Gedicht des Tages von Raoul Hausmann: Nichts

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Nichts

Raoul Hausmann

Raoul Hausmann - Mechanischer Kopf (1919) - Tete mecanique - Dadaismus in Literatur und Kunst - Glarean Magazin
Raoul Hausmann: Tête mécanique (1919)
Nichts

Sagen Sie, was kann man da machen?
Da kann man nichts machen,
denn da ist nichts zu machen.
Wenn da nichts zu machen ist,
ist nichts zu machen.
Warum wollen Sie etwas machen,
das führt stets zu nichts.
Wenn nichts zu nichts führt,
führt nichts zu etwas.
Etwas ist immer nichts,
deshalb ist etwas nichts.
Also ist nichts nichts
und etwas ist auch nichts.
Da ist nichts zu machen,
da hilft alles nichts.
Na sagen Sie mal, da hört alles auf

Raoul Hausmann (1886-1971)

Gedicht des Tages von Nomuro Boto (Tanka-Literatur)

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Weil die Nachtigall
eine süße Stimme hat

von Walter Eigenmann

Nomura Boto (1806-1867) - Japanische Lyrikerin - Glarean Magazin
Nomura Boto (1806-1867)

Das japanische Kurzgedicht Tanka ist eine über 1’300 Jahre alte, reimlose Lyrik-Form mit 31 gewichteten Silben (Moren) im Rhythmus 5-7-5 (Oberstollen) und 7-7 (Unterstollen).
Unser Frühlings-Gedicht des Tages „Weil die Nachtigall“ stammt von der japanischen Lyrikerin und Nonne Nomuro Bôtô (Moton Nomura). Sie war eine Dichterin der späten königlichen Tokugawa-Ära und lebte von 1806 bis 1867, also gegen Ende der Edo-Periode. ♦


Nomura Boto - Japanische Tanka-Lyrik-Literatur - Vogelkäfig - Weil die Nachtigall - Glarean Magazin Weil die Nachtigall

eine süße Stimme hat

und so gerne singt,

sitzt sie jetzt im Käfig fest –

Ja, so geht es auf der Welt!

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die drei Winter-Haiku von Pawel Markiewicz

… sowie zum Thema Frühling das Gedicht des Tages von Ludwig Uhland: Lob des Frühlings

Gedicht des Tages: Lob des Frühlings (Ludwig Uhland)

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Bild: Riffig-Weiher Emmenbrücke - Lob des Frühlings - Ludwig Uhland - Gedicht des Tages - Glarean Magazin - Walter Eigenmann
Bild: Riffig-Weiher Emmenbrücke bei Luzern / Schweiz (April 2020)
Lob des Frühlings

Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!

Wenn ich solche Worte singe,
braucht es dann noch große Dinge,
Dich zu preisen, Frühlingstag!

Ludwig Uhland

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN ausserdem zum Thema Sprache und Gehirn: Jüngste Ergebnisse der neurobiologischen Sprachforschung

Gedicht des Tages von Georg Trakl: Im Winter

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Schilfrohr im Winteracker - Georg Trakl - Lyrik - Glarean Magazin

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.


Georg Trakl - Glarean MagazinGeorg Trakl

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch das Gedicht des Tages von Wolfgang Reus: Liebesgedicht

… sowie das Gedicht des Tages von Walter Gross: Dezembermorgen

 

Gedicht des Tages von Otto Zur Linde

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Herbstsonne. Wolken. Die Birke

Herbstsonne. Wolken. Die Birke

Herbstsonne. Wolken. Die Birke
Biegt sich im böigen Wind.
Durch dünneres Baumlaubgewirke
Kühleres Sonnenlicht rinnt.

Levkojen und Astern im Strauße
Duften nicht. Und Amaryll
Und letze Geranien vorm Hause
Blühten so herbstspät und still,

So schweigend gegen den Tod hin –
Die Trauben blaun am Balkon.
Eine Krähe krächzt, warnende Botin
Des Winters, der wartet schon.

Soll nun das Würgen des Jahres
Wieder in Winter gehn?
Herbstsommer, Herbstwinter schon war es,
Wir sahen kein Ostern aufstehn.

Der Sommer ging, und die Nacht sank,
Der Tag kam und der Tod.
Wir waren des Blühens unachtsam,
Und des Singens war uns nicht not.

Wohl hörten wir Lieder von Lippen
So rot, die sind nun bleich:
Kerzen und Christkinderkrippen,
Und ein Schneefeld schmerzenreich.

Und ein Acker mit blutroten Raden,
Und ein Feldrain mit Knabenkraut;
Tausend tote Soldaten
Hat jeder Tag geschaut.

Tausend im Jahr und im Volke
Wie lang, oh wie lang ist ein Jahr!
Und der Welt eine blutrote Wolke,
Überm Feld eine Aaskrähenschar.

Und ein Kreuz am Himmel, das weitet
Seine Arme nach Ost und nach West,
Darunter aber schreitet
Der Krieg, der Tod, die Pest.


Otto Zur Linde - Deutscher Lyriker - Glarean MagazinOtto Zur Linde (1873-1938)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von
Kurt Leonhard: Ein fußgekitzelter…

…sowie zum Thema Herbst die
drei Herbst-Gedichte von Hans Herrmann

Gedicht des Tages von Kurt Leonhard

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Ein fußgekitzelter…

Ein fußgekitzelter am Schopf gezogener
fußkitzelnder schopfziehender
Läufer,

verfolgt von einem
am Schopf gezogenen am Fuß gekitzelten
schopfziehenden fußkitzelnden
Läufer,

verfolgt einen
am Fuß gekitzelten am Schopf gezogenen
fußkitzelnden schopfziehenden
Läufer.

Drei kitzelnd gekitzelte ziehend gezogene
gekitzelt ziehende gezogen kitzelnde
verfolgend verfolgte
Läufer:

ein Kreislauf


Kurt Leonhard (1910-2005)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Lyrik auch das Gedicht des Tages von
Charles Bukowski: Natur-Gedicht

Gedicht des Tages: Immer Zusammen (W. Kandinsky)

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Immer Zusammen

Steigemann und Sinkemann sagten zueinander:
„Ich komme bald zu Dir. Jawohl!“
Und Steigemann: „Du zu mir?“
Und Sinkemann: „Du zu mir?“
Wer zu wem?
Wann?

Wassily Kandinsky


Wassily KandinskyWassily Kandinsky (1866-1944)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von
Ernst Eggimann: bohnen sind…

Gedicht des Tages: Erde du bist weit (Anise Koltz)

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Erde du bist weit

Erde du bist weit
die Welt ist nicht gekommen

die Propheten
haben wir geschlachtet
und mit Vögeln gespickt


Anis Koltz - Gedicht des Tages: Erde du bist weit - Glarean Magazin

Anis Koltz (*1928)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von
Ernst Eggimann: bohnen sind…

…und das Gedicht des Tages von
Walter Gross: Dezembermorgen

Gedicht des Tages: bohnen sind… (Ernst Eggimann)

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Bohnen sind…

bohnen sind weisse kiesel

bohnen sind weisse kiesel
bohnen sind schwarze kiesel
bohnen im sack klingen weiss und schwarz
wage es
greife einen einzigen kiesel heraus
weiss oder schwarz
er wird
eine rote blüte

die rebenblätter rot
heisst herbst
die grünen rebenblätter vom frühling rot
heisst herbst
die rebenblätter des winters
sind schwarz

wo der himmel zickzack
in die tannenspitzen hineinwächst
sitzt ein vogel
drei abgebrannte streichhölzer
liegen in richtung der sonnenbahn
das kinn aufgestützt der ellbogen
auf dem tisch
hier

lass es fallen
da fällt schnee
schief durch mich hindurch
weiss
keine dinge mehr
kein weg und
da geht einer weiss im weissen
ohne spur


Ernst Eggimann

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von Hans Bender: Oktoberende

… sowie das Tanka-Gedicht des Tages von Nomuro Boto

Gedicht des Tages: Dezembermorgen (Walter Gross)

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Dezembermorgen

Lange war kein solcher Morgen.
Kalt, klar. Baum, Dach und Zaun
erhielten ihren Teil an Schnee.
So still und sauber wars
seit ich mich erinnere
nicht mehr.

Später allerdings schrie
der Morgen, er wird seine
blutigen Flecken bekommen.
Die blasse Scheibe der Sonne
hielt sich noch hinter dem Wald,
da hoben, halb zerrten sie das Schwein
an Beinen und Ohren und auf den hergerichteten
Vorplatz zu Hacken und Bottich.

Um neun Uhr sah ich die Schlächter
beim Mahl. Wie sie zugriffen!
Ihre Lust an Speise und Trank,
ihre Fröhlichkeit,
hat mich verstimmt.

Walter Gross (1924-1999)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von
Hans Bender: Oktoberende
…sowie das Gedicht des Tages von
Otto Zur Linde: Herbstsonne – Wolken – Die Birke

Gedicht des Tages: Oktoberende (Hans Bender)

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Oktoberende

Oktoberende

Ins grüne Vogellachen
tropft der Regen seine Trauer.
Dein Sonnenauge
überm Garten
schwärzt der Frost.
Aufs Pflaster stürzten
eure braunen Zärtlichkeiten.
Hände,
rot vom Blut des Sommers,
spült der Bach
durch eisigen Granit.


Hans Bender (1919-2015)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von
Wolf Wondratschek: Gebet
… sowie das Gedicht des Tages von Georg Trakl: Im Winter

Gedicht des Tages: Wer weiß (Wolfgang Reus)

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Liebesgedicht

Wolfgang Reus

wer weiß

ein mädchen traf ich
rot und prächtig
in ihrem watteweichen untergang
ein zittern warf sie
in die tiefe
aus der mein ruf sie traf
wie glockenklang
da liegt sie nun
und läutert mein verlangen
was für ein duft
ein hauch von schnee
von frost und eis
nur noch ein wimpernschlag
dann wird sie weiter fallen
und ich mit ihr
vielleicht
aus liebe
wer weiß


Wolfgang Reus - Glarean MagazinWolfgang Reus (1959-2006)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von
Charles Bukowski: Naturgedicht

… und das Gedicht des Tages von
Kurt Lehmann: Ein fußgekitzelter…

Beachten Sie ausserdem den ersten und einzigen Lyrik-Band von
Wolfgang Reus: So was und wie (Gedichte)

 

Gedicht des Tages: Gebet (Wolf Wondratschek)

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Gebet

Wolf Wandretschek

Gebet

Nachts, jenseits der Zeit schon und ferne,
hörst du das Singen der Winde, und du siehst
Berge brennen, die wie ein Feuerwerk fallender
Sterne verglühen. Zu tief liegt da unten

die Erde, dieses Inferno der Gleichgültigkeit,
das auch der Lachende nur eingeschüchtert übersteht,
und selbst der Glückliche ist an sein Glück gebunden
wie der Erhängte dort an seinem Strick;

ungläubig zögernd noch wie unter großen Mühen
spricht der Einsame jetzt sein erstes Gebet,
die Augen weiß und leer, vom Saufen ernüchtert,

das Herz zu sehr ans Zerspringen gewöhnt.
Der Abschied dann, und dann die Stille,
die alles Leben übertönt.


Wolf WondratschekWolf Wondratschek - Glarean Magazin (*1943)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von
Bertolt Brecht: Der Blumengarten

Gedicht des Tages: Naturgedicht (Charles Bukowski)

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Natur-Gedicht

Natur-Gedicht

du bist 50 000 Lichtjahre
die durch mein Gehirn laufen in
Arbeitsanzügen
du bist wie jemand der in einer Bar sitzt
mit genügend Geld
mit einem guten Drink
und guckst durch das Fenster
auf den Schnee

du bist der tote übernatürliche Fisch
in Bewegung

du bist der Liebesgott der Eiscreme-
Phantasie
du hast das Schreien der Kinder gedämpft
wenn sie mein
Blut trinken
ich glaube du hast Hauswirte umgebracht
die Miete wollten
und auch gefährliche
Tiger

da lehnt sich eine weiße Blume gegen
meine Absicherung
wie eine Hure
wie eine Katze
wie eine weiße Blume

ich konnte nicht zur Arbeit gehen
heute abend denn ich konnte nicht
aufhören zu scheißen
und jetzt bin ich im Bett
und betrachte die weiße Blume.

Charles Bukowski


Charles Bukowski (1920-1994)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch Lyrik von
Helmut Glatz: Thema mit Variationen
… sowie zum Thema Lyrik auch über
Anne Carson: Decreation

Gedicht des Tages: Der Blumengarten (Bertolt Brecht)

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Der Blumengarten

Bertolt Brecht

.Der Blumengarten

Am See tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen
Daß er vom März bis zum Oktober blüht.

Hier in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit
In den verschiednen Wettern, guten, schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.


BertoltBertold Brecht - Glarean Magazin Brecht (1898-1956)

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von Wolfgang Reus: Wer weiß

… sowie zum Thema Neue Lyrik von Heiner Brückner: Wegzeichen (Drei Gedichte)

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