Gedicht des Tages: Gebet (Wolf Wondratschek)

Ge­bet

Nachts, jen­seits der Zeit schon und ferne,
hörst du das Sin­gen der Winde, und du siehst
Berge bren­nen, die wie ein Feu­er­werk fal­len­der
Sterne ver­glü­hen. Zu tief liegt da un­ten

die Erde, die­ses In­ferno der Gleich­gül­tig­keit,
das auch der La­chende nur ein­ge­schüch­tert über­steht,
und selbst der Glück­li­che ist an sein Glück ge­bun­den
wie der Er­hängte dort an sei­nem Strick;

un­gläu­big zö­gernd noch wie un­ter gro­ßen Mü­hen
spricht der Ein­same jetzt sein ers­tes Ge­bet,
die Au­gen weiß und leer, vom Sau­fen er­nüch­tert,

das Herz zu sehr ans Zer­sprin­gen ge­wöhnt.
Der Ab­schied dann, und dann die Stille,
die al­les Le­ben über­tönt.


Wolf Wond­rat­schek (*1943)

Wolf Wondratschek

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin auch aus der Ru­brik „Ge­dicht des Ta­ges: Charles Bu­kow­ski: Na­tur-Ge­dicht

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