W. Schweitzer: 33 Mentaltipps aus der Praxis (Schach)

Die psychologische Seite einer Schachpartie

von Dr. Mario Ziegler

Die Bedeutung der Psychologie im Profisport ist weithin unbestritten – kaum ein Verband, kaum ein Spitzensportler, will auf die Hilfe eines Psychologen verzichten. Umso verblüffender ist es, dass ausgerechnet im Schach – dem „mentalen Sport par excellence“ – der mentalen Seite wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Diese Lücke will Werner Schweitzer mit seiner DVD „33 Mentaltipps aus der Praxis“ schließen.

Der Schach-Mentalcoach Werner Schweitzer

33 Mentaltipps aus der Praxis - Werner Schweitzer (Fritz-Trainer Strategie - Chessbase Hamburg)Einen Überblick über die vielfältigen Tätigkeiten des akademischen Mentalcoachs mit einem Abschluss an der Universität Salzburg bietet die Homepage von Werner Schweitzer. In dieser Besprechung soll es jedoch speziell um den Bereich „Schach“ gehen. Auch auf diesem Gebiet kann der Autor einiges vorweisen. Als Mentalcoach betreute Schweitzer einige Jahre die österreichische Damen-Nationalmannschaft, als Spieler weist er zur Zeit (Dezember 2017) eine Elozahl von 2045 auf, doch gelegentlich ist er zu noch deutlich größeren Leistungen fähig. Sein sportliches Highlight dürfte ein vierter Platz bei der österreichischen Meisterschaft 2009 vor zahlreichen deutlich höher gewerteten Spielern aus unserem Nachbarland sein:

Die Top-20-Rangliste der Österreichischen Meisterschaft von 2009 in Jenbach (4. Platz: Werner Schweitzer)
Die Top-20-Rangliste der Österreichischen Meisterschaft von 2009 in Jenbach (4. Platz: Werner Schweitzer)

Hier eine ansprechende Angriffspartie jüngeren Datums:

Halfhide, Sebastian (2119) – Schweitzer, Werner (2067)
(Groningen op-A 53rd 2015)

1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sf6 5.Sg3 h5 6.Lc4 h4 7.S3e2 Lg4 8.Dd3 e6 9.Sf4 Sbd7 10.Sf3 Ld6 11.h3 Lf5 12.De2 Dc7 13.Sd3 Sd5 14.Sde5?! Laut dem Computer führen viele Züge zu einer ausgeglichenen Stellung, unter anderem 14.0–0, was aber einem Menschen wegen der schwarzen Bemühungen am Königsflügel vielleicht Unbehagen bereitet. Aus menschlicher Sicht ist vielleicht 14.c3 am naheliegendsten. Aber dem Weißspieler war vermutlich der 16. Zug des Gegners entgangen.
14…Sxe5 15.dxe5 Lb4+

16.Ld2?
16.c3?? verliert offensichtlich wegen 16…Sxc3, weswegen der Computer das unschöne 16.Kf1 als absolute Pflicht ansieht. Aber wieso kann Weiß nicht mit einem Läufer auf d2 das Schach bedienen? 16…Sf4!–+ 17.Dd1 0–0–0 18.c3 Le7 19.Db3? Notwendig war 19.0-0. 19…Sxg2+ 20.Kf1

20…Txd2!
Bei Weitem nicht der einzige Gewinnzug (der Computer hält 20…Le4 für sogar noch stärker – 21.Kg2 wird dann mit 21…Txd2 beantwortet), aber die ästhetischste Fortsetzung: Der Wunderspringer kann erneut mit furchtbarer Wirkung das Feld f4 betreten. 21.Sxd2 Sf4 22.Te1 Lxh3+ 23.Kg1 Th5 24.Lf1 Tg5+ 25.Kh2 Lxf1 26.Thxf1 Txe5 27.Kh1 Txe1 28.Txe1 Sd3 29.Te3 Sxf2+ 30.Kg2 Lc5 31.Tf3 Sg4 32.Sf1 Se5 33.Th3 De7 34.Dd1 Dg5+ 0–1

Kaum Partien aus der Meisterpraxis

Die DVD der bekannten Hamburger Schachsoftware-Schmiede Chessbase besteht aus 35 Videos in einer Gesamtlänge von ca. 3,5 Stunden, deren Kernpunkte – relativ identisch – noch einmal als Datenbanktexte beigefügt sind. Partien sucht man in Schweitzers Werk vergeblich. Dies ist kein großer Schaden, versteht es der Autor doch, sehr anschaulich zu beschreiben, worum es ihm geht und welche Methoden er empfiehlt. Nur gelegentlich habe ich ein praktisches Beispiel aus der Meisterpraxis (oder auch aus der Praxis Schweitzers) vermisst. Wenn etwa in Kapitel 13 („Wie Sie vom schlechten Zeitmanagement Ihres Gegners profitieren“) ausgeführt wird: „Wenn Sie von einem bevorstehenden Gegner wissen, dass er so schnell spielt, sollten Sie das bei der Eröffnungswahl und bei der Spielanlage berücksichtigen. Diese Spieler sind gezwungen sehr intuitiv zu spielen und können keine genauen Berechnungen anstellen. Wenn Sie sich in taktischen Stellungen wohl fühlen, bringen Sie gezielt solche Stellungen aufs Brett. Suchen Sie möglichst konkrete Stellungen und stellen Sie den Gegner laufend vor taktische Probleme. Für andere Spieler wiederum ist es generell schwierig Entscheidungen zu treffen. Sie sind oft Perfektionisten und meist schon nach 20 Zügen in Zeitnot. In diesem Fall ist es umso schwieriger für Ihren Gegner in ruhigen, positionellen Stellungen zu Entscheidungen zu kommen, da sich der langfristig beste Zug in solchen Stellungstypen schwerer ermitteln lässt. Wenn dieser Spielertyp dann in Zeitnot ist, verschärfen Sie die Stellung, sodass Sie Ihrem Gegner eine hohe Rechenleistung abverlangen.“, so hätte man sich hier durchaus ein Beispiel vorstellen können.

Große Bandbreite der Themen

Legendäres Vorbild zahlreicher turnierpsychologischer Lehrbücher: "Schach für Tiger" aus der ro-ro-ro-Reihe "Juniorschach" von Simon Webb
Legendäres Vorbild zahlreicher turnierpsychologischer Lehrbücher: „Schach für Tiger“ aus der ro-ro-ro-Reihe „Juniorschach“ von Simon Webb

Welche Themen finden sich nun auf der DVD? Es wird eine große Bandbreite geboten. Der Partie in ihren verschiedenen Stadien werden etliche Lektionen gewidmet: Von Maßnahmen vor dem Spiel (etwa Umgang mit Nervosität oder Partien gegen Angstgegner) über das Verhalten am Brett selbst (Entspannungsphasen, Umgang mit Fehlern, das Gewinnen von gewonnenen Partien, Widerstand in schlechten Stellungen u.v.m.) bis hin zur Phase unmittelbar nach der Partie (z.B. der Umgang mit Niederlagen während eines Turniers). Hier kommen viele dezidiert schachliche Fragen zur Sprache, ebenso in den Kapiteln über (eigenes und gegnerisches) Zeitmanagement, die Nahrungsaufnahme vor und während der Partie oder die Besonderheiten des Mannschaftskampfs. Andere Kapitel sind allgemeiner gehalten: Wenn in Bezug aufs Training ausgeführt wird, man solle sich ein herausforderndes, aber erreichbares Ziel setzen und dieses in kleinen Etappen anpeilen, so ist dies gewiss nicht nur im Zusammenhang mit dem Schach ein hilfreicher Hinweis.

Mentale Stärken bei Weltmeister Magnus Carlsen

Mental sehr stark: Schach-Weltmeister Magnus Carlsen (Geb. 1990)
Mental sehr stark: Schach-Weltmeister Magnus Carlsen (Geb. 1990)

Interessant fand ich ein Video, das Weltmeister Magnus Carlsen gewidmet ist. Schweitzer sieht bei ihm drei besondere mentale Stärken: Eine grundsätzlich etwas zu optimistische Stellungseinschätzung, die den Norweger dazu bringt, Stellungen auf Gewinn zu spielen, die andere vielleicht bereits Remis geben; ein konsequentes Spiel auf Gewinn auch mit den schwarzen Steinen, was sogar die Wahl von Eröffnungen impliziert, die es dem Weißen erschweren, ein schnelles Remis zu erreichen; zuletzt: Ein „immens stark ausgeprägtes Selbstvertrauen“, das Carlsen auch nach einem schlechten Turnierstart nicht verlässt. Selbstverständlich bedingen diese Stärken gleichzeitig eine Gratwanderung, die Carlsen bekanntlich gelegentlich drastische Niederlagen erleiden lässt, aber unbestreitbar hat der Weltmeister ganz überwiegend Erfolg damit.

Kompakte Tipps-Sammlung für Turnierspieler

Ein großer Verdienst der „33 Mentaltipps aus der Praxis“ von Werner Schweitzer besteht darin, dem Turnierspieler eine kompakte Sammlung von Hilfsmitteln an die Hand zu geben, mit denen er seine Einstellung zu verschiedenen Aspekten des Schachs verändern kann. Eine solche Sammlung fehlte bislang.
Ein großer Verdienst der „33 Mentaltipps aus der Praxis“ von Werner Schweitzer besteht darin, dem Turnierspieler eine kompakte Sammlung von Hilfsmitteln an die Hand zu geben, mit denen er seine Einstellung zu verschiedenen Aspekten des Schachs verändern kann. Eine solche Sammlung fehlte bislang.

Was bleibt bei dieser DVD hängen? Zum einen sind etliche der Tipps – was in der Natur der Sache liegt – nicht bahnbrechend neu. Dass man während der Partie störende Gedanken möglichst ausblenden sollte, und dass der Erfolg einer Mannschaft mutmaßlich größer ist, wenn sie auch menschlich gut harmoniert, ist nichts, was man noch nie gehört hat. Dennoch ist es hilfreich, dass auch solche gut bekannten Dinge noch einmal klar formuliert werden und der Bezug zum Schach jederzeit hergestellt wird. Ich persönlich habe durch Werner Schweitzers Arbeit viele interessante Aspekte neu gelernt, so etwa die Idee, ein „mentales Wettkampftagebuch“ anzulegen, in dem Notizen vor und unmittelbar nach der Partie festgehalten werden, durch die bestimmte mentale Stärken und Schwächen ausfindig gemacht werden sollen. Ein großer Verdienst der „33 Mentaltipps aus der Praxis“ besteht darin, dem Turnierspieler eine kompakte Sammlung von Hilfsmitteln an die Hand zu geben, mit denen er – oft ohne großen Aufwand – seine Einstellung zu verschiedenen Aspekten des Schachs verändern kann. Eine solche Sammlung fehlte bislang – zumindest nach meinem Kenntnisstand. Inwieweit sich der Leser auf die einzelnen Methoden einlässt, ist selbstverständlich ihm überlassen. ♦

Werner Schweitzer: 33 Mentaltipps aus der Praxis, Schach-DVD mit Lehr-Videos, Chessbase Hamburg

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Psychologie auch über Marion Bönsch-Kauke: Klüger durch Schach (Forschung)


Kommentare sind willkommen!