Das Zitat der Woche

.

Die Bedeutung von Musik und Musikalischer Bildung

Hermann J. Kaiser

Wir sind eine nahezu durchgängig und umfassend musikalisierte, eine musikalisch weitgehend hoch professionalisierte Gesellschaft. Wer aber würde wagen zu behaupten, wir stellten eine musikalisch gebildete Gesellschaft dar? Das halte ich nicht für problematisch. Sich dieses einzugestehen, macht frei für die Entwicklung musikpädagogischer Maximen und Regulative ihrer institutionellen Einbindung, die aus dem Affirmationsgestus vergangener Jahrzehnte herausführen könnten. Es macht zunächst einmal dafür frei, darauf zu insistieren, dass die Tat-Sache Musik und alles, was mit ihr zusammenhängt, einen ökonomischen Faktor darstellt, der nicht zu verachten ist. Man versuche einmal, Musik aus unserer Gesellschaft wegzudenken!
Es macht fernerhin frei dafür, auf das soziale Gewicht der Tatsache Musik nachdrücklich zu verweisen. Wer sich in jugendlichen Peergroups einmal umgesehen hat, wer einmal das Publikum bei Konzerten von der sozialpsychologischen Seite her betrachtet hat, wer in Altenheimen musikalisch und pädagogisch tätig gewesen ist, wird diesen Aspekt nicht leugnen können. (Ich spreche hier nicht von den Wirkungen, welche Musik auf die betreffenden Menschen ausübt, da müsste man wieder spekulieren. Ich rede von den Resultaten dieser Wirkungen, die nachweisbar sind. Man versuche, sich die gesellschaftlichen Folgen davon vorzustellen, wenn Musik aus diesen Kontexten, die ich hier nur beispielhaft herbeigebracht habe, herausfiele… !)
Wir müssen uns aber auch klar machen, dass jede Form musikalischer Praxis in sich bereits für die daran beteiligten Subjekte eine Lernpraxis darstellt. Institutionalisierungen musikalischen Lernens und musikalischer Erziehung sollten sich dessen immer bewusst bleiben. Ästhetische Erfahrungen lassen sich nicht verordnen, ihre Erweiterung und Vertiefung zu einer Form von Bildung muss von den daran beteiligten Subjekten gewollt und selbst in die Wege geleitet werden. Unabhängig von dieser Zurückhaltung jedoch ist der Musikpädagogik auferlegt, die Institutionalisierung und Alimentierung von Lernräumen öffentlich einzufordern, welche den unabweisbaren Professionalisierungsbedarf der musikalischen Gebrauchspraxis unserer Gesellschaft befriedigen. Dieses kann und darf nicht verantwortungslos überwiegend privater Opferbereitschaft zugemutet bleiben.

Aus: Hermann J. Kaiser, Die Bedeutung von Musik und Musikalischer Bildung, Musikforum 83 («Ästhetische Theorie und musikpädagogische Theoriebildung»), Schott Verlag 1995

Ein Gedanke zu “Das Zitat der Woche

  1. Wie war, und bitter nötig eine differenzierte und fundierte Diskussion über den Stellen wert von Musizieren und von Musik (insbes. der klassischen) in unserer Gesellschaft.
    Wir selber haben 3 (von 5 Kindern), die in der Musik (und anderen Gebieten) absolute Hochbegabung zeigen. Sie spielen auf höchstem Niveau Violine, Klavier, Cello und Schach…(passend zu dieser Zeitschrift).
    Seit 3 Jahren in der Schweiz stellen wir enorme Defizite in allen Gebieten der Vermittlung fest. Nicht dass es an Konzepten fehlen würden, aber institutionelle, strukturelle und politische Mängel führen dazu, dass wir einerseits eine verniedlichste und banalisierte Vorstellung der Musik als pädagogischer Wundertüte pflegen: Musik soll konzentrationsschwache Kinder fesseln können, soll erzieherische Effekte haben (1h ruhig sitzen und zuhören..), gehört halt einfach zur Bildung, und soll alle Kinder erreichen (Klassenmusizieren, Breitenförderung an Musikschulen). Die Forderung nach Breite wird aber nicht eingelöst, an den Musikschulen tummeln sich in erster Linie die Besserverdienenden (aber nicht nur).
    Die Förderung der Talentierten besteht zwar auf dem Papier, funktioniert aber schlechter als mangelhaft. Die Kosten bleiben an den Eltern hängen. Für uns, mit 3 Kindern, die in unterschiedlichen Gebieten Hochleistungen bringen und entsprechende Förderung benötigen, ist die finanzielle und zeitliche Herausforderung zu hoch geworden. Hochbegabung können wir uns nicht mehr leisten.

    Kulturpolitisch fröhnen wir einem Kulturimperialismus, der in St.Petersburg gönnerhaft Talentschmieden unterstützt, in denen Kinder unter einem strengen Regime, das man schon als Missbrauch der Kinder bezeichen muss -etwas, was wir von Athleten aus dem Osten generell schon kennen) zu zukünftigen Stars abgerichtet werden. Diese sollen später, fertig geschliffen, uns als billige und willige Orchestermusiker und Lehrer an den Musikschulen dienen. Sie füllen unsere Konzertsääle, wo sich das bourgeoise Bürgertum (und dazu kommt neu auch das jungen Partyvolk, das es hip findet, in den Tempeln des Grossbürgertums abzutanzen) abgesondert von anderen Schichten sich selber bespiegeln und beweihräuchern kann.

    An den Schulen (bis und mit Sekundarstufe) haben wir Dinge erlebt, wie dass ein Musiklehrer den Kinder tatsächlich vorgibt, Bach sei ein Renaissancekomponist, und Mozart ein Barockkomponist. Das lässt vermuten, dass er beim lesen eines Wikipedia-Artikels um eine Zeile verschoben ist, und selber keine Ahnung hat. Das wird leider bestptigt durch weitere Ausführungen. Überhaupt: in 3 Jahren Sekundarstufe war’s das mit Klassik. Eine Doppelstunde Amadeus-Film, und falsches Wiki-Zitat. Der Rest der 3 Jahre durchgebracht mit absingen von der CD von schlechtem Pop. zum Teil mit Inhalten, die nur knapp nicht gegen die Rassismusnorm verstossen.
    Wir können noch so schöne Konzepte zu Bildung machen, wenn wir solche Muffel von Lehrer akzeptieren….in den Schulen herrschen doch unhaltbare Zustände!!

    Es gäbe noch viel zu sagen zur falschen Dialektik der gegenwärtigen Kulturdiskussion. Hier soll es nur mal angerissen sein, was das Thema alles an Sprengstoff beinhaltet.

    Gefällt mir

Ihre Meinung ist willkommen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s