Arno Nickel (Hg.): «Schachkalender 2012»

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Klein – aber fein

Dr. Mario Ziegler

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Seit 1983 präsentiert der Verlag Arno Nickel den Schachfreunden zum Jahreswechsel einen besonderen Kalender. Das handliche, in rotes Hardcover eingebundene Büchlein vermerkt zu jedem Tag den Geburtstag bekannter Größen aus der Schachwelt und bietet in jeder Woche zu einem der «Geburtstagskinder» interessante Notizen und Gedanken (beachtlich finde ich die sehr deutliche Stellungnahme der Herausgeber gegen den FIDE-Präsidenten Iljumschinow, S. 69), manchmal auch ein Diagramm. Hinzu kommt ein Rätsel («Wer bin ich?»), Termine, Ranglisten, Aufstellungen der Bundesligamannschaften sowie wichtige Adressen. Das alles gibt es bereits in der 29. Auflage, so dass ich mich in der folgenden Besprechung auf die längeren Textbeiträge konzentrieren möchte.

In seinem Rückblick «Mein Schachjahr 2011» (S. 16-21) gibt Dirk Poldauf seine Eindrücke von einer Reise zum Kandidatenturnier in Kazan wider. Für Leser der Zeitschrift «Schach», für die Poldauf regelmäßig schreibt, bietet dieser Bericht nicht viel Neues, dennoch ist es immer interessant, Momentaufnahmen eines bedeutenden Turniers quasi aus erster Hand zu erfahren. Das klingt dann wie folgt (S. 17): «Irgendetwas gefiel mir an Aronjan nicht; er wirkte einen Hauch zu ruhig. Fast lethargisch. So, als ob ihm die Anspannung fehlte, er sich der Wichtigkeit des Momentes für seine weitere Karriere nicht ganz bewusst sei. In der ersten Partie war er mit Weiß ein Schatten seiner selbst und ließ sich von Grischuk regelrecht abschlachten. Er gewann die zweite, vergab in der dritten den Gewinn und war in der vierten dem Druck nicht gewachsen. Mit einem undefinierbaren Lächeln quittierte er seine Niederlage, gab im Anschluss geduldig Autogramme, meisterte die Pressekonferenz und ertrug alles, was auf ihn in diesem Moment einstürmte.»
Ein Highlight des Schachkalenders sind aus meiner Sicht die beiden Beiträge des russischen IMs Wladimir Barski. Der erste, «Juri Awerbach auf der Bühne und hinter den Kulissen» (S. 28-35) setzt sich mit dem gleichnamigen Werk Awerbachs (Centre-Stage and Behind the Scenes, Alkmaar 2011) auseinander und beleuchtet in diesem Zusammenhang das Leben eines der vielseitigsten Spieler, -autoren und -funktionäre, dessen Wirken dennoch nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit steht, wie er es verdient hätte. Zumindest mir waren sozusagen alle Details aus Awerbachs Leben neu, abgesehen von einigen Turnierergebnissen und natürlich dem monumentalen Endspielwerk, das seinen Namen trägt. Wie viel mehr die Biographie dieses außergewöhnlichen Menschen umfasst, kann Barski auf den wenigen Seiten natürlich nur andeuten. So stellt seine Beurteilung (S. 33): «Juri Lwowitsch blickt auf ein langes Leben zurück und versucht seine Schritte möglichst objektiv zu analysieren und die Wendungen des Schicksals begreiflich zu machen. Die große Distanz der Jahre erlaubt es ihm, die Dinge längst vergangener Tage gleichsam als Außenstehender zu betrachten, der nichts beschönigt und auch Unbequemes nicht vertuscht» auch eine Aufforderung an den Leser dar, die Darstellung aus Awerbachs eigenem Mund nachzulesen.
Ebenso interessante Einblicke erlaubt Barskis zweiter Artikel, «Das Schachleben im gegenwärtigen Russland» (S. 166-175). In starkem Gegensatz zu der Situation in der frühen Sowjetunion, die – bei allen politischen und gesellschaftlichen Negativa – den Schachmeistern gute Lebensbedingungen und dem Gros der Schachenthusiasten glänzende Möglichkeiten bot, das allseits geförderte Spiel zu betreiben, hielt nach dem Ende der UdSSR eine rapide Privatisierung Einzug, die vielfach die Schachspieler aus den angestammten Räumlichkeiten verbannte und zum Sterben von Schachclubs führte. Barskis Bestandsaufnahme der aktuellen Situation sieht folgendermaßen aus: Für Profispieler des gehobenen Weltniveaus ist die Situation immer noch gut, ebenso für etablierte Trainer und Autoren, ansonsten versinkt Vieles im Mittelmaß, wenn sich auch, wie mit vorsichtig optimistischem Unterton vermerkt wird, Tendenzen der Besserung vorwiegend durch individuelles Engagement zeigen.
Ebenfalls mit zwei Aufsätzen vertreten ist Dr. Robert Hübner. In seinem ersten, «Abbruch» (S. 44-60), geht er auf die mittlerweile verschwundene Einrichtung der Hängepartien ein. Nach einer Beschreibung der Besonderheiten dieses Spielmodus (Verhalten von Spielern und Schiedsrichtern bei Abbruch und Wiederaufnahme, Untersuchung der Abbruchstellung mit einem geeigneten Analysepartner) verdeutlicht er das Gesagte an Hand eigener Beispiele. Diese – wie bei Hübner gewohnt gründlich analysierten – Endspiele stellen zweifellos das schachliche Highlight des Kalenders dar.

Ein amüsantes Kästchen voller Schach-Schätze und -Schätzchen: Der «Schachkalender»

Hübners zweiter Artikel «Vereinsleben» (S. 116-124) wirft einen Blick in die Geschichte deutscher Schachvereine in der Nachkriegszeit. Am Beispiel des Bad Godesberger Schachvereins werden die Schwierigkeiten aufgezeigt, 1946 ein Turnier – den Kölner Verbandskongreß – durchzuführen, aber auch der immense persönliche Einsatz hervorgehoben, der letztlich zu einem erfolgreichen Ergebnis führte. Auch wenn der Autor es nicht in jedem Abschnitt betont, wird dem Leser sehr bewusst, dass ein solcher Idealismus in der heutigen Zeit fast undenkbar ist.
Noch zwei weitere Aufsätze befassen sich mit Aspekten der Schachgeschichte: Jules Welling nimmt in seinen kurzen Ausführungen über «Philidor in Holland» (S. 136-137) die Reise des großen französischen Meisters 1745 nach Belgien und Holland in den Blick, während der die erste Fassung des berühmten Lehrbuches «Analyse des Échecs» entstand. Jan Kalendovský widmet sich im Aufsatz «Lasker und Maróczy 1900 in Prag» (S. 188-99) einer Simultanvorstellung der beiden Meister in der tschechischen Hauptstadt, zu dessen Erstellung er weitgehend unbekanntes Quellenmaterial auswertete. Vier Partien dieser Veranstaltung werden ebenfalls abgedruckt.
Neben Barskis Text über Awerbach besitzen auch zwei kleinere Abhandlungen biographischen Charakter, beide aus der Feder von Johannes Fischer. «Ungewollter Ruhm» (S. 82-84) befasst sich mit dem durchaus spielstarken tschechischen IM Josef Augustin anlässlich seines 70. Geburtstages, der allerdings nicht wegen seiner guten Ergebnisse in die Schachliteratur einging, sondern vor allem wegen einer spektakulären Niederlage gegen John Nunn, Moskau 1977 – ein Schicksal, das er mit verschiedenen anderen großen Namen der Schachgeschichte teilt (der prominenteste vielleicht der Franzose Lionel Kieseritzky, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts einer der stärksten Spieler der Welt war, heute aber fast nur noch im Zusammenhang mit seiner Niederlage in einer freien Partie (!) gegen Adolf Anderssen genannt wird, die unter dem Namen «Unsterbliche Partie» in der Literatur firmiert).
«Jaan Ehlvests The Story of a Chessplayer» (S. 154-157) ist nicht etwa, wie man meinen könnte, eine Abhandlung über das gleichnamige Buch des estnischen Großmeisters (die auch 8 Jahre nach seinem Erscheinen 2004 reichlich spät käme), sondern eine Reflexion des Lebenswegs dieses Meisters, der einmal zu den hoffnungsvollsten Sternen des Weltschachs zählte und doch nie den Sprung ganz nach oben schaffte. Alkoholprobleme, aber auch die sich wandelnde Welt infolge der politischen Umwälzungen Ende des 20. Jahrhunderts, mit denen Ehlvest weniger gut zurecht kam als andere, sorgten für diesen Bruch in seiner Karriere. Man kann nur mutmaßen, wie viele hoffnungsvolle Talente Schicksal Ehlvests teilten und den großen Traum von der strahlenden Profikarriere nie erfüllen konnten – ein Aspekt, den man beim Nachspielen schöner Partien in aller Regel ausblendet.

Der Schachkalender 2012 bietet Informationen und Gedanken zu den unterschiedlichsten Facetten des Schachspiels, wobei er oft den Blick auf Aspekte richtet, die man üblicherweise nicht beachtet. Es liegt in der Natur eines Sammelwerkes, dass mancher Leser das eine Thema interessanter finden wird als das andere, doch sofern man nicht nur auf den bloßen Partieverlauf fixiert ist und auch Freude am «Drumherum» hat, wird man viele Perlen finden, die das Werk über das Jahr zu einem geschätzten Begleiter machen.

Ich könnte noch Manches schreiben über die interessanten Aspekte der übrigen Abhandlungen, die sich mit so vielseitigen Themen befassen wie ungewöhnlichen Titeln von Schachbüchern (Johannes Fischer: Zu viel gewollt, S. 85), die Möglichkeit, dem gelegentlich durch exzessive Computervorbereitung steril gewordenen Schach durch eine Regeländerung (das Rückwärtsziehen der Bauern) neues Leben einzuhauchen (Silvo Lahtela: Chess Unplugged, S. 98-101), einem schachlichen Nachruf auf den verstorbenen FM Wilhelm Schlemermeyer (Rainer Albrecht / Arno Nickel: Wilhelm Schlemermeyer – Das ‚Jammerforum‘, S. 106-109) oder die Frage, inwieweit sich der menschliche Charakter im Schachstil widerspiegelt (Jürgen Nickel: Plauderei über Schach und Charakter, S. 142-147). Doch möchte ich diese Besprechung nicht über Gebühr ausdehnen und dem geschätzten Leser die Gelegenheit lassen, diese kleinen Schätze selbst zu entdecken. ■

Arno Nickel (Hg.): Schachkalender 2012, Edition Marco, 288 Seiten, ISBN 978-3-924833-63-3

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