Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (04)

In der Top-Etage des Fernschachs (04)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.
Die Prozessoren des IBM-Superrechners Deep Blue läuteten am Ende des vergangenen Jahrtausends die endgültige Dominanz der Maschine über den Menschen im Schach ein.

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini
Der aktuelle Leader im Computerschach: Die kommerzielle Chess Engine Houdini

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen und Strategemen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Schach-Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will denn auch genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Strategisches Planen versus taktisches Rechnen

Während das erste Beispiel der neuen BCCM-Serie von Testaufgaben noch verhältnismäßig „human“ war (wenngleich nicht im wörtlichen Sinne…), sind die nachfolgenden Puzzles von ganz anderem Kaliber.
Die untenstehende Stellung ist dem Zinser Memorial 2014 (Email-Turnier des ICCF) entnommen und wurde von den beiden CC-Spitzenspielern Valentin Iotov (Bulgarien) und Liviu Neagu (Rumänien) generiert.
Setzt man die Position den modernen Schachprogrammen vor, hegen die meisten von ihnen keinerlei Argwohn gegenüber der schwarzen Stellung; Stockfish & Co. attestieren hier sonnigste Ausgeglichenheit und deklarieren den Remis-Ausgang.

Der 29 Jahre junge Bulgare Valentin Iotov ist nicht nur Fernschach-, sondern auch FIDE-Großmeister (hier an einem Turnier 2007).
Der 29 Jahre junge Bulgare Valentin Iotov ist nicht nur Fernschach-, sondern auch FIDE-Großmeister (hier an einem Turnier 2007).

Doch des FS-Großmeisters Gespür für verborgene Optionen schlug hier Alarm: Ein für den Königsangriff komplett gerüstetes und optimal positioniertes Figuren-Arsenal des Weißen wartet nur darauf, die völlig passive und nur notdürftig verteidigte Königs-Festung des Schwarzen in Trümmer zu legen. Erschwerend für den Nachziehenden kommen eine weit entlegene, vom Geschehen isolierte schwarze Dame und die weißfeldrigen Rochade-Schwächen hinzu, während der Angreifer seine gesamte schwerste Artillerie aufgefahren hat. Es „riecht“ geradezu in solchen Konstellationen nach Explosion – und dafür hat der Mensch „eine Nase“, im Gegensatz zur Maschine. Also sucht er weiter, länger, tiefer – und wird fast immer fündig…

Dies alles sind grundsätzliche Überlegungen, deren (meist gut verborgenen) Konsequenzen weder von Menschen noch von Maschinen auf die Schnelle ausgerechnet werden können – weder direkt am Brett vom Großmeister noch aus dem Stande heraus von der Maschine. Die weitsichtige, wengleich natürlich zeitintensive Planung des Menschen also, dieses tagelange detektivische Aufspüren von versteckten Ressourcen, immer abgesichert mittels interaktiver taktischer Verifizierung durch den Computer – das ist das eigentliche Faszinosum des Korrespondenz-Schachs heute, und das dürfte es noch lange bleiben. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 04

FEN-String: 4nr1k/pp1r2p1/5p1p/2p1PR2/P1B3RQ/3P4/2P3KP/q7 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Computerschach auch:
Die besten Engines der Welt

 

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