Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe (Satire)

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Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Peter Biro

Ich lasse mich nicht von massenhysterischen Phänomenen anstecken. Weder von der Überfremdung durch isländische Klimaflüchtlinge noch vom Weltuntergang aufgrund des Maya-Kalenders. Ok, ein Mangel an Lutschbonbons könnte mich zeitweilig aus der Bahn werfen. Das wäre eine wirklich ernste Sache. Aber wie gesagt, meistens bin ich immun gegenüber Modeerscheinungen, selbst wenn diese mein Überleben bis zum nächsten kirchlichen Feiertag sichern würden. Mit meiner antizyklischen Lebensweise bin ich bis jetzt gut durchgekommen, ausser vielleicht beim Linksabbiegen in den Kreisverkehr. Dort musste ich stets klein beigeben und mich in den allgemeinen Strom der Fahrzeuge einordnen. Aber sonst nichts dergleichen. Im Prinzip bin ich also kein Opportunist. Aber dieses eine Mal machte ich eine Ausnahme, und zwar wegen diesem verfluchten Coronavirus. Und scheiterte damit kläglich.
Nach gründlichen Überlegungen kam ich zum Schluss, dass eine Coronavirus-Infektion schon mal gar nicht eine erstrebenswerte Sache ist. Heutzutage haben wir viel schönere Krankheiten und elegantere Todesarten als schniefend und hustend einzugehen. Wenn man des Covid-19 wegen abserbelt, gibt man damit ein armseliges Bild ab. Man sondert jede Menge unappetitlichen Schleim aus allen Körperöffnungen ab. Einfach widerlich! Wenn mir schon mein letztes Stündlein schlagen soll, dann muss es bitte sauber, feierlich und erhaben zugehen. Ich möchte von ergriffenen Angehörigen beweint werden, die sorgsam gewählte Lobesworte über mich murmeln und meinen verfrühten Abgang aufrichtig bedauern. Aber zum Glück ist es noch nicht soweit. Ich habe gerade meine Temperatur gemessen: schallend triumphierende 36,5°C!

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Satiren im Glarean Magazin
Peter Biro

Trotz meiner erwähnten Abneigung gegen vorherrschende Modetrends blieb ich von der aktuellen Entwicklung nicht unbeeinflusst. Als immer mehr Zeitgenossen mit Gesichtsmasken herumliefen, begann ich mir auch eine überzuziehen. Um es sogar besser zu machen, trug ich zusätzlich noch eine am Hinterkopf. Dann hiess es, dass man in der Öffentlichkeit keine engeren körperlichen Kontakte mehr eingehen dürfe. Daraufhin hörte ich mit meiner liebgewordenen Gepflogenheit auf, unbekannte junge Damen auf der Strasse zu umarmen und herzhaft abzuknutschen. Zudem besuchte ich keine Grossveranstaltung mehr, ausser Saunaklubs. Diese sind die wohl letzten virusfreien Oasen, in denen man sich ungezwungen in angenehmer Damengesellschaft frei bewegen kann.
Es heisst ja, dass Coronaviren nicht hitzeresistent sind. Ich schüttle keine Hände, auch nicht den Kopf, und auch nicht meinen stets einsatzbereiten Würfelbecher, den ich als Entscheidungshilfe für lebenswichtige Angelegenheiten stets bei mir trage. Stattdessen befolge ich die wohlwollenden Anweisungen der Behörden ebenso gehorsam wie die uneigennützigen Ratschläge kompetenter Homöopathen.

Neulich jedoch erlebte ich einen ersten Rückschlag beim empfehlungskonformen Verhalten. Und das kam so: In den Nachrichten wurde erwähnt, dass vereinzelte Bürger Hamsterkäufe tätigten, was sich dann zunehmend häufte und zur Massenbewegung wurde. Ich konnte mir zunächst keinen Reim darauf machen, auf welche mysteriöse Weise der Hamsterkauf einen vor der Infektion schützen sollte. Aber man muss nicht alles verstehen, was die Obrigkeit verlangt. Wichtig ist es ihren Anweisungen zu folgen. Also beschloss ich daraufhin ebenfalls mit Hamsterkäufen zu beginnen.

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Als ich dann allerdings zu meinem ersten Versuch ausrückte, waren die letzten verfügbaren Exemplare schon restlos ausverkauft. Ich fand nur noch Restbestände an Meerschweinchen, Schildkröten und hilflos zwitscherndes Federvieh. Damit war natürlich kein Staat zu machen, schon gar nicht in diesen gefährlichen Zeiten.
Doch ich gab nicht so schnell die Hoffnung auf, meine nun mal beschlossene Hamsterbeschaffung erfolgreich zu Ende zu bringen. Ich klapperte zunächst alle Zoogeschäfte der Stadt ab, dann diejenigen des Umlands und sogar der ganzen Region. Aber keine der von mir aufgesuchten Tierhandlungen hatten genügend Hamster vorrätig, um mir einen anständigen Schutz zuzulegen. Dabei schraubte ich meine Erwartungen schrittweise zurück: statt der geplanten drei Dutzend Goldhamster hätte ich auch einen Satz Silberhamster akzeptiert. Von mir aus hätten sogar einige bronzene Exemplare darunter sein dürfen. Aber weit gefehlt! Nicht nur dass die beste Ware bereits weg war, selbst die artverwandten Wüstenspringmäuse waren alle.

Von zunehmender Verzweiflung getrieben, erwog ich einen nächtlichen Einbruch in den eher nachlässig geschützten Tierpark. Ich bin ja ein grundehrlicher Mensch, aber hier ging es ja schliesslich um meine Gesundheit. Ich weiss nicht, wie man die tierische Entsprechung für den moralisch eher akzeptablen Mundraub des Verhungernden nennt. Wenn beispielsweise das erheischte Deliktgut ein Mops wäre, würde man das „Hundraub“ nennen? Ich weiss es nicht. Wäre für kleine, handzahme Nager die analoge sprachliche Entsprechung vielleicht „Hamstermopsen“? Was auch immer, ich war bereit zu allem, selbst zu einem nächtlichen Einbruch in das Gehege der „Cricetinae“ genannten Steppenwühler. Aber ich hatte weder die geeigneten Einbruchswerkzeuge noch den erforderlichen Mut für eine solche Aktion. Damit war das keine gangbare Lösung und schon gar kein Ersatz für einen seriösen Hamsterkauf.
So gesehen wollte ich meinen Frust bei einem entspannenden Saunaklubbesuch abbauen, aber als ich vor der zugesperrten Tür des abgedunkelten Etablissements stand, konnte ich nur noch den nachlässig aufgeklebten Hinweis zur Kenntnis nehmen: „Aufgrund der lagebedingten ausbleibenden Kundschaft bleibt unser Saunaklub ‚Nymphen-Dampf‘ bis auf weiteres geschlossen. Besuchen Sie unsere Webseite, um den Zeitpunkt der erneuten Betriebsaufnahme zu erfahren“. Hol’s der Hamster!  ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Satire von Helmut Haberkamm: Anschaffungen

Ausserdem zum Thema Corona-Virus von Peter Biro: Schluss mit lustig!

B. Zizek (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden

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Die Universalien der Kulturen

von Heiner Brückner

Individuelle und gesellschaftliche Differenzerfahrung zeigt sich insbesondere im Umgang mit dem Fremden schlechthin als wertende Andersartigkeit. Ein neuer Symposiums-Band „Formen der Aneignung des Fremden“ der beiden Herausgeber Boris Zizek und Hanna N. Piepenbring thematisiert die Aneignungsmöglichkeit der den Kulturen gemeinsamen Universalien.

Erwartungsvoll begann ich mir die Diskursergüsse der theoretischen Auseinandersetzungen sowie durch empirische Fallbeispiele vereinten Erarbeitung über die Aneignung des Fremden außerhalb der eigenen Person anzueignen, erwartungsvoll schließe ich den Band. Möglicherweise taugen die beabsichtigten weiterführenden Aspekte des Fremdverstehens für eine gewisse Öffnung innerhalb von Fakultätsgrenzen zu einer akademischen interkulturellen Öffnung dem Fremden gegenüber. Als Resümee ergeben sich die Struktureigenschaften der Position des Fremden: Er erlebt eine Krise und Distanz zur neuen Gruppe, hat mehr Freiheiten, allerdings auch mehr Risiken und erschließt sich die Umwelt konstruierend durch eigene Sinngebung.

Bekannte Kernaussagen in neuen Wörterhülsen

Boris Zizek - Hanna Piepenbring - Formen der Aneignung des Fremden - Universitätsverlag Winter Heidelberg - Rezensionen Glarean MagazinIm Detail betrachtet, werden in diesem Symposiums-Band des „Zentrums für Interkulturelle Studien zur Erforschung globaler Kulturphänomene“ bekannte Kernaussagen mit neu geschliffenen Wörterhülsen bestückt. Das Erkenntnispulver ist nicht ausreichend, um eine Lunte zu befeuern, die einen nachhaltigen Wirkungstreffer auf der Veränderungszielscheibe explodieren lassen könnte. Das Fremde wird fremd bleiben, solange es Menschen gibt, die es als solches belassen oder als Gefährdung empfinden, denn akzeptieren und respektieren der Würde jeden Subjektes verlangt eigene Standhaftigkeit und angemessenes Zurücknehmen seiner selbst.
Der 10. Band der Schriftenreihe Intercultural Studies nimmt flüchtig als lyrisches Exempel das Gedicht „Der Fischer“ von Johann Wolfgang Goethe unter die Lupe, das Wasser nicht als Chemikalie beschreibt, sondern als mit Lebensbezug Erfahrenes gestaltet. Darin scheint nicht das Fremde so fremd, sondern vielmehr ist die Person mit dem Fremden des ihr Vertrauten beschäftigt.

Der Ethnologie-Begriff in der Historie

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Wurzelnd auf dem Kolonialherren-Denken wird – historisch fokussiert – Ethnologie zum Schlagwort. Es entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der inneren Befremdung durch die kulturelle Stufenentwicklung zum Händler, der beweglicher ist, weil er nicht an Traditionen gebunden zu sein scheint. Im Mittelalter seien die intellektuellen Fähigkeiten zur Völkerverständigung geschaffen worden (Todorov). Doch subjektive Aneignung ist mehr, als ein Studienaufenthalt in einem fremden Land vermitteln kann.
Im 20. Jahrhundert begünstigt der Beginn expliziter theoretischer Auseinandersetzung mit dem Fremden das Verständnis vom Grenzgänger oder Immigranten bis hin zur Destruktion „sozialer Exterritorialität“, nämlich einer „Soziologie der Vernichtungslager“ in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung

Als Formen der Verkörperung, um das Fremde als an sich kulturelles und erlerntes Konstrukt in Alltagssituationen zu überwinden, werden Elemente der „Martial Arts“ angeführt und methodologisch eine Lücke im deutschen Forschungsdiskurs zur Kulturabhängigkeit in den Grenzen der Biographieforschung aufgedeckt. Der Beitrag über die „Marokko-Reise Eugène Delacroix’“ versteht darüber hinaus künstlerisches Handeln als eine gesteigerte Form der Aneignung.

Formen der Aneignung des Fremden - Interkulturen - Anpassung - Bevölkerung - Rezensionen Glarean Magazin
„Neues Fremdsein aufgrund von Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung“

Die sozialwissenschaftliche Perspektive unterscheidet zwischen drastischer Inhumanität innerhalb der Menschheitsgeschichte und empathischer Offenheit und erwähnt die moralische Seite der Begegnung mit dem Fremden vom Einfluss frühkindlicher Fremd-Erfahrungen.
Das 21. Jahrhundert wird mittels Feldforschung exemplifiziert, einmal anhand der subkulturellen indischen HipHop-Szene. Und auch am Beispiel koreanischer Remigranten von Krankenschwestern und Bergarbeitern, die in den 60er und 70er Jahren von der BRD angeworben worden waren, wird deutlich, dass nach einer Überanpassung ein neues Fremdsein geänderter Werte zu keiner versöhnenden Verschmelzung führt.

Partielle Assimilation unabdingbar

In einer subjekttheoretischen Analyse gelangt der Autor zu der Einsicht, dass eine partielle Assimilation unabdingbar ist, um in einem fremden Milieu zu bestehen. Die Merkmale Objektivität und (zweifelhafte) Loyalität als Grenzgänger oder Immigrant, können durch Assimilation dazu führen den eigenen Status zu verlieren oder innerhalb der Ursprungsgruppen ewige Randexistenz zu bleiben.
Für die akute aktuelle gesellschaftliche Lage in der Migrations-Debatte reißen die vorliegenden internationalen Beiträge aus sozial- und erziehungswissenschaftlicher, psychologischer, linguistischer und historischer Perspektive wichtige Aspekte an. Sie verdeutlichen darüber hinaus die Komplexität, die der gesellschaftliche Aneignungsprozess erfordert. Mehr aber nicht. ♦

Boris Zizek, Hanna N. Piepenbring (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden, 180 Seiten, Universitätsverlag Winter Heidelberg, ISBN 978-3-8253-4687-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Interkulturelle Anpassung auch über Adibeli Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie zum Thema Kultur-Aneignung den Essay von Rolf Stolz: Die Kultur-Utopie Europa

Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen (Roman)

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Overkill des Widerwärtigen

von Isabelle Klein

Dass Jean-Christophe Grangé ein Meister der Extreme ist, ist nichts Neues. Mord, Perversion, das Hinabtauchen in die Welt des Bösen, Lasterhaften, der Monstrositäten – das ist sein Metier, perfektioniert über viele Jahre und Bücher hinweg.
Und doch hat er seinen Zenit längst überschritten, wie sein jüngster Roman „Die Fesseln des Bösen“ beweist. Weit entfernt von „Flug der Störche“ oder „Schwarzes Herz der Hölle“ ist der neue Grangé ein Grenzgänger, auf vielfältige Art und Weise…

Paris und der Mord an zwei Stripperinnen der Edelkaschemme „Le Squonk“ bilden das Szenario der Widerwärtigkeiten besonderen Ausmaßes. Ein Mix verschiedenster Abartigkeiten führt unseren Antihelden Stéphane Corso, selbst im Zweifel über seine Daseinsberechtigung, zu Abgründen, die sogar für den erfahrenen Pariser Ermittler zu nah am Wahnsinn verortet scheinen.
Dabei fängt alles so Grangé-typisch schauderhaft schön an. Wir müssen diesmal nicht in das finstere Herz durch verschiedene Länder reisen, sondern befinden uns mitten in Paris, dem Pfuhl der Lasterhaftigkeit. Eine junge Stripperin, brutal ermordet, der Leichnam mit der Unterwäsche gefesselt, achtlos entsorgt. Die Art der Entstellung (vom Mund bis zu den Ohren aufgeschlitzte Wangen, ein postmortales Grinsen erweckt durch einen in die Kehle gestopften Stein) lässt denken an Munchs „Der Schrei“ oder an den Noir-Roman „Die schwarze Dahlie“ von James Ellroy bzw. an dessen Verfilmung durch Brian de Palmas.

Triebtäter mit extremer SM-Gangart

Jean-Christophe Grange - Die Fesseln des Bösen - Thriller - Buch-Cover - Literatur-Rezensionen Glarean MagazinEin Triebtäter? Als eine zweite, gleichermaßen entstellte Leiche aufgefunden wird, ebenfalls eine Angestellte des „Le Squonk“, ermittelt Corso mit seinem Team aus Freaks und Genies unter Hochdruck.
Über japanische Fesselkunst – „Die Wahrheit des Blutes“ inkl. Reminiszenzen an Japan lassen grüßen – und spanische Malerei des 18. Jahrhunderts (Goyas „Pinturas rojas„) bis hin zu sexuellen Devianzen und extremen SM-Gangarten lässt Grangé diesmal nichts aus.
Warum, stellt sich die Frage? Um den Mainstream zu bedienen und den übersättigten und gelangweilten Leser mit exorbitanten Widerlichkeiten hinter dem Thriller-Einheitsbrei hervorzulocken? Mehr ist mehr? Für mein Gusto überhaupt nicht, eher verschreckt das.

Keine regelkonforme Polizeiarbeit

Es fängt düster an im ersten Teil, man ermittelt in verschiedene Richtungen. Unser Antiheld ist von der Vergangenheit zerfressen; von Dämonen heimgesucht, übertreibt er es mit der Gewalt. Regelkonforme Polizeiarbeit ist inexistent. Leider verliert Corso wie auch das ganze Geschehen bald jede Glaubwürdigkeit.
Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, im zweiten Teil entpuppt sich ein stringentes Katz- und Mausspiel, das wie überhaupt die ganze Handlung in sich logisch erscheint.

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Das große Manko liegt – neben einer gewissen Verliebtheit ins Widerliche – v.a. in der absoluten Überfrachtung, die spätestens in dritten Teil mehr als deutlich wird. Muss eine Erkenntnis und ein Turn gleich den nächsten Twist stehenden Fußes jagen? Muss man Charaktere so konzipieren, dass sie nur plakative Widerlinge und Monster sind? Kann man das Publikum nur noch durch zu viele Cliffhanger wirklich fesseln? Willkommen, Generation Netflix. Als Miniserie würde sich die durchwegs dichotome Welt des Ermittlers Corso nebst seinem Antagonisten Philippe Sobieski – dieser ist das monströs widerliche Enfant terrible des Buches, Genie und Mörder, oder vielleicht doch nicht?) – wunderbar eignen.

Charaktere ohne Graustufen

Jean-Christophe Grange - Glarean Magazin
Mit einem Hang zur exzessiven Gewalt-Darstellung: Bestseller-Lieferant Jean-Christophe Grangé („Die purpurnen Flüsse“)

Graustufen scheinen inexistent, entweder nonstop böse, verkommen, dabei aber charismatisch verführerisch, wie der eben erwähnte „Sob le Tob“, bei dessen Charakterisierung Jean-Christoph Grangé aber viel zu sehr übertreibt. Frauen und Männer um ihn herum verkommen automatisch zu willigen Triebfolgenden. Grenzfälle des Erträglichen werden uns beispielsweise durch die Therapeutin eines der Opfer als übergestülpte Moral verkauft. Soll heißen: Es gibt per se nichts Böses (wie hier Nekrophilie); erst die Moral erschafft das Böse.
Gedankengänge mit Potential, wie z.B. die genetische Vererbung des geschilderten Wahnes, werden unglaubhaft „vor den Latz geknallt“ und wirken pathetisch. Generell wird der Überspitzung Tür und Tor geöffnet. Zeit für tiefergehende Betrachtung wesentlicher Elemente bleibt nicht. Ganz in Gegenteil: Unwichtiges Beiwerk wie die Ehe und die SM-Neigungen Corsos Ex Emiliya nimmt über Gebühr Platz ein. All das gipfelt in unübersehbaren Höchstformen im dritten Teil, der durchwegs nur noch zu Kopfschütteln führt.

Spannung mittels exzessivster Gewalt

Diese Rezension verwirrt Sie, weil sie recht assoziativ und wenig greifbar ist? Genau das ist der Eindruck, den dieses – keineswegs schlechte! – Buch in mir ausgelöst hat. Weiter ins Detail zu gehen, um das Unbehagen zu verdeutlichen, würde zu viel aufdecken und des Lesers Spannung schmälern, die vom Roman immerhin recht konstant aufrecht erhalten wird.
Fazit: Die Macht des Blutes trifft auf monströse Taten, die, weit zurückliegend, geplagte Seelen von Anfang an in den Abgrund treiben. Der neue Grangé unterhält streckenweise gut und knüpft an alte Zeiten an, verliert sich aber schnell in der exzessiven Betrachtung extremster Widerlichkeiten. Nichts für schwache Nerven. ♦

Jean-Christophe Grangé: Fesseln des Bösen, Roman-Thriller, 604 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 9783431041293

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Thriller-Roman auch über Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

… sowie zum Thema Französische Krimi-Literatur über Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat

Ausschreibung Literaturpreis 2021 der Noon-Foundation

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„Aufstieg durch Bildung“

Stiftung Noon-Foundation Mannheim - Ausschreibung Literaturwettbewerb 2021 - Glarean MagazinEinen internationalen Literaturpreis zur Thematik „Aufstieg durch Bildung“ schreibt die Mannheimer Noon-Foundation für das Jahr 2021 aus. Das Thema sei „komplex und vielschichtig und jenseits geradliniger Aufsteiger-Erfolgsgeschichten“: „Erfolge wie Misserfolge, Verluste und Errungenschaften, Konflikte und Akzeptanz, Ansehen und Verachtung, Träume und Ängste, Zuversicht und Zweifel, Talent und Unvermögen, Unterstützung und Hindernisse, Zufall und Streben, Fremdheit und Vertrautheit, Revolte und Anpassung stehen oft nebeneinander.“

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Da im Freundeskreis und in der Öffentlichkeit nur selten über dieses „Aufsteiger“-Thema gesprochen werde, soll seine Behandlung nun literarisch geschehen in Form von deutschsprachigen Prosa-Texten (Erzählungen, Romane) und mit einem Preis ausgezeichnet werden, wie die Noon-Foundation betont.
Der Wettbewerb ist mit 4’000 Euro dotiert, Einsende-Schluss ist am 15. Juni 2020. Hier finden sich die weiteren Details der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die weiteren Ausschreibungen von Literaturwettbewerben

Literatur-Wettbewerb zum Thema „Dunkel“

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Gesucht: Lyrik, Geschichten, Briefe

Literatur-Wettbewerb Dunkel - Baltrum Verlag - Logo - Glarean MagazinDer deutsche Baltrum-Verlag schreibt für das Jahr 2020 einen Literatur-Wettbewerb zum Thema „Dunkel“ aus. In der geplanten Buch-Anthologie sollen Gedichte, Kurzgeschichten und Briefe mit „düsteren Gedanken“ enthalten sein: „Es gibt diese Momente im Leben, alles scheint verdammt weit weg; ob es Trauer ist, Einsamkeit, Verlustängste, die Angst in der Nacht ins Bett zu gehen und nicht mehr aufzustehen…“.

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Eingereicht werden können bis zu drei unveröffentlichte, deutschsprachige Lyrik- und/oder Kurzprosa-Texte, hinsichtlich Alter und Nationalität der Autorinnen und Autoren bestehen keine Einschränkungen.  Einsende-Schluss ist am 30. September 2020, hier finden sich die weiteren Details der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literaturausschreibungen auch über:
Internationaler Literaturwettbewerb zum Thema „Luxus“

Ausserdem im GLAREAN die Literatur-Ausschreibung des „Zugetextet“-Portals zum Thema „Klamme Kasse“

Poetry Spam – Ein Facebook-Literatur-Experiment

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Digitale Bühne für moderne Poeten

Poetry Spam - Facebook-Gruppe - Logo - Glarean MagazinPoetry Spam ist eine Facebook-Gruppe, die „modernen Poeten eine digitale Bühne“ bieten will: „Ob geschriebenes Wort oder Poetry Clip, bebilderte Poesie oder Mini-Drama; FB bietet spannende multimediale Verknüpfungen!“, schreiben die Initianten. Erklärtes Ziel ist es dabei, „digitale Formen zu suchen, um User/innen ein neues, sinnliches Erfahren von Texte zu ermöglichen“ und so eine „Poetisierung des Netzes“ zu erreichen.

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Dementsprechend lädt die Gruppe alle Autorinnen und Autoren laufend ein, ihre neuen Texte, Bilder, Videos und Links an Poetry Spam bzw. direkt als Nachricht zu senden. Dabei schliesst Poetry Spam weitergehende Publikationsmöglichkeiten dieses „einzigartigen Netz-Projektes“ nicht aus: Anthologie, Happenings oder Lesungen sind angedacht. Hier finden sich die weiteren Einzelheiten des Projektes. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Poetry-Literatur auch über
Julietta Fix: Ein Fest (Drei Gedichte)

… sowie die Ausschreibung zum Literaturwettbewerb der „Textgemeinschaft.de“ für Kurzgeschichten zum Thema „Urlaubsliebe“

Weitere interessante Beiträge zum Thema Poetry im Internet:

Claus Eurich: Radikale Liebe (Albert Schweitzer)

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Herzensbildung als Menschheitsethik

von Heiner Brückner

Der emeritierte Hochschullehrer für Kommunikationswissenschaften und Ethik Prof. Dr. Claus Eurich betätigt sich weiterhin als Kontemplationslehrer und Buchautor. Sein neuestes, ambitiöses Werk ist „Radikale Liebe – Die Lebensethik Albert Schweitzers – Hoffnung für Mensch und Erde“. Anspruch und Inhalt dieser Schweitzer-Monographie klaffen allerdings weit auseinander.

Der Verlagstext verheißt einen „leuchtenden Hoffnungsstrahl für die Zukunft der Erde“ und behauptet, dass Albert Schweitzer „alles, was er sagte, selber lebte“. Auf Einzelheiten geht die Laudatio nicht näher ein. Der Autor verspricht im zweiten Teil seines Buches die propagierte „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Gegenwart zu holen und „uns den wohl einzigen Weg der Rettung“ zu zeigen.
Um es vorweg zu nehmen: Ermahnend ist Claus Eurichs Lobpreis auf den „Urwalddoktor von Lambarene“ zweifellos, überzeugend oder ermutigend ist der wortreiche Text keineswegs und schon gar nicht optimistisch gegenwartstauglich.

Claus Eurich - Radikale Liebe - Albert Schweitzer Monographie - Cover Via Nova Verlag - Rezension Glarean MagazinEs sei fünf nach zwölf, meint Autor Eurich und sieht in seiner Neuerscheinung „Radikale Liebe“ die Lebensethik des Friedensnobelpreisträgers von 1952, Albert Schweitzer, als den Erlösungsweg. Doch Eurich entwirft ein desaströses, destruktives Zeitszenario: „Und so steuert die Titanic mit dem Namen ,Homo sapiens‘ unbeirrt auf den Eisberg zu.“ Als Rettung bietet er die Theorien Albert Schweitzers mit dem Primat des Geistigen, der nur durch „unsere Vorstellung einer universalen Ethik“ seinen Sinn erhalte. Das kommt mir vor wie eine Geister-Scheinung, die bei mir aber keine Geist-Erscheinung, sondern Widerspruch und Unmut über die Allgemeinplätze und Paraphrasen hervorruft. Denn kurz darauf zitiert der Autor: „So, im Mitfühlen mit allen Geschöpfen und der entsprechenden ethischen Tat, verdient der Mensch erst den Namen Mensch.“

Gefesselt und geblendet von der Theorie

Albert Schweitzer beim Bach-Spiel an der Orgel - Original Columbia Masterworks 1952 - Glarean Magazin
Schweitzer beim Bach-Spielen an der Orgel – (Original Columbia Masterworks 1952)

Ich bezichtige ihn nicht der Sentimentalität, er scheint vielmehr gefesselt und geblendet von der Theorie, die er verficht, und nicht mehr in der Lage nachvollziehbar zu strukturieren, sondern landet immer wieder in den kurzschlüssigen Konklusionen seines selbstverliebten immanenten Denkschemas. Aufrüttelnd oder anrührend ist sein Gesinnungs-Hilferuf schon, aber nicht innovativ. Denn wer oder was ist der Rettungsengel, die Umkehr-Rettung?
Das intensiv gelobte und gehuldigte Übergenie Albert Schweitzer, der sich in nahezu allen wichtigen Lebensbereichen als Professor generalis gerierte, nämlich Theologe und Pfarrer, Musikwissenschaftler, Bach-Biograph, Orgelexperte, Konzertorganist, Mediziner, Kämpfer gegen Atomwaffen, Friedensnobelpreisträger, Philosoph, Ethiker, Kosmopolit, „schlichter Mensch und Diener der Mitgeschöpflichkeit“, war zu Lebzeiten auch ein Meister der Selbstinszenierung, hat sein Hospital nicht modernisiert, mit der Begründung von Tierliebe unhygienische Zustände zugelassen und einen kolonialen Führungsstil gepflegt.
Aus dem Elfenbeinturm einer Zitatenmühle antiquiert-nostalgischer Alma-Mater-Mentalität doziert Eurich in schwelgerischer Vorlesungsmanier und reiht die Widersprüchlichkeiten süffisant aneinander: „Dieses Fach in der Lebensschule trägt den Namen: Bildung des Herzens.“

Konkrete Lebensanhaltungspunkte vermieden

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Mit vagen Statements wie „Die Ethik der Ehrfurcht […] mischt sich in alles ein […] , wo dies notwendig ist“ vermeidet er konkrete Lebensanhaltspunkte überwiegend. Meine Geduld weiterzulesen war spätestens hier zu Ende, doch aus „Ehrfurcht“ vor dem Autor kämpfte ich mich auch durch die zweite Hälfte, denn da sollte es pragmatischer werden. Er verspricht die propagierte „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Gegenwart zu holen und „uns den wohl einzigen Weg der Rettung“ zu zeigen. Gelegentlich hält der Autor inne, um nicht falsch verstanden zu werden: „Menschheit als Schönheit in Entwicklung“, dann sofort aber hätten „wir das Gleichgewicht des Lebens so massiv gestört“ – “ […] dass das letztendlich im Suizid enden muss“. Und die Klage über den „schändlichen Umgang mit unseren nächsten Verwandten, den Tieren“, das Versagen der alten Ethik (sprich europäischen – außer Albert Schweitzer – anthroposophischen Nische). Schweitzer stellt er als „Pate der modernen Tierschutzbewegung“ heraus.

Flugschrift für die Renaissance eines Humanisten

Claus Eurich - Glarean Magazin
Autor Claus Eurich (geb. 1950)

Die kämpferische Flugschrift für die Renaissance eines verdienten Humanisten, allerdings in einer Art und Weise, die jenseits von wissenschaftlicher Sachlichkeit liegt, liest sich wie das Skript zu einem kontemplativen Entspannungs- und Vertiefungsseminar im „Kampf“ gegen das „Desaströse“ ohne akademischen Diskurs. Bezeichnend auch die persönliche Anrede an den Leser im Stil gewisser Ratgeber-Literatur: du („Fang an, … Lebe schon jetzt deinen Traum und dein Ideal, unbeirrt, dem Leben dienend.“).
Zwar wird vorwiegend auf die Predigt von Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ Februar 1919 rekurriert und aus dessen Ethik-Philosophie zitiert, aber durch die Auswahl und die verwirrende Aneinanderreihung ergeben sich Gegensätze, Widersprüche und gehäufte Wiederholungen, die mehr über den Geschmack oder die Vorliebe des Autor aussagen, als dass sie Schweitzers Theorie schlüssig erhellen. Wenn Eurich am Schluss als Resümee an Franz von Assisi erinnert, dessen Armut Albert Schweitzer in ein „neuzeitliches Gewand“ gekleidet habe, dann erhebt er ihn zum Heiligen oder schwächt sein beabsichtigtes Hofieren des Urwalddoktors ab.
Da möchte ich ihn an sein Zitat aus der Kulturphilosophie Schweitzers verweisen: „Wahre Ethik fängt an, wo der Gebrauch der Worte aufhört“ – und dann das Buch zuklappen… ♦

Claus Eurich: Radikale Liebe – Die Lebensethik Albert Schweizers – Hoffnung für Mensch und Erde, Sachbuch, 120 Seiten, ViaNova Verlag, ISBN 978-3-866-16473-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kulturgeschichte auch über den Essay von Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

Weitere Internet-Beiträge über Albert Schweitzer

Der GLAREAN-Herausgeber bei Instragram:


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Neuer Literaturwettbewerb 2020 für Kurzgeschichten

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Kurzprosa zum Thema Urlaubsliebe

Urlaubsliebe - Ferien - Liebespaar - Sonnenuntergang - Wasser - Schiffe - Glarean MagazinEin neuer internationaler Literaturwettbewerb 2020 für Kurzgeschichten wird von der deutschen „Textgemeinschaft – Gemeinsam Texten“ ausgeschrieben. „Die „Textgemeinschaft“ versteht sich als Verlag, Herausgeber, Anleiter und Treffpunkt zum gemeinsamen Schreiben, Lesen und Gelesen-werden).

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Gesucht wird Kurzprosa für eine Buch-Anthologie zum Thema Urlaubsliebe: „Liebesgeschichten, tolle Storys über Urlaubsflirts und deren Verwicklungen, Konsequenzen oder Verwirrungen“. (Unerwünscht sind Gewaltverherrlichung, Diskriminierung und Sexismus). Die Texte dürfen in Print-Büchern bzw. E-Books bereits veröffentlicht worden sein, aber nicht im Internet.
Einsende-Schluss ist am 15. Juli 2020, hier finden sich die weiteren Einzelheiten (PDF) ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Ausschreibung zum Literatur-Wettbewerb 2020 für Geschichten: „Am Abgrund“

… sowie über den Literaturwettbewerben 2020 „Gesucht: Geschichten über Frauen um die 50″

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Peter Biro: Raus aus der Klimafalle! (Satire)

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Raus aus der Klimafalle!

Peter Biro

Die täglich eintreffende Nachrichtenflut über die sich anbahnende Klimakatastrophe ist selbst für habituelle Warmduscher wie mich beunruhigend. Natürlich freue ich mich über die Erwärmung der Meere und das Abschmelzen der Polkappen, denn dann werden die vorher vereisten Landstriche auch für die Liebhaber der tropischen Breitengarde verfügbar. Das erschliesst einem neue Orte für sonnenverwöhntes Strandleben und anverwandte Freizeitaktivitäten.
Aber so einfach ist die Sache auch wieder nicht. Einerseits könnten bereits jetzt heisse Gegenden völlig unbewohnbar werden. Was aber andererseits noch viel schlimmer wäre, ist dass durch das Ansteigen des Meeresspiegels selbst in Bergdörfern die Keller überflutet würden, und die dort gelagerten Kartoffeln entweder vollends verderben oder zumindest zu ungeniessbaren Salzkartoffeln aufweichen. Das wiederum ist gastronomisch betrachtet absolut untragbar.

Erderwärmung - Klimakatastrophe - Polabschmelzung - Eisbär - Eisschmelze - Glarean Magazin
„Grillwettbewerb kosmischen Ausmasses“

Doch wie alle globalen Entwicklungen sind auch die Klimaveränderungen von unzähligen Co-Faktoren beeinflusst, die nur schwer quantifizierbar sind und sich gegenseitig verstärken oder aufheben – je nach vorherrschender Glaubensrichtung. Die einen glauben, dass die Klimaerwärmung menschenverursacht ist, die anderen vertreten die Ansicht, dass das an Aliens liegt, die an einem Grillwettbewerb kosmischen Ausmasses teilnehmen, und uns arme Würstchen sachte durchzubraten versuchen.
Die Sachlage ist in Wahrheit allerdings weit komplizierter. So wurde einstmals berichtet, dass selbst der leichte Flügelschlag eines Schmetterlings im fernen Amazonien über eine komplexe Kette von Zwischenschritten zu einer vielzitierten Veröffentlichung in angesehenen Fachzeitschriften führen kann. Das ist besonders bemerkenswert, wenn wir bedenken, dass sogar aufsehenerregendere Phänomene es nicht schaffen, in die Spalten der Fachzeitschriften zu gelangen – es sei denn, der Autor ist mit dem Herausgeber verwandt oder verschwägert. Ebenso ist in diesem Zusammenhang der jüngst bekanntgewordene Umstand in Betracht zu ziehen, dass der enorme Fleischverbrauch der wachsenden Weltbevölkerung eine intensive Massentierhaltung erfordert, die ihrerseits zu einer gewaltigen Freisetzung von klimaschädlichen Darmgasen führt. Nebst der unangenehmen Geräuschentwicklung, welche zwischen den Bergweiden der Alpentäler erschallt, verstärkt dies vor allem den Treibhauseffekt in der Atmosphäre. Damit konkurrenziert das die Auswirkung von Haar- und Deo-Sprays, deren Gebrauch stark eingeschränkt werden musste, um die gestiegenen tierischen Ausdünstungen auszugleichen. Dieser Umstand hat hinwiederum zu drastischen Kürzungen in der Friseurbranche und im Kosmetiksektor geführt. „So kann es jedenfalls nicht weitergehen“, sagte jüngst sehr zutreffend Herr Waldemar Obersteubl, der Vizepräsident der „Westfälischen Interessensgemeinschaft der Coiffeure und Lizenzierten Schamhaarzupfer“, in einem dramatischen Appell vor den Kameras des WDR.

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Die von austro-kanadischen Agrarflautologen vorgeschlagene Lösung des Darmgasproblems bei Kühen (und nebenbei bei übergewichtigen Sopranistinnen ebenso) könnte in der Verfütterung von grossen Mengen Knoblauch und Meerrettich liegen. Bei Meerrettich sind die Grenzen der Anbaumöglichkeiten leider bereits erreicht, und noch mehr Rettich kann nur noch aus dem Meer beschafft werden. Der benötigte massive Ausbau der Knoblauchproduktion hinwiederum erfordert enorm viel tierischen Dung, was bei den Primärerzeugern derselben mit noch mehr Gasausstoss einhergehen würde. Das ist ein klassisches circulus vitiosus, wie wir, die wenigen wirklich humanistisch gebildeten Klimaschützer, das untereinander zu sagen pflegen. Dies wird einem dann vor allem klar vor Augen geführt, wenn wir zusehen, wie eine uns persönlich bekannte Hauskatze damit beginnt, in ihren eigenen Schwanz zu beissen.
Ich hoffe, Sie konnten bis hierher meinen Ausführungen noch folgen, denn ab hier wird’s komplizierter. Wenn nicht, widmen Sie sich besser weniger anspruchsvollem Lesestoff.

Tiere im Regenwald - Abholzung - Brandrodung - Glarean Magazin
„Holz-Brandrodung für die vitale Billardtisch-Herstellung“

Die drohende globale Klimakatastrophe veranlasst viele Regierungen teils zu unüberlegten und übereilten Massnahmen. Dem sich abzeichnenden Landverlust durch den erwarteten Anstieg des Meeresspiegels versuchen beispielsweise die brasilianischen Behörden durch verstärkte Rodung und Abholzung des Regenwaldes entgegenzuwirken. Damit soll erreicht werden, dass ein Teil der landlos gewordenen Bevölkerung aus den überfluteten Randgebieten weiter ins Inland umgesiedelt werden kann. Die Frage allerdings bleibt offen, ob die Landgewinnung im Landesinnern durch Abholzung mit dem Landverlust durch den Anstieg des Meeresspiegels Schritt halten kann. Die internationalen Holzverarbeitungskonzerne, die dankenswerterweise den Auftrag zur Baulandgewinnung angenommen haben, arbeiten bereits an der Obergrenze ihrer Kapazität und roden was die Kettensägen hergeben. Aber mehr und schneller geht es kaum, und das obwohl diese Konzerne aus der Vermarktung des geschlagenen Holzes auch noch Profit schlagen. Ein nicht unerheblicher Teil des geschlagenen Holzes wird dabei aus der vitalen Billardtisch-Herstellung für monegassische Rennfahrer abgezweigt, um für den Bau der Flösse verwendet zu werden, die für den Transport der ins Inland strömenden Neusiedler nötig sind.
Selbstverständlich wehren sich die Ureinwohner des Amazonasurwalds gegen die fortschreitende Abholzung, und es soll mehr als einmal beobachtet worden sein, dass Indios die riesigen Bagger und Planierraupen mit Holzspeeren und vor allem mit buntem Federschmuck aufzuhalten versuchten. Davon unabhängig bemüht sich die am Rand der Rodungsflächen verbliebene, tropische Vegetation, verlorenes Terrain zurückzugewinnen, indem sie kurzfristig unbewachtes, kahles Gelände sofort mit schnellwachsenden Ranken überzieht. Daraufhin erobern Kakao- und Nescafé-Bäume die zurückgewonnenen Flächen als Kulturfolger. Als nächstes lassen sich bunte Aras auf deren Ästen nieder, sehr zur Freude von ratlosen Kreuzworträtsel-Lösern, die dringend den Namen eines bunten Papageienvogels für „Senkrecht mit drei Buchstaben, beginnend und endend mit A“ suchen.
Um diesem schleichenden Landraub entgegenzusteuern, bemüht sich die einschlägige Industrie, den frisch gerodeten Waldboden mit Mikroplastik anzureichern, was der Unkrautwucherung wenigstens für eine begrenzte Zeit entgegenwirkt. Versäumt man es allerdings, nach dem Fällen der Bäume und der Entfernung des Mutterbodens rechtzeitig einige massiv energieverbrauchende Industrieanlagen hinzustellen – oder wenn’s nicht anders geht, zumindest genügend Sondermüll weitläufig zu verstreuen – dann entsteht dort ruck-zuck neuer Urwald, in welchem kurze Zeit später sich jede Menge giftiges Ungeziefer breitmacht und menschliche Neuansiedlung buchstäblich verunmöglicht.

Plastikmüll - Meer - Ozeane - Umweltkatastrophen - Glarean Magazin
„Plastikmüll auch auf der maritimen Seite vorantreiben“

Die landbasierte Ausbringung von Mikroplastik muss selbstverständlich auch auf der maritimen Seite ebenfalls vorangetrieben werden. Das ungehemmte Algenwachstum in den Ozeanen führt zur unkontrollierten Vermehrung von Plankton, und das wiederum zum Überhandnehmen der Wale, die mit ihren gewaltigen, tranigen Leibern den Schiffsverkehr behindern. So manches Containerschiff, welches lebenswichtigen Giftmüll transportierte, musste sinnlos herumalbernden Meeressäugern ausweichen und deshalb kostspielige Routenänderungen vornehmen. Mit Sorge müssen wir ausserdem feststellen, dass – trotz intensivierter Hochseefischerei mit langen Schleppnetzen – die Verminderung des ozeanischen Gewusels und Gekrabbels durch allerlei nutzlose Kreaturen noch sehr zu wünschen übriglässt.
Gerade aus dieser Sorge heraus haben einige internationale Grosskonzerne, die sich der Erhaltung unseres Planeten widmen, eine raffinierte Kampagne gestartet und schicken die „kleine, pausbäckige Berta“ mit einem ganzen Tross von Betreuern, Kleinkinderzieherinnen und Cateringangestellten um die Welt, um den gedankenlosen Konsumfeinden und Fleischverschmähern die Leviten zu lesen.
Besagte kleine, pausbäckige Berta ist ein herziges Kleinkind von bereits über 5 Jahren, das sehr reif für sein Alter und bestens vertraut ist mit dem Vokabular der Klimabewegung. In mehrwöchigen Leistungskursen wurden ihr die wichtigsten Axiome und Argumente der globalen Klimaverbesserung eingetrichtert. Sie kann nun wie auf Knopfdruck bis zu vier Litaneien nacheinander abspulen und damit die Zuhörerschaft in den Bann schlagen. Ihr eindringlich genuschelter Vortrag in einer international verständlichen Babysprache lässt keinen Zuhörer unbeeindruckt, und ganze Veganer-Vereinigungen sind zu überzeugten Fleischkonsumenten geworden, noch bevor sie ihre Ansprache beendet hatte.

Greta Thunberg - Glarean Magazin
„Kleine, pausbäckige Berta“

Ein solcher Auftritt vor tausenden Umweltschützern läuft meist so ab, dass die kleine, pausbäckige Berta, hübsch angezogen und frisch gekämmt, an das Rednerpult gestellt wird, dann wartet man bis alle Film- und Fernsehkameras auf sie ausgerichtet sind und zu surren und blinken beginnen. Wenn daraufhin das Blitzlichtgewitter verebbt und endlich ergriffene Stille im Stadion herrscht, gibt die stets nah bei ihr stehende Dompteurin und oberste Ideologiechefin ein vorher vereinbartes Zeichen, und die kleine, pausbäckige Berta reisst sich entschlossen den Schnuller aus dem Mund und fängt an ins bereitstehende Mikrophon zu sprechen. Sie beginnt stets mit derjenigen ihrer 16 vorgefertigten Heilsbotschaften, die ihre plötzliche Bekehrung von der frühkindlichen veganen Lebensweise zur besorgten Steakliebhaberin zum Inhalt hat. Sie erklärt, wie sie sich plötzlich, von einem Tag auf den anderen geweigert hatte, die milchige Griespampe zu essen und stattdessen von ihren verblüfften Eltern ein T-Bone-Steak medium rare verlangte. Daraufhin erkannten ihre Eltern, dass die kleine, pausbäckige Berta zu Höherem berufen ist, als nur ihre Windeln vollzumachen. Mit ihren beeindruckenden Monologen bekommt die kleine, pausbäckige Berta die Aufmerksamkeit nicht nur der ganzen Welt, sondern auch spezieller Personal-Trainer, die sofort einspringen, wenn sie mit ihrem Redefluss ins Stocken gerät. Dann wedeln sie vor ihren Augen mit einem an einem Faden aufgehängten Gummibärchen, was ihr meist sehr gut über inhaltlich schwierigere Passagen hinweghilft, oder über solche, die eine deutliche Artikulation benötigen.

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Die kleine, pausbäckige Berta hat seit den Anfangserfolgen ihrer Auftritte – ohne ihre Eltern vorher zu konsultieren – den Besuch der Kinderkrippe abgebrochen. Dabei kündigte sie einen unbefristeten Krippenstreik ihrer solidarischen Altersgenossen für alle Werktage von Montag bis Freitag an, was sie demnächst auch im Parlament politisch durchsetzen möchte. Aufgrund der Bewegungsfreiheit, die sie sich durch die Abwesenheit von ihrer Kinderkrippe erkämpft hat, stattet sie zwischen ihren stadionfüllenden Ansprachen den wichtigsten Staatsoberhäuptern ihre Besuche ab und klärt sie über die desolate Lage des Weltklimas auf. Bei diesen hochkarätigen Begegnungen schreibt sie ihren andächtig lauschenden und unterwürfigen Gesprächspartnern gerne vor, was man dagegen machen soll. Denn die kleine, pausbäckige Berta drückt sich da ganz klar aus: Es geht um die junge Generation, und diese möchte noch zu Lebzeiten alle Fleischsorten und -sossen ausprobieren können. Es geht sogar die Kunde, dass die kleine, pausbäckige Berta demnächst auch dem Heiligen Vater eine Audienz gewähren wird, vorausgesetzt, dass dieser seine Enzyklika den Forderungen der Krippenverweigerer-Bewegung anpasst. Derweil hat ihre jüngere, dreijährige und noch pausbäckigere Schwester Myrta bereits mit dem Training angefangen und soll nach dem Plan ihrer Betreuer in die Fusstapfen ihrer grossen Schwester treten, sobald diese mit 10 Jahren viel zu alt für wirkungsvolle Auftritte in der Öffentlichkeit sein wird. ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH


Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Medizin-Satire von Peter Biro:
Die Liebe zu den drei Organen – oder Wie es Herz-Terz, Leber-Kleber und Milz-Pilz im Spital erging

… sowie die Satire von Rainer Wedler: Ein Mann muss einen Bart haben

SAID: Magdalena und ihre Frage (Erzählung)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 7 Minuten

magdalena und ihre frage

SAID

niemand wußte, wovon der kerl lebte. er hatte eine vergangenheit, aber niemand erzählte davon. als hätten alle angst, er schlüge dann noch einmal zu.
er trug zu jeder jahreszeit einen mantel, schmutziggelb. wer weiß, was er darunter verbarg. immer eine schwarze wollmütze. stets die hände in den taschen, er grüßte niemanden, beantwortete keinen gruß und streifte herum. er wußte, was er suchte –  mich.
ich durfte sogar erfahren, daß er mich beschützt; als hätte er mich längst für sich reserviert.
man tuschelte bereits von uns, bis ich das nicht mehr aushielt. ich ließ ihn wissen, daß ich zu einem gespräch bereit sei. dabei hat er mich nie darum gebeten.
ich richtete mich für das treffen her. ein kleid mit schmalen trägern, rückenfrei und kurz, ohne bh. meine brüste sollten ihre freiheit genießen.
ich saß da, die beine übereinandergeschlagen, trank meinen campari und berührte immer wieder meine lippen.
natürlich ließ er mich warten. als wüßte er, daß ich nicht ungern zapple.
ein hallo, und er saß mir gegenüber, ich versuchte die füße still zu halten. der kerl schwieg, bis ich unruhig wurde. ich setzte mich um, schlug die beine erneut übereinander, wippte mit einem fuß und schaute ihm in die augen. kann meine haut die wut aufnehmen, die diesen kerl bedrängt? vor der antwort grauste es mir.
endlich machte er den mund auf.
– vor deiner tür heulen wohl nachts wölfe.
– aber echte wölfe haben mehr anstand.
er grinste und zeigte die gelben zähne.
dann wurde er deutlich.
– ich will dich, finde dich damit ab.
ich wippte wieder mit dem fuß und fuhr mit der zunge über die lippen. soll ich mich je seinem mund überlassen und diesen zähnen? ich wußte bereits eine lösung für mich.
erst will ich ein paar küsse. dann entscheide ich, ob der kerl häßlich ist.
er bestellte noch einen campari für mich und starrte mich an.
– was haben sie für ein gesicht, voller furchen.
– dir gefällt wohl meine visage nicht.
– das ist ansichtssache.
und schon versuchte ich, alles wieder gutzumachen.
– ich meine, man kann in diesem gesicht viel entdecken.
er beugte sich vor.
– und was entdeckst du darin?
ich öffnete leicht die beine unter dem tisch.
– ich versuche, sie und die welt zu verstehen.
er griff in meine beine.
– ich auch.
da wußte ich, daß ich besiegt bin. erleichterung ging durch meinen körper.
die frage, die mir herausrutschte, war eher rhetorischer natur.
– habe ich eine wahl?
er schüttelte den kopf.
meine haut wollte sofort ja sagen, aber ich machte wieder den mund auf.
– aber vielleicht eine frist?
– geh zu dem gefesselten christus.
– und dann?
– frage ihn nach seinem rat.
er stand auf, stupste auf meine nase und ging.

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ich schaute ihm nach, er bewegte sich wie ein tier. er hatte etwas von der jungenhaften rauheit, die mich an männern reizt.
ich steckte zwei finger in den mund und beruhigte meine zunge.
– jetzt muß ich auch seine beziehung zum christus begreifen.
ich trank noch einen schluck und versuchte mir vorzustellen, wie der kerl mich anfaßt.
widersprechende gefühle bestürmten mich. ich vertrieb sie und beschloß, morgen zu seinem christus zu pilgern.
mit meinem christus spreche ich oft. er braucht auch nicht zu antworten. es genügt, wenn er zuhört. aber warum ist sein christus gefesselt? hat dieser kerl vielleicht einen anderen gott?
am tag darauf zog ich mich sorgfältig an, züchtig wie mein geschmack es zuließ.
meinen mund aber habe ich geschminkt.
ich blieb vor diesem christus stehen und trug mein anliegen vor –
er schwieg.
wie ich da stand und wartete wie eine bettlerin, fiel mir augustinus ein. eigentlich habe ich sympathien für ihn, er war nie bieder. einmal beendete er seine predigt mit dem satz:
„am ende wird es nur noch christus geben, der sich selbst liebt!“
so viel eitelkeit für einen, der sich gott nennt?
heutzutage ist alles möglich. die welt steht kopf und produziert angst. die angst wird alle zähmen, selbst die ratten. auch die, die noch nicht zu ratten mutiert sind.
sein christus schwieg weiter. er hat mir nicht einmal etwas verboten. ist ihm gleichgültig, was der mann mit mir macht?
ich ging einen schritt näher und fragte, ob das begehren eine sünde ist?
auch da schwieg er.
doch dieses schweigen kannte ich nicht. hat der christus vielleicht zwei arten des schweigens? eine für mich und eine für meinen galan?
ich verließ die kirche, vernahm den widerhall meiner stöckelschuhe im raum und den gedanken, der mich bedrängte. sollte ich vielleicht einen anderen gott suchen, wenn dieser nicht antwortet?
draußen blieb ich stehen und stellte mir vor, wie ich mich ausnehme neben diesem kerl. ein plaid um die schulter, er lehnt sich seitlich an mich, die hände in den taschen und schaut in die stadt – als wolle er seinen neuen besitz vorführen.
jetzt fiel mir ein, ich kannte nicht einmal seinen klarnamen. wer kennt ihn schon? alle nannten ihn mit dem aliasnamen. er verlangte respekt ab, aber mir gefiel er nicht. möge mir sein christus tausend zungen schenken, auf daß ich dem kerl einen gebührenden namen verpasse.
ob ich bereits gefühle für ihn hatte?
ach, wo! aber er macht mir angst. die patrouillen am rande meines herzens wackelten schon.
dann mußte ich an seine augen denken. ich werde wohl willfährig unter diesem blick. er wird sicher versuchen, mich abhängig zu machen – auf seine weise. und eben vor der art fürchtete ich mich.
seine fingernägel, so dreckig. ob er mit diesen fingern in meinen mund greift? aber man kann diese maniküren, darauf verstehe ich mich.
ich werde morgen noch einmal den gefesselten fragen, vielleicht antwortet er dann. auch ein gott hat seine launen, man muß ihm zeit lassen. froh über meine weisheit, stöckelte ich nach hause. vor meiner tür kam mir noch eine weisheit.
– ich werde auch meinen christus fragen, er kennt mich besser.
irgendwann wirft mich dieser ganove wie ein schlachtvieh hin und bedient sich.
und, wenn ich ihn das erste mal besuche, was mache ich, wenn eine andere frau da ist, nackt und erregt? renne ich hinaus, suche trost bei einer mauer, lege den kopf darauf und schluchze wie eine heulsuse, ich?
was, wenn er unerwartet von hinten heranpirscht und die pranke auf meine nackte schulter legt? er weiß ja, wie gerne ich schulterfrei herumstolziere. dann wäre ich ja ganz geliefert.
nein. die initiative für die erste berührung muß von mir ausgehen. ob der christus etwas dagegen hat? meiner bestimmt nicht.
wenn ich am ersten tag zu ihm gehe, nehme ich blumen mit?
rosen langweilen ihn sicher – ich gehe brennesseln pflücken für den herrn.

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in der nacht dachte ich an wachteln. sie lassen eindringlinge sehr nahe an sich herankommen, fliegen dann plötzlich auf und lassen sich schnell wieder in eine deckung fallen. oh ja, dieser herr muß eine weile zappeln, bis ich mich fallen lasse. er kennt nicht alle meine waffen.
jedenfalls will ich nicht eine der damen sein, die sich mit einem hundeblick ergeben.
was er über mich denkt, kann ich mir vorstellen.
magdalena wartet schon länger. sie braucht einen mann, der sie richtig anfaßt.
wehe ihm, wenn er mich magda nennt.
der kerl kommt auf mich zu wie ein nahendes gewitter. ich sage nein, bestimmt. selbst, wenn berittene polizisten mich am strick abführen würden. als hätte ich je angst vor männern. ihr zorn amüsiert mich nur.
der mann versucht nicht einmal geschickt zu sein, und mir gefällt das gerade. und dann dieser blick, der mich immer weiter und weiter raten läßt, bis ich alles von mir erzähle.
kümmert er sich auch um meinen blick, wenn ich verlegen bin und nicht weiß, wohin damit?
ich werde den kerl schon zähmen mit meinem fleisch und seinem salz.
wir werden einander anblicken, ohne zu verraten, was jeder für sich bewacht. er seine gefährlichkeit ohne gesinnung. und ich? bewache ich da noch meine begierde, die mich triefend heimsucht bei seinem anblick?
für das erste treffen habe ich bereits ein szenario im kopf. ein kleid, ganz züchtig, schwarz. stöckelschuhe in rot als kontrast. und dazu ein kopftuch. er soll etwas zum enthüllen haben.
meine handtasche hänge ich über die türklinke. ich setze mich auf die couch – hoffentlich besitzt dieser barfüßige eine. ich schlage die beine übereinander, meine kräftigen schenkel für seine augen. und ich verdecke das gesicht mit beiden händen. ganz die unschuld vom lande. diese hände muß er schon mit nachdruck zurückdrängen. so einen griff beherrscht er gewiß. dann schaue ich ihm direkt in die augen. reagiert er immer noch nicht, öffne ich den mund. sagen muß ich ja nichts. der mund verrät alles, wenn ich erregt bin. wenn er dann nicht reagiert, dann hat er mich nicht verdient – aber er wird schon angreifen.
versteht er etwas von komplimenten? begreift er, daß ich komplimente nur dann ertrage, wenn sie frivol sind oder zumindest fragwürdig? soll ich ihm das verraten, damit er nicht daneben greift? ach was. er soll sein, wie er ist. einen schoßhund kann ich nicht gebrauchen.
was auch kommt, ich halte fest an meinem christus und erzähle ihm alles.
er kennt mich ja so lange und auch meine begierde. er wird auf meiner seite bleiben.
zu beschützen braucht er mich nicht, das ist das vorrecht meines liebhabers.
mein christus wartet im hintergrund und gibt mir das gefühl der geborgenheit –
wie er es oft getan hat.
dann kehrt die heitere ruhe wieder in meinen körper ein. ♦


S A I D (Pseudonym)

SAID - Exil-Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1947 in Teheran geboren, 1965 Übersiedlung als Student in die BRD, 1979 Rückkehr in den Iran, jedoch bald darauf und seither aus politischen Gründen wieder im deutschen Exil lebend; zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Träger verschiedener internationaler Literatur- und Kultur-Preise; 2000 bis 2002 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland; lebt in München

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch Kurzprosa von
Michaela Seul: Eine Liebe im Herbst

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Simone Frieling: Peter Handke (Scherenschnitt)

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Literatur-Nobelpreis 2019 an
Peter Handke

von Simone Frieling

Peter Handke

Dichter der Nähe,
der einen Stein aufhebt und ihn wie ein Kind
an sein Ohr hält, um der Stille zu lauschen,
der seinen Weg mit Muscheln säumt,
der einen Fuß vor den anderen setzt,
um die Welt zu erkunden und sich dabei
manchmal verirrt.

Simone Frieling - Peter Handke - Scherenschnitt - Karikaturen - Glarean Magazin
„Literatur ist nichts Künstliches, sie ist die Mitte der Welt.“ (Peter Handke)

Finden Sie im GLAREAN MAGAZIN weitere Scherenschnitte von
Simone Frieling: Der Kopf des Monats

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… und sehen Sie zum Thema Karikaturen von
Christian Born: Mensch und Computer (Cartoons)

Viola Sanden: Playground Chess (Schach-Roman)

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Schach auf amourösen Pfaden

von Ralf Binnewirtz

Der Debütroman der Wuppertaler Autorin Viola Sanden (alias Manuela Sanne) „Playground Chess“ ist dem noch jungen New Adult-Genre zuzurechnen: In diesem Fall ein Liebesroman, der die Altersgruppe der etwa 18- bis 30-Jährigen im Visier hat. Das Ungewöhnliche an dieser Lovestory ist zweifellos deren allmähliche virtuelle Anbahnung auf einem Schachserver, wo schnelle Partien zwischen gemeinhin anonymen Kontrahenten ausgetragen werden.
Das in zarter Rosatönung gehaltene Buchcover ist durch ein attraktives Design marketingwirksam gestaltet und legt dem Betrachter nahe, dass eine vornehmlich weibliche Leserschaft angesprochen werden soll. Werfen wir einen kurzen Blick auf den Verlauf seiner Story.

Online Chess mit Nickname Caissa

Playground Chess - Berührt Geführt - Liebesroman Viola Sanden - Piper Verlag - Glarean MagazinCatrin (Cati), 28, studierte Ökotrophologin (also Ernährungswissenschaftlerin) aus Düsseldorf, ist seit einiger Zeit solo, nachdem sie sich von Daniel getrennt hat – der ihr nichtsdestotrotz ein Freund und Helfer in allen Lebenslagen geblieben ist und im Buch eine substanzielle Nebenrolle spielt. Letzteres gilt auch für Catrins beste Freundin Anett, die ihr Privatleben – weniger zurückhaltend und besonnen als Cati – mit häufigen kurzlebigen Affären anreichert.
Catrin spielt in ihrer Freizeit vorzugsweise Schach auf der Onlineplattform „Playground Chess“ (unter ihrem Nickname „Caissa“ – die Nymphe/Göttin des Schachs) und trifft dort auf den ihr schachlich weit überlegenen „Magnus“ (wem kommt da nicht sofort der amtierende norwegische Schachweltmeister in den Sinn?), der mit bürgerlichem Namen Jon heißt und als Lehrer für Englisch und Mathematik in Bonn lebt. Beide sind offenbar direkt voneinander angetan, Neugier und Faszination wachsen sukzessive im Verlauf einiger Wochen, katalysiert durch einen zunehmenden E-Mail-Austausch und durch begleitende Online-Chats. Aber die derart voneinander erlangten Eindrücke und Kenntnisse bleiben naturgemäß unvollständig oder unsicher, woran auch ein von Jon initiiertes „Game“, ein auf Ehrlichkeit beruhendes Frage-und-Antwort-Spiel zwecks gegenseitigen besseren Kennenlernens, nichts grundlegend ändert.

Virtuality vs Reality

Schach Liebe Sex - Chess Love - Glarean Magazin
Liebesnacht via Online-Schach: Virtuality oder Reality?

In diesem ersten Teil des Buchs, überschrieben mit Virtuality, wird somit ein merklicher Spannungsbogen erzeugt: Die Frage und die sich steigernde Erwartung, ob, wann, wo und wie den Wort-Spielereien im ausschließlich virtuellen Raum letztlich ein Nachspiel in der realen Welt folgt, harrt der Auflösung. Diese wird in Teil 2 des Romans – Reality – gegeben. Anhänger des Problemschachs mögen in diesem Kontext eine Schachkomposition assoziieren, bei der das virtuelle Spiel (Verführungen, Probespiele) zum reellen Spiel (eigentliche Lösung) hinführt, aber diese formale Analogie soll hier nicht überstrapaziert werden. Im Buch verabreden sich Catrin und Jon zu einem unverbindlichen Date in einem Kölner Hotel, und es kommt, wie es kommen muss: Das Treffen kulminiert in einer leidenschaftlichen Liebesnacht.

Viola Sanden - Manuela Sanne - Schriftstellerin - Playground Chess - Glarean Magazin
Unterhaltsam schreibend und intelligent konzipierend: Debüt-Romancière Viola Sanden (©Wynn Photodesign)

Aber alsbald ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, Jon versetzt Catrin bei einem anschließenden Date, und (mehr soll hier nicht verraten werden) letztlich bleibt es offen, ob die Beziehung langfristig Bestand haben kann. Wer ein Happy End à la Rosamunde Pilcher erwartet haben sollte, wird daher mehr oder weniger enttäuscht sein. Indes ist es aus Sicht des Rezensenten positiv zu werten, dass die Autorin keinen solch trivialen Schlusspunkt gesetzt hat. Zudem erhält sie sich die Option, in einem Folgeband die Geschichte von Catrin und Jon weiterzuspinnen, was sich natürlich anbietet, sofern sich dieser erste Band auch als kommerzieller Erfolg erweisen sollte.

Romanhandlung ohne Konflikte

FAZIT: „Playground Chess“ ist ein ungewöhnlicher Liebesroman, in dem sich das Online-Schach als Vehikel für eine Liebesaffäre entpuppt. Für die anfangs erwähnte Zielgruppe und diejenigen, die diese Art von Literatur mögen, verdient der unterhaltsame, gut geschriebene und intelligent konzipierte Roman sicherlich eine nachdrückliche Empfehlung. Und wer weiß, vielleicht wird die eine oder der andere durch die Lektüre angeregt, sich etwas näher mit dem königlichen Spiel zu befassen?

Die wesentlichen Figuren des Romans sind generell positiv gezeichnet und können als Sympathieträger gelten. Keinen Platz gibt es für den klassischen Bösewicht, der als Gegenspieler bedrohlich dazwischenfunkt und Unheil anrichten will. Ernste Konflikte sind in der Romanhandlung nicht vorgesehen. Die im Buch aufgebaute Spannung hält sich damit in gewissen Grenzen, wer atemberaubenden Thrill sucht, sollte zu anderen Büchern greifen.
Der Schreibstil der Autorin ist durchweg flüssig und leicht verständlich, der Satzbau übersichtlich, so dass das Lesepublikum ihren Gedankengängen mühelos folgen kann. Bei diversen Kapiteln wechselt die Erzählperspektive von der Ich-Erzählerin Catrin auf andere Protagonisten (Jon, Anett, Daniel), ein dramaturgisch geschickt eingesetztes Mittel, das uns die Sichtweise der anderen beteiligten Personen auf das Geschehen nahebringt. Da diese Kapitel jeweils durch den Namen des Erzählers in der Überschrift kenntlich gemacht sind, sollte dies keine Irritationen bei der Lektüre auslösen.

Schachwissen unnötig

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Ausgesprochen gefallen hat mir, dass die Autorin sämtlichen Kapiteln ein beziehungsreiches Zitat bzw. eine Weisheit von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vorangestellt hat, wofür sie offenbar nicht nur die Schachliteratur durchforsten musste. Als Auftakt zu ihrem Werk hat sie zudem ein Schachsonett von Christian Morgenstern reproduziert. Der insgesamt positive Eindruck wird noch durch den Befund gestützt, dass im Text bemerkenswert wenige Tippfehler verblieben sind. Erwähnt sei lediglich, dass der niederländische Schach-GM J. van der Wiel durch einen Buchstabendreher etwas unglücklich zu „van der Weil“ mutiert ist (S. 120 oben) – vielleicht eine Auswirkung der unseligen automatischen Rechtschreibkorrektur….

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Was die schachlichen Inhalte des Romans betrifft, so dürfen Schachfreunde nicht allzu viel Tiefgang erwarten. Dies ist offenbar der unausgesprochenen Forderung geschuldet, die Mehrheit einer schachunkundigen Leserschaft nicht durch übermäßiges Expertenwissen zu vergraulen. Playground Chess ist daher auch ohne spezifische Schachkenntnisse gut lesbar. Ansonsten scheint die Autorin in ihrem Schachwissen gefestigt, im Text sind ihr keine fundamentalen s(ch)achlichen Fehler unterlaufen. Dies ist erfreulich angesichts der bereits bestehenden schachbelletristischen Literatur, in der sich teils eklatante Fehler versammelt haben. ♦

Viola Sanden: Playground Chess – Berührt. Geführt, Roman, 212 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50264-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literatur und Schach auch über Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires (Schachroman)

… sowie zum Thema Online-Dating in der Romanliteratur über Anke Behrend: Fake Off!

Gedicht des Tages von Georg Trakl: Im Winter

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Schilfrohr im Winteracker - Georg Trakl - Lyrik - Glarean Magazin

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.


Georg Trakl - Glarean MagazinGeorg Trakl

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch das Gedicht des Tages von Wolfgang Reus: Liebesgedicht

… sowie das Gedicht des Tages von Walter Gross: Dezembermorgen

 

Mathias Ninck: Mordslügen (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Gutes Handwerk – mit Luft nach oben

von Bernd Giehl

„Medien“ können heutzutage fast alles. Sie können eine 16-jährige Schülerin, die freitags vor ihrer Schule saß und für das Klima „streikte“, zu einem Star machen, den jeder in Europa kennt, und deren Nachnamen nicht einmal genannt werden muss („Greta“). Und umgekehrt können sie mächtige Männer wie den Filmproduzenten Harvey Weinstein oder Regisseure wie Woody Allen ins Nichts oder gar ins Gefängnis schicken (#MeToo).

Mathias Ninck - Mordslügen - Roman-Krimi-Literatur - Cover - Glarean MagazinAber natürlich sind das nicht mehr dieselben Medien, die wir Älteren noch aus unseren frühen Zeiten kennen, also Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen; das Internet ist hinzugekommen – und mit ihm das, was wir heute „soziale Medien“ nennen. Alles ist mittlerweile miteinander „vernetzt“. Grenzen, die es früher einmal gab, existieren nicht mehr. Auch jene Menschen, die früher keinen Einfluss hatten, sondern sich allenfalls per Leserbrief äußern konnten, vermögen heutzutage eine Lawine loszutreten, können sich Gehör verschaffen und notfalls sogar eine Kanzlerin stürzen. Sie müssen nur laut genug brüllen und genug andere finden, die mitbrüllen.

„Das wahre Leben“

Man kann das gut finden. Man kann sagen, endlich kämen auch jene zu Wort, die früher nur ohnmächtig die Faust in der Tasche ballen konnten. Man kann aber auch argumentieren, die Medien, die eigentlich nur den Auftrag hatten, über das zu berichten, was gerade passiert, würden nun selbst aktiv eingreifen und das Geschehen mit beeinflussen. Was stimmt? Vermutlich beides.

Mathias Ninck - Schriftsteller - Glarean Magazin
Debüt-Romanautor Mathias Ninck

Der Roman-Krimi „Mordslügen“ von Mathias Ninck beschäftigt sich mit dieser Welt. Seine Hauptfigur Simon Busche steckt da mitten drin. Busche ist ein sympathischer Mensch, Reporter bei einem halbseidenen Internet-Magazin mit dem Titel „Das wahre Leben“, zuständig für die „weichen Themen“ – was bedeutet, über weltbewegende Geschichten zu schreiben wie z.B. über einen Lehrling, der beim Pinkeln aus dem Bus fällt. Hauptsache, die Story generiert Klicks.
Busche könnte sich ein anderes Leben vorstellen, aber er ist mittlerweile 42, davon 17 Jahre beim „Wahren Leben“. In einem Facebook-Eintrag eines pensionierten Kollegen hat er den Satz gelesen, ein Journalist brauche „eine Haltung“; den Facebook-Eintrag hat er mit „Gefällt mir“ bewertet. Aber er weiß auch, dass es bei seinem Arbeitgeber auf vieles ankommt, aber ganz bestimmt nicht auf Haltung. Diese muss man sich erst einmal leisten können. Schließlich muss jeder Miete zahlen, sich ein Essen kochen und abends einmal in die Kneipe gehen und ein Bier trinken können.

Drei Morde gestanden, aber nicht begangen?

Dies alles kann sich aber von einem Moment auf den anderen ändern, wie schon der alte Heraklit wusste. Busche wird von der Psychiaterin Olivia Pfeiffer kontaktiert, die behauptet, dass eine Frau namens Sandra Dubach seit 25 Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt, weil sie drei Morde gestanden, aber nicht begangen habe. Die Psychiaterin glaubt den wahren Mörder zu kennen. Er sei einer ihrer Patienten, ein Manuel Schindler (genannt Manu), der gewalttätig sei, schon mehrere Male vor Gericht gestanden habe, dessen Freundin sich gerade von ihm getrennt habe, und der ihr nun von seinen Mordphantasien erzählte.
Zwei Tage später wird die Leiche einer Frau vor dem Haus gefunden, in dem Manus Ex-Freundin wohnt. Es handelt sich zwar nicht um die Ex-Freundin, aber dennoch ist die Psychiaterin davon überzeugt, dass ihr Patient den Mord begangen hat. Schließlich ist er schon einmal verdächtigt worden, seine Freundin getötet zu haben. Damals war er 14 Jahre alt gewesen und hatte mithilfe seines Vaters für lange Zeit nach Südamerika verschwinden können. 12 Jahre später taucht er mit neuem Namen wieder in der Stadt auf und begibt sich in Olivia Pfeiffers Behandlung.
Die Psychiaterin hat Zweifel, ob sie mit ihrem Verdacht zur Polizei gehen soll. Es gibt schließlich das Arztgeheimnis, und obendrein könnte sie das nächste Opfer des vermutlichen Mörders werden. Schließlich gibt sie der Polizei verdeckt einen Tipp, und Manu landet auf der Liste der Verdächtigen. Aber dann, als Sandra Dubach die drei Morde gesteht, verschwindet er wieder von dieser Liste…

Das Imperium schlägt zurück

Viele Jahre später stürzt Olivia Pfeiffer in einen Gully, hat Todesangst, wird gerettet; Simon Busche schreibt einen Bericht im „Wahren Leben“ über den Unfall, so dramatisch wie sonst nur die „Bildzeitung“ das kann – inklusive Ratten, die schon an ihr nagen -, und so kommt die Handlung in Schwung. Busche übernimmt (nach anfänglichen Zweifeln) die Recherche, besucht Sandra Dubach im Hochsicherheitstrakt, nimmt sich eine Auszeit vom „Wahren Leben“ und ist schließlich davon überzeugt, dass Dubachs Geständnis tatsächlich falsch ist.
Dubach ist Borderliner; sie fühlte sich in der Gesellschaft anderer nicht wohl; im Gefängnis, das sie schon von früheren Aufenthalten kannte, hatte sie ihre Ruhe. Sie hat einen Zerstörungstrieb in sich, mit dem sie nur schwer umgehen kann. Jedenfalls passt für Busche alles zusammen: Dubach hat die Morde nicht begangen, für die sie seit zwanzig Jahren sitzt.
Busche kann zwar seine Geschichte am Ende nicht im „Wahren Leben“ veröffentlichen, aber es gibt ja noch die Zeitungen auf Papier, in seinem Falle die „Neue Tageszeitung“. Diese veröffentlicht Busches Artikel, danach ist Busche für ein paar Tage berühmt – bis das Imperium zurückschlägt…

Handwerklich einwandfrei, aber…

Die Handlung ist gut erzählt. Matthias Ninck versteht sein Handwerk. Dennoch haben sich mir beim Lesen ein paar Zweifel im Kopf festgesetzt. Dass eine dreifache Mörderin im Hochsicherheitstrakt einsitzt, isoliert von allen anderen Gefangenen, leuchtet nicht ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Deutscher beim Thema Hochsicherheitstrakt an Stuttgart-Stammheim denke und an die RAF-Mitglieder Baader, Raspe und Ensslin, die nach der Entführung und Befreiung der Lufthansa Maschine in Mogadischu 1977 in einer Nacht gemeinsam Selbstmord begingen, obwohl sie doch – zumindest offiziell – keinen Kontakt zueinander aufnehmen konnten. (Oder die vielleicht auch ermordet wurden, was aber bis heute nicht geklärt ist). Also, bei allem Respekt: das waren andere Kaliber.
Und dann wäre da auch noch der Titel: „Mordslügen“. Eine Headline, wie sie die „Bildzeitung“ nicht besser erfinden könnte. In Verbindung mit dem Thema Medien denkt man gleich an die AFD und ihre Pauschalbehauptung von der „Lügenpresse“, mit der all jene gemeint sind, die sich kritisch über die AFD und die Rechten äußern.

… am Grundthema vorbei

Weiter: Das Thema, wie wir alle von den Medien manipuliert werden, weil etwas künstlich aufgeblasen wird und alle Welt darüber in eine Riesenerregung verfällt, das wird im Buch nicht aufgenommen. Als Beispiel sei Friedrich Merz genannt, bis 2002 Vorsitzender der CDU-Fraktion im Bundestag, der damals von Angela Merkel abgesägt wurde und im letzten Jahr Parteivorsitzender der CDU werden wollte, aber gegen Annegret Kramp-Karrenbauer unterlag, und der neulich von den „Nebelbänken“ sprach, die die Kanzlerin erzeuge und von der „grottenschlechten“ Arbeit der Regierung. Und dann wird dieser völlig überzogene Kommentar eines Privatmanns, der selbst gern Kanzler werden würde, nicht etwa unter der Rubrik „Vermischtes“ vermeldet, sondern er wird in allen Talkshows der Republik diskutiert. Wundert es jemanden, dass hernach die Hälfte der Bevölkerung davon überzeugt ist, dass die Arbeit der Regierung „grottenschlecht“ ist?

Das ist der eigentliche Skandal. Zeitungen und Fernsehen eifern den „sozialen Medien“ nach, erzeugen Riesenwellen, und wenn die Aufregung immer größer wird, fragen sie, wer daran schuld sei.
Womöglich ist es ungerecht, von einem Autor zu erwarten, der doch nur einen Krimi aus dem Bereich des Internetjournalismus schreiben wollte, dass er das Thema in dieser Dimension bearbeite. Das ist, zugegeben, schon ziemlich anspruchsvoll. Aber wenn man die Welle reiten will und dann die Erwartungen, die man geweckt hat, nicht bedienen kann, muss man sich eine solche Kritik gefallen lassen. ♦

Mathias Ninck: Mordslügen – Roman, 232 Seiten, Edition 8 Verlag, ISBN 978-3859903814

Lesen Sie zum Thema Krimi auch über Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

… sowie über den neuen Thriller von Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen

Anton „ViscaBarca“ Rinas: Realtalk (Rezension)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Psycho-Striptease eines Gaming-Influencers

von Heiner Brückner

Der YouTube-Fame als greller Schein. Ist das Kunst oder ehrgeizige Individualinszenierung? Nein, es ist für den einen oder anderen tragische Realität. Aber diese Offenbarung, die „ViscaBarca“ zum eigenen Whistleblower macht oder zum Seelenstripper, wie Anton Rinas selbst sagt, ist heilsam – für ihn selbst, und hoffentlich für viele Follower.
Sicherlich ist mit Kulturarbeit und Kunst kein Staat zu machen, aber es handelt sich dabei um konkretes Leben und nicht um eine virtuelle Scheinwelt, selbst wenn sie Visionäres und Fantastisches projiziert und prolongiert.

Viscabarca - Anton Rinas - Realtalk - Mein Leben als Influencer - Cover - Rezension Glarean MagazinAnton Rinas alias ViscaBarca konnte sich den Lebenstraum vieler junger Menschen erfüllen. „Als erfolgreicher YouTuber und Social Medias Performer begeistert er über eine Million Abonnenten, verdient mit 17 bereits fünfstellige Summen im Monat“, kündigt der Verlag das Werk über „Trug, Schein und Schulden“ eines Gamers an. Dann kam der Absturz des digitalen Modephänomens als Influencer. Ich lese die Bekennergeschichte mehr als diagonal, weil mich das Thema reizt, weil ich den Herkunftsort des Autors kenne, und weil ich auf die Verlockungen der Verlagsanpreisung hereingefallen bin. Bin ich der Influenz erlegen? Noch will ich mich erwehren durch das Lesen der veröffentlichten Fakten.

Wer füttert den Beeinflusser?

Fussball-Fans FC Barcelona - Glarean Magazin
„Es lebe Barca, die tolle spanische Fußballmannschaft“: Das Massen-Game als Social-Multiplikator

Wer füttert den Beeinflusser, von wem lässt er sich beeinflussen? Wen hat er im Visier, auf wen oder was zielt er ab? Das sind Hintergrundfragen, die entscheidend sind, weil sie den Schein hinter allem aufdecken. Freimütig zählt Rinas seine Fake-Accounts genauso auf wie seine millionenfachen Likes. Sein Aka-Name ViscaBarca ist Programm und eigentliche Lebenssehnsucht, die er sich wegen körperlichen Handicaps nicht mehr erfüllen kann: Es lebe Barca, die tolle spanische Fußballmannschaft.
Wessen entledigt er sich also bei seinem öffentlich gemachten Höllentrip durch eine Influencer-Biografie unter dem Titel „Realtalk“?

Down To Earth und Back To Life

GLAREAN MAGAZIN - Muster-Inserat - Banner 250x176Das erste Kapitel fasst zusammen, wie der Offenbarungseid in ein 15-minütiges Realtalk-Video als „Balsam für meine Seele“ gepackt werden sollte. Das letzte schilderte, wie er nach dem Absturz wieder „down to earth“ kommen konnte. Dazwischen wird die Chronologie seines Auf- und Abstiegs ausgebreitet: die chaotischen Zustände in Familie, Erfolg und Misserfolg in Gaming-WGs, und wie die geliebte Schwester und ihr Mann, sein Schwager, ihn finanziell bis in den Ruin auspumpen. Dreimal stellt er eine Liste der Ausgaben von 4000 bis auf 205’000 Euro Schulden auf. Nach dem Absturz findet er in München „mit Disziplin und Fleiß“ wieder „back to life“, wird wegen des „Schwester-Videos“ als „InzestBarca“ beschimpft und erleidet wirtschaftlich den nächsten Rückschlag wegen einer undurchsichtigen Steuerberaterin.

Den „ganzen Scheiss“ hinausgekotzt

Viscabarca - Anton Rinas - Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen - Glarean Magazin
„Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen“: FC-Barcelona-Fan Viscabarca alias Anton Rinas

Reden wir Klartext („Realtalk“) und nicht lange um die 271 Seiten herum, so wie es das Elaborat auch tut: verzweifelter Seelenstrip, Digga, literarisch bescheiden, moralisch als abschreckendes Exempel einsetzbar, aus der katastrophalen finanziellen Notlage geboren.
ViscaBarca lamentiert in seinem Schriftstück nicht gefühlsduselig, will auch nicht „rumheulen“, er kotzt den „ganzen Scheiß“ offensichtlich ungeschminkt heraus. Der seelische Auswurf ist ein notgedrungenes, eigentlich nicht druckreifes Drauflos-Quasseln in der lässigen YouTube-Sprechweise bzw. Social Medias Plattformen. Häufige Wiederholungen, teils Widersprüche, chaotisches Hin- und Her-Springen entlarven die ganze Summe der Entscheidungsflexibilität eines unschlüssigen jungen Mannes, der am Ende seiner eigenen Hilfswerk-Biografie zu einem allgemein hinreichend bekannten Fazit gelangt. Nämlich, dass sein süchtiger Spielkonsum nur eine Flucht vor der eigenen Leere gewesen sei.

Nie wieder Fake Shit

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Rinas ringt sich zum Einsichtsvorsatz durch: „… ich würde nie wieder fake shit machen, um etwas vorzuleben, das nichts mit mir und meinem Herzen zu tun hat.“ Und er hat Ratschläge parat: „Lass dich nicht von anderen abhalten, deine Träume zu verwirklichen. […] Das Leben wird noch hart genug, auch wenn wir nicht aufeinander rumhacken.“
Genusslesen war das nicht, weder inhaltlich noch sprachlich (z. B. „Ich kam nicht mehr auf mein Leben klar!“ – „Auf die Situation kam ich echt nicht klar.“) noch vom Erkenntnisgewinn her betrachtet. Abschreckend ist wohl der einzige positive Aspekt an diesem „Teil“ (Zitat Rinas), das ohne die mitschreibende Hilfe seines Bekannten Josip Radovic „niemals so cool“ geworden wäre.

An erster Stelle dankt er den Zuschauern und YouTube-Kollegen für ihre Treue. Nach Mitleid heischt er nicht, der Leser muss nicht in wehleidiges Mitklagen verfallen. Vielmehr darf er sich über die schnelle Vergesslichkeit der YouTube-Follower beim Neubeginn des Influencers wundern. Es ist frappierend, was da abging und worauf man leicht hereinfallen kann.
Kurzum: „Realtalk“ ist die öffentlich gemachte private Bekennerstory des Influencers Anton Rina aka ViscaBarca in 22 Kapiteln über einen ganz persönlichen Psychoterror als Gaming-Zocker mit Computerspielen in flapsigem YouTube-Speech. ♦

Anton Rinas „ViscaBarca“: Realtalk – Trug, Schein und Schulden / Mein Leben als Influencer, 272 Seiten, Community Editions, ISBN 978-3960961055

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Digitale Welt 2.0 auch das „Zitat der Woche“ von
Felix Stalder: Kultur der Digitalität

Ausserdem zum Thema Sprachzerfall den Essay von
Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben.

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