Edgar Rai: Halbschwergewicht (Roman)

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Vom Opfer zum Täter

von Christian Busch

„Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei. […] Der schreckliche Augenblick war gekommen (schrecklich, Franze, warum schrecklich?), die vier Jahre waren um. Die schwarzen, eisernen Torflügel, die er seit einem Jahr mit wachsendem Widerwillen betrachtet hatte [Widerwillen, warum Widerwillen?), waren hinter ihm geschlossen. Man setzte ihn wieder aus. […] Die Strafe beginnt…“

…und mit ihr die Geschichte des Franz Biberkopf in Alfred Döblins populärem, bahnbrechendem Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahre 1927.

Knapp 90 Jahre später befindet sich der halbschwergewichtige Boxer Lucky alias Stefano Ferrante in der gleichen Situation, als er nach Verbüßung seiner dreieinhalbjährigen Haftstrafe wegen angeblicher Ermordung einer Edelprostituierten die Berliner Justizvollzugsanstalt – allerdings mit elektronischer Fußfessel – verlassen darf. Und so präsentiert sich der neue Roman „Halbschwergewicht“ von Edgar Rai, dem vielseitigen und immer für literarische Überraschungen guten, in Berlin lebenden Autors, zunächst als – allerdings lebendig und unterhaltsam gestaltete – Sozialstudie.

Nicht ohne Klischees, aber in sich stimmig

Edgar Rai - Halbschwergewicht - Roman - Cover - Piper Verlag - Rezension Glarean MagazinLuckys ein wenig klischeehaftes, aber stimmiges Schicksal ist das eines früh enttäuschten, vom Vater verlassenen und aus Arbeiterverhältnissen stammenden Jungen, der sein Aggressionspotential und sein Talent im Boxen entdeckt und trotz fürsorglicher Betreuung durch seinen Trainer Helmut in falsche Kreise und Milieus gerät. Als er sich in Yvonne verliebt, verliert er vollends die Übersicht, so dass seine kriminelle Umgebung in Gestalt von Nino und Marcello ihn aufs Kreuz legt, indem sie ihm Yvonne ausspannen und ihm einen Mord an der attraktiven, halbseidigen Djamila anhängen. Zu allem Unglück hatte er sich in seinem letzten Kampf eine auch noch abgesprochene Niederlage durch K.O. eingehandelt. So Lucky Loosers erster Weg zu Helmut, von dem er sich Hilfe und Aufklärung der Ereignisse von damals erhofft. Doch bevor es zum Gespräch kommt, liegt Helmut von einer Kugel getroffen tot auf dem Tisch – und steht Lucky mit seiner verbeulten Visage und stotterndem Wesen als dringend Tatverdächtiger schon wieder in äußerster Bedrängnis.

Zwischen Roman und Krimi

FAZIT: Der neue Roman von Edgar Rai: Halbschwergewicht knüpft nur im ersten Teil an Döblins epochalen Großstadtroman und Sittengemälde an, dennoch gelingt ihm ein unterhaltsamer, fesselnder, verschiedene Genres gekonnt mischender Roman, der besonders aufgrund seiner cineastischen Visualität und menschlichen Nähe zu seinen Figuren überzeugt.

Doch wenn der personale Erzähler dann in die Rolle des 27-jährigen Kriminalassistenten Florian Seibold schlüpft, verwandelt sich der Roman in eine Kriminalgeschichte. Seibold und seine deutlich ältere, aber ungemein attraktive Chefin Frau von Engelbrecht beschäftigen sich nun mit der Fahndung nach Lucky und den in der Folge passierenden Ereignissen, deren Aufklärung sie auch – und das ist vielleicht das gelungenste am Roman – persönlich einander immer näher kommen lässt. Diese geschickte Doppelperspektive lässt den Leser nun immer schwanken zwischen der Sorge um das Schicksal des armen Preisboxers und dem Gefallen an den sympathischen, um die Lösung des mysteriösen Falles bemühten Kriminalbeamten.

Ein Hauch von Gaunerromantik

Autor Edgar Rai in einer öffentlichen Bücherlesung (Glarean Magazin)
Autor Edgar Rai in einer öffentlichen Bücherlesung

Es folgt Luckys turbulente und manche Überraschung bietende Großstadtodyssee, die zunächst zum seelenverwandten Mauerblümchen Babsi, dann aber in Box- , Rotlicht- und Goldkettchen-Milieu führt. Luckys wundersame Wandlung vom passiven Opferlamm zum kühl kalkulierenden Akteur erlebt der Leser parallel zur holprigen, von gegenseitigen Anziehungskräften flankieren Untersuchungsarbeit des Kommissar-Duos. Das ist stets unterhaltsam und – wie man es vom Autor längst gewohnt ist – bestens in szenisch-visueller Manier aufbereitet, so dass man sich als Leser wie im Kino fühlt. Das Ganze kulminiert in der orgiastischen Szene, in welcher dem von Koks, Viagra und Alkohol vollgepumpten Marcello beim befohlenen Vögeln von Yvonne eine Kugel die Gehirnmasse aus dem Kopf quillen lässt. Längst ist aus dem als Sozialstudie beginnenden und als Krimi fortgesetzten Roman ein Action-Thriller geworden, dessen flott komponiertes Ende durchaus moralische Bedenken aufkommen lassen könnte.
Am Ende weht jedoch ein Hauch von Gaunerromantik über dem Roman, welcher den Leser die Grenzen seiner Freiheit ein Stück weiter setzen lässt als vielleicht moralisch üblich – Tschick lässt grüßen!

Edgar Rai: Halbschwergewicht – Roman, 272 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-05885-8

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den neuen Roman von
Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten (Roman)

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Ein Leben ohne Gedächtnis

von Günter Nawe

Vor wenigen Wochen ist sie 80 Jahre alt geworden: Joyce Carol Oates, amerikanische Schriftstellerin von Rang, Autorin großer und bedeutender Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten. Mehrfach würde sie bereits für den Literaturnobelpreis nominiert.

Joyce Carol Oates Der Mann ohne Schatten Roman-Literatur-Rezension Glarean Magazin„Die Liste meiner Bücher ist überwältigend“, hat sie einmal gesagt. Und in der Tat, vor dem Leser liegt ein Lebenswerk. Als wäre das nun mit 80 immer noch nicht genug, legt die Autorin ein neues Buch vor. Und nicht nur das: Joyce Carol Oates hat – wie schon so häufig – für ihren Roman „Der Mann ohne Schatten“ einen ungewöhnlichen Stoff gewählt und daraus eines der aufregendsten Bücher der Saison geschrieben.

Neurowissenschaft im Roman

Protagonist dieses Romans ist Elihu Hoppes, ein renommierter Wirtschaftsprofi, der im Alter von 37 Jahren sein Gedächtnis verliert. Die medizinische, die neurologische Diagnose: „Während er allein auf einer Insel im Lake George, New York, zeltete, infiziert er sich mit eine besonderen virulenten Form der Herpes-simplex-Enzephalitis, die sich in der Regel als Fieberbläschen auf einer Lippe manifestiert und innerhalb weniger Tage wieder vergeht; in seinem Fall wanderte die Virusinfektion durch den Sehnerv bis ins Gehirn, wo sie ein protrahiertes hohes Fieber auslöste, das sein Erinnerungsvermögen schädigte.“ –
Der Leser wird sehr viele Passagen dieser Art lesen, mit denen wissenschaftlich untermauert, die seltene Erkrankung des Patienten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen verdeutlicht werden. Diese Passagen sind wesentlicher Bestandteil dieses Romans, ohne dass die Lesbarkeit leidet.

Ein Erinnerungsvermögen von 70 Sekunden

Zurück zum Geschehen. Elihu Hoppes ist seither ein Fall für die Neurowissenschaft. Erinnert er sich noch an das eine und andere vor der Erkrankung, ist er ,obwohl mittlerweile um einiges älter, auf dem Niveau des Siebenunddreißigjährigen geblieben. Und dessen Erinnerungsvermögen aktuell genau 70 Sekunden beträgt.

FAZIT: Erinnerung für 70 Sekunden – und ein Fall für die Wissenschaft. Die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates hat mit „Der Mann ohne Schatten“ einen überzeugenden Roman geschrieben – einen Roman auch über einen Gedächtnisverlust und eine unmögliche Liebe, über den Widerstreit von Gefühl und Verantwortung, über Einsamkeit und Nähe. Thematisch wie sprachlich gelungen.

Ein Fall, mit dem sich die renommierte Neurowissenschaftlerin Margot Sharpe intensiv beschäftigt. Über Jahre hinweg beobachtet sie den Probanden, unterzieht ihn verschiedenen Tests, veranlasst laufende Untersuchungen, um hinter das Geheimnis des Gedächtnisverlustes zu kommen. Ihn, „der in ewiger Gegenwart gefangen“ ist. „Wie jemand, der im Halbdunkel der Wälder im Kreis herumläuft – ein Mann ohne Schatten“. Elihu vergisst immer sehr schnell, wer er ist. Auf einen Nenner gebracht: Elihu Hoppes führt ein Leben ohne Gedächtnis. Ein Leben, das auch bestimmt wird durch ein Erlebnis in früher Kindheit, bei dem es um die Ermordung seiner elfjährigen Cousine geht. Es begleitet ihn fragmentarisch auch in der Zeit nach dem Gedächtnisverlust und wirkt wie eine Art Fluch.

Wechselnde Erzählperspektiven

Joyce Carol Oates - Glarean Magazin
Joyce Carol Oates

Dann aber passiert etwas, was nicht sein darf – und Margot Sharp weiß das: Zwischen der Wissenschaftlerin und dem Patienten entwickelt sich eine Beziehung. Käme das heraus, wäre ihr Ruf ruiniert. Dennoch: Sie „lebt“ mit ihrem Probanden über dreißig Jahre sozusagen als Geliebte, gaukelt ihm vor, sie wäre seine Frau. Die Frau eines Mannes, der trotz seines Gedächtnisverlustes attraktiv und vital ist, Tennis spielt und auch sexuell aktiv ist. Eine unmögliche Beziehung also. Margot ist sich der Problematik ihrer Beziehung bewusst, kann aber von ihr zunehmend weniger lassen und gerät auf diese Weise immer stärker in Gewissensnöte bis hin zu einer veritablen Lebenskrise.
Immer wieder ändert Joyce Carol Oates die Erzählperspektive und schafft so, nicht zuletzt durch eine eingebaute Krimistory, Spannung. Mal erzählt Hoppes, mal Margot, dann wieder Dritte. Auf diese Weise gelingt des der Autorin, ein heikles, wissenschaftlich grundiertes Thema lesergerecht aufzubereiten. Sie tut es in diesem Roman über die Liebe, die Erinnerung, über die Einsamkeit und Nähe mit großem Einfühlungsvermögen in die Psyche ihrer Figuren.

Authentizität durch Realität

Der Mann ohne Gedächtnis ist ein Roman. Dass ihm ein tatsächlicher Fall zugrunde liegt, erhöht die Authentizität der meisterhaften Schilderung der Autorin, die auch gekonnt auf der komplexen Klaviatur von Psychologie und Neurologie spielt. Joyce Carol Oates: „Ich wollte einen Roman schreiben über eine sehr intensive Beziehung zwischen einer weiblichen Wissenschaftlerin und ihrem männlichen Forschungsobjekt“ und „Darüber, wie ihre intensive Freundschaft zu einer erotischen und gleichzeitig zutiefst emotionalen Beziehung wird.“ – Das ist ihr überzeugend sowohl von der Thematik her als auch sprachlich gelungen. ♦

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten (Roman), 378 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397276-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Literatur auch über
Patrick Worsch: Fotomord (Roman)

Jörg Schieke: Antiphonia (Gedicht)

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Dynamische Lebensuhr am Ticken gehalten

von Heiner Brückner

Die Lyrik in „Antiphonia“ von Jörg Schieke ist kein Lied zur Laute gezupfter, melodischer Reimlaute, sie ist eher das Trommelfell einer Pauke, auf der sämtliche Wohllaute und Disharmonien geschlagen werden.
Das Lyrische Ich übernimmt in diesen Gegenlauten eine gegenwartsnahe, mehrnationale Exempelfamilie mit programmatischen Vornamen – etwa Heinrich (respektive Heiner), oder auch Thorben. Als Allerstes dachte ich an Doktor Heinrich im „Faust“. Doch dann musste ich lesen: „… hat noch in keinem/weiblichen Wesen seine Erkennungsmelodie/hinterlassen….“ Solche Charaktereigenschaften taugen nicht für diese Adelung. Außerdem wird er bereits in einer der nächsten ungereimten Strophen zum „Fettwanst Heiner“ degradiert.
Im zweiten Kapitel ist er der Erfinder von „Das Antiphon“ und wird zu einer der Hauptfiguren. Das wiederum weckte in mir für einen kurzen Moment den Vergleich mit dem Stimm-Instrument des Oskar in der „Blechtrommel“ von Günter Grass oder an „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider. Andere Vornamen sind Jaqui, das „Ri-Ra-Rasse-Weib“, das sich als „Randaliererin“ entpuppt, oder Haka, ein türkischer Vorname persischer Herkunft. Ansonsten wimmelt es von Mam, Mom, Mum und Dad etc. Eine offensichtlich multinationale Familie ist hier im Entstehen.

Gegensätzlichkeit als Unruhe der Lebensuhr

Jörg Schieke - Antiphonia - Gedicht - Poetenladen - Glarean MagazinDas buchstarke Prosagedicht „Antiphonia“ in sieben Abteilungen/Kapiteln beginnt mit der Geburt, und zwar so, dass ein Paar „aus Liebe drei Kinder veröffentlicht“. Apropos „veröffentlicht“: ein anreizender Einstieg, der aufhorchen lässt und den Leser sofort mitnimmt. Nicht geplant oder gedacht oder gezeugt oder geboren oder in die Welt gesetzt – etwas bereits Vorhandenes wird in die Öffentlichkeit als fertig, erwachsen, reif entlassen, somit zu einer öffentlichen Person. Wird der weitere Verlauf eine Fabel, eine Familiensaga, ein Märchen gebären? Jedenfalls erkennen sich die Personen im Laufe der Entfaltung alle irgendwie und irgendwann wieder. Selbstredend gehören ein Hund und weitere Klischee- respektive Mode-Accessoires der Neuzeit zu diesem Verbund, der sich – Achtung Anti… ! – selbst infrage stellt, widerspricht, aber durch seine dynamische Gegensätzlichkeit als Unruhe die Lebensuhr am Ticken hält. Die ungewohnten Wortkombinationen und -spiele fallen ins Auge, erwecken aber gleichzeitig eine mitdenkende Spannung, die die Kreativität des Autors sehr schnell und mit Leichtigkeit auf den Leser überspringen lässt.

Sprachlich gelungene Lyrik

Nie zuvor habe ich so viele Man- und Allgemeinplatz-Sätze, Aphorismen und Kalendersprüche in einem als Gedicht bezeichneten Werk gefunden. Jörg Schieke setzt sie in einen Zusammenhang, in dem sie ironisch oder satirisch, aber nicht wie Kalauer klingen. Denn ihnen folgen sogleich Verse wie beispielsweise „Der Mond wollte Hakan ein Geheimnis anvertrauen“.
Sprachlich gekonnt, ach was, ich will euphorisch sein: gelungen. Mich begeistern einfach Wendungen wie „Kredit für eine Reise nach Kreta di Mallorca“ oder „Die Wimper in … Schlaf eingepackt“. Nicht weniger: „… aus dem Mac/gebrochene Apfeltaste…“ Jedes Wort ist zu betonen, so wichtig ist es an seinen Ort gesetzt. Schieke schmettert pausenlos ein immenses Sammelsurium an aktuellen Keywords auf das Blick- und Hörfeld. Ich wurde von seinen Schmettersätzen und derartigen Wortsequenzen getroffen und spielte das Match bis zum Ende mit.

„Antiphonia“ kommt mir vor wie die Kindheitswiege, die durch die Zeitenläufe schaukelt, gelegentlich aneckt, um dadurch neuen Drive zu bekommen oder wieder in die Balance gestoßen zu werden, bis sie erneut gegen einen Irrwitz stößt, der sie in leicht geänderten Nuancen mit neuem Schwung und Gegenschwung wiegen lässt. Hinzu kommt eine unglaublich vielseitige Themenladung. Man kann dieses Gedichtepos im Flug durchstreifen, aber erfassen wird man es nach mehrmaligem Lesen und Studieren nicht so schnell, zumindest nicht in seiner Komplexität. Es bleibt ein langwährender klingender Tonsatz, komponiert aus dem Gegenwartswortschatz in der Art von Call-and-response-Gesängen. Das Geheimnis um das „Antiphon“ wird erst auf Seite 62 gelüftet.

Die Alltagswelt imaginiert

Jörg Schieke - Autor von Antiphonia - Rezension im Glarean Magazin
Jörg Schieke (Geb. 1965 in Rostock)

Bemüht, möglichst viele Bedeutungsschichten zu fassen, ohne sich besserwisserisch auf eine festzulegen, lässt Schieke dem freien Geist Spielraum, seine Erkenntnis gesellschafts-, weltpolitisch oder menschheitsgeschichtlich zu gewichten. Mir kommt die Forderung Karl Krolows an den Lyriker in den Sinn. Er solle ein „heiterer Zauberer sein, dem eine ganze Welt der Imagination zur Verfügung steht“. Heiter sind Schiekes Verse nicht überwiegend, aber sie imaginieren die Alltagswelt sowie deren Über- oder Hinterwelt und versetzen den Leser, nachdem sie ihn kurz vom Spielfeld gehoben haben, wieder zurück und hinein, allerdings ein, zwei Schritte weiter als zuvor.
Ab dem dritten Abschnitt, nach der Entfaltung der Familienverhältnisse dieser multinationalen und vielcharakterlichen Familie, geht es um Gold, Geld und hochgesteuerte Produktionsprozesse. Kuriose Wortschöpfungen (etwa „Raufasergaleeren“) zeichnen die Geschichte einer total verrückten Familie alias Gesellschaft aus, die nicht erkennen will, dass sie unter „… Zu viel Erinnerung//bei zu wenig Vergangenheit …“ leidet.

Durchkomponierte Prosa-Lyrik

Nach dem Lesen deutet sich das photofreie Cover als prägnante Inhaltsangabe. Drei mal drei Scheiben mit vier Wortringen aus Versen liegen an- und teils übereinander und umschließen Autorennamen und Titel sowie Untertitel. Die mittlere Schriftfarbe in zartem Wachsgrün, die beiden lappenden in gesetzter Druckerschwärze. Die Scheiben reiben sich, rotieren und revoltieren. Das Titelwort steht kopf, will auf die Füße gestellt werden. Es könnten aber auch Schallwellen aus Wörtern sein, die sich im Buchstabenmeer konzentrisch ausbreiten wie möglicherweise der Stein der Weisen. Einprägsamer ist die „Antiphonia“ graphisch wohl nicht umzusetzen. Wenn das nicht der endgültige Beweis für eine bis zur letzten Note durchkomponierte Prosalyrik ist, die der Leipziger Poetenladen-Verlag geoutet hat… Wer übrigens einen Auszug von „Antiphonia“ auch klanglich wahrnehmen möchte, findet einen rund dreiminütigen Stream bei Lyrikline.org.

FAZIT: „Antiphonia“ von Jörg Schieke ist ein Prosa-Gedicht-Stück, das in wortschöpferischer Sprachgewandtheit die gegenwärtige Gesellschaft und lebensprägenden Gepflogenheiten abbildet. Wer Gedicht weiterhin als melodische Textform versteht, muss seine Typisierung weglegen, um in den Vollgenuss der neuartigen lyrischen Gestaltung zu kommen.

„Antiphonia“ von Jörg Schieke ist ein Prosa-Gedicht-Stück, das in wortschöpferischer Sprachgewandtheit die gegenwärtige Gesellschaft und lebensprägenden Gepflogenheiten abbildet. Wer Gedicht weiterhin als melodische Textform versteht, muss seine Typisierung weglegen, um in den Vollgenuss der neuartigen lyrischen Gestaltung zu kommen. ♦

Jörg Schieke: Antiphonia – Gedicht, 80 Seiten, Peoetenladen-Verlag Leipzig, ISBN 978-3-940691-93-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neue Lyrik auch von
Andreas Wieland: Mit ausgreifendem Schritt (Gedicht)

… sowie von
Bruno Schlatter: Höhenwegkoller (Gedicht)

Aldous Huxley: Essays Band II – Form in der Zeit

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Über die Entmenschlichung der Gesellschaft

von Heiner Brückner

Warum sollte man heute noch den Autor Aldous Huxley (1894 bis 1963) lesen? Seine provokanten, nahezu sarkastischen Visionen in „Schöne neue Welt“, dass der technische Fortschritt die Menschheit entmenschlichen werde, sind, wenn man das so sehen will, zum Großteil verifiziert. Wenngleich die Menschheit sich mitentwickelt hat und sich auch der explosionsartigen Weiterentwicklung der High-Technologie anpassen wird. Das nennt man wohl Evolution.

Aldous Huxley - Essays 2 - Form in der Zeit - Cover - Piper Verlag - Rezension Glarean MagazinThematisch nehmen die Werke des englischen Journalisten, Theaterkritikers und späteren Romanciers, der 1937 in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist, vorrangig die Entmenschlichung der Gesellschaft durch wissenschaftliche Selektion, Aufzucht und Normierung von Menschen im Fortschritt der Weltstaat-Gesellschaft in ihren Fokus. Gerade deswegen sollte man die Hintergründe der Denkwelt dieses Visionärs kennen lernen. Eine hinreichende Möglichkeit bieten seine Essays im 2. Band der Reihe, die aktuell der Piper-Verlag veröffentlicht hat. Besonders was die Formen von Literatur, Malerei und Musik seiner Zeit betrifft, während der erste Essay-Band vorwiegend Reiseberichte gesammelt hat. Essays und wenige Gedichte aus Buchausgaben und Zeitschriften von 1923 bis 1971 wurden zusammengestellt. Intensivieren und vertiefen kann der Leser die Texte anhand des mitgelieferten ausführlichen Anmerkungsapparates.

Wirkung und Grenzen der Kunst

Literarischer Visionär und Gesellschaftskritiker: Aldous Huxley (1894-1963)
Literarischer Visionär und Gesellschaftsphilosoph: Aldous Huxley (1894-1963)

Im Vorwort, das nicht nur eine Vorrede ist, sondern bereits als Essay verstanden werden darf, skizziert er die Wirkmacht und Grenzen der drei genannten Kunstformen. Musik und Malerei vermögen die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren auszudrücken. Aber kann das die Literatur ebenso? „Wir können zu gleicher Zeit mehr als eines sehen und mehr als eines hören, doch leider Gottes können wir nicht mehr als eines auf einmal lesen.“ Er habe deswegen vorgezogen, „… tangential, über Kunst zu schreiben“. Der Gegenstand der Poesie müsse aus dem „inneren Sein“ des Dichters kommen, auch wenn sein Universum „nur eine kleine Provinz“ beanspruchen kann. Seinen Geist stützt er beim Schreiben auf eine Sammlung guter Bücher.
Huxley ist stets bemüht in den Essays die Sicht der gesellschaftlichen Entwicklung über den Zeitgeist hinaus in der Zukunft ins Visier zu nehmen. Das Chaos, in dem das Gegenteil endet, hat er in seinen Romanen veranschaulicht. Vor allem in der „Schönen neuen Welt“(1932). Dort entwickelte sich aus reinem Vergnügungs-Interesse eine Orgie, an deren Ende der Protagonist nach dem Aufwachen Suizid begeht.

Verständlich erklärt und brillant geschrieben

Nicht nur seine Denkart als Schriftsteller bringt er uns näher, er vermittelt auch die Basics einer Theorie von Literatur und Kunst, indem er verständlich erklärt und brillant, offen geständig und ungeschminkt vom Gemüt und von der Ambivalenz schriftstellerischen Schreibens und des eigenen sowie des Lesers Anspruch an seine Thematik und Formatik erzählt. Er lässt darin die Eitelkeit des Autors und Kritikverdrossenheit nicht unerwähnt. Nebenbei ist eine exklusive Shortlist einer individuellen Literaturgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts und kritische Anmerkungen bis hin zu Rezensionen bedeutender Werke der Weltliteratur entstanden. Das leistet die Würdigung berühmter Klassiker, aber vor allem auch weniger bekannter Autoren, die Huxley somit in den Rang der Exklusivität erhebt. Nur wenige seien angeführt: Die Italiener, die „aus hundertjährigen Gedenkfeien Lebensfreude“ schöpfen, oder sein Landsmann Edward Lear mit seinem „Nonsense“, der ihm als einer der wenigen „auf eine zweite Lektüre Lust“ macht. Oder der „Wüstling“ Baudelaire als „großer Philosoph“. Diese Andeutungen sollen genügen, um auf die Sphäre der unbedingten Lesbarkeit Huxley’scher Essays aufmerksam zu machen und darauf, „dass das Leben es wert ist, gelebt zu werden“.

Was ist eigentlich „modern“?

FAZIT: Die in gut nachvollziehbarem und lesbarem Erzählstil, ohne akademisch-trockene Wissenschaftlichkeitsallüren verfassten Essays von Aldous Huxley „Form in der Zeit“ erschließen den Hintergrund des Denkhorizonts und der Erlebenswelt des Dichters und kommentieren gekonnt subjektiv wichtige Epochen und ihre kulturhistorischen Vertreter in der Literatur, Malerei und (bruchstückhaft) Musik der drei vergangenen Jahrhunderte.

Was für die Literatur gilt, stimme auch für die Bildende Kunst. In diesem Abschnitt gibt Huxley eine Antwort auf die Frage, was eigentlich „modern“ heißt und wer oder was ein Maler sei. Ausgewählt wurden vorwiegend Essays zu Breughel, El Greco und Goya. Und er beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kunst und Religion am „rätselhaften Fall der Barockkunst und des Katholizismus im 17. Jahrhundert“. Im Barock fühlten sich die Künstler vermutlich „Zur Erkundung des Übermäßigen veranlasst“. Am Ende spielten viele, auch gegensätzliche Determinanten die entscheidende Rolle. Selbst im Zeitalter der Atomphysik blühten Astrologie und der Glaube an Zahlen. Huxley gelangt zu dem Schluss, dass Kunst und religiöses Leben eher im Nebenher als in der Verschmelzung existierten.
Am kürzesten fällt die Rubrik über Musik aus. Beethoven habe seines Erachtens Glückseligkeit im „Benedictus“ zum Ausdruck gebracht. Im Allgemeinen sei aber die Wahrheit eines Musikstückes nicht isoliert zu betrachten, folglich auch nicht in Worte zu fassen. „Der Rest ist Schweigen“ – so ein Essay-Titel. Und Gesualdo mit „Variationen über ein musikalisches Thema“.

Die in gut nachvollziehbarem und lesbarem Erzählstil, ohne akademisch-trockene Wissenschaftlichkeitsallüren verfassten Essays von Aldous Huxley erschließen den Hintergrund des Denkhorizonts und der Erlebenswelt des Dichters und kommentieren gekonnt subjektiv wichtige Epochen und ihre kulturhistorischen Vertreter in der Literatur, Malerei und (bruchstückhaft) Musik der drei vergangenen Jahrhunderte. ♦

Aldous Huxley: Essays Band II – Form in der Zeit, Über Literatur, Kunst, Musik, 336 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50111-8

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Gesellschaftskritik auch das Zitat der Woche:
Von den Deckmäntelchen „Modernisierung“ und Flexiblisierung“

Patrick Worsch: Fotomord (Roman)

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Ein Täter wider den Trend

von Horst-Dieter Radke

Eine alleinerziehende Mutter in Wien verliert ihren Job an einer Tankstelle, weil sie einer Prominenten untersagt hat, Bilder aus dem Kindergarten, auf denen auch ihr Sohn zu sehen ist, zu posten. Ein stiller Verehrer, der von Anfang an als Sonderling gezeichnet wird, bekommt das mit und will Rache nehmen für die Angebetete. Die Tochter der Familie, die für die Entlassung verantwortlich ist, will er entführen und so auf das Problem aufmerksam machen, dass Eltern Bilder ihrer Kinder öffentlich machen ohne dass diese eine Chance haben, sich dagegen zu wehren. Der Gatte ist außerdem noch ein Politiker, der gerade im Wahlkampf steht und auf Populismus setzt. Die ganze Sache läuft aber aus dem Ruder und endet schlimmer als geplant.

Die Hässlichkeit unserer Onlinekultur

Patrick Worsch - Fotomord - Roman - Amazon Cover - Glarean MagazinLeser, die einen Thriller mit zeitaktuellem Thema lesen wollen, bekommen diesen in dem neuen Roman „Fotomord“ von Patrick Worsch auch geliefert, aber anders als erwartet. Spannungsmomente sind dünn gesät, stattdessen gibt es seitenlange Dialoge, in denen Meinungen und Vorstellungen ausgebreitet werden, auch von Personen, die nur am Rande auftauchen und keine handlungstragenden Rollen spielen. Das Thema selbst – Veröffentlichen von privaten Fotos, insbesondere von Kindern, in aller Öffentlichkeit – wird zwar immer wieder aufgegriffen, aber meistens in extremer, von der Normalität abweichender Form.

Das Figurenpersonal ist meist grob verzerrt gezeichnet: Stillvogel, der alte Nachbar des Sonderlings Trommler, den dieser freiwillig und unentgeltlich zur Dialyse fährt, ist ein negativer, schimpfender, sich in Zoten ausdrückender und überheblicher Mitbürger, wie wir ihn uns alle auch in der gemäßigten Form nicht wünschen. Der Bruder jener arbeitslos gewordenen Frau ist ein assimilierter Serbe, der wunderbar das Negativbild der Balkaneuropäer spiegelt. Als sich später die Presse und die ganze Gesellschaft gegen ihn wendet, weil er plötzlich verhaftet wird und als Täter gilt – was er nicht ist –, wird dieses Bild noch gröber. Im zweiten Teil gibt es Einschübe mit Hashtag, die die Onlinekultur unserer Zeit in all ihrer Hässlichkeit zeigen. Einzig hierbei geht es aber letztendlich harmloser zu als in der Realität.

Stilistisch entwicklungsfähig, aber facettenreich

FAZIT: Der Roman „Fotomord“ von Patrick Worsch reißt ein höchst aktuelles Problem unserer Web-2.0-Welt an: Sind Kinderbilder in den Social Medias als Ausdruck elterlicher Liebe zu werten? Oder sind sie bereits Kindesmissbrauch? Self-Publisher Worsch schreibt zwar psychologisch nachvollziehbar und differenziert über den Täter und sein Umfeld – wenn auch manchmal grob überzeichnet -; schrammt das Thema selbst aber nur am Rande. Wer einen puren Spannungsthriller erwartete, wird enttäuscht, wer eine literarische Beschäftigung mit dem Problem der Tätermotivation sucht, kommt auf seine Kosten.

Kein richtiger Thriller, keine spannende Lektüre, übertriebene Darstellung des Romanpersonals – lohnt es sich denn, diesen Roman zu lesen? Doch, das lohnt sich durchaus, nämlich vor allem dann, wenn man sich auf diesen „anderen Thriller“ einzulassen bereit ist. Man legt den Thriller „Fotomord“ vielleicht öfters aus der Hand, als man es bei diesem Genre gewöhnt ist, aber man denkt möglicherweise auch mehr über die einzelnen Facetten der Übertreibungen – bei Personen und Handlung – nach. Der anfangs sehr im Trüben bleibende Trommler, den man sich zunächst gar nicht richtig vorstellen kann, gewinnt nach und nach Kontur, bis er zum Schluss in seiner ganzen Zerrissenheit, aber deutlich vor dem inneren Auge des Lesers steht. Dies ist gut gelöst worden, zumal er, obwohl Täter, der Protagonist des Romans ist. Antagonist ist jemand anderes.
Zu raten ist dem Autor aber für seine folgenden Bücher, bei den überlangen Dialogen lieber etwas zu kürzen. Und das Lektorat sollte sein Augenmerk vielleicht ein wenig auf die umgangssprachlichen Details richten. Es ist zum Beispiel so oft von „Schnallen“ die Rede, das man dann doch hier und da irritiert ist… ♦

Patrick Worsch: Fotomord (Roman), 632 Seiten, CreateSpace Publishing (Kindle Edition – Amazon), ISBN 978-3-200-05609-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kinder auch über den Roman von
Christine Drews: Sonntags fehlst du am meisten

… sowie über den neuen Roman von
Edgar Rai: Halbschwergewicht

Philip Teir: So also endet die Welt (Roman)

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Ein Urlaub am Meer

von Günter Nawe

Ein Urlaub am Meer, in der Einsamkeit Finnlands. Ein altes, schon etwas verfallenes Ferienhaus. Diese Landschaft, dieses Haus wird im Roman von Philip Teir: So also endet die Welt zum Kristallisationspunkt einer dramatischen Familiengeschichte – eher noch: von vier sehr unterschiedlichen Beziehungsgeschichten.

Philip Teir - So also endet die Welt - Roman - Blessing Verlag - CoverEine ganz normale Familie zieht in dieses Ferienhaus: Julia, mittelmäßig erfolgreiche Schriftstellerin, leidet unter einer Schreibblockade, mehr aber noch unter ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau. Ihr Mann Erik allerdings „konnte nicht wissen, wie es war, sie zu sein. Zu fühlen, wie sie. Er konnte ihr die Einsamkeit nicht nehmen.“ Genauso wenig wie Julia sich in die seelische Verfassung ihres Mannes versetzen kann. Erik, gerade entlassen und nun arbeitslos, verschweigt den Rauswurf aus seiner Firma, ist aber auch nur bedingt bereit, sich um einen neuen Job zu bemühen. Stattdessen trinkt er und versucht so, seine Frustration und Depressionen und nicht zuletzt seine Einsamkeit zu bekämpfen.
Längst versuchen auch die beiden Kinder Alice und Anton, sich dieser bedrückenden Atmosphäre zu entziehen. Sie gehen eigene Wege. Anton ist ein stiller, aber sehr genauer Beobachter des Dramas, das sich um ihn herum abspielt. Und Alice findet in Leo einen Partner für die junge Liebe und einen verlässlichen Freund.

Nicht belastbare Lebensentwürfe

Philip Teir: So also endet die Welt - Portrait Glarean Magazin
Philip Teir (Geb. 1980)

Philip Teir hat eine Familiengeschichte geschrieben, in der sich die Lebensentwürfe seiner Protagonisten als nicht belastbar erweisen, Verwerfungen entstehen und gesellschaftliche Normen nicht mehr gelten. Auch weil die Gesellschaft nicht mehr das ist, was sie einmal war.
So werden die Geschichten von Philip Teir zu einem Spiegelbild der Gesellschaft. Vor allem auch in den Beziehungsgeschichten der anderen Menschen, die sich in der Einsamkeit der finnischen Landschaft finden. Und das in einer aufgeladenen Atmosphäre.

FAZIT: Philip Teir hat einen großen, einen meisterlichen Roman geschrieben, eine Art Psychothriller über so ganz unterschiedliche Beziehungsgeschichten, die über das Persönliche hinaus ein Spiegelbild einer sich grundlegend verändernden Gesellschaft sind.

Roman-Stoff am Puls der Zeit

„So also endet die Welt“ legt einmal mehr – er hat bereits mit dem Roman „Winterkrieg“ 2014 ein großartige Debut hingelegt – den Finger auf den Puls der Zeit, beweist ein Gespür für menschliche und zwischenmenschliche Gefühlslagen. Immer auch im Kontext zu den gesellschaftlichen Veränderungen, die sich vor allem in einem zweiten Paar manifestieren.
Da sind Chris und Julias Jugendfreundin Marika. Auch deren Ehe leidet – in erster Linie unter dem Verhalten des sexsüchtigen Weltverbesserers und Umweltaktivisten Chris, dessen Credo es ist, „dass es keine Hoffnung gibt, dass uns nicht mehr retten kann“. Auch die Ehe von Chris und Marika nicht.
Teir beschreibt die Situation dieser beiden Paare mit psychologischer Grundierung. Wie mit einem Seziermesser und mit tiefen Gespür für die menschlichen Gefühlslagen legt Philip Teir die Schichten der seelischen Verletzungen offen. Und wie in einem Schachspiel setzt er seine Personen in Beziehungen zueinander. Er beschreibt ihre Sehnsüchte nach Sicherheit, nach Glück, nach Liebe und gleichzeitig ihre Verzweiflung. Ein meisterlicher Roman.
Eine Art Gegenpol bieten Eriks Bruder Anders, eine Art Aussteiger, der sich am Ende in dieser brüchigen, sich auflösenden Feriengesellschaft wiederfindet. Ein stiller, nachdenklicher Mensch. Er wird in der von Depressionen geplagten Therapeutin Katie eine verwandte Seele und endlich einen Halt finden.
Vier Paare in einem Sommerdrama in finnischer Einsamkeit. Über Erik schreibt Teir an einer Stelle „Es war so ein Tag, an dem er eine Wahrheit finden wollte. Gefunden hat er sie nicht“. Erik nicht und allen anderen Personen in diesem Drama nicht. Dennoch: Ganz ohne Hoffnung bleibt der Leser nicht zurück. ♦

Philip Teir: So also endet die Welt, Roman, 300 Seiten, Blessing Verlag, ISBN 978-3-89667-606-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Familien-Drama auch über
Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

Weitere Links zum Thema Familie als Spiegelbild der Gesellschaft:
Ulrike Herwig: Das Leben ist manchmal woanders

Tracy Chevalier: Der Neue (Roman)

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Rassismus und Intrigen – „Othello“ auf dem Schulhof

von Sigrid Grün

Im April 2016, pünktlich zu Shakespeares 400. Geburtstag, startete in über 20 Ländern das „Hogarth Shakespeare Projekt“, bei dem es darum geht, dass zeitgenössische Autoren Shakespeare neu interpretieren. In dem Roman von Tracy Chevalier: Der Neue erzählt die Autorin die Geschichte von Othello, dem Mohr von Venedig neu.
Washington D.C., 1974. Der Diplomatensohn Osei ist mit seinen Eltern gerade von New York in die Hauptstadt gezogen und neu in der 6. Klasse der Grundschule. Einen Monat vor dem Übertritt an die High School muss er sich auf dem Schulhof und im Klassenzimmer beweisen. Das kennt er schon, denn er hat bereits in Rom, London und New York gelebt. Geboren ist er allerdings in Accra, der Hauptstadt Ghanas.

Shakespeare für die Neuzeit

Tracy Chevalier: Der Neue, Roman, Knaus VerlagAn der Washingtoner Vorstadtschule ist Osei der einzige Schwarze. Und obwohl er mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein auftritt und damit sofort das Herz der allseits beliebten Vorzeigeschülerin Dee gewinnt, ist die Atmosphäre in der Schule angespannt. Nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer begegnen dem schwarzen Jungen mit Vorurteilen und Misstrauen. Durch Freundlichkeit und seine gewinnende Ausstrahlung erarbeitet sich Osei bei einigen Schülern aber rasch einen guten Ruf.
Das ist vor allem dem Schulhof-Rowdy Ian ein Dorn im Auge. Er spinnt gerne Intrigen, um ein Gefühl der Macht zu erleben. Und als sich ihm die Gelegenheit bietet, die Schülerschaft gehörig aufzumischen, nutzt er die Chance. Er spielt einen gegen den anderen aus, schürt Hass und Eifersucht. Das Ganze endet – genau wie bei Shakespeare – in der Katastrophe.

Diskriminierung schmerzhaft geschildert

Tracy Chevalier (geb. 1962)
Tracy Chevalier (geb. 1962)

Tracy Chevalier gelingt es, die Geschichte um Othello auf aufwühlende Weise neu zu erzählen. Die Diskriminierung, die geschildert wird, ist für den Leser oft äußerst schmerzhaft.
Bisweilen wirken Ians Intrigen allerdings etwas gar konstruiert. Er ist hochgradig manipulativ – und keiner merkt etwas, alles geht glatt und läuft immer nach Plan. Das Ganze scheint mir doch recht unrealistisch: Wie ist es möglich, dass ein Junge und ein Mädchen sich sofort ineinander verlieben, aber unhinterfragt alles glauben, was ein Fremder, der noch dazu äußerst verschlagen wirkt, ihnen erzählt? Und kann ein Junge in der 6. Klasse bereits derart strategisch vorgehen?

Folgenlose Abschaffung der Rassentrennung

FAZIT Der Roman von Tracy Chevalier: Der Neue ist eine gelungene Neuinterpretation von Shakespeares Othello, die vor Augen führt, welche Rolle Diskriminierung auch noch in heutiger Zeit spielt. Wenngleich kleine Schwächen auffallen, die die Story teilweise zu konstruiert wirken lassen, ist es eine Geschichte, die beeindruckt. Gut vorstellbar, dass es auch eine hervorragende Schullektüre zum Thema Mobbing und Rassismus wäre.

Doch trotz der leisen Zweifel, die bisweilen aufkommen, hat mich Chevaliers Buch tief berührt. Die Schilderung der Ungerechtigkeit, die Osei nur aufgrund seiner Hautfarbe widerfährt, macht wütend. Selbst die Lehrer, allen voran der Klassenlehrer Mr. Brabant, sind ignorant und voller Vorurteile. Obwohl Osei aus privilegierten Verhältnissen kommt, unterstellt die Direktorin, dass er aus armen Verhältnissen stammen müsste. Es ist eine Mischung aus offenem und verdecktem Rassismus, der dem neuen Schüler entgegenschlägt. Die Abschaffung der Rassentrennung durch den Civil Rights Act lag 1974 bereits zehn Jahre zurück, geändert hatte sich aber noch nicht viel.
Chevalier hält sich natürlich nicht genau an die Shakespeare-Vorlage. Mr. Brabant (Brabantio) ist der Klassenlehrer und nicht der Vater von Dee (Desdemona). Ian (Jago) ist nicht Oseis (Othellos) Untergebener, sondern ein Mitschüler. Aber strukturell ist die Geschichte der Vorlage sehr ähnlich. Chevaliers Geschichte spielt an einem einzigen Schultag und ist, wie bei Shakespeare, in fünf Akte unterteilt. ♦

Tracy Chevalier: Der Neue, Roman, 192 Seiten, Knaus Verlag, ISBN 978-3-8135-0671-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Rassismus auch über
Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

… sowie das Gedicht von
Peter Fahr: Willkommen (Flüchtling-Gedicht)

Weitere Internet-Beiträge über Tracy Chevalier
Der Neue (Geschichtenentdecker)
Das Mädchen mit dem Perlenohrring (hak-Bregenz)
Zwei bemerkenswerte Frauen (Von Mainberg Büchertipps)

Bernhard Schlink: Olga (Roman)

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Eine außergewöhnlich gewöhnliche Frau

von Isabelle Klein

In dem Roman von Bernhard Schlink: Olga breitet der Autor eine Geschichte über eine starke Frau in stürmischen Zeiten aus, die beinahe novellenartig anmutet, derart reduziert ist dieser dreiteilige Roman, der mit seiner Kürze als auch mit schnörkelloser Sprache gleichermaßen verwundert wie fasziniert. Am Anfang das eine, zum Ende das andere.
Wir erleben in Schlinks Erzählung Olgas Kindheit, die alles andere als einfach ist und in ihrer Schlichtheit fast schon märchenhaft wirkt – kurz (bei bestimmten Ereignissen), aber auch wieder sehr ausführlich im Vergleich zu manchen Stellen des ersten Teiles, in denen viele Jahre auf wenigen Seiten umrissen werden, und dabei skurril, geradezu kafkaesk in der Schilderung der Vorkommnisse.

Im Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches

Bernhard Schlink - Olga - Roman - Diogenes Verlag (Cover)
Bernhard Schlink – Olga – Roman – Diogenes Verlag

Zur Waise geworden im Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches, wächst sie bei ihrer Großmutter auf: Liebe zu erfahren sei noch wichtiger als zu lieben, wird Olga im hohen Alter sagen. Gerade weil sie als kleines Mädchen eben dies nie erleben durfte. Die „arme“ Olga, die etwas „slawisch“ anmutet und darum abgelehnt wird, schließt Freundschaft mit den Kindern des hiesigen Grundbesitzers. Hier werden die Weichen ihres Lebens – einerseits ambitioniert und emanzipiert – gestellt (eben alles andere als arm), andererseits ist ihre Stärke zugleich Teil ihrer Schwäche, denn sie wird nie über ihren selbst gewählten festgesteckten Radius hinauskommen.
Und gerade hier zeigt sich einmal mehr, wie raffiniert Schlink diesen Roman konzipiert hat. Gerade als man denkt, Olga und ihre mangelnde Freude an Herberts  – ihre große und einzige Liebe – Welterkundung verstanden zu haben, zeigt uns der Autor im dritten Teil – der aus Briefen besteht, die Olga über viele Jahre an den Geliebten adressiert hat -, dass Olga eben doch mehr ist als die Summe ihrer Handlungen: „Dass du zurückkommst und mich all das fragst, was du mich nie gefragt hast: Wie ich leben möchte, ob ich lieber etwas anderes täte als Kinder zu unterrichten, die nicht unterrichtet werden wollen, und was das wäre und was ich von der Welt sehen, wohin ich reisen und wo ich leben möchte, wie Du mir bei alledem helfen kannst.“

Gefangene eines kolonialistischen Umfeldes

Zurück zum Anfang: Weichenstellend für ihr Leben ist die Begegnung mit den Kindern des hiesigen Grundbesitzers, Herbert und Viktoria. Welch imperialistischer Name, der zugleich für die Geisteshaltung der Deutschen zu Zeiten des Kaiserreiches steht! Kolonialismus ist Programm, vor allem in Herberts Leben, der sich dem Regiment und dem Kampf in „Deutsch-Südwest“ gegen die Herero anschließen wird. Die drei sind Gefangene ihres gesellschaftlichen Umfeldes, jeder trägt archetypische Züge in sich. So ist die, die augenscheinlich „arm“ dran ist, die kleine Olga mit dem unerwünschten Background, eben doch gerade die Starke, Ambitionierte, politisch Interessierte und Emanzipierte, kritisch Denkende. Sie alleine wird es aus eigener Kraft zu etwas bringen im Leben, ganz die Selfmade-Frau – Erfolg durch Wissen und Lehre. Und so zieht sich die vermeintliche Schwäche, an Beruf und lokaler Eingebundenheit festzuhalten auch durch das Leben der älteren Olga. – Sie verliert ihr Gehör – welch Glück, denn so muss sie den ungeliebten Nationalsozialismus und die lautstarken Auftritte nicht mit anhören.

Erfolgsautor Bernhard Schlink (hier bei einem TV-Interview) - Glarean Magazin
Erfolgsautor Bernhard Schlink (hier bei einem TV-Interview)

Während Olga mit Herbert eine Freundschaft verbindet, die zu Liebe heranwächst und Zeit ihres Lebens bis über seinen Tod hinaus anhält, ist ihr Verhältnis zu Viktoria von Anfang an belastet. Zerfressen von Standesdünkel, Borniertheit und Neid hintertreibt sie immer wieder deren Freundschaft und aufkeimende Liebe, intrigiert gegen die von Herbert gewünschte Heirat. Doch Olga wäre nicht Olga, wenn sie nicht bemerkenswert ruhig und stark bliebe, unbeirrt ihren Weg ginge. Wie sie später einmal zu Ferdinand (ihr Quasi-Enkel im Nachkriegsdeutschland) sagen wird: „So ist das Kind. Du kannst aus dem, was dir gegeben ist, nicht das Beste machen, wenn du es nicht annimmst.“ Und darin ist Olga wahrlich eine Meisterin!
Heimliche Treffen über Jahre hinweg, lange Zeiten der Abwesenheit, als Herbert zunächst Soldat wird und dann nach Deutsch-Südwest reist, um im irrigen missionarischen Eifer das angeblich überlegene Deutsche der kolonialen Welt zum Heil zu bringen – das ist Olgas Leben als junge Frau. Sie scheint zufrieden mit ihrem kleinen Wirkkreis und freut sich über Berichte von einem fernen Land.

Vom Kaiserreich zum Nazi-Größenwahn

Gekonnt greift Schlink in diversen Andeutungen das Machtstreben der Deutschen auf und an, lässt es schließlich mit der alten Olga in Schall und Rauch aufgehen. Über die Herero, das Streben nach weiteren Kolonien, den nationalsozialistischen Größenwahn durch die Erschließung von „Lebensraum“ im Osten, dem ihr Ziehsohn Eik willenlos verfällt, bis hin zu den 1960ern: Immer wollen die Deutschen alles zu groß. Und so entwirft Schlink ein Gemälde, das äußerst reduziert, schlicht in dem Durchstreifen der Abläufe ist (da werden locker mal Jahre auf 15 Seiten abgerissen), die den Leser über die größeren Zusammenhänge deutscher Geschichte sinnieren und sich ihrer bewusst werden lässt.

Fazit: „Olga“ von Bernhard Schlink ist der Roman über eine außergewöhnlich gewöhnliche Frau inmitten stürmischer Zeiten – vom Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches bis zum Größenwahn der deutschen Nazis. Schlink entwirft ein raffiniertes Zeiten-Gemälde und fesselt mit tragischen und zugleich aufbauenden Handlungssträngen.

Bemerkenswert ist der Stellenwert der Zahl Drei, die immer wiederkehrt. Drei Freunde aus Kindheitstagen, die ihre Lebenswege nachhaltig beeinflussen; Drei Männer, die Olga Vertraute und Weggefährten in unterschiedlichen Lebensstadien sind: Da ist der bereits genannte Herbert, über den sie Zeit ihres Lebens nicht hinwegkommen wird; dann Ziehsohn Eik, der sich genau so wie Herbert einer wahnwitzigen Idee verschreiben wird. Dritter im Bunde ist der junge Ferdinand, den Olga durch ihre Arbeit als Näherin in der jungen Bundesrepublik kennenlernen wird – ihr Vertrauter der letzten Jahre. Hier schließt sich der Kreis, denn die Zahl Drei repräsentiert auch den Aufbau des Romans, und Ferdinand kommt gerade im dritten Teil überragende Bedeutung zu.

Tragisch und aufbauend zugleich

Im ersten Teil lässt uns ein auktorialer Erzähler im Zeitraffer am Leben Olgas in Ostpreußen bis hin zur Vertreibung teilnehmen. Daran schließt ein personaler Erzähler – eben Ferdinand – an, der Olgas Leben als ältere Dame skizziert. So weit, so gut – sehr gelungen und raffiniert schließt Schlink damit den Kreis, indem er Ferdinand auf die Suche nach verschollenen Briefen gehen lässt. Und so erfahren wir endlich ein wenig mehr, als die ruhen gelassene Fassade über die Jahre hinweg preisgibt. ein gelungener und raffinierter Schachzug von Schlink, so letztlich alles wieder zueinander zu führen und dabei doch noch die eine oder andere Überraschung parat zu halten.
Olgas Geschichte ist tragisch und aufbauend zugleich. Es ist die Geschichte einer Frau, die weiß was sie will und wofür sie steht, auch wenn die Männer ihr immer einen Strich durch die Rechnung machen mit ihren Wertewelten… ♦

Bernhard Schlink: Olga, Roman, 320 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3257070156

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Roman von
Philip Pullman: Über den wilden Fluss

Ernst Halter: Mermaid (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 10 Minuten

Liebe wuchert nicht für die Zukunft, sie verschwendet sich jetzt

oder

Einverleibung gleich Kommunion gleich Zeit als Ewigkeit gleich Seele gleich das Gute

von Karin Afshar

Ein Gedanke fällt mir zu, während ich das gerade eingetroffene Buch zur Hand nehme und mir seinen Einband anschaue – Amor und Psyche ineinander versinkend: Man muss merken, wann man am Ende der Hoffnung angekommen ist. Über diese Grenze hinaus verliert man Lebenszeit. – Damit beginne ich zu lesen. [K.A.]

In „Mermaid“ von Ernst Halter geht es um Liebe und Besessenheit, auch um Erotik und Leidenschaft. Ein (nicht ganz glücklich) verheirateter Mann lässt sich auf ein Abenteuer ein… Das ist miserabel banal ausgedrückt! Zweiter Versuch: Ein Mann und eine Frau verfallen einander und können nicht wieder voneinander lassen. Nomaden sind beide, Suchende (nach sich selbst), und werden aneinander zu Grenzgängern und auch -verletzern. Es geht um das Entgrenzen in der gegenseitigen Hingabe; am Ende – soviel sei verraten – um die Entfesselung des Zerstörerischen. Engelssturz – aus dem Jenseits ins Diesseits. Untergang – das Diesseits mit Kraterzugängen zur Unterwelt.

Stella alias Persephone von Rosetti

Ernst Halter - Mermaid - Roman - Cover - Glarean MagazinStella, die häufig in Deutschland zu tun hat und aus Zürich stammt, lebt in Mailand und ist Kunsthistorikerin. Sie arbeitet als Jurorin und Ausstellungskuratorin für Museen und Galerien, ist erfolgreich und auf dem öffentlichen Parkett gewandt. Eine schöne Frau, die sich zu kleiden weiß und ihre Ausstrahlung auch einsetzt. Privat – ist sie kompliziert, mal Kindfrau, mal dominierend, mal unterwürfig, zweifelnd, unsicher, kokettierend. Präraffaelitisch – ich erinnere mich, das Wort an einer Stelle gelesen zu haben. Das trifft es. Die Persephone von Rosetti – in Blond allerdings, ich glaube, Stella ist blond.
Elias, Sohn einer dänischen Mutter, ist Lektor, schreibt Bücher, übersetzt, veröffentlicht Gedichte – ein Literat, ein Mann der Worte. Er ist mit Ellen, einer Engländerin, die eine traumatisierende Kindheit hinter sich hat und an Depressionen leidet, verheiratet und bewohnt mit ihr ein Haus (wo, ist mir nicht erinnerlich). Von Elias habe ich kein Gesicht, auch kein Alter, keine Körpersprache. Er bleibt unphysisch und ein Schemen.

Erschreckend wie ein dunkler Zauber

Dante Gabriel Rossetti: Proserpine (Persephone)
Dante Gabriel Rossetti: Proserpine (Persephone)

Stella und Elias lernen sich in Frankfurt kennen (einem Ort, in dem beide fremd sind) und treffen sich von nun an in Hotels, abgelegenen Pensionen, in Burgen und Schlössern, in Wäldern, entlang von Bahnlinien, auf Bergen, in Tälern, in der Schweiz, in Deutschland, das Elias mehr entspricht, während sie mit dem schroffen Land ihre Schwierigkeiten hat. Im Laufe der Geschichte wird sie sagen: „Ecco la Cimmeria tedesco, orsi, mammuti…. Cerco di convincermi della tua realtá. Dieses Germanien – ich weiß kein besseres Wort – ist so unwiderstehlich und erschreckend wie ein dunkler Zauber…“
Verzauberung. Verwünschung. Gibt es die eine Liebe? Oder verschiedene? Eine für die eine Frau und eine für die andere? Und Frauen? Lieben sie immer gleich? Ernst Halter – in diesem April 80 geworden – lässt seinen Helden und seine Heldin dies erkunden. Er schickt sie aus, die Antwort den Tiefen des ewigen, zeitlosen Meeres zu entreißen und an den Strand der Gegenwart zu werfen. Da ist sie – die Meerjungfrau aus dem Reiche Neptuns, die, um in der Gegenwart sein zu können, sich mit einem Sterblichen verbinden muss. Natürlich nicht zufällig legt der Autor Elias als Namen für Stella Mermaid in den Mund. Aber sie ist auch Tulipan, Estelle, Regina Macondo, Madonna dell’adulterio, Stella blu, … der blauen Augen wegen. (Blau sind auch die Augen von Dämonen.) Und dann tauchen noch andere Namen auf: Venus und Ishtar. Ich kläre weiter unten auf, woher hier der Wind weht.

Im Heimlichen unheimlich nahe

Ernst Halter (*1938 in Zofingen/Schweiz)
Ernst Halter (geb.1938 in Zofingen/Schweiz)

Auf einem Meer, dessen Oberfläche sie trägt, dessen Oberfläche abwechselnd Stella und Elias selbst sind (er schreibt „auf ihr“ seine Gedichte), treibt die Beziehung, die Stella und besonders Elias zukunftstragend zu gestalten sich nicht trauen. Unter der Oberfläche dieses Meeres des Noch-nicht-Gewordenen und des Schon-wieder-Entwordenen ist die Zeit noch ungeteilt. Halt – ungeteilte Zeit ist nicht Zeit; denn Eigenschaften von Zeit sind Gegenwart und Vergangenheit. Wir bewegen uns in diesem Ozean im Ungeteilten und im Ewigen – mit uns die beiden Liebenden, die sich in ihrer ewigen und dann wieder abgrundtiefen Umarmung im ständigen Umherziehen im Heimlichen unheimlich nahe kommen und einem Schiffbruch entgegensteuern.

Das Wesen der Liebe verwebt Ernst Halter also mit Zeit: mit der Anwesenheit des Vergänglichen und der Abwesenheit des Ewigen, oder umgekehrt. Das Ewige existiert allerdings nicht, denn es west außerhalb der Zeit. Der englische Gruß: Sein unerschaffenes Licht leuchtet außer jeder Zeit, es ist mitleidlos und erlischt nach einem einzigen Nu.

Als Leser durch das Tor des Wenn geschoben

Die Grenze oder Zäsur, die wir in „Mermaid“ finden werden, wird formell durch den Briefwechsel mit einem längst toten Schriftsteller gezeichnet. Dieser weist unseren Autor auf seine Denkfehler hin, wirft ihm Scheinlogik vor, und dass er den Leser um seine Freiheit bringe. Ein ganz und gar wirksamer Kniff ist das, den der Autor Ernst Halter hier anwendet. Indem er als „Erzähler-Schreiber“ dieser außenstehenden Person (die ihn als „sich als Gott aufführenden Erzähler“ bezeichnet) antwortet, verteidigt er seinen Plot, für den er die schwierigste, nämlich die „normale Variante des Liebesthemas“ gewählt hat.
Wir als Leser (jetzt in den Fortgang der Geschichte einbezogen), die längst heraufgezogene Peripetie und Katastrophe und die Protagonisten werden durch das Tor des Wenn geschoben. Dieses Tor steht für die Schwelle zum Nie-Realisierten. Doch wir wären nicht Menschen, wenn wir für Stella und Elias nicht doch noch auf die Wendung zum Guten hofften – irgendwie. Schriftsteller wissen dergleichen, und so hält es auch Ernst Halter und schreibt uns auf die angedeuteten vier bösen Wörter hin.
Eine neptunisch-schillernde Geschichte mit Untiefen – ich schaue sie aus der strukturellen Richtung an. „Mermaid“ spricht in vielen Stimmen, deren Gegensätzlichkeiten und Dualitäten der Autor-Erzähler dem Leser zur Zusammensetzung überlässt.

Neun Stimmen, neun Handlungslinien

Neun Stimmen, neun Linien meine ich gefunden zu haben. Sie treten in Form von unterschiedlichen „Textsorten“ oder Handlungssequenzen mit verschiedenen ineinanderfließenden Erzähltempi auf.
Da ist die Stimme von Stella, die in einem Bewusstseinsstrom über die Beziehung und die Geschehnisse spricht. Daneben gibt es Auszüge aus Briefen und elektronischer Post von Stella an Elias, von ihm an sie. Es gibt eine auktoriale Linie, die hineinschlüpft in das Subjektive von Elias oder Stella (Bilder des Innen-wie Außenseins, Bei-sich-Seins und Außer-Sich-Seins wechseln sich ab). Auch Ellen, Elias‘ skizzenhaft in Erscheinung tretende Ehefrau, erhält eine Stimm-Linie. Traumsequenzen sind eine nächste Linie. Hier und da stößt aus dem Unsichtbaren eine Rahmen-Handlungslinie nach oben an die Oberfläche: Elias aus dem OFF, aus dem post mortem und in neuem Leben.
Eine offene Textstruktur, in der die einzelnen Kapitel autonom für sich stehen könnten. Könnten, denn sie bestehen durchaus nicht – ähnlich den Verbindungen in einem Rhizom – aus isolierten Einheiten. Wie komme ich denn bloß auf Rhizom? In der Biologie bezeichnet ein Rhizom einen Wurzeltyp, der morphologisch als Nebeneinander-/Ineinanderwachsen von Sprossen oder Stängeln oder Trieben beschrieben wird. Ein Rhizom kann sowohl über- als auch unterirdisch in alle Richtungen wachsen. Es wuchert. – Die Linien dieses „Gebildes“ ohne Hierarchie und Ordnung bilden ein Geflecht, in dem alles mit allem verbunden ist. An verschiedenen Stellen wächst etwas nach oben und durchbricht die grenzende Kruste. Die auf der Oberfläche sichtbaren Triebe haben nur scheinbar nichts miteinander zu tun. Autonomie – eine Illusion.

Offenes, nicht polarisierendes Schreiben

"Nomadentum und Schizophrenie" des multiplen Schreibens: Cover von "Mille Plateaux - Capitalisme et schizophrénie" (Deleuze & Guattari 1980)
„Nomadentum und Schizophrenie“ des multiplen Schreibens: Cover von „Mille Plateaux – Capitalisme et schizophrénie“ (Deleuze & Guattari 1980)

Deleuzes & Guattaris „écriture nomade et rhizomatique”1) ist eine „écriture migrante” – ein offenes, nicht abgrenzendes und nicht polarisierendes Schreiben. Das Nomadische und die Nicht-Zugehörigkeit sind ein starkes Motiv in einer solchen Literatur. Nomadisches, rhizomatisches Schreiben setzt die Vielheit, das Multiple, überwindet die Dualität und „lebt“ die Aufhebung der Sukzessivität und Linearität eines Textes. Nomadentum und Schizophrenie. Ein Schizo2) ist der, der mit vielen Stimmen spricht, der mit den Maskierungen spielt und immer unterwegs ist. Er verfehlt sein Ziel, weil er keines mehr hat. Das Verfehlen selbst ist zum Ziel geworden.
Ozean einerseits und Rhizom andererseits. Das Unendliche und das Gewebe mit den vielen Eingängen. Und in dieser Unstruktur Halters Landschafts und Ortsbeschreibungen. Sie sind detailliert, Wegbeschreibungen ähnlich, so dass ich mich frage, warum er die Örtlichkeiten dermaßen redundant beschreibt und benennt. Die Antwort: Sie sind Metaphern für unsere beiden Suchenden – die Landschaften, die Orte sind die beiden Suchenden. Ihre Stimmungen korrespondieren und sind in Resonanz mit den aufgesuchten Orten. Schriftstellerische Zauberei. Sie seien dem Leser ans Herz gelegt.

Virtuoser Rückblick und Abschied

Auch auf die Anspielungen auf Ereignisse der Geschichte an Orten, an denen Elias und Stella sich aufhalten und über die sie sprechen, sei begeistert verwiesen. Allesamt Puzzleteile für das Gesamtbild. Kein Wort ist hier zufällig gesetzt. Mir will darüber hinaus scheinen, Ernst Halter bezieht sich auf eigene ältere Werke – ist nur ein Verdacht, dem ich noch nachgehen werde. Lässt mich sofort an Jean Sibelius denken, der in seiner Siebten, seiner letzten Sinfonie, seine vorherigen in Zitaten noch einmal hat Revue passieren lassen. Abschied, große Virtuosität, und die Einsicht: Alles ist miteinander verbunden, wir leben auf „1000 Plateaus“.
Bleiben wir weiter im Strukturellen: Vier Sprachen begegnen dem Leser. Deutsch als Erzählsprache ist die Sprache der Ausgesprochenheit, Deutlichkeit, sie kann nicht anders. Gleichzeitig verwendet Halter sie in lyrischster Weise als Elias‘ Trägersubstrat, die seine und Stellas Unausweichlichkeit andeutet und beschwört.

Fliehen durch Sommer und Schnee,
der Tod belagert die Straßen
zwischen Umarmung und Abschied,
Vögel löchern die Dämmerung,
die ruhelose Nacht
wimmert und graut ohne Mond.
Verschwinden unter vier Augen,
trinken einander auf einen Zug,
die Lust
siegeln mit Schweigen.3)

Ausgeprägter Zeigecharakter von Sprache

Italienisch ist Stellas Gefühlssprache, ihr Liebesgeflüster, aber auch ihre dunklen Momente, Ahnungen und ihre Drohungen. Es sind „hingeworfene Bröckchen“, meist kurze Ausrufe, Imperative, Bewertungen. Sofern der Leser nicht Italienisch spricht, findet er im Anhang des Buches ein alphabetisches Wörterverzeichnis (darin auch die anderen Sprachen). Der so unterschiedliche Klang von Deutsch und Italienisch, und die Wechsel von der einen Stimmung in die andere, signalisieren einerseits die Spaltung, die sich durch die Protagonisten, ihre Wünsche und ihre Sucht zieht, andererseits den brückenden Zeigecharakter von Sprache in seiner schönsten Ausprägung.
Hier und da wird auch auf Französisch (Sprache der Bildung und Contenance) und Englisch (Ellens Muttersprache, stiff upper lip; und ihrer Rolle entsprechend – hier für das Depressive, das Verquälte verwendet) gesprochen. Dezente Stilmittel, Anzeige der Verwobenheit, der Vielfalt.
Die „Farbe“ der Sprache der Liebenden, ihr Verhältnis zueinander und die Vielzahl der Stimmen lässt das Hohelied Salomos, jene Liebeslieder, die in nicht alltäglichen Bildern, aber mit wiederkehrenden Motiven Vereinigung und Trennung, Begehren und Erfüllung, eben Liebesgeflüster besingen, anklingen. Doch ich frage mich beim Lesen immer dringender, ob Mermaid ein Lied auf die Liebe ist. Haben wir es überhaupt mit einem Liebesroman zu tun?
„Mermaid“ ist alles andere als eine klassische Dreiecksgeschichte mit den „üblichen“ Schuldgefühlen, dem Dilemma des Mannes zwischen Geliebter und Ehefrau, der Angst vor dem Entdecktwerden oder vor eventuellen Forderungen der Geliebten – das ist allenfalls das vordergründige Thema, das in vielen Romanen mal mehr, mal weniger tiefgehend psychologisch aufgearbeitet wird.

Quadratur einer tiefgründigen Vierecksgeschichte

Schatten der literarischen Protagonisten: Die schön-zerstörerische Göttin Lilith
Schatten der literarischen Protagonisten: Die schön-zerstörerische Schwarze Venus Lilith

„Mermaid“ ist eine tiefgründige Vierecksgeschichte. Schauen wir bei Carl Gustav Jung nach: In einer Liebesbeziehung gehen Mann und Frau sowie die Anima eines Mannes (sein Frauenbild bzw. seine weiblichen Anteile in sich) und der Animus der Frau (ihr Männerbild bzw. ihr männlicher Anteil) ein überkreuzendes Quaternio4) ein. Dieses Motiv liegt im Falle von Stella und Elias anders vor. Es sind nicht Anima und Animus, sondern ihre Schatten, ihre Dämonen, die eine Verbindung eingehen.5) Venus und Ishtar, zwei Göttinnen aus unterschiedlichen Mythologien, treffen in Stella aufeinander. Venus-Maria-Eva: die guten Mutterfiguren; in Lilith allerdings findet sich mit der Göttin Ishtar/Inanna das Dunkle, Dämonische, das körperliche Begehren und das Zerstörerische. Sie ist die Schwarze Venus.6)
Wenn nun in dieser „Quadratur“ das Schattenpaar über die Zeit bestimmt, wenn das Unbewusste und Verdrängte über das bewusste Paar-Ich in seiner Verzweiflung die Vorherrschaft übernimmt, werden die beiden Liebenden aneinander böse.
Geschehen wird das, wenn sie in voranschreitender Entfremdung keine Beziehung mehr aufnehmen können. „Böse“ ist das Ungelebte, das verdrängte Gute; das Böse lockt. Die Nixen und die Undinen aus dem Wasser versprechen die verdrängte Erfüllung und wollen dafür das Leben, und nicht weniger, des Anderen. Wird es ihnen versagt, tritt Poseidon als Rächer auf den Plan.

Modern, aktuell, anspruchsvoll

Wann fängt die Obsession an, wo hört die Entfremdung auf? Komisches Wort: Entfremdung. Bedeutet doch eigentlich, dass man sich bekannter wird, weil man sich vom Fremdsein entfernt! Nach dem Moment ihrer Ent-Deckung bricht sich aus beiden dämonisch Böses seinen Weg in die Gegenwart. Das Ungeteilte zerfällt beinahe feixend, springt in die Zeit! Jetzt sind sie in der Profanität einer ganz normalen, die Endlichkeit in sich tragenden Affäre angekommen, in der das offene Ringen mit den eigenen Schatten bestimmend wird. Wie sich dies in der Geschichte ausgestaltet, verrate ich natürlich nicht.

FAZIT: „Mermaid“ von Ernst Halter ist ein Roman, der mehrfach in die Hand genommen werden will, so viele Ebenen und Verbindungen, Verweise auf die Notwendigkeit der Läuterung enthält er. Ein modernes, aktuelles, anspruchsvolles Buch – und für so manche Leser wohl nicht ungefährlich…

Jeder einzelne Leser wird mit einer anderen Antwort als sein Nachbarleser aus der Geschichte herauskommen, wenn er die letzte Zeile von „Mermaid“ gelesen hat. Habe einer Bekannten von meiner Lektüre erzählt. Sie meinte, sie wolle das Buch lieber nicht lesen – vermutlich würde es bei ihr Minen, die sie sehr tief versenkt hat, zünden. So sehe ich es auch: Für einige Leser kann es ein gefährliches Buch sein, denn es könnte sie mit all dem, was sie im Leben ausgelassen haben und das sie ruhen lassen möchten, konfrontieren. Meerjungfrauen sind nicht ungefährlich.

Über den Schweizer Schriftsteller Ernst Halter habe ich absichtlich nichts geschrieben, außer, dass er 2018 seinen 80. Geburtstag feierte. Es heißt, er lebe sehr zurückgezogen und sei ein „sträflich unterschätzter Autor“. „Mermaid“ ist sein bislang letztes Buch, und mit ihm dürfte die Unterschätzung ein für alle Mal der Vergangenheit angehören. Thema und Umsetzung sind mehr als modern und aktuell, sehr anspruchsvoll. Ein Buch, das mehrfach in die Hand genommen werden will, so viele Ebenen und Verbindungen, Verweise auf die Notwendigkeit der Läuterung enthält es.
Ich wünsche allen Lesern einen spannenden Gang durch die schönen Landschaften und die lehrreichen Abgründe… Mögen Sie gewandelt herauskommen! ♦

1) Deleuze, Gilles & Guattari, Félix : Mille Plateaux, 1980
2) Deleuze, Gilles & Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur, Berlin 1976
3) S. 149
4) C. G. Jung, Psychologie der Übertragung, in: Hurwitz, Lilith – die erste Eva, S. 163
5) Gelesen bei Siegmund Hurwitz, Lilith – die erste Eva, Daimon Verlag, 1980, 2011: In der arabischen Literatur sind der Karin und die Karina als die Schattengefährten bekannt, S. 161 ff.
6) Über Lilith und die vielfältige Literatur über sie sei auf S. Hurwitz verwiesen

Ernst Halter: Mermaid, Roman, 346 Seiten, Klöpfer & Meyer Verlag Tübingen, ISBN 978-3-86351-463-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Liebe auch über
Margaret Millar: „Liebe Mutter…“ (aus der Reihe „Vergessene Bücher“)

 

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik (Schach-Biographie)

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Innensicht eines Weltmeisters

von Dr. Mario Ziegler

Die prägende Gestalt des im März diesen Jahres in Berlin ausgekämpften Schach-Kandidatenturniers war – neben dem späteren Sieger Caruana – nach allgemeiner Ansicht der russische Exweltmeister Wladimir Kramnik, der zwar am Ende nur Platz 5 belegte, aber durch seine unternehmungslustigen Partien sehr zum Unterhaltungswert dieser denkwürdigen Veranstaltung beitrug. Im Rahmen dieses Kandidatenturniers wurde auch eine Biographie präsentiert von Carsten Hensel: Wladimir Kramnik, und der Autor war langjähriger Manager Kramniks. Der 1958 geborene Dortmunder wagte nach Tätigkeiten im Organisationskomitee der Tischtennis-Weltmeisterschaft 1989 und als Pressesprecher der Stadt Dortmund den Schritt in die Schachszene: Zunächst als Manager des Ungarn Péter Lékó, danach (2002-2009) als derjenige Kramniks. Man darf also intime Einblicke in die Schachwelt zu Beginn des 3. Jahrtausends erwarten – und wird nicht enttäuscht.

Intime Einblicke in die Schachwelt

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik - Aus dem Leben eines Schachgenies - Verlag Die Werkstatt 2018
Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies – Verlag Die Werkstatt 2018

„Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ von Carsten Hensel beginnt dramatisch mit einem der emotionalsten Momente in Kramniks Karriere:
„13. Oktober 2006, 19:10 Uhr, Elista, russische Teilrepublik Kalmückien: Ein Aufschrei zerschneidet die Grabesstille im überfüllten Spielsaal. Topalow hat soeben in der entscheidenden vierten Tiebreak-Partie im 44. Zug einen schweren Fehler gemacht und seinen Turm eingestellt. Kramniks Haltung wird kerzengerade. Miguel Illescas kneift mich ins Bein und flüstert: ‚Wir haben es, das verliert!‘ Kramnik zieht seinen Turm im 45. Zug nach b7, Schach! Topalow stiert einen Moment auf das Schachbrett, schüttelt den Kopf und gibt auf. Kramniks Faust schnellt zum Zeichen des Triumphes nach oben, genau wie er es schon nach seinen epischen WM-Siegen gegen Garri Kasparow und Peter Lékó gemacht hat. Meine Wahnsinnsanspannung macht sich Luft, und das sonst so zurückhaltende Schachpublikum verwandelt das Auditorium des kalmückischen Regierungshauses in ein Tollhaus: Hurra-Schreie, Trampeln und stakkatoartisches Klatschen folgen minutenlang“.
Dieses Zitat ist nicht untypisch: Hensel versteht es, die Dramatik einer Situation zur Geltung kommen zu lassen. Dass er hierbei alles andere als ein unbeteiligter Chronist ist und sehr deutlich Position bezieht, ist selbstverständlich und macht den Reiz des Buches aus.

Die Weltmeister von Steinitz bis Carlsen

Wilhelm Steinitz
Wilhelm Steinitz

Die Biographie ist in 10 Kapitel untergliedert, diese wiederum in mehrere nummerierte Passagen, so dass sich 64 Abschnitte ergeben. Eine Sonderstellung nehmen die Kapitel 1 und 10 ein: Im ersten wird über Kramniks Charakter und seine Sicht auf das Schach gesprochen, im letzten äußern sich zehn Großmeister über den Titelhelden. Im Anhang werden die Weltmeister von Steinitz bis Carlsen in kurzen Portraits gewürdigt sowie eine Übersicht über die bisherigen Weltmeisterschaften gegeben. Für die Schachkundigen sind dies altbekannte Fakten, doch sollte man berücksichtigen, dass das Buch – im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ erschienen, dessen Schwerpunkt ansonsten auf Fußball liegt – sicher auch einen weiteren Leserkreis ansprechen soll. Für diesen ist auch ein angehängtes Glossar typischer Schachtermini nützlich.
Verzichtbar erscheinen mir persönlich die (bis auf Frage- und Ausrufezeichen) unkommentiert abgedruckten WM-Partien Kramniks. Diese ermöglichen es zwar, die eine oder andere zuvor erwähnte Begebenheit auf dem Brett nachzuvollziehen, doch halte ich eine unkommentierte WM-Partie selbst für geübte Schachspieler im Details für äußerst schwer verständlich – von Gelegenheitsspielern ganz zu schweigen.

Mehr Künstler denn Sportler

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Im einleitenden Kapitel wird Wladimir Kramnik – „manchmal chaotisch, manchmal emotional, manchmal genial, aber immer authentisch“ – mehr als Künstler denn als ergebnisorientierter Sportler charakterisiert. Sein Antrieb sei „die Kunst, die Kreativität, die aus dem Spiel entsteht“, er sei „auf der endlosen Suche nach Wahrheit und Schönheit“ im Schach. Passend wird nach diesem Kapitel eine Partie präsentiert, die Kramnik selbst als besonders schön empfindet. Original-Ton Kramnik: „Am Ende hatte ich das Gefühl, eine Sinfonie kreiert zu haben. Wenn es nicht dieses Ende gegeben hätte, wäre das ganze Bild unvollständig geblieben oder die Sinfonie wie ein Kartenhaus eingestürzt. Es ist das Gefühl der Vollendung eines Meisterwerkes, und ich war sehr glücklich.“
Es ist die folgende Partie mit einer spektakulären Königswanderung, die solche Gefühle bei Kramnik hervorrief:

Gewinn nach Königswanderung übers ganze Brett: Die Schluss-Stellung der Partie (2) in Kramnik-Topalow, Amber-Turnier Monte Carlo 2003 (Hier findet sich eine taktische Analyse der Partie durch moderne Schach-Software)
Gewinn nach Königswanderung übers ganze Brett: Die Schluss-Stellung der Partie (2) in Kramnik-Topalow, Amber-Turnier Monte Carlo 2003

Nachstehend eine taktische „Vollanalyse“ der Partie durch das starke Schachprogramm Stockfish (User-Interface: Fritz 16)

Kramnik Topalow - WM 2004 - Glarean Magazin

A propos Partien: Nach jedem Kapitel folgen in der Regel eine, manchmal auch mehrere Partien, zu denen sich Kramnik persönlich äußert. Es sind keine tiefen schachlichen Analysen, sondern eher Gefühle und allgemeine Überlegungen, die ihn zu dem einen oder anderen Zug geführt haben. Diese „O-Töne“ sind sehr interessant, eventuell hätte man seitens des Verlags das eine oder andere Diagramm einfügen können, um die Orientierung zu erleichtern.

Die Karriere chronologisch nachgezeichnet

Wladimir Kramnik - Glarean Magazin
Wladimir B. Kramnik (geb. 1975), Weltmeister 2000 – 2007

Die Kapitel 2-9 zeichnen chronologisch die Karriere Kramniks bis zum Jahr 2009 nach: Seine Kindheit in Tuapse (Region Krasnodar), die ersten Schritte im Schach, seine Aufnahme als 12-Jähriger an der berühmten Botwinnik-Schachschule in Moskau, sein Aufstieg bis zum Gewinn der Junioren-WM 1991 in Brasilien. Im Kapitel „Vom chaotischen Genie“ wird Kramnik als Weltklassespieler gezeichnet, der jedoch noch nicht bereit für den Griff nach der höchsten Krone ist und neben aufsehenerregenden Erfolgen (Olympiasieger mit Russland 1992 mit dem besten Ergebnis am 4. Brett, Gewinn des PCA-Weltcups 1994, im darauffolgenden Jahr als bis dahin jüngster Spieler aller Zeiten Weltranglistenerster) auch immer wieder herbe Rückschläge einstecken musste: 1994 das unerwartete Ausscheiden in den WM-Zyklen der PCA (gegen Kamsky) und der FIDE (gegen Gelfand), 1998 die Niederlage gegen Schirow im Ausscheidungskampf um die Weltmeisterschaft. (Hensel macht als Grund den unsteten und der Gesundheit abträglichen Lebenswandel und mangelnden Ehrgeiz seines späteren Schützling aus).

Metamorphose bis zum Milleniumsieg

Mit dem Kapitel „Von Metamorphose und Millenniumsieg“ nimmt das Erzähltempo ab und die einzelnen Partien treten stärker in den Vordergrund. In diesem Kapitel wird Kramniks Wandel zum WM-Aspiranten und sein für die Öffentlichkeit überraschender Wettkampfsieg 2000 in London gegen Kasparow beschrieben. „Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Schachwelt anerkannte, dass Kramnik in London einfach der bessere Spieler und der Sieg rundherum verdient war. Zu groß war zunächst noch der Einfluss Kasparows auf die Profiszene.“

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den Wettkämpfen, die Hensel selbst als Manager betreute. Das Match gegen Lékó 2004 in Brissago stand wegen gesundheitlicher Probleme Kramniks kurz vor dem Abbruch. In Erinnerung ist der Wettkampf vor allem wegen Kramniks Sieg in der letzten Wettkampfpartie geblieben, durch den er den Titel verteidigte, doch Hensel macht kein Hehl daraus, dass der Russe in etlichen Partien zuvor das Glück auf seiner Seite gehabt hatte. Insbesondere sein angegriffener Gesundheitszustand, der ihn zu einem Besuch der Notaufnahme in Brissago gezwungen hatte, hätte leicht den Ausschlag geben können: „Als er zur [achten] Partie kam, stand Kramnik unter starken Beruhigungsmitteln. Sein Kreislauf war ziemlich durcheinander, und er schwankte die lange Treppe zum Spielsaal hoch. Weder Lékó noch irgend jemand sonst in dessen Team bemerkte die desolate Verfassung des Weltmeisters. Das ist mir bis heute unerklärlich, denn man hätte Wladimir nur in die Augen schauen müssen, und alles wäre klar gewesen.“ Lékó, der zu diesem Zeitpunkt mit 4,5:3,5 führte, entschloss sich zu einem schnellen Remis, und Hensel kommentiert: „Lékó hätte diese Partie einfach nur ausspielen müssen, und ich bin mir sicher, dass der Wettkampf damit praktisch entschieden gewesen wäre.“

Skandale im Wettkampf gegen Topalow

Detailliert werden die Umstände des skandalumwitterten Wettkampfs 2006 gegen Wesselin Topalow geschildert. Bereits anlässlich der vorangegangenen KO-Weltmeisterschaft der FIDE 2005 in San Luis wirft Hensel im Buch dem Bulgaren und seinen Mitarbeitern Danailow und Tscheparinow offen Betrug vor. Während der Weltmeisterschaft 2006 im kalmückischen Elista häuften sich die Vorfälle, die im Streit um die den Spielern separat zur Verfügung gestellten Toiletten kulminierte („Toiletgate„). Hensel sieht hier den auch mit anderen Mitteln wiederholten Versuch der Gegenseite, Kramnik als potentiellen Betrüger hinzustellen. Hensel: „Wir spürten eine nie gekannte Skrupellosigkeit unserer Gegner. Ihnen war es offensichtlich egal, ob Schach oder ihr Image beschädigt werden könnte. Das Einzige, was für sie zählte, war, dieses Match nicht zu verlieren, koste es, was es wolle“.
Letztlich endete der Wettkampf unentschieden, den Stichkampf gewann Kramnik in der eingangs geschilderten Szene und beendete dadurch die Spaltung der Schachwelt in zwei konkurrierende Verbände, die 13 Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte.

Der letzte WM-Kampf Kramniks 2008 gegen Viswanathan Anand ("Der Tiger von Madras"), den der Russe gegen den Inder verlor
Der letzte WM-Kampf Kramniks 2008 gegen Viswanathan Anand („Der Tiger von Madras“), den der Russe gegen den Inder verlor

Kramnik selbst blieb danach allerdings nur ein Jahr Weltmeister, 2007 verlor er den Titel beim WM-Turnier in Mexiko City an den Inder Viswanathan Anand. Hensel, der ihm von der Teilnahme an dem Turnier abgeraten hatte, bemerkt: „Auch heute noch glaube ich daran, dass ein Rücktritt die richtige Entscheidung gewesen wäre.“. So aber kam es 2008 zum letzten WM-Kampf Kramniks, diesmal als Herausforderer Anands in der Bundeskunsthalle in Bonn. Dieser Wettkampf lief von Anfang an zu Ungunsten Kramniks, der letztlich mit 4,5:6,5 vorzeitig unterlag. Nach diesem Wettkampf endete die Zusammenarbeit Kramniks mit seinem Manager.

Einblick in die neuere Schachgeschichte

Für wen ist dieses Buch geschrieben? Natürlich zum einen für alle Fans von Wladimir Kramnik, die viele auch nicht-schachliche Details über ihn erfahren können: Seine Lieblingsfarbe ist blau, er mag doppelte Espressi, sein Lieblingsschauspieler ist Robert de Niro, und er liebt Gemälde des italienischen Impressionisten Amedeo Modigliani. Auch die zahlreichen privaten Farbfotos wissen zu gefallen. Zum anderen werden all diejenigen, die sich für neuere Schachgeschichte interessieren, mit Interesse zu diesem Buch greifen.

Fazit: Carsten Hensels „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ eröffnet einen Einblick in die Schachwelt, der den menschlichen Aspekt des großen Meisters ebenso wenig vernachlässigt wie seine schachgeschichtliche Bedeutung. Eine Monographie, die sich von den meisten anderen Biographien über Schachspieler deutlich abhebt.

Der Autor hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg und spart auch gegenüber der FIDE nicht mit Kritik: „…die FIDE verstand schon damals [1992] wenig bis gar nichts von der Vermarktung des Weltmeisterschaftszyklus und weiterer Topevents. Daran hat sich bis heute nicht sehr viel geändert…“ (S. 36). Und ganz unabhängig davon, wie man selbst zu den geschilderten Ereignissen steht, eröffnet Hensels Werk so einen Einblick in die Schachwelt, die „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“ von den meisten Monographien über Schachspieler abhebt. ♦

Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies, Biographie, 304 Seiten, Verlag Die Werkstatt, ISBN 978-3-7307-0389-2

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André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften

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Boehnke & Sarkowicz: Grimmelshausen (Biographie)

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Im Alter von zehn Jahren ein rotziger Musquedirer

von Günter Nawe

Selbst, wer den „Simplicius Simplicissimus“ nicht gelesen hat: Der Titel diese Weltbestellers aus dem 17. Jahrhundert ist ein Begriff. Ebenso wie der Name seines Autors: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen.
Über ihn, den Weltautor mit den vielen Anagrammen bzw. Pseudonymen (z. B. Simon Leugfisch von Hartenfels, Samuel Greifenson von Hirschfeld, German Schleifheim von Sehmsdorff), mit denen er seine Leser „verunsichern“ wollte – also: über Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen haben der Literaturwissenschaftler Heiner Boehnke und der Kulturredakteur Hans Sarkowicz eine fulminante Biographie geschrieben. In einer großartigen Studie bringen sie uns Leben und Schreiben eines Autors nahe, der als einer der wichtigsten Schriftsteller nicht nur des Barockzeitalters zu gelten hat.

Die vielen Masken des Grimmelshausen

Es ist ja nicht nur „Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch“, sondern es sind auch die beiden simplicianischen Romane „Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage“ und „Der seltsame Springinsfelden“ sowie „Das wunderbarliche Vogelnest“, die die deutsche Literatur bis heute beeinflusst haben. Man denke nur an die Erzählung von Günter Grass: „Das Treffen in Telgte“.

Boehnke und Sarkowicz: Grimmelshausen (Biographie) - Rezension Glarean Magazin

Wer also war dieser Grimmelshausen, auf dessen Spur sich die Biographen Boehnke und Sarkowicz gemacht haben? Wer war dieser Autor, der sich nicht nur hinter seinem Simplicius Simplicissimus versteckte, sonder hinter unendlich vielen Masken? Für die beiden Biographen eine wahre Detektivarbeit, schon allein deswegen, weil die Lebensläufe des Autors und seiner literarischen Schöpfung teilweise parallel verlaufen und vieles nach wie vor im Ungewissen bleibt.
Sicher ist die Herkunft des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Er stammt aus Gelnhausen; aber schon das Geburtsjahr ist nicht sicher: wahrscheinlich 1621 oder 1622, also mitten im Krieg, den wir heute den Dreißigjährigen nennen.

Frontispiz aus dem Jahre 1669 von Grimmelshausens "Simplizissimus"
Frontispiz aus dem Jahre 1669 von Grimmelshausens „Simplizissimus“

Grimmelshausens Großvater war Bäcker und Gastwirt. Sein Vater stirbt früh, seine Mutter heiratet wieder, der Stiefvater ist ein Barbier aus Frankfurt. Der Junge wuchs bei seinem Großvater auf. Dann wird es schon schwieriger mit biografischen Sicherheiten. Grimmelshausen über sich selbst, zitiert nach Boehnke und Sarkowicz: „Man weiß ja wohl dass Er selbst nichts studiert, gelernte noch erfahren: sondern so bald er kaum das ABC begriffen hast / in Krieg kommen / im zehnjährigen Alter ein rotziger Musquedirer worden.“ Dennoch sollte er zu einem der belesensten Menschen seiner Zeit werden. Unendlich allein ist die Zahl der Nachweise seiner Bildung und Belesenheit im Simplicius Simplicissimus. Mit diesem Buch und seinem Autor hat – wenn man so will – die deutsche Literaturgeschichte begonnen.

Durch ganze Bibliotheken gewühlt

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676)
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676)

Auch im Feldlager („er lebte vom ersten Schrei an im Krieg“) und wo auch immer: Grimmelshausen liest. Dennoch wird das sogenannte praktische Leben nicht vernachläßigt. Er wird zu einem unbestechlichen Beobachter einer Wirklichkeit, die er sich zu eigen macht, mit viel Phantasie verändert, zu Vexierbildern gestaltet.
Allerdings: Die Datenlage ist prekär. Deshalb haben sich die Biographen durch ganze Bibliotheken gewühlt, Kirchenbücher gewälzt, Gerichtsakten und akribisch Kontexte jeglicher Art studiert. Mit fast kriminalistischem Eifer wurde recherchiert – und darüber von den Biographen lebendig und spannend erzählt.

Verstrickt in die Wirren und Greuel des Dreissigjährigen Krieges: "Marodierende Soldaten" von Sebastian Vrancx (Gemälde von 1647)
Verstrickt in die Wirren und Greuel des Dreissigjährigen Krieges: „Marodierende Soldaten“ von Sebastian Vrancx (Gemälde aus dem Jahre 1647)

Der junge Grimmelshausen wird völlig vom grausamen Geschehen der Zeit vereinnahmt, wird von den Katastrophen des Krieges quer durch Europa gejagt, war an der Belagerung Magdeburgs beteiligt, wurde Schreiber in einer Regimentskanzlei und wird 1649 seinen Kriegsdienst beenden. Grimmelshausen heiratet, wird später Verwalter und Wirt in Gaisbach und 1667 Schultheiß in Renchen. Am 17. August 1676 stirbt Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen. Im Kirchenbuch von Renchen wird es heißen: „Es verstarb im Herrn der ehrbare Johannes Christophorus von Grimmelshausen, ein Mann von großem Geist und hoher Bildung, Schultheiß dieses Ortes, und obgleich er wegen Kriegswirren Militärdienst leistete und seine Kinder in alle Richtungen verstreut waren, kamen aus diesem Anlass doch alle hier zusammen, und so starb der Vater, von Sakrament der Eucharistie fromm gestärkt, und wurde begraben…“.

Leben und Schreiben hervorragend dargestellt

Fazit: Mit der großartigen Studie von Heiner Boehnke und Hans Sarkowicz über das Leben und Schreiben des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen liegt erstmals eine ultimative Biographie des Autors des „Simplicius Simplicissimus“ vor.

Den Biographen Heiner Boehnke und Hans Sarkowicz gelingt es auf hervorragende Weise, das Leben und Schreiben des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen im Kontext der Zeit darzustellen. So können wir gleichzeitig so etwas wie eine kleine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges lesen, an dessen Beginn vor 400 Jahren wir in diesem Jahr mit einer Fülle von Büchern begehen. Und zu den sicher interessantesten gehört zweifellos diese Arbeit von Boehnke und Sarkowicz. ♦

Heiner Boehnke & Hans Sarkowicz: Grimmelshausen – Leben und Schreiben (Vom Musketier zum Weltautor), 510 Seiten, Die Andere Bibliothek Berlin, ISBN 978-3-8477-2020-1

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die Biographie von Maria Sibylla Merian (1647-1717) von Barbara Beuys

… sowie zum Thema Biographie: Karl May und seine Zeit

J. Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

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Besichtigung eines Lebens

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Mit Gioachino Rossini verbindet sicher jeder Freund klassischer Musik etwas – sei es nun die berühmte Ouvertüre zu seiner Oper „Wilhelm Tell“, die Arie des Figaro aus dem „Barbier von Sevilla“ oder irgendeine andere jener sanglichen Melodien, die dem 1792 geborenen Komponisten so intensiv aus der Feder flossen, dass sie problemlos für das Oeuvre einer ganzen Schar von Tonsetzern gereicht hätten.
Ebenso wahrscheinlich ist es, dass fast ein jeder, der den Namen Rossini hört, auch ein bestimmtes Gesicht mit diesem Namen verbindet, sei es nun das berühmte Portrait aus den 1820er Jahren, das der Scuola pittorica italiana entstammt, die Fotografie von Étienne Carjat oder jene augenzwinkernde Karikatur, die den „Schwan von Pesaro“ bei der Zubereitung eines großen Topfes Pasta am heimischen Herd zeigt

Komponist zwischen Opern und Nudeln?

Joachim Campe: Rossini - Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, Theiss Verlag
Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, Theiss Verlag

Beides – Musik und Optik – haben sich nun im kollektiven Unbewussten zu einem ganz bestimmten Rossini-Bild amalgamiert, das auch immer wieder gerne bedient wird: Rossini – als Mensch ein freundlicher, den leiblichen Genüssen zugewandter und darum leicht adipöser Typ, als Komponist ein Meister der Melodie, der Heiterkeit, der Buffa. Und so kann man auch, ohne dass es in irgendeiner Form geschmacklos schiene, CDs wie „Pasta classics – Kochen mit Rossini“; „Rossini – Eine kulinarisch-musikalische Biographie“; oder auch „Rossini – Bonvivant und Gourmet – mit 45 Rezepten“ kaufen. Mit Bach wäre in dieser Sache kein Staat zu machen. Aber Rossini, der Italiener, das Kind der Sonne, der zwischen Nudeln und Chianti eben flott schmissige Opern auf das belsamicobefleckte Notenpapier bringen konnte, der eignet sich…

Schlimm ist, dass man eigentlich wenig Gelegenheit hat, dieses Bild zu überprüfen, zu differenzieren, ja: zu relativieren. Klar, auf dem Markt gibt es Volker Schierless’ kleine Rowohlt-Monographie von 1991. Richard Osbornes „Rossini – Leben und Werk“ ist schon seit längerem vergriffen. Arnold Jacobshagens verdienstvolles Buch „Gioachino Rossini und seine Zeit“ aus der Laaber-Reihe „Große Komponisten und ihre Zeit“, 2015 erschienen, ist für den ersten Zugriff vielleicht etwas zu wuchtig. Da kommt Joachim Campes gut 200 Seiten starke, beim Konrad Theiss Verlag erschienene Biographie „Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre“ dem Leser, der einigermaßen zügig sein Rossini-Bild zurechtrücken möchte, gerade recht.

Zeitgenosse einer bewegten Epoche

Rossinis Ehefrau und Muse: Die spanische Opernsängerin und Komponistin Isabella Colbran (1785-1845)
Rossinis Ehefrau und Muse: Die spanische Opernsängerin und Komponistin Isabella Colbran (1785-1845)

Schon der Titel suggeriert, dass Rossinis Leben ganz offensichtlich nicht ununterbrochen von italienischem Sonnenschein durchflutet war. Tatsächlich gab es da – das sei gar nicht abgestritten – eine Menge Licht. In flüssig erzählendem Stil berichtet Campe von der Kindheit als Wunderkind, von den Erfolgen, aber auch den zahlreichen Misserfolgen, die Rossini – so wollen es dem Leser die entsprechend vorgebrachten Quellen zumindest nahelegen – mit einer gewissen positiven Grundstimmung, mit Humor und einem guten Schuss Selbstironie hinnahm. Man erfährt von der besonderen Beziehung Rossinis zu seinen Eltern, die stets positiv war, bis es zu seiner Hochzeit mit der Sängerin Isabella Colbran kam, die einen Schatten auf das an sich gute Verhältnis warf. Daneben ordnet Campe die historische Figur Rossini, den Zeitgenossen einer der bewegtesten Epochen der europäischen Geschichte trefflich in die Historie ein, was wiederum eine ganz besonders treffliche Leistung darstellt, ist Rossini doch selbst kaum je einmal als „Homo politicus“ aufgetreten. Tatsächlich äußerte er sich in Briefen und aufgezeichneten Gesprächen nur selten politisch, lediglich manch eine seiner Opern kann sich einer politischen Deutung nicht vollständig verschließen.

Unruhige Persönlichkeit voller Widersprüche

...und der junge Rossini, 1822 gemalt von Friedrich Lieder
Der junge Rossini, 1822 gemalt von Friedrich Lieder

Als Folge seines Ansinnens, ein möglichst differenziertes, aber nicht ausuferndes Bild des Komponisten zu entwerfen, nimmt Campe den Leser seiner kleinen, aber doch substanziellen Biographie an die Hand und besichtigt mit ihm schlaglichtartig viele Orte in Rossinis Leben. Und viele Orte zu vielen Zeiten waren wie gesagt glanzvoll: Neapel, Paris, London und Wien begrüßten, beherbergten und feierten den großen Komponisten – man möchte sagen: gebührend. Sicher gab es da Alltagskonflikte, eine kriselnde Ehe, Probleme mit Profilneurotikern, (opern-)politisches Ränkespiel. Aber es gab eben auch Glanz, Ruhm und sehr viel Geld, besonders in Paris.

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Doch da finden sich auch besonders dunkle Orte in der Biographie Rossinis, Orte von denen man vielleicht nicht so gerne spricht, die Campe dem Leser aber nicht vorenthält. Einer dieser Orte ist der offenkundig sehr starke Sexus Rossinis, den er mit großer Begeisterung in Bordellen auslebte, wo er sich in Folge einer Gonorrhoe eine Urethritis, also eine üble Harnröhrenentzündung zuzog, die ihm das Leben schwer machte, und die in Paris – nicht ohne Risiko – operiert werden musste. Ein anderer der dunklen Orte, an dem sich Rossini im Laufe seines Lebens immer wieder und mit zunehmender Intensität aufhalten sollte, war die schwarze Welt der Depression. Mit nüchternem Blick zeigt Campe, wie Rossini nach 1823 immer wieder in höchst niedergeschlagene Stimmungen verfiel, schließlich wohl auch aufgrund dieser Erkrankung aufhörte, Opern zu komponieren und sich phasenweise komplett isolierte. Gerade in den letzten Jahren scheint – so zeigt es Campe – Rossini eine eher unruhige Persönlichkeit gewesen zu sein, von Schlaflosigkeit und Schmerzen geplagt, überhaupt anfällig für alle möglichen Erkrankungen, bisweilen auch für Kränkungen, immer wieder den Wohnsitz wechselnd, sich mit Todesängsten herumquälend.

Differenzierte Beschreibung jenseits aller Hagiographie

Das Bild vom heiteren Rossini ist, das macht die Lektüre von Campes Buch sehr differenziert deutlich, also ein höchst eindimensionales. Das Schöne ist letztlich, dass der Autor keine Hagiographie schrieb, sondern Rossini als Menschen aus Fleisch und Blut präsentiert, mit allen Stärken und Schwächen, die damit einhergehen.

Fazit: Die neue Biographie von J. Campe: Rossini zeigt differenziert auf, dass das Bild vom heiteren Rossini ein höchst eindimensionales ist. Hier wird vielmehr Rossini als Mensch aus Fleisch und Blut präsentiert – also keine Hagiographie, sondern die Darstellung eines Musik-Genies mit allen Stärken und Schwächen. Ein Buch, dessen Lektüre Freude macht.

Es spricht eine Menge Zuneigung zu seinem Gegenstand aus Campes Zeilen, die man aufgrund des höchst angenehmen Konversationstones ausgesprochen gerne liest. Einziges Manko des Buches mögen des Autors streckenweise zu intensiv aneinandergereihten Nacherzählungen der Opernhandlungen im Verbund mit angerissenen Deutungshinweisen zu den Werken sein. Nicht nur, dass das so wirkt, als wolle der Autor hier ein wenig zu deutlich auf seine Gelehrsamkeit hinweisen. Es fehlt manch einem Deutungsansatz auch an Stimmigkeit, weil das Format des kleinen Werkes den Raum für tiefschürfende Werkbetrachtungen und ausgefeilte Argumentationen letztlich nicht hergibt. Nicht selten langen die interpretatorischen Fingerzeige Campes ins Leere oder setzten beim Leser einer solchen knappen Schrift zu viele Kenntnisse der Materie selbst voraus. Hier wäre eine klarere Abgrenzung wünschenswert gewesen.
Insgesamt jedoch ein Buch, dessen Lektüre Freude macht. ♦

Joachim Campe: Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre, Biographie, 222 Seiten, Konrad Theiss Verlag (WBG), ISBN 978-3-8062-3671-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musiker-Biographien auch die neuen
Musiker-Anekdoten (2)

… sowie aus der Reihe „Musik-Zitat der Woche“ von
Urs Frauchiger: Über das Konzert-Publikum

Konstantin Sacher: Und erlöse mich (Roman)

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Belanglose Oberflächen-Bespiegelung

von Christian Busch

„Ein Roman über die faustische Sehnsucht des Menschen, zu erkennen was die Welt im Innersten zusammen hält“; Anknüpfung an die Tradition der Bekenntnisliteratur eines Augustinus oder Rousseau mit einer gegen Gott hadernde (Hiob) und nach Erlösung strebende Hauptfigur – so wurde der Debütroman „Und erlöse mich“ von Konstantin Sacher von der Presse angekündigt, als ein „mitreißender Roman über das Dickicht eigener wie fremder moralischer Ansprüche.“
Um es gleich vorweg zu sagen: Erlöst wird am Ende höchstens der Leser – von der Lektüre eines nur oberflächliche Belanglosigkeiten auf sprachlicher Schmalspurkost servierenden, viel versprechenden, aber wenig haltenden Roman.

Snobistische Existenz

Konstantin Sacher - Und erlöse mich - CoverKeine Frage, der Romanheld führt (gemäss Verlagswerbung) eine „snobistische Oberflächenexistenz“ („Was ist das Leben denn mehr als eine Abfolge von Gedanken?“), die dem Leser ungebrochen aus der Ich-Perspektive aufgezwungen wird. Wie reagiert man, wenn man von einem Fremden gefragt wird, ob man ihn für ein „egoistisches Arschloch“ halte? Ganz einfach: Man geht weiter seines Weges, denn das über jemanden herauszufinden ist wahrlich keine Anstrengung wert. Und damit stolpert der Leser über die erste Hürde und bleibt an ihr hängen. Wen juckt’s? Dem Autor gelingt so genau das nämlich nicht, was seine ungleich berühmteren Vorgänger auszeichnet: Seine Figur für den Leser einzunehmen.

Exhibitionistische Verzweiflung

Und so reiht sich in der Folge Episode an Episode, mühsam zusammengehalten durch den völlig künstlich anmutenden roten Faden der mehr exhibitionistisch als bekenntnisbedürftig anmutenden inneren Verzweiflung. Der Leser erträgt dann die meistens in sexuelle Eskapaden mündenden Abschnitte mit wachsender Teilnahmslosigkeit und innerer Distanzierung. Keine moralische Verurteilung, kein Voyeurismus, auch keine peinliche Berührtheit empfindet man, so banal und tiefenentspannt wirkt das alles. Allenfalls ein Kopfschütteln über das kopf-, ziel- und ergebnislose Eintauchen einer belanglosen Schmalspurexistenz in die Hippie-Kommune auf einer zum Glück nicht namentlich genannten und in Verruf gebrachten spanischen Insel kann dies beim Leser hervorrufen. Dass der Held Theologie studiert, wird durch die dann doch immerhin peinliche Frage gestützt, ob sich Gott in der weiblichen Muschi offenbare. Kostprobe gefällig: „Und Gott ist wie die Muschi einer Frau das Versprechen des nicht endenden Lebens“.

Zahnloses Orakeln

Auch an den weiblichen Vertreterinnen im Roman, heißen sie nun Sarah oder Christina, hat man keine Freude, sind sie doch mit einer gegen Null gehenden Tiefenschärfe gezeichnet, wenn sie ihrem Helden immer wieder bereitwillig zu Diensten sind.
Das dicke Ende bleibt nicht aus, wobei man darüber streiten kann, ob es im äußerst hemdsärmeligen und abrupten Romanschluss besteht oder in dem zahnlosen Orakeln des Helden über die Begriffe Glaube, Liebe und Hoffnung.

FAZIT

Konstantin Sachers Roman „Und erlöse mich“ enttäuscht auf ganzer Linie, da sein Plot nur auf künstlich-oberflächlichen Säulen aufgebaut ist und auch sprachlich keinerlei Tiefgang besitzt. So taugt er allenfalls als Drei-Groschen-Roman.

Konstantin Sachers Roman enttäuscht auf ganzer Linie, da sein Plot nur auf künstlich-oberflächlichen Säulen aufgebaut ist und auch sprachlich keinerlei Tiefgang besitzt. So taugt er allenfalls als Drei-Groschen-Roman, nicht jedoch als anspruchsvolle Literatur oder Belletristik für 20 Euro. Sein seelenloser Monolog wühlt nicht auf, weil der unglaubwürdige Charakter des Helden nur eine unechte, inszenierte Plastikpuppe ist, die von allen verwendeten Begriffen wie Liebe, Seele, Schuld oder Tod nichts versteht. ♦

Konstantin Sacher: Und erlöse mich, Roman, 240 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00175-4

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den
Roman von Roland Heer: Fucking Friends

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil (Roman)

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Vier Pässe in die Freiheit

von Günter Nawe

Persönliches ist bekanntlich immer Politisches. So verhält es sich auch in der Biographie des Dr. Pavel Vodák. Der tschechische Arzt erlebte und erlitt die dramatischen Ereignisse im Prager Frühling 1968. Mit diesem Prager Frühling verband er wie viele andere Hoffnung auf Reformen, auf Freiheit, auf Demokratie. Und er verband damit sein ganz persönliches Schicksal; und das seiner Familie. Eine wahre Geschichte – im Roman „Das hungrige Krokodil“ aufgearbeitet.

Die Geschichte wird erzählt von der Schriftstellerin Sandra Brökel anlässlich der Tatsache, dass sich in diesem Jahr zum 50. Mal ein hochpolitisches Ereignis jährt: Der Prager Frühling 1968. Ein Jubiläum, das leider bei den vielen anderen Jubiläen dieses Jahres etwas unterzugehen scheint. Um so mehr ist es zu begrüßen, dass sich Sandra Brökel in ihrem spannenden und berührenden Familienroman, der auf eben dieser wahren Geschichte und auf den Erinnerungen von Dr. Pavel Vodák (1920-2002) basiert, angenommen hat. Angenommen nicht nur dieser Zeit, sondern auch der Menschen in dieser Zeit und der wahren Erlebnisse des Protagonisten. Sie verbindet auf diese Weise Zeitgeschichte und persönliche Geschichte – und schreibt diesen Roman sozusagen als ein historisches Zeitdokument.

Metapher für die Gefräßigkeit

Sandra Brökel - Das hungrige Krokodil - Familienroman - Pendragon Verlag„Das hungrige Krokodil“ – der Titel des Romans ist eine Metapher für die Gefräßigkeit, für die Gefahren, die von diesem Tier ausgehen. Es steht bildhaft für die kommunistische Diktatur in der Tschechoslowakischen Republik, für Schauprozesse, für Verfolgung, für ökonomische Probleme. So sieht und erlebt es auch Pavel Vodák – vor allem, wie das „Krokodil“ immer wieder zuschnappt, wie freie Gedanken, freies Handeln schon im Ansatz erstickt werden. Auf Dauer kann und will der Arzt aus Leidenschaft, eine internationale Kapazität, diese Repressalien nicht ertragen – auch um seiner Familie und vor allem seiner Tochter willen.

Sandra Brökel
Sandra Brökel

So gehört er bald zu denen, die voller Hoffnung auf Reformen, auf Freiheit und Demokratie, Widerstand leisten. Er schließt sich einer Gruppe an, die einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ fordern, die ein Dokument formuliert, das unter dem Begriff „Manifest der 2000 Worte“ Geschichte schreiben sollte. Václav Havel, wie viele anderen einer der führende Köpfe des Prager Frühlings hat es so formuliert: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Der Satz bleibt richtig, auch für Vodák, selbst wenn am 21. August 1968 russische Panzer in Prag den „Prager Frühling“ in einen eisigen politischen Winter verwandeln. Pavel Vodáks Träume von dem „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ sind ausgeträumt.

Hohes Maß an Authentizität

FAZIT

Sandra Brökel hat einen aufregenden Familienroman geschrieben, der weitestgehend auf Tatsachen beruht – und dem Leser ein wichtiges politisches Ereignis ins Gedächtnis ruft, das vor 50 Jahren die Welt in Aufregung versetzt hat: Der Prager Frühling 1968. Geschickt versteht es die Autorin viele Fakten und ein wenig Fiktion, Historisches, Politisches und Persönliches zu einem spannenden Roman zu verbinden.

Er kann und will nicht mehr in diesem Lande bleiben, er will, dass seine Tochter vor allem, aber auch die ganze Familie in Freiheit leben können. Eine abenteuerliche Reise beginnt, nachdem es Vodák gelungen ist, Pässe zu organisieren – vier Pässe in die bundesrepublikanische Freiheit. Obwohl unter Bewachung, gelingen ihm und seiner Familie eine dramatische Flucht über Jugoslawien. Auch wenn er und seine Familie später – so die wahre Geschichte – in Deutschland wieder Fuß fassen können, bleibt doch die Frage, ob der Preis, den er für die Freiheit gezahlt hat, nicht zu hoch ist.

Sandra Brökel hat ihrem Roman eine kurze biografische Notiz über Dr. Pavel Vodák vorangestellt. Dadurch ist ein hohes Maß an Authentizität gegeben. Mehr noch: Dieser Familienroman ist ein Tatsachenroman, der den Leser packt, ihm einmal mehr und notwendigerweise eine Zeit und ein Ereignis ins Gedächtnis ruft, deren Folgen heute noch spürbar sind. ♦

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil, Familienroman, Pendragon Verlag, 318 Seiten, ISBN 978-3-86532-608-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Die 60er Jahre“ auch über Rudolf Großkopff: Unsere 60er Jahre

… sowie über den Roman von Laura Steven: Speak Up

Zum 150. Todesjahr von Adalbert Stifter

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Und noch ein Fleisch auf dem Sauerkraut

Zum 150. Todesjahr von Adalbert Stifter

von Günter Nawe

Es gibt Bücher, die jeder kennt und die doch nur ganz wenige gelesen haben. „Der Nachsommer“ von Adalbert Stifter ist ein solches Buch: ein Tausend-Seiten-Roman mit wenig Inhalt und doch voller Zauber, eine „Utopie von Raum und Zeit“, ein „Traum vom Glück“, von großer Genauigkeit des dichterischen Blicks und von einer Tiefe, „die in neuer Zeit nur von Göthe übertroffen ist“ (A. S.). Ein solches Diktum teilten viele Kollegen und Leser beileibe nicht. Hebbel war es, der jedem, der freiwillig diesen „Nachsommer“ zu Ende lesen werde, die Krone Polens versprach. Und Stifters größter „Feind“ Thomas Bernhard verstieg sich in einer grandiosen Beschimpfungssuada dazu, den Dichter des „Nachsommer“ als den „langweiligsten und verlogensten Autor“ zu bezeichnen.
Was Wunder, dass die Romane „Nachsommer“ und „Witiko“ und die Erzählungen „Bunte Steine“ und „Studien“, sowie „Die Mappe meines Urgroßvaters“ nach den großen Erfolgen zu Lebzeiten des Dichters etwas in Vergessenheit geraten sind. Das bevorstehende Jubiläum – vor 150 Jahren, am 28. Januar 1868 gestorben – bietet einen willkommenen Anlass, sich Albert Stifters und seiner Bücher zu erinnern.

Ein Leben – „einfach wie ein Halm wächst“

Adalbert Stifter (1805-1868)
Adalbert Stifter (1805-1868)

Das Leben Stifters war „einfach wie ein Halm wächst“. Und doch war dieses Leben, das am 23. Oktober 1805 in Oberplan im südlichen Böhmen begann und im Januar 1868 in Lenz durch einen Schnitt eines Rasiermessers durch den Hals endete, voller Konflikte und Spannungen. Früh schon verlor Adalbert seinen Vater. Der Besuch des Benediktiner-Gymnasiums Kremsmünster allerdings wurde von Stifter selbst als eine besonders glückliche Zeit bezeichnet. Hier wurden die Grundlagen für sein späteres Verhältnis zur Natur, zur Literatur und Kunst gelegt. Weniger glückliche Zeiten sollten folgen. Das Jura-Studium in Wien endete ohne Abschluss. 1827 gab es die ersten dichterischen Versuche im Zeichen von Klopstock, Herder und Jean Paul. Und die erste Liebe – zu Fanny Greipl. Unerfüllt sollte sie bleiben, dafür erfüllten Selbstzweifel den jungen Mann.

Genialer Vielfraß bei Fleisch, Sauerkraut und Bier

Erste dichterische Versuche sind zu vermelden. Und das endgültige Zerwürfnis mit Fanny. Ihr sollte Amalie Mohaupt folgen, die er 1837 heiratete. Stifter malte (übrigens sehr beachtlich) und veröffentlichte 1840 die Erzählung „Der Condor“. Erfolg stellte sich ein, was auch notwendig war. Immer noch war der Dichter ohne feste Anstellung und Amalie sehr verschwendungssüchtig. So fristet er als Hauslehrer in Wien sein Leben. Nach und nach erschienen jedoch weitere Erzählungen: „Feldblumen“, „Brigitta“ und „Der Hochwald“, und 1842 die Erzählung „Abdias“, die den Durchbruch brachte. Nicht nur literarisch. 1848 war Stifter Wahlmann in der Frankfurter Nationalversammlung. Er siedelte nach Linz über, wurde endlich Schulrat und erhielt 1853 eine feste Anstellung.

Die Ehe mit Amalie war alles andere als glücklich. Die Ziehtochter Juliane nimmt sich das Leben. Längst hatte den Dichter auch die Fress- und Saufsucht endgültig erreicht. Der geniale Vielfraß vertilgte in einer Mahlzeit Brotsuppe, Geflügel, Fleisch und „noch ein Fleisch auf einem Sauerkraut“, dazu Rüben und Krautsalat und eine Unmenge dunkles Bier.

Der Biedermeier-Dichter Adalbert Stifter als Maler: "Mondlandschaft mit bewölktem Himmel" (1850)
Der Biedermeier-Dichter Adalbert Stifter als Maler: „Mondlandschaft mit bewölktem Himmel“ (1850)

Am Leben entlanggeschrieben

Als „Gegenentwurf“ zu diesem Leben kann „Der Nachsommer“ (1857) gelesen werden, mit dem er sich „am Leben entlanggeschrieben hat“, als eine Sehnsucht nach Harmonie, die ihm das Leben nicht zu bieten hatte. Ein Buch, das gerade deshalb ausgesprochen interessant, sprachlich unvergleichlich schön und sehr modern ist; von einem Meister der „Entschleunigung“, angeschrieben gegen die stete Beschleunigung der Welt. Nietzsche zählte den „Nachsommer“ – vielleicht gerade wegen seiner Unzeitgemäßheit – zu den wenigen Werken deutscher Prosa, die es verdienten, „wieder und wieder gewesen zu werden“.

1865 erschien der Roman „Witiko“, und Adalbert Stifter wurde der Hofratstitel verliehen. Zunehmende Depressionen jedoch und eine Leberzirrhose wurden nahezu zur Lebensplage. Der Erfinder des sanften Gesetzes der Schönheit philosophierte am Ende sehr unschön mit dem Rasiermesser. Denn „…es war Glanz, es war Gewühl, es war unten…“. ♦

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