Jennifer Allan: Das Lied des Nebelhorns (Musik-Geschichte)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

Monströse Klangwelten des Industriezeitalters

von Jakob Krajewsky

Die Autorin Jen­ni­fer Lucy Allan legt nach 10-jäh­ri­ger Arbeit als Dis­ser­ta­tion eine Kul­tur­ge­schichte des Nebel­horns vor. Allan stammt aus Nord­eng­land und zählt zur Gene­ra­tion Y; Die Musik­jour­na­lis­tin schrieb über Under­ground und expe­ri­men­telle Musik für The Guar­dian, The Quie­tus und The Wire. Sie war auch für das BBC Radio 4 als Mode­ra­to­rin aktiv, außer­dem betreut sie das Archiv-Plat­ten­la­bel Arc Light Editions.

Das alles klingt bei ihrem Schrei­ben mit an. Die Obses­sion für das unge­wöhn­li­che, aus­ge­stor­bene Klang­werk­zeug, das Nebel­horn, ent­spricht ihrer Tech­nik­fas­zi­na­tion und den Begeg­nun­gen mit Klän­gen extre­mer Musikbands.

Dekonstruktion eines Mythos

Das Lied des Nebelhorns - Eine Klang- und Kulturgeschichte - Jennifer Lucy AllanAls wäre ich ein Geist, dem Nebel zuge­hö­rig, und der Nebel war der Geist des Mee­res,“ heißt es bei Eugene O’Neill. Ganz am Anfang dekon­stru­iert Allan den Mythos, wie das Nebel­horn in die Welt kam. Auf jeden Fall ent­stand es als ein Pro­dukt des Indus­trie­zeit­al­ters um die 1850er herum und war nicht nur in Groß­bri­tan­nien und Nord­ame­rika lebens­wich­tig. Das Signal diente der Navi­ga­ti­ons­hilfe auf Schif­fen und an den Küs­ten. Es brüllte mit sei­nem monu­men­ta­len Sound gegen die Klang­wucht der Meere an als Schutz vor Zusam­men­stö­ßen auf­grund des dich­ten Nebels. Aus dem Nebel­horn dringt „ein akus­ti­sches Wahn­bild der indus­tri­el­len Revo­lu­tion, das vom Prus­ten und Ras­seln von Dampf und Kol­ben, von Hitze und Fett und von maschi­nel­len Lun­gen her­auf­be­schwo­ren wird“ (S. 119).

Starke Sounds und nebulöse Welten

Inter­es­sante Quer­ver­weise zum Afro-Futu­rism des Duos Drex­ciya, über Dub bis zu Doom Metal und Acid House, zu den Frosch­kon­zer­ten im Stile von Exo­tica, einer Spiel­art des Jazz, bis zur Mini­mal Music von Terry Riley, La Monte Young, Steve Reich und Philip Glass blie­ben bis­her uner­hört. „Musi­ka­li­sche Gen­res und welt­be­we­gende Erfin­dun­gen […] sind so gut wie nie das Werk eines ein­zel­nen Genies,“ resü­miert Allan. Den­noch gibt es ein Patent für die gewal­ti­gen Maschi­nen. Kon­zerte mit Nebel­hör­nern rüh­ren das Publi­kum an anglo­pho­nen Küs­ten­or­ten oft zu Trä­nen. In der San Fran­cisco Bay Area sind noch einige der Mons­ter aktiv.

Nebel San Francisco Bay Area - Glarean Magazin
Starke Sounds in nebu­lö­sen Wel­ten: Die San Fran­cisco Bay Area im Nebel

Auf der ande­ren Seite steht der Nebel; er dämpft Geräu­sche, macht unsicht­bar, schärft Geruchs- und Tast­sinn und zele­briert Stim­mun­gen, z.B. in Ella Fitz­ge­ralds Song „A Foggy Day“. Es ist sym­bo­lisch und lebens­be­droh­lich – natür­lich auch in Ste­phen Kings Hor­ror­no­vel „The Fog“ oder im Film „Nebel des Grau­ens“ von John Car­pen­ter. Wie Smog in Lon­don gehört in San Fran­cisco Nebel ein­fach dazu. So wird H. Gil­liam zitiert, „dass pro Stunde bis zu einer Mil­lion Ton­nen Was­ser in Form von Dunst und Nebel durch die Meer­enge Gol­den Gate wabert.“

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Allan defi­niert ver­schie­dene Nebel­for­men und ver­sinkt im Volks­glau­ben zwi­schen den Nie­der­lan­den, Isle of Man, Chile, Peru sowie im Popol Vuh, der Schöp­fungs­ge­schichte der Mayas. Sie sucht Tier­ver­glei­che zu Ele­fan­ten und Bul­len im Gil­ga­mesch Epos und in der grie­chi­schen und ägyp­ti­schen Mytho­lo­gie, die das hef­tige Brül­len des Horns sym­bo­li­sie­ren. Ebenso erwähnt die Autorin Künst­le­rin­nen wie Eli­as­son, Gorm­ley und Nakaya, die für ihre Nebe­l­in­stal­la­tio­nen bekannt gewor­den sind.

Naturwissenschaften, Schauergeschichten, Seemannsmythen

Jennifer Lucy Allan - Glarean Magazin
Die Musik-Wis­sen­schaft­le­rin Jen­ni­fer Lucy Allan

Jen­ni­fer Lucy Allan macht ein wenig selbst­ver­liebt ihre Recher­che­ar­beit und For­schungs­rei­sen trans­pa­rent, berich­tet frei­mü­tig über die Archiv­ar­beit, spricht über Öko­lo­gie und einst­mals kolo­nia­les Han­dels­ge­sche­hen. „Das Nebel­horn legt los. Nicht nur mit den Ohren höre ich es, son­dern mit mei­nem kom­plet­ten Kör­per – Magen, Haut, Kno­chen und der Schä­del gera­ten in Schwin­gun­gen, wenn das Nebel­horn erklingt“ (S. 105). Nebel­bänke kön­nen im Krieg bewah­ren, es gibt Qual­len im Asow­schen Meer, Schiffs­un­glü­cke pas­sie­ren. Andere Warn­si­gnale wie Leucht­turm­glo­cken, Tief­see­glo­cken, der Klang der Sire­nen, Spreng­stoff wer­den erwähnt.

Das Nebelhorn am St. John’s Point in Nordirland - Glarean Magazin
Ein „mons­trö­ses, obs­zö­nes und melan­cho­li­sches Ding“: Nebel­horn am St. John’s Point in Nordirland

Asso­zia­tiv und viel­schich­tig wer­den hier auch natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse ein­ge­bracht; Auto­ma­ti­sie­rung in der See­fahrt, Schau­er­ge­schich­ten und See­manns­my­then wech­seln sich in poe­ti­schem Rei­gen ab: Strand­räu­ber nutz­ten geschickt die Ver­ne­be­lung an Sand­bän­ken, um Schiffe irre­zu­füh­ren. Das so gene­rierte Strand­gut an Land bleibt dann im Besitz des Finders.
Das Buch ist ein wah­res Füll­horn: Vir­gi­nia Woolf, Ger­trude Ather­ton, Ray Brad­bury, Nigel Kneale, Anne Carson und Ing­mar Berg­mann tre­ten auf. Allan berich­tet von Sym­pho­nien der Sire­nen, skur­ri­len Indus­trie­kom­po­si­tio­nen von Arseni Awraa­mow 1927 im sowje­ti­schen Baku und von „Fan­tasy for Horns“ und die „Har­bour Sym­phony“, beide von Hil­de­gard Wes­ter­kamp als von „Klän­gen in der Klang­land­schaft.“ Letz­tere wurde 1986 zur Expo in Van­cou­ver mit mehr als 150 Schif­fen auf­ge­führt. Ein offi­zi­el­ler Abge­sang auf die Nebel­hör­ner bil­det das „Fog­horn Requiem“ des Kom­po­nis­ten Orlando Gough, ein Musik­stück für fünf­zig Schiffe am Tyne in New­castle. Es war eine Auf­trags­ar­beit des Natio­nal Trust und des South Tyne­side Coun­cil in 1995.

Monströs, obszön, melancholisch

Hochleistungs-Nebelhorn mit Kompressor (nach Holmes) um 1870 - Glarean Magazin
Holmes’s Fog-Horn Appa­ra­tus: Hoch­leis­tungs-Nebel­horn mit Kom­pres­sor um 1870

Die vier Teile des Buches (Atta­cke, Ver­fall, Nach­hall, Befrei­ung) mit 20 Unter­ka­pi­teln umsäumt von Pro­log und Epi­log bie­ten ein gewal­ti­ges und manch­mal ver­wir­ren­des Crossing-Over von Tech­nik­ge­schichte, Kul­tur, Musik und Sound, Lite­ra­tur, Indus­trie samt Land­schaft, orches­triert mit dem Mari­ti­men. Alles das ist eng mit dem mensch­li­chen Stre­ben ver­bun­den. Viele über­sicht­li­che Zitate samt Fuß­no­ten run­den ab. Index und Biblio­gra­phie feh­len hin­ge­gen gänz­lich. Es ist hier ja auch buch­stäb­lich mehr die empi­ri­sche Feld­for­schung von Interesse.
Ein­gän­gig ist dabei die weib­li­che Per­spek­tive in män­ner­do­mi­nier­ten Sphä­ren mit Leucht­tür­men, in See­manns­her­ber­gen, Pubs und auf Schif­fen. Schön wären ein paar Fotos mehr gewe­sen, und eine Karte Eng­lands oder Schott­lands mit Stand­or­ten, außer­dem Bil­der mit dem Nebel­horn samt Ambi­ente. Wir leben ja schließ­lich auch in einer visu­el­len Welt.
Eine fähige Über­set­zung in gut ver­fass­tem Deutsch wird aus dem Eng­li­schen von Rudolf Mast, Lek­tor, Segel­leh­rer und -macher sowie Thea­ter­wis­sen­schaft­ler, vorgelegt.

Die Haupt­fi­gur, das Nebel­horn, bleibt in den grif­fi­gen Wor­ten der Ver­fas­se­rin wahr­haft ein „mons­trö­ses, obs­zö­nes und melan­cho­li­sches Ding.“ Das Lied des Nebel­horns erklingt in einer digi­ta­li­sier­ten Welt mit­tels Satel­li­ten und GPS für die Navi­ga­tion auf See nur noch sel­ten für Tou­ris­ten an den Küs­ten. In natura ertönt es mäch­tig, gewal­tig, exzes­siv, schrill und schräg wie eine fixe Idee in die­sem hier vor­lie­gen­den Band mit die­sem unge­wöhn­li­chen Thema. ♦

Jen­ni­fer Lucy Allan: Das Lied des Nebel­horns – Eine Klang- und Kul­tur­ge­schichte, 336 Sei­ten, Mare Ver­lag, ISBN 978-3-86648-689-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik auch über Arno Sto­cker: Der Klavierflüsterer

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