Boris Gelfand: Decision Making In Major Piece Endings (Schach)

Lesezeit für diesen Beitrag: 9 Minuten

Endspiel-Kost auf hohem Niveau

von Thomas Binder

Weltklassespieler Boris Gelfand ergänzt seine Serie „Decision Making“ um das vierte Werk: „Decision making in major piece endings“. Diesmal geht es also um Schwerfiguren-Endspiele. Passend zum Titel ist das auch „schwere Kost“ für Schachfreunde auf gehobenem Spielniveau. Gelfand präsentiert breite Analysen ausgewählter Partien mit Hintergrundinformationen und zuweilen durchaus unterhaltsamen Einschüben.

Den Weltklassespieler Boris Gelfand muss man dem geneigten (Schach-)Leser nicht vorstellen. Auch als Autor hat der frühere WM-Kandidat Gelfand bereits sichtbare Spuren hinterlassen.

Boris Gelfand - Decision Making In Major Piece EndingsAls sein Hauptwerk kann wohl die mittlerweile vierbändige Reihe „Decision Making“ aus dem Hause Quality Chess gelten. Dem Autor und dem Verlag ist gelungen, hoch qualitative Schachbücher in einheitlicher Aufmachung inhaltlich aus einem Guss vorzulegen. Insofern kann vieles aus dieser Rezension auf die Schwesterwerke übertragen werden. Fortsetzung erwünscht!
Ob man freilich jemals eine deutsche Übersetzung in Händen halten wird, sei dahingestellt. Allzu klein scheint wohl den Verlegern der hiesige Markt, als dass man Bücher für Spieler gehobener Spielstärke gewinnbringend produzieren könnte.

Analysen gewürzt mit Plaudereien

Der israelische Weltklasse-Schachgrossmeister Boris Gelfand (geb. 1968)
Der russisch-israelische Weltklasse-Schachgrossmeister Boris Gelfand (geb. 1968)

Boris Gelfands Bücher heben sich in vielen Details von anderen Werken dieses Niveaus ab. So fällt als erstes auf, dass die Akteure oft in Fotos vorgestellt werden, zuweilen sogar passend zur Zeit der kommentierten Partie. Auch ein paar Zeilen zur Einordnung der Spieler und zur Bedeutung des Wettkampfes sind meist vorangestellt.
Im Text würzt Gelfand seine ernsthaften Analysen hin und wieder mit Einschüben im Plauderton. Das setzt dann zwar gute Fremdsprachenkenntnisse voraus, diese werden aber reich belohnt. Kostprobe gefällig? „Subsequently attempts were made to improve on my play … it is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played.“ („In der Folge wurden Versuche unternommen, mein Spiel zu verbessern … Es ist auch möglich, dass die Spieler versucht haben, mich zu kopieren, sich aber nicht erinnern konnten, was ich gespielt hatte“.)

Anschauliche Gliederung der Varianten

Die Gestaltung des Werkes orientiert sich ansonsten am aktuellen Standard mit anschaulicher Gliederung auch bei komplexen Varianten und gerade hinreichender Visualisierung durch Diagramme, so dass der Leser den Anmerkungen mit einiger Anstrengung folgen kann. Leider ist an einigen Stellen der Fettdruck der Hauptvariante verloren gegangen, was dann den Fluss sehr behindert. Das lässt sich natürlich leicht korrigieren.

Boris Gelfand - Decision Making in Major Piece Endings - Quality Chess Leseprobe - Chess Review Glarean Magazin
Leseprobe aus Boris Gelfand: „Decision Making in Major Piece Endings“ (Quality Chess Verlag)

Was er mit dem Buch erreichen möchte, führt Boris Gelfand im einleitenden Kapitel sehr gut aus. Seine Werke sind keine vorgefertigten Rezepte, wie man sie naturgemäß gerade in der Endspielliteratur findet, sondern Hilfestellungen zur Entscheidungsfindung, ganz dem Titel entsprechend. Ausgehend davon, dass man sicher nicht genau die eine Stellung aus dem Buch in seiner eigenen Partie wiederfinden wird, postuliert er, dass eben tiefes Verständnis einer Stellung ganz allgemein die Spielstärke hebt.

Umfangreiches Analyse-Material

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Die vom Autor ausgewählten Partien stammen entweder aus seiner eigenen Spielpraxis oder aus seiner Arbeit als Trainer. Beides garantiert sehr ausführliche Analysen und zum Teil auch kritische Auseinandersetzung mit anderen Arbeiten zur gleichen Partie. In offenbar sehr fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem dänischen Großmeister Jacob Aagaard legt Gelfand Analysen vor, wie ich sie in dieser Tiefe und Ausführlichkeit noch nie gesehen habe. Weit über 20 Seiten für eine einzige Partie – genau genommen ja nur für deren Endspiel – sind keine Seltenheit. Den Rekord hält die mit dem Blick des Laien völlig unspektakuläre Remis-Partie Gelfand – Kasimdzhanov (Baku, 2014), die auf 40 Seiten ausgebreitet wird. Keine einzige Seite ist zu viel.

Besonders gehaltvolle Endspiele

Inhaltlich geht es, wie der Titel sagt, um Schwerfigurenendspiele. Nach einem eher kurzweiligen Einleitungskapitel widmet sich Gelfand dem Grundsatz „do not hurry“, dem er als Junior erstmals im großartigen Endspiel-Strategiebuch seines Landsmanns Shereshevsky begegnete – schöne Erinnerung für den Rezensenten, dem es damals genauso erging…

Boris Gelfand - Serie Decision Making in Chess - Quality Chess Cover - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
Bereits vier Bände umfasst Boris Gelfands Serie „Decision Making in Chess“ im Quality Chess Verlag

Es folgen mehrere Kapitel mit sehr intensiv analysierten Turmendspielen, wobei nur stellenweise eine inhaltliche Strukturierung gegeben ist. Viel wichtiger scheint es Boris Gelfand zu sein, besonders gehaltvolle Endspiele zu präsentieren und sich dabei nicht einem Korsett thematischer Vorgaben zu unterwerfen. Das Grundwissen über Turmendspiele hat der Leser gewiss schon früher erworben. Hier sind wir auf einem ganz anderen Level.

Die „vierte Partiephase“

Nach den Turmendspielen folgen einige Kapitel zu Damenendspielen. Gelfand stellt zunächst das Endspiel „Dame + Bauer gegen Dame“ mit Bauern am oder in der Nähe des Randes heraus. Dann widmet er sich Endspielen mit mehr als zwei Damen. Auch Überlegungen zur Überleitung in die „vierte Partiephase“ kommen nicht zu kurz – jene Phase also, wenn sich durch den Wechsel vom Bauern- zum Damenendspiel der Charakter der Partie noch einmal grundlegend wandelt. Nach einigen Studien folgt noch ein kurzer Abschnitt mit Aufgaben und Lösungen zu Turmendspielen. Wer sich der Herausforderung zum selbständigen Lösen stellen möchte, mag das tun. Ansonsten kann man natürlich auch dieses Kapitel ganz normal als Lehrtext lesen.

Unumgänglich: Disziplin und Konzentration

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Es dürfte bereits mehrfach angeklungen sein: Dieses Buch verlangt dem Leser Disziplin und Aufmerksamkeit ab. Eine Partieanalyse wie jene 40 Seiten über die Kasimdzhanov-Partie liest man nicht eben mal auf dem Heimweg in der S-Bahn. Wer über den durchaus vorhandenen reinen Lese-Genuss hinaus etwas mitnehmen möchte, muss sich sehr tief in die Analysen hineindenken. Die Sprachbarriere darf dabei kein Hindernis sein. Schließlich setzt Gelfand bei seinem Leser einen hohen Level schachlicher Vorkenntnisse und entsprechenden Urteilsvermögens voraus. Erst ab einer Spielstärke von ca. 1800 Elo-Punkten wird man wenigstens den größten Teil des vermittelten Wissens – nein, besser des Könnens – vollständig aufnehmen und in eigene Entscheidungsfindung am Schachbrett umsetzen können. ♦

Boris Gelfand: Decision making in major piece endings, 316 Seiten (engl.), Quality Chess UK Ltd., ISBN 978-1784831400

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Endspiele auch über Karsten Müller: Endspiele der Weltmeister (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Schachtheorie über Andrew Soltis: Schwindeln im Schach (How To Swindle in Chess)


English Translation

Endgame food on a high level

World-class player Boris Gelfand adds his fourth work to his „Decision Making“ series: „Decision making in major piece endings“. So this time it is about „heavy“ piece endings. Matching the title, this is also „heavy fare“ for chess friends on a higher playing level. Gelfand presents broad analyses of selected games with background information and sometimes quite entertaining inserts.

There is no need to introduce the world class player Boris Gelfand to the inclined (chess) reader. Also as an author, the former World Cup candidate Gelfand has already left visible traces.
His main work is probably the meanwhile four-volume series „Decision Making“ from Quality Chess. The author and the publishing house have succeeded in presenting high quality chess books in a uniform presentation, all of a piece. In this respect much of this review can be transferred to the sister works. Continuation desired!
Whether one will ever hold a German translation in one’s hands remains to be seen. The local market seems to be too small for publishers to produce books for players of high skill level.

Analyses spiced with chats

Boris Gelfand’s books stand out in many details from other works of this level. The first thing that stands out is that the actors are often introduced in photographs, sometimes even matching the time of the commented game. Also a few lines on the classification of the players and the meaning of the competition are usually placed in front.
In the text, Gelfand spices up his serious analyses with occasional insertions in a conversational tone. This requires good foreign language skills, but these are richly rewarded. Want a taste? „Subsequently attempts were made to improve on my play … it is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played. („Subsequently attempts were made to improve my play … It is also possible that the players were trying to copy me, but could not remember what I had played“)

Clear structure of the variants

The design of the work is otherwise based on the current standard with a clear structure even for complex variants and just sufficient visualization by means of diagrams, so that the reader can follow the notes with some effort. Unfortunately, the bold print of the main variant has been lost in some places, which then hinders the flow very much. This can of course be easily corrected.

Boris Gelfand explains very well what he wants to achieve with the book in the introductory chapter. His works are not ready-made recipes, as one naturally finds them in endgame literature, but rather aids to decision-making, in keeping with the title. Based on the assumption that one will certainly not find exactly one position from the book in one’s own game, he postulates that a deep understanding of a position generally enhances the playing strength.

Extensive analysis material

The games selected by the author are either from his own playing practice or from his work as a coach. Both guarantee very detailed analyses and in part also critical examination of other works on the same game. In an obviously very fruitful collaboration with the Danish grandmaster Jacob Aagaard, Gelfand presents analyses that I have never seen before in such depth and detail. Far more than 20 pages for a single game – in fact only for its endgame – are not uncommon. The record is held by the draw Gelfand – Kasimdzhanov (Baku, 2014), which is completely unspectacular in layman’s terms, and is spread over 40 pages. No single page is too much.

Especially rich endgames

In terms of content, as the title suggests, the focus is on „heavy“-figure endgames. After a rather entertaining introductory chapter, Gelfand devotes himself to the principle „do not hurry“, which he first encountered as a junior in the great endgame strategy book of his compatriot Shereshevsky – a nice memory for the reviewer, who had the same fate back then…

There follow several chapters with very intensively analyzed tower end games, whereby only in places a content structure is given. Boris Gelfand seems to be much more important to present particularly rich endgames and not to subject himself to a corset of thematic guidelines. The reader has certainly already acquired the basic knowledge of tower endgames. Here we are on a completely different level.

The „fourth game phase“

After the rook end games there are some chapters on queen end games. Gelfand first points out the endgame „Queen + Pawn against Queen“ with pawns at or near the edge. Then he devotes himself to endgames with more than two queens. He also considers the transition to the „fourth phase of the game“ – the phase when the character of the game is fundamentally changed by the change from the pawn endgame to the queen’s endgame. After some studies, a short section with tasks and solutions for rook end games follows. If you want to take up the challenge to solve them independently, you may do so. Otherwise, you can of course read this chapter as a normal teaching text.

Indispensable: Discipline and concentration

It has probably already been mentioned several times: This book demands discipline and attention from the reader. A game analysis such as the 40 pages about the Kasimdzhanov game is not something you read on the way home on the suburban train… If you want to take something with you beyond the pure reading pleasure that is certainly present, you have to think very deeply into the analyses. The language barrier should not be an obstacle. After all, Gelfand requires a high level of chess knowledge and judgement from his readers. Only from a playing strength of approx. 1800 Elo points on will one be able to take in at least the largest part of the knowledge – no, better of the skill – completely and convert it into own decision making on the chess board. ♦

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