Julian Voloj & Sören Mosdal: Basquiat (Graphic Novel)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Wer bin ich – Ich bin wer“

von Isabelle Klein

Erra­tisch, linear, frag­men­ta­risch, geis­ter- und dämo­nen­froh: Mit „Bas­quiat“ ist dem Duo Julian Voloj (Texte) & Sören Mos­dal (Zeich­nun­gen) eine weit­ge­hend ein­drück­li­che Gra­phic Novel gelun­gen, die pas­send zum Leben von Jean-Michel Bas­quiat starke Schlag­lich­ter, Zer­run­gen und Ver­wir­run­gen auf­greift, um so dem Leser die­sen kul­ti­schen, viel zu früh an Dro­gen ver­stor­be­nen schwar­zen Pop-Künst­ler nahe­zu­brin­gen. Dies zu einem Zeit­punkt, da die Ras­sis­mus-Debatte bri­san­ter und trau­ri­ger denn je ist…

Basquiat - Julian Voloj & Sören Mosdal - Graphic Novel - Carlsen VerlagZunächst lässt sich die Geschichte sehr ver­ständ­lich an, geschickt auf­ge­baut durch Vor­weg­nahme des Endes. Auf einer rea­len Ebene wird retro­spek­tiv das Leben des jun­gen Bas­quiat in den wich­tigs­ten Sta­tio­nen abge­klap­pert. Dass der innere Blick durch das Äus­sere nicht getrübt wird, dafür sorgt der innere Mono­log mit Bas­qui­ats lebens­lan­gen Dämo­nen, visu­ell dar­ge­stellt durch wohl eines sei­ner prä­gnan­tes­ten Bilder.

Anstrengende Bruchstücke

Jean-Michel Basquiat - Kunst und Literatur - Graphic Novel - Rezensionen Glarean Magazin
Bas­quiat-Kunst hat inzwi­schen Millionen-Wert

Doch was zunächst gut funk­tio­niert und den Leser zu fes­seln ver­mag, wird durch diese bruch­stück­hafte Kürze/Versatzhaftigkeit schnell anstren­gend. Wenn eine Frau der ande­ren die Klinke in die Hand gibt und man rät­selt, ob die Blonde hin­ter dem Tre­sen, mit der er nun zusam­men­zie­hen will, jene ist, die sein Kind nicht will…
Abhilfe schafft zwar das Glos­sar, das der Novel zum Schluss ange­hängt ist! Doch manch­mal ist weni­ger mehr, und viel hin­ten hilft nicht unbe­dingt viel vorne, salopp gesagt!
Inso­fern ist die Lek­türe zwar kurz­wei­lig, aber anstren­gend. Zugleich hält sich der Mehr­wert, wenn man z.B. eine tie­fer­grei­fende Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Schaf­fen, dem Kunst­ver­ständ­nis Bas­qui­ats oder auch mit der Pop­kul­tur erwar­tet, in Gren­zen. Psy­cho­lo­gisch zwar durch­aus aus­ge­feilt und erzäh­le­risch geschickt kon­stru­iert, zeigt der Auf­bau ab der Mitte Schwächen.

Big Apple in den 1980ern

Jean-Michel Basquiat (1960-1988)
Jean-Michel Bas­quiat (1960-1988)

Zeich­ne­risch – zumin­dest für jeman­den, der Wert auf klare Lini­en­füh­rung und zeich­ne­ri­sches Detail legt und dabei umfas­sen­dere Gra­phic Novels bevor­zugt – ist „Bas­quiat“ eher schwie­rig zu beur­tei­len. Sicher­lich passt das Knal­lige, auch das Düs­tere, die Farb­ge­bung ins­ge­samt gut zum Big Apple der 1980er, zum Lebens­ge­fühl der Pop­kul­tur. Und bringt zudem Bas­qui­ats lebens­lange Zer­ris­sen­heit, seine Suche nach sich selbst, ange­fan­gen mit sei­nem dys­funk­tio­na­len Eltern­haus, tref­fend auf den Punkt.
Trotz­dem ist der Stil Sören Mos­dals recht redu­ziert und auf die Dauer von 131 Sei­ten zu frat­zen­haft. Gra­phisch wäre mehr mehr gewe­sen, aber über Geschmack lässt sich bekann­ter­mas­sen treff­lich strei­ten. Zu rudi­men­tär und ata­vis­tisch, ist man ver­sucht, es auf zwei Adjek­tive herunterzubrechen.

Ein Leben auf der Überholspur

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Den­noch hin­ter­lässt Volojs Geschichte um Bas­qui­ats wech­sel­haf­tes Leben auf der Über­hol­spur, nicht zuletzt durch Mos­dals erra­ti­sche Dar­stel­lung, einen gewis­sen Nach­hall, der sowohl bei Bas­quiat-Ken­nern als auch bei sol­chen, die es even­tu­ell wer­den wol­len, einen blei­ben­den Ein­druck. Viel Herz­blut steckt in die­sem Werk, wie auch das Nach­wort son­nen­klar bestä­tigt. Und wie die „Black Lives Matter“-Bewegung und die aktu­el­len Gescheh­nisse in den USA seit dem Som­mer die­ses Jah­res zei­gen: An der Rea­li­tät afro­ame­ri­ka­ni­scher Men­schen hat sich seit dem sinn­lo­sen Tod Michael Ste­warts infolge poli­zei­li­cher Bru­ta­li­tät, die (natür­lich) auch Ein­gang in Bas­qui­ats Oeu­vre gefun­den hat, wenig geändert.

Leseprobe - Glarean MagazinBas­qui­ats kur­zes, aber inten­si­ves Leben in eine klein­for­ma­tige, „nur“ 136 Sei­ten lange Gra­phic Novel zu ban­nen war sicher­lich eine Her­aus­for­de­rung, die aller­dings Tex­ter Julian Voloj – ver­bun­den mit einem star­ken Inter­esse an dem Künst­ler – gut gemeis­tert hat. Alles, was er im Nach­wort schil­dert, zeigt sich in den Noti­zen, die wäh­rend mei­ner Lek­türe ent­stan­den sind. Inso­fern: Gelun­ge­ner Comic – mit der Ein­schrän­kung, dass sich eine sol­che Lek­türe auch ohne dau­er­haf­tes Blät­tern im Glos­sar (zumin­dest für den inter­es­sier­ten Laien, der viel­leicht nicht viel über Bas­quiat weiss) bewäl­ti­gen las­sen sollte. ♦

Julian Voloj, Sören Mos­dal: Bas­quiat – Gra­phic Novel, Carlsen Ver­lag, 136 Sei­ten, ISBN  978-355176046

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Gra­phic Novel auch über Ber­thet & Raule: Dein Tod – Mein Kunstwerk

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