hasler hat nicht nur Leben und Werk von Simenon und Glauser minutiös unter die Lupe genommen, sondern auch deren jeweiligen Schreibstil, den sie sich im eigenen Roman auch aneignet. So streut sie gern Helvetismen in ihre Prosa, wenn Glauser – oder Monsieur Glosère, wie Simenon seinen Kollegen nennt – an der Reihe ist, ein Kapitel des Kriminalfalls beizusteuern. Bisweilen klingen diese Helvetismen etwas forciert, aber während der Lektüre auf Wörter wie „Lismete“, „blutt“, „Chabis“, „z’Bern“ und dergleichen zu stoßen, ruft einen immerhin in Erinnerung, dass man es bei diesem in einem französischen Seebad angesiedelten Roman doch letztlich mit einem Schweizer Text zu tun hat.

Glausers exakt beobachtete „Sächeli“

Friedrich Glauser - Studer Manuskript und Schreibmaschine - Glarean Magazin
Friedrich Glausers „Studer“-Manuskript mit Schreibmaschine (Szenen-Foto aus dem Film „Glauser“)

Simenons und Glausers Postulat, wonach der Autor sich für die Erzeugung von Spannung nicht unbedingt eine verzwickte Handlung ausdenken muss, beherzigt die Autorin leider etwas zu wörtlich. Mitte des Romans lässt sie Glauser sagen: „Eine Handlung kann unglaublich langweilig sein, statisch möchte ich sagen, und eine Erzählung, in der schier nichts passiert, kann spannend sein und voll Dynamik. Nämlich mit exakt beobachteten Sächeli…“
Stimmt. Man denke an Proust Monumentalwerk, in dem über Seiten nichts passiert außer einem Lächeln oder dem von einer Frauenschulter Gleiten eines Schals. Prousts exakt beobachtete „Sächeli“ sind indessen nicht bloße Beschreibungen, sondern mit Erinnerungen, Assoziationen und Emotionen befrachtete Wahrnehmungen, die auf die momentane Befindlichkeit des Beobachtenden zurück reflektieren. In Haslers Prosa sind diese „Sächeli“, die eine Atmosphäre schaffen und die Eigenart der Figuren herauskristallisieren sollten, jedoch meist nur unnötiger Wortballast.

Klischierung von Figuren

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Die dermassen aufs bloße Beschreiben reduzierte Sprache führt bald einmal zur Klischierung der Figuren und Situationen. Vor allem die tüftelnde Amélie Morel verkommt dabei zur blassen französischen Karikatur von Agatha Christie’s Miss Marple. Dass sie eine alte Jungfer ist, wird einen bei jeder Gelegenheit – und ausführlichst – in Erinnerung gerufen, so auch, dass Glauser arm und Simenon reich ist. Aber auch die Prosa selbst ist bis auf den flotten und einladenden Anfang oft überladen und zeitigt bisweilen arg missglückte Stilblüten: „…der zierliche Korbsessel knackte entsetzt und entsetzlich…“ oder: „An ihrem Tisch hockte bockig das Schweigen…“
Was nach der Lektüre dieses Romans bleibt, ist eine Mischung von Ärger und Enttäuschung. Die grundlegende Idee mitsamt überraschendem Schluss à la Pirandello ist brillant und der Schauplatz – Strand, Dünen, Seebad – mit sichtlicher Liebe evoziert, aber eine halbierte Seitenzahl hätte es auch getan, sowohl der Zeit und Geduld des Lesers als auch den beiden hervorragenden Krimiautoren zuliebe, die Hasler hier zum Leben erwecken wollte. ♦

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit – Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman, Roman, Limmat Verlag, 342 Seiten, ISBN 978-3-03926-020-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Krimi auch über Thomas Brändle: Das Geheimnis von Montreux

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit (Roman)

Peter Biro: Der Fluch der Aphrodite (Eine Corona-Reise-Humoreske)

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Der Fluch der Aphrodite

Peter Biro (Text und Fotos)

„Ich kam, sah und siechte“

So hatte ich mir meine aktuelle Ferienreise auf Zypern nicht vorgestellt. Was ursprünglich als ein kleiner, zweiwöchiger Ausflug auf die mediterrane Sonneninsel geplant war (und als solcher auch anfing), endete mit einem Aufenthalt in einem heruntergekommenen Aussätzigenasyl. Ein denkbar steiler Abstieg für einen qualitätsbewussten, fröhlichen Weltenbummler. Aber beginnen wir von vorn.

Aphrodites wunderbare Reisepläne

Meine äußerst reisekundige Gemahlin kam mit der Idee, meine bevorstehenden zwei Ferienwochen im September auf Zypern zu verbringen. Das sei eine ideale Destination in dieser Jahreszeit: Sonniges Wetter, warmes Meer und eine mit Pinien und Zypressen gesprenkelte Landschaft ganz nach unserem Geschmack. Und als besonders verlockende Dreingabe für Wohlgeimpfte wie wir: Die Befreiung von Covid-Tests bei der Einreise.
Für uns mit unserer bewährten Langstreckenerfahrung bedeutete der Flug von weniger als vier Stunden einen vergleichsweise gemütlichen Hüpfer. Nach kurzer Debatte über die Details der Unterbringung einigten wir uns auf eine Woche in einer angemieteten Villa im Nordwesten, gefolgt von einem Hotelaufenthalt im Südosten. Bis zum Wechsel des Aufenthaltsortes würden wir uns außerdem ein Auto mieten, welches der örtlichen Gepflogenheit entsprechend, spiegelverkehrte Innereien aufweist (in der Medizin heißt dieser seltene, angeborene Umstand situs inversus). In Zypern herrscht nämlich Linksverkehr. Auch diese Herausforderung quittierte ich mit nur einem Achselzucken, was, wie sich später herausstellte, doch nicht so einfach war wie theoretisch angedacht. Aber auch damit ging es nachher gut, insbesondere nachdem ich mir fest vorgenommen hatte, mich nach jedem Rechtsabbiegen bewusst links zu halten; es war schon erstaunlich, wieviel Aufmerksamkeit und Willenskraft die konstante Einhaltung dieses guten Vorsatzes erforderte.

Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns
Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns

Guten Mutes und mit allen Requisiten eines Strandurlaubs ausgestattet traten wir die wohlgeplante Reise an. Zwar ist die Insel in etwa von Ost nach West durch eine Waffenstillstandslinie zwischen dem griechischen Süden und dem türkisch besetzten Norden geteilt. Aber der nordwestliche Zipfel mit der naturbelassenen Akamas-Halbinsel gehört noch zum griechischen Teil. Und dort, am wogenden Busen der Natur, fanden wir die „Latchi Luxury Villa“, in der wir unsere erste Urlaubswoche verbrachten. Der geräumige Bungalow mit Garten und Pool war eine angemessene Unterbringung für uns zwei verwöhnte Weltreisenden. Die kleine Hafenstadt bei Neo Chorio war pittoresk und bot ausgedehnte Strände und Verpflegungsmöglichkeiten mit reichlich Lokalkolorit. Der Akamas-Naturpark mit seinen Pinienwäldern ist von holprigen Naturpfaden durchzogen, auf denen man nur mit Quads oder Buggys verkehren kann – grundsätzlich nur in halsbrecherischem Tempo; eine Tätigkeit, der wir auch zwei ganze Ausflugstage widmeten.

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Natürlich war uns die mythologische Geschichte um Aphrodites Schaumgeburt an den Gestaden der Insel bekannt. Was wir nicht wussten, war, dass die prominente Dame, das Urbild aller Kosmetikerinnen, überall auf Zypern ihre Spuren hinterlassen hatte – sehr zum Wohlgefallen der lokalen Geschäftswelt. Nahezu fast alles, was sehens- oder bemerkenswert ist, trägt ihren werbewirksamen Namen. Das sind unzählige Tavernen, Pizzerias, Ausflugsboote und allerlei Seifen und Waschpulver. Und natürlich sind diverse Sehenswürdigkeiten und Naturphänomene mit ihrem Namen verbunden.

Auf der Akamas-Halbinsel besichtigten wir „Aphrodite‘s Bath“, eine Süßwasserquelle in einer nischenförmigen Vertiefung im wild überwucherten Berghang, allerdings mit Planschverbot für Normalsterbliche. Unweit davon gibt es das „Aphrodite Beach“, wo wir uns, der mythologischen Bedeutung des Ortes vollkommen bewusst, in die warmen Fluten stürzten, um ihnen anschließend in dramatischer Manier wieder zu entsteigen. Irgendwie gelangen diese Ausstiege meiner Frau weit überzeugender als mir.
Dann weiter im Süden ist noch „Aphrodite‘s Rock“, eine Felsformation im türkisblauen Meer, die postkartenartige Motive für Fotoaufnahmen von Damen bietet, die, ihrer berühmten Geschlechtsgenossin nacheifernd, sich vor der grandiosen Kulisse in laszive Posen werfen. Weitere Aphrodisiaka hatten wir nicht mehr ins Programm genommen, dafür war unsere Ferienzeit zu kurz.

Keine Frage, die zypriotische Gastronomie ist besonders wohlschmeckend und infolgedessen berühmt. Sie beruht zum großen Teil auf frisch gefangenen Meeresfrüchten, inseleigenem Gemüse und von uralten Bäuerinnen bei Sonnenaufgang gezupften Kräutern. Darüber hinaus wird fast alles mit Krümeln von Fetakäse bestreut. Das ebenfalls autochthone Olivenöl mitsamt eingelegten ganzen Früchten rundet das Ganze ab. Man bleibt nicht hungrig auf Zypern. Im Gegenteil. Ich musste mir allerdings im Verlauf des Zypernaufenthalts neue Hosen zulegen.

Aphrodites gastliche Herbergen

Felsformation namens “Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel
Felsformation namens „Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel

Obwohl es heißt, dass man am siebten Tage ruhen soll, sattelten wir stattdessen unseren Fiat und fuhren an das diametral entgegengesetzte, südöstliche Ende der Insel, das wesentlich touristischer erschlossen ist und entsprechend auch mehr Komfort bietet. Wir zogen in unser sehr schickes, brandneues Adults Only-Hotel im sicheren Bewusstsein dessen, dass nun die zweite, noch luxuriösere Hälfte unserer Urlaubsreise anbrechen würde.
Zunächst sah es danach auch aus. Das Zimmer mit Prachtbalkon und Panoramablick zum azurblauen Meer, ausgedehnte Poollandschaft sowie Service vom Besten versprachen einen tadellosen Aufenthalt. Direkt neben der angrenzenden Klippe gab es eine kleine, kieselsandige Bucht, in der man ins körperwarme Meer waten und zwischen Fischen und Schildkröten herumschwimmen konnte. Es war einfach zu perfekt, um so zu bleiben.

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Und ebendarum blieb es nicht so. Am dritten Tag verspürte ich eine gewisse Unpässlichkeit, später kam ein dumpfer Kopfschmerz dazu, das sich bei jedem Hustenstoß verstärkte. Letztere beruhten auf einen ständigen Hustenreiz, der die Trias der häufigsten Covid-Symptome dekorativ abschloss. Mit einem Wort, die gefürchtete Erkrankung war bei mir scheinbar ausgebrochen, und das trotz erfolgter, doppelter Impfung sieben Monate zuvor. Von unziemlichen Befürchtungen geplagt hielt ich mich etwa zwei Tage lang vornehmlich im Hintergrund, und hegte die Hoffnung, dass sich das alles geben würde. Es gab sich aber nicht, die Kopfschmerzen schrien förmlich nach Tabletten.
Dann entschloss ich mich zur Klärung des Sachverhalts. In der benachbarten Apotheke absolvierte ich einen sogenannten Rapid Test, der in fünf Minuten die Gewissheit brachte: Ich hatte einen sog. Impfdurchbruch und war an Covid erkrankt. Durch den Test tauchte mein Name automatisch in den Annalen der Gesundheitsbehörde auf, und da das Ergebnis eindeutig positiv war, begann mein drastischer Abstieg vom luxusverwöhnten Reisenden zum als allgemeingefährlich geltenden Aussätzigen, der vom Rest der Menschheit fernzuhalten ist.
Hätte ich den Test nicht durchgeführt, wäre mir die Ächtung wahrscheinlich erspart geblieben, aber ich wäre gleichzeitig eine wandernde Ansteckungsquelle für ahnungslose Mitmenschen geworden – eine Schuld und Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen wollte.

Aphrodites herzzerreißende Verzweiflung

Das positive Testergebnis löste eine ganze Reihe bürokratischer Aktivitäten aus: Ich wurde noch einmal getestet, anschließend musste ich eine detaillierte Liste meiner Begegnungen der letzten Tage erstellen und mich fürs Abholen in ein besonderes Isolationshotel bereitmachen. Meine Frau, die nachweislich Covid-negativ war und das auch glücklicherweise blieb, schwankte in ihrer Haltung mir gegenüber zwischen Tröstung und blutigen Lynchphantasien. Ich versuchte ihre Balance mehr in Richtung der ersteren zu lenken und nahm herzzerreißend Abschied von ihr, als ich von einem grimmig dreinblickenden Talibankämpfer abgeführt wurde. Sie hätte anderntags nach Hause fliegen können, entschloss sich aber zu bleiben und meine zehntägige Isolation abzuwarten.

Ich nahm also Abschied von allem, was mir lieb und teuer war: Lieb war die Frau, teuer war das vorzeitig verlassene Adults Only-Hotel. Allein schon die Fahrt in die „Eden Ressort“ genannte, behördlich geführte Abschottungs-Institution gab mir schon einen Vorgeschmack auf den nun unaufhaltsam einsetzenden sozialen Absturz: Der Kleintransporter, mit dem man mich wegkarrte, war ein unbequemer, schäbiger Gefängnisbus, mit dem man wahrscheinlich zum Tode Verurteilte zur Hinrichtung zu fahren pflegte. Vom Fahrer komplett abgetrennt saß ich allein in einer isolierten Passagierkabine und konnte durch die kleinen Fenster die entsetzten Gesichter von Passanten am Straßenrand beobachten, die mich mit betroffenem Gesichtsausdruck wahlweise voller Mitleid oder vor Entsetzen anguckten. Sie schienen das beige Gefährt zu kennen, mit dem man die Insel von gefährlichen Subjekten zu reinigen pflegte.

Einziger Lichtblick im "Eden Resort": Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich
Einziger Lichtblick im „Eden Resort“: Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich

Bei der Ankunft ins abgelegene Isolationshotel wurde ich von einer nach Astronautenart vermummten Gestalt in Empfang genommen und in mein Zimmer geleitet. Der Alien sprach kein Wort mit mir, machte nur unmissverständliche Gesten und ließ mich allein und etwas ratlos in meiner tristen Kemenate zurück. Welch ein Unterschied zur servilen Katzbuckelei des Bedienpersonals im Hotel! Unterwürfiges Verhalten mir gegenüber konnte ich noch nie ausstehen, jetzt aber begann ich mich geradezu danach zu sehnen. Das ganze Ambiente meiner neuen Bleibe verströmte den Charme einer sibirischen Jugendherberge zu Zeiten Nikita Chrustschows. Für das Notwendigste war gesorgt, aber auch nicht mehr: Bettwäsche, Handtuch, Seife und ein Wasserkocher. Die drohend aufgelegte Hausordnung klang nicht viel angenehmer als diejenige eines Instituts für schwererziehbare Kleinkriminelle. Das karge, ziemlich abgewetzte und lieblos eingerichtete Doppelzimmer durfte ich alleine bewohnen, was ein Privileg war, wie man mir anschließend versicherte. Andere Insassen mussten sich zu zweit ein Zimmer teilen.

Aphrodites trostlose Siechengruft

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Damit begann mein zehntägiger Aufenthalt in einer Institution, die allem Anschein nach auf einer Romanvorlage von Kafka beruhte: Lange, schummrig beleuchtete Korridore, keinerlei Schmuck an den Wänden, aber überall Kameras an der Decke. Gelegentlich huschten miesgelaunte Gestalten aus oder ins Zimmer. Die überwiegende Mehrzahl der Hotelgäste waren russische Reisende, die nach der Ankunft getestet und für positiv befunden wurden. Die wenigsten waren wie ich während des Aufenthalts erkrankt. Wer während der Isolation nicht an Covid sterben würde, dem drohte der Tod durch Langeweile und Vereinsamung. Man sollte sich möglichst nur im Zimmer aufhalten, konnte aber auch auf den Flur hinausgehen und mit anderen Insassen seine Erfahrungen und nebenbei auch seine Viren austauschen. Draußen vor dem Haus war ein kleiner, höchst dilettantisch abgesperrter Bereich zum Luftschnappen bereitgestellt. Dort traf ich die anderen Delinquenten, deren wichtigste Beschäftigung das Rückwärtszählen der Tage war – auf Russisch natürlich. Ein Glück, dass wir einen halbwegs funktionsfähigen WIFI hatten, so dass der wacklige Kontakt zur Außenwelt einigermaßen aufrechterhalten werden konnte.

Drei Mal am Tag klopfte es kurz an der Tür, und wenn man öffnete, baumelte an der Klinke bereits eine Tüte mit der nächsten Mahlzeit. Diese war mengenmäßig in Ordnung, aber über die Qualität und Schmackhaftigkeit gingen die Meinungen auseinander; zumindest für diejenigen, die noch schmecken und riechen konnten. Diese schwankten zwischen „scheußlich“ und „erträglich“. Immerhin, Zypern ließ seine in Ungnade gefallenen Besucher nicht verhungern. Allerdings ließ es sie deutlich spüren, dass sie als Virusträger höchst unwillkommen waren, und dass man sie nur aus humanistischen Gründen am Leben halten würde.

Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im “Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl
Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im „Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl

Die sich in der Isolation entfaltenden Probleme waren vielerlei Art: Ausgeliefertsein, Vereinsamung, Ameisenprozession entlang des Bettrands, ein Schlangenfraß von einer Verpflegung, und natürlich allem voran die zähfließend um sich greifende Langeweile. Diese Umstände wechselten sich in verschiedensten Kombinationen ab. Alleine die Vorstellung, dass dieses Elend zehn ewigwährende Tage und Nächte andauern würde, lieferte insbesondere am Anfang reichlich Rohstoff für eine zünftige Depression.
Aber man darf auch nicht die angenehmen Seiten der Abschottung vergessen: man konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen. Allerdings, spätestens nach zwei Stunden hatte ich sämtliche meine Gedanken aufgebraucht, und es kam nichts Neues mehr hinzu. Ich beschloss meine Erlebnisse aufzuschreiben, als investigativer Journalist direkt am Ort des Geschehens gewissermaßen. Ich würde sie dem Feuilleton der New York Times anbieten, oder noch besser, sie als Beitrag für den Pulitzer-Preis einreichen. Aber die kostbaren Eingebungen versiegten schnell, und es fielen mir nur diese larmoyanten Jammerzeilen ein.

Abends vor dem Einschlafen wünschte ich mir als Erstes, anderntags woanders aufzuwachen. Meinetwegen inmitten einer Autobahnkreuzung, oder in der Wüste Gobi, auf einer Müllhalde, in einem Schlachthaus, oder sogar inmitten eines dieser neuartigen Gyms von schwitzenden Männern umlagert – egal wo, nur nicht wieder hier. Doch es half nichts, ich erwachte jeden Morgen in den nassgeschwitzten Laken des „Eden Resorts“ wie an einem sich fortwährend wiederholenden Murmeltiertag. Natürlich ventilierte ich insgeheim so meine Ausbruchsphantasien. Am besten sollte ich analog zum Sklaven Jim einige Abschiedsworte mit Blut auf Klopapier hinterlassen, aber woher die streichfähige Blutwurst nehmen? Die Aufpasser danach zu fragen, hätte meine Absichten aufgedeckt.

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Nein, wie sich bald herausstellte, aus dem streng überwachten Komplex war kein Entkommen möglich. Die elende Behausung, welche passenderweise besser Aphrodites Siechengruft hätte heißen sollen, hielt seine positiv getesteten und negativ gestimmten Insassen mit den muskulösen Armen einer fürsorglichen Brachialschwester aus der geschlossenen Psychiatrie fest. Wohin hätte man auch ausreißen sollen? Wenn man zufälligerweise keinen Oligarchen zum Freund hatte, der einen in einer heimlichen Aktion aus einer abgelegenen Bucht abholen und auf seiner Jacht davonsegeln würde… Tja, dann könnte man dem Martyrium ein vorzeitiges Ende setzen. Mein bester Freund ist leider kein Oligarch, nicht mal stellvertretender Assistenzbuchhalter auf Stundenbasis, und eine Jacht hat er auch nicht. Nur ein abgewetztes Surfboard. Was blieb: weiterhin die Zeit rückwärts zählen.

Aphrodites bedauernswerte Jünger

Werfen wir nun einen Blick auf die Insassen, die im gleichen Schlamassel steckten wie ich. Auf den drei Etagen waren dem Vernehmen nach an die 130 Verurteilte einquartiert, aber den meisten von ihnen begegnete ich nicht. Meine benachbarten Flurkollegen waren mit wenigen Ausnahmen lauter Russen: Einzelpersonen oder Familien mit Kindern aller Altersgruppen. Alle versuchten den Kleinen den Zwangsaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und versorgten sie mit eingeschmuggelter Eiscreme oder unterhielten sie mit improvisierten Spielen wie Bowling mit einem Gummiball und leeren Wasserflaschen.
In dem kleinen Viereck draußen vor dem Haus liefen unendliche Diskussionsrunden zwischen den Insassen, die sich vermutlich stets um dasselbe drehten: unserem Schicksal als weggesperrte Aussätzige. Das allerdings ist aus sprachlichen Gründen nur eine Vermutung. Unter den Russen gab es eine Mehrzahl, die keine andere Sprache beherrschte, und eine Minderheit, die passabel Englisch konnte. Zu den Letzteren gehörte ein armenisches Pärchen aus Georgien. Sie wurden von den Ereignissen auf ihrer Hochzeitsreise eingeholt, die ihnen wohl in denkwürdiger Erinnerung bleiben dürfte. Die einzigen Nicht-Russen waren ein junges Paar mit Kleinkind aus Birmingham, er Lastwagenfahrer, sie Hebamme und selber hochgradig schwanger. Dann gabs noch einen Inder und zwei Syrer, die ununterbrochen an ihren Handys hingen.

Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt
Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt

Als Isolations-Anfänger musste ich den nach und nach erfolgenden Abgang meiner alteingesessenen Kameraden erleben, die langsam durch neue Einlieferungen ersetzt wurden. Mit einer gewissen Befriedigung nahm ich meine Entwicklung vom ansteckenden Grünschnabel zum Quarantäne-Veteranen zur Kenntnis und versorgte meinerseits die Neuankömmlinge mit wertvollen Tipps. Einer davon war der virtuelle Einkauf von komfortverbessernden Dingen im nahegelegenen Ramschladen. Das spielte sich so ab, dass der Ladenbesitzer, ein gewisser Demetrios, einem per WhatsApp über hundert Bilder von seinen Ladenregalen zuschickte. Darauf konnte man in mühsamer Sucharbeit die gewünschten Produkte lokalisieren, deren griechische Aufschriften einen jedoch oft zum Rätselraten veranlassten: Waren das nun geröstete Pistazien in Wasabikruste oder assortierte Pfeilspitzen aus Bronze für die Belagerung von Troja? Wahrscheinlich erstere.

Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen
Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen

Wenn man das Gewünschte endlich erkannt und lokalisiert hatte, dann sandte man das entsprechende Regalbild wieder zurück mit einem Hinweis wie „2 pcs of the strange looking yellow item on the upper row in third position from left, please. And a banana“. Außerdem schickte man dem geschäftstüchtigen Demetrios – nach Überwindung stärkster innerer Hemmnisse – seine Kreditkartendetails und wartete auf die Lieferung. Letztere traf meist am Nachmittag ein, und man wurde von der Rezeption angerufen, um das Bestellte bei der Pforte entgegen zu nehmen. Diese öffnete sich für einen Sekundenbruchteil und fiel nach der Entgegennahme der Sendung gnadenlos schnell wieder ins Schloss. Danach stand man erneut einsam und verlassen vor dem wieder hermetisch versperrten Himmelstor und zog mit seinen Antidepressiva schwermütig von dannen.

Einmal am Tag kam ein Vermummter vorbei und hielt einem eine Pistole an den Kopf. Okay, sein Thermometer sah nur wie eine Pistole aus. Aber auf dem Display erschienen unmittelbar die Zeichen der Zeit: „36,4°C“ oder „Sterblicher, dein Leben nähert sich seinem Ende“.
Meine Temperatur war glücklicherweise stets normal, aber um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, buchte ich für den Tag meiner vorgesehenen Entlassung schon mal vorsorglich den Rückflug. Das hielt ich für ein wirksames Mittel, die Zukunft vorwegzunehmen bzw. gezielt zu meinen Gunsten zu beeinflussen. Wenn der Trick klappt, könnte sich das als lebensverlängernde Maßnahme erweisen. Dann werde ich schon mal ein Ticket zum Silvesterball von 2076 buchen – zu meinem 120. gewissermaßen, den ich am liebsten mit Kaviar, Champagner und einem Dutzend Gogo-Tänzerinnen mit rosa Federboas verbringen möchte.

Aphrodites keimende Hoffnung

Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner
Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner

Inzwischen korrespondiere ich in Bild und Ton mit meiner von der Infektion verschonten Frau. Meine Idee vom Silvesterball im 2076 fand sie sehr gut, bis auf die Sache mit den rosa Federboas. Zwölf davon seien einfach zu viel für einen Hundertzwanzigjährigen. Sie hat sich aus Kummer über mein Schicksal eine kleine Luxussuite gemietet mit direktem Poolzugang und nicht weit vom Strand. Dort versucht sie das Strandleben stellvertretend für mich zu genießen.
Im Gegensatz zu mir muss sie sich selbst versorgen, während ich hier alle Annehmlichkeiten der Vollpension in Anspruch nehmen darf. Nichts wünscht sie sich so sehr wie ebenfalls Mahlzeiten in grünen Plastiktüten außen an den Türknopf gehängt zu bekommen. So ist nun mal das traurige Schicksal des alleingelassenen Luxusreisenden: man/frau kann nicht alles haben. Aber sie weiß auch, dass sie auf keinen Fall ins „Eden Resort“ rein darf. Sie muss stark sein und die Wartezeit auf meine Freilassung in der Einsamkeit ihrer Luxuswohnung mit Meerblick aushalten. Arme Marina!

Die 10 Tage begannen zunächst unmerklich, danach ganz sachte abzuperlen. Noch sieben Tage, noch sechs Tage, noch fünf Tage (gleich Halbzeit)! Noch vier Tage, noch drei Tage, noch zwei Tage (gleich Lagerkoller). Dabei habe ich einen neuen Rekord aufgestellt: 30 geradezu ungenießbare Mahlzeiten, die in grünen Tüten am Türknopf hingen, aufgegessen und verdaut.
Dann blieb nur noch ein Tag, d.h. weniger als 24 Stunden! Ich bekam ein Austrittszertifikat, welches mir bescheinigte, dass ich wieder ein Mensch wie jeder andere war und kein Staatsfeind mehr. Man fragte sogar, auf welche Uhrzeit ich das Taxi bestellen wolle, welches mich abholen sollte. Oh! Ein „Taxi, taxi, oder besser ταξί!“, welch ein wundervolles Wort aus der klassischen Antike, ursprünglich wohl der Kriegswagen von Menelaos – dachte ich zumindest. Stimmt leider nicht, es kommt vom lateinischen taxa für die Berechnung eines Fahrpreises. Mir egal, Hauptsache es bringt mich geschwind weg von hier.

Aphrodites spürbare Erleichterung

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Während Sie diese Zeilen lesen, die mit garantiert virusfreien Tränen der Rekonvaleszenz geschrieben wurden, bin ich bereits in der Schweiz bei der Arbeit und blicke mit Erstaunen und Dankbarkeit auf meine Reise nach Zypern zurück. So ein Abenteuer ist nicht jedermanns Sache. Auf die ängstlich vorgetragene Frage des französischen Schriftstellers Arthur Rimbaud an seinen Freund und Berufskollegen Arthur Schnitzler, was er denn tun sollte, antwortete dieser mit dem vielzitierten: „Du fragst mich, was Du tun sollst? Ich sage Dir, lebe wild und gefährlich!“ Ich halte es mit dem Österreicher. Der übervorsichtige Rimbaud ignorierte den freundlichen Rat seines Kollegen und starb jung im Bett. Mir kann das, jetzt mit dem baldigen Erreichen des 65. Lebensjahrs, wohl nicht mehr passieren…
Ich bitte um Nachsicht für den plötzlichen Abbruch dieses Diskurses an dieser Stelle. Soeben habe ich herausgefunden, dass es sehr verlockend wäre, eine Flusskreuzfahrt auf dem Oberen Nil zum Tanganjika-See zu unternehmen. Die Malaria schert mich wenig bis gar nicht, schließlich habe ich einen Mückenspray. Und Ebola – Schnebola… ist mir Wurst! ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN außerdem die Satire von Peter Biro: Schreibblockade oder Der Förster und die Jägerin

Peter Biro: Der Fluch der Aphrodite (Eine Corona-Reise-Humoreske)

Edgar Rai: Ascona – Romanbiographie über E. M. Remarque

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Elend und Zuflucht im Schweizer Exil

von Christian Busch

In seinem neuen biographischen Roman „Ascona“ schildert Edgar Rai sechs Jahre aus dem Exilleben des deutschen Bestsellerautors E. M. Remarque – und seinen Kampf mit den äußeren und inneren Dämonen seiner Zeit.

Edgar Rai: Ascona (Roman-Biographie über E.M. Remarque) - Piper VerlagEs ist der Abend des 18. März 1939. Die Queen Mary steht am Hafen von Cherbourg – bereit zur Überfahrt nach New York. Als sie ablegt, sind 6’000 Passagiere an Bord des Luxuskreuzers, der für 2000 Menschen ausgelegt ist – alle auf der Flucht vor der drohenden, braunen Schlammlawine, die sich anschickt, Europa und die ganze Welt zu überrollen.
Vor ihnen liegt eine ungewisse, ferne Zukunft in Amerika. Als einer der letzten Schiffsgäste erreicht ein Mann das Schiff, der in einem stotternden Lancia über 1000 Kilometer aus dem Schweizer Exil Ascona zurückgelegt hat: Erich Maria Remarque, ein überzeugter Pazifist, der Autor des Welterfolgs und Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“, die Stimme der „verlorenen Generation“, die „vom Krieg zerstört wurde, auch wenn sie seinen Granaten entkam“. Sechs Jahre zuvor hatte er nach Hitlers Machtergreifung Berlin und seine jüdische Exfrau bei Nacht und Nebel zurücklassen müssen.

Ascona – Zufluchtsstätte für Künstler im Exil

Erich Maria Remarque - Roman-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Weltberühmter Autor des Antikriegs-Romanes Im Westen nichts Neues: Erich Maria Remarque (1898-1970)

Edgar Rai, der – vom Film kommend, nach Abstechern in verschiedenen literarischen Gattungen – zuletzt sehr erfolgreich im Genre des biographischen Romans heimisch geworden ist, hat sich (nach seiner jüngsten Darstellung der deutschen Befindlichkeit in den 20er Jahren und der Filmwelt um Marlene Dietrich) nun auf die Spuren von Erich Maria Remarque begeben.
In seinem Roman „Ascona“ erweckt er die sechs Jahre, die der angefochtene Exilschriftsteller in seiner Villa am Laggio Maggiore verbracht hat, zum Leben. Er erzählt in vierzig locker verknüpften Kapiteln zunächst von der illustren, aber auch leicht skurrilen Exilgemeinde, zu der emigrierte Künstler (Emil Ludwig, Else Lasker-Schüler, Ernst Toller, la Nonna), aber auch um die Kunst buhlende Industrielle gehören (Max Emden, Eduard von der Heydt). Man trifft sich im Café Verbano, wo man sich von der attraktiven Fede verzaubern lässt – Schmelztiegel einer brüchigen Welt mit ungewisser Zukunft. Auch Remarque gehört zu diesen heimatlosen, entwurzelten Künstlerseelen. Alle kämpfen um ihre Existenz, aber auch um ihren Stolz.

Erlösung durch die Liebe

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Doch dann widmet sich der Erzähler mehr und mehr dem unsteten, ausschweifenden Liebesleben Remarques, jedoch nicht aus Neu- oder Sensationsgier, sondern weil der Liebe nicht nur in dessen Romanen, sondern auch in dessen Leben Erlösungsfunktion zukommt. Immer wieder muss Remarque bei den Begegnungen mit Emil Ludwig von dessen Produktivität hören, während er – von Selbstzweifeln durchdrungen – jahrelang um die Umgestaltung seines Romans „Pat“ (später „Three Comrades“ / Drei Kameraden) ringt.
Remarque bleibt – im Werk wie im Leben – ein von seinen Kriegserlebnissen traumatisierter, beziehungsunfähiger Einzelgänger, der sich nicht öffnen kann.
Auf rauschende Feste und sexuelle Eskapaden folgen Phasen der Ernüchterung und Impotenz. Schließlich begegnet er in Venedig Marlene Dietrich, die er in ihrer selbstzerstörerischen Affäre „das Puma“ nennt und ihr und ihrem Clan doch in aller Ausweglosigkeit zunächst nach Paris, dann sogar nach Amerika folgt. „Wenn ich danach Ihre Lesbienne sein darf“, sagt er zu ihr.

Sorgfältig recherchierte Episoden

Edgar Rai - Schriftsteller - Glarean Magazin
Romancier Edgar Rai (hier bei einer nächtlichen Lesung in Aachen)

Zweifellos ist Edgar Rai hier in seinem Element, er hat ausführlich recherchiert und es gelingt ihm, in seiner filmszenisch und episodenhaft orientierten Darstellung dieser Zeit und vor allem dem nicht leicht zugänglichen Literaten Leben einzuhauchen, ohne zu überzeichnen oder allzu sehr zu psychologisieren. Rai hat ein sicheres Gespür für die Auslegung und Grenzen seiner Quellen. Er heftet sich seiner Figur aufmerksam, dicht und doch diskret an die Fersen, ohne ihr zu nahe zu treten. Lediglich die angedeutete Parallele zwischen Jutta und Remarques Protagonistin Pat kann nicht überzeugen und ist misslungen – zu unterschiedlich sind die beiden Charaktere.
Auch stockt im Mittelteil die Handlung etwas. Manche Kapitel wirken seifenopernartig, durch vage Paukenschläge miteinander verknüpft. Fulminant dagegen der letzte Teil mit einer intensiven Darstellung der „Liaison dangereuse“ zwischen der voller Allüren und Egozentrik steckenden gefeierten Film-Diva und dem von Selbstzweifel gebeutelten und dem Alkohol allzu sehr verbundenen Schriftsteller. Der Leser spürt: Hier ist nichts ausgebreitet, nichts erfunden, sondern alles wahr.

Kurzweilige Roman-Biographie

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Damit gelingt dem in Berlin lebenden Autor Rai sogar das, was auch Remarques Antriebsfeder war: Ein Sittengemälde seiner Zeit und das Porträt eines tragischen Helden. Auch wenn Wilhelm von Sternburgs großartige Remarque-Biographie umfassend, sehr erhellend und verdienstvoll geraten ist, bietet Rais Romanbiographie eine verdichtete, lebendigere und kurzweiligere Alternative. Auch sein Roman ist ein erschütterndes Dokument deutscher Vor- und Nachkriegsgeschichte – und eines Romanhelden, der den ersten Weltkrieg erlebte und den zweiten dennoch nicht verhindern konnte. Dessen Leiden an dieser Zeit erscheint uns lebendiger denn je. ♦

Edgar Rai: Ascona (Roman-Biographie über E.M. Remarque), Piper Verlag, ISBN 978-3492-070683

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R.

Außerdem zum Thema Roman-Biographie: Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth

Weitere Internet-Beiträge über E.M. Remarque:

Edgar Rai: Ascona – Romanbiographie über E. M. Remarque

Hannes Bahrmann: Rattennest – Argentinien und die Nazis

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

NS-Ungeziefer in Südamerika

von Isabelle Klein

Mit „Rattennest“ ist dem Historiker und Journalisten Hannes Bahrmann ein großer Wurf gelungen. Er bringt erstmals populärwissenschaftlich zusammen, was im Alltagsbewusstsein bereits fest verankert ist: Argentinien hat ein besonderes Verhältnis zur NS-Diktatur und ihren Größen. Wie und warum genau das so ist, zeigt er uns eingängig und ausführlich. Nicht immer fesselnd, aber akribisch recherchiert.

Mengele, Eichmann, Priebke – Fakt ist, dass mit dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges viele bedeutende Ratten über Rattenlinien das gelobte Land Richtung Südamerika verließen. Dass dies aus gutem Grund geschah und genau dieses unüberschaubare Land in den südamerikanischen Weiten gewählt wurde, ergibt sich aus der Geschichte des Einwanderungslandes Argentinien. Bahrmanns große Leistung liegt darin, all diese Entwicklungslinien, die zugrunde liegenden Strömungen und den damals vorherrschenden Zeitgeist in eins zu bündeln und fest zu verschnüren.

Argentinisches Netzwerk von Nazi-Verbrechern

Hannes Bahrmann - Autor - Glarean Magazin
Akribische Recherche zu den argentinischen Nazi-Ratten: Autor Hannes Bahrmann

So erklärt er scheinbar ganz nebenbei, aber um so nachdrücklicher den Geist der argentinischen Einwanderung. Dieser Geist, der von Anfang an (nach Erlangen der Unabhängigkeit) an Rassismus und weißer Einwanderung (in Verbindung mit der Ausrottung Indigener und Afroamerikaner) gekoppelt ist, verleiht Argentinien einen ganz „besonderen“ Platz unter den Ländern Südamerikas.
Dies führte unter wechselnden Regierungen, gepaart mit einem besonderen Verhältnis zum Deutschen Militär, der damaligen Reichswehr sowie einer ausgeklügelten Organisation der NS-Regimes in Ortsverbänden, in den Zwanzigern dazu, dass generell und damals im Besonderen Deutsche und Deutschtum in Argentinien im Alltag nicht wegzudenken bzw. eben ganz normal omnipräsent waren. So entsteht auch im Weiteren das Bild eines weitverzweigten Spinnennetzes, in dessen Mitte schließlich Perón – über dem Atlantik – mit seinen braven Deutsch-Argentiniern thront.

Überdosis an Faktenwissen

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Bahrmanns Buch verliert, trotz akribischer Recherche, zwei Dinge aus den Augen. Erstens überschwemmt er den interessierten Laien mit geschichtlichem Faktenwissen  – heute würde man sagen, der Leser wird zugespammt. Darüber hinaus übermüdet Bahrmann mit viel zu vielen Namen. Und so verschenkt er das, was das Buch über die gelungene (mitunter eben ausufernde) Zusammenschau der Geschichte hinaus zu etwas sehr Anschaulichem und Eingängigem hätte machen können: Den stärkeren Einbezug von Einzel-Schicksalen, die den Geist der Alltagskultur erwecken und die Lektüre – so wie im ebenfalls kürzlich erschienenen „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ von Uwe Wittstock – damit zu etwas ganz besonders Eindringlichem gemacht hätte.
Denn zwar wird z.B. der Einzelperson Eichmann ein ganzes Kapitel gewidmet, und einige andere wie Tank werden ebenfalls ausschnittsweise eingebunden. Ansonsten geht es aber viel zu sehr um Perón, dessen Entscheidungen, dessen Politik, und um seine Evita.

Fehlende Schilderung der NS-Einzelschicksale

Leider versäumt also Bahrmann das oben bereits Eingeforderte, obwohl er gekonnt mit einer Begebenheit aus dem Leben einer argentinischen Schauspielerin aus dem Jahre 1965 in das Buch einsteigt und so das „Statische“ zum Leben erweckt. Gut gelungen auch die Episode um das deutsch-argentinische Ehepaar Eichhorn, das in Argentinien ein Hotel betreibt und in Deutschland gar den Führer trifft.

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Damit stellt sich sowohl im ersten als auch im letzen Drittel beim Leser leichte Ernüchterung ein, wenn man im überfrachteten Geschichtswissen um Graf Spee feststeckt und sich spätestens nach dem Kapitel „Rattenlinien“ ein Mehr an Ratten wünschte – sprich die Fokus-Verschiebung weg von Argentinien hin zu den NS-Ratten, ihren Gepflogenheiten, ihrem Alltag und ihren weiteren Befindlichkeiten – kurz zu dem, was ein solches Buch eben lebendiger machte. Also: Nicht nur Namen wie Priebke, Barbie, Roschmann, Braun, Kammler, Thalau, Müller, Alvensleben, von Oven, usw. in den Ring werfen, sondern einigen genauer nachspüren. Man möchte mehr über Fritz Mandl/Hedy Lamarr, über die Eichmanns und deren Alltagsbegegnungen erfahren, das wäre meines Erachtens aufschlussreicher als der durchgängige Argentinien-Fokus.
Doch immerhin versöhnt dann wieder der Epilog, wo virtuos eine Verbindung zum heutigen Argentinien und dessen aus dem Perónismus resultierenden Problemen gezogen wird. ♦

Hannes Bahrmann: Rattennest – Argentinien und seine Nazis, 270 Seiten, Ch.-Links Verlag, ISBN 978- 3-96289-128-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literatur und Nationalsozialismus auch über Jürg Amman: Der Kommandant

Außerdem zum Thema NS-Verbrechen über H.J. Neumann & H. Eberle: War Hitler krank?

Hannes Bahrmann: Rattennest – Argentinien und die Nazis

Gedichte- und Prosa-Wettbewerb der Literatur-Zeitschrift ZUGETEXTET

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Altruismus und Egozentrismus

Zugetextet - Literaturzeitschrift - LogoDie jährlich zweimal erscheinende Literaturzeitschrift ZUGETEXTET, ein „Feuilleton für Poesie-Sprache-Streit-Kultur, schreibt für 2022 erneut einen internationalen Literatur-Wettbewerb aus. Diesmal stehen die beiden psychosozialen Begriffe „Altruismus“ und „Egozentrismus“ als Themen im Zentrum.

Altruismus: Gesucht werden zu dieser Thematik „Geschichten und Gedichte, die diese Fragen nicht nur aufgreifen, sondern weiterdenken oder ihnen etwas vorwegnehmen. Wie fängt eine altruistische Selbstaufgabe an, wo endet sie? Je kreativer das Thema betrachtet wird, je weniger Protagonisten im Selbstmitleid zerfließen, desto interessanter kann das Spektrum werden.“

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Egozentrismus: „Erfasst werden damit die heutigen jungen Erwachsenen, die sich unterhalb und rund um die Dreißig tummeln. Aber ist es wirklich nur diese Generation, die egotaktisch agiert? Oder nehmen egotaktische Manöver nicht schon immer einen Platz im Leben von uns Menschen ein?“

Zu beiden Themata können je Lyrik- und Kurzprosa-Texte eingesandt werden. Einsende-Schluss ist am 31. Mai 2022, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch andere Ausschreibungen zu Literaturwettbewerben

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Weitere Internet-Beiträge zum Thema:

Gedichte- und Prosa-Wettbewerb der Literatur-Zeitschrift ZUGETEXTET

Gedicht des Tages von Eifuku MonIn: Herbststurm (Tanka)

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Herbststurm

Wie der Herbststurm braust

und die Föhren vor dem Tor

zaust und niederbiegt!

Aber hoch am Himmel steht

unbewegt der helle Mond.

Eifuku Mon-In

Gedicht des Tages von Eifuku MonIn: Herbststurm (Tanka)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch das Gedicht des Tages von Peter Huchel: Wintersee

Gedicht des Tages von Eifuku MonIn: Herbststurm (Tanka)

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Voller Zauber und Kraft

von Jakob Krajewsky

Georg Langenhorst (*1962) ist Professor für katholische Religionspädagogik an der Universität Augsburg und veröffentlicht u.a. wissenschaftliche Monographien. In seinem Band „Altes Testament und moderne Literatur“ gibt er einen systematischen Überblick auf den intertextuellen und polyphonen Dialog zwischen Bibelnarrativen und moderner deutscher Literatur.

Prolog: Die morgenländische Gedankenwelt

Der Titel mutet ein bisschen wie aus dem letzten Jahrhundert an. Christliche Theologen bleiben gleichwohl darin verhaftet, von der Hebräischen Bibel nur als von dem A.T. zu sprechen. Von den Evangelien und Briefen etc. wird dann als vom N.T. gesprochen. Also: A.T. gleich Alter Hut und N.T. gleich neuer Hut? Das ist ein immer noch gängiges Konstrukt, doch ist es auch noch zeitgemäß?

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur - Motive, Stoffe, Figuren, FormenNatürlich stammen die drei abrahamitischen Religionen samt heiligen Texten ursächlich aus dem Morgenlande und haben sich schrittweise geistesgeschichtlich über das Abendland ergossen. Dies geschieht zunächst durch das frühe Christentum und das diasporische Judentum in ihrer jeweiligen Verbreitung über das Römische Reich. Ebenfalls vollzieht sich das durch den Islam über das spanisch-maurische Al-Andalus mit der Alhambra, schließlich im 20. Jahrhundert durch diverse Migrationsprozesse in (West-)Europa. Diese morgenländischen Gedankenwelten manifestieren sich selbstredend auch in der Kunst, Kultur und Literatur Europas bis hin zur (Post-)Moderne.
Auf letztere hebt der Augsburger Theologieprofessor Georg Langenhorst in seiner Darlegung ab. Er untersucht systematisch die literarische Moderne und analysiert Schreibende, die wortgewaltig Sujets und Themenkreise der implantierten hebräischen Gedankenwelt in deutschen Texten präsentieren.

Hinführung: Die Wirkung auf die Lebenswirklichkeit

In Langenhorsts Eingangskapitel „Hinführung“ beklagt er das abnehmende Bibelwissen und betont zugleich die Schrift(en) als Inspirationsquellen zeitgenössischer Literatur. So analysiert er „je ein Gedicht aus dem geistigen Hallraum von Katholizismus, Protestantismus, Islam, Judentum und Religionsfernen. Wie wird die Bibel in der Lyrik unserer Zeit aufgegriffen und dichterisch fruchtbar gemacht?“
Der Autor stellt fest, dass biblische Geschichten Leerstellen und Fragezeichen enthalten. Sie rufen auf zu „Aktualisierungen sowie Aus- und Umdeutungen“. Genau dieses hätten die Exponenten des Literaturbetriebes getan. Ansatzweise erwähnt er, dass rabbinische Literatur in ihrer Deutungsdialektik mit dem Midrasch dieses ebenfalls bewerkstelligt.

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Unerwähnt bleibt, dass Forscher wie Daniel Boyarin und David Flusser sich mit den intertextuellen Verbindungen von „heiligen“ Texten beschäftigten. Jedoch gilt das Interesse hier dem Kanon der allgemeinen deutschen Literatur. Der Fokus liegt in „Grundlegungen“ (2. Kapitel) auf der Interpretation von biblischen Texten und ihrer Wirkung auf die Lebenswirklichkeit der Schreibenden. So (ver-)dichteten z.B. SAID, Christian Lehnert und Ludwig Steinherr die Psalmen teilweise neu aus ihrer eigenen Perspektive.
Langenhorst zeigt fachgerecht auch die Intertextualität und Polyphonie des biblischen Textmaterials und den Dekonstruktivismus der schreibenden Rezipienten. Erwähnt wird der fast unbekannte Lyriker Matthias Hermann, der stellvertretend für (s)eine dritte Generation nach der Shoa eine „neue Jüdischkeit“ mit einer „neuen Präsenz von Judentum“ postulieren würde.
Das lässt nun an aktuelle „innerjüdische Konflikte“ denken, etwa die Kontroverse zwischen Maxim Biller und Max Czollek: Wer darf als jüdische intellektuelle Stimme öffentlich auftreten? Bestimmt das der Oberrabbi mit der Halacha oder doch eher das schriftstellende Selbst mit der (vagen) jüdischen Abkunft? Hermann wird geschildert als jemand, der sich auf eine „ererbte Erinnerung“ beruft.

Durs Grünbein - Glarean Magazin
„Wirkmächtigster deutschsprachiger Lyriker“: Durs Grünbein

Abschließend wird Durs Grünbein als „der wirkmächtigste deutschsprachige Lyriker seiner Generation“ benannt. Der säkulare Ostdeutsche beschreibt die Unbehaustheit des Individuums in der modernen Großstadt. Doch wendet er sich in seinem Gedicht „Paulus wechselt die Schiffe“ auch biblischen Motiven zu. Der Apostel wird zum Vorbild auf seiner letzten großen metaphorischen Schiffsreise vom Leben in den Tod, die uns irgendwie letztlich alle ereilen wird.

Wörter und Sätze voller Zauber und Kraft

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Dem Forscher Langenhorst geht es nicht allein um Inhalte, sondern auch um die Form, also die Sprache dieser biblisch inspirierten deutschen Literatur. Er untersucht im Folgekapitel „die kulturprägende Bedeutung der Literatur der Bibel“ an zeitgenössischen Schreibenden, u.a. an Texten von Ingo Schulze, Ulla Hahn, Arnold Stadler, Anna Katharina Hahn und Patrick Roth. Es echoten die „Juwelen des Prediger Kohelet und im Hiob-Buch, die Weihnachtserzählung, der Johannes-Prolog, die Bergpredigt, die Passionsgeschichte des Markus… als literarische Kernstücke und Teil jeder Literaturgeschichte der westlichen Zivilisation.“ Es sei schlicht unsere Bildungsgrundlage, unabhängig davon, ob der Offenbarungsanspruch der monotheistischen Religionen als gültig angesehen wird.
So gibt es monumentale Nacherzählungen biblischer Narrative durch den Vorarlberger Michael Köhlmeier auf 550 Seiten, auch der Israeli Meir Shalev und der polnische Autor Leszek Kolakowski finden Erwähnung. Zudem gäbe es eine „ganze Reihe historischer Romane mit biblischer Motivik.“ Nach einem Forschungsüberblick rekurriert Langenhorst (in III.) auf „Motive, Stoffe, Figuren, Formen“, u.a. 1. Noah und die Sintflut, 2. Babylon, 3. Sodom und Gomorra, 4. Israels Könige, 5. Esther, 6. Jeremia, 7. Hiob in literarischer Gestalt, 8. Kohelet (Prediger) im Spiegel moderner Literatur, 9. Sprechversuche „nach tonloser Zeit“ – also Nachdichtungen der Psalmen durch Literaten.

Ausblick: Die Hoffnung auf Inspiration

Georg Langenhorst - Glarean Magazin
Begeistert von der Bibel wie von der Moderne: Georg Langenhorst

Das alles wird spannend und wohlwollend in klarer Sprache erörtert. Dabei rekurriert Georg Langenhorst auf Sammelwerke wie Sol Liptzins „Biblical Themes in World Literature“, die „Paradeigmeta“ des Amerikanisten Franz Link und Schmidingers Werk sowie auf dessen Schülerin Magda Motté. Dann purzeln uns die wohlbekannten Namen Else Lasker-Schüler, Rose Ausländer, Hilde Domin im gleichen Atemzug mit Günter Grass, Heinrich Böll, Stefan Heym, Anna Seghers, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Grete Weil und Christine Lavant über die Seiten. Weiterhin wird mit Thomas Mann, Joseph Roth und Elie Wiesel, Barlach, Heine, Hesse, Brecht und Kafka Tacheles geredet sowie mit Zweig, Döblin, Dürrenmatt und Christa Wolf und Nelly Sachs u.v.a.
Der Autor selbst stellt bei den Schreibenden ungewohnte Sichtweisen heraus und bürstet die Texte gegen den Strich. Vielen erscheint die Bibel als Reservoir voller Sex&Crime Stories. Im Ausblick (4. Kapitel) wird die Hoffnung formuliert, dass das A.T., also die Hebräische Bibel, im 21. Jahrhundert „als Sprachschatz weiter Erzählungen anregt, Poesie ausformt, Dramaturgie inspiriert.“

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Wiewohl mit wissenschaftlichem Anspruch geschrieben, kommt das Buch nicht staubtrocken daher. Die Lesenden erkennen Langenhorsts Begeisterung an Texten der Bibel und der (post-)modernen Spiegelung durch die zeitgenössische Literatur. Schön zu lesen ist der gewählte Großdruck, und hilfreich ist die umfangreiche Bibliographie. Zur Illustration hätten Miniaturen oder Grafiken von biblischen Motiven gutgetan. Theologen hängen oft dem Bilderverbot an. Vielleicht ändert sich das demnächst, wer weiß. Ach weh, wir wissen heute, der Messias ist eine „jüdische Erfindung“ – Jesus, Sohn Davids, war gar kein Christ, sondern blieb sogar halachisch gesehen ein Jude… ♦

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur – Motive, Stoffe, Figuren, Formen, 268 Seiten, Katholische Verlagsanstalt Stuttgart, ISBN 978-3-460-08634-0


Jakob Krajewsky - Glarean MagazinJakob Krajewski (Pseudonym)

Geb. 1963 in Hamburg, Gelernter Kaufmann, Studium der Anglistik, Amerikanistik und Judaistik in Heidelberg, Berlin und Boston/USA, Autor und Referent, tätig für diverse Institute und Stiftungen in Berlin und Hamburg

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion & Literatur auch über den Roman von Amélie Nothomb: Die Passion

… sowie den Essay von Heiner Brückner: Vom Himmlischen

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur

Internationaler Brandenburger Gedichte-Wettbewerb 2022

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Gereimte und/oder moderne Lyrik-Formen

Literaturkollegium Brandenburg - Logo - SchreibwettbewergFür den Brandenburger Literaturwettbewerb 2022 können themenfreie Gedichte eingesandt werden, wobei sowohl moderne Lyrik-Formen als auch gereimte Gedichte gesucht sind.

„Auf literarische Qualität legen wir besonderen Wert“, schreibt das federführende Literaturkollegium Brandenburg: „Landschaften, Begegnungen, Satire, Lebensstile oder gesellschaftskritische und ökologische Aspekte können unter anderem aufgegriffen werden“.

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Maximal können 20 eigene Gedichte eingesandt werden, die Teilnahme am Wettbewerb ist kostenlos.
Einsende-Schluss ist am 10. März 2022, hier geht’s zu den Details der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die anderen Ausschreibungen zu Literaturwettbewerben

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Weitere Internet-Beiträge zum Thema Neue Gedichte:

Ein Gedicht ist Arbeit (Wolkenbeobachterin)
Dichter (Werner Kastens)
Keinen Menschen sah ich (Wildgans)
Lyrik-Zeitung (Archiv der Lyrik-Nachrichten)

Internationaler Brandenburger Gedichte-Wettbewerb 2022

Die Schweizer Literaturschrift TÄXTZIT („Textzeit“ – Band 12)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Reichhaltige Literatur-Landschaft

von Walter Eigenmann

Neben den unzähligen Online-Literatur-Portalen jeglicher Genre- und Stil-Couleur wird oft vergessen, dass auch noch ein paar papierene Repräsentanten der Gattung „Literaturzeitschrift“ die helvetische Landschaft des künstlerischen Schreibens einfärben. TÄXTZIT („Textzeit“) ist eine dieser seltenen, beileibe nicht nostalgischen Literatur-Gazetten – ein ausschließlich von und für Schweizer Autoren geschaffenes „Präsentationsforum für Schreibende und Illustrierende“.

„TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift“ will gemäß Selbstdarstellung den „professionell Schreibenden und Illustrierenden ein kostenloses Präsentationsforum bieten, sie schweizweit bekannt und damit die Literatur- wie die Illustrationenlandschaft bereichern und vielfältiger machen“. Ein hehres und ehrenhaftes Ziel – weder originell noch neu zwar, aber wichtig und interessant, sofern die Qualität der Inhalte stimmt.

Wertschätzung der literarischen Arbeit

TäxtzIt (Textzeit) - Die Schweizer Literaturschrift - Cover Band 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZINMittlerweile sind der Initiant & Verleger Arno Seeli und seine Mitstreiter bei Band 12 (Juni 2021) angekommen, nachdem man vor rund neun Jahren (März 2012) die allererste Ausgabe vom Stapel gelassen hatte. Aktuell enthält das Heft 52 Seiten „erlesene Literatur und Illustrationen“, gedruckt wird eine Auflage von 1’000 Exemplaren.

Eine lobenswerte Besonderheit von TÄXTZIT ist, dass seit Heft 9 den Autor*innen ein Seitenhonorar von 45 Franken bezahlt wird. Das scheint nur auf den ersten Blick wenig; in Zeiten der grassierenden „Druckzuschuss-Verlage“, wo die Schreibenden für ihre Veröffentlichungen gar selbst zur Kasse gebeten werden, ist das vielmehr eine schöne Geste der Anerkennung und Wertschätzung ihrer literarischen Arbeit.

Ohne thematische Fokussierung

Arno Seeli und seine Crew arbeiten ohne thematische Schwerpunkte oder genrespezifische Vorgaben. Neben kurzprosaischen Texten findet sich ebenso das knappe Gedicht oder die literarische Buchbesprechung wie die autobiographische Notiz oder die augenzwinkernde Alpen-Satire.
Garniert und strukturiert werden diesmal alle Texte mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Zürcher Illustratorin Yasmin König. Auch sie ist zeichnerisch vielfältig zugange, aber meist gehört ihre Aufmerksamkeit dem idyllischen Stimmungsbild oder der Momentaufnahme aus Familie und Natur. Dabei stellen die ganzseitigen Illustrationen einen ungezwungenen Bezug zum vorausgegangenen Text her, in jedem Falle lockern sie die „Bleiwüste“ des Drucktextes mit schlicht-eindringlichem Zeichenstrich auf.

Ein Dutzend Schweizer Autor*innen

Melanie Gerber - Glarean Magazin
Melanie Gerber (photoandmore)

Zufall oder auch nicht: Genau zwölf helvetische Schriftsteller*innen präsentiert diese zwölfte TÄXTZYT-Nummer. Die Namen der Autor*innen sind dabei so illuster wie ihre Beiträge.
Melanie Gerber eröffnet mit „Zuhause“ den Texte-Reigen und erzählt von einer, die just zu Beginn der Corona-Pandemie und nach einer kürzlichen Trennung aus der gemeinsamen Wohnung wegzieht – und trotz ihrer vielen Umbrüche und Baustellen und der allgemeinen Endzeitstimmung die Kurve doch noch kriegt und sich auf dem Balkon ein neues inneres Zuhause erobert.
Ein zweiter Text „Was ich nicht weiß“ von Gerber ist dann sehr viel ernsterer Natur: Er thematisiert verschiedene Möglichkeiten der Begegnung mit dem Tod – auch jenem von Kindern. Angeregt wird die Schaffung von stationären Schweizer Kinderhospizen.

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Nicht fiktiv, sondern dokumentierend sind zwei Beiträge von Dominik Riedo unterwegs. Riedo reportiert zum einen gewisse Zustände bzw. Praktiken des Schweizer Gesundheits- bzw. Spitalwesens. In seinem zweiten Artikel würdigt er das literarische Schaffen von Carl A. Loosli, dem „Karl Kraus der Schweiz“, wie er diesen achtungsvoll tituliert. Und dabei einen „ganzen Kosmos ‚Loosli'“ konstatiert, den es – nun, da es im Rotpunkt-Verlag eine neue Werkausgabe in 7 Bänden gebe – noch intensiver zu erforschen gelte. Denn Loosli’s Zeit beginne jetzt erst wirklich, ist Riedo überzeugt, und seine Rezeption würde einer Schweiz guttun, „die auch heute viele der von Loosli angeprangerten Missstände weiterhin nicht behoben“ habe.

Idyllisches neben Satirischem

Lilly Bardill - Glarean Magazin - Autorin
Lilly Bardill (geb. 1935)

Die Churer Erzählerin Lilly Bardill, mit 86 Jahren die erfahrenste der hier vertretenen Autorinnen, schildert in „Jakobs Ausflug“ die Eskapaden eines leicht dementen Betagtenheim-Bewohners, der sich auf einer Reise zu seiner Tochter in schönen Augenblicken verliert und deshalb nie am Ziel ankommt.  Es geschieht, was geschehen muss: Jakob wird vermisst, die polizeiliche Suche beginnt… Der Plot der kurzen Story mag nicht neu sein, wird aber von der Autorin rührend-verschmitzt und empathisch präsentiert.
Deftiger geht’s zur Sache in Sandra Rutschis dreiseitiger Groteske „Als der Mönch nach Hawaii durchbrannte“. Das weltberühmte Berge-Trio Eiger, Mönch und Jungfrau erwacht plötzlich zum Leben, beginnt ein angeregtes Gezanke, weil die Jungfrau keine Jungfrau mehr sein möchte. Derweil sich der Mönch verärgert über den Jura hinweg davonmacht, fallen Eiger und Jungfrau stöhnend übereinander her. Während er seine Hand schon „zum Joch weiterwandern“ lässt, bekommt sie plötzlich Gewissensbisse… Was das mit Hawaii zu tun hat? Lesen Sie selbst.

Yasmin Koenig - Illustratorin - Täxtzit-Heft Nr. 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Die berühmten Schweizer Berggipfel Eiger, Mönch und Jungfrau als Fun-Park: Zeichnung der Illustratorin Yasmin König (TÄXTZIT Band 12 – Juni 2021)

Lyrisches und Prosaisches aus der Innerschweiz

Dolores Linggi (Schwyz) und Beat Wild (Zug) sind zwei angesehene Innerschweizer Literaten. Linggi, Preisträgerin der „Zentralschweizer Literaturförderung“,  steuerte dem neuen TÄXTZIT-Band fünf assoziationsschwere Gedichte bei, während Wild mit dem knapp vierseitigen Prosatext „Nicht fallen lassen“ vertreten ist. Darin möchte eine alte Frau ihrer Zufallsbekanntschaft Oskar, der eine Tumor-Operation hinter sich hat, die Rückkehr ins Leben erleichtern.
Eine dritte Innerschweizerin ist die 20-jährige Luzernerin Lia-Aurelia Kraft. Ihre kleine Love-Story „Frühling“ ist dicht formuliert und im besten Sinne rührend. Kraft steht trotz ihres jugendlichen Alters bereits eine facettenreiche Sprache zur Verfügung – eine schöne Entdeckung der TÄXTZIT-Macher.

Beziehungen in der Ostschweiz

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In einer Zeitschrift mit deutschsprachigen Beiträgen aus Helvetien darf der östliche Teil des Landes nicht fehlen; die Ostschweizer Literaturszene ist mit Beatrice Häfliger (Hoffeld) und Philip Messmer (Sulgen) repräsentiert. Häfligers Text singt ebenfalls das Hohelied der Liebe und deren Entstehung, eingebettet in innige Waldseligkeit. Er mag in diesem Heft am deutlichsten das literatur-psychologische Klischee der „Schweizer Nabelschau“ bedienen, ist aber gleichzeitig auch ein zärtliches und genau beobachtendes, dabei sprachlich eloquentes Stenogramm einer sehr ursprünglichen Mensch-Natur-Beziehung.
Messmer geht da in seinem „Therapie“-Text eine deutlich herbere Beziehung an; sie beginnt damit, dass Ehefrau Sabine ihren Paul mit der Bratpfanne niederstreckt… Zum Schluss wird doch noch alles gut: „Sabine und Paul schafften es nicht einmal bis ins Schlafzimmer und trieben es auf der Treppe“. Auf der Strecke hingegen bleibt der behandelnde Arzt der beiden…

Originelles Literatur-Konzept

Mit Daniela Huwyler ist eine zweite Lyrikerin vertreten. Sie präsentiert drei sprachgewandte und rhythmisch interessante Gedichte namens „Agenda“, „Rabenzirkel“, „Schneeschwer“. Des Wädenswilers Peter Burkhards Kurzprosa-Beitrag schließlich titelt „Tod in der Aare“. Darin erhält Laura nächtens im Bett gespenstischen Besuch von einer Unbekannten mit „triefend nassem, schulterlangen Haar“…

Ein auch nur kurzer Blick auf die Autoren und Inhalte dieser (Deutsch-)Schweizer „Literaturschrift“ zeigt sofort das sympathische Konzept und die durchdachte Rezeptur. Wie der Herausgeber und verantwortliche Redakteur Arno Seeli in seinem „Auftakt“ festlegt, müssen die Texte „die Schweiz thematisieren, noch unveröffentlicht sowie institutionen- und werbeneutral sein“. Außerdem dürfen die Beiträge maximal vier Seiten umfassen. Trotz dieser formalen Vorgaben ist dem umtriebigen Literatur-Animator ein interessanter inhaltlicher Mix gelungen.

Gestalterisch Luft nach oben

Schweizer Literaturzeitschriften - Orte - Delirium - Narr - Mütze - GLAREAN MAGAZIN
Die kleine Schweiz als großes Land der Literaturzeitschriften, beispielsweise MÜTZE, NARR, DELIRIUM, ORTE (um nur einige zu nennen)

Herumnörgeln an solchen idealistischen Periodika lässt sich ja immer. Zum Beispiel könnte dem einen oder anderen das „Schweizer“ im Untertitel etwas großspurig erscheinen – angesichts keines einzigen französisch- oder italienischsprachigen Beitrags. Auch hinsichtlich des etwas pausbäckigen Heft-Layouts und der ruralen Typographie bestünde noch Luft nach oben; guter Inhalt schließt eine attraktive Verpackung nicht aus. Und drittens würden je ein paar bio- und bibliographische Stichworte zu allen vertretenen Autor*innen das Heft noch informativer abrunden.

Biotopische Beschaulichkeit

Der konsequente Fokus der Texte(-Auswahl) auf Helvetien bzw. das sog. „Schweizerische“ führt zwar hier nirgends zu literarischen Grenzüberschreitungen. Wer sprachliche Innovation, thematische Internationalität, das formale Experiment oder gar geopolitische Schweiz-Motive sucht, wird von TÄXTZIT enttäuscht. Das vielzitierte „Lokalkolorit“, die „Sicht nach Innen“ und eine gewisse gewollte Naivität des Narrativen sind die bestimmenden Ingredienzen dieser „Schweizer Literatur“.
Aber solche biotopische Beschaulichkeit hat sowohl ihren Reiz als auch ihre Legitimität. Denn die Provinzialität kommt hier charmant mit Unterhaltungswert daher. Und nicht jeder literarische Text muss die Welt gleich aus den Angeln heben.

Verdienstvolles Literatur-Projekt

Kurzum: TÄXTZIT ist ein verdienstvolles Literatur-Projekt, das eine sowohl erhellende wie anregende Tour d’horizont bietet durch einen wichtigen Teil des zeitgenössischen Literaturschaffens der deutschsprachigen Schweiz. Alle Texte sind sorgfältig lektoriert bzw. redigiert und die Themen-Wahl abwechslungsreich komponiert.

Dieser Autoren-Gazette ist also in diesem Sinne durchaus eine noch wachsende Leserschaft zu wünschen – hier sind ein engagierter Herausgeber und ein offensichtlich motiviertes Mitarbeiterteam am Werk. Der Schnauf möge den Machern nicht so bald ausgehen – und auch das Selbstbewusstsein nicht, das es braucht, um als Print-Medium gegen ein Heer von kostenlosen Internet-Literaturangeboten bestehen zu können. ♦

Arno Seeli (Hrsg): TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift – Band 12, 52 Seiten A5-quer-Format mit Klammerheftung, Wortzimmerer Verlag, ISBN 978-3-9524327-8-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Literaturzeitschriften auch über SCRIPTUM – Das Schweizer Literaturmagazin

… sowie zum Thema Schweizer Literatur den Essay von Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Originale Erstpublikationen von Schweizer Schriftsteller*innen

Die Schweizer Literaturschrift TÄXTZIT („Textzeit“ – Band 12)

Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Dechiffrierende Stenogramme

von Walter Eigenmann

Der Karlsruher Schriftsteller Rainer Wedler legt mit „Die Versuche des Rudolph Anton R.“ einen neuen Prosa-Band vor. Auf 176 Buchseiten breitet Wedler eine Fülle von grotesken bis absurden, oft aberwitzigen, doch auch zärtlichen, teils analytischen, dann wieder erotischen Stenogrammen aus. Entstanden ist eine kaleidoskopische Dechiffrierung des Innen- und Außenlebens eines jungen Schriftstellers – Autobiographisches nicht ganz ausgeschlossen…

„Erzählst du mir eine Geschichte?
Sie rollt sich neben mich und trommelt auf meinen Bauch, der ein kümmerlicher Schallkörper ist.
Aus meinem Leben oder fiktiv?
Kann man das trennen?
Nein.
Was aber soll ich erzählen, ohne zu langweilen?“ (S. 96)

Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman), Pop-VerlagInhaltliche Stränge (oder Strenge), Figuren-Entwicklungen, Literarische Bekenntnisse, Politisches Kalkül, Sozial-Analyse, Exquisite Schauplätze, Knatternde Sprache, Vielfalt der Szenarien, oder auch nur unterhaltsames Erzählen, verbunden mit ordentlich Sex&Crime – solcherlei „gewöhnliche“ Prosa-Ingredienzien mag für „gewöhnliche Literatur“ ausreichen, um breit goutiert, also erfolgreich zu sein.
Bei dem 79-jährigen Autor Rainer Wedler findet sich, nach zahlreichen Roman-, Kurzprosa- und Lyrik-Büchern, inzwischen nichts mehr davon. „Die Versuche des Rudolph Anton R.“, der neueste Wedler, erscheint jenen, welche die Entwicklung dieses produktiven Dichters verfolgt haben, vielmehr als regelrechtes Alterswerk. Verknappt, verdichtet auf viele heterogene Psycho-Stenogramme, legiert in zahllose kleinere, teils nur ein paar Zeilen lange Abschnitte, und eingedampft mittels Kurz-Sätzen mit kaum Kommata und vielen Punkten – so schlingert sich das Leben des Protagonisten R. A. Ringelretz durch dessen Reflexionen, die nie erklären, sondern immer nur konstatieren. Und gerade dadurch erhellen.

Autopsie eines Schriftstellerlebens

Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean Magazin
Rainer Wedler (geb. 1942)

Wedlers Prosa – ich tue mich schwer, diese „Versuche“ Roman zu nennen – ist von einer derart gereiften, eloquenten, fokussierten Qualität, dass man schier schon gefesselt ist allein vom sprachlichen, weniger vom inhaltlichen Geschehen: „Stille. Heiliggeist schlägt zehn Mal, das dauert. Stille. Die dauert.“ In diesem Buch passiert ständig etwas – aber kaum je etwas Erwartetes. Und ob all das Unerwartete eine innere Kohärenz hat, könnte allein eine ausgedehnte Binnenanalyse aufzeigen.
„Die Versuche des Rudolph Anton R.“ ist ein einziges, man muss es so banal ausdrücken: Lesevergnügen. Keine Belehrung, keine Durchleuchtung, keine Analyse. Allenfalls die Autopsie eines Schriftstellerlebens, das sich abspielt in „Phantasmagorien, die über mich kommen und mich spalten“. Wie gesagt: Autobiographisches nicht ganz ausgeschlossen…

Das Wedlersche Schreiben, sein exaltiertes Assozieren und Illustrieren, sein sprunghaft-ungezähmtes Verbinden entlegendst-heterogener Denk- und Gefühlsinhalte wird nicht jede Leserschicht vorbehaltlos entzücken. Das Vergnügen an dieser Literatur ist direkt proportional der Fähigkeit, sich dem Sog einer geradezu sezierenden Sprache auszuliefern.

Eines der vielen Sprachspiele – alias erotisches Geplänkel – in diesem „Roman“ geht so:

„Ich weiß es und ich weiß, dass sie es weiß. Mit der Sprache kommen wir nicht weiter. Die Zeit zerdehnen kann sie zerreißen.
Das Spiel beginnt.
Sie zieht ihr T-Shirt über den Kopf, die Haare verwirren sich, ich reiße mein Hemd auf, dass die Knöpfe nur so springen, werfe es ihr über den Kopf, sie schüttelt es weg, ihre Bällchen hüpfen.
Nach einer halben Stunde steht es eins zu eins.“

Virtuos und phantasievoll

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Rainer Wedlers extrem wortschatzreiches, dabei mit durchaus Situationskomik durchzogenes, auch regelmäßig mit zynischem Schmunzeln hinter vorgehaltener Hand angereichertes Buch, wie es virtuos und phantasievoll, aber auch mit viel distanzierter Kälte die Irrungen und Wirrungen eines vom Leben (und den Frauen) überraschten Literaten zelebriert, wird so manchen Leser verständnislos zurücklassen. Es sei denn, er vermag auf einer Meta-Ebene mitzulesen. Dort wo die Sprache selber zum Ereignis wird.

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Man wird auf dem modernen Literaturmarkt nur wenige Bücher finden, die so künstlerisch und zugleich so verantwortungsvoll und so präzis mit dem Wort umgehen wie diese „Versuche des Rudolph Anton R.“. Hier fährt einer die Ernte eines jahrzehntelangen, geduldigen, sorgfältigen, auch exzessiven Umgangs mit dem Ausdrucksmittel Sprache ein. Nirgends schiefe Bilder, nie ein richtiges Wort am falschen Ort, keine lustig-flachen Sätze. Jeder Buchstabe sitzt und klingt. Noch nicht mal lautmalerische Holprigkeiten, geschweige denn semantisches Langweilen mittels Wiederholungen oder Betonungen oder Insistierungen. Wedler schreibt üppig – aber nichts ist überflüssig. Sorgfalt in jedem Satz, schätzungsweise nach einem sehr langen Entstehungsprozess.
Die kreative Sprunghaftigkeit dieses „Romans“ über den Schriftsteller Rudolph Anton Ringelretz hat tatsächlich etwas von Ringelnatz an und in sich. Doch die schwerelose Virtuosität und der Assoziationsreichtum dieser Sprache macht sie zu einem singulären Erlebnis über jeden absurden Witz hinaus.
Ja: Ein Lesevergnügen. Und: Am Ende des Buches ist man nicht schlauer. Aber klüger. ♦

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Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman)

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller)

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„… überall ein wenig fremd, nicht nur in Amerika“ (S. 291)

In Amerika ist „alles besser“?

von Isabelle Klein

Mit „Wo der Wolf lauert“ liefert die Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen ein Buch mit Mehrwert, voller Denkanstöße und psychologischer Raffinesse. Der Thriller kommt nur langsam in Fahrt, dafür aber umso nachdrücklicher. Zugleich wird das feine Psychogramm einer Mutter nachgezeichnet, die nicht loslassen kann und für alles Bewältigungsstrategien braucht. Ihre Probleme reichen weit zurück – auch im gelobten Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Und sie verschwinden trotz Privilegien wie viel Geld und viel Zeit nicht…

Eines ist sicher: In Gundar-Goshens neuem Roman wird uns, leise und sehr eindringlich, fast wie in Watte gepackt (passend zu dem sehr gelungenen, in „Art Deco“ gehaltenen Buch-Cover) die Problematik der Familie Schuster, bestehend aus Mutter Lilach, Vater Michael und dem pubertierenden Sohn Adam, verdeutlicht. Heimatlos und doch verbunden, geflohen vor omnipräsenter Gewalt in Israel – und nun in der gleichförmig-oberflächlichen Freundlichkeit (oder besser: Verlogenheit) des American Way of Life eingebunden.

Die alltäglich-belanglose Leere

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert, Roman, Kein & Aber VerlagUnd so sind aus den Emigrierten schnell die amerikanisierten Lila’s geworden: Michael und Adam (der sich weigert, in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen). In Palo Alto leben sie den Californian Dream des Silicon Valley, als das ruhige Idyll durch den Anschlag auf die dortige Synagoge, bei dem ein junges Mädchen stirbt, aus der Bahn geworfen wird.
In vielen alltäglichen, vermeintlich belanglosen Details offenbart sich die Leere und die Traurigkeit, ja die perfektionistische Getriebenheit, die Lila einfängt und nicht mehr loslässt. Auch die Ängste sind omnipräsent: Die Angst, allein zu sein; Angst, nicht alles richtig zu machen; Die Angst, Ziel eines erneuten Anschlags zu werden, Angst; und die Angst um das einzige (in Watte gepackte) Kind.

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Rettung naht in Form von Uri, einem Waffenbruder Michaels, der den Sohn Adam in der alten Kampfkunst Kravat, einer Art martialischem Survivaltraining, unterweisen soll. Und so nimmt ein Geschehen an Fahrt auf, das eine Kette von erschütternden Ereignissen auslöst. Beginnend mit dem Tod Jamals, eines Mitschülers Adams; Lilach ist gezwungen, ihre heile Watte-Welt zu überdenken und ihren Sohn wirklich kennenzulernen; weg vom gelangweilten, nach Perfektionismus strebenden Hausfrauendasein, mit gemeinnütziger Arbeit im Altenheim.
Damit wird Trainer Uri, Adams neues Idol, unverzichtbarer Bestandteil des Schusterschen Lebens, mit weitreichenden Folgen.

Psychologisch stimmig unterbaut

Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen - Glarean Magazin
„Wunderbar metaphernreiche Sprachwelt“: Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen

Während Mainstream-Thriller häufig an Action, rasanten Turns und Twists, Brutalität und einem Zuviel von allem (außer von Substanz) kranken, kreiert Gundar-Goshen ein psychologisch unterbautes, stimmiges und nicht überladenes Grundgerüst, das nicht nur atmosphärisch dicht ist und von Rückblenden lebt, die nach und nach Lilas Probleme offenbaren, sondern auch einen unauslotbaren Fortgang des Geschehens bereitstellt. Kein Wunder, dass dabei alle Figuren aus dem Vollen schöpfen: Autorin Ayelet Gundar-Goshen ist studierte Psychologin. Hinzu kommt ihr Studium von Film und Drehbuch, frühere Werke wurden auch bereits verfilmt. So liest sich auch dieser Roman wie ein Skript: Langsam, leise, eindrücklich sieht man die Orte vor dem inneren Auge entstehen, ahnt, wie stimmungsvoll der Film sein wird.

Wider den American Way of Life

The American Way of Life - Glarean Magazin
Der „American Way of Life“ in den 1940er Jahren

„Wo der Wolf lauert“, und das tut er an vielen Stellen, ist ein Werk voller Konflikte, die, tief verdeckt, nach und nach emporschweben: Konflikte der Gewalt, der Herkunft/Staatsangehörigkeit, der Religion. Und ebenso ist das Buch voll von Dichotomien wie beispielsweise Heimatland/Herkunftsland oder Opfer/Täter. Dabei verschwimmen Grenzen und werden Lebenswirklichkeiten eingefangen, ohne konstruiert zu wirken. Weit und doch eng – die Enge der prüden und oberflächlichen US-Gesellschaft bzw. des American Way of Life, in dem alles wunderbar und toll sei. Frei/gefangen: Frei durch die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, gefangen in der prüden Enge der Gesellschaft.

Alles ist möglich

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Und so zwiegespalten alle in diesem Buch sind, so herrlich offen arbeitet die Autorin mit Motiven, Schuldzuweisungen und Folgen. Klar ist, dass alles und zugleich nichts in Stein gemeißelt ist. Alles ist möglich, vieles wird offengelassen, ein einfaches Ja oder Nein wird sie uns auch am Ende nicht geben.
So verweilt man gerne mit dem Buch in der Hand. Taucht in den Kokon einer ruhigen, privilegierten Welt der gelangweilten und ängstlichen Lila ein – und in die schnörkellose, wunderbar metaphernreiche Sprachwelt der Autorin, die voller komplexer Sachverhalte und Figuren ist. Alles in allem ein literarisches Kleinod für jeden, der die Hast und Wucht des Mainstreams satt hat und sich einzulassen vermag auf jede Menge Abgründe und unauslotbare Realitäten. Last but not least ist der Roman auch eine nette kleine Demontage des American Way of Life… ♦

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller) – 344 Seiten, Kein & Aber Verlag, ISBN 978-3-0369-5849-1

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Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller)

Peter Biro: Der Exodus der Schachfiguren (Humoreske)

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Der Exodus der Schachfiguren

Peter Biro

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei…

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei. Der besonders nachdenkliche King Black kam nach kurzer Introspektion zum Schluss, dass diese Maßnahme unumgänglich und somit eigentlich bereits eine beschlossene Sache sei. Die Entscheidung war ihm gar nicht leichtgefallen, aber der heimliche Abgang vom Schachbrett sei nun mal die einzige Möglichkeit, aus der quadratischen Enge des Spielfelds auszubrechen und die seit langem ersehnte Freiheit zu erlangen.

Lange Abende an verrauchten Spieltischen

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Peter Biro - Glarean Magazin
Gelingt den 32 Schachfiguren die Flucht runter vom Brett in die Freiheit?

Mit dramatischen Worten erläuterte er seinen in vier Reihen aufgestellten schwarzen und weißen Landsleuten die tragische Leidensgeschichte seines unterdrückten Volkes. Er sparte nicht mit bildreichen Schilderungen der elend langen Abende an verrauchten Spieltischen, an denen er und seine Kameraden sich von wahren oder vermeintlichen Geistesgrößen herumschieben lassen mussten und zu grausamen Gladiatorenkämpfen gezwungen wurden. Bei diesen Wettkämpfen wurden jedes Mal etliche seiner Untertanen vom Brett gefegt und bis auf weiteres in den Figurenkasten gesperrt. Je nach Vermögen der Spieler blieb bestenfalls nur der siegreiche König mit einigen wenigen Getreuen als Überlebende des jeweiligen Spiels übrig. Mit anderen Worten, viele seiner Landsleute wurden Opfer eines allabendlich stattfindenden Massakers.

Melania von Ohrensausen

Schach-Humoreske - Melania von Ohrensausen - Glarean Magazin
„Guter Kleidergeschmack war Melanias Sache nicht“

Dieses wehrlose Ausgeliefertsein musste um jeden Preis beendet werden, und gerade jetzt sei dafür die Zeit gekommen. Seine Partnerin, die schwarze Königin Melania Carlotta III (eine geborene Herzogin von Ohrensausen und Schlyck) war zunächst ebenso wenig begeistert vom plötzlichen Freiheitsdrang ihres Gatten wie ihre weiße Gegenspielerin, welche bekanntlich die heimliche Geliebte King Blacks war.
Obendrein wusste Melania von Ohrensausen nicht so recht, was im Falle einer Flucht anzuziehen wäre. Im Gegensatz zu ihrer weißen Gegenspielerin haderte sie ständig mit der Garderobe – denn guter Kleidergeschmack war nun mal ihre Sache nicht. Aber ein finales Machtwort des vierten Bohemunds tat seine Wirkung, und sie fügte sich nicht nur gehorsam in ihr Schicksal, sie begann sogar die Idee der Befreiung bei den anderen Figuren zu propagieren.

Gemeinsame Flucht…

Damit war bald die Mehrheit des Klans, namentlich die schwarzen Gefolgsleute mit der vom Herrscher verordneten Aktion einverstanden. Nur sein linker Läufer blieb irgendwie unbeeindruckt, denn dieser hatte bei einem früher ausgetragenen Kampf seinen komplementärfarbigen Kopf verloren. Jene als Haupt fungierende weiße Kugel ruhte nun unbenutzt in der Figurenschachtel und wartete darauf, von einer barmherzigen Hand wieder auf den zylindrisch schlanken Torso aufgeleimt zu werden. Aber so kopflos wie er nun mal war, konnte der behinderte Läufer nicht an den hitzigen Debatten um Verbleib oder Gehen teilnehmen, und blieb weitgehend über die sich entfaltenden Ereignisse im Dunkeln – eben in jener der kleinen, mit Samt ausgelegten Holzkiste am Rande des Spielbretts.

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Ein weit größeres Problem als der ratlose, linke Läufer war es, den gegnerischen Klan, das heißt die weiße Mannschaft, von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Flucht zu überzeugen. Ihr Anführer, der weiße König Wenzeslaus II, im Volksmund auch Ol` King White genannt, war für seine eher zaudernde Haltung bekannt, so dass beim Versuch ihn zu überreden mit vehementem Widerspruch zu rechnen war. Aber der schwarzbärtige Bohemund hatte dafür noch einen Trumpf in der Hand: er veranlasste seine Geliebte, die weiße Königin Bianca Liposuccta IX (geborene Fürstin von Schlagobers de Saan), ihrem Gatten die Notwendigkeit einer baldigen Flucht subtil einzuflüstern.
Gemäß kolportierter Gerüchte aus den Reihen der schwatzhaften Höflinge, gab diese ihr Bestes (was immer das auch gewesen sein mag), um ihren weißbärtigen Gemahl zu überzeugen, seinen anfänglichen Widerstand gegen einen Exodus der Figuren aufzugeben. Trotz gutem Zureden und einiger hier nicht weiter zu erläuternder Tricks und Kniffe der geschickt agierenden Bianca von Schlagobers de Saan bestand Ol` King White, alias Wenzeslaus II, wenigstens auf einen ritterlichen Zweikampf als Entscheidungshilfe. Er vertrat den Standpunkt, dass eine Meinungsverschiedenheit zwischen gekrönten Häuptern, grundsätzlich mittels eines Duells zu regeln ist, so wie es sich nach höfischer Art geziemt und vom einfachen Bauernvolk auch erwartet wird. Dies gilt sogar trotz der unwiderlegbaren Tatsache, dass nicht nur die einfachen Figuren, sondern auch die royalen Würdenträger aus nichts anderem als aus gewöhnlichem Kleinholz gefertigt sind.

… in die große weite Welt

Das vom Ol` King White, dem zweiten der Wenzelslaeuse geforderte Duell musste sich in Form eines Turniers, oder besser gesagt eines ritterlichen Schlagabtauschs inmitten des Schachbretts abspielen und von den Besten der Besten beider Volksgruppen ausgefochten werden. Deshalb führten beide Herrscher je einen Turm, einen Springer und drei Bauern ins Feld, um eine endgültige Entscheidung in Sachen Flucht oder Verbleib zu erwirken.

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„…bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel.“

Die Kombattanten trafen sich symmetrisch angeordnet entlang der Kampflinie zwischen D4\F4 und D5\F5, und begannen sogleich aufeinander einzuschlagen. Als erstes kickten sich die vorgeschickten Bauern gegenseitig vom Feld, dann umsprangen sich die Rösser eine Weile ergebnislos, bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel, und dieser wiederum von seinem schwarzen Gegenüber gefällt wurde. Der übrig gebliebene, siegeiche schwarze Turm stand triumphierend auf E5 und winkte seiner jovial lächelnden Königin zu, um den Sieg der schwarzen Partei und somit des eigenen Anliegens zu signalisieren. Auf diese Weise wurde entschieden, dass während der kommenden Nacht die gesamte Truppe unter der Führung des schwarzen Königs vom Spielbrett türmen und in die große, weite Welt aufbrechen würde.

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„…denn es war ein regnerischer Dienstagabend.“

Das Wetter war den Flüchtenden gewogen, denn es war ein mondscheinloser, regnerischer Dienstagabend. King Black rechnete richtigerweise damit, dass es diesmal kein Schachturnier geben und deswegen die Luft im unbewachten Spielzimmer rein bleiben würde. Eine derart günstige Gelegenheit zum unbemerkten Abschleichen durfte nicht verpasst werden. Zwar hatte keine der 32 Figuren eine Ahnung davon, was auf sie da draußen wartete, aber alle hatten genug vom ständigen Herumexerzieren, das ewige Rumstehen in Reih und Glied, das aggressive Vorrücken gegen ihresgleichen, das sich gegenseitig Bedrohen müssen und vor allem vom anschließenden Gemetzel während der allwöchentlichen Schachpartien.

Erste Vorbereitungen…

Bohemund, der blacke King gab das Zeichen, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Die Figuren kontrollierten ein letztes Mal die Filzsohlen, auf denen sie leise davonschleichen sollten. Neugierig und mit einer gewissen Portion Neid betrachtete die dunkle Melanie ihre hellhäutige Konkurrentin am gegenüberliegenden Brettrand, die wieder einmal eleganter als sie angezogen war. Bianca stand kerzengerade in ihrem besten Reisekostüm, vom weißen König und einem ebensolchen Berittenen auf D8 eingerahmt. Die vier Rösser wieherten bereits ungeduldig und sprangen regelkonform in L-förmigen Schrittfolgen tänzelnd umher.
Derweil hetzten die drei intakten Läufer diagonal in der Gegend herum, um eventuelle Hindernisse auf dem vorgesehenen Fluchtweg auszukundschaften. Nur der kopflose linke Läufer der schwarzen Partei hatte keine Ahnung davon, was da vor sich ging, und auch keine weiteren Bedürfnisse außer dem einen: wohlverleimt endlich wieder mit seinem Haupt vereinigt zu werden. Er wurde behutsam von seinem vorangestellten Bauern an der Hand geführt, während der abgeschlagene Kopf natürlich auch mitkam, und zwar in der Obhut des rechten weißen Turms, der gleichzeitig die Nachhut anführen sollte.

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„24 flachbrüstige Damen des gleichnamen Brettspiels“

Mehr pro forma und ohne große Hoffnung auf Zustimmung lud Bohemund die 24 Damen des gleichnamigen Brettspiels ein, sich seinem Tross anzuschließen. Aber wie erwartet wiesen die ängstlichen Figürchen auch nur den bloßen Gedanken an eine Flucht weit von sich, und der zutiefst bohemundete König Black bedauerte bereits, sie überhaupt gefragt zu haben. Stattdessen stapelten sich die 24 flachbrüstigen Damen ängstlich in vier Reihen in einer Ecke des Figurenkastens und beobachteten sorgenvoll die Abmarschvorbereitungen der Schachkollegen beiderlei Couleur.

… und mitternächtlicher Abmarsch…

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„Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts“

Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts, und als diese Mitternacht schlug, marschierte die erste Kolonne unter den aufmerksamen Blicken Bohemunds ab, der am Spielfeldrand stehend, der Prozession aufmerksam zusah und jeder Figur ermutigend auf die kreisrunde Schulter klopfte. Die erste Gruppe, gewissermaßen die Vorhut, bestand aus dem treuen linken schwarzen Turm, einem weißen Läufer und fünf Bauern beiderlei Farben. Anschließend folgte die Hauptmacht unter der Führung von König Wenzeslaus und der beiden Königinnen, die sich unentwegt gegenseitig beäugten und ihre Garderoben abschätzten. Im Zentrum marschierte unmittelbar dahinter die königliche Leibgarde bestehend aus zwei Türmen, flankiert von den zwei Springern Dexter und Linky, ihrerseits gefolgt von neun gemischten Bauern einschließlich desjenigen mit dem kopflosen Läufer an der Hand. Als letzter der Hauptstreitmacht gesellte sich Bohemund hinzu und winkte der etwas zurückbleibenden Nachhut, ihm baldmöglichst zu folgen. Diese ging anschließend unter der Führung des rechten, weißen Turms zusammen mit den restlichen Offizieren und Bauern, die große Mühe drauf verwendeten, die Spuren des Auszugs zu verwischen.

… über den Vorhang…

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Vorsichtig seilten sich die Schachfiguren eine nach der anderen an einer Falte des Vorhangs, der direkt an den Spieltisch grenzte, zum Teppichboden herunter. Die ganze Aktion dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis alle sich in einer langen Reihe zu Füßen des nächsten Tischbeins zum Zählapell aufstellten. Lediglich die zuoberst gestapelten Domino-Steine im benachbarten Regal hatten etwas von der Aktion mitbekommen und gaben die aufregende Nachricht vom Auszug der Kollegen ihren zahlenmäßig passenden Nachbarn weiter. So war es bald eine ausgemachte Sache unter den Bewohnern des Spielzimmers, dass eine große Fluchtbewegung angelaufen war.
Man war sich einig, dass wenn anderntags das Fehlen der Schachfiguren bemerkt würde, ein ziemlicher Aufruhr ausbreche. Der Besitzer des Spielzimmers und dessen Inhalts, ein gewisser Herr Michael Faraon, seines Zeichens Aktuar des örtlichen Schachklubs, sei bekanntermaßen sehr jähzornig und nachtragend. Das wusste man schon von früher, nachdem Herr Faraon einmal eine Kreuz-Sieben mit Kaffee befleckt und damit unbrauchbar gemacht hatte. Daraufhin zerriss er wutentbrannt die Karte und schleuderte das ganze Pack nutzloser Kanasta-Karten in den Kamin. Sowohl die Dominosteine, als auch die danebenliegenden Pokerkarten hofften inständig, dass der zu erwartende Wutanfall des Herrn Faraon sich nicht gegen sie richten würde. Der Herzkönig vom Kartenstapel überbrachte den Abrückenden die Abschiedsgrüße der versammelten Spielwaren und winkte seinen scheidenden Kollegen traurig hinterher.

… und das Treppenhaus …

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Zwei Läufer - Peter Biro - Glarean Magazin
„Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften“.

Nach einem abschließenden Zählapell blies Bohemund Black zum endgültigen Abmarsch aus dem Spielzimmer. In geordneter Reihe marschierte die Kolonne an Tisch und Stühlen vorbei, passierte in einem strategisch geschickt angelegten Umgehungsmanöver das Kanapee und ein niedriges Kartentischchen, und durch die nur leicht angelehnte Tür erreichten alle Figuren wohlbehalten das Treppenhaus. Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften, und sie kehrten mit der Meldung zurück, dass man jede Stufe am besten entlang der Teppichkante herunterklettern könnte. Dies würde für die gesamte Truppe mehrere Stunden dauern.

… durch die Katzentür …

Ein dritter Läufer blieb etwas zurück und linste durch den Türspalt zurück, um eventuelle Verfolger rechtzeitig auszumachen. Gesagt, getan, mit der Vorhut voran kraxelten alle Figuren in einer überfigürlichen Anstrengung die Treppe bis zum Flur hinunter, was fast bis zum Morgengrauen dauerte. An mehreren Stellen führten die beiden Könige einen Zählapell durch, um die Mannschaft auf Vollständigkeit und Fahnenfluchtfähigkeit zu prüfen. Am Treppenabsatz angekommen, wurde eine kleine Abschiedszeremonie mit Trompetenklang und Einrollen der Fahnen abgehalten, und anschließend entwich der gesamte Schachfigurensatz durch die Katzentür.

… in den Maulwurfsbau

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Den ersten Tag campierte die Truppe im improvisierten Biwak eines Maulwurfsbaus im Garten des Faraon-Hauses, denn allen Geflüchteten war klar, dass man sich bei Tageslicht besser nicht blicken lassen sollte. Ansonsten könnte ein verräterisches Haustier die Deserteure erkennen, ausbuddeln und Herrn Faraon Bericht erstatten. Das konnte böse enden, z.B. damit, dass man einem Strafbataillon zugeteilt würde, was wiederum eine mehrjährige Fronarbeit beim Mühlespiel bedeutete oder gar schlimmeres: zu Feuerholz degradiert zu werden. In der Tat machte Faraons getigerte Hauskatze Annabella Schnurrdibus wiederholt Kontrollgänge durch Haus und Garten, aber sie bemerkte die sich eng aneinander duckenden Figuren im Maulwurfshügel nicht. So blieben die Geflohenen unentdeckt und konnten in der zweiten Nacht ihre Flucht fortsetzen.

Letzter diagonaler Erkundungsgang

Um einen improvisierten Kartenkiesel versammelt, beugten sich die beiden Könige bei einer Lagebesprechung über eine grob gezeichnete Skizze der Umgebung, welche die Läufer von ihrem letzten, diagonalen Erkundungsgang mitgebracht hatten. In Gegenwart von je einem weißen und einem schwarzen Turm sowie der drei Läufer studierten King Black und Ol` King White die in Frage kommenden, weiterführenden Fluchtrouten. Zwar versperrte eine große Pfütze den einzig gangbaren Weg zur Straße, aber der weiße Wortführer der Läufer meinte, man könnte sie durchwaten, wenn die Sonne lang genug darauf geschienen und sie wenigstens teilweise ausgetrocknet haben würde. Dann genüge es, wenn der Anführer der Truppe, also King Black, auf die seichteste Stelle des verbleibenden Wassers zeigen würde, wo sich die Truppe in die Fluten wagen könnte.

Zurück zu den Anfängen

Elefant mit Turm – Fresko aus der mozarabischen Einsiedelei (ermita) San Baudelio de Berlanga - Glarean Magazin
„Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort“ (Spanisches Fresko mit Elefant und Turm)

Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort und erinnerte die Anwesenden an jene Schreinerwerkstatt, aus der er und die anderen ursprünglich stammten. Jenes Atelier gehörte einem gewissen Meister Astalosh, der die altertümliche Drehbank betrieb, an der seinerzeit sie alle – außer den Springern – in ihre zylindrische Form gedrechselt worden waren. Dort, so behauptete der weiße Turm, könnte man sich unauffällig unter die unfertigen Bauteile und den herumliegenden Holzabfall aus der laufenden Produktion verstecken.
Da die Schreinerwerkstatt nur eine Tagereise vom Maulwurfshügel entfernt war, wurde beschlossen, dass sich die Figuren dorthin über die folgenden vier Nächte in getrennt vorstoßenden Gruppen durchschlagen sollten. Jede Gruppe würde unter der Führung eines gekrönten Hauptes, also eines Königs oder einer Königin stehen und aus jeweils einem Turm, einem Springer, einem Läufer und vier Bauern bestehen. Außerdem wurde vereinbart, dass falls eine Gruppe auf der Flucht von der gemeingefährlichen Schnurrdibus oder gar von Herrn Faraon persönlich ertappt werden sollte, kein Wort über die anderen verloren werden durfte; nicht einmal unter einem peinlichen Verhör mittels Schraubzwinge oder Fuchsschwanzsäge.

Erfolgsgekrönter Exodus

Bis auf die letzte Gruppe, welche den kopflosen Läufer transportierte, erreichten alle Figuren planmäßig den schützenden Abfallhaufen neben der Schreinerei. Die letzte Gruppe war zwangsläufig langsamer unterwegs und wurde von einem streunenden Hund aufgehalten, der fast die gesamte Nachbarschaft wach kläffte, als er der ungewöhnlichen Prozession gewahr wurde. Aber bereits unter dem ersten, blendenden Strahl der Morgensonne erreichten auch die letzten Figuren den schützenden Holzhaufen und konnten sich im Sägemehl von Astaloshs Werkstatt endlich von den Strapazen ihrer abenteuerlichen Flucht ausruhen. So geschah es, dass dem waghalsigen Exodus der Schachfiguren ein krönender Erfolg beschieden war.

Epilog

Der Schreinermeister Astalosh durchsuchte regelmäßig den Abfallhaufen nach noch brauchbarem Material, denn hie und da benötigte er Kleinteile für eine Verzierung oder Ergänzung irgendeines Möbelstücks. So stieß er auf die verstreut herumliegenden Schachfiguren, die ihm irgendwie bekannt vorkamen. Da er aber nicht alle auf einmal erblickte, dachte er nicht daran, diese wieder einem Schachspiel zuzuführen, zumal damit kaum mehr etwas zu verdienen war. Stattdessen fand er für die nach und nach aufgeklaubten Figuren unterschiedliche Verwendungen, die dazu führten, dass die Gruppe definitiv auseinandergerissen wurde:

• Neun Bauern endeten als Schubladen-Griffe für die Schlafzimmerkommode eines jungen Brautpaares und wurden zwangsläufig Augenzeugen von deren intensiver Familienplanung.
• Die verbleibenden sieben Bauern wurden als Kegel in einem Miniaturbowling-Spielkasten für Kinder verbaut und landeten auf dem Gabentisch eines stark kurzsichtigen Jünglings namens Hubert.
• Mit den vier Türmen verlängerte Herr Astalosh die Beine eines kleinen Beistelltisches, welches – welch eine Ironie des Schicksals! – von Herrn Faraon für sein Spielzimmer bestellt wurde. Nach Auslieferung des fertigen Kleinmöbels und nach Einbruch der Nacht kam es im Spielzimmer zu einer unerwarteten Wiedersehensfeier unter Beteiligung der Dame-Figuren, der Pokerkarten und der Dominosteine, welche die vier immobilisierten Rückkehrer nach deren Erlebnissen während ihrer Flucht ausfragten. Umgekehrt berichteten sie den bodenständigen Türmen, dass Herr Faraon während der verzweifelten Suche nach den verschwundenen Schachfiguren einen kurzen und heftigen Wutanfall erlitten, das Schachbrett zerbrochen und die beiden Stoppuhren in den Müll geworfen hatte.
• Dexter, der rechtsstehende, weiße Springer endete als Verzierungen im Rahmen eines Garderobenspiegels, welcher Jahre später zu einem Zahnarztstuhl umgearbeitet wurde. In diesem wiederum wurde er zu einem Griff umfunktioniert, welchen die Patienten kräftig drücken konnten, wenn der Schmerz unter der Behandlung überhandnahm. Linky gelangte auf verschlungenen Umwegen nach Österreich und wurde als symbolisches Dekorationselement in einer Menütafel verbaut, und zwar über dem Tresen des „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee.
• Die zwei schwarzen Springer (Nero und Misericordius) wurden zu Regenschirmgriffen umgestaltet. Als solche gingen sie mit anderen Haushaltsartikeln in den Export. Nero endete im norwegischen Stavanger als unentbehrliches Accessoire eines Seiltänzers, der jeden Sonntagnachmittag mit einem Matjeshering in der einen und dem Schirm in der anderen Hand zwischen den beiden Türmen der Kathedrale balancierte. Der Schirm mit Misericordius wurde zum Sonnenschutz einer malaysischen Lehrerin, die in einem abgelegenen Urwalddorf verwaiste Makaken zu Stenotypisten und Fluglotsen ausbildete.
• Die drei intakten Läufer blieben zurück und versteckten sich unter einem Werkzeugschrank. Um verirrten Kameraden beizustehen, gingen sie sporadisch auf Erkundungsmissionen, die sie diametral in sämtliche Ecken des Raumes unternahmen. Sie trafen aber keine Verirrten mehr aus dem alten Figurensatz an. Ansonsten blieben Sie jahrelang unter dem Gestell versteckt, bis eines Tages die Werkstatt abgerissen und einem Waschsalon weichen musste. Wahrscheinlich wurden sie mit dem Schutt aus dem Abbruch entsorgt, jedenfalls hörte man seitdem nichts mehr von ihnen.
• Der kopflose Läufer, den man unter großen Mühen mitgeschleppt hatte, wurde sehr bald nach seiner Ankunft durch Herrn Astalosh als unbrauchbar erkannt und verschreddert. Kopflos wie er war, endete er als Holzpellet in einer Heizanlage. Sein Haupt machte indes Karriere als hübsch gemaserte, besonders leichte Murmel in der Kugelsammlung von Astalosh Junior.
• Die beiden Königinnen blieben weiterhin schicksalhaft zusammen und hatten somit die Möglichkeit sich weiterhin gegenseitig anzukeifen. Sie wurden als Handgriffe auf ein Paar hübsch dekorierten Cocktailspießen angebracht, auf die man Oliven oder Zitronenscheiben aufzog. Dergestalt kamen sie in ihrer neuen Eigenschaft als Besteck in einer Karaoke-Bar zum Einsatz. Aus Cocktailgläsern ragend, musterten sie sich weiterhin gegenseitig mit unfreundlichen Blicken und warfen sich gelegentlich beleidigende Bemerkungen betreffend ihrer Garderoben zu.
• König Wenzeslaus II alias Ol` King White endete als dekorativer Knauf am oberen Wendepunkt eines barocken Treppengeländers, von wo er jahrzehntelang die auf- und absteigenden Hausgäste der vornehmen Villa beobachten und daraus seine ganz persönlichen Schlüsse ziehen konnte. Seine Memoiren erschienen Jahre später unter dem Titel `Vom Thron zur Zierfigur – Erinnerungen eines aufgestellten Königs` bei Klappezu & Affetot 2009, Wien, London, Buxtehude.
• Bohemund IV, oder King Black, der initiative schwarze König, der die ganze Fluchtaktion geplant, befohlen und angeführt hatte, wurde an die Spitze einer Standartenstange montiert, die bei Aufmärschen der Heilsarmee der Blaskapelle vorangetragen wurde. Auf diese Weise konnte er, standesbewusst wie er nun mal war, an feierlichen Zeremonien lange Jahre an vorderster Stelle teilnehmen und sich am Tschingderassabum und dem ganzen Tamtam um ihn herum erfreuen. Dabei glaubte er felsenfest, dass der Jubel der freudig am Straßenrand zuschauenden Menschen ihm alleine galt und der ganze Aufmarsch ihm zu Ehren abgehalten wurde.

Moral der G’schicht: Süß ist die Freiheit selbst dann, wenn sie einem nur zu einem zeitweiligen und banalen Weiterleben verhilft! ♦


Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

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Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus)

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Nachdenken über den Menschen

von Stefan Walter

Cees Nooteboom (*1933) ist einer der großen niederländischen Dichter, und unter diesen in Deutschland sicherlich der bekannteste. Für „Abschied“, ein „Gedicht aus der Zeit des Virus“, das man wohl guten Gewissens als seinen Schwanengesang betrachten darf, hat er sich der eher seltenen Form des Langgedichts bedient.

Cees Nooteboom: Adiós (poema de la época del virus)In der noblen Bibliothek Suhrkamp als zweisprachige Ausgabe Niederländisch–Deutsch erschienen, gibt es an den Äußerlichkeiten des „Abschieds“ von Cees Nooteboom erwartungsgemäß nichts zu kritisieren. Der dunkelviolette Einband ist von einem schlichten Schutzumschlag in Weiß mit einem schmalen violetten Streifen umgeben; große Experimente wird der Leser hier nicht erwarten. Ein Lesebändchen ist vorhanden, gleichfalls violett. Oder, um es in den Worten des Gedichtes zu sagen, „dazu die passende Farbe: / das Lila von Tod und Geburt.“
Auf jeder Doppelseite findet sich, ganz wie sich das gehört, links der Originaltext, rechts die deutsche Übersetzung. Jeder Abschnitt bekommt seine eigene Doppelseite. Ein kurzes Nachwort des Autors hilft ein bisschen beim inhaltlichen Verständnis des nicht ganz einfachen Textes. Vier Zeichnungen von Max Neumann runden das Buch ab.

Strenge Gliederung

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Das Gedicht selbst, untertitelt mit „Gedicht aus der Zeit des Virus“, folgt einer strengen Gliederung: Drei Kapitel zu je elf nummerierten Abschnitten zu je 13 Versen, in drei Strophen plus einen Nachsatz getrennt. Die Stropheneinteilung erscheint rein formal, Strophenenjambements sind die Regel; als Sinneinheit dient ausschließlich der Abschnitt, der in vielen Fällen aus einem einzigen Satz besteht.

Wesentlich anstrengender ist es, den teils sehr dunklen Inhalt zu erhellen. Da eine Rezension glücklicherweise keine umfassende Interpretation zu liefern braucht, kann ich mich hier auf einzelne Stellen beschränken.
„Dies fragte sich der Mann im Wintergarten, / das Ende vom Ende, was könnte das sein? / Etwas ganz ohne Kummer (…)“ beginnt der Text. Der Mann sieht im ersten Abschnitt u.a. einen „entblätterten Feigenbaum“, „die tausendjährigen Steine der Mauer“, „wie die Nacht korrigiert werden sollte“, „die Grammatik der Enteignung“, „Rückzug nach der Niederlage“, „doch keine Bestimmung“.

Nebeinander von Metaphern und Wertungen

Cees Noteboom - Reporta Glarean
Cees Nooteboom (Geb. 1933 in Den Haag)

Dieses auffällige gleichrangige Nebeneinander von Bildern, Metaphern und Wertungen zieht sich durch das ganze große Gedicht von Cees Nooteboom. So erinnert sich der Mann im zweiten Abschnitt an den Krieg, an „Soldaten beim Abzug, bang, dreckig“ statt wie zuvor „mit neuer Zukunft versehen, mit Opfern“, „die Rückseite des Spiegels“, „die Falle der Not“.
Er erinnert sich an die Kindheit, die Eltern, das Meer, an Freunde, an Mädchen, an Reisen, aber die Wehmut muss jedes Mal wieder sehr zeitnah Platz machen für Angst oder Trauer, „einsame / Augen ohne Stirne gehen um, Gliedmaßen / ohne Anhang, Spukgestalten, Phantasmen / gesponnen aus bösen Geschichten“.
Der Mann wird zum Gärtner, der die Blumen bewundert, „grün und hartnäckig / ohne Furcht vor dem Ende“, aber dennoch sieht er als erstes „tote Blätter, der Boden nass und schwarz“.
„Wie viele Rätsel kannst Du ertragen?“ Gelegentlich zweifelt man als Leser, ob solche Sätze noch diegetisch sind, oder ob der Autor ironisches Mitleid äußern möchte, wenn wir dem ständigen Wechsel von Ort, Zeit, Personen und Gegenständen, immer nur angedeutet, kaum folgen können.

Meisterliche Beherrschung von Form und Stil

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Im zweiten Kapitel nehmen die Unklarheiten, die Andeutungen, die negativen Wertungen immer mehr zu: „Ein verkehrtes Paradies voll / Ungeheuern, die uns gleichen, ein / abgenagtes Gesicht mit einem / Strauch auf dem Rücken“, „es sind Menschen, glaub’s oder nicht, Kloake der Evolution“, „das erfundene / Genie, das seine Kotze verkauft / und die Seele dazu“. Glücklich mag man die Erinnerungen des alten Mannes eher nicht nennen.

Ruhiger wird es dann wieder im dritten Kapitel. Philosophische Überlegungen („Was für ein Geräusch macht die Erde / im Hause des Kosmos“), Erinnerungen an Freunde („Freunde, Brüder, Geliebte, / und immer nahmen sie Abschied, bogen ab nach links / oder rechts, verschwanden wie Schatten“), sie führen erbarmungslos auf das Ende hin: „Dort richtet sich jemand auf, eine / letzte Gestalt, die sich entfernt, / ich schaue ihr nach, der einzigen / meines Lebens“.
Bis das lyrische Ich, das wohl nicht allzu weit vom Autor entfernt sein dürfte, zum Schluss erkennt: „Hier muss es sein, / hier nehme ich Abschied von mir selbst / und werde dann langsam / niemand.“

Man muss an der wortreichen, bildhaften, zwischen Pathos und Bathos changierenden Sprache nicht unbedingt Gefallen finden. Ohne Zweifel jedenfalls beherrscht Nooteboom Form und Stil meisterlich und zwingt den Leser zum Nachdenken über den Menschen, seine Fehler und die conditio humana. Absolut lesenswert. ♦

Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus), Zweisprachige Ausgabe Niederländisch/Deutsch, 88 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-22522-6

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Cees Nooteboom: Abschied (Gedicht aus der Zeit des Virus)

Internationaler Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich

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Texte zum Thema „Existenzielle Gefühle“ gesucht

Literaturhaus Zürich - Glarean MagazinSeinen Schreibwettbewerb „Texte des Monats“ offeriert das Literaturhaus Zürich bereits seit 20 Jahren. Für 2021 wurden dabei je monatlich bereits elf „existenzielle Gefühle und Regungen“ zu thematischen Vorgaben erklärt – das 12. Thema für den Dezember 2021 können nun die Autoren selbst deklarieren.

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Der Wettbewerb ist für Teilnehmer/innen aller Altersklassen aus allen Nationen offen, auch Gattungsgrenzen bestehen keine. Der Umfang soll 15’000 Zeichen nicht überschreiten, und die Texte dürfen noch nicht anderweitig publiziert worden sein.
Einsende-Schluss ist am 5. Dezember 2021, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

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Internationaler Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Modernisiertes Italien-Fernweh

von Christian Busch

Klaus Modicks neuer Roman „Fahrtwind“ ist eine romantische Reiserzählung und eine Reminiszenz an Eichendorffs berühmte „Taugenichts„-Novelle, die das Italien-Reisefernweh in die Siebziger Jahre transponiert, in des Autors eigene Studienzeit.

Klaus Modick: Fahrtwind, Roman, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2021„Wem Gott will rechte Gunst erweisen / Den schickt er in die weite Welt. / Dem will er seine Wunder weisen / In Berg und Wald und Strom und Feld!“ Mit diesen Zeilen stürzte sich vor ungefähr 200 Jahren Joseph Freiherr von Eichendorffs berühmter, längst zur literarischen Legende und zum Sinnbild deutsch-romantischer Italien-Sehnsucht gewordener Taugenichts in sein Reiseabenteuer, das ihn über Wien bis nach Rom und in die Arme seiner Geliebten führt.
Wer kennt nicht die zum Paradigma romantisierter Reiselust stilisierte Einleitung der Künstlernovelle, in welcher der gestrenge Vater seinen faulenzenden, musikverliebten Herrn Sohn und Müßiggänger in die Welt hinausschickt:
„Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.“ – „‚Nun“, sagte ich, „wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.‘ Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen…'“.

Folie für eine Modernisierung

Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff
Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff

In Klaus Modicks neuem Roman „Fahrtwind“, der bereits zum „Spiegel“-Bestseller avanciert ist, dient nun, wie der Autor bereits im Vorwort freimütig bekennt, Eichendorffs Erzählung als Folie für eine Modernisierung. Modick verlegt seine Geschichte in die Siebziger Jahre, seine eigene Studentenzeit – und scheint seine Jugend nachholen zu wollen. Er ist nun ein auf den sinnigen Namen Müller getaufter Studiosus vagabundicus, der kurz nach dem Abitur sorg- und ziellos aufbricht, um dem geregelten, bürgerlichen Leben der Spießer und Philister zu entkommen („Die Trägen, die zu Hause liegen / Erquicket nicht das Morgenrot / Sie wissen nur vom Kinderwiegen / Von Sorgen, Last und Not um Brot“).
Aus der Mühle wird der Klempnerbetrieb, aus der Geige die Gitarre, aus der Wanderschaft eine Tramptour, aus der Kutsche der beiden vornehmen Damen ein „Mercedes Roadster 107“, aus dem Schloss bei Wien ein Schlosshotel und aus den beiden fremden Wanderern zwei homophile, vermeintlich mit Drogen dealende Easy-Rider-Cyclisten – und so weiter. Stilsicher werden – mit einer Prise narkotisch wirkender Pilze und anderer Gräser angereichert – Kulissen und Reliquien ausgetauscht. Deren Flair erschließt sich weiter durch die Popsongs, die als Motti über den Kapiteln stehen, und durch die gelegentliche Erwähnung von RAF und Roten Brigaden. Tiefgehender und sozialkritischer war das bei Eichendorff auch nicht.

Stimmung, Rhythmus und schwebende Leichtigkeit

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Auch wenn der Ich-Erzähler bei seinen eigenen Dichtungen an seine Grenzen stößt, wird absolut flott fabuliert. Fast scheint es so, als habe er Eichendorffs Originaltext durch eine moderne Übersetzungsmaschine gejagt, die alles transponiert, ohne Stimmung, Rhythmus und die schwebende Leichtigkeit zu verlieren. Mit ebenso leichtfüßigem Charme und schwindelerregender Verspieltheit entstehen toskanische Gartenlandschaften und die von Zypressen und Olivenhainen gesäumten arkadischen Sehnsuchtsorte der romantischen Seele.

Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)
Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)

Das ist wirklich verblüffend und wäre ein spannendes Thema für eine germanistische Seminar-Arbeit, denn auch die Zeichnung des überwiegend eins zu eins übernommenen Figuren-Inventars gelingt in ihrer naiven, aber direkten und pointierten Art – auch unter gänzlicher Wahrung der romantischen Ironie. Und doch dürfte den Leser Klaus Modicks gekonnte Hommage und Reminiszenz an Eichendorffs Künstlerepisode nur halb zufriedenstellen. Denn bei aller Vergnüglichkeit bleibt die Geschichte doch allzu sehr eine schablonenhafte Imitation – ohne, dass Reise-, Lebens- und Liebesmotive irgendeine Aktualisierung, Vertiefung oder Erweiterung erfahren.

So beschert „Fahrtwind“ zweifellos ein beträchtliches Lesevergnügen und nicht nur in Corona-Zeiten ein sinnliches Italien-Erlebnis, hinterlässt bei dem literarisch ambitionierteren Leser, vielleicht auch bei dem genauen Kenner der Eichendorff’schen Vorlage jedoch auch eine gewisse Ratlosigkeit darüber, dass nach 200 Jahren am Ende einfach „alles, alles gut“ ist. Aber lesen Sie selbst, denn lesenswert ist der neue Modick allemal! ♦

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman), 208 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978 3462001303

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Klaus Modick: Fahrtwind (Roman)