Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen (Roman)

Unterhaltsamer Frauenroman

von Sigrid Grün

„Die Rückkehr der Apfelfrauen“ ist die Fortsetzung des Bestsellers „Eva und die Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar. Bei diesen Büchern handelt es sich um unterhaltsame Frauenromane, deren Protagonistinnen nicht etwa 30, sondern um die 50 sind.
Nun sind „Frauenromane“ nicht so mein Genre, populäre Literatur interessiert mich hingegen sehr, weil es etwas über kulturelle Wertigkeiten aussagt. (Die Zeitschrift „Landlust“ erfreut sich immer noch großer Beliebtheit, mit einer Auflage von knapp 900.000 verkauften Exemplaren überholte sie vor einigen Jahren sogar den „Stern“). Themen wie Landleben oder ländliches Wohnen sind sehr beliebt und zeugen vom Wunsch, aus der Komplexität des Alltags auszusteigen und ein einfacheres, naturverbundenes Leben zu führen.
Genau diese Sehnsucht befriedigt auch Tania Krätschmar mit ihrem Roman um fünf Freundinnen um die 50, die mit vereinten Kräften ein Problem lösen – und selbstverständlich geht es auch um die Liebe.

Kinder-Stil bei Erwachsenen-Büchern

Tania Krätschmar - Die Rückkehr der Apfelfrauen - Roman - Blanvalet - Glarean MagazinDie Einfachheit ist bei diesem Roman Programm. Sprache und Stil erinnern eher an populäre Kinder- und Jugendbücher, wie  die „Fünf Freunde“-Reihe von Enid Blyton. Ich mag diesen Stil bei „Erwachsenenbüchern“ nicht, weshalb ich vor allem den Beginn der Geschichte als nervtötend empfand.
Die Freundinnen sind zunächst in Venedig unterwegs, bis Eva, die seit vier Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Loh in Brandenburg einen Hof bewirtschaftet, einen Anruf aus der Heimat bekommt. Die Apfelernte muss dringend erledigt werden, weil ein wichtiger Termin im Apfelgarten ansteht, bei dem darüber entschieden wird, ob in der verschlafenen Ortschaft Wannsee (nicht zu verwechseln mit dem Berliner Bezirk) ein Baumhaushotel entstehen darf…

Klischee-Probleme Familie und Übergewicht

Tania Krätschmar - Rezension im Glarean Magazin
Tania Krätschmar

Evas vier Freundinnen – Nele, Marion, Dorothee und Julika – entschließen sich getreu dem Motto „Einer für alle und alle für einen“, Eva zu helfen. Und so reisen die fünf zurück ins herbstliche Deutschland, wo sich auch noch die Schulschildkröte Alexis zu ihnen gesellt. Vor Ort zeigt sich schnell, dass die Apfelernte nicht das einzige Problem ist: Neben dem paradiesischen Apfelgarten hat der fiese Unternehmer Borg Seidel einen hässlichen Bau hochgezogen, der einmal eine private Spielbank werden soll. Und schon ist er da: Der Kampf Gut gegen Böse. Dazwischen taucht noch ein geheimnisvoller Fremder mit ganz schön viel Naturwissen auf, den Nele attraktiver findet, als sie möchte. Und jede einzelne Frau bringt noch ihre kleinen und großen Alltagssorgen und –probleme mit. Das sind bei Frauen natürlich Freiberuflichkeit, Familie und Übergewicht! Es sind Klischees, die bedient werden, weil Klischees genauso simpel funktionieren wie eine relativ vorhersehbare Handlung und die einfache Sprache.

Spannender Roman in heiler Welt

FAZIT: Wer Frauenromane mag, die einem den Ausstieg aus dem Alltag ermöglichen, moderne Märchen, die auf alle Fälle gut ausgehen, und bei denen man keine Sekunde über irgend etwas nachdenken muss, wer also Seelentröster sucht, die einen von den Problemen der Welt ablenken, wird mit der „Rückkehr der Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar ein paar schöne und auch spannende Stunden verbringen. Wer andere Ansprüche an Literatur hat, wird vermutlich ohnehin zu einem anderen Buch greifen…

Es ist ein modernes Märchen vor einer Sehnsuchtskulisse: Die heile Welt im brandenburgischen Bullerbü muss vor dem üblen Plan des Bösewichts bewahrt werden – und ich glaube, ich verrate auch nicht zu viel, wenn ich sage, dass am Ende alles gut wird. Niemand liest so einen Roman, um sich zum Schluss darüber zu ärgern, dass der böse Bauunternehmer erfolgreich alles versaut hat, den Traum vom Apfelblütenhotel, von unberührter Natur und natürlich von der großen Liebe!

Trotz der vorhersehbaren Handlung muss man aber doch zugeben, dass die Autorin einen spannenden Roman geschrieben hat, so wie die „Fünf Freunde“-Bände auch spannend sind. Man liest weiter und weiß, dass es mit dem Bösen unmöglich ein gutes Ende nehmen wird. Und das ist vielleicht mal ganz nett, in eine heile Traumwelt abzutauchen, in der auf jeden Fall das Gute gewinnt. Mein bevorzugtes Genre ist es nicht, aber interessant war die Lektüre allemal. ♦

Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen – Roman, 352 Seiten, Blanvalet Verlag, ISBN: 978-3-734-10628-6

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Claudia Praxmayer: Bienenkönigin (Roman-Thriller)

Das Mädchen, das die Bienen liebt

von Sigrid Grün

Im Frühling 2017 hat „Die Geschichte der Bienen“, der dystopische Roman der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde, die Bestenlisten gestürmt. Bienen und Bienensterben sind Themen, die auf dem Buchmarkt eine immer größere Rolle spielen, da es ja tatsächlich ein bedrohliches Insektensterben gibt. Die Gründe sind vielfältig: Vom übermäßigen Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft und in Gärten über Bienenkrankheiten bis hin zum Schrumpfen der Lebensräume gibt es viele Gefahren, die der Honigbiene Apis mellifera drohen.
Die gebürtige Salzburgerin Claudia Praxmayer hat Biologie studiert und kennt sich mit Bienen aus. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht und legt mit „Bienenkönigin“ ihr Debüt im Bereich Jugendbuch vor. Damit schließt sie eine Lücke, denn über das Bienensterben gibt es bisher kaum Literatur für Jugendliche.

Für Jugendliche und Erwachsene konzipiert

Bienenkönigin - Roman-Thriller - Claudia Praxmayer - Rezension im Glarean MagazinMein Sohn ist 13 Jahre alt, liest aber auch gerne schon Bücher für Erwachsene. Wir haben das Buch beide gelesen und kamen unabhängig voneinander zu einem sehr ähnlichen Urteil.
Worum geht es? Mel ist 19 und weiß nicht so recht, welche Richtung ihr Leben nehmen soll. Die Mutter, eine Professorin, möchte dass aus ihrer Tochter eine erfolgreiche Akademikerin wird, der Vater, ein Restaurantbesitzer, spricht sich dafür aus, dass Mel ihre Leidenschaft fürs Kochen zum Beruf macht. Die Eltern sind getrennt, und es kommt immer wieder zu Konflikten wegen Mels Zukunft.
Die junge Frau lebt in einer WG namens „Beehive“ (Bienenstock) in San Francisco. Im Garten des Hauses, in dem sie mit drei Mitbewohnern lebt, gibt es einen Bienenschwarm in einem hohlen Apfelbaumstamm. Mel hatte schon ihr ganzes Leben lang ein besonderes Verhältnis zu Bienen. In ihrem Nacken wächst ihr ein Bienenpelz, und sie kann mit den Tieren kommunizieren. Diese Fähigkeit hat sie von ihrer Großmutter geerbt, die bereits verstorben ist.

Von High-Tech-Roboter-Bienen

Claudia Praxmayer - Bienenkönigin - Biologin - Glarean Magazin
Biologin & Thriller-Debütantin aus Salzburg: Claudia Praxmayer

Mels Welt gerät aus den Fugen, als sie eines Tages am Bienenstock im Apfelbaum eine schockierende Entdeckung macht… Ein Eindringling ist vom Bienenvolk im Garten getötet worden. Doch die schwarze Drohne entpuppt sich nicht nur als Drohne im Sinne einer männlichen Biene, sondern als High-Tech-Roboter-Biene. Wer steckt hinter dieser Erfindung und was hat das zu bedeuten? Diesen Fragen gehen Mel und ihre Mitbewohner nach – und stoßen dabei auf eine Sache, die nicht nur angsteinflößend ist…

Claudia Praxmayer hat eine Sprache und einen Stil, die im Jugendbuch absolut überzeugen können. In diesen Punkten kann sie sich durchaus mit Isabel Abedi messen. Zudem können junge Leserinnen und Leser einiges über die Honigbiene und ihre Gefährdung lernen.

FAZIT: Zwar hat der Thriller „Bienenkönigin“ der österreichischen Biologin und Roman-Debütantin Claudia Praxmayer ein paar dramaturgische Längen, was die Spannung zuweilen drosselt. Andererseits pflegt die Autorin aber eine Sprache und einen Stil, die nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche absolut überzeugen vermögen. Zudem können junge Leserinnen und Leser einiges über die Honigbiene und deren Gefährdung durch die Umweltverschmutzung lernen.

Leider hat das Buch einige dramaturgische Schwächen und weist Längen auf. Anfangs klingt das Ganze ziemlich vielversprechend, doch die Geschichte versandet dann zu oft in alltäglichen Belanglosigkeiten. Auch die Lovestory hätte spannender inszeniert werden können. Sowohl mein Sohn als auch ich haben relativ lange gebraucht, bis wir durch waren, weil wir uns teilweise zum Weiterlesen überwinden mussten. Wir wollten beide wissen, wie die Geschichte endet, aber der Weg dorthin war manchmal etwas steinig…
Zusammengefasst: Wenngleich „Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer sprachlich-stilistisch durchaus überzeugen konnte, waren es doch gar viele Längen, die gerade bei einem Thriller die Spannung zu sehr rausnehmen. Das Thema ist wichtig und für Jugendliche gut aufbereitet. Aber die Geschichte tritt leider zu oft auf der Stelle. Gerade Jugendliche kann das schnell frustrieren. ♦

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin, Roman-Thriller (ab 14 J.), 352 Seiten, cbj Jugendverlag Randomhouse, ISBN 978-3-570-16533-1

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…sowie von Sigrid Grün über den Roman von
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Neue Rundschau (Heft 2018-3): Jenseits der Erzählung

Wie verhalten sich Literatur und Geschichte zueinander?

von Heiner Brückner

Geschichte ist narrativ zu berichten, sagt der gesunde Menschenverstand spätestens seit der Bibel. Aber auch von dem, was tatsächlich geschehen ist und wobei man nicht selbst gewesen ist, kann nicht objektiv berichtet werden. Und wenn, dann ist es ebenfalls durch die subjektiven Augen eines einzigen Zeitzeugen betrachtet und registriert worden. Dem Verhältnis von Literatur und Geschichte hat die „Neue Rundschau“ nun unter dem Titel „Jenseits der Erzählung“ eine essayistische Anthologie gewidmet.

Anschaulich in stilistischer Eleganz erzählte Geschichtsschreibung ist ein großes Leseerlebnis. Das belegen die Bestseller historischer Romane in jüngster Zeit erneut. Oder wie es Theodor Mommsen formulierte, es gehe um „Vergegenwärtigung“. Wegen der gelungenen „Mischung aus bildhafter Erzählkunst und klugen Schlussfolgerungen“ war er für seine „Römische Geschichte“ 1902 als erster Deutscher und zweiter Autor überhaupt mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Eben diese Erkenntnisse sind einmal mehr zu verdeutlichen und zu versachlichen, um die Geschichtsschreibung einzuordnen in ein machbares und dennoch hilfreiches und wichtiges Instrumentarium menschlicher Erkennungsmöglichkeiten und möglichen Erkenntnisgewinns.

Neue Rundschau - Jenseits der Erzählung - Buch-Rezension Glarean MagazinWie aber belegen es akademische Historiker oder historisierende Literaten? Den Fragen, die hinter diesem Interesse stehen, hatten sich beim 51. Historikertag 2016 in Hamburg die Historiker Dirk van Laak aus Leipzig, der Berliner Michael Wildt, die Augsburger Silvia Serena Tschopp, die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch, der Literat Per Leo sowie der Historiker und Publizist Gustav Seibt gewidmet. Die „Neue Rundschau“ hat in ihrer neuesten Ausgabe (129. Jahrgang 2018, Heft 3) jenes Thema „Jenseits der Erzählung“ zum Schwerpunkt gewählt und die (vorläufigen) Ergebnisse gesammelt.

Recherchierte Befunde mit literarischer Finesse präsentiert

Dirk van Laak beginnt mit der titelgebenden Frage nach der Form in Literatur und Geschichte. Er weist darauf hin, dass die beiden Begriffe „Geschichten und Geschichte“ nicht nur sprachlich nahe beisammen seien, sondern auch in ihrer Absicht auf Erkenntnis. Die Grenze liege dort, wo das Faktische zu bloßer Narration oder zu Fake News wird. Ansonsten werde der Historiker keineswegs daran gehindert seine gut recherchierten Befunde mit „literarischer Finesse“ zu präsentieren.
Dass aktuell keine „mittelalterliche Finsternis“ bei den Funktionen anschaulicher Details im historischen Erzählen vorherrsche, schildert Gustav Seibt in seinem Beitrag.

Per Leo - Historiker Schriftsteller - Glarean Magazin
Literarischer Historiker und historisierender Literat: Per Leo (Geb. 1972)

Der „literarisierende Historiker und historisierende Literat“ (laut Eigencharakteristik) Per Leo überschreibt seinen Kommentar „Leos Kreuzgang“ und untertitelt „Die Schlacht zwischen literarisierender Historie und historisierender Literatur“. Er legt darin als Paradigmen für die Schnittstelle zwischen Literatur und Geschichte die „Kämpfe um Troja für die Epik Homers“ wie die „Perserkriege und der Peloponnesische Krieg für die Geschichtsschreibung von Herodot und Thukydides“ vor. Sowohl der archaische Mythos wie die klassisches Chronik hätten somit zu neuen Formen sprachlichen Ausdrucks gefunden. Sein Beitrag ist ein lebhaftes sprachliches Dokument für die erörterten Thesen.

Geschichte als Referenz

Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch betont im Interview mit Michael Wildt, ihren Unterschied zu den akademischen Historikern. Für sie sei die „Geschichte als Referenz wichtig“, weil sie interessiere, „wie sich die Dinge entwickelt“ hätten. Und das nicht lediglich aus „Loyalität gegenüber den Fakten“, sondern weil ihre Denkweise mit „rationaler Auseinandersetzung“ zu tun habe.
Im Abschnitt „Lyrikradar“ zeigen die Lyriker Durs Grünbein, Brenda Hillman und W. S. Merwin in komplexen und formal individuell gestalteten Gedichten ihre Art Ereignisse der zeitlichen Gegenwart zu poetisieren. Das ist teils sehr gegenständlich gestaltet und teils auch sehr sachlich ausgedrückt wie bei Merwin in „Der Fluss der Bienen“: „Aber wir sind nicht hier um zu überleben / Zu leben genügt“.

Demonstrationen experimenteller Lesart

FAZIT: Die Aufforderung Friedrich Nietzsches in „Unzeitgemäße Betrachtungen“, dass die „Geschichte zu bewachen“ sei, „dass nichts aus ihr herauskomme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen!“, haben sich alle Autoren, die in der „Neuen Rundschau“ Diskussionsbeiträge und teils Ergebnisse des 51. Historikertags von 2016 in Hamburg unter dem Titel „Jenseits der Erzählung“ (Heft 2018-3) veröffentlicht haben, hinter die Gedanken geschrieben und in jeweils fachspezifischem Blickwinkel entfaltet. Sie waren bemüht wahrhaftig gegen sich und andere und zu den Fakten zu sein.

Über die Fachwissenschaft hinaus an alle Leser richten sich die von einer Kulturwissenschaftlergruppe „historisch-spekulativ“ kommentierten drei behandelten Kapitel 19, 46 und 50 des Melville-Romans „Moby Dick“. Ihnen geht es um „Präsentation einer wichtigen Quelle zum Verständnis“ ebenso wie darum, eine „experimentelle Lesart“ zu demonstrieren.
Der Romanautor Thomas von Steinaecker exemplifiziert im Abschnitt „Unvollendetes“ Arbeitsweise und Wesen eines Künstlers am „unabsichtlich unvollendeten Kunstwerk“ in der Musik, indem er die Frage zu beantworten versucht: Die Neunte (Sinfonie) ein Fluch? Wie in einem Szenario eines „Mystery-Krimis“ kommt er zu erstaunlich mysteriös klingenden Erkenntnissen, wenn er das Schönberg-Diktum „Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe“ auf seine Faktizität hin untersucht.  Als Filmbeispiel hat er Stanley Kubricks „Napoleon“ ausgewählt.

„Carte Blanche“ mit literarischen Überraschungen

Die „leeren Seiten“ (Carte Blanche) füllen unterschiedliche literarische Überraschungen: Texte von Silvia Bovenschen „1968“, Katharina Sophie Brauer mit „Fliehkraft“, Rüdiger Görner „Als K. Hamlet sah und hörte“ sowie der Maler Michael Triegel mit seinem „beglückten“ Versuch „Der göttliche Blick“ bei seiner Leipziger Poetikvorlesung nebst Josef Haslingers dazugehöriger Einleitung.
P.S: Der beiliegende Folder ist textlich gesehen genial und auch optisch optimal umgesetzt. In 13 Zeilen nennt María Cecilia Barbetta die Technik des Schriftstellers und stellt sie auf dem gefalteten Papier vor Augen. Nur wer von hinten und von vorne –– liest, versteht das Ganze, das Gesamte. In einer Richtung betrachtet ergäbe sich das Gegenteil… ♦

Neue Rundschau (Heft 2018/3): Jenseits der Erzählung – Zum Verhältnis von Literatur und Geschichte, 240 Seiten S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-809115-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Literatur und Geschichte auch über
Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

… sowie über den DDR-Roman von
Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

… und in unserer Rubrik „Vergessene Bücher“ über den Roman von
Richard Llewellyn: So grün war mein Tal

A. Djafari & J. Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken (Literatur-Anthologie)

Der weibliche Blick

von Sigrid Grün

29 Texte von Frauen aus vier Kontinenten haben die Herausgeber Anita Djafari und Juergen Boos in ihrer Anthologie „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“ zusammengetragen. Zahlreiche Texte finden sich hier erstmals in deutscher Übersetzung. Es kommen Erzählerinnen und Lyrikerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt zu Wort. Manche von ihnen sind bekannt, wie die Südkoreanerin Han Kang (u.a. „Die Vegetarierin“) oder Assia Djebar aus Algerien.

Anita Jafari Jürgen Boos Vollmond hinter fahlgelben Wolken - Unionsverlag - Rezension Glarean MagazinDie in der Anthologie abgedruckte Erzählung „Die Früchte meiner Frau“ ist ein Vorläufer des internationalen Bestsellers „Die Vegetarierin“. Die Themen sind vielfältig. Es geht um das Altern, auch um Demenz, um Kinder und natürlich um die Liebe in all ihren Facetten. Manche Geschichten sind komisch, etwa Ana María Shua’s „Wie eine gute Mutter“. Darin geht es um die Überforderung einer Mutter, die allen Ansprüchen gerecht werden will und schließlich von ihren Kindern komplett „zerlegt“ wird. Andere Erzählungen sind zutiefst traurig, z.B. „Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter“ von der gebürtigen Haitianerin Edwidge Danticat. Die Autorin verhandelt in der Geschichte einfühlsam das Thema Demenz.
Auch die lyrischen Beiträge sind ausgesprochen starke Texte. Im Band sind zwei Gedichte der Angolanerin Ana Paula Tavares, drei Gedichte der Inderin Meena Kandasamy und ein Text der äyptischen Lyrikerin Nora Amin enthalten.

Unterschiedliche Wirklichkeiten von Frauen

Anita Djafari und Juergen Boos - Glarean Magazin
Frauen-Lyrik und -Prosa aus vier Kontinenten zusammengetragen: Die Herausgeber Anita Djafari (Literaturvermittlerin) und Juergen Boos (Buchmesse-CEO Frankfurt)

Auf einen oder mehrere Lieblingstexte könnte ich mich gar nicht festlegen, denn den besonderen Reiz der Anthologie macht die Vielfalt aus. Es ist ausgesprochen interessant, zu erfahren, wie unterschiedlich die Lebenswirklichkeit von Frauen in unterschiedlichen Erdteilen doch aussieht, etwa wenn es um die Vorbereitungen für eine Hochzeit geht. Andererseits kommt einem auch vieles bekannt vor – überforderte Mütter leiden in allen Erdteilen an überhöhten Ansprüchen.

FAZIT: „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“ der beiden Herausgeber Anita Jafari und Juergen Boos ist eine sehr gelungene Anthologie, da sie kontrastreiche Texte verschiedener Autorinnen enthält. Der vollkommen unterschiedliche Sound der einzelnen Verfasserinnen macht den besonderen Reiz aus. Die Themen- und die Stilvielfalt entführen den Leser in vier Erdteile. Wer sich für den weiblichen Blick in verschiedenen Ländern interessiert, wird hier viele wunderbare Texte finden.

Verlust der Bindungen zwischen Alt und Jung

Besonders berührt hat mich die Geschichte „Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter“. Carole ist dement und hat immer mehr Aussetzer. Am Tag der Taufe ihres Enkels ist es besonders schlimm und sie erlebt einen Zusammenbruch, der alles ändert. Ihre Tochter Jeanne ist seit der Geburt ihres ersten Kindes in eine Depression verfallen, die auch Carole sehr mitnimmt und verärgert, denn für sie gibt es nichts wichtigeres, als sich gut um die eigenen Kinder zu kümmern. Edwidge Danticat erzählt einfühlsam und lebendig vom Verlust der Kontrolle über das eigene Leben und von der Bindung zwischen Alt und Jung.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Autoreninformationen oder zumindest die Herkunftsländer der Autorinnen unmittelbar bei den Texten gestanden hätten. So muss man jedes Mal zum Anhang blättern, um nachzulesen, wer die in unserem Kulturkreis überwiegend eher unbekannten Autorinnen sind. Ein Hinweis auf das Herkunftsland würde mir persönlich bereits reichen, etwa ‚Edwidge Danticat (Haiti)‘. Vielleicht in einer 2. Buchauflage oder bereits jetzt im E-Book? ♦

Anita Djafari & Juergen Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken – Autorinnen aus vier Kontinenten (Anthologie), 320 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-20800-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Literatur von Frauen auch über die Anthologie
Liebesbriefe berühmter Frauen (Piper Verlag)

… sowie über den Roman von
Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

… und über das Handbuch von
Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

Weitere Internet-Beiträge zum Thema Frauenliteratur

Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires (Roman)

Ungeplante Schach-Wege

von Thomas Binder

Romane, die im Schach-Milieu handeln, gibt es zwar viele – aber die wirklich guten Romane in diesem Umfeld sind so häufig nicht. Wenn dann ein etablierter und anerkannter Schriftsteller als Autor fungiert, kann man nur von einem absoluten Glücksfall sprechen. Dieser Glücksfall ist mit „Die Schachspieler von Buenos Aires“ des deutschstämmigen Argentiniers Ariel Magnus eingetreten.
Der Roman hat in den Kulturredaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland flächendeckend Aufmerksamkeit gefunden und wohlwollende bis euphorische Kritiken erhalten. Damit haben berufene Literaturkritiker ihr Urteil gefällt, und wir wollen uns hier auf den Schachspieler bzw. –interessenten als Zielgruppe beschränken.

Who is Who des Schachs vor dem 2. Weltkrieg

Ariel Magnus - Die Schachspieler von Buenos Aires - Roman - Rezension Glarean MagazinBei den Stichworten „Buenos Aires“ und „Schach“ denkt auch der in Sachen Schachgeschichte Bewanderte merkwürdigerweise nicht an die zeitlich viel näherliegende Schacholympiade von 1978, sondern sicher an die Ereignisse von 1939. Erinnern wir uns: In der argentinischen Hauptstadt fand die bis dato größte Schacholympiade statt. Die Teilnehmer lesen sich – trotz Abwesenheit der Sowjetunion und der USA – wie ein „Who is Who“ jener Zeit: Aljechin, Capablanca, Keres, Najdorf, Stahlberg, Tartakower…
Doch das sportliche Geschehen geriet in den Hintergrund, als in Europa der zweite Weltkrieg ausbrach. Er hatte unmittelbare Folgen für das Geschehen in Argentinien. So reisten viele Spieler – darunter die gesamte deutsche Mannschaft – nicht in ihre Heimat zurück, sondern bauten sich in Südamerika eine neue Existenz auf. Während die Engländer das Turnier sofort verließen, wurde in einigen Wettkämpfen ein kampfloses 2:2 vereinbart, da sich die beteiligten Länder nunmehr feindselig gegenüberstanden.

Brisante Begegnung Deutschland vs Palästina

Besonders brisant war die Situation zwischen Deutschland und dem Mandatsgebiet Palästina, dem Vorläufer des Staates Israel. Palästina verweigerte aus nachvollziehbaren Gründen das Spiel, und so ergab sich die Situation, dass Deutschland bei einem kampflosen Sieg durch ein „Geschenk der Juden“ hätte Olympiasieger werden können. Die Auflösung dieses Konflikts wird im Roman vielschichtig beleuchtet.
Parallel zur Schacholympiade fand das Turnier um die Weltmeisterschaft der Frauen statt. In Magnus‘ Roman nimmt diese Meisterschaft großen Raum ein, gesehen aus der Perspektive der Vizeweltmeisterin Sonja Graf. Die Münchnerin trat hier als Staatenlose unter einer Phantasieflagge an.

Geflecht aus Realem und Fiktivem

Ariel Magnus - Schriftsteller Argentinien - Glarean Magazin
Ariel Magnus (Geb. 1975)

Das alles sind nüchterne Fakten, doch Ariel Magnus webt ein unvergleichliches Geflecht aus Realem und Fiktivem. Handlungsebenen verknüpfen sich in meisterhafter Weise. Dabei lässt er den Leser immer – manchmal eine Spur zu deutlich – erkennen, ob er gerade an historischen Tatsachen oder erdachten Geschichten partizipiert. Den Einstieg liefert Magnus‘ realer Großvater, dessen Bezüge zu den (realen) Turnieren und ihren Protagonisten – allen voran Sonja Graf – natürlich fiktiv sind. Gänzlich fiktiv sind auch die Versuche von verschiedener Seite, in den Turnierverlauf einzugreifen, sogar einen Sieg der deutschen Mannschaft zu verhindern. Dann taucht auch noch Mirko Czentovic auf, der (fiktive) Held aus Stefan Zweigs Schachnovelle. Diese aber ist – soweit der Höhepunkt des Verwirrspiels – 1939 noch gar nicht erschienen, Czentovic kommt also quasi aus der Zukunft.

Die Frauen-WM 1939 im Fokus

Was den rein schachlichen Gehalt betrifft, liegt der Schwerpunkt auf dem Frauenturnier. Hier werden sogar die entscheidenden Partien (ausschweifend verbal) geschildert. Neugierig geworden, enthüllte sich mir erst beim Nachspielen in der Datenbank, wie nahe Sonja Graf in der Partie gegen die scheinbar unschlagbare Vera Menchik eigentlich dem Siege und wohl auch dem WM-Titel war.

Argentinien 1939: Nicht nur bei den Männern, sondern auch einige Teilnehmerinnen der Frauen-WM reisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges nicht mehr in ihre Heimatländer zurück. Die zuerst für Deutschland startende, dann staatenlose Sonja Graf wurde Vizeweltmeisterin.
Argentinien 1939: Nicht nur bei den Männern, sondern auch einige Teilnehmerinnen der Frauen-WM reisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges nicht mehr in ihre Heimatländer zurück. Die zuerst für Deutschland startende, dann staatenlose Sonja Graf wurde Vizeweltmeisterin. (Quelle: Wikipedia)

Die Männer-Olympiade selbst hingegen wird mehr durch Milieu-Schilderungen und Porträtstudien einzelner Spieler lebendig – und vor allem durch die Vorgänge um das Spiel zwischen Deutschland und Palästina. Im weitaus überwiegenden Teil des Textes erleben wir also Schach aus der Sicht des Außenstehenden, der mehr zufällig mit den Turnieren und den Spielern bzw. Spielerinnen in Berührung kommt – eben Großvater Magnus.

Meisterhafte Nebenstränge der Handlung

Neben den bekannteren Akteuren werden dabei einige Teilnehmer zumindest zeitweise in den Blickpunkt der Handlung geholt, die auch dem schachgeschichtlich Interessierten nur wenig sagen, etwa die Amerikanerin Mona Karff (Fünfte der WM) oder Olympiade-Spieler wie der Este Ilmar Raud und der für Palästina spielende Victor Winz.

FAZIT: „Die Schachspieler von Buenos Aires“ ist kein Schachbuch, sondern ein Roman im Umfeld der Schacholympiade und der Frauen-WM 1939 in Buenos Aires. Vor dem Hintergrund des ausbrechenden Zweiten Weltkriegs nehmen Lebenswege eine ungeplante Wendung. Autor Ariel Magnus verwebt in einzigartiger Weise reale und fiktive Personen und Ereignisse zu einem lesenswerten Gesamtkunstwerk.

Schließlich gibt es – wir haben einen veritablen Roman vor uns, kein Schachbuch – Nebenstränge der Handlung, die meisterhaft angelegt und ausmodelliert sind. Als Beispiel und Appetithappen seien nur die Diskussionen und Intrigen in einer Zeitungsredaktion genannt. Hier geht es u.a. um die existenzielle Frage, ob denn Schach nun Sport, Wissenschaft oder Kunst (oder was sonst) sei.
Diese Frage stellt sich für den ganzen Roman natürlich nicht. Er ist ein Kunstwerk, er ist gehobene Literatur. Damit fordert er den Leser auf jeder Seite. Man muss sich zwischen den verschiedenen Handlungslinien, dem Realen und Fiktiven zurechtfinden. Handlungstext wechselt mit Tagebuch-Zitaten und Presseausschnitten. Selbst an Fußnoten wird nicht gespart. Schachliches Wissen – insbesondere um die Hintergründe der Olympiade von 1939 – ist dabei durchaus hilfreich. Dennoch sei gewarnt, wer seinen geistigen Konsum sonst nur aus trivialerer Literatur befriedigt. Das Lesen eines Romans von über 300 Seiten kann auch anstrengende Arbeit sein. Wenn man aber die Neugier auf das behandelte Sujet mitbringt, ist diese Arbeit höchst vergnüglich. ♦

Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires – Roman, aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann, 336 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 978-3462050059

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Romane auch über
Frank Schuster: Das Haus hinter dem Spiegel

… sowie zum Thema Kulturgeschichte des Schachs über den
Ausstellungs-Katalog „Schach und Religion“ (Ebersberg)

Weitere Internet-Artikel zum Thema Schach und Literatur:

Heiner Brückner: Vom Himmlischen (Literatur-Essay)

Vom Himmlischen

Synoptische Betrachtung dreier motivähnlicher Lyrikpublikationen

von Heiner Brückner

I. Einführung, Motivation

Nachdem ich „Baustellen des Himmels“, den aktuellen Gedichtband von Harald Grill, entdeckt hatte, war mir die Assoziation zu Jan Wagners „Probebohrung“ sofort präsent. Zwei unterschiedliche Lyriker, was Alter, Sprache und Themen betrifft, zeichnen ein offensichtlich motivähnliches Bild. Der eine 2001 als Debütant, der andere 2017 nach über 60 Jahren, in denen er „einfach“ (in des Wortes doppelter Bedeutung) gelebt hat, indem er mit dem Rucksack ohne Hotelbuchungen auf beiden Beinen auf Landerkundung gegangen ist und in Rundfunkreportagen und Einzelveröffentlichungen seine Wegpoesie zum Ausdruck brachte: „einfach gehen“, „auf freier strecke“ und so weiter waren seine Titel. Ich wollte dahintersteigen, wie poetisch fühlende Autoren das Thema bearbeitet haben.

Harald Grill - Baustellen des Himmels - Gedichte - Pongratz - Glarean MagazinIch denke bei Himmel an: Glauben, Gottes Ort, Horizont, Erde und Himmel, Religion, Kirche. Bei Religion an Erklärungsexperimente für die Bindung des Menschen zu seinem Urheber, seinem Ursprung, seiner Herkunft, zu der er naturgemäß in einer Art genetischem Bezug stehen wird. An die Beziehung und das Verhältnis der Spannung zwischen dem Allmächtigen und den Sterblichen.
Baustellen sind für mich vorrangig etwas Vorhandenes, das repariert oder korrigiert wird. (Selbstverständlich sind Baustellen auch dort, wo ganz neu gebaut wird. Aber das geschieht in der Regel auf vorhandenem Grund.) Die Pläne werden von Individualisten gefertigt, die daran Anstoß nehmen, nicht vom ursprünglichen Verursacher oder Schöpfer. Lücken sind zu schließen, Löcher zu füllen, abzudichten, Mauern, Halterungen neu zu errichten.

Jan Wagner - Probebohrung im Himmel - Gedichte - Berlin Verlag - Glarean MagazinUnter Dichtung verstehe ich vorrangig eine Beschreibung des Umfassenden im Alltäglichen, Kleinteiligen, das mich umgibt. So gesehen sind beide menschlichen Urbedürfnisse verschwistert.
Ich hoffe bei meinem Vergleich eine Erkenntnis über die Versuche zu finden, wie man sprachlich der transzendenten Dimension menschlichen Seins näher kommen könnte. Wie ist es bei den beiden genannten Schriftstellern der Fall?
Bei Harald Grill scheint der religiöse Hintergrund ohne Umschweife offen sichtlich in Wort und Bild durch.
Beim Lyrikdebüt Jan Wagners ging es dagegen in erster Linie um sprachliche Bilder als Impulsmetaphern zum Weiterdenken. Offenbar spricht er von sich selbst, doch seine Bilder des „Lyrischen Stilllebens“ (siehe „nature morte“: ein Fisch auf Zeitungspapier) zeigen auch für uns Wiedererkennbares. Das weckt Lust zum Vergleichen, regt an zum Mitdenken.
Ich beschränke mich bei dieser Betrachtung auf sein titelgebendes, drittes Kapitel des Bandes „Probebohrung im Himmel“.

100 Gedichte über den Himmel

Anton Leitner - Der Himmel von morgen - Gedichte - Reclam Verlag - Glarean MagazinZwischenzeitlich bin ich auf eine aktuelle Publikation mit dem Titel „Der Himmel von morgen“ gestoßen. Sie ist in gewisser Weise die Summe zu meinem Motto. In der von Anton G. Leitner herausgegebenen Anthologie wird das Thema in circa 100 Gedichten behandelt. Sie gewährt einen Blick in die diesbezügliche zeitgemäße Lyrik.
Darin überwiegt profanes, laienhaftes, literarisches Sprechen. Der Mensch wird als wertoffenes, anthropologisch schöpferisches Wesen aufgefasst, das sowohl sein inneres wie sein äußeres Erleben und Erleiden darstellen und mitteilen möchte. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass auch das Wort „Schöpfung“ eher vermieden wird, um sich nicht womöglich als Kreationist abstempeln oder festlegen zu lassen.
Im christlichen Verständnis wäre Reden von und mit Gott ein Schritt mehr, nämlich die in Gedanken und Worten geäußerte Bejahung mit allen Fasern des personalen Existierens dem Transzendentalen anvertrauen zu können, weil es ihm zugewandt erfahren wird. Verstärkt würde dieses bekennende Gefühl durch die Teilhabe an der Gemeinschaft der Gläubigen und die Anerkennung der verheißenen Zuwendung des Schöpfers.
Ich stelle die drei Bücher einzeln vor und fasse dann zusammen.

II. Harald Grill: „baustellen des himmels“

Harald Grill - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Harald Grill

Der Titel „Baustellen des Himmels“ verheißt ein selten bedichtetes Thema. Die Gedichte selbst beinhalten diesen Titel kein einziges Mal expressis verbis, wie das ansonsten gegenwärtig gängige Praxis der Verlage zu sein scheint. Aber der Himmel wölbt sich über jedes Gedicht und spricht den Leser aus nahezu jedem an. Das nenne ich eine gekonnte Themengestaltung. Jedes einzelne beschränkt sich mehr oder weniger auf ein reales Bild, das Harald Grill gelungen metaphorisch nach vielen Seiten durchleuchtet und feinsinnig formuliert. Und zwar in einer prägnanten und präzisen Sprache, direkt und gefühlt immer aus dem Herzen des Menschen gesehen. Gedichte sind nach seiner Anschauung angelehnt an Träume. Das kennen wir von seinen Dialektgedichten, aber auch hier in der Hochsprache führt seine spartanische Knappheit, lenkt sein dezentes Andeuten, das sanfte Antippen zu neuen, tieferen Denktipps und Gefühlsschichten.
Aussagen, die thematisch nach meinem Verständnis am deutlichsten themenrelevant sind:
Bereits das erste „Besuch im Kloster“: Dreieinigkeit vermenschlicht: Die Göttlichkeit muss vor den Fußgängern am Zebrastreifen, den das Licht in den Kreuzgang des Klosters wirft, anhalten. Neben dieser frappierenden Metapher fällt die sinnige Folgerung auf: Gott Vater, Sohn und Geist sind offenbar in einer Limousine unterwegs, also auf den Straßen dieser Erde. Aber eben auch nicht barfuß in Sandalen.In „Schick mir ein Foto“ wird der Himmel als eine „andere Art von Hölle“ bezeichnet.

Respektvoll strahlender Glanz

Harald Grill wurde 1951 geboren, wuchs in Regensburg auf und lebt seit 1978 in Wald im Landkreis Cham in der Oberpfalz. Er war Pädagogischer Assistent und ist seit 1988 freier Schriftsteller und Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. 2000/ 2001 unternahm er zwei Spaziergänge, einmal vom Nordkap her und danach von Syrakus zu Fuß nach Regensburg, für das Projekt „Zweimal heimgehen“. Von Juli bis November 2015 reiste er durch Rumänien und Bulgarien bis Odessa. Grill hat Prosa, Gedichte, Kinderbücher und Nachdichtungen publiziert und arbeitet fürs Theater, Radio und Fernsehen. Mit verschiedenen Kulturpreisen und Stipendien wurde er ausgezeichnet. Eine ausführliche Bibliographie ist u. a. auf Harald Grills Homepage zu finden.

Eine Botschaft ohne Biss vermittelten „Barockkirche(n)“, weil sie in Goldpapier eingewickelte Pralinen bleiben. Auch das lese ich als amüsante kritische Anmerkung zum halbherzigen Verhalten kirchlicher Gepflogenheiten und gleichzeitig als nostalgische Erinnerung süßerer Zeiten.
Schließlich noch „Vor dem Einschlafen“: Es gibt am „Rand der Steilküste meiner Welt“ ein Spanntuch zwischen Himmel und Erde. Die Ähnlichkeit zum Springtuch, das Retter in höchster Not ausbreiten, ist vorhanden. Jedoch das Tuch bei Grill ist bereits gespannt, aufgehalten von unsichtbaren Händen.
Harald Grill verleiht seinen lyrischen Bildern einen respektvoll strahlenden Glanz, indem er Gott in die Welt der Menschen integriert und ihm dadurch Menschlichkeit attestiert. Das gibt den Gedichten langen Nachhall und intensive Nachhaltigkeit.

III. Jan Wagner: „Probebohrung im Himmel“

Jan Wagner - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Jan Wagner

Wagners Gedichte formulieren knapp, aber poetisch flüchtige Augenblicke in einer Melange aus wohlüberlegter Sachlichkeit und Erkenntnisfunken einer im Alltäglichen transzendent aufblitzenden emotionalen Magie. In dem betreffenden mit der ungenauen Ortsangabe titulierten Gedicht „Hamburg – Berlin“ kommt für mich dieses Dahinter-Sehen und darin Erkennen-Können am deutlichsten zutage. Er sieht zwei Windräder und sieht auch, dass sie „eine probebohrung im himmel vor“(-nehmen). Und: „gott hielt den atem an“ – und ich hielt ebenso inne, um zu staunen und nachzudenken. Probebohrungen werden gewöhnlich in den Boden gerichtet, um nach Wasser für Brunnen oder Öl- und Gasquellen zu erforschen. Auch Bohrungen zum Erdkern hin werden unternommen. Jedenfalls kann nur dort ein Loch erstellt werden, wo eine feste Grundlage zum Durchbohren vorhanden ist. (Das „tiefste (zugängliche) Loch“ auf der Erde wurde bei einem kontinentalen Tiefbohrprojekt [KTB] in Bayern bei Windischeschenbach nördlich von Weiden in der Oberpfalz als Kontaktzone zweier großer Kontinentalschollen erbohrt).

Das nach oben, in die Luft, in unfesten Stoff gerichtete Bohren im Gedicht von Jan Wagner ist für den ersten Eindruck ein Stochern im Nebel – oder menschliches Bemühen, in die Nähe des „Himmels“ zu gelangen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob das zu ökologischen Zwecken oder aus sonstigen Gründen geschieht. Beim zweiten Gedanken erschließt sich eine völlig neue Dimension, die unsichtbare Bohrkerne zutage fördern könnte – wenn man sich auf sie einlässt.
Während einer Zugfahrt an der Strecke zwischen Hamburg und Berlin hat der Autor diese Beobachtung gemacht. Windräder als Zeichen für Besinnung auf natürliche Energiegewinnung, Reduktion der Ausbeutung, negativ: zu überdimensioniert, nicht landschaftsgemäß etc. Es muss gearbeitet werden, ökologisch. Das ist eine doppelte Baustelle.

Firmament und Himmel gehören zur Erde

Jan Wagner wurde geboren 1971 in Hamburg und lebt seit 1995 in Berlin. Er ist Lyriker, Übersetzer englischsprachiger Lyrik sowie Essayist. Mit dem Gedichtband „Probebohrung im Himmel“ debütierte er 2001. Für seine Gedichte, die für Auswahlbände, Zeitschriften und Anthologien in über dreißig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse (2015) und den Georg-Büchner-Preis (2017). Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie des P.E.N.-Zentrums Deutschland.

Hier ist eine der beiden Stellen auf circa 70 Seiten, an der Jan Wagner das Wort „Gott“ gebraucht. Man kann die Windräder also durchaus religiös deuten. Weswegen auch immer der Schöpfer die Luft anhalten mag. Aus Furcht vor dem Eingreifen der Menschen ins All? Aus Staunen über den Einfallsreichtum menschlichen Geistes?
Spätestens beim darauf folgenden Gedicht „Quedlinburger Capriccios“ wird die Denkweise logisch legitimiert. Bei Starkregen in der Quedlinburger Gegend sieht er Tauben auf dem First  des Quedlinburger Doms, eine Verknüpfung zum Himmel erscheint im doppelten Grau. Firmament und Himmel gehören zur Erde und zum Menschen, sie bewegen einander und sollten zusammengehalten werden als „Nieten“ für „… schieferdach und himmel …“
Das gelingt meines Erachtens nur einem, der das Staunen über die allumfassende Dimension des Überirdischen im Weltlichen nicht verlernt, sondern neu beziehungsweise anders entdeckt hat. Indirekt, durch die Wörter, ist Wagners Dichtung eine Verneigung vor den Naturgewalten, die wissen, dass Menschen sie nie fassen werden. Diese Macht bleibt indifferent, sie wird keiner Ursache und keinem Verursacher zugeordnet. Doch jene scheint stärker als die der Kreatur.
Eine sanfte Kritik am Bestehenden kommt im Gedicht „Im Norden“ auf: Die Kirchen blicken dort „… trotzig in den himmel,/wartend darauf, daß gott als erster blinzelt“.

IV. Anton G. Leitner: „Der Himmel von morgen“

Anton Leitner - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Anton G. Leitner

Die Auswahl der 100 Gedichte in „Der Himmel von morgen“ und das Thema tragen unzweifelhaft die Handschrift des Herausgebers Anton. G. Leitner, der auch die Lyrikzeitschrift „Das Gedicht“ initiiert hat. Daraus hat er (vorwiegend aus dem Band 25 „Religion im Gedicht“) thematisch passende Gedichte gesammelt und gibt mit seinem eigenen Beitrag „Der Tod“ die Richtung vor. In seinen Lyriktexten schreibt er im Allgemeinen so, als seien Wörter Assoziationswogen und Denkwellen, die er in einem bewegenden Rhythmus schaukeln und überschwappen lässt. Formal finden sich nur drei gereimte und metrische Gedichte. Ansonsten herrschen lockerer Rhythmus und freie denkerische wie gestalterische Vielfalt vor.
Die Anthologie ist als Querschnitt zeitgemäßer Lyrik zum Thema „Gott und die Welt“ anzusehen. Darin zeigt sich ein Aquarellbild hinter entfernendem Schleier, eine Generation des Übergangs in hoffender teils enttäuschter Erwartungshaltung. Sowohl die Hoffenden als auch der Erhoffte seien erschöpft. Immerhin sind das Aussagen und nicht allein Vermutungen oder Revolte gegen Bestehendes. Eine theologische Sammlung oder solche Ambitionen hegt die Sammlung nicht. Es geht um Bekenntnisse von 90 zeitgenössischen Lyriker/innen.
Auszug: Gerald Jetzek: ironisiert im „Ökonomischen Konzil“, dass er zu wissen glaube, warum „Glauben wichtiger ist als Denken“. Judith-Katja Raab ist mit dem „Ketzerischen Credo“ vertreten, Georg Langenhorst mit „Thomaszweifel“. Lutz Rathenow will mit dem „Schöpfer“ reden. Tanja Dückers wird sinnlich beim „Kuscheln mit Gott“.
Wenn so der „Himmel von morgen“ aussehen soll, dann ist nur ein Nebelvorhang zu sehen, wohingegen der barocke Himmel auf Erden fröhlich und strahlend gestaltet worden ist. Der Anthologie-Titel ist dem zweiten Vers des Gedichtes „Bauplan, blassorange“ von Sabine Minkwitz entlehnt. Auch hier taucht die „Baustelle Himmel“ auf.
Ich will aber nicht spekulieren, wie das gedeutet werden könnte. Einige Kernaussagen aus der Anthologie sollen für sich selbst sprechen.

Moderne Lyrik des Unbeschreiblichen

Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist ediert seit 1993 die Jahresschrift „Das Gedicht“. Seit 1984 außerdem mehr als 40 Anthologien vor allem für die Verlage dtv, Hanser, Goldmann, Reclam, Sankt Michaelsbund. Neben herausgeberischen Tätigkeiten veröffentlichte Anton G. Leitner bislang elf eigene Gedichtbände, drei Hörbücher, zahlreiche Essays, Kritiken, Kurzgeschichten, eine Erzählung und ein Kinderbuch. Er ist Mitglied der Münchner Turmschreiber und der Valentin-Karlstadt-Gesellschaft. Vielfach wurde er ausgezeichnet, neben anderen 2016 mit dem „Tassilo-Kulturpreis“ der Süddeutschen Zeitung.

„Der Himmel von morgen“ ist in vier Abschnitte untergliedert.

I. Über Gott schweigen eingedenk der Leiden und des Unlogischen:
logisch; Kopfgespinst; erschöpft vom Hoffen; Gott sei nicht zu ändern, also schweigen. Kutsch hegt „Einsicht“; ökonomisches Konzil; ketzerisches, kapitalistisches Credo; Thomas-Zweifel; Der Alpha-bete.

II. Die erinnerte Oma-Frömmigkeit mit den einzigen drei gereimten Gedichten entsprechend der vergehenden Generation:
ein Tauflied etwa (gereimt) und tierische Gebete, ebenso das Lob der Beichte (gereimt), Wasserläufer, tierisches Arche-Gebet, Karpfen-Weihnachtsgebet (gereimt) sowie Kommunionerinnerungen.

III. Glaubenseintopf mit Religions-Allerlei (allerdings ohne Rezept):
Als Gebet sei das Wort Gott allen gegönnt. Die Götter sind darauf bedacht, sich nicht zu nahe zu kommen. „Ein Fünfter“ [= theologische Botschaft:] Gott will Neues erfahren – „in mir“ (Grengel). Suche nach der Perle des Himmelreiches. Bekreuzigung der Fußballgötter. Erschöpft vom Erschaffen (teils gereimter Rap) und „Der Erlöser schweigt“.

IV. Am Ende wird alles gut:
Sinnieren; saumselig meditieren. „Wer Sterne zählt, verzweifelt“. „Selig, denn sie glauben nicht.“ Jonas Walfischbauch als Heimat (Jan Wagner). Finnisches Nordlicht scheint ins Gesicht. Nachklang des Kreuzes; Papiergeläut; Psalm über „luft gott luft“; die Gnade des Loslassens. Der Tod: sich mit dem „Nichts in blinder Erwartung“ anfreunden (A. G. Leitner). „Bauplan, blassorange“. Nach der Erschöpfung sei dem Herrn eine Pause gegönnt, um neu zupacken zu können.

Zusammengefasst: Die Mehrzahl dieser ausgewählten modernen Lyriker windet sich um das Unbeschreibliche, indem sie ihre religiöse Anamnese sprechen lassen. Eine direkte Ansprache Gottes, wie in der Form des Gebets, ist nicht zu finden, es sei denn in retrospektivem Blickwinkel. Man erwartet Gottes Handeln ohne eigenes Zutun. Das mag der gängigen Denkweise der gegenwärtigen Generation entsprechen.

V. Zusammenschau

Um dem Grundtenor auf die Schliche zu kommen, habe ich unter anderem zwei themenrelevante Begriffe konkordanzmäßig in Augenschein genommen. Die ausgewählten Termini „Schöpfung, Schöpfer, Himmel“ sind keinesfalls repräsentativ zu verstehen und sie eignen sich nicht zuallererst als poetische Wortwahl. Ich benutze sie lediglich als Zufallsproben, als Testkriterien, zumal ohnehin keiner der betrachteten oder zitierten Lyriker den Anspruch der Christlichkeit reklamiert oder unter dem Aspekt veröffentlicht hat. Meine Recherchen erheben ebenso wenig wissenschaftlichen Anspruch. Sie sind die Sichtweisen durch die Linsen eines der Lyrik zugeneigten Lesers. Was findet sich bei der Suche nach relevanten Aussagen? Es sind drei Nennungen von „Schöpfung“ in der Anthologie von Leitner, bei Grill keine einzige, bei Wagner eine. Der Begriff „Schöpfer“ ist in der Anthologie zweimal erwähnt. Weiterhin ist folgende Häufigkeit festzustellen: In den etwa 40 Seiten von Harald Grills „baustellen des himmels“ kommt der Himmel sechs- und Gott viermal vor. Bei Jan Wagners „Probebohrung im Himmel“ taucht auf den circa 70 Seiten Gott dreimal auf, der Himmel 18-mal. In Leitners circa 110-seitiger Anthologie „Der Himmel von morgen“ ist der Himmel etwa 16-mal und Gott gut 30-mal zu zählen. Dabei ist zu beachten, dass in den wenigsten Fällen Himmel als das paradiesische Jenseits gemeint ist, sondern meistens als Firmament oder als Ausruf gebraucht wird. Im Ergebnis ist das ein eher sparsamer Umgang mit den Zielbegriffen.

Vererdlichung des Jenseits

Die Autoren verwenden die gängigen Wörter als geläufige Bilder und sind im Übrigen bemüht das Jenseits zu vererdlichen, wobei sie es nicht nach den Maßstäben des Menschenauges ausmalen wollen, um es göttlich sein oder werden zu lassen, wie etwa die barocken Baumeister in ihren ausgeschmückten Gotteshäusern. Jene holten den Himmel wesentlich bildkräftiger in die Welt der Menschen hinein. Dadurch wird eine Vielfalt individueller Vorstellungen erreicht, die Toleranz und Demokratie suggerieren. Die einheitliche Linie zur orientierenden Auseinandersetzung fehlt. Allenfalls ein Trend zu lockeren Denkweisen und Gottes Einbeziehung als „Macher“ ist zu erkennen.
Gelegentlich ringen einige Autoren nach zeitgemäßen Synonymen. Ihre Baustellen sind aber offensichtlich noch lange nicht so weit fortgeschritten, geschweige denn fertiggestellt, dass die Einweihung eines neuen verbindlichen Sprachgebäudes von Gott im Himmel verkündet werden könnte.
Lyrisches Reden von Gott und Himmel in den genannten zeitgemäßen Gedichten ist mit der Metapher „Baustellenmodus“ lyrisch treffend beschrieben. (Die Bereiche Esoterik und Meditation etc. wurden hier bewusst nicht berücksichtigt). Der Tenor in den berücksichtigten Gedichten sind irdische Poems, nicht himmlische oder religiöse Psalmodien. ♦

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Johann Voß: Warum noch Gedichte?

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Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei (Roman)

Zwischen Sinnfrage und Obsession

von Isabelle Klein

Deutschland am 13. August 1961: Mauerbau und Schließung der Grenze. Die Ereignisse überschlagen sich: Die NVA steht in Ostberlin, das Potsdamer Abkommen ist gebrochen, die Sowjetzone mutiert zum KZ. Janus Emmeran, Medizinstudent aus Tübingen und Protagonist des Romanes „Frei“ von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel, hört diese Nachrichten fassungslos während seiner Semesterferien in Westberlin. Er geht neugierig, ob dies möglich wäre, ungehindert in den Osten und wieder zurück. Es reift ein Plan in dem jungen ambitionierten Mann: Menschen aus dem Osten, wie beispielsweise seinem Studienkollegen Pospiech, zur Freiheit zu verhelfen.

Roswitha Quadflieg - Burhart Veigel - Frei - Roman-Rezension Glarean MagazinZu Beginn seiner Fluchthelferkarriere ist alles ganz easy. Man verwendet Pässe von Westdeutschen, schmuggelt sie über die Grenze – problemlos ist man aus Ostberlin in die Freiheit gelangt. Die Pass-Tour wurde geboren, Janus in seinem Höhenflug beflügelt. Ein studentisches Netzwerk zur Fluchthilfe entsteht, und Janus wird zu einem ihrer genialsten Köpfe, der zwischen 1961 bis 1968 über 600 Menschen zur Flucht verhilft. Effektiver Kopf und Staatsfeind Nummer Eins der Bauernrepublik, der raffiniert weitere Wege in die Freiheit ersinnt, in Form der ausgeklügelten Cadillac- und Franzosen-Tour. Gerade letztere bereitet für zahllose DDR-Bürger den Weg in den Westen.

Extrem spannender Beziehungsreigen

Zeitsprung: Berlin 2016. Nach einem geruhsamen Leben, das nicht mehr viel mit der aufregenden studentischen Fluchthelferzeit gemein hat – orthopädische Praxis im beschaulichen Schwabenländle, zuvor Intermezzo in den USA, Kind, Kegel und Familie (immerhin vier Töchter) – möchte es der junggebliebene 68er, immerhin seinen 80 nahe, noch mal wissen. Geschieden, alleinstehend, mit einem recht bewegten Beziehungsreigen in der kurzen Zeit nach der Trennung, antwortet er auf die Annonce einer wesentlich jüngeren Frau, die – jetzt kommt es zu einem sehr geschickten Kunstgriff des Autorenpaares Quadflieg/Veigel) – aus dem Osten der Republik stammt…
Und so wird der Leser mitten in einen extraordinären, extrem spannend zu lesenden Beziehungsreigen hineingezogen, der die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt, und in dem eines ganz schnell klar wird: Janus (der Name ist Programm, denn der eine Abschnitt seines Lebens scheint zum anderen nicht zu passen, sowohl in Vergangenheit als auch der Gegenwart) hat auch nach vielen geruhsamen Jahren sein Freiheits-Gen nicht abgelegt. Er brennt noch immer für die Freiheit, während die rund 30 Jahre jüngere Colette, die einen Verlag leitet und zwei Kinder in den 20ern hat, sich ganz auf die Paarbeziehung beschränken will.

Kampf gegen das Mittelmaß

Todesstreifen der Berliner Mauer 1961 - Glarean Magazin
Taghell beleuchtet, es wird scharf geschossen: Teil des berüchtigten „Todesstreifens“ an der Berliner Mauer 1961

Wer Freiheit nicht kennt, vermisst sie auch nicht, so in etwa Colettes Einstellung zum Thema Meinungsfreiheit und Freiheit der Person. So kann sie in den heißen August-Sommertagen nicht nachvollziehen, dass Janus, von seinem alten Fluchthelferkumpel Harry um Hilfe gebeten, einer jungen Frau mit Migrationshintergrund eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Angst und Repressalien ermöglichen will. Und dafür eben die traute, leidenschaftliche Zweisamkeit von Berlin in das Schweizer Bergpanorama verlegen will.
Janus, aktuell mit der Aufarbeitung seiner Stasi-Akten beschäftigt, sucht immer noch nach Möglichkeiten, anderen die Freiheit zu ermöglichen, ist allerdings inzwischen zu alt für aktive Flüchtlingshilfe. Anisa und das beschauliche, vermeintlich romantische Alpenidyll werden zur Bewährungsprobe für die junge, bis dato problemlos zu stemmende Liebesbeziehung dieser beiden so unterschiedlichen Menschen, die eines verbindet: „Den Kampf gegen das Mittelmaß“ (Seite 147) und die Suche nach erfüllter Liebe.

Burkhart Veigel - DDR-Fluchthelfer - Glarean Magazin
Einer der findigsten DDR-Fluchthelfer: Burkhart Veigel (Geb. 1938 in Eisfeld/D)

Jedoch: Frei nach „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ stellt gerade diese Aktion die aufkeimende große Liebe vor eine große Frage: Kann die Sozialisation in zwei konträren politischen Systemen, zu völlig unterschiedlichen Zeiten und Ausgangsbedingungen gelingen? Wachsen sich zunächst nette Kabbeleien und spitze Sticheleien zur ausgewachsenen Systemkritik aus – z.B durch Colettes kritische Äußerungen über die USA und den Kapitalismus zu Ende des Buches – und wird die Freiheit zum handfesten Hindernis, das einer gemeinsamen Zukunft entgegensteht?

Unterschiedliche Bedeutung von Freiheit

Die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg (Geb. 1949 in Zürich)
Die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg (Geb. 1949 in Zürich/CH)

Äußerst geschickt erzählen Quadflieg und Veigel diese Geschichte, die lapidar, doch ebenso gewichtig „Frei“ heißt. Sie schlagen wie im lockeren und leichten Flug Brücken zwischen hier und jetzt, zwischen Vergangenheit und verheißungsvoller Zukunft, die wiederum zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings mit dem Wind verwehen mag. Burkhart Veigel erfindet eine Liebesgeschichte, verwebt mit Roswitha Quadflieg äußerst raffiniert Fakten aus seiner Vergangenheit mit Fiktion. So sind Janus und Veigel in vielem eines und doch ganz anders. Veigel erschafft mit Janus Emmeran eine lebendige, virile und sehr vielschichtige Persönlichkeit, die eben nicht einfach einzuordnen ist, zwei Gesichter hat und ein eigenes Alter Ego. Mit der großen Liebesgeschichte am Lebensabend gelingt es ihnen mühelos und höchst effektiv, die unterschiedliche Bedeutung der Freiheit im Leben zwischen Ost und West zu thematisieren und spannungsgeladen das Glück – man fiebert wirklich mit – seinen Lauf nehmen zu lassen.

Ein Buch mit Mehrwert

FAZIT: Der Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel ist ein wunderbares Buch, dem es mühelos gelingt, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Einen Bann um Janus Emmeran und dessen Freiheitskampf, sowohl im heißen Sommer 2016 und natürlich im Berlin der 1960er Jahre. Ein Buch mit Mehrwert, aus dem der Leser je nach Jahrgang ganz Unterschiedliches schöpfen mag.

Der Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel ist ein wunderbares Buch, dem es mühelos gelingt, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Einen Bann um Janus Emmeran und dessen Freiheitskampf, sowohl im heißen Sommer 2016 und natürlich im Berlin der 1960er Jahre. Ein Buch mit Mehrwert, aus dem der Leser je nach Jahrgang ganz Unterschiedliches schöpfen mag. So kann es (wie für Burkhart Veigel) zugleich Aufarbeitung und Bewältigung sein, für mich (Jahrgang 75) ist es die erstmalige intensive Auseinandersetzung und hautnahe Begegnung mit der Geschichte der deutsch-deutschen Fluchthilfe. „Frei“ ist zugleich aber auch ein Denkanstoß, dass es mehr solcher außergewöhnlichen Menschen und solcher Engagements wie Veigels bedarf, um Freiheit auch für jene verwirklichen zu können, die sie im Jahre 2018 nicht als selbstverständlich zu erfahren vermögen. ♦

Roswitha Quadflieg, Burkhart Veigel: Frei – Roman, Europa Verlag, 338 Seiten, ISBN 98739589018

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Zeitgeschichtliche Romane auch über
Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

… sowie zum Thema Deutschland:
Gerhard Oberlin: Deutsche Seele – ein Psychogramm

Alan Schweingruber: Simona (Roman)

Sommerliebe à la France

von Günter Nawe

Simona, Titelheldin des Debütromans von Alan Schweingruber, flieht aus ihrer Schweizer Ehe in die Arme des Barmanns Antoine an der Côte d’Azur. Beide Protagonisten tragen eine gehöriges Päckchen von Verletzlichkeit mit sich: Ehekrisen, wechselnde Männerbekanntschaften, der Tod der geliebten Frau Claire. Zwei „Unbehauste“. Simona ist der Enge ihrer Familie und dem Alltag entflohen, Antoine versucht sich in Trauerarbeit. Der Weg zueinander in der flirrenden Sommerhitze Südfrankreichs jedoch führt erst über eine Reihe von Umwegen. Und Glück und Unglück liegen nahe beieinander.

Alan Schweingruber - Simona - Roman-Rezension im Glarean MagazinBeide sind auf ihre Art Teil einer Gesellschaft von Mittdreißigern, die sich selbst ein Rätsel bleiben – auch wenn sie versuchen, dieses Rätsel durch Alkohol, Sex und Drogen – jeder für sich – zu lösen. Es sind die fatalen Abgründe unserer Zeit, die sich hier manifestieren bis hin zum Terroranschlag in Nizza im Juli 2016, der im Hintergrund dieses kleinen Liebesromans eine Rolle spielt. So hat dieser Roman Simona auch eine gesellschaftskritische Dimension.
Hinter dieser Geschichte verbirgt sich die Intension des Alan Schweingruber, der zeigen will, dass es ein Glück ist zu lieben – selbst wenn alles schiefläuft. Wie im Leben von Simona. Und dass dieses Glück nicht geplant, nicht vorhersehbar ist, sondern ein Produkt des Zufalls.

Unterschiedlich gelungene Buchkapitel

FAZIT: Alan Schweingruber, Schweizer Journalist und jetzt auch Autor eines literarischen Werks, lädt mit „Simona“ den Leser ein, eine Sommerliebe in Südfrankreich mitzuerleben. „Simona“ ist sein erster Roman, in dem er von Glück und Unglück erzählt und von der Liebe und ihren Unwägbarkeiten in einem gesellschaftskritischen Kontext. Eine spannende Sommergeschichte mit kleinen Mängeln, was die literarische Umsetzung betrifft, aber spannend und von gewisser Nachhaltigkeit.

Alan Schweingruber, Jahrgang 1972, lebt in Kilchberg bei Zürich. Er arbeitet als Journalist für verschiedene Medien. Mit seinem Romandebüt stellt er schon einmal hohe Anforderungen an sich selbst. „Es war mir von Anfang an wichtig, dass jedes Kapitel in meinem Buch spannend und unterhaltsam ist“, so die Selbstauskunft des Autors. Das allerdings ist ihm nicht immer gelungen. Manchmal erschließen sich die Zusammenhänge nicht, wenn einzelne Episoden mehr oder wenig zufällig aufeinanderfolgen, wenn Traum und Realität, wenn Ort und Zeit oft nicht voneinander zu unterscheiden sind.
Dennoch eine spannende Sommergeschichte – unterhaltsam und von gewisser Nachhaltigkeit. Wie gesagt: ein Romandebüt. Und es dürfte deshalb interessant sein, was wir von Alan Schweingruber künftig an Literatur erwarten können. ♦

Alan Schweingruber: Simona – Roman, 218 Seiten, Verlag Weissbooks, ISBN 978-3-86337-170-8

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schweizer Autoren auch das Interview mit dem Neuverleger Beat Hüppin (Antium Verlag)

Weitere Internet-Links zum Thema:

Alessandro Baricco: Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur

Qualitäten der Veränderung

von Heiner Brückner

Die Ideen des schriftstellerisch sehr agilen Turiners Alessandro Baricco in seinem neuen Sachbuch „Die Barbaren“ spielen Pingpong. Ist es richtig oder nicht oder ist doch etwas dran, an dem, was aus dem Blätterwald und der globalen Medienmaschinerie zwitschert? Die Barbaren seien da, überall. Ein Genozid stehe uns bevor. Wir würden unterwandert.

Der Autor wollte die Invasoren sehen, ihre Taten erkennen. Täglich schrieb er eine Kolumne darüber oder dazu und brachte sie in der Zeitung „La Repubblica“ heraus. Das Phänomen beschäftigte ihn dermaßen, dass er 30 solcher Glossen zu einem Essay gebündelt hat und in ein Buch pressen ließ, von dem er schreibt, dass es „vor nichts zurückschreckt“ und ein „Essay über die Ankunft der Barbaren“ sei. Das könnte man irgendwie gesellschaftspolitisch auffassen. Aber die Kunst des Kolumnisten besteht darin, anhand der Infizierung des Kulturlebens das Politische einzubeziehen, ohne es explizit zu benennen. Somit enthält er sich der Meinungsmache.

Was so alles geschieht auf dem Globus

Alessandro Baricco - Die Barbaren - Über die Mutation der Kultur - Hoffmann und Campe - Rezension Glarean MagazinWas so alles geschieht auf diesem Globus, den einige derer, die ihn bewohnen, Erde nennen, und den jene, die darauf hausen, zum Spielball ihrer Überlebensstrategien oder ihres exaltierten Machtstrebens gestalten – das will der italienische, musisch angehauchte Philosoph Alessandro Baricco durchschauen. Er macht sich in diesem Sachbuch an ein Mammutunterfangen, denn gesellschaftliche Veränderungen innerhalb einer Kulturgeneration auch nur im Ansatz erfassen zu wollen, ist nahezu niemandem gelungen. Wie will ein Journalist aus Lust an der täglichen Denkvermittlung für den Leser von La Repubblica das schaffen? Das allein dürfte ebenso ein barbarischer Akt sein. Hat er womöglich mit seinen Folgen einer Durchdringung kultureller Erscheinungsformen unserer globalen Welt jemanden beeinflusst oder etwas bewirkt?

Diese Fortsetzungsgeschichten wollen kein Roman sein. Sie beschreiben lediglich nach Autoransage die unausweichlichen Veränderungsfolgen: Die Barbaren sind im Anmarsch und mit ihnen – gefühlt – die Apokalypse. Im Plauderton baut er Lesererwartungen auf, die er nach und nach in zwei, drei Sätzen zur Entspannung führt. Für ein Sachbuch wird meines Erachtens sehr viel um die Sache herum erzählt und lenken direkte (virtuelle) Leseranreden scheinbar vom Thema ab.

Revolution oder Invasion?

Geb. 1958 in Turin, Studium der Philosophie und Musikwissenschaft, anschließend in der Werbebranche sowie als Journalist, Schriftsteller und Herausgeber tätig, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet: Alessandro Baricco
Geb. 1958 in Turin, Studium der Philosophie und Musikwissenschaft, anschließend in der Werbebranche sowie als Journalist, Schriftsteller und Herausgeber tätig, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet: Alessandro Baricco

Wie das aussieht, wie sich das auswirkt? Ich lese mit Luchsaugen weiter. Das neue Duell scheint nicht um strategische Positionen zu streiten, sondern will „die ganze Landkarte verändern“. Es scheint eine einfache Schlussfolgerung zu sein, doch das Wie ist der interessante Hauptteil dieser barbarischen Sachgeschichten.
„Die Genialität der Barbaren“ sei eine absonderliche Qualitätsvorstellung. Qualität – auf dem Buchmarkt etwa – verlagerte sich vom Wert des Autors auf die Wertigkeit beim Leser. Klingt das nach Revolution oder Invasion? Märkte befriedigten Bedürfnisse, sie schaffen sie nicht, behauptet Baricco. (Das lässt mich aufmerken: Denn, wenn ich einen Gedanken weiter denke und mich auf die Ursachen besinne, dann tun sie es doch. Oder „promoten“ sie die Bedürfnisse nicht, bevor sie sie mit den beworbenen Produkten befriedigen?)

Die Veränderung als Energiestrom

Um die Barbaren verstehen zu können, nimmt er sie ernst und fragt zunächst nach: Wer sind die Eindringlinge? Wir sehen Plünderungen, aber nicht die Invasion. Den Sinnverlust belegt er am Beispiel der (unscheinbaren) Phänomene Wein, Fußball und Bücher.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Europäer Kaugummi zu kauen und die Amerikaner „Hollywood-Wein“ zu trinken. Die verändernde Folge des Weinpanschens nach Einschätzung des Italieners: „Wein ohne Seele“. Soll ich daraus folgern: Welt ohne …? Der Autor hat mich dazu animiert, aber überreden will er mich nicht zu seiner gedankenspielerischen Sichtwiese. Ermuntern will er zu einem erweiterten Blickradius, weil wir im Allgemeinen keine Lust hätten, „etwas besser zu machen“. Wie wäre es die Veränderung als Energiestrom zu begreifen?
Im zweiten Komplex untersucht er in einem aktuellen Google-Porträt das „barbarische Tier“ und schlussfolgert, dass es gegen jede Tradition anläuft. So viele Umrisse hat er durch das Skizzieren „technologischer Neuerungen, kommerzieller Raserei, Spektakularität, moderner Sprache und Oberflächlichkeit“ und nicht sehr viel mehr Konturen zeichnen können. Die Skizze „überschreitet“ vorhandene Qualität mit Neuerungen. Das sei eine Anmaßung, denn es „atmet mit Google-Kiemen“. Aber historisch gesehen wird es ein „Durchgangssystem“ bleiben. Für Spektakularität führt er das Kino als Paradebeispiel an.

FAZIT: Alessandro Baricco hält in seinem neuen Buch „Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur“ die Balance zwischen lockerer Besorgnis und gelassener Sachlichkeit. In freundlichem Plauderstil informiert er über eine Sicht auf die kulturellen Veränderungen aller Zeiten. Wer diese Seiten gelesen hat, wird einen Deut realistischer einschätzen können, was die weltweiten Änderungsströmungen verursachen könnten, aber vielleicht doch nicht auslösen müssen. Denn seit Menschheitsbestehen seien es Mutationen gewesen, die den Fortschritt brachten. Lesenswert.

Der fremde Mutant fasziniert durch Verlieren seiner Seele – er verzichtet auf Unterordnung unter das „Wohlwollen einer göttlichen Autorität“. Deswegen könnten Barbaren mit der Seele überhaupt nichts anfangen. Er exemplifiziert das Seelenleben als Spiritualitätserfindung des 19. Jahrhunderts an der klassischen Musik. Sie gelte als „präziseste Form“ des „Zwischenreichs“ zwischen dem „Menschentier und der Gottheit“. Er pointiert es auf die Frage: „Was kannst du mit Schubert anfangen, wenn du versuchst [wie die Barbaren es tun], ohne Seele zu leben?“ Das ist der Stil, in dem Baricco zusammenfasst und munter philosophisch-witzig in nonkonformen Denkwendungen mit dem Leser über unterschwellige Vereinnahmung unserer Kultur durch die fremdartigen Veränderungen plaudert. Barbaren seien keine „krankhafte Degeneration“, auch sie hätten eine Logik, nämlich die, zu überleben im bestmöglichen Lebensraum. So simpel sei dieses An-Sinnen. Immer wieder blitzt die Methode des Autors durch: das total unkonventionelle Denken und das pfiffige Formulieren seiner Gedanken.

Mutation gleich Fortschritt

Den Epilog verfasst er von der Chinesischen Mauer herab. Will er mit dieser Location einen künftigen Kulturhoheitsraum andeuten? Er redet nicht ein nur ein bisschen schön, um zu relativieren oder zu nivellieren oder gar zu verharmlosen. Er bietet kein veralberndes Kabarett, Slapstick oder Klatsch-Comedy. Er wandert sicher auf dem schmalen Grat geistreich-humoristischer Ironie.
Sehr gerne habe ich mich in dieses Buch auf „die Reise für geduldige Wanderer“ vertieft. Vor allem wegen der lebendigen Sätze, die keinen langen Lektorierungsschliff ausgesetzt worden sind. Positiv schimmert die gelungene Übersetzung ins Deutsche durch alle Zeilen, weil sie ohne unnötige Anglizismen auskommt und „neudeutsche“ Adaptionen vermeidet.

Balance zwischen Besorgnis und Sachlichkeit

In meiner Nutzanwendung gelange ich zu der Schlussfolgerung: Ein bedrohlicher Barbar kann das nicht geschrieben haben. Es muss ein abendländisch aufgeklärter Geist gewesen sein. In diesem Sinne habe ich mich auch nicht durch Lektüre seiner zuvor veröffentlichten Schriften in eine Vereinnahmungsprägung verführen lassen, sondern werde sie sozusagen im Nachgang „bewandern“. Zerstörung ist „geistiger Umbau“, der überrascht, wenn wir die Lasten unserer Erinnerungen noch mit uns herumtragen.
Alessandro Baricco hält in seinem neuen Buch „Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur“ die Balance zwischen lockerer Besorgnis und gelassener Sachlichkeit. In freundlichem Plauderstil informiert er über eine Sicht auf die kulturellen Veränderungen aller Zeiten. Wer diese Seiten gelesen hat, wird einen Deut realistischer einschätzen können, was die weltweiten Änderungsströmungen verursachen könnten, aber vielleicht doch nicht auslösen müssen. Denn seit Menschheitsbestehen seien es Mutationen gewesen, die den Fortschritt brachten. Lesenswert. ♦

Alessandro Baricco: Die Barbaren – Über die Mutation der Kultur, 224 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-40580-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kulturgeschichte auch den Essay von Rolf Stolz: Die Kultur-Utopie Europa

…sowie über Rudolf Großkopff: Unsere 60er Jahre

Weitere Internet-Artikel zum Thema Kultur & Geschichte

Michael Hofmeister: Alexander Ritter (Musiker-Biographie)

Wundervolle Geschichte zwischen uns allen

von Günter Nawe

Kennen Sie den Komponisten Alexander Ritter? Wenn nein, dann können Sie diesen nicht unbedeutenden Komponisten jetzt kennen lernen. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst von Michael Hofmeister, der sein Dissertationsthema diesem Musiker zwischen Richard Wagner und Richard Strauss gewidmet hat.

Michael Hofmeister Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss - Rezension Glarean MagazinAlexander Ritter, 1833 in Narva geboren, 1896 in München gestorben, hat in Dresden schon sehr früh Richard Wagner kennen gelernt, stand später mit ihm im regen Briefkontakt. Er studierte in Leipzig Violine bei Ferdinand David, lernte bereits 1844 Franz Liszt kennen. Ritter gehörte zum Kreis von Peter Cornelius und Joachim Raff; er war Violinist in der Weimarer Hofkapelle. 1854 heiratete er Franziska Wagner, eine Nichte von Richard Wagner. Nach Engagements als Geiger und Dirigent in Stettin, Würzburg und Chemnitz wurde er 1882 unter Hans von Bülow Konzertmeister an der Meininger Hofkapelle. In Meiningen lernte er auch Richard Strauss kennen, der später in seinen Erinnerungen schreiben sollte, dass Ritter „entscheidenden Ausschlag für meine zukünftige Entwicklung“ haben sollte. 1886 finden wir Alexander Ritter in München, wie er sich um die Förderung junger Komponisten kümmerte.

Illustrer Komponisten-Freundeskreis

Michael Hofmeister widmet sich in seiner Dissertation, die nun als Buch unter dem Titel „Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss“ (erschienen als „Wagner Kontexte“ Band 1 im Tectum Verlag) nicht nur ausführlich der Biographie des Komponisten. Er geht auch ebenso ausführlich auf die Beziehungen Ritters u. a. zu Richard Wagner ein.

Alexander Ritter (4. von rechts) im Freundeskreis seines Vorbildes Richard Wagner: u.a. Hans von Bülow, Friedrich Uhl, Richard Pohl, H. v. Rosti, A. de Gasperini, Adolf Jensen, Felix Draeseke, Leopold Damrosch, Heinrich Porges, Michael Moszonyi
Alexander Ritter (4. von rechts) im Freundeskreis seines Vorbildes Richard Wagner: u.a. Hans von Bülow, Friedrich Uhl, Richard Pohl, H. v. Rosti, A. de Gasperini, Adolf Jensen, Felix Draeseke, Leopold Damrosch, Heinrich Porges, Michael Moszonyi

In einem kleinen Exkurs „Eine wundervolle Geschichte zwischen uns allen“ beschreibt Hofmeister zum Beispiel die Beziehungen zwischen dem Exilanten Wagner und der Familie Ritter. Später wird er auch auf die engen Beziehungen zu Richard Strauss eingehen. Beziehungen, die nicht immer von Dauer sind. So wird sich Richard Strauss später von Ritter abwenden. Es wird „alte und neu Freunde“ im Leben des Alexander Ritter geben: Hans von Bülow und Peter Cornelius, Hermann Levi, Clara und Robert Schumann.

Ein Leben zwischen Erfolg und Resignation

Es war ein Leben zwischen Erfolg, Scheitern und Resignation, das uns Michael Hofmeister in seiner großartigen Studie nahe bringt. Er schließt eine Lücke in der Wagner- und Strauss-Forschung, indem er sich diesem Komponisten widmet, der als sich als Verfechter einer neudeutschen Musikrichtung zeigte. Womit wir beim Werk wären, das Hofmeister ausführlich beschreibt und deutet. Interessant ist dies um so mehr – und damit ein besonderes Verdienst dieser Dissertation – als wir sein Werk leider nicht hören können. Zitat Herbert Rosendorfer: „Die Qualität Ritterscher Werke kann heute nicht beurteilt werden, weil sie nie zu hören sind“. Es gibt keine Tonträger mit Kompositionen von Ritter. In Parenthese: Vielleicht findet sich aber jetzt ein Label, das sich des Werks dieses interessanten Komponisten annimmt.

Ritters musikgeschichtliche Stellung ergibt sich durch die Einflüsse von Wagner und Liszt auf seine Werke. Dazu Hofmeister: „Aus seinen Werken sprechen eine Ernsthaftigkeit und ein Gestaltungsdrang, mit denen er um eigenständige Lösungen ringt – und seien es eigenständige Formen der Adaption […] Klug suchte und schuf er sich daher bewältigbare Formen und fand etwa im Lied eine angemessene Ausdrucksmöglichkeit.“

FAZIT: Der Komponist Alexander Ritter – eine Entdeckung. Nicht nur gehört er als Person und Musiker in die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts. Er ist auch als Komponist zwischen Richard Wagner und Richard Strauss wahrzunehmen. Michael Hofmeisters opulentes Werk, seine Auswertung aller verfügbaren Quellen ermöglicht interessante Einblicke in ein völlig vergessenes Werk.

Entdeckungswürdiger Komponist

Es sind weitestgehend Klavierlieder, die Alexander Ritter komponierte – auf Texte von Heinrich Heine, Nikolaus Lenau, Joseph von Eichendorff und andere. Es gibt zwei Opern-Einakter von ihm: „Der faule Hanns“ (1878 nach einer Erzählung von Felix Dahn) und „Wem die Krone (1889). Und es gibt eine Reihe von Chorwerken und solistischen Vokalwerken. Michael Hofmeister liefert dazu ausreichend Material und Notenbeispiele. Auch zu den Orchesterwerken wie „Erotische Legende“ für großes Orchester oder „Charfreitag und Frohnleichnam“ (Zwei Orchesterstücke für großes Orchester). Werke, die noch ganz in der Tradition verwurzelt sind und sich doch nach und nach zur modernen sinfonischen Dichtung entwickelten.
So ist diese Dissertation, diese dickleibige Monographie des Michael Hofmeister ein durchwegs interessantes, zudem gut lesbares Buch. Und die Hauptfigur Alexander Ritter in der Tat eine Entdeckung. ♦

Michael Hofmeister: Alexander Ritter – Leben und Werk eines Komponisten zwischen Wagner und Strauss, 806 Seiten, Tectum Verlag, ISBN 978-3-82884138-3

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Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip (Roman)

Ein feministisches Erweckungserlebnis

von Günter Nawe

Wer glaubt, nach der Lektüre dieses Buches zu wissen, was das „weibliche Prinzip“ sei: Fehlanzeige. Vielleicht gilt das aber nur für Männer, die den neuen Roman von Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip gelesen haben. Frauen wissen darüber sicher mehr.

Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip - Roman - Rezension im Glarean Magazin

Meg Wolitzer weiß darüber auf jeden Fall eine ganze Menge. Als die berühmte amerikanische Autorin – sie hat unter anderem den großartigen Roman Die Interessanten geschrieben, für den sie als „one of America’s most ingenious and important writers“ bezeichnet wurde – einmal gefragt wurde, worüber sie schreibe, lautete die Antwort: „von Ehe, Familien, Sex, Begehren, Eltern und Kindern“. Und über den Feminismus. Er ist die Blaupause für die Geschichte, besser: die Geschichten, die Meg Wolitzer in Das weibliche Prinzip erzählt.
Wolitzer erzählt also die Geschichte des Feminismus – allerdings in Form einer Rückblende, was darauf schließen lässt, dass trotz augenblicklicher #MeToo-Debatten und des Trump’schen Machismo der Feminismus – der Roman endet im Jahre 2019 – erst einmal Geschichte zu sein scheint. Wie Feminismus allerdings geht, besser: wie er ging – Meg Wolitzer versucht es in ihrem dickleibigen Roman ausführlich zu beschreiben.

Klassische weibliche Entwicklungsgeschichte

Es ist ein fast klassische Entwicklungsgeschichte, die die junge Greer Kadetzky durchmacht. Als blausträhnige Studentin wird Greer von einem Kommilitonen blöd angemacht, indem er sie unerwartet an die Brust fast und sie auch noch, als sie sich dagegen wehrt, beschimpft: „Hier fickt dich keiner außer mir, Blausträhnchen. Und wenn, nur aus Mitleid.“ Ein feministisches Erweckungserlebnis, das ihren weiteren Lebensweg maßgeblich bestimmen wird.
Greer wird zur Feministin, zur Aktivistin unter Anleitung der älteren Faith Frank, einer Ikone des Feminismus, deren Buch Das weibliche Prinzip als eine Art Manifest gilt. Sie bringt sich in eine von Faith Frank gegründete Organisation ein, die sich ganz der Sache der Frauen widmet – in Form von Events, Vorträgen und Diskussionsrunden und von Fall zu Fall auch direkter Hilfe. Schnell wird Greer sozusagen zur rechten Hand der großen Faith.

Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY) - Glarean Magazin
Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY)

Zu diesem engagierten Leben, das sich als eine Art Selbsterfahrungsprozess darstellt, zu diesem „Kampf“ für die Rechte der Frauen gehört auch das Leben mit ihrem Freund, mit dem sie partnerschaftlich-befriedigenden Sex hat; eine gute Freundin, die ihre Freundin trotz einer großen Enttäuschung bleiben wird; zu diesem Leben gehört die Mutter, mit der sich irgendwann aussöhnen wird. Und natürlich ihre Mentorin, der sie treu ergeben ist. Soweit, so gut!
Faith Frank ist auf dem Höhepunkt ihrer feministischen Karriere. Ihr Buch hat Furore gemacht. Mit einer groß angelegten Stiftung will sie ihrer Arbeit die Krone aufsetzen. Dass sie sich dazu des Einflusses und des Geldes eines schwerreichen Mannes, mit dem sie einst einen One-Night-Stand hatte, bedient, macht sie allerdings angreifbar und korrumpierbar.

Wie Feminismus (nicht) geht

FAZIT: Die renommierte amerikanische Autorin Meg Wolitzer schwimmt mit ihrem Roman Das weibliche Prinzip etwas auf der Welle von #Me Too – und erzählt in einem groß angelegten Gesellschaftsplot die Geschichte des Feminismus. Mit den beiden Protagonistinnen Greer und Faith hat sie zwei eindringlichen Figuren geschaffen, die doch sehr unterschiedliche Facetten des Feminismus vertreten. Am Ende bleibt allerdings offen, was das weibliche Prinzip ist. Vor allem, wenn sich herausstellt dass Feminismus wie Machotum nach den gleichen Spielregeln geschieht – auf der Suche nach Macht und Erfolg. Männer und Frauen werden den Roman aus unterschiedlicher Perspektive lesen. Und das ist es, was diesen Roman so spannend und interessant macht.

Meg Wolitzer erzählt die beiden sehr unterschiedlichen Lebensentwürfe in einer Art und Weise, die wir es aus vielen amerikanischen Romanen großer Autoren kennen, sozusagen als Great America Novel. Und sie macht es brillant, auch wenn sie oft weitschweifig wird, Umwege geht. Es gibt Szenen, die sich nur schwer in das Gesamtgefüge des Narrativen einordnen lassen, und Figuren, die plötzlich verschwinden, ohne dass ihre Bedeutung für die Geschichte erkennbar wird.
Schaut man hinter die Kulisse des zugegebenermaßen süffig zu lesenden Romans, stellt man fest: Das weibliche Prinzip ist – wie jedes männliche Prinzip – Macht. Die Art und Weisen, wie zur Macht zu kommen, sind sich mehr als ähnlich. Dabei ist es absolut irrelevant, ob Frauen auf andere Weise Macht zu erreichen versuchen als Männer. Das gilt auch für die Sucht nach Erfolg. Feminismus bedeutet also, dass Frauen „ein faires und gutes Leben“ (Meg Wolitzer) wollen – wie immer es letztlich auch aussehen mag.
Und weil dem so ist, können wir herauslesen, dass Feminismus eigentlich nicht geht. Vielleicht ist das nur der männliche Blick, und Frauen mögen das anders sehen. Aber genau das ist das Schöne an diesem Roman. – diese verschiedenen Sichtweisen, die er zulässt. Und vielleicht ist das Ende des hier beschriebenen Feminismus der Beginn einer neuen Welle. ♦

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip – Roman, 495 Seiten, DuMont Verlag, ISBN 978-3-8321-9898-5

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den neuen Roman von
Donat Blum: Opoe

… sowie über die Novelle von
Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena

Donat Blum: Opoe (Roman)

In Teilen gelungen, im Ganzen gescheitert

von Isabelle Klein

Die hohen Erwartungen, die Donat Blum mit seinem Roman „Opoe“ durch den Verweis – Zitat im Vorwort – auf Herzogs Film „Fitzcarraldo“ und dessen Opernbau erweckt, nämlich die Grenzen des Erreichbaren zu sprengen, das Verrückte zu verwirklichen, alles zu wollen, diese Erwartungen erfüllt das beinahe lapidare Ende nicht. Damit ist hier das Buch von hinten aufgerollt, da diese Betrachtung am sinnvollsten erscheint. Ein Buch, eine Sinnsuche: Wider Banalitäten, Schwarzweißmalerei; gegen Dualität und verbundene Einordnungen – so das Anfangsversprechen.

Ein vergebliches Leben

Donat Blum - Opoe - Roman-Rezension - Ullstein Verlag - Glarean MagazinSehr gelungen beginnt der Autor seinen Erstling, in dem alles im Fluss scheint, in dem die schwer fassbare Suzanne, die niederländische Oma (Opoe), in ihrer Schweizer Wahlheimat sich jeder Kategorisierung entzieht. Eine introvertierte Frau, die die Oper liebt, genau wie sie Wien liebt, ohne jedoch jemals eines von erlebt zu haben. Ein sinnloses Leben, urteilt der Enkel. „Diese Trauerfeier war das Tüpfelchen auf dem i eines vergebenen Lebens. Der Deckel zum Töpfchen der Sinnlosigkeit“ (Seite 11). Mitten in die Geschichte geworfen, erwartet man durch Fitzcarraldo Famoses, ist in Bann gezogen. Karl Lagerfeld hat einmal gesagt, der Sinn des Lebens sei … ja, was?! Simpel die Antwort: Zu leben!
Insofern polarisiert Blums Anspruch, das Leben einer Frau, die er so gut wie nicht kennt, „aburteilen“ zu können. Acht Jahre sind seit dem Tag vergangen, als er vorübergehend zu Studienzeiten bei der Oma in Bern lebte. Sporadisch der Kontakt seitdem. Man kennt sich nicht wirklich, bleibt einander fremd.

Im Beziehungsgeflecht verflacht

Im Jetzt: die Beerdigung. Beziehungsgeflechte des Enkels, Sinn- und sexuelle Identitätssuche entfalten sich unvermittelt. Der Autor, der wohl zugleich Enkel und Protagonist ist, will Querverbindungen aufzeigen, hat das Gefühl, die Erforschung der Vergangenheit der Oma helfe ihm, sich selbst zu finden.
Deswegen begibt er sich vom Ursprung des Rheins an dessen Ende. Ein widersprüchliches und gerade deswegen gewinnbringendes Bild entfaltet sich vor dem Auge des Lesers, bis das Ganze m.E. in zu viel Beziehungssinnsuche des Enkels ausartet und dadurch verflacht, wobei leider auch Opoe auf der Strecke bleibt.

Perspektiven-Wechsel und Zeitsprünge

Perspektiven-Verschiebungen, Zeitsprünge, Dinge im Fluss, das alles macht das Lesen durchaus interessant. Aber kurze, abgehakte 1-2-Seiten-Kapitel bringen keine Dynamik in „OPOE“.
Blum übernimmt sich, läuft beim Seelenstriptease auf Sand und begeht den Fehler, dass er sich gegen Ende etwas zu sehr in Sex versteigt. Während das Feuilleton bei letzterem gerne über „Altherrensexphantasien“ ätzt, die so keiner braucht, bin ich diesbezüglich der Meinung, dass weniger mehr ist und explizite Erwähnungen einen gewissen Müdigkeitsfaktor erzeugen.
Harsche Worte? Vielleicht, aber nach einem überaus vielversprechenden Beginn, der geradezu kafkaesk anmutet in seiner elliptischen Erzählperspektive, mit Rückblenden und Perspektivwechseln sowie kurzen, sporadischen Episoden und Kapiteln hin und her springt und dem Leser einiges abverlangt, wird das Versprechen, dass eine besondere Beziehung zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Menschen bestünde, nicht gehalten.
Nach also exzellentem Beginn, in dem man voller Fragen ist und sich diese auch im Hinblick auf die eigene Erfahrung mit den Großeltern, samt verpassten Chancen und Auswirkungen, zu stellen bereit ist, verflacht „Opoe“ im Mittelteil zusehends. Man nähert sich der wenig greifbaren Frau, die zu Beginn so gelungen charakterisiert wird, eben nicht weiter an. Oberflächliche Erzählung von Stationen ihres Lebens, Schilderungen fast schon banaler Gegebenheiten lassen Erwartetes zurücktreten. Stattdessen zu viel Sinnsuche in sexueller Erleichterung.

Identitätsfindung auf halbem Wege

Blum schafft es leider nicht ansatzweise, die geweckte Faszination dieser merkwürdigen Großmutter, die so (wunderbar) schwer greifbar und fassbar erscheint, die ihren Enkel siezt und so wenig großmütterlich wirkt, auszubauen. „Geweckte“ Erwartungen sollten auch in einem Erstlingswerk erfüllt werden. Der Klappentext: „[…] mit verblüffender Leichtigkeit erzählt Donat Blum in seinem Debüt […] von den großen Fragen des Lebens.“ Wirklich?
Große Fragen beschränken sich eben nicht, dachte ich zumindest, weitestgehend auf Identitätsfindung durch Beziehungssuche bzw. auf die Frage, ob man mit einem Partner oder mehreren glücklich werden kann. Sondern sie betreffen alle Aspekte des Lebens. Aber vielleicht hat sich mir auch ganz einfach der Sinn von „Opoe“ nicht erschlossen, wer weiß…

Zwischen Bedeutsamkeit und Beliebigkeit

Kurz und bündig: Gerade im letzten Drittel weitet sich das, was sich schon im Mittelteil abzeichnet, ganz enorm aus. Begebenheiten werden gestreift, verkommen durch Kürze und mangelnde Tiefe in ihrer Bedeutsamkeit zur Beliebigkeit und lassen eines fehlen: Intensität und Sinn. Auch unter scheinbar Oberflächlichem lässt sich eben keine Tiefe und Bedeutsamkeit finden. Das Fluide, das Sein selbigens im Urlaub; mit wechselnden bzw. gleichzeitigen Partnern, im Sein der offenen Beziehung; im Austesten des Ertragbaren – dies alles führt eben nicht dorthin, wo es scheinbar soll, nämlich zu tieferem Sinn, zum Erkenntnisgewinn.

In Teilen gelungen, im Ganzen gescheitert

FAZIT: Das Roman-Debüt „Opoe“ von Donat Blum ist ein ambitionierter Versuch, in Teilen gelungen, im Großen gescheitert. Nichtsdestotrotz ein bereicherndes Leseerlebnis, in dem viele Fragen geweckt werden, wenngleich Donat Blum die Erwartungen nicht ganz befriedigen kann

Warum ist beispielsweise diese vergangene Frau plötzlich so wichtig für ihn? Warum fühlt er sich ihr posthum so nah? Was ist davon die Quintessenz, außer dieser: mit kleinen Dingen zufrieden sein? Und leider wird auch das Unzuordenbare ab der Mitte viel zu dual. Die einen sagen, Opoe sei eine Lebefrau, eine Verschwenderin gewesen, wohingegen sie doch auch an andere dachte, selbst Geld verdiente, sich aber nie emanzipierte. All das ist letztlich weit weg vom hehren Anspruch des Beginns, dass Unfassbare zu fassen, Grenzen zu sprengen, multikausal das Schubladendenken ad acta zu legen.

Das Roman-Debüt „Opoe“ von Donat Blum ist ein ambitionierter Versuch, in Teilen gelungen, im Großen gescheitert. Nichtsdestotrotz ein bereicherndes Leseerlebnis, in dem viele Fragen geweckt werden, wenngleich Donat Blum meine Erwartungen nicht befriedigt hat. Zuviel Joel, Yuri und Levin (Männer im Leben des Enkels) gegen Roman-Ende lassen das Sujet leider blass aussehen. ♦

Donat Blum: Opoe – Roman, 176 Seiten, Ullstein Verlag, ISBN-139783961010127

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Roman-Rezension von
Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen

Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen (Roman)

Krimi mit philosophischem Tiefgang

von Karin Afshar

„Wenn ein Buch, das zu besprechen ich gebeten wurde, mich nach 40 Seiten nicht angesprochen hat … bespreche ich es nicht.“
Diesen Satz hatte ich mir vor beinahe mehr als 10 Jahren hinter die Ohren geschrieben. Mindestens 30 Bücher marschierten in dieser Zeit vor mir auf, um von mir gelesen und anschließend wohlwollend besprochen zu werden. Unter ihnen ungefähr fünf „Verrisse“. Ich habe mich eben doch nicht immer an meinen Leitsatz gehalten…
An drei Verrisse kann ich mich ziemlich genau deshalb erinnern, weil es mir extrem unangenehm ist, einem Buch, dem Schreibstil oder der Behandlung eines Themas die Empfehlung an ein weiteres Lesepublikum nicht auszustellen. Doch sehe ich es als meine verdammte Pflicht, Etikettenschwindel, große Ankündigungen und schwache Umsetzungen aufzudecken. Zum aktuellen Buch: Auch der als „philosophischer Roman“ angekündigte Titel „Der Tod in Potenzen“ von Simone Stölzel ist bei mir durchgefallen.

Viel gewollt, wenig gekonnt

Simone Stölzel - Der Tod in Potenzen - Philosophischer Roman - Herder Verlag - Rezension Glarean MagazinIch entsinne mich des Buches einer Iranerin, die in Deutschland mit ihrer Lebens- und Leidensgeschichte gepuscht wurde [siehe die Rezension im Glarean Magazin über Ameneh Bahrami: Auge um Auge]. Abgesehen davon, dass der Text vermutlich von einem Ghostwriter (gar nicht mal von ihr selbst) verfasst war, wimmelte es nur so von emotionalen Klagereien – sowohl schlecht aus dem Persischen übersetzt, als auch mit interkulturellen Irrtümern behaftet. Anstatt zu einem solchen Buch rate ich dann doch lieber gleich zu einer Hedwig Courths-Mahler-Schmonzette. Wer sich auf dem Literatur-Markt auskennt, weiß, wie das Geschäft mit der modernen Betroffenheitsliteratur läuft. Dass hier unter dem Deckmantel der Aufklärung über sogenannte wahre Begebenheiten Klischees bedient werden, ist nicht ungefährlich.
Eine zweite Negativ-Besprechung erhielt das Werk einer Französin (vielleicht liegt es ja an misslungenen Übersetzungen, dass ich keinen Zugang zum Thema oder zum Protagonisten finde) – in diesem Fall war es die eindeutige Verhackstückung der Sprache, die mir gegen den Strich ging [siehe die Rezension im Glarean Magazin über Hélène Cixous: Manhattan]. Vorwerfen kann ich der Autorin ihren Dekonstruktivismus nicht, aber ich persönlich mag es nicht, wenn ich als Leserin für eine Mission eingespannt werde. (Das mögen natürlich andere Leser anders sehen, aber nun gut – auch Buchbesprecher sind Menschen.)
Ein drittes Buch – Gedichte! Also, Lyrik muss man im Blut haben. Lyrik heißt nicht zwangsläufig, dass es sich reimen muss – aabb oder abab oder abba (die noch raffinierteren anderen Reimformen lasse ich beiseite). Lyrik bedeutet vielmehr Rhythmus und Melodie. Und selbst wenn die „Auflösung“ derselben gedichtet wird, ist „Dichten“ eine hohe Kunst, die ich erst einmal beherrscht haben muss, um sie hinter mir zu lassen. Aber wenn da kein Gespür für das Wort ist, … ich maße mir an, dergleichen zu erkennen. In jenem Gedichteband sah ich sowohl mein Sprachempfinden als auch die Rhythmik der deutschen Sprache beleidigt.
Nahezu jedes Buch indes gewinnt mein Herz, wenn ich einen „Genius“ darin entdecke. Jenen Funken Wirklichkeit, den man nicht wollen kann, der außerhalb unserer Absicht west. Und der steckt bereits in den ersten Seiten und strahlt! Glauben Sie mir.

Ein philosophischer Moloch

Der als „philosophischer Roman“ angekündigte Titel „Der Tod in Potenzen“ von Simone Stölzel ist bei mir durchgefallen. Bereits nach spätestens 40 Seiten. Ein philosophischer Moloch … viel gewollt, wenig gekonnt.
Doch zunächst: eine Inhaltsangabe. Um mir nicht die Finger wundzutippen, kopiere ich einfach aus der Verlags-Ankündigungsseite:

In „Der Tod in Potenzen“ sucht Privatdetektiv Walter Hertz nach dem Homöopathen Dr. Simon Geiger, der seit Wochen spurlos verschwunden ist, und stößt auf vielerlei Seltsamkeiten. Geiger begegnet ihm wiederholt in seinen Träumen, merkwürdige Gegenstände und Symbole tauchen auf, von einem Tag auf den anderen erhält er anonyme Drohanrufe. Hertz muss sich mit versponnenen Homöopathen und aggressiven Schulmedizinern, enttäuschten Frauen und immer wieder mit der Frage auseinandersetzen, was für abgründige Forschungen Geiger eigentlich betrieben hat. Dabei scheint alles um zwei Themen zu kreisen: Was ist eigentlich die Zeit? Und: Was geschieht mit uns, wenn wir auf vernünftige Fragen keine plausiblen Antworten erhalten? Hier geht es um ein hintersinniges Spiel mit verschiedenen Reflexions- und Bedeutungsebenen, um schwarzromantische Motive wie um philosophische Ideen, die mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Und dabei dürfen die Leser dem Detektiv beim Denken stets über die Schulter schauen.

Homöopathisch in die Länge gezogen

Ich begann interessiert zu lesen, immerhin war der Hinweis auf die Homöopathie der Anlass gewesen, mich des Titels überhaupt anzunehmen. Ich war gespannt darauf, wie Simone Stölzel den Spagat hinbekäme. Sagt Ihnen „Arsenicum album“ etwas? Abgesehen davon, dass dieses Mittel eines der bekanntesten Konstitutionsmittel in Samuel Hahnemanns heilkundlichem System darstellt, ist es das Thema im ersten Kapitel. (Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass jedes Kapitel den Namen eines Mittels trägt, und dieses im Text sehr deutlich und aufdringlich als Mittelbild dargestellt wird. Nachlesen kann der Leser die Mittelbilder zusammengefasst am Ende des Buches.)

Die deutliche Beschreibung, ja, die übergenau gezeichnete Arsenicum-album-Persönlichkeit mag für einen Homöopathie-Eleven faszinierend sein, für die Exposition eines Krimis ist sie tödlich. Die Arsenicum-Album-Persönlichkeit in ihrer unerlösten Form ist eher jemand, der Türen schließt, statt sie zu öffnen. Das erste Kapitel zieht sich in die Länge.
Die Autorin schreibt wortverliebt und steckt ambitioniert auch in ihre weiteren Handlungsbeschreibungen viele Details hinein. Der Protagonist beginnt seine Ermittlung, etwas zwischen einem „stream of consciousness“ und körpersprachlichen Details ist das Ergebnis. Der Leser – in diesem Fall ich – vermag kaum mehr Luft zu bekommen, so dicht und voll ist der Raum zwischen den Zeilen.

Ein noch nicht spannender Krimi

Im zweiten Kapitel wird der Detektiv in die Wohnung des Verschwundenen geschickt; wiederrum wird detailreich jede Bewegung seinerseits geschildert. Nun wird es eine Mischung aus Schnitzeljagd, Erkenntnisweg und (noch nicht spannendem) Krimi.

FAZIT: Es hätte der Homöopathie gut getan, wenn Simone Stölzel in ihrem „Tod in Potenzen“ zu den ausgewählten homöopathischen Mitteln Kurzgeschichten verfasst hätte. Es hätte dem Kriminalfall gut getan, wenn die Autorin vielleicht allenfalls dem Protagonisten und dem Homöopathen ein Mittel zugewiesen und diese als „Gegenspieler“ oder Antidote gezeichnet hätte, subtiler aber bitte, nicht so derart augenfällig. Es hätte der Philosophie gut getan, wenn man sie ganz rausgelassen hätte, zumindest aus der Ankündigung und auf dem Bucheinband…

Was ist hier los? Dreierlei – schätze ich:
• Es haben sehr viele Leute mitgewirkt, gegengelesen, lektoriert (liest man in der „Danksagung“!) – und das ist vermutlich auch das Verderben. Keiner hat aber gemerkt, dass man kürzen, straffen müsste… Vor allen Dingen hätte es ein Fokus getan: Entweder über die Zeit philosophieren, oder über die Homöopathie schwätzen.
• Auch ich kenne den Wunsch, ein altes, wiedergefundenes Manuskript wieder zu beleben. Mensch, man war doch damals mit Herzblut dabei! Das Neuschreiben ist ein schwieriges Unterfangen und verlangt konzentrierte Selbstkenntnis. Es ist sehr schwer, von unreiferen Schreibgewohnheiten herunterzukommen. In diesem Fall ist es nicht gelungen. Die Autorin ist von ihrem früheren Stil (den ich nur erahne – z.B. hat sie schulaufsatzmäßig zu viele Adjektive dort eingesetzt, wo diese eher stören als weiterbringen) nicht zu einer neuen, gewachsenen, erwachsenen Form gelangt. Entstanden ist eine fleißig gesammelte und „richtig“ recherchierte Arbeit – aber sie liest sich langweilig. Es fehlt der Geistesfunke.
• Ich weiß, wovon ich spreche – denn soooo habe ich auch mal geschrieben, vor 20 Jahren. Im Rausch der eigenen, subjektiven Begeisterung, einer Welterkenntnis und dem Wissen über ein interessantes, faszinierendes Randgebiet auf der Spur zu sein, habe ich viel zu viel gewollt, doziert und damit die Erzählung ermordet.

Bitte subtiler!

Kurz zusammengefasst: Es hätte der Homöopathie gut getan, wenn Simone Stölzel in ihrem „Tod in Potenzen“ zu den ausgewählten homöopathischen Mitteln Kurzgeschichten verfasst hätte. Es hätte dem Kriminalfall gut getan, wenn die Autorin vielleicht allenfalls dem Protagonisten und dem Homöopathen ein Mittel zugewiesen und diese als „Gegenspieler“ oder Antidote gezeichnet hätte, subtiler aber bitte, nicht so derart augenfällig. Es hätte der Philosophie gut getan, wenn man sie ganz rausgelassen hätte, zumindest aus der Ankündigung und auf dem Bucheinband. Die Leser kommen schon von selbst darauf. Si tacuisses, philosophus mansisses. ♦

Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen – Philosophischer Roman, 320 Seiten, Herder Verlag, ISBN 978-3-495-48977-2


Dr. Karin Afshar

Karin Afshar - Glarean MagazinGeb. 1958 in der Eifel/D, Studium der Sprachwissenschaft, Finn-Ugristik und Psychologie, Promotion, zahlreiche belletristische und fachwissenschaftliche Publikationen, lebt in Bornheim/D

Lesen Sie im Glarean Magazin weitere Artikel von Dr. Karin Afshar

Edgar Rai: Halbschwergewicht (Roman)

Vom Opfer zum Täter

von Christian Busch

„Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei. […] Der schreckliche Augenblick war gekommen (schrecklich, Franze, warum schrecklich?), die vier Jahre waren um. Die schwarzen, eisernen Torflügel, die er seit einem Jahr mit wachsendem Widerwillen betrachtet hatte [Widerwillen, warum Widerwillen?), waren hinter ihm geschlossen. Man setzte ihn wieder aus. […] Die Strafe beginnt…“

…und mit ihr die Geschichte des Franz Biberkopf in Alfred Döblins populärem, bahnbrechendem Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahre 1927.

Knapp 90 Jahre später befindet sich der halbschwergewichtige Boxer Lucky alias Stefano Ferrante in der gleichen Situation, als er nach Verbüßung seiner dreieinhalbjährigen Haftstrafe wegen angeblicher Ermordung einer Edelprostituierten die Berliner Justizvollzugsanstalt – allerdings mit elektronischer Fußfessel – verlassen darf. Und so präsentiert sich der neue Roman „Halbschwergewicht“ von Edgar Rai, dem vielseitigen und immer für literarische Überraschungen guten, in Berlin lebenden Autors, zunächst als – allerdings lebendig und unterhaltsam gestaltete – Sozialstudie.

Nicht ohne Klischees, aber in sich stimmig

Edgar Rai - Halbschwergewicht - Roman - Cover - Piper Verlag - Rezension Glarean MagazinLuckys ein wenig klischeehaftes, aber stimmiges Schicksal ist das eines früh enttäuschten, vom Vater verlassenen und aus Arbeiterverhältnissen stammenden Jungen, der sein Aggressionspotential und sein Talent im Boxen entdeckt und trotz fürsorglicher Betreuung durch seinen Trainer Helmut in falsche Kreise und Milieus gerät. Als er sich in Yvonne verliebt, verliert er vollends die Übersicht, so dass seine kriminelle Umgebung in Gestalt von Nino und Marcello ihn aufs Kreuz legt, indem sie ihm Yvonne ausspannen und ihm einen Mord an der attraktiven, halbseidigen Djamila anhängen. Zu allem Unglück hatte er sich in seinem letzten Kampf eine auch noch abgesprochene Niederlage durch K.O. eingehandelt. So Lucky Loosers erster Weg zu Helmut, von dem er sich Hilfe und Aufklärung der Ereignisse von damals erhofft. Doch bevor es zum Gespräch kommt, liegt Helmut von einer Kugel getroffen tot auf dem Tisch – und steht Lucky mit seiner verbeulten Visage und stotterndem Wesen als dringend Tatverdächtiger schon wieder in äußerster Bedrängnis.

Zwischen Roman und Krimi

FAZIT: Der neue Roman von Edgar Rai: Halbschwergewicht knüpft nur im ersten Teil an Döblins epochalen Großstadtroman und Sittengemälde an, dennoch gelingt ihm ein unterhaltsamer, fesselnder, verschiedene Genres gekonnt mischender Roman, der besonders aufgrund seiner cineastischen Visualität und menschlichen Nähe zu seinen Figuren überzeugt.

Doch wenn der personale Erzähler dann in die Rolle des 27-jährigen Kriminalassistenten Florian Seibold schlüpft, verwandelt sich der Roman in eine Kriminalgeschichte. Seibold und seine deutlich ältere, aber ungemein attraktive Chefin Frau von Engelbrecht beschäftigen sich nun mit der Fahndung nach Lucky und den in der Folge passierenden Ereignissen, deren Aufklärung sie auch – und das ist vielleicht das gelungenste am Roman – persönlich einander immer näher kommen lässt. Diese geschickte Doppelperspektive lässt den Leser nun immer schwanken zwischen der Sorge um das Schicksal des armen Preisboxers und dem Gefallen an den sympathischen, um die Lösung des mysteriösen Falles bemühten Kriminalbeamten.

Ein Hauch von Gaunerromantik

Autor Edgar Rai in einer öffentlichen Bücherlesung (Glarean Magazin)
Autor Edgar Rai in einer öffentlichen Bücherlesung

Es folgt Luckys turbulente und manche Überraschung bietende Großstadtodyssee, die zunächst zum seelenverwandten Mauerblümchen Babsi, dann aber in Box- , Rotlicht- und Goldkettchen-Milieu führt. Luckys wundersame Wandlung vom passiven Opferlamm zum kühl kalkulierenden Akteur erlebt der Leser parallel zur holprigen, von gegenseitigen Anziehungskräften flankieren Untersuchungsarbeit des Kommissar-Duos. Das ist stets unterhaltsam und – wie man es vom Autor längst gewohnt ist – bestens in szenisch-visueller Manier aufbereitet, so dass man sich als Leser wie im Kino fühlt. Das Ganze kulminiert in der orgiastischen Szene, in welcher dem von Koks, Viagra und Alkohol vollgepumpten Marcello beim befohlenen Vögeln von Yvonne eine Kugel die Gehirnmasse aus dem Kopf quillen lässt. Längst ist aus dem als Sozialstudie beginnenden und als Krimi fortgesetzten Roman ein Action-Thriller geworden, dessen flott komponiertes Ende durchaus moralische Bedenken aufkommen lassen könnte.
Am Ende weht jedoch ein Hauch von Gaunerromantik über dem Roman, welcher den Leser die Grenzen seiner Freiheit ein Stück weiter setzen lässt als vielleicht moralisch üblich – Tschick lässt grüßen!

Edgar Rai: Halbschwergewicht – Roman, 272 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-05885-8

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den neuen Roman von
Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten (Roman)

Ein Leben ohne Gedächtnis

von Günter Nawe

Vor wenigen Wochen ist sie 80 Jahre alt geworden: Joyce Carol Oates, amerikanische Schriftstellerin von Rang, Autorin großer und bedeutender Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten. Mehrfach würde sie bereits für den Literaturnobelpreis nominiert.

Joyce Carol Oates Der Mann ohne Schatten Roman-Literatur-Rezension Glarean Magazin„Die Liste meiner Bücher ist überwältigend“, hat sie einmal gesagt. Und in der Tat, vor dem Leser liegt ein Lebenswerk. Als wäre das nun mit 80 immer noch nicht genug, legt die Autorin ein neues Buch vor. Und nicht nur das: Joyce Carol Oates hat – wie schon so häufig – für ihren Roman „Der Mann ohne Schatten“ einen ungewöhnlichen Stoff gewählt und daraus eines der aufregendsten Bücher der Saison geschrieben.

Neurowissenschaft im Roman

Protagonist dieses Romans ist Elihu Hoppes, ein renommierter Wirtschaftsprofi, der im Alter von 37 Jahren sein Gedächtnis verliert. Die medizinische, die neurologische Diagnose: „Während er allein auf einer Insel im Lake George, New York, zeltete, infiziert er sich mit eine besonderen virulenten Form der Herpes-simplex-Enzephalitis, die sich in der Regel als Fieberbläschen auf einer Lippe manifestiert und innerhalb weniger Tage wieder vergeht; in seinem Fall wanderte die Virusinfektion durch den Sehnerv bis ins Gehirn, wo sie ein protrahiertes hohes Fieber auslöste, das sein Erinnerungsvermögen schädigte.“ –
Der Leser wird sehr viele Passagen dieser Art lesen, mit denen wissenschaftlich untermauert, die seltene Erkrankung des Patienten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen verdeutlicht werden. Diese Passagen sind wesentlicher Bestandteil dieses Romans, ohne dass die Lesbarkeit leidet.

Ein Erinnerungsvermögen von 70 Sekunden

Zurück zum Geschehen. Elihu Hoppes ist seither ein Fall für die Neurowissenschaft. Erinnert er sich noch an das eine und andere vor der Erkrankung, ist er ,obwohl mittlerweile um einiges älter, auf dem Niveau des Siebenunddreißigjährigen geblieben. Und dessen Erinnerungsvermögen aktuell genau 70 Sekunden beträgt.

FAZIT: Erinnerung für 70 Sekunden – und ein Fall für die Wissenschaft. Die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates hat mit „Der Mann ohne Schatten“ einen überzeugenden Roman geschrieben – einen Roman auch über einen Gedächtnisverlust und eine unmögliche Liebe, über den Widerstreit von Gefühl und Verantwortung, über Einsamkeit und Nähe. Thematisch wie sprachlich gelungen.

Ein Fall, mit dem sich die renommierte Neurowissenschaftlerin Margot Sharpe intensiv beschäftigt. Über Jahre hinweg beobachtet sie den Probanden, unterzieht ihn verschiedenen Tests, veranlasst laufende Untersuchungen, um hinter das Geheimnis des Gedächtnisverlustes zu kommen. Ihn, „der in ewiger Gegenwart gefangen“ ist. „Wie jemand, der im Halbdunkel der Wälder im Kreis herumläuft – ein Mann ohne Schatten“. Elihu vergisst immer sehr schnell, wer er ist. Auf einen Nenner gebracht: Elihu Hoppes führt ein Leben ohne Gedächtnis. Ein Leben, das auch bestimmt wird durch ein Erlebnis in früher Kindheit, bei dem es um die Ermordung seiner elfjährigen Cousine geht. Es begleitet ihn fragmentarisch auch in der Zeit nach dem Gedächtnisverlust und wirkt wie eine Art Fluch.

Wechselnde Erzählperspektiven

Joyce Carol Oates - Glarean Magazin
Joyce Carol Oates

Dann aber passiert etwas, was nicht sein darf – und Margot Sharp weiß das: Zwischen der Wissenschaftlerin und dem Patienten entwickelt sich eine Beziehung. Käme das heraus, wäre ihr Ruf ruiniert. Dennoch: Sie „lebt“ mit ihrem Probanden über dreißig Jahre sozusagen als Geliebte, gaukelt ihm vor, sie wäre seine Frau. Die Frau eines Mannes, der trotz seines Gedächtnisverlustes attraktiv und vital ist, Tennis spielt und auch sexuell aktiv ist. Eine unmögliche Beziehung also. Margot ist sich der Problematik ihrer Beziehung bewusst, kann aber von ihr zunehmend weniger lassen und gerät auf diese Weise immer stärker in Gewissensnöte bis hin zu einer veritablen Lebenskrise.
Immer wieder ändert Joyce Carol Oates die Erzählperspektive und schafft so, nicht zuletzt durch eine eingebaute Krimistory, Spannung. Mal erzählt Hoppes, mal Margot, dann wieder Dritte. Auf diese Weise gelingt des der Autorin, ein heikles, wissenschaftlich grundiertes Thema lesergerecht aufzubereiten. Sie tut es in diesem Roman über die Liebe, die Erinnerung, über die Einsamkeit und Nähe mit großem Einfühlungsvermögen in die Psyche ihrer Figuren.

Authentizität durch Realität

Der Mann ohne Gedächtnis ist ein Roman. Dass ihm ein tatsächlicher Fall zugrunde liegt, erhöht die Authentizität der meisterhaften Schilderung der Autorin, die auch gekonnt auf der komplexen Klaviatur von Psychologie und Neurologie spielt. Joyce Carol Oates: „Ich wollte einen Roman schreiben über eine sehr intensive Beziehung zwischen einer weiblichen Wissenschaftlerin und ihrem männlichen Forschungsobjekt“ und „Darüber, wie ihre intensive Freundschaft zu einer erotischen und gleichzeitig zutiefst emotionalen Beziehung wird.“ – Das ist ihr überzeugend sowohl von der Thematik her als auch sprachlich gelungen. ♦

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten (Roman), 378 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397276-4

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