Daniel Mylow: Giraffe – Passagen (Kurzprosa)

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Zwei Kurzprosa-Stücke von Daniel Mylow

Giraffe

Der vom Regen lasierte Himmel spiegelt den feuchten Glanz der Steppe.
Ein Junge mit schlafwirrem Haar sah ernst und unverwandt auf die Zirkuswagen, die den Ort verliessen. Gestern Nacht war dem Zirkus eine Giraffe abhanden gekommen, in der Nacht zuvor zwei bengalische Tiger. Man hatte die Gegend weiträumig gesperrt. Doch die Suche war erfolglos geblieben.
Der Blick des Jungen ging auf den morgenleeren Platz. Staubschlieren zerfielen in der blassen Regenluft. Die feuchte Erde war wie eine begehbare Schrift von Spuren zerfurcht. Der Junge kniff den Mund zusammen, bis er sich in einen wehmütigen Stolz fand. Die Giraffe war ein unwirklicher Schatten vor dem grossen Himmel. Wolkenfern stand die Silhouette der Berge. Gestern waren es noch Häuser.


Passagen

Das Wasser spiegelt das hohe Licht des Mittags, während ihre Hände für einen Augenblick wie weisse Falter ins Helle fliegen, bevor sie auf seiner Brust liegen bleiben. Er schliesst die Tür. Während sie sich ausziehen, fiebrig umfangen vom Licht, das durch die Holzritzen fällt, legt die Fähre ab. Sieben Minuten über die Elbe und zurück, wie jeden Mittwoch. Sie flüstern. Höfe aus hellen Schatten legen sich über ihre nackten Körper, die sich plötzlich in ihrer Versunkenheit wiederfinden. Eine leise Dünung bewegt das Wasser. Jeder Augenblick ist wie aus kleinen Funken geformt, jede Bewegung wie ein Tasten zwischen Grund und Himmel unter den dahin rinnenden Fahrgeräuschen. Ein Verschwinden und Festhalten. Er spürt ihre atmende Haut unter seinen Küssen.
Die Fähre legt an und wieder ab. Die schwindende Zeit liegt wie eine Hypothek auf ihren Gesichtern und verschliesst ihnen den Mund. Man darf nichts sagen. Auch sein Freund, der Fährschiffer, hatte ihm nach seiner ungewöhnlichen Bitte nur schweigend den Schlüssel für die kleine Bootskajüte in die Hand gedrückt. Er zahlte die Passage für einen Sommer im Voraus.
Und als Maren später beginnt zu sprechen, ihm erzählt, dass die Weibchen der in Amerika beheimateten Schaufelfusskröte immer mit Männchen einer anderen Art fremd gingen, wenn ihr Tümpel auszutrocknen drohte, da wusste er, dass sie zu ihrer Familie zurückkehren würde, und dass ihr Atem die Zeit verbraucht hatte. ♦


Daniel Mylow - Schriftsteller - Glarean MagazinDaniel Mylow

Geb. 1964 in Stuttgart, Studium der Germanistik, Medien, Psychologie und Philosophie in Bonn und Marburg, Tätigkeiten als freier Verlagslektor, Korrektor und Autor, zahlreiche Veröffentlichungen in Literatur-Zeitschriften und Anthologien

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Lothar Becker: Hitler in der U-Bahn (Satire)

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Hitler in der U-Bahn

Lothar Becker

Elmar hatte sie schon die ganze Zeit über beobachtet, und jetzt kamen sie auf ihn zu: Es waren zwei, und sie waren kahlgeschoren und trugen Lederjacken und schwere Stiefel. Das Blech des U-Bahn-Waggons dröhnte unter ihren Schritten. Elmar lief es eiskalt über den Rücken. Er war Ende dreissig, ziemlich klein, litt unter Verstopfung und kam nicht bei Frauen an. Seine Physiognomie hinterliess einen mehr oder weniger dümmlichen Eindruck, und weil er das wusste, machte er sich keine Illusionen, dass er etwa aussehen könnte wie jemand, den diese Typen nicht zusammenschlagen würden. Elmar war auf alles gefasst.
Er sah, wie sich die beiden vor ihm aufbauten, und wie die Leute auf den benachbarten Plätzen intensiv aus dem Abteilfenster zu blicken begannen. Dann schloss er die Augen.
Als er sie kurz darauf wieder öffnete, befanden sich die beiden Kahlköpfe vor ihm in einem irritierenden Zustand. Mit halbgeöffneten Mündern und Glatzen, die in der Neonbeleuchtung rosig glänzten, starrten sie ihn völlig fassungslos an. Einer von ihnen kratzte sich verlegen am Hintern. Dann brüllten sie fast gleichzeitig los: „Kalle! He, Kalle! Mach mal hin, eh!“ Kalle stürzte mit mehreren Begleitern durch die Abteiltür. Sie alle waren Skins. Und Kalle gab mit den Zentnern, die er auf die Waage brachte, einen erstklassigen Boss ab.
„Wat is los? N‘ Kaffer klatschen oder wat?“
„Blödsinn. Da! Guck dir den mal an, eh!“
Kalle schob sein Gesicht bis auf ein paar Zentimeter an das von Elmar ran. „lck faul ab, eh! Det is Adolf!“
Elmar rutschte in sich zusammen. Was für ne Scheisse, dachte er, was ist das nur für eine Scheisse! Er hatte nicht den geringsten Schimmer, was die von ihm wollten.
Kalle holte ein Photo aus der Innentasche seiner Lederjacke. „Hier, kieck mal!“
Elmar begriff die Welt nicht mehr. Der Mann auf dem Bild war er. Nur dass der da ein schmales Bärtchen auf der Oberlippe trug. Aber sonst…
Kalle hatte jetzt Haltung angenommen und strahlte: „Det is der Führer!“
Elmar verstand noch immer nichts. Einer der anderen Skins berührte ihn beinahe sanft an der Schulter. „Keene Angst, Hitler. Wir tun dir nichts.“ Kalle steckte das Photo wieder ein. „Keener tut dir wat, Hitler. Wir mögen dir.“ Elmar versuchte zu lächeln. Es misslang ihm.
Sämtliche Fahrgäste hatten das Abteil inzwischen verlassen. Jetzt gab es hier nur noch ihn und ein gutes Dutzend übergeschnappter Skins, die ihn bestaunten. Was immer sich hier abspielte, soviel stand fest: lebend würde er hier nicht mehr rauskommen. Wenn er auch nur daran dachte, drehte sich ihm der Magen um. Die Skins schienen davon nichts zu bemerken.
Kalle holte eine Packung Zigaretten hervor. „He, Hitler, sach mal, rauchst du eigentlich?“ Elmar schüttelte den Kopf und Kalle drehte sich zu den anderen um. „Eh, ihr Scheisser, wie war det – hat Hitler eigentlich geraucht?“
„Nee, det stimmt schon so. Hitler hat nich geraucht.“
Kalle strahlte schon wieder.
„Sach ick doch. Det is wie echt, eh!“ Er steckte sich selber eine an und blickte triumphierend in die Runde. Es war ein grosser Tag für jeden von ihnen.
Nur ein paar waren nicht ganz so beeindruckt. „Wenn det Hitler is, Kalle, wieso trägt er denn Turnschuhe?“
Kalle zog die Stirn in Falten und begann, Elmars Füsse anzustarren. „Hör mal, Hitler, eenes musst du uns versprechen: zieh bloss keene Turnschuhe mehr an, wa? Und denn lasse dir so nen kleenen Bart stehen,eh!“
Elmar nickte. Der Alptraum nahm kein Ende. Wieso bloss machten die ihn nicht fertig? Die U-Bahn raste durch die Stadt. Sie war zur Falle geworden für ihn. Zur Mausefalle für Hitler.
Die Skins konnten offensichtlich nicht genug von ihm kriegen. An irgendeiner Station bekamen sie schliesslich Durst und stiegen aus. Kalle war schon an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte: „Wir kommen jetzt jeden Tag, wa! Und wenn du morgen keene Stiefel trägst, verjesse ick mir, Hitler!“
Elmar arbeitete am anderen Ende der Stadt. Er hatte keine Wahl, was das U-Bahn-Fahren anbelangte. Voller Panik liess er sich ein rechteckigesBärtchen auf der Oberlippe stehen und begann, in Militärstiefeln herumzulaufen.
Die Skins patrouillierten jeden Tag in der U-Bahn, und Elmar kam noch immer verdammt gut bei ihnen an. Eines Tages passten sie ihn schon am Fabriktor ab. Kalle nahm ihn am Arm.
„He, Hitler! Komm her, Hitler! Wir haben wat für dich!“
Sie liefen eine ganze Weile. Dann waren sie da. E s war eines dieser Abbruchhäuser,und das ganze Haus war voller Skins. Es waren beängstigend viele. Kalle schob Elmar an ihnen vorbei in eines der Zimmer im Erdgeschoss. Bis auf ein Mädchen war niemand darin. „Pass auf“, sagte Kalle, „det is Eva. Eva Braun.“ Dann ging er raus und schloss die Tür hinter
sich.
Elmar fand, dass dieses Mädchen einige Nummern zu gross war für ihn, und er verstand nicht, weswegen sie ihn auf diese eindeutige Art und Weise anlächelte. Eva begann, sich an ihrem Strumpfhalter zu schaffen zu machen.
„Na, mein Kleener, wie hätten wirs denn jern?“
„So wie der Führer nehme ich an…“
„Det hätte mir och jewundert!“ Eva fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Na, denn zieh dir mal aus, wa?“
Elmar stieg aus seinen Stiefeln, aus dem Rest seiner Kleidung. Dann stellte er sich auf das Bett und riss den rechten Arm in die Höhe. Eva hatte einige Mühe, ihre Sache gut zu machen.
Als Elmar das Zimmer wieder verliess, waren die Skins in Bewegung gekommen. Einer von ihnen stiess Elmar raus auf die Strasse: „Freu dir, Hitler, heute jibts Krieg!“
Einige Blocks weiter bewegten sich zwischen fünfzig und hundert aufgebrachte Linke auf sie zu. Keine Frage, weswegen sie hier waren. Die Skins lauerten hinter der Tür und soffen sich Mut an. Dann kamen sie raus. Elmar befand sich plötzlich inmitten einer Unmenge rotierender Fäuste und Stiefel. Er stellte fest, dass er vor Angst schlotterte. Ganz egal, in was er auch reingezogen wurde, er zog immer den Kürzeren. Im Grunde war es dasselbe wie damals in der U-Bahn, nur dass er diesmal eine reelle Chance besass, sich zu verdrücken.
Elmar versuchte, unbemerkt in die nächstbeste SeitenStrasse abzudriften.
Plötzlich stand Kalle vor ihm: „He, Hitler! Wo willst du hin, du feige Sau?“ Er war mörderisch in Fahrt.
Elmar begriff, dass es nicht nötig war, zu antworten. Dann spürte er den ersten Schlag. Elmar schrie los. Und Kalle schlug, schlug, schlug.
Elmar wurde übel, als er das Blut im Mundwinkel schmeckte. Aber dennoch: zum ersten Mal seit Wochen begann er die Welt wieder zu verstehen. ♦


Lothar Becker - Schriftsteller Publizist - Glarean MagazinLothar Becker

Geb. 1959 in Limbach-Oberfrohna/D, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Veröffentlichungen von Musical- und Theater-Stücken, lebt als Jugend-Sozialpädagoge in Lembach/D

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SAID: Ida kommt nicht mehr (Kurzprosa)

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ida kommt nicht mehr

„den ort bestimmst du, ich komme dorthin – wenn auch mit ein wenig verspätung.“
so lautete idas mail vor dem ersten rendezvous.
er wartete gerne auf sie.
von dem trottoir gegenüber kam eine frau in einem minirock auf ihn zu.
„sie hat einen entschlossenen ausdruck“, dachte er.
sie setzte sich neben ihn und zeigte viel von ihren beinen.
„ida kommt nicht, ich heisse arlette.“
er bekam kein wort heraus.
„sie hat mich geschickt für dich.“
„sie hat was?“
„ida meint, ich würde gut zu dir passen.“
mit 175 cm war ida grösser als er; arlette war klein, um die hüften ein wenig plump.
inmitten seiner überlegungen meldete sich die neue:
„wir können in einen park gehen und uns auf eine bank setzen.“
dort auf der bank legte sie die beine übereinander, wippte mit dem fuss und wartete.
er griff in ihre bluse, sie verwehrte ihm nichts und folgte seiner hand.
hernach suchte er nach einer phrase und sprach von ida.
„die liaison mit ihr hat mit scheuen blicken begonnen und ein paar flüchtigen worten.“
„höre ich schon einen vorwurf?“ fragte sie.
„selbst ihre stimmen sind so verschieden: ida hoch und schrill, arlett warm und dunkel“, dachte er und suchte nach einem ausgang für die situation.
nach der dusche lief arlette nackt in seiner wohnung herum.
„ein beinah gedrungenes mädchen“, sinnierte er.
sie kämmte und schminkte sich mit wenigen bewegungen, schlüpfte in den minirock und ging mit ihm hinaus.
„du ziehst die blicke der männer an.“
„ich geniesse es, dass sich alle an mir sättigen“, schmunzelte sie, „mit ihren blicken.“
„ida hätte so einen satz nie ausgesprochen.“
„menschen, die nicht lügen können, taugen nicht für eine liebesbeziehung“, flötete sie und hängte sich bei ihm ein.
„was mache ich mit diesem tierchen?“ überlegte er.
nachts schlief jeder in seinem bett.
die tage teilten sie sich, die nachmittage nackt.
sie legten sich hin, ohne sich auszuziehen, sie drückten die handflächen gegeneinander. er sprach von ida. arlette kannte das schon, liess das eine weile geschehen und schlenkerte sich dann die schuhe von den füssen. sie liebte es, genommen zu werden, unter dem tageslicht.
er betrachtete die gegend um ihre augen und verriet sich:
„wir müssen klare spielregeln festlegen.“
„die eindeutigkeit ist nur eine form von sauberkeit“, und sie wühlte in seinem haar.
„spielregel bedeuten pufferzonen, und die sind nötig.“
„du meinst leerräume“, schnaubte sie.
er hob die schulter.
„vor allem müssen wir dein gedächtnis trainieren“, arlette liess sich zeit, bevor sie hinzufügte: „damit du ida vergisst.“
sie erwartete keine antwort, aber es kam eine.
„warum sollte ich sie vergessen?“
„um näher zu kommen.“
„weisst du, wie lange ich mit ida war?“
„ich weiss es“, sie küsste sein ohr: „drei jahre, acht monate und sechs tage.“
„das weisst du?“
„ich weiss noch mehr“, und ihre stimme wurde dünn.
„zum beispiel?“
arlette wollte ihn nicht verlieren und begann zu erzählen, bis kein geheimnis mehr in ihrer erinnerung geblieben war.
er sagte nichts und starrte sie an.
„was hältst du von masken?“
„nichts“, antwortete er.
„aber es gibt nacktheiten, die danach schreien“, sie wurde rot im gesicht, als hätte sie etwas schamloses gesagt.
„es ist schlimm, wenn einem die gabe des schweigens fehlt“, war seine erwiderung.
„meine geheimnisse fallen aus mir heraus, wenn sie gereift sind“, sagte sie und schluckte.
er schwieg.
„wäre ich in der dunkelheit geblieben“, dachte sie und kehrte zur demut zurück:
„in mir gibt es nichts, was endgültig wäre.“
„ob die ausstrahlungen deiner unruhe für meine wirklichkeit brauchbar sind?“
sie begann sich anzuziehen.
„der mensch kann nicht bestehen, wenn er geöffnet vor den blicken eines anderen daliegt“, und er machte eine vage geste. ♦


S A I D (Pseudonym)

Schriftsteller SAID - Autor im Glarean MagazinGeb. 1947 in Teheran geboren, 1965 Übersiedlung als Student in die BRD, 1979 Rückkehr in den Iran, jedoch bald darauf und seither aus politischen Gründen wieder im deutschen Exil lebend; zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Träger verschiedener internationaler Literatur- und Kultur-Preise; 2000 bis 2002 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland; lebt in München

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Martin Kirchhoff: Zwei Kurzprosa-Texte

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Strandleben

Martin Kirchhoff

Langsam lasse ich mich auf dem braunen Steinblock nieder und warte ab. Endlich rattert der grüne Zug über die Brücke, dann scheint er sich im Grün des Dammes aufzulösen, bevor er verschwindet. Eine schwarze Wolke, die der Wind über das Land meerwärts treibt, verschluckt die Sonne. Noch schaue ich dem Zug nach, mein Blick gleitet suchend über die Grasfläche, die der Wind mit seinen salzigen Fingern durchkämmt. Tief Luft einziehend springe ich auf, strecke meinen Körper, trete dann vor an den Rand. Angekommen, zögere ich. Sand rieselt abwärts zum Strand, der sich dem Meer zuwellt, bis die Wasserwellen ihn verschlucken. Endlich springe ich lachend hinab.
Über dem Meer gleitende Möwen ziehen meine Aufmerksamkeit auf einen grauen Stein im Wasser, auf dem ein Kormoran beide Flügel spreizt. Jesus auf einer Insel vor einer Insel, kommt mir in den Sinn. Up, up, ruft ein Mann seinem Schäferhund nach, der Sand aufwirbelnd davonrennt, vorbei an zwei Frauen, die in ihrem Gespräch vertieft unbeirrt weitergehen. Regen prasselt nieder, die Luft riecht schwer, leichter Dampf steigt vom Sand empor. Noch auf dem Stein, mit angelegten Schwingen, erweckt der wieder zum Vogel gewordene Kormoran keine Sinnbilder in mir. So bleibe ich hängen auf einem Punkt eines weiten Strandes. Ich geniesse die Regentropfen. Grenzstreifen zwischen Land und Atlantik. Zwei Welten einer Welt. Eine junge Frau nähert sich. Sie bückt sich, nimmt eine Muschel auf, gleich die nächste. Die schwarzen Wolken ziehen weiter zum Meer hinaus. Im hohen Bogen wirft die Frau eine der Muscheln von sich, den Wellen zu. Am Horizont ist ein Schiff sichtbar. Es scheint sich nicht zu bewegen, steht kurz im Kontrast zur Frau, die mit schräg geneigtem Haupt meerwärts strebt. Plötzlich bückt sie sich erneut und nimmt die nächste Muschel auf, während die Wellen ihre Füsse umspülen. Mit hohem Satz hüpft sie rückwärts in die abziehenden Wellen. Rasch streicht sie sich mit der linken Hand über ihre Stirn. Das Schiff klebt noch am Horizont, weit im Norden erheben sich die Berge. Zwischen ihnen und mir ist ein roter Leuchtturm. Der rennende Schäferhund schiebt sich in mein Gesichtsfeld, vor dem Leuchtturm, eine Frau wirft Muscheln hoch, die sie auffängt, schnell und schneller, zwei Frauen reden aufeinander ein, die Berge schieben sich ins Meer.
Hier werde ich bleiben. Auf dieser Stelle werde ich das Meer erwarten. Der Kormoran ist verschwunden; irgendwo über dem Meer unterwegs, das sich nähert, mir zuwellt, das kommt. Möwen kreischen im Gleitflug, die Berge schwimmen zum Schiff, das sie erwartet. Kommkomm, verstehe ich die Möwen, strecke meine Arme aus und bleibe stehen. Kommkomm, denke ich, wartend, erwartend, kommkomm, singt die Muscheljongleurin in der Ferne, neben dem Leuchtturm, der mit seinen scharf gebündelten Lichtstrahlen dem Wasser des Boyne den Weg zum Meer weist. Hinter mir verschwimmt die Sonne im Westen im Atlantik. Dazwischen das Inselland. Stärker rieche ich den Tang, das Parfüm des Meeres, näher züngeln die Wellen heran, nehmen das Grenzland auf. Ob ich über das Wasser gehen kann, weiss ich nicht. Bald werden die Wellen bei mir und ich nicht mehr allein sein.
Das Sonnenlicht bricht durch die dunklen, aufgebauschten Wolken, der Wind spielt in meinem Haar. Kein Kormoran sitzt auf dem Stein und ich gehe ein wenig enttäuscht weiter. Zwei Frauen wandeln schweigend dem Leuchtturm zu. Meine Augen folgen ihnen, bis sie unerwartet an einem Stein im Wasser hängen bleiben, der gestern nicht dort war, auf dem mit gespreizten Flügeln ein Kormoran steht. Die Berge sind, wo sie waren und hingehören. Das Schiff machte zwei Frachtern Platz. Dann entdecke ich auf dem Stein hinter dem Kormoran eine Muschel. Vielleicht kommt sie wieder vorbei, denke ich, kommkomm, Muschelfrau und betrachte den Kormoran, der sich auf den Stein setzte, als warte er. Kommkomm, flüstern die Wellen, kommkomm, denke ich und weiss, ich werde warten.
Nachts spüre ich die Wellen, die mich umspielen. Aus dem Nichts der Dunkelheit erscheint leise singend die Muschelfrau. Sie streckt sich, lässt sich dann auf mir nieder. Kommkomm, scheint sie zu singen, ich bin da, ein gelbbrauner, mit ein paar weissen Adern durchzogener Stein. ♦


Eigentlich könnten wir glücklich sein…

Martin Kirchhoff

Wieder in der S-Bahn unterwegs zur Arbeit. Tägliche Tretmühle. Zweygarth betrachtet Sonja, die mal wieder ihm gegenüber sitzt. Ihr Kiefer bewegt sich monoton, wie immer nach einem Streit. Diesmal war es die Marmelade, die ihre Gemüter erhitzte. Sonja starrt durchs Fenster auf die fliehende Landschaft.
Die Bahn hält, Menschen drängen sich herein, müde Welten, griesgrämige Gesichter. Zweygarths Augen springen hin und her, auf vager Suche nach einer anderen, schöneren Welt. „Eigentlich“, denkt er, „könnten wir glücklich sein“, und schüttelt den Kopf. Plötzlich wendet sich Sonjas Gesicht ihm zu, aus dem kurz und bündig ihre Zunge schnellt, bevor sie sich wieder abwendet. Verärgert zwar, bleibt Zweygarth ruhig und lässt seine Zunge im Mund.
„Waren wir damals glücklich“, fragt er sich, „vor fünf Jahren?“ Langsam zieht er die linke Schulter hoch und schneidet eine dumme Fratze.
„So ein Blödsinn“, skandiert irgendwo im Waggon einer. „Hartz wie viel auch immer, steigende Preise“, labert die Stimme weiter. „Massenverblödung von oben“, quiekt eine Frau auf, „jawohl!“
Zweygarth lächelt hämisch vor sich hin, Sonjas Kopf ruckt, ihre Augenbrauen springen hoch, zugleich schiesst erneut ihre Zunge Zweygarth zu, dessen Lächeln auf den Lippen erstarrt.
„Immerhin fünf Jahre durchgehalten“, resümieren Zweygarths Gedanken. „Darüber könnten wir glücklich sein.“
„Ha“, manifestiert eine Frauenstimme, „wir haben Hitler geschafft, das Wirtschaftswunder – die Wiedervereinigung schaffen wir auch noch!“ Gemurmel schwillt an. Zweygarths Gedanken springen über in die Abteilung des Amtes, in der er seit vielen Jahren werkelt. „Blöde Beamte, blöder Trott“, denkt er, „aber wäre ich nicht dort, wäre ich wohl gehartzt. Also bin ich übers Unglück glücklich. Könnte schlimmer sein. Lieber aus einem Blechnapf essen als vom Boden fressen!“
„Wir können alles ausser glücklich sein“, trompetet eine jugendliche Stimme hinter ihm. Gelächter kommt auf. Zweygarth beugt sich Sonja mit aufgesetztem Lächelgesicht zu, räuspert sich, raunt ihr dann dunkel zu: „Eigentlich könnten wir glücklich sein…“ ♦


Martin Kirchhoff - Schriftsteller - Glarean Magazin

Martin Kirchhoff

Geb. 1954 in Leonberg/D, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern, Zeitschriften und Anthologien, verschiedene Literaturpreise, lebt als Zeitungskorrektor in Leonberg

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Bernd Giehl: Die Zeitungsente (Parabel)

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Die Zeitungsente

Bernd Giehl

Dr. Conrad von Mayr sass gerade mit seiner Geliebten, der Baronin von Scharfenstein-Ohlenhorst, beim Frühstück, als es an der Tür klingelte und eine halbe Minute später ein Zeitungsjunge, halb ohnmächtig vor Aufregung durch die Tür zum Esszimmer witschte. „Der Herr Doktor wünscht beim Frühstück…“ konnte der Diener, der hinter ihm hergelaufen und ihn gerade noch am Ärmel seines Jacketts zu fassen bekommen hatte, noch hervorbringen, aber der Junge in der kurzen Hose, die Ballonmütze immer noch auf dem Kopf, war schon ins Zimmer gestürzt, wo der Doktor und die Baronin beim Frühstück sassen. „Herr Doktor, verzeihens bitte, der Herr Chefredakteur…“ – „…ich bin der Chefredakteur“ fiel ihm Mayr ins Wort –  „…der Herr Generaldirektor…“ – „den gibt es bei uns nicht…“ Der arme Kerl war jetzt so sehr den Tränen nahe, dass Mayr nicht anders konnte als aufzustehen und dem Diener ein Zeichen zu geben, er solle ihn loslassen, was der auch tat, woraufhin er selbst den Bengel am Arm nahm und auf einen Stuhl setzte, den er vom Tisch weggezogen hatte. „Magst a Semmel?“ fragte er den verdutzen Jungen, dem schon verdächtige Spuren im Gesicht schimmerten. Mit einer Handbewegung wies er den Diener an, noch ein Gedeck aufzulegen. Der Junge – er mochte vielleicht vierzehn Jahre alt sein – holte sein Taschentuch heraus und wischte sich die Tränen vom Gesicht.
Dann nahm er einen neuen Anlauf. „Der Herr Dr. Moellendorff schickt mich, weil der Erzherzog ist tot, steht in der Zeitung und keiner hat’s gewusst.“ Im nächsten Moment zog er die reichlich zerknitterte „Illustrierte Kronen Zeitung“ aus der Tasche seiner Jacke und reichte sie dem verdatterten Mayr. Ein Blick auf die Titelseite genügte. In grossen Lettern stand dort: „Thronfolger in Sarajewo durch Bombenattentat ermordet.“ Darunter ein Foto der Limousine, in der Erzherzog Franz-Ferdinand und seine Gemahlin Sophie durch eine Hauptstrasse Sarajewos fuhren. Sowohl der Wagen als auch seine vier Insassen sahen noch unversehrt aus. „Warum weiss ich nichts davon?“ donnerte der Chefredakteur. Alle drei, die Baronin, der Zeitungsjunge und der Diener fuhren zusammen; so heftig donnerte Mayrs Faust auf den Tisch. Dem Jungen standen schon wieder die Tränen im Gesicht. „Am Nachmittag des 27. Juni“, las er mit lauter Stimme vor, „wurde der österreichische Thronfolger und seine Gattin Sophie von Hohenberg durch den zwanzigjährigen Bosnier Gabriel Prinz – kein Bosnier heisst Gabriel Prinz – ermordet. Der Thronfolger und seine Gemahlin fuhren im offenen Wagen, als Prinz, der am Strassenrand stand, unter seinen Mantel griff und eine selbstgebaute Bombe in den Fonds des Wagens schleuderte, in dem Seine Kaiserliche Hoheit und Prinzessin Sophie …“ Im nächsten Augenblick versagte Mayr die Stimme. Die Baronin sass wie versteinert auf ihrem Stuhl, der Diener bückte sich nach den Scherben des Gedecks, das er fallen gelassen hatte, aber auch er erstarrte in der Bewegung, nur der Zeitungsjunge schluchzte hemmungslos. „Sie sind tot.“ „Eine Droschke“, brüllte Mayr den Diener an, der sich langsam wieder aufrichtete; „eine Droschke zur Redaktion. Aber subito. – Verzeihen Sie, meine Liebe,“, wandte er sich dann an die Baronin. „Aber ich bitte dich“, erwiderte die und fügte hinzu: „Seit wann siezen wir uns?“ Im nächsten Moment lief sie feuerrot an. „Aber natürlich. Nehmen Sie auf mich keine Rücksicht. Tun Sie so, als wäre ich gar nicht da.“

*

Hochrot im Gesicht, als ob er kurz vor einem Schlaganfall stünde, stürzte Chefredakteur Conrad von Mayr durch die Redaktionsräume der „Illustrierten Kronen Zeitung“. Die Redakteure und Sekretärinnen bückten sich tief über ihre Schreibmaschinen und Formulare. „Wo ist der Schuft? Wer hat das verbrochen? Wo ist Moellendorff?“ Im nächsten Augenblick wurde eine Tür aufgerissen und die untersetzte Gestalt des stellvertretenden Chefredakteurs Konstantin Moellendorff wurde sichtbar. „Hier bin ich, Herr Geheimrat“. „Warum haben Sie mich nicht…“ – und dann brach Mayr ab, als sei ihm jetzt erst bewusst geworden, dass die ganze Redaktion seinen Ausbruch mitbekam. „Kommen Sie mit in mein Büro“.
„Warum weiss ich nichts davon?“ fuhr er seinen Stellvertreter an, als sie im Zimmer des Chefredakteurs standen und Moellendorff die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er hielt seinem Stellvertreter die Zeitung, die der Bote ihm gebracht hatte, so dicht unter die Nase, dass dieser zurückwich, als ob der andere ihm die Zeitung ins Gesicht geschlagen hätte. „Herr Geheimrat hatten ausdrückliche Anweisung gegeben, an diesem Abend nicht gestört zu werden.“ „… ausser im Fall, dass der Krieg ausbricht“, hatte der Herr Geheimrat noch hinzugefügt, und sie hatten beide gelacht. Es musste schliesslich niemand von seinem Techtelmechtel mit Baronin Carla erfahren, deren Mann für ein paar Tage zum Manöver in Baden weilte. Der Zeitungsjunge, er musste unbedingt noch einmal mit dem Zeitungsjungen sprechen. Ein paar Kronen würden die Sache wahrscheinlich regeln. Falls er die Dame überhaupt kannte. So eine Duellforderung konnte unangenehm werden. Später.
„In so einem Fall möchte ich unverzüglich informiert werden.“ Seine Stimme klang jetzt fast schon wieder amtlich. „Ich hoffe zumindest, dass Sie Ihres Amtes gewaltet haben.“
„Was meinen Herr Geheimrat mit ‚meines Amtes gewaltet‘?“ Mayr registrierte, dass Moellendorffs Stimme gepresst klang. „Ich meine damit, dass Sie sich unverzüglich mit unserem Korrespondenten in Sarajevo und dem Hof hier in Wien in Verbindung gesetzt haben. Schliesslich kann so eine Meldung auch eine plumpe Fälschung sein. Von interessierten Kreisen in die Welt gesetzt.“
Moellendorffs Schweigen sagte alles.
„Dann werden Sie das jetzt unverzüglich tun. Über die Konsequenzen für Ihr unverzeihliches Verhalten reden wir später.“ Hauptsache, das alles hatte keine Konsequenzen für ihn.

*

Die Telegrafen in der Redaktion ratterten auf Hochtouren. Eine halbe Stunde später war die Verwirrung vollkommen. Der Korrespondent in Sarajevo hatte bestätigt, dass er das Attentat zwar nicht mit eigenen Augen gesehen hatte; er hatte etwa 500 Meter von dem Ort, an dem es passiert war, gestanden, dass er aber die Aufregung und die Panik der Menge bemerkt und versucht hatte, sich durchzudrängen. Das Durcheinander sei unbeschreiblich gewesen. Zunächst habe es für ihn und den Fotografen kein Durchkommen gegeben, und als sie schliesslich am Ort des Geschehens angekommen seien, hätten sie das schwer beschädigte Automobil, in dem der Erzherzog und seine Gemahlin gesessen hatten, mit eigenen Augen gesehen. Die beiden Toten seien allerdings zu diesem Zeitpunkt schon abtransportiert worden.
Anders dagegen der kaiserliche Hof. Kronprinz Franz-Ferdinand und seine Gemahlin, die Gräfin von Hohenburg befänden sich tatsächlich in Sarajevo, aber die Truppenparade der Armee seiner Kaiserlichen Majestät, die Seine kaiserliche Hoheit abnehmen werde, finde erst am heutigen Tag, dem 28. Juni statt und von einem Attentat sei dem Hof nichts bekannt. Man werde sich jedoch unverzüglich mit der Dienststelle der k.u..k. Polizei in Sarajevo in Verbindung setzen und empfehle der Redaktion der „Illustrierten Kronenzeitung“ das ebenfalls zu tun. Mit vorzüglicher Hochachtung. Gez. v. Meyrink, Erster Sekretär.

*

Die komfortable Gräf-&Stift-Limousine mit dem Kronprinzenpaar im offenen Fonds rollt den Äppelkai von Sarajevo entlang. Gräfin Sophie beugt sich zu ihrem Gatten. „Es gibt Gerüchte von einem Attentat, das gestern auf uns verübt worden sei. Glaubst du, wir sind wirklich sicher?“ Der Erzherzog legt beruhigend die Hand auf ihren Arm. „Ach, Sophie, du musst nicht immer allen Dummschwätzern und Zeitungsschreibern glauben. Du kannst ganz beruhigt sein; die Polizei wird schon für unsere Sicherheit sorgen.“
In diesem Moment biegt die Wagenkolonne auf die Lateinerbrücke ein. ♦


Bernd Giehl

Geb. 1953 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, verschiedene literarische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

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Rainer Wedler: Drei Weihnachtsgrotesken (Kurzprosa)

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Drei Weihnachts-Grotesken

Rainer Wedler

Dieses Jahr

haben wir Weihnachten ausfallen lassen.
Jetzt hat mein Vater zwei neue Schneidezähne, meine Mutter trägt den Arm noch immer in der Schlinge, meinem Bruder sitzt die Nase schief. Warum nur ich kein bleibendes oder nicht wenigstens ein vorübergehendes Andenken ans Fest habe, das wissen die Götter. Oder das Christkind. ♦

Der Nikolaus

wird das Christkind heiraten. Eigentlich fällt sowas ja unter den Pädophilenparagraphen. Aber Promis sind  eben exempt. Oder es traut sich keiner an sie heran. Wie dem auch sei, diese Weihnachten soll die Hochzeit gefeiert werden.
Ein Störfaktor könnte allerdings Knecht Ruprecht werden, das ist der mit der furchterregenden Rute. Aber warten wir’s ab, vielleicht gibt’s ja ´nen flotten Dreier oder so. ♦

Einen ganz besonders ausgefallenen Weihnachtsschmuck

hatten wir im letzten Jahr. Oder soll ich sagen, einen abgefallenen? Es geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Die Nachbarin hatte Sturm geläutet, Frohe Weihnachten allerseits, und sich dabei an einem Sektglas festgehalten. Auf die Dauer schien ihr das aber zu unsicher, also hängte sie sich mit der freien Hand an den nächstbesten Zweig, auf dem die Kerzen traulich brannten, Halleluja, dann ging sie, den Zweig festumklammernd,  dabei zwangsläufig den im Lichterglanz erstrahlenden Baum nach sich ziehend, mit Getöse zu Boden, klingelingklingeling, ein lustig Klirren und Knistern hub an,  es roch nach brennendem Tannengrün, eine Eimerkette war schnell gebildet und das Haus gerettet.
Der kurzzeitige Weihnachtsschmuck zog sich wachs-, wasser- und ruhmbekleckert in die eigenen Gemächer zurück, Frohe Weihnachten und vielen Dank für den schönen Abend. ♦


Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean MagazinRainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys „Liber de vita“, zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

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Bernd Giehl: Museumsreif (Satire)

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Museumsreif

Bernd Giehl

August 2013
Neulich habe ich mir so ein Dings… so ein tragbares Telefon… na Sie wissen schon, was ich meine… angeschafft. So ein kleines Teil, das man in die Jackentasche stecken und mitnehmen kann. Notfalls auch auf die Kanzel. Falls der liebe Gott gerade anruft. Der spricht nämlich nicht so gern auf Anrufbeantworter.
Aber es muss ja nicht gleich der liebe Gott sein. Der ruft eher selten an. Kann ja auch die Pietät sein, die sich beschwert, dass sie mich schon wieder nicht erreichen kann. Wo ich denn gewesen sei. ‚In Gedanken‘, konnte ich ja schlecht sagen, auch ‚beim Waldspaziergang‘ hört sich nicht gut an, also behauptete ich, ich hätte einen Krankenbesuch gemacht. Ich solle mir endlich mal einen Anrufbeantworter anschaffen, forderte der unverschämte Kerl.  Dann könne er mir wenigstens eine Nachricht darauf hinterlassen. Ich sehe mir mein altes schwarzes Telefon an, bei dem ich den Hörer tatsächlich noch auf die Gabel legen kann, und denke: Ob das funktioniert? Na, jedenfalls drehe ich lieber die Wählscheibe, als irgendwelche Tasten zu drücken.
Leider bin ich kein Held.  Meine Hartnäckigkeit beim „Nein“ sagen hält sich in Grenzen.  Als drei Tage später auch noch der Dekan anrief und mir sagte, die Pietät habe sich beschwert, ich sei nie zu erreichen, wusste ich, was die Stunde geschlagen hat. Aber ein wenig Selbstachtung brauche auch ich. Wir einigten uns schliesslich darauf, dass ich künftig per E-Mail zu erreichen sei. Also kaufte ich mir  einen Computer („PC“ sagen die Kollegen dazu) liess mir von einem Bekannten Internet und E-Mail einrichten und meldete mich beim Kurs  „Windows for silverheads“ an. Ob ich das als Arbeitszeit verbuchen und dafür weniger Religionsunterricht geben könne, fragte ich den Chef. Der lächelte nur müde. Als ich die erste E-Mail empfing (sie kam vom Dekan, der mir gratulierte), war ich stolz.
Auf dem nächsten Treffen der Pfarrerschaft fragte er mich, wie ich denn mit meinen neuen Computer (er sagte natürlich auch „PC“) zurechtkäme. Ich erzählte ihm von meinen Fortschritten. Mittlerweile wagte ich mich nämlich auch schon ins Internet (auch das hatte ich bei meiner Fortbildung gelernt) und schrieb die ersten Texte mit dem Gerät. Aber irgendwie schien er mit den Gedanken schon beim nächsten Punkt der Tagesordnung zu sein; jedenfalls unterbrach er mich mit der Bemerkung, wenn ich schon technisch so weit sei, könne ich mir ja endlich einen Anrufbeantworter oder gar ein neues Telefon kaufen.
Ich wollte ihm schon erwidern, die Kirche sei jahrtausendelang ohne Telefon und Anrufbeantworter ausgekommen; sie werde es auch überleben, wenn einer ihrer Hirten auch weiterhin keine Aufzeichnungsmaschine besitze, aber dann biss ich mir gerade noch rechtzeitig auf die Zunge. Brachte doch alles nichts. Bereit sein ist alles. Auch in der Kirche. Besonders in der Kirche.
An dem Tag war ich wütend.  Ein paar Tage später stach mich der Hafer. Wenn schon ein neues Telefon, dachte ich, dann doch am besten gleich so ein superschickes Teil. Mit dem man Fotos schiessen, ins Internet gehen und E-Mails abrufen kann. So etwas hatte ich schon bei meinen Konfirmanden gesehen. Die konnten ihr Spielzeug ja kaum aus der Hand legen. Also ging ich in einen nahegelegenen T-Punkt und kaufte mir so ein Telefon mit einem angebissenen Apfel auf der Rückseite. Würde ich den nächsten Urlaub eben in den Bayerischen Alpen verbringen statt in der Türkei.

Vier Wochen später (Montag)
Habe geübt. Alte Entwürfe für den Konfirmandenunterricht genommen. Religionsunterricht aus dem Ärmel geschüttelt. Besuche auf das Nötigste beschränkt. Predigten aus den letzten Jahren genommen. Merkt ja sowieso keiner. Nur Frau F. hat mich so merkwürdig angeschaut. Tut die aber öfter. Dafür jede freie Minute am Rechner verbracht. Gott und der Welt E-Mails geschrieben. Und mit dem Dings, dem Smartphone gesimst. Unterkringelt mir das Programm doch glatt das Wort „gesimst“. Sagt aber heute doch jeder.
Morgen werde ich mir WLAN einrichten lassen. WLAN ist die Zukunft. Sagen alle.
Also, auf in die Zukunft.

Dienstag
Schweren Herzens habe ich mein altes Telefon ins Heimatmuseum gebracht. So ein schönes Gerät habe ihm noch gefehlt, sagt Günter Hopp, der das Museum leitet.

Donnerstag
G. ist gekommen um die Installation vorzunehmen. Fragt mich nach meinem „Rou …“ irgendwas.  Ich spreche nicht chinesisch, sage ich. Er lacht und wiederholt das Wort langsam. „ROUTER-PASSWORT.“ Als ich immer noch nicht verstehe, zeigt er auf das silbergraue Teil, das an der Wand hängt und grün leuchtet.
„Ich kenne das Passwort nicht. Du hast mir das Internet eingerichtet.“
Er kratzt sich am Kopf, denkt nach, streicht sich über die Wange, denkt noch einmal nach, sagt schliesslich:
„Aber ich habe dir doch den Vertrag gegeben. Da müsste es drinstehen.“
„Hast du nicht“, sage ich.
„Habe ich doch.“
Also Durchsicht von ungefähr 20 Aktenordnern. Kein Vertrag mit der Telekom. Nirgends. Schliesslich Anruf beim „Provider“. (Auch das ein Wort, das ich mittlerweile in meinen Wortschatz aufgenommen habe.)  G. erklärt sein Anliegen, hört zu, sagt:
„Aber das müssen Sie doch haben“, hört erneut zu, sagt schliesslich:
„In Gottes Namen“ und legt auf.
„Was soll jetzt in Gottes Namen passieren?“
„Sie schicken uns ein neues Passwort zu.“
Plötzlich schreit er auf, fasst sich an den Kopf, sagt:
„Die Idioten. Ich fasse es nicht.“
„Wen meinst du mit ‚die Idioten‘?“ frage ich zurück. G. deutet auf das silbergraue Teil an der Wand, das jetzt mit vier Punkten blinkt. Ich verstehe immer noch nicht.
„Das wirst du gleich selbst sehen können“, sagt er. „Starte mal den Rechner.“
Nach zwei Minuten ist er hochgefahren.
„Und jetzt versuch mal, ins Internet zu kommen.“
Ich gehe auf das Symbol, es kreist und kreist, länger als das Universum.  Schliesslich erscheint die Meldung auf dem Bildschirm: „Verbindung nicht möglich.“
„Was bedeutet das?“ frage ich, den Kopf voll mit bösen Vorahnungen.
„Das bedeutet, dass sie dich abgehängt haben.“ Er zieht sein Handy aus der Tasche, schlägt im Telefonbuch nach und wählt die Nummer der Telekom. Ich kann den merkwürdigen Klingelton hören, dann ertönt erst einmal Musik. Zwischendurch eine Automatenstimme: „Bitte haben Sie noch etwas Geduld.“
Zwanzig Minuten später hat er einen Berater erreicht. Einen wirklichen Menschen. Ich kann das Gespräch mithören, da er das Telefon auf „Laut“ gestellt hat. Allerdings könnte er genauso gut serbokroatisch oder Hindi reden, dann würde ich nur unbedeutend weniger verstehen. Es geht um eine bestimmte Seite auf die er gehen soll, dann könne er eine Mail von T-Online abrufen. Aber genau das gehe doch gar nicht, weil wir ja nicht ins Internet kämen. Nein, ein Smartphone habe er auch nicht.
„Ich habe doch eins“, rufe ich dazwischen, aber er bedeutet mir mit einer Geste, ich solle den Mund halten. Dann legt er auf, versucht, mir die Sache zu erklären. Es gebe da ein E-Mail Passwort. Ob ich das hätte. Stolz wie Oskar sage ich, damit hole ich immer meine Mails ab.
Zehn Minuten später sitzen wir bei ihm zuhause am Computer, rufen die T-Online Seite auf, geben meine E-Mail Adresse ein, danach das Passwort; es erscheint eine Fehlermeldung. Erneuter Versuch. Ob ich mir das Passwort auch richtig gemerkt hätte, fragt G.
Mühsam unterdrücke ich meinen Stolz und sage, Zahlen seien eine meiner vielen Stärken. Schliesslich erneuter Anruf bei der Telekom. Ja, natürlich hätten sie auch das E-Mail Passwort geändert. Das sei so üblich. Nein, er könne ihm das Passwort nicht auf seinen Rechner schicken. Schliesslich sei er ja nicht der Besitzer des Anschlusses, um den es gehe. Es tue ihm furchtbar leid, aber ein Techniker könne auch nicht kommen. Sie könnten zwar einen schicken, aber der kenne das Passwort nicht. Das könnten sie dem Besitzer des Anschlusses nur persönlich…
Was G. danach gesagt hat, möchte ich lieber nicht wiederholen.

Samstag
Immer noch kein Internet und keine E-Mail. Dabei hat G. wirklich sein Bestes getan.
Habe mich zusammenreissen müssen, damit ich nicht bei der geringsten Kleinigkeit das HB-Männchen spiele.

Dienstag
Das Router Passwort ist per Post gekommen. G. hat mir den Anschluss neu eingerichtet. Ich habe das Gefühl, dass er wütend auf mich ist. „Du solltest dir endlich mal ein E-Mail Konto auf deinem i-phone einrichten lassen. Dann passieren solche Dinge auch nicht mehr.“
Ich hätte ihn am liebsten gefragt, ob ich schuld sei. Die Frage habe ich runtergeschluckt. Stattdessen habe ich ihm eine Flasche Armagnac geschenkt.
Ein wenig schien ihn das wieder zu versöhnen.

Oktober
Habe das Handbuch fürs i-phone von vorne bis hinten gelesen und dann versucht, ein E-Mail Konto einzurichten. Weiss nicht wie viele Versuche ich unternommen habe. War in drei T-Punkten, aber beim Kennwort kam immer dieselbe Fehlermeldung.

Drei Tage später
Ich habe G. mein i-phone geschenkt. Er hat sogar Danke gesagt.

Gestern
In der  Nacht, als ich nicht schlafen konnte, überfiel mich Wehmut. Mein altes schwarzes Telefon fiel mir ein, das mir über so viele Jahre gute Dienste geleistet hat. Morgens wusste ich, was ich tun musste. Also ging ich als erstes, noch vor der Dienstbesprechung ins Heimatmuseum. Natürlich hatte es noch nicht offen. Glücklicherweise wohnt Herr Hopp in der Wohnung über dem Museum. Er war sogar noch zuhause. Ich musste 50 Euro als Spende geben, sonst hätte ich es nicht wiederbekommen. Es täte ihm in der Seele weh, sagte Herr Hopp.
Zuhause steckte ich den Stecker in die Dose und hob den Hörer ab. Ein Summen ertönte. Dann legte ich den Hörer behutsam wieder auf die Gabel.
Man muss zu seinen Irrtümern stehen. ♦


Bernd Giehl

Geb. 1951 in Marienberg/D, Studium der Theologie in Marburg, verschiedene literarische und theologische Publikationen, lebt als evang. Pfarrer in Nauheim

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die
Parabel von Bernd Giehl: Die Zeitungsente

…sowie die Satire von
Rainer Wedler: Ein Mann muss…

Christian Urech: Drei Märchen (Grotesken)

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Es war einmal…

Christian Urech

… ein einsamer Buchstabe

der zu den Zeiten von Napoleons Russland-Feldzug einfach in den kargen Weiten der sibirischen Steppen vergessen worden war und seither in der unzivilisierten Natur des Nordens umherirrte.
Es war ein französischer Buchstabe, wohlgesprochen, ein Buchstabe, der in den Wörtern der feinsten Pariser Salons verkehrt hatte, und dies schon vor der Revolution. Er war durch die süsse Kehle der Marie Antoinette gegangen, in einem Rokokoschlösschen. Molière hatte ihn auf die Bühne gebracht, der Papst ihn urbi et orbi unter der christlichen Menschheit verbreitet.
Und jetzt? So allein, so allein! Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten – allein.
Nur einmal, da hatte er sich in den Mund eines besoffenen russischen Bauern verirrt, der ihn aber alsogleich mit einem wüsten Fluch wieder in die Verbannung hinausbeförderte.
Was beweist, dass manchen einsamen Buchstaben nichts weiter fehlt als ein gutes Wort. ♦

… eine Tomate

die war sehr sensibel und schüchtern, so dass sie sicher errötet wäre, wenn ihr jemand ein Kompliment gemacht hätte – und wenn sie überhaupt noch hätte röter werden können, als sie es schon war. Es war nämlich eine schöne, saftige, sonnengereifte Tomate.
Natürlich gab es genügend brutale Menschen, die nur zu gerne in sie hineingebissen hätten. Aber die Tomate, die zwar sensibel, jedoch nicht im Mindesten masochistisch veranlagt war, hatte einen gesunden Überlebenstrieb. So rollte sie – nach einer an der Mutterpflanze glücklich verlebten Jugend (und anschliessend gelandet auf dem Gemüsestand eines italienischen Bauern) – einfach tollkühn davon.
Sie rollte mit dem unverschämten Glück der Naiven quer durch den Moloch Florenz, in dessen Kinos perfiderweise der neueste Hollywood-Streifen mit dem Titel „Angriff der Killertomaten“ gezeigt wurde. Rollte also davon, ohne von Autos zerquetscht, von Füssen zertrampelt oder von Polizisten eingefangen und als Beilage zu einem Frühstückssandwich gescheibelt zu werden. Sie rollte davon und raus aus der Stadt, in die friedlichen Felder der Toscana hinein.
Es war ein überaus sonniger, heisser Tag. Unsere sensible Tomate wurde müde und wollte ein kleines Schläfchen halten.
Man ahnt schon, wie die Geschichte endet. Matschig und faulig werdend, überlebte sie die Siesta in dem trockenen Staub wohl kaum.
Was beweist, dass das Leben der Tomanten so oder so kurz und tragisch ist. ♦

… ein armer Mann

dessen Herz war so schwer wie ein Sack voller Steine, denn er hatte eine siebenköpfige Familie zu ernähren und keine Arbeit und kein Geld. Da er in einem Land wohnte, in dem alles andere leichter zu bekommen war als gutes und reichliches Essen – die meisten Nahrungsmittel mussten an die reichen Länder des Nordens verkauft werden, um irgendwelche Schulden zurückzahlen zu können, von denen der arme Mann keine Ahnung hatte, wie sie zustandegekommen waren -, hielt er die Erde für eine öde Wüste oder für einen trüben Sumpf, das Leben aber für eine Art Aufnahmeprüfung: die höhere Schule war das Paradies, der Himmel die Götter.
Sicherlich hatte der arme Mann in diesem Paradies einen anderen Körper als hier auf Erden. Einen stärkeren, widerstandsfähigeren, und mit schärferen Pranken, spitzeren Zähnen. Die Welt im Himmel ist ruhig wie ein Stück sich selbst überlassene Natur, nur erfüllt von der Musik der singenden Vögel, vom Schnattern, Seufzen, Stöhnen, Pfeifen, Schnauben, Stampfen und Rascheln der lebendigen Kreatur.
Der arme Mann, welcher jetzt schön ist und stark, dessen Haut bronzen glänzt, und dessen Haar schimmert wie Gold, dieser arme Mann bahnt sich mit seinem silbernen Schwert einen Weg durch diese grüne, friedliche, dampfende, stampfende, raschelnde Welt. Er schreitet voran wie ein König, ein Adliger, ein Auserwählter, ein Sohn Gottes. Er ist die Krone der Schöpfung, unbeteiligt mitfühlend, ein Wissender und trotzdem Unschuldiger, ein Teil und doch teilhabend am Ganzen.
Mitten im dampfenden, kochenden Urwald steht ein wunderschönes Schloss, ein Schloss mit einer üppigen Architektur, ein Labyrinth aus Türmen, Bogen, Quadern, Pyramiden, die künstlich aufeinandergetürmten Steine fast naturhaft oder zumindest äusserst raffiniert die Natur nachahmend, ein Märchenschloss auf dem Grunde des Meeres.
Und er betritt durch ein bogenförmiges Tor das Schloss, der arme, nunmehr reichgewordene Mann, kein Mensch begegnet ihm, nur davonhuschendes Getier. Und er geht durch lange Gänge, vorbei an bogenförmigen Fenstern, vor denen friedlich, tiefgrün, wogend und brodelnd die Welt liegt. Er verliert sich ganz in diesem endlosen Gehen. Sein Kopf ist leer, die Gedanken sind Grösserem gewichen. Er ist nur noch leeres Bambusrohr, Instrument des Absoluten.
Da, plötzlich, ganz unverhofft öffnet sich der Gang in einen offenen Saal. Die Luft ist aus goldenem, fast flüssigem Stoff. Berauscht sinkt der Mann in diesen Stoff hinein, in den Stoff, aus dem die Träume sind (Danke, Herr Simmel).
Solch verzauberte Welten – die aufregendsten Märchen, Sagen und Legenden – gibt es jetzt in einer einzigartigen Buchreihe. Allerdings muss unser armer Mann – will er, was ihm niemand verdenken wird, an ihr teilhaben – zumindest lesen können und wenigstens das Kleingeld übrig haben für den Einführungsband „Das verwunschene Reich“. ♦


Christian Urech

Geb. 1955 in Menziken/CH, Germanistik-Studium in Bern, vieljährige Tätigkeit als Redaktor und Lektor bei einem Verlag, Veröffentlichungen von Sachbüchern und Kriminalromanen, lebt als Berufsbildner, freier Journalist und Marketingberater in Zürich

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Groteske von Wendel Schäfer: Über den Kopf
… sowie die groteske Parabel von Georges Raillard: Der richtige König

Dorit Böhme: Von den Freuden des Schreckens (Satire)

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Von den Freuden des Schreckens

Dorit Böhme

Frage: Womit verschafft man einer Dorfgemeinschaft den grösstmöglichen Lustgewinn? Antwort: Mit einem Erlebnis, das die eigene Familie betrifft und der Vorstellungskraft der anderen einen Schubs gibt, um sie zu ungeahnten Höhenflügen aufsteigen zu lassen.
Dies rühmliche Werk der Nächstenliebe tat ich unlängst – ohne Rücksicht auf eigene Verluste. –
Meine Phantasie schwebte in der sechsten Dimension. Ich hämmerte in meine Schreibmaschine – Geniales und Blödes (ersteres verschwindet leider immer im Papierkorb). Da kam der Sohn von der nachmittäglichen Schule nach Hause und unterbrach meine Schaffenskraft mit dem Begehren, ich solle seine Aufgaben kontrollieren – eine Herausforderung an die Anpassungsfähigkeit des Geistes!
Nach einer weiteren Stunde begann ich unruhig zu werden: da fehlte doch etwas? Richtig: wo blieb die Unterbrechung durch meine Tochter? Ein Blick auf ihren Stundenplan bestätigte meinen mütterlichen Instinkt. Sie hätte schon vor sechzig Minuten – trödelt sie noch: vor dreissig Minuten – im fürsorglichen Elternhause eintreffen müssen. Nur: sie war nicht da, wie ein Kontrollgang durch alle Räume (einschliesslich Kohlenkeller) zeigte.
Angeregt durch vielseitige Medienwahrheiten versuchte ich das Problem einzukreisen: Mord, Kidnapping, Vergew… – oder spielte sie seelenruhig bei einer Schulkameradin?
Anrufe würden zu lange dauern und wurden von mir aus Kostengründen – 1500 Einwohner – auch abgelehnt. Ich wählte den schnellsten Weg, stürzte auf die Strasse und fragte das Nachbarskind, ob es meine Tochter nach der Schule noch irgendwo gesehen habe.
„Jessica ist von der Schule nicht heimgekommen!“, brüllte die Kleine den mit fragenden Blicken zufällig herumstehenden Frauen entgegen.
Wie eine Feuersbrunst breitete sich die Nachricht aus, schneller, als ich die Strasse hinunterlaufen konnte, um im Schulhaus bei der Lehrerin nachzufragen. Ergebnislos.
Während ich wie ein aufgescheuchtes Huhn hinter jedem Strauch und neben jedem Haus nach verscharrten Beinen forschte, sahen mich die spalierstehenden Mitmenschen kämpferisch und mitleidig an. Offensichtlich durchzuckten die gleichen Gedanken ihre Köpfe.
In mir bäumte sich mein Mutterlöwenherz auf und suchte bereits die passende Rache für den Übeltäter. Kopf ab, vierteilen, in kochendem Wasser brühen, zu Hackfleisch machen – und dies nicht nur sinnbildlich gemeint.
Was konnte ich noch tun? Jeder Lehrer, Hauswart, Jogger und Handelsreisende war inzwischen über die schrecklichste aller Wahrheiten informiert. Polizei alarmieren – oder erst mein angetrautes Prachtstück? Aber das war diese Woche irgendwo auf einer Geschäftstour und – beinahe selbstverständlich – nicht zu erreichen…
Nachdem mein Gehirn alle Eventualitäten und Möglichkeiten erschöpfend abgehandelt hatte, klärte sich meine Verwirrung zu der Erleuchtung, dass heute Dienstag war – und Jessica jeden Dienstag, direkt nach der Schule, zu ihrer Ballet-Doppelstunde ging. –
Völlig ermattet, aber zufrieden so wehrhaft für das Wohl meines Kindes eingetreten zu sein, liess ich mich auf den Schreibtischstuhl nieder und beantwortete alle tausend Anrufe der besorgten Dorfbewohner. Ihnen hatte ich ein markerschütterndes Erlebnis geliefert, welches den Grundstock für manches zukünftige Gespräch bilden konnte.
Ich hätte ihnen keinen grösseren Dienst erweisen können! ♦


Dorit Böhme - Satire-Autorin Glarean MagazinDorit Böhme

Geb 1954 in Berlin-Köpenick; Ausbildung zur Zahnarztgehilfin; Prosa – und Reportagen-Veröffentlichungen in Zeitschriften; Lebt als Massage- und Hypnose-Therapeutin in Widnau/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Satire von
Heinz Wegmann: Der Vereinsausflug

Oliver Gassner: Freudiana 1 & 2 (Kurzprosa)

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Freudiana 1 & 2

Oliver Gassner

FREUDIANA I

Er holt mit der machete aus und schlägt in die grünen pflanzenleiber.
So bahnt er sich seinen weg.
Mit leisem zischen gibt die luft ihm raum.

Das knacken des schlags das feuchte geräusch wenn die klinge sich
wieder vom stengelfleisch löst klingen wie gebete in seinen
gottesohren.

Als er die augen öffnet klebt an der machete blut.


FREUDIANA II

Das erste was man an ihm bemerkt ist die rechte hand im schwarzen
handschuh zur faust geballt. Im sessel sitzend hat er den ellenbogen
auf die lehne das kinn seitlich in die lederfaust gestützt. Scheinbar
teilnahmslos die lider halb geschlossen formen die lippen lautlos worte
einer vergessenen sprache, die ergrauten haare wollen nicht recht zur
jugendlich muskulösen Statur des fremden passen. Nur in den
hellgrauen augen des schmalen gesichts finden sich spuren von
schrecken schmerz leid. Er wird warten. Bis der junge mann zu ihm tritt
und ihn nach seinem leiden fragt. Und antworten. Unsterblichkeit.


Oliver Gassner - Glarean MagazinOliver Gassner

Geb. 1964 in Hegau/BRD, langjähriger Mitherausgeber der eingestellten Literaturzeitschrift ‚Wandler‘, verschiedene Veröffentlichungen in deutschsprachigen Literaturzeitschriften, schreibt nach Ausflügen in Copy Art und experimentelle und digitale Literatur und nach einer Kreativpause wieder Gedichte

Lesen Sie im Glarean Magazin auch Kurzprosa von
Norbert Sternmut: Die Auferstehung

… sowie Groteskes von
Beatrice Nunold: … und die Welt ist eine Scheibe

Herbert Jost: Hamlets Rückkehr (Theaterfragment)

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Hamlets Rückkehr

 Herbert Jost

Ein dunkler, leerer Raum, dessen Rückwand von
einem schweren, schwarzen Vorhang verdeckt wird.
Hamlet und Horatio von links

HAMLET

So bin ich also wieder da,
zurückgekehrt – woher? – wohin?
Nicht nach Helsingör, wie’s scheint,
das ich für alle Zeit verliess,
als meinen Leib die Erde deckte.
Und doch, es stimmt: ich bin zurück.

HORATIO

Und nun, mein Prinz?

HAMLET

Und nun, treuer Horatio,
will ich ein Weilchen bleiben.
Hier, denk ich,
ist es grad so gut,
wie an jedem andern Ort –
tausendmal besser
als unter der Linde,
wo die Familie beisammensitzt,
andere zerredet, die gleich uns
die ird’sche Welt schon lang verliessen.
Ich sage dir, Horatio –
und bau dabei auf deine Freundschaft,
dass keinem du es hinterbringst –
heut weiss ich endlich, dass mein Kampf
verloren war, eh er begann.
Ich stritt einst für meinen Vater –
nein, nicht für ihn,
für seinen Geist und Seelenfrieden! –
ich schlug mich für Gerechtigkeit
und Sühne brüderlicher Untat,
für viele hehre Dinge.
Ach! Von hier besehen
war alles eitler Plunder!
Nun, da ich mit ihnen bin so viele Ewigkeiten,
kenn ich den Vater und den Oheim wohl genug,
um zu verstehn, wie sehr ich irrte:
keiner von denen, bester Freund,
ist gut oder auch schlecht genug,
dass es sich lohnt, dafür zu sterben.

HORATIO

Was grämt ihr Euch?
Ihr tatet doch nur recht,
nach bestem Wissen und Gewissen recht,
wieso Euch nun mit Zweifel plagen?

HAMLET

Verstehst du nicht, Horatio?
Mein Ende, es war ganz umsonst
und alles Leid, das ehedem geschah –
umsonst und ganz und gar vergebens.
Der Schmerz, den ich Ophelia brachte,
Ophelia, die ich liebte, und die
noch immer mich erfüllt mit unnennbarer Zärtlichkeit,
Laertes und die anderen alle,
die diese komische Tragödie fällte –
umsonst gingen sie hin,
ohne Nutzen war dies alles.

HORATIO

Ihr könnt nicht weiter trauern, Prinz.
Die Ewigkeit ist viel zu gross,
um sie in Schmerz zu baden.

HAMLET

Ja, du hast recht, Horatio.
Doch lass mich nun,
da mein Auge trocken bleibt,
noch diesen einen Augenblick
in Andacht hier verweilen.
Geh, guter Freund,
und lass mich jetzt allein.
Bald wird Ophelia hier erscheinen,
und noch bevor sie bei mir ist,
soll meine Wut verflogen sein.

HORATIO

Wie Euch beliebt, mein Prinz.

Ab nach rechts

HAMLET

Allein. – Allein?
Nein, sicher nicht.
Wohl kann man hier sehr einsam sein,
doch ganz alleine ist man nie.
Wie sehr sich doch die Sphären gleichen!
Der treue Horatio hat ja recht:
warum soll ich mich grämen?
Es liegt kein Sinn in dieser Qual,
kein Schaden zwar, doch auch kein Nutzen.
Oftmals denke ich zurück:
Wie Yoricks Schädel in der Hand ich hielt,
wie Ekel mich befiel bei dem Gedanken,
dass dies einst jener Yorick war, mein Yorick…
Nun seh ich selbst so aus da unten,
drüben – wo auch immer.
Und oft treff ich den guten Narr’n.
Er ist noch ganz der alte,
doch macht er keine Spässe mehr.
In diesem weiten Paradies
ist jeder ein viel gröss’rer Narr,
als Yorick jemals einer war.
Wozu dann seine Kunst verschwenden?
Bald wird Ophelia kommen.
Ophelia! Wie befreit ich war,
als ich sie endlich wiedertraf,
gesund an Geist und Seele.
Wahnsinn ist nicht für diese Welt.
So ist sie mir gerettet;
und auch, wenn sie so fleischlos ist,
wie alle anderen um uns her:
ich lieb sie mehr als je.

Ophelia erscheint von links

OPHELIA

Da bist du ja.
Doch ganz allein?
Warst du nicht mit Horatio?

HAMLET

Ich schickt‘ ihn fort.
Er ist fürwahr ein guter Freund,
doch manches Mal sehr anstrengend.

OPHELIA

Anstrengend? Horatio,
der dich aus tiefster Seele liebt?
Wie soll ich das verstehen?

HAMLET

Empfindest du’s als leicht,
mit einem Freund zu reden,
der nicht versteht, wovon du sprichst?

OPHELIA

Dann also sprachst du ihm
von deinen Zweifeln, Hamlet?
du weisst, von allen, die hier sind,
wird keiner das verstehen.
Selbst ich weiss nur, was dich bewegt,
weil mein Herz mit dem deinen schlug.

HAMLET

Vielleicht muss es so sein,
dass ich zweifle, dass ich leide,
und der Tod mir bitter ist.

OPHELIA

Man könnte glauben, hört man dich,
wir wären nicht im Himmel.

HAMLET

Für euch mag es der Himmel sein,
den ich euch herzlich gönne,
für mich bleibt es ein Ort der Pein.

OPHELIA

Ein Ort der Pein?
Wär‘ ich dann hier?

Hamlet schweigt

OPHELIA

Wir wollen auf die Sterne sehn
und all den Gram vergessen!

Der Vorhang im Hintergrund öffnet sich;
dahinter: ein sternenübersäter Himmel.
Kurzes Schweigen

OPHELIA

Weisst du, als ich ertrunken bin,
als mir die Sinne schwanden,
da sah ich Gott für kurze Zeit.

HAMLET

Auch ich sah ihn in dem Moment,
als, von Laertes gift’gem Streich gefällt,
ich meinen letzten Atem tat.
Er kam heran und sprach zu mir:
– Du hattest mich gerufen, Sohn,
nun sieh, ich bin gekommen. –
Ich sagte drauf: Ja, das ist wahr,
Hamlet hat Euch wohl gerufen,
als die Qual sein Herz zerriss.
Doch das ist lange her.
Und nun seid ihr gekommen.
Darauf verschwand er – einfach so.
Und nie kam er zurück.  ♦


Herbert JostHerbert Jost

Geb. 1960 in Frankfurt/M, Ethnologie-Studium und Promotion in Marburg; fachwissenschaftliche, belletristische und zeichnerische Publikationen in Büchern, Zeitschriften und Anthologien, seit 1980 als Autor, Zeichner, Produzent, Regisseur und Darsteller freiberuflich tätig, lebt in Alsfeld/D

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Christa Degen: Isla de Los Lobos

… sowie zum Thema Historischer Roman über
Rebecca Gablé: Der dunkle Thron

W. Ehrismann: Meditation über „Grande Arlequinade“

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Ein Maskenreigen

Bild-Meditation über das Gemälde „Grande Arlequinade“

von Walter Ehrismann

Walter Ehrismann: Grande Arlequinade, Oeltempera und Sand auf Leinwand
Walter Ehrismann: Grande Arlequinade, Oeltempera und Sand auf Leinwand

Vor uns ein wirrer Maskenreigen von Gesichtern – kleine Zirkuskunststücke werden uns dargeboten: Seiltänzer, Gaukler, Trapezkünstler beherrschen die Szene. Herrisch dirigiert ein farbig geschminkter Clown die Gruppe. Akrobaten, der grüngesichtige Zauberer, Feuerschlucker, Scharlatane und Harlekine unter ihrer schwarzen Augenmaske. Ein hoher Federdreispitz bedeckt den Kopf – schwarzblau, grün, rot und gold sind die vorherrschenden Farben, aus tiefstem, schwärzesten Grund ans Licht gebracht. Rhombenartig gewürfelt ihr Fleckenkleid. Sie  unterhalten die staunende Menge. Der Weisse führt sie an. Sein glitzerndes Seidenkostüm mit den zugespitzten Achselpolstern, die samtene Pumphose, der hohe Hut verleihen ihm diabolische Würde. Auf dem Saxophon bläst er schauerliche Töne. Sie wirken wie die Schreie archaischer Klageweiber.
Gemessenen Schritts umrundet er die Menge. Endlich steht er vor mir, beugt sich zu mir herab. Sein aufgerissener Mund und die Ohren sind grellrot geschminkt, das Gesicht ist erstarrt unter seiner bleichen Maske. Aus leeren Augenhöhlen fixiert er mich. Über allem liegt ein Hauch heiterer Schwermut. Alles, was ich in dem Bild erkenne, das sich vor mir ausbreitet, erzählt etwas über mich. Auch wenn ich nichts sehe: Ich bin es. ♦

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Johanna Klara Kuppe: Zwei Bild-Meditationen

Andreas Wieland: Vom Koffer in den Mund (Kurzprosa)

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Vom Koffer in den Mund

Andreas Wieland

Aus Behagen fläzte ich eine Zeitlang auf dem Stubenteppich und rannte darauf freudenschreiend aus der elterlichen Wohnung. Die Treppe hoch und runter, vorbei an dem betagten Herrn Eisenhut und seiner schrumpeligen Frau Lilchen, an der schielenden Miss Siusan Cunningham, an der immerzu kichernden Tamilin AaduMayil und weiteren, mir unbekannten, doch äusserst adretten und uniformen Persönlichkeiten. Allesamt standen sie mit aufgerissenen und, wenn ich es richtig gesehen habe, auch angefeuchteten Augen zwischen Tür und Angel. Sie wussten – jetzt hat er’s geschafft. Jetzt hat er den Koffer zugeklappt. Die Schlösser eingeschnappt. Sich entfesselt von allen Hemmnissen und die Packung mit den Betablockern zerknüllt und ins Klo geworfen. Als verschroben mochten mich meine Mitbewohner empfunden und meinen Aufbruch als impertinent bezeichnet haben, doch erachtete ich meine Entscheidung als die gelungene Tat eines Genies. Ausgeklügelt und doch in der Spontanität des Rastlosen. Ich war eine der Natur abgewonnene Bereicherung für die Gesellschaft. Ich war jener Held, welcher für das Gemeinwohl die Courage aufbrachte und eine Bresche in den Alltag zu schlagen wagte. Wie ein Popstar zog ich von Ort zu Ort, lebte aus dem Koffer, von der Hand in den Mund. Man liebte mich. Man weinte um mich. Man jubelte mir zu. Natürlich ermunterte mich dies in meinem Schneid und tatsächlich stand ich in schönster Blüte. Sublimiert mein ganzes Wesen und ausgebrochen aus der Pedanterie quälender Sesshaftigkeit. Und mit dem Ehrenwort des Genies versichere ich Ihnen meine Geistesgrösse und den Verdienst meiner Begabung. Wider meiner eigentlichen Verschwiegenheit, ist es mir eine Ehre, hiervon berichten zu dürfen.
Fragen Sie sich bitte nicht nach dem Indikator meines aussergewönlichen Triebes nach Höherem streben zu wollen. Betrachten Sie meine Reisen als Ventil hedonistischer Bemühungen, als das Liebesabenteuer des Kyrenaikers. Nun gut, für mich standen Tür und Tor offen, eigentlich wünschte ich dies auch meinen Mitmenschen oder zumindest meinen Mitbewohnern. Den Eisenhuts, Miss Siusan und AaduMayil. Aber auch den Neuzugezogenen mit ihren Kindern, Verwandten und Bekannten. Jauchzend rannte ich in Socken und Boxershorts über die polierten Fliesen in die Wohnung zurück und fragte mich, ob jemand mir zu liebe das Treppenhaus so fürstlich geschmückt hatte. Mit Blumengestecken und sonstigem Firlefanz, Bildern und Duftkerzen. In knappen Worten, wie es sich für einen Mann der Tat gehörte, informierte ich meine Eltern über mein Vorhaben. Den Katzen warf ich das für den Sonntag bestimmte Roastbeef in den Napf und den Zierfischen überliess ich den vorgebackenen Yorkshire-Pudding plus Katzenfutter. Auch bedankte ich mich in den Abschiedszeilen für ihre Warmherzigkeit und das unerschütterliche Wohlwollen, anstandsgemäss vergass ich nicht Vaters Videokamera zu erwähnen, welche für meine reisejournalistische Arbeit, welcher ich mich gezwungenermassen stellen musste, von äusserster Tragweite war. Und nur weil ich kein Kleingeld mehr hatte war ich genötigt, aus Mutters Einkaufsportemonnaie ein paar Groschen für die Strassenbahn zu klauben. Natürlich hätte ich auch das Taxi nehmen können, doch sagte ich mir, dass ich von Anfang an zum Geld Sorge tragen will. Alleine schon ob dieser Einstellung liebten mich meine Eltern und schenkten mir volles Vertrauen. Ohnehin stand für uns Vertrauen an oberster Stelle. Liebend gern hätte ich die Rückkehr meiner Eltern abgewartet und mein Abschiedsgeschenk entgegengenommen. Doch wollte ich noch Tante Hedwig über meine Abreise in Kenntnis setzen, damit sie mir etwas mit auf den Weg geben konnte. Ein Wunsch, welchen ich ihr jeweils nicht abschlagen durfte. Zumindest nicht damals, wo ich mich in einer hoch lebhaften Phase befand und für jegliche Form des Ansporns dankbar war. Eine sich alleweil lohnende Investition, auf solche Leute zu setzen. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Eine von mir klipp und klar definierte Zielsetzung. In relativ kurzer Zeit liess sich der Besuch bei ihr abhandeln. Ich bestellte dann doch noch ein Taxi und liess mich zum Bahnhof chauffieren. Mutters Spaziergeld spendete ich der Fahrerin. Schliesslich trug sie mir meinen Koffer noch bis zum Perron. Versehentlich setzte ich mich ins Erstklasse-Abteil, was allerdings keine Rolle spielte. Den Aufschlag bezahlte ich gerne und um ein Haar wollte ich dem Schaffner noch ein Trinkgeld geben. Eigentlich stellte ich mir die Fahrt um einiges entspannter vor. Doch diesmal, zugegeben, lag es an mir. Ich hätte mich eindeutig besser informieren sollen. Über mich selbst verwundert setzte ich mich in den Speisewagen und klappte den Laptop auf, um neue Möglichkeiten abzuchecken. Zürich – Köln – Bruxelles – Antwerpen dauerte mir auf einmal entschieden zu lange. Über Paris war eine schlechte Alternative. Diese hatte ich ja zuvor schon abgecheckt. Ich schlürfte meinen Capuccino und lächelte strahlend der hübschen Bedienung entgegen. Ich hatte ja auch allen Grund dazu. So fand ich doch tatsächlich einen Lastminute Flug von Köln nach Venedig. Businessclass! Morgen um 07:30 Uhr. Um einem weiten Weg zum Flughafen vorzubeugen, mietete ich mir gleich ein Zimmer in einem der noblen Hotels in der Agglomeration. Antwerpen Ade, schrieb ich in die Agenda und: Sitze vergnügt im Überschallzug nach Köln. Bereite VJ-Aktion vor. weissabgleich, Ton usw. eingestellt. Interview mit Service-, Küchen- und Hilfspersonal. Anschliessend Travelling-Aufnahmen Speisewagen.
Aus Rücksicht erstsatte ich Ihnen keinen ausführlichen Bericht über meinen Hotelaufenthalt in Köln. Nicht über die anfänglichen Schwierigkeiten am Empfang und auch nicht über das Missverständnis in der Pianobar. Schlussendlich hatte sich ja alles zum Guten gewendet und selbst der Pianist nur noch für mich gespielt. Zumindest kam es mir so vor. Am nächsten Morgen verpasste ich auch den zweiten Shuttlebus des Hotels und liess mir deswegen ein Taxi rufen. Auf mein Verlangen hin holte ein Portier meinen Koffer vom Zimmer zur Rezeption, als ich auscheckte. Formgewandt winkte ich ihn damit gleich zum Taxi mit dem viel zu nervösen Chauffeur weiter. Natürlich gab ich ihm dafür eine Belohnung und auch dem Taxifahrer – gleich im Voraus. Höflich hielt ich noch kurz nach dem Hoteldirektor Ausschau, doch war dieser nirgendwo aufzufinden. Ihn herbeirufen lassen wollte ich nicht. Ich dachte nur, dass er sich vielleicht gerne von mir verabschiedet hätte. Auf dem Flughafenterminal angekommen, wurde mein Name bereits mehrere Male aufgerufen und ich fühlte mich seit langem wieder einmal ernst genommen und genoss mein Dasein als Videojournalist und Darsteller jenes Popstars, der mir in vielen Dingen ähnlich war. Rein physiognomisch, in Gestik und Mimik, aber auch in seiner vornehmen Gangart. Einziger Unterschied: ich war nicht in Begleitung von Bodyguards, sondern von einer Flugbegleiterin, welche mir wahrlich versuchte Feuer unterm Hintern zu machen. Natürlich spielte ich ihr zuliebe mit und rannte an ihrer Seite zum Flugzeug wie ein gehetzter Starmanager; in meiner Situation wie ein Popstar ohne Privatjet. An Bord angekommen stellte ich mich persönlich mit meinem Nachnamen, dann nachdrücklich mit Vor- und Nachnamen beim Personal vor und bedankte mich gleichzeitig für ihr Entgegenkommen. Dem Piloten liess ich meine Ankunft ausrichten. „Startklar!“, rief ich den Flugpassagieren aufmunternd zu, die wie im Theater gespannt ihre Blicke auf den Protagonisten (ich) richteten, obwohl neben mir eine nette junge Dame bereits das Erstehilfe-Set gebärdenstark vordemonstrierte. Ich machte meine dritte Travelling-Aufnahme (die zweite war in der Hotellobby), dann wurde ich untergehakt zu meinem Platz gebracht und sogar angeschnallt. Businessclass! Venezia, ich komme!, schwelgte es in meiner Brust und glücklich verköstigte ich mich an dem von mir gewünschten Weight-Watcher-Frühstück. Ich verlangte Tageszeitungen in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, klappte den Laptop auf und liess mir koffeinarmen Kaffee nachschenken. Immer wieder erntete ich bewundernde Blicke von anderen Passagieren. Wahrscheinlich waren sie hin und her gerissen ob meiner Person. Wussten nicht wo sich mich einzustufen hatten. Sei es im Showbiz oder im Management. Ich verriet es in keinster Weise. Den Flugbegleiterinnen hingegen, zwinkerte ich schon mal zu oder hob die eine Augenbraue.
Venedig war einfach wundervoll. Zauberhaft! La Serenissima. Molto bello. Bellissima. Ich vermisse weder Zürich, noch Antwerpen. Paris und Köln können mir gestohlen bleiben, notierte ich in meine Agenda. Bleibe vielleicht etwas länger. Filmfestspiele. Mostra internazionale d’arte cinematografica di Venezia. Plane Videoaufnahmen. Dann klappte ich die Agenda zu wie damals den Koffer, verliess das Zimmer, das Hotel, den Garten und trat auf den sonnenbeschienenen Platz hinaus. Ich trug eine dunkle Sonnenbrille, meine gelierten Haare waren streng nach hinten gekämmt, das Hemd trug ich trotz unbehaarter und jünglingshafter Brust bis zu den untersten Knöpfen offen. Hose und Schuhe waren äusserst elegant und mit Leichtigkeit, ich spürte es genau, faszinierte ich etliche Leute. Natürlich profitierte ich von den Festspielen und einiges vereinfachte sich für mich dadurch. So waren viele meiner Geschichten den Leuten beinahe ihre Existenz wert und ich wurde zu den verrücktesten Sachen eingeladen, was mir wiederum eine Verlängerung meines Aufenthaltes ermöglichte. Meine Eltern und auch Tante Hedwig fingen sich bereits an zu sorgen, worauf ich sie herzlichst vertröstete und meine Situation bis ins Detail schilderte. Natürlich erwähnte ich auch Hoteladresse und Bankverbindung. Täglich sandte ich ihnen wunderbare Bilder von Palästen, goldenen Gondeln, aufflatternden Taubenschwärmen, märchenhaften Brücken, vom feudalen Theater und der Bibliothek. Von Schulen, Zunfthäusern und Piazzas, vom Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Doch fühlte ich mich nach zwei Monaten der Rast erneut von seltsamer Unruhe heimgesucht und weder Kunst noch Weiblichkeit konnte mich festhalten. Ich bat um das Lösen meiner Fussfessel. Ich fühlte mich elend. Und was ich lange Zeit als unumstössliches Privileg betrachtete, war mir auf einmal nicht mehr genug. Ich zückte Agenda und Bleistift und schrieb: Das Liebesabenteuer des Kyrenaikers hat sich ausgelebt. Denn was bedeutete mir jetzt noch Zürich, die Stadt meiner Jugendjahre? Was die Reisen nach Indien und Russland, China und Amerika? Auch Hamburg, Wien und Rom hatte ich gesehen. Die Akropolis und die Golanhöhen. Afrika. Die Spitzbergen. Jetzt, so wusste ich genau, musste ich einen neuen Weg einschlagen. Einer, der sich nicht kartographieren liess. Einer, der durch unsichtbare Gefilde führte und sich jeglicher Beschreibung und Sprache entzog. Ein Durchwandern eines unendlichen Gebietes sollte es werden. Von einer Lauterkeit in die nächste. Ein hinter undurchdringbarer Umzäunung geglaubtes Land wollte ich entdecken und mit meinem Ehrenwort versichere ich Ihnen, ich hatte es gefunden. Mit wahren Gefühlen und unter buschigen Brauen hervor betrachtete ich diese neue Welt wider üblicher Gewohnheit. In aller Bescheidenheit. Sogleich bemerkte ich diese fantastische und erdenferne Ungebundenheit und ob ich demnach in Venedig auf einem kaiserlichen Balkon weilte oder in New York in einem der miefenden Yellow cabs sass, meine neu entdeckte Welt traf ich überall an. Ich fühlte mich herrlich dabei. Alles je Erträumte breitete sich vor mir aus wie ein funkelndes Geschenkpapier. Kein Zeitdruck, keine Hetze an Bahnhöfen und Flughäfen, Businessclass gab es keine. Weight watcher war verpönt. Tante Hedwig besuchte ich jeweils aus reinen Motiven heraus, auch verfütterte ich in meiner Beherztheit kein Roastbeef an Katzen und der Yorkshire-Pudding blieb Beilage. Herr Eisenhut zeigte sich mir alles andere als betagt und Lilchens Haut sah aus wie nach einem Intensiv-Gesicht-Körper-Wunder-Peeling. Siusan blickte aus zwei wunderschönen blauen Augen und AaduMayil, na ja, sie behielt ihr eigensinniges Lust-, beziehungsweise Humorempfinden. Das irdische Reisen, Sie werden staunen, behielt ich aber trotzdem bei. So zog ich von der elterlichen Wohnung aus und mietete mir ein Zimmer. Gleich zwischen Miss Siusan und AaduMayil, was sich als äusserst vernünftig herausstellte. Denn, wie Sie ja wissen, lebte ich vom Koffer in den Mund, war also häufig unterwegs, und so war es für meine Anwohner äusserst kommod und ohne grossen Aufwand verbunden, während dieser Zeit meine Räumlichkeit zu lüften, das Mobiliar abzustauben und die Pflanzen zu giessen. Im Gegenzug durften sie sich soviel Kaffee oder Tee kochen wie sie wollten, turmhohe Lagen an Schokolade und Keksen lagen jeweils auch bereit. Sie konnten sich also in keiner Weise beklagen. Auch schrieb ich ihnen regelmässig Ansichtskarten. Ich fühlte mich von ihnen verstanden. ♦


Andreas Wieland

Geb. 1969 in Chur/CH, Studium an der Höheren Fachschule für Hotel- und Tourismusmanagement, anschliessend als diplomierter Hotelier in den Kantonen Graubünden, Zürich und Luzern tätig, Kurzprosa- und Roman-Publikationen, lebt als freischaffender Schriftsteller in Walenstadt/CH

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Walter Ehrismann: An der Bar (Anthologie)

Angela Mund: Hektor (Philosophische Satire)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 11 Minuten

Schlaf gut, mein Freund Hektor

Angela Mund

„Verabschieden sie sich endlich von ihrem Idealismus. Denken sie wissenschaftlich!“ Er sah mich über seine dickgerahmten Brillengläser hinweg an. Ich glaubte zumindest, dass er mich ansah. Die Gardinen waren zugezogen, in Kombination mit den schwarzen Möbeln glich sein Büro eher dem Vorraum eines Bestattungsinstitutes, und eine matte Dunkelheit hatte sich auf unsere Gesichter gelegt. Ich hatte ein Stück Fingernagel zwischen den Zähnen und schob es mit der Zunge hin und her. „Vielleicht sollten sie mit dem Studium doch lieber aufhören.“ Erst jetzt fiel mir ein Bild auf, welches schräg hinter ihm an der Wand hing: Achilles steht auf dem Siegerwagen, die Zügel zweimal um die Hände geschlungen, das Kinn voller Stolz gegen Troja gerichtet, Hektor unkenntlich im Staub hinter sich herziehend. Ich suchte in der Dunkelheit seine Augen und erwiderte zögerlich: „Das hatte ich heute eigentlich vor.“ Der Fingernagel schwamm nun etwas verloren auf meiner Zunge und machte mich nervös.
Das Mädchen neben ihm lächelte lakonisch vor sich hin und wackelte bei jedem seiner Sätze bedrohlich weit mit dem Kopf, als wolle ihr Hals jeden Moment umknicken wie eine überdehnte Lanze. Hektor war ein Held, er war der einzige Krieger gewesen, dem es nicht um das Mädchen gegangen war. Er hatte lediglich seine Heimat schützen wollen, seinem Vater Ehre erweisen, den feigen Bruder Paris vor der Schande der Niederlage bewahren und seiner Frau das Schicksal ersparen wollen, Sklavin der Achäer zu werden. Er war ein Held, weil er nach seinen Prinzipien gehandelt hatte, und trotz dieser unumstösslichen Wahrheit hatte man seinen toten Körper über das Schlachtfeld gezogen, anstatt ihn mit Öl zu salben, damit die Haut wie Bronze glänzen konnte.
„Wissen sie eigentlich, was sie da gerade gesagt haben?“, dröhnte seine Stimme blechern, als würde ein Pferd in eine Metalluren röhren. Unauffällig nahm ich den Fingernagel aus meinem Mund und klemmte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. „Ich habe ihnen zu erklären versucht, worin das Problem des Seins besteht.“ Das Mädchen kicherte, er zog die Luft scharf ein, Hektor drehte mir den Rücken zu, und der Fingernagel lag nun etwas einsam vor mir auf der grauen PVC-Auslage.
„Das Problem des Seins besteht darin, dass es ein Problem der Wissenschaft geworden ist.“ Man stelle sich einmal das Sein in der Mitte vor – ich hatte für diese Erklärung extra eine Skizze angefertigt -, neben dem Sein befanden sich die wissenschaftlichen Fachbereiche fächerartig aufgereiht. Jeder Wissenschaft ordnete ich die jeweiligen Problemfelder zu, beispielsweise der Psychologie. Ihr Problem ist, dass sie die Persönlichkeit aufteilt in 50% Gene, 40% Umwelt und einen Fehleranteil von 10%, den man als freien Willen bezeichnen musste, weil man sonst nichts weiter damit anzufangen wusste. Auf der anderen Seite befand sich die Theologie, die ich deshalb als Wissenschaft angeführt hatte, weil sie ein umfassendes Erklärungssystem bereitstellt, indem die Instanz Gott das Sein legitimiert. Gott offenbart sich jedoch als eine Instanz, von der man bis heute nur sagen kann, was sie nicht ist; auch die Theologie versucht ihre Definitionslücken durch negative Kategorien zu retuschieren. Hinzu kommt die Mathematik, die zwar exakte Formeln aufstellen kann, welche aber nur unter Ausschluss unbekannter Variablen funktionieren. Zum Schluss hatte ich noch die Philosophie angeführt, die daran scheitert, dass sie nicht erklären kann, worauf die Wahrnehmung des Seins beruht und Descartes daher einen Homunkulus annahm, der im Kopf des Menschen sitzt und für diesen wahrnimmt. Diese war von allen Erklärungsfantasien noch die netteste.
Hektor fummelte nervös an seinen Fussfesseln. Die Dunkelheit breitete sich bis in die hintersten Winkel des Raumes aus, und ich musste meine Augen fest zusammenkneifen, um das Bild an der Wand noch erkennen zu können. Ich holte tief Luft und zerbrach die Stille: „Egal, ob 10 Prozent Fehleranteil, Gott, reduzierte Formeln oder Homunkulus – das alles sind nur Hilfskonstruktionen der Wissenschaften, die überspielen sollen, dass sie etwas Entscheidendes nicht erklären können: Das Sein.“ Er zog eine Augenbraue nach oben. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte Achilles vom Wagen gestossen, um sein Siegerkinn in den Boden zu pressen. Stattdessen kratzte ich mit dem linken Fuss den Fingernagel unter meinen Stuhl und flüsterte: „Wenn man das Problem nicht kennt, findet man auch keine Lösung.“ Die andere Augenbraue schob sich ebenfalls nach oben, das Mädchen mit dem Lanzenhals rutschte ängstlich auf ihrem Stuhl hin und her, das Zimmer kannte keinen Lichtstrahl mehr und ich stand breitbeinig über dem gefallenen Achilles, der mir mit dreckverschmiertem Gesicht erstaunt entgegenblickte. Da trat Hektor hinter mich und legte seine Hand ruhig auf meine Schulter. „Wozu das alles?“ Und weil ich ihm die Frage nicht beantworten konnte, murmelte ich mehr zu mir selbst: „Das macht die alte Wissenschaft überflüssig.“, während ich das Schwert in Achilles Ferse stiess. Hektor senkte langsam den Kopf. Entgegen meiner Erwartungen beugte sich der Dozent eher gemächlich nach vorn, soweit bis die Tischkante hart gegen seine Eingeweide hätte drücken müssen, und fragte in einem Tempo, als würde seine Zunge eine Apfelsine bearbeiten, indem er jedes Wort im reinsten Hochdeutsch noch einmal zerschälte: „Und welche Lösung schlagen sie vor?“ Schemenhaft konnte ich erkennen, wie er mit seinem Stift einen einfachen Strich quer über das Blatt Papier zog, welches vor ihm lag, und den Stift in genüsslicher Ruhe wieder auf den Tisch parallel zu seiner Hand legte.
Ich hatte 14 Semester Philosophie studiert und mich dementsprechend lange auf diese Frage vorbereiten können. Meine Erklärung war einfach, sie musste es sein, damit sie auch von jedem verstanden wird. Ich war mir sicher, dass selbst das Mädchen mit dem Lanzenhals meinen Erklärungen folgen könnte. Es ist nämlich so, dass sich das Sein im Allgemeinen nur auf das Menschsein beziehen kann. Und was ist der Mensch? Er ist ein Tier. „Um das Problem des Menschseins zu lösen, muss man sein Tiersein definieren. Weil aber der Mensch im Zuge der Zivilisierung, Industrialisierung und Urbanisierung sein Tiersein verleugnet hat, kann er auch kein vollkommener Mensch sein.“
Mein Dozent sah mich für einen Augenblick lang entsetzt an, kehrte aber recht schnell wieder zu seinen alten Gesichtszügen zurück, indem er einen Mundwinkel nach oben und den anderen nach unten schob und die Augenbrauen elegant über der Nasenwurzel justierte. Während er also seine Mimik sortierte, reichte er mir mittels rechtem Arm, der durch den hochgezogenen Hemdsärmel nackt war und sich wie ein sterbender Wurm vor mir aufbäumte, das Blatt Papier mit dem nicht ganz akkurat gezogenem Strich darauf. Das Mädchen zwirbelte unablässig eine Strähne ihres dünnen und farblosen Haars und starrte unbeteiligt wie ein Passant am Unfallort auf die anderen Fingernägel, die neben meinem Stuhl verstreut wie Blumensamen herumlagen. „Und ich hatte schon befürchtet, sie sagen etwas zum Thema. Sie können gehen. Sie haben zwar keine Note, aber dafür ihren Abschluss.“ Er neigte sich zu seiner Assistentin, die ihren Kopf kaum noch in der Senkrechten halten konnte und raunte ihr zu, als würde ich seine leise Stimme in der Stille nicht hören können: „Hat sie was zu Aufgabe zwei gesagt?“ Die Assistentin wisperte: „Nein, nichts, glaube ich.“
Als ich die schwere Tür des Instituts aufstiess, strahlte mir eine kühle Wintersonne unverhohlen ins Gesicht, und ich hielt mir die Hand vor die Augen. Hektor würgte das Blatt Papier in seinen Händen, unschlüssig, ob er es auf den Boden oder doch lieber in die Mülltonne schmeissen sollte. Ohne sich entschieden zu haben, zupfte er mir sogleich am Ärmel und blickte mich aus seinen braunen Augen zweifelnd an, indem er seine Stirn in Falten legte. Ich blinzelte durch meine gespreizten Finger hindurch zu ihm und fragte mich, ob er solch ein Gesicht auch auf dem Schlachtfeld gezeigt hatte und er deshalb seinen Feinden unterlegen gewesen war. Er war unruhig, er zog und schob mich wieder in Richtung Tür, während seine Arme nun hektisch um seinen Körper flatterten. Ich lächelte ihn nachsichtig an: „Nein, den Achilles beerdigen wir nicht, auch wenn es bei euch so Brauch ist. Bei uns lässt man die Toten liegen. Das erledigt nämlich ein Fachmann.“ Immer heftiger bedrängte er mich und blickte dabei so verzweifelt, wie nur Kinder blicken können. Ich wand mich aus seinem Griff und drehte ihm, da ich mir nicht anders zu helfen wusste, den Arm auf den Rücken, so dass sein Körper abrupt in sich zusammen sackte.
Mein Lösungsvorschlag war nicht sehr umfangreich, aber es war ein Anfang und nur darum ging es ja. Einer musste den Anfang machen, einer musste für die, die ihm folgen werden, den Weg ebnen, sozusagen mit seiner Fantasie eine Schneise für die kommenden Generationen schlagen. Ich war bereit. Nur musste ich zunächst einmal Hektor davon überzeugen, sich von mir nicht nur die Strasse entlang ziehen zu lassen, sondern auf eigenen Beinen zu stehen und mit denen möglichst schnell neben mir her zu laufen. Von einem griechischen Helden hatte ich mehr Wagemut erwartet. Wir durften keine Zeit verlieren, schliesslich lag schon der erste braune Schneeschlamm zwischen Fahrbahn und Bürgersteig, der Himmel war ergraut wie das melierte Haar alternder Männer und die Menschen zogen sich die Kapuzen über die frierenden Köpfe. Es würde nicht mehr lange dauern und das Dröhnen der Streumaschinen würde sich über der Stadt ausbreiten und alles unter sich begraben. Der Winter in grossen Städten war die Zeit der Selbsterkenntnis und Antidepressiva. Ich hatte dazu eine Statistik gelesen.
Trotz des Widerstandes von Hektor gelangten wir zügig in meine von blattlosen Rotbuchen gesäumte Strasse. Um sich dem Tiersein zu nähern, müsste man das tun, was ein Tier tut, in unserem Falle ein Säugetier. Mit einer Hand hielt ich Hektor fest, der sich immer weniger zur Wehr setzte, mit der anderen schloss ich die Tür zu meiner Wohnung auf. Es war nicht nur einfach dunkel im Zimmer, sondern nahezu so schwarz wie die hinterste Windung eines Fuchsbaus. Hektor versuchte vergeblich, den Lichtschalter im Flur zu betätigen, ein sinnloses Unterfangen, schliesslich hatte ich schon vor Wochen die Glühbirnen rausgeschraubt, zusätzlich dicke Teppichvorleger über die Fenster gespannt und mit Gaffaband abgedichtet. Um wenigstens die Sauerstoffzufuhr in der Wohnung zu sichern, blieb nur das kleine Fenster im Bad geöffnet, was nicht weiter störte, da es sowieso zum Hinterhof zeigte und dieser von den Schatten umliegender Häuser abgedunkelt wurde. Kurz und gut, es herrschte kaum eine Andeutung von Licht, und so tasteten wir uns blind wie Welpen an der Wand entlang zu meinem Schlafzimmer. Hektor stolperte mir willenlos hinterher und schien jegliche Kraft verloren zu haben. Seine Hand lag schlaff in meiner und hätte ich ihn nicht an den Schultern festgehalten, er wäre wohl zu Boden gegangen. Was war von seiner Stärke noch übriggeblieben? Ich lehnte ihn behutsam gegen den Türrahmen und betastete seine Stirn, die viel schmaler wirkte, als ich sie von heute Nachmittag in Erinnerungen hatte. Seine Haut war kalt und fühlte sich fremd an. „Wenn uns der Verstand nicht zu besseren Menschen macht, herrscht das Gesetz des Instinktes.“ Am liebsten hätte ich ihn fest in meine Arme geschlossen und ihm durch sein gelocktes Griechenhaar „Vertrau mir“ zugeflüstert, aber ich konnte diese Leere, die mit einem Mal zwischen uns aufgekommen war, nicht überwinden.
So standen wir uns lange schweigend gegenüber, fanden in der Dunkelheit nicht den Blick des anderen, und ich konnte nichts weiter tun als seinem Atmen zu lauschen, welches immer schwerer wurde, als hätte Achilles seinen Fuss auf Hektors Brustkorb gesetzt und würde nun nach und nach sein Gewicht nach vorn verlagern. Ich wartete auf ein Zeichen des Einverständnisses von ihm, er war mein Freund, ich konnte ihn nicht einfach dazu zwingen, mit mir den Anfang zu machen, die Schneise zu schlagen.
Ein Geräusch riss mich aus den Gedanken heraus, besser gesagt, es war das Fehlen eines Geräusches, welches mich irritierte; ich begriff zunächst nicht, was genau an diesem Moment seltsam war. Hektor hatte kurzzeitig aufgehört zu atmen, ich wusste, dass er dies mit Absicht getan hatte, und so schlug ich ihm mit der flachen Hand gegen die Rippen, erst erschrocken und dann aus Wut. „Also los“ rief ich ihm zu und schob ihn bestimmt in mein Zimmer, in dem etliche Kissen und Decken wild verstreut herumlagen und uns mit den ersten Schritten einsinken liessen. Die Möbel hatte ich schon im März an die Studenten, die ein Stockwerk unter mir eingezogen waren, verschenkt. Danach wurde mir ein Platz auf ihrem kaputten Sofa angeboten und eine Flasche Bier in die Hand gedrückt. Der Abend begann recht angenehm und es wurden nach und nach weitere Weinflaschen entkorkt.
Ich war gerade dabei, ihnen meine Theorie des Menschseins zu erläutern, immer bestrebt darin, weitere Wegegefährten für die Sache zu gewinnen, als mir ein ziemlich betrunkener Lehramtsstudent ins Wort fiel, in dem er lachend verkündete: „Das ist doch nicht neu. Tarzan hat es vorgemacht!“ Nach dem das darauf folgende Handgemenge von den umstehenden Zuhörern aufgelöst wurde, glättete ich bedächtig mein Shirt und überliess diese Menschheit sich selbst. Die Möbel sollten sie trotzdem behalten. Ich hatte schliesslich keine Verwendung mehr dafür. Zwischen den Kissen stapelten sich Thunfischdosen, dutzende Packungen verschiedener Trockenkekssorten und Wasserflaschen.
Eine funktionierende Rückbesinnung auf das Tier in uns muss gut vorbereitet sein. Ich drückte Hektor sanft in die Kissen und warf einige Decken über uns. Dann hielt ich ihm meine geöffnete Handfläche entgegen, in der sich zwei kleine, weisse Tabletten versteckten und darauf warteten, verdaut zu werden: „Du eine, ich eine“. Hektor berührte vorsichtig meine zerfurchten Fingerkuppen, und für einen kurzen Augenblick fühlte es sich wie ein Streicheln an. Ich tastete wieder nach seiner Stirn und stellte traurig fest, dass er seine Augenbrauen misstrauisch zusammengezogen hatte. „Wenn du aufwachst, nimmst du gleich zwei. Ich hab das genau berechnet.“ Nun zwang ich ihm die erste Tablette in den Mund, schluckte auch meine hinunter und legte die kleine Metalldose hinter mich. Ich wollte, dass er mir vertraut und sprach ihm aufmunternd zu: „Du kannst auch was von dem Thunfisch essen, wenn du Hunger hast.“ Hektor war ein Held, weil er nach seinen Prinzipien handelte, und doch lag er nun teilnahmslos neben mir, als würde sein Körper wieder der Leichnam sein, den man bis zum Sonnenaufgang über das Schlachtfeld gezogen hatte. Ich empfand plötzlich einen Schmerz irgendwo zwischen Bauch und Hals, ohne mir recht erklären zu können, warum dieser Schmerz da, war und der Umstand, dass ich es mir eben nicht erklären konnte, stürzte mich in eine seltsame Verzweiflung. Er hatte damit begonnen, seinen Kopf von einer Seite auf die andere zu werfen, gleichzeitig hob und senkte er seine Schultern, alles verkrampfte sich in ihm und aus seinem Mund kam ein tiefes Grollen, was mir Angst einflösste. Es war ein Beben und Erzittern, so stark, dass es sich auf mich übertrug, und weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, drückte ich ihm mit zwei Fingern die Augenlider zu, umschlang ihn fest mit Armen und Beinen und flüsterte ihm ins Ohr: „Träum`, Hektor, schlafe und träume etwas Gutes. Wir sehen uns in zwei Monaten wieder, wenn der Winterschlaf zu Ende ist.“ ♦


Angela Mund - Autorin - Glarean MagazinAngela Mund

Geb. 1986 in Illmenau/D, Studentin der Psychologie, Kulturwissenschaften und Medienpädagogik, Arbeit im Theaterbetrieb als Regisseurin und Autorin, lebt in Leipzig

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Angela Mund: Hundegespräche (Fabel)

ausserdem im GLAREAN zum Thema Satire von Ernst-Edmund Keil: Milch und Blut

Franz Trachsel: Semper fidelis (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Marsch-Impressionen im Parkhaus

Franz Trachsel

Shopping-Center-Parkhäuser dürfen für sich beanspruchen, nach aussen umgebungskonform-freundlich aufzutreten, nach innen angesichts ihres grossen Parkplatzangebots aber die nüchtern-zweckmässige Wucht selber zu sein. Und dann erst die ausserhalb der Shopping-Zeiten darin herrschende Stille – empfunden heute, eines vorsommerlich frühen Montagvormittags, und angesichts des nur sehr spärlichen Eintreffens der Kundschaft.
Doch urplötzlich sieht sich, wer schon hier, vom Hauptzugang her von einem vollorchestrierten marschmusikkalischen Auftakt vereinnahmt! Und wer ausserdem auf dem schmalen Weg im Zweiradbereich abgestiegen, der kommt sich in eine kasernenhaft grosse, höchst belebte Blasmusikhalle hineingeraten vor.
Das alles aber keineswegs als aufdringliches Unterhaltungsgezeter dahertönend. Nein, was sich da vollentfaltet sehr wohl hören lässt, ist nichts Geringeres als eine amerikanische Marsch-Legende, nämlich John Philipp Sousas enorm beschwingter „Semper Fidelis„. In voller Korpsstärke notabene – ein wirklich frappanter Tages- und Wochen-Start!

Und dann ist da die Erinnerung, diesen Marsch nicht nur in Konzerten, sondern in quasi welthistorischer Entfaltung miterlebt zu haben. Und zwar live anlässlich der Jubiläumsparade „200 Jahre USA“ am 4. Juli 1976 auf der Pennsylvania-Avenue in Washington. Dieses Erlebnis dabei umso eindrücklicher, als Sousas „Semper Fidelis“ nichts Geringeres ist als das stolz vertonte Siegel der US-Marine. Ja, und wem sonst, wenn nicht der Marine-Band wäre damals die Ehre zugekommen – vom Millionenpublikum besonders stürmisch applaudiert -, dem historischen Tag diesen unverkennbaren Stempel aufzudrücken! Das blendend weiss uniformierte Korps, ein makelloses Neunerkolonnen-Erscheinungs­bild, der mitreissende Marschmusik-Takt: ein nationalhistorisches Aufkreuzen wie aus einem Guss!

John Philipp Sousa
John Philipp Sousa (1854-1932)

Hier im Parking des örtlichen Shopping-Centers hingegen, 35 Jahre später: Sein Klang eine wahre Entschuldigung dafür im Gegensatz zu Washington, auch ohne das geringste Aufblitzen hochglänzend polierter Blasinstrumente festzustellen. Aber warum sollte denn den etagentragenden Parkhaus-Betonsäulen, den Auf- und Abfahrtsrampen, den Parkplatzschranken und dem massig alle sieben Etagen untereinander verbindenden Liftschacht nicht ausnahmsweise mal eine echte Klangreflektoren-Rolle zukommen! aussergewöhnlich dabei halt dieser „Immer-Treu“-Marschauftritt vor allem deswegen, weil er ohne augenfällige Formation auskam. Nahm sich die Freiheit, statt sich mühsam um all die Begrenzungen, Kurven, Auf- und Abstiege herumzuwinden und sich in seine einzelnen Register aufzulösen und ganz eigene Weg zu gehen. Ja selbst der Dirigent dürfte sich unter dem wuchtigen Etagenmauerwerk marschtrunken mit schwingendem Taktstock auf die sonnige Center-Dachterrasse verirrt haben. Und wenn dabei schrittsicher von jemandem begleitet, dann am ehesten noch vom Tambouren- und Flötenregister, derweil sich das Klarinetten-, das Saxaphon-, Trompeten-, Posaunen-, Pauken- und Bassregister (weil für den vom Dirigenten irgendwo mit seinem Stock in die Luft geschmetterten Takt hellhörig geworden), auf das übrige halbe Dutzend Etagen aufgeteilt haben mochten.
Und weil nun einmal John Philipp Sousas Klassiker des Tages die Aufwartung machte, dann gewiss nicht ohne sein – das Korps bekanntlich hinten dekorativ abschliessendes – Sousaphon-Register! Nicht auszudenken, dieses könnte – weil den Auftritt auch hier hinten abschliessend – im Zuge einer akuten Klangtrunkenheit etwa im Parterre-Zugang, also im Wagenwaschanlagen-Bereich in die gewaltig rotierenden Waschbürsten geraten sein. Deren schonungslos nässetrunkener Umlauf wäre vermutlich der kältesten Dusche ihres Musikerlebens gleichgekommen. Hätte man sich also den völlig aussergewöhnlichen Marsch-Auftritt durchaus im Beisein seines berühmten Komponisten vorstellen können, so doch keineswegs den Untergang einer ganzen Sousaphon-Equipe. So gesehen vielleicht nicht ganz unglücklich für ihn, diese Welt schon vor 80 Jahren verlassen zu haben.

Nun denn, plötzlich erwiesen sich auch meine Marschmusik-Minuten hier als gezählt. Augenblicke später benimmt sich in die eingetretene Stille hinein irgendwo im Parking eine forsch zuschlagende Autotür taktgenau wie ein Schlusssignal. Eine Soundanlage der Zehntausenderklasse in einem Coupé der Mittelklasse hatte wohl Raum- und Klangqualität bewiesen. Hier also ein hochkarätiges Bravourstück, was sich anderswo unter anderen Vorzeichen als polizeilich verbotene Belästigung erwiesen hätte. ♦


Franz TrachselFranz Trachsel
Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin von Franz Trachsel auch Hab Sonne im Rücken! (Humoreske)