Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus (Bildband)

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Gleiches Recht für alle

von Sigrid Grün

Der Feminismus, die weltweite Frauenbewegung hat einen weiten Weg zurückgelegt – der noch lange nicht zu Ende ist. Weltweit herrschen immer noch Verhältnisse, die Frauen systematisch benachteiligen. In Saudi-Arabien haben Frauen bis heute kein Recht auf freie Meinungsäußerung, sie dürfen nicht zusammen mit Männern studieren, und viele Dinge sind ohne Einwilligung eines männlichen Vormundes verboten. Weltweit hat sich in den vergangenen 150 Jahren viel getan, aber selbst in Europa verdienen Frauen immer noch deutlich weniger als Männer. Die auf US-amerikanische Geschichte spezialisierte Historikerin Jane Gerhard hat gemeinsam mit Dan Tucker dieses Coffee Table Book zur Geschichte des Feminismus herausgebracht.

„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann.“ (Margaret Mead)

Warum ein Bildband? Bilder vermitteln die Dynamik und die emotionalen Botschaften sehr viel intensiver, als ein Text dies könnte. Und es geht auch darum, dass Bilder „die Besonderheiten einer Kultur, einer bestimmten Aufmachung, eines Auftritts und anderer Details, die einer Geschichte erst die Würze verleihen, besonders gut zu transportieren vermögen.“ (Seite 6)

Breit gestreute Themenfelder

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus - Die illustrierte Geschichte der weltweiten FrauenbewegungDie Bilder (Fotos, Plakate, Gemälde) vermögen tatsächlich, einen sehr lebendigen Eindruck zu vermitteln. Sie zeigen hervorragend auf, wie Frauen aus vergangenen Zeiten und fremden Kulturen alle für eine Sache gekämpft haben: Gleichberechtigung.
Das Buch ist nach unterschiedlichen Themenfeldern gegliedert. Zunächst geht es um politische Mitbestimmung, insbesondere um das Recht zu wählen („Eine Stimme haben“). Hier wird die Situation in den USA sehr stark ins Zentrum gerückt. Dies ist natürlich vor allem dem Umstand geschuldet, dass das Buch eine Übersetzung ist und von US-AmerikanerInnen herausgegeben wurde. Beginnend bei der Seneca Falls Convention, die am 19. und 20. Juli 1848 in Seneca Falls (New York) abgehalten wurde und die „Declaration of Sentiments“ hervorbrachte, wird die Geschichte der Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten sehr gut in Wort und Bild vermittelt.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch die oftmals enge Verbindung zwischen der Frauenbewegung und der Abstinenzbewegung, weil Frauen extrem unter dem Alkoholmissbrauch ihrer Männer litten. Die größte Abstinenzbewegung war die Woman’s Christian Temperance Union (WTCU). Auch die Situation in anderen Ländern (Großbritannien, Deutschland, China, Saudi-Arabien…) wird aufgegriffen, aber in weitaus geringerem Umfang als diejenige in den USA.

Die weibliche Selbstbestimmung

New Yorker Zeitungs-Illustration 1870 - Frauenärztin Elisabeth Blackwell bei einer Anatomie-Lektion - Glarean Magazin
New Yorker Zeitungs-Illustration aus dem Jahre 1870, die Amerikas erste und einflussreichste Frauenärztin Elisabeth Blackwell bei einer ihrer Anatomie-Lektionen zeigt

Im zweiten Kapitel, „Das Recht auf Selbstbestimmung“, geht es um Bürgerrechte und ganz zentral um das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen. Es werden beeindruckende Persönlichkeiten wie Elizabeth Blackwell vorgestellt, die als erste Ärztin der Vereinigten Staaten gilt und mehrere medizinische Hochschulen für Frauen gründete. Im Zusammenhang mit den Protesten von AbtreibungsbefürworterInnen fällt eine Person auf, die einen erstaunlichen Sinneswandel durchgemacht hat: Die ehemalige Aktivistin Norma McCorvey (Pseudonym Jane Roe), die noch 1989 für das Recht von Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen demonstrierte, konvertierte 1994 zum Katholizismus und wurde zur Abtreibungsgegnerin, die ihre Rolle in der Frauenbewegung plötzlich bedauerte.

Das weitverbreitete Abtreibungsverbot

In vielen Ländern ist Abtreibung – selbst nach einer Vergewaltigung oder einer Gefährdung der Mutter – immer noch strikt verboten. In Irland hat das u.a. dazu geführt, dass ein 13-jähriges Vergewaltigungsopfer nicht nach England ausreisen durfte, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen – und zum Tod einer Frau, bei der eine bereits beginnende Fehlgeburt festgestellt worden war, und die trotzdem nicht abtreiben durfte und schließlich infolge einer Blutvergiftung starb. Seit 1984 gibt es in den USA (immer wieder durch einzelne Präsidenten gelockert), den Global Gag Rule (Globale Knebelvorschrift), die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Gesundheitswesen eine Aufklärung bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen verbietet – andernfalls droht eine vollständige Streichung der finanziellen Unterstützung durch die US-Regierung.

Die Gleichstellung der Ehepartner

"Müssen Frauen gleichberechtigt sein?" Strassen-Statements von Männern zum Thema Frauen und Arbeitswelt in den 1950er Jahren
„Müssen Frauen gleichberechtigt sein?“ Strassen-Statements von Männern zum Thema Frauen und Arbeitswelt in den 1950er Jahren

In „Raus aus dem Puppenhaus“ geht es um die Ehe und die wirtschaftlichen Rechte von Frauen. Die Gleichstellung der Ehepartner vor dem Gesetz ist dabei ebenso Thema wie die Kinderehe.
„We can do it“ widmet sich der Frau in der Arbeitswelt. Heute noch müssen vor allem Frauen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten, die sie oft das Leben kosten. Die Brände in Textilfabriken haben insbesondere die Leben weiblicher Arbeiterinnen gefordert. Frauen verdienen immer noch weniger als Männer und müssen in vielen Fällen Haushalt und Pflege von Kindern und Alten zusätzlich zur Erwerbstätigkeit erledigen.

Sexismus und Rassismus

Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung
„Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung“

Im fünften Kapitel, „Im Auge des Betrachters“, rücken Frauenbilder in den Mittelpunkt. Männliche Schönheitsvorstellungen prägten das Bild einer idealen Frau und waren damit Teil männlicher Machtausübung. Feministische Künstlerinnen setzten dieser Tradition etwas entgegen und ermöglichten auf diese Weise eine Neuidentifikation mit dem weiblichen Äußeren.
Das letzte Kapitel schliesslich, „Gleiches Recht für alle“, widmet sich schließlich der Gleichberechtigung aller Menschen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht. Während sich die frühe Suffragettenbewegung weitgehend aus der Oberschicht rekrutierte, setzte sich im Lauf des vergangenen Jahrhunderts (u.a. in der zweiten Feminismuswelle in den 1970er Jahren) zusehends die Einsicht durch, dass es um Gleichberechtigung für alle Menschen gehen muss. Und so wird im im letzten Abschnitt die Überwindung von Rassismus sowie der Sexismus und die LGBTQIA-Bewegung untersucht.

Fokus auf dem Anglo-Amerikanischen

Limmat Verlag - Alemannischer Literaturpreis 2020 - Chirstoph Keller - Der Boden unter den Füssen - Glarean Magazin 22.7.2020
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Den ungewöhnlichen, bis anhin kaum gesehenen Ansatz, einen Bildband über Feminismus zu veröffentlichen, finde ich großartig. Die Umsetzung ist auch sehr gelungen. Ich empfehle, zunächst jeweils den Bildteil und anschließend den Textteil (oder umgekehrt) durchzulesen, weil der Lesefluss sonst ständig durch den Bildteil (mit umfangreichen Bildunterschriften) unterbrochen wird.

Der Fokus liegt hier ganz klar auf dem anglo-amerikanischen Kulturraum, was ich anfangs etwas irritierend fand. Letztendlich wird aber auch die Entwicklung der weltweiten Frauenbewegung sehr gut umrissen. Ein schöner und gut lesbarer Bildband, den ich allen, die am Thema Feminismus interessiert sind, empfehlen kann. ♦

Jane Gerhard und Dan Tucker: Feminismus – Die illustrierte Geschichte der weltweiten Frauenbewegung, 256 Seiten, Prestel Verlag, ISBN 978-3-791-38529-7

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Feminismus und Sexismus auch über Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

… sowie zum Thema Frauenbewegung über Traditionsbrüche und Erinnerungsarbeit – Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Lina Fritschi: Ein anderer Traum / Un altro sogno (Gedichte)

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Vom Umgang mit Verlust

von Stefan Walter

Lina Fritschi (1919–2016) war eine der großen italienischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Nördlich der Alpen blieb sie trotz ihrer Schweizer Abstammung praktisch unbeachtet. Dies dürfte sich mit dem vorliegenden zweisprachigen Band „Ein anderer Traum / Un altro sogno“ ändern.

Lina Fritschi - Ein anderer Traum - Un altro sogno - Gedichte - Limmat Verlag66 Gedichte hat der Übersetzer Christoph Ferber aus Lina Fritschis umfangreichem Werk ausgewählt, die Mehrzahl davon aus ihrem Schwanengesang „Poesie estreme“, im Jahr 2000 erschienen. Jede Doppelseite enthält konsequent links den italienischen Originaltext, rechts die deutsche Übersetzung. An der gesamten Gestaltung gibt es nichts zu bemängeln.

Der entgleitende Hintergrund

Das große Thema der Sammlung ist der Umgang mit Verlust, insbesondere dem frühen Tod ihres Ehemannes. Im Traum begegnet sie ihm immer wieder, ob in „Auch nach dem Tod“:

Auch nach dem Tod,
hab ich gefragt. Auch nach dem Tod,
hat er geantwortet – und gelächelt

… im titelgebenden „Ein anderer Traum“:

Immer verschwinden
sie alle (…)
Wenn ich mich
an seine Schulter lehne und frage, wo denn die anderen seien,
antwortet er, ich weiß nicht, das war ein anderer Traum.

… oder in den Betrachtungen zum Tavoliere:

Immer, jedes Jahr zu Weihnachten, kehrt diese Reise
zurück. Und wir drei, der Zeit
und dem Tod enthoben, spielen unsere Rolle
vor dem uns entgleitenden Hintergrund.

Lina Fritschi schafft es, sich und den Leser davon zu überzeugen, dass sie in diesen Momenten glücklich ist.

Doch nicht jede Erinnerung endet so gut:

Doch war es Sommer? Ich weiß es nicht mehr,
denn sogleich ist wie ein Falke der Winter
auf mich gestürzt und hat unter Eis mich begraben

… heißt es in „Winter“. Und erst die Evidenz des Sarges lässt Fritschi den Tod ihres Gatten überhaupt zur Kenntnis nehmen:

Ich konnte dem Telegramm nicht glauben,
ein Irrtum, sagte ich zum Soldaten,
(…) tut mir leid, gnädige Frau, die Beerdigung
findet in Lecce statt.

Auch der Vater stirbt in einem Gedicht, eine Freundin, eine Katze, der Sommer. Und als früheste Kindheitserinnerung ein junger Onkel, umrahmt – die vielleicht einzige humoristische Szene der Sammlung – von seinen beiden Verlobten.

Selbstreflexive Poesie

Ihren eigenen Tod spürt Lina Fritschi in zahlreichen Gedichten näherkommen, so etwa in Abschied:

Ich verabschiede mich von den Versen,
vielleicht auch vom Leben.

… oder in „Naher Tod“:

Man sagt, im Alter,
wenn der Wunsch nach Liebe
zurückkehre, sei dies ein Zeichen des nahen Todes.

Teilweise wünscht sie den Tod auch herbei (in „Gebet“):

Wüsste ich nur
zu welchem Gott beten,
dass die Zeit, die mir bleibt,
eiligst vergehe.

Blind in der Toskana

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Als Grund dafür findet sich immer wieder ihre Blindheit, die ihr offensichtlich schwer zu schaffen gemacht hat. Diese war auch die Ursache dafür, dass sie ihre geliebte Heimat im Piemont verlassen musste, um sich in der Toskana von der Tochter versorgen zu lassen. Auch wenn das für uns deutsche Touristen nicht so weit klingt, liegt es immerhin 400 km auseinander.

Ein etwas zwiespältiges Verhältnis hat Fritschi zur Dichtkunst. Mal bezeichnet sie (in „Überlebt“) die Poesie als

Hexe, Gefährtin und Feindin. Auch jetzt noch
bedrängst du mich, jetzt,
wo ich alt bin.

… mal erklärt sie:

Ich habe keine Angst vor dem Wort,
ich liebe es, manipuliere es, wälze es um.

… und lässt sich vorsorglich vom Pfarrer bescheinigen, dass dies gottgewollt sei („Noch ein Dialog“).

Lyrik-Sprache nahe an der Prosa

Die Sprache ist klar, direkt, konzise, oft lakonisch, oft nahe an der Prosa. Auffällig ist die Häufung von relativierenden Begriffen wie „forse“ („vielleicht“) und „a volte“ („manchmal“). Es gibt keine Reime, kein durchgehendes Metrum, noch nicht einmal Strophen. Die Vers-Aufteilung ist nur vereinzelt sinngebend. Es sind das durchwegs klar hervortretende lyrische Ich und seine reflektierende Beschäftigung mit seiner eigenen Stellung in der Welt, die die Texte fraglos zu Gedichten machen.

Die Übersetzung ist, soweit ich das mit meinen bescheidenen Italienisch-Kenntnissen beurteilen kann, gelungen. Natürlich ist Übersetzung immer auch Auslegung, aber nur an ganz wenigen Stellen hatte ich den Eindruck, dass der Sinn des Originals – nach meinem natürlich ebenso subjektiven Verständnis – verfehlt wurde, etwa wenn in Der Engel „L’avvertimento è una spada nel cuore“ mit „Die Warnung ist: im Herzen ein Schwert“ wiedergegeben wird anstatt mit „Die Warnung ist ein Schwert im Herzen“. Doch das Schöne an zweisprachigen Ausgaben ist, dass man sich auch dazu eine eigene Meinung bilden kann.

Anregungen für den Umgang mit Krankheit und Einsamkeit

Größter Schwachpunkt des Buches ist das Nachwort, das sich ein bisschen wie der überlange Entwurf für einen Klappentext liest, die dürftigen biographischen und bibliographischen Angaben, die man im deutschsprachigen Internet findet, wenig liebevoll mit nochmaligem Abdruck einiger Gedichte aus dem Buch auf ein paar Seiten ausgedehnt. Aber natürlich, das darf man so deutlich sagen, ist das ein echtes Luxusproblem.
Wer Anregungen benötigt, wie man mit Verlust, Trauer, Krankheit, Einsamkeit oder Tod umgehen kann – und wer benötigt die nicht? –, wird in diesem Gedichtband von Lina Fritschi fündig. Definitive Kaufempfehlung. ♦

Lina Fritschi: Ein anderer Traum / Un altro sogno – Gedichte Italienisch und Deutsch, übersetzt von Christoph Ferber, 152 Seiten, Limmat-Verlag, ISBN 978-3-85791-896-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Moderne Lyrik auch das „Gedicht des Tages“ von Raoul Hausmann: „Nichts“

Alexander Münninghoff: Hein Donner (Schach-Biographie)

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Donnerhall im Reich der Schachliteratur

von Ralf Binnewirtz

Der holländische Großmeister Jan Hein Donner (1927-1988) wird bei der jungen Generation weitgehend in Vergessenheit geraten sein, zumal er auf der Schachbühne nicht in die obersten Ränge gelangen konnte. Und außerhalb der niederländischen Schachliteratur sind nur wenige biografische Details über ihn verbreitet worden. Der Ende April verstorbene Autor Alexander Münninghoff hat dem nonkonformistischen Schach-Großmeister und -Autor ein bemerkenswertes literarisches Denkmal gesetzt, das nun auch in Englisch erschienen ist.

Hein Donner - The Biography - New In Chess NIC - Alexander MünninghoffJohannes Hendrikus (Hein) Donner war sicherlich die schillerndste Figur in der Geschichte des niederländischen Schachs – jedenfalls auf GM-Niveau. Als Spross einer prominenten, streng calvinistischen Familie in Den Haag – sein Vater Jan Donner brachte es zum Justizminister der Niederlande – sollte Hein als Einziger des sechsköpfigen Donner-Nachwuchses aus der Art schlagen: Er hatte zwar halbherzig einige Semester Jura absolviert, entschloss sich dann aber – sehr zum Leidwesen seines Vaters – zu einer keineswegs risikofreien Profilaufbahn im Schach. Ein weitgehend ungebundenes, bohemienhaftes Leben in der Schachwelt entsprach seinem Naturell offenbar weitaus mehr als eine konventionelle Laufbahn im Establishment.

Mal top, mal flop

Faul, genial, scharfzüngig: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)
Scharfzüngig, faul, witzig, polemisch, genial: Johannes Hendrikus (Hein) Donner (1927-1988)

Hein Donner (GM-Titel 1959) war ein weit überdurchschnittliches Talent, um nicht zu sagen Genie in die Wiege gelegt, aber zumindest als Schachspieler hat er den in ihn gesetzten Erwartungen nicht recht entsprochen. Seine Faulheit, gepaart mit einem Mangel an Disziplin und Ehrgeiz (er verfolgte nicht die Neuerungen in der Eröffnungstheorie, bereitete sich auf Turniere in der Regel nicht vor und gab sich mit dem Erreichten zufrieden), zeitigten ein ständiges Auf und Ab in den Turnierresultaten und verhinderten den Aufstieg in die höchsten Sphären, wobei ihm auch noch eine ausgeprägte Russenphobie im Wege stand.
Im Gedächtnis der Nachwelt ist Donner vor allem als Verlierer zahlreicher Kurzpartien verblieben, die ihn im Kreis seiner internationalen GM-Kollegen zum Gespött machten als „unumstrittenen Träger der Narrenkappe“ 1). Gleichwohl war er in der Zeitspanne zwischen Max Euwe und Jan Timman der stärkste niederländische Schachspieler.

Zur Ehrenrettung Donners sei hier eine seiner respektablen Gewinnpartien präsentiert:

In seiner Spielleidenschaft hat sich Donner auch in unzähligen anderen Spielen (u.a. Bridge) versucht, lediglich vom Damespiel hat er sich verächtlich abgewandt.

Unterwegs im Amsterdamer Szene-Viertel

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Einen großen Teil seiner Freizeit verbrachte Donner in der Amsterdamer Szene („The Ring Of Canals“) bzw. im elitären Künstler-Zirkel „De Kring“, den er gemeinhin abends und nachts aufsuchte, da er erst am späten Nachmittag aus dem Bett zu steigen pflegte. Dort traf er auf die lokale Intelligenzia, mit der er sich in unermüdlichen Diskussionen messen oder aber den Clown spielen konnte. Donner, der sich schon früh zu einem notorischen „contrarian“ entwickelte hatte, also grundsätzlich die gegenteilige Meinung seines Gegenübers einnahm, war nicht nur körperlich (mit knapp 2 m Größe), sondern auch intellektuell ein Riese. Ausgestattet mit einem messerscharfen Verstand, mit enormer Eloquenz und sardonischem Witz, war er praktisch jedem Gegner verbal gewachsen, wenn nicht überlegen. Und sollte ein Disput zu einem Faustkampf eskalieren, was gelegentlich vorkam, so besaß Donner auch hier aufgrund seiner Obelix-artigen Statur Vorteile. Es darf daher nicht wundern, wenn die Zahl seiner Freunde überschaubar blieb. Seine legendäre Dauerfehde mit Lodewijk Prins (Ehren-GM 1982) soll hier nur erwähnt sein.

In der Romanliteratur verewigt

Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch
Verewigte seinen Freund Donner in der Figur des Onno Quist: Schriftsteller Harry Mulisch

Eine tiefe Freundschaft verband Donner mit dem Schriftsteller Harry Mulisch, dem Donner literarisch nachzueifern suchte – nicht immer zum Vorteil seiner Turnier-Performance (siehe z.B. Santa Monica 1966). In seinem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ (1992) hat Mulisch seinen Freund posthum in der Figur des Onno Quist verewigt. In diesem Kontext ist auch das aufschlussreiche Interview zu erwähnen, das Dirk Jan ten Geuzendam mit Harry Mulisch geführt hat (Kap. 11 – Harry Mulisch’s Heinweh).

Weitaus erfolgreicher als am Turnierbrett war Donner als Schachschriftsteller, hier konnte er seine Lust an der Polemik und Provokation gleichermaßen ausleben. Aber unter seinen zahllosen, in über drei Jahrzehnten in diversen holländischen Zeitungen publizierten Artikeln finden sich auch manche seriösen Beiträge. Eine Selektion seiner besten Artikel ist als Anthologie erschienen: „The King – Chess Pieces“ steht in der Gunst der internationalen Leserschaft bis heute ganz oben. [Rezension von Taylor Kingston]

Kreativität auch im Rollstuhl

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Nach einem Schlaganfall im August 1983, der Donner für die letzten Lebensjahre in ein Pflegeheim verbannte, blieb ihm, an den Rollstuhl gefesselt, nur das Schreiben als einzige kreative Beschäftigung. Mit einem Finger auf der Schreibmaschine verfasste er minimalistische Beiträge: Für „Na mijn dood geschreven“ [Nach meinem Tod geschrieben] wurde ihm 1987 der höchst angesehene Henriëtte-Roland-Holst-Preis verliehen. Auch die öffentliche Erstpräsentation von De Koning: Schaakstukken konnte er noch (in einem miserablen Zustand) erleben. Er hat sein Schicksal klaglos hingenommen. Eine im November 1988 unversehens eingetretene Magenblutung bedeutete den endgültigen Exitus.

Donners Frauen – ein wechselhaftes Glück

Donner lernte seine erste Freundin Olga Blaauw im Frühling 1949 kennen, sie lebten gut sechs Jahre ohne Trauschein zusammen. Die Trennung wurde unerwartet ausgelöst durch einen Heiratsantrag Donners (nach dessen Rückkehr von Göteborg 1955), der die Leidenschaft instantan erlöschen ließ.

Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering
Donners zweite Frau und spätere Stadträtin von Amsterdam: Irène van de Weetering

Die zweite erwähnenswerte Dame, die in Donners Leben trat, war Irène van de Weetering, im Jahre 1958 noch „eine 18-jährige Nymphe“. Als sich Ende 1959 Nachwuchs ankündigte, war die eigentlich unerwünschte Heirat nach calvinistischem Reglement unvermeidlich. Das zweite Kind kam Anfang 1962. Während Donner seinen Nachwuchs (Sohn und Tochter) abgöttisch liebte, war das Verhältnis zu seiner Ehefrau deutlich kühler – schon bald nach der Trauung hatte er eh ein promiskuitives Wanderleben begonnen. Die marode Liaison ging schließlich vollends in die Brüche, als sich Irène 1966 der anarchistischen Provo-Bewegung anschloss und Stadträtin in Amsterdam wurde (Scheidung 1968).

Donners letzte Frau war die Anwältin Marian Couterier, die er 1971 ehelichte. Die Verbindung verlief von Beginn in harmonischen Bahnen, und Hein wandelte sich gar zum Familienmensch, eine Tochter kam 1974 zur Welt. Die Ehe währte bis zu Heins Tod.

Polarisierender Charakter mit Bohemien-Charme

Nicht jeder wird sich mit der Persönlichkeit eines Hein Donner identifizieren können, zu ambivalent sind hierfür die Eindrücke, die man bei der Lektüre gewinnt. Donners zwanghafte Streitsucht insbesondere im trunkenen Zustand, sein despektierliches Verhalten gegenüber Meisterkollegen, sein Dominanzgehabe sind Attribute einer merklichen Ungenießbarkeit. Hierzu mögen auch noch sein meist schmuddeliges Outfit und eine nachlässige körperliche Hygiene zählen. Indes gehörte Donner zu einer Spezies, die in der heutigen Schachszenerie ausgestorben ist: Ein echtes Original mit Ecken und Kanten und einem sehr spezifischen Humor. Ein unabhängiger Geist, der sich nicht um Konventionen scherte, der sein Leben lebte, wie er es wollte, auch wenn es (durch übermäßiges Rauchen und Trinken) gesundheitlich bedenklich schien oder er sein soziales Umfeld brüskierte. Und schließlich war er einer der besten und unterhaltsamsten Schachschriftsteller aller Zeiten.

Kontroverse Persönlichkeit meisterhaft biografiert

Alexander Münninghoff - Schriftsteller Journalist Biograph - Glarean Magazin
Biograph ohne Beschönigungen: Alexander Münninghoff

Alexander Münninghoff hat diesen polarisierenden Charakter vortrefflich beschrieben, dabei unangemessene hagiografische Beschönigungen bewusst vermieden. Eine gewisse Nachsichtigkeit des Autors gegenüber seinem biografischen Objekt ist zwar spürbar, aber nicht gravierend. Die englische Übersetzung ist rundum gelungen und – solide Englischkenntnisse vorausgesetzt – flüssig lesbar, zumal der Autor seine Darstellung chronologisch angelegt hat. Vor allem hat er die wichtigste Forderung beherzigt, die ein gutes Buch erfüllen muss: Es darf seine Leserschaft keinesfalls langweilen! Daher gebe ich eine klassische Empfehlung weiter: „Lest die besten Bücher zuallererst; sonst kommt ihr überhaupt nicht dazu, sie zu lesen.“ (Henry David Thoreau)
Neun Seiten Bildtafeln (18 s/w-Fotos aus Donners Leben) und ein Kapitel mit 34 kommentierten Donner-Partien (Recherche/Analysen von Maarten de Zeeuw) komplettieren das Werk. Fehler sind eher selten, lediglich die auf S. 128 mit Nr. 23 referenzierte Partie gegen Kortschnoi sucht man in der Partieauswahl / Kap. 12 vergeblich. ♦

1) Die Runde um die Welt machte die sensationelle Kurzpartie des Chinesen Liu Wenzhe gegen Donner, Olympiade Buenos Aires 1978 (s. S. 265), die erste Partie, die ein Chinese gegen einen westlichen GM gewann. Kommentar Donner: „Now I will be the Kieseritzky of China.”

Alexander Münninghoff: Hein Donner – The Biography, 272 Seiten (engl.), New In Chess, ISBN 978-90-5691-892-7

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Biographien auch über Carsten Hensel: Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies

Jessica Andrews: Und jetzt bin ich hier (Roman)

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Jung – suchend – feinfühlig – poetisch

von Katka Räber-Schneider

Der Roman „Und jetzt bin ich hier“ von Jessica Andrews ist die Geschichte vom Lieben und Loslassen in einer Eltern-Kind-Familien-Beziehung. Ein poetisches Buch, ein wunderbares und wunderliches Buch, in dem eine Ich-Erzählerin in kurzen, mit Nummern betitelten Abschnitten, nicht chronologisch, aber stets ergänzend über das Bewusstwerden der eigenen Identität innerhalb der Familiengeschichte berichtet.

Jessica Andrews: Und jetzt bin ich hier - Roman - Hoffmann und Campe - Literatur-Rezension Glarean MagazinEine junge Frau, die zunächst aus dem lauten London in ein geerbtes Cottage ihres Grossvaters nach Irland zieht. Es sind keine linearen Beschreibungen, sondern kleine Aufmerksamkeiten von Alltäglichem, die sich zu einem Mosaik zusammensetzen, das ein fein gezeichnetes Bild von England und Irland der 80-er Jahre ergibt, äusserlich und innerlich. In genau beobachteten Gesten, z.B. wie sich jemand durch die Haare fährt, nähern wir uns anhand von Briefen und alltäglichen Gesprächsfetzen auch einer Liebesgeschichte, die lakonisch daher kommt: „’Darf ich dich küssen?’ fragt er und streckt die Hand nach mir aus. ‚Okay’, sage ich, gefangen in der Hitze seines Körpers.“

Durch Gefühlsvignetten ins Unterbewusstsein

Lucy, die Ich-Erzählerin, die sich mal an die Mutter wendet, mal an uns, ihre Leserschaft, arbeitet sich durch Gefühlsvignetten und kleine Episoden seit der Kindheit bis in die Gegenwart als junge Frau, ins eigene Unterbewusstsein. Der geliebte Vater war Alkoholiker und Lucy denkt: „… man kann geliebt und zugleich verlassen werden.“ Sätze über ihre Eltern wie: „Der Abstand zwischen ihnen glänzte scharf“ sagen auf eine poetische und im Kontext ungekünstelte Weise vieles über die Gefühlszustände aus.

Jessica Andrews Foto - Und jetzt bin ich hier - Roman - Hoffmann und Campe Verlag - Literatur-Rezensionen Glarean-Magazin
Sprachvergnüglicher Roman: Jessica Andrews (© Seth Hamilton)

Jessica Andrews beschreibt die Protagonisten anhand von Andeutungen verschiedener Sinneseindrücke, präzise und nie denunzierend, obwohl es die Eltern der Tochter nicht leicht gemacht haben. „Parfüm und Tee und der Rauch von seinen Zigaretten, wunderbar und widerlich zugleich.“ Der Vater verschwand immer wieder, und doch hinterliess er Liebe bei seinen Kindern. Der Bruder wurde taub geboren, aber es gab die Zeichensprache. Die Autorin vermag einzigartig auch die Ruhe und die besondere Form von unterschiedlichen Kommunikationen zu schildern.

Feinfühlige Literatur voller Bilder

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Wer Freude hat an geschliffener, feinfühliger Literatur (mit Betonung auf Literatur), voller sehr schöner Beobachtungen, in Bildern eingefangen, die einen staunen oder auch schmunzeln lassen – Zitat: „… auf dem Teppich gesaugte Streifen wie beim gemähten Rasen.“ -, wer Freude hat an einem poetisch suchenden Roman, der findet hier eine leichtfüssige Lektüre. Mehrere Generationen entfalten da punktuell ihren Lebensteppich, und doch geht es schlussendlich um die Gegenwart. Die Gegenwart einer jungen Frau, die auch eine Liebesgeschichte lebt. Lucy lernt sich selber durch die Erinnerungen gut bis in die tiefste Seele kennen. In Gedanken wie „Ich will Üppiges, Schmutziges. Ich will Dunkles, Whiskey und Blutflecken… Das Verlangen in meinen Knochen habe ich von dir. Du stellst deine Bedürfnisse zurück, weil du für andere sorgen musst…“ wendet sie sich an ihre Mutter.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert, deren allmähliches Wachstum eine erfolgreiche, menschliche Reifung darstellt. „Und jetzt bin ich hier“ könnte all jenen gefallen, die sich gerne durch stellvertretende Bilder im familiären Rahmen dem Kern des Seins nähern. Ein grosses Sprachvergnügen ist dieser Roman, geschrieben von einer jungen Frau. ♦

Jessica Andrews: Und jetzt bin ich hier, Roman, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, 328 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00821-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den Sommer-Liebesroman von Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo

… sowie zum Thema Poetische Literatur über Sarah Kirsch: Freie Verse – 99 Gedichte

Sarah Kirsch: Freie Verse – 99 Gedichte

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Das Wichtigste in schöner Auswahl

von Stefan Walter

Wer sich mit der Lyrik des 20. Jahrhunderts beschäftigt, kommt an Sarah Kirsch (1935-2013) nicht vorbei. Anlässlich des 85. Geburtstages der Dichterin hat ihr Sohn einen Band „Freie Verse – 99 Gedichte“ mit einer Auswahl von 80 alten und 19 „neuen“ Gedichten herausgegeben. Am Inhalt gibt es dabei kaum etwas zu bemängeln, die Ausführung fällt dagegen ein bisschen ab.

Der Titel der Sammlung „Freie Verse“ bezieht sich nicht nur auf die bekannte Vorliebe der Dichterin, von Formalitäten wie Metrum und Reim möglichst die Finger zu lassen, sondern auch auf das gleichnamige Gedicht – es gehört zu den „alten“ Texten im Buch –, wo es von Versen heißt:
„Sie müssen hinaus / In die Welt. Es ist nicht möglich sie / Ewig! hier unter dem Dach zu behalten.“
Und glaubt man den Angaben des Herausgebers, sind die neuen Gedichte genau dort, auf dem Dachboden, gefunden worden.

Gelungene Textauswahl

Sarah Kirsch - Freie Verse - 99 Gedichte - Manesse Verlag - Rezension im Glarean MagazinDie Textauswahl ist durchaus gelungen. Im ersten Teil, den 80 bereits veröffentlichten Texten, finden sich neben Klassikern wie Datum und Reisezehrung auch zahlreiche lesenswerte Gedichte, die zumindest mir noch nicht bekannt waren. So geht es in Die Verdammung um einen Prometheus, der seine Strafe längst abgesessen hat, aber sich aus Gewohnheit weiter quälen lässt:
„(…) Als die Ketten zerfielen der Gott / Müde geworden an ihn noch zu denken / (…) / Gelang es ihm nicht sich erheben den / Furchtbaren Ort für immer verlassen (…)“.
Neben Gedichten enthält die Sammlung auch eine Handvoll Notate, etwa das bekannte Im Glashaus des Schneekönigs; es mag meiner mangelnden Flexibilität geschuldet sein, aber auf mich machen diese Prosatexte immer den Eindruck, dass die Deadline zu früh kam…

„Neue“ alte Gedichte

Sarah Kirsch - Lyrikerin - Glarean Magazin
Sarah Kirsch: „Eigentlich schreibe ich immer

Der zweite Teil ist überschrieben mit „Neunzehn neue Gedichte“. Dabei ist das Wort „neu“ für Gedichte aus den frühen 70er Jahren natürlich genauso problematisch wie der im Klappentext verwendete Begriff „unveröffentlicht“, wenn – wie im Nachwort erklärt wird – fünf dieser Texte bereits vor drei Jahren im Poesiealbum erschienen sind.
An erster Stelle zu nennen (und auch abgedruckt) ist Ahrenshooper Sommer. Dort heißt es:
„(…) Ach das Meer ist aus blauem Glas / hervorströmts unterm Scheinwerferlid / ach die Soldaten leuchten so schön / daß niemand nach Dänemark zieht“.
Kein Zweifel, dass das in der DDR ein hochpolitischer Text war. Ob das Gedicht aber wirklich gerade deshalb der Selbstzensur unterfallen ist, wie der Herausgeber behauptet, erscheint fraglich. Es ist das einzige „klassische“ Gedicht im gesamten Buch, mit Reim und durchgängigem Metrum; dass es schlichtweg in keinen ihrer zahlreichen Bände so richtig gepasst hat (und vielleicht irgendwann vergessen wurde), kommt mir wesentlich plausibler vor.

Wichtigstes Stilmittel: Enjambement

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Auffällig ist weiter, dass im zweiten Teil die Zahl der Enjambements – die man wohl getrost als das wichtigste und typischste Stilmittel Kirschs ansehen kann – deutlich reduziert ist. Bärenhäuter etwa beginnt:
„Traf einen der Schwalben aß / die Taschen hatte er voller Nester / Flüche und Schnaps im Mund / (…)“. Man vergleiche dies beispielsweise mit Ruß aus dem ersten Teil:
„Die Touristen sind letztlich / Gestorben. Ich habe Lust durch die / Sümpfe zu gehen. Gänseschwarm / (…)“.
Aus meiner Sicht liegt es nahe, dass Kirsch die Gedichte in erster Linie aus solchen literarischen Gründen nicht veröffentlicht hat. Die Texte scheinen mir jedenfalls politisch nicht problematischer zu sein als so manche andere, die noch in ihrer DDR-Zeit erschienen sind.

Die politische Dichterin

Gruppenbild mit Dame - Schriftstellerlesung in Berlin (DDR) mit Sarah Kirsch - Glarean Magazin
Gruppenbild mit Dame: Schriftstellerlesung in Berlin (DDR) am 10.Mai.75. Motto der Jahrestagung: „Plädoyer für Poesie“. Von links nach rechts: Günther Deicke, Volker Braun, Sarah Kirsch, Wieland Herzfelde, Günther Rücker, Franz Fühmann, Stephan Hermlin

Dieses emphatische Bemühen des Herausgebers, Sarah Kirsch als politische Dichterin „entdecken“ zu wollen, ist überhaupt mein größter Kritikpunkt an dem Buch. Eine Frau mit dem bürgerlichen Vornamen Ingrid, die sich aus Protest gegen den Nationalsozialismus das Pseudonym Sarah zulegt; die zu den Erstunterzeichnern der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann gehörte – sogar an allererster Stelle – und dann erwartbarer Weise ebenfalls das Land verlassen musste; die dann im Westen aus Protest gegen die NS-Vergangenheit von Bundespräsident Carstens das Bundesverdienstkreuz ablehnte; für die der Herausgeber selbst 80 bereits veröffentlichte politische Gedichte findet; eine solche Frau als politische Dichterin erst entdecken zu wollen, ist mutig.

Empfehlung für Kirsch-Unkundige

Ansonsten gibt es noch ein paar kleine störende Punkte. Nennen Sie mich oberflächlich, doch die Umschlaggestaltung des Buchs mit dicken, rot-weißen, dreidimensionalen Buchstaben auf einem blass-grünen Untergrund animiert mich nicht unbedingt zum Kauf. Fairerweise muss man dazu sagen, dass es auf Papier weniger schlimm aussieht als in der glatten Online-Version.
Warum man 19 unveröffentlichte Gedichte bewirbt, wenn davon fünf bereits veröffentlicht wurden, ist mir ein Rätsel.
Und sehr schade ist es gerade bei einer solchen Querschnitt-Ausgabe mit dem Fokus auf politische Gedichte, dass zu den einzelnen Texten kein Entstehungs- oder wenigstens Erstveröffentlichungsjahr angegeben ist. Das würde die Einordnung doch deutlich erleichtern.

Insgesamt ist das Buch aber eine Empfehlung für jeden Fan von Sarah Kirsch, der hier neues, lesenswertes Material geliefert bekommt, und eine noch deutlichere Empfehlung für jeden, der sich bisher nicht näher mit Sarah Kirsch beschäftigt hat und die wichtigsten Gedichte in schöner Auswahl erhält. ♦

Sarah Kirsch: Freie Verse – 99 Gedichte, 124 Seiten, Manesse Verlag, ISBN 978-3-7175-2506-6

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch über Nico Bleutge: Verdecktes Gelände (Gedichte)

Weitere interessante Web-Links zum Thema:

Laura Steven: Speak Up (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Frisch, ironisch, verletzlich

von Katka Räber

„Speak Up“ von Laura Steven ist ein witzig und zunächst leichtfüssig im Jugendjargon verfasster Roman in Tagebuchform über mögliche Probleme von Achtzehnjährigen in den USA an einer Highschool. Abgrenzung, Ausgrenzung, Sexualität, Liebe, Freundschaft und Cybermobbing mit allen möglichen Konsequenzen.

Auf Englisch heisst das Buch „The Exact Opposite of Okay“ und trägt in der deutschen Übersetzung den Titel „Speak Up“, was auf den ersten Blick undurchsichtiger scheint und „lauter sprechen“ bzw. „den Mund aufmachen“ bedeutet.
Warum auf Englisch, wenn ein weniger Englischkundiger für die genaue Wortwahl im Wörterbuch nachschauen muss? Vielleicht, weil es dann eher auch die junge Leserschaft anzieht, und das ist gut so.

Laura Steven: Speak Up (Roman) - Droemer Verlag
Laura Steven: Speak Up (Roman)

Jugendliche oder junge Leserinnen und Leser treffen hier eine unangepasste Achtzehnjährige an, die schon als kleines Kind ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hat und seitdem bei ihrer Grossmutter lebt. Izzy O’Neill ist rotzig unangepasst, aber intelligent, und sie möchte gerne Drehbuchautorin werden. Die Englischlehrerin entdeckt Izzys Talent und hilft ihr bei konkreten Schritten, um ihre Texte tatsächlich veröffentlichen zu können und durch einen Wettbewerb zu einem Studium zu kommen.

Selbstironie als Selbstschutz

Izzy schützt ihre Gefühlswelt mit selbstironischem Humor und ständigen Witzeleien, die tatsächlich humorvoll sind, in der täglichen Konzentration dann manchmal sowohl ihrer Umgebung wie auch mir als Leserin hie und da fast zu viel, also ‚too much’ waren. Aber Laura Steven, die Autorin aus der nördlichsten Stadt Englands, ist selber Jahrgang 1992 und kennt sich in der Szene noch sehr gut aus. Warum sie allerdings die Handlung in den USA und nicht in England spielen lässt, wurde mir nicht ganz klar. Aber das ist unwichtig, denn die Szenerie stimmt, die jungen Leute an der Schule sind noch mehr als mit dem Lehrstoff mit Sex, Partys und Beziehungsproblemen beschäftigt.

Ausgrenzung durch Sprache

Laura Steven - Glarean Magazin
Laura Steven (geb. 1992)

Das könnte in jedem Kioskroman vorkommen, wäre da nicht diese tatsächlich witzige, meist sogar geistreiche Sprache der Hauptprotagonistin, wie sie sich ihrem Tagebuch während einem Monat anvertraut. Und aus einer Beobachterperspektive lernen wir zuerst Izzys beste Freundin Ajita und den Freund schon aus dem Kindergarten Danny kennen, mit denen sie herumzieht, die Welt mit kritischem Blick betrachtet und in Gesprächen kommentiert. Ihre eigenen, verletzlichen Gefühle versteckt Izzy hinter schnödem Sarkasmus, der ihr einerseits hilft und sie innerlich stärkt, aber sie in Gesellschaft von anderen Jugendlichen in die Bitch-Ecke stellt.

Zwischen Sexualität und Cybermobbing

Neben der nach aussen derben Sprache und scheinbar abgebrühten Sexualität werden aber auch sehr zarte Liebesgefühle beschrieben, die anrühren und die Spannweite zwischen unserer vollkommen sexualisierten Welt und der Verletzlichkeit von echten Gefühlen, Erwartungen, Unsicherheiten und freundschaftlichen Banden aufzeigen. Und plötzlich kippt dieses Spiel in ein schlimmes Cybermobbing, indem gedankenlos Fotos manipuliert werden und zu einer vernichtenden Waffe mutieren. Dies gehört leider auch bei uns zur Realität an Schulen, wobei das grossartige Internet missbraucht wird zu bösartigen Vernichtungsattacken.

Ungekünstelt-jugendliche Frische

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Das Buch hat mich angesprochen in seiner ungekünstelten, jugendlichen Frische, hat mich immer wieder amüsiert, wenn es auch stellenweise ein wenig zu lang geriet, aber es zeigt auf, dass Gerüchte im Internet die Zukunft verbauen und eine menschliche Psyche beschädigen können. Da schwingt kein erhobener Moralfinger mit, es entzaubert bloss den Wunsch, dass junge Menschen noch unverdorben, gut und nicht bösartig sind. Der Lebenskampf beginnt schon früh, auch innerhalb von Freundschaften.
Der englische Humor der jungen, gesellschaftlich sehr engagierten Autorin wurde von Henriette Zeltner hervorragend übersetzt. The Guardian schrieb über die Originalausgabe: „Witzig, geistreich, feministisch.“ Das lässt sich auch vom Transfer ins Deutsche behaupten. ♦

Laura Steven: Speak Up – Roman, 348 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28233-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jugend und Sexualität auch über den Roman von Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena

… sowie zum Thema Jugend und Sprache von Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

„Dass ich unentwegt stolpere…“

von Sigrid Grün

Sie war Karoline, Carola, Carlinchen, Barbara – Klabunds Frau, Brechts Muse und eine der berühmtesten deutschen Schauspielerinnen: Carola Neher, die 1900 als Karoline zur Welt kam und sich nach nichts mehr sehnte als nach den Brettern, die die Welt bedeuten. Charlotte Roth (Pseudonym von Charlotte Lyne) hat ihrem aufregenden Leben nun den Roman „Die Königin von Berlin“ gewidmet, der uns in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts entführt.

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)
Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Nach ihrer Ausbildung in einer Bank verlässt Karoline Neher Hals über Kopf ihre Mutter und ihren geliebten Bruder und reist von München nach Baden-Baden – eigentlich will sie nach Berlin, aber dafür reicht ihr Geld nicht. Ohne richtige Schauspielausbildung kommt sie nur in Pagenrollen zum Einsatz. Bald erweist sich das Theater in der Kurstadt als Sackgasse, und Karoline, die sich mittlerweile Carola genannt hat, landet wieder in München, wo der ersehnte Erfolg auch ausbleibt. In der bayerischen Landeshauptstadt trifft sie allerdings einen Mann, der zu einer Schlüsselfigur in ihrem Leben werden sollte: Bertolt Brecht. Ihm folgt sie bald auch nach Berlin, denn er sieht in der jungen Schauspielerin mehr als andere Regisseure, die ihr immer nur kleine Rollen geben.

Lebenslange Liebe zu Klabund

Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) 1930 - Glarean Magazin
Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) in Berlin Ende der 1920er Jahre

In Berlin genießt sie das freie Leben. Sie will sich nicht binden, bis sie eines Tages in der Straßenbahn einem hageren Mann mit Brille begegnet, der etwas in ihr zum Schwingen bringt. Alfred Henschke, genannt Klabund, ist zehn Jahre älter als Carola Neher und schwer an Tuberkulose erkrankt. Doch die Liebe zwischen den beiden reicht bis zu seinem Tod in Davos. An seinem Sterbebett gesteht ihm Carola: „Ich kann ein Biest sein, eine Plage, weil ich im Grunde nicht weiß, wie ein Mensch mit einem Menschen umgeht, aber ich bin verloren ohne dich. Du weißt, dass ich ohne dich keinen Fuß vor den anderen setzen kann, dass ich unentwegt stolpere.“

Seine Krankheit überschattet die ganze Beziehung. Klabund vergöttert Carola und lässt ihr alle Freiheiten: „Ich war einmal gar nicht so viel anders als du, dachte er. Ich bin es noch immer, ich möchte genau wie du eine Kerze sein, die an beiden Enden brennt und mir das Leben zum Feuerwerk macht. Meine Kerze ist nur schon ein bisschen zu kurz dafür, doch der Teufel soll mich frikassieren, wenn ich dir deswegen deinen Spaß verderbe.“
Er war Carola Nehers große Liebe. Doch ein weiterer Mann spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle im Leben der Schauspielerin. Bertolt Brecht schrieb ihr die Rolle der Polly Peachum aus der Dreigroschenoper auf den Leib. Das Stück und die Verfilmung Anfang der 30er Jahre, sollten ihre größten Triumphe werden, der Barbara-Song ihr Lied.

Rahmenhandlung in die 1970er Jahre verlegt

Charlotte Roth lässt eine spannende Zeit lebendig werden. Die Geschichte um die kurzen Leben von Klabund – er wurde nur 38 – und Carola Neher, die mit gerade mal 41 Jahren in einem sowjetischen Zwangsarbeiterlager starb, ist in eine Rahmenhandlung gebettet, die sich Ende der 70er Jahre in Edenkoben zuträgt, einem Ort, mit dem Neher verbunden war. Ein Fremder kommt in die Gemeinde, um etwas über die Vergangenheit von Carola zu erfahren. Wer der Mann ist, wird erst ganz zum Schluss klar.

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Roths Roman basiert auf zahlreichen Tatsachen und enthält natürlich auch Ausschmückungen. Besonders zu Beginn hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte einige Längen aufweise. Doch die Beziehung zwischen dem sympathischen Klabund und der Schauspielerin, die verletzlicher ist, als sie vorgibt zu sein, wird von der Autorin ganz wunderbar literarisch aufgearbeitet.
Charlotte Roth ist ein berührender und interessanter Roman über eine Schauspielerin gelungen, die mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist. In „Die Königin von Berlin“ werden eine Zeit und ein Lebensgefühl lebendig, die uns seit einem Jahrhundert faszinieren: „Die goldenen Zwanziger“. Eine schöne Lektüre, die ich allen ans Herz legen kann. ♦

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin – Sie war die Muse von Bertolt Brecht, Roman, 416 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28232-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den Roman von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

… sowie zum Thema Berlin über Susanne Schüssler (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung

Paula Irmschler: Superbusen (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Ironisches Überprüfen von Vorurteilen

von Horst-Dieter Radke

Nach dem Lesen des Romans „Superbusen“ von Paula Irmschler hat man das Gefühl, das sich zur Not auch in Chemnitz leben ließe, und dass eine Zeit jenseits von brauner Hetze auch für diese Stadt zumindest vorstellbar ist…

Paula Irmschler: Superbusen - Roman, 312 Seiten, Claassen, ISBN 978-3-546-10001-4
Paula Irmschler: Superbusen

Die Handlung von „Superbusen“ ist schnell erzählt: Junge Frau zieht nach Chemnitz um zu studieren, genauer: um Distanz zwischen sich und der Familie zu bringen. Das war früher, im Buch jedoch später. Es beginnt nämlich damit, dass die Protagonistin zurück nach Chemnitz will. Um ihr Studium endlich abzuschließen. Oder was anderes, was sie noch nicht so genau weiß. Immerhin klappt der Anschluss an die alte Clique wieder, und plötzlich gründet man eine Band und geht auf Tour. Nicht auf die große, sondern eher eine kleine spontane, bei der die Gage auch schon mal aus dem besteht, was die Leute in den Hut werfen. Der große Durchbruch bleibt aus, man geht wieder auseinander, will später weitermachen, doch davon erfährt man nichts genaues, denn vorher ist das Buch aus.

Wie Saufen mit der besten Freundin

Ein unangenehm oranger Aufkleber vorne auf dem Buch erklärt, dass das Buch wie Saufen mit der besten Freundin ist. Hinten gibt es ein kaum lesbares Zitat, dass von einem Pop-Roman spricht, den der Zitatgeber kaum noch für möglich gehalten hat. Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit.
Chemnitz ist vermutlich der letzte Ort, den sich eine Autorin oder ein Autor für einen Roman aussuchen sollte. Aber wie Paula Irmschler zeigt: Es funktioniert trotzdem. Insbesondere lockert es das Vorurteil, dass in Chemnitz nur braune Socken leben. Offensichtlich doch nicht, auch wenn sie manchmal in der Überzahl zu sein scheinen, zumindest bei Aufmärschen. Die Protagonistin ist gerne bei Gegendemos dabei und fühlt sich in der linken Szene verortet, was aber auch kein Zuckerschlecken ist. Die Mädelsband scheint die richtige Sache zu sein, um heil aus allem rauszukommen. Jedenfalls hat sie eine therapeutische Wirkung, denn auch die Traumatisierung, immer als „Dicke Randfigur“ zu gelten wird am Ende aufgelöst.

Ironie gegen Kitsch

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Dass das alles nicht zu einer superkitschigen Matsche gerät, ist der Ironie zu verdanken, mit der die Autorin ihre Protagonistin und das Begleitpersonal liebevoll ausgestattet hat, und die die kleinen Macken – zum Beispiel den Hang zum Ladendiebstahl oder die frühe Vorliebe für Britney Spears – nicht allzustark in den Mittelpunkt rücken lässt. Nach dem Lesen hat man das Gefühl, das sich zur Not auch in Chemnitz leben ließe, und dass eine Zeit jenseits von brauner Hetze auch für diese Stadt zumindest vorstellbar ist.

„Superbusen“ von Paula Irmschler ist ein subjektives und manchmal etwas langsames Buch, das sich trotzdem gut lesen lässt. Ich weiß nicht, ob man es vielleicht noch in zehn Jahren lesen möchte, ich empfehle deshalb, es jetzt zu lesen. Es motiviert, Vorurteile auf ihren Sinngehalt zu prüfen, und es erinnert daran, wie wichtig Freundschaften sind. ♦

Paula Irmschler: Superbusen – Roman, 312 Seiten, Claassen, ISBN 978-3-546-10001-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den DDR-Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel

Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen (Gedichte)

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Zu nahe an der Prosa

von Bernd Giehl

Wenn man die neuen (eher kurzen) Gedichte in „Flügel zum Nichtfliegen“ des Basler Schriftstellers Roger Monnerat nacheinander liest – sagen wir jeden Abend ein paar, was durchaus möglich ist -, dann stellt sich nach und nach der Eindruck ein, hier beschreibe einer ein Leben. Vermutlich sein eigenes, denn er scheint ziemlich vertraut damit zu sein.

Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen - Gedichte, 136 Seiten, Morio Verlag, ISBN 978-3-945424-77-3
Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen – Gedichte, Morio Verlag

Zumeist sind es alltägliche Situationen, die Monnerat beschreibt. Das erste Gedicht beginnt tatsächlich mit dem Aufwachen am Morgen, und das einzig Unerwartete ist, dass die Erde stehen bleibt, während der Protagonist aufsteht, obwohl er ihr doch befohlen hat, sich weiterzudrehen – aber daraus folgt nichts.

Und so geht es weiter. Manchmal stutzt man, so beim Gedicht Nr. 3, wo Monnerat seinen Garten beschreibt und plötzlich fragt: „Wie sähe unser Brunnen / für die toten Kinder aus?“
Aber das gehört natürlich dazu, denn eine Lyrik, die man immer weiterlesen kann, ohne auch nur einmal den Kopf zu heben und zu blinzeln, ist zumindest in der Moderne nicht vorgesehen.

Mit der Kawasaki nach Italien

Abgehoben sind die Gedichte jedenfalls nicht. Tankstellen kommen vor, eine Kawasaki 550, mit der der Protagonist nach Italien fährt, auch von Sexualität ist die Rede. Zitat:

66

Monotone Stunden auf der Autobahn.
Zigaretten angebrannt und hinübergereicht,
im Radio Musik, die wegrauscht und wiederkehrt.

Später kleine Städte, die Namen
gleich wieder vergessen,
aber vom letzten Mal erinnert, ein Bistro,
mit Spiegeln an den Wänden. Gegenüber ein Tabac
und unter Platanen alte Männer auf Stühlen
im langen steinernen Brunnentrog plantschen Kinder.

Petra Krause hat das gemocht. Werner Sauber,
auf dem Weg hinunter ans Meer.

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Eigentlich bräuchte es keine Zeilenbrüche. Es könnte auch der Anfang einer Reisebeschreibung sein. Nur die letzten beiden Zeilen irritieren, weil man nicht weiß, ob das eine Erinnerung an Menschen ist, die man nicht kennt, oder eine Metapher, die man nicht versteht.

Manchmal setzt Monnerat sich auch mit der Lyrik anderer Dichter auseinander. So zum Beispiel in Gedicht Nr. 75 mit William Carlos Williams berühmtem Poem So much depends on a red wheel barrow:

75

Ob viel von der mit Regenwasser
gefüllten roten Stoßkarette
unter weißen Hühnern
abhängt, ist Ansichtssache

Gut gemacht scheint mir
Cyrano de Bergeracs Nachtigall
die, auf einem hohen Ast sitzend,
sich tief unten im hellen Bach
zwischen den Steinen gespiegelt sieht
und glaubt, sie sei ertrunken.

Gewiss kann man über Williams‘ Gedicht diskutieren, weil es so kurz und scheinbar banal ist, aber ob man darüber wiederum ein Gedicht schreiben sollte, erscheint mir doch fragwürdig.
Andere Gedichte erzählen in kurzen Skizzen von Erfahrungen, die fast jeder kennt:

81

Wo ein Haus zwischen Birken steht
Und Wäsche aufgespannt an der Leine hängt
Werfe ich die Last ab und will bleiben.

Du stehst am Fenster und siehst mich mit Erstaunen.

Kennst du mich noch?

Gibt es einen anderen?

Hast du Kinder? Und wie viele?

Vor der Garage steht ein Motorrad.
Fahrräder liegen im Gras.

Ich schultere meine Last und gehe.

Das Wiedersehen mit Menschen, die man einmal geliebt hat, ist ein bekanntes Thema in der Literatur. Monnerat hätte zweifellos mehr daraus machen können; Wenn man das Bild von der „Last“ abzieht, könnte das auch „nur“ eine Kurz- bzw. Kürzestgeschichte sein.

Wahrscheinlich ist es dies, das mich stört: Monnerats Gedichte scheinen mir zu wenig verdichtet, zu nah an der Prosa zu sein. Mehr oder weniger sind es plane Alltäglichkeiten, ausgehend von einer Beobachtung oder einem Gedanken – und oft steht am Ende die Moral von der Geschicht‘.
Man kann sich damit zufriedengeben. Für mein Empfinden ist es ein bisschen zu wenig. ♦

Roger Monnerat: Flügel zum Nichtfliegen – Gedichte, 136 Seiten, Morio Verlag, ISBN 978-3-945424-77-3

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Gedichte auch über Jörg Schieke: Antiphonia

… sowie über den Lyrik-Band von Peter Klusen: Augenzwinkernd

Gerwin van der Werf: Der Anhalter (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Ein Mann geht durch die Wand

von Christian Busch

Der neue Roman von Gerwin van der Werf „Der Anhalter“ nimmt ein beliebtes und unerschöpfliches Motiv der Literatur auf: Das Wandern und Reisen. Allerdings entkleidet der Autor seine Protagonisten allen romantisierend-verklärten „Fernwehs“, das Buch hält teils psychologisch schwer verdauliche Kost parat.

Gerwin van der Werf: Der Anhalter - Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669
Gerwin van der Werf: Der Anhalter – Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669

Schon in der Antike brach Homers Odysseus voller Tatendrank von Ithaka zu seinen Irrfahrten auf, um vieler Menschen Städte zu sehen, von deren Sitten zu lernen, seine Seele zu retten und dabei auch viele Leiden zu erdulden. Im Mittelalter wurde in entfernte Wallfahrtsorte gepilgert, um Seelenheil und Weltkenntnis zu erlangen. Der kleine Landadelige Alonso Quijano beschloss als fahrender Ritter Ruhm zu erwerben und in die Welt hinaus zu ziehen, um als „Ritter von der traurigen Gestalt“ zurückzukehren. Die Romantiker zog es – von Goethes „italienischer Reise“, der glücklichsten Zeit seines Lebens, inspiriert – in den Süden, um dort über die Befreiung ihrer Seele die Vervollkommnung ihrer Kunst zu erlangen, wogegen Thomas Manns Gustav von Aschenbach in Venedig den Tod fand. Kurzum: Das Motiv des Wanderns und Reisens gehört zu den beliebten und unerschöpflichen der Literatur, denn wie Matthias Claudius schon vielsagend besang: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“.

Selbstzweifel und Ohnmacht

Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)
Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)

Auf solchen Spuren wandelt auch der neue Roman „Der Anhalter“ des niederländischen Autors Gerwin van der Werf, indem dieser seinen Protagonisten Tiddo in den höchsten Norden – die graue, karge, von Vulkankratern und Gletscherzungen durchzogene Mondlandschaft Islands – schickt. So wie seine namhaften Vorbilder verspricht sich auch Tiddo, der mit seiner Frau Isa und seinem Sohn Jonathan in einem Wohnmobil auf Tour geht, von der Reise viel; es soll schließlich die Reise ihres Lebens werden. Es gilt seine in einer Krise befindliche Ehe zu retten und wieder einen Zugang zu seinem Sohn Jonathan zu finden, einem zeichnenden, zum Sonderling heranwachsenden Dreizehnjährigen. Isa, die hübsche, attraktive und erfolgreiche Wissenschaftlerin und Tiddo, nur einer anspruchslosen Bürotätigkeit frönend, haben eine Fehlgeburt ihres zweiten Kindes nicht verarbeiten können und sich auseinandergelebt. Tiddo, der Isa nach wie vor begehrt, quälen Selbstzweifel und Ohnmacht, während ihm seine Familie entgleitet.

Inmitten von Geysiren und Schotterwüsten

Ob die beiden allerdings in der eisigen, unwirtlichen Wildnis des mystischen Island auftauen, erscheint schon zu Beginn fraglich. Zur Beunruhigung trägt auch bei, dass Tiddos Mutter vor und während der Reise telefonisch nicht erreichbar ist. In der aus der Ich-Perspektive Tiddos erzählten Geschichte taucht dann ein junger Anhalter auf. Er heißt Svein, ein nordischer Riese, den, wenn er sich die Strähne aus den blonden Haaren wischt, eine lässige und faszinierende Schönheit auszeichnet, findet Tiddo – und später auch Isa.

Island - Vulkangestein und Gletscherzungen - Glarean Magazin
Mystische Küstenlandschaft mit Vulkangestein und Gletscherzungen: Island

Obwohl Svein es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und der Kleinfamilie hie und da lästig wird, gelingt es nicht ihn abzuschütteln, verkörpert er doch in seinem ganzen Wesen das Element des Wegweisers, Initiators und Verführers, das der fast kommunikationslosen Kleinfamilie zu fehlen scheint, sie aber auch in ihren Grundfesten erschüttert. Soweit der vielversprechende, tragfähige und erzählerisch gekonnt in die mystische und rätselhafte Küsten- und Berglandschaft von Geysiren, Seen, Trollen und Stein- und Schotterwüsten eingebettete Plot.

Nicht erbaulich, aber künstlerisch stimmig

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Ohne das Ende verraten zu wollen – im Einband findet sich bereits der Hinweis auf Tiddos halsbrecherische Fahrt zum Kratersee Öskjuvatn – muss man festhalten, dass Werfs Roman nicht leicht verdaulich ist und dem Leser so manches Rätsel aufgibt. Hat der Autor seinen Plot bewältigt? Oder hat er – ebenso wie seine Erzählerfigur Tiddo – bereits vor der Reise die Flucht nach vorne angetreten und den Karren – im Stile eines an Egoshooter-Spiele erinnernden Amoklaufes – sprichwörtlich an die Wand gefahren und seine Geschichte wie ein Kartenhaus, quasi als Apotheose des Irrationalen, zusammenfallen lassen? Laufen die Erzählstränge um die Titelfigur Svein, aber auch um die unnahbare, mal alles beherrschende, dann zurückhaltende Isa und den ewig zeichnenden Jonathan – wie die Straßen Islands – ins Leere?
Dies ist für den Leser, der sich an gängigen Reise-Erzählungen orientiert, nicht erbaulich, aber künstlerisch – zwischen Folgerichtigkeit und Willkür pendelnd – durchaus stimmig. Spiegelt sich in Tiddos Griff zur Brechstange die bedingungslose Kapitulation, die gleiche Lust am Untergang wider, die schon dem dekadenten Gustav von Aschenbach in Venedig zum Verhängnis wird?

Gegenentwurf zur romantischen Reiseliteratur

Gerwin van der Werfs Roman „Der Anhalter“ kann auf Grund seiner erzählerischen Qualitäten und seines soliden Plots künstlerisch überzeugen. Die Frage, ob er seine Identifikationsfigur Tiddo nicht psychologisch stimmig, sondern marionettenhaft demontiert, darf gestellt werden. In jedem Fall stellt van der Werfs unbedingt lesenswerter Roman einen konsequenten Gegenentwurf zu der Reiseliteratur der romantisch verklärten Italiensehnsucht dar. Tiddo ist ein an Max Frischs Helden (Stiller, homo faber) erinnernder Antiheld, ein männlicher Versager, der, unfähig seine eigene Gefühlswand zu durchbrechen, durch die äußeren Wände geht – und womöglich doch besser nach Italien gefahren wäre. ♦

Gerwin van der Werf: Der Anhalter – Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Krimi-Roman von Susanne Goga: Der Ballhausmörder

Susanne Goga: Der Ballhausmörder (Kriminalroman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 3 Minuten

Zeitportait – Weichspülgang oder Entschleunigung?

von Isabelle Klein

Vielfalt statt Tanz auf dem Vulkan, das ist der Anspruch, dem sich die Autorin Susanne Goga in ihrem neuen Krimi „Der Ballhausmörder“ gemäss Klappentext stellt. Und doch scheitert sie an einer spannenden, sich entwickelnden und runden Darstellung in diesem siebten „Fall für Leo Wechsler“.

Die Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sind spätestens seit Kutschers Verfilmung des „Nassen Fisches“ unter dem TV-Serientitel „Babylon Berlin“ in aller Munde. Exzesse, Superlative, Pomp. Laster und schnelle Schnitte, so ist’s dem Mainstream wohl am liebsten – aber weniger ist mehr. Insofern hebt sich Goga mit ihrem Anliegen und ihrer Serie, die immerhin 2005 mit „Leo Wechsler“ premierte, also zwei Jahre vor Kurschers Erstling um Gereon Rath, wohltuend ab.

Susanne Goga - Der Ballhausmörder - Kriminalroman - dtv-Verlag - Literaturrezensionen GLAREAN MAGAZINEs fängt gelungen an. Ein stimmungsvoller Abend in Clärchens Ballhaus mit all den Nöten und Freuden der Besucher und Bediensteten mündet in einen tragischen Mord, Folge einer Verwechslung, wie recht schnell klar wird. Doch die stimmige Exposition, die mit Lunapark, Ballhäusern, Saalschwestern, Ringvereinen und einer spannenden Eingangslage starten kann, wird schnell obsolet, verliert sich im langatmigen und ereignislosen Spurensuchen, das mehr oder weniger zufällig zum Ergebnis führen. Ein Bonbonpapier als ausschlaggebendens Indiz, dazu eine recht offensichtlich konstruierte Fährte in Verbindung mit Wechslers Tochter – das ist zu schwach für einen guten Krimi.

Susanne Goga - Krimi-Autorin - Schriftstellerin - Glarean Magazin
Susanne Goga

Und Susanne Goga kann es fraglos besser: In „Nachts am Askanischen Platz“ gelang es ihr, das „cozy“ Erscheinungsbild ihrer ersten Romane, die definitiv eher an die weibliche Leserschaft gerichtet sind, aufzubrechen. Tiefer die Abgründe und Gefühle dort, spannender die Krimihandlung und die Nebenschauplätze sowieso.

Ohne Flair für falsche Fährten

Wo bleibt hier das Flair des Ballhauses, wo bleiben die falschen Fährten und Verwicklungen, die andere so gelungen aufgreifen und vertiefen?
Ich denke an Angelika Felendas Kommissär Reitmeyer, der bislang in drei Fällen in München in den Zehner Jahren des 20. Jahrhunderts ermittelt, aber mit wesentlich mehr Alltagswissen und menschlicher Tiefe. Oder Robert Baurs mit „Mord in Metropolis“ beginnende, bislang dreiteilige Serie um einen Berliner Exkommissar und Privatdetektiv, der Wechslers Kollege hätte sein können, der brillant die Zeit und Umstände schildert. Ebenso wie Harald Gilbers, der selbiges zu Ende des Zweiten Weltkrieges ansiedelt (bislang vier Bände).

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Leider gelingt es Susanne Goga für meinen Geschmack nicht, diesen Fall glaubhaft und vor allem empathisch und spannend dem Leser nahezubringen. Auch wenn der Fall in sich logisch und stringent ist, mäandern wir bzw. Wechsler vor uns hin, ringen mit Beziehungsproblemen des vorübergehend strafversetzen und dadurch vollkommen aus der Spur geratenen Kollegen Walther, der den Tritt nicht mehr zu finden scheint.

Nur auf dem Papier, nicht im Kopf

Im zu erwartenden Band 8 wird er so wohl für noch mehr NS-Probleme stehen, die derzeit ja durch die Ex-HJ-Mitgliedschaft des Wechsler’schen Nachwuchses Georg stattfinden. Dies erinnert wiederum stark an die Probleme, die Gereon und Charlotte Rath mit ihrem Adoptivsohn haben.
Kurz: Die Figuren sind zu schematisch und dienen durchweg einem bestimmten Zweck, statt einfach für sich selbst zu stehen und sich sinnigerweise weiterzuentwickeln. Sie bleiben durchgängig dem Papier verhaftet, statt sich im Kopf des Lesers zu entwickeln. Clara, Magda und Wechslers Tochter bleiben schmückendes Beiwerk, ohne Substanz. Ebenso wie viele der zu Beginn Eingeführten um Clairchens Ballhaus. Auch der Mörder bleibt – trotz der psychologischen Unterfütterung und dem kurzen Blick ins Innere sowie einer sechs Jahre zurückliegenden Tat – eine Papierleiche, die alles zwar plausibel erscheinen lässt, aber emotional eindimensional und merkwürdig belanglos bleibt.
Kurz: 320 Seiten, die durchaus nett zu lesen sind, aber bei einem gewissen Anspruch und bei Vertrautheit mit der damaligen Zeit, den Lebensumständen und historischen Ereignissen nicht zu überzeugen vermögen. ♦

Susanne Goga: Der Ballhausmörder (Kriminalroman), 320 Seiten, dtv-Verlag, ISBN 978-3-423-21808-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den Krimi von Jo Nesbø: Messer (Komissar Harry Hole Band 12)

B. Zizek (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Die Universalien der Kulturen

von Heiner Brückner

Individuelle und gesellschaftliche Differenzerfahrung zeigt sich insbesondere im Umgang mit dem Fremden schlechthin als wertende Andersartigkeit. Ein neuer Symposiums-Band „Formen der Aneignung des Fremden“ der beiden Herausgeber Boris Zizek und Hanna N. Piepenbring thematisiert die Aneignungsmöglichkeit der den Kulturen gemeinsamen Universalien.

Erwartungsvoll begann ich mir die Diskursergüsse der theoretischen Auseinandersetzungen sowie durch empirische Fallbeispiele vereinten Erarbeitung über die Aneignung des Fremden außerhalb der eigenen Person anzueignen, erwartungsvoll schließe ich den Band. Möglicherweise taugen die beabsichtigten weiterführenden Aspekte des Fremdverstehens für eine gewisse Öffnung innerhalb von Fakultätsgrenzen zu einer akademischen interkulturellen Öffnung dem Fremden gegenüber. Als Resümee ergeben sich die Struktureigenschaften der Position des Fremden: Er erlebt eine Krise und Distanz zur neuen Gruppe, hat mehr Freiheiten, allerdings auch mehr Risiken und erschließt sich die Umwelt konstruierend durch eigene Sinngebung.

Bekannte Kernaussagen in neuen Wörterhülsen

Boris Zizek - Hanna Piepenbring - Formen der Aneignung des Fremden - Universitätsverlag Winter Heidelberg - Rezensionen Glarean MagazinIm Detail betrachtet, werden in diesem Symposiums-Band des „Zentrums für Interkulturelle Studien zur Erforschung globaler Kulturphänomene“ bekannte Kernaussagen mit neu geschliffenen Wörterhülsen bestückt. Das Erkenntnispulver ist nicht ausreichend, um eine Lunte zu befeuern, die einen nachhaltigen Wirkungstreffer auf der Veränderungszielscheibe explodieren lassen könnte. Das Fremde wird fremd bleiben, solange es Menschen gibt, die es als solches belassen oder als Gefährdung empfinden, denn akzeptieren und respektieren der Würde jeden Subjektes verlangt eigene Standhaftigkeit und angemessenes Zurücknehmen seiner selbst.
Der 10. Band der Schriftenreihe Intercultural Studies nimmt flüchtig als lyrisches Exempel das Gedicht „Der Fischer“ von Johann Wolfgang Goethe unter die Lupe, das Wasser nicht als Chemikalie beschreibt, sondern als mit Lebensbezug Erfahrenes gestaltet. Darin scheint nicht das Fremde so fremd, sondern vielmehr ist die Person mit dem Fremden des ihr Vertrauten beschäftigt.

Der Ethnologie-Begriff in der Historie

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Wurzelnd auf dem Kolonialherren-Denken wird – historisch fokussiert – Ethnologie zum Schlagwort. Es entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der inneren Befremdung durch die kulturelle Stufenentwicklung zum Händler, der beweglicher ist, weil er nicht an Traditionen gebunden zu sein scheint. Im Mittelalter seien die intellektuellen Fähigkeiten zur Völkerverständigung geschaffen worden (Todorov). Doch subjektive Aneignung ist mehr, als ein Studienaufenthalt in einem fremden Land vermitteln kann.
Im 20. Jahrhundert begünstigt der Beginn expliziter theoretischer Auseinandersetzung mit dem Fremden das Verständnis vom Grenzgänger oder Immigranten bis hin zur Destruktion „sozialer Exterritorialität“, nämlich einer „Soziologie der Vernichtungslager“ in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung

Als Formen der Verkörperung, um das Fremde als an sich kulturelles und erlerntes Konstrukt in Alltagssituationen zu überwinden, werden Elemente der „Martial Arts“ angeführt und methodologisch eine Lücke im deutschen Forschungsdiskurs zur Kulturabhängigkeit in den Grenzen der Biographieforschung aufgedeckt. Der Beitrag über die „Marokko-Reise Eugène Delacroix’“ versteht darüber hinaus künstlerisches Handeln als eine gesteigerte Form der Aneignung.

Formen der Aneignung des Fremden - Interkulturen - Anpassung - Bevölkerung - Rezensionen Glarean Magazin
„Neues Fremdsein aufgrund von Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung“

Die sozialwissenschaftliche Perspektive unterscheidet zwischen drastischer Inhumanität innerhalb der Menschheitsgeschichte und empathischer Offenheit und erwähnt die moralische Seite der Begegnung mit dem Fremden vom Einfluss frühkindlicher Fremd-Erfahrungen.
Das 21. Jahrhundert wird mittels Feldforschung exemplifiziert, einmal anhand der subkulturellen indischen HipHop-Szene. Und auch am Beispiel koreanischer Remigranten von Krankenschwestern und Bergarbeitern, die in den 60er und 70er Jahren von der BRD angeworben worden waren, wird deutlich, dass nach einer Überanpassung ein neues Fremdsein geänderter Werte zu keiner versöhnenden Verschmelzung führt.

Partielle Assimilation unabdingbar

In einer subjekttheoretischen Analyse gelangt der Autor zu der Einsicht, dass eine partielle Assimilation unabdingbar ist, um in einem fremden Milieu zu bestehen. Die Merkmale Objektivität und (zweifelhafte) Loyalität als Grenzgänger oder Immigrant, können durch Assimilation dazu führen den eigenen Status zu verlieren oder innerhalb der Ursprungsgruppen ewige Randexistenz zu bleiben.
Für die akute aktuelle gesellschaftliche Lage in der Migrations-Debatte reißen die vorliegenden internationalen Beiträge aus sozial- und erziehungswissenschaftlicher, psychologischer, linguistischer und historischer Perspektive wichtige Aspekte an. Sie verdeutlichen darüber hinaus die Komplexität, die der gesellschaftliche Aneignungsprozess erfordert. Mehr aber nicht. ♦

Boris Zizek, Hanna N. Piepenbring (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden, 180 Seiten, Universitätsverlag Winter Heidelberg, ISBN 978-3-8253-4687-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Interkulturelle Anpassung auch über Adibeli Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie zum Thema Kultur-Aneignung den Essay von Rolf Stolz: Die Kultur-Utopie Europa

Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen (Roman)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Overkill des Widerwärtigen

von Isabelle Klein

Dass Jean-Christophe Grangé ein Meister der Extreme ist, ist nichts Neues. Mord, Perversion, das Hinabtauchen in die Welt des Bösen, Lasterhaften, der Monstrositäten – das ist sein Metier, perfektioniert über viele Jahre und Bücher hinweg.
Und doch hat er seinen Zenit längst überschritten, wie sein jüngster Roman „Die Fesseln des Bösen“ beweist. Weit entfernt von „Flug der Störche“ oder „Schwarzes Herz der Hölle“ ist der neue Grangé ein Grenzgänger, auf vielfältige Art und Weise…

Paris und der Mord an zwei Stripperinnen der Edelkaschemme „Le Squonk“ bilden das Szenario der Widerwärtigkeiten besonderen Ausmaßes. Ein Mix verschiedenster Abartigkeiten führt unseren Antihelden Stéphane Corso, selbst im Zweifel über seine Daseinsberechtigung, zu Abgründen, die sogar für den erfahrenen Pariser Ermittler zu nah am Wahnsinn verortet scheinen.
Dabei fängt alles so Grangé-typisch schauderhaft schön an. Wir müssen diesmal nicht in das finstere Herz durch verschiedene Länder reisen, sondern befinden uns mitten in Paris, dem Pfuhl der Lasterhaftigkeit. Eine junge Stripperin, brutal ermordet, der Leichnam mit der Unterwäsche gefesselt, achtlos entsorgt. Die Art der Entstellung (vom Mund bis zu den Ohren aufgeschlitzte Wangen, ein postmortales Grinsen erweckt durch einen in die Kehle gestopften Stein) lässt denken an Munchs „Der Schrei“ oder an den Noir-Roman „Die schwarze Dahlie“ von James Ellroy bzw. an dessen Verfilmung durch Brian de Palmas.

Triebtäter mit extremer SM-Gangart

Jean-Christophe Grange - Die Fesseln des Bösen - Thriller - Buch-Cover - Literatur-Rezensionen Glarean MagazinEin Triebtäter? Als eine zweite, gleichermaßen entstellte Leiche aufgefunden wird, ebenfalls eine Angestellte des „Le Squonk“, ermittelt Corso mit seinem Team aus Freaks und Genies unter Hochdruck.
Über japanische Fesselkunst – „Die Wahrheit des Blutes“ inkl. Reminiszenzen an Japan lassen grüßen – und spanische Malerei des 18. Jahrhunderts (Goyas „Pinturas rojas„) bis hin zu sexuellen Devianzen und extremen SM-Gangarten lässt Grangé diesmal nichts aus.
Warum, stellt sich die Frage? Um den Mainstream zu bedienen und den übersättigten und gelangweilten Leser mit exorbitanten Widerlichkeiten hinter dem Thriller-Einheitsbrei hervorzulocken? Mehr ist mehr? Für mein Gusto überhaupt nicht, eher verschreckt das.

Keine regelkonforme Polizeiarbeit

Es fängt düster an im ersten Teil, man ermittelt in verschiedene Richtungen. Unser Antiheld ist von der Vergangenheit zerfressen; von Dämonen heimgesucht, übertreibt er es mit der Gewalt. Regelkonforme Polizeiarbeit ist inexistent. Leider verliert Corso wie auch das ganze Geschehen bald jede Glaubwürdigkeit.
Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, im zweiten Teil entpuppt sich ein stringentes Katz- und Mausspiel, das wie überhaupt die ganze Handlung in sich logisch erscheint.

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Das große Manko liegt – neben einer gewissen Verliebtheit ins Widerliche – v.a. in der absoluten Überfrachtung, die spätestens in dritten Teil mehr als deutlich wird. Muss eine Erkenntnis und ein Turn gleich den nächsten Twist stehenden Fußes jagen? Muss man Charaktere so konzipieren, dass sie nur plakative Widerlinge und Monster sind? Kann man das Publikum nur noch durch zu viele Cliffhanger wirklich fesseln? Willkommen, Generation Netflix. Als Miniserie würde sich die durchwegs dichotome Welt des Ermittlers Corso nebst seinem Antagonisten Philippe Sobieski – dieser ist das monströs widerliche Enfant terrible des Buches, Genie und Mörder, oder vielleicht doch nicht?) – wunderbar eignen.

Charaktere ohne Graustufen

Jean-Christophe Grange - Glarean Magazin
Mit einem Hang zur exzessiven Gewalt-Darstellung: Bestseller-Lieferant Jean-Christophe Grangé („Die purpurnen Flüsse“)

Graustufen scheinen inexistent, entweder nonstop böse, verkommen, dabei aber charismatisch verführerisch, wie der eben erwähnte „Sob le Tob“, bei dessen Charakterisierung Jean-Christoph Grangé aber viel zu sehr übertreibt. Frauen und Männer um ihn herum verkommen automatisch zu willigen Triebfolgenden. Grenzfälle des Erträglichen werden uns beispielsweise durch die Therapeutin eines der Opfer als übergestülpte Moral verkauft. Soll heißen: Es gibt per se nichts Böses (wie hier Nekrophilie); erst die Moral erschafft das Böse.
Gedankengänge mit Potential, wie z.B. die genetische Vererbung des geschilderten Wahnes, werden unglaubhaft „vor den Latz geknallt“ und wirken pathetisch. Generell wird der Überspitzung Tür und Tor geöffnet. Zeit für tiefergehende Betrachtung wesentlicher Elemente bleibt nicht. Ganz in Gegenteil: Unwichtiges Beiwerk wie die Ehe und die SM-Neigungen Corsos Ex Emiliya nimmt über Gebühr Platz ein. All das gipfelt in unübersehbaren Höchstformen im dritten Teil, der durchwegs nur noch zu Kopfschütteln führt.

Spannung mittels exzessivster Gewalt

Diese Rezension verwirrt Sie, weil sie recht assoziativ und wenig greifbar ist? Genau das ist der Eindruck, den dieses – keineswegs schlechte! – Buch in mir ausgelöst hat. Weiter ins Detail zu gehen, um das Unbehagen zu verdeutlichen, würde zu viel aufdecken und des Lesers Spannung schmälern, die vom Roman immerhin recht konstant aufrecht erhalten wird.
Fazit: Die Macht des Blutes trifft auf monströse Taten, die, weit zurückliegend, geplagte Seelen von Anfang an in den Abgrund treiben. Der neue Grangé unterhält streckenweise gut und knüpft an alte Zeiten an, verliert sich aber schnell in der exzessiven Betrachtung extremster Widerlichkeiten. Nichts für schwache Nerven. ♦

Jean-Christophe Grangé: Fesseln des Bösen, Roman-Thriller, 604 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 9783431041293

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Thriller-Roman auch über Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

… sowie zum Thema Französische Krimi-Literatur über Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat

Claus Eurich: Radikale Liebe (Albert Schweitzer)

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 5 Minuten

Herzensbildung als Menschheitsethik

von Heiner Brückner

Der emeritierte Hochschullehrer für Kommunikationswissenschaften und Ethik Prof. Dr. Claus Eurich betätigt sich weiterhin als Kontemplationslehrer und Buchautor. Sein neuestes, ambitiöses Werk ist „Radikale Liebe – Die Lebensethik Albert Schweitzers – Hoffnung für Mensch und Erde“. Anspruch und Inhalt dieser Schweitzer-Monographie klaffen allerdings weit auseinander.

Der Verlagstext verheißt einen „leuchtenden Hoffnungsstrahl für die Zukunft der Erde“ und behauptet, dass Albert Schweitzer „alles, was er sagte, selber lebte“. Auf Einzelheiten geht die Laudatio nicht näher ein. Der Autor verspricht im zweiten Teil seines Buches die propagierte „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Gegenwart zu holen und „uns den wohl einzigen Weg der Rettung“ zu zeigen.
Um es vorweg zu nehmen: Ermahnend ist Claus Eurichs Lobpreis auf den „Urwalddoktor von Lambarene“ zweifellos, überzeugend oder ermutigend ist der wortreiche Text keineswegs und schon gar nicht optimistisch gegenwartstauglich.

Claus Eurich - Radikale Liebe - Albert Schweitzer Monographie - Cover Via Nova Verlag - Rezension Glarean MagazinEs sei fünf nach zwölf, meint Autor Eurich und sieht in seiner Neuerscheinung „Radikale Liebe“ die Lebensethik des Friedensnobelpreisträgers von 1952, Albert Schweitzer, als den Erlösungsweg. Doch Eurich entwirft ein desaströses, destruktives Zeitszenario: „Und so steuert die Titanic mit dem Namen ,Homo sapiens‘ unbeirrt auf den Eisberg zu.“ Als Rettung bietet er die Theorien Albert Schweitzers mit dem Primat des Geistigen, der nur durch „unsere Vorstellung einer universalen Ethik“ seinen Sinn erhalte. Das kommt mir vor wie eine Geister-Scheinung, die bei mir aber keine Geist-Erscheinung, sondern Widerspruch und Unmut über die Allgemeinplätze und Paraphrasen hervorruft. Denn kurz darauf zitiert der Autor: „So, im Mitfühlen mit allen Geschöpfen und der entsprechenden ethischen Tat, verdient der Mensch erst den Namen Mensch.“

Gefesselt und geblendet von der Theorie

Albert Schweitzer beim Bach-Spiel an der Orgel - Original Columbia Masterworks 1952 - Glarean Magazin
Schweitzer beim Bach-Spielen an der Orgel – (Original Columbia Masterworks 1952)

Ich bezichtige ihn nicht der Sentimentalität, er scheint vielmehr gefesselt und geblendet von der Theorie, die er verficht, und nicht mehr in der Lage nachvollziehbar zu strukturieren, sondern landet immer wieder in den kurzschlüssigen Konklusionen seines selbstverliebten immanenten Denkschemas. Aufrüttelnd oder anrührend ist sein Gesinnungs-Hilferuf schon, aber nicht innovativ. Denn wer oder was ist der Rettungsengel, die Umkehr-Rettung?
Das intensiv gelobte und gehuldigte Übergenie Albert Schweitzer, der sich in nahezu allen wichtigen Lebensbereichen als Professor generalis gerierte, nämlich Theologe und Pfarrer, Musikwissenschaftler, Bach-Biograph, Orgelexperte, Konzertorganist, Mediziner, Kämpfer gegen Atomwaffen, Friedensnobelpreisträger, Philosoph, Ethiker, Kosmopolit, „schlichter Mensch und Diener der Mitgeschöpflichkeit“, war zu Lebzeiten auch ein Meister der Selbstinszenierung, hat sein Hospital nicht modernisiert, mit der Begründung von Tierliebe unhygienische Zustände zugelassen und einen kolonialen Führungsstil gepflegt.
Aus dem Elfenbeinturm einer Zitatenmühle antiquiert-nostalgischer Alma-Mater-Mentalität doziert Eurich in schwelgerischer Vorlesungsmanier und reiht die Widersprüchlichkeiten süffisant aneinander: „Dieses Fach in der Lebensschule trägt den Namen: Bildung des Herzens.“

Konkrete Lebensanhaltungspunkte vermieden

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Mit vagen Statements wie „Die Ethik der Ehrfurcht […] mischt sich in alles ein […] , wo dies notwendig ist“ vermeidet er konkrete Lebensanhaltspunkte überwiegend. Meine Geduld weiterzulesen war spätestens hier zu Ende, doch aus „Ehrfurcht“ vor dem Autor kämpfte ich mich auch durch die zweite Hälfte, denn da sollte es pragmatischer werden. Er verspricht die propagierte „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Gegenwart zu holen und „uns den wohl einzigen Weg der Rettung“ zu zeigen. Gelegentlich hält der Autor inne, um nicht falsch verstanden zu werden: „Menschheit als Schönheit in Entwicklung“, dann sofort aber hätten „wir das Gleichgewicht des Lebens so massiv gestört“ – “ […] dass das letztendlich im Suizid enden muss“. Und die Klage über den „schändlichen Umgang mit unseren nächsten Verwandten, den Tieren“, das Versagen der alten Ethik (sprich europäischen – außer Albert Schweitzer – anthroposophischen Nische). Schweitzer stellt er als „Pate der modernen Tierschutzbewegung“ heraus.

Flugschrift für die Renaissance eines Humanisten

Claus Eurich - Glarean Magazin
Autor Claus Eurich (geb. 1950)

Die kämpferische Flugschrift für die Renaissance eines verdienten Humanisten, allerdings in einer Art und Weise, die jenseits von wissenschaftlicher Sachlichkeit liegt, liest sich wie das Skript zu einem kontemplativen Entspannungs- und Vertiefungsseminar im „Kampf“ gegen das „Desaströse“ ohne akademischen Diskurs. Bezeichnend auch die persönliche Anrede an den Leser im Stil gewisser Ratgeber-Literatur: du („Fang an, … Lebe schon jetzt deinen Traum und dein Ideal, unbeirrt, dem Leben dienend.“).
Zwar wird vorwiegend auf die Predigt von Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ Februar 1919 rekurriert und aus dessen Ethik-Philosophie zitiert, aber durch die Auswahl und die verwirrende Aneinanderreihung ergeben sich Gegensätze, Widersprüche und gehäufte Wiederholungen, die mehr über den Geschmack oder die Vorliebe des Autor aussagen, als dass sie Schweitzers Theorie schlüssig erhellen. Wenn Eurich am Schluss als Resümee an Franz von Assisi erinnert, dessen Armut Albert Schweitzer in ein „neuzeitliches Gewand“ gekleidet habe, dann erhebt er ihn zum Heiligen oder schwächt sein beabsichtigtes Hofieren des Urwalddoktors ab.
Da möchte ich ihn an sein Zitat aus der Kulturphilosophie Schweitzers verweisen: „Wahre Ethik fängt an, wo der Gebrauch der Worte aufhört“ – und dann das Buch zuklappen… ♦

Claus Eurich: Radikale Liebe – Die Lebensethik Albert Schweizers – Hoffnung für Mensch und Erde, Sachbuch, 120 Seiten, ViaNova Verlag, ISBN 978-3-866-16473-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kulturgeschichte auch über den Essay von Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

Weitere Internet-Beiträge über Albert Schweitzer

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Viola Sanden: Playground Chess (Schach-Roman)

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Schach auf amourösen Pfaden

von Ralf Binnewirtz

Der Debütroman der Wuppertaler Autorin Viola Sanden (alias Manuela Sanne) „Playground Chess“ ist dem noch jungen New Adult-Genre zuzurechnen: In diesem Fall ein Liebesroman, der die Altersgruppe der etwa 18- bis 30-Jährigen im Visier hat. Das Ungewöhnliche an dieser Lovestory ist zweifellos deren allmähliche virtuelle Anbahnung auf einem Schachserver, wo schnelle Partien zwischen gemeinhin anonymen Kontrahenten ausgetragen werden.
Das in zarter Rosatönung gehaltene Buchcover ist durch ein attraktives Design marketingwirksam gestaltet und legt dem Betrachter nahe, dass eine vornehmlich weibliche Leserschaft angesprochen werden soll. Werfen wir einen kurzen Blick auf den Verlauf seiner Story.

Online Chess mit Nickname Caissa

Playground Chess - Berührt Geführt - Liebesroman Viola Sanden - Piper Verlag - Glarean MagazinCatrin (Cati), 28, studierte Ökotrophologin (also Ernährungswissenschaftlerin) aus Düsseldorf, ist seit einiger Zeit solo, nachdem sie sich von Daniel getrennt hat – der ihr nichtsdestotrotz ein Freund und Helfer in allen Lebenslagen geblieben ist und im Buch eine substanzielle Nebenrolle spielt. Letzteres gilt auch für Catrins beste Freundin Anett, die ihr Privatleben – weniger zurückhaltend und besonnen als Cati – mit häufigen kurzlebigen Affären anreichert.
Catrin spielt in ihrer Freizeit vorzugsweise Schach auf der Onlineplattform „Playground Chess“ (unter ihrem Nickname „Caissa“ – die Nymphe/Göttin des Schachs) und trifft dort auf den ihr schachlich weit überlegenen „Magnus“ (wem kommt da nicht sofort der amtierende norwegische Schachweltmeister in den Sinn?), der mit bürgerlichem Namen Jon heißt und als Lehrer für Englisch und Mathematik in Bonn lebt. Beide sind offenbar direkt voneinander angetan, Neugier und Faszination wachsen sukzessive im Verlauf einiger Wochen, katalysiert durch einen zunehmenden E-Mail-Austausch und durch begleitende Online-Chats. Aber die derart voneinander erlangten Eindrücke und Kenntnisse bleiben naturgemäß unvollständig oder unsicher, woran auch ein von Jon initiiertes „Game“, ein auf Ehrlichkeit beruhendes Frage-und-Antwort-Spiel zwecks gegenseitigen besseren Kennenlernens, nichts grundlegend ändert.

Virtuality vs Reality

Schach Liebe Sex - Chess Love - Glarean Magazin
Liebesnacht via Online-Schach: Virtuality oder Reality?

In diesem ersten Teil des Buchs, überschrieben mit Virtuality, wird somit ein merklicher Spannungsbogen erzeugt: Die Frage und die sich steigernde Erwartung, ob, wann, wo und wie den Wort-Spielereien im ausschließlich virtuellen Raum letztlich ein Nachspiel in der realen Welt folgt, harrt der Auflösung. Diese wird in Teil 2 des Romans – Reality – gegeben. Anhänger des Problemschachs mögen in diesem Kontext eine Schachkomposition assoziieren, bei der das virtuelle Spiel (Verführungen, Probespiele) zum reellen Spiel (eigentliche Lösung) hinführt, aber diese formale Analogie soll hier nicht überstrapaziert werden. Im Buch verabreden sich Catrin und Jon zu einem unverbindlichen Date in einem Kölner Hotel, und es kommt, wie es kommen muss: Das Treffen kulminiert in einer leidenschaftlichen Liebesnacht.

Viola Sanden - Manuela Sanne - Schriftstellerin - Playground Chess - Glarean Magazin
Unterhaltsam schreibend und intelligent konzipierend: Debüt-Romancière Viola Sanden (©Wynn Photodesign)

Aber alsbald ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, Jon versetzt Catrin bei einem anschließenden Date, und (mehr soll hier nicht verraten werden) letztlich bleibt es offen, ob die Beziehung langfristig Bestand haben kann. Wer ein Happy End à la Rosamunde Pilcher erwartet haben sollte, wird daher mehr oder weniger enttäuscht sein. Indes ist es aus Sicht des Rezensenten positiv zu werten, dass die Autorin keinen solch trivialen Schlusspunkt gesetzt hat. Zudem erhält sie sich die Option, in einem Folgeband die Geschichte von Catrin und Jon weiterzuspinnen, was sich natürlich anbietet, sofern sich dieser erste Band auch als kommerzieller Erfolg erweisen sollte.

Romanhandlung ohne Konflikte

FAZIT: „Playground Chess“ ist ein ungewöhnlicher Liebesroman, in dem sich das Online-Schach als Vehikel für eine Liebesaffäre entpuppt. Für die anfangs erwähnte Zielgruppe und diejenigen, die diese Art von Literatur mögen, verdient der unterhaltsame, gut geschriebene und intelligent konzipierte Roman sicherlich eine nachdrückliche Empfehlung. Und wer weiß, vielleicht wird die eine oder der andere durch die Lektüre angeregt, sich etwas näher mit dem königlichen Spiel zu befassen?

Die wesentlichen Figuren des Romans sind generell positiv gezeichnet und können als Sympathieträger gelten. Keinen Platz gibt es für den klassischen Bösewicht, der als Gegenspieler bedrohlich dazwischenfunkt und Unheil anrichten will. Ernste Konflikte sind in der Romanhandlung nicht vorgesehen. Die im Buch aufgebaute Spannung hält sich damit in gewissen Grenzen, wer atemberaubenden Thrill sucht, sollte zu anderen Büchern greifen.
Der Schreibstil der Autorin ist durchweg flüssig und leicht verständlich, der Satzbau übersichtlich, so dass das Lesepublikum ihren Gedankengängen mühelos folgen kann. Bei diversen Kapiteln wechselt die Erzählperspektive von der Ich-Erzählerin Catrin auf andere Protagonisten (Jon, Anett, Daniel), ein dramaturgisch geschickt eingesetztes Mittel, das uns die Sichtweise der anderen beteiligten Personen auf das Geschehen nahebringt. Da diese Kapitel jeweils durch den Namen des Erzählers in der Überschrift kenntlich gemacht sind, sollte dies keine Irritationen bei der Lektüre auslösen.

Schachwissen unnötig

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Ausgesprochen gefallen hat mir, dass die Autorin sämtlichen Kapiteln ein beziehungsreiches Zitat bzw. eine Weisheit von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vorangestellt hat, wofür sie offenbar nicht nur die Schachliteratur durchforsten musste. Als Auftakt zu ihrem Werk hat sie zudem ein Schachsonett von Christian Morgenstern reproduziert. Der insgesamt positive Eindruck wird noch durch den Befund gestützt, dass im Text bemerkenswert wenige Tippfehler verblieben sind. Erwähnt sei lediglich, dass der niederländische Schach-GM J. van der Wiel durch einen Buchstabendreher etwas unglücklich zu „van der Weil“ mutiert ist (S. 120 oben) – vielleicht eine Auswirkung der unseligen automatischen Rechtschreibkorrektur….

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Was die schachlichen Inhalte des Romans betrifft, so dürfen Schachfreunde nicht allzu viel Tiefgang erwarten. Dies ist offenbar der unausgesprochenen Forderung geschuldet, die Mehrheit einer schachunkundigen Leserschaft nicht durch übermäßiges Expertenwissen zu vergraulen. Playground Chess ist daher auch ohne spezifische Schachkenntnisse gut lesbar. Ansonsten scheint die Autorin in ihrem Schachwissen gefestigt, im Text sind ihr keine fundamentalen s(ch)achlichen Fehler unterlaufen. Dies ist erfreulich angesichts der bereits bestehenden schachbelletristischen Literatur, in der sich teils eklatante Fehler versammelt haben. ♦

Viola Sanden: Playground Chess – Berührt. Geführt, Roman, 212 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50264-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literatur und Schach auch über Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires (Schachroman)

… sowie zum Thema Online-Dating in der Romanliteratur über Anke Behrend: Fake Off!