Stefanie Schaefer: Bild-Meditation (Kurzprosa)

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Die Briefleserin

Meditation über ein Bild von Gabriel Metsu

Stefanie Schaefer

Gabriel Metsu: Brief-Leserin
Gabriel Metsu: Die Brief-Leserin

Das schäumende Blau der Wellen leckte an dem Schiff. Anfangs beinahe zärtlich wie ein Hund über die zum Streicheln ansetzenden Hände seines Herrchens, doch dann immer gieriger und gieriger. Sie stand reglos da, entblößte mit der rechten Hand das Bild von dem schweren, seiden schimmernden Vorhang, im linken Arm noch den Wassereimer haltend. Stand und betrachtete die Szenerie. Stand so lange, bis sich der türkisfarbene Himmel unter ihren ahnungsvollen Blicken verdüsterte und die immer größer werdenden Wellen mit dem immer kleiner werdenden Schiff ihr höhnisches Spiel trieben.
`Wie kommt es nur, dass ich die Entfernung, die zwischen uns liegt, nicht spüre? Ich spüre sie nicht, aber ich wünschte, ich würde es tun. Ich wünschte, ich würde dich nicht in Allem, was mich umgibt, erkennen! Zum Beispiel in der Art, wie das Licht in einem bestimmten Moment  in diesen Raum fällt und ihn mit deiner Fröhlichkeit und Güte erwärmt. In diesen Raum, der sonst durch die Gegenwart deiner Frau kleiner und enger wird, als er sich anfühlt. Der gleichermaßen erdrückt wird von ihren neidischen Blicken, die sich erbarmungslos auf jeden meiner Schritte, auf jede der hunderttausend Bewegungen heften, die ich tagtäglich beim Putzen, Waschen, Bügeln und Bettenmachen verrichte. (Mit einer Anmut, die einer Dienstmagd fern ist und die ihresgleichen sucht, wie du mir einmal zugeflüstert hast.) Nur jetzt ruhen ihre schweren Augen nicht auf mir, jetzt sitzt sie keine zwei Schritte entfernt auf einem Stuhl und liest deinen Brief. Ich kann ihre Kälte auf meinem Gesicht spüren. – Was schreibst du ihr? Worte der Liebe, des Vermissens, der großen Versprechungen, die sich nie erfüllen, weil der, der verspricht, vergisst, dass die Dinge sich ständig ändern; dass nichts Bestand hat. Wie gern würde ich  sicher sein können, dass es anders ist, dass das, was ich als wirklich empfinde, auch von dir als wirklich empfunden wird!`
Ihr Blick richtete sich unversehens wieder auf das Bild: Was würde er in ihm sehen? Die leicht bewegte See, auf dessen schäumend blauen Wellenkronen ein Schiffchen tanzt oder einen durch ein schreckliches Unwetter in Not geratenen Dampfer?
Ein plötzliches Rascheln riss sie aus ihren Gedankengängen. Die Hausherrin faltete den Brief ihres sich auf einer seiner Geschäftsreisen befindenden Mannes zusammen und steckte ihn in den Umschlag zurück. Die Dienstmagd begriff dies auch sogleich als Anlass, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Behutsam ließ sie den schweren, seiden schimmernden Vorhang wieder über das Bild gleiten. Da spürte sie plötzlich eine Berührung am rechten Bein. Es schien ihr, als ob der Hund des Hausherrn über ihre Wade gestrichen wäre. Doch die Berührung erwies sich als so flüchtig, dass man sich fragen könnte, ob sie nicht  nur eingebildet war. ■


Stefanie Schaefer

Geb. 1984 in Bühl/D, Studium der Neueren Deutschen Literatur und der Romanistik (Italienisch und Französisch) in Tübingen, Promotion 2010

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Otto Taufkirch: Sechs „Brachys“ (Mikro-Texte)

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Paare

Sicherheit

Die Brandung. Laut. Hoch. Es ist früher Nachmittag. Neumondzeit.
Sie steigen die Felsen hinunter. Das Licht ist grell. Weiß. Es kommt keine Welle wirklich ans Land. Hans und Ute glauben das. Immer, wenn sie ans Meer gehen. Das ist die letzte Sicherheit. Bevor sie ertrinken.
Irgendwann.

Sorgen

Sie stehen im Schnee. Es ist dunkel. Ein Zug ist ausgefallen. Der nächste hat Verspätung. Es schneit stärker. Zwei Frauen lachen. Dann kommt die Durchsage.
Verschoben auf unbestimmte Zeit. Witterungsbedingt. Es ist der Jahrestag der Bombennacht. Oder sonst einer Nacht. Sinnlos. Es ist sinnlos, sich Sorgen zu machen.

Tausend Schirme

Eine Burg. Bernd und Ilse auf dem Weg. Steil. Felsig. Kurven. Ein  von Bodenweiler wohnte da. Eng. Kalt. Oben  ein Turm. Verfallen. Ohne Halt. Ohne Zinnen. Ohne Geländer. Bernd steigt auf die Brüstung. Es ist Sonntag.
Im April. Sonnig. Bernd weiß es. Auch dass es steil ist. Es ist wie beim Löwenzahn. Wenn er stirbt, fliegen tausend Schirme.

Otto Taufkirch: Gouache
Otto Taufkirch: Gouache

Windstill

Es wird hell. Windstill.  Wir gehen ins Tal. Die Nacht hat keine Stimme.  Es ist Samstag morgen.
Martina hat Halsschmerzen. Auf dem Weg liegt eine  Ratte. Tot.
Ein toter Baum. Vorne schimmert das Wasser. Als Fläche. Hinten geht Max. Alleine. Später wird man sagen, er hat sich verlaufen. Ein Singular ist lange teilbar. So lange, bis Max gefunden wird.

Hilfe

Die Arkaden. Ein Mann. Eine weiße Bank. Ein Arm. Der Mann mit einem Arm. Ein Arm mit einem Mann. Ein Stock. Karl und Ute stehen davor.
Vor dem Stock. Vor dem Arm. Vor dem Mann. Es ist Montag. Die Kurpromenade ist leer. Der Mann glaubt nicht an Gott. Er hat seinen Stock. Seine Arkaden. Seinen Arm. Karl und Ute flüchten. In die Liebfrauenkirche.
Was immer das ist. Seit sie ein Licht angezündet haben, sind sie ruhiger.
Für jeden gibt es eine Hilfe.

Sei ohne Tun…

Es ist  Erntezeit, sagt Franz, wir müssen auf alles gefaßt sein.
Er hat es beim Frühstück gesagt, beiläufig, ohne Pathos.
Sie erinnert sich daran, viel später.
Dann kam alles auf einmal, zuerst der Seenebel, dann stürzte die Gartenmauer ein. Der Wind frischte auf.
Die Erntezeit nahm Franz mit. Auf die Reise. Er hatte das Marcumar abgesetzt. Er wollte es nicht mehr.
Der Fluß wurde gestoppt. Nichts was dann ungetan bliebe, sagt Lao Tse.


Otto TaufkirchOtto Taufkirch

Geb. 1942; Maler, Zeichner und Lyriker; zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, Italien, Frankreich und Portugal; diverse Lyrik-Publikationen; lebt in Lauf/D

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Nora B. Hagen: Das Fenster (Kurzprosa)

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Das Fenster

Nora B . Hagen

Ich muss dir erzählen, weißt du – ich muss dir das verständlich machen. Du kennst das ja gar nicht. Nehm ich zumindest an. Du kennst die Nacht nicht wie ich. Ruhelos ist die Stadt, in der Nacht. Du kriegst das nicht so mit, du hast zu wenig Zeit. Du beginnst deinen Tag und machst dies und das und bist den ganzen Tag eigentlich nur mit dir selbst beschäftigt. Und dann kommst du heim, machst die Glotze an, machst die Glotze aus, und dann gehst du schlafen.
Ich fahr‘ Taxi. Ich hab ganz oft die Nachtschicht. Die meisten Menschen verhalten sich nachts anders. Is‘ schon richtig so. Nachts ist es dunkler. Viel dunkler. Nachts trinken sie. Sie trinken wie die Blöden, du hörst sie doch, selbst wenn du in deinem Bett liegst, Straße rauf, Straße runter, grölen irgendein Zeug. Und glauben sie sind so toll, weißt du, verstehst du das, sie denken sie sind toll, dabei sind sie einfach nur laut. Und wollen damit irgendein dummes, junges Mädchen beeindrucken, das so viel gesoffen hat, dass sie’s halt auch lustig findet. Ekelhaft ist das. Keine Manieren. Wirklich. Die Nacht stinkt nach Fusel, in diesem Viertel. Und solche kommen dann an und wollen gefahren werden, und wenn sie ein Mädchen dabei haben, dann küssen sie sie, wenn sie wissen, dass ich in den Rückspiegel schaue. Ich fahre sie. Muss ja. Geld ist Geld. Ich tu so, als ob mich das nicht beeindruckt. Manchmal schreit einer, irgendwo, weit weg, du weißt nicht, warum. Oder er fängt an zu singen. Mitten auf der Straße, du weißt nicht mal, wer es ist. Oder ein Auto hält neben dir an, du denkst der hat da ne Dampfmaschine drin oder Mikrofone an seine Kolben gelegt, das scheppert und kracht durchs ganze Gehäuse. Nachts flimmert’s in den Zimmern, meistens gucken sie Pornos. Was ja eigentlich keiner wissen soll, dass man das so macht. Und dann lassen sie die Fenster auf, die Idioten. Sperrangelweit. Nee echt, ich kann dir sagen. Ich bin da ja sonst nich so, aber dieser Schund! Dass das alles so öffentlich sein muss. Is‘ wie ne Beleidigung, verstehst du, konstante Beleidigung. Ja, ich weiß, ich hab keine Freundin, keine Puppe, kein Bunny, nichts, nichts, nichts hab ich, ich hab nur die Nacht. Die Straßen, die ich mittlerweile auswendig weiß. Die alten Zeitungen, die sie tagsüber weggeworfen haben. Ganz oft auch verbrauchte Gesichter, verbrauchte Menschen, wie ein Rest Leben noch in ihren Augen funkelt, das ist schon unheimlich, aber man gewöhnt sich dran. Die steigen in mein Taxi ein und steigen wieder aus, und ich sehe sie nie wieder.
Und dann ist da so ein Fenster. Ein einziges, das gut ist. Manchmal geh ich nach der Schicht hin und schaue, ob Licht ist. Ob sie zu Hause ist. Ich will wissen, wie sie lebt. Wer sie ist. Wie sie denkt, was sie zum Frühstück isst, was sie liest, wie viele Sprachen sie spricht oder ob sie eher auf Klamotten steht. Sie ist so wundervoll, weißt du. Ich hab sie irgendwann zufällig getroffen, sie ist in mein Taxi gestiegen, wollte spät abends nach Hause, hatte ihr Portemonnaie dabei, aber nicht genug Geld, da hat sie’s geholt und ich hab unten gewartet, ich Idiot, hätt‘ ich’s ihr geschenkt, vielleicht hätte sie sich ja bedankt. Ich kann mich jetzt noch an ihre Hand erinnern. An ihre lackierten Fingernägel. Das war nur ganz kurz, als sie mir das Geld gegeben hat, da hat sie mich berührt. Ganz zufällig. Und jetzt – kann ich sie nicht mehr vergessen. Ich lebe von ihr. Sie sieht richtig gut aus, verstehst du, was ich meine, richtig gut. Und sie lebt alleine. Versteh ich nicht, wie so ne Frau alleine leben kann. Ich wär so gerne ihr Nachbar. Oder der Postbote. Ich bin nur so’n lumpiger Taxifahrer. Auf mich kommt’s nicht an, mich braucht sie nicht, verstehst du. Aber sie sieht richtig gut aus. Auch ohne Schminke.
Morgens, da geht sie aus dem Haus, ich hab sie mal getroffen, als ich die ganze Nacht gewartet hab, da war sie ganz ungeschminkt, du hast alle Müdigkeit gesehen, die Augen, die Schultern, wie müde das alles war, aber sie ist so schön, weißt du, das macht ihr gar nichts. Echt gar nichts. Sie hat mich nicht erkannt. Ich hab sie doch nach Hause gebracht, aber sie weiß nichts mehr von mir. Nachts, wenn ich dann frei hab, da steh ich manchmal vor ihrem Fenster. Einfach so. Gehst du zu ihr, gehst sie besuchen, denk ich mir. Und dann steh ich vor ihrem Fenster. Um zu sehen, ob sie zu Hause ist. Ich kann ja nicht wirklich was sehen, sie wohnt ja im zweiten Stock. Manchmal hat sie den Fernseher an. Ich seh, wie das flimmert. Wie das Licht wechselt. Ich will dann immer wissen, was läuft. Was sie interessiert. Ich bin ja nichts, ich bin ja nichts für sie, nichts Richtiges, nur so’n Taxifahrer. Einmal, nur einmal hab ich ihr Blumen geschickt. Von einem stillen Verehrer, drauf geschrieben auf so ’ne Karte. Ich hab’s eigentlich sofort bereut. Weil, wenn ich nur vor ihrem Fenster steh, dann passiert ja nichts, denk ich mir. Dann weiß sie nicht, dass ich da bin, dann stör ich sie nicht. Aber so Blumen – das geht eigentlich gar nicht. Da kriegt sie Angst. Und ich bin doch kein Verbrecher, weißt du. Das bin ich nicht, das will ich auch nicht sein. Ich geh ja nicht in ihr Haus. Kein Schritt über die Türschwelle, wenn ich nicht eingeladen werde, das ist doch kein Verbrechen? Oder? Nur da zu stehen?
Na gut. Ich geb’s ja zu. Ich hab ihre Nummer rausgefunden, sie steht im Telefonbuch. Ich kenn ihren Nachnamen. Kranich heißt sie. Wie der Vogel. Ich mag Kraniche. Kennst du dieses Gedicht, die Kraniche des Ibykus? Ist toll. Weiß nicht mehr, Schiller hat das glaub ich geschrieben, hab ich in der Schule gelernt. Lange her. Sie heißt Kranich. Ich denk mir manchmal aus, wie sie wohl mit Vornamen heißt, ob Anna oder Katharina oder Elvira. Und jetzt hab ich ihre Telefonnummer. Stimmt schon. Einmal hab ich angerufen. Da ging’s mir echt nicht so gut, und ich wollt einfach nur ganz normal reden, mit irgendwem, ich war voll weg, verstehst du? Zum Glück hat sie nicht abgenommen. Was hätt‘ ich ihr denn sagen sollen? Tschuldigung, ich hab mich verwählt? Ich krieg doch keinen Ton raus, wenn sie – weißt du, wie das ist, ständig an sie zu denken, jeden Tag, wenn du aufwachst, wenn du einkaufen gehst, wenn du arbeitest,  wenn du schlafen gehst, und du kriegst nicht einen verdammten Ton raus, wenn sie vor dir steht? Echt schlimm. Das schaff ich einfach nicht. Bin ich nicht der Typ für. Manchmal stell ich mich vor ihre Tür und stell mir so vor, wie ich auf sie aufpasse. Als Leibwächter sozusagen. Sie brauch‘ nur ein Wort zu sagen, schon dreh ich dem nächsten, der was von ihr will, den Arm auf den Rücken. Oder ihr persönlicher Chauffeur sein, in ner richtigen Nobelkarosse, und sie fragen: „Wo darf es hingehn, Mylady?“, und ihr die Tür aufhalten, das würde mir schon reichen. Dann würd ich sie jede Woche sehen. Direkt vor meinen Augen. Nur ihr die Hand reichen zum Aussteigen, das, weißt du, das wär so das, womit man genug bezahlt wär. Ich bin so, mir würd das reichen. Echt. Und sie ist so eine, da würd ich das machen. So ist das mit ihr, verstehst du? Sie ist wunderbar. Ein Engel. Und ganz alleine. Eigentlich kein Zustand ist das. Da muss eigentlich ein Prinz kommen, der sie heiratet. So wie im Märchen. Mit Rosen und so. In den sie sich auf den ersten Blick verknallt. So richtig, zack! Und fertig ist die Laube. Und ich, ich müsste ihn fahren, in meinem Chauffeur-Wagen müsst ich ihn zu ihr fahren, und ihnen zuhören, wenn sie sich lieben – wenn du weißt, sie verdient es -. Ich würde an ihrer Tür stehen und zuhören. Mehr nicht. Ich würde nichts tun. Nie im Leben. Davon würde sie auch nie etwas erfahren. Bestimmt nicht. Ich kann einfach nicht weg von ihr. Ich schaff’s nicht. Ich denk mir, das ist so, als wenn man einen Wagen fährt und gibt Gas und fährt durch alle Kurven, ohne anzuhalten, man kriegt die Bremse einfach nicht, sie geht nicht mehr, und man hat Angst vor dem nächsten Baum, der falsch steht, der im Weg ist, aber man fährt und fährt und fährt so lange, bis man sich schon fast diesen Baum wünscht, damit es vorbei ist – verstehst du das? Verstehst du?! ■


Nora B. Hagen - Glarean Magazin

Nora B. Hagen

Geb. 1982, verschiedene musikalische und literarische Aktivitäten, lebt als Studentin an der Musik-Hochschule in Münster/D

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Oliver Gassner: Freudiana 1 & 2

… sowie neue Texte von Werner K. Bliss: Poetische Mediationen

Beatrice Nunold: …und die Welt… (Groteske)

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…und die Welt ist eine Scheibe

Beatrice Nunold

„Verdammt, wo hatte ich so etwas schon gesehen?“ Ich starrte auf das hoch komplizierte Kachelmosaik. Unter meinen Füßen wanden sich verschlungene Knoten und Schlingen. „Quasikristalle1 , das sind Quasikristalle.“ Die Penroseparkettierung, auch mittelalterliche arabische Knotenornamente wiesen 5-, 8- oder 10-, sogar 12-zählige Rotationssymmetrien auf. Aber dies war das verwirrenste Muster, das mir je unter die Augen gekommen war. Mir schwindelte bei seinem Anblick und dem Versuch eine Ordnung zu erkennen. Von dem Mosaik ging ein diffuses Leuchten aus, als würden die wenigen Photonen, die sich bis hier her durchgeschlagen hatten, reflektiert. Undurchdringliche Finsternis überspannte das nicht enden wollende Plateau. Feiner Nieselregen streichelte mein Gesicht, durchfeuchtete Haar und Kleidung und verlieh den Mosaiken einen geheimnisvollen Schimmer. Da war Musik. Sie füllte meinen Kopf. Leise sphärische Klänge schwollen zu einer gewaltigen Symphonie an. Das kannte ich doch, wenn auch anders, einfacher, rockiger, – die Pea-Brains2, – mein Lieblingslied. Doch kein Dampfhammer-Havey-Metal-Sound dröhnte in meinem Schädel. Vielstimmige Obertöne weiteten mein Bewusstsein, dehnten es bis an die Grenze zur Auflösung, bis an die Schwelle zur Finsternis, die in meinem Hirn heraufzudämmern drohte:

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

„Morgenglanz …“

… im Quantenschaum …

„Esther!! Sieh dir das an …“

Ein Gott träumt…

„Ich glaube nicht, was ich da sehe!“

…den 3-Bran-Raum…

„Esther! Wach endlich auf!“
Tabahs Stimme wurde deutlicher. Der Obertonchor verstummte. Der Himmel lichtete sich. Das Fußbodenmosaik begann aus den Fugen zu geraten. Opaker Goldglanz brach zwischen den Rissen hervor. Ich glaubte zu stürzen. Der eigene Schrei gellte mir in den Ohren.
„Morgenglanz?! Wo bleibst du. Mallion! Schmeiß Esther aus dem Bett!“
Ein Rütteln ließ mein Bewusstsein wieder zum Zentrum meiner selbst zusammenzurren. Jemand schüttelte Goldstaub aus Kleidern und Haaren. Die Luft flirrte und während der Flitter zu nichts verging, erwuchs aus diesem Nichts eine Welt.
„Creatio ex nihilo“, hörte ich mich kommentieren.
„Esther, hey! Alles wieder senkrecht?“
Die Welt war lila. Nein, die Welt waren Merrylls Augen, seine lieben lila Augen, die mich besorgt anblickten. Die Corona seines wirren weißen Haares brachte die Sonne in meine Welt zurück.
„Du hast geträumt.“
„Ja, einen Traum aus Quantenschaum.“ Ich war immer noch benommen.

„Esther, komm endlich durch. Die Kapitänin wird auf der Brücke verlangt. Tabah flippt aus.“

„Was ist los, Tabah?“ fragte ich als wir die Brücke betraten. Der Kamarianer sah mich mit seinen schwarz schimmernden Augen fragend an. Er brauchte nichts zu sagen. Mein Blick klebte am Panoramaschirm. Einen Moment lang glaubte ich, mein Traum spuke noch in meinem Hirn.
Die Besatzung des kleinen Raumschiffs war versammelt. Ich spürte ihre Ratlosigkeit.
„Woher soll ich wissen, was das ist, – irgendeine Quasikristall-Gigantomanie, – keine Ahnung. Was meint unsere Astro-Archäologin?“
„So etwas habe ich schon mal gesehen, nur viel einfacher. Auf Terra, glaub ich, hat die Islamisch-arabische Kultur eine ähnliche Ornamentik hervorgebracht. Vergleichbares gibt es bei uns auf Kama oder auf Kathara, die Mosaiken der Tubanischa und bei vielen anderen Planetenkulturen. Quasikristalle sind quasiperiodisch. Ihre Periodizität wird erst in einem höherdimensionalen Raum verständlich. Mathematik ist universal. Ich nehme an, diverse Kulturen sind auf vergleichbare Lösungen gekommen. Aber so etwas Kompliziertes …. Und wer um alles im Multiversum parkettiert die schwarzen Tiefen des Kosmos? „Fenet schüttelte den Kopf.
Das Schiff schwebte über eine nicht enden wollende Plattform blau-goldener Mosaiken auf weißem Grund. Sie schimmerten fahl in der Weltraumnacht.
Ich starrte unverwandt auf den Schirm: „Computer, Pea-Brains, Neuwelt.“
„Morgenglanz, bist du komplett durchgeknallt?“
„Halt die Klappe, Tabah.“
Aus einer anfänglichen Geräuschekakophonie entspannen sich Töne zu Melodiefäden und woben einen komplexen Klangteppich, darüber konnte der Schwermetallrhythmus nicht hinwegdröhnen. Er hämmerte die verschlungene Melodie auf unsere eindimensionalen Hörgewohnheiten herunter.
„Komplexitätsreduktion.“
„Was? Morgenglanz, ich mach mir ernsthaft Sorgen …“
„Ruhe, Tabah!“

Eternity, die Frontfrau der Band erhob ihre Rockröhre:

Der Tag trägt Trauer,
Die Farben der Nacht,
Ein sanfter Schauer
Streichelt ihn sacht.
Sacht, sacht in den Farben der Nacht, in den Farben der Nacht.

Zum Refrain unterstützten die Jungs grölend ihre Sängerin.

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…

„Computer, stopp. Ich habe das schon einmal gesehen, – in meinem Traum und diese Musik gehört, nur sagen wir symphonischer, wie Sphärenklänge, – vielleicht eine Superstring-Sphärensymphonie.“
Das Bild auf dem Schirm änderte sich. In den Boden waren schmale, sehr lange Spitzbogenfenster eingelassen. Als wäre das nicht seltsam genug, zeigten diese in alle Richtungen. Hinter den Fensteröffnungen lauerte undurchdringliche Finsternis, manchmal gold-opak changierend.
„Entweder waren diese Baumeister total meschugge oder unfassbare Genies, oder beides,“ murmelte ich vor mich hin.
Am Horizont kam so etwas wie eine Barriere ins Bild. Vor uns wuchs eine gewaltige, das ganze Blickfeld ausfüllende Quasikristallmosaikmauer und verlor sich in der Schwärze des Alls. Gemauerte Lanzettfenster zeigten scheinbar willkürlich nach oben, unten, seitwärts als hätte das Bauwerk keine Ausrichtung. Wie bei Vexierbildern kippte hinter den Fenstern samtenes Dunkel in aufglänzendes Gold.
„Transzendenz ohne Transparenz wie der Goldgrund mittelalterlicher Bilder. Die Lichtundurchlässigkeit des Goldes bringt das düsterste Leuchten des Universums hervor. ‚Fürchtet den Tag des Herrn, denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht’, Amos ich weiß nicht was.“
Die anderen Schwiegen.
„Der barbarische Glanz des Goldes ist bloß der Widerschein seiner immanenten Dunkelheit oder doch der Vorschein des Herrn Tag. Auf Terra gibt es das alte lateinische Wort sacer. Es bedeutet sowohl heilig als auch verflucht.“
„Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin“, meldete sich Fenet, aber zabrach auf Kama oder empur auf Sumfar hat eine vergleichbare Bedeutung.“
Unter uns sahen wir gewaltige Portale. Aus komplizierten Knotenmustern wuchsen groteske Dämonen oder lösten sich in diese auf. Höllenfratzen mit weit aufgerissenen Augen und Mäulern glotzten eher verzweifelt als böse. Wie die Fenster so hatten die Tore keine bestimmte Ausrichtung. Die Horizont und Firmament ausfüllende Mauer, auf die wir zuhielten, zeigte das gleiche Bild.
Tabah erholte sich als erster von dem Anblick: „Wir sollten landen, Morgenglanz, und uns dieses absurde Bauwerk näher ansehen.“
„Noch nicht.“
Ich setzte mich auf meinen Kapitänssessel und steuerte das Schiff senkrecht die Mauer empor. Doch das schien nur so. Die Mauer wandelte sich zum Plateau. Ich drehte das Schiff um 180 Grad. Neben uns ragte das einstige Fußbodenmosaik als Mauer in die schwarze Höhe. Das Schiff setzte auf. Unsere Sensoren zeigten ausreichend Sauerstoff und Schwerkraft.
Fenet, Tabah, Mallion und ich standen auf dem Fußbodenmosaik, das wir zunächst als Mauer identifiziert hatten. Es nieselte und der Tag trug Trauer. Von den Mosaiken ging ein hoffnungsloses Leuchten aus, und doch war der fahle Schimmer wie ein Geschenk.
„Endzeitlicht, Abglanz der Vergänglichkeit.“ Meine Stimme klang rau und erstickt.
„Esther, mahnte mich Merryll, „hör auf zu orakeln.“
Vor unseren Füßen dehnte sich ein von unserer Position aus nicht zu überblickendes Fenster und gähnte goldschlierige Dunkelheit. Unwillkürlich wichen wir zurück und lenkten unsere Schritte auf ein Portal in der Mauer.
„Wenn es nicht so kunstvoll gearbeitet und so kompliziert gestaltet wäre, würde ich es als barbarisch bezeichnen.“
Während die Astro-Archäologin sprach, berührte sie mit ihre Hand das Tor. Geräuschlos sprang es nach innen auf und gab den Blick frei in einen riesigen Rundbau, umstanden von einem Säulenwald. Strebepfeiler schossen in die Höhe. Ich konnte nur ahnen, dass sie sich gleich der Euklidschen Parallelen irgendwo im Unendlichen treffen. Zusagen der Raum sei kathedralenhaft wäre eine Verniedlichung. Wir verharrten auf der Schwelle, winzige Wesen, schaudernd vor der bedrängenden Nähe des Unermesslichen. Buntes Licht brach durch den steinernen Forst, glimmte im Dunkel und wogte als farbiger Photonenschleier auf der Rotundenlichtung.
„Und das Licht fiel in die Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen“, ich hauchte die Worte. Abt Suger muss ähnlich überwältigt gewesen sein als er den Kirchenraum von St. Denis betrat. ‚Lux mirabilis et Continua’ …“
„Morgenglanz“, unterbrach mich Tabah, „Niemand außerhalb deines Provinzplaneten versteht den Provinzdialekt dieses Himmelkomikers oder kennt diesen Provinztempel.“
„Das ist nicht nötig,“ wandte Fenet ein. „In den meisten Planetenkulturen wird Licht als Epiphanie des göttlichen empfunden, als etwas Heiliges.“
„Ja,“ bestätigte Merryll, „denk an den Provinztempel der Warinda meines kleinen Provinzplaneten Kathara.“
Ich wollte die Rotunde betreten, zog meinen Fuß aber wieder zurück. Die Strebepfeiler spiegelten sich im Boden und schienen in der Tiefe zu loten, umflossen von einem wunderbar ununterbrochenen Glanz farbig gebrochenen Lichts.
„Esther, seit wann bist du so ängstlich oder wirst du plötzlich religiös. Ziehet eure Schuhe aus, ihr betretet heiligen Boden,“ lästerte Tabah, der mal wieder versuchte seine Ergriffenheit mit Coolness zu überspielen. Ich ignorierte ihn. Im Augenwinkel gewahrte ich, wie Fenet sich anschickte über die Schwelle zu treten.
„Nicht!“ Ich packte Thyra gerade noch am Arm.
„Trantasch kabir shun!“ ‚heilige Scheiße!’ fluchte sie in ihrer Muttersprache, und wich entsetzt mehrere Schritte zurück.
Da war kein spiegelnder Boden, sondern ein gähnender Abgrund. Die Säulen ragten in die Untiefe ebenso wie in die Höhe. Aber gab es überhaupt ein Unten und Oben. Die Tiefe des Abgrundes und die Tiefe des Alls sind ein- und dasselbe und nur für uns nicht das gleiche. Hier musste wahrlich niemand auf den Kopf gehen, um in den Abgrund des Himmels zu blicken.
„Dort“, sagte Merryll leise.
Eine Art Floß schwebte durch ein Spalier aus farbig gebrochenem Licht auf uns zu. Das Floß hielt an der Schwelle. Wir sahen uns an. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und verwehrte den Ängsten, die aus dem Untiefen meines Selbst empor krochen, besitzt von mir zu ergreifen. Vorsichtig betrat ich die schwebende Plattform. Sie trug mich, schwankte nicht einmal. Merryll und Tabah taten es mir gleich. Nur Fenet zögerte zunächst. Ich konnte sie gut verstehen. Keine Angst zu haben ist ein Zeichen von Phantasielosigkeit. Auch wenn dies hier unser Vorstellungsvermögen überforderte, die Einbildungskraft belebt selbst das Unvorstellbare mit Phantomen. Kein Bildverbot hat das je zu unterbinden vermocht. Tabah reichte Fenet die Hand und zog sie zu sich hinüber.

Das Floß schwebte durch das Photonenspalier.
„Don’t pay the ferrymen…,“ schoss es mir durch den Kopf und „Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren …“.
Hinter uns schlugen die Türflügen ins Schloss. Oh, Shit! Was hätte ich für einen Vergil gegeben. Sogar Charon, der die toten Seelen über den abgründigen Styx in den Hades schifft, wäre mir willkommen gewesen.
Musik stieg aus der Tiefe des Raumes empor, dieselbe die ich in meinem Traum vernommen hatte und deren Rockversion mir durch die P(ea)-Bra(i)ns vertraut war. Der Obertonchor hob an:

Der Tag trägt Trauer,
Die Farben der Nacht,

Nur mit Mühe gelang es mir mein Bewusstsein daran zu hindern in die Unendlichkeit auseinander zu driften.

Ein sanfter Schauer
Streichelt ihn sacht.

„Ohren zuhalten!“ schrie ich.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Der Sirenengesang klang jetzt etwas gedämpfter, aber er zerrte immer noch an den Neuronen.

Die Sonne hinkt auf ihrer Bahn.
Der Mond erbleicht.
Pan phantasiert im Fieberwahn.
Vergessen ist leicht.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Ich war jetzt in der Lage den Gesang zu orten.

Am Abgrund schlummert ein Stein.
Die Tiefe träumt Welten.
Quarks tanzten Ringelreihen
Als Dimensionen zerschellten.

Das Lichtspalier sang. Ich kann nicht sagen, dass dies zu meiner Beruhigung beitrug.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Manchmal glaubte ich schwache Formen zu erkennen.

Das Meer verdampft zu Silberschein.
Die Ferne geht verloren.
Schweigend rollt der Horizont sich ein.
Neuwelt wird geboren.

Was war das nur für eine Sprache. Seltsamerweise verstand ich sie.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum, im Quantenschaum…

„Protoglossa,“ dachte ich. „Protoglossa…“
Der Gesang verstummte.
„Ihre Gehirne sind für unsere Musik nicht ausgelegt,“ erklang ein melodisches Unisono.
Wir lösten die Hände von unseren Ohren.
„Ihre Hirne sind für unser Wissen nicht ausgelegt.“
Ich wollte protestieren, da sah ich, worauf wir zusteuerten. Auf einem schwebenden Mosaik ruhte ein Felsbrocken, ein Findling, – bizarr geformt als hätte ein wüster Äonensturm die rohe Materie erodiert.
„Protomaterie,“ schoss es mir durch den Kopf. „Nein, damit assoziierte ich bisher die Strings oder deren angeregte Schwingungszustände die Elementarteilchen. Dieser Fels schien so etwas wie ein heiliges Objekt zu sein, wie die Kaaba in Mekka. Das Floß legte an. Wir betraten die Mosaik-Plattform. Ich hörte Fenet neben mir zitieren: „Am Abgrund schlummert ein Stein, / die Tiefe träumt Welten …“
Da begann ich zu begreifen, oder nein, so etwas wie ein Begreifen ergriff mich und erschütterte mich bis ins Mark. Unsere Welt die Schaumgeborene. Ich fiel auf die Knie und starrte über den Rand in den Abgrund.
„Esther!“ Merrylls Stimme überschlug sich fast.
Ich hob mein Haupt und blickte in den Abgrund über mir. Finsternis und opakes Gold durchschienen von farbig gebrochenem Licht. „Das Xaos, Platons Chora3„, stammelte ich, „die Amme des Werdens“, das Bulk4, – dass ich das Erlebe!
Ich sah mich um. Schlanke Lichtgestalten umstanden uns. Merryll half mir auf.
„Die Prototopologie der Spin-Netze des Quantenschaums5 ist nicht diaphan.“ sprach es staunend aus mir.
„Nur der Weltraum ist durchscheinend.“
„Wer seid ihr?!“ hörte ich Merrylls verwunderte Frage.
„Wir sind das Licht der Welt. Wir sind das Unbegriffene der Finsternis. Wir sind die Hirten des Seins. Wir sind die Hüter der Endlichkeit. Wir sind die Wächter der Welt, die Engel, die Angeloi, die Karamir, die Marusch. Wir sind das Funkeln der Sterne und des Feuers Schein, das Leuchten in den Augen und das Licht der Vernunft. Wir sind die Grenzposten zur Unendlichkeit.“
Fenet bückte sich und zeichnete mit einem Finger das komplizierte Muster nach. Ein Penroseparkett war nur eine extrem einfache Variante dieses verschlungenen Quasikristallmosaiks.
„Eine dreidimensionale Projektion der unendlichen Tiefe, der All-Dimension aller Branenwelten, aller Zeit-Spiel-Räume der Multiversen, ein abstraktes Bild, stark vereinfacht, von dem, wovon niemand ein Bild sich machen kann, nicht einmal wir. Auch wir sind Gefangene der 3-dimensionalen flachen Scheibe, unserer 3-Branwelt, die unser Universum ist, so wie ihr und alle hadronische Materie.6 Unsere Welt, sie endet hier.“
Bei diesen Worten begannen die Lichtgestalten sich wieder in farbige Photonenschleier aufzulösen.
„Geht jetzt! Dies ist kein guter Ort für hadronische Wesen. Manchmal brechen die Dämme. Ein Multidimensionsstrudel, wir spüren ihn.“

Der Panik nahe sprangen wir auf das Floß. Ich betete zu allen mir bekannten Göttern und Götzen des Multiversums, das Floß möge schnell genug und das Tor wieder offen sein. Schon tauchte es vor uns auf. Es war geschlossen. Hinter uns ein Dröhnen, das unsere Trommelfelle zu zerreißen drohte. Wir wagten nicht uns umzudrehen. Ich ahnte das Aufreißen der sich um uns herum verdunkelnden Welt. Statt der Pforte dräute vor uns Finstergold. Wir schrieen wie aus einer Kehle als wir in die massiv wirkende Goldnacht rasten. Eine Melange von Gold und Schwärze stob an uns vorbei. Das Tor sprang auf. Das Floß rammte die Schwelle. Wir flogen in hohen Bogen auf den Mosaikboden. Hinter uns schlug krachend die Pforte zu. Ich rappelte mich hoch.
„Merryll!“
Er war in eines dieser Lanzettfenster gestürzt und versuchte sich herauszuziehen. Ich flog zu ihm, packte ihn unter den Axeln. Die anderen kamen zur Hilfe. Kaum hatte er festen Boden unter den Füßen, erschütterte ein Beben die Mosaikebene. Es fehlte nicht viel und wir wären gemeinsam in den Abgrund gestürzt, aus dem wir gerade meinen Liebsten befreit hatten. Ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte die Luft.
„Zum Schiff!“ Schrie ich.
Wir rannten um unser Leben.

Ich startete durch. Die Besatzung presste es in die Sitze. Aus dem Lautsprecher dröhnten die Pea-Brains. Vor uns öffnete sich ein Wurmloch. Wir tunnelten uns in heimeligere Gefilde unseres Provinzuniversums.
Ich drehte mich um. Merryll war grün im Gesicht, ein hübscher Kontrast zu seinen Lila Augen. Tamir Tabah grinste breit, umklammerte aber immer noch Fenets Hand.
„Puh, das war knapp! Dann doch lieber zerstrahlt im Quantennirwana als Verschollen oder Schlimmeres im Outback der Multiversen.“ Ich lachte und das Lachen befreite. „Und wo geht’s als nächstes hin? Wie wär’s mit immer der Nase nach von einem Rand unserer 3-Bran-Scheibenwelt zum anderen, – Ptolemäus revistet.“
„Waas?“ kam es wie aus einem Munde.
„Vergesst es, – Provinzgeschichte.“

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…


1 Quasikristalle sind scheinbar aperiodisch. Ihre Periodizität ist erst in einem höherdimensionalen Raum zu erkennen.

2 Wortspiel der Physiker: p-Brane ist lautgleich mit Pea-Brain, Erbsenhirn. Brane: von Membran. p-Brane: Lösung der Einsteinschen Gleichung E=mc². P-Branen expandieren in einige Richtungen unendlich. In einer Dimension wirkt eine p-Brane wie ein schwarzes Loch und fängt Objekte ein. P steht für die Anzahl der räumlichen Dimensionen.

3 Platon, Timaios, 49 a, vgl. 52 d.

4 Als Bulk (engl. Groß, Großsteil, Gros) wird der umfassende höherdimensionale Raum bezeichnet, in dem alle Branenwelten versammelt sind. Er ist die „Ortschaft aller Orte und Zeitspielräume“, von der Heidegger spricht, das griechische Xaos, der gähnende Abgrund und Platons Chora, die Tiefe, die Spalte oder Kluft.

5 Hätten wir die Möglichkeit, so geht die Theorie einiger Physiker, die Natur soweit zu vergrößern, dass selbst winzigste Strukturen mit Plank-Länge (10-35 m) sichtbar würden, löse sich die Kontinuität von Raum und Zeit auf und ein diskretes, gequanteltes Spin-Netzwerk eindimensionaler Fäden würde sichtbar, bzw. auf Grund der Unschärferelation, die quantenphysikalische Überlagerung aller möglichen Zustände. Der Spin ist der Eigendrehimpuls eines Elementarteilchens. Seine mathematischen Eigenschaften sind mit Netzwerkverknüpfungen vergleichbar, wie ein Gewebe aus eindimensionalen Fäden. Ist das Bulk eine Art Prägeometrie, so das Spin-Netz oder der Quantenschaum eine Art Protogeometrie oder –Prototopologie, aus der eine konkrete Raumzeit erst emergiert.

6 Normale aus Quarks zusammengesetzte und der Starkenwechselwirkung (Hadron) unterliegende Materie. Während einige Teilchen sich frei in allen Branenwelten und im Bulk bewegen können, solche die Anregungszustände geschlossener Strings sind wie das Graviton, können andere, Anregungszustande offener Strings, sich nur entlang der Raumdimensionen bestimmter Branenwelten bewegen, sind also Gefangene der Branenwelt. Was für die Elementarteilchen gilt, trifft auch auf Objekte und Wesen zu, die aus diesen Teilchen bestehen. Wir leben, so die Theorie einiger Physiker, in einer 3-Branwelt.


Beatrice Nunold - Glarean MagazinDr. Beatrice Nunold

Geb. 1957 in Hannover, Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Volkskunde, Sprache und Kultur Vietnams in Hamburg, Promotion; verschiedene wissenschaftliche und literarische Publikationen, lebt als freie Autorin und Philosophin in Goslar/D

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kurzprosa auch von
Horst-Dieter Radke: Drei Tier-Fabeln

… sowie zum Thema Gott und die Welt das Theaterfragment von
Herbert Jost: Hamlets Rückkehr

Rainer Wedler: Keiner hat Gottfried Wilhelm… (Satire)

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Keiner hat Gottfried Wilhelm gefragt

Rainer Wedler

Keiner hat Gottfried Wilhelm gefragt, wie auch, der war schließlich tot, ziemlich lange schon. Hermann Bahlsen ficht das nicht an. Leibniz hat noch Glück gehabt, weil Bismarck schon für den Hering vergeben war. Nicht auszudenken, ein saurer Leibnizhering mit weichen Gräten! Immerhin kriegt der Leibniz postum als Cakes eine Goldmedaille auf der Weltausstellung in Chicago, wenn schon die Welfen ihren Philosophen nicht zu schätzen wussten. Leibniz – Hannover – Bahlsen – Keks. Natürlich hat der hinterlistige Herr Bahlsen die Konnotation gewollt: Bahlsenkeks – dem Leib nizt! Und was haben wir heute? Den couch cake. Der Gerechtigkeit halber sei allerdings hinzugefügt, dass viele dem Hannoveraner gefolgt sind, die Beukelaers und die Griessons, die Lambertzs und die Coppenraths usw. usf.

Ich kekse, wenn du kekstest.
Ich kaks bereits, sagst du, mein Keksweib, meine Kebse.
Wie schade, wo wir doch stets zusammen keksend auf dem Laken lagen.
Und Krümel piekten.
Nicht wenn ich die Kekse im Apfelkorb versteckte.
Und doch, sagt sie, die Kekse haben Zähne.
Ich weiß, ich weiß, bei Leibniz sind´s gar 48. Wenn ich genau sein will, sind an den vier Ecken noch furchteinflößend große Reißzähne, macht nach Adam Riese 52.
Und du, sagt sie, hast nicht mal 32 mehr.
Du gehst mir auf den Keks, sag ich, ich kekse jetzt allein, du Keifweib von einer Kekse.

Leibniz sei´s geklagt, der Keks ist alt und wabbelig, heraus kriecht die Monade. Die Keksverkäuferin hat mich betrogen, die graugraue Kellerassel, die nachts nackte Egelschnecke. Zu hoch gegriffen, Freund, es fehlt das on, genau schau hin, es ist nur eine Made, eine ganz gemeine Made nur, just made in Moder. Da hat sich´s ausgekekst.

Kegelkekse sollen rollen für den Sieg. Siech heil! Was sollen Prinzenrollen sollen? Nichts und abermals nichts. Kackkekse sind´s, dreh fleißig die beiden runden Deckel gegenläufig in deinen warmen Händen, bis sie sich lösen. Was siehst du dann? Kackbraunen Keksekleber, den Kinder mit viel zu großen Schneidezähnen herunterkratzen, bis sie Keksbrei kotzen (pardon!) und das Verhältnis der Anzahl ihrer Zähne sich bald verschlechtert zur Leibnizzahl von 52.

Der Keksfortschritt in Gestalt des Fortschrittskekses ist unaufhaltsam. Panta rhei. Heraklit soll´s gesagt haben, sagt Simplikios aus Kilikien, sagt die Zunft der Philosophen. Aber auch das Volksgut weiß davon zu berichten: Und wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein (neues) Kekslein her. Und das heißt: Soft Cake Orange. Kein Agent Orange zwar, doch reicht´s, die Geschmacksknospen zum Verdorren zu bringen. For ever! Einen Big Mac in seinen Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Zur Not kommt er eben als Cake Orange. Basis = ein fluffy Keks, Zwischenlage = Pampe mit chemorange Geschmack, obendrauf ein Schokoladenhut, tut immer gut.

Wer nun glaubt, der Panzerkeks schützte ihn gegen alle Arten von aufdringlichen, aber auch heimtückisch getarnten Keksen, der irrt. Er ist ein großer Irrer vor dem Herrn, aber er möge sich trösten, er ist nicht allein. Hier gilt die altüberlieferte Weisheit: errare humanum est (nach Hieronymus, Brief 57). Der Panzerkeks, auch Panzerplatte, ist zwie- und dri-, gar viegebacken, furztrocken ist er dann und diente einst als Proviant für Krieger und Seeleute. Letztere tunkten ihn ins Brackwasser ihrer Trinkgefäße, dann schoben sie die amorphe Masse zwischen ihre skorbutösen Zähne und würgten sie hinunter. Als Heldenspeise hat das panis militaris bis heute überlebt und soll so manchem zum Überleben verholfen haben. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Schnupftabaksdose des Alten Fritzen. Das schussfeste Stück, nicht Friedrich, die Dose natürlich, kann heute noch im Museum bewundert werden. Und was, bittschön, ist der Unterschied zwischen einem kleinen Holzkästchen und einer Panzerkeks 4x5x0,5 cm?

Alleine keksen ist wie einsam koksen, ergo mach ich kehrt und kriech auf krebsesweise zurück zu meiner Kebse. Genug des Stabens, wo laben wir denn? Im Labsaal, dem dämmerig erleuchteten, da find ich sie, ausgebreitet in ihrer ganzen Pracht, aufbereitet, ja zubereitet und wunderbar drapiert. Für mich? Für mich! Fürcht ich mich? Ich Johann Fürchtegott und sonst nichts auf der Welt.
Mein süßer kleiner Knabberkeks, so fang ich an.
Nichts, nur ihre Kügelchen gehen langsam auf und ab und auf und ab.
Rate mal, was ich dir mitgebracht?
Nichts, nur ihre Kügelchen…
Einen Glückskeks.
Nichts, nur…
Knusper, knusper Knäuschen, welch Sprüchlein ruht in meim Kabäuschen?
Sie stellt die Beine auf, sie lebt!
Ich singe: Wie freu ich mich, wie freu ich mich, wie treibt mich das Verlangen.
Die Quietschkautsch fällt ein in meinen Lustgesang.
Lass den Qietsch, sagt sie unwirsch. Und räkelt sich und röchelt was, ruckeldiezuckel, fällt hinter sich. Aufs Kanapee. Zurück
Bleib liegen, Wittchen weiß wie Schnee! Mein Zweiunddreißigzähnigs.
Wer knappert an meim Kekschen? fragt sie.
Ich bin´s der Wolf und fress dich auf mit Haut und Härchen.
Ich ruf den Jägersmann und dann! Und dann.
Dass ich nicht lach, der weide Mann hat sich verkekst im finstern Tann, wo ihm der Fuchs geklaut sein Navy-Navi. Warum auch hat er nicht sein Waldi-Navi mitgenommen.
Du kecke quecke Schnecke, steh auf und wandle, dich, und mich zum Zwecke, weißt schon was.
Warum schon wieder das!
Why not! Und dies und das, zum Spaks, mein Knabberkeks. Vastekst?

Notwendiger Ekskurs: Prof. Dr. Käk S. Deause will in seiner über erkleksliche Jahre sich erstreckenden Forschungsarbeit herausgefunden haben, dass ein direkter Zusammenhang bestehe zwischen dem Keks als solchem und der Libido als solcher, nicht hingegen zwischen der Libido an und für sich und dem Keks für sich an. Alles Keksolores, meint hingegen sein schärfster Widersacher in rebus panificiorum Prof. Dr. mult. Butt R. Cakes von der Oxford University, Department Cooking & Baking,  Deause habe als Franzose die Interessen der Biscuit- und Gâteaulobby der Grande Nation vertreten, man solle sich doch nur einmal seinen Namen genau ansehen. Damit stehe er, Deause, in der verkorksten Tradition des unseligen Marquis de la Galette, der im Fin de Siècle eine Professur an der Sorbet in Paris innehatte, dem man den Schlund beizeiten mit Brei von Keks hätte zustopfen müssen. Der Wissenschaftsgesellschaft wäre viel Ungemach erspart geblieben.

Ich, Schüler des kritischen Empirismus, neige nach zahlreichen Experimenten und deren exakter Auswertung den Ergebnissen der Deauseksen Forschung zu, ja, ich würde sie, wenn es denn sein müsste, jederzeit in einem Streitgespräch verteidigen. Und, dies würde allerdings die Grenzen der Sittlichkeit für manchen überschreiten, und ich würde sogar einen kleinen Kreis von Exzellenzforschern zu einem Feldexperiment einladen.

Zurück in der guten Stube.
Der Boden voller Brösel. Der Bröselhund ist tot, der Putzfrau hat gekündigt, was tun? Tschto delat? (Lenin 1912) Das haben wir´s: Schoko lad. Der dunkle Schokokeks, die Haare wirr, liegt immer noch auf weicher Lade, schade, und weiß nicht, tschto delat.
Der tiefe Brunnen weiß es wohl; In den gebückt, begriffs ein Mann, Begriff es und verlor es dann.
Hartkeks, der ich bin, partiell, doch immerhin, lass ich mich von dir erweichen, deiner weichen Weisheit.
Dann komm, mein Prinz, zum Doppelkeks.

Pan di stelle meldet sich zum Dienst, tiefbraungebrannt, hochdekoriert mit elf Zuckersternen, leuchtend weiß wie Kristall, fürs Nahkampfkeksen ohne Kettenhemd und Helm. Reiß mir die Sterne ab, Kiksilitzchen sind´s sonst nichts, und degradier mich zum Gemeinen! Ganz unten will ich wieder anfangen und mich hochkeksen in der Kekserkarriere, mir Stern für Stern aufs neu im ketzerischen Kebsendienst erwerben.

Nun aber, in Zeiten fortschreitender Profanierung des Heiligen, so auch des allerheiligsten Kekses, duplo und dreieinig, soll´s Kekse geben in Form und Größe von Visa Card und Visitenkarten. Darf ich Ihnen meinen Visitenkeks überreichen? Oder:tut mir leid, aber wir akzeptieren keine Visakekse. Nicht bewährt hat sich der Postkartenkeks. Nicht einer soll den Empfänger nach der Stempelung unverkrümelt erreicht haben, die Deutsche Post weigert sich daher, weiterhin Kartenkekse zu befördern. Natürlich ist es jedem unbenommen, seinen Nachrichtenkeks höchstpersönlich zu überbringen, es sind allerdings nur wenige derartige Fälle bekannt geworden und diese sollen sich auf innerörtliche Bereiche erstreckt haben. Kinder, so geht die Fama, haben sich als nicht zuverlässig erwiesen, weil sie – man hätte es sich denken können – die Nachrichtenkekse kurzermund gegessen haben.

Eine längere Karriere war dem Kassiberkeks beschieden. Lesen und essen ist eins. Da konnten die Ärzte noch so oft röntgen oder lange auf den Stuhlgang warten, nichts zu sehen, nichts zu finden, viel zu riechen. Mancher Kokserchef hat seine Geschäfte aus dem Knast problemlos weitergeführt. Auf welch krummen Wegen nun irgendein Kriminaler, dem das Ganze gewaltig auf den Krimikeks gegangen war, hinter das Geheimnis gekommen ist, weiß die interessierte Öffentlichkeit bis heute nicht. Die Behörden mauern. Den Journalisten zeigen sie die Monsterkekseszähne.

„Back dir deinen Feind“ war der Slogan für den Psychokeks aus der Esoterik-Dunkelkammer. Mitgedacht war natürlich „Und friss ihn!“ Menschenschützer haben dem Spuk ein Ende gesetzt. Allerdings mussten sie einen weiten Weg gehen über alle Instanzen bis nach Karlsruhe. Ob der Geschäftsfrachter heute unter fremder Flagge fährt, weiß ich nicht, denkbar ist es alle Mal.

Mir jedenfalls hat der Mörderkeks als solcher sehr gut getan, und keiner kann mich daran hindern, hin und wieder mir einen Feind zu backen und zu fressen und letztendlich der cloaca maxima zuzuführen. In schönster Bastarda für den älteren Feind oder in Verdana für jüngeren steht auf dem keksekleinen Platz, um nur zwei Beispiele zu nennen: Möge es dir übel ergehen im Lande (Bastarda) oder To hell with you, motherfucker! (Verdana). Ich kann mir Zeit lassen, die Rache kalt genießen, erst die Zähne am Rand abbeißen, dann Wort für Wort zerbeißen und zerspeicheln. Genuss ist langsam oder er ist nicht (deutsches Volksgut).

Oh du mein Rehkikslein auf dem Canapee. Schokoladentaler hast du statt Augen! Ohnegleichen locken deine Brüste!! Oh mandelförmiger Cantuccio sempre umido!!! An dir möcht ich mich totfressen, Komet werden am vollbekeksten Firmament, als neuer Keks dort leuchten in Ewigkeit Amen. ■


Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean MagazinRainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys „Liber de vita“; zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

Lesen Sie im Glarean Magazin von Rainer Wedler auch
Die Weihnachtsaktion (Satire)
Ausserdem zum Thema Satiren über das „Tintenfass“ im
Diogenes-Verlag: „Was zum Teufel ist mit Gott los?“

Franz Trachsel: Sonne im Rücken (Humoreske)

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Hab Sonne im Rücken!

Franz Trachsel

Auf Rad- und Fußwegen als Stuntman aufzutreten ist nicht der spektakulärste Ort dafür und daher von anderer „Persönlichkeitsstruktur“ als im angestammten Film. Anderer Natur daher auch der hier abgehandelte Auftritt, nämlich teils außerirdischer, teils aber vor Ort in Szene gesetzter. Eine Stuntrealität jedoch insofern, als der gewöhnliche Erdenbürger, vorausgesetzt er ist ein Radfahrer, als solcher gemeinsam mit keiner Geringeren als mit Frau Sonne am Himmel Regie führt und zwar in Gestalt eines aktivierten Schattens seiner selbst.
Schatten haben sowohl als Begriff wie auch real ein physikalisch misshelliges Dasein. Sie sind sozusagen Licht und Schatten zugleich. Das vor allem mit einem immens belebten Adria-, einem Balearen- oder Atlantic-City-Strand oder wo auch immer rund um den Erdball, mit schattenspendenden Palmen auf einer Wüstenoase, vor Augen. Selbst dem Radfahrer müssen Licht und Schatten, soweit in Stuntgestalt, nicht bloß als nichtsnutzige Begleiterscheinungen vorkommen. Zur richtigen Tageszeit – Schönwetter vorausgesetzt – am richtigen Ort in der einschlägigen Richtung unterwegs, erlebt er sie einer pfiffigen Himmelslaune, ja -gunst gleich. Und zwar mit Frau Sonne im Rücken. Sollte sich angesichts dessen in ihrem nach Milliarden von Jahren zählenden, höchst warmen Antlitz auch nur ein Hauch von Herzlichkeit regen, dann gewiss aus Freude darüber, aus knapp 150 Millionen Kilometern Entfernung an solch einem präzisen Erdbewohner-Phänomen maßgeblich beteiligt zu sein. Das umso mehr, als fast alles dafür spricht, dass wir die einzigen Lebewesen der Primatenspezies sind, die sich so in ihrem Licht-, Wärme- und Blickfeld tummeln.
Erstmals muss sich solcherlei Einvernehmen auf Mutter Erde – Strassen, ob von den Radfahrern gleich als solche wahrgenommen oder nicht – zur Zeit der meisten Fahrräder vor 200 Jahren eingestellt haben. Dies noch 150 Jahre bevor selbst im Fahrrad-Akkumulator mitgeführte Solar-, also von Frau Sonne gespiesene Energie den Fahrer bei Bedarf beim Pedalen zu unterstützen begann.

Schöne Tage zeichnen sich bekanntlich vielfach auch durch geradezu romantische Abende aus. Herbstabende zum Beispiel können eigentlichen Günstlingen gleich daherkommen. So die Stunden erfüllter irdischer Ansprüche Mr. Stunts: Ein vor allem fülliger Lichteinfall aus spiegelklarem Himmel. Fallen dessen abendlich milde Strahlen flachst denkbar und makellos linear zum West-Ost-Weg ein, sieht er die entscheidend wichtigen Voraussetzungen für seine stolzen Auftritte erfüllt.Etwas Musisches bis schattenhaft Strenges ist nun einmal dran und eine Prise Satire dazu. Musisch der Schattenwurf in Stunts-Gestalt selber, satirisch aber das Wie! Wem sonst nämlich wäre es beschieden, seinen Auftritt grundsätzlich nur bodenflach kopfvoran zu erbringen! Und welcher zum Zeitpunkt seiner Auftritte auf dem demselben Weg unterwegs befindliche Fußgänger nähme nicht Rücksicht auf solcherlei reichlich anders gelagerte Verkehrsteilnehmer! Als solche zeichnet sie nun einmal eine ureigene Signalwirkung aus, die ihresgleichen sucht. Je .länger die Schattengestalt, bei idealem Sonnenlicht-Einfall zwölf und mehr Meter, desto ansehnlicher der Abstand des in Wirklichkeit hinterher Pedalenden und zum Beispiel von Spaziergängern als umso schicklicher empfunden, ihm auf eine freie Fahrt auszuweichen. Wenn sich da nicht selbst Frau Sonne, ihrem abendlichen Untergang nahe, angesichts dessen nicht bisweilen aus ihrer schier universalen Ferne im Sinne eines „Hab Sonne im Herzen“ ein diskretes Schmunzeln leisten würde! Aber wie sie sich rund um den Erdball und rund um die Uhr pausenlos irgenwo von neuem auf eine gute Nacht verabschiedet, so meldet sie sich unaufhaltsam stets auch irgendwo auf einen neuen Tag.
Ob dann durch unfreundliche Wolkenhüllen am Bestellen jeweiliger neuer Stunts gehindert, das ist hier Frage. Desgleichen auch ob solche irgendwo auf dem Erdball sich auch durch ihre gute mitteleuropäische Schlankheit auszeichnen. Und das unabhängig von ihrer bisweilen ansehnlich bodeneben dahinhuschenden Länge. So oder so, es lohnt sich als Radfahrer solche gleich am Morgen gemeinsam mit Frau Sonne wieder kreiieren zu gehen. Ihr Auftritt lässt sich zu früher Stunde nach ihrem Aufgang, ob gleich nun aus Osten dem Westen entgegen, diesmal erst recht sehen und erleben. Was, wenn die Frühe, der Einfallswinkel und dessen Linearität stimmen, den jungen Morgen an auffälliger Frische auszeichnet, zeichnet nämlich desgleichen auch seine Stunts aus. Und der mitverantwortliche Regisseur,  der Radfahrer hätte (ob mit oder ohne vor ihm unterwegs befindliche Fußgänger) Grund, das bekannte Lied „Hab Sonne im Herzen“ auf „Hab Sonne im Rücken“ abgewandelt zu singen! Denkbar, dass er damit sogar ans Herz des Stuntmans zu rühren vermöchte! ■


Franz TrachselFranz Trachsel

Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH

…sowie zum Thema Humoresken die Satire von
Dorit Böhme: Von den Freuden des Schreckens

Andreas Wieland: Mohrenwäsche (Kurzprosa)

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Mohrenwäsche

Andreas Wieland

I, fuge. Sed poteras tutior esse domi.
(Geh, flieh! Aber du könntest
zu Hause sicherer sein.)

Martial, röm. Dichter

Ich bin eine Implosion in einer unansehnlichen und gedrungenen Hülle, ich bin Sonnenschein und Schatten zugleich, ich bin Heil und Unheil, ich bin das Zittern und der Schrecken. Äußerlich ein unansehnlicher Zwerg und bereits hierfür tausendmal für schuldig befunden, schuldig gesprochen von vielerlei Herkunft, geächtet, sei dies wegen verschlampter Unterhaltspflicht oder der Entlassung meiner diebischen Sekretärin, jedenfalls bin ich ausnahmslos Teil von dem was passiert, ob in göttlicher Lauterkeit oder Wust und Moderleben. Einem ungeahnt hart zuschlagenden Schicksal erlegen, beraubt jeglichen Verstandes vom dröhnenden Gerede der Leute, fällt jeder noch so abgefeimte Versuch einer Mohrenwäsche ins Wasser, entrüstend und schändlich, selbst die blutrünstige Schicksalsgöttin antiquarischer Herkunft verabschiedete sich von mir mit einem schon fast liebevollen Schmunzeln, als ich zu Tränen gerührt, mich vor ihr und meinem Hausaltar verneigte und darauf vom Leben verschmäht und mit einer kleinen Sporttasche in der Hand meine Wohnung verließ. Einem fremden Willen in die Hände gespielt schaue ich konsterniert und eingeschüchtert einem unaufhaltsamen Schaudern entgegen, einem sich in den Eingeweiden festgebissenen eisigen Hauch, herausgerissen aus prallem Leben. Wohl bin ich nicht mehr der Koryphäe, welchen ich jahrzehntelang mit zartesten Gefühlen in mir wähnte, meine Verdienste und Ehrungen interessieren keinen mehr, sollte mich jetzt jemand mit Doktor ansprechen, wäre dies der unerhörteste Affront seit Gedenken, schlimmer als alle jemals gehörten unanständigen Worte, einschüchternd und verschwörerisch. Auf die Zehenspitzen emporgereckt klatsche ich meine tremolierenden Handflächen auf den Bahntresen und warte, bis sich die Schalterbedienung mir zuwendet, eruptiv vom Stuhl hochspringt und sich meiner annimmt, abtaucht in meine seelisch verstimmte Klandestinität. Doch lässt sich der Jüngling beinahe schamlos viel Zeit, nichtsahnend, dass in mir Gefühle heftigen Zorns aufsteigen und meine Hände sich längst zu gefährlichen Fäusten geballt haben. „Linie 350!“, bricht es aus mir heraus und ich fühle mich versucht, den Jungen Herrn über meine Identität aufzuklären und ihm für ein und allemal klar zu machen, wie man sich als Arbeitnehmer in einem Dienstleistungsbetrieb zu verhalten hat. Doch spucke ich ihm außer mir vor Wut, aber auch aus erzieherischen Gründen, ins Gesicht. Dies geschah am 25. Juni 2008.
Nur langsam spüre ich die sanften Sonnenkringel auf meinen geschlossenen Augen und höre den Wind in Büsche und Baumkronen fahren. Den Träumen entnommen liege ich mit Petra auf weichem Gras, eingehüllt in eine karierte Wolldecke, nebenan unser Picknickkorb und die Fahrräder, wild verstreut die Kleider. Doch trete ich schon kurz darauf mit dem einen Fuß gegen zwei Weinflaschen, rau wie ein Reibeisen fühlen sich meine Wangen an und der feuchte Boden zwingt mich aus meiner Kauerhaltung. „Ob es gut geht, ist uns“, knattere ich in reichlicher Enttäuschung vor mich hin und taste mit den Händen nach klagenden Körperstellen. Natürlich hätte ich mir ein Zimmer leisten können, meinetwegen in einem Vier- oder Fünfsternehotel, im DIEHL’s oder im Contel beispielsweise, doch will ich mir meinen Abschied nicht nehmen lassen, aller Verderbnis zum Trotz, soll dieser Wille stärker sein als jeglicher Verstand. Von dieser Tatsache gebeutelt fliehe ich weiter auf das unbekannte Waldstück vor mir zu, zusammenzuckend bei jedem vorbeifahrenden Auto und bereits das leiseste Rascheln im Gras lässt mich Schlimmstes erahnen und an den Fingern zähle ich aufgelöst die Jahre bis zu meiner letzten Starrkrampfimpfung zurück. Von schmerzenden Hungergefühlen geplagt peitsche ich mich weiter durch unwegsames Gelände, unweit von mir höre ich aufheulende Motorsägen und das Krachen von Fichten und Buchen, gefasst werde ich mich als Vogelkundler in eigenem Auftrag ausgeben, sollten mich die bärtigen Holzfäller zu Gesicht bekommen und im Stillen hoffe ich auf deren Bekanntschaft, sei es auch nur um ihnen ihr Pausenbrot streitig zu machen. Die kleine Sporttasche vor mich herschiebend pirsche ich mich auf Ellenbogen an sie heran, auch ihr Geländewagen konnte ich ausmachen, und von diesem aus berechne ich jetzt verschiedenste Radien zu den zwei Holzfällern und ziehe unterschiedlichste lebensrettende Faktoren bei, um mich im Notfall schnellstens aus dem Staub machen zu können.
Mit stolzer Diebesbeute stürze ich mich weiter in die Wildnis und deren unaufhaltsamen Abenteuer, immer geläufiger wird mir Wald und Gelände, kartographiert im genialen Geiste eines Geächteten. So mangelt es mir nur selten noch an Brot und Käse und Wurst und auch in der Zuordnung von Vogelstimmen habe ich beträchtlichen Fortschritt gemacht.
Am 13. August 2008 stahl ich in Berresheim aus einem Schuppen ein Brecheisen, dies vorwiegend aus präventiven Beweggründen denn aus bösartiger krimineller Energie. So sind die Nächte bereits kühl und in keinem Fall darf mich solch läppische Naturgewalt zurück in die Arme der Gesellschaft treiben können, in festem Griff halte ich also dieses seltsame und verrostete Instrument. Von den nächtlichen Lauten wie von Nadeln gestochen erhebe ich mich fröstelnd von meinem Lager und lege das Brecheisen zwischen die in die Sporttasche gestopfte Wäsche. Ausgehungert und mit trockenem Gaumen schreite ich ziellos in Richtung Bernardshof, in Mayen Ost könnte ich dem 312er zusteigen, natürlich kann ich das tun, ob Segen oder Fluch, einmal werde ich mich der Zivilisation wieder annähern wollen, ob heute oder morgen, Lapis iacta est.
Mit noch klammen Fingern umfasse ich zweihändig meine Sporttasche, drücke diese gegen meine Brust wie ein Schutzschild und mit gesprungenen Lippen und schmerzverzogenem Gesicht frage ich mich in Mayen nach einer billigen Pension durch, eine Bruchbude wäre mir am liebsten, sage ich mühsam lächelnd zu einem jungen Herrn und laufe unter seinem richtungsweisenden Arm hindurch wie unter einer Bahnschranke, aufgeregt nach links und nach rechts blickend, die Siegfriedstraße überquerend. Seine angsterfüllte Stimme und den nervösen Fingerzeig memorisiert und strikte befolgt, finde ich die Unterkunft schneller als erhofft und heruntergekommener als erdacht vor, und allmählich spüre ich wie Kopf und Körper von einer beinahe zu unerträglichen Leichtigkeit durchflutet werden. Doch aus dem Schatten des Backoffice heraus bemerke ich den feindlich gesinnten Blick der Besitzerin dieser seltenen und nirgendswo vermerkten Unterkunft, gut beraten ist hier derjenige, der keine Fragen stellt, der weder Zimmerservice noch Frühstück erwartet.
Schwere Regenwolken bedeckten am 28. November 2008 das Gebiet der Osteifel. Wie totes Tuffgestein stechen meine Augäpfel aus tiefliegenden Höhlen und durch meine Pfundnase atme ich den immer dichter werdenden Nebel, die feierabendlichen Abgase und den mir verhassten Gestank von aus Hinterhöfen herüber gewehten Frittierölschwaden ein. Zum ersten Mal seit meinem Ausbruch denke ich an mein leerstehendes Zuhause, an die Plastikblumen auf dem Altar und an meine Schicksalsgöttin. Mit Argusaugen wird sie mich wohl überprüfen und stillschweigend wieder von mir Opfer fordern, diese meist unter Ausschluss meines Bewusstseins oder zumindest so, dass es mir schwer fällt, ihre eigentümliche Sprache zu verstehen. Doch weiß sie haargenau was zu einem gelungenen Leben gehört und somit will ich demütig ihren ausgeklügelten Plänen dienen. Hiervon scheint meine ganze Gestalt durchdrungen zu sein, auf Ablehnung aufgebaut, doch darin behütet und gepflegt wie ein kostbares Juwel. Im Schutze der eingebrochenen Nacht und ihrer wohligen Dunkelheit schleiche ich Mauern entlang und durchquere Hausgärten, stampfe über brachliegende Blumenrabatte und breche alles ab, was den Anschein einer glücklich erlebten Blüte hinterlässt. Und sollte man mich in meinem Tun aufhalten wollen, würde die Kraft göttlichen Schicksals die Erde erneut spalten und Funken speien, implodierend ein weiteres Genie gefährlicher Abtrünnigkeit, in Asche gehalten und verfolgt von der Uneinsichtigkeit und Unvernunft tyrannischer Triebe, unerbittlich und böse würden geheime Bindungen fortgesetzt werden auf dem von mir geebneten Weg. ■


Andreas Wieland - Autor im Glarean MagazinAndreas Wieland

Geb. 1969 in Chur/CH, Studium an der Höheren Fachschule für Hotel- und Tourismusmanagement, anschließend als diplomierter Hotelier in den Kantonen Graubünden, Zürich und Luzern tätig, Kurzprosa- und Roman-Publikationen, lebt als freischaffender Schriftsteller in Walenstadt/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Moderne Prosa auch über
Patrick Worsch: Fotomord (Roman)

… sowie die Rezension zum Roman-Krimi von
Mick Finlay: Die Mördergrube

Heinz Wegmann: Der Vereinsausflug (Satire)

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Der Vereinsausflug

Heinz Wegmann

Diesmal wagte sich der Verein für Vereine (Kurz: Verein hoch 2) in heimatliche Gefilde. Es stand die traditionelle Herbstwanderung mit Schlachtplatte auf dem Programm.
Unter Führung des rührigen Obmannes traf sich eine erwartungsvolle und frohgelaunte Gruppe beim Friedhof. Der Leiter überraschte die Teilnehmer gleich zu Beginn mit einem reich verzierten, roten Stoffsäcklein, das mit Heftpflastern, Salben, Bandagen und einem Fläschchen Schnaps gefüllt war. So wurden die Stimmbänder gleich ordentlich geschmiert. Leider wollte am Anfang das Wetter nicht so richtig, die sinnflutartigen Regenfälle bewogen viele, sofort wieder den Heimweg anzutreten.
Mit dem Rest der Unentwegten ging es mit dem Car Richtung Urigen (UR) im Unterhintertal, wo sich alle in einem blumengeschmückten Café zuerst mit Kaffee und Gipfeli stärkten. Einer Teilnehmerin blieb ein Brösmeli ihres Gipfelis so unglücklich im Hals stecken, dass man sie zum Notarzt bringen musste, was aber die Unternehmungslust der Gruppe nicht zu dämpfen vermochte.
Ein Fußweg abseits des großen Verkehrs führte nun die Wanderschar durch Feld und Wald, wo sich einige Teilnehmer hoffnungslos verirrten und erst nach langen polizeilichen Suchaktionen wieder aufgefunden werden konnten. Beim Aufstieg kam man so recht ins Schwitzen und bei einigen wollte das Herz nicht mehr so richtig, so dass sie von der Rega zurückgeflogen werden mussten.
Oben wurden aber die Übriggebliebenen belohnt durch eine prächtige Aussicht, die den Mitreisenden manches Ah und Oh entlockte.
Von einer der schneebedeckten Bergspitzen löste sich dann unter den faszinierten Blicken der Teilnehmer ein Erdrutsch, eine sog. Mure, und begrub das malerische Dorf am Gegenhang fast vollständig unter sich.
Nun musste aber der Durst gelöscht werden und gleich anschließend durch die eilends aufgebotene Feuerwehr ein brennendes Chalet neben dem Restaurant, wo ein feines Mittagessen wartete. Die Teilnehmer ließen sich ihre gute Stimmung durch den beißenden Rauch, der von der Brandstätte hinüber wehte, nicht nehmen. Als besondere Überraschung nahm der Wirt die Schlachtung des Schweins „live“ unter den interessierten Blicken der hungrigen Schar vor.
Da sich der Himmel unterdessen in strahlendem Licht präsentierte, konnte die Schlachtplatte auf dem offenen Grillplatz serviert werden, was großen Anklang fand und manchen spontanen Jauchzer zur Folge hatte. Die Zeit des Wartens auf die Schinken, Rippli, Öhrli und Schwänzli wurde mit angeregten Gesprächen oder einem gemütlichen Jass überbrückt, und auch der frohe Gesang kam selbstverständlich nicht zu kurz. Einige hauten dann angesichts der riesigen Portionen etwas über die Schnur und mussten übereilt die Toilette aufsuchen, denn zusammen mit dem „Suuser“ machte sich die Verdauung unangenehm bemerkbar, was die Unentwegten aber nicht daran hinderte, eifrig das Tanzbein zu schwingen.
Frisch gestärkt ging es dann an den Abstieg, der erneut kleine Opfer forderte: Zwei verstauchte Fußgelenke und ein Beinbruch waren die Bilanz, als man unten ankam. So bekam auch der Dorfarzt wieder unerwartete Arbeit.
Die weidenden Kühe hatten sich von der fröhlichen Wanderschar nicht stören lassen. Selbst als die Mutigsten unter den Teilnehmern auf die originelle Idee kamen, einer Kuh die Glocke abzunehmen und sie als Trophäe heimzuführen, blieben sie stoisch ruhig.
Beim anschließenden Rundgang durch das schmucke Städtchen wurde die Vizepräsidentin in der Fußgängerzone von einem Lieferwagen angefahren und von allen in das nahe gelegene Spital begleitet. Dort überraschte ein langjähriges Mitglied alle Teilnehmer samt Krankenhauspersonal mit dem Vorsingen eines selbstverfassten Liedes, das mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde.
Nach einem letzten Zvieri, der für die meisten mit einer – glücklicherweise leichten – Magenvergiftung endete, musste man schon wieder an den Heimweg denken.
Der stets zu einem Späßchen aufgelegte Carchauffeur brachte schließlich nach einer Massenkarambolage auf der Autobahn die müden aber glücklichen Abenteurer wieder an ihren Wohnort Witzwil zurück.
So ging eine von unvergesslichen Eindrücken gespickte Reise zu Ende, und jedermann freut sich schon heute auf den nächsten Ausflug mit Gleichgesinnten. Der kundige Obmann gab angesichts der aufgetretenen Ausfälle seiner Hoffnung Ausdruck, dass nächstes Jahr möglichst zahlreiche neue Mitglieder dieses gesellige Zusammensein bereichern mögen. ■


Heinz Wegmann
Geb. 1943 in Zürich Lyrik-, Kurzprosa- und Kinderbuch-Veröffentlichungen sowie Übersetzungen, lebt und arbeitet in Uerikon/CH

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Nils Günther: Der Gemeine Orchesterdirigent

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Georg Schwikart: Dichtersorgen

Beatrix Maria Kramlovsky: Der Fisch (Bild-Meditation)

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Der Fisch

Meditation über ein Bild von Georges Braque

Beatrix Maria Kramlovsky

George Braque - Der Fisch - Gemälde - Glarean Magazin
George Braque: Schwarzer Fisch, Öl – 1942

Schimmernde Samennetze wabern im Meer. Der Fisch und seine Gefährtin tanzen lautlos im Rausch der Zeugung.
Die Frau schwebt im Wasser, versucht, in der Strömung ihren Platz zu behalten, nichts aufzuwirbeln, sachte, als sei sie wieder das Kind an der Hand des Großvaters im Wald, schleichend auf der Pirsch in anderen Farben. Sie verhält sich wie ein erregter Jagdhund.
Das Wesen mit der schimmernden Haut vor ihr steht im grünen Licht, Kringel und Spiralen tanzen in zärtlichem Smaragd, schließen Helligkeit ein, Gelb sickert herab, flüssiges Glas, das sich auf die dunkle Haut legt. Der Fisch verharrt völlig bewegungslos, sieht sie immer noch an, abwartend, sehr distanziert, mit diesen starren Pupillen, diesem Schwarz, als presse er sich an ein Okular und verstecke sein wahres Auge dahinter. Er ist schön. Seine Bewegungen sind sparsam, voll verhaltener Energie, sein Körper glänzt fest und glatt, im Schwarz königlichen Leichengepränges.
Sie öffnet ihre Finger zu Fächern, langsam, behutsam, das Wasser rinnt dazwischen durch, streichelt an der zarten Haut ihrer Handteller entlang. Sie spürt die Wärme, die von oben herunterdringt, die Farben und Lebewesen rund um sich, ohne sie bewußt wahrzunehmen, sie spürt, dass sie da sind. Doch alles ist nur offen für das Fischauge gegenüber, und so verharren sie in gegenseitiger Betrachtung.

Im weißen Sandbett ruhen die schwarzen Felsblöcke, rosafarben leckt das Meer an den von grünbraunen Algen überzogenen Wänden. Es ist ein Stein im Schwarz dumpfer Katakomben. In Spalten lauern kobaltblaue Striche, schießen ein in das Schwarz, bewegen sich hin zu violett, aus Rissen rieselt stumpfes Anthrazit. Nackt liegt das Schwarz der prallen Sonne ausgesetzt, die Lebendigkeit der Schatten am Fuß der Felsen weicht starrer Leblosigkeit. Es ist, als zöge sich der Glanz zurück ins uralte, feuchte Innere, hinterließe ein Schwarz, seiner Seele beraubt, das unterm dem tropischen Licht zerbröckelt zu rußigem, apathischem Dunkel. Die Felsen warten. Wie urzeitliche Panzertiere haben sie sich in sich zurückgezogen und brüten über den Farben.

Der Mann nimmt den Apfel und legt ihn auf die nassen Finger der Frau. Salz verkrustet sich im Wind an den winzigen, aufgerichteten Häärchen. Der Apfel ist rot, prall und glatt. Die Frau hält Leben in der Hand.
Licht tanzt über dem Meer, die braunen Erdtöne steigen auf, bieten sich der Sonne dar, Ocker schwelt über Umbra, Karmin, leuchtet im Schatten der grünen Pflanzendächer, Siena vermischt sich mit zartem Rosa und schmilzt ins pudrige Beige des Strandes. Die See ist wie ein Schild, bleiweiß in der vergehenden Hitze verbirgt sie den lautlosen Kampf, die lautlose Schönheit, die lautlose Jagd, das lautlose Werben, die lautlose Vernichtung, die lautlose Geburt.
Unter den Blättern verharrt seufzend die aufsteigende Brise, Schleier ziehen von den Hängen herab. Schräge Bronzetöne verdampfen auf der Haut der Frau. Der Mann beugt sich über die Schatten, beißt in den Apfel, das Fleisch kracht saftig zwischen seinen Zähnen, der Zauber bricht.
Der Fisch und seine Gefährtin umtanzen die befruchteten Schnüre, beobachten das keimende Leben.
Auf dem sich kräuselnden Wasser liegen Boote mit aufgerollten Netzen.

Kraniche staksen nebelig weiß auf dürren Beinen zwischen glänzenden, kunstvoll geschichteten Melonen, den reifen Tomaten, deren sanftes Rot in den Körben schimmert. Die Vögel hocken auf den durchhängenden Planen, wetzen die halboffenen Schnäbel, recken die Hälse und schießen hinunter auf den nassen Tisch mitten zwischen die braunen Hände mit den pastellfarbenen Geldscheinen, die sich den Fischbündeln entgegenstrecken. Sie zielen auf Fischreste, Schwänze und Innereien, schnappen auf, schlucken ruckartig mit den sich krümmenden Hälsen. Die Finger weichen nicht zurück, die Kraniche heben ab.
Ein Fischauge liegt auf dem nassen Holz, Schuppen kleben wie Katzensilber auf dem Tisch, abwaschbare Intarsien des Tiertodes.

Hoch über dem Wasser steht das weiße Haus mit der schmalen Brüstung, auf der Veranda tanzen Menschen. Die grünen Sprossen der glaslosen Fenster leuchten im Kerzenschein. Die Frau und der Mann schauen über die verstreuten Lichter unter ihnen hinaus auf das silbrige Grau des Meeres, die blauschwarzen Kuppen der vorgelagerten Inseln.

Im warmen Bambuston hinter den grünen Sprossen legt eine nußfarbene Frau mit langgezogenen Fingern und weißen Halbmonden auf Perlmuttnägeln ein Stilleben des Todes. Sie hält die Papaya, sie spürt die wächserne Haut der grobporigen Orange, sie fährt über das angelaufene matte Grau der Platte, prüft das Gewebe des Tuches, zieht daran. Auf dem Teller liegen der Fisch und seine Gefährtin, appetitlich und prall. Die gebrochenen Augen verwandeln sich zu Löchern ins bodenlose Schwarz.
Betrachtung hält die Zeit an. Stille. Die Frau lächelt den Mann an, ihre Lippen berühren sich. In der Unbeweglichkeit des Augenblicks verlöscht der Tod im Leben.
„Es ist angerichtet“, sagt die nußbraune Frau, und das Paar wendet sich ihr zu. ■


Beatrix Maria Kramlovsky Beatrix Maria Kramlovsky

Geb. 1954 in Steyr/A, Studium der Anglistik und Romanistik, Prosa-Buchveröffentlichungen, verschiedene internationale Kunstausstellungen, diverse Literatur-Auszeichnungen, lebt in Bisamberg/A

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(Arnold Böcklin: „Die Toteninsel“ & Giorgio de Chirico: „Die beunruhigenden Musen“)

Konrad Vogel: Introkubus (Groteske)

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Introkubus

Konrad Vogel

Als der renommierte Linguist und spindeldürre Schriftsteller Dr. Felix Introkubus sein eigen Wort zum ersten Mal nicht mehr verstand, fand er dies lustig. Er formulierte, zwar gedankenscharf und endgültig wie immer, seine Wahrheit, die Wahrheit, und – was wichtig ist – er sprach sie aus. Mag sein, sie war im Laufe der Zeit etwas dünner und farbloser geworden, grade so wie er, seine Wahrheit. Als negativ hätte ich sie deswegen nicht bezeichnet.
Er sprach sie also aus und – verstand sie nicht. Wie konnte er sie denn auch verstehen, wenn er seine Worte nicht hörte? Nein, keine Spur von Schwerhörigkeit; er hörte z.B. seine Frau (auch wenn er sie nicht verstand) oder seine Kollegen, die er nicht verstehen wollte; seine eigenen Worte verstand er stets, hörte sie aber nicht, wenn er sie aussprach. Sie verschwanden, kaum ausgesprochen, irgendwo in ihm. Es war, als saugte irgend etwas in ihm, sein Magen vielleicht, seine Worte an. „Retrosprache“ fieberte sein Hirn, „ich habe die Retrosprache erfunden. Sprache, die aus mir in mich fließt.“
Wenn Felix Introkubus nun etwas aussprach, aussprechen wollte, erfüllte ihn ein nie gekanntes Glücksgefühl, dem Magersüchtigen gleich, der wieder essen darf. Dieses Glücksgefühl zeigte sich denn auch materiell-organisch: Der spindeldürre Introkubus wurde – zwar appetitlos, er aß kaum noch und er trank nur Wasser, geräuschlos und in großen Mengen, wie das städtische Wasserwerk vermerkte – Dr. Felix Spindeldürr wurde, es sei gesagt, es sei geklagt, ansehnlicher, wohlleibiger, dann – dick.
Seine Ansprachen und Aussprachen, zu Einsprachen geworden, ernährten ihn von selbst. Der Retrolinguist wähnte sich auf dem Gipfel seiner Karriere, und er wurde auch überall herumgezeigt, unser wissenschaftlicher Zoo der Eitelkeit, sprich Universitäten, kennt dergleichen Vorfälle zur Genüge.
Es war auch herrlich, ja göttlich zu erleben, wie er, während er vorlas – kein Mensch verstand ein Wort – rund und runder wurde. Bald mussten zwar die Türen zum Hörsaal erweitert werden, um seinen gewichtigen Kubus, der seinem Namen nun alle Ehre machte, durchzulassen. Ärgerlich war auch, dass nach gehaltener Einsprache die Türe wieder zu eng und ein Verlassen des Saales oftmals unmöglich wurde.
Das alles war aber erträglich, der obligate Preis des Ruhms. Störend fand Introkubus indessen, dass – als er den Fehler beging, sich im Spiegel zu besehen – sein Bauch allmählich dunkel, dann schwarz wurde. Schriftzeichen, aber auch Laute hüpften, glucksten, drängten sich, Tätowierungen und Melodien gleich, unter seiner Haut ans Tageslicht.
Seine Haut wurde zur Leinwand, Worte und Bilder enthüllend; Bläschen bildeten sich, die, aufgestochen, Töne von sich gaben. Es war eindeutig: der Inkubus und Retrolinguist drohte zum lebenden Tonfilm zu werden.
Nichts gegen die Filmkunst, meine Damen, aber wo der Mensch zum Showobjekt mutiert, da stellen sich Gaffer ein. Fragen nach Regie und Kameramann werden erhoben. Kurz, die fragwürdig gewordene Leinwand, Dr. Felix Introkubus, suchte den Arzt auf.
Er fand einen guten. Dr. Martin Dean, ein Lingo-Psychologe und – wie der Name sagt – ein Dehnungsspezialist aus den USA, fand die Therapie.
„Absolute Sprachlosigkeit, mein Herr,“ empfahl Dean. „Ihr Zustand ist bedenklich, zweifelsohne. Bauch, Darm, Zwerchfell angespannt bis zum Gehtnichtmehr. Ich warne Sie, ein einziges Wort, das Sie noch einsprechen, und Sie platzen. Es könnte Ihnen gehen wie dem verrückten Archäologen aus meiner `Gefiederten Frau‘ – ein einziges Wort und Sie bringen sich um. Übrigens, kennen Sie mein Buch?“
„Leider nein“, sagte Dr. Felix Introkubus, was Dr. Dean dazu brachte, eine Reinigungsfirma anzurufen, die sein wortübersätes Büro noch heute zu putzen versucht. ■


Konrad Vogel - Satire - Glarean Magazin

Konrad Vogel
Geb. 1944 in Näfels/CH; Studium der Germanistik und Romanistik, Dr. phil; Lehrertätigkeit in verschiedenen Institutionen und Bereichen, militärische Karriere, umfangreiches kommunalpolitisches Engagement in verschiedenen Gremien, Lyrik und Kurzprosa-Veröffentlichungen in Zeitschriften, lebt als Gymnasiallehrer in Horw/CH

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Martin Stauder: Mordverdacht

Daniel Mylow: Fliegen (Kurzprosa)

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Fliegen

Daniel Mylow

Wieder zu spät. In schrägen Schnitten fällt Licht auf den Weg. Die Tür öffnet sich. Es ist nicht viel zu besprechen. Dann reden wir doch noch. Die Zeit vergeht. Ich sitze mit dem Rücken zum Wohnzimmer. Es ist so still. Er deutet mit dem Kopf in eine dunkle Ecke des Zimmers. Ob ich Nathalie mit in die Stadt nehmen könne. Der letzte Zug nach Frankfurt. Warum nicht.
Die Häuser des Dorfes bleiben zurück. Wir schweigen. Über den Feldern steigt der Mond. Wunderschön. Am Horizont gefriert Licht. Nathalie ist begeistert. Ein schmaler Feldweg windet sich über die Hügel. Gräser wachsen ins Licht. Auf der Hügelkuppe stelle ich den Wagen ab. Und der Zug, frage ich. Sie lacht. Wir steigen aus. Es ist eine warme Sommernacht. Wiesen im Mondlicht. Ist das kitschig, sagt sie. Plötzlich läuft sie fort. Am Feldrand bleibt sie stehen und zieht sich aus. Sie nimmt mich an den Händen. Unsere Schatten werden lang und länger. Über einen Heuballen fallen wir ins Gras. Es schimmert. Seine fahlen Spitzen brechen ohne Laut. Ich spüre das Gewicht ihres nackten Körpers, wie er auf mir atmet. Danach ist es ganz still. Der Mond steht schon über den Hügeln. Ein rötlicher Dunst schwebt über der Erde. Verdammt. Nur keine Fragen. Oder doch: Wer bist du. Was hast du bei ihm gemacht. Sie schweigt. Einmal noch werde ich sie fragen.
Er hat mir Geld gegeben. Viel Geld. Ich tue es nur manchmal.
Aufstehen und gehen. Mondlicht und den ganzen Romantikscheiss einpacken und gehen. Meine Finger tasten über das Gras. Da ist die Erinnerung an ihre Haut.
Idiot, sagt sie. Trotzig: wirklich nur manchmal. Mir geht es gut. Papa sorgt schon für uns.
Ich schaue sie an. Wie schön sie ist. Also, sage ich. Sie zieht die Knie an ihren Körper. Die Haare fallen ihr ins Gesicht. Ihre Stimme wird hart, als sie erzählt.
Neunzehn Jahre Crivitz, ein kleiner Ort in Mecklenburg. Dann Frankfurt. Der Arbeit wegen. Ihre Schwester ist mit achtzehn fort, niemand weiß wohin. Der Bruder trinkt. Sie holt das Abitur nach. Es wäre besser, zu arbeiten, meint Mama. Die geht selber putzen. Dabei ist Papa doch Ingenieur. Sie erzählt mit leuchtenden Augen. Wie er noch zur See gefahren ist. Geschichten abends am Bett. Seine tiefe Stimme. Seine Geduld. Später ist er zum Militär. Und jetzt? Sie schweigt Dann lächelt sie. Wäre Papa nicht… Sie erzählt und erzählt.
Warum tust du das dann, sage ich. Denke: mein Chef ist ein Schwein. Sie antwortet nicht. Die Scheinwerfer der Autos tasten über die Felder.
Schau mal, sagt sie, und deutet mit dem Finger nach oben. Über den zurückgelegten Köpfen schimmert es dunkel und kalt. Nachtlichter. Ein Flugzeug gleitet langsam durch das Gehäuf blasser Sterne. Noch etwas zu trinken, bitte? Die Kopfhörer befinden sich vor Ihnen in der Ablage. Die Toiletten finden Sie jeweils am Ende der Gänge. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug. Südamerika? Australien?
Die Erde schrumpft. Fliegen, nur fliegen. Sie schaut dem Flugzeug nach. Es verschwindet über der Stadt auf dem Berg. Jetzt sehen wir auf die Lichter der Stadt. Der Mond steht hoch über den Feldern. Mit den Fingern vor den Augen umfasse ich seinen Rand. Soviel Zeit ist vergangen. Sie schaut noch immer dem Flugzeug nach. Der Zug ist fort. Der nächste geht am frühen Morgen. Noch fünf Stunden Mondanstarren. Oh weh. Und dann. Bleibe ich im Wagen sitzen oder komme ich mit? Warten auf den Zug. Ein Kuss vielleicht zum Abschied. Mehr bestimmt nicht. Warum auch.
Die Stadt, sagt sie. Eine solche Stadt war es. Auch auf einem Berg. Und es ist Sommer. Ihre Familie hat da oft Urlaub gemacht. Sie haben ein schönes Haus auf der anderen Seite des Berges. Manchmal gehen sie alle abends in der Stadt essen. Das war schön, sagt sie. Ab und zu darf sie auch schon allein nach Hause laufen.
Das ist ein Weg! Der führt rund um den Berg, und von überall sieht man ganz weit auf die Ebenen. Vielleicht ist es eine Nacht wie diese. Sie bleibt oft stehen und sieht hinab auf die Wiesen und Felder, die vertrauten Lichter, den schwachen Abglanz des Mondes über dem nachtblauen Himmel.
Da merkt sie irgendwann einmal, dass ihr jemand folgt. Leise, aber beharrlich. Sie läuft schneller. Sie dreht sich um, aber sie sieht niemanden. Sie weiß, es ist noch weit. Vor ihr liegt nur der Wald, auf der anderen Seite der Abhang. Dann bleibt sie einfach stehen. Vor Erschöpfung ist ihr ganz schwindlig.
Ein schmaler, dunkelhaariger Junge tritt auf sie zu. Er grinst. Hast ganz schön Puste, keucht er. Er hat sie in der Stadt gesehen. Will einfach nur mit ihr reden. Sagt er. Jetzt, im Sommer, fliegt er Drachen auf den Hügeln unterhalb ihres Hauses. Ja, sie hat die Drachenflieger oft beobachtet. Auch ihr Vater ist einer von ihnen. Ob sie nicht mitkommen wolle.
Jetzt, in der Nacht? Ja, jetzt gleich. Nachts ist es, obwohl verboten, am schönsten. Gemeinsam laufen sie den Weg zum Ferienhaus. Nun hat sie keine Angst mehr. Der Hügel ist ein runder, glänzender Kegel. Das Drachensegel knattert im Wind. Die Silhouetten der Drachen leuchten unwirklich gegen die Nacht. Startvorbereitungen. Gut verschnürt und verzurrt laufen sie auf den Abhang zu… Und dann?
Sie schüttelt den Kopf. Es ist nicht wahr, sagt sie. Es ist alles ganz anders. Sie ist ruhig, als sie weitererzählt.
Der Weg wird schmaler und schmaler. Der Junge schielt nach allen Seiten. Dabei glotzt er ihr auf die Beine, dass sie wieder Angst bekommt. Sie geht langsamer. Sagt, dass sie müde sei. Der Junge nickt. Er erzählt von den Drachen. Sie dreht sich um. Der Weg ist dunkel und leer. Sie bindet sich die Schuhe zu. Sie bleibt stehen, fragt nach Flughöhe, Fallwinden, Unwettern. Der Junge wird ungeduldig. Komm, sagt er. Sie laufen weiter. Plötzlich fällt er sie an, zieht sie ein Stück weit in den Wald. Sie kratzt ihn blutig, er ist stärker. Er reißt ihr das Kleid entzwei. Mit einem Messer ritzt er ihr die Haut quer über dem Bauch. Sie sieht das Blut. Jetzt liegt sie ganz still. Der Junge wirft sich auf sie.
Da stürzt ein Schatten zwischen den Bäumen hervor. Noch ehe der Junge reagiert, liegt er wimmernd im Gras. Ruhig und gezielt prasseln die Schläge und Tritte auf seinen Körper. Es dauert nicht lange. Ihr Vater nimmt sie auf die Arme und trägt sie nach Hause. Wie im Film, lacht sie. Und keinen Moment später. Hier. Sie zeigt auf einen dünnen Strich vernarbter Haut über dem Nabel. Ich lege meine Hand darauf. Das ist schlimm, sage ich.
Vielleicht.
Meine Finger tasten über ihre Haut. Ich rede Unsinn dabei. Aber das ist ihr egal. Sie legt sich zurück ins Gras und schließt die Augen.
Ein fremdes, unerwartetes Erwachen. Es ist kühl. Wir wissen nicht, was wir miteinander sollen. Ich halte die Hand wieder vor Augen. Zwischen meinen Fingern klebt der Mond. Eine Stunde ist vergangen. Sie steht auf und zieht sich an. Ich sehe sie auf das Auto zugehen. Also. Ich werde noch warten, bis sie im Bahnhof verschwunden ist. Vielleicht reden wir noch. Ganz sicher werden wir uns küssen. Das wäre schön. Nicht nur wegen der Erinnerung. Ich ziehe mich an und laufe zu ihr. Dann stelle ich mich neben sie und nehme ihre Hand. Die halte ich vor den Mond. Wir steigen jetzt in unser Mondauto, fahren zur Station und fliegen mit einem Drachen zur Erde. Sag doch was. Nathalie dreht sich um. Sie weint.
Papa ist tot, sagt sie leise. ♦


Daniel Mylow - Schriftsteller - Glarean MagazinDaniel Mylow

Geb. 1964 in Stuttgart, Studium der Neueren Deutschen Literatur, Psychologie und Philosophie, Lehrerausbildung in Kassel, nach Tätigkeiten als freier Verlagslektor von 2004 bis 2009 Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule Hof, Poesie-Pädagoge für Kreatives Schreiben, verschiedene Kurzprosa-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, lebt in Hof/D

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Georges Raillard: Der richtige König (Parabel)

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Der richtige König

Georges Raillard

Wieder werden die breitesten Straßen der Hauptstadt gesperrt, werden Abschrankungen aufgestellt, wird der Verkehr weiträumig umgeleitet. Wieder postieren sich an allen strategischen Punkten Sicherheitskräfte in Uniform und Zivil. Wieder strömt das Volk herzu, staut sich hinter den Schranken, säumt dunkel die helle Asphaltstrecke wie Ungeziefer einen befallenen Pflanzenstiel. Stundenlang harrt es, ob in Hitze, Regen oder Kälte, geduldig und unbeirrbar und immer wieder voller Erwartung, des Vorbeizugs.
„Wozu brauchen Sie denn einen König?“ fragt der Reporter eine ältere Frau, die sich mit verschränkten Armen auf die Abzäunung stützt.
Die Frau starrt ihn verständnislos an, zuckt schließlich mit den Schultern und wendet sich rasch ab, als müsste sie sich schämen.
Thronanwärter ziehen mehrmals in der Woche vorbei, auf geschmückten Elefanten reitend, auf bunten Streitwagen stehend, von einer Herde schäumender Pferde gefolgt, im Cockpit eines ultramodernen Düsenjets sitzend, einen Trupp im Tarnanzug kommandierend oder von einem Dutzend leichtbekleideter Mädchen umschwärmt. Mit solch exorbitantem Aufwand buhlen sie um das Volk, denn das Volk ist ihr Richter: Es allein bestimmt, wer der richtige König sei.
Das Volk ist nicht leicht zu gewinnen. Eine einzige ungeschickte Handbewegung, ein Kopfnicken zur falschen Zeit, eine unpassende Gewandung, und das Volk buht und wendet sich enttäuscht weg. Seit Monaten, ja Jahren konnte kein König das Volk überzeugen.
Die Spannung ist groß. Manche halten ein Transistorradio ans Ohr geklemmt. Vor der Stadt fänden blutige Gefechte statt, hört man. Von einem Duell wird berichtet, bei dem der Sieger dem Besiegten den Kopf abschneide, um sich damit für den Vorbeizug zu schmücken. Der heutige Anwärter komme als Piratenhäuptling auf einem großen Segelschiff, heißt es, das in einem riesigen, von Sattelschleppern gezogenen Wasserbecken schwimme. Gerüchte laufen aus wie Flüssigkeit aus lecken Tanks, fließen zusammen, schwellen an, rauschen durch die Menschenmenge und heben sie empor. Stimmen überschlagen sich, überschreien einander, zetern. Aber noch immer ist die ganze Strecke lang nichts zu sehen.
„Wozu brauchen denn Sie einen König?“ fragt der Reporter nun einen jüngeren Mann, auf dessen Schultern ein kleines Mädchen sitzt und ein Fähnchen schwenkt.
Der Mann denkt nach, sagt dann: „Sobald ich ihn sehe, weiß ich’s vielleicht.“
„Aber wie wissen Sie denn, welches der richtige König ist?“ hakt der Reporter rasch nach.
Der Mann antwortet nicht. Niemand spricht plötzlich mehr. Das Stimmengewirr, wie durchgeschnitten. Alle Blicke in eine Richtung, nach links die Straße entlang. Recken tausender Hälse, Scharren tausender Füße, Drängen und Drücken. Der Reporter spürt fremden, warmen Atem in den Haaren, im Nacken, an den Schultern, an den Armen. Jetzt wird ein Schritt hörbar, deutlich und gemessen, der Schritt eines Einzelnen, der Schritt eines Einzigen, näher und näher. Wer ist es? Wie ist er? Noch ist nichts entschieden!
Der Mann mittlerer Größe, mittleren Alters schreitet ohne Eile seines Wegs. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet: Seines Zieles und seiner Ankunft ist er sich gewiss. Gekleidet ist er schlicht, beige Hosen, hellblaues Hemd. Er geht ganz allein und scheint nichts zu brauchen.
„Ein Schwächling, hat niemanden“, ruft jemand.
„Im Gegenteil“, widerspricht jemand anders, „noch nie war einer so stark, allein und mittellos zu kommen.“
Andere Stimmen erheben sich, erhitzen sich im Dafür und Dawider. Worte gellen hin und her. Ratlos steht der Reporter mitten im Streit und sieht dem Anwärter nach, der ruhig weiterschreitet und sich entfernt. Da wendet sich der jüngere Mann mit vor Erregung gerötetem Gesicht um und schreit dem Reporter durch den Lärm hindurch zu:
„Sehen Sie’s? Dies ist der richtige König! Er stiftet die Zwietracht, in der wir uns selbst finden. Jetzt können wir aufbegehren. Ohne König sind wir nichts als ein einziger harter Körper und nicht imstande, uns gegen uns selbst zu wenden.“ ■


Georges Raillard - Glarean MagazinGeorges Raillard

Geb. 1957 in Basel/CH, Schriftsteller und Komponist (Gitarrenmusik), lebte 18 Jahre als Übersetzer und Sprachlehrer in Madrid, seit 2001 wieder in Basel

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René Oberholzer: Berg-Short-Storys (Kurzprosa)

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Vier „Berg-Storys“

Der Berg

Kenia ist in Afrika. Der Kenianer ist in der Schweiz. Die Schweiz ist in der Schweiz. Der Kenianer kennt einen Appenzeller. Der Appenzeller schaut jeden Tag den Säntis an. Der Kenianer schaut jeden Tag den Appenzeller Gürtel an. Appenzell ist nicht das Heimatland des Kenianers. Appenzell ist das Heimatland des Säntis. Der Kenianer trägt ein Glöcklein an seinem Gürtel. Manchmal fährt er auf den Säntis und sagt den Touristen: „Der Säntis ist ein heiliger Berg.“ Das sagt er auch dem Appenzeller. „Der Säntis ist ein hoher Berg“, sagt der Appenzeller. Der Kenianer wird nie Appenzeller werden. Der Appenzeller wird nie Kenianer werden. Aber der Säntis könnte ein heiliger Berg werden.


Der Kompromiss

Ich bin ein taktiler Mensch. Wenn ich in die Berge gehe, fasse ich alle Blumen und Steine an. Die Berge machen mich euphorisch, dann fasse ich auch meine Frau die ganze Zeit an. Ich könnte sie beim Anblick des Säntis, des Kronbergs oder des Stockbergs ständig berühren. Meiner Frau ist das dann oft zu viel. Sie möchte dann einfach wandern und die Aussicht geniessen. Sie ist ein visueller Mensch. Irgendwie treffen wir uns beim Wandern wie auch im sonstigen Leben nie so richtig. Wir haben deshalb beschlossen, als Kompromiss die Wanderung wie auch das Leben auditiv in Angriff zu nehmen.


Die Überstunden

Neulich war ich dem Bergpolizisten begegnet. Mitten in der Wand stieg er mir hinterher und fragte mich im Seil, ob ich die Ruhezeiten in der Bergkarte eingetragen hätte. Ich verneinte, worauf er mir zu verstehen gab, dass ich jetzt zwei Stunden Schlaf nachholen müsse, bevor ich weiterklettern dürfe. Der Bergpolizist drängte mich an einen Felsvorsprung ab, und ich versuchte zwei Stunden im Stehen zu schlafen. Der Bergpolizist stand neben mir und rührte sich nicht von der Stelle. Zwei Stunden später hatte das Wetter umgeschlagen, ich durfte weiterklettern, der Polizist stieg ab und suchte einen weiteren Ruhezeitensünder am Berg. Völlig ausgeruht kam ich in der SAC-Hütte an. Der Polizist stürzte etwas später am Berg aus Unvorsichtigkeit ab. Weil an diesem Tag viele Kletterer am Berg unterwegs gewesen waren, hatte der Bergpolizist Überstunden schieben müssen.


Das Interview

Ich möchte die Geschichte eines Wanderes erzählen, der immer auf denselben Berg hinaufstieg. „Ich liebe diesen Berg“, sagte der Mann einem Journalisten, „keiner ist so schön wie dieser.“ Als er weiters gefragt wurde, warum er nicht auch noch auf andere Berge steige, sagte der Mann: „Ich bin schon seit 40 Jahren mit derselben Frau verheiratet. Verstehen Sie?“ Der Journalist schaute den Mann lange an, sagte dann: „Ja, ich verstehe Sie.“ Dann rief der Journalist seine Lebensgefährtin an und sagte: „Ich möchte mit Dir wieder einmal aufs Hörnli wandern.“


Rene Oberholzer - Schweizer Autor - Glarean Magazin

René Oberholzer

Geb. 1963 in St. Gallen/Schweiz, schreibt seit 1986 Lyrik, seit 1991 auch Prosa, lebt und arbeitet als Sekundarlehrer, Autor und Performer in Wil/Schweiz

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das
Interview mit Rene Oberholzer

… sowie zwei Kurzprosa-Stücke von
Daniel Mylow: Giraffe & Passagen

Peter Fahr: Begegnung (Kurzprosa)

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Begegnung

Peter Fahr

Sie lernten sich am Hochzeitsfest eines gemeinsamen Freundes kennen. Bei Tisch saßen sie sich gegenüber und kamen miteinander ins Gespräch. Sie redeten über das Ereignis des Tages. Für Paul war die kirchliche Trauung der Höhepunkt eines komischen Theaters, in dem sich zwei Menschen aus Furcht vor fließender Veränderung für ewig aneinanderzuketten versuchen. Er war gekommen, sich zu unterhalten. Und was hatte er vorgefunden? Eine reizende Frau, die ihm gegenübersaß.
Sie war ihm schon in der Kirche aufgefallen: Blass, verträumte Augen, blondes Haar, sinnlicher Mund. Er betrachtete sie beim Sprechen und hörte kaum, was sie sagte. Für Karin war die Ehe ein heiliges Sakrament. Zwei Menschen entschieden sich füreinander und gelobten sich Treue und Beistand. Das war das Ziel ihrer Sehnsucht nach Glück, die Vollendung menschlichen Daseins. Das war das Tor zu Gott, dem Endziel allen Strebens.
Karin sprach mit flammendem Blick, denn sie spürte, dass der Mann an ihren Auffassungen zweifelte. Sie wollte ihn schon überzeugen, diesen haltlosen Skeptiker, der sich mit der täglichen Wirklichkeit begnügte und alle geistigen Kräfte leugnete! Sie fühlte tief in ihrem Innern, dass es eine höhere Macht, ein höheres Wesen gab. Sie war durchdrungen von ihm.
Als die Gesellschaft gegen Abend auseinanderging, lud sie den Mann zu sich nach Hause ein. Paul ließ sich nicht zweimal bitten und sagte sofort zu. Ihre Wohnung war einfach eingerichtet. In jedem der Zimmer hing ein Kreuz. Sie ließen sich im Wohnzimmer nieder. Sie machte Kaffee, er entzündete drei weiße Kerzen.
Im flackernden Schein ihres Lichts wurde das Gespräch da fortgesetzt, wo es abgebrochen worden war, beim Glauben an Gott.
Paul war verliebt. Liebe auf den ersten Blick, darüber hatte er bisher nur gelacht. Er spürte das schmerzliche Verlangen, die junge Frau in die Arme zu nehmen. Während sie über ein fantastisches Geschöpf referierte, genoss er ganz einfach ihre Anwesenheit, genoss es, mit einer so aufregenden Frau zusammen zu sein. Gott war für ihn nur ein Begriff. Gott war die ungewisse Zuflucht vom Schicksal Gezeichneter. Mit dem Gedanken an Gott trösteten sich die Sterbenden. Gott war eine Erfindung verängstigter Seelen. Paul glaubte an den Menschen. Er liebte den Menschen mit all seinen Schwächen und Stärken. Sein Bemühen war es, sich am Leben zu freuen, die ihm gegebene Zeit fröhlich auszukosten und die Existenz in ihrer Unergründlichkeit anzunehmen.
Karin war vertieft in ihre Ausführungen: „Der Mensch war erst nur Lebewesen. Er ist es nicht mehr nur, denn der göttliche Funke Geist hat sein Ich in Brand gesetzt. Nun ist er dem bloßen Lebewesen durch diese Dimension überlegen. Und dennoch bleibt er ein Wurm, nur sein Schöpfer zählt, der in ihm lebt. Der Mensch ist die Hülle des Zusammenklanges von Gotteseigenschaften.“
Paul konnte sich nicht länger zurückhalten. Mit einer heftigen Bewegung umarmte er Karin, die entsetzt aufschrie. Er versuchte sie zu küssen, doch sie stieß ihn von sich, so dass er rücklings hinfiel. Er fühlte, wie sein Kopf hart aufschlug. Als das Genick brach, knackte es leise. ■


Peter Fahr - Schriftsteller - Glarean MagazinPeter Fahr

Geb. 1958 in Bern/CH, Studium der Germanistik an der Universität Bern, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, Autor von Hörspielen, politischen Gedichten und zeitkritischen Essays, Träger verschiedener Literaturpreise, lebt in Bern

Lesen Sie im GLAREAM MAGAZIN von Peter Fahr auch den Essay
Weisses Kreuz auf braunem Grund? – Zum Rassismus in der Schweiz

… sowie in der Rubrik Kurzprosa die zwei Texte von
Martin Kirchhoff: Strandleben / Eigentlich könnten wir glücklich sein…

 

Karlheinz Barwasser: Bildgebende Methode (Kurzprosa)

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Bildgebende Methode

Karlheinz Barwasser

1. Herr Grünbaum begrüßt seine neugeborene Tochter (1965) / Nur eine Folge verwischter Bilder, als hätte der Fotograf, damit Kunst ins Spiel kommt, eine zu lange Belichtungszeit gewählt: dunkles, dichtes Haar und klare Augen: das Baby mit hellem Körper, nackt, dazu Herrn Grünbaums Hände, die eine Hand streichelt des Säuglings Bauch, die andere umfasst stützend seinen Rücken. Es sind fünf Bilder, ohne irgend einen spektakulären Bewegungsablauf, nur vier, fünf ruhige Sekunden in Abfolge: immer die Hände, und zu den Rändern hin dann die haarigen Arme.

2. Herr Grünbaum hat seine Tochter von der Schule abgeholt (1972) / Letztlich nur ein verwendbares Foto: man sieht die Männerlippen, darüber die geschlossenen Augenlider mit dunklen, leicht geschwungenen Wimpern, die gekrümmte Nase, einen Teil des großen linken Ohrs. Das Bild ist scharf und klar, wie eingemeißelt in die Fotoschicht: die glänzende Nässe auf den Männerlippen, der halb geöffnete Mund, die Zunge, die zur Hälfte im Mund des Kindes, das seine Augen geschlossen hält, steckt, die linke Männerhand umschließt den Kopf des Mädchens und presst mit dem Daumen so fest gegen seine Schläfe, als solle der Herzschlag des Kindes in den anderen Körper wechseln: die Lippen, die Zunge, der nasse Kuss: in der Beklemmung das Schweigen und der Schrecken und die Bestürzung, geheim. Als könnte man den Speichel fließen sehen aus diesem Foto: Verdauungsenzyme für kommende Jahre.

3. Frau Grünbaum hat ihren Vater fotografiert (2006) / Auf Fotopapier mit brillantem Kontrast: allein der Männerkörper, der hintenüber gekippt liegt: ein Irritationsmoment in dunklen, schweren Farben, eine nicht auflösbare Verwirrung in vielen Schichten: der alte Mann, der daliegt und den Betrachter ahnen lässt, dass die Gemeinsamkeiten doch weniger waren als die Unterschiede: so liegt ein Kopf mit einem Mund, eine gerutschte Hose: ein lächerlich verdrehter Klumpen. Und wenn Frau Grünbaum aufwacht, kommen neue Bilder, strömen, wechseln, geben sich einander die Hand, alte Bilder, neue, existierende und nicht existierende: und viele können noch entstehen.

4. Frau Grünbaum  hat sich Tatar mit Eigelb, Kapern und Zwiebeln zubereitet (2009) / Bevor sie isst, nimmt sie die Kamera und macht ein Bild vom Küchentisch: darauf sieht man noch den Fleischwolf, dessen glänzendes Gusseisen das Blitzlicht reflektiert. Das Foto ist ziemlich überstrahlt. ■


Karlheinz BarwasserKarlheinz Barwasser

Geb. 1950 in Paderborn/D, zahlreiche Prosa-, Lyrik- und essayistische Publikationen in Büchern und Zeitschriften, umfangreiche Tätigkeit als Hörspiel- und Feature-Autor für den Rundfunk, Träger diversers Literaturpreise, lebt als Schriftsteller in München

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