Amélie Nothomb: Die Passion (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

Stacheln im Fleisch des Christentums

von Bernd Giehl

Machen wir ein­mal ein Gedan­ken­ex­pe­ri­ment. Neh­men wir an, Amé­lie Not­homb, eine rela­tiv bekannte bel­gi­sche Schrift­stel­le­rin, würde ihren Roman „Die Pas­sion“ in hun­dert Jah­ren, also 2120 schrei­ben und ihr Manu­skript dem Dio­ge­nes Ver­lag anbie­ten. Dort hat sie schon 22 Bücher ver­öf­fent­licht. Aller Wahr­schein­lich­keit nach würde der Dio­ge­nes Ver­lag das Manu­skript ableh­nen. Zu ris­kant, würde es hei­ßen. Wer will schon ein Buch über einen unbe­kann­ten Reli­gi­ons­stif­ter lesen? Inner­halb von zwei Wochen hätte sie ihr Manu­skript wie­der zurück.

Amélie Nothomb - Die Passion - Roman - Diogenes Verlag - Literatur-Rezension Glarean MagazinAber das Expe­ri­ment geht noch wei­ter. Neh­men wir an, Amé­lie Not­homb hätte „Die Pas­sion“ vor 400 Jah­ren geschrie­ben. Sie hätte einige Abschnitte ihrer bes­ten Freun­din vor­ge­le­sen. Die wäre einer­seits begeis­tert gewe­sen, weil die Zwei­fel der Haupt­fi­gur an ihrer bevor­ste­hen­den Hin­rich­tung mit den eige­nen Zwei­feln an der Reli­gion kor­re­spon­diert hät­ten und ande­rer­seits erschro­cken. Darf man so an der eige­nen Reli­gion zwei­feln? Ist das nicht Ket­ze­rei? Die beste Freun­din hätte es ihrem Mann erzählt, und der wäre zur Obrig­keit gegan­gen. Man hätte Not­homb fest­neh­men las­sen, sie wäre gefol­tert wor­den und wenn sie große Glück gehabt hätte, hätte sie selbst ihr „Mach­werk“ öffent­lich ver­ur­tei­len und ins Feuer wer­fen müs­sen. Falls sie weni­ger Glück gehabt hätte, nun ja … Was für ein Glück, dass die Zeit der Hexen­ver­bren­nun­gen end­gül­tig vor­bei ist.

Hexerei im Innern der Figuren

Anzeige Amazon: Die Mächte der Moria - Hexen-Roman - Zoraida Cordova - Carlsen Verlag
Anzeige

Womit ich nicht sagen will, dass Amé­lie Not­homb keine Hexe ist. Sie ist eine. So wie jeder gute Autor und jede gute Autorin ein Hexen­meis­ter oder eine Hexe ist. Weil sie im Inne­ren ihrer Figu­ren leben. Weil sie Besitz von ihnen ergrei­fen und sie wie einen Suk­ku­bus lenken.
Aber Amé­lie Not­homb ist noch aus einem ande­ren Grund eine Hexe. Sie lässt Jesus von Naza­reth im Augen­blick sei­ner „Pas­sion“ leben­dig wer­den. „Ich wusste schon immer, dass sie mich zum Tode ver­ur­tei­len wer­den“, so beginnt ihr neuer Roman.

Kombination von Gott und Mensch

Amelie Nothomb - Schriftstellerin - Literatur im Glarean Magazin
Ame­lie Not­homb alias Fabi­enne Claire Not­homb (geb. 1966)

Da spürt jeder auf­rechte Christ einen ers­ten klei­nen Sta­chel. Noch ist er win­zig; immer­hin heißt es ja schon in den „Lei­den­s­an­kün­di­gun­gen“ der Evan­ge­lis­ten: „Der Men­schen­sohn muss“ sei­nen Lei­dens­weg gehen und am Ende gekreu­zigt wer­den aber diese Lei­den­s­an­kün­di­gun­gen ste­hen im zwei­ten Drit­tel der Evan­ge­lien. Nur das Johan­nes­evan­ge­lium macht da eine Ausnahme.
Aber Chris­ten sind groß­mü­tige Leute, und so wer­den sie der Autorin gern ver­ge­ben, denn der Jesus von Amé­lie Not­homb ist ein wahr­haft gött­li­cher Mensch. Nie hat mir die Kom­bi­na­tion von Gott und Mensch so ein­ge­leuch­tet wie bei ihr.
Sie zwei­felt nicht an den Wun­dern, wie das auch viele Theo­lo­gen der letz­ten 200 Jahre getan haben. Das Wun­der, Was­ser in Wein zu ver­wan­deln, gelingt ihm bei­nah neben­bei. Nur – und jetzt kommt wie­der der Sta­chel – dass das Braut­paar, des­sen Hoch­zeit Jesus mit sei­nem Wun­der geret­tet hat, unter den Haupt­zeu­gen der Anklage ver­tre­ten sein wer­den. „Warum hat er es so spät getan?“ fra­gen sie. „Eine Stunde frü­her, und er hätte uns die Bla­mage erspart.“ Die ande­ren, an denen ein Wun­der geschah, sind ähn­lich unzu­frie­den. Nicht ein­mal der könig­li­che Beamte, des­sen Sohn vom Tode erret­tet wurde, ist Jesus dank­bar, son­dern klagt über die Ver­zö­ge­rung und die dadurch aus­ge­stan­dene Angst.

Jesus – ein Sinnenmensch?

Unzu­frie­den­heit ist über­haupt ein Stich­wort. Auch Judas ist unzu­frie­den, mit der Welt im All­ge­mei­nen und mit Jesus im Beson­de­ren. Er stellt alles in Frage. An das Gute kann er nicht ein­mal glau­ben, wenn er es vor Augen hat. Judas ist der Prot­ago­nist der „Menge“ die Jesus schließ­lich verurteilt.
Jesus selbst ist das Gegen­teil. Er kann sich an den klei­nen Din­gen des Lebens freuen: am Geschmack fri­schen Bro­tes, an einer Blüte am Weg­rand, am auf­däm­mern­den Tag, vor allem am Was­ser. Wenn man Durst hat und man zögert das Trin­ken noch ein paar Augen­bli­cke hin­aus, schmeckt fri­sches Was­ser umso köst­li­cher, behaup­tet er

Anzeige Amazon: Maria Magdalena - DVD-Blue-ray - Rooney Mara, Joaquin Phoenix, Garth Davis
Anzeige

Jesus – ein Sin­nen­mensch? Jesus gar, der die Frauen liebt? Der für ihre Schön­heit emp­fäng­lich ist? Der gar eine Bezie­hung mit Maria Mag­da­lena ein­geht? Und der des­halb auch nicht ster­ben will? Und des­sen Ver­bin­dung zum Vater nun abreißt, obwohl er bis dahin eng mit ihm ver­bun­den war?
Da möchte jeder gute Christ „Ket­ze­rei“ schreien. Der Glaube oder das Dogma for­dert, dass Jesus frei­wil­lig den Wil­len sei­nes Vaters auf sich genom­men hat, um die Sünde der Welt zu tra­gen. Das unschul­dige Opfer lei­det für die Schul­di­gen. Wenn dann jemand kommt, die anschei­nend mit dem Glau­ben sym­pa­thi­siert und dann behaup­tet, Jesus habe das Leben zu sehr geliebt um frei­wil­lig in den Tod zu gehen – da sitzt der Sta­chel ziem­lich tief.

Der Masochismus des Christen

Frei­lich ist Not­homb nicht die erste, die den „Maso­chis­mus“ des christ­li­chen Glau­bens gei­ßelt. Der erste war Fried­rich Nietz­sche, der meinte, die Chris­ten müss­ten erlös­ter aus­se­hen, bevor er an ihren Erlö­ser glau­ben könne. Oder der Theo­loge Tho­mas Münt­zer, Anfüh­rer der Bau­ern im thü­rin­gi­schen Bau­ern­krieg 1525, der den „bit­te­ren Chris­tus“ pre­digte und dafür hin­ge­rich­tet wurde.
So ein­fach ist der Autorin also nicht bei­zu­kom­men. Es sei denn, dass man sie zur „Hexe“ erklärt.

Schöne Schilderungen und viel Reflexion

Wie gesagt, Not­hombs Beob­ach­tun­gen sind zwar meist unver­hofft, leuch­ten aber ein. Dass Jesus dem Leben zuge­wandt war, kann man leicht an sei­nen Gleich­nis­sen sehen. Ihre Spra­che ist far­big. Die Bezie­hung zu Maria Mag­da­lena ist zwar ein Kli­schee – jeder der ein biss­chen ket­zern wollte, hat sie erwähnt -, aber dafür wun­der­schön geschil­dert, so wie nur eine Frau sie beschrei­ben kann, die selbst Liebe erfah­ren hat.

Szene aus dem Skandal-Film The Passion Of The Christ von Mel Gibson (Glarean Magazin)
„Maso­chis­mus des christ­li­chen Glau­bens“? Szene aus dem Skan­dal-Film „Die Pas­sion Christi“ von Mel Gib­son (2004)

Mit 128 Sei­ten ist der Roman recht kurz; es gibt wenig Hand­lung – z.B. ist die Ver­hand­lung vor dem Hohen Rat weg­ge­las­sen (hat ver­mut­lich auch nicht statt­ge­fun­den) -, aber dafür viel Refle­xion. Manch­mal wird Not­homb weit­schwei­fig: Noch ein Satz über den Durst, und noch einer, der mit ande­ren Wor­ten das Glei­che sagt (der Roman ist ursprüng­lich unter dem Titel „Soif“ – „Durst“ in Paris erschie­nen). Da hätte ein rigo­ro­se­res Lek­to­rat sicher segens­reich wir­ken kön­nen. Aber das ändert nichts daran, dass ich den Roman mit Genuss gele­sen habe.
Aller­dings warte ich noch auf das Buch, das meine Frage, warum Jesus ster­ben musste, und vor allem, warum Gott das wollte, hin­rei­chend beant­wor­tet. Es muss auch kein Roman sein. ♦

Amé­lie Not­homb: Die Pas­sion (Roman), 128 Sei­ten, Dio­ge­nes Ver­lag, ISBN 978 3 257 07141 2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Reli­gion in der Lite­ra­tur auch den Essay von Hei­ner Brück­ner: Vom Himmlischen

… sowie über den sati­ri­schen Roman von David Safier: Jesus liebt mich


Ein Kommentar

  1. Schöne und auf­schluss­rei­che Bespre­chung, Herr Giehl.
    Aber: Ein 128-sei­ti­ger „Roman“ mit „viel Reflexion“?
    Das tönt mir eher nach „Trak­tat“… 😉
    Tja, und was Ihre Schluss­frage angeht: Das ist natür­lich ein Klas­si­ker der tra­di­tio­nel­len Theo­lo­gie. Hier einer der vie­len Links zum Thema:

    https://www.glaube.at/impulse/erf-suedtirol/article/1000003264-warum-musste-jesus-sterben/

    Schöne Grüsse zum Neu­jahr aus Dres­den: Karl­heinz W.

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)