Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (06)

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In der Top-Etage des Fernschachs (06)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

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Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen spielt zwar kein Fernschach, zählt aber bereits jetzt zu den genialsten und erfolgreichsten Schachspielern aller Zeiten. Trotzdem: In einem regulären Match gegen eines der drei aktuellen Top-Programme bliebe - darin sind sich alle Experten einig - auch ein Genie wie Carlsen absolut chancenlos.
Der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen spielt zwar kein Fernschach, zählt aber bereits jetzt (mit seinen erst 28 Jahren) zu den genialsten und erfolgreichsten Schachspielern aller Zeiten. Trotzdem: In einem regulären FIDE-Match gegen eines der drei aktuellen Top-Programme bliebe – darin sind sich alle Experten einig – auch ein Genie wie Carlsen absolut chancenlos.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – allerdings nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Die kommerzielle Engine Houdini des belgischen Programmieres Robert Houdart in ihrer aktuellen Version 6.03 zählt zu den stärksten Schachprogrammen der Welt und wird von den FS-Spitzenspielern auf der ganzen Welt bei Intensiv-Analysen häufig hinzugezogen.
Die kommerzielle Engine Houdini des belgischen Programmieres Robert Houdart in ihrer aktuellen Version 6.03 gehört zu den taktisch stärksten Schachprogrammen überhaupt und wird von den FS-Spitzenspielern auf der ganzen Welt bei Intensiv-Analysen häufig hinzugezogen.

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Die untenstehende Stellung entstammt der E-Mail-Fernschach-Europameisterschaft vor fünf Jahren und wurde zwischen dem estnischen Meisterspieler Tönu Talpak und dem noch um 100 Elo-Punkte stärkeren Russen Enver Efendiyev generiert.
Setzt man die Position den modernen Schachprogrammen vor, hegen die meisten von ihnen keinerlei Argwohn gegenüber der weißen Stellung. Praktische alle Engines meinen eine ausgeglichene Position vor sich zu haben und bewerten minutenlang mit mehr oder weniger „0.00“.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Doch findige CC-Köpfe wie Efendiyev interagieren mit der Tiefenberechnung des Computers so lange, bis die Stellung nach und nach ihre Geheimnisse preisgibt – und dann entweder wirklich „totgerechnet“ ist oder aber die versteckte Ressource preisgeben musst. Hier hat Weiß keinen spektakulären Winner in petto, aber mit dem von den meisten Programmen lange übersehenen1), nach 15 oder 30 Minuten dann doch präferierten Bauernzug 22… b3 sichert er sich eine nachhaltige Initiative. (Frühere Buch-Kommentatoren redeten in solchen Fällen von „minim besser“). Die Stellung ist für Schwarz nicht nachweislich gewonnen, aber der Bauernvorstoß ist die stärkste Option, die Alternativen bereiten Weiß keine Sorgen).
1)Gibt man den Programmen genügend Zeit für eine Daueranalyse (z.B. 60 Minuten auf durchschnittlicher Hardware), dann bevorzugen und halten sie schliesslich doch den Partie-Zug einigermaßen eindeutig (aber einer Tiefe von ca. 40 Halbzügen). Als Beispiel hier das Analyse-Ergebnis der Engine „AsmFish“ (ein Assembler-Derivat der zurzeit unbestritten stärksten Schach-Engine „Stockfish“):
1. =/+ (-0.34): 22…b3 23.Dc1 Sh5 24.Lxe5 Lxe5 25.Sxc4 Lxg3 26.De3 Lf4 27.Dxb3 De7 28.Sb6  […]
2. = (0.00): 22…Sh5 23.Lxe5 Lxe5 24.Sxc4 Lxg3 25.hxg3 Sxg3+ 26.Kh2 Sxf1+ 27.Lxf1 De5+ 28.Kh1  […]
3. = (0.00): 22…c3 23.bxc3 Sh5 24.Lxe5 Lxe5 25.Sc4 Lxg3 26.hxg3 Sxg3+ 27.Kh2 Sxf1+ 28.Lxf1  […]

Auch hier sind es also oft grundsätzliche Überlegungen (= „Einschnüren des Gegners“), indiziert durch taktisch zugespitzte Stellungsmerkmale, deren späten Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – und weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus vom Computer. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 06

FEN-String: 2r1qrk1/3b1pb1/p2p1np1/3Pn3/Ppp1PB2/5PPp/1PQNB2P/R2N1R1K b

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch:
Die besten Engines der Welt

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