Das Zitat der Woche zum Thema Eigentum (Richard Precht)

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Über die Liebe zu den Dingen

Richard Precht

Der Kitzel des Kaufens und die damit verbundene Dynamik von Emotionen sind bis heute kaum erforscht. Mit den Werkzeugen und Waffen der Jäger und Sammler begann [..] die Ausdehnung des Ich in die Dinge. Heute gehört der Erwerb von Dingen und mit ihm der von Images zu den wichtigsten Glücksstiftern in der industrialisierten Welt. Eine Erklärung dafür wäre, dass es mit den anderen Glücksstiftern in diesen Ländern heute nicht mehr weit her ist: mit dem religiösen Glauben, aber auch mit der Liebe. Man kann darüber streiten, ob die immer kürzeren Takte von Liebesbeziehungen eine Folge des Konsumverhaltens sind, wie oft behauptet wird: Die Liebe wird zu einem Markt von kurzfristigen Kicks, von Erwerben und Abstoßen.

Shopping-Kommerz-Weihnachtsgeschäft - Glarean Magazin
„Der Preis, den das Streben nach Eigentum dem Eigentümer selbst abverlangt, ist eine bislang stark vernachlässigte Frage“: Einkaufen als Ersatz-Glück

Nicht weniger plausibel aber ist der Verdacht, dass es auch gerade umgekehrt sein könnte: Weil Liebe keine Langfristigkeit sichert, weiche ich auf den Konsum aus – einfach weil er zuverlässiger ist. Exzessiver Konsum wäre damit so etwas wie ein Zeichen von Lebensangst oder von Bequemlichkeit oder beides. Wo die Gefühlswelten anderer Menschen zu kompliziert sind, verlasse ich mich lieber auf die zuverlässigeren Bilder- und Gefühlswelten von Waren. Ein Mercedes ist auch in fünf Jahren noch ein Mercedes, ein geliebter Mensch, ein Partner oder ein Freund garantiert dies nicht. Auf diese Weise wäre dann auch erklärbar, warum ältere Menschen in ruhigeren Lebensverhältnissen zumeist langfristig hochwertige Dinge bevorzugen; Jugendliche, mit einem altersbedingten geringen Bedürfnis nach emotionaler Zuverlässigkeit, dagegen den schnellen Wechsel – die Mode.

Richard Precht - Philosoph - Glarean Magazin
Philosoph Richard Precht (Geb. 1964)

Kulturgeschichtlich betrachtet hat die Liebe zu den Dingen in den industrialisierten Ländern heute einen Höhepunkt erreicht, den es so noch nie zuvor gab. Wir nehmen somit teil an einem gewaltigen gesellschaftlichen Experiment. Unsere Wirtschaft lebt in einem nie gekannten kurzatmigen Takt davon, Neues zu erfinden und Altes zu vergessen. Keine Gesellschaft mit Ausnahme von Sekten hat jemals den Besitz von Eigentum in Frage gestellt. Selbst der Kommunismus, etwa in der Spielart des Staatssozialismus in den osteuropäischen Ländern, hatte nichts gegen das Privateigentum. Verboten wurde nur der private Besitz von Produktionsmitteln, mit deren Hilfe sich ein Mehrwert erzeugen ließ, der die Menge des Besitzes auf kapitalistische Weise ungleicher verteilt hätte. Noch nie freilich gab es in der Geschichte der Menschheit eine Gesellschaft und einen Lebensstil, der sich in einem solchen Maße über den Erwerb von Eigentum definiert hätte, wie es heute in der industrialisierten Welt der Fall ist.
Die Frage „Was ist Eigentum?“ ist also nicht nur eine juristische, sondern auch eine psychologische Frage. Denn Eigentum bietet eine vergleichsweise stabile Möglichkeit, sich emotional auszudehnen wenn auch mitunter auf Kosten alternativer sozialer Ausdehnungsmöglichkeiten. Der Preis, den das Streben nach Eigentum dem Eigentümer selbst abverlangt, ist dabei eine bislang stark vernachlässigte Frage der Psychologie. ♦

Aus Richard Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? (Eine Philosophische Reise), Goldmann Verlag 2007

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Ein Gedanke zu “Das Zitat der Woche zum Thema Eigentum (Richard Precht)

  1. dieses zitat von Precht legt den finger genau in die wunde unserer zeit, die ersatzdroge shopping durchdringt so sehr alle bereich unserer gesellschaft, dass die dinge allmählich an die stelle des menschen treten!
    nicht ganz einverstanden bin ich mit der aussage, dass jugendliche ein „altersbedingt geringeres bedürfnis nach emotionaler zuverlässigkeit“ hätten. mir ist keine sozialpsychologische studie bekannt, die diese these erhärtet…
    absolut zutreffend ist hingegen die erkenntnis, dass die erwähnte „liebe zu den dingen“ meist „auf kosten alternativer sozialer ausdehnungsmöglichkeiten“ geht. die „dinge“, mit den modernen social medias erst recht hochgeschwemmt, ersetzen uns zunehmend solche ehemals „heilige“ begriffe wie ehre, heimat, verantwortung, nähe, nächstenliebe, solidarität.
    ich will nicht auf konservativismus machen, aber die aktuelle entwicklung der westlichen gesellschaften muss zu denken geben.

    Dr. Gerhard Bauer

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