Neue Lyrik-Bücher – kurz belichtet

Nico Bleutge: «Nachts leuchten die Schiffe» – Gedichte

Wortreich, reflexiv, sprachkräftig, experimentell, bildgewaltig, prosa-isch – das sind nur ein paar der vielen (völlig unzureichenden) Adjektive, die sich dem Leser von Bleutges jüngstem Lyrik-Band aufdrängen. Mit assoziationsreicher, aber gleichwohl instinktsicherer Motivik umkreist der vielfach ausgezeichnete, 1972 geborene Berliner Autor in seinem zehnteiligen Zyklus sein facettenreiches Titel-Thema «Nachts leuchten die Schiffe». Durchaus treffend umschreibt der verlagseigene Werbe-Waschzettel die Intention des Bandes: «Echos und Lesefetzen, eigene und fremde Stimmen, die sich zu einem Dritten formen. Solche Sprachfunde sind für Nico Bleutge wie Kraftfelder, die seine Aufmerksamkeit bündeln… Der Bosporus als Sprungbrett: Öltanker und Containerschiffe, die etwas davon erzählen, wie der weltweite Handel die überkommenen Vorstellungen von Zeit, Transport und Geschwindigkeit verändert hat».

Bleutges Lyrik liest sich nicht (und las sich noch nie) einfach: Lange Wort- und Satz-Ketten, die an ver- bzw. gekappte Kurzprosa erinnern; mehrschichtige Zeitspuren; collagierte «Schauplätze»; abrupte Rhythmuswechsel; exzessive Sprachspiel- und ungebändigte Fabulier-Lust an Wortfarben und Binnenformen – das alles macht die Lektüre anstrengend, lässt die thematischen Fäden immer wieder entgleiten. Doch der Aufwand des Lesers wird belohnt. Es ist unglaublich, welcher sprachliche und inhaltliche Kosmos diesem Lyriker verfügbar ist. «Nachts leuchten die Schiffe» sind keine Gedichte – das ist eine Sinfonie. (we)

Nico Bleutge, Nachts leuchten die Schiffe, Gedichte, 92 Seiten, C.H.Beck-Verlag, ISBN 978-3-406-70533-5

Irène Bourquin: «Schaukelnd im grünen Atem des Meeres» – Gedichte

Die Schweizer Dichterin, Theater-Autorin und Kulturjournalistin Irène Bourquin (*1950) hat schon seit vielen Jahren in dem exqusiten Waldgut-Verlag eine besondere verlegerische Heimat gefunden. Dabei bildet das Gedicht einen Schwerpunkt ihrer Arbeit: «Patmos» (2001), «Angepirscht» (2007) und «Türkismänander» (2011) hießen da ihre lyrischen Stationen. Und nun ein neuer Band Gedichte, wieder der pastellfarbene Süden-Sonne-Meer-Topos ganz zentral: «Lago d’Iseo», «Grotte die Toirano», «Bordighera», «Porquerolles», «Cap Taillat», «Tudela» oder «Aiguamolls» nennen sich etwa die Texte, geographisch angesiedelt in Ligurien, der Cote d’Azur, der Provence und in Katalonien.

Sprachlich wird das Niveau unterschiedlich durchgehalten; Vergilbt-konturlose Banalitäten wie: «Noch immer das Meer / in jedem denkbaren Blau / am Horizont / die Schatten der Tanker / wachsen» stehen neben wundervoll melodischen Sprachbildern: «Wie Rauchfahnen / schwarzsilbern / steigt / kahler Wald / ins Licht / Ockergold / die letzten Fackeln».
In seiner bekannt sorgfältigen Art nahm sich der Waldgut-Verlag auch hier sehr liebevoll der Buchherstellung an, indem im Bodoni-Druck mit Bleisatz und Handpressendruck bis hin zur händischen Fadenheftung gearbeitet wurde – ein bibliographisches Unikum heutzutage. Schade nur, dass das zu dünn gewählte Papier jeweils die Rückseiten-Texte durchschimmern lässt. Davon abgesehen: Eine schöne, sowohl literarisch wie drucktechnisch sehr qualitätsvolle Ausgabe, in der zu blättern und zu lesen so etwas wie bibliophile Wellness erzeugt. (we)

Irène Bourquin, Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, Gedichte, 64 Seiten, Waldgut Verlag, ISBN 978-3-03740-655-7

Andreas Krohberger: «Ein Strauß schwarzer Rosen», Gedichte über Sehnsucht, Sex und Liebe

Gewiss, dem studierten Germanisten Andreas Krohberger (*1952 in Schorndorf/D) merkt man die stetige Beschäftigung mit eigenen und fremden Gedichten an. Nicht nur, dass der umtriebige Koch-, Wein- und Gartenbuch-Autor in div. Verlagen einiges an Lyrik publizierte; ein Text wie: «Scharf wie ein Raubtier / riecht die Luft / nahe bei dir / und meine Zunge kostet / den öligen Tau / im blühenden Klee / vielblättriger, saftiger Klee / ein Zittern / und raue, kehlige Laute / treffen auf salzige Haut / Unfassbar / was Liebe / für dich ist / für mich» hat durchaus Imagination und Rhythmus.

Aber dann wieder in der gleichen Sammlung «Ein Strauß schwarzer Rosen» sehr viel Herz-/Schmerz-Langeweile, haarscharf am Kitsch vorbeischrammende Verse, oft gelesene Worthülsen, Unspektakuläres im schlechtesten Sinne. Als Beispiel für Ähnliches: «Immer wenn du gehst / du / die ich nicht liebe / bleibt doch von deiner Wärme / etwas zurück unter der Decke / von deinem Duft / auf meinen Lippen / im Herzen ein wenig / von deinem Lächeln / und wie ein feiner Stich / die Angst / du könntest nie / gar nie / mehr kommen» – das ist Deutscher-Schlager-Zeugs, vorgetäuschte Plakat-Emotionen, an der gebrochenen Komplexität des Untertitel-Themas peinlich vorbeigeschrieben. Trotz schöner Bilder ab und zu: Ein entbehrliches Buch. (we)

Andreas Krohberger, Ein Strauß schwarzer Rosen, Gedichte über Sehnsucht Sex und Liebe, 52 Seiten, Edition Fischer Verlag, ISBN 978-3864550881

Rainer Wedler: «einen Fremden grüßt man nicht», Gedichte (2011-2016)

Wer die literarische Arbeit des 75-jährigen deutschen Schriftstellers Rainer Wedler längere Zeit verfolgte, dem fällt die zentrale Bedeutung auf, die dem Lyrischen im Schaffen dieses Autors zukommt. Roman, Novelle, Erzählung: die größeren Formen der Belletristik sind das ureigene Gebiet Wedlers – aber dem kurzen Wenigzeiler, dem kleinen Text-Bild, dem unscheinbaren Zehn- oder Zwanzig-Sätzer gilt seine besondere Liebe, auch seine sprachlich nochmals gesteigerte Achtsamkeit.
«einen Fremden grüßt man nicht» breitet auf üppigen 144 Gedichte-Seiten als Zusammenfassung der letzten fünf Jahre ein lyrisches Kleinod nach dem anderen aus, ein packendes Sprach-Blitzlicht neben dem nächsten, aufs Wesentliche zurechtgefeilte Konzentrate allesamt, deren Handschrift sehr akkurat, sehr virtuos, sehr überlegt – und sehr unbestechlich ist. Da findet sich null Geschwätzigkeit, immer Klarheit und Notwendigkeit, jedem Gedicht haftet ein zwingendes So-und-nicht-anders an.

Wobei ja nicht von einem knöchern-klappernden Handwerk – komme es noch so virtuos daher – die Rede ist, das dem Dichten alles Blut austreibt zugunsten reibungslosen Betriebs, sondern von der sauberen Ernsthaftigkeit im Umgang des Künstlers mit dem Material Sprache. Dass im Schreiben Wedlers kein Leben, sondern hauptsächlich Professionalität sei, ist eh keine Gefahr. Denn einem wie ihm, der einst als Schiffsjunge durch türkische, algerische und afrikanische Meere fuhr, später als Historiker, Germanist und Philosoph ausgerechnet über Burleys «liber de vita» promovierte, um anschließend jahrelang vor Generationen moderner Schuljugendlicher über Literatur nachzudenken, einem solchen stieß genug Leben zu, um eben dieses zu guter Letzt als geschliffenes Gedicht, als ausgefeiltes Sprachgebilde, gegossen in präzis abgewogene Sätze, also in ganz anderer Form auferstehen zu lassen.

Wedlers Befund ist dabei eindeutig: «das Verschwinden der Wörter / ist nicht aufzuhalten / wenn wir sie nicht mehr schmecken / können / ihr Fleisch verdorrt / fällt ab / wo soll da die Seele wohnen / die neuen Wörter kommen / als Fabrikware / für den schnellen Gebrauch», und überhaupt: «die Bilder schiebt der Automat / ein Euro / vier Bilder / die Tänzerin tanzt / der Turner turnt / die Sängerin singt / der Jongleur jongliert / das Licht geht aus / du meinst / das ist das Leben». Denn «die Zeichen der Kunst» sind mittlerweile auch nur Mahnmale des Todes: «der Pilot / des Jagdbombers / versteht sich / als Künstler / das Ich herausnehmen / Distanz gewinnen / die Bombe platzieren / dass die Menschenmenge aufplatzt / wie ein bunter Klecks». Manches in Wedlers Lyrik hat einen melancholischen Touch, der leer schlucken lässt, und der weniger der sog. Altersweisheit denn doch einiger Resignation zu entspringen scheint.
Andererseits, wenn es eine Konstante im literarischen Schaffen dieses Autoren gibt über all die Jahre hinweg, dann ist es dieses wohlmeinende Augenzwinkern, diese verständnisvolle Verschmitztheit, dieser lächelnde Na-sowas-Humor, den nicht mal diese jüngste, grundsätzlich dem Nachsinnen gewidmete Lyrik-Sammlung auszutreiben vermochte. Zu Lachen gibt es nichts in Wedlers Gedichten – aber wenigstens das (versteckte, ja zuweilen verschleierte) Erkennen der Lächerlichkeit des «homo homini lupus»: «mit dem Thorazeiger / den schwermütigen Vorhang lüften / an den Fransen hängen Glöckchen / im Wind / betet der Hodscha / im Osten / geht die Sonne auf / heute umarmen / die Beschnittenen den Vorhäutigen / Abraham dreht sich um und kann endlich ruhig schlafen». Denn wie heißt es in einem der Buch-Kapitel, das lauter «Liebesgedichte» enthält? «am Ende / lasse ich den Tag / grußlos stehen / und geh ins Haus / wo mich die Dinge nicht erwarten / sie sprechen nicht mehr / mit mir / ich lass die späte Nacht herein / kann man die Liebe aus dem Fernster werfen?»

Die Romane des Schriftstellers Wedler und die Lyrik des Dichters Wedler sind keine Mainstream-Literatur, und sie werden nie in einer «Spiegel-Bestenliste» auftauchen. Aber schön, dass dieser nachdenkliche, blitzgescheite, voller exquisiter Überraschungen steckende, mit allen Wassern des sprachlichen Handwerks gewaschene, darob trotzdem quirlig-agil schreibende, immerzu reflektierende und gleichwohl lebensvolle Autor schreibt und schreibt. Nicht unverdrossen – aber unbeirrt. Eine wertvolle, nötige literarische Stimme, die zurecht in dem innovativen Ludwigsburger Pop-Verlag einen ständigen Sitz gewonnen hat. Empfehlung! (we)

Rainer Wedler, einen Fremden grüßt man nicht, Gedichte (2011–2016), 142 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3-86356-176-5

Barbara Beuys: «Maria Sibylla Merian – Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau» (Biographie)

Über die Schönheit von Raupen und Schmetterlingen

Günter Nawe

maria-sybilla-merian-beuys-cover-glarean-magazinMaria Sibylla Merian (1647 bis 1717) war alles in einem: Künstlerin, Insektenforscherin, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich – man würde heute sagen – zu vermarkten wusste. Auch das für eine Frau in dieser Zeit erstaunlich – und bewundernswert. Kurz: Maria Sibylla Merian war eine selbstbewusste und selbstständige, ja emanzipierte Frau.
Aus einem sogenannten guten Hause, Tochter des berühmten Matthäus Merian, also künstlerisch vorbelastet, entdeckte Maria Sibylla Merian früh ihre Liebe zu Raupen und Schmetterlinge, deren Schönheit sie begeisterte. Joachim von Sandrart, Maler, Kupferstecher und Kunsthistoriker, beschreibt 1665 das Interessengebiet der Maria Sibylla Merian wie folgt: Sie konzentriere ihren großen Fleiß und ihren Geist…darauf, «besonderlich auch in den Excrementen der Würmlein, Fliegen, Mucken, Spinnen und dergleichen Natur der Thieren abzubilden, mit samt dem Veränderungen, wie selbe Anfangs seyn, und hernacher zu lebendigen Thieren werden, samt dern Kräutern, wovon sie ihre Nahrung haben….».

merian-das-kleine-tropenwunder-glarean-magazin
Aus „Das kleine Buch der Tropenwunder“

Ein «Fachgebiet», dem sie sich ausführlich widmete und in dem sie mit wissenschaftlicher Akribie forschend erfolgreich arbeitete. Sie wurde zur Expertin und ihr erstes «Raupenbuch» («Der Raupen wunderbare Verwandlung, und sonderbare Blumennahrung») war eine Pionierleistung erster Klasse. Beobachtungsgabe und unermüdlicher Forschergeist waren es, die sie in diesem Fachgebiet Bedeutendes leisten ließ. Und es war mehr: Es war ihre Liebe zur Natur, die sie zeichnerisch in Kunst verwandelte – eine reproduzierende Kunst, die sie von ihrem nicht minder berühmten Vater gelernt hatte.
Ihre Bücher fanden Freunde, nicht zuletzt dank ihrer Fähigkeit zur Beschreibung ihre Forschungsergebnisse von Pflanzen und Insekten. Weil dabei immer ihr Herz mitspielte. Als Beispiel die Beschreibung einer Pampelmuse: «Die große und herrliche Frucht wird in Surinam Pampelmuse genannt. Die Bäume wachsen so hoch wie Apfelbäume.Sie hängen sehr voll von Früchten, so dass die Zweige oft Gefahr laufe, wegen des Gewichtes der Früchte zu brechen… Hierauf befinden sich Raupen mit blauen Köpfen, deren Körper voller langer Haare ist, die so hart sind wie Eisendraht.»

maria-sybilla-merian-glarean-verlag
Maria Sybilla Merian

Ihr Erkenntnisse hat sie auch künstlerisch umgesetzt. Ihre Stiche, sie war auch eine hervorragende Kupferstecherin, zählen bis heute zu den den bedeutendsten und schönsten Naturbildern, zu den schönsten Blumen- und Insektenbildern der Barockzeit.
Über all dies schreibt Barbara Beuys in ihrer wunderbaren Biographie. Sie zeichnet dabei nicht nur ein faszinierendes Lebensbild einer ebenso faszinierenden Frau, sondern gleichzeitig ein Bild der Gesellschaft, in der Maria Sibylla Merian gelebt, geforscht und gearbeitet hat. In einer Zeit, die von den reformatorischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Selbstbewusst hat sie sich als Frau in einer weitgehend männerdominierten Welt, die dennoch neue Spielräume für Frauen eröffnete, durchgesetzt.
Kursorisch der Lebenslauf: Kindheit und Jugend in Frankfurt/Main, dann Nürnberg, Heirat und Kinder, wieder nach Frankfurt, Eintritt in eine radikal religiöse Gemeinschaft in Holland, nach zwanzigjähriger Ehe Trennung von ihrem Mann, Umzug mit ihren Töchtern nach Amsterdam, Gründung des Merian-Studios. Und letztlich – im Alter von zweiundfünfzig Jahren – eine Forschungsreise in die tropische Inselwelt von Surinam. Sie war, sie wurde nun endgültig berühmt, nicht immer geliebt, aber anerkannt und gerühmt von Gottfried Wilhelm Leibniz.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Wohl niemand vor ihr hat die Natur so prächtig gemalt und beschrieben wie Maria Sibylla Merian – eine außergewöhnliche Frau, Künstlerin und Forscherin, deren Biographie Barbara Beuys nicht zuletzt aus Anlass des 300. Todestages vorlegt. Die Kölner Autorin Barbara Beuys, bekannt geworden durch zahlreiche Bücher – so über Sophie Scholl, über Paula Modersohn-Becker und über die finnische Malerin Helene Schjerfbeck – beweist mit ihrer jüngsten Publikation einmal mehr großes erzählerisches Vermögen und profunde Kenntnis. Kommt hinzu, dass der Biografin bei aller kritischer Distanz eine große Nähe zu Frau Merian zuzuschreiben ist.

Natürlich beschreibt Barbara Beuys sehr akribisch Lebenslauf und Lebenswelt der Maria Sibylla Merian. Doch der Autorin geht es um mehr. Sie versucht, sich mit weiblichem Blick der Gefühlswelt dieser Frau zu nähern, sie zu erkunden. Und das gelingt Barbara Beuys hervorragend.
Wenn es ein Geheimnis um des erfüllte Leben der Maria Sibylla Merian gegeben haben sollte – sie selbst hat es gelüftet. Im Vorwort zu ihrem surinamischen Insektenbuch schreibt sie, warum sie für dieses Buch die besten Kupferstecher und das beste Papier gewählt habe: «…damit ich sowohl den Kennern der Kunst als auch den Liebhabern der Insekten Vergnügen und Freude bereite, wie es auch mich freuen wird, wenn ich höre, dass ich meine Absicht erreicht und gleichzeitig Freude bereitet habe.» Sie hat – ebenso wie uns Barbara Beuys mit dieser Biographie. ■

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian – Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau, Biographie, 284 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-458-36180-0

Neue Schach-Bücher des Chaturanga-Verlages

Zweite Ausgabe von «Caissa»

Walter Eigenmann

Zeitschrift «Caissa» Nummer 2 / 2016

caissa-schach-zeitschrift-2-2016-glarean-magazinDer Verlag Chaturanga ist im deutschen Neunkirchen domiziliert und zeichnet sich durch exquisite, thematisch oft abseits des Mainstreams angesiedelte Schach-Produktionen aus – das dokumentieren auch die beiden jüngsten Publikationen dieses noch relativ jungen «Verlages für Liebhaber von Literatur, Kultur und Spiel».
Da ist zum einen die Zeitschrift «Caissa», die der Herausgeber und Chef-Redakteur Mario Ziegler nun in ihrer zweiten Ausgabe vorlegt. Halbjährlich berichtet das Journal «für Schach- und Brettspielgeschichte» über Themata, die man in dieser Konstellation und Qualität (noch) kaum im Internet findet, sondern genuin dem Printmedium vorbehalten scheinen. Ziegler und sein Team beweisen dabei Blick für exquisiten Schach-/Spiele-Stoff und eine treffliche Hand bei der Auswahl kompetenter Autoren. Wie bereits in der Première-Ausgabe der Zeitschrift ließ man sich vom erklärten Grundsatz «Aus vielem das Beste» leiten, das Inhalts- bzw. Autoren-Verzeichnis zeigt das sofort; unter anderem beinhaltet das Heft die Schwerpunkte: «Der Mongredien-Preis 1868-1869 (Robert Hübner), «Die Geschichte der chinesischen Schachidee» (Rainer Schmidt), «Die Schachpartie in Samuel Becketts Roman Murphy» (Bernd-Peter Lange), «Schach und Tarnschriften» (Siegfried Schönle), «Das verklärte Soldatenbild in Brettspielen» (Antonella Ziewacz). Und wiederum illustriert «Caissa» seine umfangreichen Texte mit zahlreichen Abbildungen teils dokumentierender, teils feuilletonistischer Art.
Insgesamt garantiert das Periodikum intellektuellen Lesespaß – keineswegs nur für Schachfreunde! ●
Caissa – Zeitschrift für Schach- und Brettspielgeschichte, Nr.2/2016, 94 Seiten, Chaturanga Verlag, ISSN 2363-8214

Dagobert Kohlmeyer: «Attacke!»

attacke-kohlmeyer-chaturanga-review-glarean-magazinDen Berliner Schachautor Dagobert Kohlmeyer muss man der Schachwelt kaum näher vorstellen, der bekannte Publizist schrieb 25 Bücher über das königliche Spiel und übersetzte zahlreiche Werke von Smyslow, Karpow, Kasparow, Kortschnoi oder Jussupow ins Deutsche. Seine jüngste Veröffentlichung im Chaturanga-Verlag titelt «Attacke!» und widmet sich den «Großen Angreifern der Schachgeschichte». Zu Wort bzw. zum Zug kommen darin alle genialen Angriffsspieler von Anderssen und Morphy über Aljechin und Tal bis zu Neshmetdinow und Bronstein.
Der Band ist layouterisch ansprechend gestaltet und zwischendurch gespickt mit etwas «psychologischem» Hintergrundwissen. Allerdings beinhaltet er praktisch ausschließlich Partien und Züge von «historischen» Meisterspielern, deren schachlichen Höhenflüge mittlerweile problemlos mit umfangreicher Kommentierung von jedermann selbst aus dem Netz gezogen werden können. Schade auch, dass Kohlmeyer das 21. Jahrhundert mit Carlsen, Anand & Co. völlig ausklammert. Kommt drittens hinzu, dass heutzutage solche schachlichen «Geschichtsaufbereitungen» immer die Gefahr des Nachplapperns bergen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Kohlmeyer (ebenso wie zahlreiche Schachautoren vor ihm) schwärmt über Morphys 18. schwarzen Zug gegen Bird (London 1858) gleich mit zwei Ausrufezeichen. Doch heutzutage kann jeder schlechtere Vereinsamateur mit Gratis-Programmen wie der Engine «Stockfish» und der Datenbank «Scid» nachweisen, dass der «geniale» Damenzug h3-a3 nicht besser, nur «schöner» ist als das profane Ld6-a3, und dass Morphy mit seinem vorausgehenden Turmopfer f8xf2 den ebenfalls wohl «schönsten», aber objektiv fast schlechtesten aller valablen Züge gespielt hat… Dieser Befund schmälert keineswegs die On-The-Board-Leistung des Schachgenies Morphy – aber heutige Kommentatoren wie Kohlmeyer täten gut daran, ihre Partie-Anmerkungen immer mit moderner Software gegen zu prüfen, um solche peinlichen Kolportierungen zu vermeiden wie: «Ein unglaubliches Manöver! Die Dame eilt von einer Brettseite zur anderen. Rudolf Teschner schwärmte: ‚Zauber der Geometrie!‘ Wie lange wohl hat Morphy damals über das Turmopfer und den Damenschwenk nachgedacht?» (S.29) Denn neueste Schachsoftware verändert die herkömmliche Schachästhetik komplett – und Schachautoren im Jahre 2016 haben das zu berücksichtigen, wenn sie ernst genommen werden möchten… ●
Dagobert Kohlmeyer: Attacke! – Große Angreifer der Schachgeschichte, 188 Seiten, Chaturanga Verlag, ISBN 978-3-944158-17-4 —-> Leseprobe

Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin

Simone Frieling: «Ausgezeichnete Frauen – Die Nobelpreisträgerinnen für Literatur»

Mysteriöse Gender-Aspekte des Literatur-Nobelpreises

Prof. Dr. Markus Winkler.

frieling-ausgezeichnete-frauen-coverDer Literaturnobelpreis, den die Schwedische Akademie seit 1901 jedes Jahr vergibt (Ausnahmen waren die Kriegsjahre 1914, 1918 und 1940-1943), wurde bislang 98 Schriftstellern und 14 Schriftstellerinnen zugesprochen. Die Gründe für dieses Ungleichgewicht sind vielfältig, wie Simone Frieling im Nachwort zu ihrem neuen Buch «Ausgezeichnete Frauen – Die Nobelpreis-Trägerinnen für Literatur» darlegt: Bis zum Jahr 1914, als Selma Lagerlöf, selbst Preisträgerin des Jahres 1909 (und die erste Frau, die mit dem Preis ausgezeichnet wurde), in die Akademie eintrat, hatte diese kein weibliches Mitglied, und selbst heute arbeiten nur vier Frauen aktiv in ihr mit. Seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts allerdings wird der Preis in kürzeren Abständen an Frauen vergeben, und seit 2015 ist eine Frau, die Literaturwissenschaftlerin Sara Danius, Vorsitzende der achtzehnköpfigen Jury, die für die Preisvergabe verantwortlich ist – eine einschneidende Veränderung, wie Frieling unterstreicht. Dergleichen Veränderungen seien in den Jahrzehnten bis 1990 gewiss dadurch erschwert worden, dass die Mitgliedschaft in der Akademie lebenslang ist. Und schließlich seien die Normen der Bewertung von Gegenwartsliteratur bekanntlich überaus abhängig vom jeweiligen «Zeitgeist». Dementsprechend bleibe die Arbeit des Nobelpreiskomitees in vielerlei Hinsicht «Ein Mysterium» (so der Titel von Frielings Nachwort, der eine Äußerung von Horace Engdahl, dem langjährigen Akademie-Sekretär, aufgreift). Der Eindruck des Mysteriös-Intransparenten stellt sich in der Tat beim Rückblick auf manche der Entscheidungen ein: Warum wurde z.B. 1926 «die rückwärtsgewandte Grazia Deledda» ausgezeichnet und 1938 «die literarisch weniger bedeutende Pearl S. Buck», während Virginal Woolf «nicht einmal in Erwägung gezogen worden ist» (S. 286-287)? Und warum, so möchte man im Hinblick auf die Zeit seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts hinzufügen, wurde die große französische Schriftstellerin Nathalie Sarraute, eine bedeutende Repräsentantin des «nouveau roman», nicht ausgezeichnet, wohl aber im Jahre 2004 Elfriede Jelinek – eine bekanntlich überaus kontroverse Entscheidung, die u.a. zum Rückzug eines der Juroren aus der Akademie führte?

simone-frieling-glarean-magazin
Beleuchtet die mysteriöse Tatsache, warum kaum Frauen den Literatur-Nobelpreis erhalten: Autorin und Künstlerin Simone Frieling

Frieling versucht, Licht in solche ‚Mysterien‘ zu bringen: zunächst in ihrem einleitenden Kapitel über Alfred Nobel und die Geschichte der Nobelpreis-Verleihung, dann in jedem der vierzehn, chronologisch angeordneten essayistischen Porträts der Nobelpreisträgerinnen. Dabei berücksichtigt sie die Argumente, mit denen die Akademie die jeweilige Auszeichnung begründete, und die Reaktionen der literarischen oder auch politischen Öffentlichkeit ebenso wie den Lebensweg und schriftstellerischen Wedergang der Ausgezeichneten und die spezifischen Kontexte ihres Schreibens (Anfeindungen seitens einer männlich dominierten Kritik, Konflikte mit der Mutterrolle, Exil etc.). Vor allem aber zeichnet sie in jedem Kapitel ein prägnantes literarisches Profil der jeweiligen Autorin.

Die eigenen sehr kunstvollen Scherenschnitte, die sie den Kapiteln voranstellt, stimmen das Lesepublikum ebenso auf diese Vorgehensweise ein wie die jeweiligen Untertitel. «Die streitbare Chronistin des schwarzen Amerika», lautet z.B. derjenige des Kapitels über Toni Morrison, deren Scherenschnitt vor Augen führt, dass diese Chronistinnen-Arbeit immer auch eine Auseinandersetzung mit der «whiteness» beinhaltete (die schwarze Silhouette wird hier verdoppelt durch den weißen Ausschnitt). In jedem Kapitel gewinnt das literarische Profil dadurch an Deutlichkeit, dass zwar das gesamte Oeuvre zumindest ansatzweise Erwähnung findet, aber einige herausragende Werke genauer charakterisiert werden. In dem Kapitel über Selma Lagerlöf z.B. sind es insbesondere Gösta Berling und Nils Holgerson, in dem über Nelly Sachs das Gedicht «Schmetterling», in dem über Nadine Gordimer, die ihre Schreiben ganz in den Kampf gegen die Apartheid gestellt habe, der Roman July’s People, in dem sich das Herrschaft-Dienerschaft-Verhältnis verkehre, und der «Entwicklungsroman» Burger’s Daughter; in dem Kapitel über Toni Morrison der ist es der Generationenroman Song of Solomon und in dem über Elfriede Jelinek der Roman Lust, den Jelinek selbst als vergeblichen Versuch eines «weiblichen Pornos» ankündigte, der sich aber durchaus so lesen lasse.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Simone Frielings Monographie «Ausgezeichnete Frauen – Die Nobelpreisträgerinnen für Literatur» ist ein sehr kenntnisreicher, engagierter und ansprechender Beitrag zu einem wichtigen Aspekt der Geschichte des Literaturnobelpreises.

Simone Frielings Porträts der ‚ausgezeichneten Frauen», zu denen außer den bereits Genannten die Autorinnen Sigrid Undset, Gabriela Mistral, Wisława Szymborska, Doris Lessing, Herta Müller, Alice Munro und Swetlana Alexijewitsch zählen, sind immer nuanciert, aber auch wertend: So bemerkt sie z.B., dass Nadine Gordimer anders als ihr Freund J.M. Coetzee in künstlerischer Hinsicht «keine neuen Anstöße gegeben» habe, sondern den «Konventionen realistischen Erzählens treu» geblieben sei (S. 151); in Toni Morrisons neuestem Roman Home wiederum schwäche die «Anhäufung der Grausamkeiten» (S. 167) die Geschichte, die erzählt werde. Das Lesepublikum muss diese und andere Wertungen nicht teilen, wird sie aber als Leseanregungen ebenso zu schätzen wissen wie die Offenlegung von Widersprüchen und Ungereimtheiten im Schreiben und Leben der Autorinnen (etwa die Tatsache, dass Selma Lagerlöf, Frauenrechtlerin und Pazifistin, eindeutige Stellungnahmen gegen die Nationalsozialisten vermied). Nützlich sind schließlich die weiterführenden Angaben zur deutschsprachigen Forschungsliteratur am Ende jedes Kapitels.

Frielings Monographie ist ein sehr kenntnisreicher, engagierter und ansprechender Beitrag zu einem wichtigen Aspekt der Geschichte des Literaturnobelpreises. Zur guten Lesbarkeit des Buches tragen u.a. die Querverweise zwischen den Kapiteln, die Skizzen rezeptionsgeschichtlicher Zusammenhänge und vor allem der gepflegte Schreibstil der Autorin bei. Das Buch wendet sich sowohl an ein breites literaturinteressiertes Lesepublikum als auch an Komparatistinnen und Komparatisten, die ihm z.B. die Frage entnehmen können, inwiefern der Literatur-Nobelpreis zur Genese einer spezifisch weiblichen Weltliteratur beigetragen hat. ♦

Simone Frieling: Ausgezeichnete Frauen – Die Nobelpreisträgerinnen für Literatur, Verlag LiteraturWissenschaft.de, 280 Seiten, ISBN 978-3936134513

________________________________

markus-winkler-glarean-magazin Prof. Dr. Markus Winkler Geb. 1955, Studium der Romanistik, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Bonn, Paris und Lausanne, Lehrtätigkeit an den Universitäten Genf und Pennsylvania/USA (1992–1998), 2002-2014 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, seit 1998 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Genf, zahlreiche fachwissenschaftliche Buch-Publikationen und herausgeberische Arbeiten

Elisabeth Raabe: «Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche» – Verlegerinnenleben

Die Geschichte einer Leidenschaft

Günter Nawe

Eine Arche ist eine Arche - Raabe - Glarean Magazin - Buch-CoverZürich 1982 – zwei Frauen bewerben sich um den von Peter Schifferli 1944 gegründeten, renommierten  Schweizer Verlag «Verlags AG Die Arche»: Elisabeth Raabe, Lektorin und Verlagsfrau, und Regine Vitali, Gründerin des Züricher Kinderbuchladens. Was ihnen nur wenige zugetraut haben – sie führten den Arche Literatur Verlag Raabe+Vitali zu einem der bedeutendsten Verlage im deutschen Sprachraum. 2008 – nach 25 Jahren – zogen sich die Damen zurück, um ‹nur noch» den Arche Kalender Verlag zu führen – ebenfalls mit großem Erfolg.
Über das, was zwischen diesen beiden Eckdaten liegt, erzählt Elisabeth Raabe in ihrem Buch «Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche – Verlegerinnenleben».  Sie erzählt die Geschichte einer Passion, von einem Leben mit Büchern für Bücher. Sie erzählt spannend, engagiert und mit Herz von Erfolgen und Misserfolgen, von den Freuden des Verlegerinnenlebens und seinen Leiden.

Elisabeth Raabe - Arche Verlag - Rezensionen
Elisabeth Raabe

Am Beginn standen als Autoren des legendären Schweizer Verlags Ezra Pound und Gertrude Stein (die auch den Titel dieses Buches «lieferte»), Friedrich Glauser und die Dadaisten, Friedrich Dürrenmatt und viele andere renommierte Autoren. Ein anspruchsvolles Erbe, das die neuen Verlegerinnen zu neuem Leben erwecken wollten – und sollten. Und auch dies: bald gab es einen Bestseller: In der Reihe der Arche-Bücher erschien Eine Insel finden – Gespräch zwischen Otto F. Walter und Silja Walter.
Die Rämistrasse in Zürich wurde zu einer Art literarischem Zentrum. Die Autoren gaben sich die Klinke in die Hand, neue Autoren fanden hier eine Heimstatt. Gedenktage großer und berühmter Autoren konnten verlegerisch gefeiert werden. Der Verlag wuchs, der Luchterhand Verlag wurde gekauft. Und so stand der Arche Verlag nun auch mit einem Bein in Deutschland.

Das alles ging nicht ohne Mühen ab, aber auch nicht ohne Freuden. Der Kampf um Rechte, immer wieder die Abwägung zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und verlegerischer Ambition, Umzüge mussten bewältigt werden, zuletzt nach Hamburg: Die beiden Verlegerinnen leisteten ganze Arbeit. Die Mühen aber wurden aufgewogen durch die Zusammenarbeit mit den Autoren, durch Erfolge im Buchmarkt, durch das Interesse der Leser. Die unruhigen Zeiten in Deutschland, der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung – sie blieben nicht ohne Folgen für den Verlag.
Über allem aber stand die Leidenschaft am Büchermachen, die die beiden Verlegerinnen auszeichnete. Kathrin Aehnlich hat es auf den Punkt gebracht: «Ich war an zwei Besessene geraten, die das lieben, was sie tun.»

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Die Geschichte des Züricher-Hamburger Arche Verlags – geschrieben von der Verlegerin Elisabeth Raabe. Sie erzählt von der wechselvollen, aber durchweg erfolgreichen Geschichte dieses Verlag – und das höchst unterhaltsam und mit viel Herz und Passion. Herausgekommen ist ein Buch über Bücher und Autoren – und eine kleine schweizerdeutsche Literatur- und Verlagsgeschichte.

Immer wieder begegnen uns so in diesem interessanten Buch  glanzvolle Namen: Margaret Forster, Maarten’t Hart oder Fabrizia Raimondino. Auch der berühmte Bruder Paul Raabe fand bei der Schwester seine verlegerische Heimat, Peter Stamm wurde von Elisabeth Raabe entdeckt, ebenso Viola Roggenkamp und Kathrin Aehnlich, Sréphane Hessel, Michael Lüders, Jürg Amann – sie alle haben ein Stück Literaturgeschichte mitgeschrieben.
So ist auch das Buch von Elisabeth Raabe eine kleine schweizerdeutsche Literatur- und Verlagsgeschichte. ■

Elisabeth Raabe: Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche – Verlegerinnenleben, edition momente, 240 Seiten, ISBN 978-3-9524433-1-6

Das interessante neue Schachbuch

Wolfgang Uhlmann: «Meine besten Partien»

Wolfgang Uhlmann - Meine besten Partien - Cover - Glarean MagazinNeben dem westdeutschen Unzicker ist der ostdeutsche Uhlmann der zweite der beiden berühmten Wolfgangs, die jahrelang das deutsche Schach hüben bzw. drüben ab den 1960er Jahren als Vorkämpfer dominierten. Eine eigene umfangreiche Partien-Buch-Monographie des inzwischen 80-jährigen Ex-DDR-Spielers Wolfgang Uhlmann aus Dresden war schon längst fällig. (Übrigens war Uhlmann bei seinem bislang letzten Einsatz in der deutschen Bundesliga am 15. März 2015 79 Jahre alt und damit der älteste Spieler, der jemals in der auf höchstem Schach-Niveau spielenden 1. Bundesliga zum Einsatz kam…)

Ausgehend von seinen «historischen» Begegnungen u.a. mit den Weltmeistern Euwe, Botwinnik, Smyslow, Petrosjan, Tal, Spasski, Fischer, Karpow, Anand und Khalifman breitet der nach wie vor auch als Schach-Theoretiker und -Kolumnist tätige Autor in seiner Partien-Sammlung «Meine besten Partien» die schönsten Games seiner an Schach-Erfolgen reichen Karriere aus. Uhlmann garniert natürlich alle Partien nicht nur mit theoretischen Kommentaren, sondern auch biographischen, psychologischen oder anekdotischen Anmerkungen. Angereichert wird der eher schlicht gestaltete Band mit einer Reihe bislang unveröffentlichter Fotos.
Insgesamt ein schachliches Zeitdokument über eine längst vergangene, aber auf Schritt und Tritt noch immer präsente Schach-Epoche – und ein ganz persönlicher Rückblick einer beeindruckenden Spieler-Persönlichkeit. (we)

Wolfgang Uhlmann: Meine besten Partien, – 324 Seiten, Verlag Chaturanga, ISBN 978-3-944158-07-5


André Schulz: «Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften»

Andre Schulz - Das grosse Buch der Schach-Weltmeisterschaften - Glarean MagazinDer Online-Schach-Redakteur, -Feuilleton-Autor und -Video-Moderator André Schulz ist mit M. Wüllenweber und M. Feist einer der bestimmenden Köpfe der Hamburger Schachsoftware-Firma Chessbase. Verantwortlich auch für den medialen Auftritt des Unternehmens versorgt er seit bald 20 Jahren die internationale Szene mit News, Interviews und Analysen aus allen theoretischen, gesellschaftlichen und biographischen Bereichen der Schachwelt. Nun tritt er erstmals auch als Buch-Autor in Erscheinung – und dies gleich mit einem «Einstieg ganz oben», mit einem «großen Buch» über die 46 Titelkämpfe der Schach-Weltmeisterschaften «von Steinitz bis Carlsen».
Der Band füllt – trotz thematisch verwandter und bedeutender anderer Publikationen wie z.B. Schonbergs «Die Grossmeister des Schach» (1982), Kasparows 7-bändigem «Meine großen Vorkämpfer» (2006) oder Stolzes «Umkämpfte Krone» (1992) – eine Lücke im Schachbuch-Regal zu den Weltmeisterschaften. Denn Schulz trug insbesondere zu den biographisch-psychologischen wie schach-politischen Hintergründen der WM-Begegnungen der letzten Jahre seit Kasparows Regentschaft – also die (persönlich miterlebte) Zeit von Kramnik, Anand und Carlsen – eine Fülle an Insider-Wissen und «Backstage-News» zusammen, die man hier teils zum ersten Mal erfährt. Aber auch zu den Legenden Capablanca, Aljechin oder Lasker bis hin zur russischen Hegemonie wider das Schachgenie Bobby Fischer grub der Chessbase-Mann tief in der Biographien-Kiste und förderte zahlreiches Amüsantes wie Wissenswertes, dabei oft noch Unveröffentlichtes zu Tage.
Jede WM-«Epoche» ist mit einer charakteristischen, teils mit Computerhilfe, teils mit eigenen Theorien kommentierten Partie sowie mit Bildmaterial illustriert. Letzteres vermag in fotoqualitativer Hinsicht unterschiedlich zu überzeugen, doch insgesamt punktet diese instruktive Schach-Historie mit einer sorgfältigen Typographie, einer ansprechenden layouterischen Gestaltung, mit solider Buch-Fadenbindung und stabilem Hardcover-Einband, wobei der Preis für ein Buch in dieser Qualität moderat ausgefallen ist. Eine schön konzipierte und unterhaltsame Novität für all jene Schach-Freunde, die es mehr nach «Psycho-Futter» denn nach trockener Eröffnungstheorie gelüstet. (we)

André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften – 46 Titelkämpfe von Steinitz bis Carlsen, 352 Seiten, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-637-4

Leseproben

Efrat Gal-Ed: «Niemandssprache: Itzig Manger – ein europäischer Dichter»

Prinz der jiddischen Ballade

Günter Nawe

Niemandssprache - Itzik Manger – ein europäischer Dichter - Suhrkamp - Cover«Jiddische Literatur gehört den kleinen Literaturen an und weist einen ungewöhnlichen Reichtum an literarischen Genres auf». So steht es in dem außergewöhnlichen interessanten, wichtigen und schönen Buch der Malerin, Autorin und Jiddistik-Professorin Efrat Gal-Ed. Zu diesem «ungewöhnlichen Reichtum» dieser Literatur hat der jiddischen Dichter Itzik Manger (1901-1969) mit seinem Werk Wesentliches beigetragen. Seine Biografie – «der erste Versuch einer kritischen Biografie» – hat Efrat Gal-Ed jetzt unter dem Titel «Niemandssprache: Itzig Manger – ein europäischer Dichter» veröffentlicht.
Außergewöhnlich ist dieses Buch auf vielerlei Weise. Einmal ist es der Dichter, dem diese Biografie gewidmet ist, zum anderen die typografische «Konstruktion» dieses Buches, die sich an den Talmud anlehnt. «Auf Seitenmitte steht der Haupttext,… um ihn herum, in einer anderen, kleiner gesetzten Schrift, stehen Erörterungen und Auslegungen aus späteren Jahrhunderten…», so erklärt die Autorin ihr typografisches Konzept. Und so war auch der Gestaltungsmodus der jiddischen Bücher, den sich Efrat Gal-Ed für dieses Buch zu Eigen gemacht hat. Die jiddischen Texte werden – wie seinerzeit üblich – zudem in hebräischer Schrift zitiert. Allerdings dann ins Deutsche (in lateinischer Umschrift) «übersetzt». Für den Leser eine Herausforderung, der er sich allerdings gern stellt.
Ist doch das Thema, das auf diese Weise präsentiert wird, von größtem Interesse. Die jiddische Kultur, die Sprache – sie waren doch lange Zeit für viele Menschen von größter Bedeutung. Noch im vorigen Jahrhundert war «Jiddischland» innerhalb Europas ein säkularer Kulturraum – eine Kultur und eine Sprache, die weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Heute sind es leider nur noch etwa 1.5 Millionen Menschen, die Jiddische sprechen.

Itzik Manger
Itzik Manger

Ein Vertreter dieser Kultur war Itzik Manger. Geboren wurde er in Czernowitz, in einer multi-ethnischen Stadt in der Bukowina. Für ihn waren deutsche Kultur und Sprache – wie für viele andere auch: Paul Celan und Rose Ausländer u.a. – der Maßstab, an dem er sich und sein Schaffen orientierte. Dennoch entschied er sich, wie Efrat Gal-Ed schreibt, für das Jiddische als seine «Dichtersprache». Für ihn war sie «herrenlos», war «Jiddisch… «Niemandsprache», war sie «Niemandsliteratur» in einer «Niemandswelt».
In dieser «Niemandswelt» lebte der Itzik Manger. «Der exzentrische Dichter mit seinen originellen Versen, seinen rumänisch-zigeunerischen Weisen, mit seinen Träumen und selbst mit seinen Skandalen erweckt in Warschau großes Interesse, auch über die literarischen Kreise hinaus.», schreibt Efrat Gal-Ed. Er gehörte der einen und anderen literarischen Gruppe an – und war doch irgendwie isoliert. Immer mal wieder denkt er an Selbstmord.
Und er reist: Warschau, wo die zweitgrößte jüdische Gemeinschaft der Welt lebte, und wo er seine wohl glücklichste Zeit verlebte, und Wilna, Krakau und Bukarest, Riga und Berlin und endlich auch nach Paris. Ein unstetes Leben, oft auch abenteuerlich-gefährliches Leben in Kriegs- und Nachkriegszeiten. Und weiter – nach England, nach New York und schließlich nach Israel. In Israel, in Gedera sollte der wohl größte und bedeutendste jiddische Dichter  am 20. Februar 1969 sterben. Israel mit einem großen Begräbnis als einen Helden der jiddischen Literatur.

Efrat Gal-Ed
Efrat Gal-Ed

Als Dichter war Itzik Manger unverwechselbar. In unzähligen Gedichten und Balladen hat er eine Welt beschrieben, die mit dem Holocaust untergegangen ist. Vor allem die Welt des osteuropäischen, des nichtassimilierten Judentums. Auf diese Weise wurde er berühmt – zumindest bis zur Zeit seines Exils. Danach verlor sich seine Stimme, trotz großen Erfolgs in Amerika.
Nicht nur von Efrat Gal-Ed zitierten Gedichte und Balladen belegen seine literarischen Qualitäten. Ergänzend zu dieser großartigen Biografie empfiehlt sich die Lektüre des ebenfalls von der Biografin herausgegebenen und übertragenen Bandes «Dunkelgold: Gedichte» (Jiddisch und deutsch).
Der Sohn eines Schneiders wurde zum jiddischen Troubadour, zum «Prinzen der jiddischen Ballade». Volkspoesie war die Quelle seines Schaffens. Auf diese Weise blieb Manger erdgebunden, blieb er mit seiner Poesie im Hier und Jetzt. Zuhause, als Kind hatte er die Volkslieder gehört. «Was für eine Orgie an Farbe und Klang. Ein verlassenes Erbe, Gold, das als Niemandsgut mit Füßen getreten wurde.» Er hat diesen Schatz gehoben.
Und so «klingt» es dann bei ihm:
«Stiller Abend. Dunkelgold. / Ich sitz beim Gläschen Wein. / Was ist geworden aus meinen Tagen? / Ein Schatten und ein Schein – / ein Augenblick von Dunkelgold / soll in mein Lied hinein.»

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Mit der Biografie des jiddischen Dichters Itzik Manger hat die Autorin Efrat Gal-Ed einen vergessenen europäischen Autoren des 20. Jahrhunderts ins literarische Gedächtnis zurück geholt. Und sie hat mit ihrem außergewöhnlichen Buch nicht nur eine spannende Lebens- und Autorengeschichte erzählt, sondern auch eine kleine, aber bedeutsame Literatur- und Kulturgeschichte geschrieben.

Sein poetisches Credo: «Der Künstler muss in menschlichen Kategorien denken, er muss nicht nur Mitgefühl mit dem Opfer haben, sondern in menschlichen Kategorien den Mörder verstehen, seine Motive, seine Pathologie, sein gesamtes Nervensystem». Auch das ist Itzik Manger.
Sein vielfältig verflochtenes, sein abenteuerliche und immer gefährdetes Leben hat die Autorin Gal-Ed in ihrem Buch beschrieben. Eigentlich sind es zwei Bücher. Denn Efrat Gal-Ed hat nicht nur die Biografie des Dichters geschrieben, den sie – und das wird in diesem Buch ganz deutlich – als europäischen Dichter begreift; sie hat diese Lebensgeschichte verwoben mit der Literatur- und Kulturgeschichte einer Zeit, in der die jiddisch-säkulare Kultur Osteuropas eine bedeutende Rolle spielte.
Der vergessene Dichter Itzik Manger – Efrat Gal-Ed hat ihn der Vergessenheit entrissen, ihm mit Empathie, profunder Kenntnis und wissenschaftlicher Akribie ein wunderbares Denkmal gesetzt. ■

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter, Suhrkamp Verlag, 784 Seiten, ISBN 978-3-633-54269-7