Das Zitat der Woche

Über die Musikerziehung als Mittel gegen Vorurteile

Barbara Knab

Belege für die Vermutung, dass das intensive Kennenlernen einer zunächst fremden Musik kulturellen Vorurteilen entgegenwirkt, kommen aus Portugal. Eine Arbeitsgruppe um Félix Neto aus Porto entwickelte eine spezielle interkulturelle Unterrichtseinheit für Musik. Fünf sechste Klassen an zwei Lissabonner Schulen, insgesamt 229 Schüler, bekamen 20 zusätzliche Doppelstunden Musik, ein halbes Jahr lang einmal pro Woche. Sie befassten sich intensiv mit Liedern im portugiesischen Nationalgesang Fado und im Morna-Stil der Kapverdischen Inseln. Auf diesen Inseln vor Afrika wird noch immer Portugiesisch gesprochen, ein Erbe der Kolonialzeit. Die Kinder erfuhren Hintergründe der Musikstile, Biografien von Sängern und Sängerinnen, hörten Lieder beider Kulturen in verschiedenen Interpretationen, sangen sie selbst und choreografierten Tanzinszenierungen dazu. Sie setzten sich also mit beiden Musikkulturen intensiv auseinander, emotional wie kognitiv.
Vor und nach dem halben Jahr interkulturellen Unterrichts bearbeiteten alle Kinder zwei Tests, in denen es um explizite sowie unterschwellige Vorurteile gegenüber Dunkelhäutigen ging. Außerdem gab es Nachtests drei Monate sowie drei Jahre nach dem Ende des Unterrichtsprojekts. Die Kinder in den fünf Parallelklassen machten jeweils dieselben Tests, hatten aber Unterricht wie immer.
Das Ergebnis ist verblüffend. Anfangs dachten die Kinder alle gleich über Dunkelhäutige, Vorurteile waren nicht extrem, aber deutlich. Bei den Kindern aus den fünf Vergleichsklassen blieb das konstant. Die musikalisch interkulturell trainierten Kinder hatten dagegen ihre Einstellung geändert. Explizit äußerten sie weniger Vorurteile, und ihre impliziten, unterschwelligen Vorbehalte waren sogar noch deutlicher geschrumpft. Beides blieb auch in den folgenden Monaten erhalten, die impliziten Vorurteile nahmen sogar noch weiter ab. Diese Kinder hatten die kapverdische als eine Art verwandter Musik kennen- und schätzen gelernt. Sie schienen diese Wertschätzung auf kapverdische Menschen und in der Folge auf Dunkelhäutige an sich ausgedehnt zu haben. ♦

Aus: Barbara Knab, Mit Musik wachsen – in: PSYCHOLOGIE HEUTE 08/2016

Mario Andreotti: «Ein Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes» (Vortrag)

«… die Kunst geht nach Brot»

Ein Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes

Prof. Dr. Mario Andreotti

.Der etwas sonderbare metaphorische Titel meines heutigen Vortrags «…die Kunst geht nach Brot» mag Sie, geschätzte Zuhörende 1), zunächst irritiert haben. Gleichwohl haben Sie natürlich sofort gemerkt, woher der Satz stammt: aus Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel «Emilia Galotti» nämlich. Es ist gleich zu Beginn des Stücks die Antwort des Malers Conti auf die Frage von Prinz Hettore, was die Kunst denn mache. Lessing verwendet hier ein Sprichwort, das schon für das 16.Jahrhundert bezeugt ist.

Die ‚Auftraggeber‘ von
Malerei, Musik und Literatur

Schiller - Die Räuber - Glarean Magazin
Literaten-Abhängigkeit von den Mächtigen&Reichen: Arrest für Schiller wegen dessen «Räubern»

Fragen wir uns kurz, was dieses Sprichwort denn eigentlich aussagt. Etwas im Grunde Einfaches, würde ich meinen: Es sagt aus, dass die Kunst, also etwa Malerei und Musik, aber auch die Literatur so etwas wie einen ‚Auftraggeber‘ hat. Bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts war dieser Auftraggeber der Fürstenhof; Intellektuelle und Kulturschaffende wurden, indem die Fürsten ihren Lebensunterhalt bestritten und als ihre Mäzene auftraten, an die Höfe gebunden, waren von ihnen abhängig. Friedrich Schiller etwa hat diese Abhängigkeit auf besonders krasse Weise zu spüren bekommen: Als er ohne Einwilligung von Herzog Karl Eugen der Uraufführung seines ersten Dramas «Die Räuber» im Mannheimer Nationaltheater beiwohnte, hat ihn das 14 Tage Arrest gekostet. Karl Eugen verbot ihm, weiterhin Dramen zu schreiben, was Schiller bekanntlich zur Flucht über Mannheim nach Frankfurt veranlasst hat.
Seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts, dem Aufstieg des Bürgertums und der Entstehung eines modernen Urheberrechts, ist es zunehmend der freie Markt mit seinen Vorgaben, sind es die Verleger, Lektoren und Literaturagenten, ist es nicht zuletzt auch die Literaturkritik, die zum Auftraggeber der Kunst – genauer gesagt, der Literatur – wird. Wir sprechen dann recht eigentlich von einem Literaturbetrieb. Von diesem Literaturbetrieb, wie wir ihn heute kennen, soll in meinem Vortrag die Rede sein.
Das setzt, verehrte Hörerinnen und Hörer, allerdings voraus, dass wir zunächst ein wenig zurückblicken in eine Zeit, da Literatur noch kein Betrieb, das Buch noch keine Ware und die Literaturkritik noch nichts mit der Vermarktung von Büchern, mit Marketing, zu tun hatte. Dabei geht es mir nicht um Nostalgie, nicht um Kulturpessimismus oder gar um Untergangsstimmung. Ich möchte lediglich aufzeigen, wie die Entwicklung in den letzten dreißig, vierzig Jahren – der Zeit, die ich beruflich als Germanist überblicken kann – verlaufen ist, was sich verändert hat und was den heutigen Literaturbetrieb ausmacht.

Frankfurter Buchmesse - Glarean Magazin
Unerbittlicher Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt: Die Frankfurter Buchmesse

Was gab es also und was gab es nicht, damals, in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als ich auf dem Gebiet der Literatur und des Literaturbetriebes die ersten Schritte machte. Es gab die Autorinnen und Autoren, die Bücher schrieben, mehr Männer noch immer als Frauen; es gab die Verlage, oder, besser gesagt, die Verleger, fast ausschließlich Männer, die diese Bücher herausbrachten; es gab die Kritikerinnen und Kritiker, auch hier mehr Männer als Frauen, welche die Bücher rezensierten; und es gab die Buchhandlungen oder, besser gesagt, die Buchhändlerinnen und Buchhändler, die dafür sorgten, dass die Bücher auch unter die Leute kamen. Hier waren die Frauen in der Überzahl.

Unerbittlicher Verdrängungskampf
in der Buchbranche

Band 200x5
«Nicht nur das Verhältnis der Geschlechter hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert; anders geworden sind auch der Stellenwert der Buch-Branchen und der Umgang, den sie miteinander pflegen.»

Alles wie heute, sind Sie, verehrte Anwesende, vielleicht geneigt zu sagen. Aber das stimmt nicht ganz. Nicht nur das Verhältnis der Geschlechter hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert; anders geworden sind auch der Stellenwert der einzelnen Branchen und der Umgang, den sie miteinander pflegen. Etwas verallgemeinert lässt sich sagen, dass früher alles etwas persönlicher als heute war und etwas gemächlicher zu und her ging. Da gab es zum Beispiel die Frankfurter Buchmesse im Herbst. Auf diesen Termin hin ließen die Verlage ihre Bücher erscheinen. Das heißt, der Herbst fand auch wirklich im Herbst statt und nicht schon im Juli oder August, wie dies heute der Fall ist, weil der Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt so unerbittlich geworden ist und jeder jedem zuvorkommen will. Dadurch, dass es seit einigen Jahren zwei Programme pro Jahr gibt und zwei Buchmessen – die große im Oktober in Frankfurt und die andere, etwas kleinere im März in Leipzig und dazu noch den «Salon du livre» in Genf und die Buchmesse in Basel – hat sich diese Situation weiter zugespitzt. Neue Bücher erscheinen heute das ganze Jahr hindurch. Die Folgen sind denn auch klar: Buchhändler, Rezensenten und natürlich auch die Leser sehen sich mit einer nicht abreissenden Flut von Neuerscheinungen konfrontiert, die sie kaum mehr zu überblicken und schon gar nicht mehr zu bewältigen vermögen.

Siegfried Unseld & Daniel Keel - Glarean Magazin
Zwei der letzten großen Verleger-Persönlichkeiten: Siegfried Unseld (†2002) und Daniel Keel (†2011)

Über 80‘000 neue Titel werden jeweils an der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt. Auch wenn man von dieser Zahl die Koch-, Reise- und Ratgeberbücher, die Fachliteratur und die Bildbände abzieht, bleibt immer noch eine bedrohliche Masse übrig, und es fällt zunehmend schwerer, mit dem nötigen Respekt und der nötigen Differenziertheit an das einzelne Buch heranzugehen. Feuilletonredaktionen und freischaffende Rezensenten wissen längst nicht mehr, wie sie sich der Bücherflut entledigen sollen, die da während des ganzen Jahres über sie hereinbricht. Sie mögen sich manchmal nach jenen Zeiten zurücksehnen, als es etwa in Zürich noch Verleger wie einen Peter Schifferli, den Gründer des Arche Verlags, gab, der die neuen Bücher, in buntes Seidenpapier gewickelt, jeweils eigenhändig auf den Redaktionen vorbeibrachte.
Das Verschwinden von Verlegerpersönlichkeiten wie Peter Schifferli erscheint mir für die Entwicklung der ganzen Branche symptomatisch. Den meisten nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründeten oder nach Deutschland zurückgekehrten Verlagen standen noch bis weit in die 1970er Jahre hinein Persönlichkeiten vor, die Bücher liebten, etwas von Literatur verstanden, mit Autoren umzugehen wussten, einen Riecher für junge Talente hatten und im günstigsten Fall auch einigermassen geschäftstüchtig waren. Verlagsnamen wie Fischer, Suhrkamp, Rowohlt, Haymon, Beck, Hanser oder Diogenes waren mit solch herausragenden Persönlichkeiten verbunden: mit Liebhabern, ja Besessenen, die Bücher machen wollten, gute Bücher, erfolgreiche Bücher, und die deshalb ihre Autoren pflegten wie Rennstallbesitzer ihre Pferde.
Mit Siegfried Unseld und Daniel Keel sind in den letzten Jahren zwei der letzten dieses Schlags gestorben. Bei Hanser gibt es seit 2013 Michael Krüger nicht mehr und auch Egon Ammann, der Gründer des renommierten Ammann Verlags, der vor fünf Jahren aufgelöst wurde, ist von der literarischen Bühne abgetreten: alles Verlegerpersönlichkeiten, die den Verlagen ihren ganz persönlichen Stempel aufgedrückt haben. Mit ihnen geht wohl eine Tradition zu Ende, die von der engen, bisweilen ein Leben überdauernden Beziehung zwischen dem Verleger und seinen Autoren lebte.

Verlagsmanager statt
Verlegerpersönlichkeiten

Thomas Rabe & Stefan Holtzbrinck - Glarean Magazin
«Von Büchern, von Autoren, von Literatur häufig keine Ahnung»: Die Buchkonzern-Chefs und Multimillionäre Thomas Rabe (Bertelsmann) und Stefan Holtzbrinck (Holtzbrinck)

An die Stelle von Verlegerpersönlichkeiten, meine Damen und Herren, sind heute Verlagsmanager oder Konzernchefs getreten. Die bunte Palette von Verlagsnamen und Verlagsprogrammen ist nicht viel mehr als schöner Schein, der darüber hinwegtäuschen soll, dass die Unternehmen Bertelsmann und Holtzbrinck mittlerweile fast den ganzen deutschen Buchmarkt unter sich aufteilen. Die einzelnen Verlage versuchen zwar noch Verlagsprofile aufrecht zu erhalten und sich den Anschein einer gewissen Eigenständigkeit zu geben. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sich hinter der Vielfalt das knallharte Management von Branchenriesen verbirgt. Die starken Männer – es sind fast ausschließlich Männer -, die an der Spitze dieser Konzerne stehen, kommen nicht selten aus branchenfernen Unternehmen. Sie beherrschen die goldenen Regeln von Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung; von Büchern, von Autoren, von Literatur überhaupt haben sie häufig keine Ahnung. Müssen sie auch nicht haben, denn ihre Aufgabe besteht darin, den Cashflow zu steigern und satte Gewinne zu erzielen. Sie tun es vor allem, indem sie ihre Lektoren, deren Aufgabe es bisher war, Autoren zu entdecken und Trends aufzuspüren, mit konkreten Umsatzvorgaben dazu verpflichten, Verkaufserfolge anstelle von literarischer Qualität zu generieren. Lektoren sind denn auch immer mehr mit Fragen des Marketings und der Pressearbeit beschäftigt, so dass ihre Arbeit am Text zu kurz kommt. Stille Bücher, schwierige Bücher, Lyrik zum Beispiel oder experimentelle Texte, haben in einem solch ausschließlich marktorientierten System kaum mehr eine Chance. Und gäbe es, vor allem unter jungen Verlegern, nicht immer noch und immer wieder hoffnungslose Idealisten und Selbstausbeuter, wir bekämen bald nur noch Bücher vorgesetzt, die eine Auflage von 100‘000 Exemplaren oder mehr rechtfertigen.

Marlene Streeruwitz - Wilhelm Genazino - Ruth Schweikert - Glarean Magazin
Als gute Literatur in die Liga der Bestseller aufgestiegen: Marlene Streeruwitz (Österreich), Wilhelm Genazino (Deutschland), Ruth Schweikert (Schweiz)

Die Entwicklung im Buchhandel leistet diesem Trend zusätzlich Vorschub. Auch hier hat in den letzten Jahren eine zunehmende Merkantilisierung und, parallel dazu, eine starke Konzentrierung auf wenige Großbetriebe – Hugendubel in Deutschland, Morawa in Österreich, Orell-Füssli in der Schweiz – stattgefunden. In diesen Buch- und Multimedia-Kaufhäusern gibt es zwar noch Nischen für Liebhaber guter Literatur; das große Geschäft jedoch macht man mit Thrillern, Krimis und Romanzen sowie mit Sachbüchern, welche die Welt erklären und die Lösung unserer Lebensprobleme vom Liebeskummer bis zur Fettleibigkeit versprechen.
Wenn es ab und zu ein wirklich gutes Stück Literatur, in Deutschland etwa ein Wilhelm Genazino oder ein Daniel Kehlmann, in Österreich ein Arno Geiger oder eine Marlene Streeruwitz, in der Schweiz eine Ruth Schweikert oder ein Ralph Dutli, in die Liga der Bestseller schafft, grenzt das an ein Wunder. Und es ist auch hier einigen Idealisten unter den Verlegern zu verdanken, wenn die Literatur nicht auf das Niveau einer Isabel Allende, einer Charlotte Link oder eines Martin Suter schrumpft und der Buchmarkt sich ansonsten von Dan Brown, Donna Leon oder Rosamunde Pilcher ernährt.

Verpackung statt Inhalte

Ähnlich wie das Verlagswesen und der Buchhandel hat sich auch der Vertrieb von Literatur verändert. Was früher als konventionelle Werbung in Zeitungen und Zeitschriften sowie als diskrete Beziehungspflege in der Buchhändler- und Kritikerszene daherkam, hat sich längst zu einem großangelegten Promotions-Zirkus ausgewachsen. Der Publikation eines Titels – das klingt moderner als «Buch» – gehen Werbekampagnen voraus, wie sie bislang nur im Filmgeschäft üblich waren. Längst werden nicht mehr nur Verlagsprospekte, Leseproben und Vorausexemplare verschickt, sondern es werden CDs oder DVDs produziert, die ähnlich den Making-ofs erfolgreicher Spielfilme mit Leseproben und Ausschnitten von Auftritten sowie Interviews mit dem Autor aufwarten. Begleitend hinzu kommt als eigenständiger, sehr lukrativer Markt die Hörbuchproduktion, ohne die die Promotion eines erfolgreichen Titels überhaupt nicht mehr denkbar ist. Dies ganz im Gegensatz zum E-Book-Markt, der in den letzten Jahren bei uns, anders als im angelsächsischen Raum, nur sehr bescheiden gewachsen ist.

Band 200x5
«Die einzelnen Verlage versuchen zwar noch Verlagsprofile aufrecht zu erhalten und sich den Anschein einer gewissen Eigenständigkeit zu geben. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass sich hinter der Vielfalt das knallharte Management von Branchenriesen verbirgt. Die starken Männer – es sind fast ausschließlich Männer -, die an der Spitze dieser Konzerne stehen, kommen nicht selten aus branchenfernen Unternehmen. Sie beherrschen die goldenen Regeln von Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung; von Büchern, von Autoren, von Literatur überhaupt haben sie häufig keine Ahnung.»

Die ersten, von den verlagseigenen Kommunikationsverantwortlichen und Public Relations-Spezialisten klug organisierten und getimten Besprechungen erscheinen häufig schon vor dem Erscheinen des Buches in namhaften Zeitungen und Zeitschriften. Und wenn das Buch dann endlich auf dem Markt ist, wird der Autor auf einen landesweiten oder gar internationalen Lesemarathon geschickt, auf den abgestimmt in Radio und Fernsehen entsprechende Porträts und Interviews erscheinen, welche die öffentliche Wirkung von Autor und Buch wie in einem Spiegelsaal multiplizieren. Der enorme Aufwand scheint sich zu rechnen – und muss es auch. Denn nicht selten stehen hinter solchen Erfolgstiteln fünf- oder gar sechsstellige Vorschüsse. Wer das wieder einspielen und erst noch Gewinn davontragen will, muss sich auf dem hart umkämpften Markt mächtig ins Zeug legen.

Dass Geschäfte dieser Größenordnung längst nicht mehr zwischen dem Autor und seinem Verleger getätigt werden, gehört ebenfalls zu den Neuerungen, die den Literaturbetrieb in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Heute sind es die Literaturagenten, die zwischen den Autoren und den Verlegern vermitteln, die den richtigen Autor, das richtige Buch mit dem richtigen Verlag zusammenbringen und schließlich auch die Verträge samt Vorschüssen, Honoraransätzen, Auflagenhöhe und Nebenrechten aushandeln. Sie verlangen dafür zwischen 10 und 20% des Autorenhonorars. Rund 85% der literarischen Erfolge gehen heute über den Schreibtisch von Agenten. Unbekannten Autoren ist dringend zu empfehlen, ihr Manuskript nicht direkt an einen Verlag, sondern an eine Literaturagentur zu schicken. Renommierte Verlage erhalten heute jeden Tag bis zu zehn unverlangte Manuskripte, so dass ihre Lektoren kaum mehr Zeit finden, sich durch die Stapel von Texten zu arbeiten. Also wird diese Arbeit meist von jungen, unerfahrenen und schlecht bezahlten Praktikanten übernommen. Die Chancen, dass ein Manuskript auf diese Weise in die Hände eines Verlegers gelangt, der es veröffentlichen möchte, sind daher verschwindend klein. Literaturagenten hingegen haben gute Kontakte zu den Verlagen und ihren Lektoren. Wenn sie ein Manuskript zur Prüfung schicken, wissen die Verlage, dass es sich lohnt, einen Blick in den Text zu werfen. So landet das Manuskript nicht auf den riesigen Stapeln, die von den Praktikanten geprüft werden, sondern direkt auf dem Schreibtisch der Lektoren.

Auffallen um jeden Preis

Zoë Jenny - Glarean Magazin
«Musste zeitweise von 500 Franken monatlich leben»: Schweizer Senkrecht-Starterin Zoë Jenny («Das Blütenstaubzimmer»)

Hohe Auflagen, meine Damen und Herren, erreicht am ehesten, wem es gelingt, in der Szene so richtig aufzufallen: entweder durch die Art, wie er sich gibt, oder durch die Themen, die er behandelt. Romane, die sich autobiografisch lesen lassen oder die sich skandalträchtig genug geben, die vor allem sexuelle Tabus brechen, aber auch solche, die Elemente einer Kriminalstory enthalten oder von Migrationsgeschichten handeln und die zudem süffig geschrieben sind, haben sich dabei als besonders verkäuflich erwiesen. Inzestuöse Liebesbeziehungen, Geheimdiensteinsätze, Verschwörungstheorien und Drogenexzesse spuken durch nicht wenige Bücher, die in den letzten Jahren international von sich reden machten. Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen des literarischen Marktes, dass ein Schriftsteller, will er nicht in Vergessenheit geraten, alle zwei Jahre ein Buch veröffentlichen muss.

Band 200x5
«Insgesamt lässt sich sagen, dass jüngere Autorinnen und Autoren von den Verlagen, aber auch von den kulturellen Institutionen erfahrungsgemäß stärker unterstützt werden als ältere. Besonders schwer haben es die Lyriker: zum einen aufgrund der geringen Auflagen – in der Regel zwischen 300 und 500 Büchern – sowie der fehlenden Nebenrechtsverwertung, also der Verwertung in Film, Fernsehen und im Hörfunk, und zum andern, weil immer mehr Verlage aus rein ökonomischen Erwägungen – ein Gedichtband stellt für sie ein unternehmerisches Risiko dar – die Lyrik aus ihrem Verlagsprogramm kippen.»

Bei all dem, verehrte Anwesende, fällt auf, dass die Autoren und mehr noch die Autorinnen immer jünger werden. Geradezu kometenhaft sind sie in den letzten Jahren aufgestiegen, eine Zoë Jenny, eine Judith Hermann, eine Dorothee Elmiger, eine Helene Hegemann, eine Charlotte Roche, eine Katja Brunner, ein Peter Weber, ein Christian Kracht, ein Daniel Kehlmann und wie sie alle heißen. Die Frauen unter ihnen sind meist schön, die Männer hatten eine schwierige Kindheit oder waren sonst wie geschädigt. Insgesamt lässt sich sagen, dass jüngere Autorinnen und Autoren von den Verlagen, aber auch von den kulturellen Institutionen erfahrungsgemäß stärker unterstützt werden als ältere. Besonders schwer haben es die Lyriker: zum einen aufgrund der geringen Auflagen – in der Regel zwischen 300 und 500 Büchern – sowie der fehlenden Nebenrechtsverwertung, also der Verwertung in Film, Fernsehen und im Hörfunk, und zum andern, weil immer mehr Verlage aus rein ökonomischen Erwägungen – ein Gedichtband stellt für sie ein unternehmerisches Risiko dar – die Lyrik aus ihrem Verlagsprogramm kippen. Allerdings lässt sich heute, allen ökonomischen Bedenken zum Trotz beobachten, dass die Lyrik ein immer größer werdendes Publikum erobert. Lyriker gewinnen namhafte Auszeichnungen, wie jüngst Jan Wagner, der den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Doch zurück zu den jungen Autorinnen und Autoren. Das Problem all dieser Jungtalente und Senkrechtstarter am Literaturhimmel ist nicht die mangelnde Begabung und auch nicht der fehlende Erfolg. Im Gegenteil: beides ist oftmals im Übermaß vorhanden. Das Problem ist vielmehr der Verschleiß, dem sie durch den Literaturbetrieb, wie er sich heutzutage präsentiert, ausgesetzt sind. Da werden junge Menschen, die kaum der Pubertät entwachsen sind, so hemmungslos ins Rampenlicht gezerrt, mit Vorschusslorbeeren bedacht, mit Preisen überhäuft und von Lesetermin zu Lesetermin gehetzt, bis sie im Taumel zwischen Selbstüberschätzung und Versagensangst den Boden unter den Füßen verlieren. Verlagslektoren, Literaturagenten und Kritiker reißen sich um sie, und bis sie gemerkt haben, wie schnell man sie fallen lässt, wenn der Erfolg ausbleibt, ist es oft schon zu spät.

Massenhafter Verschleiß von
jungen Autoren

Schweizer Literaturclub - Glarean Magazin
«Wer es schafft, im ‚Literaturclub‘ des Schweizer Fernsehens – oder früher in Elke Heidenreichs ZDF-Fernsehsendung ‚Lesen!‘ – erwähnt zu werden, hat fürs erste ausgesorgt.»

Das Phänomen ist nicht ganz neu, hat sich aber in den letzten Jahren enorm zugespitzt. Eine junge Autorin, ein Autor publiziert ein erstes Buch. Das Buch hat Erfolg. Die Rezensionen sind enthusiastisch, die Buchhändler begeistert. Es folgen Lesereisen, Einladungen zu Wettbewerben, erste renommierte Preise, Interviews am Radio und Auftritte am Fernsehen. Es winken Vorschüsse und lukrative Verträge mit großen Verlagshäusern – das ganze Programm eben, das abläuft, wenn ein interessanter Erstling die gelangweilte Szene aufmischt. Dass es nach einem solchen Debüt kaum mehr Steigerungsmöglichkeiten gibt und das Interesse nach dem zweiten, spätesten aber nach dem dritten Buch normalerweise massiv abnimmt, das sagt den jungen Autoren in der Regel niemand. Man lässt sie vielmehr abheben, sonnt sich in ihrem Ruhm, sahnt kräftig ab und vergisst, sie auf ein Leben nach dem Kult vorzubereiten. Wenn sie dann dastehen, ohne Lebenserfahrung, ohne Beruf und vielfach auch ohne Geld, erlischt das Interesse an ihnen ziemlich schnell. Schweizer Autoren wie Peter Weber oder Zoë Jenny können ein Lied davon singen. Die Letztere, vor Jahren für ihren Erstling «Das Blütenstaubzimmer» von der Kritik noch hochgejubelt, zur Bestsellerautorin gemacht, zum Star ausgerufen, hat sich im Wochenmagazin «Die Schweizer Illustrierte» kürzlich darüber beklagt, dass sie mit ihrer kleinen Tochter derzeit von 500 Schweizerfranken monatlich leben müsse. Autoren haben es mit ihrem zweiten Buch erfahrungsgemäß übrigens am schwersten, weil es immer am Erfolg ihres Debüts gemessen und zugleich von der Erwartungshaltung des Neuen und Andersartigen bestimmt wird.

Band 200x5
«Die Grenzen zwischen bestellter PR und unabhängiger Literaturkritik sind in letzter Zeit immer fließender geworden. Auf den Internet-Seiten von Online-Buchhändlern, aber auch in den verschiedenen «Literaturclub»-Sendegefässen des In- und Auslandes, wo an die Stelle ästhetischer Wertungen häufig reine Geschmacksurteile treten, sind sie meiner Meinung nach eindeutig überschritten. Medienbedürfnisse und Verlagsinteressen sind dermaßen kongruent geworden, dass Kritik nicht mehr so sehr der Meinungsbildung als vielmehr der Umsatzsteigerung dient.»

Der Literaturbetrieb, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ist ein hartes Geschäft. Auflagen und Verkaufszahlen sind letztlich das Einzige, was in diesem Business wirklich zählt. Wie man sie erreicht, ob mit einem Skandal, mit echter Qualität oder mit Promotion, die diese bloß vortäuscht, ist sekundär. Wer es schafft, im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens – oder früher in Elke Heidenreichs Fernsehsendung «Lesen!» des ZDF – erwähnt zu werden, hat fürs erste ausgesorgt. Egal, wie über das Buch geredet wird, Hauptsache, es wird geredet. Verlage werden im Voraus über die Titelwahl in Kenntnis gesetzt und halten entsprechende Mengen lieferbarer Exemplare bereit, um der am Tag nach der Sendung einsetzenden Nachfrage entsprechen zu können.
Mit Literaturkritik im herkömmlichen Sinne haben solch massenmediale Übungen nichts mehr zu tun. Die Grenzen zwischen bestellter PR und unabhängiger Kritik sind in letzter Zeit immer fließender geworden. Auf den Internet-Seiten von Online-Buchhändlern, aber auch in Sendungen wie dem «Literaturclub», in dem an die Stelle ästhetischer Wertungen häufig reine Geschmacksurteile treten, sind sie meiner Meinung nach eindeutig überschritten. Medienbedürfnisse und Verlagsinteressen sind dermaßen kongruent geworden, dass Kritik nicht mehr so sehr der Meinungsbildung als vielmehr der Umsatzsteigerung dient. Damit will ich nicht sagen, dass es heutzutage keine gute, professionelle Literaturkritik mehr gebe. Es gilt nur, sie von geschickt gefertigter Public Relation zu unterscheiden.

Verwischte Grenzen zwischen
PR und Literaturkritik

Marcel Reich-Ranicki - Glarean Magazin
«Das pointierte Urteil, die gewagte Meinung, das kühne Verdikt sucht man heute vielfach vergebens»: Kritiker-Legende Marcel Reich-Ranicki (1930-2013)

In der Literaturkritik hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren einiges verändert – und leider nicht immer zum Besseren. Schon 1989 sprach der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher davon, dass die «Zeit der Instanzen vorbei sei und herausragende Kritikerpersönlichkeiten wie Marcel Reich-Ranicki in Deutschland, Sigrid Löffler in Österreich und Klara Obermüller in der Schweiz allmählich der Vergangenheit angehörten. Ganz unrecht scheint mir Loetscher mit dieser Prognose nicht gehabt zu haben. Zwar hat die Zahl der Literaturkritiker, also der Leute, die Bücher besprechen, gegenüber früher eher zugenommen. Gleichzeitig hat ihre Tätigkeit jedoch deutlich an Profil eingebüßt. Das pointierte Urteil, die gewagte Meinung, das kühne Verdikt sucht man heute vielfach vergebens. Dafür nehmen Buchbesprechungen überhand, die mehr oder weniger nichtssagende und beliebig auswechselbare Aussagen enthalten – Aussagen von Literaturkritikern notabene, die sich von reiner Werbung kaum mehr unterscheiden lassen. Wenn da von einer «flott erzählten Geschichte», von einem Autor, «der das große Ganze im Blick» habe, von «leuchtenden Kompositionen» oder gar von einem «hocherotischen Buch» die Rede ist, so ist das nichts weiter als nichtssagendes Geschwätz, das dem Leser keine wirkliche Information über die Qualität des besprochenen Buches bietet. Und wenn von einem reinen Unterhaltungsautor wie Martin Suter in ZDF aspekte gesagt wird, man halte ihn «im Moment für einen der besten deutschsprachigen Autoren», dann lässt sich mit Fug und Recht fragen, wie schlecht es denn um die zeitgenössische deutsche Literatur bestellt sein müsse, dass ein solcher Autor zu den Besten gehört. Die Angst vor dem pointierten Urteil, vor der differenzierten Meinung hängt zu einem großen Teil auch damit zusammen, dass heutzutage kaum ein Kritiker noch all die Bücher, über die er schreibt, von A bis Z durchliest. Oftmals reicht die Zeit nur, um ein Buch quer zu lesen. Die Inhaltsangaben in diesen Kritiken sind denn auch reichlich dünn und oftmals in Details auch falsch. In ihrer Rezension von Martin Walsers Roman «Angstblüte» sprachen die Kritiker pauschal von stilistischer Meisterschaft, konnten dabei aber nicht eine besonders gelungene Formulierung anführen, um ihr Lob zu belegen.

Mit dem Abtreten kompetenter, streitlustiger und unerschrockener Kritikerpersönlichkeiten ist die Literaturszene ohne Zweifel eintöniger geworden. Was fehlt, ist der Disput, die kritische Auseinandersetzung. Sie findet fast nur noch dann statt, wenn ein Skandal in der Luft liegt, wenn ein Thomas Hürlimann in seiner Novelle «Fräulein Stark» Brenzliges aus der eigenen Familiengeschichte preisgibt oder wenn ein Günter Grass in seinem autobiografischen Roman «Beim Häuten der Zwiebel» nach über 60 Jahren bekannt gibt, dass er als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS war, oder wenn einer Helene Hegemann oder einem Urs Mannhart von den Medien vorgehalten wird, Fremdtexte, ohne sie zu zitieren, in ihr Werk übernommen zu haben. Was jedoch, von solchen Eklats einmal abgesehen, allmählich verloren gegangen ist, sind die Stimmen derer, die mit ihrem Urteil herausfordern und ihre Leser dazu anregen, sowohl eigene Kriterien im Umgang mit Literatur aufzustellen als auch die Kriterien der Berufskritiker zu hinterfragen.

Ästhetische Kriterien guter Literatur

Johann Gottfried Herder - Glarean Magazin
«Die Auffassung, Dichtung sei stets original, der Autor ein Originalgenie, die bei den Autoren wie bei den Kritikern bis heute herumgeistert, hat in der neueren deutschen Literatur seltsame Blüten getrieben»: Johann Gottfried Herder, Begründer des literarischen Subjektivismus‘

Verehrte Anwesende, ästhetische Kriterien zu benennen, nach denen Literatur beurteilt werden kann, ist noch nie leicht gewesen. Aber es gibt, wie noch zu zeigen sein wird, solche Wertungskriterien, sonst ließen sich die größten Dilettantereien, wenn man sie nur lange genug anpreist, als Dichtung, als Kunst ausgeben. Ich sage das hier in aller Deutlichkeit, weil sich bei sehr vielen Autoren, aber auch bei den Kritikern die Auffassung hartnäckig hält, es gebe keine einigermaßen objektiven Kriterien für die Bewertung von Literatur. Es ist eine Auffassung, die aus dem späten 18.Jahrhundert, aus der Zeit des «Sturm und Drang» mit ihrer starken Tendenz zu Individualismus und Subjektivismus, stammt und die wir im deutschen Sprachraum – ich betone: im deutschen Sprachraum; für den angelsächsischen Raum gilt das beispielsweise nicht- offenbar bis heute noch nicht überwunden haben. Nach Johann Gottfried Herder, dem eigentlichen Begründer dieser subjektivistischen Auffassung, ist jede Kunst, jede Dichtung original und jeder Dichter ein freischaffendes, schöpferisches Originalgenie, das keinerlei poetischen Regeln unterworfen ist. So meint denn ein renommierter Schriftsteller wie Thomas Hettche noch in unsern Tagen kurz und bündig, es gebe keine ästhetischen Kriterien für Texte – außer ihrem Gelingen. Und so antwortete mir die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek im Juli 2011 auf meine Frage, was denn für sie ein guter Text sei, ebenso kurz und bündig, sie kenne keine Regel, die sie aufstellen könnte. Dies nur zwei Beispiele, die für viele andere stehen.

Die Auffassung, Dichtung sei stets original, der Autor ein Originalgenie, die bei den Autoren wie bei den Kritikern bis heute herumgeistert, hat in der neueren deutschen Literatur seltsame Blüten getrieben. Am sichtbarsten wird das an der unumstößlichen Überzeugung sehr vieler Autoren, jeder ihrer literarischen Texte müsse ihr ureigenes Werk sein, dürfe keinerlei Übernahmen, und seien es nur Bezüge zu andern Texten, beinhalten, dürfe vor allem nicht auf Gelerntem beruhen. Mir fällt immer wieder auf, wie häufig Autoren Zeter und Mordio schreien, sich in ihrer Einzigartigkeit verraten fühlen, wenn man sie darauf hinweist, dass sich in ihren Texten Spuren von Texten anderer Autoren finden, dass sie – mit andern Worten – von andern Autoren gelernt haben. Dabei haben das alle bedeutenden Autoren getan: Schon der Altmeister Goethe hat bekannt, dass er bei Shakespeare gelernt hat. Für Bertolt Brecht ist es Alfred Döblin, den er einmal sogar seinen «unehelichen Vater» nennt und Günter Grass spricht von Alfred Döblin als von «seinem Lehrer». Martin Walser hat immer wieder auf Franz Kafka verwiesen, bei dem er viel über das Wesen des Paradoxen gelernt habe. Ernst Jandl hat mit Blick auf seine experimentelle Lyrik bei der als «Mutter der Moderne bekannt gewordenen Gertrude Stein gelernt. Und selbst Kafkas Parabeln wären ohne Robert Walsers frühe Skizzen kaum denkbar. Der Beispiele wären noch unzählige.

Guter Rat an Autoren: Haben Sie den Mut
zum permanenten Lernen!

Band 200x5
«Mir fällt immer wieder auf, wie häufig Autoren Zeter und Mordio schreien, sich in ihrer Einzigartigkeit verraten fühlen, wenn man sie darauf hinweist, dass sich in ihren Texten Spuren von Texten anderer Autoren finden, dass sie – mit andern Worten – von andern Autoren gelernt haben. Dabei haben das alle bedeutenden Autoren getan: Schon der Altmeister Goethe hat bekannt, dass er bei Shakespeare gelernt hat. Für Bertolt Brecht ist es Alfred Döblin, den er einmal sogar seinen ‚unehelichen Vater‘ nennt und Günter Grass spricht von Alfred Döblin als von ’seinem Lehrer‘. Martin Walser hat immer wieder auf Franz Kafka verwiesen, bei dem er viel über das Wesen des Paradoxen gelernt habe. Ernst Jandl hat mit Blick auf seine experimentelle Lyrik bei der als ‚Mutter der Moderne‘ bekannt gewordenen Gertrude Stein gelernt. Und selbst Kafkas Parabeln wären ohne Robert Walsers frühe Skizzen kaum denkbar.»

Was ich damit sagen will: Haben Sie, meine Damen und Herren, wenn Sie praktizierende Autorin, praktizierender Autor sind, keine Angst davor, im Bereich des literarischen Schreibens immer wieder zu lernen. Sei es, indem Sie Romane, Erzählungen, Gedichte anderer zeitgenössischer Autoren ganz bewusst lesen oder indem Sie ab und zu einen Blick in die deutsche Literaturgeschichte werfen und sich beispielsweise fragen, wie die Lyriker des Expressionismus ihre Gedichte gemacht haben, wie ein Alfred Döblin in seinem Roman «Berlin Alexanderplatz» den inneren Monolog verwendet hat, oder indem Sie für einzelne Fragen, etwa für die Frage nach der Gestaltung von Figuren, ein literarisches Sachbuch beiziehen oder indem sie nicht zuletzt auch einmal an einem Seminar für Autorinnen und Autoren teilnehmen. Selbstverständlich bedarf es für das literarische Schreiben zunächst ausreichender Begabung; wer dafür zu wenig begabt ist wie beispielsweise ich sollte nicht dichten wollen. Aber ebenso selbstverständlich dürfte es sein, dass literarisches Schreiben weniger eine spirituelle Erfahrung als vielmehr ein Handwerk, ja harte Schreibtischarbeit ist, die von der Autorin, vom Autor überdies ein hohes Maß an Selbstkritik, an Distanz zum eigenen Text erfordert. Verlagslektoren bestätigen es immer wieder und auch meine Erfahrung als Dozent für literarisches Schreiben zeigt es: Je besser jemand schreibt, desto selbstkritischer ist er, desto mehr ist er auch bereit zu lernen. Das sollten sich in erster Linie all jene merken, denen es beim Schreiben mehr um den Drang nach Selbstverwirklichung oder gar um eine Art Psychohygiene geht als darum, ästhetischen Ansprüchen, bestimmten literarischen Wertungskriterien zu genügen.

Damit, verehrte Anwesende, ist das längst erwartete Stichwort gefallen, das in einem Referat über den aktuellen Literaturbetrieb nicht fehlen darf: die Frage nach der literarischen Wertung von Texten nämlich. Lassen Sie mich auch dazu einiges ausführen:
In der Literaturwissenschaft streitet man sich bis heute, ob es so etwas wie allgemeingültige, verbindliche Maßstäbe für die Wertung literarischer Texte gibt. Im Verlaufe der Rezeptionsgeschichte haben sich zwei einander diametral entgegengesetzte extreme Positionen herausgebildet: Da findet sich zunächst eine historisch ältere Position, wonach es feste, zeitlos gültige Kriterien gibt, die uns erlauben, ‚gute‘ und ,schlechte‘ Texte, also beispielsweise Kitsch und ästhetisch wertvolle Literatur, klar voneinander zu unterscheiden. Es ist die Position der sog. Regelpoetik, einer Poetik, die von Martin Opitz im 17. Jahrhundert durch die ganze Geschichte der älteren Germanistik hindurch bis zu Emil Staiger, einem meiner damaligen Lehrer in Zürich, reicht. Und da ist die genaue, historisch noch sehr junge Gegenposition, die heute vor allem von den Vertretern postmoderner Interpretationstheorien eingenommen wird. Danach gibt es keine verbindlichen Maßstäbe für die literarische Wertung, beruhen die Urteile über die ästhetische Qualität literarischer Texte auf mehr oder weniger subjektiven Geschmacksentscheidungen.

Die literarischen Wertmaßstäbe
im Laufe der Zeit

Ernst Jandl - Glarean Magazin
Jahrelang als dilettantischer Provokateur und «Verderber der Jugend» geschmäht, schließlich doch international gefeiert: Ernst Jandl als beispielhaftes «Opfer» wechselhafter literarischer Reputation

Welche der beiden gegensätzlichen Positionen, verehrte Anwesende, ist nun richtig? Keine, würde ich sagen. Denn gäbe es so etwas wie zeitlos gültige Maßstäbe, welche Epoche würde diese Maßstäbe denn setzen? Etwa die deutsche Klassik mit Goethe und Schiller, wie Emil Staiger in seiner Zürcher Preisrede von 1966 gemeint hat? Wenn das zuträfe, dann könnte man die gesamte moderne Literatur in die Wüste schicken. Was aber, wenn es keinerlei verbindlichen Wertungskriterien gibt? Wie lässt es sich dann erklären, dass man sich in der Literaturkritik über die ästhetische Qualität bestimmter Texte, z.B. einer Erzählung von Franz Kafka, durchaus einig ist? Sie sehen, meine Damen und Herren, es scheint doch so etwas wie Wertmaßstäbe zu geben. Aber – und das unterscheidet diese Maßstäbe von jenen angeblich allgemeingültigen der ‚alten‘ Regelpoetik – sie gründen nicht in irgendeiner Zeitlosigkeit, sondern ganz im Gegenteil in einem historischen Wandel, verändern sich also im Laufe der Geschichte.
Nur so erklärt es sich beispielsweise, dass Ernst Jandls Sprechgedichte in den 1950er Jahren von der Literaturkritik als «kulturelle Provokation sondergleichen» empfunden und Jandl selber als «Verderber der Jugend» geschmäht wurde, so dass man ihn in den Folgejahren von Publikationsmöglichkeiten in Österreich ausschloss – während der gleiche Autor zwanzig Jahre später zu den wichtigsten und anerkanntesten Autoren im deutschen Sprachraum gehörte, den man mit öffentlichen Ehrungen und Preisen, vom Großen Österreichischen Staatspreis bis hin zum Büchner-Preis geradezu überhäufte. So sehr können sich literarische Wertmaßstäbe im Laufe der Zeit eben ändern. Ihnen liegen wechselnde axiologische Werte zugrunde, d.h. Maßstäbe, die Texte als ,wertvoll‘ erscheinen lassen, sie als Wert erkennbar machen. Ein solch axiologischer Wert kann sich auf rein ästhetische, aber auch auf ethisch-politische Aspekte eines Werks beziehen. So hatte zum Beispiel der Boykott Bertolt Brechts und seiner Theaterstücke zwischen 1953 und 1962 in Westdeutschland und noch drastischer hier in Österreich nichts mit dessen literarischem Talent, aber sehr viel mit seinem Eintreten für den Kommunismus und vor allem mit seiner Sympathie für das DDR-Regime zu tun, seit er ab 1948 in Ost-Berlin lebte. Es waren also nicht ästhetische, sondern vielmehr ethisch-politische Wertmaßstäbe, an denen man im Zeichen des Kalten Krieges Brechts Werk maß. Dies, liebe Hörerinnen und Hörer, nur als ein Beispiel, das zeigen soll, dass häufig Wertmaßstäbe an ein literarisches Werk angelegt werden, die sich auf rein ethisch-politische Aspekte und keineswegs auf ästhetische beziehen. Eine Christa Wolf, ein Günter Grass, die beide inzwischen tot sind, hätten ein Lied davon singen können.

Das Kriterium des Selbstverständnisses

Band 200x5
«Es muss einen wesentlichen Grund dafür geben, auch literarische Texte vergangener Jahrhunderte heute noch zu lesen. Ich nenne Ihnen diesen Grund: Lesen wir ein literarisches Werk, einen Roman, ein Gedicht, eine Novelle, dann kann es uns geschehen, dass nach einiger Zeit der Nebel der Fremdheit zu weichen beginnt und wir plötzlich erkennen: Dieses Werk spricht ja von uns! Nicht von unserem privaten Subjekt, sondern von uns, sofern es um existentielle Grunderfahrungen, wie etwa Angst, Sorge, Schuld, Rätselhaftigkeit des Lebens, geht, von denen auch das Werk handelt.»

Aus der Tatsache, verehrte Anwesende, dass literarische Wertungskriterien wandelbar sind, ergibt sich für uns die Forderung, sie bei der Beurteilung literarischer Texte zurückhaltend anzuwenden. Dies umso mehr, als uns bewusst sein muss, dass die Literatur, gerade in der Moderne, von den unterschiedlichsten Erscheinungsformen lebt.
All diesen Vorbehalten zum Trotz habe ich den Versuch gewagt und im letzten Kapitel meines Buches: «Die Struktur der modernen Literatur» – Neue Formen und Techniken des Schreibens» zehn Kriterien genannt, die meines Erachtens die Qualität eines literarischen Textes ausmachen. Auf sie kann ich im Rahmen dieses Vortrages nicht näher eingehen.
Auf ein Kriterium möchte ich hier aber doch kurz eingehen. Ich nenne es das Kriterium des Selbstverständnisses und halte es für das wichtigste Kriterium von Literatur überhaupt. Haben Sie sich, liebe Anwesende, schon einmal gefragt, warum Sie etwa Goethes «Faust», ein Gedicht von Andreas Gryphius oder eine Novelle von Theodor Storm noch lesen, heute, wo es doch mehr als genug zeitgenössische Literatur zu lesen gibt? Die Antwort, es handle sich um ästhetisch besonders wertvolle Literatur, die zudem kanonisiert sei, vermag uns kaum ganz zu befriedigen. Wertvolle Literatur gibt es nämlich auch heute. Es muss wohl noch einen andern, wesentlicheren Grund dafür geben, auch literarische Texte vergangener Jahrhunderte heute noch zu lesen. Ich nenne Ihnen diesen Grund: Lesen wir ein literarisches Werk, einen Roman, ein Gedicht, eine Novelle, dann kann es uns geschehen, dass nach einiger Zeit der Nebel der Fremdheit zu weichen beginnt und wir plötzlich erkennen: Dieses Werk spricht ja von uns! Nicht von unserem privaten Subjekt, sondern von uns, sofern es um existentielle Grunderfahrungen, wie etwa Angst, Sorge, Schuld, Rätselhaftigkeit des Lebens, geht, von denen auch das Werk handelt. Wenn uns beispielsweise Franz Kafkas Parabel «Vor dem Gesetz» heute nach 100 Jahren, noch packt, so deshalb, weil sie in gültiger Form zeigt, wie der Mensch immer von Neuem versucht, seiner Existenz einen Sinn abzugewinnen, auch wenn er weiß, dass dieser Versuch in einer sinnentleerten Welt zum Scheitern verurteilt ist. Und wenn ein Max Frisch in seinem Stück «Andorra» zeigt, wie die Andorraner durch ihre kollektiven Vorurteile einen Menschen vernichten, dann scheinen diese Andorraner etwas beispielhaft zu verkörpern, was uns alle angeht.

Hic tua res agitur…

Band 400x20
Der Buchmarkt 2014 in Deutschland
Die Buchbranche schloss das vergangene Jahr mit einem leichten Minus ab: Die Einnahmen sind um 2,2 Prozent gefallen – von 9,54 auf 9,32 Milliarden Euro. Der stationäre Buchhandel konnte trotz Umsatzschmälerung im Vergleich zum Vorjahr Marktanteile zurückerobern und sichert sich mit 4,58 Milliarden Euro 49,2 Prozent aller Branchenumsätze (2013: 48,6 Prozent, 2005: 54,8 Prozent).Der Internetbuchhandel verliert hingegen deutlich Umsatzanteile. Er erwirtschaftete letztes Jahr 1,51 Milliarden Euro (minus 3,1 Prozent im Vergleich zu 2013), was einen Anteil am Gesamtumsatz von 16,2 Prozent ausmacht.
Und so setzt sich der Gesamtumsatz komplett zusammen: Sortimentsbuchhandel 4.583 Mio. Euro (49,2 %), Verlage direkt 1.904 Mio. Euro (20,4 %), Internetbuchhandel 1.511 Mio. Euro (16,2 %), sonstige Verkaufsstellen 922 Mio. Euro (9,9 %), Versandbuchhandel 161 Mio. Euro (1,7 %), Buchgemeinschaften 122 Mio. Euro (1,3 %), Warenhäuser 117 Mio. Euro (1,3 %).
Auch die Verlage, die in den letzten Jahren eine positive Umsatzentwicklung erzielen konnten, verbuchen 2014 ein leichtes Minus von 0,4 Prozent. Und so stellen sich die Ergebnisse der Geschäftsfelder dar: Online-Dienste plus 0,8 Prozent, Zeitschriftengeschäft plus 1,2 Prozent, Nebenrechte minus 8,1 Prozent, klassisches Buchgeschäft minus 0,7 Prozent.

Preisentwicklung
Bücher waren in den vergangenen Jahren teilweise von der allgemeinen Aufwärtsbewegung der Verbraucherpreise abgekoppelt. Das Jahr 2012, in dem die Buchpreise (plus 1,9 Prozent) mit den Verbraucherpreisen (plus 2,0 Prozent) nahezu gleich ziehen konnten, brachte die Wende. 2014 kletterten die Preise für Bücher um 1,8 Prozent nach oben (Vergleich: Verbraucherpreise plus 0,9 Prozent).
Der Durchschnittsladenpreis der Neuerscheinungen (alle Sachgruppen zusammen betrachtet) betrug letztes Jahr 26,20 Euro.

Das E-Book in Deutschland: Umsatz und Absatz
Der E-Book-Umsatzanteil am Publikumsmarkt (privater Bedarf, ohne Schul- und Fachbücher) in Deutschland betrug letztes Jahr 4,3 Prozent (2013: 3,9 Prozent), dabei handelt es sich um einen Anstieg um 7,6 Prozent. Vergleich: Von 2012 auf 2013 konnten die E-Book-Umsätze noch um 60,5 Prozent zulegen.
Der Absatz von E-Books ist im letzten Jahr um 15 Prozent gestiegen: Am Privatkundenmarkt wurden 24,8 Millionen E-Books abgesetzt (2013: 21,5 Millionen). Beim E-Book gilt, analog zum Printbuch, die Buchpreisbindung. Der feste Ladenpreis für digitale Bücher, der die Vielfalt im Buchhandel erhalten und vor einem ruinösen Wettbewerb im Internet schützen soll, wird jetzt nach dem Willen der Bundesregierung noch einmal explizit im Buchpreisbindungsgesetz verankert.

Buchproduktion
Die Gesamtzahl der in Deutschland erschienen Bücher ist 2014 deutlich gesunken. Fasst man Erst- und Neuauflagen zusammen, dann sind 87.134 Titel auf den Markt gekommen – der niedrigste Wert seit zehn Jahren. 2013 waren es noch 93.600 Titel. Allerdings: E-Books und Print-on-Demand-Titel sind nur zu kleinen Teilen erfasst. Der Wachstumsmarkt Selfpublishing bleibt bei dieser Betrachtung also weitgehend außen vor.

Titelproduktion nach Sachgruppen
Die meisten Novitäten (= Erstauflagen) gehen 2014 wieder auf das Konto der Belletristik, die 19,1 Prozent zur Gesamtproduktion beigesteuert hat, das sind alles in allem 14.111 Titel (2013: 15.610 Titel).
Auf Platz 2 folgt traditionell die Deutsche Literatur, die gesondert ausgewiesen wird (auch wenn es Überschneidungen geben dürfte) und, anders als die rein belletristische Kategorie, unter anderem auch literaturwissenschaftliche Titel bündelt. Sie stellt mit 10.487 Titeln einen Anteil von 14,2 Prozent.
Die dritte Position gehört, analog zu den Vorjahren, dem Kinder- und Jugendbuch, das jetzt 8.142 Erstauflagen zur Jahresproduktion beisteuert. Das ist ein Anteil von 11,0 Prozent. Das Schulbuch liegt mit einem Anteil von 6,0 Prozent auf dem vierten Platz, das sind alles in allem 4.399 Titel.

(Quelle: „Buch und Buchhandel in Zahlen 2015“, Hrsg.: Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., Frankfurt am Main, Juli 2015)

«Was hat das alles mit literarischer Wertung zu tun?», werden Sie mich fragen. Sehr viel, meine Damen und Herren. Zum Wesen guter Literatur gehört es nämlich, dass der Leser spürt, dass es in einer Erzählung, einem Roman, einem Theaterstück nicht um irgendetwas, sondern letztlich um ihn selber geht. Die Dichter des barocken Jesuitentheaters haben dafür die lateinische Formel «Hic tua res agitur» verwendet, wörtlich übersetzt «Hier wird deine Sache verhandelt». Es steht mit der Dichtung wie mit den Gleichnissen Jesu im Neuen Testament, wo wir bei der Lektüre auch spüren, dass, wenn vom verlorenen Sohn, vom Pharisäer und vom Zöllner, von den törichten Jungfrauen die Rede ist, eigentlich wir gemeint sind. ‚Schlechte‘ Dichtung, verehrte Anwesende, bleibt in der Dumpfheit des Privaten stecken, berührt mich daher als Leser auch nicht, wirkt nach der Lektüre – und das ist entscheidend – auch nicht weiter, ,gute‘ hingegen übersteigt das Private ins Allgemeinmenschliche, lässt existentielle Grunderfahrungen sichtbar werden, die jeden von uns angehen.

Soweit, meine Damen und Herren, ein paar Worte zur Wertung von Literatur. Kehren wir damit zum eigentlichen Thema unseres Vortrags, zum Literaturbetrieb, zurück.
Die deutsche Literatur steckt zurzeit in einer geradezu paradoxen Situation: Obwohl seit Jahren immer weniger Menschen Bücher kaufen, werden immer mehr Bücher produziert. Während Buchhandlungen schließen, Verlage vor dem Aus stehen und Autoren über immer geringere Auflagen und schwindendes Interesse klagen, wird aufgelegt, was auch immer zwischen zwei Buchdeckel geht. Allein in Deutschland erscheinen jedes Jahr rund 80‘000 neue Bücher. Über den Versandhandel sind zudem über 500‘000 unterschiedliche Bücher erhältlich und in Großbuchhandlungen warten jeweils über 100‘000 Bücher auf ihre Käufer. Es gibt keine andere Branche, die sich mit derart vielen unterschiedlichen Produkten an ihre Kunden richtet. So erstaunt es nicht, dass hunderttausende von Büchern wenige Wochen nach ihrem Erscheinen schon wieder vom Markt verschwunden sind, denn Bücher haben nur eine kurze Zeit, sich am Markt zu behaupten. Hardcover, die sich in den ersten zwei Monaten nach ihrem Erscheinen nicht durchsetzen, werden sofort wieder aus dem Programm entfernt. Es gibt Bücher renommierter Autoren wie Walter Kempowski, dessen «Letzte Grüße» zwei Monate nach Erscheinen schon wieder aus den Buchhandlungen verschwanden, weil sie nicht ausreichend verkauft wurden. Erfolg oder Misserfolg eines Buches lässt sich aber meist nicht vorhersehen. Daher ist es verständlich, dass die Verlage große finanzielle Risiken scheuen, wenn sie neue Bücher auf dem Markt etablieren wollen.
Und noch etwas, verehrte Anwesende. Die heutige Überproduktion von Büchern stellt nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein literarisches Problem dar. Denn die Bücherflut bringt ja nicht immer mehr Meisterwerke hervor; sie fördert vielmehr das Mittelmaß. Dessen ungeachtet schreiben unzählige Romanautoren wie am Fließband. Ich kenne einen Autor, der mir vor einigen Tagen von seinem neuen Romanprojekt, an dem er arbeite, berichtet hat – und dies, obwohl sein eben fertiggestellter Roman erst im Druck ist. Solche Vielschreibereien haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass die Erstauflagen der Bücher immer kleiner wurden und dass es nur noch zu wenigen Neuauflagen kommt, weil sich diese für die Verlage häufig nicht rechnen. Wer heute mehr als 5‘000 Exemplare seines Buches verkauft, gilt schon als sehr erfolgreich; die meisten Autoren müssen sich mit weniger als 3‘000 verkauften Büchern zufrieden geben.

Der literarische Markt konzentriert sich heute immer stärker auf einige wenige Titel, Autoren und Verlage, während die überwiegende Mehrheit der Bücher, unabhängig von ihrer literarischen Qualität, mehr oder weniger in der Versenkung verschwinden. Der Tübinger Autor Joachim Zelter drückte das in einem Interview in der «Südwest Presse» kürzlich so aus: «Man kann mit einem unsäglichen Roman den Durchbruch schaffen oder eine Perle nach der andern schreiben und damit gar nichts erreichen.» Meine Damen und Herren, wie recht er hat! Der Literaturbetrieb ist in den letzten Jahren immer irrationaler geworden. Ob ein Roman, ein Gedichtband Erfolg hat, niemand weiß das zum Voraus. Nicht einmal Lektoren, die sich professionell mit Literatur befassen, erkennen immer, wann sie ein Manuskript für einen Bucherfolg auf dem Tisch haben. Die Geschichte von Joanne K. Rowling, die mit dem ersten «Harry Potter»-Manuskript bei mehreren Verlagen abblitzte und der man schließlich riet, doch einen «normalen» Job zu suchen, ist nur eines von unzähligen Beispielen.

Band 200x5
«Die heutigen Autorinnen und Autoren lassen sich die Themen für ihre Werke immer häufiger von den aktuellen journalistischen Trends vorgeben. So stellen wir heute eine signifikante Häufung von Themen wie Partnerstress, Migration und vor allem Familie und Kindheit fest. Familienromane und Kindheitsgeschichten, die letzteren häufig als Fallstudien am Rande des Erwachsenwerdens, befinden sich seit etwa 2000 denn auch im deutlichen Aufwind. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das bevorzugte literarische Thema der kommenden Jahrgänge der Klimawandel sein wird. Dass diese zunehmende Standardisierung der Themen zu einer gewissen Uniformierung der zeitgenössischen Literatur geführt hat, lässt sich kaum mehr übersehen.»

Was sich dennoch einigermaßen sagen lässt, ist das Folgende: Die heutigen Autorinnen und Autoren lassen sich die Themen für ihre Werke immer häufiger von den aktuellen journalistischen Trends vorgeben. So stellen wir heute eine signifikante Häufung von Themen wie Partnerstress, Migration und vor allem Familie und Kindheit fest. Familienromane und Kindheitsgeschichten, die letzteren häufig als Fallstudien am Rande des Erwachsenwerdens, befinden sich seit etwa 2000 denn auch im deutlichen Aufwind. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das bevorzugte literarische Thema der kommenden Jahrgänge der Klimawandel sein wird. Dass diese zunehmende Standardisierung der Themen zu einer gewissen Uniformierung der zeitgenössischen Literatur geführt hat, lässt sich kaum mehr übersehen. Besonders gut zu beobachten ist dies in Texten von Absolventen der Schreibschulen oder von Workshops, die ihre Themen meist so wählen, dass sie möglichst medienkonform sind. Aber nicht nur diese Institutionen treiben die Uniformierung der Literatur voran, die Verlage selber tun es auch. Denn immer häufiger sagen sie dem Autor, was er schreiben soll, wie lange ein Text sein darf, für welche Zielgruppe er zurechtgeschustert werden muss und wann der Abgabetermin ist. Der Titel, das Cover und der Klappentext werden häufig festgelegt, bevor das neue Buch auch nur einen Satz lang ist, also zu einem Zeitpunkt, zu dem es nur aus einer Idee besteht, die der Autor in einem kurzen Exposé formuliert hat. Diese verlegerischen Vorgaben, die den Autor – nennen wir es ruhig beim Namen – zum Schreibsklaven machen, bleiben nicht ohne Folgen: Die Literatur gerät zunehmend in Gefahr, immer öder und austauschbarer zu werden.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich möchte meinen Vortrag nicht in Pessimismus ausklingen lassen, sondern zum Schluss doch erwähnen, dass es bei aller Kommerzialisierung der Buchbranche hier in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz noch immer Menschen gibt, für die das Buch keine Ware ist und der Umgang mit ihm kein bloßes Geschäft, sondern nach wie vor eine Obsession, der man nachgeht – buchstäblich um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste. Und wo solche Menschen sind, bekommt auch die Literatur, bekommt auch das Wort wieder eine Chance. ■

1) Der Text geht auf ein Referat zurück, das der Verfasser am 25. September 2015 in der Steirischen Landesbibliothek Graz anlässlich der Jahresversammlung der IGdA (Interessengemeinschaft deutscher Autoren) hielt. Wir danken Autor Mario Andreotti für die exklusive Publikationsberechtigung im „Glarean Magazin“.

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Mario AndreottiMario Andreotti
Geb. 1947, Studium der Germanistik und Geschichte in Zürich, 1975 Promotion über Jeremias Gotthelf, Prof. Dr. phil., 1977 Diplom des höheren Lehramtes, danach Lehrtätigkeit am Gymnasium und als Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen und an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, langjähriger Referent in der Fortbildung für die Mittelschul-Lehrkräfte und Leiter von Schriftstellerseminarien, seit 1996 Dozent für Literatur und Literaturtheorie an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Linguistik; Verfasser mehrerer Publikationen und zahlreicher Beiträge zur modernen Dichtung, darunter das Standardwerk: Die Struktur der modernen Literatur; Mario Andreotti lebt in Eggersriet/CH

Weitere Beiträge des Autors im Glarean Magazin

 ■ Aspekte und Tendenzen der neueren und
neuesten Schweizer Literatur

 ■ Ist Dichten lernbar?

Das Zitat der Woche

Von der Übereinstimmung der Musik mit dem Leben

Was ist nötig, damit ein Lied zum Hit wird? Die oft aufgestellte These, es sei allein eine Sache der Vermarktung, ist ebenso falsch wie der Glaube, eine reine, von jeder kommerziellen Absicht losgelöste Kunst sei die Voraussetzung dafür. Beides kann, muss aber nicht sein.
Lässt man kurzlebige Popacts und One Hit Wonders aussen vor und betrachtet nur Künstler, die über Jahre und Jahrzehnte kontinuierlichen Erfolg hatten, zeichnen sich Erfolgsfaktoren ab, die sich bis zu einem gewissen Grad verallgemeinern lassen. So haben z. B. Udo Jürgens, Madonna, Tina Turner oder Joe Cocker eins gemeinsam: Image und Musik bilden eine glaubhafte Einheit und die Biografie enthält bewegende Schicksalsmomente, die für Schlagzeilen sorgen.

Musik-Zitat-der-Woche-Jimi-Hendrix
Maximale Authenzität von Musik und Leben: Gitarren-Legende Jimi Hendrix (1942-1970)

Wenn Frank Sinatra oder Harald Juhnke trotzig singen «I Did It My Way», nimmt man ihnen das ab, weil sie gesellschaftliche Konventionen immer ausser Acht liessen und trotzdem Erfolg hatten. Herbert Grönemeyer gestatten wir, über den «Mensch(en)» als solchen zu singen, denn jemand, der bekanntermassen so viel durchgemacht hat, kann das wohl beurteilen. Die Rolling Stones füllen selbst nach rund 40 Jahren im Musikgeschäft immer noch die grossen Stadien der Welt, weil sie wie keine andere Band über so lange Zeit hinweg das Lebensmotto «Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll» verkörpert haben. Jede Falte im Gesicht von Keith Richards und jedes uneheliche Kind von Mick Jagger zertifizieren das Image. Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison personifizierten das Lebensgefühl der 60er Jahre «Live fast – die young» in geradezu tödlicher Perfektion. Bei ihnen stimmten Musik, Biografie und Image bis in den Tod überein. Im HipHop gehören Tupac Shakur und Notorious BIG zu den am meisten verehrten Personen, denn ihr Tod im Kugelhagel zementiert ihre Street Credibility als Homies. ▀

Aus: «Wert der Kreativität», in der Zeitschrift «Musik & Bildung» (Musikpädagogik), Schott Verlag 2004

Das Zitat der Woche

Über die Musik als Glücksverstärker

Nicolai Petrat

Diese Behauptung wirkt auf den ersten Blick etwas banal, lohnt aber die genauere Reflexion, insbesondere dann, wenn es darum geht, weitere Hintergründe zur Entstehung von Glücksgefühlen zu recherchieren. Beginnen wir zunächst weit vorn, bei unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung. Denkbar ist nämlich, dass Glücksmomente schon seit langer Zeit durch die Beschäftigung mit Musikalischem im weiteren Sinne erzeugt werden. Der britische Rockmusiker Sting geht davon aus, dass die allerersten von Menschen gesungenen Lieder dem Ausdruck von Freude dienten.
Heute kennt es jeder: Wenn wir «unser» positiv gestimmtes Lieblingsstück hören, sind wir nicht nur besser gelaunt, wir sind gleich fröhlicher und fühlen uns dynamischer. Dahinter stecken bestimmte neurologisch ablaufende Prozesse. Tatsächlich hängen das Erleben von Musik und die Bildung von Glücksgefühlen neurophysiologisch eng zusammen.
Neurowissenschaftler können es z.B. daran erkennen, wenn auf Gehirnscans beim Musikhören gerade Bereiche des Belohnungssystems, vor allem im limbischen System, gewissermaßen «aufleuchten», dort also verstärkte Aktivität zu erkennen ist.

Was aber passiert, bevor akustische Nervenimpulse das limbische System erreichen? Grundlegende neuronale Aktivitäten, die im weiteren Sinne etwas mit musikalischer Wahrnehmungsverarbeitung zu tun haben, beginnen bereits im Hirnstamm, dem ältesten Teil unseres Gehirns. Vor allem rhythmische Anteile werden schon dort registriert, zwar nicht bewusst, aber so intensiv, dass sie früh auf von der Evolution festgelegte Schaltkreise unserer Hörbahn geschickt werden. Die an der akustischen Wahrnehmungsverarbeitung beteiligten Neuronenverbände sind von Natur aus darauf angelegt, bereits auf ersten Stationen der Hörbahn Regelmäßigkeiten und Ordnungen zu erkennen. Hier werden frühzeitig laute Reize, dumpfe, tiefe sowie dissonante Klänge registriert. Diese signalisieren den übrigen Arealen im Gehirn mögliche Gefahren und treiben den Herzschlag, Blutdruck und die Atemfrequenz in die Höhe, verändern die Muskelspannung. Dies führt zu Impulsen für Abwehr- und Fluchtreaktionen. Umgekehrt wirken langsame und regelmäßige Rhythmen beruhigend. Unser Gehirn interpretiert sie als Anzeichen für ungefährliche Situationen. Wir spüren dies als ein besonderes Wohlgefühl. Je nach Art der Musik werden unterschiedliche Hormone abgegeben: Adrenalin bei schneller und aggressiver Musik, Noradrenalin bei sanften und ruhigen Klängen. Letztere können sogar die Ausschüttung von Stresshormonen verringern. Der Nucleus accumbens wird aktiviert. Umgekehrt wird der sogenannte «Mandelkern» im Limbischen System, der insbesondere bei Stress aktiv ist, regelrecht abgeschaltet, wenn wir etwas Angenehmes empfinden, beispielsweise unsere Lieblingsmusik hören. Es entsteht Freude, unser Glücksempfinden wird stimuliert, eventuelle Ängste verschwinden zumindest vorübergehend. […]

Nicolai Petrat
Nicolai Petrat

Musik erfordert eine Wahrnehmungskunst, die auf die Verarbeitung des Moments angewiesen ist. Trotz der immensen Vielfalt an zu verarbeitenden Informationen geht unser Gehirn hier sehr effektiv an die Arbeit, einerseits durch besondere Mechanismen der Wahrnehmungsverarbeitung,andererseits dadurch, dass es dabei recht zuversichtlich, ja optimistisch vorgeht. Denn «die Natur“ hat unser Gehirn auch im Hinblick auf die Musikverarbeitung mit einer Art «Belohnungsspirale» ausgestattet. Auch für unser Musikgehirn gilt: Umso besser die Neuronenverbände und neuronalen Netzwerke zusammenarbeiten, desto lern- und leistungsfähiger wird unser Gehirn. Im besten Fall geraten die Verarbeitungsprozesse in eine intern organisierte Belohnungsspirale.
Das Besondere: Sobald Neurotransmitter wie Dopamin, Noradrenalin, Serotonin oder Endorphine mit ins Spiel kommen, werden umfangreichere musikspezifische Netzwerke aktiviert, manche werden erweitert, manche sogar neu gebildet. Ohne Transmitter kann unser Gehirn keine Informationen verarbeiten, auch keine musikalischen. Ohne sie ist eine Kommunikation im Gehirn nicht möglich. Sie sind wesentlich daran beteiligt, unsere funktionelle neuronale Architektur aufzubauen, in Gang zu setzen, optimal zu aktivieren. Durch sie wird der Aktionsradius erweitert, es werden auch weiter entfernte Areale aktiviert. Diese sorgen dafür, dass wir uns besser konzentrieren können und motivierter, zuversichtlich sind, ein gesetztes Ziel zu erreichen. Durch Neurotransmitter werden wir leistungsfähiger, flexibler, kreativer. Im besten Fall aktiviert das Gehirn das Belohnungszentrum, macht weitere Energie frei. Wir empfinden ein Glücksgefühl. Es wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der unser Gehirn auf Hochtouren bringt.
Gerade im Hinblick auf musikspezifische Verarbeitungsprozesse ist unser Gehirn stets auf der Suche nach positiven Zusammenhängen, gerät geradezu in Euphorie, wenn es hier etwas Positives registriert. Erst wenn die Belohnungsspirale angesprungen ist, können wir dorthin kommen, wo das Künstlerische beginnt. Besondere Fähigkeiten werden freigesetzt, auch künstlerische. Das gilt nicht nur für das Musikhören, sondern auch für das Instrumentalspiel. Es wird musikalisch bewegter. Musikalische Energie ist regelrecht herauszuhören. Erst dann erreichen wir die Sphäre, wo wir musikalisch geradezu über uns hinauswachsen. ♦

Aus: Nicolai Petrat: Glückliche Schüler musizieren besser! – Neurodidaktische Perspektiven und Wege zum effektiven Musikmachen,  Wißner VerlagForum Musikpädagogik (Band 121) 2014, 164 Seiten, ISBN 978-3-89639-934-2

Essay über Bildung und Schule von Karin Afshar

Bildung heute – Spiegel innerer Besitzlosigkeit?

Dr. Karin Afshar

Schule, Lehrer, Lernen – das ist in aller, und wenn nicht in aller, dann doch in vieler Leute Munde, und ständig in den Medien. Zu recht? Etliche Lehrer schreiben offene Briefe über die Unerzogenheit von Schülern, Eltern sind aufgebracht gegen Lehrer und das restrukturierte und rerestrukturierte System, und Buchautoren analysieren die Bildungsmisere ebenso vehement wie Mediziner konstatieren, dass die Kinder Konzentrationsdefizite und Lernstörungen haben, ja sogar z.T. mit 10 Jahren auf dem emotionalen Stand von 16 Monate alten Kleinkindern stünden. Ich tue einen Stoßseufzer: bin ich froh, dass meine Kinder aus der Schule sind, und ich heute nicht mehr zur Schule gehe! Ich meine nicht nur als Schülerin, sondern auch als Lehrerin. Und trotzdem mache ich mir immer wieder Gedanken zu meinem Lieblingsthema: Lernen und Bildung. Auf den nächsten Seiten gibt es etwas dazu, was Lernen mit den Menschen und mit Bildung zu tun hat.

1. Vom Wesen des Lernens

Menschen lernen. Kinder lernen krabbeln, laufen, sprechen. Sie lernen, wie man mit der Schere ausschneidet, wie man sich an- und auszieht; sie lernen selbständig zu essen und zur Toilette zu gehen… Sie lernen im Kindergarten, in der Schule, in der Lehre, auf der Universität … so geht es immer weiter. «Lernen» ist Entwicklung. Jede Entwicklung hat unterschiedliche Stufen, deren jede genommen werden muss, bevor es zur nächst höheren Stufe geht.
Je nach entwicklungspsychologischer Schule (z.B. Jean Piaget) oder kognitionspsychologischer Schule (z.B. Jerome Bruner) werden die Phasen/Stufen der ersten Jahre unterschiedlich benannt, sagen jedoch in der Essenz: Die Entwicklung geht vom Einfachen zum Komplexen, und (hauptsächlich Piagets Prämisse): keine spätere Phase kann ohne die vollständige Erlangung der früheren erreicht werden.
Im Einzelnen – weil es wichtig ist, uns das Wesen des Lernens zu veranschaulichen – können die Stadien wie folgt charakterisiert werden:

Ein Stadium umfasst einen Zeitraum, in dem ein bestimmtes Schema in seiner Struktur begriffen und schließlich angewendet wird.
Beispiel: Zwischen dem 4. und dem 8. Lebensmonat entdeckt ein Kind, dass es durch eigene Aktivitäten bestimmte Effekte in der Umwelt hervorrufen kann. Es wirft die Rassel aus dem Kinderwagen – die Mutter wird sich bücken, und sie ihm wieder in die Hand geben.

Im Kind wächst die Fähigkeit zwischen einem gewünschten Ziel/einer erwünschten Reaktion und dem angewandten Mittel zur Erreichung des Ziels zu unterscheiden.

Jedes Stadium geht aus einem vorangegangenen hervor, bezieht das Gelernte ein und wendet es in anderen Zusammenhängen an.
Beispiel: Zwischen dem 8. und dem 12. Lebensmonat probiert das Kind aus, wie und womit es die Aufmerksamkeit von Personen erwecken kann. Es wirft den Gegenstand vielleicht nicht mehr weg, sondern macht Lärm mit ihm. Weiterhin werden die bereits vorhandenen Schemata immer besser koordiniert und somit Bewegungsabläufe flüssiger.

Die Stadien laufen immer in der gleichen Reihenfolge ab. Zwar kann es leichte kulturelle Unterschiede in der Auskleidung der Operationen geben, auch können sie verschieden schnell oder langsam durchlaufen werden – aber dass sie in geänderter Abfolge auftreten, ist nicht möglich.

Alle Kinder durchlaufen die Stadien. Bleibt ein Kind in einem Stadium stecken, handelt es sich um eine Entwicklungsverzögerung oder Retardierung.

Jedes Stadium schreitet vom Werden zum Sein.

Die Stufen im Einzelnen: der Stufe der Entwicklung der sensumotorischen Intelligenz (0 bis 1,6/2,0 Jahre) folgt die Stufe des symbolischen oder vorbegrifflichen Denkens (ca. 1,6/2,0 – 4,0 Jahre), dann kommt die Stufe des anschaulichen Denkens (4,0-7,0/8,0), gefolgt von der Stufe des konkret-operativen Denkens (7,0/8,0-11,0/12,0 Jahre) und der Stufe des formalen Denkens (ab dem 12. Lebensalter).

Beispiel: Der bekannteste Versuch von Piaget zeigt anschaulich die «logischen Irrtümer» der unter 7-Jährigen: Zeigen Sie Ihrem Kind ein breites Gefäß (vielleicht eine Brotdose) mit Wasser und schütten Sie das Wasser vor seinen Augen in ein hohes schmales Glas um. Zu Beginn der präoperationalen Phase wird Ihr Kind meinen, dass im Glas viel mehr Wasser ist, als in der Brotdose war. Erst mit einem Alter von ca. 7 Jahren «wissen» Kinder, dass die Flüssigkeitsmenge sich beim Umschütten nicht verändert.

Beispiel: Ab ca. 4 Jahren, in der intuitiven, anschaulichen Phase, vermindern sich zwar einige «logische Irrtümer», dennoch ist das Denken der Kinder stark egozentrisch, d.h. sie betrachten die Welt ausschließlich von ihrer Warte aus: Das Kind hat seine Ansicht und hält seine Ansicht für die einzig mögliche und somit auch für die einzig akzeptable. Ein egozentrisches Kind kann sich die Sichtweise anderer nicht zu eigen zu machen, denn Egozentrismus bedeutet nicht etwa Ichbezogenheit, sondern ganz einfach nur die Schwierigkeit, sich eine Sache oder aus einer anderen Sicht anzusehen oder sich in eine andere Person hineinzuversetzen. (Dieser Satz wird später noch wichtig werden!)

Beispiel (nach Mönks & Knoers 1996):
– Peter, hast du einen Bruder?

– Ja.
– Wie heißt denn dein Bruder?
– Hans.
– Hat Hans auch einen Bruder?
– Nein.

Alles Lernen ist ein stetiger Prozess, in dem der Lernende – in unserem Beispiel das Kind – immer wieder ein Gleichgewicht herzustellen versucht. Die Anpassung vorhandener Schemata an eine aktuelle Situation geht in zwei Teilprozessen vor sich: Assimilation und Akkommodation.

Beispiel: Ein Kind hat bereits gelernt, einen Apfel zum Mund zu führen, den Mund zu öffnen und ein Stück abzubeißen. Jetzt bekommt es eine Birne – und wird in sie hineinbeißen. Es erkennt Apfel und Birne als ähnlich.

Assimilation bedeutet die Eingliederung neuer Situationen oder Erlebnisse in ein bereits bestehendes Schema (um in der Begriffswelt von Piaget zu bleiben). Die Wahrnehmung der Ähnlichkeit von Apfel und Birne führt dazu, dass das Schema «grün-annähernd rund-essbar» an-gewendet, bestätigt und um ein neues Element erweitert wird. Assimilation ist die Reaktion auf eine Situation, die auf bereits in uns abgebildetes Wissen oder Erfahrungen trifft.

Beispiel: Ein anderes Kind versucht, in einen Plastikapfel zu beißen. Auch sein Schema sagt: «grün-apfelförmig-essbar». Von einem Plastikapfel aber kann es nichts abbeißen – das Kind muss akkommodieren und sein Schema insofern differenzieren, als echte Äpfel und unechte Äpfel verschiedene Kategorien bilden.

Akkommodation tritt auf den Plan, wenn die Assimilation nicht ausreicht, eine wahrgenommene Situation mit den vorhandenen Schemata zu bewältigen. Diese werden erweitert und angepasst. Akkommodation ist die Reaktion auf eine Situation, die noch nicht in uns abgebildet ist.

Ich könnte viele weitere Beispiele für die phantastische Leistung der kindlichen Entwicklungswege anbringen, möchte aber nun doch vom Entwickeln zum Lernen kommen. Lernen als Gegensatz zum Erwerb können wir am Beispiel von Sprechen und Sprachen betrachten:
Eine erste Sprache erwirbt jeder Mensch als  Kind. Manche Kinder erwerben zwei oder drei Sprachen1) gleichzeitig. Von Erwerb spricht man, wenn das Aneignen «ungesteuert» und ohne Anleitung geschieht. Die Entwicklung der Kognition2) ist bei einem Kind noch nicht abgeschlossen, was bedeutet, dass der kindliche Spracherwerb mit der Entwicklung des Denkens, des Wahrnehmens und des Bezeichnens einhergeht. Noch anders ausgedrückt: als «Erwerb» bezeichnet man einen unbewussten Prozess, der ohne Anleitung, durch Kontakte in einer natürlichen Umgebung in alltäglichen sozialen Zusammenhängen (z.B. beim Einkaufen oder auf der Straße) auskommt.
Sprachenlernen dagegen erfolgt bewusst, ist angeleitet, wird gesteuert. Jedes Lernen bzw. jeder Lernende bedient sich der Kognition. Lehrer innerhalb von Institutionen (Schulen) oder außerhalb dieser strukturieren den Lernfortgang und geben Anleitungen. Schulisches Lernen vor Erreichen einer bestimmten Kognitionsstufe (vergl. Piaget oder Bruner) macht keinen großen Sinn, sondern stört nachgerade. Die Aufgabe des Lehrers im Lernprozess des Schülers ist, den Stand seines Schülers einzuschätzen und nach einer bewältigten Unterrichtseinheit den nächsten Schritt vorzugeben.
Auch das Lernen folgt dem Prinzip «Vom Einfachen zum Komplexen», und bevor komplexe Strukturen verstanden werden, müssen die einfachen Operationen sitzen und hinreichend eingeübt sein. Es ist am Lehrer, die Anleitungen hilfreich und verständlich anzubringen. Unterricht ist dann am ergiebigsten und motivierendsten, wenn er mit dem Wesen der Schüler in Einklang steht. Ein Unterricht mit einem Lernstoff, der den Schüler erreicht, wird ihn bilden. Lehrer, die auf ihre Schüler eingehen, sind wie Hebammen, die heben, was bereits in jenen schlummert und Anleitungen geben, die die Gebärenden befolgen können. An das bereits Eigene können diese dann die Informationen der Welt knüpfen und assimilieren. Und was sie nicht in sich finden, sondern im Außen neu erkennen, hilft ihnen ihre Innenwelt zu erweitern. Ein Lehrer öffnet Augen, Ohren und Herzen und ist im Leben von Menschen, und nicht nur von jungen, enorm wichtig. Deshalb muss ein Lehrer ein Mensch sein, der sich selbst gut kennt. Denn wenn er sein Eigenes erkannt hat, kann er andere Menschen erkennen.

2. Bildung und das Höhlen-Gleichnis (Platon)

Abb1
„Das Einzige, das schlimmer ist als zu erblinden, ist als Einzige zu sehen.“ (aus: Stadt der Blinden)
Illustrationen: K. Afshar

Die unterirdische Höhle ist bei den Griechen allgemein ein Bild für den Hades, das Reich der Toten. Platons Höhle steht für unsere alltägliche Welt, in der wir leben. Wir Menschen, so zeigt uns Pla-ton in seinem Gleichnis, sind Gefangene in unserer gewohnten Behausung.
Oberhalb von und hinter den Gefangenen brennt ein Feuer. Die Höhle wird von diesem Feuer beleuchtet. Die Gefangenen sitzen nun unbeweglich da, denn sie sind an ihre Sitze gefesselt. Das heißt nicht etwa, dass sie sich nicht bewegen, nein, sie sind sehr rege, was Verkehr, Wettstreit und anderes angeht. Nur sind sie unbeweglich, was ihre Einstellungen angeht. Sie haben eine unveränderliche Einstellung zu dem, was sie für das Wirkliche halten.
Außer den Gefangenen gibt es nun noch (Platon nennt sie die Gaukler) andere Gestalten. Sie bewegen sich vor dem Feuer hinter den Gefangenen, und ihre Schatten werfen sich auf die Wände der Höhle vor ihnen. Sie sind die (modernen) Intellektuellen, die Künstler, die Politiker, die Designer, die Psychologen, die Moderatoren, die Berater… Sie bestimmen den Hinblick, sie entwerfen die Bilder für die Menschen. Die Gefangenen halten ihre Schatten für das Wahre.
Überhaupt sehen die Menschen sich und ihre Mitgefangenen und die Gaukler als Schatten – sie sehen immer nur die Projektion. Bei Homer ist «Schatten» der Name für die Seelen der Toten.
Im Schattendasein der Menschen (in diesem Traum in einem Traum) wird nun einer der Gefangenen von seinen Fesseln erlöst. Er steht auf, geht einige Schritte, blickt hoch zum Licht, ist geblendet, wendet sich ab und blickt noch einmal hin … sieht, dass er bis jetzt lediglich das Abbild des wahren Lichts (von außerhalb der Höhle) gesehen hat und begreift unter Schmerzen sein Gefangensein.

Der, der ihn losgebunden hat, war ein Lehrer. Er hat dem Gefangenen eine neue Sichtweise ermöglicht, hat ihn «sehend» gemacht. Dem allerdings ist das helle Flimmern des Lichts zunächst ungewohnt, und er erkennt das Gesehene nicht, er findet es unheimlich und befremdlich. Der Gefangene steht ganz am Anfang seiner neuen Freiheit und muss lernen im Licht zu sehen. Seine Augen aber beginnen zu schmerzen. Bald will er nicht mehr ins Feuer des Lichts blicken, er will zurück zu den Schatten, und er wendet sich ab und flieht zurück.
Der Versuch einer Befreiung ist zunächst misslungen. Bildung – und das ist u.a. die wechselweise Anwendung von Assimilation und Akkomodation von Wahrgenommenem – ist Platon zufolge etwas, das Menschen nicht unbedingt wollen… Man muss sie zum Sehen zwingen, ansonsten ziehen sie es vor, blind für das Licht zu bleiben.
Sokrates, der unbequeme Lehrer, wurde wegen seines «schlechten Einflusses» auf die Jugend von den Athenern umgebracht. Platon seinerseits hat seine Akademie außerhalb der Polis errichtet. Und Aristoteles, der zehn Jahre lange Platons Schüler in der Akademie war, ergriff in ähnlicher Situation die Flucht aus Athen, als ihm der Asebie3)-Prozess gemacht werden sollte.
Lehrer zu sein bedeutet, nach oben zu gehen und den Weg wieder nach unten steigen zu müssen, um vom Gesehenen zu berichten… Wer jedoch von oben kommt, wird verlacht, wird nicht ernst genommen, denn er berichtet von merkwürdigen Dingen, die es gar nicht gibt. Bildung ist ein Prozess, der, je weiter er fortschreitet, umso mehr Distanz zu den Blinden bedeutet.

3. Das Bild vom Menschen

Abb3
„Mich interessiert nicht wie du aussiehst.“ – „Aber wie können wir uns dann erkennen?“ – „Ich kenne den Teil in dir, der keinen Namen hat und das ist es doch was wir sind, richtig?“ (aus: Stadt der Blinden)

 Schauen wir uns den Begriff «Bildung» noch näher an, finden wir ihn als einen Schlüsselbegriff in der Epoche Goethes. Hier wie aber auch schon zuvor bei Meister Eckhart, Johannes Tauler oder Heinrich Seuse hat er seinen Ursprung in einem zentralen Gedanken der Mystik. Das Bild ist die Gestalt, das Wesen dessen, was ist (das griechische idea und eidos stecken darin). Die Mystik denkt die Wiedergeburt des Menschen in drei Stufen: Entbilden, Einbilden und Überbilden. Entbilden heißt frei werden von den Bildern dieser Welt als Voraussetzung für die nächsten Stufen. Ziel ist das Sich-Hinein-Verwandeln in Christus bzw. das Eins-Werden mit dem Göttlichen. Transformari haben die Mystiker mit «Überbilden» übersetzt. Das trans gibt das Ziel an: das reine Licht des Göttlichen. Die christliche mittelalterliche Mystik denkt das Sein als Herausbildung des im Menschen angelegten Bildes Gottes.
Aus der islamischen Mystik ist ein dem christlichen nicht unähnliches Bild  dazu bekannt: Der Sufi Al-Halladsch hatte einen der 99 Namen Gottes für sich selber «beansprucht», indem er den Ausspruch anā al-haqq tat. Seine Lehre brachte ihm später eine Fatwa ein, seine in den Augen der damaligen Religionswächter häretische Aussage war mit dem Tode zu bestrafen. Niemand, kein lebender Mensch, konnte und kann nach exoterischer Lesart wie Gott sein, sondern immer nur durch Gott. In den Werken der Sufi-Dichter wie u.a. Yunus Emre, Rumi und Nezami trifft man auf Al-Halladschs Lehre der Eins-Werdung mit Gott bzw. der Auflösung des Ichs in Gott.
Der Hauptgedanke der Mystik – in modernen tagesverständlichen Worten ausgedrückt – besagt, dass der Mensch sich zum Menschen dadurch entwickelt, dass das in ihm angelegte Bild, sein Wesenskern, sich entfaltet. Ein Mensch kann werden, was er bereits ist – aber er kann nichts werden, das er nicht bereits in sich birgt. Was wie eine Begrenzung erscheinen könnte, kann als Bestimmung und Aufgabe umschrieben werden. Diese zu erkennen und zu erfahren ist die Eins-Werdung mit dem Göttlichen: das zu sein, als das man gedacht ist.
Unsere Zeiten sind säkulär-moralisch, ungern bezieht man sich auf diese Urbilder, aus denen unser heutiger Begriff aber nun einmal hervorgegangen ist. Heute denkt man Bildung als etwas, das dem Menschen «sozialgerecht» von außen angetragen wird, ohne dass sie auf den Einzelnen eingeht. Pädagogik ist ein Studienfach, das Lehrer unbedingt, Mystik eines, das sie ganz bestimmt nicht belegen müssen. Was die Mystik letztlich und paradoxerweise – und zwar unabhängig von der vordergründigen Religion – lehren kann, ist Demut.
Ein demütiger Lehrer wie auch ein demütiger Schüler haben Achtung vor dem Sein. Die Neugier des Schülers richtet sich auf ganz bestimmte Dinge, die ihn befähigen, sich selbst zu erkennen. Und selbst wenn der Schüler lernen muss, was in der Schule im Lehrplan vorgesehen ist, ohne dass es eine vordergründige Beziehung zu ihm hat, wird ein «mystischer» Lehrer es schaffen, dem Schüler das Wissen der Welt ehrfürchtig ans Herz zu legen.

4. Bildung und Humboldt

Abb2
„Hast du Angst deine Augen zu schließen“ – „Nein, aber sie wieder zu öffnen.“ (aus: Stadt der Blinden)

Etwa um die Jahrhundertwende von 1800 herum bezog man sich auf den mystischen Bildungsbegriff – und aktualisierte ihn. Jetzt ging es nicht mehr so sehr um die Verwirklichung der Gottesgeburt in der eigenen Seele, als vielmehr um die allumfassende Ausbildung aller Fähigkeiten. – Diese Ausbildung wird in einem Mittelpunkt (Wissen um die Bestimmung des Menschen) zentriert. Der klassische Bildungsbegriff geht in Richtung Allgemeinbildung, und Wilhelm von Humboldt hatte ein Ideal vor Augen. Sein Bildungsideal entwickelte sich um die zwei Zentralbegriffe der bürgerlichen Aufklärung: den Begriff des autonomen Individuums und den Begriff des Weltbürgertums. Die Universität sollte ein Ort sein, an dem autonome Individuen und Weltbür-ger hervorgebracht werden bzw. sich selbst hervorbringen.

Wer ist man, wenn man Weltbürger ist? – Weltbürger sein heißt heute, sich mit den großen Menschheitsfragen auseinanderzusetzen. Der dahingehend Gebildete bemüht sich um Frieden, Gerechtigkeit, um den Austausch der Kulturen, andere Geschlechterverhältnisse oder eine neue Beziehung zur Natur.
Humboldt blickte auf den einzelnen Menschen als unverwechselbares, einzigartiges Individuum. In diesem Blick lag die Sehnsuchtsbewegung des menschlichen Lebens: fest verwurzelt sich bis an seine, ja, über seine Grenzen hinaus strecken zu können. Was tun junge Menschen? – Sie gehen in die Welt hinaus, nehmen sie in sich auf, entfalten die Fähigkeiten, die in der menschlichen Natur liegen, stärken und üben sie. Anschließend kehren sie zurück und nehmen ihren Platz dort ein, wo sie verwurzelt sind. Inwieweit ist dieses heute noch aktuell?

Ein zweiter Exkurs zum Lernen von (Fremd)Sprachen – immerhin ist Wilhelm von Humboldt auch «mein Ziehvater»: Das Erlernen fremder Sprachen hat nicht allein einen ökonomischen Nutzen (der durchaus in der Bildung von Menschen liegt), sondern einen Nutzen in einem emphatischen Sinn. Eine fremde Sprache zu lernen, heißt nämlich eine andere An-Sicht der Welt kennen zu lernen und eine andere Weise, sich in der Welt zu bewegen. Der Sprachlehrer kann als der Bringer eines neuen Selbstverständnisses, das das Eigene ergänzt und es bereichert, gesehen werden. Je mehr ich mir bewusst gemacht habe, desto mehr sehe ich in der Welt. Das, womit ich mich bekannt gemacht habe, ist mir nicht mehr fremd – ich muss es nicht mehr bekämpfen. Ein Lehrer, der vermag, dieses Feuer in seinem Schüler zu wecken, ist ein Brückenbauer, und der Schüler, der sein Feuer trägt, wird nicht mehr brandschatzen, sondern wertschätzen.

5. Bildung und der Einzelne

Abb4
„Er ist blind! Er ist weder gut noch schlecht. Er ist einfach nur blind.“ (aus: Stadt der Blinden)

In unserer heutigen (westlichen) Welt brechen uns die Traditionen ein, ach, wir stellen sie derart in Frage, als gälte es, uns in selbstvernichtendem Bestreben für eine große Schuld zu bestrafen. Sinnstiftende Weltbilder sind auch in früheren Zeiten immer wieder zerbrochen, doch dann sind neue an ihre Stelle getreten. Jetzt scheint es, als seien die Menschen gewissermaßen experimentierend auf einem ziellosen Weg, auf dem das Individuum noch nicht einmal unterwegs erfährt, wer und was es ist. Da ist kaum Substanz, kaum Wesen, das in einer individuellen Lebensgeschichte zu entfalten wäre.
Um mit Sartre zu sprechen: Selbstverwirklichung heißt heute Verwirklichung von Nichts, nämlich von nichts Vorgegebenem. Es bleibt das Experiment, das der Mensch mit sich selber macht. Wir sind inzwischen sogar noch weiter, als Sartre beschrieb. Inzwischen erschöpft sich das Leben in nichts weniger als in aberwitzigen Vorgängen und Funktionen. Erlebnis und Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung und Entfaltung der je eigenen Individualität sind heute unbedingte Werte, die alle anstreben – und paradoxerweise zeigt nachgerade das vehemente Bestreben, sie zu erreichen, ihre Abwesenheit. Psychotherapie wird zum Dauerzustand. Alle wollen mehr und anderes sein als die anderen, und als das, was sie in ihrem Kern wären, in ihren mitgebrachten Umständen sind. An die Stelle des Seins – wie gesagt – ist der Vorgang getreten. Wir leben, indem wir tun und in der Welt agieren.
Meistens tun wir das durch das Setzen von Regeln und verzeichnen dabei den Verlust realer Allgemeinheit. Das heißt, wir wissen nicht mehr, wer wir als Menschen sind, und was wir als Menschen zu sein hätten. Zusammen mit der Tradition haben wir das Wissen um die Bestimmung des Menschen und um die Menschheit in uns verloren.

Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem ich Ihnen von meinem Abstecher an eine Schule, einer Stätte modernen Lernens und von Bildung erzählen muss. Obwohl ich keine ausgebildete Pädagogin mit Staatsexamen und absolviertem Referendariat bin, unternahm ich vor sieben Jahren den Versuch, an einer öffentlichen Schule zu unterrichten. Ich bewarb mich an einem Gymnasium auf eine Stelle als Deutschlehrerin. Knapp 49 Jahre alt war ich, und sehr gespannt auf das, was mich erwartete: zwei zehnte und eine neunte Klasse. Zuvor hatte ich mir Gedanken gemacht. Hier sind einige von ihnen zusammengefasst, auf dass meine Sicht auf das Lernen und Unterrichten deutlicher werde.

Gedanke 1: Ein Mensch lernt dort, wo er sich konfrontieren kann, zu provozieren versucht oder Provokation erfährt. Widerspruch ist im Lernprozess sehr wichtig. Wo er nicht möglich ist, und eigene und fremde Erkenntnisse im Fragen nicht freigelegt werden können, versiegt das Lernen und ein Glaube muss her.

Gedanke 2: Lernen ist nur dann und dort möglich, wenn und wo Menschen frei sind, ihre Erkenntnisse zu haben, und sich diese Freiheit auch erlauben. Diesen Gedanken habe ich bei Konfuzius gefunden. – Die Möglichkeit, die sich uns in einem kleinen Zeitfenster bot, war die der Möglichkeit, sich zu dieser Freiheit zu entscheiden. Das Fenster in der Zeit ist wieder geschlossen, und die Errungenschaften der Menschwerdung scheinen im ewigen Kreislauf in einen neuen – vermutlich niederen – Zustand überzugehen.

Gedanke 3: Einer von Konfuzius‘ wesentlichen Gedanken war der der zweifachen Menschlichkeit. Diese besteht im Bewusstsein der persönlichen Mitte und der Fähigkeit, andere gerecht und unparteiisch zu behandeln. Nur ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist, kann das Wesen anderer Menschen verstehen. Dann wird er im Umgang mit anderen keine Konflikte brauchen, keine Verwicklungen, weil er jene für etwas benutzt, das er ins Außen übertragen muss. Kämpfe zwischen Menschen entstehen aus falschen Gewohnheiten heraus; Menschen sind durch Konventionen, deren Bedeutungen sie nicht verstehen, schlimmer noch: durch Konventionen, die möglicherweise bar jeder Bedeutung sind, voneinander getrennt.

Ich fand mich drei Fronten gegenüber: die eine bestand aus den Eltern. Oh, da ist eine Lehrerin, die kein Referendariat durchlaufen hat. Ist sie in der Lage, mit unseren Kindern umzugehen? – Ich sage es gleich hier: ja, ich war in der Lage. Die Eltern hatte ich am Ende des ersten Halbjahres durchweg auf meiner Seite. Die zweite Front waren die Schüler. 75 an der Zahl, in einem Alter zwischen 13 und 16, geringfügig mehr Mädchen als Jungen, einige der Schüler mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Dies Alter ist bekannt als jenes, in dem junge Heranwachsende am allermeisten mit sich selbst beschäftigt sind, mit ihrem erwachsenden Körper und ihrem erwachenden Trieb in die Welt hinein. Sie haben Fragen und wollen Antworten.

Die ersten Wochen vergingen mit Annäherungen – an den Unterricht, an die verschiedenen Menschen, an den Lernstoff. Es kostete mich doppelt so viel und dreimal mehr Zeit, den Stoff vorzubereiten als es einen routinierten Lehrer gekostet hätte. Ich fing mit allem bei Null an, auch mit der Notengebung und überhaupt mit den Bewertungsrichtlinien. Es kostete viel Geduldenergie, die Tests der Schüler zu durchlaufen, um ihnen zu beweisen, dass ich sie ernst nehme. Es bedurfte – im Nachhinein besehen – großen Mutes, Dinge zu tun, die «man sich» nicht mehr im Unterricht leistete. Die ersten Streiche überstand ich, mit Rotwerden, mit Herzklopfen. Ich überstand die Unlustattacken, die sich im Lärmpegel niederließen, den offenen Widerstand mit Verweigerungen. Ich bestand die Nagelprobe mit Theaterbesuch, Besuch einer Zeitung und eines Kinos, und die ersten Zeugniskonferenzen. Danach hätten wir zur Normalität übergehen können, aber ich streckte die Segel.

Grund dafür war die Front Nummer 3 – die Lehrerkollegen. Dazu weiter unten mehr. Als die Schüler soweit Vertrauen gefasst hatten, dass sie offen mit mir redeten, kam ihr Frust zutage. Wir wissen nicht, warum wir das lernen sollen. Frau Deutschlehrerin stellte dann gleich etwas klar: ihr wisst sehr wohl, warum. Eure Frage ist: Wozu müssen wir das lernen? – Ihr fragt, was die aristotelische Poesie mit der Welt da draußen zu tun hat. Ihr fragt, was die rhetorischen Muster in Remarques «Im Westen nichts Neues» mit eurer Realität zu tun haben? – Ich sagte es ihnen. Ein Schüler fragte zweifelnd, warum er eine Zwei im Referat bekommen hatte, während der sonstige Klassenbeste eine Drei bekam: ob ich wüsste, dass es andersherum sein müsste. Ein anderer Schüler, sonst schriftlich auf Vier abonniert, bekam von mir eine Zwei. Einer, der kaum etwas sagte, ging mit einer Zwei nach Hause; eine Schülerin, die sich ständig mündlich äußerte, mit einer Drei. Ich erspare uns hier Einzelheiten. Um es zusammenzufassen: ich versuchte, den Lernstoff mit dem Lebensumfeld der Schüler in Zusammenklang zu bringen, ich stellte Tiefenverbindungen her und nahm mir dafür Zeit. Ich brachte unbekannte Komponisten via CD mit ins Klassenzimmer, und wir sahen uns gemeinsam einen Film an, bei dem die Schüler darauf gewettet hatten, ich würde ihn nicht kennen. Wir lasen eine ernsthafte Lektüre zu Faschismus und machten ein Drehbuch daraus, wir lasen Dürrenmatt und vertieften uns in Medea, kamen bei Christa Wolf und dem Geteilten Himmel heraus. Sie lernten nebenbei so viel, weil sie nicht merkten, dass sie lernten, sondern ihr gewecktes Interesse stillten. Die Klassenarbeiten, die wir schrieben, waren auf diese Art Lernen zuge-schnitten. Ich glaube, nach zwei Durchgängen brauchte keiner mehr Angst zu haben, er würde völligen Unsinn abliefern. Denn ich hatte gesagt: das gibt es gar nicht! Natürlich mussten wir in der Vergleichsarbeit scheitern! Ich scheiterte, weil mich die Kollegen nicht einbezogen, was die Wahl des Themas, seine Präsentation und die Aufgaben anging. Sie waren zu viert und sich einig, ich war alleine. Meine Schüler scheiterten, denn ich hatte ihnen in nur sieben Monaten eine Art zu arbeiten gezeigt, die sie aufgeweckt hatte, aber das war nicht vorgesehen. Ich hatte sie damit verdorben, und das ließ man mich spüren.

Als ich es merkte, war die erste Hälfte des zweiten Halbjahres fast vorbei. Ich beraumte eine Sitzung mit meinen Schülern ein und eröffnete ihnen, dass ich gehen würde. Nichts sagte ich von den Kollegen, wohl aber sagte ich, dass ich merkte, ich wäre am falschen Ort. Sie verraten uns! riefen sie zu Recht. Das sei nun mal so gelaufen – ich hatte das nicht erwartet. Weiterzumachen aber täte mir nicht gut, denn ich hätte immer das Gefühl, sie nicht auf das vorzubereiten, was von ihnen verlangt würde. Ich eigne mich nicht zu dieser Art von Ausbilder, und deshalb müsse ich gehen. Sie gingen heim, zwei Wochen später hatte der Schulleiter einen Brief aller Klassenvertreter mit der dringenden Bitte, meinen Vertrag zu verlängern und mich da zu behalten, auf dem Tisch. Meine Entscheidung aber war unumstößlich.

An dieser Schule ist mir klar geworden: es geht nicht mehr um Bildung, es geht, wenn überhaupt auch das noch, um Aus-Bildung. Schüler sammeln ein Wissen, das weit davon entfernt ist, in Zusammenhang mit ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stehen, das eingeatmet, und sobald die Klassenarbeit vorüber ist, wieder ausgeatmet wird.

6. Der Mensch in der Bildungswüste

Die Bildung des Menschen zu sich selbst, das Sehenlernen des wahren Lichtes, auf dass man sich und die anderen erkenne, die Vielfalt der Selbstverständnisse – alles das ist in einer Landschaft des Unterschiedlosen untergegangen. Es hat ganz schleichend angefangen. Vielleicht mit der französischen Revolution, vielleicht mit der Industrialisierung, vielleicht mit dem Kapitalismus, der als die andere Seite des Kommunismus nicht viel anders als jener ist. – Alle Menschen sind Funktion von etwas oder einem anderen. Alle Menschen sind gleich. Erst vor dem Recht und schließlich vor den Vielen. Gleichmacherei steht der Bildung des Eigenen entgegen. Da, wo nicht unterschieden wird, wird auch nicht geachtet, wert geschätzt. Dann haben wir die Einöde, die Wüste.

Exkurs

Abb6
„Kein Araber liebt die Wüste. Wir lieben Wasser und grüne Bäume. In der Wüste ist nichts. Kein Mann braucht Nichts.“ (aus: Lawrence of Arabia)

In einem papiernen Aufschrei hatte ich vor langer Zeit einmal geschrieben, ich wolle nicht akzeptiert, sondern toleriert werden (etwa: «Du musst mich nicht mögen oder mir zustimmen, aber lass mich sein, wie ich bin!»). Anschließend hatte ich in einem öde langen Text versucht, zu definieren, was denn nun Toleranz und was Akzeptanz sei. Am Ende war alles – von Augen Dritter ungelesen – in einem der digitalen wie realen Ordner verschwunden. Und war vergessen worden.
Nun habe ich ihn wiedergefunden. Zu meinem Schrecken verstand ich meine eigenen Worte nicht mehr. – Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich sprach/schrieb sofort alarmiert mit etlichen Leuten und erfragte ihre Definition von Toleranz und Akzeptanz. Fragte dabei auch nach, welchem sie den Vorrang geben würden. In meiner Verwirrung hätte ich keine Prognose abgeben wollen, tendierte aber immer noch zur Toleranz, wie vor Jahren. Die Befragten allerdings legten den Schwerpunkt auf die Akzeptanz. Akzeptiert zu werden bedeute die Anerkennung der Meinung, die man vertrete, las ich da. Man werde mit den eigenen Ansichten und Taten in eine Gemeinschaft, die diese für gut befände, aufgenommen.

Toleranz, sagten sie, sei eine Einstellung der Nicht(be)achtung. Eine, die in sich trage, dem Toleranten sei das Gegenüber egal. Man interessiere sich nicht wirklich, sondern bleibe unverbindlich und beziehe keine Position. In einem Artikel, den ich im Internet fand, las ich, dass etwas aus der Position eines Herrschenden heraus zu akzeptieren etwas völlig anderes – sogar gegensätzliches – sei als zu tolerieren. Letzteres heiße, etwas zu dulden und zu erlauben (auch etwas, das falsch sei, was natürlich überhaupt nicht gehe!), während ersteres bedeute, etwas als wünschenswert anzunehmen und zu fördern. Toleranz sei eine Haltung des Verzichts auf ein bestimmtes, klar umrissenes Menschenbild, demgemäß man als Einzelner die Gesellschaft formen könne. Zwar habe eine tolerante Person eine ungefähre Ahnung, wie sich Menschen der eigenen Meinung nach verhalten sollten, doch ob sie das auch wirklich täten, würde dann nicht weiter beachtet. Das Führen des eigenen Lebens gehe jenen vor dem Einwirken auf das Leben der anderen, und das sei Gleichgültigkeit. Ich verstummte und ging in mich.

Abb6
„Was reizt Sie eigentlich persönlich an der Wüste?“ – „Sie ist sauber.“ (aus: Lawrence von Arabien)

Meine Verwirrung weigerte sich beharrlich zu weichen, nein, sie vergrößerte sich: war nicht früher, vor nicht allzu vielen Jahren Toleranz der Wert in unserer Mitte, dem das größere Gewicht beigemessen wurde? Was war aus Nathan dem Weisen aus der Ringparabel Lessings geworden? Darin ging es doch um Toleranz, oder? Oder hatte ich alles falsch verstanden?
Mir fehlte ein entscheidender Baustein zum Verständnis des hausgemachten Unverständnisses, und ich entwickelte den Verdacht, dass hier eine Umgewichtung, eine Umdeutung der Begriffe, die mich in ihren Strudel gerissen hatte, im Gange war.

Der fehlende Baustein kam in Form einer Zigarette, die jemand vor der Tür eines Restaurants stehend rauchte, daher. Zigaretten sind gefährlich, d.h. Rauchen gefährdet die Gesundheit. Ist bekannt. Das hört und liest man allerorten, steht auch auf den Schachteln drauf. Also wird was dran sein. Wenn dem so ist, dann empfiehlt es sich, möglichst nicht zu rauchen, insofern man gesund bleiben will oder bleiben muss. Das könnte man als Dogma formulieren. Ihr Arzt vertritt möglicherweise dieses Dogma, d.h. er macht die Aussage der Gefährlichkeit der Zigaretten für sich zur ausschließlich gültigen Aussage. Wenn Sie ihn aufsuchen, wird er Ihnen nahelegen – eingedenk der später eintretenden Folgen – sofort mit dem Rauchen aufzuhören. Er wird sagen: Sie sollten aufhören zu rauchen, denn sonst… Und dann wird er Ihnen freistellen, ob Sie seinen Rat befolgen oder nicht. Der Mensch Arzt als Dogmatiker wird Sie nicht persönlich dafür abstrafen, dass Sie Raucher sind. Er wird Sie aber vielleicht durchaus interessiert fragen: Genießen Sie Ihre Zigaretten wenigstens? Und das meint er nicht ironisch.
Hat Ihr Arzt eine hohe Moral, dann wird er Ihnen ebenfalls sagen, dass Sie aufhören sollten zu rauchen. Er wird dies ebenfalls mit der Gefährlichkeit begründen, und er wird anführen, dass Rauchen auch die anderen Menschen gefährdet, jene, die in Ihrer Nähe leben, die Sie einnebeln, die passiv mitrauchen. Er ist ein Moralist, denn er wird eine bedrohliche Information in seiner Empfehlung mitschwingen lassen: Hör auf zu rauchen, sonst müssen wir dich ausschließen, sonst müssen wir uns überlegen, wie wir dich vom Gegenteil überzeugen. Die Moralisten haben es inzwischen geschafft, die Raucher draußen vor die Tür zu schicken.

Ein Dogmatiker kann tolerieren, dass jemand etwas für sich Falsches tut, wenn er nur die Konsequenzen seines Handelns übernimmt. Ein Moralist muss jemanden, der im Begriff ist, einen Fehler zu begehen, davon überzeugen, es anders zu machen, nämlich so, dass es mit der Mehrheitsgemeinschaft konform geht. Ein Moralist kann akzeptieren, was seinen Grundsätzen ähnlich ist. Es ist nicht so, dass ein Dogmatiker nicht weiß, was für den anderen gut wäre – nur: er wird es nicht einfordern. Das jedoch tut der Moralist.

Abb6
„The trick, …, is, not minding that it hurts.“ (aus: Lawrence of Arabia)

In unseren Zeiten ist diese Begrifflichkeit verwischt. Weil Schwarz-Weiß ein Ideal ist und es dieses real nicht gibt und folglich auch nicht geben darf, dafür immer nur verschiedene Abstufungen von Grau, haben sich im Zuge der Relativierung und Neutralisierung Verwechslungen eingeschlichen. Das tut es immer, wenn man die Pole, zwischen denen sich das Leben abspielt, nicht mehr eindeutig benennen darf. Immer gibt es und hat es Mischtypen gegeben. Inzwischen allerdings kommen Dogmatiker moralisch verkleidet daher, und Moralisten wechseln auch schon mal ins dogmatische Lager, wenn eine angesagte Meinung in eine andere Phase tritt. Was zu beobachten ist: wir haben einen gewollten Überhang zum Moralischen. Die Werte an sich sind verloren gegangen (sage nicht nur ich), der Ethos ist futsch. Stattdessen haben wir Normierungen und Regelungen.

7. Rekonstruktion von Bildung

Fassen wir zusammen: Das Leben ist ein Traum oder ein Schattenspiel. Die Menschen darin – blind und ohnmächtig – jene, die das, was wirklich ist, nicht sehen, die das, was keineswegs wirklich ist, für wirklich halten. – Das war das Thema von Aischylos, damit sind wir wieder zurück bei den Griechen – und den Höhlenmenschen. Die Blinden, die Gefangenen könnten lernen zu sehen, und wollen es doch nicht.

Abb8
„Ein Blinder ist etwas Heiliges, einen Blin-den bestiehlt man nicht.“ (aus: Stadt der Blinden)

Die Mystik mit dem Bild vom innewohnenden Wesen, das in einem Äußeren eingewickelt ist: die ganze Eiche ist bereits in der Eichel angelegt, der Baum wird sich von innen nach außen entfalten und entwickeln. Das ist im Groben das Wesen des mystischen Bildungsweges. So könnte es aussehen, doch die exoterischen Auslegungen haben der Mystik und den Menschen diesen Weg versperrt. Es bleib in heutiger Zeit ein Abklatsch – die kommerzielle Esoterik, die in Dualität zum Ursprung geht.
Humboldt zeigte an der Gestalt eines Baumes die Bewegung auf, die Sehnsuchtsbewegung, die das menschliche Leben voranzieht: Überhaupt liegt in den Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und beschränkt im Boden stehen, und sich mit den Wipfeln, so weit sie können, über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. – In der Erde verwurzelt, wissend, wer wir sind, könnten wir die Welt erobern. Doch es ist etwas geschehen:
Statt Nächstenliebe haben wir den Sozialstaat. Nächstenliebe ist die Liebe zum Nächsten, den man in seinem Schicksal zu verstehen sucht. Wir mildern uns gegenseitig das Begreifen unserer Schicksale, d.h. unserer jeweiligen Bestimmungen, was uns nicht dessen enthebt, uns selbst und unser Leben eigenständig zu leben. Im Nächsten tolerieren wir sein je Eigenes. Mit «sozial» hat das nichts zu tun.

Wenn ich sozial bin, befinde ich mich von vorneherein, als mich bedingend und sichernd, in einem Kollektiv. In einem Kollektiv geht es nie um den Einzelnen, das Individuum. Da können sie reden, wie sie wollen: das geht nicht zusammen!

In der Nächstenliebe werden die Unterschiede zwischen den Menschen bewahrt und geachtet. Im Sozialen geht es darum, diese Unterschiede aufzuheben, so dass es keine Einzelnen, keine Individuen mehr gibt. In-dem wir die Unterschiede ausgleichen wollen und die Diskriminierung (das Bezeichnen der Unterschiede, und im Zuge dessen das Handeln, das diesem Bezeichnen folgt) zu vermeiden versuchen, geben wir die Möglichkeit zur Toleranz preis – und auch die Möglichkeit zur Entwicklung des Einzelnen zu dem Baum, der er ist. In einer sozialen Monokultur ohne Unterschiede gibt es keine Konkurrenz. Das könnte Frieden bedeuten, sollte man meinen. Es wird auch so kommuniziert. In Wirklichkeit bedeutet es den Tod.

Der moralische Überhang ist eine der Ursachen dafür, dass wir im Sozialrausch die Chance auf Eigenständigkeit unseres Seins verlieren und aufgeben, und damit die Bildung unseres Selbst. In der Ausübung und im Vorgang-Sein meinen wir, jederzeit einschreiten zu dürfen und setzen den Zwang zum Handeln an die Stelle des Geschehenlassens. Wir sind scheinbar überaus beweglich, dabei äußerlich getrieben und innerlich eingeschlossen und isoliert. Höhle – Sokrates!

Die meisten Lehrer in den Schulen, auf die unsere Kinder gehen, sind davon überzeugt, das Beste zum Besten der Kinder zu tun. Dass sie alles gelten lassen, dabei bewerten, und die Bewertungen sofort relativieren, weil niemand aufgrund eines Unterschieds Vorteile haben darf, ist tägliches Brot.
Dass aber heute die Menschen sich selbst gestohlen werden, wird keine Medizin richten können. Von derlei Dingen muss man sprechen, wenn man über Bildungspolitik spricht, und von noch anderen mehr, die ich hier überhaupt nicht angesprochen habe. ■

1)Sprache im weitesten Sinne, auch Dialekte
2)Kognition: Zu den kognitiven Fähigkeiten zählen: die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, die Erinnerung, das Lernen, das Problemlösen, die Kreativität, das Planen, die Orientierung, die Imagination, die Argumentation, die Introspektion, der Wille, das Glauben und einige mehr. Es geht im Wesentlichen um Informationsverarbeitung. Der Begriff ist Gegenstand einiger Diskussion; ich verwende ihn in Anlehnung an die Arbeiten der kognitiven Psychologie, zusammengefasst in Oerter & Montada: Entwicklungspsychologie
3)Frevel gegen die Götter.

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Karin Afshar

Karin Afshar - Glarean MagazinGeb. 1958 in der Eifel/D, Studium der Sprachwissenschaft, Finn-Ugristik und Psychologie, Promotion, zahlreiche belletristische und fachwissenschaftliche Publikationen, lebt in Bornheim/D

Das Zitat der Woche

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Vom ruhigen und guten Leben

Stéphane Hessel

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Stephan Hessel - WikipediaWir sind alle zusammen verbunden in einer interdependenten Welt. Kein Problem kann nur mehr von einem Land geregelt werden, selbst die Schweiz kann das nicht tun. Man hat manchmal das Gefühl, jaja, die Schweiz, die kann sich schon allein organisieren. Sie braucht die anderen nicht, sie ist während der Kriege immer neutral gewesen, daher kann sie auch ihr gutes, ruhiges Leben weiterführen, ohne sich interessieren zu müssen, was außerhalb ihrer Grenzen vor sich geht. Das ist natürlich völlig falsch! Sei es noch so gut regiert oder noch so kraftvoll, es gibt keine Lösung nur für ein Land, egal ob es nun um die Vereinigten Staaten, Israel oder die Schweiz geht. Kein Land kann mehr hoffen, allein weiterzukommen, ohne mit der ganzen Weltgesellschaft verbunden zu sein. Das ist das Neue an unserer Epoche! Das müssen wir alle noch lernen, und dafür müssen wir uns gemeinsam einsetzen. ♦

Aus: Stephane Hessel, An die Empörten dieser Erde – Vom Protest zum Handeln, Aufbau Verlag 2012

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Das Zitat der Woche

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Von der Wirtschaft und der Kultur

Egon Friedell

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Den untersten Rang in der Hierarchie der menschlichen Betätigungen nimmt das Wirtschaftsleben ein, worunter alles zu begreifen ist, was der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse dient. Es ist gewissermaßen der Rohstoff der Kultur, nicht mehr; als solcher freilich sehr wichtig. Es gibt allerdings eine allbekannte Theorie, nach der die »materiellen Produktionsverhältnisse« den »gesamten sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß« bestimmen sollen: die Kämpfe der Völker drehen sich nur scheinbar um Fragen des Verfassungsrechts, der Weltanschauung, der Religion, und diese ideologischen sekundären Motive verhüllen wie Mäntel das wirkliche primäre Grundmotiv der wirtschaftlichen Gegensätze.

Aber dieser extreme Materialismus ist selber eine größere Ideologie als die verstiegensten idealistischen Systeme, die jemals ersonnen worden sind. Das Wirtschaftsleben, weit entfernt davon, ein adäquater Ausdruck der jeweiligen Kultur zu sein, gehört, genau genommen, überhaupt noch gar nicht zur Kultur, bildet nur eine ihrer Vorbedingungen und nicht einmal die vitalste. Auf die tiefsten und stärksten Kulturgestaltungen, auf Religion, Kunst, Philosophie, hat es nur einen sehr geringen bestimmenden Einfluß. ■

Aus Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit, Beck Verlag 1931

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