Das Zitat der Woche

Musik und Gehirn

Das Gespür für Musik haben, abgesehen von Patienten mit seltenen neurologischen Erkrankungen, alle Menschen: Jeder ist grundsätzlich musikalisch. Wir alle können einfache Melodien mühelos in unterschiedliche Tonarten transponieren, auch ohne den Begriff der Tonart zu verstehen – also dieselbe Melodie von einem anderen Grundton beginnend singen. Der Neurowissenschaftler und Musiker Daniel Levitin von der kanadischen McGill University hat zudem nachgewiesen, dass auch Laien über ein weit besseres musikalisches Gedächtnis verfügen, als es ihnen selbst bewusst ist. Er bat Nichtmusiker, ihr Lieblingslied zu singen – ausgewertet wurden dabei nur Stücke, von denen es eine Aufnahme in einer festgelegten Tonart gab. Obwohl die 40 Testpersonen protestierten und von sich selbst sagten, gar nicht singen und erst recht keinen Ton halten zu können, zeigten die Aufnahmen doch, dass sie Stücke wie «Billie Jean» von Michael Jackson oder «Like a Virgin» von Madonna überraschend originalgetreu reproduzierten. Auch ohne absolutes Gehör sangen sie die ausgewählten Lieder nahezu in der Originaltonhöhe und fast im exakten Tempo. «Es klang, als würden die Testpersonen direkt zur Aufnahme mitsingen – dabei hatten wir ihnen diese gar nicht vorgespielt», schreibt Levitin in seinem Buch «Der Musik-Instinkt».
Das Experiment zeigt, wie sehr sich Musik, oftmals schon ganz früh, ins Gehirn einprägen kann. So auch bei den vielen hervorragenden asiatischen Musikern, die ein Feingefühl für europäische Musik entwickelt haben: Sie wurden von Kindheit an mit dieser Musik groß – die Musik der eigenen Kultur spielte bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Anders ist es bei Menschen in Indonesien beispielsweise, die bisher nichts mit westlicher Musik verband: Europäer, die in Jakarta leben, tun ihren einheimischen Nachbarn akustische Qualen an, wenn sie eine Beethoven-Sinfonie laut abspielen. Auf uns wiederum wirkt eine indische oder indonesische Komposition unweigerlich fremd – die andersartigen Tonleitern haben wir niemals in Form von Kinderliedern geübt.

Den Einfluss von Musik auf unser Gehirn haben auch Hirnforscher erkannt. Der deutsche Neurowissenschaftler Stefan Koelsch etwa hat in Untersuchungen zeigen können, dass fröhliche Musikstücke wie zum Beispiel das Allegro aus Bachs Viertem Brandenburgischem Konzert oder eine irische Tanzweise bei Patienten die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut verringerten – während einer Operation benötigten sie weniger von dem Narkosemittel Propofol.
Aufgrund solcher und anderer Wirkungen untersuchen Forscher zunehmend den Einsatz von Musik als Medizin. Manche Menschen lernen nach einem Schlaganfall oder einem Hirntrauma zusammen mit einem Therapeuten am Klavier, ihre Bewegungen wieder zu koordinieren. Tinnitus-Patienten kann speziell bearbeitete Musik dabei helfen, das rätselhafte Pfeifen und Klingeln in den Ohren wieder loszuwerden. Bei Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen kann gemeinsames Singen Verhaltensstörungen wie Aggressionen mildern, und die richtige Musik kann verschüttete Erinnerungen zurückholen und dem Leben wieder einen emotionalen Halt geben. So eng verwoben scheint Musik mit unserer Biografie, dass sie als emotionaler Kern selbst dann zurückbleibt, wenn andere Teile der Persönlichkeit bereits bröckeln und die Erinnerungen dahinschwinden.
Musik kann sogar Hirnstrukturen formen. Bei Profimusikern sind solche Veränderungen auf Hirnscans besonders gut sichtbar. So ist bei ihnen zum Beispiel der sogenannte Balken, der die beiden Gehirnhälften verbindet, deutlich dicker, insbesondere wenn die Musiker vor ihrem siebten Lebensjahr den Unterricht am Instrument begonnen haben. Auch bei Amateurmusikern lässt sich in manchen Teilen der Großhirnrinde eine Zunahme der grauen Substanz nachweisen, was auf eine Vergrößerung der Nervenzellen oder auf eine intensivere Verschaltung hindeutet. ♦

Aus Birgit Herden: «Die Macht der Musik», ZEIT-Online (Wissen Psychologie), Dezember 2011

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