Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM (02)

In der Top-Etage des Fernschachs (02)

von Walter Eigenmann

Der Computer veränderte und verändert noch immer bekanntlich alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens – und geradezu dramatisch dokumentierte sich diese Veränderung u.a. im Bereich der Unterhaltungsindustrie. Hier genauer gemeint: des Schachspiels.
Denn seit dem in den letzten Jahren die sog. Chess Engines (= die eigentlich rechnenden „Motoren“, eingebettet in diverse verfügbaren Schach-User-Interfaces GUI) eine derart hohe Spielstärke erreicht haben, dass jeder menschliche Großmeister (der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen inklusive) absolut chancenlos ist, hat das Schach seinen einstigen Nimbus des zauberhaften Königlichen Spiels, des unerschöpflichen Meeres an genialen Kombinationen und seiner vielhundertjährigen Kulturgeschichte für viele seiner Adepten verloren.

Legendäre Schachkombinationen entzaubert

Einer der Urväter des modernen Computerschachs: Der IBM-Großrechner Deep Blue von 1996 (Match-Sieger 1997 gegen Weltmeister Garry Kasparow) - Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM
Einer der Urväter des modernen Computerschachs: Der IBM-Großrechner Deep Blue von 1996 (Match-Sieger 1997 gegen Weltmeister Garry Kasparow)

Die buchstäblich unmenschliche Präzision und Tiefe des maschinellen Berechnens ist denn auch heutzutage nicht mehr dazu angetan, irgend einen Zauber des menschlichen Geistes zu beschwören, der auf (zwangsläufiges) Patzen in den Turniersälen (gestern und heute) oder auf jahrzehntelang hochgelobte Zugkommentare in Schachbüchern voller grober Fehler und Ungenauigkeiten basiert. Schätzungsweise 90% aller vor der letzten Jahrhundertwende geschriebenen Schachbücher dürften im Lichte des modernen Computerschachs betrachtet inzwischen Makulatur sein – Kult-Bücher einst legendärer Schach-Genies von Steinitz bis Karpow eingeschlossen. Die damals weltweit gefeierten Super-Kombinationen von Bobby Fischer & Co. entpuppen sich heute unterm Mikroskop von Houdini & Co. als sekundenschnell gefundene Simplizitäten, wo sie nicht überhaupt gar unkorrekt sind. Dass dies der schachgeschichtlichen Leistung der damaligen Genies allerdings nichts anhaben kann, muss nicht extra betont werden. Trotzdem: Das Schachspiel mag nach wie vor (gemäß Goethe) „ein Prüfstein des Gehirns“ sein – aber nicht für Computer…

Das Fernschach als Labor des schachlichen Erkenntnisgewinns

20 Jahre nach Deep Blue: Das mächtige Open-Source-Projekt Stockfish (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
20 Jahre nach Deep Blue: Das mächtige Open-Source-Projekt Stockfish

Wenn also der (frühere wie heutige) menschliche Turnier-Schachbetrieb (ob online oder on-the-board) unergiebig geworden ist, wenn es darum geht, nach wirklich „tiefen“, nach besonders „schwierigen“ Kombinationen zu fahnden, so verhält es sich mit dem modernen Fernschach FS (Correspondence Chess CC) mittlerweile anders. Denn hier sind die Topspieler der internationalen FS-Szene längst dazu übergegangen, den Computer in ihre (oft tagelangen) Stellungsanalysen einzubeziehen.
Und die interaktive Verbindung von menschlichem „Planen“ bzw. Lenkung des „Mainstreams“ einer Schachpartie mit der ungeheuren Akkuratesse der heutigen Engines zeitigt inzwischen wirklich bewunderswerte Schachzüge, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht faszinierend sind, sondern auch quasi schach-„erkenntnistheoretisch“ großartige Leistungen darstellen, die das Fernschach ausweisen als regelrechtes Forschungslabor.

Wer unter den Schachfreunden der "Glarean"-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie unter Namensnennung des "Finders" hier veröffentlicht werden. (Aus der Serie Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM)
Wer unter den Schachfreunden der „Glarean“-Leserschaft eine (noch unveröffentlichte) Fernschach-Stellung kennt, die in unsere BCCM-Reihe passen könnte, ist gerne eingeladen, die entspr. PGN an die Redaktion zu senden. Vielleicht kann sie dann unter Namensnennung des „Finders“ hier vorgestellt werden!

Die neue Reihe „Brilliant Correspondence Chess Moves“ BCCM will genau solche Fernschach-Kombinationen präsentieren, die zwar frappant, aber auch korrekt, zwar schwierig zu finden, aber nicht „unlösbar“ sind. Züge also, die vom menschlichen Meisterspieler erst nach langer Analyse aufspürbar sind – mithilfe des Computers…

Das Forschungslabor „Fernschach“

Während das erste Beispiel der neuen BCCM-Serie von Testaufgaben noch verhältnismäßig „human“ war (wenngleich nicht im wörtlichen Sinne…), ist das zweite BCCM-Puzzle von einem anderen Kaliber. Die Stellung ist einer ICCF-Fernschach-Partie des E-Mail-Turniers „Sevecek Memorial“  entnommen, die zwischen dem spanischen CC-Großmeister Ángel-Jerónimo Manso-Gil und dem finnischen CC-GM Auno Siikaluoma ausgetragen wurde.

In der Nahschach-Turnierszene ergab sich die untenstehende Stellung (aus der Tschigorin-Variante des „Spaniers“) schon öfters, wie entspr. Recherchen zeigten, wobei der Weiße praktisch immer auf g4 schlug und das Spiel damit oft verflachte. Den starken Springer-Zwischenzug nach h2 führten Fernschach-Großmeister in die Praxis ein – Manso-Gil war dabei nicht der erste Spieler, der ihn anwandte; in meiner Datenbank fand ich noch eine ICCF-Partie Sizov-Krivtsov aus dem Jahre 2009 mit 19.Sh2 – wohl das Vorbild von Manso…)
Jedenfalls ist diese BCCM-Stellung ein schönes Beispiel dafür, wie das Forschungslabor „Fernschach“ die Eröffnungstheorie nachhaltig weiterführen kann. ♦

Brilliant Correspondence Chess Moves BCCM – 02

FEN-String: r2qrbk1/1b1n2p1/p2p3p/1ppP4/Pn2P1p1/R4N1P/1P1N1P2/1BBQR1K1 w

Ein Mausklick auf eine Stelle in der Partie-Notation öffnet ein neues Partie-Fenster; dort lassen sich die Züge nachspielen und die Partie als PGN-Datei downloaden. Um die Aufgaben selber schnell (mittels copy&paste) in ein Programm bzw. in ein Schach-Interface laden zu können, ist jeder Stellung auch der zugehörige FEN-String beigegeben.

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Correspondence Chess auch das Interview mit Fernschach-Großmeister Arno Nickel

Hier finden sich alle bisherigen BCCM-Aufgaben


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