Reinhard Wosniak: Felonie (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 7 Minu­ten

Das Motiv der Freiheit

von Dr. Wolf­gang Dalk

Der Froh­bur­ger Schrift­stel­ler Rein­hard Wos­niak legt mit „Fel­o­nie“ eine umfäng­li­che Fami­li­en­saga vor. Doch 555 Sei­ten sind noch nicht genug. Er ver­weist dar­auf, dass „Fel­o­nie“ das „erste Buch“ sei. Das heisst auf eine Fort­set­zung hof­fen. Das ist auch gut so. Denn die Geschichte von Begeg­nung und Tren­nung, Ent­frem­dung und Ver­lust, Treue und Ver­rat wirkt noch nicht voll­endet. Es blei­ben Fra­gen. Wenn die in einem wei­te­ren Band ange­gan­gen wer­den, schlösse sich ein Kreis, den Wos­niak sehr behut­sam geöff­net hat, um seine Leser mit Wor­ten und Sät­zen in die Geschichte des Max Gut­ten­tag und sei­ner Fami­lie hin­ein­zu­zie­hen und nicht gleich wie­der zu ent­las­sen. Da reflek­tiert der Leser wohl zu Recht auf ein wei­te­res Lese­aben­teuer. Ja, es ist ein Aben­teuer. Wos­niak prä­sen­tiert seine Saga in so unge­wöhn­li­chen Bezü­gen, dass es aben­teu­er­lich wird. Aber auch sein Sprach­um­gang lässt auf­mer­ken. Es ist vor allem einer, der auf berü­ckende Weise Spra­che ver­dich­tet, sie zum Klin­gen bringt, sie eben zu etwas immer Neuem macht.

Herausgeputzte Sätze, rätselhaftes Sprachmaterial

Reinhard Wosniak: Felonie - Roman - Edition CorneliusIn her­aus­ge­putz­ten Sät­zen und Wör­tern, rät­sel­haf­tem Sprach­ma­te­rial erzählt er so, dass der Leser erstaunt die Augen­braue hisst und seine Auf­merk­sam­keit inhalt­lich wie sprach­lich befeu­ert wird. Schon mit dem Buch­ti­tel ver­sucht er, Inter­esse zu wecken und eine bestimmte Erwar­tungs­hal­tung zu erzeu­gen: „Fel­o­nie“. Ich gebe gern zu, dass ich nach­schla­gen musste, um auf die Erklä­rung „Untreue, Treue­bruch, Ver­rat“ zu kom­men, auf einen Begriff also, der mit Bedacht auch noch „den Bruch des Lehns­ei­des; die Ver­wei­ge­rung der mit­tel­al­ter­li­chen Lehns­dienste“ ein­schliesst. Die Ergän­zung ist inso­fern wich­tig, als im Ver­laufe des Romans viele Facet­ten gerade die­ses begriff­li­chen Nach­klangs in das klug durch­dachte Erzähl­ge­rüst ein­ge­bracht wer­den, um die Tie­fen und Höhen des Gesche­hens in einem eigen­tüm­li­chen Ver­bund mit­tel­al­ter­li­cher und neu­zeit­li­cher Ehr­be­griffe zu fixieren.
„Fel­o­nie“ ist ein Zeit­ge­schichts­ro­man, der den Zug schle­si­scher Fami­lien durch die jüngste Zeit auf­nimmt und in den Mit­tel­punkt Max Gut­ten­tag und des­sen unru­hige Suche nach­dem stellt, was er nicht „Frei­heit“ nen­nen, aber auch nicht das „Frei sein“ heis­sen mag. Es ist etwas, das ihn treibt, ohne gleich Aus­kunft zu geben wohin, wozu, wes­halb. Und so stürzt alles in ihm und um ihn herum auf ein Ende zu, dem Fel­o­nie inne­wohnt. Er weiss es. Er muss den Lehns­eid bre­chen, den Lehns­dienst auf­kün­di­gen, um „die höchste Form von Frei­heit“ errei­chen zu kön­nen, die mit dem Selbst­be­wusst­sein der Offen­sive wünscht, „alles selbst in der Hand zu haben“.

Drei deutsche Welten

„Kom­plexe poe­ti­sche Stu­dien über Ein­sam­keit und ver­hee­rende See­len­zu­stände“: Schrift­stel­ler Rein­hard Wos­niak (*1953)

Mit den Über­le­gun­gen, Frei­heit wozu, Frei­heits­sehn­sucht mit wel­chem Ziel, Frei­heit-f-Moll wohin und warum, ist Max Gut­ten­tag kei­nes­wegs am Ende, als er sei­nen Ver­rat begeht an Ehe­frau, Sohn, Stadt, Land, an Freun­den und an sich. So schweigt er in einer stil­len „Über­ein­kunft unter Schwei­gen­den.“ Doch eben nicht immer. Im Dies­seits durch Krieg, Flucht und Nach­krieg ent­wur­zelt, wirft er Fra­gen auf, die uns die Zeit­läufte stel­len, nach dem etwa, was die deut­sche Ver­gan­gen­heit an Abla­ge­run­gen in der Seele hin­ter­las­sen hat, Fra­gen auch, die das Leben an jeden immer und über­all stellt, wie es denn zu leben sei, in die­sem Deutsch­land, das sein Selbst­ver­trauen ver­lo­ren hatte und noch unter Mühen dabei ist, es wiederzufinden.
Drei deut­sche Wel­ten zwi­schen denen sich die Hand­lung spannt. Ein­mal die schle­si­sche Welt, eher als Abge­sang ver­gan­ge­ner Zeit, die ost­deut­sche und DDR-Welt als Hoff­nungs­ent­wurf für die einen, als blos­ser Abklatsch bekann­ter Dik­ta­tur  für die ande­ren und die west­deut­sche Welt, so als mate­ri­ell bestimm­ter Gegen­ent­wurf zu den brot­ar­men Idea­len des Ostens. Dafür schafft Wos­niak Stand­bil­der, an denen sich der Leser fest­hal­ten kann. Das schle­si­sche Hei­mat­s­eh­nen, das brö­ckelnde Ost-Schloss mit sei­nen mög­li­chen Aus- und Ein­sich­ten und West-Kli­schees, die gut beob­ach­tet und beschrie­ben sind. Dazu gehö­ren auch ein­dring­li­che Men­schen­bil­der, Land­schafts­be­schrei­bun­gen, Natur­schil­de­run­gen und Behau­sun­gen. Häu­ser wer­den in Gär­ten gebet­tet. Und immer mal wie­der rücken Gar­ten­ar­beit, Gar­ten­stü­cke, Gärt­ne­reien ins Erzähl­zen­trum in Sinne von „cul­tus“ (Anbau und Pflege von Pflan­zen), auch von „kul­ti­vie­ren“ (bebauen, urbar machen). Ein guter Griff in die Sinnbilder.
Zim­mer wer­den aus­ge­stal­tet, meist karg, aber funk­ti­ons­ge­bun­den. Räume erschlies­sen sich in den Bewe­gun­gen der Men­schen, die sie mit ihren Schrit­ten und Erle­ben ver­mes­sen. Kon­krete Orte also. Und doch sind sie auch Nicht-Orte, die wir­ken, als wären sie zu den Rän­dern hin undicht. Es sind nicht behei­ma­tende Orte, es ist, als öffne sich unter ihnen ein Abgrund, es ist, als wäre die Wirk­lich­keit nur ein Ras­ter – dar­un­ter dro­hen­des Dun­kel, auf dem auch über­fall­ar­tig so etwas auf­kom­men kann wie der ent­setz­li­che „Rotbart“-Mord gegen Ende des 1. Bandes.

Kein Romanheld ist Rolle des Sympathieträgers

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Rein­hard Wos­ni­aks poe­ti­sche Ver­fah­ren in sei­nem neuen Roman „Fel­o­nie“ sind kom­plex. Ein Buch aber auch, das zum Ver­wei­len bei For­mu­lie­run­gen, Wort­be­zü­gen, Bil­dern ein­lädt, vor allem zum Sin­nie­ren über das zen­trale Motiv der Frei­heit, des Frei-Seins, des Sich-Ver­wei­gerns, des ange­pass­ten Mit-Tuns und schliess­lich des Dazwischen-Seins.

Rein­hard Wos­niak erregte die Auf­merk­sam­keit einer his­to­risch inter­es­sier­ten Leser­schaft bereits mit dem Roman „Sti­licho“ (1989), mit der deutsch-deut­schen Ein­heits­ge­schichte „Sie sass in der Küche und rauchte“ (1995) sowie dem Essay-Band „Mor­bis“ – eine Krank­heit in Europa (1998). In „Fel­o­nie“ ist es Max Gut­ten­tag, der in den Bann zieht. Zieht er auch Sym­pa­thie auf sich? Heute hiesse die Ant­wort wohl so man­cher Leser „nicht wirk­lich“ und meint, dass die Zen­tral­fi­gur des Romans kein Held in der Rolle des Sym­pa­thie­trä­gers sei. Zu bekannt will dem Leser die Frei­heits­sehn­sucht schei­nen und zeit­gleich so fremd. Erst recht die Kon­se­quenz. Der Ver­rat. Zu schweig­sam, zu ver­klemmt ist die Haupt­fi­gur, um ein sym­pa­thi­scher Held zu sein.  Max Gut­ten­tag wirkt wie eine Figur, die nie in der Gegen­wart ankom­men kann. Zu viel hat sie zu jung erlebt und nicht ver­ar­bei­ten kön­nen. So ist er bei aller Straff­heit und allem Gera­de­aus-Den­ken ein irr­lich­tern­der Mann mit sei­nen Unsi­cher­hei­ten, die er auch wis­sent­lich ande­ren auf­lädt. Natür­lich sei­ner Frau. Diese toughe, prak­tisch ori­en­tierte und tätig zugrei­fende Hanna, die nicht nach­zu­voll­zie­hen ver­mag, was die­sen Mann an ihrer Seite so boden­los schwe­bend hält. Von den Not­wen­dig­kei­ten des All­tags fern. Auch als Vater eher ein Neh­men­der als ein Geben­der. Abge­ho­ben eben.  Es scheint dem Leser schon etwas ver­we­gen, mit die­sem Typen eine Hand­lung zu weben, ja mit ihm eine fes­selnde Fami­li­en­saga zu begin­nen – doch das Erstaun­li­che gelingt Wos­niak. Denn der Autor lässt in einer Art Such­be­we­gung durch die Bio­gra­phie der Fami­lien die­sen Mann auf Suche sein. Dar­aus wer­den Stu­dien über Ein­sam­keit und über ver­hee­rende See­len­zu­stände, wo Gemüts­schä­den scharf aus­ge­leuch­tet wer­den. Max gerät dabei lang­sam, aber fol­ge­rich­tig zu einem Men­schen, der vor sich sel­ber auf der Couch liegt und dem nie­mand zuhört, abge­se­hen von ihm selbst. Etwas in ihm beginnt, innere Tape­ten abzu­grei­fen, als sei er sel­ber ein lee­rer Raum mit alt­mo­di­schen Mus­tern der Ver­gan­gen­heit beklebt. Die gilt es abzu­reis­sen, als könnte das einen Neu­an­fang basieren.

Komplexe poetische Verfahren

Wos­ni­aks poe­ti­sche Ver­fah­ren sind kom­plex. Er lockt mit der Fami­lie Wil­denschwert und deren Sound des schle­si­schen Gemüts in die All­täg­lich­keit, steigt mit Hie­ro­ny­mus Stamer in hoch­geis­tige Sphä­ren und mit Prof. Huld­reich Weber­sinke gar in wis­sen­schaft­li­che Dimen­sio­nen. Dazwi­schen fin­den sich herr­li­che For­mu­lie­run­gen wie „die unschle­si­sche Schmal­lip­pig­keit ihres Mun­des“ oder „sich mit dem über­schau­ba­ren Erfolg sei­ner Bemü­hun­gen abfin­den“ oder „Wol­ken­fet­zen von wider­li­cher Unentschlossenheit“.
Ein Buch, das zum Ver­wei­len bei For­mu­lie­run­gen, Wort­be­zü­gen, Bil­dern ein­lädt, vor allem natür­lich zum Sin­nie­ren über das zen­trale Motiv der Frei­heit, des Frei-Seins, des Sich-Ver­wei­gerns, des ange­pass­ten Mit-Tuns und schliess­lich das Dazwi­schen-Seins. Und (zum Schluss noch­mals betont): ein Buch, das auf eine Fort­set­zung hof­fen lässt.

Rein­hard Wos­niak: Fel­o­nie – Roman, Edi­tion Cor­ne­lius, 555 Sei­ten, ISBN 978-3954863679


Wolfgang Dalk - Glarean MagazinDr. Wolf­gang Dalk

Geb. 1943, nach dem Abitur Armee­zeit und Stu­dium Germanistik/Geschichte in Ros­tock, Pro­mo­tion zur Syn­ony­mie des Verbs, zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen zu Wer­ken der dar­stel­len­den und bil­den­den Kunst sowie von Buch­re­zen­sio­nen, lebt in Rostock/D

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch die Rezen­sion über den Roman von
Kon­stan­tin Sacher: Und erlöse mich
… sowie zum Thema Fami­li­en­ge­schichte über
Jaume Cabré: Das Schwei­gen des Sammlers

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