Das Zitat der Woche

Über die Musikerziehung als Mittel gegen Vorurteile

Barbara Knab

Belege für die Vermutung, dass das intensive Kennenlernen einer zunächst fremden Musik kulturellen Vorurteilen entgegenwirkt, kommen aus Portugal. Eine Arbeitsgruppe um Félix Neto aus Porto entwickelte eine spezielle interkulturelle Unterrichtseinheit für Musik. Fünf sechste Klassen an zwei Lissabonner Schulen, insgesamt 229 Schüler, bekamen 20 zusätzliche Doppelstunden Musik, ein halbes Jahr lang einmal pro Woche. Sie befassten sich intensiv mit Liedern im portugiesischen Nationalgesang Fado und im Morna-Stil der Kapverdischen Inseln. Auf diesen Inseln vor Afrika wird noch immer Portugiesisch gesprochen, ein Erbe der Kolonialzeit. Die Kinder erfuhren Hintergründe der Musikstile, Biografien von Sängern und Sängerinnen, hörten Lieder beider Kulturen in verschiedenen Interpretationen, sangen sie selbst und choreografierten Tanzinszenierungen dazu. Sie setzten sich also mit beiden Musikkulturen intensiv auseinander, emotional wie kognitiv.
Vor und nach dem halben Jahr interkulturellen Unterrichts bearbeiteten alle Kinder zwei Tests, in denen es um explizite sowie unterschwellige Vorurteile gegenüber Dunkelhäutigen ging. Außerdem gab es Nachtests drei Monate sowie drei Jahre nach dem Ende des Unterrichtsprojekts. Die Kinder in den fünf Parallelklassen machten jeweils dieselben Tests, hatten aber Unterricht wie immer.
Das Ergebnis ist verblüffend. Anfangs dachten die Kinder alle gleich über Dunkelhäutige, Vorurteile waren nicht extrem, aber deutlich. Bei den Kindern aus den fünf Vergleichsklassen blieb das konstant. Die musikalisch interkulturell trainierten Kinder hatten dagegen ihre Einstellung geändert. Explizit äußerten sie weniger Vorurteile, und ihre impliziten, unterschwelligen Vorbehalte waren sogar noch deutlicher geschrumpft. Beides blieb auch in den folgenden Monaten erhalten, die impliziten Vorurteile nahmen sogar noch weiter ab. Diese Kinder hatten die kapverdische als eine Art verwandter Musik kennen- und schätzen gelernt. Sie schienen diese Wertschätzung auf kapverdische Menschen und in der Folge auf Dunkelhäutige an sich ausgedehnt zu haben. ♦

Aus: Barbara Knab, Mit Musik wachsen – in: PSYCHOLOGIE HEUTE 08/2016

Ihre Meinung ist willkommen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s