Daniel Ableev: Opa Traurig (Groteske)

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Opa Traurig

Daniel Ableev

Opa Traurig und ich kauften uns ein Hochhaus am Ozean und lebten dort ein kunstvolles Leben. Wir gingen viel spazieren und ich erzählte ihm von meinen künftigen Projekten. Wir bauten Sandburgen und wälzten uns im Lachs der Gefühle. Opa brachte mich mit seinen spontanen Slapstick- und Breakdance-Einlagen sehr oft zum Lachen. Es war eine geniale Zeit.
Eines Tages aber kam Emti. Bei seinem Anblick verstummte Opa völlig und blieb regungslos auf dem Kopf stehen. Ich wusste nicht, was los war, und so fragte ich nach. Doch Opa blieb ohne Bewegung und machte keinen Murks. Emti war sehr bald wieder weg und ich bekam leider keine Gelegenheit herauszufinden, wer oder was dieser/dieses/diese katakryptische Fremde gewesen ist. Ich versuchte, den Opa umzudrehen und wieder auf die Beine zu stellen, doch er ließ sich nicht bewegen. Er schien mit dem Zeitstrahl verwachsen zu sein und ich begann unvermittelt zu kotzen. Blut spritzte mir aus der Nase und schweres Tourette wucherte aus meinem Loch. Verschiedene Bilder von tollen, unmöglichen, lustigen, spannenden Lebensmomenten, die ich mit Opa Traurig erlebt hatte, schossen wie schismatische Plasmastrahlen durch mein ungültig gewordenes Hirn, das zappelnd in einem Geheimlabor der 2D-Polizei lag und niemanden interessierte. Selbst der Böschungsbrand in Bonn-Mehlem oder irgendein verkrüppelter Trash aus dem fernen Gulli schien mehr Beachtung zu finden als mein armes HRN, welches ich einmal liebevoll-augenzwinkernd als „Elendsviertel“ zu bezeichnen wagte. Mittlerweile hatte ich die letzten Puzzleteile meiner Seele oral ausgeschieden und jeden Bezug zum Lebewesentlichen endgültig verloren.

Der Opa bewegte sich nicht. Ich lag neben ihm und 1^2312431231233423882303400ß2kkß2ß303536


Daniel Ableev - Glarean Magazin (2)Daniel Ableev

Geb. 1981 in Nowosibirsk, Studium der Komparatistik, zahlreiche Prosa-, Theater- und Lyrik-Publikationen in Anthologien und Zeitschriften, diverse literarische Auszeichnungen und Festival-Teilnahmen, Mitherausgeber von „DIE NOVELLE – Zeitschrift für Experimentelles“, lebt in Bonn

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Christian Urech: Drei Märchen (Grotesken)

 

Wendel Schäfer: Das verhinderte Spektakel (Groteske)

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Das verhinderte Spektakel

Wendel Schäfer

Jens Uwe, der Juwe, war ein echter Norder. Hoch gewachsen, die Füße in Schuhen wie Flusskähne und an den langen Armen Hände wie Flossen. Maria war aus dem Süden. Bis auf ihre Rundbacken mit Grübchen ohne besonderen Kennzeichen. Mitten im Land trafen beide aufeinander. Zu Kursen in einer Massageschule. Das Treffen gestaltete sich so lebhaft, dass sie sich fürs ganze Leben versprechen wollten. Unter der Bedingung, dass Jens Uwe mit ihr in den Süden zog. „Hier oben ist alles so platt und langweilig und immer zu viel Wind um den Kopf“.
Also zog Juwe mit seiner Maria in den Süden. Und fühlte sich gleich unwohl. Allein schon wie sie hier unten ihm hinten das Juweee lang zogen, dass es ihm im Kopf und Bauch weh tat. Mit Massage konnten beide hier im Städtchen nichts beginnen. Maria ging in eine Großwäscherei. Jens Uwe zur Post.
Größe und Riesenhände wusste der Postler geschickt einzusetzen. Im Handball. Handball spielte er schon in seiner Jugend oben im Dorfverein. Hier unten konnte er seine Wurftechnik so verfeinern, dass er für den Verein rasch unentbehrlich wurde. Gefürchtet waren seine Aufsetzer. Sie sprangen dem Torwart um den Leib herum, weil die Bälle mal nach links und rechts gedreht aufsetzten. Damit stieg der Verein zweimal hintereinander auf und der Juwe zum Trainer erst der Jugend-, dann einer Damenmannschaft. Und sollte bald die Erste trainieren. Als der tüchtige Trainer fast alle Damen durch hatte, jagten sie ihn fort. Seine Maria war ihm schon etwas früher davon gelaufen. Und als Beamter ging so etwas schon gar nicht.
So hatte er sich nun allein durchzuschlagen und bezog eine bescheidene Behausung am Berghang. Und als er nach mühseligen Postler-Jahren vorzeitig in Pension musste, die Gelenke wollten nicht mehr richtig, wurde es für den Juwe noch enger, und er nahm sich immer mehr zurück. Selten sah man ihn im Ort Besorgungen machen. Die meiste Zeit strich er durch Wiesen und Wälder und kam nie ohne ein Bündel Brennholz zurück. Die Winter gerieten meist hart hier unten. Von Maria sah und hörte er nichts mehr. Vielleicht war sie ja auch schon gestorben.
In diesem Jahr war es wieder so weit. Das große Hexenfest. Alle fünf Jahre geriet das Städtchen in fiebrige Aufregung. In der Not des Dreißigjährigen Krieges kam es auf das Spektakel und hielt es bis heute bei. Jens Uwe hasste es, wenn ein ausgesuchtes Opfer den makabren Spuk über sich ergehen lassen musste: Mit Bier, Tamtam und Gejohle holten sie eine Alte ab, setzten sie auf dem Leiterwagen auf ein Jauchefass, stülpten ihr Sackleine über, verrieben Asche in ihr Gesicht, zerzausten das Haar und verbrachten die unsägliche Fracht mitten auf den Marktplatz. Dort war ein Holzstoß aufgebaut, und davor wurde der Hexenwagen abgestellt. Bei hereinbrechender Dunkelheit steckten sie den Scheiterhaufen in Brand, dass es der Alten rot im Gesicht leuchtete und die Haare aufwehten. Dabei tanzten die meist jungen Männer um Wagen und Feuer bei Blasmusik, Wurst und Bier. Einem Fremden, einem zufälligen Gast gab einer auf sein Erstaunen die Antwort in bemühtem Hochdeutsch: „Die haben wir früher richtig verbrannt“ und ließ den Fremden, bestimmt einer von oben, mit offenem Mund stehen. Nach dem Verlöschen des Feuers brachte man die Arme zurück in ihre Behausung, und das Hexenfest wurde noch bis zum Morgengrauen tüchtig gefeiert bei Haxen, Schwof und Bier.
Jens Uwe bekam heraus, dass es diesmal eine Alte aus der Nachbargemeinde treffen sollte. Sie war im Heimatblättchen als Maria B. abgebildet. Ihm stockte der Atem. Das war Maria. Seine Maria. Und nicht nur wegen der Grübchen. Es bestand kein Zweifel. Und Jens Uwe, der Juwe, fasste einen Plan. Diesmal wollte man die Unglückliche mit der eingleisigen Bummelbahn aus dem Nachbarort abholen. Bei hereinbrechender Dunkelheit mit Musik, Fackelschein und Bier.
Unterhalb seiner Hütte musste der Zug um eine Felsnase herum durch eine Fichtenschonung. Hier wollte Jens Uwe seine Hexe aufs Geleis bringen. Der Lokführer konnte das Hindernis nur im allerletzten Augenblick erkennen und nicht rechtzeitig bremsen. Jens Uwe stülpte zwei Heuballen übereinander, setzte eine runde Pappschachtel oben auf, schlug Stoff wie ein Kopftuch darüber, zwei rote Äpfel als Augen, eine lange Möhre die Nase. Dazu steckte er einen Reisigbesen an die Seite und verbarg sich dann im Gebüsch.
Bevor der Festzug um die Ecke keuchte, sprang Juwe auf die Schienen und steckte das Heu in Brand. Sofort stand alles lichterloh in Flammen. Mit schrillen Pfiffen und kreischenden Bremsen krachte der Zug in den Feuerball. Das Hexengebilde zerplatzte, und Funken und Feuerstöße stoben in die Dunkelheit. Polizei, Rettern und Wehrleuten konnte der Lokführer nur ein „Hex, Hex“ entgegenstammeln. Andere weiter vorn im Zug wollten Feuergeister gesehen haben. Wieder andere machten Gespenster aus. Auch leibhaftige Teufel. Und einer hat sogar eine Hexe auf einem Besen reitend durch die Luft fliegen gesehen.
Mit diesem feurigen Spuk war das Fest beendet. Und das Spektakel für alle Zeit verboten.
Für den Postler Jens Uwe war es ein Leichtes, die Adresse von Maria B. auszumachen, um ihr einen knappen Brief zu schreiben. Unterzeichnet mit J. U.
Maria las, verstand, lächelte und gab das Papier ins Feuer. ♦


Wendel Schäfer: Über den Kopf (Groteske)Wendel Schäfer

Geb. 1940 in Bundenbach/D, Studium der Grund-, Haupt- und Sonderschul-Pädagogik in Koblenz und Mainz, langjährige Unterrichtstätigkeit in der Lehrerbildung, zahlreiche Buch- und Zeitschriften-Publikationen, umfangreiche Verbands- und herausgeberische Aktivitäten, lebt als Schriftsteller in Boppard/D

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Wendel Schäfer: Über den Kopf

Rainer Wedler: Drei Weihnachtsgrotesken (Kurzprosa)

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Drei Weihnachts-Grotesken

Rainer Wedler

Dieses Jahr

haben wir Weihnachten ausfallen lassen.
Jetzt hat mein Vater zwei neue Schneidezähne, meine Mutter trägt den Arm noch immer in der Schlinge, meinem Bruder sitzt die Nase schief. Warum nur ich kein bleibendes oder nicht wenigstens ein vorübergehendes Andenken ans Fest habe, das wissen die Götter. Oder das Christkind. ■

Der Nikolaus

wird das Christkind heiraten. Eigentlich fällt sowas ja unter den Pädophilenparagraphen. Aber Promis sind  eben exempt. Oder es traut sich keiner an sie heran. Wie dem auch sei, diese Weihnachten soll die Hochzeit gefeiert werden.
Ein Störfaktor könnte allerdings Knecht Ruprecht werden, das ist der mit der furchterregenden Rute. Aber warten wir’s ab, vielleicht gibt’s ja ´nen flotten Dreier oder so. ■

Einen ganz besonders ausgefallenen Weihnachtsschmuck

hatten wir im letzten Jahr. Oder soll ich sagen, einen abgefallenen? Es geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Die Nachbarin hatte Sturm geläutet, Frohe Weihnachten allerseits, und sich dabei an einem Sektglas festgehalten. Auf die Dauer schien ihr das aber zu unsicher, also hängte sie sich mit der freien Hand an den nächstbesten Zweig, auf dem die Kerzen traulich brannten, Halleluja, dann ging sie, den Zweig festumklammernd,  dabei zwangsläufig den im Lichterglanz erstrahlenden Baum nach sich ziehend, mit Getöse zu Boden, klingelingklingeling, ein lustig Klirren und Knistern hub an,  es roch nach brennendem Tannengrün, eine Eimerkette war schnell gebildet und das Haus gerettet.
Der kurzzeitige Weihnachtsschmuck zog sich wachs-, wasser- und ruhmbekleckert in die eigenen Gemächer zurück, Frohe Weihnachten und vielen Dank für den schönen Abend. ■


Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean Magazin

Rainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys „Liber de vita“, zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

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Herbert Friedmann: Im Literaturhaus (Satire)

Christian Urech: Drei Märchen (Grotesken)

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Es war einmal…

Christian Urech

… ein einsamer Buchstabe

der zu den Zeiten von Napoleons Rußland-Feldzug einfach in den kargen Weiten der sibirischen Steppen vergessen worden war und seither in der unzivilisierten Natur des Nordens umherirrte.
Es war ein französischer Buchstabe, wohlgesprochen, ein Buchstabe, der in den Wörtern der feinsten Pariser Salons verkehrt hatte, und dies schon vor der Revolution. Er war durch die süße Kehle der Marie Antoinette gegangen, in einem Rokokoschlößchen. Molière hatte ihn auf die Bühne gebracht, der Papst ihn urbi et orbi unter der christlichen Menschheit verbreitet.
Und jetzt? So allein, so allein! Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten – allein.
Nur einmal, da hatte er sich in den Mund eines besoffenen russischen Bauern verirrt, der ihn aber alsogleich mit einem wüsten Fluch wieder in die Verbannung hinausbeförderte.
Was beweist, daß manchen einsamen Buchstaben nichts weiter fehlt als ein gutes Wort. ■

… eine Tomate

die war sehr sensibel und schüchtern, so dass sie sicher errötet wäre, wenn ihr jemand ein Kompliment gemacht hätte – und wenn sie überhaupt noch hätte röter werden können, als sie es schon war. Es war nämlich eine schöne, saftige, sonnengereifte Tomate.
Natürlich gab es genügend brutale Menschen, die nur zu gerne in sie hineingebissen hätten. Aber die Tomate, die zwar sensibel, jedoch nicht im Mindesten masochistisch veranlagt war, hatte einen gesunden Überlebenstrieb. So rollte sie – nach einer an der Mutterpflanze glücklich verlebten Jugend (und anschließend gelandet auf dem Gemüsestand eines italienischen Bauern) – einfach tollkühn davon.
Sie rollte mit dem unverschämten Glück der Naiven quer durch den Moloch Florenz, in dessen Kinos perfiderweise der neueste Hollywood-Streifen mit dem Titel „Angriff der Killertomaten“ gezeigt wurde. Rollte also davon, ohne von Autos zerquetscht, von Füßen zertrampelt oder von Polizisten eingefangen und als Beilage zu einem Frühstückssandwich gescheibelt zu werden. Sie rollte davon und raus aus der Stadt, in die friedlichen Felder der Toscana hinein.
Es war ein überaus sonniger, heißer Tag. Unsere sensible Tomate wurde müde und wollte ein kleines Schläfchen halten.
Man ahnt schon, wie die Geschichte endet. Matschig und faulig werdend, überlebte sie die Siesta in dem trockenen Staub wohl kaum.
Was beweist, daß das Leben der Tomanten so oder so kurz und tragisch ist. ■

… ein armer Mann

dessen Herz war so schwer wie ein Sack voller Steine, denn er hatte eine siebenköpfige Familie zu ernähren und keine Arbeit und kein Geld. Da er in einem Land wohnte, in dem alles andere leichter zu bekommen war als gutes und reichliches Essen – die meisten Nahrungsmittel mussten an die reichen Länder des Nordens verkauft werden, um irgendwelche Schulden zurückzahlen zu können, von denen der arme Mann keine Ahnung hatte, wie sie zustandegekommen waren -, hielt er die Erde für eine öde Wüste oder für einen trüben Sumpf, das Leben aber für eine Art Aufnahmeprüfung: die höhere Schule war das Paradies, der Himmel die Götter.
Sicherlich hatte der arme Mann in diesem Paradies einen anderen Körper als hier auf Erden. Einen stärkeren, widerstandsfähigeren, und mit schärferen Pranken, spitzeren Zähnen. Die Welt im Himmel ist ruhig wie ein Stück sich selbst überlassene Natur, nur erfüllt von der Musik der singenden Vögel, vom Schnattern, Seufzen, Stöhnen, Pfeifen, Schnauben, Stampfen und Rascheln der lebendigen Kreatur.
Der arme Mann, welcher jetzt schön ist und stark, dessen Haut bronzen glänzt, und dessen Haar schimmert wie Gold, dieser arme Mann bahnt sich mit seinem silbernen Schwert einen Weg durch diese grüne, friedliche, dampfende, stampfende, raschelnde Welt. Er schreitet voran wie ein König, ein Adliger, ein Auserwählter, ein Sohn Gottes. Er ist die Krone der Schöpfung, unbeteiligt mitfühlend, ein Wissender und trotzdem Unschuldiger, ein Teil und doch teilhabend am Ganzen.
Mitten im dampfenden, kochenden Urwald steht ein wunderschönes Schloss, ein Schloss mit einer üppigen Architektur, ein Labyrinth aus Türmen, Bogen, Quadern, Pyramiden, die künstlich aufeinandergetürmten Steine fast naturhaft oder zumindest äußerst raffiniert die Natur nachahmend, ein Märchenschloss auf dem Grunde des Meeres.
Und er betritt durch ein bogenförmiges Tor das Schloss, der arme, nunmehr reichgewordene Mann, kein Mensch begegnet ihm, nur davonhuschendes Getier. Und er geht durch lange Gänge, vorbei an bogenförmigen Fenstern, vor denen friedlich, tiefgrün, wogend und brodelnd die Welt liegt. Er verliert sich ganz in diesem endlosen Gehen. Sein Kopf ist leer, die Gedanken sind Größerem gewichen. Er ist nur noch leeres Bambusrohr, Instrument des Absoluten.
Da, plötzlich, ganz unverhofft öffnet sich der Gang in einen offenen Saal. Die Luft ist aus goldenem, fast flüßigem Stoff. Berauscht sinkt der Mann in diesen Stoff hinein, in den Stoff, aus dem die Träume sind (Danke, Herr Simmel).
Solch verzauberte Welten – die aufregendsten Märchen, Sagen und Legenden – gibt es jetzt in einer einzigartigen Buchreihe. Allerdings muß unser armer Mann – will er, was ihm niemand verdenken wird, an ihr teilhaben – zumindest lesen können und wenigstens das Kleingeld übrig haben für den Einführungsband „Das verwunschene Reich“. ■


Christian Urech

Geb. 1955 in Menziken/CH, Germanistik-Studium in Bern, vieljährige Tätigkeit als Redaktor und Lektor bei einem Verlag, Veröffentlichungen von Sachbüchern und Kriminalromanen, lebt als Berufsbildner, freier Journalist und Marketingberater in Zürich

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… sowie die groteske Parabel von
Georges Raillard: Der richtige König

Horst-Dieter Radke: Das Allerletzte (Groteske)

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Das Allerletzte

Horst-Dieter Radke

„Wenn mir sonst nichts mehr einfällt, dann gibt es immer noch das Allerletzte!“ sagte Markus.
„Das Allerletzte?“ fragte Petra erschrocken und sah ihn mit großen, ängstlichen Augen an. Es war Nacht und dunkel, und sie standen neben ihrem Auto, das keinen Ton mehr von sich gab. Selbst die Zündung klickte nur noch beim Drehen des Schlüssels. Und auch die Batterie war leer und lieferte kein Licht. Laternen gab es hier draußen nicht. Außerdem war Neumond und die Wolken verdeckten die meisten Sterne.
„Ja, das Allerletzte“, sagte Markus und nahm ihre Hand.
„Was ist das Allerletzte?“ sagte Petra und zog ängstlich ihre Hand zurück.
Markus lachte, und das erschreckte sie mehr, als wenn er sie geschlagen oder zu Boden geworfen hätte.
„Einfach losgehen. Nicht überlegen, wohin und warum. Immer der Straße nach.“
Petra lachte erleichtert, nahm wieder seine Hand und ging glücklich mit ihm in die dunkle, unbekannte Nacht. ■


Horst-Dieter Radke - Mitarbeiter Glarean MagazinHorst-Dieter Radke

Geb. 1953, aufgewachsen in Hamm/D, lebt heute in Lauda-Königshofen im Taubertal, arbeitet freiberuflich als Autor, Lektor und Journalist, zahlreiche Veröffentlichungen im Sachbuch-Bereich

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Beatrice Nunold: …und die Welt… (Groteske)

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…und die Welt ist eine Scheibe

Beatrice Nunold

„Verdammt, wo hatte ich so etwas schon gesehen?“ Ich starrte auf das hoch komplizierte Kachelmosaik. Unter meinen Füßen wanden sich verschlungene Knoten und Schlingen. „Quasikristalle1 , das sind Quasikristalle.“ Die Penroseparkettierung, auch mittelalterliche arabische Knotenornamente wiesen 5-, 8- oder 10-, sogar 12-zählige Rotationssymmetrien auf. Aber dies war das verwirrenste Muster, das mir je unter die Augen gekommen war. Mir schwindelte bei seinem Anblick und dem Versuch eine Ordnung zu erkennen. Von dem Mosaik ging ein diffuses Leuchten aus, als würden die wenigen Photonen, die sich bis hier her durchgeschlagen hatten, reflektiert. Undurchdringliche Finsternis überspannte das nicht enden wollende Plateau. Feiner Nieselregen streichelte mein Gesicht, durchfeuchtete Haar und Kleidung und verlieh den Mosaiken einen geheimnisvollen Schimmer. Da war Musik. Sie füllte meinen Kopf. Leise sphärische Klänge schwollen zu einer gewaltigen Symphonie an. Das kannte ich doch, wenn auch anders, einfacher, rockiger, – die Pea-Brains2, – mein Lieblingslied. Doch kein Dampfhammer-Havey-Metal-Sound dröhnte in meinem Schädel. Vielstimmige Obertöne weiteten mein Bewusstsein, dehnten es bis an die Grenze zur Auflösung, bis an die Schwelle zur Finsternis, die in meinem Hirn heraufzudämmern drohte:

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

„Morgenglanz …“

… im Quantenschaum …

„Esther!! Sieh dir das an …“

Ein Gott träumt…

„Ich glaube nicht, was ich da sehe!“

…den 3-Bran-Raum…

„Esther! Wach endlich auf!“
Tabahs Stimme wurde deutlicher. Der Obertonchor verstummte. Der Himmel lichtete sich. Das Fußbodenmosaik begann aus den Fugen zu geraten. Opaker Goldglanz brach zwischen den Rissen hervor. Ich glaubte zu stürzen. Der eigene Schrei gellte mir in den Ohren.
„Morgenglanz?! Wo bleibst du. Mallion! Schmeiß Esther aus dem Bett!“
Ein Rütteln ließ mein Bewusstsein wieder zum Zentrum meiner selbst zusammenzurren. Jemand schüttelte Goldstaub aus Kleidern und Haaren. Die Luft flirrte und während der Flitter zu nichts verging, erwuchs aus diesem Nichts eine Welt.
„Creatio ex nihilo“, hörte ich mich kommentieren.
„Esther, hey! Alles wieder senkrecht?“
Die Welt war lila. Nein, die Welt waren Merrylls Augen, seine lieben lila Augen, die mich besorgt anblickten. Die Corona seines wirren weißen Haares brachte die Sonne in meine Welt zurück.
„Du hast geträumt.“
„Ja, einen Traum aus Quantenschaum.“ Ich war immer noch benommen.

„Esther, komm endlich durch. Die Kapitänin wird auf der Brücke verlangt. Tabah flippt aus.“

„Was ist los, Tabah?“ fragte ich als wir die Brücke betraten. Der Kamarianer sah mich mit seinen schwarz schimmernden Augen fragend an. Er brauchte nichts zu sagen. Mein Blick klebte am Panoramaschirm. Einen Moment lang glaubte ich, mein Traum spuke noch in meinem Hirn.
Die Besatzung des kleinen Raumschiffs war versammelt. Ich spürte ihre Ratlosigkeit.
„Woher soll ich wissen, was das ist, – irgendeine Quasikristall-Gigantomanie, – keine Ahnung. Was meint unsere Astro-Archäologin?“
„So etwas habe ich schon mal gesehen, nur viel einfacher. Auf Terra, glaub ich, hat die Islamisch-arabische Kultur eine ähnliche Ornamentik hervorgebracht. Vergleichbares gibt es bei uns auf Kama oder auf Kathara, die Mosaiken der Tubanischa und bei vielen anderen Planetenkulturen. Quasikristalle sind quasiperiodisch. Ihre Periodizität wird erst in einem höherdimensionalen Raum verständlich. Mathematik ist universal. Ich nehme an, diverse Kulturen sind auf vergleichbare Lösungen gekommen. Aber so etwas Kompliziertes …. Und wer um alles im Multiversum parkettiert die schwarzen Tiefen des Kosmos? „Fenet schüttelte den Kopf.
Das Schiff schwebte über eine nicht enden wollende Plattform blau-goldener Mosaiken auf weißem Grund. Sie schimmerten fahl in der Weltraumnacht.
Ich starrte unverwandt auf den Schirm: „Computer, Pea-Brains, Neuwelt.“
„Morgenglanz, bist du komplett durchgeknallt?“
„Halt die Klappe, Tabah.“
Aus einer anfänglichen Geräuschekakophonie entspannen sich Töne zu Melodiefäden und woben einen komplexen Klangteppich, darüber konnte der Schwermetallrhythmus nicht hinwegdröhnen. Er hämmerte die verschlungene Melodie auf unsere eindimensionalen Hörgewohnheiten herunter.
„Komplexitätsreduktion.“
„Was? Morgenglanz, ich mach mir ernsthaft Sorgen …“
„Ruhe, Tabah!“

Eternity, die Frontfrau der Band erhob ihre Rockröhre:

Der Tag trägt Trauer,
Die Farben der Nacht,
Ein sanfter Schauer
Streichelt ihn sacht.
Sacht, sacht in den Farben der Nacht, in den Farben der Nacht.

Zum Refrain unterstützten die Jungs grölend ihre Sängerin.

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…

„Computer, stopp. Ich habe das schon einmal gesehen, – in meinem Traum und diese Musik gehört, nur sagen wir symphonischer, wie Sphärenklänge, – vielleicht eine Superstring-Sphärensymphonie.“
Das Bild auf dem Schirm änderte sich. In den Boden waren schmale, sehr lange Spitzbogenfenster eingelassen. Als wäre das nicht seltsam genug, zeigten diese in alle Richtungen. Hinter den Fensteröffnungen lauerte undurchdringliche Finsternis, manchmal gold-opak changierend.
„Entweder waren diese Baumeister total meschugge oder unfassbare Genies, oder beides,“ murmelte ich vor mich hin.
Am Horizont kam so etwas wie eine Barriere ins Bild. Vor uns wuchs eine gewaltige, das ganze Blickfeld ausfüllende Quasikristallmosaikmauer und verlor sich in der Schwärze des Alls. Gemauerte Lanzettfenster zeigten scheinbar willkürlich nach oben, unten, seitwärts als hätte das Bauwerk keine Ausrichtung. Wie bei Vexierbildern kippte hinter den Fenstern samtenes Dunkel in aufglänzendes Gold.
„Transzendenz ohne Transparenz wie der Goldgrund mittelalterlicher Bilder. Die Lichtundurchlässigkeit des Goldes bringt das düsterste Leuchten des Universums hervor. ‚Fürchtet den Tag des Herrn, denn des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht’, Amos ich weiß nicht was.“
Die anderen Schwiegen.
„Der barbarische Glanz des Goldes ist bloß der Widerschein seiner immanenten Dunkelheit oder doch der Vorschein des Herrn Tag. Auf Terra gibt es das alte lateinische Wort sacer. Es bedeutet sowohl heilig als auch verflucht.“
„Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin“, meldete sich Fenet, aber zabrach auf Kama oder empur auf Sumfar hat eine vergleichbare Bedeutung.“
Unter uns sahen wir gewaltige Portale. Aus komplizierten Knotenmustern wuchsen groteske Dämonen oder lösten sich in diese auf. Höllenfratzen mit weit aufgerissenen Augen und Mäulern glotzten eher verzweifelt als böse. Wie die Fenster so hatten die Tore keine bestimmte Ausrichtung. Die Horizont und Firmament ausfüllende Mauer, auf die wir zuhielten, zeigte das gleiche Bild.
Tabah erholte sich als erster von dem Anblick: „Wir sollten landen, Morgenglanz, und uns dieses absurde Bauwerk näher ansehen.“
„Noch nicht.“
Ich setzte mich auf meinen Kapitänssessel und steuerte das Schiff senkrecht die Mauer empor. Doch das schien nur so. Die Mauer wandelte sich zum Plateau. Ich drehte das Schiff um 180 Grad. Neben uns ragte das einstige Fußbodenmosaik als Mauer in die schwarze Höhe. Das Schiff setzte auf. Unsere Sensoren zeigten ausreichend Sauerstoff und Schwerkraft.
Fenet, Tabah, Mallion und ich standen auf dem Fußbodenmosaik, das wir zunächst als Mauer identifiziert hatten. Es nieselte und der Tag trug Trauer. Von den Mosaiken ging ein hoffnungsloses Leuchten aus, und doch war der fahle Schimmer wie ein Geschenk.
„Endzeitlicht, Abglanz der Vergänglichkeit.“ Meine Stimme klang rau und erstickt.
„Esther, mahnte mich Merryll, „hör auf zu orakeln.“
Vor unseren Füßen dehnte sich ein von unserer Position aus nicht zu überblickendes Fenster und gähnte goldschlierige Dunkelheit. Unwillkürlich wichen wir zurück und lenkten unsere Schritte auf ein Portal in der Mauer.
„Wenn es nicht so kunstvoll gearbeitet und so kompliziert gestaltet wäre, würde ich es als barbarisch bezeichnen.“
Während die Astro-Archäologin sprach, berührte sie mit ihre Hand das Tor. Geräuschlos sprang es nach innen auf und gab den Blick frei in einen riesigen Rundbau, umstanden von einem Säulenwald. Strebepfeiler schossen in die Höhe. Ich konnte nur ahnen, dass sie sich gleich der Euklidschen Parallelen irgendwo im Unendlichen treffen. Zusagen der Raum sei kathedralenhaft wäre eine Verniedlichung. Wir verharrten auf der Schwelle, winzige Wesen, schaudernd vor der bedrängenden Nähe des Unermesslichen. Buntes Licht brach durch den steinernen Forst, glimmte im Dunkel und wogte als farbiger Photonenschleier auf der Rotundenlichtung.
„Und das Licht fiel in die Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen“, ich hauchte die Worte. Abt Suger muss ähnlich überwältigt gewesen sein als er den Kirchenraum von St. Denis betrat. ‚Lux mirabilis et Continua’ …“
„Morgenglanz“, unterbrach mich Tabah, „Niemand außerhalb deines Provinzplaneten versteht den Provinzdialekt dieses Himmelkomikers oder kennt diesen Provinztempel.“
„Das ist nicht nötig,“ wandte Fenet ein. „In den meisten Planetenkulturen wird Licht als Epiphanie des göttlichen empfunden, als etwas Heiliges.“
„Ja,“ bestätigte Merryll, „denk an den Provinztempel der Warinda meines kleinen Provinzplaneten Kathara.“
Ich wollte die Rotunde betreten, zog meinen Fuß aber wieder zurück. Die Strebepfeiler spiegelten sich im Boden und schienen in der Tiefe zu loten, umflossen von einem wunderbar ununterbrochenen Glanz farbig gebrochenen Lichts.
„Esther, seit wann bist du so ängstlich oder wirst du plötzlich religiös. Ziehet eure Schuhe aus, ihr betretet heiligen Boden,“ lästerte Tabah, der mal wieder versuchte seine Ergriffenheit mit Coolness zu überspielen. Ich ignorierte ihn. Im Augenwinkel gewahrte ich, wie Fenet sich anschickte über die Schwelle zu treten.
„Nicht!“ Ich packte Thyra gerade noch am Arm.
„Trantasch kabir shun!“ ‚heilige Scheiße!’ fluchte sie in ihrer Muttersprache, und wich entsetzt mehrere Schritte zurück.
Da war kein spiegelnder Boden, sondern ein gähnender Abgrund. Die Säulen ragten in die Untiefe ebenso wie in die Höhe. Aber gab es überhaupt ein Unten und Oben. Die Tiefe des Abgrundes und die Tiefe des Alls sind ein- und dasselbe und nur für uns nicht das gleiche. Hier musste wahrlich niemand auf den Kopf gehen, um in den Abgrund des Himmels zu blicken.
„Dort“, sagte Merryll leise.
Eine Art Floß schwebte durch ein Spalier aus farbig gebrochenem Licht auf uns zu. Das Floß hielt an der Schwelle. Wir sahen uns an. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und verwehrte den Ängsten, die aus dem Untiefen meines Selbst empor krochen, besitzt von mir zu ergreifen. Vorsichtig betrat ich die schwebende Plattform. Sie trug mich, schwankte nicht einmal. Merryll und Tabah taten es mir gleich. Nur Fenet zögerte zunächst. Ich konnte sie gut verstehen. Keine Angst zu haben ist ein Zeichen von Phantasielosigkeit. Auch wenn dies hier unser Vorstellungsvermögen überforderte, die Einbildungskraft belebt selbst das Unvorstellbare mit Phantomen. Kein Bildverbot hat das je zu unterbinden vermocht. Tabah reichte Fenet die Hand und zog sie zu sich hinüber.

Das Floß schwebte durch das Photonenspalier.
„Don’t pay the ferrymen…,“ schoss es mir durch den Kopf und „Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren …“.
Hinter uns schlugen die Türflügen ins Schloss. Oh, Shit! Was hätte ich für einen Vergil gegeben. Sogar Charon, der die toten Seelen über den abgründigen Styx in den Hades schifft, wäre mir willkommen gewesen.
Musik stieg aus der Tiefe des Raumes empor, dieselbe die ich in meinem Traum vernommen hatte und deren Rockversion mir durch die P(ea)-Bra(i)ns vertraut war. Der Obertonchor hob an:

Der Tag trägt Trauer,
Die Farben der Nacht,

Nur mit Mühe gelang es mir mein Bewusstsein daran zu hindern in die Unendlichkeit auseinander zu driften.

Ein sanfter Schauer
Streichelt ihn sacht.

„Ohren zuhalten!“ schrie ich.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Der Sirenengesang klang jetzt etwas gedämpfter, aber er zerrte immer noch an den Neuronen.

Die Sonne hinkt auf ihrer Bahn.
Der Mond erbleicht.
Pan phantasiert im Fieberwahn.
Vergessen ist leicht.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Ich war jetzt in der Lage den Gesang zu orten.

Am Abgrund schlummert ein Stein.
Die Tiefe träumt Welten.
Quarks tanzten Ringelreihen
Als Dimensionen zerschellten.

Das Lichtspalier sang. Ich kann nicht sagen, dass dies zu meiner Beruhigung beitrug.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.

Manchmal glaubte ich schwache Formen zu erkennen.

Das Meer verdampft zu Silberschein.
Die Ferne geht verloren.
Schweigend rollt der Horizont sich ein.
Neuwelt wird geboren.

Was war das nur für eine Sprache. Seltsamerweise verstand ich sie.

Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Strings swingen im Quantenschaum Schaum,
ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum, im Quantenschaum…

„Protoglossa,“ dachte ich. „Protoglossa…“
Der Gesang verstummte.
„Ihre Gehirne sind für unsere Musik nicht ausgelegt,“ erklang ein melodisches Unisono.
Wir lösten die Hände von unseren Ohren.
„Ihre Hirne sind für unser Wissen nicht ausgelegt.“
Ich wollte protestieren, da sah ich, worauf wir zusteuerten. Auf einem schwebenden Mosaik ruhte ein Felsbrocken, ein Findling, – bizarr geformt als hätte ein wüster Äonensturm die rohe Materie erodiert.
„Protomaterie,“ schoss es mir durch den Kopf. „Nein, damit assoziierte ich bisher die Strings oder deren angeregte Schwingungszustände die Elementarteilchen. Dieser Fels schien so etwas wie ein heiliges Objekt zu sein, wie die Kaaba in Mekka. Das Floß legte an. Wir betraten die Mosaik-Plattform. Ich hörte Fenet neben mir zitieren: „Am Abgrund schlummert ein Stein, / die Tiefe träumt Welten …“
Da begann ich zu begreifen, oder nein, so etwas wie ein Begreifen ergriff mich und erschütterte mich bis ins Mark. Unsere Welt die Schaumgeborene. Ich fiel auf die Knie und starrte über den Rand in den Abgrund.
„Esther!“ Merrylls Stimme überschlug sich fast.
Ich hob mein Haupt und blickte in den Abgrund über mir. Finsternis und opakes Gold durchschienen von farbig gebrochenem Licht. „Das Xaos, Platons Chora3„, stammelte ich, „die Amme des Werdens“, das Bulk4, – dass ich das Erlebe!
Ich sah mich um. Schlanke Lichtgestalten umstanden uns. Merryll half mir auf.
„Die Prototopologie der Spin-Netze des Quantenschaums5 ist nicht diaphan.“ sprach es staunend aus mir.
„Nur der Weltraum ist durchscheinend.“
„Wer seid ihr?!“ hörte ich Merrylls verwunderte Frage.
„Wir sind das Licht der Welt. Wir sind das Unbegriffene der Finsternis. Wir sind die Hirten des Seins. Wir sind die Hüter der Endlichkeit. Wir sind die Wächter der Welt, die Engel, die Angeloi, die Karamir, die Marusch. Wir sind das Funkeln der Sterne und des Feuers Schein, das Leuchten in den Augen und das Licht der Vernunft. Wir sind die Grenzposten zur Unendlichkeit.“
Fenet bückte sich und zeichnete mit einem Finger das komplizierte Muster nach. Ein Penroseparkett war nur eine extrem einfache Variante dieses verschlungenen Quasikristallmosaiks.
„Eine dreidimensionale Projektion der unendlichen Tiefe, der All-Dimension aller Branenwelten, aller Zeit-Spiel-Räume der Multiversen, ein abstraktes Bild, stark vereinfacht, von dem, wovon niemand ein Bild sich machen kann, nicht einmal wir. Auch wir sind Gefangene der 3-dimensionalen flachen Scheibe, unserer 3-Branwelt, die unser Universum ist, so wie ihr und alle hadronische Materie.6 Unsere Welt, sie endet hier.“
Bei diesen Worten begannen die Lichtgestalten sich wieder in farbige Photonenschleier aufzulösen.
„Geht jetzt! Dies ist kein guter Ort für hadronische Wesen. Manchmal brechen die Dämme. Ein Multidimensionsstrudel, wir spüren ihn.“

Der Panik nahe sprangen wir auf das Floß. Ich betete zu allen mir bekannten Göttern und Götzen des Multiversums, das Floß möge schnell genug und das Tor wieder offen sein. Schon tauchte es vor uns auf. Es war geschlossen. Hinter uns ein Dröhnen, das unsere Trommelfelle zu zerreißen drohte. Wir wagten nicht uns umzudrehen. Ich ahnte das Aufreißen der sich um uns herum verdunkelnden Welt. Statt der Pforte dräute vor uns Finstergold. Wir schrieen wie aus einer Kehle als wir in die massiv wirkende Goldnacht rasten. Eine Melange von Gold und Schwärze stob an uns vorbei. Das Tor sprang auf. Das Floß rammte die Schwelle. Wir flogen in hohen Bogen auf den Mosaikboden. Hinter uns schlug krachend die Pforte zu. Ich rappelte mich hoch.
„Merryll!“
Er war in eines dieser Lanzettfenster gestürzt und versuchte sich herauszuziehen. Ich flog zu ihm, packte ihn unter den Axeln. Die anderen kamen zur Hilfe. Kaum hatte er festen Boden unter den Füßen, erschütterte ein Beben die Mosaikebene. Es fehlte nicht viel und wir wären gemeinsam in den Abgrund gestürzt, aus dem wir gerade meinen Liebsten befreit hatten. Ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte die Luft.
„Zum Schiff!“ Schrie ich.
Wir rannten um unser Leben.

Ich startete durch. Die Besatzung presste es in die Sitze. Aus dem Lautsprecher dröhnten die Pea-Brains. Vor uns öffnete sich ein Wurmloch. Wir tunnelten uns in heimeligere Gefilde unseres Provinzuniversums.
Ich drehte mich um. Merryll war grün im Gesicht, ein hübscher Kontrast zu seinen Lila Augen. Tamir Tabah grinste breit, umklammerte aber immer noch Fenets Hand.
„Puh, das war knapp! Dann doch lieber zerstrahlt im Quantennirwana als Verschollen oder Schlimmeres im Outback der Multiversen.“ Ich lachte und das Lachen befreite. „Und wo geht’s als nächstes hin? Wie wär’s mit immer der Nase nach von einem Rand unserer 3-Bran-Scheibenwelt zum anderen, – Ptolemäus revistet.“
„Waas?“ kam es wie aus einem Munde.
„Vergesst es, – Provinzgeschichte.“

Strings swingen im Quantenschaum, im Quantenschaum,
Ein Gott träumt den 3-Bran-Raum.
Im Quantenschaum…


1 Quasikristalle sind scheinbar aperiodisch. Ihre Periodizität ist erst in einem höherdimensionalen Raum zu erkennen.

2 Wortspiel der Physiker: p-Brane ist lautgleich mit Pea-Brain, Erbsenhirn. Brane: von Membran. p-Brane: Lösung der Einsteinschen Gleichung E=mc². P-Branen expandieren in einige Richtungen unendlich. In einer Dimension wirkt eine p-Brane wie ein schwarzes Loch und fängt Objekte ein. P steht für die Anzahl der räumlichen Dimensionen.

3 Platon, Timaios, 49 a, vgl. 52 d.

4 Als Bulk (engl. Groß, Großsteil, Gros) wird der umfassende höherdimensionale Raum bezeichnet, in dem alle Branenwelten versammelt sind. Er ist die „Ortschaft aller Orte und Zeitspielräume“, von der Heidegger spricht, das griechische Xaos, der gähnende Abgrund und Platons Chora, die Tiefe, die Spalte oder Kluft.

5 Hätten wir die Möglichkeit, so geht die Theorie einiger Physiker, die Natur soweit zu vergrößern, dass selbst winzigste Strukturen mit Plank-Länge (10-35 m) sichtbar würden, löse sich die Kontinuität von Raum und Zeit auf und ein diskretes, gequanteltes Spin-Netzwerk eindimensionaler Fäden würde sichtbar, bzw. auf Grund der Unschärferelation, die quantenphysikalische Überlagerung aller möglichen Zustände. Der Spin ist der Eigendrehimpuls eines Elementarteilchens. Seine mathematischen Eigenschaften sind mit Netzwerkverknüpfungen vergleichbar, wie ein Gewebe aus eindimensionalen Fäden. Ist das Bulk eine Art Prägeometrie, so das Spin-Netz oder der Quantenschaum eine Art Protogeometrie oder –Prototopologie, aus der eine konkrete Raumzeit erst emergiert.

6 Normale aus Quarks zusammengesetzte und der Starkenwechselwirkung (Hadron) unterliegende Materie. Während einige Teilchen sich frei in allen Branenwelten und im Bulk bewegen können, solche die Anregungszustände geschlossener Strings sind wie das Graviton, können andere, Anregungszustande offener Strings, sich nur entlang der Raumdimensionen bestimmter Branenwelten bewegen, sind also Gefangene der Branenwelt. Was für die Elementarteilchen gilt, trifft auch auf Objekte und Wesen zu, die aus diesen Teilchen bestehen. Wir leben, so die Theorie einiger Physiker, in einer 3-Branwelt.


Beatrice Nunold - Glarean MagazinDr. Beatrice Nunold

Geb. 1957 in Hannover, Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Volkskunde, Sprache und Kultur Vietnams in Hamburg, Promotion; verschiedene wissenschaftliche und literarische Publikationen, lebt als freie Autorin und Philosophin in Goslar/D

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kurzprosa auch von
Horst-Dieter Radke: Drei Tier-Fabeln

… sowie zum Thema Gott und die Welt das Theaterfragment von
Herbert Jost: Hamlets Rückkehr

Konrad Vogel: Introkubus (Groteske)

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Introkubus

Konrad Vogel

Als der renommierte Linguist und spindeldürre Schriftsteller Dr. Felix Introkubus sein eigen Wort zum ersten Mal nicht mehr verstand, fand er dies lustig. Er formulierte, zwar gedankenscharf und endgültig wie immer, seine Wahrheit, die Wahrheit, und – was wichtig ist – er sprach sie aus. Mag sein, sie war im Laufe der Zeit etwas dünner und farbloser geworden, grade so wie er, seine Wahrheit. Als negativ hätte ich sie deswegen nicht bezeichnet.
Er sprach sie also aus und – verstand sie nicht. Wie konnte er sie denn auch verstehen, wenn er seine Worte nicht hörte? Nein, keine Spur von Schwerhörigkeit; er hörte z.B. seine Frau (auch wenn er sie nicht verstand) oder seine Kollegen, die er nicht verstehen wollte; seine eigenen Worte verstand er stets, hörte sie aber nicht, wenn er sie aussprach. Sie verschwanden, kaum ausgesprochen, irgendwo in ihm. Es war, als saugte irgend etwas in ihm, sein Magen vielleicht, seine Worte an. „Retrosprache“ fieberte sein Hirn, „ich habe die Retrosprache erfunden. Sprache, die aus mir in mich fließt.“
Wenn Felix Introkubus nun etwas aussprach, aussprechen wollte, erfüllte ihn ein nie gekanntes Glücksgefühl, dem Magersüchtigen gleich, der wieder essen darf. Dieses Glücksgefühl zeigte sich denn auch materiell-organisch: Der spindeldürre Introkubus wurde – zwar appetitlos, er aß kaum noch und er trank nur Wasser, geräuschlos und in großen Mengen, wie das städtische Wasserwerk vermerkte – Dr. Felix Spindeldürr wurde, es sei gesagt, es sei geklagt, ansehnlicher, wohlleibiger, dann – dick.
Seine Ansprachen und Aussprachen, zu Einsprachen geworden, ernährten ihn von selbst. Der Retrolinguist wähnte sich auf dem Gipfel seiner Karriere, und er wurde auch überall herumgezeigt, unser wissenschaftlicher Zoo der Eitelkeit, sprich Universitäten, kennt dergleichen Vorfälle zur Genüge.
Es war auch herrlich, ja göttlich zu erleben, wie er, während er vorlas – kein Mensch verstand ein Wort – rund und runder wurde. Bald mussten zwar die Türen zum Hörsaal erweitert werden, um seinen gewichtigen Kubus, der seinem Namen nun alle Ehre machte, durchzulassen. Ärgerlich war auch, dass nach gehaltener Einsprache die Türe wieder zu eng und ein Verlassen des Saales oftmals unmöglich wurde.
Das alles war aber erträglich, der obligate Preis des Ruhms. Störend fand Introkubus indessen, dass – als er den Fehler beging, sich im Spiegel zu besehen – sein Bauch allmählich dunkel, dann schwarz wurde. Schriftzeichen, aber auch Laute hüpften, glucksten, drängten sich, Tätowierungen und Melodien gleich, unter seiner Haut ans Tageslicht.
Seine Haut wurde zur Leinwand, Worte und Bilder enthüllend; Bläschen bildeten sich, die, aufgestochen, Töne von sich gaben. Es war eindeutig: der Inkubus und Retrolinguist drohte zum lebenden Tonfilm zu werden.
Nichts gegen die Filmkunst, meine Damen, aber wo der Mensch zum Showobjekt mutiert, da stellen sich Gaffer ein. Fragen nach Regie und Kameramann werden erhoben. Kurz, die fragwürdig gewordene Leinwand, Dr. Felix Introkubus, suchte den Arzt auf.
Er fand einen guten. Dr. Martin Dean, ein Lingo-Psychologe und – wie der Name sagt – ein Dehnungsspezialist aus den USA, fand die Therapie.
„Absolute Sprachlosigkeit, mein Herr,“ empfahl Dean. „Ihr Zustand ist bedenklich, zweifelsohne. Bauch, Darm, Zwerchfell angespannt bis zum Gehtnichtmehr. Ich warne Sie, ein einziges Wort, das Sie noch einsprechen, und Sie platzen. Es könnte Ihnen gehen wie dem verrückten Archäologen aus meiner `Gefiederten Frau‘ – ein einziges Wort und Sie bringen sich um. Übrigens, kennen Sie mein Buch?“
„Leider nein“, sagte Dr. Felix Introkubus, was Dr. Dean dazu brachte, eine Reinigungsfirma anzurufen, die sein wortübersätes Büro noch heute zu putzen versucht. ■


Konrad Vogel - Satire - Glarean Magazin

Konrad Vogel
Geb. 1944 in Näfels/CH; Studium der Germanistik und Romanistik, Dr. phil; Lehrertätigkeit in verschiedenen Institutionen und Bereichen, militärische Karriere, umfangreiches kommunalpolitisches Engagement in verschiedenen Gremien, Lyrik und Kurzprosa-Veröffentlichungen in Zeitschriften, lebt als Gymnasiallehrer in Horw/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Kurz-Groteske von
Martin Stauder: Mordverdacht

Martin Stauder: Mordverdacht (Groteske)

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Mordverdacht

Martin Stauder

Es soll ja Leute geben, die lachen sich zu Tode, und dann kommt die Polizei und verhaftet den Ehemann wegen Mordverdacht. Dabei war doch alles ganz anders. Die Sache mit Herrn Bleidewin z.B, der ließ beim Frühstück mit seiner Vroni sein Abenteuer mit der Nachbarin Rosmarie los. Seine Zunge zappelte nervös. So schilderte er freimütig, wie er der Frau durchs Schlafzimmerfenster gestiegen ist, und wie er, als er sich übers Fensterbrett beugte, mit seiner Rechten in einen Kaktus gegrabscht hat. Natürlich hat er seinem Weibe nicht erzählt, wie laut er aufgeschrieen und sein Gleichgewicht verloren hat, aber korrekt angemerkt, wie die Rosmarie sich damals über ihn totgelacht hat. „Deswegen ist es ja nicht zum Verkehr gekommen“, sagte Herr Bleidewin zur Vroni, und unerwartet heulte sie drauflos, und der Bleidewin sah verwundert, dass ihr offensichtlich irgendwas im Halse steckengeblieben war. Schließlich schwieg sie. ■


Martin StauderMartin Stauder

Geb.1958 in Göttingen/D, zunächst Musikalienhändler, seit 1990 in der Krankenpflege tätig, schreibt Kurzprosa und  Lyrik,  veröffentlicht Buchrezensionen im Internet,  lebt in Regensburg

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Mord-Groteske von
Wendel Schäfer: Über den Kopf

… sowie die Groteske von
Horst-Dieter Radke: Das Allerletzte