Satire zum Jahreswechsel

Die Neujahrsrede eines Besoffenen

Anton Kuh

Immer wieder in den Wirrnissen und Taumeln der letzten Jahre tauchte die Erinnerung an jenen Mann in mir auf, der anno 1913 am Heurigentisch in Wien über Gegenwart und Zukunft philosophierte.
Er war ein Mensch, wie wir ihn alle kennen: der Mann, der einen Schwips hat und den in diesem Zustand ein sentimentales Bedürfnis anwandelt, in das von Zeitungslektüre und Wählerversammlungsschwall angerichtete Chaos seines Gehirns Ordnung zu bringen. Der Denk-Stotterer, der bei 40 Grad Alkohol im Schatten die Worte, die in seinem Kopf durcheinanderliegen, auf einmal zu einem Sinn verbinden möchte. »Wenn amal der alte Kaiser stirbt«, begann er, »uj je… heut geht’s noch z’samm… de Krowoten haben a Angst vor die Polen, und der Ruß traut sie net zubi… aber wenn seine durchlauchtigste Majestät… «, er stand auf, salutierte und setzte sich wieder, »seine apostolische Nunzialität, der Monarch, die Augen schließt… dann geht’s an! Dann haben m’r den Krieg! Aber dös wird net a so a gacher Krieg… alle gehen’s nachher auf uns los, alle…«
Man lächelte und rückte weg.

Anton-Kuh-Glarean-Magazin
Anton Kuh (1890-1941)

»…Da kommen zerscht die Russen, die Serben, die Rumänen… der Deutsche schaut auch net still zua… der Franzos‘ geht auf den Deutschen… dann kommt das britische Königreich England mit Schottland und Großbritannien… Belgien… die Italiener… nachher Montenegro, Paraguay… ja natürlich Amerika a… lachen’s net… de Amerikaner spitzen schon drauf… dann haut si no Japan dazua… dö halten eh schon lang mit de Böhm… Und wissen S‘, was außer kummt? Also mir amal, mir Österreicher – mir san hin… Da gibt’s kan Kaiser nimmer… mir wer’n republikanisch… so wia in der Grafschaft Siam… die Dynastie verziagt si… mir kriag’n an Präsidenten… an Sozi… bis zur Grenz‘ wird a Stund‘ sein… Atzgersdurf kommt an Ungarn… na jo… manen S‘, die Ungarn lassen sich die G’schicht g’fallen? In Rußland schmeißens den Zaren außi!«
»Sie haben schon g’nug«, sagte einer und schob ihm das Glas weg.
»Na! I bin no net firti… der deutsche Kaiser, der fliagt a dauni… da setzen’s an G’hilf’n ein… und nachher kummt erst der rechte Kriag… die Sachsen gengan Hessen, Schlesien wirft sich auf Bayern… und die Böhm, die haben a eigens Land, dös geht bis Preßburg.«
»Da kann man also mit der Elektrischen zu den Tschechen fahren?« kam ein maliziöser Einwurf.
»Wann S‘ wollen, können S‘ nachher hinfahren, wenn S‘ einikummen… aber wissen S‘, was Ihna die Fahrt kosten wird?«
»100 Kronen«, frozzelte ihn der Maliziöse, »nach dem 20-Heller-Tarif.«
»100 Kronen? Tausend! Fufz’gtausend! Hunderttausend! Geld ist nachher an Dreck wert… de Schlurf und Gauner kaufen si‘ Wien zsamm… Was manen S‘ wird ein Stückl Brot kosten? 2000 Kronen… und a Anzug Millionen… Wie teuer is heut a Rindfleisch Kimbger? 24 Kreuzer? Dös kost amal glei 20 000 Kronen. Die Egyptischen wern aus Roßknödeln g’macht… In Deutschland, da kummt’s no ärger… da wird’s Mörder geben, die fressen Hund und Menschen z’samm. Aus Oberschenkeln machen sa si panierte Schnitzel… «, jetzt kam er schon ins schreiende Randalieren, »mit der Haut von Schlosserg’sellen wern sa si die Wäsch z‘ sammbinden… aus die Darm wird a Kompott…«
Ein Postoffizial, der dem Randal ein gemütliches Ende machen wollte, unterbrach ihn mit der Frage:
»Und was wird mit die Beamten?«
Der Redner sah ihn an, trank einen Schluck, sah ihn nochmal an und sprach mit einem Seufzer:
»De wer’n bleiben!« ♦

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