Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Traditionsbrüche und Erinnerungsarbeit

von Sigrid Grün

Geschichtsschreibung ist niemals völlig neutral, sondern stets ideologisch und subjektiv gefärbt. Die Frauengeschichte, die sowohl Teil der Geschichtswissenschaft als auch der Geschlechterforschung ist, entwickelte sich als Fachgebiet im Rahmen der Frauenbewegung der 1970er Jahre. Damals verstand sich die erstarkende Frauenbewegung als etwas grundlegend Neues. Vorläufer, die es bereits im 19. Jahrhundert gegeben hatte, wurden weitgehend ignoriert. Es zeigt sich also: Die Geschichte der Frauenbewegung ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Der neue Band von Campus: „Erinnern, vergessen, umdeuten?“ arbeitet das Thema auf.

Vom Hexen-Narrativ bis zur Weimarer Republik

Erinnen vergessen umdeuten Frauenbewegungen - Cover Campus Verlag - Rezension Glarean MagazinDie Anthologie „Erinnern, vergessen, umdeuten? – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert“ geht auf eine Tagung im Frühling 2018 zurück. Die Teilnehmerinnen bearbeiteten zahlreiche Fragen – die Ergebnisse liegen nun in gedruckter Form vor. In den 15 Beiträgen geht es u.a. um Louise Otto Peters, eine der Mitbegründerinnen der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und um die Frauenrechtlerin Lily Braun, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Bild der Frau in der Antike, insbesondere mit griechischen Hetären, auseinandersetzte und den hohen Bildungsstand der Prostituierten des Altertums betonte. Es geht aber auch um die „Wirkmacht des Hexen-Narrativs in den europäischen Frauenbewegungen“, um die „Frage nach (fragmentarischen) Traditionsbildungen als Strategie der Mobilisierung eines radikalen Feminismus“ (116) und um Erinnerungskultur nach 1945 und Erinnerungsarbeit im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

Gedächtnisformen und Medienlogiken

FAZIT: Die Themen Erinnerungsarbeit, Traditionsstiftung und Traditionsbrüche werden in dem Band „Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert“ des Herausgeber-Trios Angelika Schaser, Sylvia Schraut und Petra Steymans-Kurz auf vielfältige Weise aufgearbeitet. Selbst HistorikerInnen werden hier sehr viel Neues und Interessantes erfahren, denn die Geschichte der Frauenbewegungen ist immer noch ein stiefmütterlich behandelter Bereich. Der Tagungsband wird definitiv so gut wie ausschliesslich ein Fachpublikum aus der Geschichtswissenschaft und Geschlechterforschung sowie der Kulturwissenschaft ansprechen.

Den Frauenrechtlerinnen Helene Lange und Getrud Bäumer ist ebenso ein Text gewidmet wie den konfessionellen und regionalen Brüchen in der Traditionsstiftung der deutschen Frauenbewegung. Hervorzuheben ist, dass sich in dem Band nicht nur Beiträge zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland finden, sondern auch Galizien (polnische, jüdische und ukrainische Autorinnen), Italien, Finnland und Schweden betrachtet werden. Sehr aufschlussreich ist Susanne Kinnebrocks Beitrag „Warum Frauenbewegungen erinnert werden oder auch nicht – Zum Zusammenspiel von Gedächtnisformen und Medienlogiken“, in dem es um die Gedächtnisse (kommunikatives, kulturelle, kollektives) von Gesellschaften geht.
Drei der 15 Beiträge sind in englischer Sprache verfasst.

Traditionsverluste durch Diktaturen

Besonders interessant an der Geschichte der Frauenbewegungen sind die zahlreichen Brüche. Die frühe, bürgerliche Frauenbewegung, die in puncto Frauenrechte eine Menge bewegte, u.a. das Frauenwahlrecht erwirkte, lief später häufig Gefahr, entweder völlig ignoriert oder gründlich missverstanden zu werden.

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So bezeichnete die Autorin Renate Wiggershaus die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer in einem ihrer Bücher etwa als „aktive Nationalsozialistin“, obwohl Bäumer 1933 von den Nationalsozialisten all ihrer politischen Ämter enthoben wurde. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts sind in erheblichem Masse mit verantwortlich für die Traditionsverluste innerhalb der Frauenbewegung.
Es ist überaus erhellend, etwas darüber zu erfahren, welches Bild sich eine Bewegung von der eigenen Geschichte macht und wie sehr Vorläufer in Vergessenheit geraten oder sogar gänzlich umgedeutet werden können. ♦

Angelika Schaser, Sylvia Schraut, Petra Steymans-Kurz (Hrsg.): Erinnern, vergessen, umdeuten? – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, 406 Seiten, Campus Verlag, ISBN 9783593510330

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Frauenbewegung auch über das Handbuch von Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

… sowie über die Frauen-Biographie von K. Decker: Lou Andreas-Salomé – Der bittersüsse Funke Ich

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Gerhard Oberlin: Deutsche Seele – Ein Psychogramm

Zum Teufel mit Melancholie und Sehnsucht

von Christian Busch

Hoher Schieferfels in grün bewachsener, romantischer Wein- und Burgenlandschaft, grau-weiss gebleichte Wolken am bedeckten Himmel, tief unten rauscht Vater Rhein, plätschernde Wellen, abgründige Strudel, das Ganze in dämmriges Abendlicht getaucht – das berühmte Loreley-Gemälde des russischen Malers Nicolai von Astudin als Buch-Cover kann durchaus zur Lektüre von Gerhard Oberlins jüngst erschienenem Psychogramm „Ich weiss nicht, was soll es bedeuten“ der deutschen Seele verführen. Es illustriert wesentliche Züge der deutschen Seele: Sehnsucht, Melancholie und die Lust am Untergang.

Gerhard Oberlin - Ich weiss nicht was soll es bedeuten - Deutsche Seele - Ein Psychogramm - Cover - MagazinEin Lesebuch über die deutsche Seele könnte manchem als redundanter Anachronismus erscheinen, leben wir doch längst in einer digital-medialen, global vernetzten Gesellschaft, in der die Seele nur noch als konsumtechnisch relevantes Zielobjekt von Interesse zu sein scheint. Wo darf man das Deutsche und womöglich „rein deutsche“ Wesen suchen? Wohl gar in einer multikulturellen Gesellschaft, welche, durchsetzt von mehreren Einwanderergenerationen, kaum noch etwas mit dem einst berüchtigten deutschen Volk gemein hat? „Fack ju Göhte“ oder was? Oder in den grölenden „Schland“-Schlachtgesängen deutscher Fussballfans, die als einzige in schwarz-rot-goldener Bierseligkeit dem Nationalstolz frönen? Und doch hoffentlich nicht in den neonazistischen Parolen alternativer Reichsbürger…

Fehlende Bewusstseinsträger

Philosoph Theodor W. Adorno ("Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch") versus Lyriker Paul Celan ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland")
Philosoph Theodor W. Adorno („Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“) versus Lyriker Paul Celan („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“)

Vielleicht ist die Frage nach der deutschen Seele deshalb gerade so wichtig, weil es ihr im medialen Einheitsbrei an Bewusstseinsträgern fehlt. Denn Paul Celans Feststellung „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ und Adornos lapidares Fazit, dass man nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben könne, läuteten zwar nicht das Ende der Auseinandersetzung mit der deutschen Seele ein, markieren aber gewichtige Bremsklötze: Die Stunde Null war gefragt – und mit ihr eine ganze Kulturnation vor der Vernichtung. Ganz recht stellte Thea Dorn 2011 in Bezug auf die deutsche Seele in der ZEIT fest: „Wir haben sie verleugnet und verloren. Aber ohne sie sind wir hilflos. Zeit, sie wieder zum Leben zu erwecken.“

Auch deshalb wird, wer sich auf Oberlins psychoanalytisch begründeten, literarisch belesenen, kulturgeschichtlich phänomenalen und wissenschaftlich fundierten Weg begibt, es nicht bereuen. Denn was – um nur einige zu nennen – beispielsweise Albrecht Dürer, Martin Luther, Wilhelm Müller, Goethe und Heine bis hin zu Leips „Lili Marleen“ verbindet, muss für jeden Deutschen, dem seine Seele – individuell oder auch national-kulturell – wichtig ist, von Interesse sein. Hier ist Oberlin ein glühender Verfechter des seelischen Bewusstseins, das der seelenlosen „Gemütsbesoffenheit“ (Nietzsche) den Kampf ansagt.

Zerrissene deutsche Seele

Reise durch die deutsche Seelen-Landschaft von Albrecht Dürer ("Melancholia") - über Martin Luther ("Eine fest Burg ist unser Gott") bis zu Helene Fischer ("Atemlos")
Reise durch die deutsche Seelen-Landschaft von Albrecht Dürer („Melancholia“) – über Martin Luther („Eine fest Burg ist unser Gott“) bis zu Helene Fischer („Atemlos“)

Denn zweifellos ist die deutsche Seele in ihrer Zerrissenheit Schauplatz widerstrebender Kräfte, wie Friedrich Hölderlins elegischer Charakter Hyperion es wohl am schärfsten und eindringlichsten formuliert hat: „Barbaren von Alters her, durch Fleiss und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefässes – […]. Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag‘ ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre, wie die Deutschen.“

Und so folgt man Oberlin gerne auf seiner literarischen Reise durch die deutsche Seelen- und Kulturlandschaft, die mit Albrecht Dürers Kupferstich „Melancholia I“ (1514) einsetzt. Vom Streben des Unvollkommenen nach Vollkommenheit ist da zu lesen, von Kunst- und Arbeitsperfektionismus versus Erkenntnisstreben. Und wir staunen, dass wir sofort in medias res der Tugenden und Untugenden des blonden Germanen gelangen, der mit akribischer Gründlichkeit und Disziplin nach hohem Ideal strebt und deshalb in des „Teufels Küche“ (nicht erst Faust) gerät. Wir folgen Oberlin u.a. über Luthers „Feste Burg“, Goethes „Faust“ und Wilhelm Müllers „Lindenbaum“, ohne Erich Kästners „Sachliche Romanze“ aussen vor zu lassen, bis hin zu Helene Fischer.

Vergangenheitslastiges Psychogramm

Seicht-verkitschte Vertonung von Heinrich Heine's "Ich weiss nicht was solles bedeuten" durch Friedrich Silcher
Seicht-verkitschende Vertonung durch Friedrich Silcher von Heinrich Heine’s abgründigem „Ich weiss nicht was soll es bedeuten“

Einen Höhepunkt stellt das Kapitel über Heines berühmtes und titelgebendes Gedicht „Ich weiss nicht, was soll es bedeuten“ dar, das mit Friedrich Silchers eben seichter und spannungsloser („Jedermanns-Sentimentalität“) Vertonung gnadenlos abrechnet. Es geht Oberlin eben nicht um oberflächliche Verdrängungsgemütlichkeit, sondern um das Bewusstsein eines abgründigen, existentiellen Dilemmas unerfüllter Liebe, das er sowohl mythologisch kenntnisreich wie auch in Heines Biographie zu orten weiss.
Schwächen zeigen sich eher am Ende des zweifellos vergangenheitslastigen Psychogramms, wenn der Autor sich, statt sich der Literatur des 20. Jahrhundert zu widmen, von der Literatur ab- und der Kultur des deutschen Schlagers und der deutschen Fussballfan-Kultur zuwendet.

FAZIT: Gerhard Oberlins kulturphilosophischer Diskussionsbeitrag „Ich weiss nicht was soll es bedeuten“ ist eine wichtige Veröffentlichung zu einem wichtigen Thema. Sein Buch ist höchst lesenswert, weil es erstaunliche, beziehungsreiche Erkenntnisse über das Wesen des Deutschen in konzentrierter und zugespitzter Form bietet.

Spätestens bei der Behauptung, der Frauenfussball sei in punkto „Dramatik, Kombinationsfluss, Taktik…“ dem Spiel der männlichen Millionäre überlegen, muss an der Objektivität des Autors gezweifelt werden – oder ist es nur fehlender Fussball-Sachverstand? Zwar analysiert Oberlin auch hier schonungslos grotesk anmutende Missverhältnisse in den „faschistischen“ Strukturen eines gesellschaftlichen Millionengeschäftes. Den Leser lässt er jedoch nach so viel Luther, Heine und Goethe etwas ratlos zurück, der eine Verknüpfung, Zusammenfassung, ein Fazit oder wenigstens einen Ausblick vermisst. Eine deutsches Ende in Melancholie?

Das Deutsche zwischen Barbarei und Genialität

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Gerhard Oberlins kulturphilosophischer Diskussionsbeitrag ist – trotz der angesprochenen Schwächen am Ende – eine wichtige Veröffentlichung zu einem wichtigen Thema. Sein Buch ist dabei höchst lesenswert, weil es erstaunliche, beziehungsreiche Erkenntnisse über das Wesen des Deutschen in konzentrierter und zugespitzter Form bietet. Ohne ein endgültiges und fertiges Bild der deutschen Seele zeichnen zu wollen, gelingt ihm eine kluge Annäherung an den ambivalenten, zwischen Barbarei und Genialität facettenreich schimmernden Deutschen. Damit legt er ein ungeheures seelisches Potential frei, das nicht zu nutzen unverzeihlich wäre. In Zeiten der medialen Gleichschaltung und Nivellierung wird so mancher diesen Text zu seiner Vergewisserung gebraucht haben. ♦

Gerhard Oberlin: Ich weiss nicht, was soll es bedeuten – Deutsche Seele – Ein Psychogramm, 168 Seiten, Verlag Königshausen & Neumann, ISBN 9783826067716

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kulturgeschichte auch über
Deutsche Gesellschaft: Brauchen wir eine Leitkultur?

… sowie über Alessandro Baricco:
Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur

Berthet & Raule: Dein Tod – Mein Kunstwerk (Graphic Novel)

Kunst und Tod in Barcelona

von Isabelle Klein

Ein Mann, mit bulliger Statur, allein in einem nächtlichen Labyrinth, umzingelt von düsteren, fremdartig tätowierten Gestalten, das ist der Ausgangspunkt der Graphic Novel „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ des Gespanns Philippe Berthet (Zeichnungen) & Raúl Anisa Arsís Raule (Szenario).

Die faszinierende Covergestaltung von Berthet und das Vorwort von Raule legen die Erwartungen hoch: Ein Barcelona, wie man es im Film Noir findet, eine mysteriöse Geschichte, die die Schatten der Vergangenheit wiederauferstehen lässt, verratene Gefühle, Lebenslügen – kurzum: Von allem etwas dabei und auf knapp 64 Seiten, das verspricht spannende Unterhaltung.

Dein Tod - Mein Kunstwerk - Philippe Berthet & Raule - Graphic Novel - Cover Glarean MagazinDie Geschichte ist kurz, aufs Wesentliche verdichtet und spielt mit Archetypen. Da wäre der bullige, grauhaarige Pariser Cop Philippe Martin, der mit seiner gebrochenen Nase und Schlagkunst dem Charakter des harten Bullen mit sensiblem Kern alle Ehre macht. Ein Abschiedsbrief einer 25-jährigen Kunststudentin namens Emma Bellamy Martin erfordert seine Ankunft in Barcelona, einer Stadt, die er kennt und liebt. Die junge Frau scheint seine Tochter zu sein, so sagt es wenigstens der Abschiedsbrief. Er begegnet der Frau wieder, die ihn 25 Jahre zuvor Knall auf Fall verlassen hat. Sie beschwört ihn, den Mord an der Tochter aufzuklären, denn sie weiss sicher, dass die lebenslustige Emma, die gerade an ihrer Doktorarbeit schrieb, sich nie das Leben genommen hätte.

Thema im Thema

Ein gefälschter Abschiedsbrief, ein unsteter Freund, ein potentieller Verschmähter und eine wütende Mitbewohnerin halten den Kriminalkommissar in Atem, bis er im furiosen Finale seiner Nemesis begegnet. Was „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ reichlich aufweist, sind skurrile Gestalten und das Spiel mit der noir-typischen Rückblende.

Dein Tod - Mein Kunstwerk - Philippe Berthet & Raule - Graphic Novel - Leseprobe Glarean Magazin
Leseprobe aus „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ von Philippe Berthet & Raule

Ein wenig Ästhetizismus, indem das Autor-Zeichner-Gespann die Ballade „The Lady of Shalott“ von Alfred Tennyson aufgreift und das Thema der Graphic Novel zum Thema im Thema macht; dazu Jacques Brel und weisse Schokolade, zwei Dinge, die Vater als auch Tochter lieb(t)en und einen Vaterschaftstest unnötig machen, denn das Herz schlägt im Gleichtakt; ein kleiner Verweise auf Otto Premingers Film Noir „Laura“ (USA 1944) mit der grandiosen Gene Tierney – solche Dinge lassen das Herz des (Film-)Enthusiasten höher schlagen. Gleich der undurchschaubaren Laura ist Martins Ex eine femme fatale, die letztlich nicht wirklich zu verstehen ist. In ihrer Tochter Emma findet sie ein jüngeres Pendant, das leider recht amorph bleibt. Hier wären stärkere Akzente nicht verkehrt gewesen.

Unterhaltsam und fesselnd

Keine Frage, „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ ist eine kleine feine Graphic Novel. Sie weiss zu unterhalten und zu fesseln. Sie spielt mit Rückblenden, Kontrasten und zeigt ein dunkles Barcelona jenseits von zafonseker Düsternis. Und doch bleibt die Wirkung des Comics durch die recht kompakte Länge begrenzt und kommen bspw. Motive zu kurz. Das Konzept ist gut, aber die Umsetzung hätte durch Länge an Vielschichtigkeit und Tiefe gewonnen, was gerade für den Vater, die Tochter und den/die Täter von grossem Vorteil gewesen wäre. Warum wird das Vorgehen der Mörder nicht detaillierter und dadurch weniger stereotyp erklärt?

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Der Autor, der das geheimnisvolle Barcelona zum Leben erwecken will, tut das m. E. in der Zusammenarbeit mit Colorist und Cartoonist nicht wirklich zielsetzend. Zu hell die Farben, zu einfach die Szenerie. Teils wäre dann doch ein zafoneskes Element morbiden Charmes angebracht, ein Zusammenspiel von Licht und Schatten, monochromen Kontrasten und Schattenwürfen, ebenso, wie es der Film Noir der 40er und 50er inszeniert. Gelegentlich kommt solches dann aber doch vor, wenn z. B. in der Leichenhalle eine Frosch-/Fluchtperspektive bedrohlich ein Rollbett in den Vordergrund rückt (S. 6) und die Decken unnatürlich schwarz sind (S. 6 und 7). Selbst Kleinigkeiten wie die im Schwarz verschwindenden Augen Philippes nach seiner Erschütterung im Angesicht von Leiche und Abschiedsbrief überlässt der Zeichner nicht dem Zufall (S. 9, oben links).

FAZIT: Die kleine, aber durchaus feine Graphic Novel „Dein Tod – Mein Kunstwerk“ weiss zu unterhalten und zu fesseln. Zuweilen bleibt die Leser-Wirkung wegen fehlender Vielschichtigkeit hinter den durch grossartiges Cover und gute Konzeption geschürten Erwartungen zurück. Doch die Novel spielt mit Rückblenden, Kontrasten, zeigt ein Barcelona jenseits von zafonseker Düsternis – ein Barcelona, wie man es aus dem Film Noir kennt. Spannend.

Wenn aber schon der Verlag explizit auf den Noir-Charakter verweist, hätten Berthet/Raule solche Raffinesse noch öfter anlegen können. Allgemein wirkt das Cover, das das Element Wasser und den Tod mit einem Hauch von Gefahr als auch Liebe grossformatig vereint, auf mich sehr reizvoll. Doch wie schon erwähnt, kann man diesem geheimnisvoll anziehenden Titelmotiv durch die Kürze der Geschichte nicht annähernd gerecht werden. ♦

Philippe Berthet & Raule: Dein Tod – Mein Kunstwerk (Graphic Novel), 64 Seiten, schreiber&leser Verlag, ISBN 978-3-96582-001-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema skurril-groteske Literatur auch von Martin Stauder: Morderverdacht

sowie die Groteske von Beatrice Nunold: …und die Welt ist eine Scheibe

Ausserdem zum Thema Graphic Novel über Yuval Noah Harari: Sapiens – Der Aufstieg


Mick Finlay: Arrowood – Die Mördergrube (Krimi)

„Gestatten: William Arrowood, emotionaler Detektiv“

von Isabelle Klein

Sollten Sie Sherlock-Holmes-Fan sein, seien Sie vorsichtig, denn dieser zweite Fall rund um den zweitbesten Londoner Detektiv William Arrowood und seinen Gehilfen Norman Barnett kann Sie leicht bis stark aggressiv machen, je nachdem, wie stark Ihre Liebe zum Superhirn der Detektivgeschichte ausgeprägt ist, denn laut Letzterem ist Ersterer schlichtweg ein „Scharlatan“ (S.343).

Mick Finlay - Arrowood - Die Mördergrube - Krimi - Harper Collins - Cover - Glarean MagazinWilliam Arrowood hat es nicht leicht. Ständig hält man ihm den genialen Sherlock vor, der gerade raffiniert einen Erben gerettet hat (der Holdernesse-Fall). Arrowoods Meinung nach alles purer Zufall, denn der Meisterdetektiv habe Spuren falsch gedeutet und schlichtweg Glück gehabt. Während Holmes also mit seinem deduktiven Vorgehen und dem Hauptaugenmerk auf dem Deuten von materiellen Hinweisen Fall nach Fall löst, hat unser armer, übergewichtiger, stets von zu engen Schuhen, grausamen Darmwinden und einer untreuen Frau geplagter Detektiv ein gänzlich anderes Herangehen: Er setzt auf Gefühle, nicht auf Logik, denn Menschen sind nun mal von Gefühlen bestimmt und handeln nicht unbedingt logisch. So ist Arrowood nach eigenen Worten ein „emotionaler Detektiv“, der die Menschen versteht und sich in sie hinein zu versetzen versucht.

Eine „rasante Geschichte“?

Mick Finlay - Glarean Magazin
Mick Finlay

So auch in diesem Fall: Die beiden werden vom Ehepaar Barnett an einem kalten Neujahrsmorgen des Jahres 1896 beauftragt, die verlorene Tochter Birdie wieder mit ihnen zu vereinen. Birdie ist „geistesschwach“ und habe sechs Monate zuvor den ebenfalls entwicklungsverzögerten Walter Ockwell, der zusammen mit seinen Geschwistern Godwin und Rosanna einen heruntergekommenen Bauernhof betreibt, geheiratet. Seitdem sei jeder Kontakt von der Schwägerin unterbunden worden, man mache sich grosse Sorgen um das Wohl des einzigen Kindes.
Arrowood, dessen letzter Fall bereits fünf Wochen zurückliegt, nimmt an, obwohl er von vornherein ahnt, dass das Elternpaar etwas verbirgt. Man einigt sich darauf, dass er zumindest herausfinden soll, ob Birdie wohlauf ist und dort nicht gefangen gehalten wird.

Immer das Gleiche

Und so entspinnt sich laut der Werbung der Times (vgl. hinten auf dem Cover) eine „rasante Geschichte, die sich von Twist zu Twist und Gefahr zu Gefahr bewegt.“ Womit wir schon mitten in dem sind, was für mich den grössten Schwachpunkt der viel zu langen Geschichte rund um den Seelenzustand Birdies und eine in Folge der Ereignisse getötete Kesselflickerin darstellt. Es ist eben nichts rasant und voller Wendungen – nein, man verliert irgendwann (rund um die Mitte herum) leicht das Interesse weiterzulesen, denn gefühlt geschieht immer das Gleiche. Arrowood und Barnett nehmen den Zug in den südlichen Vorort und kommen einfach nicht weiter, dabei werden sie von immer mehr Bewohnern angefeindet, verdroschen und öffentlich diffamiert. Gerade Barnett wird ein ums andere Mal Opfer zahlreicher Prügel, während Arrowood seinen Mariani-Wein in sich reinschüttet und von dermassen üblen Darmwinden geplagt wird, dass man sich fragt, was Finlay damit bezweckt.

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Für mich besteht der gute Arrowood aus einer eindrucksvoll verfetteten Gestalt, einem riesigen Zinken, aus aufgedunsenen Füssen mit knorrig gelben Zehennägeln, schwarz angelaufen (vgl. S.241), aus widerlichen Geräuschen und Gestank – schlichtweg ein gesundheitliches Wrack.
Seine beiden Protagonisten negativ in Szene setzen, das vermag Finlay grandios. Uns (wie ebenfalls vom Verlag versprochen) aber in die „düsteren Gefilde der viktorianischen Nervenheilanstalten“ zu führen, das geschieht jedenfalls nicht. Oder nur sehr oberflächlich, als die beiden mal wieder kräftig Prügel einstecken, weil sie im Caterham Asylum for Safe Lunatics and Imbeciles rumschnüffeln.

Gepflegte Langeweile

Fassen wir zusammen: „Die Mördergrube“ ist eine sich sehr gemächlich entfaltende Geschichte, die hauptsächlich von der blumigen und bildgewaltigen Ausdrucksweise lebt (bzw. den Leser die Nase rümpfen lässt). Dazu einige ins Spiel geworfene Nebendarsteller wie die mutige Schwester Ettie, den trinkfreudigen Dorfgeistlichen oder den „Mongo“ Willoghby Krott, zuzüglich milde Einblicke ins betrügerische Treiben von Heilanstalten. Darüber hinaus? Nicht viel, und nichts Lehrreiches oder gar Erfreuliches.
Finlay entwickelt ein interessantes Konzept, aus dem man durch den Gegensatz Holmes-Arrowood hätte einiges machen können. Doch er schreibt so schwerfällig, konzipiert einen Fall, der so von Wiederholungen und gepflegter Langeweile lebt, zeichnet seine Charaktere so einseitig, dass man eigentlich nur froh ist, wenn die Geschichte vorbei ist. ♦

Mick Finlay: Arrowood – Die Mördergrube, Kriminalroman, 480 Seiten Harper Collins, ISBN 9783959672931

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Moderne Krimis auch über
Niklas Natt och Dag: 1793

… sowie über den Krimi von
Roland Stark: Tod in zwei Tonarten

Philipp Ruch: Schluss mit der Geduld! (Eine Polit-Anleitung)

„Künstler an die Macht“

von Heiner Brückner

Kämpferisch lautet der Titel, das Thema ist brandaktuell, und der Umschlag sticht in grellem Orange in die Augen. Man muss sich reinbeissen in die „Anleitung für kompromisslose Demokratie“ von Philipp Ruch, agitativ betitelt mit „Schluss mit der Geduld“. Wenn man nicht die resignierte Parole der Grossvätergeneration nachbeten möchte, die auch heute gerne angeführt wird, sobald es um eigenen Ansporn und Anspruch geht: „Was hätten wir als Einzelne denn dagegen tun können? Wir wollten doch bloss überleben.“
Oder mit dem Zitat von Astrid Lindgren, das Philipp Ruch in seiner Ansporn-Streitschrift zitiert; sie schreibt in ihrem Kriegstagebuch über den nahezu unbemerkten Einfall der sowjetischen Armee in Finnland: „Wenn man doch nur wüsste!“

Philipp Ruch - Schluss mit der Geduld - Jeder kann etwas bewirken - Cover Ludwig Verlag - Glarean MagazinEs ändert sich einfach nichts von selbst. Das enttäuscht den Aktivisten Ruch im Zentrum für Politische Schönheit, der mit aufmerksamkeitswirksamen Aktionen ein Einsehen erreichen und zum Ruck für Veränderung aufrütteln will. Und damit natürlich nicht nur auf Gegenliebe stösst.

„Denke!“

Zunächst analysiert er im Kapitel „Denke!“ schonungslos und knallhart den chaotischen Meinungswirrwarr: „Demokratiefeindliche Flaggen hängen mittlerweile in Schrebergärten“. Weiter steigert er sich mit markigen Worten und deutlichen Begriffen wie „Lügenpresse“ als Behauptung für ein „Unterdrückungsregime“, das in Talkshows („Schlagstöcke im öffentlichen Gespräch“, „Fernseh-Apartheid“) seine Bühne bekommt, und in dem Politiker sprachliche Dominanz über Menschen erlangen dürfen. Gängige Politikergrössen und Medienvertreter führt er an, auf und teils vor. Man könnte ebenso dieses Werk als Who’s-who-Shortlist aktueller Agitatoren und einigen aus der jüngeren Vergangenheit lesen. Die „kulturelle Phantasie des Landes“ bleibe auf der Strecke. Seine einfachste Regel als Resultat des Denkprozesses lautet denn auch: Die Diktatur der Meinungsmache brechen, keinen Hass aufkommen lassen, sondern sofort ahnden.

„Kämpfe!“

Philipp Ruch - Philosoph und Aktivist mit Kriegsbemalung - Glarean Magazin
Philosoph mit Kriegsbemalung: Aktivist Philipp Ruch

„Kämpfe!“ fordert denn auch das Kapitel Zwei. Ruch studierte „Die Weltbühne“ von 1932. Diese Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft galt in der Weimarer Republik als das Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken. Seine Erkenntnis: sie lag erstens politisch völlig daneben und zweitens Bürgerkrieg entsteht aus „erschreckender Kontinuität der Ereignisse“ nach dem Aufbauprinzip: Getreue sammeln, Waffen horten, „Wahlen als Kabelbinder“, persönliche Verantwortung. Mit der Inszenierung von „Unruhen“ werde noch heute (Meinungs-)Diktatur gemacht. Die AFD (Grossschreibung ist Absicht des Autors) habe sich bereits in Björn Höcke, dem „Primgeiger des Fascismus“ (sic!, Schreibweise der „Weltbühne“) und „Posterboy der Rechtsextremisten“, für Veränderung entschieden. Deshalb benötige das deutsche Grundgesetz „eine Art Hochwasserschutz“.

„Ächte!“

Damit für die Zukunft richtige Mittel im Kampf um die Demokratie gefunden werden, spielt er auch mit dem Mittel Bürgerkrieg, zunächst rein gedanklich. Manchmal verheddert sich der rote Faden im Eifer der Leidenschaft in den fallengelassenen und wiederaufgegriffenen Redundanzmaschen, die an ihm zum finalen Knoten aufgefädelt werden sollten.
Die Dinge kommen sehen und an die eigene Wirkung glauben, ist ein ebenso wenig konkretes Postulat wie die weiteren Allgemeinplätze, die hinauslaufen auf: Wir müssen selbst handeln. Sie werden aber durch „schöne“ oder kantige Formulierungen nicht pragmatischer: „Niemand ist ohnmächtig“, „Wir müssen das Territorium des Idealismus zurückgewinnen.“ Dieses Kapitel überschreibt er mit „Ächte!“ und wird zunehmend griffiger: Wir müssen streiten, denn mit den Rechten zu reden, sei eine „Höflichkeitslähmung“, weil es ausartet in „für Rechte reden“. Kämpferisch konkret, naturgemäss subjektiv fragwürdig klingt die Forderung, wir sollten wie selbstverständlich konsequent gegen Rechtsextremismus vorgehen. Die Frage ist aber eben wie. Da wird Ruch agitatorisch: Stress machen, Steuern verweigern! Verächtlich machen!

FAZIT: „Wenn ich die Wahrheit sagen sollte, müsste ich lügen“, zitiert Philipp Ruch Erich Kästner aus „Die Weltbühne“. Der strebt aber nach Wahrhaftigkeit und benötigt Sehnsuchtsbildung als Grundnahrungsmittel. In seiner schonungslosen Gegenwartsanalyse kommt Ruch zu dem Ergebnis: „Wir hängen am seidenen Faden der Politik.“ Zur Moral tragen Naturwissenschaften nicht bei und Politik schweigt. Er sieht Fiktion in der Kunst als „Königsweg, um die Welt zu verändern“. Denn das Wesen von Aktionskunst sei die „radikale Nähe zur Wirklichkeit“. Wortreich und sprachgewandt klingen „Schluss mit der Geduld“ die flammenden Appelle Philipp Ruchs zur vermeintlichen Rettung der Demokratie mit vielen Ausrufungszeichen und Fragezeichen, aber wenigen und zumeist vagen Beantwortungssätzen. Eine Empfehlung meinerseits – mit Einschränkung.

„Humanisiere!“

Das letzte Kapitel: „Humanisiere!“ Wird er nun wieder zahm? Nein, verweichlichen meint er nicht: „Humanismus kennt keine Kompromisse“, heisst die These auf Seite 140. Die Seenotretter (Made in Germany) beispielsweise retten „das letzte Sandkorn unseres Anstands“. Und zehn Seiten später lassen wir zu, dass unsere Menschlichkeit zerstört wird, wenn „ausgerechnet sie (die Retter der Ertrinkenden) von den Journalisten verächtlich gemacht werden“.
Mit einem Appell ins Innere bricht er seine Thesen auf unseren Alltag herunter. Ausmerzen könnten wir die Rechten nicht, aber wir müssen keine Verträge mit ihnen schliessen. Ohne Anstrengung werde der Kampf nicht abgehen.
Einleuchtender kann der Leser seinem Ansatz folgen, wenn er ein Exempel zu Ende führt. Das wird gegen Ende des Buches mit der fiktionalen „Kindernothilfe des Bundes“ als Aktion des Zentrums für Politische Schönheit deutlich, die tatsächlich 55’000 Willige für die Adoption von Flüchtlingskindern aufweckte. „Wir lassen heute Menschen ertrinken“, „Verrohung des Gesellschaftsinneren“, „Wir leben in der Zeit des Verrats am Humanismus“ – zwar sind diese Sätze erst gegen Ende auf Seite 150 abgedruckt, aber sie sind das Resümee der ausschweifenden Auslassungen, und deshalb führe ich sie hier exemplarisch an.

Philipp Ruch - Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest - Ludwig Verlag
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Zur Moral tragen Naturwissenschaften nicht bei und Politik schweigt, Sehnsuchtsbildung ist aber ein Grundnahrungsmittel. Der „Königsweg, um die Welt zu verändern“ kann folglich nur Fiktion durch Kunst sein. Das Wesen von Aktionskunst ist nämlich die „radikale Nähe zur Wirklichkeit“. Aus Mangel an Vorstellungskraft „verdrängen wir leichter, als mitzuleiden“, bemüht er den österreichischen Schriftsteller Arthur Schnitzler. Um der Menschlichkeit gerecht zu werden, sollten wir uns der Phantasie bedienen. Ja wir haben sogar die „Pflicht“, uns den Abgrund vorzustellen. Theater und Bücher sind die „Herzkammern“ für den Kampf gegen den Ungeist. Gewagt und zweifelhafter erscheint sein Appell: „Komplizenschaft bei Verbrechen, die uns in eine bessere Welt führen“.

Das Aufschreiben ist ein Aufschrei, zweifellos. Aber steckt er mich an? Was veranlasst mich ihm zu folgen, wenn ich das Buch durchgeackert habe? Was könnte man nur ausrichten, damit sich etwas ändert? Hat er Vorschläge auf Lager, die ich nachvollziehen und umsetzen könnte? Teils hat er. Deshalb empfehle ich diese „Anleitung für kompromisslose Demokraten“. Mit der Einschränkung, dass Demokraten sehr wohl kompromissbereit sein sollten – aber auf keinen Fall in ihrem kämpferischen Streben nach Demokratie. ♦

Philipp Ruch: Schluss mit der Geduld – Jeder kann etwas bewirken (Eine Anleitung für kompromisslose Demokraten) – 192 Seiten, Verlag Ludwig ISBN 9783453281196

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… sowie zum Thema Politik und Digitalisierung das „Zitat der Woche“ von Felix Stalder: Postdemokratie oder Commons?

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Jasha Gnirs: Dolor de Desiderio (Gedichte)

Heisse Lust oder heisse Luft?

von Bernd Giehl

Gedichte schreiben ist kein grosses Risiko. Niemand muss wissen, dass man so etwas tut. Man muss sie ja niemandem zeigen.  Das Unglück ist nur: Gedichte kommen meist aus dem überquellenden Herzen. Sie werden nicht geschrieben, damit sie in der Schublade vergilben, sondern damit jemand sie liest, der so ähnlich fühlt. Also zeigt man sie den Menschen, die man liebt: der Freundin oder dem Freund, und jenen, von denen man annimmt, dass sie einen verstehen. Die werden schon nicht allzu kritisch mit ihnen umgehen.
Und irgendwann kommt vielleicht auch der Zeitpunkt, wo man beschliesst, die eigenen Produkte seien so gut, dass man sie einer grösseren Öffentlichkeit präsentieren will. Dann kann man nicht mehr unbedingt mit dem Wohlwollen der Leser rechnen; dann wird es womöglich auch Kritik geben.

Jasha Gnirs - Dolor de Desiderio - Gedichte - Buch-Cover - Literatur-RezensionenDieser Tatsache ist sich der Autor des neuen Lyrik-Bändchens „Dolor de Desiderio“ bewusst; Jasha Gnirs schreibt in seinem Vorwort: „Es mag sein, dass dieses künstlerische Werk wenig Beachtung finden und in irgendeiner Schublade landen wird, ohne gelesen und ohne gehört zu werden. So mag es sein, dass dieses Werk der Schreibtischschublade unnötigerweise Platz wegnimmt.“
Kein schöner Gedanke, aber immerhin ist Autor Gnirs der Ironie fähig. Allerdings stellt er dann auch noch den Anspruch, seine Gedichte seien Kunst – und spätestens da wird es ernst.

Gesucht: Originalität

Nun will ich nicht gleich das ganz grosse Geschütz auffahren und behaupten, ein Kunstwerk müsse völlig neu und überraschend sein und etwas ausdrücken, was so noch nie gedacht oder dargestellt worden ist. Gemessen an diesem Anspruch gibt es wohl nicht viel Kunst, denn vermutlich ist alles schon einmal gedacht worden, und die Möglichkeiten neu zu malen oder zu schreiben sind begrenzt. Dennoch: ein bisschen Originalität wird man schon fordern dürfen…

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Aber die Gedichte von Jasha Gnirs sind nicht originell. Je mehr von ihnen man liest, desto weniger passen sie in dieses Jahrhundert. Eher hat man das Gefühl, ein nicht besonders erfolgreicher Dichter aus der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts habe sich zu uns verirrt und biete nun seine Sachen aus dem Bauchladen dar.
Man erkennt ihn schon an seiner altmodischen Kleidung. Alle Gedichte sind gereimt. Das ist zwar neuerdings wieder möglich, aber dann sollte der Inhalt umso überraschender sein.
Und sie handeln von einem Thema, über das schon unzählige Dichter geschrieben haben. Vielleicht wollte der Autor das ein wenig verschleiern, indem er den auf den ersten Blick etwas rätselhaften Titel „Dolor de Desiderio“ („Schmerz der Sehnsucht“) wählte.

Herzblut ohne Distanz

Sicher: Es geht um die Wunden, die das Leben uns zufügt. Darüber kann man schreiben. Nur braucht es dafür nicht nur viel Herzblut, sondern auch einiges an Distanz, wenn man nicht allzu persönlich werden will. Dafür fehlt Gnirs aber offensichtlich der Mut. Er will geliebt werden. Und so entstehen Gedichte wie das folgende (Zitat):

Das zweite Blühen

Komm, du Leser und begib dich leise
Mit mir auf eine lange Reise
In die weiten Weiten des Himmelreichs.

Komm du nur und scheu dich nicht
Siehst du nicht das kleine Licht
Das am Ende dieses Weges weilt?

Ich sehe es, ich fühle es.
Mir wird ganz warm um meine Brust!
Auf einmal spür ich heisse Lust!
Ich habe es schon lang gewusst,
Dass dies nicht das Ende ist.

Denn endet wo ein langes Leben
Endet wo ein ewig‘ Streben
So beginnt nun hier das neue Fühlen.
Das liebe Lachen, das zweite Blühen.

Und so weiter.
Es mag Menschen geben, die sich nicht an der altertümelnden Sprache und den verbrauchten Bildern („heisse Lust“, „ewig‘ Streben“ etc.) stören. Ich gehöre nicht dazu.
Ich glaube, ich weiss, wo das Büchlein seinen Platz finden wird. ♦

Jasha Gnirs: Dolor de Desiderio – Gedichte, 62 Seiten, Rediroma Verlag, ISBN 978-3-96103-620-2

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Lyrik auch den Literatur-Essay von Bernd Giehl:
Nachdenken über Luxus – Eine Anmerkungen zum Schreiben von Gedichten

… sowie die literarische Meditation von Johann Voss:
Warum noch Gedichte? – Die Provokation der modernen Poesie

Niklas Natt och Dag: 1793 (Roman)

Die dunkle Seite der Aufklärung

von Isabelle Klein

Sie mögen historische Kriminalromane, in denen alles seinen herkömmlichen Lauf nimmt? Überspringen Sie diese Rezension und lassen Sie ihre Hände von „1793“. Glauben Sie vor allem keinesfalls den Versprechen des Covers, das das Buch mit Caleb Carrs „Einkreisung“ vergleicht – mehr dazu später. Denn mit „1793“ von Niklas Natt och Dag erhalten Sie ein Werk , das sowohl erzählerisch als auch inhaltlich extrem brutal und trostlos ist, in jeder Art und Weise!

Niklas Natt och Dag - 1793 - Roman-Rezension - Glarean MagazinWährend in La Belle France der Geist der Aufklärung tobt und die Köpfe rollen, ist in Stockholm ein kühler Herbsttag, als der Häscher Mickel Cardell einen Toten aus dem Fatburen fischt. Entstellt, gefoltert, zum blossen Fleischklumpen verkommen ist das, was einmal eine menschliche Existenz war. Einzig das herrlich goldblonde Haar zeugt von früherer Schönheit. Zusammen mit dem todkranken Sekretär der Polizeikammer Cecil Winge macht sich der einarmige Stadtknecht auf die Suche nach dem Mörder und sticht in ein Wespennest aus Lug und Trug und unaussprechlichem Laster.

Brutal und trostlos

Soweit die Ausgangssituation, in der der einarmige (holzschwingende) Kriegsveteran Cardell mit Cecil Winge, der, nur noch ein Schatten seiner selbst, bald seiner fortgeschrittenen Tuberkuloseerkrankung erliegen wird, Hand in Hand ermittel. Die Paarung erinnert mich an ein anderes Duo: C. J. Sansoms Romanreihe um Master Shardlake und seinen Gehilfen Barak – quasi: Shardlake meets Winge und Cardell. Doch während im Tudor-England gegen Ende der Regierungszeit Heinrichs VIII. virtuos das Leise, Ausgeklügelte, der Zwischenton regiert, das Lesen ein Genuss ist und die Mördersuche vielschichtig vonstatten geht, ist das Erstlingswerk des Schweden Niklas Nat och Dagg gänzlich anders angelegt: brutal, martialisch, gewaltig und grausam. Das muss man mögen oder zumindest ertragen können, sonst wird das Buch ganz schnell in der nächsten Ecke landen.

Und genau deswegen verärgert mich sowohl die Leseempfehlung, die Hugendubel herausgibt, als auch das, womit der Piper-Verlag das Buch dem Leser anpreist. Ist man mittlerweile wirklich so weit, dass Netflix‘ Streamingdienst als auschlaggebend betrachtet wird, um das Buch an den Leser zu bringen? Dort lief nämlich gerade die Verfilmung des o.g. Werkes von C. Carr als Serie (The Alienist). Und glauben Sie mir, die seit vielen Jahren das Genre des historischen Krimis, gerade auch in Serie, favorisiert und Caleb Carrs „Einkreisung“ bereits in den frühen 2000ern verschlungen hat: Kein Vergleich, „Die Einkreisung“ ist um Welten besser! Unglaublich auch die Werbung mitten im Buch auf S. 295, wo auf weitere Infos über Dag, den „Meister des Grauens“, verwiesen wird.

Ermittlung in Stockholms ersten Kreisen

Niklas Natt och Dag - 1793 - Glarean Magazin
Schilderer grausamster Gewaltbereitschaft: Niklas Natt och Dag

Zurück zur Handlung: die beiden Ermittler wollen dem toten Fleischklumpen, den sie Karl Johan nennen, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Eine Münze, die im Darm des Toten gefunden wird, bietet erste Anhaltspunkte, als auch eine Kutsche, die den Toten im Fatburen abgeladen hat. Die Spur führt anscheinend in Stockholms erste Kreise. Ein Sündenpfuhl, der auch abgebrühte Krimileser nicht kalt lassen wird, offenbart sich.
Nun sind nordische Kriminalautoren eher für ihre schonungslosen direkten und oft brutalen Ausführungen bekannt als andersrum; man denke an Nesboe, Adler Olsen usw. Doch das, was sich hier in vier Kapiteln offenbart, ist wirklich harter Tobak; martialisch und in der Schilderung der Gewaltbereitschaft grausam, und brutal in der Schilderung der Folter, die dem Tod Karl Johans vorangeht (Kapitel 2). Also definitiv nichts für zarte Gemüter.

So recht zu nähern vermag man sich den beiden Protagonisten nicht; zu lang sind die durch den Aufbau erzeugten Unterbrechungen. Wir erleben den klassischen Krimiplot nur in Kapitel 1, wo das Geschehen durchdacht an Fahrt gewinnt. Was dann folgt, v.a. in Kapitel 2 und 3, hätte gut werden können, hätte Dag m.E. auf ein klein wenig Grausamkeit und deren explizite Schilderung, die fast schon einem Schwelgen in pervers-widerlichen Exzessen (die sich dann auch bis zum Ende hinziehen) gleichkommt, verzichtet. Was treibt einen Menschen an, so in den dunklen Abgründen zu verweilen? Mir stellt sich die Frage: muss das sein, ist weniger nicht mehr? Wo bleibt die Raffinesse bei alldem?
Zum Verständnis: Im zweiten Teil werden wir mit einer armen Seele konfrontiert, die durch Verfehlungen zum Werkzeug des Mörders wird. Kann er mit seiner Schuld weiterleben? Ein interessanter Ansatzpunkt, hätte man mehr Gewicht auf das moralische Dilemma gelegt und nicht dumpf in Exzessen geschwelgt. Teil 3 lässt uns einmal mehr am Menschen zweifeln und bringt eine weitere Figur, die der Hökerin Anna Stina (wird bei einer unzüchtigen Handlung ertappt und landet im Zuchthaus, wo sie weitere Abgründe der menschlichen Seele erblickt) ins Spiel.

Plakative Moral der Geschichte

FAZIT: Der Roman „1793“ von Niklas Natt och Dag fällt als Soziogramm eines Psycho- bzw. Soziopathen – nach all dem exzessiven Hin und Her, vermischt mit etwas Einführung in konfus geschilderte schwedische Geschichte nach dem Tod des Königs und beamtlicher Intriganten – erschreckend schwach aus. Auch seine plakative Moral von der Geschichte, dass keiner ohne Schuld sei und in jedem Täter zugleich auch ein Opfer stecke, bleibt irgendwo beim Schwelgen im Abtrennen von Gliedmassen, im Vergewalten und Augenblenden auf der Strecke.

Da nicht direkt zur Weiterentwicklung und Auflösung der Geschichte beitragend, werden wohl viele kritisieren, dass man dieses Kapitel hätte streichen können. Nicht unbedingt, würde ich sagen, denn das Hauptanliegen des Autors (so würde ich mal unterstellen), Stockholm als absolut widerlichen Sündenpfuhl, die Menschheit insgesamt als Ansammlung von Monstern darzustellen, vermittelt er so eingehend. Der Bogenschlag zurück gelingt, aber überzeugt nicht, sprich die Zusammenführung all dessen im letzten Teil. Soweit ermattet von all den Grausamkeiten und Ausschweifungen, kam mir die Leselust leicht abhanden, die Rückkehr zu Mickel und Winge im mittlerweile winterlichen Stockholm liess nur vorüberkommend leichte Freude aufwallen: Ein Toter aufersteht zwischenzeitlich und ein Mörder beichtet.

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Atemlose Spannung? Von wegen. Das Soziogramm eines Psycho- oder doch eher Soziopathen fällt nach all dem exzessiven Hin und Her, vermischt mit etwas Einführung in konfus geschilderte schwedische Geschichte nach dem Tod des Königs und beamtlicher Intriganten, eschreckend schwach aus. Gut, Simples mag umso nachhaltiger wirken, wenn der Unterbau, die Unterfütterung der Geschichte mit mehr Raffinesse und ausgeklügelter angelegt gewesen wäre. Stattdessen immer nur stupides Verlangen nach Lust und Schmerz, gepaart mit Gewaltbereitschaft und Grausamkeit. Dass letztlich Mörder, Gehilfe als auch Ermittler sich schuldig machen, berührt nicht mehr wirklich, da die plakative Moral von der Geschichte, dass keiner ohne Schuld sei und in jedem Täter zugleich auch ein Opfer stecke, irgendwo beim Schwelgen im Abtrennen von Gliedmassen, im Vergewaltigen und Augenblenden auf der Strecke bleibt.
Letztlich gäbe es noch viel zu Figuren, der Aufklärung und dem menschlichen Wesen zu schreiben und zu analysieren. Doch entsprechend dem Duktus von „1793“ halte ich es einfach und simpel, ganz wie Hobbes uns in seinem Leviathan bereits geschildert hat: Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Erwarten Sie folglich nichts anderes, und das Buch wird Sie bestens unterhalten. ♦

Niklas Natt och Dag: 1793 – Roman, 494 Seiten, Piper Verlag, ISBN 9783492061315

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Psycho-Krimi auch über den Roman von Esther Pauchard: Jenseits der Couch

… sowie zum Thema Aufklärung über die historische Monographie von Carsten Priebe: Eine Reise durch die Aufklärung

… und über den neuen Heinrich-Heine-Roman von Henning Boetius: Der weisse Abgrund


H. Busche & Y. Förster (Hrsg): Mode als ein Prinzip der Moderne?

Kleider machen Leute

von Heiner Brückner

Haben Moden trotz allen Strebens nach eindeutigen, klaren und festen Prinzipien in allen gesellschaftlichen Bereichen dennoch eine zentrale Bedeutung? Auf diese Frage könnte man die vielen Fragen der zwölf interdisziplinären Vorträge reduzieren, die ursprünglich anlässlich einer Tagung der Fern-Universität Hagen unter dem Titel „Moden der Kleidung – Moden des Geistes?“ gehalten wurden. Im Vortragskompendium „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ beackern die Professoren-Autoren den Begriff aus unterschiedlichen Fachwissensgebieten und Blickwinkeln. Diese Umfänglichkeit legt eine fokussierte abschliessende Fundamentalantwort der innovativen vielschichtigen Einzelantworten nahe und regt zu intensiver Lektüre an.

Mode als Prinzip der Moderne - Cover - Rezension Glarean MagazinWissenschaftlich soll exploriert werden, ob in der modernen Gesellschaft die Mode durchgängig zu einem Prinzip geworden ist, welches deren innere Struktur prägt. Modernität als beherrschender Faktor der Selbstwahrnehmung gibt es bereits Mitte des 17. Jahrhunderts. Damals wurde die Maxime ausgegeben, dass man überall mit der Mode gehen soll – ausser was die Moral betreffe.
Das „Unterworfensein unter die Moderne“ bezeuge unsere Schwachheit, schrieb Jean de la Bruyère 1688. Der Autor gilt als Moralist und wird zu den französischen Klassikern gerechnet. Unter Mode wird in den vorliegenden Untersuchungen überwiegend die Nachahmung gängiger Erscheinungsmuster des Begriffs von modus (Mass, Regel, Art und Weise), aber auch ihr periodischer Wechsel verstanden.

Interdisziplinäre Fragen und Antworten

Eine kurz gefasste Inhaltsangabe der einzelnen Aufsätze beziehungsweise Vorträge gibt nachfolgend einen Eindruck und Überblick auf den wissenschaftlichen Versuch, einen durch alle Lebensbereiche wirkenden Begriff in den Griff zu bekommen:

  • Der temporale Charakter der Kleidermode als kulturelle Praxis wird von Verena Potthoff in seiner symbolischen Funktion und sozialen Relevanz, die angeblich auch für den „Klassenkampf“ eingesetzt werden, beschrieben.
  • Modernisierung als Konsumgut schildert der Aufsatz von Irene Nierhaus über die Modernisierungen in der Wohnarchitektur vom „Gewand zur Wand“.
  • Sich ständig entwickelnde Phänomene bleiben für Rainer Hartmann die Moden der Freizeitgestaltung.
  • Auch in den temporär beliebten Sportarten manifestiere sich der Zeitgeist, konstatiert Robert Gugutzer an sechs Moden des Sports.
  • Nachhaltigkeit von Mode als Produkt (Design) und Wirtschaftsform sieht Yvonne Förster in den wechselnden Bestimmungen des Körper-Geist-Verhältnisses.
  • Mode und Modernität findet Frank Hillebrandt den Schlüsselbegriff der Soziologie, der zum Symbol des Widerstandes wird, um unsere eigenen Lebensveränderungen zu reflektieren.
  • Paul Hoyningen-Huene klopft die umstrittene „Stringtheorie“ in der Physik ab und erkennt in ihr einen Indikator für Dissens innerhalb der naturwissenschaftlichen Gemeinschaft. Sein Fazit: ein „sachter Wandlungsprozess“.
  • In welchem Sinne Trends in den Geisteswissenschaften vorherrschen, behandelt Tim Rojek in seinem Beitrag. Er unterscheidet bewusste und unbewusste Mode und kommt zu der Schlussfolgerung: „Die Kenntnis und das Bewusstsein … kann uns helfen, klarer zu sehen und Geltungsfragen nicht mit Genesefragen … zu verwechseln.“
  • Gibt es auch „Moden der Künste?“, fragt Georg w. Bertram und antwortet einfach: „Selbstverständlich.“ Er erklärt seine naheliegende Antwort und lässt dann das grosse Aber folgen. Interessant ist sein Exkurs zur Kunstkritik, die die Symptomatik historisch-kulturell geprägter Lebensformen im Hinblick auf ihre zeitgemässen Ansprüche charakterisiere.
  • Was in der Philosophie Moden bedeuten und ob sie vorhanden sind, könne „nicht über eindeutige sinnliche Kennzeichen registriert werden“, erläutert Hubertus Busche. Deshalb exemplifiziert er es an „Grossmoden“, denn das „bloss Modische … ist kein Signum der philosophischen Moderne„.
  • Mode in der Religion - Papst-Gewänder - Glarean Magazin
    „Rein vestimärer Blick“ auf die Wechselwirkung von Religion und Mode: Das Schaufenster des offiziellen päpstlichen Kleider-Ausstatters Lorenzo Gammarelli in Rom

    Am Ende begibt sich Daria Pezzoli-Olgiati auf Spurensuche nach Moden in der Religion. Sie führt zunächst bildhaft die roten Papst-Mokassins, die muslimischen Käppchen bis zu den safranfarbigen buddhistischen Mönchsgewändern an. Vertieft dann religionswissenschaftlich aber auf unterschiedliche Aspekte der Wechselwirkung von Mode und Religion und erörtert „modische Tendenzen in der Religion als Repräsentation von Zugehörigkeit und Abgrenzung im öffentlichen Raum“ in rein „vestimentärer“ Sicht. Da es bei ihrem „besonderen Blick auf die Interaktion der Kommunikationssysteme Mode und Religion“ bleibt, wird für meine Begriffe das in der Fragestellung implizierte „sogar“ der Moden in der Religion (etwa in der Bibelauslegung oder den Kirchengesetzen) nicht einmal gestreift.

Mode als Prinzip moderner Gesellschaften

FAZIT: Die interdisziplinäre Anthologie „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ bietet eine differenzierte Erörterung der zahlreichen heterogenen Strömungstendenzen in den Gesellschaften und Menschen unseres Zeitalters.

Weil es keine allgemeinverbindlich gültige Wahrheit gibt und keine begrenzenden Normen im Denken geben darf, kann auch dieser interdisziplinäre Fächer aus systematischen Antworten der unterschiedlichen Wissenschaftsbereiche keine klärende Gültigkeitsantwort liefern. Sie weiten im Gegenteil den Fokus, der sich auf das Thema Mode beschränkt, zu einem Weitwinkelbild fliessender Übergänge und Konnexionen aus. Das bestätigt ihre Sozialfunktion als faktisches Gesetz, bekräftigt den Zusammenhang zwischen „Modizitätsbewusstsein“ und Mode im Verlaufe des Verlusts der „ewigen Wahrheiten“ nach der Aufklärung. Dynamik des Modebegriffs als „universales kulturelles Gestaltungsprinzip“ wird vom äusserlichen Goutieren bis hin zu theoretischen und auch sittlichen Überzeugungen beeinflusst.
Somit ist für mich ein „überraschendes Ergebnis“ dieser Erkundungen: Der Geist trägt „Kleidungen (…), in denen er soziale Bedürfnisse kommuniziert“, die es allerdings zu durchschauen gilt.
Ich bin geneigt zu folgern, sie tun es auch, weil es derzeit gängige Mode ist, sich nicht festzulegen. Somit ist dieser „interdisziplinäre Erkundungsgang“ über die „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ ein beredtes Beispiel für die Verwirklichung des Themas in sich selbst. Mode ist und war eine Art Prinzip moderner Gesellschaften und wird es bleiben.

Zusammengefasst: Man könnte die Summe auch mit dem Schweizer Novellisten des poetischen Realismus Gottfried Keller (1874) in einen Satz fassen und hätte dann die Kernerkenntnis: „Kleider machen Leute“. Was im Vergleich zur Kurzformel des Poeten das detaillierte Schürfen in den verkrusteten Mode-Schichten der Vergangenheit an Mehrwert bietet, ist die wissenschaftliche Hintergrundanalyse in dieser ausführlichen Erörterung der Strömungstendenzen in den Gesellschaften und Menschen unseres Zeitalters. Dieses Werk schildert komplexe Verhaltensweisen, umgeht aber trotz vieler Worte und Erwägungen klare Festlegungen und lässt letztlich alles offen. ♦

Hubertus Busche und Yvonne Förster (Hrsg): Mode als ein Prinzip der Moderne? – Ein interdisziplinärer Erkundungsgang, 250 Seiten, Mohr Siebeck Verlag, ISBN 978-3-16-156339-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kultur und Gesellschaft auch über den Essay von Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

…sowie zum Thema Mutation der Kultur über Alessandro Baricco: Die Barbaren

Weitere Links zum Thema Mode und Gesellschaft


 

Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit (Karl May-Roman)

Glanz und Elend eines deutschen Mythos

von Christian Busch

Nun sehen wir sie endlich von Angesicht zu Angesicht – die schon fast legendären Blutsbrüder Old Shatterhand und Winnetou, den weissen Mann, der über das Grosse Wasser kam, um im Westen eine neue Heimat zu finden und Heldentaten zu verrichten, die ihm unsterblichen Ruhm eintragen sollten, und den letzten Häuptling der Apatschen, der bedingungslos sein Leben einsetzt, wenn es gilt, dem Recht zum Siege zu verhelfen, den aber bereits die Tragik seiner sich im Todeskampf noch einmal aufbäumenden Rasse überschattet. Mit ihnen durchqueren wir die Höhen und Tiefen des gewaltigen Felsengebirges, mit ihnen reiten wir über die endlosen Weiten der amerikanischen Prärien, mit ihnen erleben wir das grosse Abenteuer eines gnadenlosen Kampfes um den Besitz märchenhafter Reichtümer.

So verheissungsvoll und klangvoll-pathetisch begann 1962 mit „Der Schatz im Silbersee“ die höchst erfolgreiche Verfilmung der bereits von Millionen Lesern verschlungen Abenteuer-Romane des deutschen Schriftstellers Karl May (1842-1912). Mit ihnen erlebte das Werk des schon zu Lebezeiten vielfach angefochtenen, gebürtigen Sachsen, das zuvor gerne als Lügenwerk und für die Jugend gefährlich eingeschätzt wurde, eine neue Renaissance, welche dank laufend neuer Medien und schliesslich einer kompletten Neuverfilmung bis heute anhält.

Motivisch zugespitzte Momente

Philipp Schwenke - Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste - Karl May - Rezension Glarean MagazinIn seinem jüngst erschienenen Karl-May-Roman „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ begibt sich Philipp Schwenke nun auf die Spuren des keineswegs unumstrittenen und unbescholtenen Autors, der – als des vermeintlichen Pudels Kern – es stets mit der Wahrheit nicht so genau genommen hatte. So begleiten wir May auf seinen wenigen, echten Reisen in den Orient, erleben Szenen seiner Ehe im gesellschaftlichen Umfeld seiner sächsischen Heimat, und seinen ständigen, mitunter grotesk anmutenden Kampf, wenn es darum geht, beweisen zu müssen, dass er sowohl erfahrener, unüberwindlicher Westmann wie Weltmann und Sprachentalent ist.
Dabei erliegt Schwenke nicht der Versuchung einer lückenlos chronologischen Darstellung, sondern bedient sich ausgewählter, motivisch zugespitzter Momente aus dem Leben Mays, um ihn in seinem allerdings wundesten Punkt und grössten Dilemma, dem von Wahrheit und Schwindel, zu beleuchten. So sind wir Zeuge, wie May für das etwas lange und nicht gänzlich abgesicherte „Ausleihen“ einer Uhr um seine ganze Laufbahn gebracht wird und sich von dort an der Kampf mit Wahrheit und Gesetz durch sein Leben zieht. Da der Roman – und das ist durchaus zweckgebunden – auf über 600 Seiten einige Längen aufweist, so nehmen wir ausgiebig teil an Mays ambivalentem Dasein, blicken hinter die Kulissen seiner schmucken Villa Shatterhand in Radebeul, das mitunter surreal-absurde Eheleben mit seiner ersten Frau Emma, die nicht unpikante Dreiecksbeziehung zwischen Emma, seiner zweiten Frau Klara und ihm, sein grotesk-komisches Scheitern, wenn er auf der Höhe seiner Romanhelden handeln soll, und erkennen nicht zuletzt seinen zweifellos redlichen Versuch, den Deutschen im Kaiserreich ein pazifistischer Erzieher und Vermittler zwischen den Rassen zu sein.

Glanz und Elend eines Ungewöhnlichen

Philipp Schwenke - Karl-May-Roman - Glarean Magazin
Biograph eines Ungewöhnlichen: Karl-May-Romancier Philipp Schwenke (geb. 1978)

Glanz und Elend sind dabei untrennbar miteinander verwoben, denn so wahrheitsgetreu und authentisch Mays Erzählungen vom „weissen Mann, der über das Grosse Wasser kam“ und dem „edlen Wilden“ auch scheinen, so wenig Wahrheit ist doch an ihnen, wodurch sie auch um die Jahrhundertwende für die deutsche Presse ein gefundenes Fressen werden. Gerade kläglich erscheint Mays Versuch die Existenz des Häuptlings der Apatschen mit einer schwarzen Haarlocke zu beweisen. So erleben wir Mays Qualen im Verlauf seiner fortschreitenden Blossstellung nicht ohne Verwunderung, ist doch für unsere Zeit der Wahrheitsgehalt belletristischer Romane fast völlig unwichtig, spätestens seit Nietzsches stigmatisierender Erkenntnis der Dichter als Lügner und Narren („nur ein Dichter! ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes, das lügen muss, das wissentlich, willentlich lügen muss„). Mays Verhängnis waren dabei indes nicht seine Erzählungen, sondern lediglich seine Behauptung, dass sie wahr seien.

Fazit: Philipp Schwenkes Karl-May-Roman erweckt die schillernde Figur des grossen, sächsischen und längst zum nationalen Mythos gewordenen Erzählers Karl May – auf wissenschaftlichem Fundament und akribischer Arbeit fussend – auf ehrenvolle, aber auch entmythisierende Weise zum Leben. Ein spätes Denkmal, eine aktuelle Würdigung in unserer Zeit. Fehlen am Ende nur noch Martin Böttchers Filmmelodien zum Abschluss einer gelungenen, späten Rehabilitierung…

Zum Vorschein kommt in Schwenkes Roman, der auf minutiös recherchierten Erkenntnissen der Karl-May-Forschung basiert und dessen Verdienst es nicht etwa ist, Spektakuläres, Singuläres aufzudecken, sondern das hintergründig Bedeutsame an dem scheinbar Sensationellem sichtbar zu machen, daher ein vielschichtiger Mensch, der seinen Lesern in einem gleichen dürfte – ein Mann aus einfachsten, ärmlichen Verhältnissen, der auf der einen Seite begierig nach Anerkennung und sozialem Aufstieg lechzt, der aber auf der anderen Seite ein ehrliches und aufrichtiges Interesse hat Welt und Menschen zu verbessern, darin seinem bewunderten Vorbild Friedrich Schiller ähnlich. Und wie viele Leser, die genau jene erhabene ethisch-menschliche Haltung und Unbesiegbarkeit von Mays Helden angezogen hat, bezeugen mit ihrem Sinn für das Aussergewöhnliche ihre eigene Nichtgewöhnlichkeit?
Wo Sein und Schein in einem Spannungsfeld liegen, ist für alles Platz, nur nicht für Mittelmässigkeit, Stumpfsinn und Kleinmut – May (und Schwenke) sei Dank! ♦

Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste – Ein Karl-May-Roman, 608 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 978-3-462-05107-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Karl May auch über
Karl May und seine Zeit – Bilder-Texte (Biographie)

…sowie zum Thema Biographien über
Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders

ausserdem im GLAREAN zum Thema Reiseerzählungen über den Roman von Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth (Roman-Biographie)

Die Übermacht der Libido

von Heiner Brückner

Der Schweizer evangelisch-reformierte Theologe Karl Barth (1886 bis 1968) gilt für die evangelischen Kirchen europaweit aufgrund seines Gesamtwerks, Römerbriefkommentar und 13 Bände Kirchliche Dogmatik als „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“. Berühmt wurde er vor allem wegen seines vehementen Einsatzes gegen das Hitler-Regime. Sein Postulat: „Jesus Christus ist das eine Wort“ prägt das Barmer Bekenntnis von 1934 als theologisches Fundament der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Vor 50 Jahren am 10. Dezember ist er gestorben. Reformierte und Lutheraner würdigen ihn 2019 mit einer Reihe von Veranstaltungen.

Klaas Huizing - Karl Barth - Roman-Biographie - Rezensionen Glarean MagazinDer Würzburger systematische Theologe Klaas Huizing (geboren 1958) beleuchtet das geistige Wirken Karl Barths in seinem Werk „Gottes Genosse“. In einer Art Biografie des „Che Guevara der Protestanten“, wie der Kreuz-Verlag die Veröffentlichung ankündigt, verschafft er einen Zugang zu dessen bis heute prägender Theologie. So darf er nach intensiver Recherche als Kenner des Gesamtwerks gelten. Die Anhänge mit den Lebensdaten im Roman „Zu dritt“ sind ein Beleg dafür.
Wie stark oder schwach der Mensch im grossen theologischen Wissenschaftler gewesen ist, woher er seine Energie geschöpft hat, das gestaltet Huizing in seinem gleichzeitig erscheinenden neuen Roman „Zu dritt“. Mit diesem Kenntnispolster und mit seiner Erfahrung als Romanautor („Der Buchtrinker“; ein Jesus-Roman „Mein Süsskind“ u. a.) geht er das Dreiecksverhältnis in Barths Familie an und liefert eine authentisch wirkende Lebensgeschichte von den Leiden und Freuden/Wirren der aussergewöhnlichen Wohngemeinschaft.

Die Frauen hinter den Männern

Klaas Huizing - Theologe - Glarean Magazin
Professor für Systematische Theologie und Roman-Autor: Klaas Huizing

Dass hinter jedem grossen Mann eine starke Kraft steht, die ihm Halt gibt, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Häufig ist die Kraft eine Frau. Frauenquoten in der Politik, Frauenanteil in der Wirtschaft, Frauen aufs Podium? Die Verlage stellen diesen Aspekt neuerdings in ihre Programme. Keine Frage, Richtigstellung dient der Wahrheitsfindung und führt zu Gerechtigkeit. Und die Historie weist eine Menge Gründe und Beispiele dafür aus. Einige davon führe ich hier an:
Im berühmtesten Briefwechsel des Mittelalters erfahren wir vom französischen Scholastiker Petrus Abaelard, der ab 1114 Hauslehrer der jungen Frau Heloise war. Als sie schwanger wurde, liess ihn Heloises Onkel und Vormund, der Subdiakon Fulbert von Notre-Dame von Paris, entmannen. Sie heirateten heimlich. Heloise zog sich in den Konvent Sainte-Marie von Argenteuil zurück, Abaelard ging als Mönch in die Abtei Saint-Denis. Die zwei sahen sich nie wieder, aber schrieben sich viele Briefe.

Frauenpower in Wissenschaft und Kultur

Der sogenannte Mönchsvater Benedikt und seine leibliche (Zwillings-)Schwester Scholastika (480 bis 542): Gregor der Grosse erwähnt in einer Vita, dass sie ihren Bruder bei einem ihrer jährlichen Dialoge durch inständiges Gebet aufhalten wollte. Es habe daraufhin ein so gewaltiges Unwetter eingesetzt, dass Benedikt die Nacht über bleiben musste. Gregors Kommentar zu dieser Episode: „Jene vermochte mehr, weil sie mehr liebte.“
Platonischer Art soll das Verhältnis zwischen dem grossen katholischen Jesuiten-Theologen und Konzilsberater Karl Rahner und der Dichterin Luise Rinser gewesen sein, wie sie in ihrem Buch „Gratwanderung“ (1994) aus den Liebesbriefen („Wuschel an Fisch“) ausplaudert. Daneben habe ihre Liebe aber auch einem Benediktinerabt gegolten.
Selbstverständlich gibt es ebenso Exempel ausserhalb des kirchlichen Bereichs. In der Lyrik beispielsweise: Die Muse Paul Celans, Brigitta Kreidestein, stellte sich in ihrem Bericht in Briefen und Dokumenten „Celans Kreidestein“ (2010) die Frage, wie der grosse Lyriker „die Gleichzeitigkeit seiner Bindungen an verschiedene Frauen oder sein Werben um sie in seiner Gefühlswelt unterbrachte …“ Man kann nicht von der Dichtung auf die Autorenvita schlussfolgern, nicht ausschliesslich. „Doch kann hieraus nicht gefolgert werden, dass zwischen dem Leben des Künstlers und der Kunst unbedingt ein Missverhältnis liegen müsse“, zitiert sie Roman Jakobson aus einem Aufsatz über russische Dichter.
Frauenpower in der Naturwissenschaft: In jüngster Zeit sind mehrfach Biografien und Romane über Mileva Einstein erschienen und somit auch über ihren Mann Albert Einstein, der die brillante Physikerin für seine wissenschaftliche Arbeit benutzt und dann fallengelassen habe.

Theologe mit zwei Frauen unter einem Dach

Karl Barth - Evangelischer Theologe - Glarean Magazin
Bedeutendster reformierter Theologe des 20. Jahrhunderts und Bigamist: Karl Barth

Nun also auch Karl Barth. Bei ihm sind es zwei Frauen gewesen, die mit ihm Tür an Tür in einer Wohnung gelebt und gearbeitet haben. Vater, Sohn und Heiliger Geist gelten in der Theologie als göttliche Trinität. Im Hause Barth herrschte 35 Jahre lang eine Dreiheit, wenn auch keine Dreieinigkeit zwischen Karl, dem Mann, seiner Ehefrau Nelly und der früheren Rotkreuzschwester Charlotte von Kirschbaum (Lollo), die er zu seiner Sekretärin/Assistentin erwählt hat. Der Hintergrund, die Basis solcher Arbeitsatmosphären wird im Allgemeinen vom wissenschaftlichen Veröffentlichungs-Output verdrängt, obgleich sie höchstwahrscheinlich der Nährboden gewesen ist. Charlotte hatte in diesem Fall die stärkere Position („Ich will Dein Du sein.“).
Das Verhältnis war weder üblich noch gesetzlich korrekt, es war auch nicht frei von Spannungen (Lollo: „Ehefraktur“). Fruchtbar ist die Doppelliebe in vielerlei Hinsicht gewesen: fünf Kinder (Karls „gesammelte Werke“), menschliche (Doppel-)Liebe in grösstmöglicher Offenheit, intensive theologische Arbeit, Engagement in Gesellschaft und Politik. Ein bewegtes Leben ist es gewesen: häufige Umzüge, Auslandsreisen, Bekanntschaften, und ein bewegendes Leben: politische Wortmeldungen bis zur Ausweisung aus Deutschland, Lehre, Standardwerk der Kirchlichen Dogmatik; menschlich: zwei Frauen, ihre späteren Krankheiten.
Nicht immer sei er den „Ausbrüchen weiblicher Dialektik“ gewachsen gewesen. Aber er gestand sich ein, dass er das „Karnickel“ war. Wie viel Potenzial doch in den Frauenköpfen stecke, staunte Karl Barth über seine Sekretärin, Geliebte (Lollöchen“) und zweite Lebensgefährtin, als kenne er die Zehn Gebote nicht, wenn er nach Matthäus 5,28 wiederholt seine Ehe bricht. Er machte ihr ein „armdickes Kompliment“ und förderte ihr „gottgeschenktes“ Talent in jeder Hinsicht. Lollo war elektrifiziert von ihm, nuschelte ihm aber auch „Doppelherz“ zu. Und auch der eine oder andere Leser wird die Lektüre der Offenlegung einer familiären Passionstragödie in einem christlichen Haus pikanter betrachten als die Outings von Pfarrhaushälterinnen über das Verhältnis zu ihrem zölibatären katholischen Pfarrherrn.

Keine moralischen Wertungen

Charlotte von Kirschbaum - Geliebte von Karl Barth - Glarean Magazin
„Knisternde Erotik im Pfarrhaus“: Barth-Geliebte Charlotte von Kirschbaum

Huizing bewertet die Dreier-Symbiose nicht, wertet also weder ab noch auf. Er polarisiert zwei unterschiedliche Frauen-Charaktere, wohl aus dramaturgischen Gründen. Hier die fordernde, selbstbewusste, treibende Starke und Intellektuelle mit dem Lollo-Tosen, die den Professor ganz haben will. Ihre Liebessehnsucht hat genauso starke körperliche Ziehkraft wie die sinnliche. Dort die zwar gebildete, aber lieber im Schwyzer Deutsch schwätzende Nelly, die Frau seiner Kinder, die Hausfrau und Mutter. Aus demselben Grund weicht der Autor auch gelegentlich von der strengen Chronologie ab. Er fühlt sich ein und drückt aus, als sei er ein wachsames Videoauge, das Authentisches festgehalten hat. Sein Stil ist feinfühlend, mitreissend, spart aber knisternde Erotik beim Schildern der sexuellen Begegnungen zwischen Lollo und Karl nicht aus.
Er zeigt die grossmütige Gedulds- und Toleranzschwelle von Nelly, der Frau, die Barth 1913 in Bern geheiratet hatte. Sie gipfelten in der Zustimmung, dass die Geliebte Lollo im Familiengrab auf dem Basler Friedhof beigesetzt werden kann. Sie selbst starb als Letzte der drei 1976. Er betont aber auch die wissenschaftliche Arbeitsleistung ihrer Gegenspielerin. Huizings Roman verschafft Durchblick, abwägende Ausgeglichenheit, würdigt nicht nur den lexikalischen Namen einer Berühmtheit, sondern auch die aufbauende Zu- und Mitarbeit der Frauen an der Seite des „Vaters“ der Bekennenden Kirche, der gerne für „14 Tage Papst sein“ wollte. Und er relativiert ein glorifizierendes Bild, das die menschliche Natur unterschlagen möchte.
Im Epilog lässt der Autor vier Barth-Kinder in heutigen Statements über das Dreiecksverhältnis ihres Vaters mit „Tante“ Lollo zu Wort kommen. Sie beantworten quasi aus interner Aussensicht einige offene Leserfragen.

Unverbrauchter Roman-Stil mit Spannung

Fazit: In seinem Roman „Zu dritt“ schildert Theologie Klaas Huizing der anhand einer Fülle von Briefwechseln dokumentierten Lebensdaten die biografische, allzu menschliche, von heftiger Libido gesteuerte Seite des Theologen Karl Barth. Überwiegend aus der Sicht der beiden Frauen und ihrer aufwühlenden Gefühlswallungen im Meer aus Freud und Leid, Liebe und Neid. Dieser Roman ist lesenswert wegen seiner historischen, soziokulturellen und psychosozialen Komponenten.

Die kurzen Perspektivenwechsel lockern auf. Sie erzeugen immense Spannung, auch mit konzentrierten mehrdeutigen Wörterauslegungen oder -anspielungen. Er erzählt als Romancier mit unverbrauchten Verben und poetischen Formulierungen („Sie spürte sofort die Muskeln des Textes, …“) ein wenig bekanntes familiäres Drama. Der Leser darf offen in alle Richtungen Schlüsse ziehen, Widersprüche erkennen und nach Erklärungen forschen. Bei genauem Hinsehen ist auch die Subtilität der literarischen Konstruktion Huizings auszumachen: Was Karl Barth in seinem Römerbrief Kommentar als Erkenntnis niedergeschrieben hat, ist aus seinem eigenen Erleben genommen. Liebe sei existentielles Vor-Gott-Stehen, das begründe die Individuation: „Wenn man Gott und Welt vertauscht, …, dann werde das ganze Leben Erotik ohne Grenze!“ Das Chaos zerfalle dann und es werde alles möglich, alles. 1956 erschien von Karl Barth „Die Menschlichkeit Gottes“. ♦

Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum (Roman), 400 Seiten, Klöpfer & Meyer Verlag, ISBN 978-3-86351-475-4

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Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

… sowie zum Thema Religion in der Rubrik „Heute vor…“ über
Joseph Haydn: Die Schöpfung

Ralf Günther: Als Bach nach Dresden kam (Novelle)

Das Duell der Tastenvirtuosen

von Heiner Brückner

Johann Wolfgang von Goethe formulierte 1827 in einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann als wesentliches Merkmal der Novelle „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“. Novellen gestalten allgemein gesehen von einem wahren Kern ausgehend eine Neuigkeit mit erzählerisch mehr oder minder spannenden Ausschmückungen. Etwas hätte so sein können oder wäre sicherlich perfekter geworden, als es in Wirklichkeit gewesen ist. Die Kunst des Autors liegt darin, das Ereignis derart plastisch zu erzählen, dass es nahezu authentisch erscheint. Bei seinem Debüt über den Maler Ernst Ludwig Kirchner ist es Ralf Günther hervorragend gelungen, die Kriterien einer Novelle umzusetzen.

Ralf Günther - Als Bach nach Dresden kam - Literatur-Rezension im Glarean MagazinIm Fall der ausgedachten Dresden-Episode von Johann Sebastian Bach kann man ihm die meisterliche Formbeherrschung ebenso wenig absprechen. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass seine Novelle „Als Bach nach Dresden kam“ um eine fiktive Novität aufgebaut ist. Der Bach-Experte Jan Katzschke hat das in seinem Nachwort „Dichtung und Wahrheit des Dresdner Tastenduells“ erläutert und einen echten Dresdner Orgelwettstreit von 1650 sowie in Rom das Duell im Jahr 1709 zwischen Georg Friedrich Händel an der Orgel und Domenico Scarlatti auf dem Cembalo angeführt.

„Anfang und Ende aller Musik“: Johann Sebastian Bach

Für den Nekrolog auf Johann Sebastian Bach, der „Anfang und Ende aller Musik“ sei, wie es Max Reger (1873 bis 1916) formuliert hat, wurde 1754 zu seiner Glorifizierung eine Anekdote über einen angeblichen Wettstreit zwischen ihm als gediegenem, frommem Provinzmusiker am deutschen Fürstenhof und dem skandalumwitterten, überheblichen Hoforganisten Louis Marchand (1669 bis 1732) des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Dresden kreiert. Dieses Tastenduell hat 1717 nicht stattgefunden, denn zu jener Zeit war Bach Konzertmeister im Fürstentum Weimar und war soeben zum Hofkapellmeister des Fürsten Leopold von Anhalt in Köthen ernannt worden. Man kann die Mär folglich getrost begraben und vergessen. Fakt ist vielmehr, dass Johann Sebastian Bach zum Dank für den verliehenen Titel „Hofkompositeur“ in einem zweistündigen Konzert am 1. Dezember 1736 die Silbermann-Orgel in der Dresdner Frauenkirche bespielt hat.

Spannend-amüsantes Orgel-Duell

Johann Sebastian Bach gegen Louis Marchand - Orgel-Duell - Glarean Magazin
Fiktives Duell von zwei der besten Organisten ihrer Zeit: Johann Sebastian Bach gegen Louis Marchand

Aus einer Randnotiz der Musikgeschichte gestaltete Ralf Günther somit ein spannendes Orgel-Duell zwischen zwei musikalischen Grössen des 18. Jahrhunderts zu einer höchst amüsant erzählten Begebenheit.
Kurfürst August der Starke habe den Direktor seiner Dresdner Hofkapelle, den flämischen Geiger Jan-Baptist Woulmeyer alias Jean-Baptiste Volumier, beauftragt, den Hoforganisten Louis Marchand des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zu einem Konzert in Dresden zu überreden. Der habe Konkurrenz gewittert und sich den gefakten Wettstreit ausgedacht. Den Einfädler Volumier hatte seine eigene Täuschung, den grossen Bach zu hören, obwohl es der … Schulz gewesen ist, auf die die Finte gebracht. Er hiess ihn eine Bach-Perücke aufzusetzen, als der Franzose, seinerseits in Frauenkleider verhüllt, die Probe aushorchen wollte. Was er zu hören bekam, schreckte ihn derart ab, dass er wieder abreiste und den Wettstreit der Orgelgiganten nicht antritt. Schliesslich habe auch Volumiers Befürchtung, der Kurfürst habe den Franzosen an seinen Hof engagieren wollen, sich als überängstlicher Eifer herausgestellt.

Einfühlsame und ausdrucksstarke Novelle

FAZIT: „Als Bach nach Dresden kam“ von Ralf Günther ist amüsante Novelle mit reichlich Zeitkolorit des 18. Jahrhunderts über den Musikerwettstreit zwischen dem Pariser Orgelgiganten Louis Marchand und Johann Sebastian Bach, der womöglich in Dresden stattgefunden haben könnte, wenn der Vermittler des Kurfürsten nicht aus Konkurrenzangst gefakt, sondern mit offenen Tasten gespielt hätte…

Die Schilderungen Ralf Günthers sind bildhaft in den beschriebenen Gesten, einfühlsam in den Dialogen und daher ausdrucksstark. Noch die nebensächlichste Anmerkung bezieht er auf das Kerngeschehen. Die Sprache ist gelegentlich historisierend, deswegen für heutige Ohren etwas langatmig, aber sie bringt die Zeitgeschichte anschaulich und im Detail ins Bild. Manchmal hat man allerdings auch den Eindruck, ein Passus wiederhole sich. Die Darstellung der Unannehmlichkeiten einer Reise in der Postkutsche desillusionieren jeden Romantiker. Interessant ist der Einblick in das Innenleben einer Orgel, das anhand einer Orgelabnahme Bachs ausführlich geschildert wird. Auch die Liebe wird nicht vergessen, sowohl in Paris als in Dresden: Während seiner Täuschungsmanöver verliebte sich Volumier in Bachs Cousine Friedelena, wurde aber auf später vertröstet. Am Ende des spannenden wie unterhaltsamen historisch-musikalischen Rätselstücks durfte der nicht in das Täuschungsmanöver involvierte Dritte lachen: der Dresdner Hoforganist, dessen bestehende Position von August dem Starken nie infrage gestellt worden war. ♦

Ralf Günther: Als Bach nach Dresden kam, 156 Seiten, Rowohlt-Kindler-Verlag, ISBN 9783463407067

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Johann Sebastian Bach auch über den Monteverdi-Choir (Gardiner): Eternal Fire (Chor-CD)

… sowie zum Thema Musik-Städte über Heinz Stade: Bach, Liszt und Wagner in Weimar


Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen (Roman)

Unterhaltsamer Frauenroman

von Sigrid Grün

„Die Rückkehr der Apfelfrauen“ ist die Fortsetzung des Bestsellers „Eva und die Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar. Bei diesen Büchern handelt es sich um unterhaltsame Frauenromane, deren Protagonistinnen nicht etwa 30, sondern um die 50 sind.
Nun sind „Frauenromane“ nicht so mein Genre, populäre Literatur interessiert mich hingegen sehr, weil es etwas über kulturelle Wertigkeiten aussagt. (Die Zeitschrift „Landlust“ erfreut sich immer noch grosser Beliebtheit, mit einer Auflage von knapp 900.000 verkauften Exemplaren überholte sie vor einigen Jahren sogar den „Stern“). Themen wie Landleben oder ländliches Wohnen sind sehr beliebt und zeugen vom Wunsch, aus der Komplexität des Alltags auszusteigen und ein einfacheres, naturverbundenes Leben zu führen.
Genau diese Sehnsucht befriedigt auch Tania Krätschmar mit ihrem Roman um fünf Freundinnen um die 50, die mit vereinten Kräften ein Problem lösen – und selbstverständlich geht es auch um die Liebe.

Kinder-Stil bei Erwachsenen-Büchern

Tania Krätschmar - Die Rückkehr der Apfelfrauen - Roman - Blanvalet - Glarean MagazinDie Einfachheit ist bei diesem Roman Programm. Sprache und Stil erinnern eher an populäre Kinder- und Jugendbücher, wie  die „Fünf Freunde“-Reihe von Enid Blyton. Ich mag diesen Stil bei „Erwachsenenbüchern“ nicht, weshalb ich vor allem den Beginn der Geschichte als nervtötend empfand.
Die Freundinnen sind zunächst in Venedig unterwegs, bis Eva, die seit vier Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Loh in Brandenburg einen Hof bewirtschaftet, einen Anruf aus der Heimat bekommt. Die Apfelernte muss dringend erledigt werden, weil ein wichtiger Termin im Apfelgarten ansteht, bei dem darüber entschieden wird, ob in der verschlafenen Ortschaft Wannsee (nicht zu verwechseln mit dem Berliner Bezirk) ein Baumhaushotel entstehen darf…

Klischee-Probleme Familie und Übergewicht

Tania Krätschmar - Rezension im Glarean Magazin
Tania Krätschmar

Evas vier Freundinnen – Nele, Marion, Dorothee und Julika – entschliessen sich getreu dem Motto „Einer für alle und alle für einen“, Eva zu helfen. Und so reisen die fünf zurück ins herbstliche Deutschland, wo sich auch noch die Schulschildkröte Alexis zu ihnen gesellt. Vor Ort zeigt sich schnell, dass die Apfelernte nicht das einzige Problem ist: Neben dem paradiesischen Apfelgarten hat der fiese Unternehmer Borg Seidel einen hässlichen Bau hochgezogen, der einmal eine private Spielbank werden soll. Und schon ist er da: Der Kampf Gut gegen Böse. Dazwischen taucht noch ein geheimnisvoller Fremder mit ganz schön viel Naturwissen auf, den Nele attraktiver findet, als sie möchte. Und jede einzelne Frau bringt noch ihre kleinen und grossen Alltagssorgen und –probleme mit. Das sind bei Frauen natürlich Freiberuflichkeit, Familie und Übergewicht! Es sind Klischees, die bedient werden, weil Klischees genauso simpel funktionieren wie eine relativ vorhersehbare Handlung und die einfache Sprache.

Spannender Roman in heiler Welt

FAZIT: Wer Frauenromane mag, die einem den Ausstieg aus dem Alltag ermöglichen, moderne Märchen, die auf alle Fälle gut ausgehen, und bei denen man keine Sekunde über irgend etwas nachdenken muss, wer also Seelentröster sucht, die einen von den Problemen der Welt ablenken, wird mit der „Rückkehr der Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar ein paar schöne und auch spannende Stunden verbringen. Wer andere Ansprüche an Literatur hat, wird vermutlich ohnehin zu einem anderen Buch greifen…

Es ist ein modernes Märchen vor einer Sehnsuchtskulisse: Die heile Welt im brandenburgischen Bullerbü muss vor dem üblen Plan des Bösewichts bewahrt werden – und ich glaube, ich verrate auch nicht zu viel, wenn ich sage, dass am Ende alles gut wird. Niemand liest so einen Roman, um sich zum Schluss darüber zu ärgern, dass der böse Bauunternehmer erfolgreich alles versaut hat, den Traum vom Apfelblütenhotel, von unberührter Natur und natürlich von der grossen Liebe!

Trotz der vorhersehbaren Handlung muss man aber doch zugeben, dass die Autorin einen spannenden Roman geschrieben hat, so wie die „Fünf Freunde“-Bände auch spannend sind. Man liest weiter und weiss, dass es mit dem Bösen unmöglich ein gutes Ende nehmen wird. Und das ist vielleicht mal ganz nett, in eine heile Traumwelt abzutauchen, in der auf jeden Fall das Gute gewinnt. Mein bevorzugtes Genre ist es nicht, aber interessant war die Lektüre allemal. ♦

Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen – Roman, 352 Seiten, Blanvalet Verlag, ISBN: 978-3-734-10628-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Frauen-Literatur“ auch über die Anthologie von
A. Djafari & J. Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken

…sowie über den Sommer-Roman von
Alan Schweingruber: Simona

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin (Roman-Thriller)

Das Mädchen, das die Bienen liebt

von Sigrid Grün

Im Frühling 2017 hat „Die Geschichte der Bienen“, der dystopische Roman der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde, die Bestenlisten gestürmt. Bienen und Bienensterben sind Themen, die auf dem Buchmarkt eine immer grössere Rolle spielen, da es ja tatsächlich ein bedrohliches Insektensterben gibt. Die Gründe sind vielfältig: Vom übermässigen Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft und in Gärten über Bienenkrankheiten bis hin zum Schrumpfen der Lebensräume gibt es viele Gefahren, die der Honigbiene Apis mellifera drohen.
Die gebürtige Salzburgerin Claudia Praxmayer hat Biologie studiert und kennt sich mit Bienen aus. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht und legt mit „Bienenkönigin“ ihr Debüt im Bereich Jugendbuch vor. Damit schliesst sie eine Lücke, denn über das Bienensterben gibt es bisher kaum Literatur für Jugendliche.

Für Jugendliche und Erwachsene konzipiert

Bienenkönigin - Roman-Thriller - Claudia Praxmayer - Rezension im Glarean MagazinMein Sohn ist 13 Jahre alt, liest aber auch gerne schon Bücher für Erwachsene. Wir haben das Buch beide gelesen und kamen unabhängig voneinander zu einem sehr ähnlichen Urteil.
Worum geht es? Mel ist 19 und weiss nicht so recht, welche Richtung ihr Leben nehmen soll. Die Mutter, eine Professorin, möchte dass aus ihrer Tochter eine erfolgreiche Akademikerin wird, der Vater, ein Restaurantbesitzer, spricht sich dafür aus, dass Mel ihre Leidenschaft fürs Kochen zum Beruf macht. Die Eltern sind getrennt, und es kommt immer wieder zu Konflikten wegen Mels Zukunft.
Die junge Frau lebt in einer WG namens „Beehive“ (Bienenstock) in San Francisco. Im Garten des Hauses, in dem sie mit drei Mitbewohnern lebt, gibt es einen Bienenschwarm in einem hohlen Apfelbaumstamm. Mel hatte schon ihr ganzes Leben lang ein besonderes Verhältnis zu Bienen. In ihrem Nacken wächst ihr ein Bienenpelz, und sie kann mit den Tieren kommunizieren. Diese Fähigkeit hat sie von ihrer Grossmutter geerbt, die bereits verstorben ist.

Von High-Tech-Roboter-Bienen

Claudia Praxmayer - Bienenkönigin - Biologin - Glarean Magazin
Biologin & Thriller-Debütantin aus Salzburg: Claudia Praxmayer

Mels Welt gerät aus den Fugen, als sie eines Tages am Bienenstock im Apfelbaum eine schockierende Entdeckung macht… Ein Eindringling ist vom Bienenvolk im Garten getötet worden. Doch die schwarze Drohne entpuppt sich nicht nur als Drohne im Sinne einer männlichen Biene, sondern als High-Tech-Roboter-Biene. Wer steckt hinter dieser Erfindung und was hat das zu bedeuten? Diesen Fragen gehen Mel und ihre Mitbewohner nach – und stossen dabei auf eine Sache, die nicht nur angsteinflössend ist…

Claudia Praxmayer hat eine Sprache und einen Stil, die im Jugendbuch absolut überzeugen können. In diesen Punkten kann sie sich durchaus mit Isabel Abedi messen. Zudem können junge Leserinnen und Leser einiges über die Honigbiene und ihre Gefährdung lernen.

FAZIT: Zwar hat der Thriller „Bienenkönigin“ der österreichischen Biologin und Roman-Debütantin Claudia Praxmayer ein paar dramaturgische Längen, was die Spannung zuweilen drosselt. Andererseits pflegt die Autorin aber eine Sprache und einen Stil, die nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche absolut überzeugen vermögen. Zudem können junge Leserinnen und Leser einiges über die Honigbiene und deren Gefährdung durch die Umweltverschmutzung lernen.

Leider hat das Buch einige dramaturgische Schwächen und weist Längen auf. Anfangs klingt das Ganze ziemlich vielversprechend, doch die Geschichte versandet dann zu oft in alltäglichen Belanglosigkeiten. Auch die Lovestory hätte spannender inszeniert werden können. Sowohl mein Sohn als auch ich haben relativ lange gebraucht, bis wir durch waren, weil wir uns teilweise zum Weiterlesen überwinden mussten. Wir wollten beide wissen, wie die Geschichte endet, aber der Weg dorthin war manchmal etwas steinig…
Zusammengefasst: Wenngleich „Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer sprachlich-stilistisch durchaus überzeugen konnte, waren es doch gar viele Längen, die gerade bei einem Thriller die Spannung zu sehr rausnehmen. Das Thema ist wichtig und für Jugendliche gut aufbereitet. Aber die Geschichte tritt leider zu oft auf der Stelle. Gerade Jugendliche kann das schnell frustrieren. ♦

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin, Roman-Thriller (ab 14 J.), 352 Seiten, cbj Jugendverlag Randomhouse, ISBN 978-3-570-16533-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Tiere in Romanen auch über
Jose Saramago: Die Reise des Elefanten

…sowie von Sigrid Grün über den Roman von
Bachtyar Ali: Die Stadt der weissen Musiker

Weitere Internet-Artikel zum Thema Biene und Bienensterben:

Neue Rundschau (Heft 2018-3): Jenseits der Erzählung

Wie verhalten sich Literatur und Geschichte zueinander?

von Heiner Brückner

Geschichte ist narrativ zu berichten, sagt der gesunde Menschenverstand spätestens seit der Bibel. Aber auch von dem, was tatsächlich geschehen ist und wobei man nicht selbst gewesen ist, kann nicht objektiv berichtet werden. Und wenn, dann ist es ebenfalls durch die subjektiven Augen eines einzigen Zeitzeugen betrachtet und registriert worden. Dem Verhältnis von Literatur und Geschichte hat die „Neue Rundschau“ nun unter dem Titel „Jenseits der Erzählung“ eine essayistische Anthologie gewidmet.

Anschaulich in stilistischer Eleganz erzählte Geschichtsschreibung ist ein grosses Leseerlebnis. Das belegen die Bestseller historischer Romane in jüngster Zeit erneut. Oder wie es Theodor Mommsen formulierte, es gehe um „Vergegenwärtigung“. Wegen der gelungenen „Mischung aus bildhafter Erzählkunst und klugen Schlussfolgerungen“ war er für seine „Römische Geschichte“ 1902 als erster Deutscher und zweiter Autor überhaupt mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Eben diese Erkenntnisse sind einmal mehr zu verdeutlichen und zu versachlichen, um die Geschichtsschreibung einzuordnen in ein machbares und dennoch hilfreiches und wichtiges Instrumentarium menschlicher Erkennungsmöglichkeiten und möglichen Erkenntnisgewinns.

Neue Rundschau - Jenseits der Erzählung - Buch-Rezension Glarean MagazinWie aber belegen es akademische Historiker oder historisierende Literaten? Den Fragen, die hinter diesem Interesse stehen, hatten sich beim 51. Historikertag 2016 in Hamburg die Historiker Dirk van Laak aus Leipzig, der Berliner Michael Wildt, die Augsburger Silvia Serena Tschopp, die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch, der Literat Per Leo sowie der Historiker und Publizist Gustav Seibt gewidmet. Die „Neue Rundschau“ hat in ihrer neuesten Ausgabe (129. Jahrgang 2018, Heft 3) jenes Thema „Jenseits der Erzählung“ zum Schwerpunkt gewählt und die (vorläufigen) Ergebnisse gesammelt.

Recherchierte Befunde mit literarischer Finesse präsentiert

Dirk van Laak beginnt mit der titelgebenden Frage nach der Form in Literatur und Geschichte. Er weist darauf hin, dass die beiden Begriffe „Geschichten und Geschichte“ nicht nur sprachlich nahe beisammen seien, sondern auch in ihrer Absicht auf Erkenntnis. Die Grenze liege dort, wo das Faktische zu blosser Narration oder zu Fake News wird. Ansonsten werde der Historiker keineswegs daran gehindert seine gut recherchierten Befunde mit „literarischer Finesse“ zu präsentieren.
Dass aktuell keine „mittelalterliche Finsternis“ bei den Funktionen anschaulicher Details im historischen Erzählen vorherrsche, schildert Gustav Seibt in seinem Beitrag.

Per Leo - Historiker Schriftsteller - Glarean Magazin
Literarischer Historiker und historisierender Literat: Per Leo (Geb. 1972)

Der „literarisierende Historiker und historisierende Literat“ (laut Eigencharakteristik) Per Leo überschreibt seinen Kommentar „Leos Kreuzgang“ und untertitelt „Die Schlacht zwischen literarisierender Historie und historisierender Literatur“. Er legt darin als Paradigmen für die Schnittstelle zwischen Literatur und Geschichte die „Kämpfe um Troja für die Epik Homers“ wie die „Perserkriege und der Peloponnesische Krieg für die Geschichtsschreibung von Herodot und Thukydides“ vor. Sowohl der archaische Mythos wie die klassisches Chronik hätten somit zu neuen Formen sprachlichen Ausdrucks gefunden. Sein Beitrag ist ein lebhaftes sprachliches Dokument für die erörterten Thesen.

Geschichte als Referenz

Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch betont im Interview mit Michael Wildt, ihren Unterschied zu den akademischen Historikern. Für sie sei die „Geschichte als Referenz wichtig“, weil sie interessiere, „wie sich die Dinge entwickelt“ hätten. Und das nicht lediglich aus „Loyalität gegenüber den Fakten“, sondern weil ihre Denkweise mit „rationaler Auseinandersetzung“ zu tun habe.
Im Abschnitt „Lyrikradar“ zeigen die Lyriker Durs Grünbein, Brenda Hillman und W. S. Merwin in komplexen und formal individuell gestalteten Gedichten ihre Art Ereignisse der zeitlichen Gegenwart zu poetisieren. Das ist teils sehr gegenständlich gestaltet und teils auch sehr sachlich ausgedrückt wie bei Merwin in „Der Fluss der Bienen“: „Aber wir sind nicht hier um zu überleben / Zu leben genügt“.

Demonstrationen experimenteller Lesart

FAZIT: Die Aufforderung Friedrich Nietzsches in „Unzeitgemässe Betrachtungen“, dass die „Geschichte zu bewachen“ sei, „dass nichts aus ihr herauskomme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen!“, haben sich alle Autoren, die in der „Neuen Rundschau“ Diskussionsbeiträge und teils Ergebnisse des 51. Historikertags von 2016 in Hamburg unter dem Titel „Jenseits der Erzählung“ (Heft 2018-3) veröffentlicht haben, hinter die Gedanken geschrieben und in jeweils fachspezifischem Blickwinkel entfaltet. Sie waren bemüht wahrhaftig gegen sich und andere und zu den Fakten zu sein.

Über die Fachwissenschaft hinaus an alle Leser richten sich die von einer Kulturwissenschaftlergruppe „historisch-spekulativ“ kommentierten drei behandelten Kapitel 19, 46 und 50 des Melville-Romans „Moby Dick“. Ihnen geht es um „Präsentation einer wichtigen Quelle zum Verständnis“ ebenso wie darum, eine „experimentelle Lesart“ zu demonstrieren.
Der Romanautor Thomas von Steinaecker exemplifiziert im Abschnitt „Unvollendetes“ Arbeitsweise und Wesen eines Künstlers am „unabsichtlich unvollendeten Kunstwerk“ in der Musik, indem er die Frage zu beantworten versucht: Die Neunte (Sinfonie) ein Fluch? Wie in einem Szenario eines „Mystery-Krimis“ kommt er zu erstaunlich mysteriös klingenden Erkenntnissen, wenn er das Schönberg-Diktum „Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe“ auf seine Faktizität hin untersucht.  Als Filmbeispiel hat er Stanley Kubricks „Napoleon“ ausgewählt.

„Carte Blanche“ mit literarischen Überraschungen

Die „leeren Seiten“ (Carte Blanche) füllen unterschiedliche literarische Überraschungen: Texte von Silvia Bovenschen „1968“, Katharina Sophie Brauer mit „Fliehkraft“, Rüdiger Görner „Als K. Hamlet sah und hörte“ sowie der Maler Michael Triegel mit seinem „beglückten“ Versuch „Der göttliche Blick“ bei seiner Leipziger Poetikvorlesung nebst Josef Haslingers dazugehöriger Einleitung.
P.S: Der beiliegende Folder ist textlich gesehen genial und auch optisch optimal umgesetzt. In 13 Zeilen nennt María Cecilia Barbetta die Technik des Schriftstellers und stellt sie auf dem gefalteten Papier vor Augen. Nur wer von hinten und von vorne –– liest, versteht das Ganze, das Gesamte. In einer Richtung betrachtet ergäbe sich das Gegenteil… ♦

Neue Rundschau (Heft 2018/3): Jenseits der Erzählung – Zum Verhältnis von Literatur und Geschichte, 240 Seiten S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-809115-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Literatur und Geschichte auch über Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

… sowie über den DDR-Roman von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

… und in unserer Rubrik „Vergessene Bücher“ über den Roman von Richard Llewellyn: So grün war mein Tal


A. Djafari & J. Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken (Literatur-Anthologie)

Der weibliche Blick

von Sigrid Grün

29 Texte von Frauen aus vier Kontinenten haben die Herausgeber Anita Djafari und Juergen Boos in ihrer Anthologie „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“ zusammengetragen. Zahlreiche Texte finden sich hier erstmals in deutscher Übersetzung. Es kommen Erzählerinnen und Lyrikerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt zu Wort. Manche von ihnen sind bekannt, wie die Südkoreanerin Han Kang (u.a. „Die Vegetarierin“) oder Assia Djebar aus Algerien.

Anita Jafari Jürgen Boos Vollmond hinter fahlgelben Wolken - Unionsverlag - Rezension Glarean MagazinDie in der Anthologie abgedruckte Erzählung „Die Früchte meiner Frau“ ist ein Vorläufer des internationalen Bestsellers „Die Vegetarierin“. Die Themen sind vielfältig. Es geht um das Altern, auch um Demenz, um Kinder und natürlich um die Liebe in all ihren Facetten. Manche Geschichten sind komisch, etwa Ana María Shua’s „Wie eine gute Mutter“. Darin geht es um die Überforderung einer Mutter, die allen Ansprüchen gerecht werden will und schliesslich von ihren Kindern komplett „zerlegt“ wird. Andere Erzählungen sind zutiefst traurig, z.B. „Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter“ von der gebürtigen Haitianerin Edwidge Danticat. Die Autorin verhandelt in der Geschichte einfühlsam das Thema Demenz.
Auch die lyrischen Beiträge sind ausgesprochen starke Texte. Im Band sind zwei Gedichte der Angolanerin Ana Paula Tavares, drei Gedichte der Inderin Meena Kandasamy und ein Text der äyptischen Lyrikerin Nora Amin enthalten.

Unterschiedliche Wirklichkeiten von Frauen

Anita Djafari und Juergen Boos - Glarean Magazin
Frauen-Lyrik und -Prosa aus vier Kontinenten zusammengetragen: Die Herausgeber Anita Djafari (Literaturvermittlerin) und Juergen Boos (Buchmesse-CEO Frankfurt)

Auf einen oder mehrere Lieblingstexte könnte ich mich gar nicht festlegen, denn den besonderen Reiz der Anthologie macht die Vielfalt aus. Es ist ausgesprochen interessant, zu erfahren, wie unterschiedlich die Lebenswirklichkeit von Frauen in unterschiedlichen Erdteilen doch aussieht, etwa wenn es um die Vorbereitungen für eine Hochzeit geht. Andererseits kommt einem auch vieles bekannt vor – überforderte Mütter leiden in allen Erdteilen an überhöhten Ansprüchen.

FAZIT: „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“ der beiden Herausgeber Anita Jafari und Juergen Boos ist eine sehr gelungene Anthologie, da sie kontrastreiche Texte verschiedener Autorinnen enthält. Der vollkommen unterschiedliche Sound der einzelnen Verfasserinnen macht den besonderen Reiz aus. Die Themen- und die Stilvielfalt entführen den Leser in vier Erdteile. Wer sich für den weiblichen Blick in verschiedenen Ländern interessiert, wird hier viele wunderbare Texte finden.

Verlust der Bindungen zwischen Alt und Jung

Besonders berührt hat mich die Geschichte „Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter“. Carole ist dement und hat immer mehr aussetzer. Am Tag der Taufe ihres Enkels ist es besonders schlimm und sie erlebt einen Zusammenbruch, der alles ändert. Ihre Tochter Jeanne ist seit der Geburt ihres ersten Kindes in eine Depression verfallen, die auch Carole sehr mitnimmt und verärgert, denn für sie gibt es nichts wichtigeres, als sich gut um die eigenen Kinder zu kümmern. Edwidge Danticat erzählt einfühlsam und lebendig vom Verlust der Kontrolle über das eigene Leben und von der Bindung zwischen Alt und Jung.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Autoreninformationen oder zumindest die Herkunftsländer der Autorinnen unmittelbar bei den Texten gestanden hätten. So muss man jedes Mal zum Anhang blättern, um nachzulesen, wer die in unserem Kulturkreis überwiegend eher unbekannten Autorinnen sind. Ein Hinweis auf das Herkunftsland würde mir persönlich bereits reichen, etwa ‚Edwidge Danticat (Haiti)‘. Vielleicht in einer 2. Buchauflage oder bereits jetzt im E-Book? ♦

Anita Djafari & Juergen Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken – Autorinnen aus vier Kontinenten (Anthologie), 320 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-20800-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Literatur von Frauen auch über die Anthologie
Liebesbriefe berühmter Frauen (Piper Verlag)

… sowie über den Roman von
Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

… und über das Handbuch von
Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

Weitere Internet-Beiträge zum Thema Frauenliteratur